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Date: 12.02.1996

Story 3

It´s Time for

Cathy, the real Story

Es begann in einer dunklen Zeit. In einer Zeit in der ich der Dunkelheit verfallen war. Dort hatte ich mein eigenes Leben, mein eigenes Selbstbewusstsein.

Ich befand mich in einer Kurklinik. In dieser organisierte ich Discos und zuletzt eine Show. Diese war etwas ganz besonderes, weil nämlich folgendes passierte:

Während dem Stress bei der Show fiel mir eine ganz besondere Frau auf. Leider konnte ich mich dieser weder optisch noch akustisch widmen. Doch danach, am folgenden Sonntag, soweit ich mich erinnerte, machte ein DJ-Kollege von mir eine Abschiedsdisco, wo ich diese Frau genauestens in Augenschein nehmen konnte. Ich machte die Fotos und schaute ihr beim Tanzen zu. Leider tanzte sie aber mit meinem DJ-Kollegen, der sie aufgefordert hatte.

In mir stieg ein gewisser Neid auf, doch ich konnte mich dennoch selbst beruhigen, indem ich mir sagte, dass ich sowieso nicht tanzen kann und insofern mit ihr wohl nie getanzt hätte, geschweige denn sie aufzufordern. Doch mehr und mehr vernarrte ich mich in ihre Art, ihre jugendliche, spielerische Ausstrahlung, ihr Aussehen und ihren Dialekt. Er war wie Musik für mich. An diesem Abend noch – glaube ich – saßen wir zusammen im Raucherraum, wo sie verbal auf mich zukam und wir uns lange unterhielten.

Diese Frau interessierte mich mehr und mehr und ich lud sie in meine Zimmer ein. Wir gingen auch – doch in ihr Zimmer. Dort machten wir nicht das was die meisten Leser jetzt von mir erwarten würden, nein, wir unterhielten uns noch fast die ganze Nacht. Sie erzählte mir von sich, ihrem bisherigen Leben, ihren Freunden und vielen mehr. Insgesamt könnte ich, wenn ich heute noch alles wissen würde, ihr Leben so in Worte fassen, als sei es mein eigenes. Auch in den folgenden paar Nächten waren wir entweder bei ihr oder bei mir, wo sie mir noch mehr, bis ins aktuellste Detail über ihre diversen körperlichen und psychischen Probleme erzählte. Immer mehr stieg in mir ein noch nie dagewesenes Gefühl auf. Es war sehr stark. In den Zeiten wo ich sie nicht sehen, anrufen oder mit ihr zusammen sein konnte, wurde dieses Gefühl ziemlich schmerzhaft. Für mich ist so ein Schmerz gefährlich, er richtet ziemlichen Schaden an. Jemand der in der Dunkelheit lebt und dort aufgewachsen ist, müsste dies eigentlich sehr gut verstehen. Es fraß mich auch immer mehr, aber es wurde umso positiver, wenn ich mit ihr zusammen war. Wenn wir nach Osnabrück, Münster, Tecklenburg, Enschede oder sonstwo hingefahren sind. Auch wenn sie mich umsorgt hat, mir geholfen hat, mir was geschenkt hat, mir was von sich gezeigt hat. Sie hat mir eine Tätowierung gezeigt, die sie auf dem rechten Schulterblatt hatte – ein Einhorn in den schönsten Farben, fast wie

Date: 12.02.1996

Story 3

echt. Aber es kam eine Zeit, wo sie merkte, was ich fühlte und versuchte sich zu distanzieren. Nach ihrer Aussage war ich zu jung, denn sie war 30 und ich 18. Darüber hinaus meinte sie, dass sie nicht über ihren Schatten springen könnte um mein derzeitiges gewichtiges Aussehen zu ignorieren. Hart aber herzlich, denn ich wusste, dass sie recht hatte. Leider. Doch von heute auf morgen hätte ich das für sie nicht ändern können, wenn ich es auch gewollt hätte. Diese Distanz, die sie versuchte aufzubauen zermürbte mich, steigerte meinen Hass und meine Wut gegen mich selbst. Ich zog mich wieder zurück, hörte Gothic-Music an und steigerte mich in negative Gefühle, die mich wieder mal zwangen mich selbst zu verletzen. Leser, die meine Little Biographie gelesen haben, wissen wie das aussieht. Diesmal doch etwas gefährlicher. Um es deutlich zu machen, ich baute mir aus meinem Nassrasierer eine Klinge aus, klemmte sie in eine Zange und stach damit so oft auf meinen linken Arm ein, bis der körperliche Schmerz den seelischen überwog, und das Blut nur so durch die Gegend spritzte. Anfangs benutzte ich die Klinge zum schneiden, aber aufgrund der Ineffektivität dessen, benutze ich die zuletzt aufgeführte Technik. Ich blutete und blutete. Dabei betrachtete ich immer wieder den Arm, wie es aus ihm herausfloss, eine Sucht nach Endorphinen. Ne Art Morphium, das vom Körper bei erhöhtem Schmerz produziert wird, um diesen zu stillen. Diese Droge war es vielleicht auch, die den inneren Schmerz etwas mitstillte. Philosophisch oder psychologisch betrachtet sind es die unvergossenen Tränen, die Schmerzen, die endlich raus wollen. Dass dies der falsche Weg war um sie zu vergießen erfuhr ich erst später. Ich erzählte ihr davon, weil wir uns sowieso alles erzählten und ich erzählte ihr auch von meinem Tod, dass was bisher niemand gewusst und beachtet hatte. Seit ich mit sieben Jahren eine Todeserfahrung hatte, ruhte in mir eine gewisse Sehnsucht nach selbiger. Diese entstand wohl aus den vielen positiven Gefühlen, die ich dort gefühlt haben muss und lange Zeit die einzigen positiven Gefühle in meinem Leben waren. Sie verstand dies, dennoch konnte sie es weder nachvollziehen noch nachfühlen. Verständlich. Doch der Schmerz und die Sehnsucht waren da, und sie waren das einzige, die den Schmerz wieder erträglich machen konnte. (Ich hatte eigentlich vor, diese Story zu detaillieren, aber ich will mal von meinem sonstigen Stil abweichen und mich auf das Wesentliche konzentrieren, nicht wie das Wesentliche entstanden ist) Dass sie der Grund ist für den Schmerz, aber dennoch gleichzeitig ein Gegenmittel, hätte ich ihr zu dieser Zeit nicht sagen können. Insofern stand ich alleine mit meiner Qual und meiner Verzweiflung. Weil sie mir indirekt Grenzen gesetzt hatte wo wir uns kennen lernten, die ich eigentlich überschreiten wollte. Aber dies geschah dennoch. Was sollte ich denn tun, meine positiven Gefühle zurück halten, bzw. verdrängen? Ja, ich hab es versucht, aber wie das endete steht ein paar Zeilen höher. Ich war es von der dunklen Seite gewöhnt Gefühle steuern zu können, aber nur die negativen, um die positiven zu erschlagen. Aber ich konnte und wollte nichts Negatives für sie empfinden. Insofern funktionierte das nicht mehr. Ich entfernte mich auch von der Dunkelheit, so dass ich nicht mehr wusste wo ich stehe, wer ich bin, was ich hier soll. Ich sah keinen Ausdruck in meinen Augen, den ich kannte oder aus dem ich was erkennen konnte. Weder Licht noch Dunkelheit, einfach leer. Genauso wie mein Gesichtsausdruck, er hatte keine festen Strukturen, er sagte nichts mehr aus. Ich war unsicher, hatte mein in der Dunkelheit aufgebautes Leben verloren. Mein Selbstbewusstsein, mein Willen. Ich hatte nichts mehr. Ich war ein Mensch ohne Intellekt, der nur noch seinen Gefühlen freien Lauf lassen konnte, die allerdings auch nicht wussten, was sie nun sind.

Date: 12.02.1996

Story 3

Noch einen Tag vor ihrer Entlassung aus der Kur, verletzte sie mich so, dass ich wieder diesen Schmerz hatte. Doch wurden negative mit positiven Gefühlen bekämpft. Dieser Kampf entwickelte so eine Energie in mir, dass ich beinahe explodiert wäre, wenn ich mich nicht verletzen würde. Aber ich musste einem Menschen den ich gern habe versprechen es nicht zu tun, und dies tat ich auch. Ich explodierte. Ich schrie und mir liefen nach einer Zeit Tränen aus den Augen! Seit vielen Jahren konnte ich endlich wieder weinen, so wie es eigentlich sein sollte. Durchsichtige, salzige Tränen. Keine Roten. Ich habe den ganzen Schmerz bis zur Erschöpfung rausgeschrien und geweint. Als es ein wenig nachgelassen hatte, rief ich sie an und fragte sie, warum sie mich verletzt hatte. Sie erklärte mir erstmals komplett, wie es ihr mit mir geht, das es sie belastet, Tag und Nacht an mich zu denken, sich Sorgen zu machen, darüber, was ich gerade mache aber es verschlimmert sich noch mehr, wenn sie in meiner Nähe ist. Deshalb musste sie sich mehr distanzieren um selbst nicht zu zerbrechen.

Ich habe ihr viel über mich, meinen Gefühlen, Wünschen und Ängsten geschrieben um alles aus mir raus zulassen, auch das was ich ihr nie erzählen wollte, es gab ja jetzt sowieso nichts mehr zu verlieren. Am Tag des Abschiedes dann, wurde ein Traum für mich wahr. Vor ihrer Abfahrt umarmten wir uns und fingen beide an zu weinen, anders als ich von ihr erwartet hätte. Sie hatte gewisse Probleme mit sowas. Als sie dann ins Auto stieg, legte sie eine Kassette die ich ihr aufgenommen hatte ein und das erste Lied, war ein langsames tiefsinniges Gothic-Lied, wofür sie sich in der Zeit, wo sie mich immer mehr kennengelernt hatte, immer mehr interessierte. Und es lief zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen. Der Morgen des 12.12.95…

Meine restliche Zeit in der Kur war schwer ohne sie. Doch ich lernte mich neu kennen. Einiges negative an mir wurde positiver, ich bekam keine ausdruckslosen, sondern strahlende Augen, in denen ich mich sogar spiegeln konnte, was bei mir nicht der Normalfall war. Ich begann ein wenig optimistischer zu werden. Leider funktionierte das nicht lange. In der Kur waren viele Menschen mit ähnlichen Problemen, mit denen man reden oder nur zusammen sein konnte. Da wo ich nach der Kur hinkam, gab es nur einen Menschen, meinen besten Freund. Dieser war aber selten da, weil er arbeitete. Insofern war ich wieder auf mich allein gestellt mit diesem Schmerz, der wieder anfing größer zu werden je mehr Zeit verging, wo ich von ihr nichts sah oder hörte. Ich wurde wieder zum Nachtmensch, wie früher. Zusätzlich dämpfte ich den Schmerz nicht mit Endorphinen sondern mit den absolut nicht körpereigenen Alkohol, weil ich mir selbst nicht mehr wehtun wollte. Das hielt allerdings auch nicht lange und ich fing dann auch wieder damit an, zusätzlich. In der Zeit wo ich bei meiner Mutter wohnte, bis zu der Zeit wo ich zurück zu meinen alten Wohnort kam, hatte sie sich einmal gemeldet. Ein Päckchen hatte sie mir zu Weihnachten geschickt. Zuvor hatte ich ihr auch ein Geschenk geschickt. Mich zermürbte allerdings, dass auf der Karte weder Antworten auf meine Briefe, noch von meinen Kassetten waren. Ich hatte das Gefühl, als würde sie das ignorieren. Doch als ich die dritte Woche „daheim“ war, kam zu meinem Geburtstag eine Karte, die mich an einiges erinnerte…

„Bei mir ist alles wieder – fast genauso wie vor der Kur – verliebt, dann Liebeskummer, dann schon wieder verliebt (…) Geldmangel, keine Lust zu

Date: 12.02.1996

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arbeiten, also alles beim Alten. Im Moment schlafe ich tagsüber und gucke nachts Fernsehen, (wenn ich nicht arbeite oder ausgehe).

Ich hoffe dass es dir gut geht. Alles Gute

Kathi.“

Man könnte glatt behaupten, dass ich genau das kenne. Korrekt. Es gab mir ein Wunder und freut mich auch, dass sie endlich aus sich rausgekommen ist und was von sich geschrieben hat. Mal sehen wie es weiter geht. Heute ist der 23.01.96, 6 Tage nach meinem 19. Geburtstag. Ich trinke nicht mehr, obwohl ich Grund dazu hätte, aber das gehört hier nicht rein, ist ja keine Gruppentherapie oder? (………….)

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