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Protokoll SQ16-Seminar: Politische Philosophie / Frank Kannetzky 08.11.

2007
1. Klärung allgemeiner Fragen aus vorangegangenen Sitzungen:
Tugend- und Glücksbegriff bei Platon (Thrasymachos/ Sokrates) und Aristoteles (Nikomachische
Ethik)

1.1. Platon: Politeia

-Thrasymachos/ Sokrates im Gespräch: „Was ist Gerechtigkeit?“


Thrasymachos: …das Gerechte sei nichts anderes als das dem Stärkeren zuträgliche(Pol. 338c).
nach Thrasymachos gilt das Streben nach materiellem Besitz als höchstes Gut der Gesellschaft.
Thrasymachos` Bürger hat keine moralische Verpflichtung. Er ist nur sich selbst Rechenschaft
schuldig und kann nach seinem Gutdünken handeln. Dieses Fehlen jeglicher Moral und Niemandem
etwas schuldig zu sein, macht ihn frei und stark.
Sokrates hält entgegen, dass das Glück im Wesen der Gemeinschaft zu finden. Als höchstes Gut
der Gesellschaft führt er die Gerechtigkeit an.

- Thrasymachos/ Sokrates : Glück und Tugend


Thrasymachos:
Tugend trägt ihr Gut in sich selbst.
Normen und Werte gelten nicht von Ewigkeit her, sondern sind veränderbar und von Konventionen
abhängig.
vs.
Sokrates: Glück im Wesen der Gemeinschaft zu finden.
„Denn die Tugend und der Tugendhafte scheint […] das Richtmaß für jeden Menschen zu sein. Der
Mann der Tugend steht mit sich selbst in Übereinstimmung und begehrt seiner ganzen Seele nach
ein und dasselbe, und darum wünscht er auch sich selbst Gutes und was so erscheint und setzt es
ins Werk – denn dem Guten ist es eigen, das Gute zu verwirklichen -, und zwar um seiner selbst
willen..“
Im Gegensatz zu Sokrates, dessen Idealbürger seelisches Glück anstrebt, ist der Glücksbegriff des
Thrasymachos gleichzusetzen mit der Verwirklichung der materiellen Bedürfnisse.

1.2.Tugendbegriff bei Aristoteles ( Nikomachische Ethik)


In der Nikomachischen Ethik legt Aristoteles die eudamonia, die Glückseligkeit, als höchstes Gut
fest. Mit Hilfe der Vernunft und über tugendhaftes Handeln gelangt der Mensch, nach Aristoteles,
zum Zustand der eudamonia.
Aristoteles unterscheidet zwei Gattungen von Tugenden:
Ethische (moralische) Tugenden:
Affekte selbstbilden/ Umgang mit Affekten z.B.: Tapferkeit, Besonnenheit, Sanftmut, Feinfühligkeit
Dianoetische Tugenden Verstandestugend (Tugend des Denkens):
notwendig, um in konkreten Entscheidungssituationen im Hinblick auf das gute Leben handeln zu
können. z.B.: Klugheit

2. Aristoteles: Politik

2.1. Warum gibt es einen Staat?


(Staat = Zusammenschluss mehrerer Dörfer(=Z. mehrerer Familien))
Der Mensch ist ein eudamonia anstrebendes zoon politikon, daher ist die Existenz des Staates
naturgegeben.
Eudamonia nur im Staate (der Polis) möglich, da die Polis die Grundlage bietet die Ziele des
menschlichen Streben nach:
- Anerkennung und Ehre
- Glück
- Erwerbsmöglichkeiten, Besitzanhäufung, Konsum
- Recht und Freiheit zu
verwirklichen.

2.2.Warum Staat / nicht Dorf?

Staat/ Polis
-Nebeneinander von Gleichen und Freien
-Herrschaft Freier über Freie

Dörfern/ Familien
-von Dorf-/Familienoberhaupt geführt (despotische Herrschaft)

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-Familienmitglieder gleichzusetzen mit beseelten Werkzeugen

2.3.Legitimation d. Sklaverei
„Wie legitimiert Aristoteles die Sklaverei?“
Herren- / Sklavenkultur: Manche Menschen vermögen nur körperlich tätig zu sein; besitzen also
gewissermaßen keine Seele Æ von Natur zu Sklaven bestimmt
Naturalisierte Funktionstrennung: „Arbeitsteilung: geistig über körperlich“

2.4. Die Utopie in der Idee d. Polis


Die Grundidee: Eine Grundlage für alle zu schaffen, auf der die Individuen innerhalb einer
Gemeinschaft glücklich werden können …

3.Hobbes: Leviathan (Kapitel: 10, 11, 13, 14, 15)

3.1.Historischer Hintergrund
Thomas Hobbes: -Geboren 1588 in England/ gestorben 1679
-Mathematiker, Philosoph, Staatstheoretiker
-England des 17. Jh. geplagt von Bürgerkriegen Æ Hobbes ging ins Exil

3.2. Das Wesen des Menschen


- alle von Natur relativ gleichbeschaffen, sodass keiner einen ultimativen Vorteil vor anderen hat
- jeder versucht angenehmes Leben für sich selbst zu finden und zu sichern
- gegenseitiges Urmisstrauen
- ewiges Streben nach Macht
-Konfliktursachen: Konkurrenz (Gewinn), Misstrauen (Sicherheit), Ruhmsucht (Ansehen)
-friedensfördernde Eigenschaften: Todesfurcht (Unterwerfung, um dem Tod zu umgehen),
Hoffnung ein Ziel zu erreichen, Verlangen nach einem angenehmen Leben
Hobbes geht von einem Naturzustand aus, in dem die Menschen ohne Gesetz und ohne Staat leben
und wo daher – auf Grund des Naturrechts (ius naturalis) – jeder alles beanspruchen kann. Im
Naturzustand herrscht Anomie; die Menschen führen einen „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium
contra omnes), in dem „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ (homo homini lupus) gilt.

3.3. Der Staat


- Nach Hobbes ist der Staat als restriktive Gewalt nötig, um Frieden zu sichern.
- In einem Gesellschaftsvertrag wird die Macht aller auf einen übertragen
-Gesetze und Verträge stützen diese Ordnung

3.4. Gesetze
- natürliches Recht: Freiheit zur eigenen Lebenserhaltung und –sicherung Macht einzusetzen
-natürliches Gesetz: von Vernunft vermittelte Vorschrift, die das Recht zum Zweck der
Friedensicherung einschränkt
-die Gesetze: Bemühung um Frieden, Aufgabe der Rechte zu Gunsten des Friedens, Einhaltung
abgeschlossener Verträge, Dankbarkeit, Entgegenkommen, Verzeihung, Bemessung der Rache,
Vermeidung provokativer Gesten, Anerkennung der Gleichheit der Menschen, unteilbare Dinge
gemeinsam genießen, sicheres Geleit für Friedensmittler
-die Gesetze sind ewig, unveränderlich und wer sie befolgt ist gerecht

3.5. Verträge
- gegenseitige Rechtsübertragung, deren Einhaltung auf Furcht vor Folge des Wortbruchs beruht
- wer Verträge einhält ist gerecht (gerecht sein als Ideal)
- dienen immer der Erlangung eines Guts
- dürfen nicht gegen natürliche Gesetze verstoßen
- Befreiung von der Vertragsbindung nur durch Erlass oder Erfüllung möglich

3.6. Fazit/ Diskussion


- alle Gesetze sind unveränderlich/ Einhalten der Gesetze macht gerecht
- Verträge werden, aus Angst vor Strafe, eingehalten
Æ daher ist eine Autorität notwendig, die Strafverfolgung gewährleistet
-Hauptaufgabe des Staates ist die Friedensicherung durch Ausübung, der ihm übertragenen Macht

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3.7. Aristoteles vs. Hobbes
Der Mensch ist bei Hobbes kein zoon politikon, wie bei Aristoteles, sondern ein durch Verlangen,
Furcht und Vernunft gekennzeichnetes Wesen, das in einer naturgegebenen Anomie, nach seinem
Vorteil eifert.
Wo bei Aristoteles der tugendhafte Mensch, bei Ausschöpfung seiner Verstandesfähigkeiten zum
gerechten Menschen wird, benötigt er bei Hobbes eine restriktive Macht, die ihn unter Androhung
von Strafen dazu zwingt sich an ein „gerechtes“ Regelwerk zu halten.

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Universität Leipzig
Fachbereich: PolRethPhil – Seminar Dozent: F. Kannetzky
Referat: Thomas Hobbes Protokoll vom: 22.11.2007

1) Vortrag: „Thomas Hobbes“

Naturzustand
- ewiger Krieg
- mit Todesängsten aller Individuen
- Teufelskreislauf (zw. Angst und Gewalt)
- „ Der Mensch ist des Menschen Wolf“
- Naturzustand ist somit Bedingung für den Staat

Naturgesetze = Vernuftsgesetze
- Ziel/Aufgabe dieser Gesetze ist Beendigung des Natur-/ Kriegszustands
- Gesellschaftsvertrag wird geschlossen (Mehrheitlich 50 + x)
- Gesellschaft wird vom Mehrheitlich „gewählten“ Souverän/ Leviathan („Sterblicher Gott“)
regiert
- Souverän muss nicht ausschließlich eine einzelne Person sein kann auch durch ein Parlament
(Bed.: muss eine einheitliche Meinung/ Position vertreten) repräsentiert werden
- die Handlungen dieses Leviathans werden von allen Mitgliedern der Gesellschaft so
autorisieren als wie das Individuum seine eigene Handlung autorisiert
- andernfalls entspräche es einer Selbstanklage.
- daher ist der Leviathan „immer gerecht“ da niemand gegen sich selber handeln würde.

Existenzberechtigung des Leviathans


- nur eine Person (Leviathan) ist im Notfall in der Lage die Situation zu bereinigen, da alle
Macht und Ressourcen auf ihn vereint sind
- Zweck: Überwindung des Naturzustands und Gewähr von Sicherheit und Frieden mehren
der Wohlfahrt, Kultur und Wissenschaft

Beziehung Leviathan zur Gesellschaft


- Leviathan ist auf sie angewiesen
- Gesellschaft muss am gemeinsamen Ziel (Überwindung des Naturzustands – „Frieden“)
„mitarbeiten“ – sich für dieses Eingestehen und zurücknehmen (Abbau von Ängsten und
aufbauen von Vertrauen)
- Verhältnis entspricht dem eines Herrn zum Knecht, der Knecht muss Vertrauen und Furcht
senken um die Funktion des Leviathans zu stärken

2 Modelle zur Einführung eines Leviathans


a) Staat durch Aneignung
b) Staat durch Einsetzung

3 bevorzugte/ geeignete Herrschaftssysteme des Leviathans


a) Monarchie (von Hobbes als am idealsten Befunden)
b) Demokratie
c) Aristokratie
- keine Gewaltenteilung erlaubt das die mit Machtverlust einherginge
Beispiel: nach Einführung der Gewaltenteilung kommt es zum Ausbruch des Bürgerkriegs in
England.

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Referat: Thomas Hobbes Protokoll vom: 22.11.2007

Rechte des Leviathans


- regiert autonom
- fixiert Staatsdoktrin und „-religion“
- „er weiß den Weg zum Ziel“ – entspricht den Planer, der unsichtbaren Hand
- Leviathan steht über den Gesellschaftsvertrag – muss seine Handlungen nicht rechtfertigen –
„nur Gott steht über ihm“

Pflichten des Leviathans


- Vorsorgefunktion (Altersfürsorge der Gesellschaft)
- sorgt für Sicherheit – Wohlfahrt kann nicht eingefordert werden
- Steuererhebung
- ernennen „seiner“ Minister, Richter und Beamten
- Verhängen von Strafen und Sanktionen – wenn möglichst als Exempel – dabei ist (soll) sein
Handeln ohne Jähzorn

Ende des Leviathans


a) Übernahme durch einen anderen Leviathan (interner oder externer)
b) bei Tod ohne Nachfolge (der Naturzustand tritt erneut ein und nach Zustandekommen
eines neuen Gesellschaftsvertrages platzieren eines neuen Leviathan)

Bürgerliche Gesetze
- treten an die Stelle der Natürlichen Gesetze (finden aber weiterhin Anwendung sofern das
Bürgerliche Gesetz Lücken aufweist)
- zum Schutz der Mitglieder der Gesellschaft
- Anzahl der fixierten Gesetze soll gering und überschaubar sein
- Formulierungen des Gesetze soll für Jeden leicht Verständlich sein
- Grundlage sind 10 Gebote des a.T.
- Ein Verstoß gegen Gesetze kommt einer Sünde gleich und muss bestraft werden
- Klagen den Leviathan sind nur im Falle von „Schulden“ zulässig – aber aussichtslos da die
Richter vom Leviathan ernannt.
- Gleichheit aller vor dem Gesetz
- Staatsziel: Vollbeschäftigung auch unter Arbeitszwang
- Pflicht der Bürger sich an einem Tag in der Woche mit den Staatszielen auseinanderzusetzen
(nur aneignen - keine Analyse dieser) ebenso „Staatsgehorsam“ – immer gehorchen aber nicht
immer glauben!
- Im Kriegsfall kann der Leviathan über alle Ressourcen (diese müssen immer Einsatzfähig
sein) der Gesellschaft verfügen

Naturgesetze
- bei Protest des Individuums gegen Leviathan, wird dieser von der Gesellschaft
„ausgestoßen“ - lebt nun im Naturzustand wo er keinerlei Schutzfunktion der Gesellschaft
erfährt

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Referat: Thomas Hobbes Protokoll vom: 22.11.2007

2) Diskussion zum Vortrag: „Thomas Hobbes“

Warum wird Hobbes von Monarchisten nicht anerkannt?

- da der Leviathan seine Legitimierung durch das Volk erfährt und nicht durch „Gottes
gnaden“

Unterscheidung der Gesetze

a) Natur Recht (Durchsetzen der eigenen Ziele durch eigene Stärke – eigene Stärke ist
limitierender Faktor des Rechts – „der Stärkere gewinnt“)
b) Natur-/ Vernuftsgesetze (Gesetze die auf den Moralvorstellungen der Gesellschaft
basieren – zur Vermeidung von Konflikten)

c) Bürgerliche Gesetze (Natur-/ Vernuftsgesetze in Schriftform – mit Sanktions-


androhung – soll in dieser Form die Natur-/Vernuftsgesetze
fördern)

Def. des Kriegszustands

- …Wille oder bloße Bereitschaft seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen


- die Einhaltung der nat. Gesetze im Naturzustand ist kein muss – daher ergibt sich immer die
Gefahr des Krieges, was wiederum den Leviathan legitimiert.

„Kosten“ des Leviathans

Übersteigen die Kosten den Nutzen des Leviathans?

Kosten (zurückstecken der eigenen Ziele/ Aufgabe des Besitz und aller Rechte im
Kriegsfall/ Überwachungskosten erhöhen sich da Einhaltung der Bürgerlichen
Gesetze permanent erfolgen muss um die „Sicherheit“ zu erhalten)
Nutzen (Sicherheit/ Frieden/ Entwicklung von Wohlstand, Kultur und Wissenschaft)

Thrasymachos (T.) Strategie vs. Hobbes

- Furcht vor Strafe hindert den T. nicht vor dem übertreten von Gesetzen
- „Recht scheinen – unrecht sein“
- unter Risikoabwägung wird der Nutzen in den Vordergrund gestellt

- unter diesen Bedingungen steigen die Kosten des Leviathans verstärkt um Verstöße des T.
aufzudecken und zu ahnden (schaffen eines Polizei-/ Überwachungsstaats)
- der Nutzen des Leviathans sinkt und dessen Willkür steigt
- John Lock löst dieses Problem damit das bei ihm der Staat sich nur um die innere und
äußere Sicherheit kümmern soll – den „Rest“ sollen die Naturgesetze regeln

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Referat: Thomas Hobbes Protokoll vom: 22.11.2007

Handel & Willkür des Leviathans

- das Handeln des Leviathans soll nie von Willkür bestimmt sein – sollte es doch vorkommen
und der Leviathan ist Einsichtig ist dessen Handeln entschuldbar.
- bei permanenter Wk ohne Einsicht kann das Handeln nicht entschuldigt werden

- Kategorien wie Recht und Gerechtigkeit finden in diesem Zusammenhang keine


Anwendung
- der Leviathan muss um seine Machtposition (langfristig) zu halten immer im Sinne der
Gesellschaftsmehrheit handeln – um nicht Gefahr zu laufen durch einen Putsch entmachtet zu
werden

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SQ16, Seminar: Einführung in die politische Philosophie
Protokoll für die Sitzung vom 29.11.2007

I. Hobbes
Nachtrag zu Hobbes

- der Leviathan ist insofern auf die Gesellschaft angewiesen, daß kein Staat ohne Volk
existieren kann
- das Volk ist insofern auf den Leviathan angewiesen, daß es ansonsten im
Naturzustand verbleiben würde
- laut Hobbes ist die Monarchie die geeignetste Regierungsform, weil die sich
Gesamtherrschaft dort am besten in einer Person vereinen läßt und die Nachfolge
automatisch geregelt ist (Erbmonarchie)
- da in Hinblick auf das Thrasymachosproblem in Hobbes Modell die Furcht vor der
Strafe das einzige staatliche Mittel ist dem entgegen zu wirken, kommt es
zwangsläufig zur Entwicklung überwachungsstaatlicher Tendenzen
- die Wolfnatur ist nicht absolut und allgegenwärtig, trotzdem reicht das negative
Verhalten einiger Individuen aus, um Mißtrauen unter allen Menschen zu erzeugen
- der Gesellschaftsvertrag an sich regelt nur den inneren und äußeren Frieden, alle
weiteren Bestimmungen müssen durch Gesetze spezifiziert werden
- die staatliche Herrschaft des Leviathan beruht auf Anerkennung durch das Volk, wenn
dem Volk der Preis zu hoch wird (Beschneidung persönlicher Freiheiten, Steuerlasten,
etc.), zerfällt der Vertrag und die Menschen versuchen wieder im Naturzustand zu
leben; der Staat an sich könnte auch danach noch als System weiterbestehen, wäre
aber illegitim und ohne Basis

II. Rousseau (1712-94 in der Schweiz und Frankreich)


1. Naturzustand

- der Mensch ist von Natur aus frei


- er kann diese Freiheit im Staat aber nicht entfalten
- er wird auch erst durch die Kultur zu einem zivilisierten Individuum
- diese Kultur schafft aber auch das Privateigentum, das Ungleichheit verursacht (s. u.)

2. Gesellschaftsvertragstheorie

- Gegenstandsbestimmung
- Grundproblem: die Findung einer (neuen) Gesellschaftsform (im bestehenden
Staat), die Person und Vermögen jedes Gesellschaftsmitgliedes vereinigt und
schützt und in der trotz dieser Vereinigung jeder frei bleibt (da der Mensch im
(aktuellen) Staat seine Freiheit nicht entfalten kann und zum Naturzustand
zurückzukehren auch keine Alternative ist)
- Lösung: ein Gesellschaftsvertrag, durch den jeder seine Person und seine Kraft
unter die Leitung des ‚allgemeinen Willens’ stellt und jedes Mitglied untrennbar
ein Teil des Ganzen ist
- Erläuterungen zu den zentralen Inhalten
- allgemeiner Wille
- entsteht daraus, daß alle Bürger einen ‚geistigen Gesamtkörper’ bilden
- jeder ist zugleich Bürger (Glied des Souveräns gegenüber dem Einzelnen)
und Untertan (Glied des Staates gegenüber dem Souverän)  jeder hat
Rechte als Staatsbürger und Pflichten als Untertan
- wer eigennützig nur die Rechte beansprucht und die Pflichten
vernachlässigt, gefährdet des Staat  er kann zur Pflichterfüllung
gezwungen werden
- der Widerspruch zwischen den Interessen der Menschen als (Privat-)Bürger
und ihren Interessen als Untertan (Staatsbürger) wird durch den
Kompromiß aufgelöst, daß die Partikularinteressen (der Menschen als
Privatbürger) durch Zugeständnisse an die staatliche Realität den
Universalinteressen (der Menschen als Staatsbürger) angenährt werden
- Gesellschaftsvertrag
- nötig, da die Menschen ab einem bestimmten Punkt ihre Kräfte nicht mehr
an sich, sondern nur durch Zusammenschluß vermehren können
- beruht auf der Entäußerung jedes Mitglieds mit all seinen Rechten an das
Gemeinwesen als Ganzes
- diese Gesamtkörperschaft bezeichnet Rousseau als Staat, wenn sie passiv
ist, und als Souverän, wenn sie aktiv agiert
- Souveränität
- sie ist die Ausübung des Gemeinwillens und hat in dessen Sinne Macht
über alle
- ein Einzelwille (z. B. eines Alleinherrschers) würde zu Sonderwünschen
neigen, was mit dem Gemeinwillen (der nach Gleichheit aller strebt)
unvereinbar ist
- der faktische Machthaber (Regierende) darf deshalb nur ein Beamter des
Volkes sein, der durch dieses ein- und abgesetzt wird
- sie ist rechtmäßig, weil ihr der Vertrag zugrunde liegt; (ge)billig(t), weil sie
allen gemeinsam ist; nützlich, weil sie allgemeine Wohl zum Ziel hat;
dauerhaft, weil sie die öffentliche Gewalt und höchste Macht als Grundlage
hat (vgl. Buch 2, Kap. 4)
- Gesetzlichkeit
- nur ein Beschluß aller hat Gesetzeskraft; Teilbeschlüsse können nur
Verwaltungsakt sein
- ein Gesetz muß für alle gültig sein
- das Staatsoberhaupt steht nicht über den Gesetzen
- Gesetze können grundsätzlich nicht ungerecht sein, da sie aus dem
Gemeinwillen hervorgehen und dieser nie ungerecht gegen sich selber
wäre
- der Gesetzverfasser darf nicht zugleich der Herrscher sein (Gewalten-
teilung)
- sie muß die materielle Gleichheit (s. u.) aufrecht erhalten
- Einteilung der Gesetze:
- Grund- bzw. Staatsgesetze (Verhältnis des Souveräns zum
Einzelbürger)
- bürgerliche Gesetze (Verhältnis der Bürger untereinander)
- Strafgesetze (beziehen sich auf die anderen, ahnden Verstöße gegen
sie)
- allgemeingültige Sittengesetze
- Eigentum und Besitz
- der Souverän ist theoretisch der Verwalter allen Besitzes
- jeder hat Anspruch auf Besitz, den er unbedingt (zum Überleben) benötigt
- kein Bürger soll an Reichtum „derart vermögend [sein], sich einen anderen
kaufen zu können“ und „keiner so arm, daß er gezwungen wäre sich zu
verkaufen“ (Buch 2, Kap. 11)
- die Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn alle etwas besitzen und
niemand zu viel  es besteht nicht nur die Notwendigkeit formaler/
rechtlicher Gleichheit, sondern auch die weitestgehend materieller
Gleichheit
- Realisierung
- es gibt prinzipiell keine ideale Verfassung (wichtig ist v. a., daß der allgemeine
Wille regiert)
- er empfiehlt die Demokratie für kleine und arme, die Aristokratie für mittlere
und die Monarchie für große und reiche Staaten
- Despotismus ist grundsätzlich schlecht, da er „eine Masse unterwirft“ und „die
Gesellschaft nicht regiert“ (es gibt kein Gemeinwohl und keinen Staatskörper)
- das Verhältnis von Bevölkerungszahl und Gebietsgröße sollte ausgewogen sein
(Buch 2, Kap. 10)
- Probleme und offene Fragen
- wie der Gemeinwille repräsentativ und ohne Benachteiligung ermittelt werden
kann, da das Problem einer potenzielle Unterdrückung von Minderheiten durch
einen konformierenden Gemeinwillen besteht
- wie die Gesetzgebung (die ein Akt aller sein soll) bei Staaten mit großer
Bevölkerung umgesetzt werden kann
- völlige Gleichheit ist nicht möglich, weshalb es auch immer Gesetze geben
werden muß, die gegen die eine oder andere Bevölkerungsgruppe nicht absolut
gerecht sind
- materielle Gleichheit ist praktisch nicht einmal ‚weitestgehend’ möglich

3. grundlegender Vergleich zu Hobbes

- Gemeinsamkeiten
- Form eines Vertrags von jedem mit jedem
- Unterschiede
- Basis der Vertrages ist nicht der Mensch im Naturzustand, sondern der im Staat
lebende, nach einer neuen Gesellschaftsform suchende Mensch
- Ursprung des Vertrages nicht aus gegenseitiger Angst voreinander, sondern aus
einem Willen zum guten Zusammenleben
- es gibt keine Unterwerfung unter einen personellen Herrscher
- das Staatsoberhaupt darf (auch in der Monarchie) kein Alleinherrscher sein
- das Staatsoberhaupt steht nicht über den Gesetzen
- bei Hobbes sind die Gesetze grundsätzlich richtig, weil sie vom Staat erlassen
wurden; bei Rousseau können sie nicht ungerecht sein, weil sie vom
Gemeinwillen erlasse wurden und dieser nie ungerecht gegen sich selber wäre
- es gibt eine Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive
- Rousseau will die Menschen materiell relativ gleich machen, da der Krieg aller
gegen alle wird auch im Staat aufgrund der durch Privateigentum geschaffenen
Ungleichheit fortgesetzt; diese Ungleichheit wird bei Hobbes durch den Staat
fixiert und geschützt

4. grundlegender Vergleich zu Aristoteles (vlg. Buch 1, 2.-4. Kap.)

- Gemeinsamkeiten
- ursprünglichste Gemeinschaftsform ist die Familie
- bei Rousseau besteht sie solange wie es nötig ist (Versorgung der Kinder durch
die Eltern) und kann danach (Selbstständigkeit der Kinder) noch durch
Übereinkunft fortgeführt werden
- Unterschiede
- Rousseau kritisiert Aristoteles’ Auffassung von der Natürlichkeit der Sklaverei
- sie wurde durch Gewalt geschaffen und durch solche bewahrt, beruht demnach
nur auf dem Recht des Stärkeren
- Versklavung der Bevölkerung (auch der Soldaten) durch einen Krieg ist
unrechtmäßig, da der Krieg eine Auseinandersetzung zwischen Staaten ist und
die (Grund-)Rechte der Menschen als Bürger nicht angetastet werden dürfen
SQ-Modul: Politik – Rhetorik - Philosophie
Protokoll des Seminars vom 06. 12. 2007
Seminarleiter: Dr. Frank Kannetzky
Protokollantin: Johanna Noske

Nachtrag zu Rousseau:
- Unterschiede zu Hobbes: Gewaltenteilung, Einschränkung des Souveräns
- Forderung eines Gemeinwillens (→ Ideal?)

Frage: Wieso berufen sich Kant, Hegel, Marx und andere auf Rousseau?

Rousseaus Begriff der Sklaverei:


- Ein Sklave geht nicht seinen eigenen Zwecken nach
- Er hat nur Pflichten, keine Rechte

im übertragenen/metaphorischen Sinne bedeutet das:


- Entfremdung des Menschen (von seiner Arbeit, auch untereinander, von sich selbst
z.B. durch die Beschreibung des Menschen durch seinen Marktwert)
→ anonyme Zwänge innerhalb der Gesellschaft hindern den Menschen, seine
persönlichen Zwecke zu verfolgen

Nach Rousseau ist eine freie, friedfertige Gesellschaft möglich. Es gibt jedoch kein Zurück
zum Naturzustand. Deswegen soll der Gesellschaftszustand geändert werden, sodass jeder
innerhalb der Gesellschaft seinen Zielen folgen kann.

Das Prinzip der „freien Kooperation“:

- Vergleich: zwei Musiker wollen ein Duett spielen. Dies funktioniert nur, wenn es
beide wollen
→ Verpflichtung zu gewissen Dingen, Arbeitsteilung

Problem innerhalb einer Gesellschaft der freien Kooperation: gegenläufige Interessen


Optionen wären: Überzeugen - Überreden – Zwang
Zwang kommt im Modell eigentlich nicht vor, da er dem Prinzip der freien
Kooperation widerspräche

Rousseaus Verhältnis zu Eigentum:

- Eigentum als Grundrecht; Mensch benötigt es, um seine persönlichen Zwecke zu


verfolgen
- Jedoch: Besitzverhältnisse als Grundlage der meisten Interessenskonflikte
(Ungleichheit durch Armut und Reichtum)
→ Änderung/Angleichung von Eigentumsverhältnissen legitim
Dieses Hinterfragen von Denkkategorien (z.B. Naturgegebenheit der Besitzverhältnisse?)
kann als Ansatzpunkt einiger folgender Philosophen gesehen werden.
Übergangsproblem zur neuen Gesellschaftsform:

Problem: teilweise kein Wille zum Übergang


Voraussetzung für eine Änderung wäre: Bildung → Reflexion (vgl. Rousseaus pädagogischen
Ansätze)
Die gewünschte Erkenntnis wäre: Der freie Wille des Menschen ist nicht zu verwechseln mit
allgemeinem Hedonismus; es muss dazugehören, gewisse Dinge im Interesse der
Gemeinschaft zu tun.
SQ 16 – Politik, Rhetorik, Philosophie

Seminar: Politische Philosophie


Protokoll zum 10.01.2008

I – Zusammenfassung zu Kant / Grundbegriffe Kants zu Staat und Recht

- Wozu braucht man den Staat: Sicherung von Freiheit (oberste Priorität)
Æ aus Sicherung der Freiheit folgt Sicherung von Eigentum, welches wiederum die Freiheit
sichert
- Was ist Recht: System von Regeln durch welche die Freiheit des Einen mit der Freiheit der
Anderen vereinbar ist
- Rechtsbegriff ist rein normativ und ein Ergebnis der praktischen Vernunft, d.h. er lässt sich
nicht durch Traditionen o. Ä. rechtfertigen (z.B. durch Stände)
- das Recht wird durch den kategorischen Imperativ bestimmt („Handle nur nach derjenigen
Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“)
- Recht muss aber auch moralisch gerechtfertigt werden können
- aus dem Recht ergeben sich zwei Arten von Pflichten:
- vollkommene Pflichten: können durch Sanktionen erzwungen werden
- unvollkommene Pflichten: verpflichten moralisch, können aber nicht erzwungen werden
- im Staat Verbot des Widerstandsrechtes, da dies eine Auflehnung gegen die Mitbürger und
die Verfassung, die man sich gemeinsam gegeben hat, ist (Ausnahme: Diktatur)

II – Vergleich Kant und Rousseau

Rousseau Kant
Freiheit persönliche Freiheit wird Staat dient der Sicherung der Freiheit
zugunsten der staatsbürgerlichen
Freiheit geopfert
Eigentum Gemeineigentum gefördert persönliches Eigentum gefördert
Souverän das Volk selbst vom Volk eingesetzt
Menschenbild Citoyen (Staatsbürger, verfolgt Bourgeois (Individuum, verfolgt zuerst
zuerst das Allgemeininteresse) seine Einzelinteressen)

Warum geht Kant offensichtlich einen Schritt zurück? (altes Herrschaftsmodell)


- Mensch ist Vernunft- und Sinnwesen Æ braucht Zwang, denn er ist zwar vernunftsfähig und
könnte immer vernünftig handeln, tut es aber nicht immer Æ Gesetz nötig
Æ Recht setzt vernünftige Grenzen, innerhalb derer man frei agieren kann
Æ „realistischeres“ Menschenbild
III – Marx – „Zur Judenfrage“

1. Bruno Bauer:
- Jungehegelianer und „Radikaldemokrat“
- zentrale Frage des Werkes „Die Judenfrage“: Sollten Juden die gleichen Rechte haben?
-Argumentation:
- christlicher Staat kann nur durch Gettoisierung aufrechterhalten werden
Æ politische Emanzipation im christlichen Staat ist nicht möglich
Æ nur bei Emanzipation der Christen, also auch Emanzipation des Staates möglich
(Aufklärerdenken: zur Erlangung der Freiheit muss man Einschränkungen
durch Gedanken ablegen)
Æ Christentum ist bereits universalistische Religion Æ muss „nur noch“ religiöse
Hülle abstreifen

2. Zustimmung durch Marx:

- Religion ist Ausdruck eines Mangels:


- Mangel an Wissen (Erklärungen für Unerklärliches)
- materieller Mangel (Kompensation für das irdische Leben im nächsten Leben)
- moralischer Mangel
- Mangel, eigenen Zielen nachzugehen
- Aufklärerdenken: Religion ist
- Unterdrückungs- und Herrschaftsinstrument
- Pfeiler der sozialen Stabilität
- Macht, gekoppelt an den Staat (Gottesgnadentum Æ übernatürliche Autorität, die
unserer Vernunft enthoben ist)

3. Einwände durch Marx:

- Probleme bei „Aufhebung“ der Religion („Sinnkiller“):


- Missverhältnis zwischen Tugend und Glück nicht erklärbar (z.B. bei Schicksalsschlägen)
- in Frage Stellen des Menschen und seines Sinnes im Leben
- Theodize-Frage: Wie ist die Existenz eines allmächtigen und allgütigen Gottes mit der
Existenz des Übels in der Welt vereinbar?
- Einschränkung von Wünschen und Freiheiten ohne ersichtliche Gründe
- religiöse Emanzipation ist nicht gleich menschliche Emanzipation Æ Missverhältnis
zwischen innerer und äußerer Emanzipation (Moral noch immer an Religion gebunden, siehe
z.B. in den USA)
Æ Religion ist Ausdruck und Versuch der Kompensation eines Mangels im Leben
- Staat ist eine Sphäre in der alle Menschen frei und gleich sind, aber:
Selbst wenn man die Religion im Staat zurücknimmt und sie zur Privatsache erklärt, ist der
Mensch noch nicht vollkommen frei
Æ Staat ist ebenfalls Ausdruck eines Mangels
Æ vermittelt das gesamte Gattungsleben des Menschen (alle Sozialität) über Macht- und
Geldverhältnisse
Æ zeigt eine Asymmetrie auf, in der wir nicht frei sind Æ der Mensch lebt nicht als Mensch,
weil er hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt
Æ Kompensierung z.B. durch Religion
Æ eigentliche Quelle des Mangels: Sozial- und Wirtschaftssphäre

4. Grundgedanken zur Wirtschaftsphäre als Ursache der Mangelerscheinungen

- formales Gleichheitsprinzip auf dem Markt (im Schnitt Äquivalente ausgetauscht, denn
wenn Wohlstand durch Ware über Wert erzeugt wird, wer trägt dann am Ende die Verluste?)
- Arbeitskraft ist die einzige Ware mit Mehrwert:
- z.B. 100.000 Schrauben in 8 Stunden Æ Wert ist größer als Verbrauch durch Produktion
Æ Aneignung durch Überwacher der Produktion
Æ systemimmanente Stabilisatoren, denn wenn nicht über Wert produziert wird, wird
die ökonomische Existenz im Wettbewerb riskiert
- statt vielen Niedrigbezahlten viele Hochbezahlte Æ Arbeitslosigkeit steigt
Æ System aus Zwängen, aus dem keiner entkommen kann Æ jeder Mensch ist gleichzeitig
Instrument Æ Staat muss System zusammenfassen und regeln

5. Rolle und Bedeutung des Staates im System der Zwänge

- religiöser und staatlicher Sphäre liegt ökonomische Sphäre zugrunde Æ wird diese Sphäre
verändert, verschwinden religiöse und staatliche Probleme von alleine
Æ Müssen sich politische Überlegungen zuerst auf die politische Sphäre richten?
Æ Wofür braucht man Gesetze und Staat? Wann braucht man sie?
- wo Konkurrenz entsteht
- wo es zur Ausbeutung der Gemeinwohlorientierung kommt
Æ Staat ist Ausdruck der asymmetrischen Verhältnisse der Menschen untereinander
(nicht frei, gleich und brüderlich) und somit der Zerrissenheit der bürgerlichen
Gesellschaft Æ Kritik an den Ideen des Staates führt noch nicht zur Befreiung
- Hauptproblem:
- Menschen sind von Natur aus gleichzeitig sozial und egoistisch (notwendig, um
im System gegenseitiger Zwänge sinnvoll zu existieren)
Æ Interessen kollidieren Æ Versuch sich gegenüber anderen durchzusetzen
Æ Asymmetrie Æ Zwang und Unzufriedenheit Æ Auseinanderdriften
Æ Verlagerung in gemeinschaftliche, gesonderte Sphäre des Staates
Æ Staat muss zusammenhalten, was von Natur aus zusammengehört
Æ Staat als natürliche Organisationsform vs. Staat als Ausdruck des Streits

Æ Kann das Individuum sich nur entfalten, wenn es sich anderen gegenüber durchsetzt?
Marx: - nein, es ist nur Produkt der Gesellschaft
Æ muss an reale Ungleichheiten herangehen und dort etwas ändern Æ in der
Wirtschaftssphäre
- wechselseitiges Verhältnis von politischer und ökonomischer Sphäre:
- dort wo materielle Not groß ist und die Gemeinschaft nur leben kann, weil einer
herrscht, dort muss Produktion entsprechend organisiert werden
- Produktionsmittel ändern sich Æ Einfluss auf Organisation der Gesellschaft
Æ Einfluss auf staatliche Sphäre
Æ alte Staatsformen sind irgendwann nicht mehr kompatibel mit Produktionsform

Beispiel für wechselseitiges Verhältnis: Warum wird ökologischer Fortschritt nicht realisiert,
wenn er doch möglich ist?
Æ ökonomische Gründe (technische Kompetenzen nicht kompatibel mit heutigen
Wirtschafts- und Rechtsformen)
6. Zusammenfassung - wichtigste Neuerungen bei Marx und aufkommende Fragen

- keine Frage mehr nach Für und Wider des Staates


- Einbeziehung der Ökonomie als Grundsphäre
- Vorrang der Grundsphäre vor staatlicher Sphäre

Abschließende Fragen:
- Ist der Staat tatsächlich nur der Ausdruck bestehender Mängel?
- Kann und bedeutet der Staat nicht noch mehr?
- Welche Mittel stehen zur Änderung der Verhältnisse zur Verfügung?
SQ 16 – Politik, Rhetorik, Philosophie

Seminar: Politische Philosophie


Protokoll zum 17.01.2007

1. Religion aus Ausdruck menschlichen Mangels (Wiederholung vom 10.01.2007)

Religionskritik der Aufklärer:

- Unterdrückungs- und Herrschaftsinstrument


- Pfeiler der sozialen Stabilität
- Macht, gekoppelt an den Staat (Gottesgnadentum Æ übernatürliche Autorität, die
Unserer Vernunft enthoben ist)
- Glauben sollte individuell sein
- Staat und Religion trennen
- Quellenkritik der Religion: Gottes Wort durch Menschen gemacht
- Irrationaler Irrtum

Religionskritik von Marx

- Mangel an Wissen (Erklärungen für Unerklärliches)


- materieller Mangel (Kompensation für das irdische Leben im nächsten Leben)
- moralischer Mangel
- Mangel, eigenen Zielen nachzugehen
- Ungleichheit der Wirtschaft begünstigt Religion
- Mangel an Liebe: Zuwendung fehlt
Kein freundschaftliches Miteinander
Von Hass durch Religion zu gutem Dulden:
Ausbau soz. Beziehungen
- Religion als Streitursache:
Verschiedene Religionen, verschiedene Götter
Quelle der Entzweiung des Menschen
Lösungsmöglichkeiten

- Einfaches Deklarieren des Nichtvorhandenseins der Mängel


- Funktioniert nicht: keine Änderung der Ursache
- Eventuell durch Erziehung?
- Eigeninteresse/Egoismus bleibt: „von Natur aus“

Warum? Woher kommt der Egoismus?

- Historische Form des Umgangs zwischen Menschen


- Aufgenötigt durch Gesellschaft

Religionskritik geht einher mit Kritik an Ideen/Grundpfeiler der Gesellschaft!


2. Über Gesellschaftskritik zur klassenlosen Gesellschaft?

Ist der Mangel eine Folge des Egoismus?


Wenn der Mensch von Natur aus ein liebendes Wesen wäre, warum bleibt er es nicht?

- Geld und Ware vermitteln Egoismus


- z.B. dem Konkurrenten helfen bricht einem das Genick
- müssen bestimmte Rollen erfüllen unabhängig von moralischen Vorstellungen
- Machtanhäufung durch Geld
- Eigentlicher Mangel: Geld an sich nicht jeden sein Privateigentum
- man braucht es um Bedürfnisse zu befriedigen (z.B. Familie ernähren)

Irrtum:
- Abschaffung des Privateigentums heißt nicht jeden sein P. wegzunehmen und z.B. es
dem Staat zu überschreiben sondern: Abschaffung des Rechts auf Verfügung
- Verstaatlichung heißt also lediglich Wechsel des Rechts
- Also: Kommunismus kann nicht politisch eingeführt werden
- Privateigentum =Naturkonstante
- Ziel: klassenlose Gesellschaft

Gedankenexperiment1: Universität
- Zweck: Bildung
- Braucht man Geld für Dozenten oder Dozenten zum Lehren?
- Braucht man Geld für Strom oder lediglich den Strom?
- Woher soll der Strom kommen bzw. wer produziert ihn in klassenloser Gesellschaft?

Aber auf welchen Weg zur klassenlosen Gesellschaft?

1. Passiert einfach
2. Oder muss überwunden(ist aber wieder politisch z.B. Eingreifen in
Produktionsverhältnisse)
3. ?

Wenn Staat überwunden ist, wer hält allgemeine Institutionen wie Schulen oder Universitäten
aufrecht?

Gedankenexperiment 2: Brot
- Ich gehe in den Supermarkt und nehme mir soviel Brot wie ich kann über Tage.
- Habe einen Haufen Brot, nützt der mir was?
- Nur unter der Bedingung, dass nicht genug da ist.
- Könnte ihn verkaufen und Profit daraus ziehen.

Erkenntnis:

Kreislauf von Leistung und Gegenleistung


- Wenn die Gegenleistung immer vorhanden ist, dann funktioniert es
- wenn einer Egoismus zeigt(wahrscheinlich), erfolgt ein Zusammenbruch

Ressourcenfrage muss geklärt werden


- Woher kommt das ganze Brot?
Unangenehme Tätigkeiten?
- Wer übernimmt diese?
- Immer abwechselnd? -Zwangssystem
- Was macht man, wenn sich einer weigert?

Fazit dieser Stunde: Die Diskussion der Realisierung eines solchen Staates ist
unrealistisch, aber dadurch sieht man die Gegenwart wesentlich schärfer.
SQ16 Politik – Rhetorik – Philosophie Datum: 24.1.2008
Seminar II : Politische Philosophie: Eine Einführung

Sundenprotokoll zum 24.1.2008


Dozent: Frank Kannetzky
Verfasser des Protokolls: Riccardo Brüntgens

1. Vortrag zu 'Über die Demokratie in Amerika' von Alexis de Tocqueville


2. Ergebnisse zur Diskussion über de Tocqueville
3. Offene Frage zum nächsten Seminar

zu 1.) Zum Anfang des Seminars wird ein kurzes Referat zu Alexis de Tocqueville und seinem
Buch 'Über die Demokratie in Amerika' gehalten. De Tocqueville lebte und führte seine
Arbeit in einer Zeit kurz nach der Französischen Revolution aus. Eine Zeit, in der sich
Demokratien sich verwirklichten und in Europa ausbreiteten. Die französische Regierung
beauftragte ihn 1831 den Strafvollzug und das Rechtssystem der USA zu untersuchen. 'Über
die Demokratie in Amerika' folgte, eine umfassende und grundlegende Analyse. Die USA
boten einer solchen Studie den Vorteil, daß sie sich als Demokratie zu dem Zeitpunkt gerade
gegründet und im Gegensatz zu europäischen Staaten keine staalichen Vorformen hatten.

Die wichtigsten Punkte / Thesen:


- Für den sozialen Umgang ist die Verhaltens(Handlungs-)kultur bedeutender als die
Verfassung. Ausgehend von einer allgemeinen Freiheit entstehen auf lokaler Ebene
spontane Gemeinschaften, die sich um gemeinsame Belange kümmern. Der Staat soll sich
nicht in die lokale Ebene einmischen, sein Aufgabengebiet liegt in der höheren Ebene des
Staates. (Bundesstaatlichkeit → Staat dezentral)
- Es gilt die Grundvoraussetzung der Gleichheit der Menschen. Davon ausgehend ist es
möglich sich seine Position im sozialen Gefüge zu erarbeiten. Asymetrie innerhalb der
Gesellschaft erzeugt eine 'neue Aristokratie', bestehend aus den Führern der Wirtschaft.
- Grundaulbildung hebt allgemeines Bildungsniveau, läßt aber ein spezielles/hohes Bildungs-
niveau abflauen, welches zur Ausbildung neuer Führungskräfte benötigt werde.
- Jedem steht die Besetzung einer Position zu. Die Gemeinschaft wählt die Person aus, die
eine Aufgabe ausführen soll. Legitimation erfolgt von 'unten' und nicht von 'oben.'.
- Das Volk mit ihrer Selbstverwaltung ist der Ausgangspunkt jeglicher staatlicher Gewalt.

Probleme:
- Es besteht Uniformitätsdruck, der zur einer falschen Entscheidung führen kann.
- Personen aus der Wirtschaft können Einfluß auf Politik aussüben.

→ Der Staat ermöglicht, daß die Gesellschaft mehrheitlich agiert. Er ist weniger der große
Soverän, sondern mehr Nebenstehender, dem das Entscheidungsrecht zusteht.

Zu 2.) Folgende Ergebnisse erfolgten aus der Seminardiskussion:


(in Bezug zu de Tocqueville)
- Weniger Menschen nehmen höhere Bildung in Anspruch, nicht nur aus finanziellen
Gründen, sondern auch aus mangelndem Interesse. Der 'American Dream' verwirklicht
sich mehr durch die Arbeit.
- Bildung wird eher als Aubildung verstanden, besitzt rein instrumentellen Wert
- Durch die Forderung 'jedes Privileg soll fallen' verliert die höhere Bildung ihren
Stellenwert. Dies führt zu Uniformität.
- Sinn von Demokratie liegt in Konkliktlösung und Handhabung der verschieden Interessen.
- Demokraten: Leute die prinzipielle Alternativen vorgeben können.
(Allgemein zum Thema Demokratie)
- Uniformität entsteht, wenn man alles praktischen und utilitaristischen Prinzipien unterwirft.
(Diktatur der Mehrheit)
- In der Demokratie leben sich ähnliche/gleiche Menschen, deren Leben nur um sich selbst und
ihr eigenes Schicksal dreht. Es besteht kein Raum oder Interesse für politische Fragen und
Alternativen (“Hamsterrad”).
- Politische Dystopien in Literatur: '1984' – (ideologische) Unterdrückung durch Verschwörer
'Brave new world' – illusorische Freiheit.
- Die perfekte Anwendung von Macht bleibt unsichtbar. (Tabuisierung und selbstlaufende
Mechanismen)

zu 3.) Offengeblieben sind die Fragen, wie die Mechanismen der Uniformität aussehen und welche
Möglichkeiten bestehen könnten sie abbzubrechen.