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Soziale Arbeit und soziale Dienste

Fabian Kessl und Hans-Uwe Otto 1

1. Einleitung

Soziale Dienste stellen das institutionalisierte Bedingungsgefüge Sozialer Arbeit im wohlfahrtsstaatlichen Arrangement dar. Professionelle sozialpädagogische Handlungsvollzüge werden immer in einem – wenn auch höchst differenten – organisationalen Kontext realisiert. Gemeinsam ist diesem Kontext aber, dass er seit dem 19. Jahrhundert als Teil der Implementierung und Etablierung des wohlfahrtsstaatlichen Gefüges institutionalisiert wurde. Die organisationale Ausprägung dieses institutionalisierten wohlfahrts- und immer zugleich nationalstaatlichen Kontextes lässt sich als „soziale Dienste“ bezeichnen. Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten, das im nachfolgenden Beitrag zur Bearbeitung ansteht, lässt sich im Anschluss an diese erste prinzipielle Definition als Verhältnis von spezifischer personenbezogener sozialer Dienstleistung und sozialen Dienstleistungsorganisationen beschreiben. Folgt man dieser Differenzierung kann seit der wohlfahrtsstaatlichen Frühphase unterschieden werden zwischen der Sozialen Arbeit als sozialer Dienstleistung und als eines implementierten Teils des Systems sozialer Dienste. Die Bestimmung Sozialer Arbeit als Dienstleistung bzw. des organisationalen Musters Sozialer Arbeit als Muster sozialer Dienste fand allerdings erst im Kontext der wohlfahrtsstaatlichen Hochphase statt: im Zuge der Diskussionen um die Etablierung einer „postindustriellen Gesellschaft“ als Dienstleistungsgesellschaft, wie sie sich in den 1970er Jahren unter anderem durch die Arbeiten von Alan Gartner und Frank Riessmann und von Daniel Bell etablierten. Seither wird Soziale Arbeit als eine personenbezogene soziale Dienstleistung systematisch gefasst: Sie markiert demnach einen Erbringungszusammenhang, der öffentlich verfasst ist, beruflich erbracht wird und die Koproduktion der Konsumenten/innen erforderlich macht. Mit

1 Erschienen in Evers, Adalbert/Heinze, Rolf/Olk, Thomas (Hrsg.) (2011): Handbuch Soziale Dienste. Wiesbaden: VS.

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einer solchen expliziten konzeptionellen Markierung von Sozialer Arbeit als sozialer Dienstleistung diffundiert bemerkenswerterweise zugleich die analytische Differenzierung von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten. Zwar erscheint es inzwischen selbstverständlich im Kontext einer organisations- und institutionentheoretischen Betrachtung Sozialer Arbeit von sozialen Diensten und aus einer adressaten- oder nutzertheoretischen Perspektive von Sozialer Arbeit als sozialer Dienstleistung zu sprechen, aber häufig wird dabei entweder nicht trennscharf oder nicht zwischen organisationalem Setting und Erbringungsprozess unterschieden. Gerade in Hinblick auf aktuelle Entwicklungen, so die nachfolgende These, ist eine solche Differenzierung allerdings von deutlichem analytischem Nutzen: Mit der Transformation des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements, dem Beginn der post-wohlfahrtsstaatlichen Phase seit den 1970er Jahren und für die sozialen Dienste im bundesdeutschen Zusammenhang nochmals verstärkt seit dem Ende des 20. Jahrhunderts, zeigen sich hinsichtlich der Verhältnisbestimmung von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten inzwischen zwei Paralleltendenzen, die dieses Verhältnis zugunsten eines der beiden Pole verschieben. Auf der einen Seite finden sich Positionen, die in unterschiedlicher Art und Weise sozialpädagogische und sozialarbeiterische Angebote weitgehend im Format „soziale Dienste“ aufgehen lassen (wollen). Auf der anderen Seite wird die Position Sozialer Arbeit als pädagogisch- erzieherischer Instanz entweder gegenüber einer ausschließlich sozialpolitischen Bestimmung Sozialer Arbeit als sozialer Dienst betont oder die sozialpolitische Bestimmung selbst aktivierungspädagogisch angelegt – soziale Dienste also primär pädagogisch bestimmt.

2. Soziale Dienste und Soziale Arbeit – das Verhältnis von Organisation und Erbringungsprozess seit der wohlfahrtsstaatlichen Frühphase

Soziale Arbeit stellt als personenbezogene soziale Dienstleistung einen Teil der sozialen Dienste dar, realisiert sich also in diesem spezifischen organisationalen Format (vgl. Bauer 2001; Olk/Otto 2003; Schaarschuch/Flößer/Otto 2001). Mit der Kategorie personenbezogener Dienstleistungen kann zugleich ein spezifisches fachliches Erbringungsmuster beschrieben werden, das im Unterschied zu stofflich- produktorientierten Dienstleistungen (vgl. Berger/Offe 1984) durch vier Charakteristika bestimmbar ist: (1) es zielt auf die Herstellung eines weitgehend nicht-materialisierten Produktes, das (2) nicht lagerfähig ist, (3) weshalb sein Produktions- und sein Konsumtionsprozess in eins fallen (uno-

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actu-Prinzip) und der Kunde oder die Nutzerin im Moment der Dienstleistungserbringung anwesend sein muss (Kundin/Nutzer als Ko- Produzent/in). Das Format „Soziale Arbeit“ als spezifische personenbezogene soziale Dienstleistung lässt sich im Unterschied zu anderen personenbezogenen Dienstleistungen dadurch charakterisieren, dass es einen Teil des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements ausmacht, also einen Teil „des Sozialen“ im engen Sinn (sozialen Sektor). 2 Bernhard Badura und Peter Gross (1976: 77 f.) sprechen deshalb davon, dass personenbezogene soziale Dienstleistungen „im Rahmen der staatlichen Sozialpolitik vom Staat, juristischen Personen des öffentlichen Rechts oder gemeinnützigen Trägern bereitgestellt oder mindestens mitfinanziert werden müssen, weil sie weder mehr freiwillig und unentgeltlich im soziokulturellen Bereich erbracht noch privatwirtschaftlich produziert werden können“. Soziale Arbeit als personenbezogene soziale Dienstleistung ist im Sinne dieser Bestimmung also öffentlich mit einer spezifischen Normalisierungsarbeit beauftragt (vgl. Olk/Otto/Backhaus-Maul 2003: IX ff.): Ihre – wohlfahrtsstaatliche – Aufgabe besteht darin, subjektive Lebensführungs- und Subjektivierungsweisen in Bezug auf die wohlfahrtsstaatlich als gültig vereinbarten Normalitätsmodelle zu regulieren und zu gestalten (v.a. spezifisch-heterosexuelle Geschlechtermodelle, spezifische Forme der familiären Lebensgemeinschaft und ein spezifisches – männlich konnotiertes – Erwerbstätigkeitsmodell in Vollzeit) (vgl. Kessl/Otto 2009/i.E.). Mit einer solchen Bestimmung des Verhältnisses von sozialen Diensten und Sozialer Arbeit wird somit die Differenzierung von organisationaler Ebene (sozialer Dienst) und Handlungsebene (Soziale Arbeit als soziale Dienstleistung) vorausgesetzt, und zugleich wird diese hinsichtlich ihrer sozialen Dimensionierung, ihrer spezifischen Institutionalisierungsform also, qualifiziert (vgl. dazu ausführlich Kessl 2009/i.E.).

Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts erfahren materielle und psychosoziale Notsituationen mit Verweis auf den vehementen sozialen Wandel eine verstärkte öffentliche Thematisierung. Die vormals „göttlicher“ Handlungsverantwortung bzw. „charakterlicher Schwäche“ zugeschriebenen menschlichen Notlagen scheinen zunehmend begründungsbedürftig. Die entstehenden Sozialwissenschaften (Soziologie, Nationalökonomie, Sozialmedizin, Statistik oder Sociale Pädagogik) legitimieren sich mit Hinweis auf diese sociale Frage (vgl. Pankoke 1970). Ihre Erkenntnisse

2 „Das Soziale“ im weiten Sinne kategorisiert dagegen im wohlfahrtsstaatlichen Kontext die Gesellschaft als nationalstaatlich verfasste Bevölkerungseinheit, wie wir im weiteren Text noch ausführen werden (vgl. dazu auch Kessl/Ziegler 2008).

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dienen sozialpolitischen Initiativen wiederum dazu, ihre Forderungen nach einer öffentlichen Reaktion auf menschliche Notlagen zu begründen. Diese Neubestimmung des Sozialen (im weiten Sinne) als Vermittlung von politischer Organisation und wirtschaftlichem System erfährt ihre Institutionalisierung im Deutschen Bund und nachfolgend dem Deutschen Reich seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die Implementierung des sozialen Sektors, der wohlfahrtsstaatlichen Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen. Teil dieses Implementierungsprozesses ist der Aufbau vergesellschafteter Sozialisationsinstanzen, eine Installierung früher Organisationsformen der Sozialen Arbeit – eines spezifischen Formats personenbezogener sozialer Dienstleistungen also. Bis ins 18. Jahrhundert stehen disziplinierende Maßnahmen als Vorläufer der wohlfahrtsstaatlich verfassten Sozialen Arbeit im Mittelpunkt, bspw. in der institutionalisierten Form von Zucht- und Arbeitshäusern. Die „Macht, sterben zu machen oder leben zu lassen“ war das Kennzeichen der Souveränitätsmacht bis ins 17. Jahrhundert gewesen – symbolisiert in der Figur der Herrscherperson (Kaiser, König oder Papst) (Foucault 1999: 278). Die anschließende Umwandlung der Souveränitätsmacht in die Disziplinarmacht, das heißt in das „Recht, leben zu machen und sterben zu lassen“, konkretisierte sich daraufhin in den entstehenden Disziplinaranstalten, wie den Rettungshäusern, durch Prozesse der Intervention in die Verhaltensweisen einzelner Menschen. Hier sollten die Menschen dazu angeleitet werden, ihr Leben selbst führen zu können, was vor allem bedeutete, arbeitsam zu sein. Mit der Transformation disziplinierender Strategien in biopolitische Programme und Maßnahmen wird seit dem 18. Jahrhundert der Bevölkerungskörper als Regulierungsziel entdeckt (vgl. Foucault 1977: 170): Hygiene, Bevölkerungsstatistik und eben Soziale Arbeit sind zentrale Bestandteile dieses seither wirksamen „biopolitischen Komplexes“. Die institutionalisierte wohlfahrtsstaatliche Verfasstheit dieser Instanzen der Regulierung und Gestaltung alltäglicher Lebensführung lässt sich analytisch als soziale Dienste bezeichnen. „The institutional framework of universal social services was seen as the best way of maximising welfare in modern society, and the nation state worked for the whole society and was the best way of progressing this“ (Parton 1996: 8). Soziale Dienste stellen in diesem Sinne eine sozialpolitische Strategie dar, die mit Badura und Gross in zweifacher Weise auftreten: als Dienstleistungsstrategie und als Einkommensstrategie. Soziale Dienste verfolgen ihres Erachtens die erstgenannte Strategie, die „der Herstellung, der Erhaltung oder Wiederherstellung der physischen, psychischen und der sozialen Existenz des einzelnen oder ganzer Gruppen oder sozialer

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Kategorien sowie ihrer Ausstattung mit Wissen, Fertigkeiten, Motiven und Einstellungen (dient). Sie dient (außerdem) der Wiederherstellung, Sicherung und Verbesserung der physischen und kulturellen Voraussetzungen zur Teilnahme an den sozialen, ökonomischen und politischen Aktivitäten unserer Gesellschaft“ (Badura/Gross 1976: 13). Damit lässt sich die sozialpolitische Perspektive sozialer Dienste, oder anders gesprochen: die sozialen Dienstleistungsprozesse als deren Handlungsmuster, mit Badura und Gross auch als (sozial)pädagogisch charakterisieren. Soziale Dienstleistungen sind nämlich dadurch gekennzeichnet, dass sie Lebensführungs- und Subjektivierungsweisen gezielt zu beeinflussen und geplant zu unterstützen suchen, also pädagogisch agieren. Sozialpädagogisch werden diese Erbringungsmuster dann, wenn sie darauf fokussieren, soziale Problemlagen zu vermeiden, Wege zu deren Substitution zu realisieren oder wenigstens die Alltagsbewältigung der Betroffenen zu unterstützen. Eine solche Charakterisierung des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten als spezifisches institutionelles Format ist unseres Erachtens aus zwei Gründen systematisch weiterführend: Erstens kann damit deutlich gemacht werden, dass die eingangs formulierte erste Definition des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten – als Relation zwischen Erbringungsprozess und organisationalem Rahmen – als angemessene analytische Bestimmung einer Qualifizierung hinsichtlich der Dimension des Sozialen (im weiten Sinne) bedarf. Notwendig ist also eine Beantwortung der Frage, was die Spezifik dieses Verhältnisses von personenbezogenem Erbringungsprozess und organisatorischer Verfasstheit als sozial kennzeichnet: ihre bisherige wohlfahrtsstaatliche Institutionalisierung und inzwischen deren post-wohlfahrtsstaatliche Transformation. Zweitens weist die Differenzierung der beiden zentralen sozialpolitischen Strategien durch Badura und Gross bereits auf analytische Engführungen hin, die in jüngster Zeit mit Blick auf das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten in so mancher Überlegung relevant werden: Eine ganze Reihe von Positionen konzentriert sich nämlich entweder auf die (sozial)pädagogische oder die (sozial)politische Dimensionierung und sucht damit Soziale Arbeit entweder nurmehr als sozialen Dienst zu fassen oder umgekehrt die Bestimmung Sozialer Arbeit als Dienstleistung wieder zugunsten eines Verständnisses von Sozialer Arbeit als rein pädagogischer Instanz zu überwinden (vgl. Kap. 3.1 und 3.2??). Bestimmt man im Anschluss an Badura und Gross allerdings die sozialpolitische Perspektive „Dienstleistungsstrategie“ selbst als sozialpädagogisch erweisen sich derartige Engführungen als analytisch unzureichend: Soziale Arbeit stellt als pädagogische Dienstleistung einen Teil des wohlfahrtsstaatlichen Systems sozialer Dienste darstellt – sie ist also in der Verkopplung ihrer

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sozialpolitischen

und

sozialpädagogischen

Anteile

systematisch

zu

bestimmen.

Zugleich wird mit Blick auf die benannten Aspekte einsichtig, weshalb terminologisch zwischen sozialen Dienste und Sozialer Arbeit als sozialer Dienstleistung häufig gar nicht systematisch unterschieden wird. Der Blick in die entsprechende Forschungslandschaft offenbart vielmehr, dass die Verwendung der Begriffe „soziale Dienste“, „soziale Dienstleistung“ und „Soziale Arbeit“ nur selten konsistent entlang der Differenzierungslinie von Erbringungsorganisation und Erbringungsprozess vorgenommen wird. Rudolph Bauer (2001: 66) spitzt diese Beobachtung sogar zu der Einschätzung zu, dass bereits in den sozialwissenschaftlichen Grundlegungen zur Dienstleistungstheorie die „Begriffe 'Dienste' und 'Dienstleistung' ( ) austauschbar zu sein (scheinen)“. Bauers Diagnose lässt sich für den Großteil der dienstleistungstheoretischen Bestimmungsversuche zur Sozialen Arbeit bestätigen. Zugleich ist diese terminologische Unschärfe aber kein prinzipielles analytisches Dilemma, sondern verweist auf ein systematisches Defizit der bisherigen Dienstleistungsforschung im Kontext Sozialer Arbeit: die weitgehend fehlende Systematisierung des Erbringungsverhältnisses hinsichtlich der (Selbst- wie Fremd)Positionierung der beteiligten Akteure und der damit verbundenen (Re)Produktion der dominanten Denkweisen durch institutionelle, professionelle wie Nutzerakteure (vgl. Hanses 2001; Kessl 2008). Eine Leerstelle, die auch von innerhalb der bisherigen Forschung um soziale Dienste nicht gefüllt wurde: Auch soziale Dienste werden keineswegs nur als spezifisch-organisationales Format gefasst, wie das Beispiel der Definition von Christoph Sachße (2002: 8) zeigt: Soziale Dienste sind demnach „alle Formen personenbezogener, fachlich qualifizierter und

beruflich erbrachter sozialer Dienstleistungen (

Beratung, Pflege und Betreuung von Individuen und Gruppen zu tun haben“. Damit deutet Sachße gerade auf die Spezifik des Handlungsvollzugs zur Charakterisierung der sozialen Dienste hin, womit auch er die analytische

Differenzierung von sozialen Diensten und sozialen Dienstleistungen unterläuft.

),

die es mit Erziehung,

3. Soziale Arbeit als Dienstleistung – zur konsumentenorien- tierten Bestimmung Sozialer Arbeit und deren Innovations- interesse

Innerhalb der Dienstleistungsforschung Sozialer Arbeit und den Arbeiten zum

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Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten werden analog zur eingangs formulierten Differenzierung von sozialer Dienstleistung und sozialer Dienstleistungsorganisation – zwischen Sozialer Arbeit als soziale Dienstleistung und als ein implementierter Teil des Systems sozialer Dienste – zwei miteinander verbundene Aspekte unterschieden. Einerseits wird die Handlungs- bzw. Erbringungssituation in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt, indem auf die Kunden- und Nutzerinnenseite fokussiert wird. Im neunten Jugendbericht (Bundestagsdrucksache 13/70 1990: 583), der als diskursive Schnittstelle in den Debatten um Soziale Arbeit als sozialer Dienstleistung angesehen werden kann, da es mit ihm gelang, das Modell Sozialer Arbeit als Dienstleistung innerhalb der Fachdebatten auf der Agenda zu verankern, heißt es dazu: „Im Mittelpunkt stehen dabei (vorher ist von der Bestimmung der bundesdeutschen Jugendhilfe als Dienstleistung die Rede; FK/HUO) Situativität und Kontextualität sowie die Optionen und Aktivitäten des nachfragenden Subjektes. Diese dienstleistungstheoretische Konsumentenorientierung wird von anderen Autoren, im deutschsprachigen Raum vor allem im Umfeld der Bielefelder und Wuppertaler Dienstleistungs- und Nutzerforschung (vgl. Beiträge in Oelerich/Schaarschuch 2005), noch weiter radikalisiert. Andreas Schaarschuch (1998: 246) kehrt dazu den Status der direkt Beteiligten um: Die Nutzer/innen werden von ihm nun als die „eigentlichen Produzenten des Sozialen“, „konsumierende Produzenten“ also, und die sozialpädagogischen Fachkräfte als die „professionellen Ko- Produzenten“ konzipiert. Andererseits werden diese Vorschläge zu einer (verstärkten) Adressaten- oder Kundenorientierung der Sozialen Arbeit als Dienstleistung mit Blick auf deren Verwirklichung auf organisationaler und institutioneller Ebene formuliert. Die Autorinnen und Autoren des neunten Jugendberichts betonen dementsprechend ein „anderes Verhältnis von Organisation zu Adressaten und Adressatinnen“ (ebd.: 583; Hervorh., FK/HUO). Schaarschuch (???: 19?) spricht in diesem Zusammenhang von einem „systematische(n) Wechsel von den institutionellen und organisatorischen Perspektiven hin zur Perspektive der Nutzer“, die es angemessen und „systematisch (zu) institutionalisier(en)“ gelte (ebd.: 20?). Konzeptionell wird Soziale Arbeit als Dienstleistung dementsprechend in einer intermediären Sphäre verortet, im Spannungsfeld von Handlungs- und institutioneller Ebene. Inwieweit die Radikalisierung in der Version, wie sie Schaarschuch vorschlägt, überzeugen kann, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden (vgl. dazu die Einwände von Dollinger 2008; Galuske 2002; Kutscher 2002; Ziegler 2004). Deutlich machen diese Einwände, die neben dem Aspekt einer gleichzeitigen normativen Überformung (Annahme der konstitutiven

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Adressatenorientierung) und einer unterbelichteten systematischen Einbindung der normativen Begründung (gerechtigkeits- und demokratietheoretisches Defizit) sozialpädagogischer Dienstleistung das machtanalytische Defizit dienstleistungstheoretischer Positionen mit Blick auf die prinzipielle Asymmetrie der Erbringungssituation als (sozial)pädagogischer und das Paternalismusproblem markieren, die bereits angedeutet Notwendigkeit einer positionierungs- und akteursanalytischen Bestimmung Sozialer Arbeit als Dienstleistungsinstanz. Unabhängig von der Auseinandersetzung um die konzeptionelle Modellierung der Akteurskonstellation als Produzent (Fachkraft) und Konsument/in (Kunde/in), Produzent/in (Fachkraft) und Ko-Produzent/in (Adressat/in; Bürger/in) oder als Ko-Produzent/in (Fachkraft) und Produzent/in (Nutzer/in) (vgl. Bauer 2001) ist all diesen Positionen eine zentrale Motivation gemeinsam: ein explizites und zugleich spezifisches Modernisierungs- und Innovationsinteresse. Und diese Motivation teilen diese Positionen mit Arbeiten zu einer theorie-systematischen Bestimmung sozialer Dienste, wie denjenigen von Badura/Gross oder Christoph Sachße. Trotz grundlegender Einwände setzt die Mehrheit der Beiträge noch immer auf Verheißungen der Dienstleistungsgesellschaft, wie sie Peter Gross (1983:

39) vor 25 Jahren in die folgenden Worte zusammengefasst hat: „Die Theorie der Dienstleistungsgesellschaft identifiziert die Expansion der Dienstleistungen mit gesellschaftlichem Fortschritt, mit einer humanen Form der Erwerbstätigkeit, mit einer neuen Zwischenmenschlichkeit“. Zwar sind affirmative Positionen, wie diejenige der US-amerikanischen Dienstleistungstheoretiker Audrey Gartner und Frank Riessman (1978), die davon sprachen, dass „von der ‚Ausweitung der Produktion und Konsumtion bezahlter und unbezahlter personenbezogener Dienstleistungen’ auf einen wachsenden Einfluß der KonsumentInnen innerhalb der Gesamtheit wirtschaftlicher Tätigkeiten zu schließen (sei)“, scharf kritisiert und zurückgewiesen worden (zit. nach Petersen 1999: 12). Dennoch erhoffen sich die Protagonisten einer dienstleistungstheoretischen Neujustierung Sozialer Arbeit ebenso wie viele Theoretiker sozialer Dienste einen grundlegenden Innovationsschub. Dieser soll erreicht werden durch eine deutliche Stärkung der Position der Konsumenten/innen, das heißt die „Rolle der 'Nachfrager“ (Otto/Backhaus-Maul 2003: LVI). Mit ihrer Rede von einer „dienstleistungsorientierten Sozialen Arbeit“ oder den „sozialen Diensten“ betonen die Autorinnen und Autoren diesen Aspekt, der ihres Erachtens bisher deutlich unterbelichtet geblieben und daher eine dementsprechende organisational-institutionelle Ausgestaltung sozialpädagogischer Erbringung nicht vollzogen worden sei. 3 Gemeinsam ist diesen Arbeiten also eine

3 Tendenziell scheint in diesem Zusammenhang die Rede von „sozialen Diensten“

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prinzipielle Konsumentenorientierung. Sichtet man vor diesem Hintergrund die aktuellen Diskussionen um das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten, dann zeigen sich zwei dominante Thematisierungslinien: eine sozialwirtschaftliche, die den Konsumenten als mindestens relativ autonomen Akteur oder als Kunden auf einem Markt sozialer Dienstleistungen, versteht und eine erzieherisch- individualisierungstheoretische, die vom einzelnen Konsumenten aus konzeptionalisiert werden müsse, und diesen als solchen auch mit zu konstituieren bzw. zu aktivieren habe. Diese Differenzierung deutet bereits an, dass in den aktuellen Diskussionen um das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten keineswegs durchgehend von der konstitutiven Verkopplung sozialpolitischer und sozialpädagogischer Anteile ausgegangen wird. Ganz im Gegenteil: Das Verhältnis wird in eine Richtung aufzulösen versucht – in Richtung „soziale Dienste“oder in Richtung „Sozialpädagogik“.

4. Soziale Dienste oder Soziale Arbeit – zur Differenzierung eines unbestimmten Verhältnisses in der post-wohlfahrts- staatlichen Phase

Die sozialwirtschaftlichen Thematisierungslinien lassen das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten weitgehend im Format „soziale Dienste“ aufgehen, da sie die sozialpädagogische Dimension als unzureichend oder als hinderlich zurückweisen. Vor allem zwei zentrale Argumentationslinien lassen sich dabei unterscheiden. Eine erste Gruppe kommt aus dem Feld der so genannten sozialarbeitswissenschaftlich argumentierenden Autorinnen und Autoren, die in der Konzeptualisierung Sozialer Arbeit als sozialer Dienstleistung die von ihnen diagnostizierte „sozialpädagogische Dominanz“ zu überwinden suchen und hierzu die Rolle autonomer Konsument_innen gegenüber der Annahme einer pädagogischen Beziehung kontrastieren. Eine zweite Gruppe von Autor_innen zielt mit der Radikalisierung der Konsumentenrolle in der Kund_innen-Figur darauf, die

inzwischen diejenige von einer „dienstleistungstheoretischen Sozialen Arbeit“ eher abzulösen. Das zeigt eine wachsende Zahl aktueller Studiengangsbeschreibung im Kontext der Implementierung von konsekutiven Studienangeboten ebenso, wie eine zunehmende Benennung von ausgelagerten und verselbständigten Arbeitseinheiten innerhalb der Wohlfahrtsverbände als „soziale Dienste“. In beiden Fällen ersetzt die Rede von den sozialen Diensten die von der dienstleistungsorientierten Sozialen Arbeit oder wird dieser zumindest ergänzend zur Seite gestellt – ein Phänomen, das auch im englischsprachigen Raum bereits seit der letzten Dekade verstärkt zu beobachten ist.

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Hierarchie zwischen der Dienstleistungsproduzentin Soziale Arbeit und deren Konsument_innen aufzulösen. Die erzieherisch-individualisierungstheoretischen Thematisierungsstränge lassen sich ebenfalls in zweifacher Weise differenzieren: Die Sprecher_innen dieser Positionen melden entweder grundlegende Zweifel an der analytischen Passgenauigkeit einer Bestimmung Sozialer Arbeit als Dienstleistung, weil damit Sozialer Arbeit nur noch aus einer sozialpolitisch interessierten Perspektive systematisch Beachtung geschenkt würde. Das führe aber dazu, so argumentieren beispielsweise Autorinnen und Autoren aus einer kasuistisch interessierten Perspektive, dass die sozialpädagogische Perspektive außen vor bleibe. Eine zweite Argumentationslinie vor allem staatstheoretischer Ansätze lehnt zwar die dienstleistungstheoretische Bestimmung Sozialer Arbeit keineswegs prinzipiell ab, plädiert aber dafür, soziale Dienste als Teil der öffentlichen Dienstleistungen auf ihre Rolle als aktivierungspädagogische Akteurin im Kontext eines „investiven Staats“ zu verpflichten.

4.1 Soziale Dienste statt Sozialpädagogik

Peter Erath und Hans-Jürgen Göppner (1996) begründen ihr Plädoyer für den Auf- und Ausbau einer eigenständigen „Sozialarbeitswissenschaft“ damit, dass ihres Erachtens bisher eine „sozialpädagogische Dominanz“ vorherrsche, die für die Entwicklung einer professionsstabilisierenden und identitätsstiftenden Forschung hinderlich sei. 4 Wie vor allem die Sozialgesetzbücher zeigten, sei Soziale Arbeit konstitutiv „nur noch zu einem geringen Teil sozialpädagogisch begründe(t)“ (ebd.: 188). Denn diese werde hier „vor allem mit dem Begriff der Dienstleistungsorientierung“ beschrieben (ebd.). Erath und Göppner sehen also einen Widerspruch zwischen einer

4 Motivation zur Implementierung einer eigenständigen „Sozialarbeitswissenschaft“, wie sie vor allem in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre teilweise vehement eingefordert wurde, war, der Profession Soziale Arbeit eine eigenständige Disziplin jenseits der erziehungswissenschaftlichen Subdisziplin „Sozialpädagogik“ zuzuordnen. Während diese Forderung einige Jahre zu hitzigen Auseinandersetzungen entlang einer suggerierten Konfliktlinie „Fachhochschulen [Sozialarbeitswissenschaften] versus Universitäten [Sozialpädagogik]“ geführt hatte, ist die Diskussion seit Anfang der 2000er deutlich abgeflaut und die Chance der Implementierung einer eigenständigen Sozialarbeitswissenschaft wird auch von ehemaligen Protagonisten inzwischen sehr skeptisch eingeschätzt (vgl. Merten 2008; Scherr 2008).

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sozialpädagogisch und einer dienstleistungsorientiert ausgerichteten Sozialen Arbeit. Während bisher die sozialpädagogischen Fachkräfte und Träger ihres Erachtens „als sakrosankt galten und ihr Verhalten keineswegs kritisiert werden durfte“, stelle sich der (dienstleistungsorientierten) Sozialen Arbeit inzwischen zum einen explizit die Qualitätsfrage, wie die Implementierung von Qualitätssicherungssystemen zeige, und zum anderen sähe sie sich mit Hilfeberechtigten konfrontiert, die „auf einem freien oder halbstaatlichen Markt“ der Dienstleistungen „autonom entscheiden“ könnten, welches Angebot sie auswählen (ebd.: 188f.). Dieser Entwicklung könne einer „sozialpädagogisierte Sozialarbeit“ nicht entsprechen, sondern werde sogar zur „Innovationsverhinderin im Hinblick auf die Weiterentwicklung bzw. Steigerung der Leistungsfähigkeit des Systems der Sozialen Hilfen“ (ebd.:

192).

Jörn Rabeneck (o.J.) definiert in seinem Beitrag zum SGB VIII – Online- Handbuch Kundenorientierung für die Soziale Arbeit als Bedürfnisorientierung: „(N)icht der Fachmann ist der Experte, sondern der Kunde selber, denn er ist nicht mehr nur ein 'Schutzbefohlener', dem man mit irgendwelchen aufoktruierten Fachlichkeiten helfen kann, nein, der Kunde ist der Experte und ich kann ihm nur 'unter die Arme greifen'“. Diese Annahme begründet Rabeneck in dienstleistungstheoretischen Termini, wenn er anschließend davon schreibt, dass der Kunde „mein Co-Produzent“ darstellt, mit es man gemeinsam eine „maßgeschneiderte Hilfe“ schneidern müsse. Zwar sei die „marktwirtschaftliche“ Kundenfigur von dem Kunden im Feld der sozialen Dienste zu unterscheiden – denn hier gehe es nur darum, „dem 'Klienten' durch die Einführung des Begriffs 'Kunde' eine höhere Wertschätzung (zu geben)“, während dort darauf abgestellt werde, den Kunden „immer wieder als Kunden zu bekommen“. Dennoch sei auch eine kundenorientierte Neujustierung Sozialer Arbeit sinnvoll, da sich dieser die Aufgabe stelle, den bisher als Klienten konzeptualisierten direkten Nutzern

zu 'verkaufen', um ihn aus 'seiner Misere

bzw. seiner individuellen Notlage zu erretten“ (ebd.).

„ein möglichst gutes Produkt (

)

4.2 (Sozial- oder Aktivierungs-)Pädagogik statt sozialer Dienste

Burkhard Müller hat in seinen Arbeiten vor allem zwei Kritikpunkte gegenüber dominierenden theorie-systematischen Debatten geäußert, die er teilweise explizit auf die dienstleistungstheoretischen Beiträge bezieht und teilweise implizit auf diese verweisen: Zum einen gehe vor allem in der professiontheoretischen Debatte immer wieder die kasuistische Dimension, das heißt die Frage der Gestalt(ung) einer systematischen Fallbearbeitung aus

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dem Blick, so Müller in seinen Überlegungen zur Konzeptualisierung eines „sozialpädagogischen Könnens“. Stattdessen werde eine mindestens relativ autonome Professionellenfigur unterstellt. Demgegenüber argumentiert Müller für ein Konzept der „offenen Professionalität“ (Müller 2002a: 736), das ohne eine solche „monopolisierbare Expertendomäne“ auskommen müsse. Eine solche Offenheit sei unter anderem deshalb vonnöten, weil Soziale Arbeit immer vom Erfolg anderer Instanzen abhängig sei, denn Agenturen, wie die Schule bestimmten die Lebenschancen von Klienten/innen im höheren Maße als das die Angebote der Sozialen Arbeit selbst könnten. Dieser Hinweis fragt also dienstleistungstheoretisch nach der Möglichkeit der relativ autonomen Gestaltung der Erbringungssituation, die eine ebenso relativ autonome Professionellenfigur voraussetzt. Zum anderen kritisiert Müller die seines Erachtens dominante Perspektive theorie- systematischer Ansätze in der Sozialen Arbeit als zu sozialwissenschaftlich und zu wenig psychologisch. Das hänge damit zusammen, dass Sozialpädagogik als Profession „primär von den Individuen her konzipiert ist“, also aus Perspektive der einzelnen Professionellenperson. Diese sähen zwar „das institutionelle Gefüge (…), von dem sie abhängig sind, aber als etwas ihnen gegenüber Stehendes oder ‚Vorgesetztes’“ (Müller 2002b: 43). Sie berücksichtigten dabei aber nicht, „dass sie selbst diese Gefüge sind und es permanent herstellen“ (ebd.). Genau diese Perspektive sei aber notwendig und werde aus einer psychoanalytischen Position auch sofort einsichtig – eine Perspektive also, so Müller, die bei den Fachkräften zu der Bereitschaft führen müsse, die „Herstellung und ständige Überprüfung der Funktionstüchtigkeit dieser Struktur für die Arbeit mit Klienten zu ihrer ureigensten Aufgabe (zu) machen“ (ebd.: 44f.). Auch dieser Hinweis verweist auf eine dienstleistungstheoretisches Defizit: die Fokussierung des Handlungsmodus sozialpädagogischer Erbringung, die eher zugunsten sozialpolitischer Entwicklungsdiagnosen unterbelichtet bleiben.

Vier Prinzipien sind nach Ansicht von Rainer Fretschner, Josef Hilbert und Sybille Stöbe-Blossey (2003) zielführend, um das Konzept eines „aktivierenden Staates“, wie es im bundesdeutschen Zusammenhang vor allem in der rot-grünen Regierungsperiode seit 1998 politisch dominierend war, innerhalb der Sozialen Arbeit als Teil der öffentlichen Dienstleistungen institutionell zu realisieren: eine „Verantwortungsteilung zwischen Staat und gesellschaftlichen Akteuren“, eine „Koproduktion zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren“, eine „Dialogorientierung“ im Sinne von „dialogischen Prozesse(n) zwischen Verwaltung und Bürgern“ und schließlich eine „Leistungsaktivierung (zur) Qualitäts- und Produktivitätssteigerung öffentlicher Dienstleistungen“ (ebd.: 42).

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Kerninteresse einer derartigen staatstheoretisch motivierten Umsteuerung sei die „einseitige Leistungserbringung des Sozialstaats“ zu überwinden und die „Leistungsinanspruchnahme sowie deren Wirksamkeit“ zu fokussieren (ebd.:

43). Soziale Dienste müssten als Teil der öffentlichen Dienstleistungen nicht mehr die Übernahme von Angeboten garantieren, sondern zu einer „Gewährleistungsagentur“ umgestaltet werden, wie die Autoren im Anschluss an Grunow (1997) formulieren. Allerdings sei dazu die öffentliche Verwaltung „nicht mehr als reines Dienstleistungsunternehmen, sondern auch Anlaufstelle der Bürger als aktive Mitgestalter des Gemeinwesens“ (ebd.:

47). Für die Soziale Arbeit ergäben sich daraus vor allem auf der individuellen Ebene deutliche Konsequenzen, denn eine solche aktivierungspolitische Ausrichtung müsse dazu führen, dass sich Soziale

Arbeit „nicht mehr ausschließlich an der Kompensation individueller und kollektiver Defizite orientiert, sondern vielmehr eine zielgenaue Aktivierung

anstrebt“

und Unterstützung der vorhandenen Selbstgestaltungskräfte ( (ebd.), also erzieherisch wirkt.

)

So überzeugend der Hinweis auf die Relevanz der Autonomie der Konsumenten/innen im sozialpädagogischen Erbringungsverhältnis einerseits und der pädagogischen Verantwortung durch die Dienstleistungsorganisation und die sozialpädagogischen Fachkräfte andererseits ist, so wenig überzeugend ist unseres Erachtens die Fokussierung auf nur einen der beiden Aspekte des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten. Soziale Arbeit stellt als pädagogische Dienstleistung einen Teil des wohlfahrtsstaatlichen Systems sozialer Dienste dar und ist damit in der Verkopplung ihrer sozialpolitischen und sozialpädagogischen Anteile systematisch zu bestimmen. Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten ist also kategorial als Differenz von Handlungsvollzug und dessen organisational-institutionellem Kontext zwar einsichtig zu markieren. Für eine theorie-systematische Bestimmung Sozialer Arbeit als sozialer Dienstleistung wie der sozialen Dienste erscheint es uns aber unausweichlich eine andere Differenzierung zu fokussieren: die miteinander verkoppelten (sozial)pädagogischen und (sozial)politischen Dimensionen. Die hier skizzierten aktuellen Tendenzen, das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten entweder sozialpolitisch zu überhöhen und damit den sozialpädagogischen Teil zu vernachlässigen oder gar übertünchen zu wollen, kann daher genauso wenig überzeugen, wie die Versuche, die sozialpolitische Dimensionierung zu ignorieren oder diese (aktivierungs)pädagogisch zu re- konzeptualisieren. Vielmehr ist das Verhältnis von beiden Anteile detailliert zu akteurs-, positions- und machtanalytisch zu rekontruieren, denn nur dann

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können die aktuellen Gestaltungsbedingungen für eine konsumentenorientierte Soziale Arbeit, also diese spezifische personenbezogene Dienstleistung, angemessen erfasst werden, das heißt Begrenzungen und mögliche Freiräume für die Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der die direkten Nutzer/innen sozialpädagogischer Dienstleistungsangebote ausbuchstabiert werden.

5. Ausblick: Soziale Arbeit und soziale Dienste im Kontext post-wohlfahrtsstaatlicher Transformation

Eine Bestimmung des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und sozialen Dienste kann auf zwei entscheidende Aspekte hinweisen: Mit der Bestimmung Sozialer Arbeit als Dienstleistung, aber auch den darüber hinausreichenden Diskussionen um die analytische Bestimmung sozialer Dienste insgesamt, wurde auf die notwendige Modernisierung der primär fürsorgerisch gefassten Organisationen sozialpädagogischer Erbringung hingewiesen. Die entsprechenden Positionen forderten damit vor allem eine Verschiebung im assymetrischen Verhältnis von Pädagoge und Klientin durch dessen Rekonzeptualisierung im Verhältnis von Professioneller und Konsumenten. Diese prinzipielle Konsumentenorientierung als zentrales Modernisierungs- und Innovationsversprechen ist insofern der zentrale Marker, den dienstleistungorientierte Überlegungen innerhalb der theorie-systematischen Debatten um Soziale Arbeit gesetzt haben. Zugleich sind diese Überlegungen bis heute durch eine systematisches Defizit gekennzeichnet, worauf bereits die höchst unterschiedliche Ausgestaltung der jeweiligen Vorschläge, wie eine solche Konsumentenorientierung ausgestaltet werden soll, hinweisen kann. Zwar unterstellen die Konzepte fast durchgehend diese Konsumentenorientierung als konstitutives Moment der Erbringungssituation im Sinne des uno actu, doch was mit der Kategorie des „Kunden“, der „Adressatin“, der „Nutzerin“ oder dem „Bürger“ systematisch gemeint ist, wird zumeist nicht expliziert. Hier zeigt sich ein akteursanalytischen Defizit der bisherigen Debatten um das Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten. Die Frage, in welcher Weise die Figur der/des Nutzerin/s oder des/der Adressat/in akteurstheoretisch bestimmt und diese Akteursfigur als Bestandteil der Dienstleistungserbringung konzeptualisiert wird, werden also nicht oder nur unzureichend beantwortet. Dieser Befund ist insofern besonders erstaunlich, da die Konsumentenorientierung, also die Positionierung der Akteure, die als direkte Nutzer oder Adressatin beschrieben werden können, die systematische Scharnierstelle, an der die dienstleistungsstrategische Kehre verankert wird. Doch nicht nur analytisch

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stellt diese fehlende akteursanalytische Bestimmung ein Problem dar, sondern auch politisch, denn das Ausbleiben einer solchen Systematisierung erschwert die Abgrenzung bzw. die Verhältnisbestimmung zu anderen konsumentenorientierten Konzepten – eine im Kontext der grundlegenden Transformationen des bisherigen wohlfahrtsstaatlichen Arrrangements (post- wohlfahrtsstaatliche Transformation; vgl. Kessl/Otto 2008) immense strategische Schwachstelle Sozialer Arbeit. Im zunehmend postwohlfahrtsstaatlich transformierten Gefüge spitzt sich nämlich die – ebenfalls konsumentenorientierte – Anrufung des Einzelnen als „unternehmerisches Selbst“ (Bröckling 2007) in einer bisher unbekannten Weise zu. An dieser Stelle soll nun nicht die Kritik an dienstleistungstheoretischen Ansätzen reproduziert werden, diese gerieten in eine prinzipielle Affirmation gegenüber Ökonomisierungstendenzen (vgl. Haupert 2002). Diese ist unseres Erachtens insofern überzogen, als gerade die Ökonomisierungskritik einen zentralen Ausgangspunkt jener theorie- systematischen Konzeptionierungsversuche Sozialer Arbeit als Dienstleistung ausmachen. Dennoch ist eine systematische Explikation des Akteursverständnisses und eine damit verbundene positions- und machtanalytische Bestimmung Sozialer Arbeit als Dienstleistung, aber auch der Erbringungskontexte im Sinne einer systematischen Konzeptionalisierung der sozialen Dienste, unausweichlich – vorausgesetzt, Soziale Arbeit will sich nicht rein affirmativ zu der neo-sozialen Neubestimmung bisheriger wohlfahrtsstaatlicher Arrangements verhalten, sondern diese skeptisch- kritisch auf ihre Bildungs- und Entwicklungsgehalte mit Blick auf die direkten Nutzer/innen sozialpädagogischer Dienstleistungsangebote befragen. Dieses Dilemma symbolisieren aktuelle Entwicklungen, wie die Hoffnung auf einen Innovationsschub durch eine semantische Anpassung von Studiengängen, Fachbereichen und Arbeitsgebieten, die nicht mehr „Sozialarbeit“, „Sozialpädagogik“, „Soziale Arbeit“ oder „social work“, sondern eben „soziale Dienste“, „Humandienstleistungen“, „social“ oder „human services“ genannt werden, unter der Hoffnung auf einer „normalisierte Soziale Arbeit“, was aber häufig nur dazu führt, dass die soziale Problemgebundenheit Sozialer Arbeit aus dem Blick gerät (Kessl/Otto

2009/i.E.).

Eine angemessene Bestimmung des Verhältnisse von Sozialer Arbeit und sozialen Diensten kann daher unseres Erachtens nur dann gelingen, wenn die konstitutive Verkopplung von sozialpolitischen und sozialpädagogischen Anteilen Beachtung findet, das heißt das Modernisierungs- und Innovationsversprechen einer prinzipiellen Konsumentenorientierung mit der Inblicknahme des weiterhin assymetrischen Verhältnisses von Professionellem und Konsumentin vermittelt wird. Diese Aufgabe ist

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angesichts der aktuellen post-wohlfahrtsstaatlichen Transformationen von besonderer Bedeutung, denn mit dem veränderten Kontext (sozial)pädagogischer Dienstleistungserbringung ist die Ausgestaltung der Verkopplung von sozialpolitischen und sozialpädagogischen Anteilen neu zu bestimmen. Das verweist noch einmal darauf, dass sozialpädagogische Dienstleistungen nicht hinsichtlich organisationaler Aspekte zu diskutieren sind, sondern als sozialpolitisches und sozialpädagogisches Verhältnis.

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