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Alfred Lischka

Eigenerlebnisse im Übersinnlichen

Erfahrungen im Wachzustand, im luziden Traum, bei Astralprojektionen und Seelenreisen

SPIETH

im Übersinnlichen Erfahrungen im Wachzustand, im luziden Traum, bei Astralprojektionen und Seelenreisen SPIETH VERLAG

VERLAG

CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Lischka, Alfred:

Eigenerlebnisse im Übersinnlichen : Erfahrungen im

Wachzustand, im luziden Traum, bei Astralprojektionen u. auf Seelenreisen / Alfred Lischka. - l. Aufl. - Stuttgart : Spieth,

1989

ISBN 3-88093-041-4

WG: 10;11

© 1989, R. A. Spieth Verlag Stuttgart, Postfach 104238, 7000 Stuttgart 10 Alle Rechte, insbesondere die Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form - durch Photokopie, Mikrofilm oder irgendein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden.

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Umschlag/Bild: Maler Werner Stütz, Wiernsheim-Serres. Umschlag/Graphik: Günther S. Brost, Werbegestaltung, Stuttgart. Gesamtherstellung: Presse-Druck- und Verlags-GmbH, Augsburg. ISBN 3-88093-041-4

Inhaltsverzeichnis

Einführende Bemerkungen

7

Das Ich-Bewußtsein

19

Der

Feinstoff

23

Ideoplastische Verformbarkeit des Feinstoffes

26

Veränderlichkeit des Schwingungszustandes als Eigenschaft des Feinstoffes

28

Außergewöhnliche Erlebnisse im Wachzustand des physischen Körpers

30

Erinnerungen an ein anderes Leben

30

Tranceartige Zustände

33

Gedankenübertragung

35

Farbton und Klangfarbe - Synästhesie

35

Verschiedene paranormale Erfahrungen des Alltags

37

Der Traum und der Träumer

48

Der Übergang vom Wach- zum Schlafzustand des physischen Körpers - der hypnagogische Zustand

53

Der luzide Traum

55

Das Ich-Bewußsein im luziden Traum

57

Die Bewußtwerdung im Traum

59

Die Exteriorisation oder «Astralprojektion»

71

Die Echtheit der Exteriorisation als eigenständiges Phänomen

72

Erläuternde Fallbeispiele zur Exteriorisation

76

Besondere Eigenschaften der Exteriorisation

84

Beginn, Verlauf und Ende der Exteriorisation

86

Die Art der Fortbewegung im exteriorisierten Zustand

92

Physische Bedürfnisse und Bekleidung im exteriorisierten Zustand

95

Partielle Exteriorisationen

95

Schwingungsunterschiede des Feinstoffkörpers im exteriorisierten Zustand

97

Spiegelbildliche Raumumkehr im exteriorisierten Zustand

98

Exteriorisationsähnliche Erfahrungen

100

Begegnung mit Wesen aus nichtphysischen Bereichen

102

Die Seelenreise

114

Ideoplastie als Problem der Wirklichkeit

115

Schwingungsebenen

125

Gewollte und ungewollte Frequenzänderungen

136

Kontakte mit jenseitigen Wesen

143

Fragen im Anschluß an meine Vorträge

149

Bibliographie

152

Verlegervorwort

Das Werk, 1979 mit dem Titel «Erlebnisse jenseits der Schwelle» zum ersten Mal veröffentlicht, kann nach genau zehn Jahren überraschend wieder erscheinen. Geradezu bestätigend, ja auffordernd müssen wir dem Tatbestand Rechnung tragen, daß das Werk durch eine Jury exakt sieben Jahre nach Veröffentlichung mit einem Diplom, dem 3. Schweizerpreis, in der Universität Bern ausgezeichnet worden ist. Dem Stiftungsrat gehören Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an, denen man Ernsthaftigkeit sowie Seriosität spontan bescheinigen darf. Wer, wie uns allen bekannt ist, überkritische Akademiker zu überzeugen weiß, durch sie überhaupt Aufmerksamkeit erfährt, muß wahrlich ein Könner sein, der zudem global ein Thema aufzugreifen vermag und dies fachlich fundiert erklären kann. Was die Neufassung so sehr von der Ersterscheinung unterscheidet, ist der Umstand, daß dieses Werk mit dem Urtext, also einer Originalfassung des Autors, herausgegeben wird, d. h. die wirklichen «Eigenerlebnisse im Übersinnlichen» werden ohne Änderungen und ungestört übermittelt. Da das Übersinnliche (6. und 7. Sinn sowie weitere N-Dimensionen) in jedem Menschen schlummert, folglich allen eigen ist, unterscheiden sich die Erlebnisse in uns als paranormale Fähigkeiten und Erfahrungen nur durch den Grad unseres Bewußtseins. - Es ist empfehlenswert, dies willentlich zu schulen! Dafür ist niemand besser zur Unterstützung geeignet als der Autor.

Rudolf Arnold Spieth

Stuttgart, im Januar 1989

Einführende Bemerkungen

In diesem Buch wird ein Thema behandelt und als grundlegend betrachtet, das in der modernen, wissenschaftlich-technisierten Welt keiner besonderen Beachtung mehr würdig scheint, nämlich die eigene Erfahrung von un- gewöhnlichen Begebenheiten auf dem Gebiet des Paranormalen, die sich spontan ereignet haben, also nicht willentlich hervorgerufen wurden. Ich habe als Ergänzung und zum Vergleich einige für mich glaubhafte Be- richte beigefügt, die ich brieflich übermittelt erhielt, und die bisher noch keine Veröffentlichung fanden. Auf dem Weg zur Wahrheitsfindung gibt es manches Hindernis, das vor al- lem aus Unwissenheit und Voreingenommenheit besteht. Wenn man gelernt hat, nur dasjenige sei gültig, was die Wissenschaft als echt betrachtet, wird man sein Leben bis zur letzten Stunde aus Büchern und anerkannten Meinungen beziehen müssen, denn das eigene Erleben gilt in dieser Hinsicht nicht besonders viel. Gewiß, der Durchschnittsmensch von heute ist es gewohnt (und hat es von Kindheit an gelernt!), überzeugt zu werden, statt selber hinzugehen und nachzuschauen. Behauptungen wie die, daß die Eigenerfahrung auf die Dauer zu einem überspannten Eigendünkel führe, lassen sich nur dann widerlegen, wenn man weder Zeit noch Mühe scheut, dahin zu gehen, wo noch echte Eigenerfahrungen gemacht werden können. Das bedingt aber einen nicht unerheblichen Aufwand an Konzentration und Kontemplation, der in dieser umstrittenen Sache nicht lohnend scheint. Irgend jemand wird es sich schon überlegt haben, was er da sagt, wenn er behauptet, die Möglichkeit der Eigenerfahrung sei in der fortschrittlichen Moderne völlig unnötig. Bei paranormalen Erlebnissen hört das Verständnis meist ganz auf. Wozu? Das sind im Endeffekt ja doch alles Betrügereien, ist bloßer Aberglaube, überspannte Phantasie und Halluzination! Wer sich um diese in ihrer Kurzsichtigkeit geradezu betrüblichen Meinun- gen nicht kümmert und bereits die geringsten Anzeichen paranormaler Er- fahrung interessiert zur Kenntnis nimmt, statt sie einfach abzulehnen und möglichst schnell wieder zu vergessen, wird bald einmal feststellen, daß sich die Paranormalität bei ein und demselben Menschen - nämlich beim betreffenden selbst - meist nicht auf ein einziges Gebiet beschränkt. Es be- stehen Verbindungen von der einen Art der Erscheinung zur anderen und den einzelnen Symptomen untereinander. Bei mir habe ich festgestellt, daß im Laufe der Zeit einmal eher die eine Gruppe an Erscheinungen auftritt, manchmal eher eine andere. Durch die sorgfältige Beobachtung des eindeutig als paranormal Erkannten ist man bald in der Lage, auch zartere Auswirkungen wahrzunehmen. Die Schulung der Beobachtungsfähigkeit hat zur Folge, daß solche Phänomene scheinbar häufiger auftreten. Aber das ist wohl eher der gesteigerten Acht-

samkeit denn einer tatsächlichen Häufung zuzuschreiben. Sonst würde man die Ereignisse einer Täuschung und mehr noch dem Zufall zuordnen, oder sie überhaupt unbeachtet lassen. Damit vergrößert sich auf jeden Fall der Erfahrungsbereich um ein Bedeutendes. Den Schilderungen der seltsamen Vorkommnisse stelle ich eine Betrach- tung der für das Thema besonders wichtigen Begriffe des Bewußtseins und des Feinstoffs voraus. Die Art des Bewußtseins entscheidet über den Grad des wirklichen Erlebens, während vieles in der Erklärung auf der Existenz einer unerforschten «Substanz», die Feinstoff genannt werden kann, gründet. Im Hauptteil des Buches behandle ich vor allem die Erfahrungsbereiche während des Schlafes: Traum, luzider Traum, Exteriorisation («Astralprojektion», wie der gängige Ausdruck lautet) und Seelenreise. Zwischendurch führe ich einige Zitate an, die prägnant das ausdrücken, was ich früher - ohne Kenntnis der einschlägigen Literatur - aus meinem eigenen Erleben heraus erkannt habe. Die Literatur konnte bei mir keinen Einfluß auf das Erleben oder die Art der Erfahrung ausüben, weil ich erst lange nach dem Auftreten solcher Erlebnisse bei mir selbst in Kontakt mit der Literatur über dieses Thema kam. Von Kindheit an sah ich mich mit mir damals völlig Unerklärlichem konfrontiert, das mich sehr beängstigte, zumal ich in meiner Umgebung kein Verständnis für diese Dinge fand und deshalb auf mich allein angewiesen war. Die Bemerkungen im engsten Familienkreis, daß ich entweder spinne oder träume, genügten bald, mich jedermann gegenüber aller Äußerungen zu enthalten - nicht nur damals, sondern Jahrzehnte hindurch! Von allem Anfang an war mir der Unterschied zwischen dem Traum und dem paranormalen Geschehen bewußt, und ich hatte auch das Gefühl, es bei diesen Ereignissen nicht mit Symptomen einer Geisteskrankheit zu tun zu haben; ich fühlte mich ganz normal und besuchte die Schule zusammen mit anderen Kindern, mit denen ich auch herumtollte. Ich konnte mir einfach nicht erklären, worum es bei meinen eigenen Erfahrungen eigentlich ging. Von meinem schulischen und erzieherischen Wege war das parapsychologische Schrifttum striktestens ferngehalten worden, so daß ich nicht einmal von der Existenz solcher Schriften wußte. Nur die Stellung der hochoffiziellen Wissenschaft allem Übersinnlichen gegenüber wurde mir ab und zu eindringlichst erläutert. In dieser Wissenschaft, die sich einseitig dem sogenannten Rationalismus verschrieben hat, sieht es für solche seelischen Erfahrungen nicht besonders rosig aus. In ihrem Bestreben, alles materialistisch und verstandesmäßig er- klären zu wollen, trennte sie sich als Naturwissenschaft von den Geistes- wissenschaften ab und entwickelte ein Konzept, das sogar Verstand und Geist als bloße Funktionen des Gehirns betrachtet, die einer rein chemisch- physikalischen Erklärungsweise zugänglich gemacht werden können - we- nigstens in absehbarer Zeit. Obwohl in der neuesten Hirnforschung diese Ansicht mit großer Skepsis betrachtet wird, da sie sich nicht bestätigen läßt und außerdem als Forschungskonzept für die weitere Entwicklung der

Hirnforschung eher hinderlich ist, glaubt man außerhalb der «Insiderkreise» immer noch, alles sei für eine materialistische Erklärungsweise zum Besten bestellt. Führende Hirnforscher wie John C. Eccles weisen zwar auf die Schwierigkeiten hin, werden aber kaum zur Kenntnis genommen. Die in der Naturwissenschaft zur Hauptsache verwendete Methode ist die der Induktion, wobei vom Einzelfall auf den Allgemeinfall geschlossen wird. Um auf den Allgemeinfall schließen zu können, muß man viele einzelne Fälle geprüft haben, aus denen dann das allgemein Charakteristische und Typische herausgearbeitet wird, wobei die statistischen Berechnungsmethoden als Hilfsmittel benutzt werden. Diese Methode ist nur dann anwendbar, wenn es beliebig oft wiederholbare Einzelfälle gibt, die den gleichen Versuchsbedingungen unterworfen werden können. Sie ist somit offensichtlich nur da geeignet, wo sich Ereignisse wiederholen lassen, bzw. wo gleiche oder zumindest ganz ähnliche Ereignisse auftreten. Wenn man sich aber dem «Transzendenten» nähert, ist die induktive Methode denkbar ungeeignet. Jedes persönliche Erlebnis ist in bezug auf das Allgemeine tran- szendent. Als Erfahrungsbereich liefert das Eigene kaum je exakt gleiche Phänomene, geschweige denn, daß es unter gleichartigen Rahmenbedingun- gen ablaufen würde. Wer ein paranormales Ereignis mit den Anforderungen der naturwissen- schaftlichen Methodik prüfen will, benutzt ein völlig falsches Werkzeug, das in seiner einseitigen Ausrichtung auf wiederholbare Ereignisse beim Einzelereignis überhaupt nichts auszurichten vermag. In der Meinung, nur die naturwissenschaftliche Methode der Induktion, das Merkmal der Wie- derholbarkeit und exakten Bestimmung aller Randbedingungen sei für eine Betrachtung von Ereignissen angemessen, werden alle Phänomene, die mit diesen Mitteln nicht erfaßt werden können, sehr mißtrauisch angezweifelt:

«Nichts scheint kritisch genügend gesichert. Überall wittert man Feh- lerquellen, wenn nicht gar Betrug. Von vornherein gewillt, alles zu be- streiten, nimmt man jeden einzelnen Bericht gesondert vor und unterwirft ihn einem Kreuzverhör, wie einen Schwerverbrecher dessen Unglaub- würdigkeit ohnehin feststeht. Ein augenblickliches Stocken, eine einzige Lücke in den geforderten Aussagen - und das Opfer ist erledigt.»

So beschreibt Emil Mattiesen die Lage, und Alfred Russel Wallace sagt:

«Wenn einmal ein Mensch von der Wirklichkeit geistiger Mitteilungen überzeugt ist, so wird er hinreichend praktischen Resultaten begegnen. So lange er nicht überzeugt ist, werden solche Resultate, gleich allen übrigen Zeugnissen, ignoriert oder hinwegerklärt werden.»

P. A. Dietz bemerkt, daß die Geisteshaltung des Wissenschaftlers für den Durchbruch einer neuen Wahrheit immer von viel größerer Bedeutung ist, als die Tatsachen selber es sind. Was man sehen und erkennen kann, das hängt zuerst einmal von der eigenen Weltanschauung ab und erst in zweiter Linie von den Sinnesorganen.

Weil die Naturwissenschaft und die Technik als ihr praktischer Zweig einen ungeheuren Aufschwung genommen haben, meinen viele, daß dieser Wis- senschaft das Urteil über sämtliche Lebensbereiche des Menschen zu über- lassen ist. Mittlerweile wachsen uns allen die fortschrittlichen Errungen- schaften über den Kopf, und nur langsam wird das naturwissenschaftliche Konzept als die herrschende Weltanschauung erkannt und kritisch hinterfragt. Die von der Naturwissenschaft entdeckten «Gesetze» werden als absolut betrachtet - fälschlicherweise! Es gibt nämlich kein einziges absolut wahres Gesetz in der Natur selber. Die von uns als Gesetzesmäßigkeit betrachteten Naturerscheinungen sind unsere Deutungen der Welt. Wie die Welt an sich beschaffen ist, das entzieht sich unserer Kenntnis und läßt sich nicht mit Gesetzen beschreiben. Carl du Prel (1839-1899) hat dies schon im vorigen Jahrhundert erkannt, vor den Diskussionen über erkenntnistheoretische Probleme in der Physik:

«Nicht die Naturgesetze, sondern die Naturkräfte sind die Ursache aller Erscheinungen, also kann die Unmöglichkeit einer Sache nicht aus Gesetzen gefolgert werden. Der Stein fällt nicht zu Boden durch das Gravitationsgesetz, sondern durch eine Kraft, von deren Wesenheit wir nichts wissen. Die Naturgesetze sind keine Kräfte, sondern nur ein sprachlicher Ausdruck, womit wir die gleichmäßige Wirkungsweise der Kräfte generell bezeichnen. Die Kräfte sind demnach das objektive Werk der Natur, die Gesetze sind nur das subjektive Werk des menschlichen Geistes, der aus den Naturerscheinungen gewisse Gleichförmigkeiten der Wirkungsweise der Kräfte abgeleitet hat und dieselben ‹Gesetzenennt.»

Hermann von Helmholtz (1821-1894) gibt zu bedenken:

«Die Gesetze sind gleichsam nur Gattungsbegriffe für Veränderungen der Natur. Die Kräfte sind also das Konstante in der Natur, die Gesetze sind aber als Menschenwerk schwankend, veränderlich, und jede neue Erfahrung kann sie umstoßen.»

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann in der Physik die folgenreichste Diskussion über die Erfassung der Welt, die heute noch nicht abgeschlossen ist - obwohl es ein wenig ruhiger wurde. Wohl kennt ein jeder die Namen von Einstein, Heisenberg, Planck, Born und vieler anderer und weiß auch, daß die Atombombe eine der Konsequenzen der modernen Physik ist als sichtbarer Ausdruck ihrer Möglichkeiten und Gefahren, doch leben wir im Alltag immer noch mit der physikalischen Auffassung des 19. Jahrhunderts, und meinen erst noch, diese Auffassung sei durchaus genügend. Für den Alltag mag sie es sein, aber nicht für unsere Weltanschauung. Was wir in der Schule im Physikunterricht gelernt haben, hat mit Physik kaum mehr etwas zu tun, wie sie in der Quantenmechanik und der Allgemeinen Relativitätstheorie getrieben wird. Unser Bild von der Physik könnte also nicht unstimmiger sein.

Durch wissenschaftliche Sachbücher und vereinfachte Darstellungen am Fernsehen wird die Sache nur noch schlimmer, und wir beginnen, unver- standene und halbverstandene Begriffe zu verwenden, die durch den Ge- brauch, den wir davon machen, falsch werden und schließlich nichts mehr mit der Sache zu tun haben, für die sie entwickelt wurden. So erfreut sich z. B. der Ausdruck «relativ» großer Beliebtheit, und jedermann verwendet ihn nach eigenem Gutdünken, ohne zu wissen, in welchem physikalischen Zu- sammenhang er verwendet wird. Ähnliches geschieht mit dem Begriff der 4. Dimension. Wissen Sie vielleicht, welche Bedeutung er in der Relativitäts- theorie besitzt?

«Der Leser fragt, wie viele Dimensionen gibt es. Ich weiß es nicht. Wir werden es vermutlich nie erfahren. Doch ist es nicht unwahrscheinlich, daß das Universum sich in Richtungen erstreckt, die wir nicht kennen. Nichts zwingt uns, bei der 4. Dimension von Poincare stehen zu bleiben. Vielleicht ist die Zahl der Dimensionen unendlich. Vielleicht aber sind schon die drei uns vertrauten Dimensionen eine Sinnestäuschung»,

schreibt Jean Mussard in seinem Werk «Gott und der Zufall», und der Leser wird gemerkt haben, daß es dieses Mal um einen mathematischen Di- mensionsbegriff ging. Einen weiteren Umstand, der für den Einbezug der Eigenerfahrung in das Leben eines jeden einzelnen Menschen auch nicht gerade förderlich ist, führt G. F. Hartlaub in einem Vorwort zu R. Amadous «Das Zwischenreich» an:

«Es scheint uns typisch für viele Intellektuelle und Gebildete, daß sich ihr Verhältnis zum Unerklärlichen - damit auch zu dem alten Erfahrungskreis des Okkulten - ‹zu Hause› anders ausspricht als etwa auf dem Lehrstuhl. Etwas von diesem Widerspruch des Privaten und Öffentlichen war wohl immer schon charakteristisch für den höher entwickelten Abendländer, aber der Abstand scheint sich in unserer Gegenwart vergrößert zu haben, - es entsteht geradezu der Eindruck einer gewissen Gespaltenheit.»

Das Leben in der Öffentlichkeit spielt sich unter Ausschluß der eigenen Er- fahrungen ab, die heruntergespielt und mißachtet werden in einem Ausmaße, wie das in der Weltgeschichte wohl einmalig sein dürfte. Goethe sah sei- nerzeit den Gang dieser ganzen wissenschaftlichen Entwicklung, die mitt- lerweile auch die Volksmassen ergriffen hat in ihrem Glauben an die Wis- senschaft, der in dem Maße angestiegen ist, wie der christliche Glaube ver- schwindet. Im Faust verspottet Goethe die Methode am falschen Ort:

«Daran erkenn ich den gelehrten Herrn! Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,

Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar, Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr, Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht, Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht!»

Oder an einer anderen Stelle:

«Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben, Sucht erst den Geist heraus zu treiben, Dann hat er die Teile in seiner Hand,

Fehlt, leider nur das geistige Band.»

Goethes Kritik nutzte nicht viel, und die Entwicklung überrannte dank ihrer technischen Erfolge alle Bedenken. Dem weltgeschichtlichen Gang läßt sich kaum ein kritisches Wort in den Weg legen, über das er zur Besinnung kommen würde. In «Dichtung und Wahrheit» äußert sich Goethe zum kri- tischen Einwand:

«Man behauptete, die Bahn sei gebrochen, da doch in allen irdischen Dingen selten die Rede von Bahn sein kann: denn wie das Wasser, das durch ein Schiff verdrängt wird, gleich hinter ihm wieder zusammen- stürzt, so schließt sich auch der Irrtum, wenn vorzügliche Geister ihn beiseite gedrängt und sich Platz gemacht haben, hinter ihnen sehr ge- schwind wieder naturgemäß zusammen.»

Die Parapsychologie meint heutzutage, nur dann als echte Wissenschaft an- erkannt werden zu können, wenn sie gleich der Naturwissenschaft den Weg des Messens geht und die induktive Methode auf ihr Banner schreibt. In den Kartentests scheint man eine Methode gefunden zu haben, die es immer wieder erlaubt, die «PSI-Kraft» festzustellen. Der Kartentest ist wiederholbar (bis zur tödlichen Langeweile) und kann erst noch statistisch ausgewertet werden. Aber schließlich bleibt es doch nur bei dem, was Rene Warcollier treffend in einen Vergleich faßte:

«Diese Art von Tests ist nicht mehr als eine Falle, in der man den seltenen Vogel des Paranormalen zwar nicht einfängt, in der er aber Federn zurückläßt, die man beobachten und zählen kann. Und das genügt den wissenschaftlichen Geistern, um die Existenz des seltenen Vogels zu beweisen.»

Weshalb bloß meinen wir, mit all unseren eigenen Erfahrungen der Natur- wissenschaft Rechenschaft ablegen zu müssen? Ihre Methoden bekümmern sich wenig um das Einzelereignis, es ist ihnen nur als für sich allein genom- men uninteressantes Geschehen innerhalb einer für eine statistische Berech- nung genügenden Anzahl ähnlicher Geschehnisse von einigem Interesse. Was die eigene Erfahrung betrifft, die mich persönlich angeht, kann die Wissenschaft nicht zuständig sein. Der Naturwissenschaftler und Nobel- preisträger Alexius Carell äußert sich in seiner Schrift «Testament» folgen- dermaßen:

«Zur Frage des Todes kann die Wissenschaft augenblicklich noch keine Antwort geben. Sie weiß nicht, welche Verbindungen zwischen Körper und Geist bestehen und ob die körperliche Auflösung notwendigerweise auch die geistige nach sich zieht. Vielleicht wird sie es nie erfahren, denn der Geist, obwohl in die lebende Materie eingefügt, befindet sich doch außerhalb des Urteilsvermögens der Wissenschaft.»

Wie die Wissenschaft sich momentan versteht, ist sie unter keinen Umständen für den eigenen Erfahrungsbereich zuständig, der das Merkmal des einzelnen Menschen ist. Die Parapsychologie ist deshalb total falsch beraten, wenn sie meint, irgendwelchen wissenschaftlichen Maßstäben genügen zu müssen! Konstantin Raudive klagt in seinem Buch «Unhörbares wird hörbar», in dem er die mysteriösen Tonbandstimmen behandelt:

«Die Selbstbeobachtung, wichtigste Grundlage aller Psychologie, ist immer nur einer Person zugänglich. Wir können nicht entscheiden, ob z. B. Propheten akustisch reale oder fiktive Stimmen hören, ob ein Träumer uns wahr gesehene Träume erzählt oder ob er sie erdacht hat - oder ob er allenfalls glaubt, die Träume geträumt zu haben. So ist es um all unsere Wahrnehmungen bestellt, die subjektiver Natur sind. Psychologie und Parapsychologie sind Wissenschaften, die sich mit subjektiven Gegebenheiten abmühen!»

Wenn das eingesehen werden kann, dann sollte man die entsprechenden Konsequenzen ziehen und nicht ständig naturwissenschaftliche Meßmethoden einführen wollen. Auch bei den Theorien des sogenannten Animismus und Spiritismus klaf- fen die Meinungen weit auseinander. Der Animismus versucht die Phänomene mit dem Wirken von Kräften der im physischen Körper Lebenden zu erklären. Der Spiritismus nimmt das Einwirken Jenseitiger bzw. Desinkarnierter an. Die Nur-Animisten, geistig den Rationalisten verwandt, lehnen den Spiritismus oder Spiritualismus in jeder Form ab und bauen bei schwierigen Fällen lieber komplizierteste Hypothesen auf oder bescheiden sich mit einem «Noch-nicht- Erklärbar». Dem Spiritisten stehen hingegen beide Erklärungsmöglichkeiten zur Verfügung, sowohl die aufgrund einer seelischen Wirkung von Lebenden als auch jene aufgrund des Wirkens nichtphysischer Wesen. - Da der Spiritismus im Gegensatz zum Animismus für die «normale» Weltanschauung nicht akzeptabel ist, genügt bereits der Versuch einer unvoreingenommenen Untersuchung, um jemanden wissenschaftlich in Verruf zu bringen. Selbst die Tatsache, daß eine wohlwollende Prüfung noch lange nicht eine definitive Festlegung bedeutet, besagt im Hinblick auf die Sache des Spiritismus nichts. Der Arzt und parapsychologische Forscher A. v. Schrenck-Notzing (1862- 1929) weiß ein trauriges Lied zu singen:

«Die Beschäftigung mit den in Mißkredit gekommenen ›spiritistischen Erscheinungen› hat heute noch gewisse Nachteile für den betreffenden Forscher zur Folge. Nicht nur, daß man ihm Beobachtungsfähigkeit, kritische Besonnenheit und Glaubwürdigkeit abzusprechen pflegt und ihn durch den Vorwurf des ‹Scharlatanismus› der Lächerlichkeit preisgibt: er läuft auch Gefahr, für geistig minderwertig, wenn nicht direkt für geisteskrank zu gelten.»

Wenn selbst Parapsychologen der Meinung sind, alle Paragnosten seien dem Psychiater zu überantworten, wenn überall Betrug und Psychopathie vermutet wird, muß man sich nicht wundern, daß sich die meisten, die Beiträge liefern könnten, in Schweigen hüllen. Ein lebenskluger Mensch lächelt zumindest über jene,

«die töricht genug ihr volles Herz nicht wahrten, dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten» -

um nochmals aus Goethes «Faust» zu zitieren. Gekreuzigt und verbrannt wird man schon nicht mehr, doch mag eine gesellschaftliche Ächtung ganz ähnliche Auswirkungen haben. Für die klassische Psychiatrie sind außer- sinnliche Wahrnehmungen spezifische Symptome einer seelischen Erkran- kung. Sie meint, die Krankheit durch Unterdrückung der außersinnlichen Wahrnehmungen heilen zu können und mißachtet die Möglichkeit, daß gerade bei manchen schwer psychisch kranken Menschen durch das Fehlen psycho- physiologischer Schutzvorrichtungen solche Wahrnehmungen begünstigt werden, die betreffenden Wahrnehmungen aber keineswegs mit der Erkrankung identisch sind.

Außerdem haben sich in den Publikationen über paranormale Phänomene Floskeln eingebürgert, die stark diskriminierend wirken. Manchmal heißt es: «Er will gesehen haben -», dann wieder: «Er gibt vor, gesehen zu haben.» Im einen Fall unterschiebt man dem Beobachter einen psychopathischen Aspekt, im andern Fall zweifelt man an seiner moralischen Integrität. Wie ich zu meinem Erstaunen feststellen konnte, werden diese zweifelnden Redewendungen sogar in der Parapsychologie selber verwendet, wenn der eine Parapsychologe Beobachtungsberichte eines «Kollegen» zitiert. Das Mißtrauen gegen die Eigenerfahrung ist derart stark, daß man nicht einmal einem Berufskollegen zutraut, er könne selbständig eine Beobachtung durchführen. Dieser Argwohn hat seine Wurzeln in den vielen Betrügereien, die im parapsychologischen Bereich wegen der naiven Gutgläubigkeit gewisser Parapsychologen aufgetreten sind, findet aber seinen tieferen Grund in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ächtung der Eigenerfahrung, die sich dann oft via Hintertüre, nämlich mittels Betrug, einen Einzug in die Welt der Wissenschaft verschaffen möchte, wo sie gar nichts zu suchen hat.

Die Parapsychologie versucht, den Anforderungen einer gestrengen Natur- wissenschaftlichkeit zu genügen und unterwirft das Einzelereignis einer sta- tistischen Betrachtungsweise. Damit gerät sie in einen unauflösbaren Zwie- spalt, denn einerseits ist sie auf das Einzelereignis angewiesen und richtet Aufrufe an die Öffentlichkeit, sie möge mit Erfahrungsberichten zur para- psychologischen Forschung beitragen, und andererseits vermarktet sie die berichteten Erlebnisse in naturwissenschaftlicher Manier und mißachtet damit deren existentielle Dimension. Jeder, der einmal einem Aufruf zur Be- richterstattung nachgekommen ist, wird sich ein wenig merkwürdig vor- kommen müssen.

Carmelo Samona kritisiert die fehlende Bereitschaft vieler Leute in einem Artikel der Zeitschrift «Filosofia della scienza»:

«Wenn auf metaphysischem Gebiete jedermann aus Furcht vor der Lächerlichkeit oder aus anderen Gründen gleicher Art all diese mehr oder weniger seltenen Ereignisse, die stattfinden können, für sich behält, dann adieu Hoffnung auf Fortschritt.»

Fragt sich bloß, ob nicht ein jeder, der sie für sich behält, nicht wesentlich besser beraten ist, zumal er mit seiner Erzählung nichts zu einem Fortschritt beitragen könnte, weil der Fortschritt der Wissenschaft gar nicht von seinem Erlebnis abhängt, sondern davon, ob die Wissenschaft fähig wird, dem Einzelereignis endlich jenen Stellenwert zuzusprechen, der ihm im Leben des Menschen gebührt. Ein Briefschreiber teilte mir einige schmerzliche Gedanken mit, welche die Erfahrungen vieler widerspiegeln:

«Natürlich spreche ich auch mit den Eltern darüber, aber meine Berichte rufen bei ihnen verständlicherweise meist nur ein etwas zweifelndes Staunen hervor. Bei anderen besteht immer die Gefahr, daß man einfach für verrückt erklärt wird, so daß ich mich bei Fremden erst ganz allgemein erkundige, ob sie an paranormale Erscheinungen und Phänomene glauben. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie verknöchert manche Leute sind und ohne zu überlegen alles ablehnen, was nicht in ihr vorgefertigtes, anerzogenes und engstirniges Weltbild paßt.»

Dem kann ich nur aus eigener bitterer Erfahrung beipflichten. Das eigene Erleben wird nur in der Privatsphäre gelten gelassen, und auch da wurde es in den letzten Jahrzehnten immer mehr reduziert durch die direkt ins Haus gelieferte abendliche Unterhaltung. Ein außergewöhnliches Erlebnis dagegen wird nicht nur argwöhnisch bekrittelt, sondern sogar als störend empfunden, weil es nicht in den gewohnten Rahmen hineinpaßt. Vor meiner Pensio- nierung als Lehrer wäre es mir unmöglich gewesen, je etwas von meinen paranormalen Erfahrungen verlauten zu lassen. Ein Sturm der Entrüstung wäre losgebrochen mit der Bemerkung:

«Und einem solchen Narren sollen wir unsere Kinder anvertrauen!» Da hätte denn auch mein Bestreben nichts genutzt, an der Erziehung der mir anvertrauten Kinder nach besten Kräften mitzuwirken und sie weltan- schaulich auf keinen Fall in einen Konflikt mit ihrer Umwelt hineinzutrei- ben. Und diesbezüglich hatte ich stets ein gutes Gewissen. Auch ohne Hinweis auf die Möglichkeiten der paranormalen Erfahrungsweisen hatte ich es schon schwer genug gehabt, wenn ich für meine sonstige Gesinnung einzustehen hatte.»

Da ich von Kindheit an mit außergewöhnlichen Erlebnissen konfrontiert wurde, begann ich mich bald einmal nach ähnlichen Erscheinungen im Menschenleben umzusehen. Ich stieß früh auf den Humor, die Kunst, die Sittlichkeit und die Ethik und hatte auf diesen Gebieten einige tiefgreifende Erfahrungen, von denen ich nur ein einziges Beispiel anführen möchte:

Im Alter von 16 Jahren lag ich wegen einer Blinddarmentzündung im Spital und bestellte mir aus Langeweile meine Lieblingslektüre, Schriften des weltbekannten Humoristen Mark Twain (1835-1910), von denen ich eine Serie besaß. Längstens waren mir seine Geschichten bestens bekannt, aber dennoch mußte ich beim Lesen immer wieder lauthals lachen, sehr zum Er- staunen meines Bettnachbarn, der mich dann bat, ihm das Buch mal zu geben. Nach einer Stunde gab er es wieder zurück und bemerkte: «Was gibt es hierbei zu lachen?» Vor lauter Staunen brachte ich kein Wort heraus. Konnte es möglich sein, daß es Menschen gibt, die bei Mark Twain nicht lachen konnten? Fehlte diesem Menschen etwa ein psychisches Organ? Man scheint total vergessen zu haben, daß eine persönliche existentielle Er- fahrung überhaupt keines naturwissenschaftlichen Beweises bedarf, sondern einer intensiven Beratung und Aufklärung in dem Sinne, daß dem betroffenen Menschen klargemacht wird, daß seine spezielle Erfahrung viele Parallelen hat und seit Jahrtausenden in der «esoterischen» Literatur erörtert wurde. Viele Menschen haben gleich ihm ganz ähnliche Erfahrungen gemacht und gelernt, mit diesen Erfahrungen zu leben und aus ihnen zu lernen. Bei dem Grazer Medium Marie Silbert meldete sich um die Jahrhundert- wende in einer Sitzung unter stark physikalischen Phänomenen ein Franzis- kus Nell, der seiner Angabe gemäß unter dem Namen Vincentius Cornello 1650 bis 1713 als Franziskanermönch und Ordensgeneral lebte, mit den Worten:

«Ich habe die Allmacht gebeten, in einer Zeit, in der die Welt im tiefsten Materialismus liegt, wiederzukommen und Beweise von einem Jenseits zu geben. - Tage steigen herauf, die eure Kraft vonnöten haben. Arbeitet in meinem Sinne. Was ich vor Jahrhunderten gelehrt und nicht vollenden konnte, das vollendet ihr. Werfet ab Ämter und Würden, Reichtum und Armut, Jugend und Alter, und legt nieder jeden Haß, denn groß und stark müßt ihr werden für die Nachwelt.»

Was spielt es für eine Rolle, ob nun das Unbewußte des Mediums gesprochen hat oder ein jenseitiges Wesen namens Franziskus. Was hier gesagt wurde, paßt treffend auf die momentane Situation - und genau das ist zuerst einmal die Hauptsache. Die Welt ist materialistisch eingestellt, obwohl die Physik längstens nicht mehr weiß, was Materie ist. Materialismus heißt unsere Lebensweise, die meint, nur das, was man tagsüber sehen und tasten könne, habe Bestand, alles andere dagegen seien bloß Hirngespinste. Das Jenseits der nächtlichen Erfahrungsweisen bleibt ein echtes Jenseits, weil man sich nicht daran erinnern kann, also auch keine Beweise dafür hat, daß während des Schlafes etwas geschieht. Der eigene Erfahrungsbereich ist zum Jenseits geworden, aus dem keine Kraft mehr geschöpft werden kann, weil er verschlossen bleibt in der Hektik der Lohnarbeit und der Freizeit. Mit der Aufklärung, die dem kritischen, diesseitsgewandten und selbstbe- wußten Geist zum Durchbruch verhalf, ging leider die Seele des Menschen

und damit die Möglichkeit zu eigenem Erleben verloren. Die industrielle Revolution dürfte ihr den eigentlichen Todesstoß gegeben haben, von dem sie sich bis heute noch nicht erholt hat. Niemand hat eine Ausbildung in seelischen Belangen erhalten, so kann es nicht verwundern, wenn die Äuße- rungen der Seele z. B. in den Träumen bei den meisten Menschen chaotisch und blödsinnig erscheinen. Von der Wissenschaft darf man keine Erzie- hungsmethoden für die seelische Entwicklung erwarten, denn sie ist und bleibt seelenlos. F. Zöllner (1834-1882) schreibt in seinen «Wissenschaftlichen Abhandlungen»:

«Ich habe vor Jahren den Unterschied zwischen den Äußerungen einer wissenschaftlichen und einer bloß intelligenten Tätigkeit des menschli- chen Verstandes durch dieses Gleichnis zu erläutern versucht: Wenn ein Schuhmacher mit allen Mitteln physikalischen Scharfsinns die Zähigkeit seines Zwirns, den Brechungskoeffizienten der Flüssigkeit in seiner Beleuchtungskugel untersucht, um seine Konkurrenten durch eine bessere Ware zu überflügeln, so bleibt er nur ein intelligenter Schuster. - Eine nicht unbedeutende Zahl unserer berühmten ‹Männer der Wissenschaft› muß zu dieser Klasse der eben geschilderten intelligenten Schuster gerechnet werden. Ich betrachte diese Entwicklung der Dinge als unheilbringend für die fernere geistige und moralische Fortentwicklung unseres Volkes. Am gefährlichsten ist das gelehrte Literatentum, weil es dem Volke nur durch das Prestige eines Doktor- oder Professortitels imponiert und durch eine Schar weihrauchspendender Korybanten aufgrund irgendwelcher verdienstvoller Spezialforschungen zur Berühmtheit gestempelt wird.»

Solche Schuster sind unfähig, nur schon für sich selber Schuhe herzustellen, auf denen sie durchs Leben gehen können. Solange sich ein Wissenschaftler darüber im klaren ist, was er tut und sich nicht anmaßt, den Nichtwissen- schaftlern ihre Weltanschauung vorschreiben zu wollen, sind seine intellek- tuellen Spielereien einigermaßen harmlos, was natürlich in Anbetracht der neueren wissenschaftlichen Entwicklungen auch nicht mehr stimmt. Der Nichtwissenschaftler muß sich andererseits ebenso offen eingestehen, daß er von der Wissenschaft nicht in dem Moment eine Lebenshilfe erwarten darf, wenn er seinen alten Väterglauben verloren hat und nun hilflos im Weltgetriebe umherirrt. Hier überfordert er die Wissenschaft genauso, wie eine Wissenschaft sich selber überfordert, wenn sie meint, diesem Bedürfnis nachkommen zu können. Solche Illusionen hüben wie drüben gilt es schleunigst aufzugeben. Wenn es dann zu einer Rückbesinnung auf die Bereiche des eigenen Erle- bens kommt, dann ist der Anfang zu einer neuen Weltanschauung schon gemacht. Nur muß man sich dabei klar bewußt sein, daß ich mit meiner Ei- generfahrung keiner Wissenschaft Rechenschaft ablegen muß. Was die Wis- senschaft zu meinen Erlebnissen zu sagen weiß, ist banal und für mein Leben nicht besonders wichtig. Die Naturwissenschaft hat es mit technischen und nicht mit seelischen Problemen zu tun. Dort aber, wo sie theoretisiert,

ist sie mittlerweile derart kompliziert geworden, daß sie nicht einmal mehr zu sagen weiß, was Materie ist. Und an jenen Stellen, wo sie mit der menschlichen Seele in Kontakt kommt wie in der Psychosomatik oder in der Tiefenpsychologie, müht sie sich vergebens ab, mit den herkömmlichen Mitteln zu Ergebnissen zu kommen. Wir müssen endlich die Schwierigkeiten der Wissenschaft zur Kenntnis nehmen, statt immer so zu tun, als sei dort die Welt noch in Ordnung. Sie kann jetzt nicht auch noch das Problem mit der Eigenerfahrung und damit auch den paranormalen Erscheinungen bewältigen. Das sollten sich vor allem jene Parapsychologen mal hinter die Ohren schreiben, die noch und noch z. B. wissenschaftliche Konzepte aus der Quantenmechanik entleihen, um paranormale Phänomene erklären zu können. Ich möchte mit diesem Buch einen anderen Weg beschreiten, der die Wis- senschaft etwas entlastet. Indem ich berichte, wie ich mit den mir zugesto- ßenen paranomalen Geschehnissen einigermaßen zurechtgekommen bin, will ich einen Beitrag leisten für jene Mitmenschen, die selber ähnliche Er- fahrungen gemacht haben, aber nicht die Möglichkeit dazu hatten, näher auf ihre eigenen Erlebnisse einzugehen. Jene Menschen dagegen, die keine außergewöhnlichen Erfahrungen gehabt haben, sollen ermutigt werden, ge- nauer hinzuhören auf die absonderlichsten Regungen ihrer Seele, die ihnen vor allem des Nachts im Schlafe begegnen. Die Wissenschaft wird vielleicht auch ein wenig von meinen Berichten profitieren können, weil sie sonst fast ausschließlich auf Fallbeispiele angewiesen ist, die im Leben des sie Erzäh- lenden einmalig gewesen sind. Hier dagegen hat sie es mit nur einem einzigen Individuum zu tun, das viele Beispiele erlebt hat. Gerda Walther schrieb einmal:

«Eigene Erlebnisse pflegen auf unserem Gebiet den, dem sie zuteil werden, mitunter aber auch den, dem sie berichtet werden, mehr zu überzeugen, als alle literarischen Fälle und theoretischen Erwägungen.»

Alfred Lischka

Das Ich-Bewußtsein

Der Begriff «Bewußtsein» wird in vielen Diskussionen und Abhandlungen in sehr uneinheitlicher Weise verwendet und verstanden. Auch die Lexika sagen darüber Verschiedenes aus. Das eine spricht vom «Zustand des Habens von Erlebnissen», das andere wieder von «der besonderen Art des Erlebens, in der der Mensch seelische Vorgänge als gegenwärtig und in ihrer Zugehörigkeit zum Ich erfährt», ein weiteres erklärt es einmal aus dem höheren Seelenleben eigenen Gegenwärtigkeitshaben (Bewußthaben) von Inhalten sowie den Inbegriff aller derart gegenwärtiger Inhalte selbst, sodann auch den Inbegriff aller Vorgänge und Zuständigkeiten des Seelenlebens; des Wahrnehmens, Vorstellens, Denkens, Fühlens, Wollens usw. An keiner Stelle fand ich bisher die einfache Übersetzung des Begriffs Be- wußtsein als das Wissen vom eigenen Sein, ohne die Zutaten des Habens von Erlebnissen und dergleichen. Das Bewußtsein bedarf zu seiner Existenz keiner Erlebnisse, und besondere paranormale Erfahrungen zeigten mir, daß es Zustände gibt, in denen man sich nur seines Daseins bewußt ist und nicht mehr. Es ist daher falsch, ihm eine Tätigkeit zuschreiben zu wollen. Grade und Arten des Bewußtseins sind bekannt; Grade etwa als Dämmerbewußtsein und Vollbewußtsein, Arten als Tag- und Traumbewußtsein. In Bewußtseinsarten des Außermenschlichen erkenntnistheoretisch einzudrin- gen ist eine schwierige Sache - und doch hört und liest man von «Gottesbe- wußtsein», das sich einer angeeignet hat oder es erstrebt. - Nach deutschem Sprachgebrauch ist ein Hausdach das Dach eines Hauses und das Gottesbe- wußtsein das Bewußtsein Gottes. Nur Toren können es zu ergründen suchen. Das Selbstbewußtsein oder Ich-Bewußtsein beschreibt das Lexikon «Der große Herder» (1931):

«So ist das dem Menschen im Unterschied zum Tier eigene Innewerden seines Daseins als einer, bei aller Verbundenheit mit der Welt des Es und des Du in sich geschlossenen, allem andern sich gegenüberstellenden Eigenwelt der Person.»

Bleiben wir im Menschlichen, so nenne ich im Unterschied zum Traumbe- wußtsein das Tagbewußtsein ein Ich- oder Selbstbewußtsein. Ihm kommt als besondere, höhere Eigenschaft die Reflexivität zu. - Nach der offiziellen Wissenschaft ist das Bewußtsein eine Funktion des Gehirnes. In Wirklichkeit ist dieses physische Organ nur sein Werkzeug und kann ohne dasselbe wirken, freilich in einer Organisation der feinen, außerphysischen Substanz. Eine Organisation, ein Organ ist es jedoch immer. Phantastische und spekulative Autoren sprechen auch von einem Bewußtsein des Alls, der Steine, ja der Moleküle und Atome. Mißverständlich gebraucht werden Begriffe wie Bewußtsein und Bewußt- seinskreis, unbewußt und unterbewußt. Unter Bewußtseinskreis verstehe ich die Erlebnisse, die der Individualität (nicht dem Ich-Bewußtsein) be- wußt wurden. Demnach kann nur der Bewußtseinskreis, nicht das Bewußt-

sein, erweitert werden. Unterbewußt nenne ich alles, was in mir als Erleb- nisinhalt schlummert, ohne daß ich es über die Erinnerung erreichen kann. Unbewußt ist das Anorganische. Das Unterbewußtsein ist also gar kein Be- wußtsein; Untergedächtnis könnte man es höchstens nennen. Bezüglich seines Wirkens vergleiche ich das Ich-Bewußtsein mit einem Bergsee, genauer gesagt mit seiner Oberfläche, mit der Reflexivität seiner Spiegelung. Braucht der Bergsee die feste Umrahmung, um sich vor den Winden zu schützen, bedarf das Bewußtsein jedoch außer einer zeitweisen Abschirmung gerade des Anstoßes, um sich zu entwickeln. Hierfür bietet das Sein im gröberen Stoff des Physischen zunächst den besseren Boden. Er wird stets die Umgebung spiegeln, aber niemals mit einer der Umgebungen identisch sein. Der Vergleich mit einer glatten Seeoberfläche zeigt noch etwas anderes:

Kräuselt sich das Wasser oder treten sogar kleinere Wellen und bei Sturm größere Wogen auf, dann werden die Umgebungsspiegelungen mehr oder weniger verzerrt, und damit verfälscht sich das Spiegelbild. Auf den Men- schen bezogen würde das heißen, daß er als Ich-Bewußtsein durch Emotionen erregt oder gar aufgewühlt wird, so daß er die Umgebung nicht mehr unverfälscht erkennen kann. Der Ausdruck «Ich-Bewußtsein» weist darauf hin, daß das Ich weiß, daß es ist, bedeutet aber noch lange nicht, daß es auch weiß, wer das Ich ist. Die Frage nach dem «Wer bin ich?» soll bewußt machen, daß das Ich nicht mit einem bestimmten Bewußtseinsinhalt gleichzusetzen ist, wie das eben am Beispiel des spiegelnden Bergsees erläutert wurde. Was ist nun aber ein spiegelfreier, sich selbstbewußter Bergsee, d. h. ein reines Ich-Bewußtsein? Wir müssen uns bloß vorstellen, daß eine völlig dunk- le Nacht über den See hereingebrochen ist, bei der auch die Sterne nicht ge- sehen und damit gespiegelt werden können. Die Oberfläche des Sees ist dann absolut schwarz. Dann haben wir das reine Ich-Bewußtsein! Jetzt ist es inhaltslos, weil es nichts mehr spiegelt, aber dennoch ist es sich bewußt, es besitzt ein Ich-Bewußtsein. Selbstverständlich läßt sich der Vergleich zwischen einem Bergsee und dem Ich-Bewußtsein nicht beliebig weiter ausdehnen, doch zeigt dieses Bild viele wesentliche Dinge, die mit dem Ich-Bewußtsein zusammenhängen. Außerhalb des physischen Körpers bei einem luziden Traum, einer Exterio- risation oder gar einer Seelenreise ist es wesentlich schwieriger, das Ich-Be- wußtsein zu erhalten. Ein Ich-Bewußtsein, das sich nur als spiegelnde Fläche kennt, wird in einer anderen «Form» große Mühe haben, sich selber wiederzuerkennen. Es muß sich an die neue Spiegelungsweise gewöhnen und den Zusammenhang mit der früheren Spiegelungsart erlernen und erkennen. Mit einer unterschiedlichen Spiegelungsweise sind auch die erinnerten Spiegelungsbilder von einer ganz anderen Art als die gewohnten Erinnerungsbilder.

Bei einer Exteriorisation kann es vorkommen, daß man sowohl mit den Augen des physischen Körpers sieht als auch mit «Augen» im außerkörperlichen Zustand (Beispiele sind im Kapitel über die Exteriorisation gegeben). Viele sprechen dann - vor allem diejenigen, die es selber noch nie erfahren haben - von einer Bewußtseinsspaltung. Davon kann keine Rede sein. In diesem Zustand sieht man einfach mit vier Augen statt nur mit deren zwei. Schließlich haben wir auch vier Gliedmaßen, und niemandem kommt es in den Sinn, von einer Bewußtseinsspaltung zu sprechen, weil man sich eines- teils der Arme, andernteils der Beine bewußt ist. Bewußtseinsspaltung wird manchmal auch mit der Persönlichkeitsspaltung gleichgesetzt. Das trifft die Angelegenheit des «doppelten» Bewußtseins noch weniger, das wie ein Januskopf in zwei Richtungen zugleich zu sehen vermag. Eine Persönlichkeitsspaltung betrifft zudem weniger das Ich-Bewußtsein als inhaltsloses Ich-Bewußtsein als vielmehr die Erinnerungsmöglichkeiten. Wenn ganze Erinnerungsfelder nicht mehr gespiegelt werden können, dann fehlt zum gewohnten Spiegelungsbild ein großer Teil. Die verschiedenen Bewußtseinsgrade, die von der Bewußtlosigkeit über das Dämmerbewußtsein bis zum klaren, vollen Ich-Bewußtsein reichen, haben nicht nur im Wachzustand des physischen Körpers, sondern auch im Schlafzustand unseres Körpers einen ganz wesentlichen Einfluß auf das Re- flexions- und das Handlungsvermögen, aber auch auf die Erinnerungsfähig- keit. Während wir tagsüber normalerweise mit einem ziemlich wachen Ich- Bewußtsein rechnen können, entspricht der Bewußtseinszustand z. B. wäh- rend eines Traumes nur mehr einem Dämmerbewußtsein oder ist sogar völlig verschieden, so daß man von einem Traumbewußtsein sprechen kann. Das Traumbewußtsein ist unter anderem dadurch ausgezeichnet, daß es keine Erinnerung an den Wachzustand des physischen Körpers besitzt und auch nicht weiß, daß es träumt. Das wird bei einem luziden Traum ganz anders, was im betreffenden Kapitel näher ausgeführt wird. Bei allen außergewöhnlichen Erlebnissen betrachte ich den Zustand des Ich- Bewußtseins als das wichtigste Kriterium, das möchte ich ganz besonders betonen, und der Leser möge sich dessen stets eingedenk sein. Wer beispielsweise eine Seelenreise bloß mit einem Dämmerbewußtsein erlebt, wird sich kaum an etwas erinnern und anderntags ein diffuses Gefühl haben, daß etwas Außergewöhnliches mit ihm des Nachts geschehen sein könnte, ohne davon allzusehr beeindruckt zu sein, denn er weiß nichts oder kaum mehr etwas. Aber sogar bei einem einigermaßen intakten Ich-Bewußtsein, das über die Möglichkeiten solcher Erfahrungen nicht unterrichtet ist, wird er mit dem Erlebnis nicht viel anzufangen wissen. In seiner Unwissenheit wird er das Ereignis als einmalige Absonderlichkeit auffassen und wieder zur Tagesordnung übergehen. Es fehlen ihm einfach die Erin- nerungsmöglichkeiten, die es ihm erlauben würden, neuartige Zusammen- hänge zu erkennen, die weit über die Grenzen seines momentanen Weltbil-

des hinauszuführen vermöchten. Wer einen programmierbaren Taschen- rechner kauft und nicht gelernt hat, mit ihm umzugehen, wird bloß die vier Grundoperationen ausführen können, ohne die eigentliche Kapazität des Rechners jemals auszunutzen - es sei denn, er sei gewillt, es zu lernen.

Der Feinstoff

Wenn man einige eigene Exteriorisationserfahrungen gemacht hat, bei denen man bei vollem Ich-Bewußtsein außerhalb des materiellen Körpers ist und sich frei bewegen kann, lassen sich ein paar merkwürdige Eigenschaften im außerköperlichen Zustand beobachten, die auf die Existenz einer sehr feinen, «spiritualen» Substanz schließen lassen, die Feinstoff genannt wird. Der Feinstoff läßt sich mittels physikalischer Meßmethoden nicht nachwei- sen, was deshalb verständlich ist, weil die betreffenden Meßapparaturen selber nicht aus Feinstoff, sondern aus Materie sind und nur auf das ansprechen, was selber materiell ist. Mit einem Fotoapparat lassen sich keine Radiowellen empfangen, obwohl es sich nur um verschiedene Wellenbereiche handelt, für welche die beiden Geräte empfindlich sind. Man stelle sich vor, daß der Feinstoff in seinen Schwingungen noch wesentlich feiner ist als alle materiellen Schwingungen, so daß es überhaupt nicht oder bloß extrem selten zu einer Wechselwirkung mit materiellen Schwingungen kommt. Ob das stimmt, ist natürlich eine andere Frage. Man darf allerdings nicht vergessen, daß es auch in der Physik Teilchen bzw. Schwingungszustände gibt wie die des Neutrinos, die ungemein schwierig nachzuweisen sind. 1933 hatte Wolfgang Pauli die Existenz eines bis dahin noch nicht entdeckten Teilchens, des Neutrinos, gefordert, damit das Prinzip der Energieerhaltung nicht aufgegeben werden mußte, das beim Betazerfall des Atomkerns durchbrochen schien. Aber erst 1956 gelang der experimentelle Nachweis dieses Teilchens. Für die Physik wäre es eine ganz schwerwiegende und folgenreiche Sache gewesen, wenn man das Energieerhaltungsprinzip hätte aufgeben müssen, weshalb es wesentlich einfacher war, zuerst einmal ein Teilchen einzuführen, das man noch nicht nachweisen konnte, aber früher oder später nachzuweisen hoffte. Was den Feinstoff betrifft, befinden wir uns nicht in einer ähnlich dramati- schen Situation, doch postuliert man vorerst einen Feinstoff aus Bequem- lichkeitsgründen, weil diese Vorstellung nicht nur viele Vorkommnisse im außerkörperlichen Zustand zu erklären vermag, sondern auch mit der tradi- tionellen Überlieferung übereinstimmt, die seit uralten Zeiten mit großem Erfolg mit dem Konzept des Feinstoffes gearbeitet hat. Zwar wechseln mit den Kulturen die Bezeichnungen, aber dennoch bleibt das Grundkonzept das gleiche. Platon nennt folgende drei Teile: den sterblichen Körper, die Seele als den sterblichen Zwischenteil und den unsterblichen Kern, den Geist. Hier begegnen wir der bekannten Körper-Seele-Geist-Auffassung. Als der feinste Grundstoff (Feinstoff) galt Platon, wie auch Anaxagoras und Empedokles, der Äther, der bei den Pythagoräern als das fünfte Element bezeichnet wurde. Der Ätherbegriff hat sich bis in die modernste Zeit er- halten, und immerhin haben die Schwierigkeiten mit dem Ätherbegriff in

der Physik zur modernen Relativitätstheorie geführt. In der Renaissance lehrte Agrippa, daß der Äther als der «Spiritus mundi» die samenentfaltende Kraft der Dinge bedeutet, und Giordano Bruno sieht im Äther das einigende Band der Körperelemente und zugleich den «Spiritus universi», das Wärmend- Belebende. Der Ätherleib, den Paulus den «pneumatischen Leib» nennt, ist die Seelen- hülle, die wohl mit dem Feinstoffkörper gleichgesetzt werden kann, oder dann mit dem Astralkörper oder Mentalkörper. Der Wortgebrauch ist sehr uneinheitlich, doch kommt es weniger auf die einzelnen Bezeichnungen an, als vielmehr auf die Tatsache, daß das Ich-Bewußtsein auch außerhalb des physischen Körpers verschiedene feinstoffliche Körperhüllen benutzen und bilden kann, die sich durch ihren Schwingungszustand unterscheiden. Die gröbsten Schwingungszustände würden dem physischen Körper zukommen, während der Astralkörper schon ein feineres Schwingungsniveau besitzt, das vom Schwingungszustand des Mentalkörpers nochmals übertroffen wird in seiner Feinheit. Auch die Ägypter kannten den Unterschied zwischen dem physischen Körper, den sie Khat nannten, dem «Doppelgänger» Ka und dem unvergänglichen Lichtwesen Ba. Die jüdische Geheimlehre unterteilt den feinstofflichen Bereich in zwei Un- terbereiche, womit sie zu folgender Gliederung kommt: Als erstes wird der physische Körper genannt, dann folgen die beiden feinstofflichen Bereiche, gegliedert in einen plastischen Vermittler zum physischen Körper mit der Bezeichnung Nephesch, und den sogenannten Fluidalkörper. Dann kommt der reine Geist Neschamah als das (leere) Ich-Bewußtsein.

Paracelsus (1493-1541) schreibt in seiner «Philosophia sagax»:

«Das Fleisch des Menschen muß also verstanden werden, daß seiner zweierlei Art ist, nämlich das Adam entstammende Fleisch und das Fleisch, das nicht aus Adam ist. Letzterem weicht jedes Gemäuer, das ist, dasselbe Fleisch bedarf keiner Türe, keines Loches, sondern es geht durch Mauern und Wand und zerbricht nichts: es ist ein subtiles Fleisch, das nicht zu binden oder zu fassen ist, denn es ist nicht aus Erde gemacht.»

Paracelsus gibt eine wesentliche Eigenschaft des Feinstoffkörpers an, die bei einer außerkörperlichen Erfahrung stets wieder verblüfft, nämlich dessen Fähigkeit, durch materielle Gegenstände hindurch gehen zu können. Auch F. A. Mesmer (1734-1815) beschreibt den Feinstoff in den «Proposi- tions»:

«Es besteht ein gegenseitiger Einfluß zwischen den Himmelskörpern der Erde und den beseelten Körpern. Der Träger dieses Einflusses ist ein überall verbreitetes Fluidum, das sich überall derart fortsetzt, daß es nirgends ein Vakuum gestattet; ein Fluidum, dessen Feinheit keinen Vergleich mit etwas anderem zuläßt, das seiner Natur nach fähig ist, alle Bewegungseindrücke aufzunehmen, fortzupflanzen und zu vermitteln.»

Wie erwähnt, gelang es nicht, mittels physikalischer Methoden solch ein Fluidum nachzuweisen, doch spielt in der Physik das Gravitationsfeld nun- mehr eine ähnliche Rolle. Wie sich die weitere Entwicklung der Forschung gestalten wird, ist offen, doch kann man sich von der Physik keinen Nachweis des Feinstoffs erhoffen, weil die physikalischen Mittel nicht für einen solchen Nachweis geschaffen sind. Hier muß die Erfahrung des einzelnen Menschen berücksichtigt werden, zumal er als Mensch auch eine Art Meßapparatur darstellt, deren Aufbau zudem milliardenfach sehr ähnlich ist. Mit der Meßanordnung Mensch läßt sich der Feinstoff durchaus «nachweisen»! Weil man im Verlauf der Zeit das Ich-Bewußtsein des Menschen immer mehr mit einem ganz bestimmten Inhalt gleichgesetzt hatte, ging das Wissen um den Bedeutungskern des Wortes «Geist» verloren, so daß Immanuel Kant (l724-1804) in seinen «Träumen eines Geistersehers» bemerken mußte:

«Ich weiß also nicht, ob es Geister gebe, ja was noch mehr ist, ich weiß nicht einmal, was das Wort ‹Geist› bedeute. Da ich es indessen oft selbst gebraucht oder andere habe brauchen hören, so muß doch darunter etwas verstanden werden, es mag nun dieses Etwas ein Hirngespinst oder etwas Wirkliches sein. Um diese versteckte Bedeutung auszuwickeln, so halte ich meinen schlecht verstandenen Begriff an allerlei Fälle der Anwendung, und dadurch, daß ich bemerke, auf welchen er trifft und welchem er zuwider ist, verhoffe ich dessen verborgenen Sinn zu entfalten.»

Oder an anderer Stelle:

«Viele Begriffe entspringen durch geheime und dunkle Schlüsse bei Gelegenheit der Erfahrungen und pflanzen sich nachher auf andere fort, ohne Bewußtsein der Erfahrung selbst oder des Schlusses, welcher der Begriff über dieselbe errichtet hat. Solche Begriffe kann man - erschlichene - nennen.»

Wenn die eigene Erfahrung des Feinstoffes fehlt, dann sucht man mit völlig falschen Mitteln am falschen Ort etwas nachzuweisen, was dort überhaupt nicht zu finden ist. So könnte es vielleicht mit dem Äther gegangen sein, und so ließen sich auch viele Mißverständnisse verstehen, die sich um den Feinstoff ranken. Ob der Mensch wirklich nur aus seinem Leib oder nur aus einem Leib und der Geistseele besteht, erweist sich als Frage, deren Antwort nur durch die eigene Erfahrung oder die vorurteilsfreie Anhörung von Erlebnisberichten beantwortet werden kann. Um es noch einmal zu betonen: Auf die Physik wartet man hier vergeblich, und ein naturwissenschaftlicher Nachweis läßt sich nicht an einem Ort führen, wo es um das eigene Erleben geht!

Ideoplastische Verformbarkeit des Feinstoffes

Das Wort Ideoplastie oder Ideoplastik setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern «idea» und «plastikos» zusammen. «Idea» heißt soviel wie der «Leitgedanke, der ein Musterbild erzeugt, das der individuellen Wirklichkeit zugrunde liegt», «plastikos» bedeutet das «Ausbilden einer bestimmten Form». Bei der Ideoplastie würde es sich somit um die Ausbildung einer bestimm- ten Form handeln, die durch einen eigenen Gedanken hervorgerufen wird, durch eine bestimmte persönliche Vorstellung, die sich in die Wirklichkeit einer Form umsetzt oder eine äußere Wirklichkeit auf bestimmte Weise verändert und verformt, so daß sie mit den eigenen Vorstellungen überein- stimmt. Wie ein Bildhauer den Stein bearbeitet und mit der Formgebung seine Vorstellungen auszudrücken sucht, so wirkt man im außerkörperlichen Zustand bewußt oder unwillkürlich auf den Feinstoff ein, der unter der Einwirkung der Gedanken Gestalt anzunehmen beginnt. Die Gedanken haben die Fähigkeit und die Kraft, den Feinstoff in spezifischer Weise auszuformen, so daß man geradezu von einer Gedankenbildekraft sprechen kann. Wie sich die ideoplastischen Gestaltungen bilden und auswirken, das hängt weitgehend vom betreffenden Ich-Bewußtsein ab, d. h. von den Vorstellungen und damit der Weltanschauung. Bei einem leeren Ich-Bewußtsein wird der Feinstoff im außerkörperlichen Zustand nicht geformt, und er verbleibt in seinem Grundzustand der Nebulosität, wie ein Lehmklumpen seine Gestalt beibehält, wenn er nicht von den formenden Händen des Töpfers bearbeitet wird. Auf den Lehm wie natürlich auch auf den Feinstoff können auch andere Dinge und Wesen einwirken, und oft ist es schwierig, zwischen Fremdeinwirkung und Eigeneinwirkung zu unterscheiden. Das Unterscheidungsvermögen wird zusätzlich noch dadurch erschwert, daß die Formgebungen sich auch im feinstofflichen Bereich sehr lange halten. Unter Umständen wird es dann sehr schwer, die Eigenheiten der Ausprägungen zu erkennen, die auf das eigene Einwirken schließen lassen. Wer vielleicht vor 40 Jahren verschiedene Töpfe zusammen mit Freunden verfertigte, kann nach so langer Zeit - wenn er die Töpfe zwischenzeitlich nicht mehr gesehen hat - nicht mit Sicherheit sagen, welche Töpfe von ihm, welche dagegen von seinen Freunden angefertigt wurden. Die leichte Verformbarkeit des Feinstoffes bringt es mit sich, daß auch die Ausbildungen anderer Wesenheiten mehr oder weniger leicht verformbar und umwandelbar sind. Es läßt sich also nie mit völliger Sicherheit sagen, diese oder jene Form sei rein objektiv, doch gelten diese Probleme bekanntlich auch in der physischen Welt, wo sie sich aber nur im mikrophysikalischen Bereich ernsthaft auswirken - oder dann bei einer tiefenpsychologischen Betrachtungsweise. Nach meinen außerkörperlichen Erfahrungen zu urteilen, ist der Fein- stoff auch in seiner Grundkonsistenz nicht überall gleichartig. Wie bei einem

wallenden Nebel gibt es homogenere und weniger homogene Bereiche. Au- ßerdem ist seine Dichte nicht stets gleichartig und gleichbleibend, sondern wechselnd. Es gibt Bereiche größerer Dichte und damit «gröberer» Frequenz - wenn der Vergleich mit verschiedenen Schwingungszuständen mal gestattet ist. Wie sich die Ideoplastie auf die Feinstoffausformung bemerkbar macht, läßt sich mit Hilfe der Chladnischen Klangfiguren darstellen. E.F.F. Chladni, der im gleichen Jahr wie Mozart (1756) geboren wurde und im selben Jahr wie Beethoven (1827) starb, machte stehende Wellen dadurch sichtbar, daß er auf eine dünne Platte, die in ihrem Schwerpunkt befestigt wurde, Sand streute. Dann wurde die Platte mit einem Geigenbogen angestrichen, worauf der Sand von allen vibrierenden Zonen weggeschüttelt wurde und sich auf hübsche Weise in meist ornamentaler Form anordnete. Die Ausbildung der Klangformen ändert sich je nach der Befestigungsweise und der Anstrichstelle (vgl. S. Levarie & E. Levy in «Tone, A Study in Musical Acoustics»). Durch die Gedankenimpulse erhält der Feinstoffkörper Anstöße, die ihn zur Verdichtung und Ausformung bringen, wobei der Standpunkt des Ich- Bewußtseins wie auch seine Festigung von ausschlaggebender Bedeutung sind. Etwas von diesen Möglichkeiten auf physischer Ebene kennen wir aus der Psychosomatik, und mit Erstaunen hört man, daß sogar Krebsbildungen von der psychischen Einstellung eines Menschen abhängen können. Die Gedankenimpulse wirken sich nicht nur auf der feinstofflichen, sondern auch auf der materiellen Ebene aus, was in der hermetischen Tradition stets gewußt wurde. Wenn man selber im außerkörperlichen Zustand ist, dann bewegt man sich im unteren feinstofflichen Bereich mit einem Feinstoffkörper, der das exakte Abbild des physischen Körpers darstellt, weshalb er oft als Doppelgänger bezeichnet wird. Vor allem in der Nähe des physischen Körpers bleibt der eigene Feinstoffkörper dem materiellen Körper gleich, doch nimmt die Verformbarkeit mit größerer Entfernung zu, vor allem aber steigt die Ver- änderlichkeit mit der Feinheit des Schwingungszustandes. Die Gestalt kann nicht nur menschlich, sondern auch tierförmig sein, wo- von die Wertier (Werwolf-, Werkatzen- usw.)-Geschichten zu berichten wissen. Als «Form» eines leeren Ich-Bewußtseins kann der «Punkt» gelten, das punktförmige Ich-Bewußtsein als «formloses» Sein. Die menschliche Gestalt ist uns aber nicht nur derart gewohnt, daß wir im feinstofflichen Zustand die altgewohnte Form annehmen, sondern sie ist für die Entwicklung, Ausformung und Erhaltung des physischen Körpers sehr maßgebend. Ob man nun nackt oder bekleidet ist, das hängt wiederum vom eigenen Vorstellen ab, von der moralischen Auffassung vor allem, die sehr schwer zu «bewältigen» ist. Daraus erklärt es sich auch, daß viele Exteriorisierte in ihrem außerkörperlichen Zustand irgendwie bekleidet sind.

Der Feinstoffkörper ist wie der Feinstoffbereich im allgemeinen von einer Formbarkeit, die um ein Vielfaches größer als die der Materie ist, so wie wir sie zu kennen meinen. Das mag zunächst einmal verwirren. Diese Wan- delbarkeit ist ein weiterer Grund dafür, daß an das Ich-Bewußtsein im au- ßerkörperlichen Bereich viel höhere Anforderungen gestellt werden als im physischen. Deswegen ist der «Aufenthalt» auf der materiellen Ebene nor- malerweise - wenn man von den Grenzproblemen einmal absieht - viel leichter zu bewältigen. Da die Dinge ziemlich gleichbleibend sind, lassen sie sich gut bewußt machen. Die Formen ändern sich wenig, und das Ich-Be- wußtsein kann stets wieder das gleiche spiegeln und so sein Erinnerungs- vermögen festigen - leider nur allzu oft bis zur totalen Erstarrung!

Veränderlichkeit des Schwingungszustands als Eigenschaft des Feinstoffes

Verschiedene Erfahrungen im außerkörperlichen Zustand lassen vermuten, daß auch der Feinstoff verschiedene Frequenzen aufweist, so daß sich ein Vergleich mit den elektromagnetischen Wellen geradezu aufdrängt. Die un- zähligen Wellenlängen bilden ein Band, das in bestimmte Bereiche unterteilt wird, deren Eigenschaften untersucht werden. Viele Wellen durchdringen einander, ohne daß es zu Wechselwirkungen kommt. Wie bei anderen Wellenarten, die feste Stoffe durchdringen können, ist es auch hier. Es läßt sich im außerkörperlichen Zustand feststellen, daß man ohne weiteres dicke Wände durchdringen kann. Andere Male nimmt man erstaunt zur Kenntnis, daß sich die materiellen Gegenstände nicht durchdringen lassen oder wenigstens nicht so leicht wie sonst. Dann meint man, in einem gröberen feinstofflichen Schwingungszu- stand zu sein. Merkwürdig ist auch die Eigenschaft eines «dichten» Feinstoffkörpers, daß er auf starke elektromagnetische Felder anspricht. Immer wieder wird be- richtet, daß bei einem Gewitter schwere Störungen im außerkörperlichen Zustand aufgetreten sind, oder daß es vor oder während eines Gewitters unmöglich gewesen sei, sich vom physischen Körper abzulösen. Roben Monroe erzählt in seinem Buch «Der Mann mit den zwei Leben» von einer Exteriorisation, bei der er versuchte, einen Bekannten im außer- körperlichen Zustand zu besuchen, was ihm aber nicht gelang. Er konnte bloß die Hauptstraße entlang fliegen und entdeckte dann später, als er die Sache nachprüfen wollte, zu seiner Überraschung, daß etwa in der Höhe, in der er über dem Gehsteig geflogen war, elektrische Leitungen mit ziemlich hochgespanntem Strom vorhanden waren. Bei einem Versuch, bei dem Monroe sich von seinem in einem Faradayschen Käfig liegenden physischen Körper ablöste, konnte er nicht aus dem Käfig entweichen, so sehr er sich auch anstrengen mochte, was er wiederum dem elektrischen Feld zuschrieb.

Merkwürdig ist auch die Tatsache, daß man bei einer Ablösung in aller- nächster Nähe des physischen Körpers einen sehr starken Sog in diesen hinein verspüren kann, so als würde er wie ein Magnet wirken. Alle diese Erfahrungen sprechen zumindest dafür, daß der Feinstoffkörper in seinem «gröberen» Zustand eine gewisse Affinität zu starken elektromagnetischen Feldern besitzt und mit diesen eine Wechselwirkung eingeht, die bei einem «höheren» Schwingungszustand des Feinstoffkörpers nicht auftritt. Erstaunlich mutet auch eine weitere Eigenschaft des Feinstoffkörpers an, die dann besteht, daß sein Schwingungszustand auf unbekannte Weise ver- änderbar ist, oft sogar allein dadurch, daß man daran denkt. Bei einem Ex- periment im außerkörperlichen Zustand läßt sich die Durchdringungsfähigkeit der eigenen Hand z. B. durch eine Tischplatte innerhalb gewisser Grenzen verändern, wie das anhand einiger Beispiele im Kapitel über die Exte- riorisation gezeigt werden soll. Die Ausdrücke «tief», «niedrig», «hoch», «fein» usw. dürfen nicht wertend verstanden werden, sondern sind simple Bezeichnungen des betreffenden Schwingungszustandes, dessen Eigenschaften je nach Zustand variieren. Mit einem «hohen» Schwingungsbereich sind nicht einfach erhabene Erfahrungen gekoppelt, während mit einem niedrigen Schwingungszustand «nie- derträchtige» Erlebnisse verbunden sind. Welcher Art die Erfahrungen in den verschiedenen Frequenzbereichen sind, das hängt eben nicht nur vom betreffenden Frequenzbereich ab, sondern ebenso von der betreffenden In- dividualität. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die esoterischen Kenntnisse des Metaorganismus «Feinstoffkörper» näher zu erläutern, zumal dessen «Phy- siologie» in vielen Traditionen zu einem eigenen Studienfach geworden ist, dem im materiellen Bereich die Medizin entspricht. Diese Physiologie be- handelt vor allem jenen feinstofflichen Bereich, der sehr eng mit dem mate- riellen Körper verbunden ist, und hat wenig mit dem Feinstoffkörper zu tun, mit welchem Exteriorisationen und Seelenreisen durchgeführt werden, doch bietet auch der «untere» Bereich höchst interessante Phänomene, wie allein schon die Akupunktur zu zeigen vermag.

Außergewöhnliche Erlebnisse im Wachzustand des physischen Körpers

Selbstverständlich haben alle erzählten Erlebnisse bei voll intaktem Ich-Be- wußtsein stattgefunden, wie man das im Wachzustand gewohnt ist.

Erinnerungen an ein anderes Leben

Wenn man sich aufmerksam auch mit jenen Ereignissen beschäftigt, die meistens übersehen und für unnütz erachtet werden, dann mag es geschehen, daß man sich an Dinge erinnert, die man nicht in das momentane Leben einordnen kann, so sehr man sich auch bemüht. Solche Erinnerungen scheinen zu einem anderen, vorherigen Leben zu gehören und lassen die Möglichkeit der Reinkarnation nicht abwegig erscheinen. Der allererste selbständige Gedanke, den ich je zu fassen vermochte, war in die Atmosphäre der Rückerinnerung und Wiedererinnerung eingebettet:

Als Kleinkind erwachte ich zum irdischen Dasein mit dem Gefühl des Getragenwerdens. Um mich herum war viel Bewegung und ungemeine Aufregung. Ich hörte Geräusche, die ich nicht verstehen konnte, sah Lichter und Farben, ohne bestimmte Formen wahrzunehmen. Da stieg plötzlich der erste Gedanke in mir auf: «Wo bin ich jetzt?»

Es ist schwierig, diesen Gedanken, der sich nicht in Worte formuliert hatte, in seiner ganzen Bedeutung und Schwere wiederzugeben. Es war, als würde ich aus einem tiefen Schlummer erwachen mit einem unfaßbaren Staunen, mich an einem mir völlig unbekannten Ort wiederzufinden. Die Feststellung «ich bin» läßt zwar auf ein frühes Erwachen des Ich-Bewußtseins schließen, aber das ist nicht der verwunderliche Punkt. Das «Wo?» setzt nämlich ein räumliches, das «Jetzt» ein zeitliches Vorstellungsvermögen voraus, was für jenes frühe Alter mehr als nur erstaunlich ist. Im selben Moment, in dem sich die Frage «Wo bin ich jetzt?» bildete, war ich für einen Augenblick hellwach und wußte, daß ich früher irgend woanders gewesen war, wo ich mich in Freiheit befand, mich im Raum bewegen, richtig hören und sehen konnte. Nur das und nichts anderes! Diese Erinnerung hatte sich meinem Gedächtnis unauslöschlich als allererste Erinnerung in diesem Leben überhaupt eingeprägt. Sie gab mir in vielerlei Hinsicht Halt und Sicherheit und ließ mich niemals an der Existenz eines Jenseits zweifeln. Die frühkindliche Erinnerung erweckte in mir den Wunsch, etwas mehr in die Vergangenheit blicken zu können. Diese Sehnsucht erfüllte sich aber nur ganz ausnahmsweise. Die Merkwürdigkeit dieses Erlebnisses veranlaßte mich dazu, mich aus- führlicher mit dem Bewußtsein und dem Gedächtnis auseinanderzusetzen.

Schon das gewöhnliche Gedächtnis des alltäglichen Lebens ist keine einfache Sache, und vieles entgleitet, dessen man sich sicher war. Ein jahrzehntelang geläufiger Name läßt sich aus unerfindlichen Gründen eines Tages nicht mehr erinnern, und man plagt sich vergeblich ab, das ge- suchte Wort wiederzufinden. So erging es mir einmal mit einem Bergnamen. Nachdem ich mich eine halbe Stunde lang umsonst bemüht hatte, gab ich es auf, um anderntags einen zweiten Versuch zu machen. Ich erstellte Buch- stabenkombinationen - aber ohne Erfolg. Endlich wechselte ich die Technik und beschäftigte mich gedanklich mit jenem Alpengebiet, in welchem der betreffende Berg zu finden war. Und siehe da, der Name des Berges tauchte plötzlich auf: Valluga, so hieß der Gipfel in den Lechtaler Alpen. Erst mit der allgemeinen Betrachtungsweise des betreffenden Gebietes ergab sich die Erinnerung ganz zwanglos. Das Gedächtnis scheint - nicht nur in diesem Falle - besser zu funktionieren, wenn es nicht einem direkten Zwang ausgesetzt ist. Von den Gegnern des Reinkarnationsgedankens wird oft das Argument vorgebracht, daß man sich viel häufiger an ein früheres Leben erinnern müßte, wenn man tatsächlich schon vorher einmal gelebt hat. Das ist kein stichhaltiger Einwand, weil es mit dem Erinnerungsvermögen ziemlich be- denklich bestellt ist. Wenn viele Leute sich nicht einmal an einen einzigen Traum erinnern können, wenn sie doch pro Nacht mit etwa drei bis fünf Träumen rechnen können, wie sollten sie dann fähig sein, sich an ein früheres Leben zu erinnern, zumal man bei der Geburt ein völlig neues, unentwickeltes Gehirn übernimmt. Die Möglichkeiten der Erinnerung sind von der Schulung des Beobachtungs- und Erinnerungsvermögens abhängig, weshalb dieser Schulung große Aufmerksamkeit zu schenken ist. Wenn man zudem meint, gewisse Erfahrungen seien es nicht wert, daß man sich etwas intensiver mit ihnen beschäftigt, dann vergißt man sie auch we- sentlich schneller. Wer am Morgen aufwacht und sich an einen Traumfetzen erinnert, wird ihn innerhalb weniger Sekunden vergessen, wenn er ihn nicht sofort notiert. Schreibt er es aber auf, dann wird er mit Erstaunen bemerken, daß sich auch weitere Traumteile wiedererinnern lassen, bis schließlich der gesamte Traum «auferstanden» ist. Eine weitere Rückerinnerung erlebte ich in mittleren Jahren, als ich eines Abends zu Bett ging und die Augen schloß, um einschlafen zu können. Kaum hatte ich die Augen zugemacht, da entrollte sich ein Bild vor mir, und ich stand auch gleich in ihm drin. Ich war also noch nicht eingeschlafen und hatte dieses Erlebnis im Wachzustand des physischen Körpers, der allerdings in seinem Bett lag, so daß man auch von einer blitzartig stattfindenden Seelenreise sprechen könnte, die mich in die Vergangenheit brachte. Ich möchte das Beispiel dennoch hier nicht im Kapitel über die Seelenreise anführen, weil dieser überraschend schnelle Übergang aus dem Wachzustand des ruhenden Körpers besser zu den Erfahrungen im Wachzustand paßt als zu jenem im Schlafzustand des physischen Körpers.

Ich stehe auf einer Waldwiese in einer mir völlig unbekannten Gegend, die von mächtigen Tannen umsäumt ist, deren Stammdurchmesser mehr als einen Meter beträgt. Auf der Lichtung stehen Menschen, die in Felle gekleidet sind. Langsam lasse ich meinen Blick über die Gestalten gleiten und halte wie gebannt inne, wie ich eine Frau mit mir unbekannten Gesichtszügen sehe, deren Wesen mir seltsam bekannt vorkommt. «Es ist meine jetzige Frau!» Blitzschnell kommt diese Erkenntnis in unmißverständlicher Klarheit, und ich erfasse meine Situation und deren Gründe, die mich zu dieser Szene führten, für einen immens kurzen Augenblick, doch kann ich die Zusammenhänge nicht in Erinnerung behalten. Nur der äußere Rahmen und die Erkenntnis, meine jetzige Frau in früherer Gestalt gesehen zu haben, prägten sich unauslöschlich ein. Dann erfaßt mich eine ungeheuere Erregung, und mein Herz beginnt wie wild zu schlagen. Ich öffne meine Augen - kaum eine halbe Minute ist vergangen, seitdem ich im Bett bin. Lange Zeit kann ich keinen Schlaf finden, derart hat mich das Gesehene aufgewühlt.

Die Vermutung, daß es sich bei diesem Erlebnis um einen Traum gehandelt habe, ist für einen Außenstehenden leicht vorzubringen. Weil ich mich stets an viele Träume erinnern konnte, weiß ich um die Charakteristiken meiner Träume einigermaßen Bescheid und kann vor allem eine Traumerfahrung als solche erkennen. Deswegen weiß ich auch um die Unterschiede. Und dieses Erlebnis ist ganz bestimmt kein Traum gewesen, denn sein Wirklichkeitsgehalt und die Tatsache, daß ich bei vollem Bewußtsein dabei war, alles klar sehen konnte und zudem eine deutliche Erinnerung an das Geschehene behielt, sprechen dagegen. Wer solch eine Erfahrung als Traum und damit als unwirklich bezeichnet, für den ist auch die physische Realität ein unwirklicher Traum in dem Sinne, daß sie keinerlei Beachtung verdient. Unbestimmbare Erinnerungen kommen manchmal herangeweht, ohne daß sich die Herkunft ausmachen ließe:

Mitten in der Nacht liege ich wach im Bett und fühle mich gedanklich herausgelöst aus irdischen Sorgen und Interessen. Da wogt es unerwartet an mich heran - Gefühle und Empfindungen in der Art zarter Düfte. Ich bin mir sicher, daß all dies in ferner Zeit und nicht in diesem Leben in mir gelebt hat, denn irgendwie webt sich ein Schleier des äußeren Seins hinter den langsam zerrinnenden Erinnerungswogen. Ich will nicht wissen, was die schwachen Bilder bedeuten, denn zu sehr beschäftigt mich das Unsichtbare und Unhörbare. Der Zusammenklang der Geruchsempfindungen und der Gefühle ist unsagbar in seiner Bestimmtheit - eine alte Erinnerung.

Es sind vielerorts Bestrebungen im Gange, das Problem der Reinkarnation zu lösen. Ob dies von außen her gelingen wird, bleibt fraglich, denn auch

hier kann nur die eigene Erfahrung zumindest zu einer ahnenden Gewißheit führen, und es lassen sich keine wissenschaftlichen Beweise geben. Die sogenannten Reinkarnationsausarbeitungen, die man sich gegen Honorar anfertigen lassen kann, bringen wohl einzig demjenigen etwas ein, der sich dafür bezahlen läßt. Die Eigenerfahrung ist und bleibt jedem einzelnen Menschen vorbehalten und kann nicht delegiert werden. Bei der Rückführung mittels Hypnose gibt es Schwierigkeiten mit dem Ich-Bewußtsein, weshalb diese Methode sehr fragwürdig bleibt. Der Verlust des Ich-Bewußtseins läßt sich auch nicht durch den vermeintlichen wissenschaftlichen Wert der Hypnose-Methode aufheben, denn mit der Einbuße des kritikfähigen Ich- Bewußtseins geht die geistige Freiheit verloren, und die gilt es stets so lange wie nur irgend möglich zu bewahren. Ludwig Wittgenstein (1889-1951), der berühmte Sprachphilosoph, hat die Wichtigkeit der eigenen, vollbewußten Erfahrung folgendermaßen ausge- drückt:

«Das Mystische kann nicht mit Worten erklärt, sondern nur erschaut bzw. erlebt werden.»

Jedes Mysterium bleibt solange unfaßbar, bis man selber in es eingetreten ist. Wer auf die Eigenerfahrung mit den Worten «Ignoramus et ignorabimus» (wir wissen es nicht und werden es nie wissen) verzichtet, der wirft damit sein eigenes Leben fort, weil er sich selber nicht leben und miterleben läßt.

Tranceartige Zustände

In einem tranceartigen Zustand, der sich in meinen mittleren Lebensjahren ein paar Mal ereignete, machte ich eigenartige Erfahrungen mit Erinnerungen aus meinem jetzigen Leben. Vorwiegend bei einem gesellschaftlichen Anlaß konnte es geschehen, daß in mir aus verschiedenartigen Gründen, etwa einer Bemerkung oder einer Ge- stik, der Gedanke geweckt wurde:

«Das war doch schon einmal!» Aber dabei blieb es nicht, denn unwiderstehlich zog mich dieses Deja-vu- Gefühl in einen Abgrund hinein, der voller Gefühle und Erinnerungen aus meiner Jugendzeit war, die jäh auf mich zustürzten und mich beinahe unfähig machten, nach außen hin korrekt zu reagieren, so daß ich mich für einige Minuten möglichst absondern mußte, bis der Trancezustand wieder vorüber war. Leider gelang es mir nie, etwas von diesen Erinnerungen ins normale Da- sein hinüberzuretten. Auch wenn sie nicht besonders wichtig gewesen sein mögen, so hätte ich vielleicht doch Hinweise erhalten können, welche inneren Faktoren beim Zustandekommen des Trancezustandes maßgeblich beteiligt gewesen sind.

Ich falle nicht ruckartig in die Trance, sondern gleite langsam in sie hinein, wie in ein dickflüssiges Etwas. Die Dinge der Umwelt verändern sich dabei. Sie bleiben zwar gleich in ihrem Aussehen, bekommen jedoch den Anschein des Unwirklichen. Gleichzeitig gewinnt der Trancezustand selber mit den aufquellenden Erinnerungen an Bedeutung und wird in seiner Art realer als die Umgebung. Während des ganzen Verlaufs dieser Trance ist ein ziehender Schmerz zu verspüren, der vom Solarplexus, dem Sonnengeflecht, ausgeht und bis zum Herz hinauf ausstrahlt, so als würde jemand an meinem Lebensnerv ziehen. Ich bin mir meines Zustandes jeweils voll bewußt und weiß genau, daß ein gewisser Grad nicht überschritten werden darf, ansonsten es für mich kein Zurück mehr geben wird. Ich müßte mich ganz einem außergewöhnlichen, schmerzvollen und deshalb etwas unheimlichen Zustand überlassen, der sich gesundheitlich kaum heilsam auswirken würde. Da ich unter keinen Umständen mitten in der Menge der Gäste auffallen wollte und auch um meine Gesundheit fürchtete, versuchte ich so bald wie möglich wieder aus der Trance herauszukommen, was glücklicherweise stets gelang. Freilich, und das war für mich das Interessante, nicht sofort wie beim Auf- wachen, sondern langsam und zäh. Ich mußte förmlich mit mir ringen. Um mich abzulenken und mehr Blut ins Vorderhirn zu bringen, machte ich dann immer eine Kopfrechnung. Des weiteren zeigten mir die Vorfälle, daß auch das Unterbewußtsein geschichtet ist, wobei jede Schicht nicht nur ihren eigenen Inhalt, sondern ihre eigene Art besitzt. In der Literatur habe ich nichts gefunden, was diesen Tranceanfällen ent- spricht, doch erinnert eine Begebenheit im Roman «Die drei Lichter der kleinen Veronika» von Manfred Kyber (1880-1933) an meine Erlebnisse:

Die kleine Veronika, ein zartes und sensitives Kind, spielt mit ihren Puppen und kommt auf den Gedanken, dieselben zu verlebendigen, indem sie die eine als ihren anwesenden Onkel betrachtet, die andere als sich selbst:

Onkel Johannes warnt sie davor - doch leider ist es schon zu spät:

«Veronika stellte die Puppen zusammen und dachte nach. ‹War das nicht schon einmal?› fragte sie leise und ein wenig ratlos, als sei ihr etwas eingefallen, was unklar und noch nicht greifbar war.

‹Mache das nicht mit den Puppen, Veronika!› sagte Johannes und sah von seinem Buch auf. ‹Stelle zwei Stühle für uns hin, aber nicht für die Puppen. An die Puppen kommen so leicht allerlei Schatten heran und heften sich an sie und wachsen, größer als du sie haben willst.› Wirklicher, viel wirklicher waren die Bilder, die sich vor ihr ab- rollten wie auf einer endlosen Leinwand, eines mit dem andern verwo- ben, als wären sie beinahe gleichzeitig da. Und nun glitt sie selber in diese Bil-

der hinein, als eine ihrer lebendigen Gestalten, und wurde fortgetragen vom Strom ihres Geschehens. All dies Geschehen aber war ihr bekannt, sie lebte gleichsam ein Leben, das sie schon einmal gelebt, zurück.» Veronika verliert sich in den Erinnerungsbildern und erkrankt an einem Nervenfieber.

Diese Geschichte hat doch große Ähnlichkeiten mit meinem eigenen Erleben, nur daß mich ein ziehender Schmerz zurückgehalten hat, weiter zu gehen und mich vielleicht auch in den Erinnerungen zu verlieren. Erinnerungen sind zwar eine notwendige und nützliche Sache, wer sich aber ausschließlich seinen Erinnerungen überläßt, geht dem Hier und Jetzt verloren. Man muß vergessen können, was im gegebenen Moment nicht wichtig ist, ohne damit die Fähigkeit aufgegeben zu haben, sich an das erinnern zu können, was im Augenblick gerade wesentlich ist und der momentanen Situation eine zusätzliche Bedeutung gibt.

Gedankenübertragung

Die Gedankenübertragung oder Telepathie ist ein bekanntes Phänomen, das z. B. im Verlauf einer längeren Ehegemeinschaft oftmals auftritt, und es stellt nichts Ungewöhnliches dar, wenn man zur gleichen Zeit wie der Ehepartner etwas denkt oder ausspricht. Ich habe mich nie praktisch mit der Gedankenübertragung auseinanderge- setzt und sie nicht bewußt geschult, erlebte aber ein einziges Mal mit aller Deutlichkeit einen telepathischen Vorgang:

Als ich noch das Lehrerseminar besuchte, gab es einmal eine Vorstellung von einem Hypnotiseur, in deren Verlauf der beste Geiger des Seminars gebeten wurde, eine einfache Melodie vorzuspielen. Der Geiger besann sich einige Sekunden, und da hörte ich deutlich in mir die Worte:

«Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist», und gleich darauf begann das Spiel, ohne daß der Geiger die Melodie angesagt hätte! Er spielte genau diese Melodie aus der Operette «Die Fledermaus» von Johann Strauß. Aus der Unzahl an möglichen einfachen Melodien erklang genau die innerlich angesagte, weshalb ein bloßer Zufall auszuschließen ist.

Farbton und Klangfarbe - Synästhesie

Normalerweise werden Farben gesehen und Töne oder Klänge gehört, denn Sehen und Hören scheinen nicht miteinander verknüpft zu sein. Dem ist keineswegs immer so, denn manchmal kommt es zu einem Hören von Farben und einem Sehen von Tönen. Dann erklingt ein Farbton,

und die Klangfarbe wird sichtbar, d. h. es tritt eine Doppelempfindung auf, wobei aber nur einer der beiden Reize äußerlich gegeben ist! Man sieht z. B. eine bestimmte Farbe und hört plötzlich von innen her einen ihr entsprechenden Ton, oder man hört ein C und sieht die Farbe Blau oder Rosa. Diesen Sachverhalt nennt man Synästhesie, «Mitwahrnehmung». Synästhetische Erlebnisse sind bei den nächtlichen Erfahrungen viel häufi- ger anzutreffen als im Wachzustand des physischen Körpers, weil im «jen- seitigen» Bereich Farbe und Ton in viel engerer Beziehung zueinander stehen. Während des Tages hatte ich nur einmal in meinem Leben eine ganz eindeutig Synästhetische Erfahrung:

Am Abend des 25. Januar 1938 begleitete ich meine Mutter auf einem Spaziergang und konnte auf dem Weg nach Hause eine sonderbare Rötung des Westhimmels beobachten. Der ganze Himmel war förmlich überzogen von einem tiefroten Nordlicht. Plötzlich bildeten sich bei gleichbleibendem rotem Hintergrund ver- schieden gefärbte Strahlen aus, die langsam ineinanderglitten in einem stetigen Wechsel - ein wahrhaft majestätisches Schauspiel. Manchmal schienen die Strahlen wie riesige Schwerter über den Himmel zu laufen. Das Farbenspiel erschütterte mich zutiefst. Und dann begann es von innen heraus zu tönen in deutlich brausenden Harmonien, wie von einer mächtigen Orgel gespielt. Die wechselvollen Farben übertrugen sich in die entsprechenden Klänge, die mit der räumlichen Verschiebung der Farbbänder auf und ab schwollen. Das Zusammenspiel von Farben und Klängen dauerte ein paar Minuten und erfaßte mich in meinem ganzen Wesen.

Damals ging ein Raunen durch die Bevölkerung, denn ein derart starkes Nordlicht von dieser Färbung bedeutet im Volksmund Krieg. Die Zeitungen machten sich über den Aberglauben lustig und brachten eine Notiz, die besagte, daß es Eskimos gäbe, die das Nordlicht auch hören! Von den Pythagoräern sagt man, daß sie fähig gewesen seien, ein Bauwerk hören zu können, wenn sie es nur angeschaut haben. Ein Musiker vermag vielleicht bei der Angabe eines Zahlenverhältnisses den betreffenden Akkord zu hören, ohne daß er auf einem Instrument angespielt werden muß. Über diese Zusammenhänge hat Hans Kayser in seinem ‹Lehrbuch der Harmonik› ausführlich berichtet. Die Sphärenharmonie und der Klang der Welt haben seit jeher den Menschen zu einem vertieften Eingehen auf das klangvolle Wechselspiel der Farben und Formen angeregt. Mit einigem Bedauern habe ich bei mir feststellen müssen, daß ich eine wunderbare Fähigkeit meiner Kinderzeit verloren habe. Damals begann al- lein schon bei der Betrachtung einer Blume mein Gefühl derart mitzu- schwingen, daß es zu einer unsagbaren Einfühlung gekommen ist und mir die Pflanzen zu einem Sendboten einer anderen Welt wurden. Das sind sie mir zwar heute noch, doch hat sich tagsüber ein Schleier über die Blumen

gelegt, der das Jenseitige nicht mehr durchschimmern läßt. Die Welt des In- tellekts hat ihren Tribut gefordert, dessen Berechtigung sehr anzuzweifeln ist. Viele Erfahrungsmöglichkeiten der Kindheit werden im Verlauf der schulischen Ausbildung nicht weiterentwickelt und gehen dadurch verloren. Das wirkt sich schließlich nur zum Schaden für das spätere Leben aus, das um die Dimensionen eines natürlichen Zuganges zum Transzendenten gebracht wurde, weil man meinte, die Vernunft und den Intellekt zum absoluten Tyrannen über den Menschen machen zu müssen. Die einseitige Schulung der menschlichen Fähigkeiten macht aus dem ganzheitlichen Kind ein erwachsenes Monstrum, dessen physische Bedürfnisse zu stark befriedigt werden, während die seelischen zu kurz kommen. Vom Kind läßt es sich lernen, daß es keine Erfahrungen gibt, die wegen ihrer scheinbaren Irrationalität und Ungewöhnlichkeit «paranormal» wären und mißachtet werden müßten. Diese Offenheit dem eigenen Erfahrungsbereich gegenüber ist ein Gewinn für das menschliche Dasein.

Verschiedene paranormale Erfahrungen des Alltags

Wenn man sich daran gewöhnt hat, auch den etwas seltsam und außerge- wöhnlich anmutenden Erlebnissen tagsüber seine Aufmerksamkeit zu schenken, statt sie möglichst schnell wieder zu vergessen, dann läßt sich im Verlauf eines Lebens doch feststellen, daß einige Vorkommnisse paranor- maler Art geschehen sind, von denen ich ein paar erzählen will. Solche Erfahrungen, die im Wachzustand des physischen Körpers gesche- hen, werden überaus mißtrauisch betrachtet und genießen nicht annähernd jenes Wohlwollen, das den normalen Träumen entgegengebracht wird. Der Traum ist wenigstens unter einem psychotherapeutischen Gesichtspunkt anerkannt, solange er nicht Elemente aufweist, die den gewohnten Rahmen sprengen, wie z. B. ein voll intaktes Ich-Bewußtsein, das genau weiß, jetzt gerade im Traumzustand zu sein. Wer am hellen Tag ungewöhnliche Dinge erlebt, droht schnell einem Psychiater überantwortet zu werden, der das betreffende Erlebnis dank seiner fachlichen Ausbildung bald einmal als Halluzination erkennt, womit dessen Unwirklichkeitscharakter gewissermaßen offiziell attestiert ist. Carl du Prel sagt in der «monistischen Seelenlehre» sarkastisch:

«Mit der Halluzination bewaffnet, vermag uns kein Gespenst mehr in Schrecken zu setzen, denn höchstens, wenn es nichts Natürliches ist, ist es eine Halluzination!»

Mit einem Wort meint man, die Sache erledigt und bewältigt zu haben, denn krankhaft ist all das, was nicht ins gängige Schema hineinpaßt. Selbst die visionäre Schau des Mystikers wird als reine Sinnestäuschung bezeichnet, so als wüßte die Wissenschaft ganz genau, was Täuschung und was Wahrheit ist.

Der Seinsbereich des Menschen wird auf diese Weise zur Eindimensionalität eingeschränkt, in welcher vorgeschrieben ist, was als wirklich zu gelten hat. Was nicht in den anerkannten Erfahrungskatalog hineinpaßt, wird als reine Illusion bezeichnet und aus dem Leben ausgeschlossen. Die seelische Wirklichkeit ist bloße Illusion für einen Menschen, der immer noch als Ma- schine betrachtet wird, die man früher oder später einmal vollständig be- schreiben kann. Obwohl vor allem in der Physik die Möglichkeit einer vollständigen Beschreibung schon lange als unmöglich anerkannt wurde, wird weiterhin so getan, als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Wissenschaft die Beschreibung liefern wird. Darauf wird man vergeblich warten und in der Zwischenzeit in der Langeweile und Sinnlosigkeit ersticken. Nach wie vor wird die Fähigkeit der Vernunft maßlos überschätzt auf Ko- sten des Gefühls und letztlich der Liebe, deren Vermarktung bis in die Ta- geszeitungen hinein vorgedrungen ist. Verloren ist die liebende Beziehung zum Mitmenschen, vergessen die liebende Sorge um die eigene Person. Der Mensch wird zur veräußerbaren Ware, die Verfügbarkeit über den Mitmen- schen steigt mit der Geldmenge an, und die Beschäftigung mit sich selber ist verpönt wie nie zuvor. Der Alleingang zur Eröffnung der Eigenerfahrung wird als unmöglich betrachtet und höchstens im Zusammenhang mit irgendeiner Gruppierung toleriert. Die Akzeptierung der eigenen paranormalen Erlebnisse wird bereits schon als krankhaft abgestempelt von einer Gesellschaft, die das Außergewöhnliche nicht haben will, weil sie damit in den Grundfesten ihres Konsumverhaltens erschüttert würde. Das menschenwürdige Dasein wird mit dem Maßstab eines Lebensstandards gemessen, der einzig materielle Güter kennt. Von all dem soll man sich nicht beirren lassen, denn die eigenen paranormalen Erfahrungen bereichern mehr als bloß den Geldbeutel, weil sie den ganzen Menschen betreffen. Der Mensch ist nicht nur als vernünftiges Wesen herausgefordert, sondern auch als gefühlhaftes. Der Erfahrungsbereich des Paranormalen läßt Zusammenhänge erkennen, die weit über das alltäglich gleichförmige Leben hinausweisen und gerade dadurch diesem Alltag eine neue Seinsdimension verleihen. Die Gefahr bei diesen Erlebnissen ist nur, daß sie mit der physischen Reali- tät verwechselt werden, weshalb auch hier wieder ein klares Ich-Bewußtsein gefordert ist, weil nur es allein die verschiedenen Realitäten auseinanderhalten und in Beziehung setzen kann. Wer gewohnt ist, genau das eigene Erleben zu beobachten, dem wird es un- schwer gelingen, die einzelnen Erfahrungen voneinander unterscheiden zu können anhand ihrer Merkmale. So kenne ich Fieberphantasien, die bei hohem Fieber auftreten. Obwohl sie sehr unangenehm gewesen sind, möchte ich diese Erfahrung keinesfalls missen, denn sie stellt ein wertvolles Ver- gleichsobjekt zu Erscheinungen anderer Art dar:

Während einer Periode hohen Fiebers sah ich mich gezwungen, in einer ganz bestimmten Richtung zu denken. Obwohl ich mich dagegen wehrte,

gelang der Ausbruch aus dem Teufelskreis der Gedanken nicht, die ständig in stereotyper Weise wiederkehrten. Noch und noch und wieder und wieder. Ich focht einen heroischen inneren Kampf gegen dieses Andersartige aus, aber alles nutzte nichts. Als würde ich unter einem unentrinnbaren hypnotischen Zwang stehen. Es schien bestimmte Denkfolgen zu geben, die als Endlosband abliefen.

Merkwürdigerweise treten die gleichen oder ganz ähnliche Denkfolgen auch bei anderen fiebrigen Zuständen bei mir auf, so daß ich mittlerweile schon ohne Fieberthermometer allein am Auftauchen der betreffenden Denkfolgen erkenne, daß die Normaltemperatur überschritten ist. Als Kind pflegte ich zusammen mit meinen Spielkameraden durch die Wie- sen zu gehen und von den Blüten den Nektar abzusaugen, wobei ich einmal auch Blüten des Stechapfels, des Bilsenkrautes oder der Tollkirsche erwischt haben mußte, denn es wurde mir schlecht und ich bekam hohes Fieber:

Bei etwas gedämpftem Bewußtsein sah ich in meinem Zimmer ver- schiedene Gestalten, die kamen und gingen. Gleichzeitig wiederholten sich ständig die gleichen Gedankenfolgen, und plötzlich begann sich das Zimmer mit Wasser zu füllen! Ich erschrak ungemein, denn das Wasser stieg in Windeseile und reichte bald bis an den Bettrand. Verzweifelt schrie ich um Hilfe. Endlich kamen die Eltern herbei und versuchten mich zu beruhigen:

«Du phantasierst ja nur!» Mit dieser Erklärung konnte ich zwar nicht viel anfangen, aber das bloße Dasein meiner Eltern beruhigte mich schon. Kaum war ich wieder allein, da begann alles wieder von vorne, bis endlich dieser grauenvolle Reigen aufhörte.

Das ist wohl die einzige «Drogenerfahrung» in meinem Leben gewesen. Es gibt viele Berichte, welche von einer Mitteilung eines Sterbenden erzählen, der auf irgendeine Weise einem Verwandten oder Bekannten seine To- desstunde oder sein Sterben bekannt machte. Meine Tante Alma, mit der mich viele gemeinsame Erlebnisse der Kinderzeit verbinden, hat sich kurz vor ihrem Ableben bei mir bemerkbar gemacht:

Am 4. Januar 1976 wurde ich um 7 Uhr morgens durch einen Ruf geweckt: «Fredi, wach auf! Steh auf!» Sofort war ich hellwach und erkannte zweifelsfrei die Stimme meiner Tante Anna, die 400 Kilometer weit entfernt in Tabarz in Thüringen wohnte. Mir schien dieser Anruf nichts Gutes zu bedeuten. Seit Jahren hatte ich meine Tante nicht mehr gesehen. Der letzte Brief war im Dezember gekommen, geschrieben von ihrem Mann. Deshalb wußte ich, daß sie etwas kränkelte, aber nichts Ernsthaftes zu befürchten war. Und nun das!

Nach dem Aufstehen erzählte ich das Vorgefallene meiner Frau und später am Tag auch noch einem Bekannten, wobei ich zu verstehen gab, daß ich den Weckruf als Abschiedsgruß auffasse. Von diesem Tag an wartete ich auf den schwarzgerandeten Briefum- schlag. Am 14. Januar war es dann soweit: Sie ist am 4. Januar um 17 Uhr im Krankenhaus zu Friedrichsroda verschieden.

Da ich mich gefühlsmäßig mit meiner Tante verbunden fühlte, ist die Mit- teilung nicht besonders verwunderlich, zumal sie selber kinderlos geblieben ist und mich als Kind oft gesehen hatte, so daß von ihrer Seite ebenfalls eine gefühlsmäßige Bindung bestand. Als Kontrast möchte ich eine Erfahrung von Frau B. anführen, die sie als Mädchen erlebt hat:

«Beim Nachhauseweg von der Arbeit sah ich plötzlich ein Bild mit meinen inneren Augen: Da war eine Bühne, auf der zwei Männer aufeinander zugingen. Der eine hob einen Dolch und stach den anderen nieder. Dann verschwand alles wieder, und erst jetzt merkte ich, daß ich stehen geblieben war. Ich ging weiter und wunderte mich ungemein über dieses Erlebnis. Am nächsten Tag las mein Vater beim Frühstück laut aus der Zeitung vor: ‹Gestern abend hat während einer Theatervorstellung ein Schau- spieler den anderen niedergestochen, weil der Theaterdolch nicht funktionierte.› Ich war sehr erschüttert, konnte jedoch nichts sagen, denn meine Eltern hätten das kaum verstanden.»

Hier bestand nicht die geringste gefühlsmäßige Verbindung, und dennoch hatte dieses Mädchen den Vorfall gesehen. Wenn man sich jahrelang mit einem bestimmten Problem beschäftigt hat, dann kann es geschehen, daß in einer Art visionärer Erfahrung alle Bemü- hungen in eine grandiose Schau zusammengefaßt werden, die tief beglückt und die Mühe lohnt. So etwas erlebte ich im Zusammenhang mit der Be- schäftigung mit der Welt der Kristalle:

Nach dem Mittagessen sitze ich wie gewohnt in meinem Lehnstuhl, ohne einem bestimmten Gedanken nachzuhängen. Wenn ich zum Fenster hinaussehe, kann ich einen Teil der Hausmauer des nachbarlichen Hochhauses sehen, aber auch auf den Gebhardsberg. Es herrscht nor- males Licht. Da entsteht ein Flimmern, und bald darauf sind alle Konturen und Einzelheiten in zwei Farbkomponenten getrennt, in ein Grün und ein Karminrot. Die Flächen wogen gleichmäßig hin und her und ver- schmelzen zu einem unscharfen Hintergrund, vor welchem sich ein durchsichtiger Kristall bildet, der beinahe alles überdeckt, weshalb ich meine Augen schließe. Zu meiner großen Freude verschwindet das Bild des Kristalles nicht, es wird sogar wesentlich leuchtender und vor allem schärfer. Er schwebt jetzt vor mir wie ein Weltenkörper, strahlend, tiefblau und mit einer geheimnisvollen Sprache sprechend.

Seine unsagbaren Worte lösen Gedankenketten bei mir aus, die mir die geometrischen und symbolischen Gesetzlichkeiten des Kristalls aufzeigen. Die offenbarte Ideenfülle ist überwältigend, und ich kann kaum etwas davon in Erinnerung behalten. Die Schönheit und Harmonie läßt mich wünschen, für alle Zeiten in dieser Schauung versunken zu bleiben, doch allmählich löst sich der Kristall wieder auf und verschwindet sacht aus meinem Blickfeld.

Ein Farbenspiel, ähnlich dem eben berichteten, das den Beginn der Kristall- vision anzeigte, läßt sich oft beobachten im Zusammenhang mit dem Auf- treten einer Vision. Bei geschlossenen Augen sieht man nicht einfach nichts, sondern einen gelb-orangen Schein, wenn äußeres Licht vorhanden ist. Die Farbe ist die des Blutes in den Augenlidern. Bei völliger Dunkelheit sieht man ein Flimmern, das durch die Tätigkeit der Netzhaut entsteht, die auch ohne äußere Erregung Nervenimpulse entstehen läßt, die ins Gehirn geleitet werden. Außerdem können auch starke Nachbilder entstehen, wie man das leicht beobachten kann, wenn man für einen Augenblick voll in die Sonne sieht und dann die Augen schließt. Neben diesen Lichteffekten bei geschlossenen Augen gibt es ein Farbsehen, das in seiner Grundlage von äußeren Einflüssen unbeeinflußt bleibt und auch willentlich nicht zu verändern ist. Die betreffende Farbe kann mit ge- schlossenen Augen sowohl bei hellen als auch bei dunklen äußeren Lichtverhältnissen wahrgenommen werden. Sie weist bei jedem Menschen eine typische Färbung auf und wird als Eigentatwa bezeichnet. Bei mir handelt es sich um ein Blauviolett, und eigenartigerweise liebte ich die violette Farbe schon lange bevor ich sie als Eigenfarbe zu sehen vermochte ganz besonders. Normalerweise ist das Eigentatwa sehr schwach ausgebildet, aber es kann durch Meditation verstärkt und damit gut sichtbar gemacht werden. Mittlerweile erkenne ich an der Intensität dieser Farbe, wie groß die Fähigkeit zur außersinnlichen Wahrnehmung bei mir ist. Als Kind hat man noch nicht jene Vorurteile, die nur eine einzige Realität gelten lassen, sondern nimmt die Dinge etwas «gelassener», auch wenn sie manchmal beängstigend sind:

«Prinz Allotria» hieß das Bilderbuch, mit dem ich als Kind die Erfahrung machte, daß auch Bilder lebendig werden können. Wenn ich das Buch betrachtete, wurde meine Phantasie derart angeregt, daß die Figuren im wahrsten Sinne des Wortes sich zu bewegen begannen und sogar bis in meine Träume hinein spukten. Allmählich bekam ich eine große Scheu, das Buch aufzuschlagen, weil sofort das unheimliche Treiben von neuem begann.

Leider ging das Bilderbuch verloren, so daß ich heute nicht mehr feststellen kann, ob es eine ähnliche Wirkung auf mich als erwachsenen Menschen be- sitzt. Es wäre falsch, hier von einer übersteigerten, krankhaften Phantasie zu sprechen, nur weil die Phanstasietätigkeit reger als gewohnt erscheint. Viele Kinder haben schon ähnliches erlebt, es dann aber nicht gewagt, mit

den Eltern darüber zu sprechen, weil diesen Dingen kaum Verständnis ent- gegengebracht wird. So gehen Fähigkeiten verloren, weil sie statt einer Schulung und kritischen Würdigung dem Vorurteil der Nutzlosigkeit anheimfallen. Ein zehnjähriges Mädchen erzählte mir folgendes Erlebnis:

Auf dem Weg zur Schule mußte es an einem Haus vorbeigehen, an dessen Seite ein großer, zähnefletschender Löwenkopf angebracht war, der auf die Passanten hinunterguckte. «Als ich noch kleiner war und die erste Klasse besuchte, traute ich mich kaum am Löwen vorbei - ich mußte aber diesen Weg gehen. Jedesmal wurde ich gezwungen, zum Kopf hinaufzuschauen, und da sah ich zu meinem Entsetzen, daß der Löwe sich bewegte. Seine Augen rollten fürchterlich, das Maul ging auf und zu, so als wollte das Raubtier herausspringen. Meine Eltern lachten mich aus, als ich davon erzählte, und sagten:

‹Du bist ja bloß ängstlich. Das ist alles nur Einbildung!› Jetzt weiß ich schon, daß der Löwenkopf nur Mauerwerk ist, aber den- noch sehe ich nicht gerne hin, wenn ich allein vorbeigehen muß.»

Beim Betrachten von Wolken, Steinen, Felsen und vielen anderen Dingen, die scheinbar formlos sind, lassen sich Dinge hineinsehen, die nicht in den formlosen Gebilden vorhanden sind. Wer hätte nicht schon Drachen, Vögel und Menschengesichter in den vorbeiziehenden Wolken erkannt. Bei dieser Betrachtung muß die «objektive» Beobachtungsweise ausgeschaltet werden, was nicht von allen Menschen mit gleicher Leichtigkeit zu vollbringen ist. Kinder haben hier keinerlei Probleme und gehen ganz spielerisch mit diesen Möglichkeiten um. Es ist aber durchaus möglich, daß die Phantasiebilder als physische Realität genommen werden, d. h. nicht mehr als seelische Wirklichkeit erkannt, son- dern als materielle mißverstanden werden. Eine Frau erzählte mir, sie besäße die Fähigkeit, die sogenannten Elementarwesen draußen im Freien in den Büschen und auf den Wiesen zu sehen, und sie habe sie sogar fotografiert und würde mir gerne ein paar Bilder zeigen. Auf den Bildern gab es aber nur Büsche und Wiesen, und ich mußte einiges an Phantasie aufwenden, um die Wesen «sehen» zu können. Solchen Eindrücken verfällt man manchmal ohne eigenes Dazutun, und man muß dann ein zweites Mal hinschauen, um zu erkennen, was in der physischen Realität gegeben ist. Einmal saß ich auf einer Bank und schaute auf den Boden und sah plötzlich einen vollendet ausgebildeten Frauenkopf. Ich staunte über die Vollkommenheit dieser Sandstruktur. Für einen Moment ließ ich meinen Blick abschweifen und wollte dann den Kopf noch einmal betrachten. Aber es gelang mir beim besten Willen nicht, ihn wiederzufinden. Bei einem Diavortrag im Fotoklub zeigte ich einmal eine Aufnahme, oh- ne erwähnt zu haben, um was es dabei ging. Ich hatte das Bild mit Hilfe des

Polarisationsmikroskopes aufgenommen. Es zeigte Kupfervitriol, das ich hatte auskristallisieren lassen. Da rief ein Zuhörer:

«Das hat Ihnen die NASA geschickt!»

Ohne große Phantasie ließ sich ein Ringgebirge und ein Krater erkennen, über dem am Himmel ein übergroßer Mond steht. Im Rohrschachtest wird die Fähigkeit zu solcher imaginativen Schau zu therapeutischen und diagnostischen Zwecken genutzt, indem Tintenklecks- bilder verwendet werden, die zu beschreiben sind. Bei einer ähnlichen Weltanschauung sehen verschiedene Menschen unter Umständen auch «dasselbe»:

Mit meiner Frau machte ich in den Dolomiten eine Bergwanderung, bei der wir die Marmolata, eine riesige Felswand voller Risse und Spalten, ständig vor Augen hatten. Unterwegs sagte meine Frau unvermittelt:

«Da! Ein Ritter! Da - noch einer. Hier eine Burg, dort eine Ruine. Ein Mönch mit Kapuze und ein Bergkobold!» Zusammen betrachteten wir das bunte Bild eingehender und tauschten unsere Erlebnisse aus, wobei viel Gemeinschaftliches zum Vorschein kam. Ein paar Tage später mußten wir wegen schlechten Wetters zu Hause bleiben, und so hatte meine Frau Zeit, sich ein Buch über Südtirol von unserem Quartiergebiet auszuleihen. Zu ihrem Erstaunen fand sie den Satz: «In der Felswand der Marmolata ist die Geschichte Südtirols eingemeißelt.»

Wenn viele Menschen über eine lange Zeit hinweg auf die gleiche Art und Weise denselben Gegenstand betrachten, dann erhält dieser eine merkwürdige Ausdruckskraft, so als wären die Gefühle in eine tote Form gegossen, wodurch sie lebendig wird. Eine Erzählung von Gottfried Buchner, «Der Chelivadasa Buddha», weiß davon zu berichten:

Ein ostasiatischer Bildhauer setzt seinen ganzen Ehrgeiz ein, um eine besonders schöne Buddhastatue anzufertigen. Sein Trachten und Denken ist nur auf die Herstellung der Statue ausgerichtet. Nach der Vollendung seines Werkes sonnt er sich im überwältigenden Ruhm bis zu seinem Tode. Kaum ist er gestorben, da merkt er, wie seine Seele von der Steinmasse eingesogen wird, und dann erkennt er, daß er der Gefangene seines ei- genen Werkes geworden ist. Viele Besucher kommen her, um die berühmte Buddhastatue zu sehen und hängen ihre frommen Gedanken an die tote Form, welche mit der Zeit eine unheimliche Ausdruckskraft ausstrahlt. Jeder Besucher empfindet etwas Besonderes und Merkwürdiges, aber die Empfindungen sind sich alle sehr ähnlich, wie es sich beim gemeinsamen Gespräch erweist.

Eines Tages zerstört ein Matrose die Statue. In dem Moment ist der Bann gelöst, und die Seele Chelivadasas wird frei.

Von ganz anderer Art sind die nachfolgenden Erlebnisse, die trotz ihrer Außergewöhnlichkeit nichts Ungewöhnliches darstellen, weil sie jedermann kennt und schon erlebt hat. Man glaubt, auf der Straße jemanden zu erkennen und muß beim Näherkommen feststellen, daß man sich getäuscht hat. Unmittelbar darauf begegnet einem der Betreffende wirklich! Das mag na- türlich Zufall sein, doch spricht das häufige Vorkommen doch dagegen. Abgesehen davon - was ist schon ein Zufall? Wenn solche Ereignisse einmalig oder sehr selten sind, dann lassen sie sich schnell wieder vergessen. Bei mir jedoch gab es zeitweise eine derartige Häufung, daß es mit einem bloßen leichten Verwundern nicht mehr abgetan werden konnte, sondern als paranormale Fähigkeit akzeptiert sein wollte. Außerdem deutet mir diese Häufung den Grad der Empfänglichkeit für pa- ranormale Ereignisse an. Zwei Beispiele:

Nach dem Krieg war ich von 1946 bis 1948 in Dornbirn als Lehrer an- gestellt und mußte zwischen meinem Wohnort Bregenz und meinem Arbeitsort mit dem Zug hin und her pendeln. Manchmal traf ich mit einem Herrn zusammen, und wir unterhielten uns während der Fahrt. Als ich nach Bregenz versetzt wurde, verlor ich ihn vollständig aus den Augen. Übrigens wußte ich weder seinen Namen noch seinen Wohnort. 15 Jahre später spazierte ich am Stadtrand von Bregenz eine Straße entlang. Da kommt aus einer Nebenstraße ein Herr, in dem ich sofort meinen früheren Fahrtgenossen erkenne. Eben will ich ihn grüßen, da bemerke ich im letzten Moment, daß er es gar nicht ist. Verdutzt gehe ich weiter und biege in einen Seitenweg ein. Weshalb bloß meinte ich, diesen Mann zu sehen, obwohl ich doch überhaupt nicht an ihn gedacht hatte? Aber was ist denn das? Da kommt er tatsächlich des Weges gelaufen! Wir begrüßen uns mit Handschlag, und ich erkundige mich nach seinem Wohlergehen. Seither sind viele Jahre vergangen, und ich habe ihn niemals mehr gesehen.

Bloße Gedankenübertragung kommt hier nicht in Betracht, denn ich habe nicht an ihn gedacht, und auch mein ehemaliger Gesprächspartner zeigte sich völlig überrascht, mich auf der Straße anzutreffen.

Ich trete aus einem Einkaufshaus und muß unmittelbar darauf an eine Berufskollegin denken, angeregt durch die scheinbare Ähnlichkeit mit einer Passantin. Nachdem ich mich überzeugt habe, daß es sich nicht um die besagte Kollegin handelt, erblicke ich in der Ferne einen Ver- kehrsomnibus. Wer befindet sich unter den Fahrgästen? Die Kollegin, die ich schon seit längerer Zeit nicht gesehen habe.

Die Parapsychologie nennt diese Art von Erscheinungen das Begegnungs- phänomen. Ahnungen pflegen unauffällig und leise, aber auch mit Bestimmtheit aufzu- treten. Wer da in oberflächliche Geschäftigkeit und geräuschvolle Aktivität verwickelt ist, vermag ihren Ruf nicht zu hören und verpaßt damit manches, das ihm hätte hilfreich sein können. Oft ersparen sie mühsame Umwege, warnen vor möglichem Unheil oder mahnen zur Vorsicht. Wie Ahnungen entstehen, läßt sich nicht erklären. Das ist eigentlich unwe- sentlich, denn viel wichtiger ist es, die stille Stimme zu vernehmen und ihr Folge zu leisten. Gerade weil die Ahnung eine alltägliche Erfahrung in dem Sinne ist, daß jedermann aus eigenem Erleben darüber berichten könnte, darf sie nicht unterschätzt werden. Sie ist nicht nur eine leise Mahnung, z. B. irgendeine Handlung auszuführen oder zu unterlassen, sondern auch ein immer wieder erfahrbarer Hinweis auf die Möglichkeiten der Transzendenz, auf die Tatsächlichkeit einer Wirklichkeit, welche die gewohnte Realität bei weitem übertrifft. Mit jeder Ahnung weht ein sanfter Wind vom «Jenseits» in unser Diesseits und trägt den Duft einer umfassenderen Welt mit sich. Wem die Ahnung zum Aufruf wird, sich nach dem Geheimnis umzusehen, der wird Welten entdecken, die weit über das hinausgehen, was er jemals erwartet hätte. Es sind immer wieder die verschiedenen paranormal anmutenden Erfahrun- gen des Alltags und die gewöhnlichen Träume der Nacht, die einen Hinweis auf das Andere geben, dem man normalerweise zu wenig Beachtung schenkt. Dieses Andere scheint sich in jedem Fall über solche «einfachen» Eigenerfahrungen zu erschließen, an die man sich allzuschnell - trotz ihrer Außergewöhnlichkeit - gewöhnt hat, so daß man sich nicht näher mit ihnen auseinandersetzt. Wie einfach diese Erlebnisse sind, das zeigen die nächsten Beispiele:

Bei einem Kurkonzert in Lindau hatte ich das starke Gefühl, der Dirigent müsse aus der Polaunergegend stammen, wo meine Großeltern mütterlicherseits gelebt haben. In der Pause versuchte ich mit dem Mann ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, ob er aus Nordböhmen stamme, wo ich während des Ersten Weltkrieges gewesen bin. «Polaun kenne ich sehr gut», antwortete der Dirigent auf meine Frage, «ich bin ganz in der Nähe musikalisch ausgebildet worden und habe hier einen Teil meines Lebens verbracht. Während des Krieges mußte ich in den nahe gelegenen Wäldern schwer arbeiten und Bäume fällen. Hier - schauen Sie sich meine Hände an!» Ich wußte zwar, daß die Musikgruppe aus Prag war, aber das ist weit von Polaun, dem heutigen Polubny, entfernt.

Herr W. teilte mir mit:

«Obwohl ich mich nicht für Friedhöfe interessierte, hegte ich diesen Sommer den Wunsch, den Waldfriedhof zu besuchen, obwohl kein Bekannter

dort begraben liegt. Ich ging die Gräberreihen entlang und war ungemein traurig, ohne zu wissen warum. Im September bekam ich die Nachricht, daß meine zweite Tochter nachts aus einem fahrenden Zug gestürzt und tot neben den Geleisen liegengeblieben sei.»

Manchmal ist es schwierig, einen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Ahnung und einem bestimmten Ereignis mit Sicherheit festzulegen. Im nachhinein scheinen die Geschehnisse etwas miteinander zu tun zu haben, aber wissenschaftlich beweisen läßt sich das nicht. Doch gilt auch hier der Hinweis, daß ein Beweis für den betroffenen Menschen überhaupt nicht notwendig ist, weil für ihn die Gegebenheiten einen Sinn ergeben. Schließlich betreffen sie nur ihn und sonst niemanden - und das sollte vollauf genügen. Wenigstens solange nicht versucht wird, aus einem persönlichen Zu- sammenhang eine allgemeine Wahrheit abzuleiten. Leider haben wir ver- gessen, daß es durchaus in den meisten Fällen genügt, die eigene Wahrheit und den persönlichen Sinn einer Erfahrung gefunden zu haben, auch wenn kein Beweis von wissenschaftlicher Seite vorliegt, daß dem «tatsächlich» so ist. Letztlich zählt die Tatsächlichkeit des eigenen Lebens mehr als die Be- stätigung von gesellschaftlicher Seite, daß eine Erfahrung als wirklich be- trachtet werden darf, weil sie wissenschaftlich bewiesen wurde. Jeder muß die Wirklichkeit seines Lebens selbst erkennen. Man darf andererseits auch nicht in einen Sinn-Beziehungswahn verfallen und jedes Ereignis daraufhin untersuchen, in welchem Sinnzusammenhang es zum eigenen Leben steht. Damit würde die Spontaneität verlorengehen und durch eine krampfartige Suche nach dem Sinn ersetzt werden, bei der schließlich nichts mehr gefunden wird. Außerdem zeigt es sich oft erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten, wie sich ein Zusammentreffen ausgewirkt hat, denn erst ein gewisser Abstand vom eigenen Lebensmosaik läßt den Stel- lenwert der Teilchen erkennen.

Wenn man bewußt beginnt, nach Zusammenhängen Ausschau zu halten, wird man unweigerlich welche finden. Allein schon die innere Bereitschaft zu solchem Tun eröffnet einen wichtigen Erkenntnisbereich. Jedem noch so geringen Ding kommt eine Bedeutung zu, die es vorher nicht gehabt hat. Ob es die betreffende Bedeutung rein objektiv besitzt, ist bis zu einem gewissen Grade wieder unwichtig, denn als Schmied hämmert ein jeder sein Eisen, wobei die Form-, und damit die Sinngebung sowohl vom Bearbeiter wie vom Werkstück abhängen. Das Endprodukt ist von allen Beteiligten abhängig, und die Verantwortung lastet ebenfalls auf allen. Wie oft wird beispielsweise das Bibelstechen als purer Aberglaube betitelt. Doch die Ergebnisse sind ebenso verblüffend und stimmig wie die Resultate, die sich bei der Befragung des altchinesischen Orakels I Ging ergeben - für denjenigen, der die Befragung unternimmt! Vorgehensweisen wie diese sollten nur bei großer emotionaler Spannung angewandt werden, weil sonst nur Oberflächlichkeit gefunden wird, weil man selber ohne Tiefe ist. Wie-

derholung ist hier unmöglich, denn Wiederholbarkeit bedeutet bloß Durch- schnitt und besitzt keine existentielle Dimension für den Einzelfall. Alle Dinge, denen man begegnet, haben eine symbolhafte Bedeutung, die einmal mehr, einmal weniger zum Tragen kommt. Als Symbol weisen sie über das momentan Erfaßbare hinaus in eine weitere Bedeutungsdimension, deren Weite unausschöpfbar bleibt. Im Umgang miteinander sind wir allerdings gezwungen, die möglichen Bedeutungen auf ein erträgliches Maß einzuschränken, weil wir sonst weder miteinander leben noch miteinander sprechen könnten. Welche Bedeutung die Allgemeinheit einer bestimmten Sache zubilligt, ist sinnvollerweise allgemeinverbindlich - aber keineswegs erschöpfend. Die persönliche Bedeutung kann vollständig davon abweichen, weshalb die beiden Bereiche deutlichst auseinandergehalten werden müssen und stets zu berücksichtigen bleibt, welche Bedeutungsaspekte gegebenenfalls mehr zu betonen sind. Sobald ein Bedeutungssystem mit seiner Deutung der Welt Ausschließlichkeit beansprucht, ist es erstarrt und droht zu zerbrechen oder zerbrochen zu werden. Es ist auch wenig sinnvoll, das eine Anschauungssystem mit seinen Bedeu- tungen gegen ein anderes auszuspielen, denn jedes hat seine eigene Gesetz- mäßigkeit und seinen eigenen Gültigkeitsbereich. Von Fall zu Fall muß ent- schieden werden, welcher Anschauung Vortritt zu gewähren ist. Was die Eigenerfahrung angeht, hat die Wissenschaft eigentlich nicht dreinzureden, während umgekehrt die Eigenerfahrung bei Fragen der Wiederholbarkeit bescheiden in den Hintergrund zu treten hat. Auch die Symbolbedeutung ist niemals ausschließlich, sondern stets wieder neu zu erarbeiten für einen gegebenen Fall. Die Zahl 13 ist nicht eine Un- glückszahl und sonst nichts, sondern eben auch eine Glückszahl, um nur einmal diese Betrachtungsweise zu nehmen. Sie steht zu Beginn eines neuen Zyklus, denn mit der Zahl 12 ist eine Folge zum Abschluß gekommen. Und als Anfangszahl bedeutet die 13 sowohl ein sorgenvoller Neubeginn, der unglücklich enden mag, wie auch ein freudiger, unbelasteter Start in einen neuen 12er-Zyklus hinein, der zu neuen Dimensionen führt. Die Zahl 13 selber ist neutral, und es hängt bloß von der Betrachtungsweise ab, ob sie als glücksbringend oder als unheilvoll zu gelten hat. Eine gelassene Haltung ist sich beider Möglichkeiten bewußt und sieht zudem noch andere Bedeutungen, wenn umfassendere Kenntnisse vorhanden sind. Für mich spielt beispielsweise die Zahl 16 eine weit größere Rolle als die Zahl 13, und manches unglückliche Ereignis steht mit der 16 in Zusammenhang. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß die Zahl 16 für die gesamte Menschheit zur Unglückszahl befördert werden müßte. Auch ihr Bedeutungsgehalt ist weit vielseitiger und hängt wesentlich von der betreffenden Weltanschauung ab, obwohl auch Gemeinsamkeiten zu finden sind, die auf umfassendere Zusammenhänge hinweisen.

Der Traum und der Träumer

Die Bedeutung des Todes wurde ebenso vergessen wie die Bedeutung des Schlafes mit seinen Erfahrungsmöglichkeiten, die weit über den gewöhnlichen Traum hinausgehen, wie die anschließenden Kapitel zeigen werden. Man hat wohl gehört, daß gewisse Träume in die Zukunft weisen, andere wiederum an die großen Epen der Menschheit erinnern. Das Reflexionsvermögen und das logische Denken sind weitgehend ausge- schaltet. Eine Begebenheit kann noch so unsinnig sein, sie wird als richtig und unveränderbar gegeben hingenommen. Der Träumer gibt sich keine Rechenschaft über das Wie, Wann, Wozu und Warum. Wenn man beginnt, die Träume zu berücksichtigen und sich mit ihnen aus- einanderzusetzen, ist es unvermeidlich, sich mit der Traumforschung zu be- schäftigen. Hier steht jedem Leser eine unabsehbare Literatur zur Verfügung, die leicht auch als Taschenbuch zugänglich ist. Sogenannte Traumbücher, die in alphabetischer Reihenfolge Traummotive mit der entsprechenden Deutung bringen, sind diskussionslos dumm.

Im Traum stehe ich mit meiner Mutter am Ufer eines breiten Stromes, der träge dahinfließt. Das jenseitige Ufer erscheint nebelhaft verschwommen. Um uns herum bewegen sich viele Menschen, und das Gedränge wird uns lästig. Jetzt erst bemerken wir eine Brücke, die sich in hohem Bogen über das Wasser spannt, wobei nur die eine Seite der Wölbung zu sehen ist, denn die andere scheint vom Nebel verdeckt. Wir machen uns auf den Weg. Alles wird still! In der Mitte der Brücke angekommen, erschrecke ich ungemein - die Brücke hört auf! Ein Schritt weiter und der Sturz in die Tiefe ist un- vermeidlich. Alles wird unwirklich und gespenstisch. Meine Mutter geht weiter und verschwindet, worauf ich mich trostlos einsam fühle. Endlich schwinge ich mich hoch und fliege wie ein Vogel hinweg - und erwache!

Meine Mutter hatte zum Zeitpunkt des Traumes keinerlei äußere Anzeichen einer Krankheit. Wenige Monate später zeigte sich unerwartet die tod- bringende Krankheit. Und 16 Monate nach meinem Traum verließ sie uns. Die Zahl 16 spielt für mich eine besondere Rolle, wie bereits erläutert wurde. Ein anderer Traum kündete von einer unliebsamen Begegnung mit einem Menschen, mit dem es wohl zu Reibungen gekommen wäre, ohne daß mit einer weiteren Auseinandersetzung hätte gerechnet werden müssen, weil die äußeren Umstände der Streitsache sich gebessert hatten:

Diese Person trat mir feindselig entgegen, zog ein Messer hervor und stach unentwegt auf mich ein, ohne mich jedoch verletzen zu können.

Anderntags begegnete mir der Betreffende und begann mich unerwarteter- weise mit spitzen, beleidigenden Worten anzugreifen, ohne daß ich mich besonders betroffen fühlte.

Mit meiner Frau besuchte ich im Traum ein landwirtschaftliches Gut. Während sie sich abseits mit irgend etwas beschäftigte, sah ich einem Mann beim Reinigen des Betonbrunnens zu. Er benutzte einen Schlauch und spritzte die Wände ab, wobei je nach Aufprallwinkel des Wasserstrahles verschiedene Töne entstanden, die absichtlich zu einer Melodie kombiniert wurden. Es war der Walzer «An der schönen blauen Donau» von Johann Strauß - und zwar alle 32 Takte des ersten Teils.

Am Tag darauf im Verlauf des Nachmittags schaltete ich das Fernsehgerät ein und sah eben den Beginn des Films «Wien, du Stadt meiner Träume». Unerwartet, denn ich hatte keine Programmzeitschrift angeschaut. Zur An- fangsszene ertönt leise Musik, nämlich die Einleitung und der erste Teil der «Schönen blauen Donau»! Das mag Zufall sein oder eine versteckte Erinne- rung, die im Traum Gestalt gewonnen hatte. Vielleicht hatte ich beim Durchblättern der Zeitung unwillkürlich das Fernsehprogramm angeschaut, ohne es zu lesen. Dieser Blick würde schon genügt haben, um im Traum die entsprechende Melodienfolge erklingen zu lassen. Dieses Phänomen ist aber mindestens ebenso interessant wie die Möglichkeit der Präkognition. In Leserbriefen wurde mir viel von Träumen mit paranormalem Einschlag berichtet. Die Leser selbst scheuen mangels Erfahrung den Begriff «para- normal» und verwenden lieber das Wort «sonderbar».

Frau B.:

«Im Traum sah ich die verstorbene, frühere Frau meines Mannes. Ich hatte ihr gegenüber schon immer schwesterliche Gefühle gehabt und ging freundlich mit ihr durch die Wohnung und wollte sie bewirten. Plötzlich ergriff mich die Angst, sie könnte vielleicht für immer hier bleiben, und dann würde sich Eifersucht einstellen. Sie sah diesen Gedanken in mir, lächelte mich an und sagte: ‹Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen - über so etwas sind wir Seelen hinaus.› Da wurde sie langsam alt und runzelig, und damit verschwand sie.»

Wer hier ebenfalls mit der Wunscherfüllungshypothese argumentieren will, dem sei das ruhig belassen. Man möge aber einmal überlegen, welche Türen man sich damit vor der Nase zuschlägt, wenn man stur an einer solchen Annahme festhält. Auch die Meinung, die frühere Frau des Ehegatten sei bloß ein Seelenteil der Träumerin, bleibt unbefriedigend, vor allem beim Gedanken, daß letztlich alle Traumfiguren und Traumbilder Seelenteile des Träumers seien, die nur zu ihm selber gehören, aber keine objektiven Gege- benheiten darstellen. Auf diese Weise läßt sich die Traumwelt vollständig subjektivieren. Das gleicht dem Versuch, der letztes Jahrhundert in der Physik unternommen wurde, die Materie und das Universum total zu objektivieren. Beides ist erkenntnistheoretisch ziemlich naiv. Es ist eben nicht einfach so, daß hier das Subjekt steht und dort drüben das Objekt, und sich die beiden Bereiche fein säuberlich auseinanderhalten lassen.

Frau U. schreibt:

«In diesem Traum sah ich einen drei Tage zuvor verstorbenen Freund. Ich stand in einiger Entfernung und dachte: ‹Ach - es war ein Irrtum, er lebt ja!› Das schier Unglaubliche aber ist, daß mein Mann in derselben Nacht und im selben Zeitraum von diesem Freund träumte: Er sah in seinem Traum den Freund auf einem Ruhelager, wo er nach einer Krankheit zu genesen schien, und sagte:

‹Nanu - Du lebst ja! Ich dachte, Du wärest gestorben!› Unser Freund antwortete darauf etwas irritiert:

‹Nein, nein, das war ein Irrtum!› Mein Mann und ich sind der Meinung, daß diese beiden Träume mehr gewesen sind als nur Träume.»

Wieder ein Beispiel, das Frau B. erzählte:

«Ich war sieben Monate verheiratet und erwartete mein erstes Kind. In der Nacht zum 8. Dezember träumte ich, daß ich auf einem kleinen Hügel mit vielen Blumen stehe. Die Sonne schien heiß. Ich schaute zum Himmel hinauf und vermochte direkt in die Sonne zu sehen, was mich sehr wunderte. Dann setzte ich mich ins Gras, und unerwartet schob sich eine große, schwarze Scheibe vor die Sonne und verdunkelte diese. Darauf löste sich die Scheibe von der Sonne und senkte sich zur Erde. Größer und größer werdend kam sie direkt auf mich zu, worauf ich Angst bekam und mein Gesicht mit den Armen verdeckte. Schließlich warf ich mich vor lauter Furcht ins Gras, und gleich darauf spürte ich, wie der ganze Hügel bebte. Endlich wagte ich wieder aufzuschauen, und da stand vor mir eine runde Scheibe, die aber hell war. Auf ihr waren alle Figuren des Tier- kreises abgebildet. Links war der Widder - und nun begann er sich zu bewegen, sprang über den Rand der Scheibe hinaus und war ver- schwunden. Dann erwachte ich. Mein Knabe kam vorzeitig im Zeichen des Widders zur Welt und starb zwölf Tage später an inneren Verletzungen, da ich drei Wochen vorher gestürzt war.»

Der Zusammenhang zwischen dem Traum und den tatsächlichen Ereignissen ist derart offensichtlich, daß jeder Zufall auszuschließen ist.

Fräulein G. schreibt:

«Im Traum befand ich mich auf einer Brücke und sah eine schneebedeckte Landschaft. Unerwartet schnell wälzte sich eine Schmelzwasserflut heran, und bald war das ganze Tal überflutet. Nur einige Berggipfel ragten noch aus dem blaugrünen See hervor, der riesig war und unheimlich wirkte. Von der Brücke schaute ich mit bangem Herzen das Geschehene an.

Genau einen Monat später gab es hier eine große Überschwemmung, schlimmer als die von 1962. Wir wohnen aber weit entfernt vom Wasser und spürten nichts davon - wir standen gewissermaßen auch auf einer Brücke.»

Die Verfälschungen des Traumes stammen daher, daß bekannte Elemente zur Aussage benutzt werden, die bildlich formuliert wird. Für die Träumerin wie auch für den Leser dürfte eine hohe Brücke ein sehr sicherer Aufenthaltsort bei einer Überschwemmung sein, von der aus es sich leicht die Entwicklung eines Hochwassers verfolgen läßt. Die vorausgesehenen Ereignisse können auch sehr banal sein, werden aber dennoch irgendwie zur Gestaltung eines Traumes benutzt, wie der folgende Traum von Fräulein G. zeigt:

«Am 24. 3. träumte ich von einer Beize - einer Beizjagd. Am Himmel flogen viele Raubvögel, und durch einen schrillen Ruf lockte ich einen Vogel auf meine linke Hand, die mit einem Handschuh geschützt war, und fütterte ihn. Vor dem Mittagessen des folgenden Tages fragte ich meine Mutter in der Küche, was sie da vorbereite. Sie antwortete: ‹Eine Beize für den Sauerbraten.› Ich hatte keine Ahnung, daß so eine Brühe ‹Beize› heißt, und meine Mutter meinte später auch, daß sie mir dieses Wort noch nie genannt habe. Im Traum war es so, daß am Anfang der Begriff ‹Beize› stand, und dann folgten die Assoziationen. Hier hatte ich nicht ein Bild vorausge- sehen, sondern ein Wort, wie das bei mir übrigens oft der Fall ist, wie ich feststellte.»

Das wird beim nächsten Beispiel von Fräulein G. ersichtlich:

«Im Traum ging ich über eine Steppe und hörte das Wort ‹Zyprus›, ‹Cypern› oder so ähnlich. Ich dachte noch im Traum: ‹Was ist denn nun wieder mit Cypern?› Als ich nach dem Aufstehen das Radio einschaltete, war das erste, was ich hörte, eine Reportage über die Cypern-Verhandlungen.»

So unwichtig diese Begebenheit auch immer sein mag, sie zeigt, daß selbst die belanglosesten Dinge außergewöhnlich sein können. Läßt man sie gerade wegen ihrer Banalität unbeachtet, dann geraten sie schnell wieder in Ver- gessenheit. Hier aber geht es nicht um den Inhalt, sondern zuerst einmal um die überraschenden Aspekte des Geschehens, die auf eine schier unfaßliche Fähigkeit des Menschen hinweisen, die es weiter zu beobachten gilt - auch in ihren geringsten Manifestationen! Die Vorausschau von Todesfällen scheint schon dramatischer, und Frau v. K. teilte mir mit:

«Todesfälle habe ich bei mir nahestehenden Personen immer wieder vorher geträumt:

Einmal befand ich mich in Holland, als meine Mutter schwerkrank in der Schweiz lag. Am Nachmittag schlief ich wie üblich und träumte von meiner Mutter in solcher Weise, daß ich weinend aufwachte und mich stundenlang nicht beruhigen konnte. Es war genau vier Uhr, als ich so erwachte. Abends kam das Telegramm, die Mutter sei um vier Uhr gestorben. Ein anderes Mal träumte ich von meinem Schwiegervater, der nie krank war und mit dem ich täglich beisammen war, daß er krank im Bett liege und meine Hand halte. Später - vielleicht eine Woche danach - träumte ich wieder von ihm:

Ich war auf der einen Seite des Gartens und er auf der anderen, getrennt durch eine Art Gitter. Ich fragte:

‹War der Übergang schwer?›, worauf er wörtlich antwortete: ‹Nein! Aber ich muß mich noch an den anderen Zustand gewöhnen.› Er gab mir die Hand und lief etwas mühsam, wie auf Wolken gehend, fort. - Etwa drei Monate später hatte er einen Anfall, und ich sah ihn im Krankenbett. Dann starb er, ohne die Sprache wiedererlangt zu haben.»

Tragisch sind die Erfahrungen von Frau v. K. mit ihrem kleinen Sohn:

«Die letzten drei Monate vor dem Tode meines Söhnchens habe ich jede Nacht im Traum auf verschiedene Art nach ihm gesucht. Einmal rief ich ihn, und er erschien mir in einem Wald und sagte:

‹Mutter, ich bin ja nicht fort!› Jedesmal erwachte ich weinend. Ohne zu wissen warum, war ich in einem solchen Depressionszustand, daß ich mit dem Kind vorübergehend den Ort wechselte, um etwas Ruhe zu finden. - Und hier verunfallte er dann tödlich. Sicher hatte ich es infolge dieser ‹Warnungen› geahnt, aber nicht bewußt angenommen.»

Meine Frau träumt in seltenen Fällen, wenn es um kritische Situationen geht, daß sie oder die Personen, die betroffen sind, sich in einer günstigen oder ungünstigen Lage befinden. Der Ausgang der fraglichen Angelegenheit ist stets gemäß der vom Traum vorgegebenen Richtung. Unser Sohn erkrankte als Kind an akuter Blinddarmentzündung mit Durchbruch und schwebte ein paar Tage in Lebensgefahr. Wir waren darüber begreiflicherweise sehr bekümmert, doch dann träumte meine Frau:

Ich sehe unseren Sohn in einem Kindergarten, abgetrennt durch eine Glaswand bei fröhlichem Spiel mit anderen Kindern. Ich war sehr erleichtert.

Auch mir selber war dieser Traum meiner Frau eine große Erleichterung, und die schlimme Krankheit nahm dann tatsächlich einen glücklichen Verlauf.

In einem anderen Traum mögen viele verschiedene Elemente vereint sein zu einer kaum zu trennenden Einheit. Dies ist deshalb um so eher möglich, weil kein kritisches Ich-Bewußtsein vorhanden ist, das seine ideoplastischen Vorstellungen einigermaßen unter Kontrolle hat. So vermischen sich subjektive und objektive Anteile zu einem unentwirrbaren Gebilde, das man als einen normalen Traum bezeichnet.

Der Übergang vom Wach- zum Schlafzustand des physischen Körpers - der hypnagogische Zustand

Wenn man sich zum Schlafen hinlegt, aber nicht sofort einzuschlafen vermag, kann man in ein Zwischenreich geraten, in welchem man sich seiner ziemlich bewußt bleibt. Dies ist der hypnagogische Zustand, eben jener Zustand, der zum Schlaf (hypnos) führt (gogein). Hier zeigen sich die verschiedensten Phänomene, die nur dann beobachtbar sind, wenn man bereit ist, nicht sofort einzuschlafen - trotz der Müdigkeit. In der Jugend, vor allem im Kindesalter, ist diese Phase besonders leicht und ohne Training zu beobachten. Mehrere Schulkinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren berichteten mir unabhängig voneinader und ohne Aufforderung von ihren «Schauungen», etwa so:

«Herr Lehrer, ich kann mir, wenn ich schlafen gehe, selbst ein Kino machen. Ich drücke einfach die Augen zu, und dann kommen die Bilder. Ich kann mir auch selbst etwas wünschen, und dann sehe ich es – schön farbig!»

Auch ich vermag manchmal bei vollem Bewußtsein die Erscheinungen des hypnagogischen Zustandes zu sehen und erblicke mit Vorliebe ein einziges Motiv, das sich abwandelt, oder dann Bildausschnitte, in denen sich alles kaleidoskopartig abspielt. Die Phänomene sind aber nicht nur visueller, sondern auch akustischer Art. Beides zusammen konnte ich bei mir noch nie feststellen, entweder sehe ich etwas oder dann höre ich, wobei das Visuelle immer interessant und unterhaltend wirkt, während das Akustische in seiner unerwarteten Plötzlichkeit leicht abschreckt.

Ich sitze auf einer Bank im Park und döse. Auf einmal ertönen viele Stimmen wirr durcheinander. Ich schrecke auf und schaue um mich - niemand da!

Oder:

Am Fenster auf einem Stuhl sitzend ruhe ich mich etwas aus. Da tönt es

laut und deutlich:

«Der Vorarlberger fährt nicht schnell, nur die Motoren fahren schnell.» Wieder schrecke ich auf, aber niemand ist da.

Das Gehörte ist meistens ohne inneren Zusammenhang und scheint sinnlos. Schreibt man es nicht auf, dann ist es sogleich wieder vergessen. Vielfach sind es auch nur Geräusche.

Es ist ein großer Unterschied, ob ich in den Schlaf hineingleite oder langsam aus ihm erwache. Die hypnagogischen Erscheinungen sind keineswegs dieselben. In der Einschlafphase scheint sich das Tagesgeschehen stark aus- zuwirken, während beim Aufwachen die nächtlichen Ereignisse sich be- merkbar machen. Beim Einschlafen sehe ich konkrete Dinge in ihrer Dreidimensionalität, die keinen tieferen Sinn zu haben scheinen und bewußt beeinflußt werden kön- nen. Beim Aufwachen sind es eher ornamentale Gebilde, abstrakt und zweidimensional, die sich überhaupt nicht beeinflussen lassen und paranor- male Kenntnisse vermitteln. Die Ornamentformen sind von Fall zu Fall verschieden, ebenso ihre Anordnung. Mit der Zeit werden sie durch die bereits erwähnten Netzhautfleckchen ersetzt. Vorher haben sie eine derart starke Leuchtkraft, daß sie selbst bei offenen Augen die bei Dämmerung blassen und farblosen Gegenstände des Zimmers deutlich überlagern. Diese Ornamentik tritt eigentlich nur bei physischen und psychischen Ausnahmezuständen auf und bringt symbolhaft genau jene Grundstimmung zum Ausdruck, welche die erlebte Situation beherrschte. Sie wäre mit zeichnerischen Mitteln darstellbar, müßte aber für den Außenstehenden unverständlich bleiben. Lebendige Flächenornamente weisen auf Psychisches hin, Kreisornamente auf Physisches. Die Zeitdauer der Erscheinungen beträgt mehrere Minuten, und dann klingen sie langsam ab. Der erwähnte Traum, in welchem eine Person mit dem Messer auf mich losgestochen hatte, endete mit einem hypnagogischen Zustand beim Erwa- chen. Ich sah «kochende Karos», d. h. das ganze Sehfeld war in lebende Karos eingeteilt, ein wahrer Zellenstaat, in dem es unter Blasenbildung kochte - zornig, feindlich und unheilbringend. Ein anderes Mal, nach einem wunderbaren, empfindungsreichen nächtli- chen Erlebnis, sah ich liebliche, kleine Wolken schweben, die rubinrosa gefärbt waren. Bei Fieber oder leicht erhöhter Temperatur erwache ich zuweilen des Nachts und sehe dann eine sich drehende Ornamentscheibe, bei der die Elemente spiralig angeordnet sind. Ich fühle mich regelrecht gezwungen zu beobachten, wie die in Unordnung geratenen Teile wieder ins Gleichgewicht kommen. Wenn dies gelingt, dann weiß ich, die Krankheit ist überwunden, ich bin auf dem Weg zur Genesung - auch wenn ich physisch noch gar nichts von einer Besserung verspüre! An dieser Stelle will ich das «Zerflattern» der Träume erwähnen: Nach leb- haften, meist schreckhaften Träumen gelang es mir in der Kindheit manchmal, die Augen mitten im Traum aufzureißen - die physischen Augen! Dann sah ich das Traumbild in der Luft zerflattern und zergehen. Diese Erscheinung wurde mir von Kindern mehrfach bestätigt.

Der luzide Traum

Unglaublich und vor allem unmöglich mag es für die meisten erscheinen, wenn behauptet wird, man könne auch luzid träumen. Das lateinische Wort «lucidus» meint etwas Lichtvolles, dessen Klarheit unzweideutig ist. Der «luzide Traum» ist somit ein Traum, der während des Traumes ganz deutlich als Traum erkannt wird. Um es nochmals zu betonen: im Traum selber ist der Träumer sich eindeutig darüber klargeworden, daß er jetzt gerade träumt. Es wird ihm voll bewußt - ich befinde mich im Traumzustand! Mein physischer Körper liegt nun schlafend im Bett unter der Decke! Hellwach erlebt der luzide Träumer ein Bewußtsein - sein eigenes Ich- Bewußtsein -, das sich nicht im geringsten vom gewöhnlichen Tagesbewußtsein unterscheidet. Eher noch scheint es, die Klarheit dieses Bewußtseins sei wesentlich größer als die Klarheit des Tagesbewußtseins. Er erlebt sich ganz als er selber, fühlt sich so, wie er sich eben immer fühlt, wenn er echt sagen kann: «Jetzt bin ich voll da!» Im gewöhnlichen Traum hat man dieses Bewußtsein nicht und hat zudem keine Ahnung davon, daß man träumt. Obwohl das Bewußtsein im luziden Traum mit dem Bewußtsein im Wach- zustand des physischen Körpers identisch ist, sind die Unterschiede in den Sinneswahrnehmungen beträchtlich. Dies beruht vor allem auf der Tatsache, daß sich die subjektiven Gegebenheiten auf der Traumebene wesentlich direkter und umfassender auswirken als auf der Ebene der materiellen Wirklichkeit des Alltags. Jede Regung, sei sie gedanklicher oder gefühlsmä- ßiger Art, wirkt sich sofort als ideoplastische Vorstellung aus, d. h. wird in die entsprechenden Bilder umgesetzt. Wenn man von der Ebene des Träumens und von der Ebene des Wachens spricht, dann nimmt man ganz gewohnheitsmäßig an, daß im Traum ein ganz anderes Bewußtsein herrsche als im Wachzustand. Traum und Wachen werden einander direkt entgegengesetzt, und das Wachen allein erhält das Attribut echten Bewußtseins, ja - es wird sogar mit «bewußt» identifiziert. Ein wacher Mensch ist ein bewußter Mensch, und wer bewußt ist, ist auch wach. Im Sprachgebrauch werden die beiden Wörter «wach» und «bewußt» synonym verwendet. Das ist etwas unglücklich, weil dabei übersehen wird, daß ein wacher Mensch keineswegs bewußt zu sein braucht - und umgekehrt, wie das luzide Träumen zeigt: Ein bewußter Mensch muß keineswegs wach sein, denn für einen Beobachter scheint er zu schlafen. Wer einen Nachtwandler anspricht, in der Meinung, es handle sich um jemanden, der bei normalem Bewußtsein umhergeht, der sieht sich dem Dilemma gegenüber, daß der physische Körper wohl wach, aber kein Bewußtsein gegeben ist. Ein Nachtwandler kann beliebig angesprochen werden, er wird nicht antworten - und wenn er antwortet, dann wird er sich an nichts mehr erinnern können. Wachheit des physischen Körpers bedeutet keineswegs Wachheit des Geistes. Eindrücklich mag das auch mancher Au-

tofahrer erlebt haben. Während einer Fahrt schrickt man plötzlich auf und stellt etwas beunruhigt fest, daß man keinerlei Erinnerung an die letzten paar hundert Meter Fahrt mehr hat. Man kann sich noch so sehr bemühen, sich an den gefahrenen Weg wieder zu erinnern - nichts. Einfach nichts! Jede Erinnerung fehlt - es ist, wie wenn ein Stück fehlen würde, ein Stück des Weges. Wenn während dieser Zeit ein Unfall geschehen wäre, würde jeder Zeuge aussagen, daß der Fahrer des Unfallwagens wach am Steuer gesessen habe. Der Wachzustand des physischen Körpers bedeutet nie, daß der «Geist» ebenfalls wach ist, und der Schlafzustand des physischen Körpers bedeutet nicht, daß der «Geist» schläft. Gibt man die allein aus Gründen der Ge- wohnheit beibehaltene Identifizierung zwischen «wach» und «bewußt» auf, dann wird es zur Selbstverständlichkeit, daß der Zustand des Körpers in bezug auf das Bewußtsein des betreffenden Menschen bedeutungslos ist. Er kann im Schlafen ebenso bewußt sein wie im Wachen. Wenn man im Traum bewußt wird und gewissermaßen aufwacht, ohne daß der schlafende Körper deswegen aufwachen würde, kann das beim ersten Mal derart überraschend sein, daß man sogleich «richtig» aufwachen wird nur aus lauter Gewohnheit, daß das normale Bewußtsein mit dem Wachzustand des physischen Körpers gekoppelt ist. Wem es aber gelingt, das mit der scheinbaren Gleichartigkeit von «bewußt» und «wach» gegebene Vorurteil zu überwinden, der bleibt voll bewußt im nunmehr zum luziden Traum gewordenen gewöhnlichen Traum drin und kann sich damit einen neuartigen Erfahrungs- und Beobachtungsbereich erschließen, dessen Merkwürdigkeiten äußerst erstaunlich sind. Die Bilderwelt und das Geschehen im luziden Traum können ebenso unlo- gisch, akausal und verworren sein, wie in einem gewöhnlichen Traum, doch werden sie als solche erkannt. Die Irrealität der Traumwelt hängt in über- wiegendem Maße von den Voraussetzungen des Träumers ab, sei sich dieser nun des Traumes bewußt oder nicht. Die Traumwelt ist nicht - wie immer wieder geschrieben wird - an sich alogisch und was ihr sonst noch an negativen Attributen zugeschrieben wird. Wer sich jahrelang mit dem Traum auseinandergesetzt hat, weiß um dessen innere Kompaktheit und Stetigkeit. Mit den Träumen ist es ähnlich wie mit einem Lichtmikroskop. Der Unerfahrene wird beim Blick durchs Okular bloß Streifen und Schatten sehen, die nichts anderes als seine eigenen Wimpern darstellen. Erst bei genügender Übung lernt er, «richtig» zu sehen. Bis aber sämtliche Möglichkeiten des Mikroskopes ausgeschöpft werden können, braucht es die Erfahrung und Übung mehrerer Jahre. Im luziden Traum hat man auch die Fähigkeit, sich nach Belieben aus den Traumhandlungen herauszuhalten. Als außenstehender Beobachter verfolgt man emotional neutral das Geschehen und überdenkt Sinn und Zweck der Ereignisse. Man kann sich aber auch von den Handlungen mittragen lassen, d. h. gleichzeitig den Standpunkt eines Beteiligten wie den eines Beobach- ters einnehmen. Ebenso ist ein bewußtes und damit gezieltes Eingreifen

möglich. Die daraufhin erfolgenden Reaktionen vermag man aufmerksam zu registrieren und kritisch zu prüfen, um aufgrund der sich ergebenden Schlußfolgerungen neuerlich in die Traumhandlung einzugreifen. Wie schon erwähnt, erscheint im gewöhnlichen Traum das Unmöglichste als möglich und wirklich. Im luziden Traum dagegen wird das Geschehen als «traumhaft» erkannt. Merkwürdigerweise sind aber gerade unter diesen Umständen die Dinge trotz ihrer oftmals unfaßbaren Widersprüchlichkeit immens wirklich und in ihrer Art ebenso realistisch wie die alltägliche Welt. Auch wenn sie manchmal düster und gespenstisch erscheinen, bleibt ihre Wirklichkeit greifbar in einer Direktheit, die die Erfahrungen der Alltagswelt übertrifft. Obwohl man sich ganz und gar der Tatsache bewußt ist, daß man träumt, beginnt man sehr daran zu zweifeln, was jetzt traumhafter ist: die Welt des Alltags oder die Welt des Traumes. Der eigene Realitätsbegriff beginnt sich aufzulösen angesichts der Wirklichkeit solcher Erfahrungen. Meines Erachtens ist es sinnlos, der einen Realität den Vorzug vor der an- deren zu geben. Beide Wirklichkeiten haben ihre Berechtigung, die des Wa- chens und die des Träumens, rsp. die Erfahrung innerhalb des wachen phy- sischen Körpers und die Erfahrung bei schlafendem Körper. Sie müssen als eigene Realitäten in ihrer Eigenart anerkannt und berücksichtigt werden, denn nur so sind sie in ihrer gegenseitigen Bedingtheit zu erfassen. Die auffällige Wandlungsfähigkeit des Traumstoffes betrifft nicht nur die einzelnen Situationen, sondern auch die verschiedenen Gebilde, seien es Berge, Bäume, Tiere oder was auch immer. Der luzide Träumer kann solche Wandlungen kritisch beobachten und vielleicht sogar damit experimentieren. Andererseits kann er auch versuchen herauszufinden, wann und weshalb sich die Dinge nicht verwandeln, sondern gleich bleiben. Hier ist ein weites Feld für das experimentelle Vorgehen offen, das allerdings ein sehr stabiles Ich- Bewußtsein voraussetzt.

Das Ich-Bewußtsein im luziden Traum

Schnell einmal meint man während eines gewöhnlichen Traumes, bewußt geworden zu sein, doch ist hier größte Skepsis angebracht. Um wirklich ganz sicher zu gehen, muß man sich dessen irgendwie versichern, und so habe ich die Technik der Bewußtseinskontrolle entwickelt, die ich bei allen paranormalen Schlafzuständen anwende und nicht nur im luziden Traum. Sobald ich mir meines Zustandes in einem Traum bewußt werde, stelle ich die Frage nach dem Datum und dem Wochentag:

«Welches Datum haben wir heute? Welchen Wochentag?»

Außerdem ist es unbedingt notwendig, sich darüber klar zu sein, daß der eigene physische Körper im Bett ruht, indem man sich z. B. sagt:

«Aha! Jetzt liegt mein Körper bei mir zu Hause in seinem Bett.»

Wenn die Bewußtseinskontrolle erst einmal so weit gediehen ist, kann man sicherheitshalber das Erinnerungsvermögen noch weiter prüfen und damit die Echtheit des Ich-Bewußtseins zusätzlich untermauern. Man vergegenwärtige sich die wichtigsten Ereignisse und Handlungen des Vortages und überlege sich auch, was man nach dem Aufwachen am Morgen des folgenden Tages tun will. Diese ausführliche Kontrolle hat jedoch einige Nachteile. Einmal lenken solche Gedanken sehr leicht ab, und plötzlich wacht man allein deswegen in seinem schlafenden Körper auf, weil man allzu viel an jene Angelegenheiten gedacht hat, welche im Zustand des wachen Körpers erledigt werden müssen. Zum andern braucht es doch Zeit, diese ausführliche Kontrolle durchzuführen. Und bei der vor allem bei den ersten luziden Träumen gegebenen Kürze der luziden Erfahrung darf keine unnötige Zeit- verschwendung gestattet werden. Allein die Prüfung des Bewußtseins mittels Datum, Wochentag und Lage des eigenen Körpers fordert trotz des geringen Zeitaufwandes ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und Willensanstrengung! Ohne diese Bewußt- seinskontrolle besteht aber keinerlei Gewähr für die Echtheit des Ich- Bewußtseins. Wer aber kein standfestes Ich-Bewußtsein besitzt, d. h. nicht einmal diese «einfachen» Kontrollen durchführen kann, der wird nur wenige Sekunden im Zustand des luziden Träumens verbleiben können. Der luzide Traum löst sich entweder ganz auf, d. h. der betreffende Träumer wacht im Bett auf oder fällt in einen traumlosen Schlaf, oder er wandelt sich wieder in einen gewöhnlichen Traum um. Wenn man merkt, daß die Situation für eine Bewußtseinskontrolle nicht besonders günstig ist, weil eine instabile Lage gegeben ist, dann sollte man wenigstens die minimale Kontrolle des Ich-Bewußtseins durchführen, wie sie oben angegeben wurde. Schon wiederholt ist mir gesagt worden, eine solche Kontrolle würde alles nur profanieren und sei schließlich auch gar nicht nötig, da man sich im ge- gebenen Fall sowieso seines Bewußtseins völlig sicher sei. - Zugegeben, der «Höhenflug» mag durch die ausdrückliche Bewußtseinskontrolle etwas ge- bremst werden. Vielleicht wird er sogar bei einem allzu ungeschickten Vor- gehen ganz verhindert. Aber das spielt keine Rolle, weil es viel wichtiger ist, das Ich-Bewußtsein halten zu können, als eine phantastische Erfahrung zu machen. Wer nicht einmal diese Kontrolle durchstehen kann, muß sich später nicht wundern, wenn ihm bei den wirklich großen Erfahrungen das Bewußtsein schwindet, und er sich an nichts mehr erinnern kann als an ein «erhabenes» Gefühl. Zu Beginn ist es besser, wenigstens den Sperling in der Hand zu haben als die Taube auf dem Dach. Viele meinen, einen Traum tagbewußt als luziden Traum zu erleben, ohne eine Bewußtseinskontrolle durchgeführt zu haben. Woher nehmen sie die Sicherheit zu einer solchen Behauptung? Ohne ausdrückliche Kontrolle gibt es keine Gewißheit, ob die betreffende Erfahrung nicht doch «bloß» ein Traum gewesen ist. Wenn dann die Erinnerung an das Geschehen

schnell verblaßt und keine Einzelheiten bleiben, darf ruhig angenommen werden, daß es sich nicht um einen luziden Traum gehandelt hat. Die Bewußtseinskontrolle darf nicht zu einem absoluten Muß erhoben werden. Empfohlen sei sie jedem. Erst wenn sie ihm mehrere Male gelingt, kann er wissen, daß auch er dazu fähig ist. Wem sie dagegen nicht gelingt, der hat allen Grund, Bedenken über die Echtheit bei sich anzumelden. Wer sie nach Belieben durchzuführen vermag, hat keinerlei Einwände mehr gegen eine Kontrolle. Wer jederzeit selbstkritisch eine Bewußtseinskontrolle machen kann, wählt den Moment für eine ausdrückliche Kontrolle selber aus, ohne lange darüber zu diskutieren, ob sie notwendig sei oder nicht. Soweit mir aus dem Gespräch mit anderen bekannt, ist das Nichtgelingen leider die Regel und nicht die Ausnahme. Zwischen dem reinen Traumbewußtsein und dem kontrollierten Ich-Be- wußtsein im luziden Traum gibt es viele Zwischenstufen, wo man mehr oder weniger verunsichert ist, was die exakte Bestimmung des Traumzustandes angeht. Wenn ich an einem Abgrund stehe und Angst davor habe, hinunterzuspringen, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich wirklich träume, dann kann ich anderntags nach dem Aufwachen wenigstens mit Sicherheit sagen, daß das kein luzider Traum gewesen ist. Normalerweise werde ich mir während eines gewöhnlichen Traumes aus verschiedenen Gründen der Tatsache bewußt, daß ich träume. Die Veran- lassung für die Bewußtwerdung ist aber nicht allein in der Diskrepanz zum alltäglichen Geschehen zu suchen, sondern ebenso in meiner Auffassung dem Traumzustand gegenüber. Ich bin nämlich überzeugt, daß luzides Träumen möglich ist und mir gerade die starken Verfremdungseffekte im Traum dazu verhelfen können, bewußt zu werden. Eine innere Bereitschaft ist notwendig, um die Gelegenheit zur Bewußtwerdung nicht zu verpassen.

Die Bewußtwerdung im Traum

Ich werde mir während eines gewöhnlichen Traumes vor allem dann voll bewußt, wenn ich bei einer bestimmten Sache eine Veränderung feststelle, die naturgemäß eigentlich nicht erfolgen dürfte. Die Verfremdung läßt mich stutzig werden und einsehen, daß ich träume:

In Feldkirch gehe ich auf der Liechtensteiner Straße stadteinwärts. Alles ist wie zu meiner Jugendzeit: Wo sich heute auf der Hauptstraße ein reger Verkehr abwickelt, konnten wir damals im Turnunterricht die Hundertmeterläufe durchführen. Ich fühle mich wieder ganz jung und weiß, daß morgen eine Schularbeit zu schreiben ist. Unterwegs genieße ich die schöne Umgebung und lasse meinen Blick über die blühenden Apfelbäume schweifen bis hinauf zu den Schweizer Bergen jenseits des Rheintales. Wie immer suche ich die wohlbe- kannte Kontur des höchsten Gipfels der Appenzeller Alpen, den Hohen Ka-

testen, und sehe, daß er sich verändert hat. Eine fremde Bergform stört das gewohnte Bild. «Aber das ist doch nicht möglich! - Nein! - Das kann nicht sein. Ich muß träumen!» Ich bin meiner Sache ganz sicher und weiß auch, daß ich schlafe. Des- halb verzichte ich auf eine weitere Bewußtseinskontrolle. Kaum bin ich bewußt geworden, da verliert die ganze Gegend ihren Frühlingsglanz, die Bäume in ihrer Blüte verdüstern und mit einem Schlag verschwindet meine Jugend. Ich will meinen Weg zum Schulhaus nicht abbrechen, sondern die Schule hier im Land des Traumes besuchen. Unterwegs betrachte ich die Stadt genauer und bemerke ein paar Veränderungen. Im großen und ganzen ist das Stadtbild mit dem Feldkirch der Tageswelt identisch. Ich erinnere mich, daß die Christlichen Schulbrüder, die einst das Lehrerseminar geleitet haben, bis auf einige wenige, die jetzt ein Stu- dentenheim führen, ausgezogen sind. Was werde ich also im Traumge- bäude finden? Früher scheute ich mich, im Traum ein Gebäude zu betreten, denn zu oft trat mir dann irgend etwas Grauenhaftes entgegen. Nun war ich je- doch bereit, mit allem fertig zu werden. Mutig trete ich durch das Tor in das Schulgebäude hinein und gehe die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Ein Schulbruder geht an mir vorbei, wie ich den Korridor hin- unterlaufe. Er beachtet mich nicht. Beim Betreten eines Saales sehe ich viele Brüder in Gruppen zusam- menstehen und miteinander sprechen. Ich höre nur ein Murmeln, kann aber doch einzelne Wörter verstehen, ohne in ihnen einen Sinn zu er- kennen. Diese Menschen sind wie Puppen, die mechanisch und scha- blonenhaft vor sich hinplappern. Den einen spreche ich an. Vergeblich warte ich auf eine Antwort - er starrt durch mich hindurch. Herausfordernd bemerke ich:

«Ihr seid ja doch nur Traumfiguren!» Keinerlei Wirkung! Ich wende mich unbefriedigt und voller Unbehagen von dieser men- schenunwürdigen Szenerie ab. Dann überkommt mich eine große Mü- digkeit, die Augenlider fallen mir zu. Wie ich sie wieder öffne, liege ich wach in meinem Bett - ich bin erwacht.

Obwohl bei diesem Traum schon zu Beginn wesentliche Veränderungen hätten festgestellt werden können - aber da war das Gefühl der Jugend und des Frühlingshaften wohl doch zu schön -, wurde mir erst bei der nächsten Verfremdung bewußt, daß ich träume. Berge bedeuten mir sehr viel, und ich kenne sie sehr genau, weshalb der Unterschied mir auffallen mußte und schnell erkannt wurde. Mit der Bewußtwerdung verblaßten aber die schönen Erinnerungsbilder, und die «graue Welt» des Traumalltags begann sich zu verstärken. Doch konnte ich die Gelegenheit benutzen, um zum ersten

Mal bei vollem Bewußtsein ein Gebäude zu betreten, gewappnet gegen eventuelle Scheußlichkeiten. Da es wichtig ist, gegen die Angst auch im Traum selber anzugehen, ist be- sonders der luzide Traum bestens dazu geeignet, angsterregende Situationen bewußt anzugehen und zu bestehen. Ich hätte mich auch entscheiden können, aufzuwachen oder woanders hinzugehen, doch wollte ich das Problem mit den Gebäuden und den grauenhaften Begegnungen dieses Mal voll durchstehen. Das nächste Beispiel zeigt die Schwierigkeiten der Bewußtseinskontrolle, aber auch die verblüffenden Wandlungen ganzer Landschaften vor und nach der eigentlichen Bewußtwerdung:

In einer Gebirgsgegend, die mir unbekannt ist, steige ich allein aufwärts. Es geht einen steinigen Weg hinan, der rechts und links von knorrigen Wettertannen umsäumt ist. Bald überschreite ich die Baumgrenze. Nun gilt es, einen Felspfad emporzuklimmen. Zum Gipfel kann es nicht mehr weit sein. Plötzlich verschwinden die Felswände, und eine weite Hügellandschaft wird sichtbar. Ich stehe auf der höchsten Erhebung und kann ein herrliches Panorama sehen. Aber wo sind die Felsen geblieben, wo ist das steile Gelände mit den Wettertannen? Das gibt es doch normalerweise nicht! Mir wird klar, daß es ein Traum sein muß, und ich versuche, eine Bewußtseinskontrolle zu machen, was aber nur schwer gelingen will. Kaum habe ich mir das Datum in Erinnerung gerufen, da beginnt das Landschaftsbild zu verblassen und ich drohe aufzuwachen, was ich jedoch verhindern will. Ich versuche sofort, wieder mehr in das Traumbild hineinzukommen, was glücklicherweise gelingt. Ich benutze die Zeit, die schöne Sicht zu genießen. Gestochen scharf stehen die fernen Berge am Horizont. Keiner ist mir bekannt. Ich will eine genaue Beobachtung durchführen, um diese Berge mit den wirklichen zu vergleichen. Zunächst fällt mir nichts auf, was als Unterschied hätte angesehen werden können. Dann bemerke ich etwas, das ungewöhnlich ist. Wenn ich nämlich für einige Zeit eine Berggruppe nicht angesehen habe, dann deckt sich das Bild beim neuerlichen Ansehen nicht mehr mit der gut in Erinnerung behaltenen vormaligen Silhouette, es hat also eine Wandlung stattgefunden. Die Veränderung ist ähnlich der von Haufenwolken, die an einem heißen Sommertag vorüberziehen. Nach dieser Entdeckung wandere ich die Bergwiese hinab und finde ein kleines Häuschen auf einer Alp. Während des Abstiegs wird es son- derbarerweise immer düsterer. Abstieg und Verdüsterung hängen sym- bolhaft zusammen, überlege ich mir, und es wundert mich kaum, daß aus der Hütte keine nette Sennerin herauskommt, sondern eine alte Hexe, deren Gesicht gespenstisch gelb verfärbt ist. Sie beginnt von einer kommenden Kraft zu prophezeien.

Schwierigkeiten bei der Bewußtseinskontrolle ergeben sich vor allem dann, wenn man tagsüber bloß ausspannt und döst. Im Urlaub oder in den Ferien pflegt man meist den Müßiggang. Dann führt man auch tagsüber keine Be- wußtseinskontrolle durch, sondern verbringt den Tag, ohne sich gedanklich besonders anzustrengen. Wenn man aber während des Tages keine Kontrolle ausübt, in dem Sinne, daß man sich wirklich anstrengt, etwas bewußt zu tun - und sei es auch bloß das Jäten im Garten -, dann wird man in der Nacht während des Traumes kaum fähig sein, unter diesen erschwerten Umständen eine Kontrolle des Bewußtseins durchzuführen. Wer den Tag so dahinplätschern läßt, dem wird auch die Nacht entgleiten. Im luziden Traum können die Dinge nicht nur genauestens auf ihr Ausse- hen hin geprüft werden, es läßt sich auch experimentieren. Man darf aller- dings nicht erwarten, daß alle Vorgänge genau so ablaufen, wie man es ge- wohnt ist, denn die Reaktionen auf gewisse Eingriffe sind oft überraschend. Zudem kann die Angst vor dem Mißlingen zu einem großen Hemmnis werden - und das Vorhaben scheitert. Hierzu genügen schon die leisesten Zweifel und manchmal sind eben die Gewohnheiten zu stark und wirken auch unerwartet hartnäckig gegen alle Vorsätze, mögen sie auch noch so fest sein. Einmal ergriff ich in einem luziden Traum einen Gegenstand und schleu- derte ihn ins Fenster. Doch das Glas zerbrach nicht, sondern bog sich nur leicht nach außen, und das Wurfgeschoß glitt herab. Ein anderes Mal wollte ich Feuer legen im Wissen, daß nichts geschehen konnte, denn es ereignete sich ja im Traum! Aber merkwürdigerweise erloschen die Zündhölzer so- gleich wieder oder es brannte bloß ein bißchen Reisig. Die Hoffnung auf ein schönes Feuer wurde nicht erfüllt. Vielleicht wirkten sich versteckt in beiden Fällen die lieben Gewohnheiten aus, zumal die Folgen eines Bruchs oder einer Brandstiftung in der gewohnten Realität sich fatal bemerkbar machen würden. Die Konditionierung scheint doch größer gewesen zu sein, als ich angenommen habe.

Prüfung und Experiment spielen im nächsten Traumbeispiel eine zentrale Rolle:

Meine Frau und ich kommen von einem Einkaufsbummel aus dem Stadtzentrum. Zuerst - abgelenkt durch das Betrachten der schönen Blumenanlagen - achten wir nicht besonders auf den Weg. Schließlich fällt uns auf, daß wir uns verirrt haben. Wir versuchen uns zurechtzu- finden und gehen in diese und jene Seitengasse - umsonst. «Aber das gibt es doch nicht! - An einem Ort, wo wir schon jahrzehn- telang wohnen! - Es muß also ein Traum sein!»

Kaum bin ich zu dieser Erkenntnis gekommen, da verschwindet nicht nur die Umgebung, sondern auch meine Frau. Ich aber stehe in einem Zimmer ganz nahe bei einem Knaben von ungefähr zwölf Jahren. Er rührt sich nicht und sieht mich nur an.

Lange betrachte ich seinen Kopf und denke, da es doch ein Traumgesicht ist, wäre es eigentlich möglich, daß die Traumnatur einen Fehler in der Anatomie gemacht haben könnte. Das muß ich nachprüfen! Ich kontrolliere genauestens die Kopfform. Ich beginne mit den Augen, schaue Mund und Nase an, dann die Ohren. Ich betrachte die kleinen Härchen, die Wimpern und die Falten - es fehlt nichts! Kaum habe ich die Nachprüfung beendet, da will das Bewußtsein wie- der schwinden, wahrscheinlich wegen der Anstrengung, die diese Kon- trolle erfordert. Deshalb wende ich mich vom Knaben ab und ruhe mich ein wenig aus. Wie ich mir sicher bin, weitermachen zu können, ohne das Bewußtsein zu verlieren, trete ich zu einem Tisch, auf dem eine geschlossene Flasche steht. Mit ihr kann ich experimentieren. Zuerst versuche ich, den Korken zu entfernen, was aber nicht gelingen will. So schlage ich ihr einfach den Hals ab und schleudere sie später auf den Boden, wo sie auf natürliche Weise klirrend zerbricht.

Es ist also möglich, während eines luziden Traumes auszuruhen, wenn das Bewußtsein zu schwinden droht, weil man allzu sehr ermüdet wurde. Das erlaubt eine Verlängerung einer Erfahrung, die vor allem beim «Anfänger» meist von sehr kurzer Zeitdauer ist, weil die Stabilisierung des Bewußtseins viel Übung und Energie braucht, die ihm noch nicht zur Verfügung steht. Ein Herr K. berichtete mir von einem Traumerlebnis, das sich treffend in diesem Zusammenhang einfügen läßt:

Ich befinde mich auf der Dachterrasse eines Wolkenkratzers in New York, bei einem Glas Limonade, an einem runden Tischchen, deren es etwa ein Dutzend gab. Einige weiß, andere gelb, hellrot und auch orange gestrichen, mit den dazugehörenden leichten Sesseln, wie in einem Terrassencafe üblich. Es waren auch mehrere Personen anwesend, an einigen Tischen sitzend, Getränke schlürfend und sich unterhaltend. Als ich mich umsah und die Situation erfaßte, wurde ich nachdenklich, und es ging mir nicht ein, was ich in New York zu tun hätte, und wie ich denn dahin kam. Damals hatte ich keinerlei Beziehung zu Amerika. Das Nachdenken ergab, daß ich nichts für eine solche Reise unternommen hatte und auch gar kein Anlaß vorhanden war. Logischer Schluß: Ich träume! Von da an träumte ich bewußt weiter. In der Gewißheit zu träumen, war ich überzeugt, daß mir nichts passieren konnte. Da erwachte der Schalk in mir, und ich begann zu agieren. Ich nahm einen Sessel, stellte ihn mit den Hinterbeinen ganz an den Rand der Dachterrasse, setzte mich darauf, mit dem Rücken zur Lehne. Dann beugte ich mich zurück, auf zwei Sesselbeinen balancierend, über die Schulter in die Tiefe blickend, wo unten ganz klein die Autos ihre Bahn zogen. Gelassen beobachtete ich dabei, wie nun die Traumgestalten auf mein Tun reagierten.

Sie sprangen entsetzt auf, rissen die Hände in die Höbe und schrien:

«Ein Selbstmörder!» Ich blieb einige Sekunden schaukelnd in dieser Lage, ließ mich aber nicht in die Tiefe fallen, weil ich «Fallträume» nicht mag. Dann erwachte ich.

Soweit der Bericht. Bei mir reagieren die Traumfiguren kaum oder gar nicht, das ein Unterschied zur obigen Erfahrung. Und wenn ich mich in einen Abgrund fallen lasse, dann falle ich nicht mit «normaler» Fallgeschwindigkeit hinunter, sondern schwebe wie ein Vogel hinab und lande irgendwo. Es gibt keinen Schock, und sollte ich dabei aufwachen, so geschieht dies ohne Schwierigkeiten. Aber auch hierfür ist Übung notwendig und Klarheit des Bewußtseins, sonst würde die Angst überwiegen. In einem normalen Traum wird man sich auch oft in einem Moment höch- ster Gefahr des Umstandes bewußt, in ein Traumgeschehen verwickelt zu sein. Das kann Erleichterung und Erlösung bringen und vor allem die mit der gefährlichen Situation entstandenen Ängste zum Verschwinden bringen:

Nachdem ich schon ein erstes Mal ohne Schwierigkeiten die Fassade ei- nes Hochhauses hinaufgeklettert bin und es nun ein zweites Mal versu- chen will, geschieht zu Beginn des letzten Viertels etwas Eigenartiges. Trotz des ständigen Steigens erreiche ich das Ziel nicht, im Gegenteil, es scheint in dem Maße zurückzuweichen, wie ich weiterklettere. Die Lage wird beängstigend, und nach einem Blick in die Tiefe wird mir schwindlig. Ich kann mich kaum mehr festhalten und verzweifle beinahe. Da - in größter Gefahr - setzt das Bewußtsein ein:

«Ah - ich träume!» Erlöst lasse ich mich fallen. Die Formen zergehen, und ich wache auf.

Ähnlich im nächsten Traum, doch wache ich nicht sofort nach der Bewußt- werdung auf, sondern erst aufgrund eines körperlichen Unbehagens:

Mit meinem Bruder, einem geübten Alpinisten, besteige ich einen hohen felsigen Berg. Wir klettern einen Grat hinauf und erreichen eine steile Rinne, die mit kleinen Holzplättchen ausgelegt ist. Hier ist kaum Halt zu finden, und ich werde immer unsicherer. In diesem Moment setzt das Bewußtsein ein - und alle Gefahr ist vorüber. Ich lasse mich sanft in die Tiefe gleiten. Ein herrliches Gefühl, auf diese Weise ins Tal hinunterzufliegen - ganz besonders nach der vorange- gangenen Beklemmung. Eine Bewußtseinskontrolle scheint mir nicht nötig, doch führe ich sie mehr aus der Routine heraus dennoch durch. Zuerst schwebe ich schräg gegen die andere Talseite hinüber und lande dann auf einer Almwiese. Einige Zeit wandere ich auf der Alm, bis ich plötzlich einen sehr starken Durst verspüre. Es scheint mir sehr sonder- bar, in diesem Zustand überhaupt ein Durstgefühl haben zu können, aber es verstärkt sich derart, daß ich gezwungen bin, etwas dagegen zu unternehmen.

Aufmerksam betrachte ich das hügelige Gelände und entdecke eine dunkle Rinne - dort muß Wasser sein! Meine Vermutung bestätigt sich, ich finde eine Stelle, wo ich bequem trinken kann. Aber - was ist das? Je mehr ich trinke, desto mehr Durst verspüre ich! Unheimlich! Ich weiß nicht, wie ich dieses Problem bewältigen kann, und so bemühe ich mich aufzuwachen, was schnell gelingt. Sofort wird mir die Ursache des unlöschbaren Durstes klar: Ich hatte während des Schlafens ausnahmsweise meinen Mund offen gelassen. Kein Wunder, daß er vollständig ausgetrocknet war und ich Durst verspüren mußte. - Der physische Reiz scheint sich mit der Zeit derart verstärkt zu haben, daß er bis in meinen Traum vordringen konnte. Und im Traumgeschehen selber vermochte ich natürlich den Durst nicht zu stillen, konnte aber auch den Reiz nicht «abschalten».

Dieses Beispiel ist vor allem deswegen interessant, weil es deutlich die Möglichkeit eines überlegten Vorgehens zeigt. Alle Fähigkeiten des ge- wohnten Bewußtseins bleiben im luziden Traum erhalten. Ich kann mit ei- nigem Erstaunen ein Bedürfnis verspüren, das ich sonst nur von meinem physischen Körper her kenne. Gezielt will ich Abhilfe schaffen und muß dann erkennen, daß es unmöglich ist, den Durst zu stillen. Wiederum schließen sich ein paar vernünftige Überlegungen an, die im Entschluß gipfeln, im physischen Körper aufzuwachen. Reflektierendes Denken und logisches Vorgehen sind in allen Phasen vollumfänglich erhalten geblieben. Manchmal hilft einem auch ein Hinweis von unbekannter Seite:

Ich fliege allein mittels Gedankenkraft in völlig natürlicher und selbst- verständlicher Weise durch die Straßen einer Stadt. Aus unerfindlichen Gründen komme ich aber nicht höher als etwa zwei Meter, so daß ein paar übermütige Buben nach mir greifen und mich jedesmal bloß um Haaresbreite verfehlen. Wie sie mit Steinen nach mir zu werfen beginnen, wird es für mich höchst ungemütlich. Glücklicherweise treffen sie mich nicht, so daß es mir gelingt zu entfliehen. Beim Weiterfliegen durch immer enger werdende Gassen verdüstert sich alles zusehends. Gesindel schleicht umher, und mit einem Male geht es nicht mehr weiter. Eine höchst unangenehme Situation, denn vor mir ist eine dicke Mauer und hinter mir lauern düstere Gestalten. Da kommt von irgendwoher eine Stimme, die mir bedeutet, ich solle durch die Mauer brechen! Mit aller Kraft werfe ich mich dagegen. Es wird mir schwarz vor den Augen, aber gleichzeitig kommt auch die Erkenntnis, daß alles nur ein Traum sei. Eine gewisse Benommenheit läßt mich nur schwer die Bewußtseinskontrolle durchführen. An das Datum kann ich mich noch erinnern, aber im Wochentag täusche ich mich, wie ich dann nach dem Aufwachen feststellen muß. Vor dem Aufwachen sehe ich mich noch in eine schönere Stadtgegend versetzt, wo ich keinen Belästigungen ausgesetzt bin.

Fräulein G. berichtete mir von zwei luziden Träumen, wobei sie im ersten Fall die Bewußtwerdung dazu benutzt, einer höchst unangenehmen Traumbildung zu entfliehen:

Neulich hatte ich einen Traum, der ganz harmlos begann. - Ich ging über eine Wiese, und plötzlich tauchten Totenköpfe auf, und ich mußte durch tiefes Wasser schwimmen. Da sagte ich mir einfach: «Ich will nicht von so blöden Sachen träumen!» Ich befahl den Totenköpfen, sie sollten verschwinden, was dann auch geschah. Und wieder war nur die Wiese da. Bald darauf erwachte ich.

Es kommt natürlich auf die Absicht an, mit der man solchen furchterregenden Traumbildern begegnet. Ein anderer hätte vielleicht nach der Bewußtwerdung begonnen, die Schädel genauer zu untersuchen - im vollen Bewußtsein, daß es sich um ein Traumbild handelt, und wäre dabei auf interessante Ergebnisse gekommen. Nicht immer gelingt es, aus einer unangenehmen Traumsituation aufzuwa- chen, auch wenn man sich bewußt geworden ist, «bloß» zu träumen. In diesem Falle kann es sogar geschehen, daß man nicht mehr so recht weiß, ob man nun träumend wacht oder wachend träumt. Chuang Chou, der etwa 370 v. Chr. in China gestorben ist, träumte einmal:

Ich bin ein Schmetterling und flattere wohlig und zufrieden hin und her.

Ich wußte nicht, daß ich Chuang Chou war.

Plötzlich wachte ich auf und merkte, daß ich ja Chuang Chou bin, dem träumte, er sei ein Schmetterling. Aber jetzt weiß ich nicht mehr, war ich ein Mensch, dem träumte, er wäre ein Schmetterling, oder bin ich in Wahrheit ein Schmetterling, der jetzt träumt, er sei ein Mensch.

Das zweite Beispiel, das mir Fräulein G. mitteilte, zeigt nicht nur die Unsi- cherheit in der Bestimmung der Zustandsebene, sondern auch die Unfähigkeit, aus der Traumsituation aufzuwachen:

Ich war in einer «Sekundärwelt», die aus drei Teilen bestand, die ständig miteinander wechselten. Da war einmal ein Rechteckmuster, und in jedem Rechteck lief wie bei einem Fernseher ein Programm ab. Der zweite Teil spielte im Vorgarten. Mein Nachbar wollte seinen Hund töten - in Wirklichkeit besitzt er keinen -, und ich konnte nicht eingreifen. Dann wieder befand ich mich im Wohnzimmer, wo - nach mehrmaligem Wechsel der drei Szenen - jemand gehässig und hysterisch auf mich einschrie. Ich wurde wütend und tobte durch das Zimmer. Da wurde ich mir bewußt, daß ich träumte. Ich wollte aber von etwas Schönem träumen, aber der Trauminhalt ließ sich nicht ändern. Schließlich warf ich zwei Blumenvasen um, die auf dem Tisch standen. Der Teppich und meine Füße wurden naß. Ich wollte aufwachen, indem ich mir sagte:

«In Wirklichkeit sind deine Füße trocken!», und ich versuchte, meine

trockenen Füße zu. spüren. Als mir das gelang, wachte ich langsam auf, wobei ich eine Stimme sagen hörte, rsp. irgendwie wahrnahm:

«Du befindest dich in einer sekundären Scheinsituation, real bist du nur auf der Primärsituation.» Oder war es umgekehrt? Nun drohte mir aber ein erneutes Abgleiten in die Sekundärsituation, und ich versank wieder ein wenig darin mit dem Befehl, im Rechteck- muster festzustellen, in welcher Folge eine bemalte Uhr mit Goldkette auftauchen würde. Schon konnte ich das Muster sehen, weigerte mich aber, wieder in die Sekundärsituation hineinzugehen, worauf ich endlich vollends erwachte und sorgfältig nachprüfte, ob ich auch in der Wirklichkeit sei. Wenig später schlief ich wieder friedlich ein, wobei ich vertrauensvoll an Gott dachte.

Die Schwierigkeiten in der Bestimmung der Ebenen oder der Situationen beruhen eigentlich mehr auf dem Standpunkt, den man diesen Erscheinungen gegenüber einzunehmen gewillt ist. Vom Wachzustand des physischen Körpers aus gesehen muß der Traum - bewußt oder unbewußt erlebt - als sekundär erscheinen. Wer stur nur eine einzige Wirklichkeitsebene in Form des physischen Körpers gelten läßt, sieht sich früher oder später vor allem beim luziden Traum in kaum mehr lösbare Widersprüche verwickelt. Und es ist auch nicht möglich, einfach alle Phänomene dem persönlichen Unbewußten zuzuschreiben, denn gerade die Erfahrung des luziden Träu- mens läßt einen vorsichtig werden mit dieser vorschnellen Zuordnung. Wer im Traum luzid wird, kann auch Veränderungen bezüglich der Sehschärfe erleben, die erstaunlich sind:

Ich reise mit dem Zug von Schruns nach Feldkirch. Bei der nächsten Bahnstation steige ich in der Meinung, ich sei bereits am Ziel, vorzeitig aus. Zwar bemerke ich bald meinen Irrtum, kann mich aber nicht orientieren. Ein Bahnbeamter, den ich frage, gibt mir keine befriedigende Antwort, zu sehr ist er in ein Gespräch mit jemand anderem verwickelt. Jetzt sehe ich erst, daß ich nur leichte Hausschuhe anhabe, sonst aber nackt bin. Sofort werde ich mir der Tatsache bewußt zu träumen, und ich mache schnell eine Kontrolle. Vorher während des Traumes ist mir schon eine Tafel aufgefallen mit der Aufschrift «Neue Marktordnung». Während mir im Traum aber das Denken schwerfiel, fühle ich mich nun sehr frisch. Die trübe Dämmerung des Traumzustandes ist einer lebendigen Klarheit gewichen. Der Name der Station ist mir gleichgültig, und auch das Gepäck lasse ich auf dem Bahnsteig stehen. Ich brauche es nicht mehr und muß auch nicht wissen, wie die Station heißt, denn ich träume ja. Allerdings interessiert mich die Tafel, und zwar des Vergleichs wegen. Ich betrachte nochmals die Schrift, die deutlich und scharf auf dem weißen Hintergrund steht. Die schwarzen Buchstaben sind gestochen

scharf, jeder Unwirklichkeitscharakter ist geschwunden. Ich habe eine stoffliche Realität vor mir, die sich in nichts von der physischen Realität unterscheidet. Leider gelingt es mir nicht, den Traumzustand länger zu halten, und ich wache auf.

Es zeigt sich, daß die Bewußtwerdung im Traum die Traumwelt auch realer werden läßt im Gegensatz zu manchen anderen Erfahrungen, wo die Traumbilder nach dem Übergang verblassen und unscharf werden. Daß auch die eigene Nacktheit zum Anlaß wird, einen Traum als solchen zu erkennen, ist ein weiteres Beispiel dafür, daß ungewöhnliche Situationen eine Bewußtwerdung fördern. Nicht jeder wird aber in diesem Falle allein deswegen den Traumcharakter als solchen erkennen, wenn er einmal nackt in einem Traumgeschehen agiert. Auch hier wieder gilt es, eine innere Be- reitschaft zu besitzen, in einem Traum bewußt zu werden. Ohne diese Be- reitschaft ist eine Bewußtwerdung äußerst unwahrscheinlich. Nicht jeder luzide Traum endet mit dem Aufwachen im physischen Körper. Statt aufzuwachen, kann man auch wieder in den gewöhnlichen Traumzustand hineinkommen:

Ich erledige einige schriftliche Arbeiten in einem stillen Raum in einer großen Stadtschule mit Internat. Ein betagter Professor betritt das Zimmer und behauptet, hier zu wohnen. Er sagt, er habe den Raum gemietet und wolle sich zur Ruhe begeben. «Ich dachte, das ist eine Schule und kein Hotel», erwidere ich. Darauf- hin sagt er nichts mehr, sondern beginnt unmutsvoll mit der Abendtoilette. Ich räume zusammen und entschuldige mich. Gereizt äußert er sich, ihm könne das nicht passieren. Etwas aufgeregt räume ich weiter zusammen, aber alles verheddert sich in meinen Händen. Ein Knäuel Wolle, das ich einpacken will, rollt mir aus der Hand. Der Faden wickelt ab und beim Aufnehmen verstrickt er sich derart zwischen meinen Fingern, daß ich nicht mehr ein noch aus weiß. «So etwas gibt es doch nicht! - Das kann nur ein Traum sein!» Jede Widerwärtigkeit ist sofort verschwunden. Durch die Bewußtseins- kontrolle gefestigt, beginne ich zu experimentieren. Zunächst erkläre ich dem Professor, er sei nur eine Traumfigur. Gleichgültig hört er sich diese Eröffnung an und zeigt keine besondere Reaktion, außer daß nun seine Bewegungen etwas Automatisches be- kommen, wie das meist - auch mit anderen Traumfiguren - in solchen Fällen geschieht. Dann gehe ich ins Freie hinaus, wo ich versuche, mich in die Luft zu erheben und zu fliegen. Es gelingt, allerdings nicht ganz so, wie ich es gewünscht hätte. Plötzlich hängt sich ein kleines, rundes Kerlchen an mich und klammert sich fest. An seiner Aggressivität, mehr noch an der spezifischen Ausstrahlung dieses Wesens, merke ich, daß es einem anderen Bereich

entstammt und nicht nur aus Traumstoff geformt ist. Ich versuche es abzuschütteln, was aber nicht gelingen will. Mit aller mir zur Verfügung stehenden Energie packe ich fest zu, reiße das Kerlchen weg und schleudere es weit von mir. Es kollert regelrecht davon und wird während des Rollens kleiner und kleiner, bis es schließlich ganz verschwindet. Da der bewußte Zustand nun schon recht lange dauert, und ich vor dem unangenehmen Ereignis mit dem fremdartigen Wesen eine Zeitlang schon dem bunten Treiben eines farbenfrohen Jahrmarktes zugesehen habe, geht die für die Aufrechterhaltung des Bewußtseins notwendige Kraft zur Neige. Vielleicht auch hat mich die Abwehr des kleinen Kerlchens besonders ermüdet. Ich wache aber nicht auf, sondern falle wieder in den gewöhnlichen Traumzustand zurück und träume normal weiter. Was folgt ist unwesentlich.

Nach dem Aufwachen weiß ich genau, wo sich die Grenze zwischen dem luziden Traum und dem daran sich anschließenden normalen Traum befand. Auch im Traumzustand selber habe ich den Übergang deutlich gespürt. Beide Übergänge, sowohl der vom normalen zum luziden Traum als auch umgekehrt, können selbstverständlich exakt festgestellt werden. Nur wenn das Bewußtsein nicht voll vorhanden ist und nicht durch eine Kontrolle umfassend geprüft wurde, kann es zu Unsicherheiten kommen. Das letzte Beispiel zeigt einen luziden Traum, der von allem Anfang an bis zum Ende bei vollem Bewußtsein erlebt wurde. Auch das ist nämlich möglich, daß man sich ohne Übergang in einem Traum findet und sofort weiß, daß es ein Traum ist:

Obwohl dieser Traum bereits bei vollem Bewußtsein einsetzt, mache ich sicherheitshalber zweimal in seinem Verlauf eine Bewußtseinskontrolle. Im Stadtgebiet von Feldkirch fliege ich eine Straße entlang. Unter mir bewegt sich ein Pferdefuhrwerk. Ich sehe, daß der Kutscher neben sich auf dem Bock einen großen Revolver liegen hat. Ich senke mich ein wenig ab, bis ich die Waffe greifen kann. Wie ich sie näher ansehe, entpuppt sie sich jedoch als ein Fernglas in Revolverform. Ich steige steil in die Höhe und kann bei diesem herrlichen Wetter mit der Zeit das ganze Rheintal überblicken. Wunderschön liegt es unter mir wie ein grünes Meer ausgebreitet. - O weh! Kaum habe ich diesen Vergleich gezogen, da setzt das ideoplastische Wirken ein. Mein ver- gleichender Gedanke beginnt sich in ein riesiges Traumbild umzuwan- deln, welches das alte Bild des Rheintales zu überlagern droht. Die Hintergrundsberge werden noch weiter weggeschoben und eine grüne Wasserfläche breitet sich aus. Nur mit großer Mühe gelingt es mir, nochmals das alte Bild wiederher- zustellen, Ich kann es nur kurze Zeit halten - und dann ist es endgültig verloren. Jetzt schwebe ich über den grün-blauen Wogen eines weiten Meeres.

Aber im Grunde ist es ja egal. Ich kann auch so das phantastische Gefühl der Schwerelosigkeit und Ungebundenheit auskosten, ohne befürchten zu müssen abzustürzen. Dank des Umstandes, daß ich mir meines Traumzustandes voll bewußt bin, kann ich ihn unbeschwert genießen, bis es mir mit der Zeit genug erscheint und ich meinen Flug abbreche. Langsam schwebe ich hinunter und lande an einem Strand. Irgend jemand bespritzt mich mit Wasser, was ich mir gern gefallen lasse. Dann aber will ich nach Hause fliegen. Und fast gleichzeitig mit dem Gedanken erwache ich.

Der luzide Traum ist als «Vorstufe» zur außerkörperlichen Erfahrung be- sonders geeignet, weil sich in ihm eben all jene Möglichkeiten der Kontrolle des Bewußtseins und der Beobachtung fast zwanglos ergeben, die bei einer Exteriorisation dringend gefordert sind. Zudem kann man sich gerade im luziden Traum an den scheinbar anormalen Zustand gewöhnen, bei vollem Bewußtsein zu schlafen und dennoch frei handeln und erleben zu können, und zwar in einem schier unglaublichen Ausmaß. Außerdem baut sich der Angstfaktor mit den Wiederholungen fast von alleine ab. Wie der gewöhnliche Traum eine Vorstufe zum luziden Traum ist, so ist der luzide Traum wiederum eine Vorstufe zur Exteriorisation, was keineswegs eine absolute Bedingung darstellt, sondern bloß als praktische Reihenfolge gelten mag.

Die Exteriorisation oder «Astralprojektion»

Der Ausdruck Exteriorisation wurde durch die Substantivierung des latein- ischen Wortes exterior gebildet, was soviel heißt wie: «äußerer, auf der Außenseite befindlich, nach außen zu gelegen». Dabei werden die äußeren und inneren Teile desselben Ganzen einander gegenübergestellt, was in unserem Zusammenhang besagen will, daß der physische Körper nicht der einzige Körper des Menschen ist, in welchem er sich bewußt «aufhalten» kann. Der Mensch besitzt mindestens noch einen zweiten Körper, den Feinstoffkörper - so kann man wenigstens annehmen, wobei diese Annahme mindestens ebenso berechtigt ist, wie die unbewiesene Annahme der modernen Naturwissenschaft, daß der Mensch nur einen einzigen Körper besitzt. Die Hypothese eines Zweitkörpers erklärt zudem auf einfache Weise die Phänomene der Exteriorisation, ohne daß ungemein komplizierte Erklä- rungsmodelle aufgestellt werden müssen, die letzten Endes doch unbefrie- digend bleiben. Normalerweise ist der Feinstoffkörper mit dem physischen Körper zu einer untrennbaren Einheit verbunden, doch kann diese Untrennbarkeit zeitweilig aufgebrochen werden aus verschiedensten Gründen. Und in dem Moment, wo der Feinstoffkörper aus dem physischen Leib ausgetreten ist und als Träger des Ich-Bewußtseins dient, kann von einer Exteriorisation gesprochen werden. Es gibt noch eine immense Fülle weiterer Ausdrücke, die genau dasselbe bezeichnen, doch will ich bloß einige anführen, ohne auf die möglichen Unterschiede einzugehen. In unserem Zusammenhang spielen diese Unter- schiede keine Rolle, zumal sie nicht prinzipieller Natur sind. Weitere bekannte Bezeichnungen für den Austritt aus dem physischen Körper sind: Exkursion, Bilokation, Doppelgängerei, Astralprojektion, Körperablösung und neuerdings im englischen Sprachraum auch «Out-of-the-Body-Experience», eine Bezeichnung, die sich wegen der bekannten Vorliebe der Amerikaner für Kürzel bereits als «OOBE» oder noch kürzer als «OBE» eingebürgert hat. Für den deutschen Sprachgebrauch könnte man das kurz als «Ausleibigkeit» bezeichnen. Die Sprachverwirrung bei der Bezeichnung des Feinstoffkörpers ist noch viel größer, doch stört uns dieser Umstand, genauso wenig, denn hier soll weniger theoretisiert und schematisiert werden, als vielmehr anhand prakti- scher Beispiele auf einige konkrete Probleme der Exteriorisation hingewiesen werden. Zwischen Exteriorisation und Seelenreise möchte ich aber doch einen Un- terschied machen, der aber nicht prinzipieller, sondern eher gradueller Natur ist. Während sich der Erlebende bei der Exteriorisation noch innerhalb einer physisch-stofflichen Welt bewegt, die mehr oder weniger der gewohnten physischen Welt entspricht, ist er bei der Seelenreise in eine «transphysische» Welt versetzt und auf einer anderen Seinsebene. In bei-

den Fällen ist es besser, wenn das Ich-Bewußtsein voll erhalten bleibt und Bewußtseinskontrollen durchgeführt werden. Sowohl die Erfahrung der Exteriorisation wie die der Seelenreise können aber auch ohne dieses konti- nuierliche Ich-Bewußtsein geschehen. Der Ausdruck «Astralwanderung» wird von vielen anstelle des Wortes «Seelenreise» verwendet. Da das Wort «Astralwanderung» auf verschiedenste Art verwendet wird - meist ohne genauere Erläuterungen -, vermeide ich diesen Ausdruck.

Die Echtheit der Exteriorisation als eigenständiges Phänomen

Ein naturwissenschaftlich wirklich befriedigender Beweis konnte bislang nicht beigebracht werden, und so bleibt die Echtheit der Exteriorisation nach wie vor angezweifelt. Das bedeutet für die allgemein anerkannte Wissenschaft nichts weiteres, als daß sie kein neues eigenständiges Phänomen in ihre Untersuchungen aufnehmen muß, das bei einer Akzeptierung das ganze weltanschauliche Gebäude schwerstens erschüttert hätte. Bei der Aner- kennung der Exteriorisation als echte und eigenständige Erscheinung würde die gängige Weltanschauung von Grund auf geändert werden müssen, was unabsehbare Konsequenzen bis in den Erziehungsbereich der jungen Menschen haben würde. Wenn man eine vom physischen Körper unabhängige menschliche Existenzweise annimmt, dann müßte das allein schon deswegen Folgen haben, weil das eigene Leben um die Dimension des Lebens nach dem Tode erweitert würde. Mindestens erweitert sich jedoch das tägliche Leben um die Stunden der Nacht, wo dank der Exteriorisation und - wie wir schon gesehen haben - des luziden Träumens weiteste Erfahrungsbereiche offen stehen, die erschlossen werden können. Irgendwie sind diese Konsequenzen jedem klar, bevor er auch nur ein ein- ziges Eigenerlebnis in dieser Richtung gehabt hat. Das aber mag gerade der Grund dafür sein, daß viele Forscher keineswegs das eigene Erleben fördern, sondern vielmehr krampfhaft die Zeugnisse ihrer Mitmenschen sammeln, die paranormale Erfahrungen gemacht haben. Solange man nämlich keine erschütternden Eigenerfahrungen hat, kann man beliebig lange und umständlich die Berichte der Zeugen zerpflücken, anzweifeln und interpre- tieren. Selbstverständlich sieht man sich auch nicht gezwungen, ein ganz neues Erklärungsmodell einzuführen, denn man hat ja Zeit - viel Zeit -, um die systematisch gesichteten Fälle herumzujonglieren und zu beschneiden, bis sie endlich in eine vorgefaßte Meinung hineinpassen, die erst noch den Vorteil hat, daß sie wissenschaftlich sanktioniert ist. Um nicht aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft herauszufallen, grei- fen selbst Parapsychologen auf Erklärungsmodelle zurück, welche der gel- tenden Ansicht nicht widersprechen, sondern sie bloß etwas ausdehnen. So ist

der Begriff der «Astralprojektion» mit der grundlegenden Vorentscheidung belastet, daß man bei einer Exteriorisation nicht außerhalb des physischen Körpers versetzt wird, sondern sich bloß irgendwohin projiziert, ohne sich echt abzulösen. Die Reichweite des menschlichen Geistes wird auf diese Weise gummiartig bis auf beliebige Distanzen ausgedehnt, einzig damit nicht angenommen werden muß, der Geist könne unabhängig vom physischen Körper funktionieren. Mit dem leiblichen Tod wird auch die Elastizität des Geistes erlahmen, was natürlich eine naive Anschauung ist, allein schon deshalb, weil sie mit einem wirklich primitiven Zeitbegriff arbeitet. Die Annahme des «reisenden Hellsehens» bei einer Astralprojektion zeigt deutlich, wie wenig sich jemand, der dies unterstützt, mit den erkenntnis- theoretischen Überlegungen in der modernen Physik auseinandergesetzt hat. Kein Physiker darf sich heute mehr derart naive Raum-Zeit-Vorstellungen erlauben, wenn er sich mit der Materie auseinandersetzt. Weshalb erlaubt es sich jemand, der den Geist zu erforschen vorgibt, physikalische Ansichten des 19. Jahrhunderts zu vertreten? Wer persönlich noch nie eine Exteriorisation und andere sogenannte para- normale Phänomene erlebt hat, oder zu wenig Eigenerfahrung besitzt, ist niemals jenem existentiellen Zwang ausgesetzt, der sich bei mehrmaligen Erfahrungen ganz von alleine ergibt. Er kann gemütlich in seiner alten Weltanschauung verharren und bloß staunen, daß es Menschen gibt, denen die gängigen Meinungen mehr als bloß suspekt geworden sind. Die Zeugnisse aus allen Kulturbereichen sind für jenen unmißverständlich, der selber einmal eine Exteriorisation erlebt hat. Denn seit jeher war der Glaube verbreitet, die Seele könne während des Schlafes den Körper wie ein Vogel oder wie ein Schmetterling verlassen und umherstreifen. Im Fernen Osten wie im alten Griechenland wurde die Psyche mit Schmetterlingsflügeln dargestellt - und sogar auf manchen alten Friedhöfen des Abendlandes findet man dieses Bild. Der Grieche Heraklit lehrte, daß sich im Schlafe die Seele vom Körper ablöse und entschwebe, eine Ansicht, die von vielen namhaften Männern bis in die neueste Zeit hinein vertreten wird. Da man dies glaubte, galt es schon immer als gefährlich, einen Schlafenden abrupt zu wecken, weil sonst seine herumziehende Seele keine Zeit mehr hätte, in ihren Körper zurückzukehren. Von den verschiedenen Abbildungen vergangener Kulturvölker, die auf ein Wissen über den Austritt des Feinstoffkörpers schließen lassen, erscheint mir jene der Alten Ägypter am prägnantesten. Wenn auch hier besonders ein nachtodlicher Zustand dargestellt sein mag, so trifft die bildliche Darstellung erstaunlich gut die Symptome einer Exteriorisation. Über einer Mumie sehen wir zuweilen ein Vogelwesen mit einem Men- schenkopf schweben, das in seinen Krallen ein Henkelkreuz oder auch eine Feder trägt. Damit sind die drei wesentlichsten Eindrücke bildlich dargestellt, die denjenigen zutiefst erschüttern, der zum ersten Male bei vollem Bewußtsein einen Austritt aus seinem physischen Körper erfährt.

Der Menschenkopf des Vogelwesens drückt die Tatsache aus, daß das menschliche Ich-Bewußtsein und damit auch das Denk- und Handlungs- vermögen vollumfänglich erhalten geblieben sind. Die wunderbare Fähigkeit des Fliegens, die mit dem außerkörperlichen Zu- stand gegeben ist, wird durch den Vogelkörper, besonders den Flügeln, dargestellt. Daß mit diesem Zustand der physische Tod überwunden wurde, zeigt das Henkelkreuz, das ägyptische Zeichen für Leben, für die unvergängliche Le- benskraft, die wie zu einem magischen Knoten geschürzt erscheint, der die eigene Individualität und damit das eigene Ich-Bewußtsein als das wahre Ich ausdrückt. Die Feder ist den Ägyptern ein Zeichen der Wahrheit. Vielen wird erst nach dem eigenen Erleben persönliche Gewißheit und Wahrheit, was vorher bloß eine umstrittene Hypothese gewesen ist. Wer vor dem Eintreten eines solchen Erlebnisses gezweifelt und allein die Möglichkeit bestritten hat, wird zunächst um seinen Verstand fürchten oder sogar glauben, gestorben zu sein. Eine einmalige Erfahrung genügt zwar für eingehende Untersuchungen nicht, doch ist sie für sich allein überzeugend genug. Auf den etwaigen Einwand, das Ganze sei nur Traum oder Einbildung, möchte ich mit Dr. Funk antworten:

«Es ist weder dies noch jenes. Wenn die ganze Welt aufstünde, würde für mich das nichts bedeuten. Ich bin schlechthin gewiß, daß ich so frei von meinem fleischlichen Leibe gewesen bin, als ich je sein werde, und daß mein Leben in der Trennung von ihm weitaus wunderbarer war, als irgend

ein Leben, das ich jemals in ihm erfahren habe.»

Die Wichtigkeit einer genauen Erforschung dieses Phänomens wurde von vielen erkannt. Man darf aber unter keinen Umständen übersehen, daß der eigenen Erfahrung die zentrale Schlüsselrolle zugewiesen werden muß, denn nur sie allein führt zur persönlichen Gewißheit und Zuversicht. Noch so viele Fremdzeugnisse und «wissenschaftliche» Beweise würden nicht ausreichen, die Realität des persönlichen Erlebens aufzuwiegen. Die ganze Diskussion um eine mögliche Existenz nach dem Tode des physischen Körpers erhält durch die sonst viel zu gering geachtete subjektive Dimension eine schwerwiegende existentielle Bedeutung, der niemand mehr ausweichen kann - wenn er einmal eine Exteriorisation selber erlebt hat und gewillt ist, zu seiner Erfahrung zu stehen! Emil Mattiesen betont in seinem dreibändigen Werk «Das persönliche Überleben des Todes», daß das ganze Material über die Möglichkeit einer Nachtodesexistenz seine eigentliche Bedeutung erst im Hinblick auf die Selbsterfahrung der Exteriorisation bekommt:

«Alle in diesem Punkt zusammenlaufenden Beweise werden gekrönt von einem letzten ‹direkten›, den ich als den stärksten und eigentlich entscheidenden bezeichnet habe: er beruht auf der von mir mit sechzig Selbstzeugnissen belegten Tatsache, daß schon der Lebende sich zu-

weilen - wie der Verstorbene es dauernd tut - von seinem Leibe lösen kann und sich in diesem Zustand der Leibentbundenheit durchaus nicht als ‹Rest› oder ‹Fetzen› erlebt, sondern als selbstbewußte, überlegende, beobachtende und fühlende Person, die den eigenen verlassenen Leib und seine Umgebung von außen betrachtet, ihr Erlebnis als Sterben auffaßt, mit ähnlichen Regungen darauf reagiert, wie sie auch in Kundgebungen wirklich Verstorbener sich äußern.»

Der amerikanische Forscher Charles Tart bemerkt:

«Eine Exkursion ist gewöhnlich eines der tiefsten Erlebnisse im Leben eines Menschen und verändert seine Überzeugungen von Grund auf. Gewöhnlich wird das etwa folgendermaßen ausgedrückt: ‹Ich glaube nicht mehr an ein Fortleben nach dem Tode oder an die Unsterblichkeit der Seele, ich weiß, daß ich den Tod überleben werde.› Das ergibt sich nicht logisch, denn wenn eine Exkursion auch mehr ist als nur ein interessanter Traum oder eine Halluzination, erfolgte sie doch, während der physische Leib lebendig war und funktionierte, sie könnte also immerhin doch von dem physischen Leib abhängig sein. Dieses Argument macht aber nicht den geringsten Eindruck auf Men- schen, die tatsächlich eine Exkursion erlebt haben.»

Die Wichtigkeit der Erforschung der Exteriorisation betont Prof. Wilhelm Tenhaeff, niederländischer Parapsychologe und Inhaber des Lehrstuhles für Parapsychologie zu Utrecht, mit den Worten:

«Der stärkste parapsychologische Beweis für den Glauben an ein per- sönliches Fortbestehen nach dem Tode liegt in den Exkursionsphäno- menen und dem, was damit zusammenhängt. Darum ist es von großer Wichtigkeit, die Forschungen über den Metaorganismus voranzutreiben.»

Ich möchte in ein paar Einzelpunkten zusammenfassend darlegen, was ich in der Literatur bezüglich der Exteriorisation als überzeugend empfunden habe, da es sich mit meinem eigenen Erleben deckt:

1. Bis auf ein paar unwesentliche - bei näherer Betrachtung als subjektiv-

naturgegeben erkennbare - Einzelheiten gleichen sich die Berichte über den Vorgang des Austritts aus dem physischen Körper in auffallender Weise, und auch meine Eigenerfahrungen machen da keine Ausnahme. Die Welt- anschauung der betreffenden Personen spielt dabei keine Rolle, das Aus- trittsgeschehen vollzieht sich überall nach dem gleichen Muster.

2. Die erste Erfahrung einer bei vollem Bewußtsein stattfindenden Exterio-

risation ist für den sie Erlebenden unverwechselbar. Er erkennt sie sofort als das, was sie ist, und hat keine Mühe, sie als eigenständiges Phänomen gegenüber anderen Erfahrungen abzugrenzen.

3. Ist man erst einmal vom physischen Körper abgelöst, dann erlebt man

den Weg in die nähere Umgebung oder die Reise in eine ferne Gegend ganz bewußt auf charakteristische Art. Dabei bleibt das Gefühl für die eigene

«Körperlichkeit» voll erhalten, auch wenn diese nur noch punktförmig sein sollte, d. h. es ist ein Bewußtsein des räumlichen Standortes vorhanden.

4. Der Feinstoffkörper bleibt mit dem physischen Körper durch ein fasriges

Band verbunden, das in beiden Körpern verankert ist. Dieses Band - oft als Astralband, Fluidalband oder Silberschnur bezeichnet - ist äußerst dehnbar und unter Umständen auch sichtbar, spürbar und sogar greifbar. Wenn die beiden Körper nahe beisammen sind, besitzt das Band eine wesentlich stär- kere Zugkraft, so daß man leicht wieder in den physischen Körper zurück- gezogen wird. Es vermittelt auch Empfindungen des physischen Körpers zum Feinstoffkörper, so daß trotz des ausgetretenen Zustandes Herzschlag, Atmung und andere physische Funktionen verspürt werden können. Der-

gleichen physiologische Sensationen lassen sich nicht einfach als Einbildun- gen, ideoplastische Formen oder als Projektionen abtun, denn sie machen sich bemerkbar, selbst wenn man noch nie zuvor etwas davon gehört oder gelesen hat.

5. Nach dem Austritt ist der dunkle Raum manchmal von einem dämmri-

gen Licht erfüllt, das weißlich, rötlich oder in einem blauartigen Farbton phosphoresziert und vom Feinstoffkörper ausgeht. Als ich es bei mir die ersten paar Male bemerkt habe, bin ich erschrocken und war sehr beunruhigt. Das wäre nicht notwendig gewesen, hätte mir vorher jemand darüber Aufklärung gegeben, daß es sich bei diesem Leuchten um ein normales

Begleitphänomen der Exteriorisation handelt, das ab und zu beobachtbar ist.

6. Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, daß man im exteriorisier-

ten Zustand zu Örtlichkeiten kommen kann, die man vorher noch nie gesehen hat. In einigen Fällen habe ich mich nach der betreffenden Erfahrung in meinem physischen Zustand darum bekümmert und feststellen können, daß der außerkörperlich besuchte Ort materielle Wirklichkeit besitzt. Das spricht für die oft berichtete Möglichkeit außersinnlicher Wahrnehmung auch im exteriorisierten Zustand. Weitere Erläuterungen möchte ich anhand einiger Beispiele geben.

Erläuternde Fallbeispiele zur Exteriorisation

Das erste Beispiel einer Exteriorisation zeigt das Zusammentreffen dreier günstiger Bedingungen für eine Körperablösung, die auch in der Literatur immer wieder erwähnt werden: Fasten, Nord-Süd-Lage und hohe Außen- temperatur.

Ich hatte an diesem Tag ein unfreiwilliges Fasten hinter mir - es war durch einen verdorbenen Magen erzwungen worden. So fühlte ich mich am frühen Nachmittag ziemlich geschwächt und mußte unbedingt etwas ruhen. Zudem machte mir der heiße Sommertag zu schaffen und ermüdete mich zusätzlich.

Für gewöhnlich pflege ich nach dem Mittagessen einen Schlaf im Lehn- stuhl beim Fenster zu halten, doch dieses Mal schien es mir besser, mich auf das Sofa zu legen, das zufälligerweise genau in Nord-Süd-Richtung steht. Kaum hatte ich mich hingelegt, da schlief ich auch schon ein. Nach ei- ner guten Stunde wachte ich wieder auf und fühlte mich ein wenig besser. Wie immer stand ich auf, um mich im Badezimmer etwas zu erfrischen. Ich wollte mir Gesicht und Hände waschen. Doch was war das!? Nach ein paar Schritten kam ich trotz größter Anstrengung nicht mehr weiter. Es war genau so, als sei an meinem Rücken ein Gummiseil befestigt, das an der Wand des Wohnzimmers festgemacht worden war. Noch einen Meter weiter zwang ich mich zu gehen, doch mußte ich dann innehalten, weil ich wesentlich stärker zurückgezogen wurde und zudem ein unbeschreibbarer Schmerz in der Gegend des Sonnengeflechtes aufgetreten war, den ich von meinen Trancezuständen her kannte und nicht weiter verstärken wollte. Gleichzeitig wurde ich mir klar, daß ich aus meinem physischen Körper ausgetreten sein mußte, ohne es bemerkt zu haben. Das war nun eine freudige Überraschung, und ich beschloß, die günsti- ge Gelegenheit zu nutzen, um bei vollem Bewußtsein einige Beobachtungen über das Leben im Feinstoffkörper zu machen. Ich blieb zuerst einmal mitten im Zimmer stehen und musterte meine Umgebung genauer. Alles war wie gewohnt an seinem Platz, es waren keine Veränderungen feststellbar. Möbel, Teppich, Lampe, auch das Fenster und die Türe - nicht die geringste Spur einer Veränderung, nichts Unreales war zu bemerken - handfeste Wirklichkeit bis ins Detail. Nun wollte ich meine feinstoffliche Körperlichkeit untersuchen. Eigent- lich fühlte ich mich ohne physischen Körper doch anders, denn eine un- gemeine Leichtigkeit erfüllte mich, obwohl ich fest auf dem Boden stand. Die Luft empfand ich als allesdurchdringende und allesumfassende At- mosphäre, als ein Fluidum von spürbarer Substanz. Ich fühlte mich auf besonders glückliche Art mit dem All verbunden, irgendwie zum Gött- lichen hingezogen und dem Göttlichen angenähert. Mein nächster Wunsch war es, das Erlebte nach dem Erwachen im physischen Körper durchzudenken. Zudem wollte ich kein Risiko mit einer Verlängerung meines Zustandes eingehen, war doch mein leiblicher Körper gesundheitlich angeschlagen. Also ließ ich mich mit offenen Augen bedenkenlos nach rückwärts fal- len. Dabei öffneten sich meine physischen Augen, so daß ich für etwa zwei Sekunden mit beiden Augenpaaren sehen konnte! Mit den feinstofflichen Augen sah ich durch die geöffnete Glastüre bis zur Badezimmertüre, mit den physischen Augen gleichzeitig vom Sofa aus in der Froschperspektive das Wohnzimmer.

Gleich darauf schlief ich wieder ein und wachte etwa eine halbe Stunde später sichtlich gestärkt wieder auf. Zunächst vergegenwärtigte ich mir nochmals das ganze Erleben, jetzt erst fiel mir auf, daß das fluidale Band an meinem Rücken befestigt ge- wesen sein mußte und nicht am Kopf! Aber das war doch nicht möglich - überall hatte ich gelesen, das Band würde den Kopf des Feinstoffkörpers mit dem Kopf des physischen Körpers verbinden. Bedeutete das nun, daß bei mir irgend etwas nicht in Ordnung war?

Ich hätte mich damals nicht derart beunruhigen müssen, denn später las ich in Robert Monroes Buch «Der Mann mit den zwei Leben», in dem er auch über die Befestigung des Astralbandes bei sich selber berichtet, daß es ihm ebenso wie mir ergangen war. Auch er kannte aus der Literatur bloß die Kopf-zu- Kopf-Verbindung und war deswegen am Anfang verwirrt, bei sich eine andere Verbindungsweise zu bemerken. Sowohl Monroe als auch ich hätten aufgrund der Literaturkenntnisse er- wartet, das Astralband würde eine Kopf-zu-Kopf-Brücke bilden. Wenn unsere Erlebnisse bloßer Einbildung entspringen, dann müßte es unverständlich bleiben, weshalb unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden. Diese Abweichung allein gibt schon einen wichtigen Hinweis auf die Tatsächlichkeit der Exteriorisation bzw. des Astralbandes. Da der Mensch neben seinem Gehirn noch mehrere andere Nervenzentren besitzt, von denen das Sonnengeflecht das bekannteste sein dürfte, wäre es durchaus möglich, daß die Astralbandverknüpfung verschieden ist und von den individuellen Gegebenheiten abhängt. Außerdem vermute ich, daß die Art der Verknüpfung und die Art des Erlebens im außerkörperlichen Zustand irgendwie zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Die Festigkeit und Dichte des Astralbandes ist vom Feinstoffkörper ver- schieden, weshalb bei einer sehr geringen Konsistenz des Astralbandes dieses unsichtbar bleibt. Die besonders beseligende Atmosphäre bei diesem Erlebnis, das am hellen Tag - eine Seltenheit - stattfand, ist nicht für jede Exteriorisation selbstverständlich. Sie hängt sowohl von der subjektiven Einstellung zum betreffenden Zeitpunkt als auch vom besonders klaren Be- wußtsein ab. Daneben spielt sicher auch die außergewöhnlich hohe Ver- dichtung des Feinstoffkörpers eine Rolle. Das beim Wiedereintritt in den physischen Körper aufgetretene Doppelse- hen wird oft als «doppeltes Bewußtsein» bezeichnet, was sehr mißverständlich ist. Denn bei diesem Sehen mit vier Augen zur gleichen Zeit handelt es sich keineswegs um ein Sehen bei dissoziiertem, d. h. doppeltem Bewußtsein. Es ist eben so, als hätte man vier Augen! Schließlich haben wir auch zwei Arme und zwei Beine und bloß ein Bewußtsein, und niemand würde auf die Idee kommen, von einem doppelten oder gar vierfachen Bewußtsein zu sprechen. Sollte tatsächlich ein echtes doppeltes Bewußtsein auftreten, dann würde es sich dabei um einen krankhaften Fall handeln, um ein dissoziiertes Bewußtsein.

Die nachmittägliche Erfahrung hatte ein kleines Nachspiel insofern, als meine Frau berichtete, sie hätte mich eine kurze Zeitlang beobachtet, wie ich auf dem Sofa schlief. Dabei fiel ihr mein Aussehen auf. Totenähnlich, still und friedlich sei ich da gelegen - wie verklärt. Und von Atemzügen sei nichts zu sehen gewesen. Im nächsten Beispiel ist die Dichte des Feinstoffkörpers geringer, woraus sich besondere Probleme ergeben:

Eines Morgens erwache ich früh in der Dämmerung nach einem Flug- traum. Ich öffne die Augen und sehe zu meiner Verwunderung nicht das Zimmer, sondern nur eine rauhe weiße Wand. «Was soll das?», denke ich.

«Ist das etwa ein neckischer Traum? - Nein! Ich bin wach! Heute ist Mittwoch, heute ist der 25. März!» Jetzt ist mir alles klar. Ich spüre keine Unterlage und schwebe - also bin ich ausgetreten aus meinem Körper und schwebe direkt unter der Zimmerdecke, die ich aus dieser Nähe noch nie gesehen habe. Ich muß versuchen, mir einen Ausschnitt der Decke genauestens einzuprägen, um ihn später im physischen Körper überprüfen zu können. Die getünchte Fläche läßt gewisse Feinheiten erkennen, die in ihrer Gesamtheit einer Mondkarte gleichen. Drei größere Körner werfen einen deutlichen Schatten und bilden zusammen ein schiefes Dreieck. Ich versuche, die Verhältnisse der Seitenlängen und der Winkel festzustellen und mir einzuprägen. Ich vergesse auch nicht, besonders auf die Struktur der Dreiecksfläche zu achten. - Bald habe ich es geschafft. «Was könnte ich jetzt tun? Ah - wie wäre es, meinen Körper einmal von oben anzusehen!»

Mit einem Ruck will ich mich umdrehen. Dabei gerate ich aber in einen Sturzflug und beschreibe dabei eine halbe Spirale. Dann ertönt ein seltsam zischender Laut in meinen Ohren, und ich wache in meinem physischen Körper auf.

Nach dem Aufwachen bestand wegen der Dämmerung keine Möglichkeit, vom Bett aus das Dreieck zu sehen und selbst am Tage fallen die Uneben- heiten nicht ins Auge. Erst später stieg ich auf einen Stuhl und untersuchte die Stelle. Drei Punkte und die Feinstruktur entsprachen genau dem, was ich im außerkörperlichen Zustand gesehen hatte. Das zweite Experiment war mißlungen und mußte mißlingen, weil bei die- ser feinen Dichte des Feinstoffkörpers schon der Gedanke allein eine Bewe- gung auslöst, die um so schneller und heftiger ausfällt, je intensiver der Ge- danke ist. Im exteriorisierten Zustand ist man ganz besonders empfindlich für Gedanken an den physischen Körper. Schon der geringste Gedanke an den schlafenden Körper kann dazu führen, daß man wieder in ihn «eingesogen» wird. Auch viele andere, die eine Exteriorisation erlebt haben, berichten von dieser auffälligen Erscheinung, die verschiedentlich stark auf-

tritt und eine Art Sicherheitsventil darstellt. Im Zustand außerhalb des phy- sischen Körpers tauchen manchmal Gefahren auf oder begegnet man Schrecknissen, denen mancher nicht anders Herr wird, als daß er sich in den Körper zurückflüchtet. Diese Rückkehr geschieht nicht so, daß man sich etwa am Astralband wie an einem Rettungsseil oder Ariadnefaden zurücktasten würde, sondern ist allein vom Wunsch zur Rückkehr abhängig. Der Wunsch in Verbindung mit dem Gedanken an die eigene Körperlichkeit reicht aus, um eine blitzschnelle Reaktion hervorzurufen - und sofort ist man wieder in seinem physischen Körper. Damit ist man der Sorge um ein Zurückfinden enthoben. Dieser «Mechanismus» funktioniert auch ganz automatisch. Ein starkes Geräusch, eine physische Berührung oder sonst ein Anlaß genügen, um ihn ablaufen zu lassen, vorausgesetzt, man hat sich dieses natürlichen Schutzes nicht durch künstliche Hilfsmittel beraubt! Damit ist auch die Gefahr einer «Besessenheit» während dieses Zustandes behoben. Hilfsmittel wie Drogen, bestimmte Atmungstechniken und anderes unter- stützen wohl eine Ablösung vom physischen Körper, führen aber durch die Unterbindung und Ausschaltung der natürlichen Schutzmechanismen zu seelischen und körperlichen Schäden, die meist unerkannt bleiben und sich erst langfristig auswirken. Vor allem jene Menschen, die unbedacht und ohne Schulung irgendeine scheinbar einfache Technik anwenden, sehen sich schnell Problemen gegenüber, die sie nicht mehr bewältigen können, weil ihnen dazu die Voraussetzungen fehlen. Von Fakiren, die immerhin gewisse Vorbedingungen durch langjährige Schulung erfüllt haben, wird sogar berichtet, daß sie manchmal Schwierig- keiten hätten, wieder in den physischen Leib zurückzukehren. Sie versetzen sich durch Räucherwerk, Drogen und sonstige Techniken in einen katalep- tischen Zustand, bei dem ihr physischer Körper vollständig erstarrt, worauf sie eine Ablösung einleiten und ausführen. Durch die Herbeiführung der Starrheit wird der Leib völlig empfindungslos, so daß die erwähnten Sicher- heitsautomatismen ausfallen. Tatsächlich muß der Fakir strengste Vor- sichtsmaßnahmen treffen, damit sein Körper während seiner Abwesenheit nicht physisch Schaden erleidet, weil Verletzungen kein Rückkehrsignal mehr auslösen. Oft wird auch von einer erschwerten Rückkehr berichtet, die ganz besondere Manipulationen am physischen Körper erfordert, damit der kataleptisch erstarrte Körper wieder zum Leben erwacht. Einsichtige warnen deshalb vor Manipulationen. Durch den Arzt und Schriftsteller Heinrich Jung-Stilling (1740-1817), der dieses Gebiet auch aus eigenem Erleben kannte, erging der Aufruf, sich allen wissentlichen und willentlichen Lockerungen der leibseelischen Bindung zu hüten; während sich der mystische Schriftsteller Gustav Meyrink (1868-1932) gegen eine falsche geistige Einstellung und den Gebrauch von Giften und Drogen wendet:

«Wer sich vom Körper ‹losreißt›, um durch den Raum zu fliegen, der geht den Weg der Hexen, die nur einen gespenstischen Leib aus dem groben, irdischen herausgezogen haben und auf ihm wie auf einem Besen zur Walpurgisnacht reiten.»

Ein weiterer Beweis für die Möglichkeit, auch außerhalb des physischen Körpers materielle Gegebenheiten richtig erkennen zu können, gab mir eine andere Exteriorisationserfahrung, bei der auch nach der Rückkehr ein unangenehmer kataleptischer Zustand auftrat:

Einmal war ich bei meiner Mutter in Feldkirch zu Besuch. Ich über- nachtete in ihrem Schlafzimmer auf einem Sofa. Die Fensterläden blieben dicht geschlossen. Mitten in der Nacht - etwa um zwölf Uhr - wache ich auf und merke, daß ich unter der Zimmerdecke schwebe. Ich fühle mich schlaftrunken, benommen und schwindlig und kann die Umgebung nur verschwommen wahrnehmen. Ich weiß sofort, daß ich das Bewußtsein nicht lange halten kann und überlasse mich wieder dem Schlaf. Nicht lange und ich schlage wieder die Augen auf. Dieses Mal fühle ich mich bedeutend frischer und schwebe wieder unter der Decke. Ganz vorsichtig blicke ich nach unten und sehe zwei liegende Gestalten. Das Zimmer ist von einem grauweißen Licht erfüllt, das von meinem Fein- stoffkörper ausgeht. Alles scheint hin und her zu wogen wie in einem durch starke Turbulenzen bewegten Nebel, was ein genaueres Sehen verunmöglicht. In Wirklichkeit werden diese ungeordneten Wirbel durch die Bewegungen meines Feinstoffkörpers hervorgerufen, doch mit der Festigung meines Bewußtseins stabilisieren sich die Wellenbewegungen so weit, daß ich sogar fähig bin, mich auf den Schlafzimmerboden hinuntersinken zu lassen. Wie ich «festen Boden» unter meinen Füßen habe und aufrecht stehe, bin ich wieder so weit Herr der Lage, daß ich aus dem Zimmer hinausgehen kann und via Vorraum in ein kleines Nebenzimmer gelange, wo ich am Fenster stehen bleibe. Das Gehen ist mir sehr leicht gefallen, es war eher wie ein Schweben. Bevor ich etwas unternehme, will ich meine Bekleidung prüfen und muß zu meiner Verwunderung feststellen, daß ich völlig unbekleidet bin. Diese Nacktheit empfinde ich keineswegs als unangenehm, denn sie paßt gut zum Gefühl der Schwerelosigkeit und der Tatsache, daß ich keine Bedürfnisse verspüre, und selbst von der Kälte ist nichts zu merken. Ich will die Exkursion fortsetzen und schaue zum Fenster hinaus auf die Schillerstraße hinunter und auf das gegenüberliegende Altersheim. Straßenampeln beleuchten die nächtlich stille Straße, auf die ich mich hinabgleiten lassen möchte. «Ob das wohl so leicht gehen wird?», denke ich ganz unnötigerweise. Und prompt hat dieser leise Zweifel seine Auswirkungen, denn wie ich

meinen Kopf durch die Fensterscheibe hindurchschieben will, da biegt

sich das Glas nach außen wie ein gut dehnbares Plastiktuch.

«Ach was - Unsinn! Ich weiß, daß es mühelos möglich ist!», sage ich mir und stürze mich regelrecht durch das Fenster in den Vorgarten hin- unter und gehe dann mitten durch das enge Eisengitter hindurch auf den Gehsteig hinaus. Von rechts kommt ein Auto angefahren, dessen Scheinwerfer hell leuchten. «Soll ich jetzt auf die Straße hinaustreten und mich durchfahren las- sen? - Nein, besser nicht!» Es ist nicht die Angst vor dem Getötetwerden, die mich abhält, doch habe ich gelesen, daß der Feinstoffkörper bis zu einem gewissen Verdichtungsgrad auf elektromagnetische Felder reagiert, was zu einem Schock und damit zum Aufwachen im physischen Körper führen kann. Und zum Aufwachen ist es noch viel zu früh, ich fühle mich frisch und will mein Abenteuer fortsetzen. Den gegenüberliegenden Gehsteig, das weiß ich mit Bestimmtheit, habe ich seit Baubeginn des Altersheimes nicht mehr betreten. Die Straße wurde außerdem aus verkehrstechnischen Gründen verbreitert auf Kosten einer eingezäunten Wiese. Nun ist neben dem zu Ende gebauten Altersheim noch eine Baustelle, zu der ich hinüberschwebe. Am Boden fällt mir eine hohle Rundung von etwa 30 Zentimetern im Durchmesser auf, die nur wenige Zentimeter hoch vom Boden absteht. Ich blicke hinunter und sehe in geringer Tiefe ein schwaches Schimmern wie von einer Wasserfläche. Ob das eine Art von Brunnen ist? Auf jeden Fall habe ich dieses Loch noch nie bemerkt, was doch eigenartig ist. Da kommt mir die Idee, diese Entdeckung als ein Beweisstück für all jene zu benutzen, die von Exteriorisationen nicht so viel halten und meinen, derartige Beobachtungen seien unmöglich. Ich werde das Loch genauer orten müssen! Ich schaue hinüber zum Haus der Mutter und erkenne, daß das kleine Loch exakt gegenüber dem rechten Hauseck in der Verlängerung der rechten Hausseite liegt. Nach dieser Beobachtung bewege ich mich auf die Mitte der Straße zu und sehe einen Mann von links her auf dem Gehsteig kommen. Durch meinen Erfolg von vorhin etwas übermütig geworden, rufe ich ihm zu:

«Guten Abend! - Ich bin ein Geist!» Er aber scheint mich nicht zu bemerken und geht ruhig weiter. Kaum bin ich selber auf dem Gehsteig angekommen, da überfällt mich eine bleierne Müdigkeit. Die Atmosphäre ist plötzlich wie schlammiges Gewässer geworden, so als könnte ich sie mit meinen Händen greifen. Das ist das Zeichen für mich, wieder in meinen Körper zurückzukehren, der seine Rechte zu fordern scheint. Ich weiß, daß ich nur die Augen zu schließen brauche, und alles andere wird von alleine gehen.

Dieses Mal gab es aber eine Überraschung. Kaum habe ich die Augen geschlossen, da befällt mich eine «astrale Starre». Damit ist kein Starr- krampf gemeint oder eine Katalepsie des physischen Körpers, sondern ein Erstarrungszustand des Feinstoffkörpers, der dann auftritt, wenn der Feinstoffkörper noch nicht ganz in den physischen Körper «eingerastet» ist. Eine Vereinigung der beiden Körper ist nämlich nicht immer sofort und reibungslos möglich, so daß es manchmal dazu kommt, daß man weder den einen noch den anderen Körper bewegen kann, was ein höchst unangenehmer Zustand ist. Nicht ein Finger läßt sich rühren, so sehr man sich auch bemüht. Man ist gänzlich von der Außenwelt abgeschlossen und muß ruhig bei vollem Bewußtsein warten, bis der Zustand vorüber ist. Eine Muskelstarre des physischen Körpers tritt dabei nicht ein, aber dennoch ist die Situation vor allem dann beängstigend, wenn man sie zum ersten Mal erlebt. Ich auf jeden Fall bin beim ersten Mal in eine ziemliche Aufregung geraten, denn ich vermeinte, der Schlag hätte mich getroffen. Doch endlich löst sich die Starre und ich kann mich wieder bewegen. Anderntags war ich natürlich neugierig, den nächtlichen Schauplatz zu besichtigen. Zuerst spazierte ich auf der gewohnten Seite des Gehsteiges entlang und schaute, ob ich das Loch von da aus sehen könnte, was aber nicht der Fall war. Sicherheitshalber prüfte ich die Sache auch noch vom Fenster der Wohnung aus, die im Erdgeschoß liegt, aber auch von da aus ließ sich nichts erkennen. Erst dann begab ich mich zur Baustelle und fand dort das Gesuchte genau an der Stelle, wo ich es auf meiner nächtlichen Exkursion gesehen hatte und in exakt der festgestellten Position zum mütterlichen Haus.

Ein letztes Beispiel in diesem Zusammenhang zeigt wieder eine andere Ei- gentümlichkeit, was erkennen läßt, daß man mit dem Aufstellen von Regeln vorsichtig sein muß. Es ist eben von Fall zu Fall wieder anders, und niemand sollte beunruhigt darüber sein, wenn er etwas erfährt, worüber er noch nie etwas gehört hat. Was der eine zudem oft bei sich selber beobachten kann, ist beim andern die Ausnahme.

Ich erwache ziemlich früh am Morgen und merke sogleich, daß ich mich schwebend durch die Luft bewege. Mein Bewußtsein ist zunächst geschwächt und ich habe keine Kontrolle über die Flugrichtung. Plötzlich bin ich vor dem Fenster und gerate sogleich in Verwirrung beim Betrachten der Vorhänge:

«Aber wir haben doch in unserem Schlafzimmer keine solchen Vorhän- ge!» Nun werde ich munterer, mein Bewußtsein wird klarer und so merke ich auch, daß ich nicht im Schlafzimmer bin, sondern im Zimmer nebenan. Ohne es zu merken, bin ich durch die Wand geflogen. Nachdem ich den Vorhang genau betrachtet habe, will ich durch die Fensterscheibe hindurchfliegen, um ins Freie hinaus zu kommen. Doch

beim besten Willen will mir das nicht gelingen. Widerstand gibt es zwar keinen, das heißt, das Fenster ließe sich leicht durchstoßen, aber ich kann nicht mehr weiter von meinem physischen Körper wegkommen. Ich lasse

mich deshalb langsam rückwärts wieder in meinen Körper zurückziehen, schwebe durch die Wand hindurch und komme störungsfrei zum Erwachen.

Besondere Eigenschaften der Exteriorisation

Veranlagung, Veranlassung und Vorzeichen

Eine Exteriorisation erfolgt aus verschiedenen Gründen, wobei vor allem die innere Veranlagung der äußeren Veranlassung gegenüberzustellen ist. Bei

einer inneren Veranlagung läßt es sich kaum sagen, worin diese bestehen soll, vielmehr muß man das mehrmalige spontane Auftreten einer Exteriorisation als Zeichen für eine innere Veranlagung betrachten. Äußerliche Veranlassungen sind in drei große Gruppen einteilbar:

1. der streßartige Faktor bei Unfall, Erschöpfung, Nervenschwäche u. dgl.,

2. Stoffe wie Drogen, Betäubungsmittel und Gifte, und

3. spezifische Meditationstechniken, wie sie beispielsweise in gewissen Yo-

gaschulen gelehrt werden. Soweit Exteriorisationen bei mir aufgetreten sind, erfolgten sie spontan, also nicht gewollt und nicht künstlich hervorgerufen. Als durch streßartige Faktoren begünstigt kann man jene Erfahrung betrachten, die ich oben be- richtet habe, als ich wegen der Magenverstimmung fasten mußte und des- wegen sehr erschöpft gewesen bin. Aber auch dieser Austritt erfolgte spontan, d. h. ich hatte nichts unternommen, um ihn zu erzwingen. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn ich bewußt nur zum Zwecke einer Ablösung gefastet hätte. Ich muß das deshalb betonen, weil ich diesbezüglich oft mißverstanden werde. Mancher ist schon mit der Bitte an mich herangetreten, ihm Techniken anzugeben, die mit absoluter Sicherheit zu einer Exteriorisation führen. Das konnte und wollte ich aus Überzeugung nicht tun, denn ich meine, daß jedem auch ohne Nachhilfe genau so viel gegeben wird, wie er zu seiner inneren Entwicklung braucht. In manchen Werken werden äußere Mittel zur Veranlassung gegeben. Sie wirken nur bei schon vorhandener Veranlagung. Stelle ich ein Glas Wasser mitten auf den Tisch und stoße an demselben, so wird das Glas höchstens umfallen, steht es jedoch knapp über dem Rande, genügt schon eine kleine Erschütterung, um es auf den Boden fallen zu lassen. Okkulte Anlagen sollten weder erstickt noch gewaltsam gesteigert werden - man muß sie pflegen! Jene, die zu Experimenten im außerkörperlichen Zustand auf feinstofflichem Gebiet raten, wissen entweder kaum etwas davon

und sind bloß neugierig oder lassen die anderen die heißen Kastanien aus dem Feuer holen, um sich ja nicht selber die Finger verbrennen zu müssen.

Was die Häufigkeit von Austritten angeht, so scheinen vor allem Exteriori- sationen mit vermindertem Bewußtsein nicht einmal so selten zu sein. Nach einem meiner Vorträge über dieses Thema meldeten sich gut ein Drittel aller Anwesenden auf die Frage, wer schon einmal ein ähnliches Erlebnis gehabt habe. Das ist eine verblüffend hohe Anzahl. Die Fähigkeit zu häufigeren Ablösungen ist im Gegensatz zu einer einmaligen Austrittserfahrung aber doch wesentlich seltener. Charles T. Tart berechnete aufgrund seiner Untersuchungen, daß sicher etwa jeder 233000ste diese Fähigkeit besitze. Die Dunkelziffer dürfte aber doch wesentlich höher sein, denn die meisten werden ihre Erlebnisse für sich behalten, vor allem weil diese Erfahrungen von wissenschaftlicher Seite her «geächtet» sind, und sich kaum jemand ernsthaft damit auseinandersetzt. Wer des öfteren spontane Austritte erlebt, kann unter Umständen beobach- ten, daß sie nicht regelmäßig auftreten, sondern manchmal gehäuft sind und ein anderes Mal ganz ausbleiben. Bei mir hat sich gegenwärtig eine Pause ergeben, die wahrscheinlich auf die medikamentöse Behandlung meiner Herzschwäche zurückzuführen ist. Auch Robert Monroe hat während der Zeit der Einnahme von Medikamenten gegen seine Herzerkrankung festgestellt, daß keine Exteriorisationen mehr stattgefunden haben. Welches die eigentlichen Gründe dafür sein mögen, daß die Ablösungen ausbleiben, läßt sich allerdings nicht sagen - vielleicht spielt auch das Alter eine Rolle. Anzeichen, daß man eine spontane Exkursion möglicherweise erwarten kann, liegen in den Fall- und Flugträumen. Der Verlauf des Flugtraumes ist meist folgender: Beim Gehen merke ich eine Gewichtserleichterung; die Schritte werden länger; ich schwebe über weite Strecken nahe am Boden, bis ein regelrechtes Fliegen eintritt. - Erzeugt wird dies alles durch das schwächere oder stärkere Loslösen des Feinkörpers, so wie das Durstgefühl im Schlaf einen ähnlichen Traum bewirken kann. Bei rascher Rückkehr des Feinkörpers erfolgt das Gegenteil und es entsteht der Eindruck des Fallens, was meistens zu einem Schreck führt, manchmal mit einem Traum verbunden. Ich erinnere an das Beispiel von der Exteriorisation an die Decke, von der ich mit einem zischenden Laut in den Körper hinabfiel. - Durch Experi- mentieren kam ich darauf, daß sich dieses Geräusch bei bewußtem Zurück- gleiten mehr oder weniger immer einstellte. Außerdem merkte ich manchmal auch am Tage nach dem Entspannen und absichtlichem Dösen ein ruckartiges Einschnappen mit eben diesem Geräusch, ein Zeichen dafür, daß sich das Gefüge der beiden Körper jedesmal bereits gelöst hatte.

Beginn, Verlauf und Ende der Exteriorisation

Man kann die Austritte prinzipiell in zwei Gruppen einteilen, die sich in bezug auf die Kontinuität des Ich-Bewußtseins unterscheiden. Es gibt solche bei denen das Bewußtsein unterbrochen wird und solche, bei denen überhaupt kein Absinken des Bewußtseins feststellbar ist, wo man bei völlig intaktem Bewußtsein aus dem physischen Körper «aussteigt» - im wörtlichen Sinne. Die Überleitung aus einem normalen Traum in einen vollbewußten Exteriorisationszustand hinein ist ebenfalls als ein Austritt mit Unterbrechung des Ich-Bewußtseins zu betrachten, weil das Bewußtsein innerhalb des normalen Traumes nicht mit dem taghellen Ich-Bewußtsein identisch ist! Zwischen einem luziden Traum und einer Exteriorisation läßt es sich in manchen Fällen nur sehr schwer unterscheiden, und es lassen sich keine wirklich verbindlichen Regeln aufstellen, vor allem wenn der Schauplatz des Geschehens keiner bekannten materiellen Wirklichkeit entspricht. In diesem Fall würde sich sogar die Bezeichnung «Seelenreise» anbieten. An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, daß das Bewußtsein sowohl im luziden Traum als auch bei der Exteriorisation und der Seelenreise mit dem gewohnten Tages-Bewußtsein identisch ist, man sich also in allen drei Erfahrungsbereichen sich selber bewußt ist und fähig ist, eine Bewußtseins- Kontrolle auszuführen. Bei mir ereignete sich ein kontinuierlicher Übergang vom Wachzustand zur Exteriorisation bei vollem Bewußtsein erst ein einziges Mal. Was bei andern öfter vorkommt und deshalb auch genau beobachtet werden kann, ist von mir wegen der fehlenden Erfahrung nicht ausführlich beschreibbar. Ich konnte bloß ein eigenartiges Vibrieren feststellen und keine detaillierten Wahrnehmungen machen, also auch nicht beobachten, an welcher Stelle mein Feinstoffkörper den physischen Körper verläßt. Robert Crookall fand aufgrund zahlreicher untersuchter Berichte, daß der Feinstoffkörper den physischen Körper durch den Kopf verlasse. Andererseits berichtet der französische Arzt Hieronymus Cardanus:

«Ich empfinde dann in der Nähe des Herzens gleichsam eine Lostrennung, die sich dem ganzen Körper mitteilt, als ob die Seele hinwegginge; wie wenn ein Pförtchen sich öffnete. Im Kopf, im Kleinhirn, beginnt es und verbreitet sich das ganze Rückenmark entlang, und ich fühle, daß ich außer mir bin.»

Auch hier wieder scheint es fragwürdig, bestimmte Regeln angeben zu wollen. Am Abend der nachfolgend berichteten Exteriorisation war ich besonders disponiert, so daß die Ablösung reibungslos gelang:

Trotz der Müdigkeit bin ich gewillt, das Eintreten des Schlafes aus- nahmsweise zu beobachten. Ich merke, daß mein Körper allmählich vollständig zur Ruhe kommt. Nur meine Gedanken sind noch wach. Mein Wunsch, den Feinstoffkörper austreten zu lassen, reißt diesen irgendwie aus dem gleichzeitig eingeschlafenen physischen Körper heraus, und ich stehe plötzlich neben ihm.

Zuerst versuche ich zu gehen, erhebe mich dann aber doch in die Luft und schwebe zum Fenster, dringe hindurch und fliege draußen bis zum Boden hinunter und steige dann wieder auf. Es herrscht nächtliche Stille und ich fliege noch ein paar Mal auf und nieder, bis ich deutlich meine Müdigkeit empfinde und mich nicht mehr dagegen wehren kann.

Der Versuch, bei sonst günstigen Umständen eine Ablösung herbeizuführen, war im nächsten Fall mißlungen:

Nach dem Hinlegen entspanne ich mich ganz bewußt und vollständig. Ich empfinde deutlich, wie in meinem Kopf Schwingungen entstehen, die sich langsam steigern lassen. Dann aber begehe ich eine Ungeschicklichkeit, dränge zu früh und gewaltsam nach außen und verderbe mir damit alles.

So bleibt es denn bei der einmaligen Erfahrung eines kontinuierlichen Überganges und die nächsten Fallbeispiele sind alle durch eine mehr oder weniger lange Unterbrechung des Ich-Bewußtseins charakterisiert. Im Ge- gensatz zum Wiedereintritt in den physischen Körper ist bei mir der Austritt nicht fließend, was vielleicht auch damit zu tun hat, daß bei mir die Exteriorisationen spontan erfolgen. Ohne einen vorausgehenden Traum geschah die nächste Exteriorisation:

Ich erwache mitten im Zimmer, wie ich in der Luft schwebe in ständiger Bewegung, mal bin ich in Rücken-, dann wieder in Seitenlage. Gerne würde ich irgendwo Fuß fassen, aber es ist mir unmöglich. Das fluidale Band, mit dem ich an den physischen Körper gebunden bin, wirkt wie ein hochelastischer Gummi und zieht mich hin und her und auf und ab. Ich spüre genau, wie meine Gedanken die Bewegungen beeinflussen. Obwohl, oder gerade weil ich keinen festen Gedankengang habe, setzt sich das sanft wogende Auf und Ab meiner unkontrollierten Gedankenflut in die entsprechende Bewegung des Feinstoffkörpers um. Es ist interessant, zu beobachten, wie das nebelartige Wogen der Gedanken wörtlich in einen Zustand umgesetzt wird. Durch das Schaukeln und Wiegen treiben die Linien und Flächen ein wirres Spiel und mir bleibt nichts anderes übrig, als ruhig abzuwarten, bis eine Änderung geschieht. Das wogende Hin und Her der Gedanken scheint wie ein Auto, dessen Bremsen ausfallen. Man muß ruhig abwarten, bis es selber zum Stehen kommt. Ich kenne diesen Zustand aus früheren Situationen und weiß, daß ich mit der Zeit entweder im außerkörperlichen Zustand oder dann im physischen Körper zur Ruhe kommen werde. Dieses Mal erfolgt letzteres.

Der Übergang von einem normalen Traum zum luziden Traum kann im Gegensatz zum Übergang vom normalen Traum zu einer Exteriorisation dadurch gekennzeichnet sein, daß im ersten Fall kein Szenenwechsel statt- findet. Geschieht - wie im folgenden Beispiel - dagegen ein Wechsel der Örtlichkeit, dann darf von einer echten Exteriorisation gesprochen werden:

Am Ufer eines Gewässers sehe ich viele Menschen, die gleich mir über einen Steg zum anderen Ufer hinüber wollen. Der Steg ist aber schmal, und zu viele Menschen drängen und schubsen, so daß ich in der Mitte beinahe hinuntergestoßen werde. Ich fühle mich beklommen, zumal dasselbe Gedränge auch am Ende des Steges herrscht. Meine Beklommenheit wächst und ich wache auf, aber nicht im Bett, sondern etwa einen Meter darüber. Mein Feinstoffkörper wogt heftig hin und her. Ich merke, daß etwas nicht in Ordnung sein kann und schalte jeglichen Eigenwillen aus, um im physischen Körper erwachen zu können. Das gelingt und ich erwache zum zweiten Mal und erkenne sogleich die Ursache meines Unwohlseins, meiner Beklommenheit, denn der eine Arm schmerzt stark, weil er vom Körper an die harte Bettkante gedrückt wird. Ich habe nicht den Schmerz im Traum gespürt, sondern eine steigende Bedrückung und im außerkörperlichen Zustand das heftige Wogen. Der Schmerz selber wurde durch das Fluidalband nicht übertragen!

Nach einem meiner Vorträge meldeten sich zwei Damen, d. h. sie schrieben mir über ihre eigenen Erlebnisse, was ich an dieser Stelle einfügen möchte.

Frau S. schreibt:

«Da ich ähnliche Erlebnisse wie Sie habe, besonders die mir vollbewußte Trennung des Astralkörpers oder der Seele - oder wie Sie es sonst in der Fachsprache nennen möchten -, möchte ich gern einmal mit einem Menschen, der das versteht und nicht belächelt, darüber sprechen. Ich habe auch schon das Schweben im Zimmer, das Durchdringen der Wände, Fenster und geschlossener Türen und schließlich das Fliegen in den Raum hinaus, teilweise verbunden mit wunderbaren Erlebnissen, erfahren. Die Abspaltung selber kündigt sich durch ein starkes Vibrieren des ganzen Körpers an. Früher nannte ich diese Empfindung ‹das Rauschen des Blutes› und meinte, das wäre das Sterben und war meist verwundert, wieder zu erwachen. Das hat mich dann sehr geängstigt. Seit etwa einem halben Jahr weiß ich aber sehr viel mehr darüber und gebe mich nun diesen Empfindungen ganz hin. Wenn ich so recht über alles nachdenke, dann muß ich sagen, daß ich das Vibrieren des ganzen Körpers, auch das Gefühl des völligen Wach- seins und Wandelns - z. B. den Versuch, das Licht anzuknipsen, aufzu- stehen und im Zimmer herumzugehen - schon seit vielen Jahren kenne - meist verbunden mit Angst und Kummer und endend mit Alpdruck und Schrei.»

Wer die Möglichkeit der Exteriorisation mit all ihren Begleitumständen nicht kennt, ist verängstigt und wagt nicht, darüber zu sprechen aus Angst, nicht ernstgenommen zu werden. Das ist ein höchst trauriges Kapitel unse- rer Gesellschaft, die sich im großen und ganzen anmaßt, über Erfahrungen zu urteilen, die kaum untersucht sind. Woher aber nimmt sie das Recht, Er-

lebnisse für anormal und verrückt zu erklären, die nicht in den Kram der wissenschaftlichen Meinung passen? Erlebnisse, die sehr viele Menschen mindestens einmal in ihrem Leben gehabt haben, und die ihnen sehr viel bedeuten, dürfen nicht einfach so unter den Tisch gewischt werden!

Frau S. berichtet einige ihrer Erfahrungen, die Eigenheiten zeigen, welche jetzt nicht mehr so unglaublich scheinen, wenn das bisher Erläuterte zum Vergleich herangezogen wird:

«In ziemlicher Dunkelheit schwebte ich höher und erwachte zu vollem Bewußtsein - außerhalb meines Körpers in waagrechter Lage in unserem Zimmer. Zwar fühlte ich noch deutlich und auch körperlich das Abspalten des Astralkörpers vom physischen Körper. Ich dachte kurz ans Sterben, aber ohne jede Angst. Ich wollte mich aufrichten, doch es gelang mir nicht gleich, und so glitt ich in die Nähe des Fensters und sah unterwegs ganz bewußt den großen Schrank mit dem Spiegel und berührte ihn auch mit den Händen. Dann schwebte ich aus dem Fenster und verharrte zwischen unserem Haus und dem des Nachbarn im Schwebezustand. Ich versuchte - wie ich es auch in bewußten Flugträumen mache -, durch schwingende Armbewegungen höher zu kommen, aber es fiel mir sehr schwer, und ich fühlte auch, daß die Zeit noch nicht reif war für mehr und für weitere Entfernungen vom physischen Körper. Bei diesem Gedanken fühlte ich das Zurückgleiten in meinen Körper und ich erwachte wenig später, wahrscheinlich aber sofort.» Ein anderer Flugversuch scheitert:

«Es war am Montag früh zwischen fünf und sechs Uhr. Ich war bei vollem Bewußtsein, als ich plötzlich das Vibrieren in meinem Körper spürte, das ja - wie ich jetzt mit Sicherheit weiß - die Loslösung der Seele vom physischen Körper bedeutet. Bei vollem Bewußtsein ist aber eine große Anstrengung damit verbunden; irgendwie ist es ein Kampf zwischen den beiden ‹Ichs› - es ist auch sehr aufregend, und ich kann mich nicht dagegen wehren, will es aber auch nicht und gebe mich schließlich dem Geschehen hin. Da mir alles voll bewußt war, spürte ich die Loslösung genau, glitt oder schwebte aber diesmal nicht zum Fenster, sondern wandte mich zur Tür. Ehe noch die Überlegung zu Ende war, ob ich sie wohl öffnen könnte, war ich hindurch. Dann kam ich in den Flur, später in den Garten, wo ich den Kastanienbaum sah und sogleich aufwärts flog, denn ich wünschte mir, irgend etwas Herrliches zu sehen. Aber das war mir nicht vergönnt, es war alles wie Nebel um mich her. Ich nehme an, daß ich bis in die Wolken hinein gekommen war. Plötzlich fühlte ich wieder meinen Körper - ich weiß nicht mehr, wie ich zurückkam.»

Der geschilderte Kampf zwischen den beiden «Ichs» deutet auf den großen Zwiespalt hin, den mancher bei diesem Geschehen empfinden mag. Einer-

seits spürt er, wie sich eine Trennung vom physischen Körper anbahnt und weiterentwickelt, andererseits meint er glauben zu müssen, daß so etwas unmöglich sei. Wir sind zu sehr gewohnt, unser Ich mit dem wachen physi- schen Körper zu identifizieren, erleben aber bei der Exteriorisation «am ei- genen Leibe» das pure Gegenteil. Eine weitere von Frau S. geschilderte Erfahrung zeigt die Schwierigkeiten in der Nähe des physischen Körpers:

«Der Wecker hatte schon geklingelt, als ich plötzlich bei vollem Be- wußtsein merkte, wie sich mein Astralleib selbständig machen wollte. Drei- oder viermal spürte ich das Vibrieren, das direkte Ablösen kam aber nicht, es war so, als ob ich neben mir läge. Dabei war mir vollkommen klar, daß ich keine Zeit für Experimente hatte, und daß ich aufstehen müßte. Beim vierten oder fünften Versuch gelang erst die Loslösung und dann schwebte ich waagrecht auf halber Zimmerhöhe rechts neben meinem Bett. Ich versuchte mich zu drehen oder aufzurichten - ich wollte meinen Körper im Bett liegen sehen. Das war schwierig, und ich konnte mich nur sehr schwer drehen. Zudem war ich ‹abgelenkt› durch das wunderbare Gefühl einer unwahrscheinlichen Leichtigkeit in diesem Schwebezustand. Ein bißchen gelang es mir aber doch, mich umzudrehen, und ich sah mich selbst im Bett liegen. Dann erwachte ich wieder in meinem Körper. Waren es meine Gedan- ken ans Aufstehenmüssen, die mich an weiteren Erlebnissen hinderten? Ich glaube es fast.»

Bei einer anderen Exteriorisation kann Frau S. durch die Zimmerdecke hindurchdringen:

«Ich lag noch wach im Bett, und meine Gedanken gingen zu allem Möglichen. Ich versuchte einzuschlafen, aber es ging nicht. Plötzlich erlebte ich wieder das Vibrieren in meinem Körper, und sofort gab ich mich dem Erleben der Seelenabtrennung bewußt hin. Da ich jetzt weiß, worum es sich handelt, helfe ich ganz bewußt bei der Abspaltung mit. Ich versuchte zunächst, durch die Decke zu kommen, denn ich schwebte nach der Ablösung gleich unter der Zimmerdecke. Es gelang mir, aber es war irgendwie nicht angenehm. Ich kehrte zurück und schwebte wieder im Zimmer und öffnete erst jetzt die Augen, denn ich wollte das Zimmer sehen. Deutlich erkannte ich den Schrank mit dem Spiegel. Später schwebte ich durchs Fenster und stieg dann gleich ziemlich hoch hinauf.»

Fräulein G. berichtete mir ebenfalls von einigen Erfahrungen:

«Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das ich vor einigen Jahren hatte:

Ich lag mit leichtem Fieber im Bett und war scheinbar schon einge- schlafen, als ich plötzlich wohl wieder wach war und die Zimmerdecke auf mich zusausen sah - oder ich kam auf die Decke zu. Dann wurde mir schwarz vor den Augen - ich spürte ein Zurückfallen, erschrak

furchtbar und fand mich im Bett wieder. Für einen Moment war ich total bewegungsunfähig. Ich hatte schreckliches Herzklopfen und schrie nach meiner Mutter.»

Völlig unvorbereitet kann eine Exteriorisation geschehen, deren Ungewohnt- heit existentielle Ängste hervorruft. Deswegen ist es wichtig, davon zu wissen, denn jedermann mag eines Tages eine Ablösung vom physischen Körper erfahren, spätestens in seiner Todesstunde. Fräulein G. hatte von mir erfahren, wie eine Bewußtseinskontrolle durch- geführt werden muß, und versuchte es mit Erfolg:

«Im Schlaf saß ich in meinem Zimmer auf dem Fußboden mit dem Gesicht zur Tür und suchte ein Heft, das ich schon tagsüber nicht habe finden können.»

(Fräulein G.'s physischer Körper schläft!)

«Da ich wußte, daß ich schlief, versuchte ich mich Ihrer Weisung gemäß an das Datum und an den Wochentag zu erinnern, was mir aber nur mühsam gelang, da meine Gedanken immer abschweifen wollten. Dann hielt ich das gesuchte Heft in meiner Hand, war aber nicht si- cher, ob es ‹wirklich› da war. Es war da und war doch nicht da. Und die ganze Zeit hatte ich gewußt, daß ich mich in einem fremden, aber irgendwie doch realen Zustand befand. Was mir beim Lesen über dieses Thema immer entsetzliches Grauen einflößte, ließ mich nun völlig kalt. Dank Ihrer Hilfe empfinde ich beim Gedanken an diese geheimnisvollen Dinge nur noch Neugierde, während ich früher nach dergleichen Abendlektüre nicht einschlafen konnte.»

Die hier prägnant mit wenigen Worten geschilderte Ideoplastie des verlo- rengegangenen Heftes mag traumhaft anmuten, doch kommt dergleichen bei Austritten oft vor. Der Unterschied zwischen traumhaft ideoplastisch Geformtem und realen Dingen muß jeder selber erkennen lernen, was aus erkenntnistheoretischen Gründen aber ungemein schwierig sein kann. Im Falle des Heftes scheint die ideoplastisch-subjektive Komponente eindeutig vorzuwiegen. Weiter erzählt Fräulein G.:

«Plötzlich hatte ich - höchstens einige Minuten nach dem Einschlafen - das Gefühl, als löse sich ein Nebel. Ich war bei vollem Bewußtsein. Das Hotelzimmer konnte ich nicht erkennen, obwohl es zumindest leicht beleuchtet gewesen sein muß. Um mich herum war ein weicher, dunkelbrauner Stoff, der nicht eigentlich greifbar wie Wasser, aber ir- gendwie doch fester als Luft war. Ein Zwischending, weder flüssig noch gasförmig, das ich atmen konnte, in dem ich schwebte, außer dem ich nichts sah. Ich bewegte mich vorsichtig, ruderte mit den Armen, und mein Körper gehorchte mir wie im Wachen. Dann betrachtete ich meine Hände. Ich

konnte sie sehen - in ein dämmriges, goldenes Licht getaucht, das fast dunkelgolden war. Oder war es kein Sehen, sondern ein klares Ahnen? Ich kann mich auch nicht an eine Lichtquelle erinnern, und der braune Stoff schien eher lichtundurchlässig. Als ich das Gefühl hatte, als würde ich langsam zu fallen beginnen, wollte ich aufwachen. Dazu machte ich mir bewußt, daß ich ja eigentlich in meinem Bett lag und rieb meinen Kopf an dem im Moment nicht vorhandenen Kopfkissen, bis ich tatsächlich den Kissenstoff spürte und damit wach war. Ich sah auf die Uhr: meine Exkursion hatte mehrere Minuten gedauert. Das fluidale Band spürte ich nur einmal schwach.»

Die alles durchdringende, nebelhafte Substanz ist in ihrer Dichte von der subjektiven Verfassung abhängig, und außerdem spielen die persönlichen Voraussetzungen allgemein eine ganz wichtige Rolle, besonders bei der ideoplastischen Verzerrung der erlebten Dinge und dann selbstverständlich auch bei der Verfassung des Ich-Bewußtseins. Die Fähigkeit zur Beobachtung ist ebenfalls weitgehend vom Schulungsgrad des Erlebenden abhängig! Der Wiedereintritt in den physischen Körper ist bei jedem Menschen wie- der ein bißchen anders, und es lassen sich auch hier keine allgemein gültigen Regeln aufstellen. Bei mir geschieht es meist so, daß ich nichts dabei verspüre - es ist ein sprunghafter Übergang. Manchmal trete ich mittels einer halbspiraligen Abwärtsbewegung ein, am seltensten glücklicherweise durch eine «astrale Starre». Das Einklinken der beiden Körper habe ich im Ge- gensatz zu anderen noch nie als schmerzhaft empfunden. Das Bewußtsein kann sich, soweit es bei einem Austritt überhaupt vorhan- den ist, verlagern. Entweder es bleibt im physischen Körper, dann sieht man unter Umständen den eigenen Feinkörper, oder umgekehrt. Dabei gibt es Zwischenstufen mit einem Dämmerbewußtsein eines Teiles.

Die Art der Fortbewegung im exteriorisierten Zustand.

Die hauptsächlichsten Arten der Fortbewegungsmöglichkeiten im exteriori- sierten Zustand sind aus den bisherigen Beispielen ersichtlich. Obwohl ein Gehen durchaus möglich ist, ist es nicht mehr notwendig, da man auch schweben und fliegen kann, doch ist man meist derart gewohnt, die Füße zu benutzen, daß man oft geht, wo man ebenso gut fliegen könnte. Wenn man - wie es normalerweise im Fluidalkörper üblich ist - leicht über dem Boden schwebt, aber dennoch auszuschreiten versucht, erzeugt das sehr leicht eine gewisse Unnatürlichkeit, die auch bei Erscheinungen Abgeschiedener zu beobachten ist, wenn sie vielleicht einen halben Meter über dem Boden daherschwebend gehen und dabei einen Fuß vor den anderen setzen. Vor allem bei geringer Entfernung vom physischen Körper wirken sich die Eigenbewegungen des Fluidalbandes stark auf den Feinstoffkörper aus, der

dadurch in seiner Eigenbewegung behindert wird. Deswegen ist es nicht leicht, die Bewegungen zu beherrschen, und oft geht es nicht so, wie man gerne möchte. Dem Denken und damit dem Gedanken kommt im Fein- stoffkörper die Rolle des Antriebs zu, so daß Ablenkungen und Konzentra- tionsstörungen sich sofort auswirken. Wer also konzentrationsschwach und leicht ablenkbar ist, muß sich außer- halb seines physischen Körpers nicht wundern, wenn ihm nichts gelingen will. Ohne strengste Disziplinierung läßt sich im Feinstoffkörper nichts erreichen, und man ist schneller wieder in den physischen Leib zurückgefallen als man sich das wünscht. Die Ablösung ist eine Sache, die gelernt werden kann, aber die Disziplinierung der Gedanken, Wünsche und Emotionen ist viel wichtiger als die Ablösung selber, denn nur sie allein gewährleistet ein kontinuierliches Ich-Bewußtsein. Der Feinstoffkörper ist bestimmten Gesetzen unterworfen, die er nicht ver- letzen kann. Dazu gehört die Beschränkung der Entfernung vom physischen Körper. Er kann sich nicht beliebig weit vom irdischen Leib wegbegeben, mag die Distanz auch mehrere tausend Kilometer betragen, zu inter- planetarischen Reisen im Zustand des Feinstoffkörpers reicht es bestimmt nicht. Berichten, wonach jemand im Feinstoffkörper fremde Sterne oder gar Sonnensysteme besucht hat, kann ich keinen Glauben schenken. Eine Be- wegung im Feinstoffkörper bzw. mit dem Feinstoffkörper ist nicht mit einer Gedankenübertragung gleichzusetzen, weil der Feinstoff in seiner Ver- dichtung etwas Organisches darstellt. Das Fluidalband kann sich nicht un- begrenzt verdünnen. Etwas anders sieht die Angelegenheit aus bei dem Ge- danken, daß es außer dem Feinstoffkörper noch andere Körper gibt, die wiederum anderen subjektiven und objektiven Beschränkungen unterworfen sind als der Feinstoffkörper oder der physische Körper. Exteriorisationen sind seit jeher berichtet worden, doch muß man in Kenntnis der vielen Täuschungsmöglichkeiten durch ideoplastische Vor- stellungen gerade im außerkörperlichen Zustand besonders den Erzählungen über andere Planeten und Weltensysteme große Skepsis entgegenbringen. Okkulte Mittel zur Erforschung des Weltraums versagen in dem Moment, wo sie das Problem der subjektiven Bedingtheiten nicht berücksichtigen, wie dies normalerweise zu geschehen pflegt. Dann werden die phantastischsten Geschichten mit dem Anspruch auf absolute Gültigkeit und Wahrheit vorgebracht, die höchstens ein Mischmasch von nichteingestandenen Wunschvorstellungen und Erfahrungen sind, die bei etwas trübem Bewußtsein erlebt wurden. Allein der Wunsch, fremde Planetensysteme kennenzulernen, führt bereits schon zur ideoplastischen Ausformung und Schöpfung ganzer Welten. Die überwiegende Mehrzahl meiner eigenen Austritte spielte sich in der ei- genen Wohnung und in der allernächsten Umgebung ab. Der Aktionskreis betrug kaum mehr als 50 Meter. Bei meinem mehr passiven Verhalten und dem Wunsch, das Austreten selbst so gut wie möglich in allen Phasen und Einzelheiten gerade in der näheren Umgebung des physischen Körpers zu

beobachten, trat der Wunsch zu ausgedehnteren Reisen mehr in den Hin- tergrund. Da war eher ein unbewußter Wunsch nach dem Hinaus und dem Hinauf. Auch habe ich mir verbeten, diese Fähigkeit zu mißbrauchen, um etwa in fremden Wohnungen herumzuschnüffeln. Wohl wurde ich zuweilen ohne mein Zutun in einen fremden Raum versetzt, aber später - im physischen Zustand - konnte ich in keinem Falle den Aufenthaltsort durch Augenschein bestätigen. Eine Ausnahme von dieser Regel wäre aber doch zu berichten. Einmal un- ternahm ich einen solchen Versuch, weil ich genau wußte, daß sich zu der fraglichen Zeit niemand im betreffenden Zimmer befand, das mir in seinem Aussehen bekannt war. Es geschah also aus rein sachlichen Gründen, als ein Versuch, die Zimmerdecke durchstoßen zu können:

Eines Nachts schwebe ich bei vollem Bewußtsein direkt unter der Zim- merdecke und konzentriere mein Wollen und Wünschen darauf, dieselbe zu durchstoßen. Das gelingt aber nur halb, denn ich erreiche das obere Zimmer nur mit Kopf und Brust, und trotz weiterer Anstrengungen gelingt es mir nicht, weiter vorzustoßen. Ich blicke mich nach den vergeblichen Versuchen im Zimmer um und sehe nicht besonders viel. Wie eben ein Zimmer zu nächtlicher Stunde aussieht, wenn es nur matt von außen beleuchtet wird. Dank meiner besonderen Lage sehe ich alles aus der Froschperspektive, vor allem sind es die Holzbeine des Tisches und der Stühle. Da es sonst nichts zu sehen gibt, und ich nicht weiter hinaufschweben kann, lasse ich mich wieder zurückgleiten, was ohne Anstrengung gelingt.

Meine Bedenken scheinen sich doch so weit ausgewirkt zu haben, daß ich bloß mit meinem Oberkörper die Decke zu durchdringen vermochte, obwohl ich mir andererseits darüber im klaren gewesen bin, daß das Zimmer leer sein mußte, also keine Personen anwesend sein konnten. Was bei einem zu geringen Abstand des Feinstoffkörpers vom physischen Körper unter Umständen geschieht, zeigt das nächste Beispiel:

Ich erwache zu vollem Bewußtsein, wie ich waagrecht frei in der Luft schwebe und spüre in unmittelbarer Nähe unter mir einen nackten Mann, was mit höchst unangenehmen Gefühlen verbunden ist. Früher wäre ich zutiefst erschrocken, hätte mich verzweifelt gewehrt und wäre sicher bald mit Herzklopfen erwacht. Da ich aber gewohnt bin, manchmal im außerkörperlichen Zustand zu sein, beginne ich zu überlegen und komme schnell einmal zur Einsicht, daß das niemand anderer als mein eigener physischer Körper sein kann. Ich überwinde mich und warte ruhig ab, was sich weiter ereignen wird. Ich merke, daß mein Empfindungsvermögen in so großer Nähe zum irdischen Leib in beiden Körpern vorhanden ist, so daß ich nicht recht zu unterscheiden vermag, ob nun der physische Körper den feinstofflichen berührt oder ob es umgekehrt ist.

Dann werde ich plötzlich geistig irgendwie auf ein anderes Niveau ge- hoben, wie zur Belohnung für mein ruhiges Ausharren. Die unangenehme Gefühlssituation verschwindet, obwohl ich nach wie vor über meinem schlafenden Körper schwebe, und macht wunderbaren Musikklängen Platz. Es ist ein mir unbekanntes Klavierstück, dessen musikalischen Aufbau ich überraschenderweise bald nach Beginn des Spieles schon in seiner Ganzheit überblicke, was mir im Wachzustand des physischen Körpers niemals möglich gewesen wäre. Ebenso wundere ich mich über den ungestörten Ablauf der musikalischen Darbietung, die immerhin etwa sieben Minuten in Anspruch nimmt. Noch nie ist mir im Traum oder im luziden Traum so etwas vorgekommen.

Physische Bedürfnisse und Bekleidung im exteriorisierten Zustand

Während des außerkörperlichen Zustandes verspüre ich keinerlei physische Bedürfnisse, und von mir bewußt künstlich hervorgerufene führen unweigerlich in die Nähe des physischen Körpers und zum Erwachen. Etwas anderes ist es, wenn diese Einflüsse vom irdischen Körper selber ausgehen, doch bewirken sie eher eine Beunruhigung als irgendein Verlangen im außer- körperlichen Zustand. Der Exteriorisierte sieht sich selber meistens bekleidet, und wird auch von anderen bekleidet gesehen, wobei bestimmt die unbewußte Ideoplastie der wichtigste Grund sein dürfte. Sitte und Gebrauch, aber auch Gewohnheit und anerzogenes Schamgefühl wirken sich direkt aus. Sie können sich auch im feinstofflichen Zustand viel schneller auswirken, weil dieser ungemein subtil auf alle ideoplastischen Vorstellungen reagiert.

Partielle Exteriorisationen

Der Feinstoffkörper ist an keine feste Form gebunden und vermag sich be- liebig zu verändern, gummiartig auszudehnen und zusammenzuziehen, sei dies bloß teilweise oder sei dies gesamthaft. In der Regel behält er jedoch die menschliche Form bei. Es ist durchaus möglich, daß er nur teilweise aus dem physischen Körper austritt und sonst mit dem physischen Körper deckungsgleich bleibt. Ein paarmal schon habe ich derartiges erlebt:

Am Morgen liege ich wach im Bett, auf der linken Seite, den linken Arm unter den Kopf gelegt und den rechten über der Bettkante, wo er entspannt herunterhängt. «Aber was ist denn das?» Da ist noch ein dritter Arm! Ich sehe ihn nicht, spüre jedoch, daß ich ihn bewegen kann. Jetzt werde ich mir meiner Lage bewußt: mein

Fluidalkörper muß sich gelockert haben und ein Arm ist sogar ganz frei geworden. Mit der Hand des feinstofflichen Körpers beginne ich meinen Kopf zu betasten, dann den Mund, besonders die einzelnen Zähne. Ich führe dies mit aller Sorgfalt und während längerer Zeit durch und bin mir dabei stets auch der anderen beiden Arme und Hände bewußt! Weiterhin liegen sie still an ihrem Ort ohne Bewegung. Nur meinen dritten Arm kann ich bewegen, bis ich mir innerlich einen Ruck gebe, und damit die normale Lage wieder hergestellt ist. Dann stehe ich auf - im physischen Körper.

Der feinstoffliche Arm hat hier die gewohnte Form beibehalten, kann aber auch eine verblüffende Dehnung erfahren, die mir allerdings erst nach dem Aufwachen aufgefallen ist, wie das nächste Beispiel zeigt:

Nach dem Mittagessen sitze ich wie so manches Mal im Lehnstuhl am Fenster und mache ein Nickerchen. Der Schlaf währt nicht lange, ich öffne die Augen und merke bei klarem Bewußtsein sofort, daß etwas nicht stimmt. Nur das in der Nähe Befindliche ist gut sichtbar, alles andere scheint wie vom Nebel verhüllt. Auf dem Fensterbrett stehen mehrere kleine Topfpflanzen - Usamba- raveilchen, Begonien und Kakteen. Mit der Hand betaste ich alles, gleite aber bei stärkerem Drücken hindurch, was mich keineswegs wundert, denn ich weiß, daß ich dies mit meiner feinstofflichen Hand tue. Aber dann treffe ich auf etwas hartes und fasse überrascht zu - es ist eine Kugel. Ich nehme sie auf und betrachte sie genauer. Sie ist bunt, durchscheinend und von seidigem Glanz, wie aus Glas, doch viel leichter, und von einer feinen Aura umgeben. Vorsichtig stelle ich sie wieder auf ihren Platz zurück. Erst nach dem Erwachen im physischen Körper fällt mir beim Über- denken des Geschehenen auf, daß ich von meinem Platz aus nicht bis zum Fensterbrett hätte greifen können, ohne dabei aufzustehen und nach vorne zu gehen. Also muß sich der Feinstoffarm auf die doppelte Länge des physischen Armes ausgedehnt haben. Die Kugel selber existiert auf der irdischen Ebene nicht, sie bestand ebenfalls aus Feinstoff. Wo sie wohl hergekommen ist? Auch die Beine rutschen manchmal aus ihrer physischen Hülle:

Am Abend sitze ich am Tisch und beschäftige mich mit einer schriftli- chen Arbeit. Um mich zu entspannen, lege ich für einen Moment alles beiseite und sehe ins Leere hinaus. Da gibt es einen Ruck! Ein Bein sackt nach unten ab. Bin ich irgendwie falsch gesessen und dabei aus dem Gleichgewicht geraten? - Nein! Wie ich nach der Schrecksekunde feststelle, hat sich die Sitzhaltung meines physischen Körpers in keiner Weise geändert. Beide Füße stehen nach wie vor auf dem Teppich, und nur ein Bein des Feinstoffkörpers hat sich gelöst.

Der Feinstoffkörper kann sich auch vollständig etwas vom physischen Körper verschieben, ohne sich dabei ganz von ihm abzulösen. Dies beobachtete ich bei mir nur ein einziges Mal:

Mitten in der Nacht wache ich auf und fühle mich eigenartig benommen. Ich will aufstehen und das Badezimmer aufsuchen, schlafe aber wieder ein. Erst später stehe ich dann doch auf und mache zwei, drei Schritte und spüre dabei, daß etwas Außergewöhnliches geschehen sein mußte. Mein Feinstoffkörper hatte sich leicht vom physischen Körper abgelöst, die beiden Körper waren regelrecht verschoben, und der eine war der Ziehende, der andere mußte aber folgen. Wie eine Marionette tappe ich zunächst im Schlafzimmer umher. Meine Frau wacht darob auf und sieht mein merkwürdiges Verhalten, sagt aber nichts. Das Gehen ist durch die mangelhafte Helligkeit zusätzlich erschwert, aber dennoch finde ich mich einigermaßen zurecht. Angenehm ist mir dieser Zustand bestimmt nicht, aber dennoch ist es interessant. Im Badezimmer erfrische ich mich ein wenig und nach und nach nor- malisiert sich wieder alles. Merkwürdigerweise spüre ich einen Schmerz im Sonnengeflecht, der aber nicht besonders stark ist.

Mit Kreislaufstörungen hat dieser Schmerz bei mir sicher nichts zu tun, und die marionettenhafte Bewegungsweise läßt sich auch nicht darauf zu- rückführen. Ich kenne die Schwindelanfälle aus eigenem Erleben, die durch eine zu schnelle Veränderung des Körpers von der waagrechten in die senk- rechte Lage entstehen. Ich hatte schon verschiedentlich Kopfschmerzen aufgrund einer vorübergehenden Blutleere im Gehirn, aber niemals aus die- sem Grunde einen Schmerz in der Sonnengeflechtsregion.

Schwingungsunterschiede des Feinstoffkörpers im exteriorisierten Zustand

Wenn man sich vorstellt, daß der Feinstoffkörper einen bestimmten Schwin- gungs- oder Frequenzzustand besitzt, der sich auf unbekannte Art innerhalb gewisser Grenzen verändern läßt, dann kann man sich auch vorstellen, daß bei einem Austritt dieser Feinstoffkörper manchmal in einem dichteren, manchmal in einem weniger dichten Schwingungszustand ist. In welchem Schwingungsbereich sich der Feinstoffkörper beim Austritt und danach befinden wird, das läßt sich nicht voraussagen, doch ist seine Frequenz veränderbar aus einer gegebenen Veranlagung heraus oder durch lange Übung. Wie das geschehen kann und geschieht, ist nicht beschreibbar. Es ist einfach eine Erfahrungstatsache, daß die Frequenz erhöht oder erniedrigt wird, wenn man es will, wie es im physischen Körper eine Erfahrungstatsache ist, daß man sich durch Muskelkontraktionen bewegt, ohne über das Wie Bescheid zu wissen.

Einem Kleinkind läßt sich das Gehen nicht mittels Erklärungen beibringen, es muß üben und nochmals üben, bis es diese Fähigkeit gelernt hat. Mit der Frequenzänderung ist es etwa dasselbe. Vom Schwingungsbereich des Feinstoffkörpers hängen die Möglichkeiten des Sehens, Tastens und anderer Sinnesempfindungen im außerkörperlichen Zustand ab. Bei einer tieferen Frequenz sieht man die materiellen Gegen- stände und kann sie sogar berühren. Beim Durchdringen lassen sich ver- schiedene Dichten des Gegenstandes ertasten, man spürt einen gewissen Widerstand, der bei einer Frequenzerhöhung vollständig verschwindet. Ich selber konnte die Frequenz noch nie so weit herabsetzen, daß es mir möglich gewesen wäre, auf Gegenstände einzuwirken oder mich anderen sichtbar zu machen, doch wird dies in der Literatur berichtet. Das folgende Beispiel zeigt, wie ich bewußt eine Frequenzänderung herbeiführte:

Außerhalb des physischen Körpers werde ich mir meines Zustandes be- wußt. Ich stehe bei Dämmerlicht in einem Zimmer und nehme mir vor, einen Durchgreifungsversuch zu machen. Ich trete zum Tisch und gehe dann ohne Schwierigkeiten durch ihn hindurch. Nun stelle ich mich um und bemühe mich, meinen Schwingungszustand herunterzusetzen, und gehe dabei sehr vorsichtig zu Werke, um ja nicht in den physischen Körper zurückgezogen zu werden. Es gelingt! Dann befühle ich das Tischblatt und spüre deutlich einen leichten Widerstand. Langsam dringe ich tiefer ein und erkenne am wechselnden Widerstand, daß das Holz von ungleicher Dichte ist. Ich trete einen Schritt zur Seite und schaue mir die Sache an. Es liegen tatsächlich zwei Platten aus verschiedenem Holz übereinander - also hat mich der Tastsinn nicht getäuscht.

Die bisher angeführten Fallbeispiele lassen deutlich erkennen, daß bei sehr niedrigen Schwingungszuständen des Feinstoffkörpers ich wie vom mate- riellen Körper her gewohnt über den Boden gehe, während bei höheren Frequenzen ein Schweben und Fliegen als Fortbewegungsweise möglich ist.

Spiegelbildliche Raumumkehr im exteriorisierten Zustand

Die rechte Hand kann man drehen und wenden wie man will - sie läßt sich mit der linken nicht zur Deckung bringen. Bis auf die molekulare Ebene hinunter gibt es Formen und Strukturen, die spiegelbildlich, aber nicht deckungsgleich sind. Im parapsychologischen Bereich sind die Spiegelschriften bekannt, und Schriftmedien schreiben oft spiegelbildlich von rechts nach links wesentlich schneller als normal von links nach rechts. Das Geschriebene läßt sich leicht lesen, wenn man es gegen einen Spiegel hält, und ist keineswegs bloß ein unbeholfenes Gekritzel, sondern eine zügige Schrift mit deutlichen Buchstaben.

Diese spiegelbildliche Umkehr läßt sich auch bei der Exteriorisation beobachten. Dies rührt offensichtlich von den bekannten Kreuzungen der Nervenbahnen im Gehirn her, die sich nicht gleichartig in den Zweitkörper übertragen. Vor allem zeigt es sich zu Beginn und im Anfangsstadium eines Austritts und ist oft gekoppelt mit einer schwachen Weitsicht, wobei das Entferntere immer mehr in einem Nebel verschwindet. Verbinden sich diese beiden Er- scheinungen gar noch mit einer Eigenbewegung des Feinstoffkörpers, dann ist es ungemein schwer, sich einigermaßen zurechtfinden zu können:

Noch in der Dämmerung frühmorgens erwache ich außerhalb des phy- sischen Körpers zu vollem Bewußtsein. Ich will die Gelegenheit nutzen und zum ersten Mal im außerkörperlichen Zustand das Vorzimmer aufsuchen. Hierzu muß ich zur Nordseite des Zimmers hinüberschweben. Sonderbar! Dort, wo die Türe sein sollte, treffe ich auf eine Wand und auf ein Kästchen, über dem ein Bild hängt. Ich beginne zu zweifeln. «Bin ich überhaupt in meiner Wohnung?» Diese Gegenstände aber sind mir durchaus vertraut. «Vielleicht träume ich.» Ich prüfe mein Bewußtsein und muß meine Annahme wieder verwerfen. Zudem kenne ich aus eigener Erfahrung keine solchen Träume. Erst dann kommt mir der Gedanke, daß es ein fluidaler Spiegel sein könnte, in den ich blicke. Bei dieser Überlegung überfällt mich eine unwiderstehliche Müdigkeit, und ich gleite in meinen schlafenden Körper zurück.

Von einer weiteren Umkehr berichtet Fräulein G.:

«Es ist schon einige Monate her, da erlebte ich folgendes:

Ich erwachte morgens und sah wie immer auf den Wecker. Er zeigte genau acht Uhr, was mich erschreckte, da um acht die Schule beginnt. Während ich noch darüber nachdachte, ob ich schnell aufstehen oder liegen bleiben sollte, sah ich nochmals auf die Uhr - und war erstaunt: sie zeigte jetzt vier Uhr. Die Möglichkeit, daß ich mich einfach verguckt habe, möchte ich nicht hundertprozentig ausschließen, aber es ist doch unwahrscheinlich.»

Beim Aufwachen ist man manchmal tatsächlich in einem Zwischenzustand, bei welchem der Feinstoffkörper noch nicht ganz in den physischen Körper eingeklinkt ist. Und da Fräulein G. schon ein paar Exteriorisationen erlebt hat und bei ihr ein partieller Austritt nicht einfach auszuschließen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie sich getäuscht hat, relativ gering. Erblickt man seinen exterioren Körper in der Nähe ausnahmsweise noch mit den physischen Augen, so sieht man ihn oder Teile von ihm, z. B. die Gliedmaßen, wie durchscheinend und schwach leuchtend.

Exteriorisationsähnliche Erfahrungen

Von jenen Phänomenen, die an eine Exteriorisation erinnern, erlebte ich selber das Schlafwandeln und den Austritt von Ektoplasma, nicht aber das Hellsehen im Raum. Unter Ektoplasma ist eine feinstoffliche Substanz zu verstehen, die als weißgraues, schleierartiges Gebilde von gewissen Medien gebildet und ausgeschieden wird. Vor allem A. Freiherr von Schrenck-Notzing hat sich in seinem Buch «Materialisationsphänomene» mit diesem Problem ausein- andergesetzt. Vor allem in jungen Jahren habe ich selber im Alter zwischen sechzehn und vierundzwanzig Jahren des Nachts in einem tranceähnlichen Zustand Ekto- plasma in meinem Mund gespürt:

In größeren zeitlichen Abständen kam es vor, daß ich nachts aufwachte, weil sich etwas aus meinem Mund herausdrängte. Es war ein sonderbarer Stoff, gummiähnlich und dehnbar, sehr zäh und widerlich. In einiger Entfernung vom Körper fühlte er sich kühl an. Angeekelt versuchte ich jedesmal, mich dieser Sache zu entledigen, um weiterschlafen zu können. Leider stets ohne Erfolg! Ein Herauswürgen, Herausziehen oder Abreißen war genauso unmög- lich wie ein Hinunterschlucken. Alle Versuche scheiterten sowohl an der Dehnbarkeit der Substanz als auch an einem unbeschreiblichen Schmerz, der vom Sonnengeflecht ausging (dieser Schmerz wurde oft bei paranormalen Ereignissen verspürt und ich habe ihn bereits schon erwähnt). Trotz allem bemühte ich mich jedesmal, das Stück mit den Zähnen durchzubeißen, um den Rest eventuell schlucken zu können. Es war, als würde ich am Lebensfaden kauen - aber alles nützte nichts. Es gab nur einen einzigen Ausweg: die Sache ruhig hinnehmen und abwarten, bis ich wieder einschlafen konnte, was schließlich - und

glücklicherweise - in jedem Fall gelang.

Der Begriff «Ektoplasma» wurde mir erst sehr viel später bekannt. So ange- nehm es für mich damals gewesen wäre, vom Ektoplasma zu wissen, weil dieses Wissen mich wohl sehr beruhigt hätte, so hat es doch den Vorteil, daß man mir nicht nachsagen kann, ich sei bloß ein Opfer einer von außen angeregten Phantasie geworden! Sonst habe ich in der Literatur nichts ge- funden, was meiner Erfahrung entsprechen würde - außer eben den von den Medien berichteten Phänomenen. Zudem hat mir Herr Seh. von einem Erlebnis berichtet, das hier anzuführen wäre:

«Ich hatte - genau wie Sie in einem Vortrag geschildert haben - vor ei- niger Zeit drei- oder viermal den sonderbaren ‹Traum›, daß sich eine weiche Masse in meinem Mund befände. So weit ich mich erinnern kann, hatte ich das Gefühl, sie würde die ganze Mundhöhle ausfüllen. Mit der Zunge versuchte ich, die gummiartige Masse hinauszustoßen

oder sie mit den Fingern herauszuklauben, was jedoch nicht ganz gelang. Ich brachte sie bloß vier bis fünf Zentimeter raus, doch war dann die Mundhöhle nicht mehr so voll. Atembeschwerden traten dabei nie auf, und ich kann mich auch nicht an irgendwelche Schmerzen erinnern. An ein Durchbeißen der Masse habe ich gar nicht erst gedacht.»

Da ich keine eigenen Erfahrungen des Hellsehens besitze, lasse ich Frau L. von einem Erlebnis berichten, das sie selber gehabt hat, und das vielleicht hier eingeordnet werden kann:

«Ich mache manchmal Beobachtungen, die mir sehr seltsam erscheinen, über die ich bis jetzt aber nicht habe weiter nachdenken wollen. Gestern war das aber stark, und ich berichte, weil Sie das vielleicht interessiert:

Ich war bei meinen Lieben auf Besuch - allein mit den Kindern - ein wenig lebhaft - da! - ich redete und handelte, aber ich sah mir dabei zu! Ich war ich und doch nicht ich. Ich war hellwach und scharf denkend - und doch ruhend in mir. Das hatte ich früher übrigens oft und fand es lustig und schön. Aber da war es nicht im Kreis von Lärm und Kindern. Ich kann mir dazu keinen Reim machen, und sicherlich ist es nicht so wichtig - aber wie erwähnt:

vielleicht kennen Sie das?»

Ich habe bei Frau L. genauer nachgefragt - vor allem wollte ich wissen, ob sie schon einmal eine Exteriorisation erlebt habe. Sie antwortete:

«Nein, ich trete nicht aus dem Körper. Es ist, als ob ich mich ganz an der Rückwand meines Ichs befände und mich bloß vom Rücken her sähe. Ich schaue aus den Augen aus der Rückwand meines Seins. Ich höre mich draußen reden und sehe mich draußen handeln. Dies alles aber scharf und klar - etwas greller als im Alltagszustand. Das ganze habe ich immer als angenehm empfunden und es hat mich nie bedrückt, sondern eher - wie ich betonen will - heiter gestimmt und lustig, wenn ich so sagen darf.»

Ein weiterer exteriorisationsähnlicher Zustand dürfte das Schlafwandeln sein, was ich allerdings nur in meiner Kindheit erlebt habe. Hin und wieder kam es vor, daß mir meine Eltern sagten, ich sei noch spät in der Nacht ins Wohnzimmer gekommen - mit oder ohne Kopfkissen im Arm -, hätte irgend etwas Unverständliches gemurmelt und sei wieder ins Bett gegangen. Ich erinnere mich, daß ich beim Ansprechen manchmal munter wurde und mich dann verschämt und verwirrt wieder zurückzog. Zuweilen erwachte ich von selbst irgendwo in der Wohnung, meistens mit der Bettdecke in den Armen. Zu Balanceübungen im Freien kam es bei mir nicht. Nie blieb mir etwas von dem, was sich während des Schlafwandelns ereignet hatte, im Gedächtnis haften. Ein zehnjähriger Schuljunge erzählte einmal vor der ganzen Klasse sein Erlebnis, als ich während einer Schulstunde in der Dorfschule - wo ich während des Krieges unterrichtete - zwanglos auf das Schlafwandeln zu sprechen kam.

Obwohl er wußte, daß er ein Schlafwandler war, erlitt er eines Morgens einen nicht geringen Schrecken, als er sich auf einem hohen Schrank liegen fand, von dem er nur mit Mühe herabklettern konnte. Und nun das Eigenartige:

Im Wachzustand war es ihm auch bei größter Anstrengung nicht mög- lich, auf den Kasten hinaufzuklettern. Er selbst vermutete deshalb, daß er in seinem bewußtlosen, schlafwandlerischen Zustand besonders stark geworden sein müsse. Mit oder ohne Stuhl konnte er es im Wachzustand nicht schaffen. Außerdem sei im Zimmer kein Stuhl vorhanden gewesen. Ältere Geschwister, denen ein Schabernack zuzutrauen gewesen wäre, gab es nicht. Und daß ein Elternteil das Kind während des Schlafes auf den Schrank legen würde, muß als ausgeschlossen betrachtet werden.

Natürlich kann man einwenden, der Knabe habe geflunkert, um sich vor der Klasse wichtig zu machen. Als erfahrener Erzieher bekommt man aber dafür einen ziemlich sicheren Blick, was Dichtung und was Wahrheit ist. Zudem verfügte ich über eigenes Erleben in dieser Hinsicht und kannte auch einige Symptome des Somnambulismus, so daß ich mir den kleinen Burschen etwas genauer ansehen konnte, um ihn zu prüfen. Daß eine Levitation mit im Spiele gewesen sein könnte, das konnte der Knabe bestimmt nicht vermuten, denn weder zu Hause noch in der Schule dürfte er darüber etwas gehört haben. Im übrigen wäre es in jenen Zeiten - besonders für einen Lehrer - auch nicht besonders günstig gewesen, über solche Dinge zu sprechen.

Begegnung mit Wesen aus nichtphysischen Bereichen

Wie es ein Eintauchen in den Feinstoff höherer Frequenzen von unten her aus dem physischen Zustand gibt, so kommt es auch vor, daß Wesen und Dinge aus einem höheren Schwingungszustand in einen niedrigeren Frequenzbereich «absteigen» und dem Exteriorisierten erscheinen. Es kann aber auch sein, daß einem im außerkörperlichen Zustand Dinge begegnen, die aus dem gleichen Schwingungsbereich stammen, in welchen man eben eingetreten ist.

Diese Wesen und Dinge werden gern mit dem Sammelnamen «Astrales» bezeichnet und unterscheiden sich - vor allem wenn sie aus einem höher- frequentigen Bereich stammen - von eventuell sichtbar werdenden Gedan- kenformen eigener Ausprägung durch andersartige Ausstrahlung. Einige Beispiele zur Erläuterung werden nützlich sein:

Ich träume und stehe im fünften Stockwerk eines Hochhauses. Überall - auf dem Tisch, auf Kästen und Stühlen - liegt eine Schicht eines dunklen, kristallinen Pulvers bis zu fünf Zentimeter hoch. Ich erkenne

es sogleich als übermangansaures Kalium (Kaliumpermanganat). Ich greife in meine Taschen und finde sie mit dem Pulver angefüllt. Sogleich bekomme ich Lust, damit zu experimentieren und betrete den Balkon. Dort hole ich etwas Pulver aus der Tasche und lege es auf das Balkongeländer, um es anzuzünden. Zu diesem Zweck habe ich auch gleich ein Feuerzeug zur Hand - in Wirklichkeit jedoch besitze ich keines. Ich entzünde die Flamme in der Vorfreude auf die wohl prächtige Feu- erwirkung. Aber oh weh! Der Stoff entzündet sich nicht. Ich beobachte dafür etwas anderes. Dem Feuerzeug entströmen keine Funken, sondern es flammt ein langer, unheimlicher Strahl auf, und gleichzeitig wird es ohne Übergang stockfinster. Damit aber zündet mir selber ein Funke! Im Nu weiß ich, daß es tat- sächlich Nacht ist, und daß mein physischer Körper im Bett liegt und schläft. Ich aber stehe außerhalb meines Körpers auf dem Balkon. Auch überlege ich mir die Sache mit dem Kaliumpermanganat. Es hat die chemische Formel KMnO 4 und kann unter keinen Umständen brennen, da es genügend mit Sauerstoff angereichert ist. Wie konnte ich bloß auf den Gedanken kommen, es entzünden zu wollen. Danach blicke ich vom Balkon aus ins Freie. Was für ein Treiben bietet sich mir dar! Gespenstische Wesen fliegen gleich Fledermäusen auf und nieder, sausen um die Hausecken und geben dabei unablässig Geräusche von sich, die wie «Hui» und «Bui» klingen. Es ist ein unheimliches Fangenspiel dieser Wesen, die ein rostrot zartes Licht verbreiten, was mich erkennen läßt, daß es Köpfe mit Flügeln sind, die da herumschwirren. Irgendwie fühle ich mich mitgerissen, schwinge mich über die Brüstung und lasse mich in die Tiefe gleiten. Dabei fällt mir ein, daß ich auf alle Fälle noch die routinemäßige Bewußtseinskontrolle durchführen könnte und rufe: «Hui, Bui - morgen ist Mittwoch!» Durch diese Ablenkung wollen mir beinahe die Sinne schwinden. Unten am Boden angekommen, sehe ich mehrere Tische, die sich von selbst fortbewegen. Statt der Flügel wie die fliegenden Wesen haben sie Köpfe, rollen über ihre eigenen Kanten und versetzen sich gegenseitig mit grimmigem Humor feste Stöße, um sich in Bewegung zu bringen. Und schon wieder geht es weiter mit dem Reigen - hinauf und hinunter. Um das Gebäude herum mit Hui und Bui. Schließlich werde ich müde und verliere mein Bewußtsein.

In diesem Beispiel ging der Traum in die Exteriorisation über, die rein äußerlich und in ihrer Phantastik große Ähnlichkeiten mit dem luziden Traum hatte. Bei mir ist jedoch die Atmosphäre bei den Austritten unver- kennbar typisch, und außerdem habe ich in einem luziden Traum noch nie ein astrales Licht gesehen. Ein weiterer Unterschied ist darin zu sehen, daß in einem luziden Traum die Gegenstände in einem steten Wechsel begriffen

sein können, während sie bei einer Exteriorisation gleich bleiben. Zudem stellten sich hier mit der Bewußtwerdung sogleich die realen Lichtverhältnisse her. Dennoch bleibt es schwierig, exakte Unterscheidungskriterien zwischen Exteriorisation und luzidem Traum anzugeben, vor allem, weil mit einer ausgedehnten Erfahrung sich die Dinge in einem luziden Traum ebenso sta- bilisieren, wie sie das bei der Exteriorisation von Anfang an tun. Umgekehrt kann man nach vielen Exteriorisationserfahrungen bemerken, daß auch da gewissen Wandlungsmöglichkeiten der Gegenstände in Erscheinung treten, die man zuerst übersehen hat. Die beiden Erfahrungsbereiche hängen sicherlich irgendwie zusammen, doch scheint es für den Anfang klüger zu sein, zwischen ihnen zu unterscheiden. Eigenartig mag manchem Leser vielleicht erscheinen, daß ich mich auf diese Wesen eingelassen habe. Es geschah - wie schon gesagt - fast zwangsläufig, wie von einem Sog mitgerissen. Im außerkörperlichen Zustand kann es unter Umständen extrem schwierig sein, sich - trotz des voll intakten Ich-Bewußtseins - solchen magnetischen Einwirkungen zu widersetzen. Hier ließ ich mich um so lieber miteinbeziehen, als daß ich selber große Lust hatte, diese Wesen aus der Nähe zu betrachten. Eine Kommunikation mit jenseitigen Wesen ist im außerkörperlichen Zu- stand natürlich leichter zu bewerkstelligen als im physischen Körper:

Kurze Zeit nach dem Hinübergang meiner Schwiegermutter, mit der ich mich recht gut verstanden habe, machen meine Frau und ich nachmittags eine Ruhepause. Meine Frau legt sich auf das Sofa des Wohnzimmers, und ich setze mich bequem diagonal gegenüber in einen Lehnstuhl, so daß ich einigermaßen gut zu ihr hinübersehen kann. Bald sind wir beide eingeschlafen. Durch irgend etwas werde ich geweckt und merke gleich, daß ich mich in einem Zwischenzustand befinde, allerdings in einer «astralen Starre», so daß ich mich im feinstofflichen Körper nicht bewegen kann, sondern bloß zu sehen vermag. Der Lehnstuhl steht in der Nähe der Türe, die - soweit ich mich erin- nere - nicht ganz geschlossen gewesen ist. Durch eben diese Türe tritt meine Schwiegermutter mit einem eigenartig schwebenden Gang ins Zimmer hinein - einige Zentimeter über dem Boden. Ihr Aussehen hat sich verändert, sie erscheint um zwanzig Jahre jünger, und ihre Miene drückt Zufriedenheit und Erleichterung aus. Sie geht zu meiner Frau hinüber, bleibt vor ihr stehen, beugt sich herab und schüttelt leise den Kopf, als wollte sie damit sagen:

«Sie sieht mich nicht!» Sie wendet sich wieder ab und geht den Weg zurück, den sie gekommen ist. Wie sie bei mir vorübergeht, richtet sie ihre Augen auf mich, und dann höre ich halb in mir und halb mit den Ohren:

«Grüße mir Berta!» Kurz darauf ist sie durch die Türe hinausgegangen und verschwunden.

Da ich mich - wenn auch in der «astralen Starre» - im Exteriorisierten Zustand befand, vermochte meine Schwiegermutter mich wesentlich leichter zu erreichen als meine Frau. Verstorbene können sich jemandem, der sich im grobstofflichen Zustand befindet, wohl wesentlich schwerer mitteilen und sind dann auf mancherlei mechanische Manifestationen angewiesen, wie sie immer wieder in der parapsychologischen Literatur berichtet werden. Meine Schwiegermutter ist übrigens eine fromme Frau gewesen, die zu den Geschichten über Erscheinungen Jenseitiger kurz zu sagen pflegte:

«Es ist noch keiner zurückgekommen.»

Nun - für meine Frau und ihre Tochter scheint sie noch einmal zurückge- kommen zu sein, bevor sie ihren Weg im Jenseits weiter ging. Einmal ließ sich im außerkörperlichen Zustand ein Spuk aufklären, der einige meiner Schüler während des Krieges in der Dorfschule ziemlich beunruhigt hatte. Ohne äußere Ursache bewegte sich nämlich die Türklinke auf und ab, und der schwere Riegel hin und her. Das ging einige Tage lang so, bis ich einmal - schnell von den Schülerinnen darauf aufmerksam gemacht - zur Tür hinstürzte und sie aufriß, um nachzusehen, wer da Unfug treiben mochte. Doch nichts war zu sehen, weder im Vorraum noch auf der Treppe, und eine sofortige Untersuchung der Klosettanlage und des Dachbodens brachte auch kein Resultat. Es stellte sich dann heraus, daß eines der Mädchen ganz besonders große Schwierigkeiten mit ihrer Pubertät hatte, wie mir von ihrer Mutter berichtet wurde - und eben dieses Mädchen saß ganz in der Nähe der Türe. Es wäre also durchaus möglich, daß sie an dem Spuk beteiligt war, wie das mittlerweile auch von anderen Fällen bekanntgeworden ist. In jener Zeit hatte ich aber ein bedenkenswertes nächtliches Erlebnis, das auf eine andere Ursache hindeutet.

Ich schlafe zu Hause im Bett und befinde mich plötzlich mitten im Schulzimmer und fühle mich ziemlich benommen. Noch heute sehe ich in der Erinnerung an dieses Erlebnis die stillen Bankreihen, auf die das Licht des Vollmondes durch die hohen Fenster scheint. Die Türe mit der bemerkenswerten Klinke und dem Riegel steht offen. Da! - Etwas bewegt sich im Vorraum! Eine alte Frau wird sichtbar. Sie ist grau - nicht nur das Haar, die ganze Gestalt -, wie aus Spinnweben gewoben, halb durchscheinend und phosphoreszierend. Noch nie habe ich etwas von dieser Art gesehen. Ich lese förmlich ihre Gedanken von ihrer feindlich mürrischen Miene:

«Was wollen Sie da? - Hier bin ich zu Hause!» Dann verschwimmt das Bild und ich wache auf. Ich ging zum Bürgermeister des Dorfes und fragte ihn nach der Geschichte des Schulhauses - ohne vom Vorgefallenen etwas zu erwäh-

nen. Da erfuhr ich, daß das Haus früher eine Stickerei gewesen sei und

Bauersleuten gehört habe.

Nicht nur das Aussehen, sondern auch die Zusammensetzung des Feinstoff- körpers hängt von der inneren Einstellung ab. Das zeigt ein Erlebnis der Frau B.:

«Ich war während des Krieges in einem Heim, das man in ein Schloß verlegt hatte. Da war ich die wichtigste Helferin der Heimleiterin und hatte ein eigenes Zimmer. Manchmal erschien des Nachts eine ‹arme Seele›, die jammerte und klagte, ich möchte für sie beten. Ich half, so gut ich konnte. Etwas fiel mir an ihr besonders auf: Die Gestalt konnte ich recht gut sehen, nur anstelle des Halses schimmerte ein nebliger Dunstkreis. Von Mal zu Mal aber hellte sich die Erscheinung auf und blieb endlich ganz weg. Zufällig erfuhr ich später von einer Bäuerin von einem Spukzimmer im Schloß und erkundigte mich darauf eingehender, um die Geschichte der ‹armen Seele› zu erfahren. Ich hörte, daß der frühere Besitzer des Schlosses - ein französischer Graf - sich durch großen Jähzorn und durch Grausamkeit auszeichnete. Einmal ließ ein Diener ein kostbares Porzellanservice auf den Boden fallen und flüchtete dann in seiner Not und in der Angst vor den zu erwartenden Peitschenhieben seines Herrn in einen kleinen Verschlag, wo er sich erhängte.»

Dies ist nicht der einzige Fall, wo sich nicht der eigentliche Täter oder Ver- ursacher, sondern sein Opfer als «erdgebunden» zeigt. Da die Hintergründe des Geschehens nicht einzusehen sind, darf man nicht voreilig auf eine Ungerechtigkeit des Schicksals schließen. Zwischen dem Ich und den körperlichen Hüllen des Menschen bestehen sehr enge Beziehungen, so daß sich jede Disharmonie sichtbar ausdrückt - besonders im feinstofflichen Körper! Begegnungen mit Spukgestalten - auch in der Form des eigenen Feinstoff- körpers im außerkörperlichen Zustand oder der ektoplasmatischen Bildungen - bedeuteten für mich in meiner Kindheits- und Jugendzeit nichts anderes als einen heillosen Schrecken, weil niemand in meiner Umgebung mir darüber Auskunft geben konnte! Erst allmählich wurde mir klar, daß es sich dabei um eine besondere Fähigkeit handeln mußte, welche die anderen nicht besaßen - eine Fähigkeit allerdings, die ich verwünschte, hatte ich doch keine Ahnung, wohin sie mich führen, und in welcher Weise sie meiner Entwicklung dienen würde. Die Erlebnisse waren für mich in meiner Unwissenheit und Naivität von so furchtbarer Art, daß ich mich oft scheute, ins Bett zu gehen. Aber gerade diese Angst war es, die mich für diese Dinge durch die Schwächung meiner Nerven wiederum empfänglicher machte und mich auf ein ungutes feinstoffliches Niveau herunterdrückte. Wohl hatte ich schon von Gespenstern gehört und gelesen, aber meine eigenen Erlebnisse deckten sich nicht mit dem Bekannten. Zudem erschreckt besonders das Außergewöhnliche und Unvermutete.

Etwas anderes kam außerdem noch dazu, dem ich fassungslos gegenüber- stand: Die Objekte, die mir erschienen, hatten eine ungeheuere magische Kraft, sie zwangen mich hinzusehen, ja, ich wußte schon vorher, wo sie sich befanden. Mein Herz krampfte sich dann zusammen, meine Finger wurden klamm, und ich war nicht mehr imstande, mich zu rühren. Einmal - im Alter von sechzehn Jahren - begann mein Herz angesichts einer grauenvollen Erscheinung zunächst wild zu schlagen, um dann plötzlich während eines Zeitraumes von mehreren Schlägen stillzustehen. Ich erkannte schon damals, daß die Formen zu ihrer Bildung eine Kraft be- nötigten, die sie mir entlehnten. Dies verwirrte mich natürlich vollends. Man macht es sich zu leicht, hier mit einer wegwerfenden Handbewegung von einer schizophrenen Spaltungserscheinung zu sprechen, weil damit ein Phänomen - wie viele andere auch - schubladisiert wird, ohne daß man sich der Mühe unterzogen hätte, sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Wer selber noch nie eine außerkörperliche Erfahrung ohne die geringsten Kenntnisse der auftretenden Charakteristiken erlebt hat, kann kaum ermessen, welche existentiellen Tiefendimensionen eine solche Erfahrung birgt. Manchmal konnte ich als Kind oder Jugendlicher bei diesen nächtlichen Er- lebnissen bloß ein geheimnisvolles Licht von rötlicher oder bläulicher Farbe sehen, das diese mir völlig rätselhaften Zustände begleitete. Es gab weiter nichts Erschreckendes. Ich stand dann von meinem Bett auf und ging rasch zum Lichtschalter hinüber, um Licht zu machen - in der Meinung, daß mit dem Licht alles Unangenehme verschwinden würde. Aber leider gelang es mir trotz aller Anstrengung nie, den Schalter umzudrehen. Ich griff einfach durch ihn hindurch. Manchmal fühlte er sich auch wie Gummi an und schnellte stets wieder zurück, kaum daß ich ihn gedreht hatte. Verzweifelt überließ ich mich dann jedesmal einer Ohnmacht und wachte auf - oder auch nicht! Und das Spiel konnte von neuem beginnen. Es war grauenhaft. Wenn irgendwelche Figuren und sonstigen Objekte zu sehen waren, so ver- harrten sie stets regungslos, sie bewegten sich nicht, doch war das regungslose Anstarren nicht minder fürchterlich. Sie unterschieden sich kaum von den irdischen - im Gegensatz zu den bizarren Formen, die ich später kennenlernte -, und schon ein so liebliches Tierchen wie das Kaninchen konnte mir eine heillose Furcht einjagen.

Damals führte ich über meine Erlebnisse nicht Buch, aber einige stehen noch heute klar vor meinem inneren Auge:

Einmal erschien vor meinem Bett eine männliche Gestalt, die unentwegt mit stierendem Blick auf mich herabsah. Wie froh war ich, als ich mich endlich von diesem bannenden Blick befreien und unter die Bettdecke schlüpfen konnte. Da lag ich nun aufgeregt und mit klopfendem Herzen mehrere Minuten lang und überdachte das Geschehene. Ich wußte genau, daß mich kein Spiel der Phantasie genarrt hatte. Mit der Zeit beruhigte ich mich einigermaßen und getraute mich wieder hervor.

Aber oh Schreck! Der Mann saß immer noch da! Sofort versteckte ich mich nochmals und kam diese Nacht nicht mehr unter der Decke hervor.

Dieser Fall verwunderte mich deshalb ganz besonders, weil ich vor dem Hervorkommen ganz sicher war, mich nicht mehr in jenem merkwürdigen Zustand zu befinden, den ich heute als exteriorisiert bezeichne. Ich muß wohl annehmen, daß sich die Erscheinung während der Zeit, wo ich mich unter der Decke versteckt hielt, so weit und so stark materialisierte, daß ich sie auch im normalen physischen Zustand zu sehen vermochte. In meiner Kinderzeit hatte ich ein sehr eindrückliches Erlebnis, das ich niemandem erzählen konnte und das mich deshalb sehr belastet hat. Ich schlief damals mit meinem um vier Jahre jüngeren Bruder im selben Zimmer. Sein Bett stand an der gegenüberliegenden Wand:

Als ich eines Nachts erwachte und mich im außergewöhnlichen Zustand befand, wie ich sofort merkte, zwang ich mich, zu meinem Bruder hinüberzuschauen. Was ich sah, ließ mich vor Schreck zusammenzucken, denn da lag nicht der Kopf meines Bruders auf dem Kissen, sondern ein blanker Totenschädel, der von einem phosphoreszierenden Licht erleuchtet war. Ich vermochte jede Einzelheit des Schädels zu sehen, sogar die Zähne. Endlich gelang es mir, mich von diesem Anblick loszureißen, und dann dachte ich über das Geschehene nach, ohne aber eine Lösung zu finden.

Leider verstarb mein Bruder als erster aus dem engeren Kreise der Familie im Alter von 49 Jahren an akutem Herzversagen nach einer mehrtägigen Hochgebirgstour. Ob meine damalige Erfahrung damit zusammenhängt, ist natürlich schwer zu sagen. Vielleicht habe ich auch das Skelett des Fein- stoffkörpers meines Bruders gesehen, weil ich mich selbst in einem exterio- risierten Zustand befand. Die Schriftstellerin Nataly von Eschstruth brachte in ihrem um die Jahr- hundertwende erschienenen Buch «Spukgeschichten» eine Reihe von rätsel- haften Begebenheiten, die durch angesehene und berühmte Männer verbürgt waren. Eine davon weist ähnliche Elemente auf, wie die von mir geschilderten Beispiele, und ich will sie deswegen in verkürzter Form wiedergeben:

Der Medizinalrat N. wurde zu einer Jagdgesellschaft auf ein Schloß gerufen, wo jemand einen Unfall erlitten hatte. Die Verwundung stellte sich als unbedeutend heraus, und so nahm das abendliche Festmahl einen ebenso heiteren wie feuchten Verlauf. Der Arzt blieb als Gast und mußte wegen des plötzlich einsetzenden Schneesturmes im Schloß über Nacht verbleiben und bekam die Giebelstube zugewiesen, wo er die Nacht verbringen sollte. Die Gastgeberin bedauerte dies zutiefst, weil in eben diesem Zimmer ein gräulicher Bär sein Unwesen trieb, weshalb man eigentlich niemandem zumuten könne, dort zu übernachten. Der unerschrockene Arzt aber bestand darauf, dort schlafen zu dürfen und zog sich bald zurück.

In seinem Quartier sah er an der Wand eine in groben Strichen aus- geführte Kohlezeichnung, die einen aufrechtstehenden Bären darstellt, der seine Pranken erhoben hat und einen Ring um den Hals trägt. Darunter steht der Vers:

«Ich armer Kerl schwur bei der alma mater Und sah bisher nur nächtens einen Kater. Die Bären band bei hellem Tag ich an, Was ein Studiosus ja nicht lassen kann. Zur Rache nun den angebundnen Seinen Tat mir heut nacht allhier ein Petz erscheinen. Der drückte mich - o Schreck - o große Not - In seinen Armen beinah mausetot.»

N. riegelte die Tür ab und schlief gleich ein. - Lassen wir ihn nun selbst erzählen:

«Aber meine Träume waren recht unerquicklich. Erst stürzte ich von einem hohen Turm herab, dann fiel ich ins Wasser und war gerade am Ertrinken, als ich einen röchelnden Hilfeschrei ausstieß und erwachte. Ich sah, daß ich im Bette lag. Von den Fenstern fiel heller Mondschein ins Zimmer. Ich vernahm ein Geräusch und wollte mich aufrichten, aber meine Glieder waren schwer wie Blei. - Mechanisch richtete ich die Augen nach der Tür. Ich sah, wie sich dieselbe langsam öffnete, und wie eine große, ungefügte, schwarze Gestalt hereintappte. Ich wollte sie anrufen, ich konnte es nicht. Nun trat sie in den Mondschein. Der Bär! - beim Himmel, es war der Bär. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirne - ich wollte zum Bett heraus und meinen Stock als Waffe ergreifen - unmöglich, ich lag wie gelähmt! - Und der Bär tappte auf mich zu. Immer näher kam er. Nun stand er vor meinem Bett. ‹Hilfe!›, wollte ich rufen - umsonst, kein Laut kam von den Lippen. Das Ungeheuer neigte sich, faßte mich mit den Pranken und preßte mich in mordender Umarmung an sich - fester - immer fester - ich röchelte - die Besinnung schwand mir, und dann stieß ich einen dumpfen Schrei aus. Es hallte mir selber in den Ohren. Ich bäumte mich voller Verzweiflung wild auf und saß im nächsten Moment aufrecht im Bett. Ich war allein. Ruhig und still lag die Stube im Mondlicht vor mir, von dem Bär war keine Spur zu entdecken. Ich erholte mich ein wenig, schritt nach der Tür und untersuchte sie. Sie war von innen fest verriegelt.»

Da N. nur teilweise einen Austritt erlebte, das Phänomen der Exteriorisation aber nicht kannte, und die Begebenheit etwas Einmaliges für ihn darstellte, schiebt er das Ganze als kritischer Mediziner seinem überlasteten Magen zu und meint, daß die Zeichnung das Bild zu dieser Wahnvorstellung abgegeben habe.

Anderntags verspricht man ihm, die Zeichnung entfernen zu lassen, doch nach einiger Zeit schreibt die Tochter des Hauses:

«Trotz der neugetünchten Wände spukt der Bär weiter!» Dem Medizinalrat war es mit der rationalisierenden Deutung nicht ganz wohl, denn er meint, daß er in erster Linie eine Erklärung gelten lassen wolle, die eine reale Deutung des Geschehens zulasse - wenn sich eine solche fände irgendwo in der Schloßchronik. Es ist zu vermuten, daß auch der Arzt bei sich selber gut zwischen Wahnvorstellung und Realität unterscheiden konnte und daß ihm das Geschehen doch eine kleine Spur zu realistisch vorkam, um einfach ins Reich des Phantastischen abgeschoben werden zu können. In der Erzählung des russischen Dichters Nicolai Gogol «Das Porträt» ist eine Episode eingestreut, die in mir schaurige Jugenderinnerungen aufklingen läßt:

«Ein armer Maler kauft aus einem ihm selbst unerklärlichen Zwang heraus mit dem letzten Geld, das er noch besitzt, in einem Kunstladen ein verstaubtes Bild, das einen alten Mann in asiatischer Kleidung zeigt - wie sich später herausstellt, ein Wucherer. Zu Hause angekommen, reinigt der Maler das alte Gemälde und stellt es auf. Er betrachtet es eingehend, wobei ihm besonders die lebendigen, stechenden Augen auffallen. Müdigkeit überkommt ihn, und er möchte sich abwenden, um etwas auszuruhen. Aber er kann es nicht! Immer wieder wird er magisch von den unheimlichen Augen angezogen. Endlich rafft er sich auf und bedeckt das Bild mit einem Tuch. Dann legt er sich hin und sieht den Asiaten aus dem Bildrahmen hinuntersteigen - er selber hat nicht gemerkt, daß er eingeschlafen war! Der alte Wucherer kommt zu ihm hin, holt einen Geldbeutel aus der Kutte und klaubt Münzenrollen zu je tausend Dukaten heraus, zählt sie ab und steckt dann die Rollen wieder in den Beutel zurück. Der Maler hat sich nicht enthalten können, eine Geldrolle in dem Moment an sich zu nehmen und zu verstecken, wie der Alte sich einmal abwendet. Auf dem Rückweg merkt der Bestohlene, daß ihm etwas fehlt - er kehrt zurück! Der Maler sucht voll Schreck zu entfliehen - aber er ist unfähig, auch nur ein Glied zu rühren. Voller Panik schreit er auf und erwacht. Er fragt sich, ob das wirklich nur ein Traum gewesen sein mag, denn sein Bewußtsein war hellwach. Kaum hat er diese Überlegung angestellt, da merkt er, daß er nicht - wie es sein müßte - auf seinem Lager weilt, sondern vor dem enthüllten Bilde steht. Die unheimliche Gestalt des Asiaten stülpt in dem Moment die Lippen vor, als wollte er den Maler aufsaugen. Da erkennt der Maler, daß er immer noch «träumen» muß, und macht einen Sprung zurück zum Bett - laut schreiend. Und wieder erwacht er und sieht nun das Ge-

mälde zu seiner großen Beruhigung mit dem Tuch bedeckt. Aber da! - Das Tuch wölbt sich! Wieder schreit der verängstigte Maler auf - und erwacht endlich in der physischen Realität.»

Bei Gogol sind die Erscheinungen des «Traum im Traum» und der aufein- anderfolgenden Aufwachphasen in verschiedenen feinstofflichen Zuständen dichterisch behandelt und nicht weiter erläutert oder gar erklärt. Das ist na- türlich das gute Recht des Dichters, doch darf der Leser nicht voreilig meinen, es handle sich bloß um Dichtung ohne jeglichen Anspruch auf Wahrheit und Wirklichkeit des Erlebens. Vielleicht hat Gogol mit dieser Geschichte sogar eine Eigenerfahrung ausgedrückt und dichterisch gestaltet. Zwischen dem Wucherer und dem Maler mit seiner Raffgier besteht ein wichtiger innerer Zusammenhang, der sich gerade im außerkörperlichen Zu- stand direkt ausdrückt, direkter auf jeden Fall als das im physischen Bereich je möglich wäre. Und da der Maler die Möglichkeiten und Besonderheiten des außerkörper- lichen Zustandes nicht kennt, ist er total verängstigt und verwirrt. Er hat keine Ahnung, was ihm da geschieht, weiß aber auch nicht, wie sehr er innerlich mit dem alten Wucherer verbunden ist. Die Fähigkeit, verschiedene Stufen des feinkörperlichen Zustandes bei einer Exteriorisation bewußt erleben zu können, ist nicht jedermann gegeben. Wer einmal in einem relativ dichten Schwingungszustand ausgetreten ist und sich in der erdnahen Sphäre des Fluidalen bewegte, hat damit noch keine Ge- währ dafür, einen höheren Schwingungszustand erreichen zu können, weil diese Möglichkeit noch viel mehr von den inneren Voraussetzungen des Exteriorisierten abhängt. So erschütternd die Beobachtungen zunächst auch sein mögen, und so in- teressant sie scheinen - wer sie wiederholt erlebt und nichts mit ihnen an- zufangen weiß, den erfaßt bald Langeweile, und er wünscht sich lieber einen gesunden Schlaf, als Nacht für Nacht herumgeistern zu müssen. Mit den bloßen Erfahrungen im außerkörperlichen Zustand ist es eben noch lange nicht getan. Wer solches erlebt, muß tagsüber im physischen Körper hart an sich arbeiten, die Erlebnisse überdenken und durch Literaturstudien ergänzen. Sylvan Muldoon bietet hierfür ein erschütterndes Beispiel. Er hatte die fast absolute Fähigkeit, sich nach Belieben austreten zu lassen. Er klagt, daß die Geister ihn nicht mögen und ihn an ihren Freuden nicht teilnehmen lassen:

«Ich bedaure, daß es ein Leben gibt. Kein Sterblicher kann auch nur die schwächsten Gründe für die Verteidigung des Lebens anführen. Ich bedaure, daß der Materialist unrecht hat. Ich bedaure, daß mit dem Tode nicht alles zu Ende ist. Ich möchte, daß der Tod einen langen und traumlosen Schlaf brächte. Aber ach, meine Erfahrungen haben mir überzeugend bewiesen, daß das Wort ‹Staub bist du, und zu Staub sollst du werden!› nicht für die Seele geschrieben worden ist.»

Die Erfahrungen im exteriorisierten Zustand zeigen eines mit überdeutlicher Gewißheit: Wir können nicht mehr mit hinübernehmen, als wir uns erarbeitet haben. Das Ich-Bewußtsein, das wir tagsüber als uns zugehörig empfinden, wird uns auch «drüben» begleiten. Deswegen ist es von solch außerordentlicher Wichtigkeit, die außerkörperlichen Erfahrungen auch als eine Bestandsaufnahme unseres alltäglichen Lebens und Handelns zu be- trachten, die uns helfen kann, unser Leben neu zu gestalten - im Hinblick auf die Problematik des kontinuierlichen Ich-Bewußtseins im außerkörperlichen Zustand, aber auch mit der Gewißheit der prinzipiellen Möglichkeit einer vom physischen Körper unabhängigen Existenzweise. Das altbekannte «Erkenne dich selbst» als die zentrale Forderung an das Leben eines jeden einzelnen bekommt unter dem Gesichtspunkt der Exte- riorisation wieder die brennende Aktualität, die verloren schien. Es ist eben unmöglich, das tägliche Leben vom nächtlichen zu trennen, d. h. zu meinen, das Ich-Bewußtsein im physischen Körper sei wesentlich anders beschaffen als das Ich-Bewußtsein in den feinstofflichen Schwingungsbereichen, also im außerkörperlichen Zustand. Und deswegen reicht es nicht, den Beruf und das damit verbundene Geldverdienen als den eigentlichen Lebensinhalt zu betrachten. Das Geld, das man zusammengebracht hat, kann nicht mit hinübergenommen werden - nur das ganz persönliche Ich-Bewußtsein ist von einer Schwingungsebene auf die andere übertragbar. Und das zeigt die eminente Wichtigkeit der Bewußtseinsschulung und -disziplinierung. Man muß nicht einmal soweit gehen und sagen, es gäbe ein Leben nach dem Tode. Im Grunde ist das angesichts des kleinen allabendlichen Todes nebensächlich. Bewußtlos fällt man in den Schlafzustand und erwacht erst am nächsten Morgen wieder. Dieser tote Bereich kann aber bei vollem Bewußtsein durchlebt werden - das zeigt nicht nur das luzide Träumen, son- dern auch die Exteriorisation. Und allein schon in diesen Zuständen tritt einem mit unmißverständlicher Deutlichkeit das entgegen, was man ist und was man hat. Wer diesen Bereich geduldig zu erarbeiten beginnt, wird seinen persönlichen Sinn im Leben finden - allerdings aber auch nur dann, wenn er gewillt ist, ein paar Konsequenzen für sein eigenes Leben aus seinen nächtlichen Erfahrungen zu ziehen, also beispielsweise das hektische Leben der modernen Gesellschaft etwas kritisch zu durchleuchten beginnt und sich seiner Rolle bewußt wird, die er in ihr spielt. Muße, Meditation und besinnliche Arbeit, aber auch das Gespräch mit dem Mitmenschen werden so wieder jenen Stellenwert erhalten, der ihnen zu- kommt. Und andrerseits wird der Beruf und das Konsumverhalten wieder in jene Schranken verwiesen, derer sie so dringend bedürfen. Die Erfahrungen im exteriorisierten Zustand werden von jenen der Seelen- reise noch überboten, welche im folgenden behandelt wird. Doch zuvor noch ein kurzes Wort zum Problem der wissenschaftlichen Untersuchung der Exteriorisation. Ich bin der Überzeugung, daß gerade

wegen der Frage der eigenen Entwicklung eine rein wissenschaftliche For- schung völlig sinnlos ist. Dabei kann nichts anderes herauskommen als viel- leicht einmal ein sogenannter naturwissenschaftlicher Beweis, der jahre- und jahrzehntelang angefochten und angezweifelt wird, was hier und jetzt niemandem etwas nützen kann! Die wirklichen alltäglichen Probleme sind auf diese Weise nicht zu lösen. Und das wichtigste Problem besteht heute darin, daß allgemein Sinn und Wert solcher eigener Erlebnisse bestritten wird, bzw. betont wird, diese Erfahrungen seien bloß Halluzinationen und Anzeichen von Geisteskrankheit. Niemand wird es unter diesen Umständen wagen, gelegentliche Erlebnisse dieser Art ernst zu nehmen oder gar zu berichten. Und so verschwinden sie in den unermeßlichen Räumen des Vergessens, und an ihre Stelle treten oberflächliche Vergnügungen und Ablenkungen. Bevor also eine wissenschaftliche Erforschung erfolgreiche Resultate zu bringen vermag, müssen diese Phänomene anerkannt werden in ihrer existen- tiellen Bedeutung für den einzelnen Menschen.

Die Seelenreise

Zwischen der Exteriorisation und der sogenannten Seelenreise gibt es keinen grundlegenden Unterschied - was das Ich-Bewußtsein betrifft -, wohl aber bezüglich des Schwingungszustandes, in dem man sich dabei befindet, und der Art der Substanz, die man erlebt. Darum wirkt der Begriff Seelenreise irreführend. Man reist nicht irgendwohin. Wie schon bei einem luziden Traum die Substanz des sinnengemäß Erlebten als von der Wirklichkeit des Tag- lebens verschieden empfunden wird, so merkt man einen weiteren Unterschied, sobald man in die Region der Seelenreise gelangt. Die sich dabei einstellenden Gefühle und Empfindungen zu beschreiben ist nicht möglich; ähnlich wie es auch nicht angeht, einem total Farbenblinden das Farbensehen zu erklären. Der Leser und Hörer von Berichten aus diesem Bereich kann sie naturgemäß nur von seiner Perspektive aus betrachten und sie dann dem Traum oder höchstens dem luziden Traum zuordnen. Der Eintritt in die Daseinsebene der Seelenreise ist zwar von jedem anderen Zustand aus möglich, wird jedoch, wie ich auch von anderen erfahren konnte, natürlicherweise von der Exteriorisation aus am leichtesten erreicht. Luzider Traum und Austritt liegen wohl jenseits einer gewissen Erlebens- schwelle, strenggenommen bedeuten sie aber nicht das Jenseits. Die Seelenreise ist für jeden, der sie erlebt, ein erschütterndes Ereignis. Sie vermittelt die Gewißheit, daß es noch andere reale Welten gibt. Andere Planeten wurden zuweilen von verschiedenen Sehern «gesehen», die ihr Leben darauf beschrieben, aber es stellte sich stets als Irrtum heraus. Typischerweise beschrieben jene «Seher» das Planetensystem immer so, wie es dem jeweiligen Weltbild entsprach. Der Mathematiker und Naturphilosoph Cardanus (1501-1576) schildert bei seinen Schauungen das Sonnensystem des Ptolemäus. Andere berichten wieder von einer Landwirtschaft hinter dem Mond oder von Menschen, die in europäischer Kleidung auf der Sonne leben. - Auch auf dem Gebiete des Übersinnlichen sind die Möglichkeiten nicht unbegrenzt. Allenthalben herrscht die Meinung, daß dem Menschen ein Blick ins Jen- seits zu Lebzeiten verwehrt sei, wenn nicht gar die noch extremere Haltung, daß ein Jenseits bloß Spintisiererei, also blanker Unsinn bedeute. Sollte aber doch ein Jenseits nach dem Tode erreicht werden, dann - so die landläufige Meinung - würde alles licht und klar erscheinen, und zudem wäre man aller seiner Sorgen entledigt. Wer bloß einige wenige Exteriorisations- und Seelenreiseerfahrungen gemacht hat, wird aus eigener Anschauung sagen können, daß diese Meinungen wohl irrig sind. Nur auf hohen Stufen, die man auch nach dem Tod nicht ohne weiteres er- reicht, bieten sich Einsichten und Erkenntnisse. Erkenntnisse, die nur schwerlich ins Tagesbewußtsein des Diesseits hinübergerettet werden können.

Man ist es gewohnt, sogenannte Wahrheiten in konkreter Bestimmtheit vorgetragen zu bekommen, wobei es viel wichtiger ist, daß mit einem über- zeugenden Ton gesprochen wird, als daß man sich Mühe gibt zu überzeugen. In meinem Leben konnte ich es nur allzuoft beobachten, wie das zu- rückhaltende vorsichtige Urteil und ein fundiertes Wissen nichts galten ge- genüber dem selbstsicher und wortgewandt vorgebrachten Unsinn. Von nicht geringerer Bedeutung ist die Gabe der Faszination, die nicht jeder besitzt. Titel und Namen bilden den Schluß dieses betrüblichen Reigens, denn sie sind meist wichtiger als das Vorgebrachte. Und die wissenschaftliche Literatur tut das ihre für den, der von der Schulwissenschaft die Lösung erwartet, denn «was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen», spottet Goethe im Faust. So kann man lange warten und muß doch eines Tages ganz allein die dunkle Pforte durchschreiten. Ich hoffe nach diesen Erläuterungen, daß der Leser nicht enttäuscht sein wird, wenn er in den folgenden Erlebnisberichten eher jenseitige Zustände als das Jenseits schlechthin geschildert findet.

Ideoplastie als Problem der Wirklichkeit

Wie schwierig es ist, subjektive Bedingungen von den objektiven Gegeben- heiten abzugrenzen, weil auch das Subjektive zu einer objektiven Realität werden kann, zeigen die in diesem Kapitel dargestellten Erfahrungen. Es ist im feinstofflichen Bereich nicht anders als im physischen Zustand - wir prägen zu einem großen Teil die uns umgebende Wirklichkeit, nur zeigen sich die Auswirkungen unseres Denkens und Handelns meist nicht so direkt wie im außerkörperlichen Zustand. Wenn man diese Sache sehr genau betrachtet, dann ergibt sich die Einsicht, daß es unmöglich ist, zwischen subjektivem und objektivem Realitätsanteil zu unterscheiden. In der Physik spielt diese Überlegung eine sehr wichtige Rolle, und Sir Arthur S. Eddington, der Astrophysiker, hat sie als selektiven Subjektivismus bezeichnet - in seinem Buch «Philosophie der Natur- wissenschaft». Im außerphysischen Zustand wirkt sich die subjektive Komponente bei der Wechselwirkung mit dem Objekt viel direkter aus und kann deshalb relativ einfach in ihrer Wirkungsweise beobachtet werden:

Ich stehe in einem Zimmer, das ich noch nie gesehen habe, und bin mir voll der Tatsache bewußt, außerhalb meines Körpers zu sein. Es scheint sich - ausstrahlungsmäßig beurteilt - um eine tiefere Schwingungsebene zu handeln. Die Möblierung des Zimmers wirkt solide und ist hübsch. Am meisten fällt mir ein Tisch auf, auf dem eine große Schale steht, die mit verschiedenartigem Obst gefüllt ist. Die großen Stücke liegen lose aufeinander, so daß dazwischen Lücken ausgespart bleiben.

Ich betrachte eine Weile alles ganz genau und vergleiche diesen Zustand vor allem mit anderen Seinszuständen. Schließlich entschließe ich mich, ein Experiment durchzuführen. Zwischen den Obststücken will ich eine Schlange erscheinen lassen. Ich imaginiere ein solches Kriechtier, ohne mir dabei eine bestimmte Art vorzustellen. Kaum habe ich damit begonnen, da wird mein Wunsch realisiert. Allerdings kriecht keine ausgewachsene Schlange zwischen den Obst- stücken hervor und drängt sie durch ihre Größe zur Seite - nein - nur ein kleines Schlänglein windet sich langsam heraus. Ich kann das Muster der Haut gut erkennen. Ich möchte das Schlänglein wachsen lassen und nähre es durch diesen Wunsch, so daß es immens an Größe zunimmt. Jetzt suggeriere ich mir absichtlich Angst und versetze mich so in einen ängstlichen Zustand. Mit dieser Suggestion verändert sich aber auch das Aussehen der Schlange: sie wird nicht nur größer, sondern bekommt zudem eine unheimliche magische Ausstrahlung und beginnt sich feindlich gegen mich zu wenden. Auch ihr Wirklichkeitscharakter ändert sich, denn sie hat eine Art seelische Realität gewonnen, die sie vorher nicht zeigte, als sie zwischen dem Obst hervorkroch. Da hatte sie den gleichen Realitätsgehalt wie alles in diesem Zimmer. Ich muß nun dagegen einschreiten, denn es ist abzusehen, daß eine weitere Steigerung mich überwältigen würde. Was dann geschähe, läßt sich abschätzen: Ich würde verschlungen und mich in einen schrecklichen Alptraum verwickeln. Die Umgebung würde verschwinden und ein Schmerz sich an mein Herz krallen - in Angst und Schrecken müßte ich erwachen. Aber soweit wollte ich es nicht kommen lassen, einem selbstgeschaffenen Wesen zu erliegen. Mutig trete ich dem Untier ent- gegen. Sofort schrumpft die Schlange ein und verschwindet zugleich in der Schale.

In jüngeren Jahren erwachte ich einmal auf einer unbekannten Ebene. Ich spürte an der beinahe düsteren Umgebung, daß ich hier nichts besonders Schönes erleben würde, aber doch, wie festgebannt war. In meiner Nähe stand eine Hütte. Wie wäre es, einen kleinen Streich zu spielen und sie anzuzünden, da ja doch kein Schaden entstehen würde und ich nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte? Ich betrat die Hütte. Stroh und Holz waren genug darin, und sonderbar, Zündhölzchen hatte ich auch gleich zur Hand. Ein Häufchen war bald gerichtet und angezündet - aber es wollte nicht richtig brennen. Hoffnungsvoll und ängstlich zugleich sah ich zu, wie die Flammen die einzelnen Halme umzingelten, und wußte nicht, daß ich selbst es war, der durch die Furcht vor einem Mißlingen den Brand verhinderte. Diese Erfahrung zeigt, daß man bei der Ausformung einer ideoplastischen Vorstellung wohl den richtungweisenden Impuls gibt, die Formung selber

dagegen von einem geheimnisvollen «Es» besorgt wird. In einem unfaßbaren Zusammenspiel eigener Vorstellungsimpulse mit objektiv gegebenen Gestal- tungskräften bildet sich ein in seiner Realistik nicht mehr überbietbares Wesen aus, das sogar ein echtes Eigenleben gewinnt und seinen «Schöpfer» zu vernichten droht, d. h. sein Ich-Bewußtsein auszulöschen sich anschickt. Man kann sich gut vorstellen, zu welchen schwerwiegenden psychischen und physischen Störungen ein Mißbrauch dieser Kräfte führen wird. Karl Ludwig Schleich (1859-1922), der Arzt und Erfinder, hat erkannt, daß in der Hysterie eben diese gewaltige Kraft der ideoplastischen Ausformung vorhanden ist, und wollte deshalb die Bezeichnung «Hysterie» durch «Phantiasis» ersetzen. Er betrachtete die Hysterie bzw. Phantiasis nicht als eine Krankheit, sondern als «eine Ausschweifung, eine Arroganz, einen Eingriff in den Bezirk friedlicher Zellen, eine «formschaffende Ideenver- drehung». Die Krankheitssymptome der Hysterie sind also bloß sekundär, d. h. sie werden durch die ideoplastischen Impulse hervorgerufen. Schleich berichtet von einem drastischen Erlebnis mit einer Dame in seiner Ordination:

Die Frau hörte das Summen eines elektrischen Ventilators und rief aus:

«Ach, wie das summt! Wenn das nicht eine Biene ist, die mich stechen will! Wenn sie mich nur nicht ins Auge sticht!» Während Schleich sie zu beruhigen suchte, entstand auf dem Augenlid eine dicke Geschwulst in der Größe eines Eies von teigiger Konsistenz, die sehr schmerzhaft war.

Wenn sich im physischen Bereich die Ideoplastie schon - bei empfindsamen Menschen - derart auswirkt, dann wird es nicht überraschen, daß man im Feinstoff solche Vorgänge sozusagen werkstattmäßig beobachten kann. Stets sind auch dabei zwei Faktoren beteiligt: der subjektive und der objektiv gegebene. Zum Thema der Ideoplastie äußerte sich einmal durch das Medium Sloan eine «direkte Stimme», von der Findlay berichtet. Entgegen der Meinung, daß Medien nur Banales zu sagen wüßten, finde ich die Formulierung treffend und richtig:

«Hier (im Jenseits) haben wir die Macht, ätherische Materie unseren Gedanken entsprechend zu formen. So sind denn unsere Häuser die Erzeugnisse unseres Vorstellens. Wir denken, und eben damit bauen wir. Es handelt sich dabei um Gedankenschwingungen, und solange wir diese beibehalten, können wir den Gegenstand ‹halten›, der währenddessen für unsere Sinne objektiv ist.» «Unsere Welt ist nicht stofflich», so heißt es an anderer Stelle, «und doch ist sie wirklich; sie ist greifbar, bestehend aus Stoff von sehr viel höherem Schwingungsgrade als die Materie der Euren. Unser Geist kann daher in andrer Art auf sie wirken als der Eure auf das Stoffliche Eurer Welt. Wie unser Geist ist, so ist unser Zustand.»

Unrichtig ist die Auffassung, daß bei diesen Bildungen Feinstoff neu entste- hen würde. Der Feinstoff ist bereits vorhanden, es kommt nur zu vorüber- gehenden Formungen, deren Existenzdauer von der ideoplastischen Ener- giezufuhr abhängt. Auch die grobstoffliche Materie wandelt sich - wenn auch langsam. Alles ist im Fluß. Die Wandlungsfähigkeit erhöht sich durch die feinere Substanz und die höhere Frequenz. Und weil die ideoplastische Impulsgebung nicht völlig alleine in die ent- sprechenden Bildungen sich umsetzt, sondern stets ein Feinstoff vorhanden ist, der eigenen Gesetzesmäßigkeiten unterliegt, kommt es zu einem Wech- selspiel, und die entstehende Ausformung enthält Subjekt- und Objektanteile in einer untrennbaren Vermischung. Wenn ich ein Kaleidoskop baue und die Teile selber auswähle, kann ich dennoch nicht voraussagen, welches bestimmte Muster nach einer Drehung entsteht. Ähnlich erging es mir wohl bei der Schlange. Ich habe mir «Schlange» gedacht, also den Richtungsimpuls zur Realisierung gegeben, aber nicht die eigentliche Ausformung übernommen. Auch im physischen Bereich gebe ich bloß den Anstoß zu einer Bewegung, habe aber nichts zu tun mit ihrer Ausführung. Ich kann sie bloß als ausgeführte Bewegung kontrollieren, genauer gesagt, sie mit meinem Wunsch vergleichen und dem, was ich beabsichtigt habe. Wer sich im feinstofflichen Bereich aufhält, muß die Möglichkeiten der ideoplastischen Ausformungen berücksichtigen, besonders bei Begegnungen mit anderen Wesen dieser Ebenen. Für diese Wesen ist es ein Leichtes, ihre äußere Form ideoplastisch zu verändern. Eine Truggestalt kann zuerst schreckhaft und dann strahlend schön sein - und umgekehrt! Die Wirkung wird noch verstärkt, wenn der Mensch mit seinen eigenen Wünschen, Ängsten und sonstigen Vorstellungen diesen Verwandlungskünsten entgegenkommt und sie dadurch verstärkt. Dann erscheint ein Teufel ebenso leicht wie ein Engel - oder gar ein Chri- stus! Nicht nur so als schemenhaftes, unreales Bild, sondern greifbar, han- delnd und sprechend. Das Erlebnis ist für den Betreffenden überwältigend und läßt seine eventuell noch vorhandene letzte Selbstkritik nur so dahin- schmelzen. Von niemandem mehr darf es skeptisch betrachtet werden, an der Echtheit seiner Erfahrung gibt es keine Zweifel! Selbst wenn man solchen Leuten vor Augen führt, daß beim Vergleich solcher Verkündigungen mit anderen der «Herr» sich in böse Widersprüche verwickeln würde, können sie die eminente Gefahr des Irrtums nicht einsehen. Auch kollektive Ideoplastien geben keinerlei Gewähr für eine objektive Wirklichkeit des Gesehenen - und selbst wunderbare Kraftübertragungen, wie sie z. B. bei Geistheilungen beobachtet werden, legen noch lange kein sicheres Zeugnis ab für die Echtheit bestimmter Persönlichkeiten oder die Richtigkeit einer Religion. Für manche mag dies etwas verwirrend erscheinen. Aber das Jenseits ist bis zu einer gewissen Stufe ein ausgesprochener Irrgarten, ein Labyrinth der

Täuschungsmöglichkeiten. Das Wissen um diese Zustände zusammen mit der Ausbildung eines klaren Bewußtseins mit einem voll erhaltenen Erinne- rungsvermögen bilden die unabdingbaren Voraussetzungen für ein Zu- rechtfinden. Drei weitere Beispiele sollen zeigen, wie Gedankenideoplastien im Verlauf der Beobachtungen als solche erkannt werden konnten. Als erstes ein eigenes Erlebnis:

Meine Mutter starb im Alter von 87 Jahren. Erst zwei Jahre vor ihrem Hinscheiden zeigte sich ihre todbringende Krankheit, bei der sie rasch und erschreckend abmagerte. Sie lebte nach dem Tode des Vaters noch lange mit meiner Schwester zusammen. Ein besonders hervorstechender Zug meiner Mutter war ihr Schönheitssinn. Für alles in dieser Hinsicht bekundete sie ein reges Interesse und sah selbst bis ins hohe Alter hinein viel jünger aus, als sie nach Jahren alt war, und war deswegen schwer zu schätzen, zumal sie nur wenige graue Haare hatte. Mein eigener Sohn unterschied als Kind zwischen der ‹alten› und der ‹schönen› Oma, worüber sie natürlich hoch erfreut war, als ihr das ein- mal zu Ohren kam. War ich zu Besuch, so wurde selbstverständlich zunächst mein Äußeres einer liebevollen Kritik unterzogen. Nach ihrem Hinscheiden konnte ich aus mehreren Gründen annehmen, daß ich nicht sogleich eine jenseitige Verbindung zu ihr bekommen würde. Vor allem bedurfte sie der Ruhe und Besinnung. Selbst unternahm ich natürlich nichts. Etwa drei Monate später sah ich sie im Schlaf deutlich vor mir - ver- jüngt und in alter Frische. Mitten im Schlaf geschah das - also nicht aus einem Traum heraus! Sie saß am Balkon ihrer Wohnung in Gedanken versunken. Ich kannte die Umgebung, aber sie erschien mir nicht besonders deutlich, etwas durchsichtig und verändert, was mich wunderte. Noch mehr überrascht war ich, als ich meine Schwester in der angren- zenden Küche sah, ebenso unwirklich, wie alles um sie her. Sie nahm nicht die geringste Notiz von mir und schien wie eine Traumfigur meiner Mutter zu sein. Oder sollte ich mich doch selber in einem Traum befinden? Aber da waren doch deutliche Unterschiede. Dort die fast gespenstische Umge- bung, und da die lebendige Mutter in aller Deutlichkeit. Ich wendete meine Aufmerksamkeit wieder ganz meiner Mutter zu, und ihr Gesicht verriet bald, daß sie mich erkannte. Nun dachte ich, daß der Tod eigentlich keine so große Macht über den Menschen habe; zuerst der Verfall und dann das Wiederauferstehen. Dabei stellte ich mir ganz eindringlich vor, wie meine Mutter auf dem Sterbebette ausgesehen hatte. Sonderbar - mein Imaginationsvermö- gen war plötzlich bedeutend gesteigert. Beide Gesichter begannen sich

zu überdecken - und dann erlebte ich etwas Merkwürdiges und Bestürzendes:

Die Züge meiner Mutter veränderten sich, und sie blickte mich derart beleidigt, ja bösartig an, wie es mir aus meinem ganzen Leben bei ihr kaum erinnerlich ist. - Mir dämmerte die Erkenntnis: Sie konnte meine Gedanken sehen! - Dann mußte aber das, was sich mir als ihre Umgebung darbot, aus ihrer eigenen Gedankenwelt entspringen. Und so war nun auch die Anwesenheit meiner Schwester geklärt. Ich sah meinen Fehler ein und zog eine Lehre aus diesem Vorfall. Ge- danken sind eben doch nicht zollfrei - und drüben schon gar nicht. Das hätte ich eigentlich wissen müssen.

Der Sterbevorgang ist etwas in seiner Vergänglichkeit Intimes und soll nicht als dominierendes Ereignis bei einer solchen Begegnung erinnert werden. Genauso unpassend wäre es, einen Freund bei jedem Treffen auf ein ihm besonders unangenehmes Ereignis aufmerksam zu machen. Meine Mutter hatte sich eine eigene ideoplastische Welt geschaffen, die für sie bestimmt dichter und damit realer erscheinen mußte als für mich, der die Bildungen bloß von außen sah.

In der Literatur fand ich ein paar Stellen, die mir das Vorhergehende bestätigten:

W. H. Tenhaeff berichtet in seinem Werk «Jenseitskontakte» vom Arzt Dr. Wiltse:

Als der Arzt sich seines Ablebens bewußt geworden war (zu Unrecht, denn er war bloß scheintot, wie sich später herausstellen sollte) und nun bald Engel und Teufel zu sehen erwartete, sah er tatsächlich beide vor sich, und - so gibt er an: «Sie sahen aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Als ich sie aber genauer in Augenschein nahm, entdeckte ich, daß sie nicht wirklich da waren, sondern nur meine eigenen Gedanken diese schemenhaften Formen angenommen hatten -.»

Der Arzt Albert de Rochas (1837-1914), der als einer der ersten Hypnose- Rückführungen über die Geburt hinaus versuchte, schreibt im Werk «Die aufeinanderfolgenden Leben» von einem Medium namens Mireille, das sich unter anderem äußerte:

«- Hier breitet sich mein Blick nach allen Richtungen mit einem einzigen geschärften Sinne aus, der mich mit Gegenständen in Verbindung bringt, die er sonst nicht wahrnehmen konnte. Unter diesen Gegenständen sind die Gedanken der Sterblichen, die im Raume kreisen. Unglücklicherweise kann ich ihre Natur nicht gleich unterscheiden und bin dem Irrtum ausgesetzt, sie mit materiellen Substanzen zu verwechseln, so wie wir in den Alpen nur dazu gelangen, den ewigen Schnee von den Wolken zu unterscheiden, die ihn krönen, wenn wir deren Formveränderungen betrachten.»

Auch Mireille führt die Veränderlichkeit als ein mögliches Unterschei- dungskriterium an, was wiederum ein sachlich gründliches Beobachten

erfordert, ohne das es nicht geht. Vorurteile und Emotionen trüben den Blick, und die Flüchtigkeit rächt sich. Hier ist wieder ein besonders stabiles und ausgewogenes Ich-Bewußtsein notwendig. Kant schreibt: «Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier fin- den sie ein unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können.» So geschieht es denn auch. Unwissenheit über Art, Verschiedenheit und Ursachen des Geschauten und Gehörten führt beim Sehenden wie beim Forschenden zu Fehlurteilen. Bei den Berichten ist es manchmal schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das meiste muß dahingestellt bleiben. Nur darf man nicht nach dem alten Sprichwort «Wer einmal lügt, dem glaubt man nimmer» einfach alles in Bausch und Bogen ablehnen. Das Kind wird auf diese Weise gleich mit dem Bade ausgeschüttet. Das Aufdecken von Täuschungen und der Nachweis von Trugschlüssen sind bei jenen Sehern, Mystikern und Propheten, die schon vor langer Zeit gelebt haben, kaum durchzuführen. Die persönlichen und zeitlichen Umstände können nicht so weit rekonstruiert werden, als daß sichere Aussagen über Irrtümer möglich wären.

K. O. Schmidt sieht die Sache wohl etwas zu positiv, wenn er schreibt:

«Dem Mystiker gelingt es zuweilen, sich auf dem Wege der meditativen Innenschau zu den himmlischen Regionen zu erheben. Zugleich aber versucht er, sich Rechenschaft abzulegen, wie weit das in der inneren Welt Erfahrene subjektiv gefärbt ist und wie weit er seiner inneren Wahrheit und Reife gemäß schon die eigentliche geistige Wirklichkeit erkennt.»

So und nicht anders sollte es sein! Aber das ist ein Wunschbild, das der Tat- sächlichkeit kaum je entspricht. Als Beispiel möchte ich den Seher Emanuel Swedenborg herausgreifen, der sich besonders gut wegen seiner Wahrheits- liebe zur Erläuterung eignet, wie auch durch seine Offenheit, die ihm von allen bezeugt wurde, und sich in seinen Tagebüchern bekundet. Keineswegs bezweifle ich seine hellseherischen Fähigkeiten und auch nicht, daß er mit Abgeschiedenen in Verbindung stand. Seine religionswissen- schaftlichen Verdienste sind unbestreitbar, und sein Kampf gegen den Buchstabenglauben und die Dogmen verdient Anerkennung, hat er ihn doch zu einer Zeit ausgefochten, die darin viel Mut erforderte. Aber jedem, der sich gründlich und vorurteilsfrei mit den Schriften Swe- denborgs befaßt, und der einigermaßen in jenseitigen Dingen Bescheid weiß, wird deutlich werden, daß Swedenborgs Schauungen nicht weit über die unteren Schichten des Feinstofflichen hinausreichen, und daß er nicht fähig gewesen ist, hier genau zu analysieren. Ohne kritische Selbstkontrolle stand er allem gegenüber, was sich ihm da bot. Ideoplastien und fremde Wesenheiten galten ihm als unbedingt und kritiklos akzeptabel. Auch wenn auf derselben Stufe einander Engel und Teufel begegnen, die sogar mitein- ander streiten, oder Patriarchen auftreten und ihn belehren - es kommen Swedenborg nicht die geringsten Zweifel an der Echtheit und absoluten

Realität der Erscheinungen. Daß ihm in seinen nächtlichen Visionen eigene Tagesgedanken und religiöse Ideen ideoplastisch geformt und dramatisiert entgegentreten könnten, war ihm undenkbar. Und so wurde auch jeder in die Hölle verdammt, der es irgendwie wagte, etwelche Zweifel an der Echtheit seiner Visionen anzubringen oder ihn gar gegnerisch anzufechten. Was den Werdegang des Sehers Swedenborg betrifft, ist zu berücksich- tigen, daß sein Vater evangelischer Bischof und seine Familie allgemein sehr fromm gewesen war. Von übersinnlichen Phänomenen wird berichtet, zu welcher paranormalen Veranlagung sich bei Swedenborg noch eine Praktik gesellte, die verstärkend wirkte. Er hatte nämlich die Angewohnheit, sich bei Gebeten und konzentriertem Denken einer bestimmten Atemtechnik zu bedienen, die sehr an gewisse Yoga-Übungen erinnert. Darüber schreibt er:

«Ich bemerkte dann mehrere Jahre, daß eine stille Atmung vorhanden war, die kaum bemerkbar ist. Später wurde mir gewährt, darüber nachzudenken und zu sprechen. Auf diese Weise wurde ich seit meiner Kindheit an solche Respiration gewöhnt, besonders durch intensive Spekulationen, bei denen die Atmung aufhört.»

Eine Christusvision bildete den Ausgangspunkt von Swedenborgs religiöser Lehrtätigkeit:

«Um zehn Uhr ging ich zu Bett und mehr als eine halbe Stunde später hörte ich ein Geräusch unter meinem Kopf. Durch dieses unbeschreibli- che Geräusch wurde ich erschüttert und auf mein Angesicht geworfen. (Es folgt nun die Christusvision.) - Dann erwachte ich mit einem Zittern.»

Die angegebenen Charakteristiken lassen unschwer auf eine Exteriorisation schließen! Nach der Schilderung der Vision, die Swedenborg schwer erschütterte, fährt er in seinem Bericht fort:

«Ich war in einem Zug von Gedanken. Ich dachte: Was kann dies be- deuten? War es Christus, der Sohn Gottes, den ich gesehen habe? Aber es ist sündig von mir, daran zu zweifeln. Doch da wir das Gebot haben, die Geister zu prüfen, so überlegte ich alles, und aus den Ereignissen der vorigen Nacht erkannte ich, daß ich während dieser Nacht vom Heiligen Geiste gereinigt und umhegt und bewahrt und zu diesem Zweck bereitet worden war, und bedachte weiter, daß ich auf mein Angesicht gefallen war, und überlegte die Worte, die ich ausgestoßen hatte, und bedachte, daß das Gebet nicht von mir gekommen war, sondern in meinen Mund gelegt wurde (die Bitte, ihn seiner Gnade würdig zu machen?!), aber so, daß ich es war, der sie sprach, und weiter, daß alles heilig war (!). Aus all dem erkannte ich, daß es der Sohn Gottes selbst war, der mit einem solchen Geräusch herabgekommen war, daß ich dadurch auf den Boden hingestreckt wurde, und daß er es war, der das Gebet gebildet hatte und der dadurch selbst bekundete, daß er Jesus sei.»

Interessanterweise berichtet Swedenborg nun weiter:

«Als ich erwachte, begann ich zu denken, ob all das nicht reine Phantasie sei, und da bemerkte ich, daß ich in meinem Glauben wankend wurde. Ich preßte daher meine Hände zusammen und betete, daß ich doch in meinem Glauben gefestigt werden möge, was auch sofort eintraf.»

Hieraus kann man ersehen, daß Swedenborg selbst nicht alles geheuer war, und sich sofort Zweifel einstellten, die er mit seinem Glauben zudeckt, den er noch eigens durch das Gebet erfleht. Er ist derart von seiner religiösen Erziehung her geprägt, daß er sich jeden Zweifel und jede kritische Einstel- lung dem Thema gegenüber verbietet. Und so gelangt er immer mehr unter fremde Einflüsse. Daß ihm das Gebet, das er während der Vision spricht, von der erschienenen Gestalt eingegeben wird, stört ihn trotz des darin liegenden Widerspruches auch nicht weiter. Später melden sich andere Einflüsse.

«Ich erfuhr verschiedenartige Heimsuchungen durch böse Geister, wenn ich in Versuchungen war und wenn ich späterhin etwas schrieb, wogegen die Geister Abneigung hatten, wurde ich fast von ihnen besessen.» «Ja, ich habe sogar ganze Seiten geschrieben, und die Geister diktierten dabei nicht nur die Worte, sondern führten selbst vollständig die Hand und schrieben so selber, sie schrieben, wie ich erfahren habe, sogar das, was ich selbst gar nicht dachte.»

Spätestens hier hätte Swedenborg aufmerksam und skeptisch werden müssen, denn er ist zu einem Schreibmedium in Teilbesessenheit geworden. War schon die biblische Aufforderung zur Prüfung der Geister sehr kläglich ausgefallen, so geriet Swedenborg jetzt immer mehr in Abhängigkeit und Unselbständigkeit, und schließlich werden ihm die üblichen Scheuklappen empfohlen:

«In der Nacht vom 25. auf den 26. April wurde mir in einer bestimmten Weise vorgestellt, daß ich mich nicht selbst mit der Lektüre von anderen Büchern beflecken sollte, die von Theologie und ähnlichen Dingen handeln, weil ich die vom Wort Gottes und vom Heiligen Geist habe.»

Der Forscher und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) äußerte sich zu den Gesichten der alttestamentlichen Propheten mit einigen stau- nenswerten Gedanken, die gut in unseren Zusammenhang passen. In einem Brief an die Herzogin Sophie von Braunschweig-Lüneborg heißt es:

«Ich stelle mir manchmal vor, daß Hesekiel die Architektur erlernt hatte oder daß er Hofingenieur war, weil er prachtvolle Visionen hat und schöne Bauwerke erschaut. Aber ein Prophet vom Lande, wie Hosea und Amos, erblickt nur Fluren und ländliche Bilder, während Daniel als ein Staatsmann die vier Weltmonarchien einteilt.»

Und Ernst Benz sagt:

«Die Geschichte der christlichen Propheten zeigt von ihren Anfängen an, daß das Korn der Visionäre oder prophetischen Intuition nur auf dem Halm der menschlichen Anschauung wächst.»

Das Problem des subjektiven Anteils am Geschauten bleibt ungelöst, weist aber zentral auf die unbedingt geforderte Skepsis gegenüber allen Erschei- nungen hin. Auch die erschütterndsten Erlebnisse dürfen nicht überschätzt werden, gerade weil in der Erschütterung ein gehöriger Teil subjektiv bedingt ist. Was den einen in den Grundfesten seiner Weltanschauung ergreift, nimmt der andere gelassen hin, weil er nicht die gleiche Weltanschauung hat. Eine eigene Erfahrung mag diese Frage noch einmal zur Erörterung bringen:

«Aus einem verworrenen Traum heraus wird es klar um mich, und das volle Bewußtsein setzt ein. Bald bin ich mir über meine Situation bewußt. Die Umgebung ist nur undeutlich zu sehen, ein Wallen und Wogen. Plötzlich lösen sich daraus Formen, und in der Mitte entsteht eine weibliche Gestalt, ein Bild der Anmut, Reinheit und Schönheit - anziehend und zugleich in hoheitsvoller Art abweisend. Das Abweisen geschieht ungewollt und nicht aus Stolz, denn jeder Stolz, ja schon eine Spur von Überheblichkeit hätte die Anmut und mit ihr alle anderen Eigenschaften zerstört. Noch nie in meinem Leben habe ich etwas Ähnliches gesehen - ich staune! Wie weit doch die menschliche Gestalt idealisiert werden kann. Zu meinem Glück beachtet mich die Erscheinung nicht, sondern steht, halbseitlich abgewandt mit etwas oder jemandem beschäftigt und neigt sich leicht abwärts. Das ermöglicht mir, mich ungestört in das himmlische Bild zu vertiefen. Dann beginnt der Schleier erneut zu wogen - ich erwache - tief bewegt!

Der folgende Tag stand noch ganz unter dem Eindruck dieser Schau, und es gelang mir kaum, mich davon loszureißen. Das Bild selber spielte keine Rolle mehr! Nur das innere Erleben klang so heftig nach, denn vom äußerlich Geformten war kaum mehr etwas übrig geblieben in meiner Erinnerung. Ein Grieche aus früheren Zeiten würde diese Frau als die «göttliche Aphro- dite» bezeichnet haben, ein Christ als die «Himmelsjungfrau», und ein alter Germane hätte sie als «Freya» oder als «Elfenkönigin» bezeichnet. Hätte diese Frau noch ein Kind im Arm getragen, dann wäre sie je nach dem als «Göttermutter Isis mit dem Horusknaben», als «Devaki mit dem jungen Krishna» oder als «Maria mit dem Jesuskind» benannt worden. Daß ich alleine und nur aus eigener ideoplastischer Gestaltungskraft heraus solch ein Bild hätte schaffen können, ist nicht denkbar und würde eine Überheblichkeit sondergleichen bedeuten. Die Strahlungskraft dieses Wesens war dafür viel zu stark.

Jetzt aber kommt der springende Punkt! Ich hüte mich, über diese Person

ein Urteil abzugeben und sie irgendwie einzuordnen als das oder als jenes. Was sie war, spielt im Grunde keine Rolle. Viel wichtiger ist es, daß ich einmal ein solches Wesen habe sehen dürfen, und dieses Erlebnis unaus- löschlich in mir haften bleibt. Zum Überbringen jenseitiger Botschaften fühle ich mich nicht berufen - und wäre ich auch schlecht geeignet mit meiner kritischen Einstellung. Vielmehr geht es mir darum, jedem einzelnen den Weg zum Jenseits als begehbaren Weg aufzuweisen, den er auch dann gehen kann, wenn er eine selbstkritische und skeptische Einstellung beibehält!

Schwingungsebenen

1. Mose28, 10-12:

«Jakob aber zog aus von Beerseba und machte sich auf den Weg nach Haran. Da traf es sich, daß er an die heilige Stätte von Bethel kam, und er blieb daselbst über Nacht; denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen von den Steinen der Stätte, tat ihn unter sein Haupt und legte sich an dieser Stätte schlafen. Da träumte ihm, eine Leiter sei auf die Erde gestellt, die mit der Spitze an den Himmel rührte, und die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.»

Als Kind stellte ich mir vor - besonders da im Unterricht über biblische Geschichte zu dieser Stelle ein mir heute noch in Erinnerung gebliebenes Bild gezeigt wurde -, daß tatsächlich eine unsichtbare Leiter in den unsichtbaren Himmel hinaufführt, in einen Himmel, den ich mir als Region über den Wolken dachte. Und da Jesus im NT sagte: «In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen!», mußte es doch so sein, daß es Wohnungen sind, die eher horizontal in einer Ebene nebeneinander liegen. Darunter lagen nur das Fegefeuer und die Hölle. Diese kindlich naiven Ansichten wurden durch meine späteren Erfahrungen vollständig umgestoßen. Jakob würde in der modernen Zeit eher von einem Lift geträumt haben, der die verschiedenen Ebenen verbindet. Mir selber ist dieses Bild aus einem Erlebnis bekannt:

Mitten in der Nacht glaube ich aufzuwachen, merke aber schnell, daß ich nicht im physischen Körper bin, sondern frei außerhalb in einem dunklen Raum schwebe. Ohne mein Zutun setzt eine sogartige Bewegung ein, die mich nach oben zieht - wenigstens fühle ich es so, da ich mich optisch nicht orientieren kann. Langsam wird es heller, eine trübe Gegend wird sichtbar, in der düste- re Gestalten sich aufhalten. Ich will nicht hier bleiben und so geht es weiter. Wieder wird alles für eine kurze Zeit unsichtbar wie bei einem Lift zwischen den Etagen. Dann erscheint das neue Stockwerk. Eine liebliche Landschaft breitet sich aus, aber bevor ich sie genauer betrachten kann, entschwindet sie schon wieder meinen Blicken und macht neuerlicher Finsternis Platz.

Bald darauf endet die Aufwärtsbewegung, das Ziel scheint erreicht. Ein herrliches Bild von strahlendster Lebendigkeit bietet sich meinen Augen. Liebliche Wiesenmatten mit Blumen geschmückt, Wälder und Hügel tun sich auf. Alles überwölbt von einem Himmel in reinstem Blau. Ich atme tief die duftende Luft und die glückselige Atmosphäre dieses Ortes in mich hinein und möchte schier niedersinken vor Glück. Doch diese Pracht währt nur wenige Minuten, und wie ich gekommen bin, geht es wieder zurück, zurück in den Alltag - mit Wehmut im Herzen, aber auch mit der Erinnerung an ein wunderbares Erlebnis!

Ähnliche Auf- und Abfahrten erlebte ich noch ein paar Mal, und es steht für mich ohne Zweifel fest, daß es sich hier nicht einfach um Träume handelt, sondern um Realitäten jenseits unserer irdischen Realität, um Wirklichkeiten, die der gewohnten Wirklichkeit um nichts nachstehen. Mit dem Weltbild meiner Kindheit lassen sich solche Erfahrungen nicht in Einklang bringen. Ich wußte aber bei vielen Erfahrungen dieser Art nicht, daß die verschiedenen Ebenen mittels verschiedener Frequenzstufen erklärt werden könnten, die sich gegenseitig durchdringen. Wechselt man von einer Schwingungsebene auf die andere, dann wird dieser Wechsel oft in die gewohnte physiologisch-psychologisch genormte Empfindung des Hinauf- oder des Hinunterbewegens umgesetzt. In der Regel allerdings erwacht man einfach auf einer dieser Frequenzebe- nen und macht den Übergang nicht bewußt mit. Ausnahmsweise kommt es auch vor, daß man zwischen den «Etagen» steckenbleibt und dann sozusagen im Nichts und in der totalen Dunkelheit schwebt, was sehr unangenehm sein kann. Die schon beschriebene «astrale Starre» bildet eine solche Panne innerhalb des untersten Grenzübergangbereiches zwischen dem feinstofflichen und dem physischen Körper - knapp vor der Endstation. Zwischen den Schwingungsebenen wird auch das Flimmern der Netzhaut, das man bei geschlossenen Augen in der Dunkelheit gut erkennen kann, nicht mehr gesehen - es herrscht echte absolute Finsternis!

Bei vollem Bewußtsein bin ich irgendwo, kann aber überhaupt nichts erkennen. Weil ich an außergewöhnliche Zustände gewöhnt bin, läßt sich das Grauen überwinden. Ich stelle mich ganz auf ein Beobachten ein. Zuerst einmal fällt mir auf, daß ich überhaupt nichts mehr sehe. Es ist anders als sonst in der Dunkelheit, denn da ist immer noch das Flimmern der Netzhaut zu erkennen. Nie hätte ich gedacht, daß es so etwas geben könnte. Es ist das schwärzeste Schwarz meines Lebens, eine absolute Finsternis. Avichi, das Wellenlose, nennt es der Inder. Es scheint natürlich nur als wellenlos. Nur einmal geriet ich hinein. Bevor ich wieder in meinem physischen Körper aufwache, erscheint plötzlich eine leuchtend grüne Hand mit ausgespreizten Fingern. Was sie zu bedeuten hat, blieb mir bis heute ein Rätsel.

Gerade der totale Ausfall auch der Netzhautempfindungen weist darauf hin, daß eine zeitweilige Loslösung vom Physischen durchaus möglich ist. Die Schwingungsebenen scheinen ähnlich wie bei einem Radioapparat angeordnet zu sein. Grundsätzlich durchdringen sie sich gegenseitig. Welche Ebene man konkret erwischt, das hängt ganz davon ab, wie man als Empfänger eingestellt ist, d. h. welche Frequenzstufe eingenommen wird. Gerät man zwischen zwei Wellenbereiche, ist man gewissermaßen in einem stummen Niemandsland. Merkwürdig ist die Erfahrung, daß es manchmal gelingt, von der einen Schwingungsebene aus auf die nächstuntere wie durch ein Loch hindurch hinunterzublicken. Weshalb das möglich ist oder wie es zu erklären wäre, ist mir nicht bekannt:

Auf einer Klippe erwache ich in vollem Bewußtsein. Die bewährte Bewußtseinskontrolle erübrigt sich, denn in Sekundenschnelle erfasse ich die Situation und weiß, daß ich im Schlafe liege und außerhalb des Physischen in irgendeiner Schicht des Feinstoffs bin. Irgend etwas zwingt mich, von der Klippe hinunterzuschauen. Da brodelt dichter Nebel, der sich zerteilt und damit eine Schicht sicht- bar werden läßt, die unter ihm liegt. Ich erkenne, daß es sich um eine Schicht handeln muß, die mein Gehirn direkt umgibt. Wie Flecken auf der Netzhaut - aber viel lebendiger - bewegen sich geformte Gedanken kaleidoskopartig, verbinden sich zu Kombinationen und lösen sich wieder in Bruchstücke auf. Ideenverkörpernde Gestalten recken sich Türmen gleich in das Nebel- meer hinein, was ich gut sehen kann, weil einige durch das Loch regel- recht zu mir heraufwachsen. Es sind ganze Situationen, die pulsierend entstehen und vergehen. Erinnerungen und unbewußte Impulse treiben das Spiel der Gedankenformen an. Schon einmal hatte ich dieses Erlebnis, aber dieses Mal will ich es besser nutzen. Ich betrachte die einzelnen Stücke ganz genau in der Absicht, etwas ganz Fremdes darunter zu entdecken. Ich sehe, wie sich Vergessenes auftut, wie Erinnerungen sich kombinieren - aber nichts Fremdes ist darunter, alles läßt sich in früher Erlebtes einordnen. Das letze Mal war ich unvorsichtig genug, der Versuchung nicht wi- derstehen zu können, mich mit etwas Bestimmtem aus der Masse des Aufsteigenden zu befassen - ähnlich wie beim Betrachten eines Albums, wo man sich beim Anschauen eines Bildes in der Vergangenheit verliert. Damals wurde ich von der Erinnerungsform gewissermaßen aufgesogen und verfiel in einen Traum und ging damit meines Ich-Bewußtseins verlustig. Nach dem Aufwachen wußte ich genau, wo der Traum begonnen hatte, nämlich eben beim Betrachten dieses einen Gedankens.

Im außerkörperlichen Zustand bei vollem Bewußtsein wirkt sich jede Ausschließlichkeit bewußtseinsmindernd aus, man fällt entweder in einen

Traumzustand oder wacht wieder im physischen Körper auf. Es ist so, als würde jede einseitige Haltung irgendwelcher Art zum Vergessen der eigenen Existenz führen. Wie sehr und wie stark man sich mit einer bestimmten Sache beschäftigen kann, ohne das Ich-Bewußtsein zu verlieren, das hängt ganz von der Stabilität des betreffenden Bewußtseins ab und ist in weitgehendem Maße von der Schulung abhängig, die man sich angedeihen ließ. Ohne Disziplinierung gelingt nichts:

Einmal war ich bei vollem Bewußtsein zwischen einer wogenden und unruhigen Traumwelt und einer höheren Wirklichkeit, wo Stille und Geborgenheit vorherrschte. Plötzlich stand da eine Schale mit Obst - wer hatte sie vor mich hinge- stellt? Sollte es eine Versuchung sein, ob ich willenlos davon esse? Zu gut war mir bewußt, daß ein rein sinnenfälliger Genuß zum sofortigen Bewußtseinsverlust führen würde. Ich beschloß, ein Experiment zu wagen und suggerierte mir ein wenig Lust, etwas vom Gebotenen essen zu wollen. Ich ergriff ein Stück Obst - und sofort trübte sich meine Umgebung, und ein Sog ins Traumhafte war zu verspüren. Beinahe erwachte ich im physischen Körper, weil ich diesem Sog widerstehen wollte. Der Zustand ließ sich jedoch wieder stabilisieren, und ich konnte den Versuch mehrere Male wiederholen, um mir den Vorgang ganz genau einzuprägen. Wenn man einmal an dieser Grenze angelangt ist, erkennt man den Unterschied zwischen den verschiedenen Zuständen drastisch. Es ist ein wahrer Balanceakt, nicht willenlos vom einen in den anderen zu fallen und bedarf großer Disziplinierung und Subtilität.

Wenn die außerkörperlichen Erfahrungen in Exteriorisationen und Seelen- reisen eingeteilt werden, d. h. in Austrittsbereiche, die dem physischen Körper näher oder entfernter sind, dann läßt sich angeben, in welchem Häufigkeitsverhältnis die beiden Erlebnisgruppen zueinander stehen. Bei Sylvan Muldoon ist das Verhältnis zwischen Exteriorisation und Seelenreise 1:0, d. h. er hat zeit seines Lebens niemals eine Seelenreise erlebt. Bei Robert Monroe beträgt es 1:2, bei mir selber 1:20. Andere Autoren haben keine Angaben gemacht, soviel mir bekannt ist. Welches die Ursachen sind, die zu diesen unterschiedlichen Zahlen führen, kann nur vermutet werden. Die Beschäftigung mit dem Jenseitigen und die persönlichen Interessen spielen bestimmt eine große Rolle. Hier wäre noch einige Untersuchungsarbeit zu leisten, die sich mit den individuellen Vorstellungen und Vorlieben auseinandersetzen müßte. In der Esoterik alter Kulturen hatte man stets zwischen verschiedenen Schwingungsebenen unterschieden, ähnlich wie man das elektromagneti- sche Wellenband in bestimmte Spektralbereiche einteilt, etwa in Wärme- strahlen, Lichtwellen, Röntgenstrahlen und Gammastrahlen. Solche Eintei- lungen sind bestens vom Rundfunkempfänger bekannt. Die Einteilungen der Schwingungsbereiche des Feinstoffkörpers sind in manchen Traditio-

nen in subjektiver und zeitbedingter Weise gemacht worden, so daß bei der Übersetzung der Begriffe gewisse Schwierigkeiten auftreten, zumal ein Wort meist nur einen Aspekt einer Sache aufzeigt. Fünf deutlich voneinander verschiedene Schwingungs- und Zustandsebenen

erlebte ich, lange Zeit, bevor ich in diesbezügliches esoterisches Schrifttum Einsicht erhielt.

1. Die physische Umgebung wird unverändert wahrgenommen. Ich kann in

ihr gehen oder schweben, kann Gegenstände durchdringen, aber sie nicht fassen und bewegen.

2. Die physische Umgebung ist noch zu erkennen, aber nicht mehr so deut-

lich. Dafür bemerke ich ein eigenartiges Licht und es treten Erscheinungen

auf, die nicht mehr zur grobstofflichen Realität gehören.

3. Von der physischen Umgebung ist nichts mehr zu sehen. Anderes tritt an

ihre Stelle und baut sich auf aus Erinnerungsteilen aus dem Unbewußten, ideoplastischen Vorstellungen und objektiv gegebenen Faktoren. Selbst bei vollem Bewußtsein wird alles als real empfunden, als fest und greifbar, nur daß man in diesem Falle um diese Dinge weiß und beobachtend über der Situation steht und sogar selbst mitformend eingreifen kann. Bei fehlendem

Bewußtsein ist allerdings kein Eingreifen möglich.

In diesem Bereich gibt es die verschiedenartigsten Zonen, von den Stätten des Grauens mit allen möglichen Schrecknissen bis zu den interessantesten und phantastischsten Gestaltungen, Symbolen und Symbolkomplexen von ungeheurer Ausdruckskraft.

4. Alles in der Umwelt ist hoheitsvoll, edel und Ehrfurcht heischend. An

der Echtheit und Wirklichkeit besteht kein Zweifel - aber es ist eine ganz

andere Wirklichkeit als die der vorhergehenden Stufen. Die Gegenstände,

zumal die Pflanzen, erhalten eine tiefe Leuchtkraft von innen heraus, eine unsagbare Schönheit. Mehr noch - sie wecken durch ihr Dasein auf wun- derbare Weise symbolhafte Gedanken und Empfindungen und sprechen eine eigene Sprache.

5. Die Umwelt wird zur geformten Reinheit und Harmonie, und der Begriff

«Heimat» ist hier in idealster Weise verkörpert. Die in den indischen Veden genannte Einteilung entspricht weitgehend der meinen. Die Körper, die zu den jeweiligen Stufen gehören und in denen man

sich aufhält wie auf der physischen Stufe im materiellen Körper, werden dort Hülsen (Kosha) genannt, wobei für den Gesamtmenschen das Bild einer Zwiebel entsteht. Richtig betrachtet, durchdringen sich die einzelnen Zwiebelschalen gegenseitig!

1. Annamayakosha (die nahrungsartige Hülse): das ist der physische Körper

als diejenige Hülle, die allein Nahrung in der bekannten Form benötigt. 2. Pranamayakosha (die lebenshauchartige Hülse): wird häufig «fluidal» genannt und ist derjenige Körper, den man bei der Exteriorisation fühlt. Er stellt das Bindeglied zum physischen Körper dar.

3.

Manomayakosha (die wunschartige Hülse): eine leicht irreführende Be-

zeichnung. Es ist jene Hülle, in der sich - von unten nach oben gehend - erstmals wirklich oder scheinbar das Gewünschte erfüllt, sei es bewußt oder unbewußt, negativ oder positiv.

4. Vijnamayakosha (die erkenntnisartige Hülse): hier ist man über törichte

Wünsche hinaus und sucht Erkenntnis um ihrer selbst willen.

5. Anandamayakosha (die wonneartige Hülse): der Zustand der höchsten

Glückseligkeit ist erreicht. Es gibt kein Leid und keine Vergänglichkeit mehr. Der Ausdruck «Wonne» ist irreführend, da er mit unseren Anschauungen verbunden ist, die eher der Stufe 3 entstammen. Es ist die Wonne der eigentlichen Heimat, ungetrübt von Wünschen irgendwelcher Art. Meinem eigenen Schema fehlt der Begriff der Erkenntnis, was vor allem darauf zurückzuführen ist, daß ich die verschiedenen Stufen stets bei voll intaktem Ich-Bewußtsein erkenntnisartig zu beobachten trachtete. Und selbstverständlich darf man nicht vergessen, daß zwischen meiner Einteilung und der altindischen ganze Zeiträume liegen. Dennoch ist es erstaunlich, wie sehr sich die aus eigenem Erleben gewonnenen Unterteilungen ähnlich sind. Auf diesem Gebiet gibt es wie überall viele Spekulationen, die sich auf der dritten Stufe in den Wunschwelten beliebig ausformen können und so eine scheinbare Bestätigung finden. Wenn ein «Meister» verkündet und die Schüler es glauben, dann werden sie es auch sehen, weil sich alles auf der Mittelstufe ausbildet. Es gibt Systeme, die dem Schüler bedeuten, daß er die Frucht seiner Bemühungen als akustische Erscheinungen bestätigt bekommt. Das eine System gibt ein Unterscheidungskriterium als Stufe der höchsten Erfüllung, das im anderen System als Anzeichen niedrigster Art gilt. Die erkenntnistheoretischen Probleme, die sich im Bereich der dritten Stufe ergeben, stehen in nichts jenen der modernen Physik nach. Die esoterischen Schulen bevorzugen eine Siebenteilung, meiner Meinung nach mehr aus Vorliebe für die sogenannte «Heilige Zahl» denn aus echten sachlichen Gründen. Wenn die Zahl Sieben auch ihre kosmische Bedeutung hat, besteht keine Notwendigkeit, alles in sie hineinzwängen zu müssen. Vergleicht man die Schemata miteinander, so lassen sich folgende Gemein- samkeiten feststellen:

Der physischen Körperlichkeit schließt sich als nächste Stufe eine feinstoff- lich-fluidale an, die bei allen Überlieferungen als kraftspendende Mittel- und Verbindungsschicht erkannt wird. Dann folgt eine Schicht, in welcher Gefühle und Emotionen ihren Ursprung haben, und Triebe und Instinkte ihre Aktivierung erhalten für die motorischen Äußerungen im Physischen. Darüber kommt eine Zone des Mentalen, in welcher die empfangenen Eindrücke miteinander in Beziehung gesetzt werden. Es ist eine Welt der Gedanken, die hier konkreter und abstrakter lebendig werden. Abschließend dann ein Bereich des Vollendetseins allen Strebens. Niemand hat besser ausgedrückt, was man auf dem Stufenweg empfindet,

wenn man von einer Ebene auf die nächste gelangt, als C. W. Leadbeater (1847-1934) in seinem Buch «Die Meister und ihr Pfad»:

«Selbst wenn wir zum ersten Mal mit vollem und klarem Bewußtsein von der physischen Ebene in die Astral-Ebene emporsteigen, finden wir das neue Leben so viel weiter als irgendeines, das wir bisher kannten, daß wir ausrufen:

‹Ich glaubte zu wissen, was Leben sei, aber ich habe es früher nie gewußt!› Wenn wir auf die Mentalebene übergehen, haben wir dasselbe Gefühl verdoppelt; die astrale war wundervoll, aber sie war nichts im Vergleich zur mentalen Welt. Wenn wir auf die höhere Mentalebene gelangen, machen wir dieselbe Erfahrung wieder. Bei jedem Schritte haben wir dieselbe Überraschung, und kein vorheriges Denken kann uns auf sie vorbereiten, denn sie ist immer weit erstaunlicher als irgend etwas, was wir uns vorstellen können, und das Leben auf allen diesen höheren Ebenen ist eine Seligkeit, für die es keine Worte gibt. Europäische Orientalisten haben Nirvana mit ‹Vernichtung› übersetzt, weil das Wort ‹ausgelöscht› bedeutet, wie das Licht einer Kerze durch einen Hauch ausgelöscht wird. Nichts kann vollständiger der Wahrheit entgegengesetzt sein. Gewiß ist es die Vernichtung all dessen, was wir hier unter dem Namen Mensch kennen.»

(Bei Leadbeater meint «astral» nach den Veden «wunschartig», «mental» bedeutet «erkenntnisartig».) Um einem Mißverständnis vorzubeugen, möchte ich betonen, daß ich we- der Theosoph noch Anthroposoph bin und weder dem Buddhismus noch dem Hinduismus angehöre. Ich kann nur aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus feststellen, daß die östlichen Lehren in vielen Beziehungen äußerst treffend sind. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß ein Erreichen höherer Frequenzstufen, besonders aber der längere Aufenthalt innerhalb einer bestimmten Schwingungsebene, von Faktoren abhängig ist, die nicht allein von den sub- jektiven Voraussetzungen bedingt werden, so daß sich ein Wechsel nicht ohne weiteres erzwingen läßt. Die höheren Ebenen bergen Erlebnisformen, die ein Mensch, der das Erdenleben nur im Wachzustand des physischen Körpers und im Traumzustand durchwandert, nie kennenlernt. Sie haben gar nichts mit Euphorie, Phantastik und interessanter Kombinatorik zu tun und sind auch nicht mit Drogen zu erobern. Dem gewaltsam Eingang sich verschaffen Wollenden entziehen und verschließen sie sich. Das Wort «Paradies» ist als Bezeichnung für die höheren Ebenen zu unbe- stimmt und irreführend. Beschreibungen der höheren Zustände sind beinahe unmöglich und ermüden rasch, weil ihnen die subjektiven Erlebniskom- ponente fehlen. Ernst Benz trifft diesen Sachverhalt gut, wenn er schreibt:

«Unser menschlicher Geist ist so beschaffen oder so verderbt, daß das Ewig-Gute und das Ewig-Schöne uns nach kurzer Zeit monoton und

reizlos erscheint, daß uns selbst die Gesichte der größten Visionäre, die den Himmel beschrieben, auf die Dauer ermüden, ja zum Gähnen bringen.»

Wenn man selber diese höheren Stufen nicht erlebt hat, wird auch die beste Beschreibung keine innere Resonanz erzeugen können. Wer aber aus eigener Erfahrung diese Stufen kennt, wird auch wiedererkennen können, was andere berichten! Dennoch ist es schwer, die wirklich hohen Stufen zu beschreiben, denn jede Beschreibung führt zu Verzerrungen und Mißverständnissen. Jene, die es versuchten, brachten oft bloß mehr oder weniger klägliche Ergebnisse zustande. Das Heilige, das förmlich in die Knie zwingt, das den Menschen klar erkennen läßt, daß das Gesehene und Empfundene nicht der Einbildung entstammt und den besten Beweis für die Existenz eines Höheren bildet - dieses Heilige läßt sich nicht weiter vermitteln. Wer es dennoch versucht, droht die Grenze zur kitschigen Sentimentalität im Nu zu überschreiten. Nur wenigen ist es gegeben, in packender lyrischer Form das Unsagbare auszudrücken. Wer sich als Dichter mit poetischen Gestaltungen des «Himmlischen» zu bemächtigen sucht, kann schließlich nur die tieferen Sphären anschaulich schildern. Ein Beispiel ist Dantes Göttliche Komödie, bei der dieser Mangel schon manchem aufgefallen ist. Schopenhauer kommentierte das etwa in der Weise, daß Dante bei seinem Werk wegen der angeblichen Unmöglichkeit eines jenseitigen Einblicks nur das «irdische Jammertal» zur Vorlage nehmen konnte, und ihm hierbei das Schlechte und Böse am besten diente. Es ist ferner zu bedenken, daß das sprachliche Kommunikationsmittel nicht dafür geschaffen worden ist, höhere jenseitige Zustände zu schildern. Solange ein Erleben noch anschaulich ist, läßt es sich in Worte - wenn auch dürftig - fassen. Dort spätestens, wo jede Anschauung aufgehoben ist, muß für das Hier das Schweigen gelten - und genau an dieser Stelle machen auch meine Berichte halt. Die Seelenreise unterliegt vor allem zwei Mißverständnissen. Zum einen wird sie mit dem Traum verwechselt und damit diskussionslos in den Bereich der psychologischen Theorien abgeschoben. Zum andern wird sie heillos überschätzt in dem Sinne, daß der höchstmöglich erreichbare Horizont als der objektivste betrachtet wird und damit als die absolute Wahrheit. Wähnt jemand, mit der Gottheit - wie er sie sich vorstellt! - auf einer Stufe zu sitzen, so muß er ja davon überzeugt sein, das Höchste erreicht zu haben. Es kann sich immer nur um Versuche handeln. Versuche der Annäherung. Wenn überhaupt eine höhere Ebene durch die Frequenzumstellung erreichbar ist, dann ist der Grad an innerer Reife und sittlich-ethischer Einstellung wesentlich. Schlauheit, Willenskraft und technische Hilfsmittel nützen da gar nichts. In jenen höheren Bereichen gilt in ganz besonderem Maße, daß nur gleich-

artige Schwingungszustände eine Annäherung zulassen. Damit ist gewährleistet, daß alles Unharmonische abgeschirmt bleibt - und das ist tröstlich.

Da wir immer nur einen Teil erschauen können und niemals auch nur annä- hernd das Ganze überblicken - geschweige denn in Worte fassen können -, ist ein abschließendes Urteil niemandem möglich. Sollte trotzdem ein solches Urteil abgegeben werden, so muß ein falsches Bild entstehen. Wer nur von der untersten Ebene aus urteilt und von daher auf das Leben im allgemeinen schließt, bewegt sich im Teufelskreis des Bekannten und Gewohnten und schließt sich selber von aller Transzendenz aus. Wer von den anderen Ebenen nur die unterste Region der Wunschwelten oder Astralwelten kennt, meint eine scheinbar aussichtslose Hölle vor sich zu haben - und für ihn kann das Jenseits nur Qual bedeuten. Einen Buchautor, der diese Region erlebt hat und sie dann als einzigen Jenseitszustand verallgemeinert hätte, fand ich bisher nicht. Ich erhielt jedoch eine Zuschrift eines «Tonbandstimmenforschers», dessen Erfahrungen ihn zu folgender Verallgemeinerung hinreißen ließen:

«Das Jenseits ist ein Ort des Grauens, der endlosen Martern und Qualen. Satan und seine Hölle sind Tatsache, die Höllenmartern kein Kin- dermärchen, wie auch ich einst glaubte. Sie werden jetzt fragen, ob Ihnen da ein Verrückter schreibt, oder wieso ich das so genau weiß: Leider nicht durch andere oder durch Medien, die meist Schwindlerinnen oder Opfer ihrer eigenen Gedanken sind, deshalb erzählen sie vom schönen Jenseits. Ich habe das Jenseits persönlich über die Stimmforschung, über Tonband und Psychofon erlebt. - Auf Tonband sind die Schreie der Gemarterten, die Rufe der Peiniger, die Hilferufe der Mutter und vieler anderer zu hören; auf Tonband die Stimme Satans und seiner Wesen. Alle werden vom Satan beherrscht, ausnahmslos! Das ging Tag um Tag. Immer hörte ich das Sausen der Ruten und Hil- ferufe; böse Zwischenrufe: ‹Deine Mutter, die wird gefoltert, die wird gefoltert!› Abends schluchzte sie zu anderen Wesen: ‹Mir tut alles so weh. Sie prügeln mich Tag um Tag.› Da kam es zur Katastrophe. In einer Kurzschlußhandlung nahm ich ein Blatt Papier und bot Luzifer nach meinem natürlichen Tode meine unsterbliche Seele unter der Bedingung, daß er die Foltereien an der Mutter ab l Uhr früh einstellen läßt und sie unbehindert mit mir sprechen darf und aus der Satanssphäre freigelassen wird. Ich unterzeichnete mit Blut und schrieb:

Dieses Angebot bei Annahme mit der Verbrennung ungültig und bei Nichtannahme der Bedingungen oder Nichtbeantwortung mit der Verbrennung ungültig.› Nun habe ich den Beweis, daß das Jenseits ein Ort endloser Marter und schreiender Ungerechtigkeit ist. Meine Mutter war seelengut und glaubte an Gott. Wieso kam sie in den Bereich des Satan? Ich höre nie

Engel oder gute Wesen, nur diese ‹Astralpest› und gequälte Seelen. Das Jenseits ist ein Martyrium ohne Ende. - Ich kann jedem, der mir ein Tonband zusendet, Überspielungen ma- chen. Die gesamte Erde sollte wissen: Das Jenseits ist entsetzlich. Man muß Mittel suchen, durch Massenformelanwendungen u. a. diese Astralpest zu lähmen oder zu zerstören. Ich weiß die entsetzliche Wahrheit, denn ein Mensch kann Wahnvorstellungen haben, er kann Schizophrenie haben, aber ein Tonband, das gibt nur wieder, was da ist; das kann man nicht für geisteskrank erklären, und das ist das Ent- scheidende: Ich höre nie etwas mit freiem Ohr, alles über Tonband. Wir müssen Jesus zum Sieg verhelfen und diese Jenseitspest vernich- ten. Den Kopf in den Sand stecken? Damit ist keinem geholfen. Ich möchte Ihre Meinung zu dem hören, was ich über Tonband erleben mußte. Ich hoffe, daß Sie sich des Ernstes dieser Jenseitstragödie bewußt sind.»

Wie der gute Mann reagiert, wenn er erfährt, daß andere - auch per Tonband - zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sind, weiß ich nicht. Ihm scheint auch nicht bekannt zu sein, daß nicht unbedingt alle Einspielungen spiritistisch gedeutet werden müssen. Übrigens ging der Teufel nicht auf sein Angebot ein, und alle seine Gegenmaßnahmen halfen nichts. Diese erschütternden, aber auch bedenklichen Ausführungen sind nach ver- schiedenen Seiten hin interpretierbar und vor allem denkwürdig. Es ist nicht meine Absicht, das alles mit Psychopathie abzutun, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Noch lange nicht alle Rätsel um die «Geistes»- Krankheiten sind gelöst. Ich bin mir zudem illusionslos darüber im klaren, daß ich selber von vielen in der gleichen Richtung angesiedelt werde wie der Tonbandstimmenforscher - bestenfalls eine Oktave höher. Die Bereiche des «Astralen» oder des «astralen Ringes» oder «astralen Gürtels» sind von sehr verschiedenen, ontologisch, d. h. seinsmäßig, nur schwer bestimmbaren Wesenheiten bevölkert. Die Regionen des astralen Ringes bilden den Hauptsitz des Tierisch-Triebhaften und des Elementaren. Ausformungen mit oder ohne Intelligenz gewinnen hier durch die dumpfen Emotionen der Menschen an eigener Kraft, indem sie gierig und vampirhaft vor allem das in sich saugen, was an Angst und Aggression vorhanden ist. Andererseits haben sie ein Eigenleben und strahlen magische Kräfte aus, können recht lästig werden und auch in das dem Physischen Nächstliegende, nämlich das Fluidale, eindringen. Diese Wesen sind nicht zu verwechseln mit den Gedankenformen oder anderen Ideoplastien. Keinesfalls darf der Eindruck entstehen, die «Astralwelt» oder der «Ring» als Stufe drei sei nur mit Schrecknissen erfüllt. Diese Welt oder Schwin- gungsebene läßt sich eher mit einem Planeten vergleichen, auf dem es nicht nur Wüsten und Dschungel gibt, sondern auch kultivierte Gegenden. Es kommt ganz auf den betreffenden Menschen an, in welche Zone er hinein- gerät. Wer sich einzig dem Triebhaften, dem Haß und dem Verbrechen

hingibt, hat natürlich die besten Aussichten, in eine der «astralen Höllen» hineingezogen zu werden, wo er über kürzere oder längere Zeit hinweg ge- fangen bleibt. Er selber ist es, der sich darin verfangen hat! Nicht jeder Ab- geschiedene muß die «Höllen» kennenlernen. Wer sich schutzlos und unwissend in den Dschungel begibt, sei es aus Neugierde oder um Forschungsarbeit zu leisten, dem ergeht es in der «Astral- welt» wie auf der Erde. Vielleicht wird er angefallen und verletzt. Das Schlimme bei einer Verletzung im Feinstoffkörper ist nur, daß die Wunden im Wachzustand nicht bemerkt werden. Wenn sich dann gewisse Auswirkungen über den Fluidalkörper bemerkbar machen sollten, dann denkt der Betreffende meist nicht an die möglichen Ursachen. Die beste Waffe auf diesen Wegen ist und bleibt - ein reines Gewissen! Gehen wir nun eine Stufe weiter in die höheren Bereiche der dritten Ebene. Als Beispiel sei Frederick Skuthorp gewählt, der sein Buch «Meine Wande- rungen in der Geisterwelt» betitelt. Ähnlich wie andere spricht auch er von verschiedenen Schwingungszuständen, ohne zu bemerken, daß er statt in die Höhe bloß in die Breite geht. Auch innerhalb einer Stufe gibt es verschiedene Ebenen, die aber alle die gleiche Grundfrequenz aufweisen. Der Leser muß bei Skulthorp den Eindruck gewinnen, daß das Jenseits schlechthin geschildert würde. Eine kleine Kostprobe sei gegeben:

«Bei einer Exkursion in eine mittlere Sphäre kam ich zu einem Ver- gnügungsstand, wo sich neuangekommene Geister stärkten und an die neue Daseinsform gewöhnten. In einem der Gebäude spielte ein Or- chester, und einige Leute tanzten. Durch eine Tür kam ich unversehens in die Garderobe der Damen, wo einige sich für ein Bad vorbereiteten. Rasch machte ich kehrt und hoffte, nicht gesehen worden zu sein. Hierzu möchte ich erwähnen, daß das Gesicht des Geistkörpers nicht errötet, obwohl man sich sehr beschämt vorkommen kann.»

Diese Schilderung mutet schon eher als Parodie auf eine Seelenwanderung an denn als Bericht einer Erfahrung auf der dritten Stufe - und das ist noch eine wohlwollende Betrachtungsweise. Emil Mattiesen schreibt zum Thema «Wohnen im Jenseits» in seinem Werk «Das persönliche Überleben des Todes»:

«In einem Fall sagte der angebliche Kommunikator, daß Geister in Häu- sern leben und alle Verrichtungen des Haushalts wie in der körperlichen Welt ausüben. Ein anderer behauptete bloß, daß er in einem Hause gleich seinem früheren stofflichen lebe, obwohl es mehr ‹traumartig› sei. Ein anderer gab an, daß Geister nur eine Zeitlang in Häusern lebten und sie wieder aufgäben, wenn ihr Bedürfnis sich nach solchen verlöre. Eine vierte sagte, daß sie nicht in einem Hause lebe, dagegen soviel Blumen habe, als sie nur wünsche. Ein anderer stellt in Abrede, daß Geister überhaupt in Häusern leben, und einige gaben an, daß sie die geistige Welt überhaupt nicht beschreiben könnten, und

daß wir außerstande seien, uns einen Begriff von ihr zu bilden, ehe wir nicht selbst hinüberkämen.»

Wer hat nun recht? Die Antwort kann nur lauten: Alle! Denn ein jeder sieht das Jenseits auf dieser dritten Stufe von seinem persönlichen Standpunkt aus, der kaum durch irgendwelche kritischen Überlegungen angezweifelt wird. Wer im irdischen Bereich alles und jedes kritiklos und ohne Skepsis akzeptiert, wird sich etwa in der gleichen Situation befinden. Ähnlich verhält es sich mit den Schilderungen von Reisen zu Planeten unseres Sonnensystems oder überhaupt ins Weltall. Jeder ist von der Wirklichkeit des Gesehenen zutiefst überzeugt und merkt nicht, daß er ideoplastischen Täuschungen gewisser «hoher, strahlender Führer» erlegen ist. Er hat meist nicht die Möglichkeit eines Vergleiches mit anderem, sonst müßte er die großen Widersprüche entdecken, und gegenüber dem eigenen Erleben fehlt ihm die Fähigkeit zu einer kritischen, erkenntnistheoretischen Untersuchung. Zeit und Raum gibt es auch auf höheren Stufen, und man erlebt sie auf See- lenreisen ebenso wie bei der Exteriorisation. Statt «jenseits von Zeit und Raum» sollte man lieber den Ausdruck «über irdischen Raum- und Zeitbe- griffen» verwenden. Wer sich einmal nur auf einer Seelenreise oder im «kli- nischen Tod» befand, unterliegt hier einer Täuschung. Bei Beobachtungen an Rauschgiftessern wurde übrigens festgestellt, daß bei ihnen als erstes der Raum- und Zeitbegriff verlorengeht. Daß jemand die höchsten Existenzformen, also die Stufen vier und fünf als das Jenseits ausgegeben hätte, ist mir nicht bekannt. Es dürfte auch kaum je unternommen worden sein, weil gerade die Einsicht in diese Bereiche zur echten Einsicht führt.

Gewollte und ungewollte Frequenzänderungen

In einem Zimmer der unteren Stufe beschäftige ich mich bei vollem Bewußtsein damit, Frequenzänderungen vorzunehmen, was ich schon öfter getan habe. Nach Wunsch wird eine Tischplatte fühlbar oder nicht. Da geschieht etwas weniger Angenehmes, so als hätte ich durch mein Tun einen «astralen» Teich aufgewühlt, aus dem nun tierartige Formen hervorquellen, ähnlich denen, die Hieronymus Bosch und Martin Schongauer dargestellt haben. Sie sind nicht so grotesk in der Ausgestaltung wie die bildlich dargestellten Tierformen, dafür besitzen sie eine grausig-magische Kraftausstrahlung. Die Tiere stören mich bei meinen Versuchen. Besonders ein kleines, kugelförmiges Tier wird mir sehr lästig. Ich fasse es mit der Hand und schleudere es in den Raum hinaus. Angst habe ich keine und bleibe vollständig ruhig, was aber nicht viel nützt. Schließlich wird mir die Sache doch zu dumm, und ich laufe davon, was wiederum sinnlos ist,

denn wie die Mücken folgen die Wesen und lassen mich nicht in Ruhe. Ich könnte jederzeit im physischen Körper aufwachen, mich also durch eine Flucht entziehen, was aber eine schlechte Lösung darstellt. Ich versuche eine Frequenzumstellung nach oben - die Düsterkeit versinkt und mit ihr die aufdringlichen Wesen. Vor meinen Augen entfaltet sich eine herrliche Berglandschaft in hellem Sonnenglanz.

In unangenehmen Situationen wählt man in Unkenntnis anderer Möglich- keiten meist die Flucht in den physischen Körper, also ins Aufwachen. Die direkte Konfrontation mit merkwürdigen und beängstigenden Wesen ist bei vollem Bewußtsein der gegebenen Lage sehr wohl möglich und bringt mehr Nutzen als eine Flucht.

Ich fliege über einen dunklen See in einer furchtbaren Wildnis. Eine Frau hängt sich an mich und schlingt ihre Arme um meinen Nacken, doch gelingt es mir, sie abzuschütteln. Nun fliege ich wieder allein weiter. Zuvor war die Gegend noch matt erleuchtet und farbig gewesen, jetzt ist alles grau in grau. Endlich lasse ich mich auf einem hohen, dürren Baum nieder. Kaum bin ich gelandet, da greift eine Hand von unten nach meinem Bein. Sie gehört zu einem häßlichen, großen spinnenartigen Tier. Mit Gedankenkraft wehre ich es ab. Nun kommt ein übergroßer Frosch vom Baum nebenan auf mich zu- gekrochen. Ihn wehre ich sowohl mit innerlicher Kraft als auch mit einem Aststück ab. Klatschend fällt er in das moorähnliche Wasser. Ich will nicht mehr länger an diesem Ort bleiben und nehme meinen Abschied.

Sonderbarerweise unterstanden diese Tiere der Schwerkraft, während andere Wesen gerne frei schweben. Bei einer tiefenpsychologischen Betrach- tungsweise wäre es ein leichtes, auf gewisse Komplexe zu schließen, deren Bewußtwerdung ich abzuwehren suche. Obwohl das möglich sein könnte, möchte ich doch zu bedenken geben, daß dieses Geschehen bei vollem Be- wußtsein und genauer Kenntnis meiner Lage stattfand, es sich somit nicht um einen Traum im herkömmlichen Sinne handelte, bei dem bloß ein Traumbewußtsein vorhanden ist. Wenn ich in einem Wald spazierengehe und mir Tiere begegnen, kann ich sie auch nicht als Komplexe deuten, die meinen Weg kreuzen, also als rein subjektiv bedingte Wesenheiten. Wenn unbedingt eine Komplexbetrachtung durchgeführt werden muß, dann müßte ich eher mit einem sinnvollen Zusammentreffen im Sinne einer Synchronizität arbeiten, bei welcher dem Ding, das mir begegnet, der Objektcharakter nicht abgesprochen wird. Die grauenhaftesten Ereignisse lassen sich bei voll intaktem Bewußtsein willentlich in der Gewißheit überstehen, daß sich eine Änderung von selbst ergeben wird:

Soeben habe ich von einer alten Schule mit vielen Räumen und Gän- gen geträumt. Ich weiß nicht mehr ein noch aus - da erwacht das volle Bewußtsein und ich weiß, wer ich bin und wo ich bin. Dieses Mal be-

deutet das aber keine Erlösung wie sonst in einem luziden Traum. Im Gegenteil - statt zu einem Beobachtenden werde ich zu einem Erleidenden - mit vollem Ich-Bewußtsein! Der Gang des Schulhauses wird dunkler als zuvor, unheimlicher. Me- chanisch und ohne Hast tappe ich vorwärts. Ich bin gewillt, die Situation durchzustehen, komme, was da wolle. Mit der Zeit gelange ich ans Ende des höhlenartigen Gebildes und ge- rate auf eine blaugrüne, weite Fläche. Im Hintergrund liegen unförmige Berge gleich Tierleibern. Es gelingt mir nicht, mich vom Boden zu lösen und aufzufliegen. Dieser Boden ist ekelerregend, nicht nur wegen seines Aussehens, sondern auch durch das Gefühl, das er vermittelt. Es ist, als läge eine Unmenge von Quallen auf ihm ausgebreitet, die sich gleich Schollen bewegten. Ohne mich selbst zu rühren, spüre ich, wie ich von der einen zur anderen geschoben werde - immer weiter vorwärts. Entsetzlich, nicht auszudenken, müßte es sein, wäre man gezwungen, ohne Wissen hier auszuharren! So kenne ich zwar den Fluchtweg, benutze ihn aber nicht in der festen Gewißheit, daß von selbst eine Änderung erfolgen wird.

Erfahrungen des Zeitgeistes in einer schlimmen Zeit? Die Schwingungsebene der drei zuletzt angeführten Beispiele ist eine relativ niedrige, während die beiden folgenden in einer mittleren Lage eingeordnet werden könnten:

Ich streife in einem schönen Gelände umher. Es ist nicht so strahlend, sprechend und beglückend wie in höheren Frequenzbereichen. Ich denke für einen Moment an das Schlafzimmer, in dem mein physischer Körper in seinem Bett ruht - nur kurz, denn ich weiß, daß der Gedanke in diesen Bereichen sofort zur Tat zu werden droht. Ich hebe meinen Blick und entdecke an einem Hügel mehrere schmucke Häuschen. Eine Gebirgskette ist im Hintergrund zu sehen. Eigenartig! - Wenn meine Augen auf einem Teil der Landschaft ruhen bleiben, wird dieser deutlicher, leuchtender. Dies trifft besonders auf die Häuschen zu. Es ist, als würde dem Objekt durch das ihm geschenkte Interesse etwas Belebendes gegeben. Im Unterschied zum Traum ändert sich an der Umgebung selbst nichts.

Das Sehen in diesen Bereichen scheint durch die Möglichkeit einer Art von Zoom-Effekt erweitert zu sein, bei dem das ins Auge gefaßte Bild von alleine näher rückt und dabei gleichzeitig an Schärfe und Klarheit gewinnt:

Wunderbar - ich schwebe hoch über einer Landschaft wie in einem Ballon. Die Luft ist mein Element. Es freut mich, bei vollem Bewußtsein ungestört Beobachtungen machen zu können. Da zeigt sich ein interessantes Phänomen:

Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf irgendeinen Punkt richte, ist es, als verlängere sich die Brennweite meines Sehorgans wie beim Drehen

eines Zoom-Teleskops, und ich sehe die Stelle in allernächster Nähe. Von Freude und Dankbarkeit überwältigt, schließe ich die Augen. Langsam schwindet das Bewußtsein und ich erwache im Bett. Natürlich hatte ich es nicht bloß bei einem einzigen Versuch belassen, sondern den Zoom-Effekt mehrere Male ausprobiert.

In noch höheren Schwingungsbereichen ereigneten sich die beiden nächsten Erfahrungen:

Wie von einem Wirbelwind hochgetrieben, erwache ich erst zu vollem Bewußtsein auf einem Hügel, auf dem ich Fuß fasse. Er ist mit Gras bewachsen und nicht besonders groß, doch erkenne ich sofort, daß er seinem inneren Wesen nach eine unermeßliche Höhe darstellt. In der Ferne zieht sich ein Gebirge hin. Jeder einzelne Berg - schnee- umkränzt - wirkt wie eine echte Persönlichkeit. Es sind Symbole der Reinheit, Schönheit und Macht zugleich. Darüber spannt sich ein weiter Himmel von leuchtendem Blau. Er ist wie ein Vorhang, der das Unnahbare verbirgt, und sein Anblick weckt beseligende Gedanken, Empfindungen und Ahnungen. Zugleich bin ich durchdrungen von dem, was in 2. Mose 3,5 ausgedrückt ist.

«Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen,

denn der Ort darauf du stehst, ist ein heilig Land!»

Weiter gibt es zu dieser Erfahrung nichts zu sagen - außer vielleicht dies: bei einem solchen Erlebnis wird die Gewißheit der Realität anderer Seinsbereiche nochmals verstärkt. Noch eine unsagbar beglückende Erfahrung will ich berichten:

In mehrfacher Schau habe ich bei vollem Bewußtsein eine stille, einsame Waldwiese gefunden. Sie bildet nicht das Hoheitsvolle, sondern den Inbegriff geistiger Heimat. Dunkle Tannen umsäumen sie. Schon die Überzeugung und das Bewußtsein, daß nichts von außen diesen wei- hevollen Frieden stören kann, erfüllt mich mit Glück. Die Wiese selbst ist übersät mit verschiedenen Frühlingsblumen. Eine davon fällt besonders auf: Der Milchstern mit seinen sechs weißen Blütenblättern. Das ist alles Sagbare. Meine Seele badet in diesem Anblick und zieht gestärkt auf ihrer weiteren Lebensbahn.

In der griechischen Mythologie wird von den «Asphodeloswiesen» gespro- chen, womit die «Landschaft der Himmlischen» bezeichnet wurde. Lange nachdem ich meine Waldwiese zum ersten Mal gesehen hatte, stieß ich beim Durchblättern eines Lexikons zufällig auf den Namen Asphodelos:

Ein Strauch mit weißen oder auch gelben Blüten, botanisch den Li- liengewächsen zugehörig –

genau wie der Milchstern! Mag das auch nur eine zufällige Fügung sein, mich berührte sie eigenartig.

Innerhalb ein und derselben Erfahrung werden auch verschiedene Schwin- gungsebenen erreicht:

Ich wandere in einem mehr traumhaften Zustand auf einem langge- streckten Hügel im Wald dahin und denke mir, das kann nur der Schellenberg sein - ein langgestreckter, niedriger Bergrücken zwischen Österreich und Liechtenstein. Ich beginne zu singen und bin glücklich darüber, in dieser herrlichen Landschaft zu weilen. Von einer Wald- lichtung aus kann ich nach unten ins Tal sehen. Aber da breitet sich nicht das Rheintal aus, sondern eine liebliche Almlandschaft. «Das ist nicht möglich! Wie bin ich bloß hierhergekommen?» Das Bewußtsein setzt ein:

«Ich schlafe zu Hause und bin hierher versetzt worden!» Gleichzeitig vollzieht sich eine wundervolle Verwandlung. Bin ich schon vorher fröhlich gewesen - jetzt hätte ich jauchzen können. Wie auf einem Teppich schreite ich aus, und die Steinchen schmiegen sich wohlig an meine Füße und bilden ein fast ornamenthaftes Licht- und Schattenmuster. Die Blätter der Büsche und die Zweige der Bäume sind zu leuchtendem Gras und glänzendem Gold geworden. Nach einiger Zeit kann ich der Verlockung nicht widerstehen, mich ins Tal hinauszuschwingen. Wie ein Vogel breite ich die Arme aus und schwebe sanft hinab. Trotz des Entzückens, das mich auch unten im Tal durchdringt, führe ich eine Bewußtseinskontrolle durch. Einerseits ist es schade, in einem solchen Zustand Zeit für die Kontrolle aufzuwenden. Andererseits treibt es mich zur Tat, ich möchte beobachten und Vergleiche anstellen. Dieser außer-körperlich vollbewußte Zustand wird ohnehin nicht allzulange hinhalten. Da verlieren die Farben ihren Glanz, eine steile Rinne öffnet sich, und ich rutsche unaufhaltsam abwärts, wobei ich kurzzeitig das Bewußtsein verliere. Dann werde ich in dem Moment wieder bewußt, wo ich in einer anderen Daseinsebene lande - in einem Zimmer. Es herrscht Dämmerung. Ich erkenne einen Schrank, einen Tisch mit einem einzigen Stuhl und an der Wand einen Spiegel. Ich erinnere mich, daß ich in Träumen schon oft gezwungen wurde, in einen Spiegel zu blicken - und stets grinste mir dann eine gräßliche Fratze entgegen. Dieses Mal will ich freiwillig bei vollem Bewußtsein in den Spiegel blicken und bin gefaßt, wieder eine Fratze sehen zu müssen. Die Überraschung ist groß - der Spiegel ist leer! Nur die Gegenstände des Zimmers spiegeln sich, von mir dagegen ist nichts zu sehen. Ich wende mich ab und bemerke nun, daß mich Stuhl und Schrank eigenartig feindselig betrachten, nicht mit Augen, sondern mit ihrem Wesen. Ein äußerst merkwürdiger Personifikationsprozeß, der für denjenigen, der noch niemals selber so etwas erlebt hat, unverständlich bleibt. Ich eile durch einen langen, dunklen Gang ins Freie, werde bewußtlos und erwache im Bett.

Daß bei dieser Erfahrung ein Frequenzebenenwechsel stattgefunden hat, habe ich mir eventuell selber zuzuschreiben. Das Abgleiten auf ein anderes Niveau dürfte durch folgenden Gedanken ausgelöst worden sein: «Dieser außerkörperliche vollbewußte Zustand (auf diesem höheren Schwingungs- niveau) wird ohnehin nicht allzulange hinhalten.» Der leise Zweifel und die entsprechende Erwartungshaltung setzten sich sofort in die Tat um!

Im Traum schreitet ein Zug festlich gekleideter Menschen in einer An- siedlung einem Haus zu, das mir als das «Verwaltungsgebäude» bekannt ist. Es ist offensichtlich, daß hier eine Feier veranstaltet wird von einer Gruppierung, der ich selbst einmal angehörte, und die mir lange Zeit Stütze und Stab bedeutete. Verwundert bin ich doch, daß ich hier bin. Wie konnte das geschehen sein? Aber ich muß es hinnehmen, denn es fehlt mir das Bewußtsein meines Zustandes und damit auch das Erinnerungsvermögen! Zudem bin ich vom Geschehenen sehr abgelenkt. Ich würde am liebsten schnellstens wieder von hier verschwinden, doch dann erkenne ich zu meinem Schrecken, daß ich als einziger einen strahlend hellen, chromgelben Anzug trage. Alle anderen sind schwarz gekleidet. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an der langen Reihe vorbei ins Freie zu drängen. Das ist mir sehr peinlich, denn manchen kenne ich persönlich, und außerdem möchte ich den hier herrschenden Frieden und die innere Sammlung des einzelnen nicht stören. Beim Hinausgehen ist es mir, als hörte ich die Gedanken der zu mir aufblickenden Brüder. Ich kenne diese Gedanken nur allzu gut, denn auch ich hätte sie gedacht, wenn ich einen Abtrünnigen gesehen hätte - damals, als ich selbst noch Mitglied dieser Gemeinschaft gewesen war. Endlich dem Feierzug entronnen, der sich übrigens in Wirklichkeit auf ein Andachtsgebäude zubewegt, formt sich die Umgebung vollständig um. Ich befinde mich nun auf einer Anhöhe - unter mir ein bodenloser Abgrund, darüber ein blauer Abendhimmel in leuchtender Pracht. Mein Herz erbebt vor Glück. Wie ein Vogel hebe ich mich ab und fliege hinein in dieses Etwas und Nichts zugleich. Für immer hätte ich darin verweilen mögen, aber nach viel zu kurzer Zeit erlischt der Farbenglanz allmählich und ich erwache.

Über einen weiteren Aspekt der Wirklichkeitsgewißheit im außerkörperlich

vollbewußten Zustand berichtet das nächste Erlebnis:

Ich sitze in Frastanz, einem Ort im Walgau, auf dem Bahnhof mit zwei Herren zusammen. Von Feldkirch her hatte ich eine Fußwande- rung unternommen und ruhe mich nun aus. Wie der Zug Richtung Feldkirch naht, erheben sich die beiden Herren, um die Heimfahrt an- zutreten, und beenden damit unser Gespräch. Erst jetzt merke ich, daß bald die Nacht anbrechen wird, und ich in die Finsternis hineingeraten werde, wenn ich mich nicht beeile. Nun heißt es aber gleich aufbre- chen! Doch was ist das? Ich kenne mich nicht mehr aus! So etwas gibt

es doch nicht! - An einem Ort, in dem ich ein paar Jahre lang gewohnt habe, und den ich immer wieder besuche! «Ein Traum!» Mir fällt ein Stein vom Herzen. Vorbei ist die Sorge um den Heimweg. Was soll ich jetzt tun? Ich überlege mir zwei Möglichkeiten: Entweder bleibt der Traumstoff erhalten, und ich beobachte ihn und seine Um- gestaltung bewußt weiter, oder die Landschaft verschwindet gleich einer Theaterkulisse und macht einem anderen, höheren Bereich Platz. Ich erinnere mich, schon einmal in einem Traum durch den Walgau gefahren zu sein. Im Zeitraffertempo ging es dann weiter durch das Liechtenstein und in ein schweizerisches Hochtal. Unterwegs erwachte ich zu vollem Bewußtsein, weil mir das ganz andere Aussehen eines mir gut bekannten Berges auffiel. Darauf änderte sich die Wirklichkeit, aber ich fand nicht den sich wandelnden Traumstoff wie sonst, und auch nicht die durchglühten, symbolhaft beredten, beseligenden Formen der höheren Ebenen. Nein! - Es war einfach die Wirklichkeit, die reale Wirklichkeit eines frühsommerlichen Gebirgstales. Ich bemühte mich, irgendeinen Unterschied zwischen dem, was ich sah, und dem, wie es in der materiellen Welt sein mußte, festzustellen. Umsonst! Es war einfach kein Unterschied auszumachen: Am Wegesrand stehen Erikabüsche, und der herabhängende Tannenzweig erzeugt genau dasselbe Tastgefühl wie immer. An der Nordseite lagen im Schatten noch einzelne Schneeflecken. Das konnte es doch nicht geben! - Aber trotz allem - es war und blieb so! Diese Überlegungen und die daran sich anschließende Erinnerung ge- schahen innerhalb einer einzigen Sekunde. «Wie wird es dieses Mal sein?» frage ich mich nach Abschluß meiner Gedanken. Ich passe gut auf, um das weitere Geschehen einwandfrei beobachten zu können. Tatsächlich formt sich die ganze Landschaft äußerlich und ausstrah- lungsmäßig um, bleibt aber ungefähr in ihrem Charakter erhalten als ein breites Tal zwischen zwei Bergketten. Alles wird innerhalb von zwei Sekunden so licht und glanzvoll, daß ich gezwungen bin, die Augen zu schließen. Habe ich überhaupt noch einen Körper? Ja - ich kann Kopf und Hals befühlen. Nach einer kurzen Wartezeit gelingt es mir, die Augen wieder zu öffnen. Mein Blick fällt zunächst auf eine Wiese, die sich vor mir ausbreitet. Ein dunkelfarbener, metallglänzender Schmetterling sitzt auf einer langstieligen Blume. Er läßt sich ohne weiteres aufnehmen und genau betrachten. Alles ist dunkelglänzend, der eingerollte Rüssel, die zarten Beinchen, der schlanke Leib und die schillernden Flügel. Die Gattung ist mir unbekannt.

Kontakte mit jenseitigen Wesen

Es ist wohl möglich, mit anderen Wesen auf den Ebenen des Feinstoffes in Verbindung zu treten, doch nicht einfach die Regel - und das ist gut so! Ein Zusammentreffen ist von verschiedenen Faktoren abhängig, wie der ge- meinsamen Wellenlänge oder Frequenz und dem individuellen Rhythmus der Kommunikationspartner. Sympathie und Liebe wirken natürlich besonders anziehend. Außerdem ist der Wunsch, jemanden treffen zu wollen, ziemlich wichtig - und gerade das war bei mir kaum je der Fall. Ich wollte die kurzen Besuche anderweitig nutzen, vor allem für eine Beobachtung der waltenden Gesetze in den anderen Schwingungsbereichen, wozu ich keine Begegnungen mit fremden Wesen benötigte. Meine Einstellung ist sicherlich geprägt aus einer Grundveranlagung heraus, bei der mir die Natur Erholung und Besinnung bedeutet, die Kommunikation mit Menschen jedoch meistens mehr eine Verpflichtung. Freudig bewegte mich stets das Abschiednehmen von nächsten Verwandten in der Nähe der Erdensphäre. Nebst den bereits Erwähnten war es noch mein Vater, der mir ebenfalls mit einem lächelnden Gruß sein Wohlergehen ausdrückte. Aber in jene Gebiete weiter vorzudringen, in denen sie sich weiterhin aufhalten, ist mir versagt. Früher glaubte ich, wenn ich selber in meinem außerkörperlichen Zustand jenseitige Wesen wahrnehmen konnte, daß sie mich ebenso sehen müßten. Dem ist keineswegs so. Oft geschieht es, daß ich sie gut sehe und sie mich nicht sehen können, ich für sie somit unsichtbar bleibe:

Bei vollem Bewußtsein stehe ich plötzlich auf einem Fußweg und über- blicke eine mit Blumen geschmückte, frühlingsgrüne Wiese. Ich habe keine Ahnung, wo ich sein könnte und weiß nur, daß ich in einem höheren Frequenzbereich verweile. Hier ist es Frühling! Auf der Erde «unten» haben wir Oktober! Ich habe nichts dagegen einzuwenden, daß die Jahreszeiten vertauscht sind - im Gegenteil, ich genieße den Unterschied. Der Fußweg führt durch eine anmutige Landschaft. Auf dem Hügel ganz in der Nähe steht ein Baum in voller Blüte. Die Luft ist mild und durchdringt mich, macht mich leicht und läßt mich schweben. Von einer gewissen Höhe herunter sehe ich zwei Frauen des Weges kommen. In ein Gespräch vertieft, wandeln sie gemächlich dahin. Beide tragen hellfarbene Kleider. Ich fliege ihnen entgegen und denke, wie ich gerade in ein paar Meter Höhe über sie hinwegfliege, ob sie mich wohl sehen könnten und dann vielleicht erschrecken würden, zumindest aber arg verwundert sein dürften. Die beiden Frauen aber beachten mich nicht - offensichtlich können sie mich nicht sehen -, und ich kann ihre Ruhe nicht stören, denn eine Kommunikation scheint unmöglich.

Bei dem mit roten Blüten übersäten Baum mache ich halt. Viele herrliche Gedanken zum Frühling durchziehen mich. Die Zeit steht still - oder ich möchte, daß sie still stehen würde. So harre ich beglückt aus, bis ich sanft hinweg und hinab in meinen physischen Körper gezogen werde.

Es kann auch zu sehr eindrücklichen Begegnungen und Gesprächen kommen:

Ich erwache mitten in einer Feinstoffebene und stehe auf der Balustrade eines auf einer Anhöhe erbauten Schlosses. Obwohl ich weiß, daß mein Körper schläft, kontrolliere ich meinen Bewußtseinszustand, mache also eine Bewußtseinskontrolle. Dann erst besehe ich mir die Umgebung genauer. In der Tiefe unten bedeckt Nebel die Landschaft, so daß ich nichts erkenne. «Ich könnte ja meine Frequenzstufe verändern, dann wird es mir viel- leicht gelingen, den Nebel zu durchdringen», denke ich. Es gelingt - der Nebel lichtet sich und löst sich auf. Eine Meeresbucht wird sichtbar, in der ein einsamer Fischer sein Boot lenkt. Er ist mit ganz dünnen Fäden mit dem Ufer verbunden, und ich habe das Gefühl, er wird vom Ufer aus gelenkt in seinen Bewegungen, was ihm selbst verborgen bleibt. Ist dieser Fischer nicht wie ein Mensch, der meint, bestimmen zu kön- nen, und nicht spürt, wie er von unbekannten Mächten beeinflußt wird? Bin nicht auch ich solch ein Mensch? «Du siehst ganz richtig!» höre ich es in mir sagen und blicke verwun- dert auf. Neben mir steht eine Frauengestalt, die ich mehr fühle und ahne, als daß ich sie mit eigenen Augen sehe. Nur einen Teil des faltigen Gewandes vermag ich zu betrachten, die Gestalt als Ganzes jedoch nicht, denn sie strahlt so etwas ungemein Hoheitsvolles und Kraftmäßiges aus, daß ich einfach dazu nicht fähig bin. Es scheint mir, als schwebe sie leicht über den Boden, denn ihre Stimme hatte eher wie von oben geklungen. Wer konnte sie sein? Vielleicht die geistige Erbauerin dieses Schlosses? Sollte alles, was ich da sehen konnte eine Art greifbares, sicht- und hörbares Symbol sein? Die weibliche Gestalt faßt mich sanft an meiner linken Hand und sagt:

«Komm!» Sie führt mich ins Innere des Gebäudes. Unterwegs habe ich ein Erleb- nis, wie es mir noch nie begegnet ist. Ihre Hand verschmilzt mit der meinigen zu einer totalen Einheit. Ich fühle mich gestärkt und geschützt zugleich und weiß, unter dieser Führung kann mir nichts Ungutes geschehen. Als wäre ich wieder zu einem Kind geworden! Ohne dabei von meinem Bewußtsein das geringste eingebüßt zu haben! Wir betreten einen riesigen Saal. Überall sind auf Vitrinen Bildnisse von Komponisten aufgestellt - ohne Ordnung. Ich finde meine Lieb- lingskomponisten und mir völlig unbekannte Meister. Und dann ge-

schieht ein weiteres Wunder. Jedesmal, wenn ich mich auf ein einzelnes Bild konzentriere, ertönt aus ihm instrumentale Musik. Die jeweilige Melodie kann ich zwar nicht erkennen, doch kommt in allen Fällen durch den musikalischen Charakter und die Art der Harmonisierung die Persönlichkeit des Komponisten zum Ausdruck. «Sie alle - auch jene, die du nicht kennst und verstehst, haben an der großen Musik mitgearbeitet», höre ich wieder die Stimme meiner Begleiterin. Gar zu gerne wäre ich noch länger an diesem wunderbaren Ort geblie- ben, aber es durfte wohl nicht sein. Deshalb folge ich dem leichten Zug der Hand und gelange bald in einen Vorraum am Eingang. Ich danke meiner Führerin und habe nur noch den einen Wunsch, ihr Antlitz sehen zu dürfen. Zugleich schäme ich mich und denke:

«Das tut nichts zur Sache.» Kaum habe ich das gedacht, kommt es wie ein Widerhall als Antwort:

«Nein - das tut nichts zur Sache.» Zugleich neigt sich das weibliche Wesen herab, und ich sehe - mit eini- ger Überraschung - einen ganz einfachen Frauenkopf mit ovalem Gesicht, braunen Augen und braunen Haaren. Keinerlei Schmuck und auch kein Strahlenkranz, wie ich erwartet hätte. Mit einem ungemein gütigen Ausdruck blickt sie mich an und geht dann weg. Was soll ich jetzt tun? Eine Rückkehr in die Musikhalle kommt nicht in Betracht, denn Scheu und Bedenken halten mich zurück. Ich könnte die verbleibende Zeit noch für ein paar Experimente ausnutzen. Im gangartigen Vorraum steht unter anderem ein Glasschrank. Ich betaste die Scheiben und das Holz, alles ist normal und in gediegener Ausfüh- rung. Ich versuche es mit einem Durchgreifungsexperiment wie bei einer Exteriorisation - allein mit Wunsch, das Material durchdringen zu können, was ich mit der entsprechenden Vorstellung unterstütze. Ich nehme einen Anlauf und renne auf das schwere Möbelstück an, pralle auf und werde sogleich recht unsanft zurückgeworfen. Auch der Schmerz bleibt nicht aus, ist jedoch nicht so groß, wie er im physischen Körper bei der gleichen Handlung hätte ausfallen müssen. Ich bin ziemlich verblüfft und versuche es gleich nochmals - wiederum ohne Erfolg. Noch ein drittes Mal, weil ich es kaum glauben kann. Wieder nichts! Nun wird mir klar, daß mein derzeitiger Körper genau den gleichen Schwingungszustand haben muß wie alles andere hier in meiner Um- gebung. Und gleiche Dichten sind gegenseitig undurchdringlich. Ich muß also anders vorgehen! Ich führe eine Art der meditativen Versenkung aus und lasse damit diese Wirklichkeit teilweise sich auflösen und entschwinden. Jetzt erst kann ich meine Hand und dann sogar den ganzen Körper durch den

Schrank hindurch bewegen. Bei diesem Vorgehen befällt mich eine un- gemein starke Müdigkeit und ich erwache in meinem physischen Körper.

Das folgende Erlebnis bedarf einiger Erläuterungen. Meine Beobachtungen haben mir gezeigt, daß es außerhalb des Menschli- chen intelligente Wesen gibt, die keine grobstoffliche Evolution durchmachen und durchgemacht haben. Wenn sie sich zeigen, sind ihre Formen, einschließlich der Bekleidung, manchmal ideoplastisch anempfunden und von großer Wandelbarkeit. Von den eigenen Gedankenformen unterscheiden sie sich durch die innere Ausstrahlung und die Art ihrer Tätigkeit, die vom eigenen Tun des Betrachters unabhängig ist. Eine besondere Gattung bilden die sogenannten Elementargeister, denen man nur als Sagengestalten eine poetische Daseinsberechtigung zubilligt. Kinder berichten noch am häufigsten, daß sie solche Wesen gesehen hätten. Vielleicht haben diese Wesen zu den Kindern eine ganz besondere Beziehung, weil sie selber der Überlieferung nach ein kindliches Gemüt besitzen. In ihrer Tätigkeit sind sie vorwiegend der Natur zugetan. Wie überall, so erfolgen auch hier die übelsten Verzerrungen und Entstellungen, bis zuletzt nichts mehr von ihnen übrigbleibt als ein Anstrich krankhafter Halluzinatorik. Obwohl ich mich stets für all dies lebhaft interessiert habe, war es mir nicht vergönnt, jemals im Wachzustand des physischen Körpers etwas Derartiges zu erschauen. In meiner Dienstzeit als Lehrer habe ich einmal etwas Seltsames mit den Schulkindern erlebt:

Beim Unterricht wurde im Laufe des Schuljahres natürlich hin und wieder von der Märchen- und Sagenwelt gesprochen, doch ließ ich von mir aus die Existenz von Riesen, Zwergen und Elfen und dergleichen dahingestellt. Daß in den Sagen jedoch fast überall ein wahrer Kern enthalten sei, das betonte ich und brachte auch ein paar Beispiele, wie im Laufe der Zeit vieles sich als wahr herausgestellt hat, was man vorher als reine Phantastik betrachtete. Unterwegs zum «Turnplatz» - eine Waldwiese - erzählten mir einmal zwei Mädchen, sie hätten beim Erdbeersuchen ein kleines Männchen gesehen, das nur etwa einen Meter groß gewesen sei. Es habe ihnen freundlich lächelnd zugewinkt, doch sie seien sehr erschrocken und da- vongerannt, wobei die gesammelten Beeren allesamt verschüttet wurden. Der Beschreibung nach war das Männchen - soweit ich das erfragen konnte - mehr nach altdeutscher Tracht gekleidet, auf jeden Fall nicht wie ein Gartenzwerg. Auf meine Frage, weshalb sie so erschrocken seien, antworteten die Mädchen:

«Das Männchen hat sich so eigenartig schnell bewegt und etwas Un- heimliches an sich gehabt!»

Einige Jahre später unterrichtete ich an einer Volksschule in Dornbirn, in einer anderen Talschaft, weit weg - für damalige Verhältnisse - von meinem früheren Wirkungsort, eine zweite Schulstufe mit lauter Knaben.