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Donnerstag, 24. Februar 2011 Nr. 46

Szenen 29

Lohn für kreatives Schaffen Filmkunst-Nachwuchs erhielt in Neumünster „Medienpreis Schleswig-Holstein“ Von Beate
Lohn für kreatives Schaffen
Filmkunst-Nachwuchs erhielt in Neumünster „Medienpreis Schleswig-Holstein“
Von Beate König
Kamen mit ih-
rem Imagefilm
für einen Skija-
ckenhersteller
auf Platz Eins
des Medienprei-
ses Schleswig-
Holstein 2011:
Neumünster. Den kreativen
Nachwuchs im Bereich Film-
kunst fördern und bereits
Schüler zur kritischen Ausei-
nandersetzung mit modernen
Medien anregen – beides hat
sich der Wettbewerb „Medien-
preis Schleswig-Holstein“ seit
(von links) Julian
van Dieken. Ru-
na Marleen
Schröder und Ar-
nim Jepsen von
der Fachhoch-
schule Kiel.
Foto König
sieben Jahren zum Ziel gesetz-
t. Am Dienstag wurden die
besten Krimis, Werbespots,
Computerspiele und 3D-Ani-
mationsstreifen in der Stadt-
halle Neumünster gekürt.
Zehnjährige Schüler und 26-
jährige Hochschulabsolventen
teilten sich die Siegertrepp-
chen beim Wettbewerb, zu dem
die MA HSH (Medienanstalt
Hamburg/Schleswig-Hol-
stein), die Dr.-Hans Hoch-Stif-
tung und der Offenen Kanals
Schleswig-Holstein aufriefen,
um den „SchülerMedienpreis
SH“ und des „Dr. Hans Hoch-
Preis für Medienkunst“ zu ver-
geben. Die Wettbewerbspreise
von 500 Euro bis 2000 Euro –
die höchsten bundesweit im
Bereich Nachwuchsförderung
– sind jedes Jahr heißer be-
gehrt: 61sehenswerte Beiträge,
fast doppelt so viele wie im
Vorjahr, wurden eingereicht.
Die Bandbreite reichte 2011
von einem mit Geduld und
Ausdauer über vier Monate
Bild für Bild per Hand gelegten
und fotografierten Stop-Moti-
on-Film mit Krimi-Plot von
Grundschülern über die poeti-
sche Übersetzung einer Pucci-
ni-Arie in tänzerisch feine Ge-
bärdensprache bis zum op-
tisch geschmeidigen High-
End-Imagefilm für einen Ja-
ckenhersteller. Elegant
verzahnten Absolventen der
Fachhochschule Kiel darin
Trickfilm-Elemente mit edlen
Schwarz-Weiß-Clips.
Morbiden Charme entfaltete
das von Studenten der Fach-
hochschule Flensburg entwi-
ckelte Computerspiel „Docti-
vismus“, bei der playmobilar-
tig aussehende Ärzte und
Krankenschwestern Patienten
wie Tamagochis pflegen müs-
sen, sonst droht der „Totalaus-
fall“ eines Unversorgten. Be-
rührend und in seinen ausge-
wählten Bildern so überzeu-
gend schlicht, dass er auch mit
dem Publikumspreis ausge-
zeichnet wurde: ein konventio-
nell gedrehter Film über den
88-jährigen Zeitzeugen Fried-
helm Erbt, der ein dramati-
sches Kriegserlebnis schildert.
Aus sechs Stunden Filmmate-
rial schnitten die Neumünste-
raner Schüler Lasse Bruhn und
Marc Schulz fünf Minuten
hochwirksames Erinnerungs-
kondensat zusammen.
Die eigene Einstellung zu
modernen Medien erkennen,
überprüfen, wie der eigenen
Umgang mit der illusionisti-
schen Welt des Films aussieht,
die permanent per Handy, In-
ternet, Fernsehen oder Kino
auf Kinder und Jugendliche-
einprasselt – das geht am bes-
ten durch den Perspektivwech-
sel weg von der Konsumenten-
und hin zur Produzentenseite.
Lehrer Hans-Friedrich Helf-
rich von der Meldorfer Gelehr-
tenschule nutzte die Preis-
übergabe für einen Appell, den
von der Landesregierung ab-
gesegneten Fächerkanon zu
überdenken. Medien haben
seit der jüngsten Schulreform
an Schulen keinen Platz mehr
als eigenständiges Unter-
richtsfach. Die Entscheidung
dagegen mute etwas altertüm-
lich angesichts der allgegen-
wärtigen Medien-Präsenz an.
„In anderen Bundesländern
sind neue Medien ein eigenes
Fach“, klagte Helfrich. „Wir
hinken hinterher.“
Futter für Gitarren-Gourmets Die Rock-Veteranen Wishbone Ash verwöhnten das Publikum in der proppenvollen Kieler Pumpe
Futter für Gitarren-Gourmets
Die Rock-Veteranen Wishbone Ash verwöhnten das Publikum in der proppenvollen Kieler Pumpe
Kiel. Der Name hat von
seiner Anziehungskraft
rein gar nichts verloren:
Dicht gedrängt verfolgt
das Publikum in der
Pumpe die Darbietung
des Rock-Dinosauriers
Wishbone Ash, der zu-
letzt im Zweijahres-
rhythmus in Kiel vorbei-
geschaut hat.
Von Dieter Hanisch
Es ist ein Festtag für Rockgi-
tarren-Liebhaber. Band-Ur-
mitglied Andy Powell hat an
diesem Abend eine Überra-
schung parat, stellt er doch
auch seinen Sohn Aynsley für
einige Stücke als Multi-Instru-
mentalisten mit auf die Bühne.
Doch bevor die britische Rock-
Legende zwei Stunden lang al-
le Saiten-Register aufblättert,
kann sich mit Shawn Keller-
man ein Newcomer beweisen.
Der Kanadier zieht wie ein
Holzfäller mit seiner E-Gitarre
als Axt durch den Support und
traktiert sein Instrument in
Brachialmanier, streut aber in
sein kurzes Power-Set auch ei-
nen Slowblues ein. Soll man
seinen Auftritt auf den Punkt
bringen, lautet das Fazit: jung
und wild spielt schnell und
laut.
Gegen Ende ihres zweistün-
digen Konzerts haben auch
Dicht gedrängt genossen die Gäste die virtuosen Darbietungen von Wishbone Ash.
Foto Schaller
Wishbone Ash genau dieses
Credo beherzigt. Zuvor geht es
in bewährter Manier auch im
42. Jahr des Bandbestehens
immer wieder sehr majestä-
tisch zu, wenn Mastermind
Andy Powell, drei Tage vor
dem Kiel-Gastspiel 61 Jahre
alt geworden, auf seiner eigens
angefertigten Royale-Angel-V
zusammen mit dem Finnen
Muddy Manninen an der Gi-
tarre und Bob Skeat am Bass
ein vornehmes Saiten-Menü
serviert. Manninen wechselt
partiell auch zur Steelgitarre.
Er ist der mittlerweile achte
Doppel-Lead-Partner von An-
dy Powell. Das Twingitarren-
spiel, das neben Wishbone Ash
eigentlich nur die Allman
Brothers in solcher Perfektion
praktizieren, wird häufig
druckvoll durch Skeat einge-
leitet. Er ist seit 1998 in der
Band und legt die Spur für ei-
nen Song, in die Andy Powell
und Manninen dann virtuos
einbiegen und dann mit ihren
Soli beschreiten, die – typisch
Wishbone Ash – auch nicht vor
ausufernden Jam-Längen zu-
rückschrecken.
Es gibt Stück für Stück
Spielfreude pur – vom im sphä-
rischen Psychedelic-Rock-Stil
vorgetragenen Klassiker
Phoenix (mit einem genialen
Manninen) aus dem Debütal-
bum der Band bis zu nagelneu-
em Material wie etwa Can’t Go
It Alone oder dem im Vorjahr
vorgestellten Reason To Belie-
ve. Geradezu andächtig wird
es beim Instrumental Nort-
hern Lights. Und natürlich
dürfen die Band-Hymnen
Throw Down The Sword, The
King Will Come und Warrior
nicht fehlen. Bei Disappearing
spielt Altmeister Andy Powell
ein halsbrecherisches Solo und
zeigt allen – auch der Axt Kel-
lerman – wo der Hammer zwi-
schen Art- und Hardrock
hängt. Der Schlusspunkt wird
mit Jail Bait als Zugabe ge-
setzt.
Die Überraschung der lau-
fenden Europa-Tournee: Se-
nior Powell hat den Junior da-
bei, der mal an den Keyboards
sitzt, die Akustik-Gitarre
zupft, die Mandoline spielt
oder zeigt, dass in ihm ein aus-
gezeichneter Congasspieler
heranreift. Er bekommt wie
die drei Saiten-Magiere und
„Teamworker“ Joseph Crab-
tree am Schlagzeug mit einem
Percussion-Solo auch die ver-
diente Aufmerksamkeit. Bleibt
am Ende nur die Frage, warum
der Lichttechniker beim Stück
You See Red ausgerechnet die
Farbe Blau zur Bühnenbe-
leuchtung gewählt hat …
„Wir machen Hip-Hop wieder geil!“ Der Berliner Chartstürmer Marteria schaut auf seiner „Verstrahlt“-Tour am
„Wir machen Hip-Hop wieder geil!“
Der Berliner Chartstürmer Marteria schaut auf seiner „Verstrahlt“-Tour am Sonntag in der Pumpe vorbei
INTERVIEW
Mit Marten Laciny alias
Marteria sprach unser
Mitarbeiter Manuel Weber
Steht für
Kiel. Er war in seiner Jugend
Fußball-Nationalspieler, ar-
beitete als Model für Boss und
Valentino, war Schauspieler.
Marten Laciny alias Marteria
war aber vor allem immer Rap-
per. Mit seinem Top-Ten-Al-
bum Zum Glück in die Zu-
kunft, das die Krauts, die auch
schon bei Peter Fox‘ Album
Stadtaffe Hand anlegten, trat
er 2010 endgültig aus Berlin ins
Rampenlicht der Republik. Am
Sonntag kommt der 29-Jährige
auf seiner Verstrahlt Tour 2011
nach Kiel.
eben viele Sachen gemacht, ein
paar Sachen sind verwunder-
lich, andere ganz normal. Mu-
sik aber war immer die Kon-
stante. Mit 14, 15 bin ich von
meinem großen Bruder ange-
fixt worden: Hip-Hop, Funk,
Soul. Hip-Hop – Texte schrei-
ben, Kultur und Szene kennen-
lernen, sich mit der Tradition
beschäftigen.
deutschen
Hip-Hop der
intelligente-
ren Sorte:
Marteria.
Foto
Auf Deiner Erfolgssingle „End-
boss“ klingt es, als sei Rap nur
ein Ding unter vielen.
In dem Song geht es darum,
was man denkt und wie man
sein Leben gestaltet. Ich habe
Apropos Tradition: Ist Hip-Hop
eigentlich noch die Einheit aus
Breakdance, Rap und Grafitti
oder ist das romantisches Old-
school-Denken?
Das ist wohl romantisches Old-
school-Denken, aber es hat
mich begleitet und das lasse ich
mir nicht nehmen. Natürlich
gibt es immer noch guten Hip-
Hop, aber der Großteil sowohl
aus den USA als auch aus
Deutschland ist nicht mehr die
Seelenmusik, die sie mal war
und die mir etwas bedeutet hat.
Die Attitude war mal offen,
jetzt ist sie eher verschlossen,
mittendrin
verkrampft und so'n bisschen
verblödet. Aber man darf nicht
müde werden zu sagen, hey, das
alles aber ist Hip-Hop nicht.
Wir müssen das ändern: Wir
machen Hip-Hop wieder geil!
Hat die Individualisierung und
Entschärfung deiner Texte da-
mit zu tun?
Na ja, ich war ja nun nie der
Rapper, der hundertmal ‚Fi-
cken‘ gesagt hat. Gute Texte,
wie bei Jan Delay oder Peter
Fox, beziehen sich auf ein
großes Bild und kleine Stör-
wörter können dieses Bild
schnell in Gefahr bringen. Sol-
ches Songwriting ist schwierig
und anstrengend, aber am En-
de sind die Songs halt auch ex-
trem gut und die Bilder klar.
Ich will nicht nur ein Lied ma-
chen, ich will einen richtigen
Song machen.
für dich bisher zwar nicht unpro-
blematisch, aber doch recht
glatt verlaufen. Gibt es trotzdem
eine Entscheidung in deinem
Leben, die du heute bereust?
Ich habe lange bereut, das Fuß-
ballspielen für etwas aufzuge-
ben, das ich nie mochte: Mo-
deln. In der Rückschau war es
richtig, sich gegen eine Fuß-
ballprofikarriere zu entschei-
den. Ich bin ein Mensch, der
auch geistig was machen woll-
te. Deshalb habe ich ja auch
während meiner Fußballzeit
schon immer Musik gemacht
und mich auch für andere Sa-
chen als Fußball interessiert.
Jetzt habe ich das Gefühl, an-
gekommen zu sein und nicht
gleich wieder woanders hin-
springen zu müssen, wie ich es
mein Leben lang gemacht ha-
be. Ich brauch halt nicht viel,
um glücklich zu sein. Und end-
lich ergibt alles einen Sinn.
Die Kurzbiografie-Single „End-
boss“ klingt, als seien die Dinge
Sonntag, 27. Februar, 21 Uhr,
Pumpe (Haßstr. 22)

FOKUS HAMBURG

Wenig gewagt, nicht gewonnen

Von Tamo Schwarz

Hamburg. Bela B von den Ärzten ist auch da in der schö- nen Hamburger Prinzenbar, anständig gefüllt mit Leuten, die auf Caitlin Rose warten. Die 23-Jährige ist kurz davor, Teil eines Country-Hypes zu werden, der Acts wie Lady Antebellum, Taylor Swift oder eben Rose dazu stilisiert, Hoffnungsträger für ein Gen- re zu sein, das weg will aus den Autoradios der Pickups alternder Rednecks. Bela B ist erklärter Country-Fan, kolla- borierte schon mit Lee Hazle- wood. Doch auch er kann während des einstündigen Konzerts eine Entwicklung von anfänglicher Verzückung bis hin zu um sich greifender Abnutzung kaum verbergen. Caitlin Rose ist anders. Die Tochter einer Hitschreiberin raucht und trinkt, trägt eine enge Jeans und schwarze Le- derjacke. Sie steht auf derbe Witze übers Furzen. Und als sie nach dem Opener New York City ihre beiden Musiker Spencer Cullum (Pedal Steel) und Jeremy Fetzer (Gitarre) mit einem „okay, let’s fetz!“ vorstellt, hat das alles noch ei- nen gewissen Charme. Die Country-Versatzstücke der Brünetten, die gut als Elvis Presleys Tochter durchgehen könnte, sind andere. Hier rei- ten keine Cowboys mehr auf Mustangs. Stattdessen trin- ken sich Teenager durchs Le- ben, trauern Verflossenen nach und zweifeln am Leben – Country 2.0 mit einer Stimme, die zwischen bourbon- schwanger und glasklar das Beste aus den Jahrzehnten von Patsy Cline, Loretta Lynn und Linda Ronstadt vereint. „Why is your love like fire, she said / Why is your love my hell / Always prepared for your departure/ Buried under

my hell / Always prepared for your departure/ Buried under Zu stark den Konventionen ver- haftet:

Zu stark den Konventionen ver- haftet: Country-Hoffnung Caitlin Rose. Foto Schwarz

another argument“ singt Rose und klingt nie wieder zer- brechlicher. Noch ist Herr B also ver- zückt von Stimme und koket- ten Ansagen, während Rose einen Schluck Rotwein nach dem anderen trinkt und die Stimmung irgendwie in den Startlöchern verhungert. Hier ein Versinger, der endlos weg- gelacht wird. Da das Koket- tieren mit dem eigenen Gitar- renspiel. Nervt! Findet Bela B auch – sieht jedenfalls so aus. Dabei kann das Trio in seinen besten Momenten Magie er- zeugen, wenn Cullum an der Pedal Steel herrliche Schnör- kel setzt. Oder wenn Fetzer für Things Change die Akustische gegen eine E-Gitarre ein- tauscht und sie dezent zum Flüstern bringt. Endlich gibt es hier Raum für Experimen- te, werden die Grenzbereiche des Country ausgereizt, wagt sich Rose in Rock und Indie, der an Jenny Lewis und die Watson Twins erinnert. An- ders als auf dem Debütalbum Own Side Now (2010), ist der Sound live ansonsten in (zu) engen Country-Konventionen verhaftet, nutzt sich ab.