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Einer von Euch, unter Euch, mit Euch – oder Shoplifters of the World Unite & Take Over!----------- In Essen treibt der Herbstwind Laub von begrünten Verkehrsinseln auf die Straßen und Gehwege der Innenstadt, Autokolonnen tanzen im stoßenden Atem eines achtlosen Gottes von Ampel zu Ampel, und die Stadt fällt in ihre eigenen geheimnisvollen Hymnen ein. Sonnige Rasenflächen sind gegen jedes Betreten vom Verkehrsfluss geschützt. Draußen, auf der Schützenbahn, höre ich das panische Hupen eines Autofahrers, der im zähfließenden Verkehr zwischen zwei Ampeln von der linken auf die mittlere und dann auf die rechte Spur wechseln muss, um rechtzeitig abzubiegen und seinen Arbeitsplatz pünktlich zu erreichen. Einen Block weiter stehen Männer und Frauen an der Türschwelle zum Arbeitsamt, in morgendlicher Frische die Ärmel über die Hände geschoben, rauchen sie hastig gestopfte Zigaretten. Die Flachbildschirme, an den Wartezonen im Innern der Agentur, senden wahlweise N24, Dauerwerbesendungen oder das Sat1-Frühstücksprogramm; sie entlassen ihre Zuschauer benommen, doch mit glänzenden Augen, ins Beratungsgespräch. Heute wird uns der Wetterbericht von „Air Berlin“ präsentiert und nennt den Himmel anderswo noch viel blauer als blau. Reiseziele, die sich an diesem Wochenende besonders eignen, sind London, Paris und eine skandinavische Hauptstadt, doch der genannte Name will mir partout nicht einfallen. Und plötzlich fällt mein Blick auf die vereinzelt stehenden Bauarbeiter gegenüber der Agentur. Die Männer stehen neben ihren schweren Maschinen, starren still vor sich hin und warten auf ein Zeichen des Mannes, der in Anzug und Gummistiefeln durch den Matsch watet, bevor er ihnen das Signal gibt, ihre Gerätschaften wieder anzuwerfen. Wir haben begonnen, den Müll wieder unter die Erde zu bringen, künstliche Seen anzulegen und neuen Rasen zu verlegen. Nichts erinnert mehr an die Wanderarbeiter, allesamt Rumänen, Bulgaren und gerissene Polen aus den damals neuen EU- Staaten, die uns für 1,48€ die Stunde das neue Einkaufszentrum am Limbecker Platz geschenkt haben. Ich erinnere mich gut an die quälenden Schritte der Rumänen, wenn sie allabendlich die steile Treppe zur Mansarde hinauf stiegen, während ich an meinem Businessplan schrieb. Zufall oder nicht, aber in jenen Tagen wurde meine Wohnung aufgebrochen und unter den Dingen, die ich verloren glaubte, waren ein paar Sachen, die mir recht nah am Herzen lagen. Doch wenn man dem alten Franzmann davon erzählte, der in der Waterloostrasse geboren wurde und sich noch ganz genau daran erinnern konnte, dann konnte man sicher sein, dass sich die Dinge, egal was es auch war, prompt wieder einfanden. Obwohl in der Waterloostraße nicht alles rosig war – beispielsweise stand die Dusche mitten in meinem Schlafzimmer, eine Küche gab es nicht, d.h. die durfte ich ganz frei und vor allem selbst gestalten, die Wohnung besaß weder gerade Wände noch eine eigene Toilette, die war erst am Ende des Flurs zu erreichen – trotz alledem hatten steigende Mietpreise, die wie ein böser Wind durch die Straßen zogen, den alten Bau gefüllt. Vier Jungs, ein Damenschneider (slash Eventgestalter), ein Werbetexter (slash Dipl.-Psychologe), ein Schüler (slash Kommunikationsdesigner) und ich selbst, ein Psychologiestudent (slash Studienabbrecher), wir alle waren in das alte Haus an der Waterloostrasse gezogen und sahen darin vielmehr den Bausatz nach Art einer utopischen Modellgemeinschaft denn den fehlenden Energiepass. Der erste Winter kam bald. Es wurden Vorhänge gekauft, Fenster neu gekittet und täglich neue Ritzen in dem alten Gemäuer mit Silikon ausgespritzt, aber egal was man auch tat, ein Wind zog immer. Manchmal war das von Vorteil, denn es wurde heiß. Wir waren laut, haben Türen und Fenster sperrangelweit aufgerissen. Es gab Feste und nach den Festen die Fortsetzung der Feste mit anderen Mitteln eine Etage höher. Ich weiß nicht, ob sich die Rumänen oben unter dem Dach mit all den Essener Underground-Loosern, den schwitzenden, tanzenden Körpern vermischten, ob sie die steile Treppe von ihrer Mansarde herunterstiegen und in das eintauchten, was auch immer da war. Die Rumänen waren die untere, die verborgene Seite des selben Diskurses, eines Diskurs des Kapitals. Im Jahre 1972, also noch in der Zeit studentischen Aufbruchs, wurde jener Diskurs von Jacques Lacan – dem französischen Psychiater und Psychoanalytiker, der von sich selbst sagte, er sei der, der Freud gelesen habe – formalisiert und vor den Studenten der Universität von Mailand präzisiert. Von der Psychoanalyse sagt Lacan, sie sei die Wissenschaft des Besonderen, des Einzelfalles und so macht er den Begriff der Subjektivität wieder salonfähig. Wer jemals versucht hat, Übereinstimmungen zwischen der individuellen Person, die jetzt gerade vor einem sitzt, und den beispielhaften Charakteristika eines psychodiagnostischen Handbuch zu

finden, der weiß, beides muss übereinstimmen, aber jedes Gespräch zeigt uns: es passt nie. So gesehen bestand Freuds klinische Innovation darin, seinen Patienten erstmal zuzuhören und dann die individuellen Geschichten seiner Patienten auf grundlegende Mythen zurückzuverfolgen. In der Folge gelingt es Lacan, die dem Mythos zu Grunde liegenden formalen Strukturen in Forn der vier Lacanschen Diskurse zu präzisieren (d.h. vier + einen Diskurs, den des Kapitals). Freud hörte seinen Patienten zu und benutzte fast-vorgefertigte Theorien, d.h. bekannte Mythen (z.B. die Sage von Ödipus), um die grundlegenden Strukturen der Probleme zu erhellen. Und wo er keinen Mythos zur Erklärung eines Konflikts finden konnte, da ging er soweit, selbst neue Mythen zu erfinden; so entsteht beispielsweise die Geschichte des Ur-Vaters in Totem und Tabu. Die Gefahren eines solchen Ansatzes treten am deutlichsten in Form der Archetypenlehre in der Psychologie Jungs in Erscheinung, hier kann man erkennen, dass die Verfahrensweise immer auch die Gefahr birgt, Mythen zu psychologisieren, d.h. unter Rückgriff auf Mythen selbst psychische Realitäten zu schaffen. Lacan war klar: Ödipus hatte seine eigene Version der Geschichte, und so erinnert er immer wieder daran, dass der Analytiker sein Wartezimmer fülle, sobald er die individuellen Mythen seiner Patienten authentisiere. Die Methode Freuds trug dem Umstand Rechnung, dass es im klinischen Kontext keine separaten Kategorien gab, d.h. Freud hat niemals eine Hysterie gesehen – im Sinne reiner Hysterie – die war allenfalls was für's Lehrbuch. Was die klinische Realität bestimmt sind Mischungsverhältnisse, also Sprünge von einem Diskurs zum anderen und die bestimmen die Richtung, die der Analytiker in der Analyse einzuschlagen hat. Jeder Diskurs, also jedes Gespräch, pflegt einen spezifischen Umgang mit zwei unlösbaren Problemen, zum einen das Unvermögen, sich klar auszudrücken und zum anderen die daraus resultierende Unmöglichkeit der Rückkehr zu dem, was Freud das primäre Befriedigungserlebnis nannte. Die vier Diskurse Lacans bilden je eine spezifische Form des Umgang mit derselben Problematik ab: Unvermögen und Unmöglichkeit. Anstatt den Verlust und das menschliche Schicksal zu beklagen, ist es viel wichtiger zu erkennen, dass diese Struktur insgesamt unserem Schutze dient, denn die Rückkehr zum primären Befriedigungserlebnis, die vollkommene Symbiose, wäre das Ende unserer Existenz als Subjekt. Auf dem Weg zurück machen wir normalerweise beim Orgasmus halt, und danach fängt alles wieder von vorne an, doch manchmal hat jemand solch unglaubliche Angst vor dieser Rückkehr, dass er eben schon vorher halt macht. So gesehen schaffen die vier Diskurse gerade dadurch, dass sie auf je spezifische Weise misslingen Bindungen, die Bindung zwischen Herr-und- Knecht, Lehrer-und-Schüler, Hysteriker-und-Meister, Analytiker-und-Analysand. Einen Knecht zu haben bestätigt den Herrn, ein Lehrer ist nichts ohne seine Schüler, der Hysteriker sucht sein Idol und findet einen Sündenbock, das Wissen des Analytikers entsteht erst durch die Übertragungen des Analysanden. Bindungslosigkeit ist das zentrale Charakteristikum, das den Diskurs des Kapitals von Lacans ersten vier Diskursen unterscheidet. Er sagt, es entstünde keine symbolisch strukturierte Beziehung zwischen den Kapitalisten und den Proletrariern, und genau daran denke ich, wenn ich in allen Zeitungsartikeln diesen Bruch wiederfinde: immer wieder wurde betont, dass der Generalunternehmer für den Bau des Einkaufszentrums am Limbecker Platz in keinerlei vertraglicher Beziehung zu den Rumänen stand, die das Einkaufszentrum gebaut haben, sondern die Männer seien von einem „türkischen“ Subunternehmer angeheuert worden, der sie mit wilden Versprechungen hierher geholt habe. Es ist klar, der Generalunternehmer ist auch nicht der Bauherr, sondern wiederum Auftragnehmer für die Auftraggeber, plural, d.h. in diesem Falle drei. Und die Auftraggeber sind im Diskurs des Kapitals ebenfalls Proletarier, weil sie ihre Gewinne (aus vielerlei Gründen) auch nicht genießen können, kein Gleichgewicht erreichen können, sondern im Zuge der Marktlogik re-investieren müssen, um im nächsten Zyklus wieder Gewinne zu machen. Das System produziert aus dieser Perspektive keine Güter, die genossen werden, sondern Müll, Reste, Beziehungslosigkeit. Irgendetwas schreit danach bemerkt zu werden. Die Rumänen, obgleich ausgebeutet und sozial ausgeschlossen, lebten nicht auf der Schwelle zum Verhungern. Doch fast alle Zeitungsartikel hoben an der einen oder anderen Stelle darauf ab, dass man sich von 1,48€ die Stunde nicht ernähren könne. Aber ist dieser Hunger, den wir unterstellen, der für uns das Leid der Rumänen zu dechiffrieren scheint, nicht vielmehr unser Hunger, der eigene Hunger. Etwas, das uns daran erinnern will, dass Pasteten und

Törtchen dieses Loch im Bauch genauso wenig zu stillen vermögen wie Geld, das man eben nicht essen kann. Ich lese die Memoiren Erich Honeckers. Es ist fantastisch, Honecker schreibt von einer Flugblattaktion am Limbecker Platz, nach der er hat flüchten müssen. Er schreibt von einer Denkschrift über die Ermordung seines Genossen John Schehr in der Gestapozentrale (Berlin), die als Mondamin Kochbuch getarnt war und vor der die reisenden Vertreter der Mondamin GmbH im ganzen Land nur warnen konnten, was das kleine Buch erst recht bekannt machte. Hier im Ruhrgebiet gab es bei aller ideologischen Unterdrückung immer noch Programme, die gedruckt, und klare Forderungen, die gestellt wurden. Heute gibt’s fast nur noch Skandale. Ich weiß nicht, ob die Rumänen bei uns tanzten, denn meine Tür blieb lange, lange Zeit verschlossen. Gegen den ausdrücklichen Wunsch meiner Freundin in das alte Haus an der Waterloostrasse gezogen, war ich hin- und hergerissen zwischen ihren Tränen, die zuerst kullerten, dann strömten, während ich hektisch mit den letzten Vorbereitungen, dem Aufbau meiner kleinen Bar, beschäftigt war. Sie hatte Angst, hörte vom Flur her die ersten Schritte der Gäste und in ihr machte sich jenes beklemmende Gefühl breit, dass jenseits der Tür der Dschungel lag. Der Diskurs des Kapitals macht keinen Halt vor unseren Wohnungstüren; was meine Freundin hier so ängstigt, ist die Professionalität mit der wir, vier Jungs, geradezu generalstabsmäßig unsere Einweihungsparty vorbereitet hatten. Es gab einen Ablaufplan, und den hat sie durchkreuzen müssen, um mir im Grunde genommen ein Problem, d.h. ein Chance für die Liebe zu schenken. Konsum und Produktion libidinösen Genießens verbindet keine Subjekte mit andren Subjekten, sondern Subjekte mit Objekten. Lacans Axiom, es gäbe keine sexuellen Beziehungen, ist demnach so zu deuten, dass purer Genuss weder dauerhafte Beziehung zwischen Subjekten herstellt noch Gruppenbildung begünstigt. Vielmehr kappt Genuss die sozialen Bindungen in einer Gruppe. Und ist Genuss nicht der Grund für die ernsteren Probleme zwischen Partnern, denken wir nur an die Frage, wie viel Liebe es braucht, um den verheerenden Einfluss der Genüsse meines untreuen Partners aufzuwiegen? Nur Liebe schafft Bindungen zwischen Subjekten, Genüsse verbinden lediglich Subjekte mit Objekten. Vom Standpunkt der Triebe ist der Partner beim Sex nichts anderes als die Verkörperung einer Menge libidinöser Genüsse. Hier kommt die Verbindung zwischen Sex und Mord in der Frage zum Ausdruck: Was mache ich nun mit dem Körper? Der sexuelle Akt selbst schafft also weder Identität noch einen Signifikanten, weil der Genuss im Realen, also dem Unaussprechlichen, verankert ist. Heute wohne ich im elften Stock eines nicht allzu modernen Wohnklotzes am Viehofer Platz. Einen Aufzug gibt es, und wenn man von hier oben aus dem Fenster schaut, dann erscheint es, als läge einem die gesamte Stadt zu Füßen. Der Himmel ist heute so blau, dass man die Toiletten der ganzen Stadt in ihm abziehen könnte und er würde derselbe bleiben, sagte ich soeben und denke, es gibt etwas darin, das wir verstehen können. Auch dieses Haus ist ein Körper, der als Augen Fenster hat. Wir wollen (fast) alle Familien Gründen, aber natürlich erst nachdem wir unseren Abschluss gemacht und den richtigen Job bekommen haben; vorher wollen wir die Welt sehen und das Leben genießen. Und ist das nicht paradox, wenn wir bedenken, dass in einer Gesellschaft, deren maßgeblicher Diskurs darin besteht, Subjekte mit Objekten zu verbinden, jeder seine eigenen Beziehungen und Solidaritäten zu anderen kreieren muss, weil der Diskurs selbst keine strukturellen Bindungen vorgibt. Doch oft ist das, was man aus weiter Entfernung auf sich zukommen sieht, was einen nachts um drei auf die Uhr gucken und einfach nicht einschlafen lassen will, nichts Neues, sondern die Nachgeburt jener Angst, die einem schon vom Kindesalter an auf den Nägeln brennt. Wo bist Du, frage ich und meine: Wo bin ich? Und auch die Psychoanalyse selbst konnte nur im Zuge der Dekodierung, der Lösung und Transformation, menschlichen Begehrens aus zuvor kodierten Beziehungsverhältnissen entstehen. Freud findet die Essenz libidinösen Wertes nicht in den Objekten unseres Begehrens, sondern in dem Begehren selbst, und so wird es zu einer abstrakten subjektiven Essenz, zur objektiv unbestimmten, dekodierten Libido. Seine Einblicke waren nur möglich zu einer Zeit, da alle sozialen Beziehungen sich dem Diktat des Marktes und des Tauschwerts bereits haben unterordnen müssen, alle, d.h. alle bis auf die Verhältnisse der Reproduktion, die das Begehren an die abstrakten Pole der Kern-Familie binden. Und zwischen die

Extreme von Papa, als ödipalem Agenten der Kastration und Objekt der Identifikation, und Mama, als verbotenem Objekt des Begehrens, tritt die Dekodierung durch den Markt und „Alles, was nicht fest ist löst sich in Luft“, sagt Marx und meint: Der Markt mobilisiere das Begehren, genauer, der Markt löst des Begehren aus allen stabilen und allumfassenden Codes, nur – und dass muss gesagt werden – um es nachher mittels Werbung wieder einzufangen. Im Feld der Psychoanalyse geht Lacan, mit der Dekodierung des Begehrens, noch einen wichtigen Schritt weiter als Freud, denn bei Lacan wird das Begehren in der Familie nicht mehr von den realen Personen, Mama und Papa, geformt sondern von den Funktionen der metonymischen Suche nach Mutter-Ersatz als Objekten des Begehrens und der metaphorischen Identifikation im Namen-des-Vaters. Ich erinnere mich an ein kleines Diktaphon, das in jenen Tagen, voller wildem Tatendrang und blindem Aktionismus, direkt neben meinem Bett, auf der Fensterbank, zu liegen kam. Keine Ahnung, wer das Ding dort hatte liegen lassen, begann ich – in manchen Nächten, wenn ich meinte, den Geheimnissen des Lebens auf die Sprünge gekommen zu sein – mit seidener Stimme darauf zu sprechen. Ich selbst hab mir das nie wieder angehört. Erst bei meinem Auszug tauchte es wieder auf. Ein Freund fand in der Dunkelheit der leergeräumten Wohnung (wir hatten schon alle Lampen abgenommen), zwischen

all dem Plunder, der noch auf dem Boden und den Fensterbänken verstreut lag und jetzt rigoros in den blauen Müllsack wandern würde, sein verloren geglaubtes Diktaphon wieder. Wie es hierher gekommen war, konnte auch er nicht recht erklären. Was auf dem Band zu hören war und ihn so sichtlich verstörte, schilderte er wie folgt. Zuerst hört man nur das Einschalten des Gerätes, ein paar Augenblicke später folgt die Stimme: „Persönliches Datum des Gedankens – Dienstag 26. September 2007, drei Uhr und fünf Minuten“, dann folgt ein lang angehaltener Moment der Stille, die am Ende vom Geräusch beim Ausschalten des Diktaphons unterbrochen wird. In schneller

Uhr und sieben Minuten“, und den dritten: drei Uhr und

Am Ende waren nur die Zeitabstände zwischen den

einzelnen Sprechakten kleiner geworden und die Zeitangaben genauer. Da war eine Leere, doch nichts fehlte, ich konnte nicht einfach weghören, da war, neben allen Versuchen, sich aufzubäumen und über all die schrecklichen Dinge des Lebens zu sprechen, vor allem eines: Stille. In einer kodierten symbolischen Ordnungen sind Bindungen qualitativ und signifikant:

Frauen werden, zum Beispiel, in Stammesgemeinschaften als Quelle des Lebens verehrt, sie gelten als Grundstein überfamiliärer sozialer Beziehungen in einem Verwandtschaftssystem das reichhaltig mit symbolischer Bedeutung aufgeladen ist. In einer dekodierten symbolischen Ordnung sind die grundlegenden sozialen Relationen hingegen quantitativ und bedeutungslos: Arbeiter (jedweden Geschlechts) werden zu abstrakten doch kalkulierbaren Größe der Ware Arbeitskraft, mit der innerhalb der Geldwirtschaft gerechnet wird – wie mit jeder anderen Ware auch. So hatte man eben auch mit den Rumänen unter'm Dach gerechnet. Und hier wird eine Parallele zu Martin Luther und Adam Smith sichtbar, denn für Luther liegt die Essenz der Religion nicht in den Objekten religiöser Verehrung, sondern in subjektiver Religiosität, sowie für Adam Smith die Essenz des Wohlstands nicht in ökonomischen Werten, sondern in abstrakter Produktivität liegt. So gesehen wird das Diktaphon zum Signifikanten für subjektive Religiosität (im Sinne Luther's als Kunst ohne Verstand) und abstrakter Produktivität (im Sinne Freuds und Adam Smiths, d.h. Über-Ich Terror). Da waren Übel überall, und nach meinem Umzug in die Waterloostrasse war etwas entstanden, was ich mir damals nicht hab erklären können. Ein seltsames Unbehagen, das bis in die Tiefen meines Liebeslebens drang. Die Wohnungsbaugesellschaft, vor deren steigenden Mieten ich geflohen war, buchte fleißig weiter Mieten ab. Ich hatte die drei Monatsfrist einer Kündigung eingehalten, und die Zeit genutzt um die Wohnung in der Blücherstraße nach den Wünschen der Verwaltung zu renovieren. Zur Schlüsselübergabe im Büro des Verwalters erschienen, der sein kleines Büro mit Postern von Buddha-Statuen heimisch einzurichten verstand, hatte ich ihm, während ich die gerahmten Fotos seines letzten Thailand Urlaubs bewunderte, die Schlüssel in die Hand gegeben. Die Insel Phi Phi kannte ich nur aus dem Kino, woraufhin er sagte: Nur noch drei Wochen, dann flieg ich wieder! Zumindest nach Außen hin, sein Leben erschien als ein Muster an Einfachheit. Zum Abschied hatte ich ihm noch meine neue Adresse hinterlassen, was ihn sichtlich überraschte, denn Franzmanns Haus war nahezu das einzige, das eben nicht seiner Gesellschaft

sieben Minuten, fünfundvierzig Sekunden

Folge hört man den zweiten Anlauf: „

drei

“.

gehörte. Liest man Lacans kapitalistischen Diskurs, so fällt auf, in ihm entsteht keine Intersubjektivität, sondern die Relation entsteht zwischen einem Subjekt auf der einen Seite und dem Wissen des Experten auf der anderen. Der Wohnungsverwalter wusste genau, dass trotz jener Gesetzesänderung, die für mich die Freiheit bedeutete, es einen kleinen Zeitraum gab, eine Übergangsfrist, die ich übersah und nach der jene älteren Knebel-Mietverträge ihre Gültigkeit noch nicht verloren hatten. Später hatte er mich dann per Einschreiben daran erinnert. Ich empfand tiefes Bedauern und wollte gerne Wege dafür finden, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, wir vereinbarten Ratenzahlungen und ich überwies auf anderthalb Jahre gestreckt, die Mieten für die kommenden neun Monate. Niemand schien jene Wohnung in der Blücherstraße zu wollen. Und wenn ich, ganz allein, mitten in der Nacht, der Lösung ein klein wenig näher zu kommen glaubte, so hörte man am Ende nur Stille, die all dies auf geheimnisvolle Weise in mich zurückgefaltet hatte. Die Paradoxie des Über-Ich Terrors, jener abstrakten Produktivität, erhellt die Funktionsweise des kapitalistischen Diskurses, der eben nicht Güter für den Genuss, sondern vor allem jenes unstillbare Verlangen produziert, bei dem sich das Subjekt am Ende selbst konsumiert. Das Wissen der Experten, die Dauerwerbesendungen, die Vielzahl der Kochshows, Traumhäuser und Superstars, all diese guten Tips und Ratschläge, egal wie erfolgreich wir versuchen sie in unserem Alltag umzusetzen, in Form der neue Wohnungseinrichtung, der elektrischen Käsereibe und des Spagelschäler, das, was wir wirklich wollen, bleibt unaussprechlich und der Genuss ist in jedem Falle der des Anderen. Wir brauchen keine Lösungen, sondern Probleme, Ideen und Ideale, Horizonte nach denen wir unsere eigene Erfahrung ausrichten können. In den letzten Jahren, seit ich hier oben in meinem Turm wohne, wird jene Stille allzu oft von den Sirenen der Feuerwehr unterbrochen. Gerade eben hat man mit aller erforderlichen Anstrengung einen klaren Gedanken gefasst, prompt fahren einem Feuerwehr oder Polizei durch's Bild. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie oft es hier brennt, irgendwo scheint es immerzu zu brennen. In Anbetracht dessen fällt es mir immer schwerer, meine Ruhe zu bewahren, während von hier oben noch alles irgendwie geordnet aussieht, gerade jetzt, wo die Frauen der FORT-Gruppe (Frauen-Organisieren-Radikale-Therapie) mit dem Gefühl, etwas geleistet zu haben, die AWO verlassen und ich zufällig sehe, wie eine von ihnen, die sich gerade eben noch von ihren Freundinnen verabschiedet hatte, in jenen schnittigen Sportwagen steigt, den sie vorsichtshalber um die Ecke geparkt hat. Recht so, denke ich. Es hat sich soviel verändert hier. Mein Volvo (480 Turbo), den ich freitags in der Seumannstraße abgestellt hatte und montags (bis auf ein paar herumliegende Lackstreifen:

Aubergine) nicht wiederfand, wurde von Vandalen so lang mit Pflastersteinen bearbeitet, bis schließlich kaum etwas davon übrig blieb. Dann hat im letzten Jahr ein schleichender Prozess begonnen, zuerst wurde ein Reifen meines Honda zerstochen, ich zog das Reserverad auf. Dann, nach einer Weile, waren plötzlich alle Reifen auf einmal zerstochen, ich griff zu den Winterreifen. Und von dem Moment an beschleunigte sich der Prozess. Es schien, als würde ein Ereignis ein anderes einfach so nach sich ziehen. Ich fing an, einen immer größeren Bogen um den Tatort zu machen und überhaupt, es fiel mir von Mal zu Mal schwerer, vor die Tür zu gehen oder ans Telefon. Ich spezialisierte mich auf Sonnenuntergänge, die sind geradezu malerisch von hier oben anzuschauen, und, ganz ehrlich, ich hatte begonnen, mich von der zyklischen Natur der Dinge einfach so tragen zu lassen. Haben Sie jemals jene ätherischen Gleichnisse gelesen, die Fürst Pückler von Muskau in den Tagebüchern eines Verstorbenen für unsere Stadt formulierte:

„Die Gegenden, durch welche mein Weg führte, gehörten einer anmuthigen und sanften Natur an, besonders bei Stehlen an der Ruhr, ein Ort, für den gemacht, der sich vom Getümmel des Lebens in heitre Einsamkeit zurückzuziehen wünscht.“ Auch ich wurde zum Romantiker. Und ist das nun meine innere Emigration? Ich weiß es nicht. Für eine Stadt, selbst wenn sie so groß ist wie diese, muss es doch etwas bedeuten, wenn sich die Ereignisse in ihr so gestalten, weil die Zerstörung der Werte (nicht nur der materiellen) doch auch Einfluss auf unseren Lokalesprit ausübt, denn wir alle, ein jeder von uns, sind effektiv an jenes Netz der Macht und Ohnmacht angeschlossen. Aber wie damit umgehen? Mich haben die Schwingungen, dort unten im Nordviertel, zuerst mal auf ganz praktische Weise in die Kehrseite des System integriert. Lang

schon hab ich alle Projekte in Anderswo abgesagt. Ich begann von meinen Ersparnissen zu leben und jetzt, mittellos, die Taschen leer und in Stücke gerissen. Träume ich hier oben in meinem Turm von Rumänien. Heimat, soll ich mich nun endlich den Strukturen Deines Diskurses anpassen? Doch die Lektion des Lebens ist, wie immer, eine andere. Die Realität des Diskurse hat mich effektiv zerstört. Mein Bewegungsradius ist praktisch eingeschränkt, jeder Versuch, das zu ignorieren und eine innere Distanz zur eigenen Lebenssituation aufzubauen, ist Flucht in die Phantasie, ein zwanghaftes Festhalten an der Illusion, dass das wahre Leben im Anderswo sei. So ginge ich mir schließlich selbst in die Falle. Rumänien, dieser Zwiespalt zwischen Realität und Phantasie ist nicht auszuhalten. Es gibt für uns nur eine Lösung, die Verhältnisse anzunehmen, aber den Diskurs zu wechseln. Ich war beim Arbeitsamt. Dann, nach einer Woche Bewerbungstraining, hab' ich mich zur Verstärkung des Teams bei Sicher-Stark beworben, die suchen jemand, der Ihnen die Filme zum Familien-Sorglospaket macht, der Satz: „Sie möchten Ihre Kinder schützen und eine lebenslange Garantie erhalten?“, hat es mir angetan. Ich hoffe das klappt! Beim Bewerbungstraining hab ich mein Wissen über Psychodignostik (natürlich nach Handbuch) wiederauffrischen dürfen. Und nach einer Woche Gruppenarbeit, Kennenlernspielen und Präsentationen unserer Zukunftspläne, hatte ich endlich wieder das gute Gefühl neue Freunde gefunden zu haben, doch als ich kurz den Seminarraum verließ wurde mein Laptop, mitsamt der Präsentation und den früheren Versionen dieses Textes, gestohlen. Jetzt ist alles weg, trotzdem ist da kein Gefühl der Freiheit. Papa sagt: „Lass uns Spazierengehen!“ – was soll ich sagen: All' unsere bürgerlichen Errungenschaften, die neuen Fahrradwege, die künstlich angelegten Seen, die frisch verpflanzten Rasenstücke, neuen Streifenwagen und die Wandmalereien nach venezianischen Postkartenmotiven an Freisenbrucher Häuserwänden, die Renaturierung unserer Bäche und das Verschwinden der Kanalisation unter die Erde, die Flachbildschirme in den Wartezonen der Job- Center, der Wetterbericht von Air Berlin, die Dauerwerbesendungen und Berichte erfolgreicher Gründungen, die allesamt ganz klein in Garagen angefangen und sich dann sorgsam hochgearbeitet haben, die Festivals, kulinarischen Meilen und kreativen Klassen, tragen dazu bei, uns von all unseren Sorgen abzulenken, die innere Distanz zu bewahren, und uns schließlich davon zu überzeugen, dass unsere Sorgen, meine Sorgen, keine Sorgen sind, sondern Umbrüche, Neuanfänge und spätere Erfolgsgeschichten. Früher hatte es einmal eine Bedeutung, wenn einem die Reifen zerstochen wurden oder jemand mit dem Schlüssel hässliche Worte auf's Auto schrieb, und es ergab Sinn darüber nachzudenken. Wir durften uns darüber den Kopf zerbrechen und am Ende ergab womöglich alles einen Sinn, weil wir gemeint waren. Haben Sie jemals von der Geschichte des Bergmanns gehört, der verdächtigt wird, von seinem Arbeitsplatz zu stehlen? Aber so gut man ihn und die Schubkarre, die er vor sich herschiebt, allabendlich vor dem Werkstor auch untersucht: nie gelingt es, das Diebesgut zu finden. Die Schubkarre ist immer leer. Natürlich fällt der Groschen auch hier erst zum Ende der Geschichte, nämlich dann, wenn die Schutzmänner erkennen: der Mann klaut die Schubkarren selbst. Was die Werkspolizei übersehen hat, war die augenscheinliche Wahrheit. Doch was ist nun diese Wahrheit? Zygmund Bauman, der polnisch-britische Soziologe, formuliert sie in etwa so: „Revolutionen sind keine Stapelware, Mienenfelder sind es. Mienenfelder sind Areale gefüllt mit zufällig gestreutem Sprengstoff, und man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die eine oder andere Tretmiene nach einer Weile explodieren wird, aber man kann nicht genau sagen, welche und wann.“ Die Tretminen, dass sind jene Dauerwerbesendungen in den Wartezonen der Arbeitsämter, dort wird das Subjekt gleichzeitig sediert und scharf gemacht. Es gibt keine Rechtfertigung für Vandalismus und Diebstahl, doch eine Gesellschaft, die auf allen Ebenen die freie Wahl im Dienste des Konsums proklamiert, in deren Praxis es aber keine Alternativen zum erzwungenen demokratischen Konsens gibt (z.B. die Teilnahme am Assessment- Center war pflicht), bietet jenen defekten und disqualifizierten Konsumenten nur eine Alternative:

blindes Acting Out. Was man diesen Menschen geklaut hat ist jede politische Idee, wenn Konsum gleichbedeutend ist mit Leben, können die Reichen nie genug kriegen und die Armen haben nichts mehr zu verlieren, dann zeigt sich, dass der Mensch eben nicht nur ein geistiges Wesen ist, sondern auch ein territoriales. Mein Problem ist, dass ich in den selben Wartezonen auf meinen Durchbruch warte. ------------------------------------ Der Autor – der an dieser Stelle schamlos um einen Job bittet!