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Silvio Gesell - Die Natürliche Wirtschaftsordnung

Silvio Gesell: Die Natürliche Wirtschaftsordnung

Silvio Gesell: Die Natürliche Wirtschaftsordnung Einführung Karl Walker 9 Vorwort zur dritten Auflage Silvio

Einführung Karl Walker 9 Vorwort zur dritten Auflage Silvio Gesell 12 Vorwort zur zweiten Auflage Paulus Klüpfel 21 Vorwort zur vierten Auflage Silvio Gesell 24 Vorwort zur fünften Auflage Silvio Gesell 25 Vorwort zur sechsten Auflage Silvio Gesell 26 Vorwort zur siebenten Auflage Dr. Landmann 29 Vorwort-Fragment zur siebenten Auflage Silvio Gesell 30 Vorwort des Herausgebers zur siebenten Auflage Hans Timm 31 Erster Teil

Die Güterverteilung und die sie beherrschenden Umstände

Einleitung 33

1.1. Ziel und Weg 38

1.2. Was ist der volle Arbeitsertrag? 39

1.3. Der Abzug am Arbeitsertrag durch die Grundrente 42

1.4. Abhängigkeit des Lohnes und der Grundrente von den Frachtsätzen 45

1.5. Einfluß der Lebensverhältnisse auf Lohn und Rente 48

1.6. Genauere Bestimmung des Begriffes Freiland 50

1.7. Der Begriff "Freiland dritten Grades" 51

1.8. Einfluß des Freilandes dritten Grades auf Grundrente und Lohn 52

1.9. Einfluß von Betriebsverbesserungen auf Lohn und Rente 55

1.10. Einfluß der Wissenschaft auf Lohn und Rente 57

1.11. Gesetzliche Eingriffe in Lohn und Rente 58

1.12. Zölle, Lohn und Rente 62

1.13. Der Ausgangspunkt für die ganze Lohnstaffel 66

1.14. Einfluß des Kapitalzinses auf Lohn und Rente 68

1.15. Übersicht über das bisherige Ergebnis der Untersuchung 70

1.16. Die Rohstoff- und Baugrundrente 72

1.17. Erster allgemeiner Umriß des Lohngesetzes 75

Zweiter Teil

Freiland

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Einleitung: Freiland, die eherne Forderung des Friedens 77

2.1. Der Sinn des Wortes Freiland 92

2.2. Die Freiland-Finanzen 92

2.3. Freiland im wirklichen Leben 96

2.4. Wie die Bodenverstaatlichung wirkt 106

2.5. Begründung der Bodenverstaatlichung 112

2.6. Was Freiland nicht kann 122

Dritter Teil

Metall- und Papiergeld

Das Geld, wie es ist Einleitung 125

3.1. Wie sich uns das Dasein des Geldes offenbart 128

3.2. Die Unentbehrlichkeit des Geldes 131

3.3. Der sogenannte Wert des Geldes 134

3.4. Warum man aus Papier Geld machen kann 139

3.5. Die Sicherheit und Deckung des Papiergeldes 154

3.6. Welchen Preis soll das Geld erzielen? 163

3.7. Wie läßt sich der Preis des Geldes mit Genauigkeit ermitteln? 164

3.8. Wie kommt der Preis des Papiergeldes zustande? 171

3.9. Einflüsse, denen Angebot und Nachfrage unterliegen 175

3.10. Das Angebot des Geldes 181

3.11. Das Gesetzmäßige im Umlauf des heutigen Geldes 186

3.12. Die Wirtschaftskrisen und ihre Verhütung 199

3.13. Die Neuordnung der Notenausgabe (Emissionsreform) 200

3.14. "Bargeldloser" Verkehr? 209

3.15. Der Maßstab für die Qualität des Geldes 209

3.16. Warum die Quantitätstheorie dem Gelde gegenüber versagt 212

3.17. Gold und Frieden? 213

3.18. Ist der Bürger- und Völkerfrieden vereinbar mit der Goldwährung? 215

(Vortrag des Verfassers, gehalten in Bern am 28. Apri1 1916.) Vierter Teil

Freigeld

Das Geld, wie es sein soll Einleitung 235

4.1. Freigeld (Mit Mustern und Erklärung des Freigeldes) 235

4.2. Wie der Staat das Freigeld in Umlauf setzt 243

4.3. Wie das Freigeld verwaltet wird 244

4.4. Die statistischen Grundlagen der absoluten Währung 245

4.5. Das Gesetzmäßige im Umlauf des Freigeldes 248

4.6. Zusammenfassung 252

4.7. Wie das Freigeld beurteilt wird 253

4.7.1. Der Krämer 253

4.7.2. Der Kassenbeamte 256

4.7.3. Der Ausfuhrhändler 258

4.7.4. Der Unternehmer 261

4.7.5. Der Wucherer 264

4.7.6. Der Wucherspieler (Spekulant) 266

4.7.7. Der Sparer 269

4.7.8. Der Genossenschaftler 272

4.7.9. Der Gläubiger 273

4.7.10. Der Schuldner 275

4.7.11. Im Versicherungsamt gegen Arbeitslosigkeit 277

4.7.12. Der Vertreter der Gegenseitigkeitslehre 281

4.7.13. Der Zinstheoretiker 284

4.7.14. Der Krisentheoretiker 289

4.7.15. Der Werttheoretiker 296

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4.7.16. Der Lohntheoretiker 296

4.7.17. Der Bankmann 298

4.7.18. Der Wechselagent 304

4.8. Der Weltwährungsverein (Internationale Valuta-Assoziation) 306

Fünfter Teil

Die Freigeld-Zins- oder Kapitaltheorie

5.1. Eine Robinsongeschichte als Prüfstein für diese Theorie 309

5.2. Der Urzins 313

5.3. Die Übertragung des Urzinses auf die Ware 324

5.4. Die Übertragung des Urzinses auf das Realkapital 325

5.5. Vervollständigung der Freigeld-Zins- oder Kapitaltheorie 328

5.6. Wie man den Kapitalzins bisher erklärte 346

5.7. Die Bestandteile des Brutto-Zinses 353

5.8. Der reine Kapitalzins, eine eherne Größe 356

EINFÜHRUNG

Vorwort von Karl Walker, dem Herausgeber der 9. Auflage. Die "Natürliche Wirtschafts-Ordnung" ist das Standardwerk der Freiwirtschafts- lehre. Mi t diesem Werk hat ein neuer Trieb am Baum der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung ausgeschlagen; ein eigenartiger Trieb, der sich aus den bis jetzt bestehen- den Lehrmeinungen sowohl Bestätigungen wie auch den Widerspruch holt und somit weder mit den Lehren des klassischen Wirtschaftsliberalismus eines Adam Smith, noch mit den dagegenstehenden Theorien des "Wissenschaftlichen Sozialismus" eines Karl Marx zusammenwachsen kann. Es gibt für die Freiwirtschaftslehre, die als Wissenschaft in der Tat zwischen diesen beiden Zweigen wirtschaftstheoretischer Vorstellungen angesetzt hat, nur eine Möglich- keit: kompromißlos und dem Widerspruch von beiden Seiten trotzend das zu ent- falten, was in ihr steckt. Es ist unerhört bedeutungsvoll, was hierbei zutage treten kann, denn die Fragen, um die es geht, haben zwar einige Generationen hindurch die Gelehrten beschäftigt - heute aber stehen sie im Vordergrund unseres Lebens und an ihrer Lösung hängt mehr, als sich in Worte fassen läßt. - Es mag nicht in allen Fällen angebracht sein, das, was bewiesen und aufgezeigt werden soll, schon gleich vorauszuschicken. Aber hier ist es eine Notwendigkeit, oder min- destens dem Verständnis der Sache dienlich, diesem vielleicht gewichtigsten Werk unseres Jahrhunderts die richtige Einstellung des Lesers zu erwirken. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, darf wohl vorher darauf aufmerksam gemacht werden, was er erwarten kann; aber er muß auch wissen, was er nicht erwarten darf. Er darf erwarten, daß er in bezug auf die Erkenntnis und Darlegung ökonomischer Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten eine Lehre von vollendeter Schlüssigkeit und ungeheuerlicher praktischer Bedeutung für das soziale Leben kennenlernen wird. Doch er darf nicht erwarten, daß ihm die Wahrheit, die wi ssenschaftliche wirtschaftstheo- retische Erkenntnis zu jeder Sonderfrage und jedem Unterthema schon in diesem Buch in ausgeschliffener wissenschaftlicher Form unterbreitet wird. Der Verfasser dieses Werkes war kein Fachgelehrter, sondern er war einer jener be- gnadeten Menschen, die es in der Geschichte des menschlichen Fortschritts, der Erfin- dungen und Entdeckungen schon häufig gegeben hat, die, auf einem anderen Standort stehend als die Zünftigen, von ihrem Blickfeld aus plötzlich überraschende Einsichten in ein Problem und in die Möglichkeiten seiner Lösung bekommen. Dies ist es, was dem Begründer der Freiwirtschaftslehre widerfahren ist, ohne daß er mit der Absicht auf derartige Entdeckungen ausgezogen war. Aber in solcher Lage ohne jede fachliche Vor- bildung die Bedeutung der Sache zu erkennen, zu sehen, worauf es ankommt, aufzu- spüren, wie die untergründige Gesetzmäßigkeit verläuft, und zu entdecken, wo die Ansätze zu ganz neuen, ungeahnten Möglichkeiten liegen, das ist noch immer und alle- zeit das Kennzeichen wahrhafter Genialität gewesen. Und das bleibt es auch dann, wenn die Wiedergabe der neuen Erkenntnisse formlos und unbändig wie ein wilder Sturzbach, aber mit der ganzen Gewalt eines großen Anspruchs in die geheiligten

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Gefilde der wissenschaftlichen Forschung einbricht und einige säuberlich aufgestellte Regeln und Figuren umwirft. - Mit dem Genie über Formen zu rechten, das ist naiv und anmaßend zugleich. Dennoch wollen wir keinesfalls verkennen, daß auch die Darstellung der Freiwirt- schaftslehre in methodisch-wissenschaftlicher Aufgliederung eine Notwendigkeit ist. Viele Einzelfragen, die zunächst einmal nur in den Grundzügen beantwortet sind, er- fordern eine sorgfältige spezielle Behandlung. Ferner ist es sehr wesentlich, die Ver- bindungslinien von der neuen Lehre in allen ihren Einzelfragen zu den früheren An- sätzen gleichartiger Erkenntnisse zu ziehen. Erst diese methodische Kleinarbeit, die noch nicht getan ist, wird einmal aufzeigen können, wie sehr die Freiwirtschaftslehre nach unzähligen Ansätzen zum Richtigen den endlich gelungenen Durchbruch zur voll- endeten Klarheit bedeutet. Silvio Gesell wußte, daß die Arbeit der Wissenschaft für seine Lehre wichtig ist. Schon in einer seiner ersten Veröffentlichungen sprach er die Hoffnung aus, daß sich jemand finden möge, der seine Lehre in die Formen wissenschaftlicher Darstellung übertragen kann (siehe "Nervus Rerum", Buenos Aires 1891, S. 84). Bis heute liegt aber noch keine diesen Anforderungen genügende umfassende Gesamtdarstellung vor, trotz des bereits beachtlichen Umfangs der eigenen Literatur der Freiwirtschaftsbewegung. Mit der Entwicklung der Verhältnisse, die in zunehmendem Maße die Bedeutung seiner Lehre bestätigten, hat Gesell selbst wiederholt eine vollkommene Neubearbeitung seines Hauptwerkes erwogen; zur Ausführung seines Vorhabens kam er jedoch nicht mehr. Im März 1930 nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. - Nach Gesells Tod kam im Stirn-Verlag, Leipzig, die 7. Auflage der "Natürlichen Wirtschafts-Ordnung" heraus; diese Auflage war redigiert von Dr. Landmann und nach dessen frühem Tod von Hans Timm. Die 8. Auflage war im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr möglich. Sie ist in der Schweiz, im Verlag Genossenschaft Freiwirtschaftlicher Schriften, Bern, erschienen. Für die vorliegende 9. Auflage, die wieder in Deutschland erscheinen kann, ist die ehrenvolle Aufgabe der Herausgeberschaft von seiten des Verlages mir übertragen worden. Ich glaube, es dürfte dem Leser für die richtige Beurteilung dieses Werkes dienlich sein, wenn ich kurz angebe, wie ich diese Aufgabe verstehe und anzufassen gedenke. Obwohl eine völlige Neubearbeitung des Werkes in der Absicht Gesells lag, und obwohl es klar ist, daß manche Teile in der Zwischenzeit eine Weiterentwicklung erfahren haben, ist es selbstverständlich nicht angängig, fremde Gedanken und Überlegungen in die Ori- ginalfassung des Gesellschen Werkes hineinzuarbeiten. Dieses Werk soll für die wissen- schaftliche Forschung das Quellenwerk, den reinen Urtext der Gesellschen Fassung darstellen, unbeschadet dessen, daß hier vieles erst in den Grundgedanken zu erkennen ist, was in der Zwischenzeit praktisch weiterentwickelt wurde. Diese Weiterentwicklung bezieht sich dabei nicht nur auf die speziellsten Vorschläge Gesells, etwa auf die Technik der Freigeld-Reform, sondern sie bezieht sich auch auf sehr wesentliche seiner For- derungen, die in der Zwischenzeit unabhängig von ihm von den bedeutendsten Ver- tretern der Nationalökonomie mi t allen zu Gebote stehenden Mitteln und Methoden ihrer Fachwissenschaft aufgestellt und bestens fundiert wurden. Es ist wichtig, das zu erwähnen, denn wenn Gesell in diesem Werk z. B. etwas fordert, das man heute mit "Stabilität der Kaufkraft des Geldes" bezeichnet, und wenn er die Grundsätze anrührt, nach denen der "Preis des Geldes" ermittelt werden kann, dann könnte ein National- ökonom vom Fach angesichts der Arbeiten von Knut Wicksell, von Hawtrey, von J. M. Keynes, Irving Fisher, Cassel, Bellerbey, Albert Hahn, Grote-Mismahl und vielen anderen zur Frage der Indexwährung meinen, Gesell renne offene Türen ein. - Diese Meinung wäre aber total abwegig, denn was in diesem Buch steht, das hat Gesell vor einem halben Jahrhundert vertreten - als an den Universitäten die orthodoxe Theorie vom "inneren Wert des Goldes" herrschend war! - Hier handelt es sich um den Urtext seiner ersten Darlegungen in geschlossener Form, und es ist nicht unsere Aufgabe, diesen Urtext durch eine andere, mit wissenschaftlich-statistischen Beweisen vollkommener fundierte Fassung zu ersetzen. Das sind Aufgaben, die in anderen Veröffentlichungen zur Freiwirtschaftslehre berücksichtigt werden müssen. Im Zusammenhang mit diesen Grundsätzen für die Herausgabe der neuen Auflage dieses Werkes muß ich nun den Kenner der 7. und 8. Auflage davon unterrichten, daß und warum die von mir redigierte Auflage an die 6. Auflage anschließt. Die 7. Auflage ist als erste Auflage nach dem Tode Gesells erschienen. Wie der Heraus- geber Dr. Landmann in seinem Vorwort (s. S. 30) erwähnt, hat er sich auf Grund hinter- lassener Aufzeichnungen Gesells veranlaßt gesehen, im III. Teil mit "Kapitel 14" eine

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Ergänzung zum Thema des "Bargeldlosen Verkehrs" einzurücken. Diese - im übrigen auch nur ein Fragment darstellende Ergänzung - ist inhaltlich anfechtbar, sie trifft nicht die Problematik der Sache und führt zu Widersprüchen. Zweifellos hat der Herausgeber den Text zu dieser Ergänzung irgendwo in Gesells Hinterlassenschaft gefunden; es scheint ihm jedoch entgangen zu sein, daß aus Gesells Feder noch andere und gründlicher durchgearbeitete Darlegungen zu diesem Thema existieren, so daß der Autor wohl kaum die fragliche Fassung für die Neubearbeitung seines Hauptwerkes ausgewählt hätte. Dr. Landmann ist im übrigen aber selbst mitten aus seiner Arbeit heraus vom Tod überrascht worden, und so erfolgte die Herausgabe so, wie er sie vorbereitet hatte, jetzt auch unter der Redaktion von Hans Timm offen- sichtlich ohne nochmalige kritische Prüfung. Beide Herausgeber haben übersehen, daß sich das "Kapitel 14" überhaupt nicht in die Freiwirtschaftslehre einfügen läßt und daß Gesell selbst schon im Jahre 1920 im Anschluß an die im Oktoberheft der Zeitschrift "Technik und Wissenschaft" veröffent- lichte Kritik des Freigeldes durch Dr. Heyn eine Abhandlung geschrieben hat, die wissenschaftlich einwandfrei war und den ganzen Komplex des "bargeldlosen Verkehrs" vollkommen schlüssig in seine Lehre einordnete. Auf diese letztgenannte Tatsache gestützt, halte ich es für gerechtfertigt, den Fehler der 7. und 8. Auflage zu korrigieren und dieses Kapitel, das nachweisbar von Gesell schon 10 Jahre zuvor überholt war, wieder aus dem Haupttext seines Werkes zu ent- fernen. Für diejenigen Leser, die ein wissenschaftliches Interesse an der Gegenüberstellung haben, ist das erwähnte Kapitel zusammen mit den Abhandlungen Gesells aus den Jahren 1921 und 1923, die diesem gleichen Thema galten, im Anhang (S. 363) der vor- liegenden Ausgabe zu finden. Weiterhin habe ich keinerlei textliche Veränderungen vorgenommen. Anmerkungen und Hinweise auf den derzeitigen Stand der Entwicklung sind ebenfalls im Anhang zu finden. Die Illustrationen - insbesondere des Freigeldes - sind an Hand der bekann- testen Vorlagen aus der Freiwirtschaftsbewegung gegenüber den früheren Ausgaben graphisch verbessert. Ich hoffe, damit allen Anforderungen Genüge getan zu haben und wünsche diesem Werk die Verbreitung, die ihm gebührt. Berlin, im März 1949. Karl Walker.

ERSTER TEIL:

DIE GÜTERVERTEILUNG und die sie beherrschenden wirtschaftlichen Umstände

EINLEITUNG

"Wenn den Unternehmern das Geldkapital zur Hälfte des jetzigen Zinses angeboten würde, so müßte auch bald der Zinsertrag aller übrigen Kapitalien um die Hälfte heruntergehen. Wenn z. B. ein Haus mehr Miete abwirft, als dem Unternehmer das Baugeld an Zins kostet, wenn der Zins des für das Roden eines Waldes ausgegebenen Geldes weniger ausmacht als die Pacht eines gleich guten Kulturbodens, so wird der Wettbewerb unfehlbar eine Herabsetzung der Mieten und Pachten auf die Höhe des herabgesetzten Geldzinses herbeiführen (also den Mehrwert schmälern), denn das sicherste Mittel, um ein aktives Kapital (Haus, Acker) zu entwerten (also um den Mehrwert zu Gunsten der Löhne zu beschneiden), besteht doch darin, neben ihm andere, neue Kapitalien zu schaffen und in Betrieb zu setzen. Nach allen wirt- schaftlichen Gesetzen vermehrt eine größere Erzeugung auch die Masse des den Arbeitern angebotenen Kapitals, hebt die Löhne und muß schließlich den Zins (Mehrwert) auf Null bringen." Übersetzt aus Proudhon: Was ist Eigentum? (Qu'est-ce que la proprieté? Paris. E. Flamarion, Neue Ausgabe, S. 235.) Die Beseitigung des arbeitslosen Einkommens, des sogenannten Mehrwertes, auch Zins und Rente genannt, ist das unmittelbare wirtschaftliche Ziel aller sozialistischen

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Bestrebungen. Zur Erreichung dieses Zieles wird allgemein der Kommunismus, die Verstaatlichung der Gütererzeugung mit all ihren Folgen, verlangt, und mir ist nur ein einziger Sozialist bekannt - P. J. Proudhon -, dessen Untersuchungen über das Wesen des Kapitals ihm auch eine andere Lösung der Aufgabe möglich erscheinen ließen. Die Forderung einer allgemeinen Verstaatlichung sämtlicher Erzeugung wird mit der Natur, d. h. mit den Eigenschaften der Produktionsmittel begründet. Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, daß der Besitz der Produktions- mittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muß, dessen Ausdruck eben der Mehr- wert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, daß das heute auf seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitz- losen (Arbeiter) übergehen kann, daß man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut. Der den Sozialisten von P. J. Proudhon bereits vor fünfzig Jahren gezeigte Weg, das Kapital mit unverdrossener, fleißiger, scharfsinniger und ungehemmter Arbeit bewußt anzugreifen und zur Strecke zu bringen, ist ihnen heute unverständlicher noch als damals. Man hat Proudhon zwar nicht ganz vergessen, aber niemand hat ihn recht verstanden. Sonst gäbe es heute kein Kapital me hr. Weil Proudhon sich im Wege (Tauschbanken) irrte, glaubte man überhaupt seiner Lehre nicht mehr - wohl der beste Beweis, daß man sie nie wirklich begriffen hatte. Man läßt eine Sache nicht fahren, die man einmal als richtig erkannt hat; man läßt sich von Fehlschlägen nicht entmutigen. Warum es der Marxschen Lehre vom Kapital gelang, die Proudhonsche Lehre zu ver- drängen und die sozialistische Bewegung zur Alleinherrschaft zu bringen? Warum spricht man in allen Zeitungen der Welt von Marx und seiner Lehre? Einer meinte, das läge an der Hoffnungslosigkeit und entsprechenden Harmlosigkeit der Marxschen Lehre. Kein Kapitalist fürchte diese Lehre, wie auch kein Kapitalist die christliche Lehre fürchtet. Es wäre geradezu vorteilhaft für das Kapital, möglichst viel und breit von Marx und Christus zu reden. Marx würde ja dem Kapital niemals etwas anhaben können, weil er die Natur des Kapitals falsch beurteilt. Bei Proudhon dagegen, da heißt es aufpassen. Besser ist es, ihn totzuschweigen. Er ist ein gefährlicher Bursch, denn es ist einfach un- bestreitbar, was er sagt, daß, wenn die Arbeiter ungestört, ungehemmt, ununterbrochen arbeiten dürften, das Kapital bald in einer Kapital-Überproduktion (nicht mit Waren- überproduktion zu verwechseln) ersticken würde. Das, was Proudhon zur Bekämpfung des Kapitals empfiehlt, kann heute unmittelbar in Angriff genommen werden, ist also gefährlich. Spricht doch das Marxsche Programm selber von der gewaltigen Produktions- kraft des mit den neuzeitlichen Werkzeugen ausgerüsteten, modernen, geschulten Ar- beiters. Marx kann mit dieser gewaltigen Produktionskraft durchaus nichts anfangen; in den Händen Proudhons wird sie zu einer Waffe allererster Ordnung gegen das Kapital. Darum redet viel und breit von Marx, so wird man Proudhon vielleicht ganz vergessen. Mir scheint, daß der Mann, der so redete, recht hat. Ging es nicht auch so mit Henry George und der deutschen sogenannten Bodenreformbewegung, mit Damaschkes großer "Wahrheit"? Weil die Grundbesitzer bald herausfanden, daß es sich um ein Schaf in Wolfskleidern (1) handelte, daß eine Besteuerung der Grundrente wirksam nicht durch- zuführen ist, so brauchte man den Mann und die Reform nicht zu fürchten. Also durfte die Presse frei von Henry Georges Schwärmerei reden. - Die Bodenreformer waren in der guten Gesellschaft überall gern gesehen. Jeder Agrarier, jeder Kornzollspekulant wurde Bodenreformer. Der Löwe hatte ja doch keine Zähne, also durfte man mit ihm spielen - wie so viele in den Sälen der vornehme n Welt mit dem Christentum spielen. Georges Buch erlebte die größte Auflage, die ein Buch je erlebt hat. Alle Zeitungen brachten Besprechungen! Marx Untersuchung des Kapitals schlägt von Anfang an den verkehrten Weg ein. Wie es der erste beste Bauer macht, so betrachtet auch Marx das Kapital als ein Sachgut. Für Proudhon dagegen ist der Mehrwert nicht Produkt eines Sachgutes, sondern eines wirtschaftlichen Zustandes, eines Marktverhältnisses. Marx sieht im Mehrwert einen Raub, die Frucht des Mißbrauches einer Macht, die der Besitz gibt. Für Proudhon unterliegt der Mehrwert dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Für Marx ist der positive Mehrwert selbstverständlich, für Proudhon mußte auch die Möglichkeit eines negativen Mehrwertes in den Kreis der Betrachtung gezogen werden (positiv = der Mehrwert auf seiten des Angebots, d. i. der Kapitalisten, negativ = Mehrwert auf seiten der Nachfrage, d. i. der Arbeiter). Marx' Ausweg ist die durch Organisation zu schaffende politische Übermacht der Besitzlosen; Proudhons Ausweg ist die Beseitigung des Hindernisses, das uns von der vollen Entfaltung unserer Produktionskraft abhält. Für Marx

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sind Streik, Krisen willkommene Ereignisse, und das Mittel zum Zweck ist die schließ- liche gewaltsame Enteignung der Enteigner. Proudhon dagegen sagt: Laßt euch unter keiner Bedingung von der Arbeit abhalten, nichts stärkt das Kapital mehr als der Streik, die Krise, die Arbeitslosigkeit; nichts kann das Kapital schlechter vertragen als unver- drossene Arbeit. - Marx sagt: Der Streik, die Krise nähern euch dem Ziele, durch den großen Kladderadatsch werdet ihr ins Paradies eingeführt. Nein, sagt Proudhon, es ist nicht wahr, es ist Schwindel, - alle diese Mittel entfernen euch vom Ziel. Nie wird dem Zins dadurch auch nur 1 % abgeluchst werden. Marx sieht im Privateigentum eine Kraft und Übermacht. Proudhon erkennt hingegen, daß diese Übermacht im Geld ihren Stütz- punkt hat und daß unter anderen Verhältnissen die Kraft des Eigentums sich sogar in eine Schwäche verwandeln kann. Ist, wie Marx sagt, das Kapital ein Sachgut, auf dessen Besitz die Übermacht der Kapitalisten beruht, so müßte mit jeder Vermehrung dieser Sachgüter das Kapital ent- sprechend gestärkt werden. Wiegt ein Bündel Stroh, eine Schubkarre voll Wertliteratur

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Zentner, so wiegen zwei Bündel, zwei Schubkarren überall, zu allen Zeiten, genau

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Zentner. Und wirft ein Haus 1000 Mark Mehrwert ab im Jahr, so müssen zehn Häuser,

die daneben erbaut werden, immer und selbstverständlich 10 x 1000 Mark abwerfen - die Richtigkeit vorausgesetzt, daß das Kapital als Sachgut zu betrachten ist. Wir wissen aber; daß man das Kapital nicht wie die Sachgüter zusammenzählen kann, daß im Gegenteil sehr oft das neu hinzukommende Kapital vom bereits bestehenden abgezogen werden muß. Das kann man alle Tage beobachten. Unter Umständen gelten 10 Zentner Fische auf dem Markt mehr als 1000 Zentner. Wie teuer würde die Luft sein, wenn sie nicht so massenhaft vertreten wäre. Jetzt erhält sie jeder umsonst. Als, nicht lange vor Ausbruch des Krieges, die verzweifelten Hausbesitzer in den Vor- orten Berlins auf den Niedergang der Mieten - also des Mehrwertes - hinwiesen und in den bürgerlichen Zeitungen allen Ernstes von der Bauwut (2) der Arbeiter und Unternehmer, von der Baupest (2), die im Häuserkapital herrsche, gesprochen wurde, da konnte jeder die wahre Natur des Kapitals in ihrer ganzen Er- bärmlichkeit sehen. Das von den Marxisten so gefürchtete Kapital stirbt an der Baupest, reißt vor der Bauwut der Arbeiter aus! Wenn Proudhon und Marx damals gelebt hätten! Hört auf zu bauen, hätte Marx gesagt, klagt, bettelt, jammert über Arbeitslosigkeit, streikt obendrein, denn jedes Haus, das ihr baut, mehrt die Macht der Kapitalisten, wie 2 + 2 = 4 ist. Die Macht des Kapitals wird gemessen am Mehrwert, und dieser am Zinsfuß. Je höher der Mehrwert, der Zins des Hauses, um so mächtiger ist zweifellos das Kapital. Darum empfehle ich euch, laßt ab von dieser ungefesselten Bauwut, verlangt den acht-, den sechsstündigen Arbeitstag, denn je mehr ihr Häuser baut, desto größer ist selbstverständ- lich der Mehrwert, und Wohnungsmiete ist - Mehrwert! Also Schluß mit der Baupest; je weniger ihr baut, um so billigere Wohnungen werdet ihr vorfinden. Vielleicht hätte Marx sich gehütet, solchen Unsinn auszusprechen, aber so denken und handeln die Arbeiter doch heute auf Grund der Marxschen Lehre, die das Kapital als Sachgut behandelt. Dagegen Proudhon. Immer drauf los! Her mit der Bauwut, her mit der Baupest! hätte er gesagt. Arbeiter, Unternehmer, laßt euch unter keiner Bedingung die Maurerkelle aus der Hand winden. Schlagt sie tot, die euch von der Arbeit abhalten. Das sind eure Erbfeinde. Man bringe die vor meine Augen, die von Baupest, von Wohnungsüberpro- duktion reden, solange die Wohnungsmieten noch Spuren von Mehrwert, von Kapital- zins zeigen! Das Kapital soll an der Baupest zugrunde gehen! Seit etwa 5 Jahren hat man euch ohne Aufsicht eurer Bauwut überlassen, und schon spüren es die Kapitalisten schon schreien sie über den Niedergang des Mehrwertes; schon ist der Hauszins von 4 auf 3 % gefallen - also um ein volles Viertel. Noch 3 x 5 Jahre ungestörter Arbeit, und ihr werdet in mehrwertfreien Häusern euch breit machen, wirklich einmal "wohnen" können. Das Kapital stirbt, ihr seid dabei und auf dem Wege, es mit eurer Arbeit zu vernichten! Die Wahrheit ist faul wie ein Krokodil im Schlamm des ewigen Nils. Die Zeit gilt für sie nicht; es kommt ihr auf ein Menschenalter nicht an; sie ist ja ewig. Aber die Wahrheit hat einen Impresario, der, sterblich wie der Mensch, es immer eilig hat. Ihm ist Zeit Geld, immer ist er rührig und aufgeregt. Dieser Impresario heißt "Irrtum".

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Der Irrtum kann nicht faul im Grab die Ewigkeiten an sich vorbeiziehen lassen. Er stößt überall an und wird überall gestoßen. Allen liegt er überall im Wege. Niemand läßt ihn ruhen. Er ist der wahre Stein des Anstoßes. Darum kommt es gar nicht darauf an, daß man Proudhon totschweigt. Sein Gegner selbst, Marx, sorgt mit seinen Irrtümern schon dafür, daß die Wahrheit zutage gefördert wird. Und in diesem Sinne kann man sagen: Marx ist zum Impresario Proudhons ge- worden. Proudhon hat sich noch nie im Grabe umgedreht; er ruht. Seine Worte haben ewigen Wert. Aber Marx hat es eilig. Er hat keine Ruhe, bis Proudhon erwacht und ihm die ewige Ruhe im Museum menschlicher Irrungen gibt. Und wäre Proudhon wirklich totgeschwiegen worden, die Natur des Kapitals ändert sich doch nicht. Ein anderer findet die Wahrheit. Auf den Namen der Finder kommt es ihr nicht an. Der Verfasser dieses Buches ist auf die gleichen Wege geraten, die Proudhon wandelte, und kam auch zu denselben Schlüssen. Vielleicht war es sogar ein Glück daß er nichts von der Proudhonschen Kapitaltheorie wußte, denn so konnte er unbefangen an die Arbeit gehen. Und Unbefangenheit ist die beste Vorbereitung für die Forschung. Der Verfasser hat mehr Glück als Proudhon gehabt. Er fand nicht nur das, was Proudhon bereits vor fünfzig Jahren entdeckte, d. i. die wahre Natur des Kapitals, er fand oder erfand darüber hinaus noch den gangbaren Weg zu dem Proudhonschen Ziele. Und auf diesen kommt es schließlich an. Proudhon fragte: warum haben wir zu wenig Häuser, Maschinen und Schiffe? Er gab darauf auch die richtige Antwort: weil das Geld den Bau nicht gestattet! Oder um seine eigenen Worte zu gebrauchen: "weil das Geld eine Schildwache ist, die, an den Eingängen der Märkte aufgestellt, die Losung hat, niemand durchzulassen. Das Geld, so meint ihr, sei ein Schlüssel des Marktes (worunter hier der Austausch der Erzeug- nisse zu verstehen ist) - es ist nicht wahr - das Geld ist ein Riegel". Das Geld läßt es einfach nicht zu, daß neben jedes Haus noch ein zweites gebaut werde. Sobald das Kapital den herkömmlichen Zins nicht mehr abwirft, streikt das Geld und unterbricht die Arbeit. Das Geld wirkt also tatsächlich wie ein Schutzmittel gegen Baupest und Arbeitswut. Es nimmt das Kapital (Häuser, Fabriken, Schiffe) in seinen Schutz gegen jede Kapitalvermehrnng. Als Proudhon diese Riegel- oder Sperrnatur des Geldes erkannt hatte, stellte er die Forderung: Bekämpfen mir dies Vorrecht des Geldes, indem wir die Ware und Arbeit zu barem Gelde erheben. Denn zwei Vorrechte heben sich gegenseitig auf, wenn sie ein- ander gegenübertreten. Hängen wir dasselbe Übergewicht des Geldes auch der Ware an, so heben sich beide Übergewichte gegenseitig auf! Das war Proudhons Gedanke und Vorschlag, und um diesen auszuführen, gründete er die Tauschbanken. Sie schlugen bekanntlich fehl. Und doch ist die Lösung der Aufgabe, die Proudhon nicht glücken wollte, einfach genug. Man braucht dazu nur einmal den gewohnten Standpunkt des Geldbesitzers zu verlassen und sich die Aufgabe vom Standpunkt der Arbeit und des Warenbesitzers anzusehen. Dann findet man die Lösung sofort. Die Ware ist die wahre Grundlage der Volkswirtschaft, nicht das Geld. Aus Waren und ihren Zusammensetzungen bestehen 99 % unseres Reichtums, nur 1 % besteht aus Geld: Betrachten und behandeln wir also die Ware, wie man Grundmauern betrachtet, d. h., rühren wir nicht daran; lassen wir die Waren so, wie sie auf dem Markte erscheinen. Wir können ja doch nichts daran ändern. Fault, bricht, vergeht die Ware, gut, so lassen wir sie vergehen. Es ist ja ihre Natur. Mögen wir Proudhons Tauschbanken noch so sehr verbessern, wir können es nicht verhindern, daß die Zeitung, die morgens um 6 Uhr von Schnelläufern ausgeschrieen wird, zwei Stunden danach schon zum Ausschußpapier geworfen werden muß, wenn sie keinen Käufer fand. Auch müssen wir beachten, daß das Geld allgemein als Sparmittel gebraucht wird; daß alles Geld, das als Tauschmittel dem Handel dient, in die Spar- kassen mündet und dort liegen bleibt, bis es vom Zins herausgelockt wird. Wie wollen wir aber auch für die Sparer die Waren auf die Rangstufe des baren Geldes (Gold) er- heben? Wie wollen wir es machen, daß die Sparer, statt Geld zu sparen, ihre Spar- büchsen oder Sparkammern mit Stroh, Büchern, Speck, Tran, Häuten, Guano, Dynamit, Porzellan usw. füllen? Und das ist es doch, was Proudhon eigentlich erstrebte, wenn er Waren und Geld auf gleiche Rangstufe setzen, sie vollkommen gleichwertig machen wollte. Proudhon hatte übersehen, daß das heutige Geld nicht nur Tauschmittel, sondern auch Sparmittel ist, und daß für die Vorratskammern der Sparer Geld und Kartoffeln, Geld und Kalk, Geld und Tuch niemals und in keinem Verhältnis als Dinge gleichen

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Wertes angesehen werden. Ein Jüngling, der für seine alten Tage spart, wird eine einzige Goldmünze dem Inhalte des größten Warenhauses vorziehen. Also lassen wir die Waren in Ruhe. Sie sind das Gegebene, die Welt, der sich der Rest zu fügen hat. Sehen wir uns dafür einmal das Geld näher an. Hier können wir schon eher Änderungen vornehmen. Muß das Geld so sein, wie es ist? Muß das Ge ld als Ware besser sein als die Waren, denen es als Tauschmittel dienen soll? Muß bei einer Feuers- brunst im Warenhaus, bei einer Überschwenmung, bei einer Krise, einem Moden- wechsel, einem Krieg usw. das Geld allein vor Schaden bewahrt bleiben? Warum muß das Geld besser sein als die Waren, denen es als Tauschmittel dienen soll? Und ist dieses "Bessersein" nicht eben das Vorrecht, dessen Bestehen wir als die Ursache des Mehr- wertes erklären, dessen Beseitigung Proudhon erstrebte? Also weg mit den Vorrechten des Geldes! Das Geld soll als Ware für niemand, auch für den Sparer, Spekulanten und Kapitalisten nicht besser sein als der Inhalt der Märkte, Läden, Eisenbahnschuppen. Das Geld soll also, wenn es den Waren gegenüber keine Vorrechte haben darf, wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen; es soll zerfressen werden, erkranken, davon- laufen, und wenn es verendet, soll der Besitzer noch den Lohn des Abdeckers be- zahlen. Dann erst werden wir sagen können, Geld und Ware ständen auf gleicher Rangstufe und wären vollkommen gleichwertige Dinge - so wie es Proudhon haben wollte. Geben wir dieser Forderung eine kaufmännische Formel. Wir sagen: die Besitzer der Waren erleiden durchweg während der Lagerzeit einen Verlust an Menge und Güte der Waren. Daneben sind die Lagerkosten (Miete, Versicherungen, Wartung und so weiter) zu zahlen. Wieviel macht das aufs Jahr berechnet und im Durchschnitt? Sagen wir einmal 5% - was eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist. Wieviel hat aber ein Bankhaus, ein Kapitalist ein Sparer von seinem Gelde abzu- schreiben, das er zu Hause oder in der Sparkasse aufbewahrt? Um wieviel war der Kriegs- schatz im Juliusturm zu Spandau in den 44 Jahren, die er dort lagerte, weniger geworden? Um keinen Pfennig war der Schatz kleiner geworden! Ist das aber so, so haben wir auch schon die Antwort auf unsere Frage: wir hängen dem Geld den gleichen Verlust an, den die Waren auf Lager erleiden! Dann ist das Geld nicht mehr besser als die Ware, dann ist es für jeden einerlei, ob er Geld oder Waren besitzt oder spart, dann sind Geld und Ware vollkommen gleichwertig, dann ist Proudhons Rätsel gelöst, seine Seele aus dem Fegefeuer befreit; die Fesseln sind zerschnitten, die die Menschheit seit jeher an der Entfaltung ihrer Kräfte hinderten. Die Ausgestaltung dieser Untersuchung zu einem sozialpolitischen Programm (die natürliche Wirtschaftsordnung) brachte es mit sich, daß ich die Lösung des in Rede stehenden Rätsels erst im 3.-5. Teil bringe und den Teil "Freiland" vorausschicke. Durch diese Anordnung wurde die Übersichtlichkeit gehoben, das Ziel, die natürliche Wirtschaftsordnung, besser enthüllt. Wem es aber darauf ankommt, vor allem zu er- fahren, wie Proudhons Problem nun gelöst worden ist, der beginne mit Teil 3-5 und lese zum Schlusse Teil 1 und 2.

(1) Ernst Frankfurt: Das arbeitslose Einkommen. Verlag Junginger, Arosa. (2) Ausdrücke aus dem "General-Anzeiger von Groß-Lichterfelde".

1.1. Ziel und Weg

Wie schon in der Einleitung gesagt, ist Beseitigung des arbeitlosen Einkommens, des sogenannten Mehrwertes, auch Zins und Rente genannt, das unmittelbare wirtschaftliche Ziel aller sozialistischen Bestrebungen. Zur Erreichnng dieses Zieles wird allgemein die Verstaatlichung der gesamten Gütererzeugung mit allen ihren Folgerungen verlangt und als unerläßlich erklärt. Diese allgemeine Forderung der Besitzlosen wird durch die wissenschaftlichen Unter- suchungen gestützt, die Marx über die Natur des Kapitals angestellt hat, wonach der Mehrwert als eine untrennbare Begleiterscheinung der Privatindustrie und des Privat- eigentums an den Erzeugungsmitteln anzusehen ist. Hier wird nun gezeigt werden, daß diese Lehre von falschen Voraussetzungen ausgeht und daß ihre Richtigstellung zu vollkommen entgegengesetzten Ergebnissen führt. Diese Ergebnisse lehren uns, daß wir im Kapital kein Sachgut zu erblicken haben, sondern ein von Nachfrage und Angebot unbeschränkt beherrschtes Marktverhältnis - wie das

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übrigens der Sozialist Proudhon, der Gegner Marx', schon vor 50 Jahren den Arbeitern gesagt und bewiesen hatte. In völliger Übereinstimmung mit dieser Richtigstellung der Kapitallehre zeigt sich dann, daß, wenn wir gewisse künstliche Hemmungen beseitigen, die von unserem ver- kehrten Bodenrecht und unserem ebenso verkehrten Geldwesen herrühren, und wir da- durch erst unserer heutigen Wirtschaftsordnung zur vollen Entfaltung ihres urgesunden Grundgedankens verhelfen, die Arbeiter es ganz in der Hand haben, durch ihre Arbeit die Marktverhältnisse in kürzester Zei t (10 - 20 Jahre) für das Kapital so zu gestalten, daß der Mehrwert restlos verschwindet und die Produktionsmittel die Kapitaleigenschaft ein- büßen. Das Privateigentum an den Arbeitsmitteln bietet dann keinen anderen Vorteil mehr als den, den etwa der Besitzer einer Sparbüchse von seinem Eigentum hat. Diese wirft ihm auch keinen Mehrwert oder Zins ab, doch kann er den Inhalt nach und nach aufzehren. Die dann in den Arbeitsmitteln angelegten Ersparnisse oder sonstigen Gelder würden den Eigentümern nach Maßgabe der mit dem natürlichen Zerfall oder Verbrauch des Produktionsmittels (Haus, Schiff, Fabrik) schritthaltenden jährlichen Abschreibung zum persönlichen Verbrauch zur Verfügung stehen. Durch weiter nichts als durch un- gehemmte, fleißige, von den neuzeitlichen Produktionsmitteln unterstützte Arbeit würde der große Wau-Wau, das angestaunte und gefürchtete Kapital zur harmlosen Rolle ver- urteilt werden, die die tönerne Sparbüchse heute bei den Kindern spielt, die auch noch nie Mehrwert abgeworfen hat, und zu deren Inhalt man gelangt, indem man sie zerschlägt. In diesem 1. und 2. Teil, die vom Boden handeln, wird gezeigt, wie man ohne Kom- munismus mehrwertfreie Landwirtschaft und ebensolche Bau- und Bergwerksindustrie betreiben kann. Im weiteren Teil, der die neue Theorie des Kapitals enthält, wird das Rätsel gelöst, wie man ohne Verstaatlichung der übrigen Produktionsmittel den Mehr- wert vollends aus unserer Wirtschaftsordnung beseitigen, das Recht auf den vollen Arbeitsertrag schaffen kann.

1.2. Was ist der volle Arbeitsertrag?

Als Arbeiter im Sinne dieser Abhandlung gilt jeder, der vom Ertrag seiner Arbeit lebt. Bauern, Handwerker, Lohnarbeiter, Künstler, Geistliche, Soldaten, Offiziere, Könige sind Arbeiter in unserem Sinne. Einen Gegensatz zu all diesen Arbeitern bilden in unserer Volkswirtschaft einzig und allein die Rentner, denn ihr Einkommen fließt ihnen vollkommen unabhängig von jeder Arbeit zu. Wir unterscheiden: Arbeitserzeugnis, Arbeitserlös, und Arbeitsertrag. Das Arbeits- erzeugnis ist das, was aus der Arbeit hervorgeht. Der Arbeitserlös ist das Geld, das der Verkauf des Arbeitserzeugnisses oder der Lohnvertrag einbringt. Der Arbeitsertrag ist das, was man mit dem Arbeitserlös kaufen und an den Ort des Verbrauchs schaffen kann. Die Bezeichnungen: Lohn, Honorar, Gehalt an Stelle von Arbeitserlös wendet man an, wenn das Arbeitserzeugnis nicht gegenständlicher Natur ist, wie etwa das Straßen- kehren, das Dichten, das Regieren. Ist das Arbeitserzeugnis greifbar, wie ein Stuhl, und zugleich Eigentum des Arbeiters, so spricht man nicht mehr von Lohn und Honorar, sondern vom Preis des verkauften Stuhles. Bei all diesen Bezeichnungen handelt es sich immer um dasselbe Ding, um den Gelderlös der verrichteten Arbeit. Der Unternehmergewinn und der Handelsprofit sind, sofern man die in ihnen meistens enthaltenen Kapitalzinsen oder Grundrenten in Abzug bringt, ebenfalls als Arbeitserlös anzusprechen. Der Direktor einer Bergwerks-Aktiengesellschaft bezieht sein Gehalt aus- schließlich für die von ihm geleistete Arbeit. Ist der Direktor gleichzeitig Aktionär, so erhöhen sich seine Einnahmen um den Betrag der Dividenden. Er ist dann Arbeiter und Rentner in einer Person. Meistens besteht das Einkommen der Bauern, Kaufleute und Unternehmer aus Arbeitserlös und Renten (bzw. Zinsen). Ein Bauer, der mit geliehenem Kapital auf gepachtetem Boden arbeitet, lebt ausschließlich vom Ertrag seiner Arbeit. Was nach Zahlung von Pachten und Zinsen vom Arbeitserzeugnis übrigbleibt, ist auf seine Tätigkeit zurückzuführen und unterliegt den allgemeinen Gesetzen, die den Lohn bestimmen. Zwischen dem Arbeitserzeugnis (oder der Leistung) und dem Arbeitsertrag liegen die verschiedenen Handelsverträge, die wir täglich beim Einkauf der Waren abschließen. Von diesen Verträgen wird der Arbeitsertrag stark beeinflußt. Täglich kommt es vor, daß Leute, die die gleichen Arbeitserzeugnisse zu Markt führen, dennoch ungleich große Arbeitserträge heimbringen. Das liegt daran, daß diese Leute als Arbeiter wohl gleich-

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wertig sind, nicht aber als Händler. Die einen verstehen es besser, ihre Erzeugnisse zu guten Preisen zu verkaufen und beim Einkauf der Bedarfsgegenstände die Spreu von den Körnern zu sondern. Bei den für den Markt verfertigten Waren gehören der Tausch, der Handel und die hierfür nötigen Kenntnisse genau so zum Erfolg der Arbeit (Arbeits- ertrag) wie die technischen Kunstgriffe. Der Tausch des Erzeugnisses ist als Schluß- handlung der Arbeit zu betrachten. Insofern ist jeder Arbeiter auch Händler. Hätten die Gegenstände des Arbeitserzeugnisses und des Arbeitsertrages eine gemein- same Eigenschaft, mit der sie sich vergleichen und messen ließen, so könnte der Handel, der das Arbeitserzeugnis in Arbeitsertrag verwandeln soll, wegfallen. Sofern man dann nur richtig messen, zählen oder wägen würde, müßte der Arbeitsertrag immer ohne weiteres gleich dem Arbeitserzeugnis sein (abzüglich Zins oder Rente), und den Beweis, daß eine Übervorteilung nicht stattgefunden hat, könnte man unmittelbar an den Gegen- ständen des Arbeitsertrages liefern, genau wie man zu Hause auf der Waage nachwägen kann, ob die Waage des Apothekers richtig wiegt oder nicht. Solche gemeinsame Eigen- schaft fehlt jedoch den Waren. Stets wird der Tausch durch den Handel bewerkstelligt, niemals durch den Gebrauch irgendeines Maßes. Auch der Gebrauch des Geldes ent- hebt uns nicht der Notwendigkeit, den Tausch durch den Handel zu vollziehen. Der Ausdruck "Wertmesser", den man noch manchmal in rückständigen volkswirtschaft- lichen Schriften auf das Geld anwendet, ist irreführend. Keine einzige Eigenschaft eines Kanarienvogels, einer Pille, eines Apfels läßt sich mit einem Geldstück messen. Darum müssen wir es aber als eine Unmöglichkeit bezeichnen, mit einem unmittel- baren Vergleich zwischen Arbeitserzeugnis und Arbeitsertrag eine Klage auf Grund des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag rechtlich zu begründen. Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag, sofern darunter das Recht des einzelnen auf seinen vollen Arbeitsertrag gemeint ist, müssen wir sogar geradezu als Hirngespinst bezeichnen. Ganz anders verhalten sich jedoch die Dinge in bezug auf den gemeinsamen vollen Arbeits- ertrag. Dieser verlangt nur, daß die Arbeitserzeugnisse restlos unter die Arbeiter vertei lt werden. Es dürfen keine Arbeitserzeugnisse an Rentner für Zinsen und Renten abgegeben werden. Das ist die einzige Bedingung, die die Verwirklichung des Rechtes auf den gemein- samen, vollen Arbeitsertrag stellt. Das Recht auf den gemeinsamen, vollen Arbeitsertrag verlangt von uns nicht, daß wir uns noch um den Arbeitsertrag des einzelnen Arbeiters kümmern. Was der eine Arbeiter heute weniger erhält, empfängt der andere mehr. Die Verteilung unter die Arbeiter geschieht nach wie vor nach den Gesetzen des Wettbewerbs, in der Regel so, daß der Wettbewerb um so schärfer, der persönliche Arbeitsertrag um so geringer ist, je leichter und einfacher die Arbeit ist. Diejenigen Arbeiter, die die höchste Umsicht bei der Arbeit brauchen, sind dem Wettbewerb der Massen am wirksamsten entzogen und können darum für ihre Leistungen die höchsten Preise erzielen. Manchmal ersetzt auch einfach körperliche Veranlagung (bei Sängern z. B.) den Scharfsinn bei der Ausschaltung des Massenwettbewerbs. Wohl dem, der bei seinen Leistungen den Wettbewerb der anderen nicht zu fürchten braucht. Die Verwirklichung des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag kommt allen Einzel- arbeitserträgnissen in einem gleichmäßigen, nach Prozenten bestimmten Aufschlag auf die heutigen Arbeitserträgnisse zustatten. Die Arbeitserträge werden vielleicht verdoppelt, aber nicht geebnet. Das Gleichmachen der Arbeitserträgnisse ist Sache der Kommunisten. Hier aber handelt es sich um das Recht auf den vollen, durch den Wettbewerb, den Wettkampf zugemessenen Arbeitsertrag. Zwar werden als Nebenwirkung der Neuerun- gen, die das Recht auf den gemeinsamen vollen Arbeitsertrag verwirklichen sollen, die heutigen, oft ungeheuren Unterschiede in den Einzelarbeitserträgnissen, namentlich im Handel, auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt werden, doch handelt es sich hier nur um eine Nebenwirkung. Zu dem Rechte, das wir verwirklichen wollen, gehört aber solches Gleichmachen, wie gesagt, nicht. Demnach werden fleißige, tüchtige, umsichtige Arbeiter einen ihrer größeren Arbeitsleistung genau entsprechend größeren Arbeits- ertrag heimbringen. Dazu kommt die allgemeine Hebung des Lohnes durch den Fort- fall des arbeitlosen Einkommens. Übersicht über das bisher Gesagte :

? 1. Das Arbeitserzeugnis, der Arbeitserlös und der Arbeitsertrag sind nicht unmittelbar vergleichbar. Es gibt für diese drei Größen keinen gemeinsamen Maßstab. Die Über- führung des einen in den anderen geschieht nicht durch Messen, sondern durch Vertrag, durch Handelsvertrag.

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? 2. Der Nachweis, ob der Arbeitsertrag des einzelnen Arbeiters voll oder nicht voll ist, läßt sich nicht erbringen.

? 3. Der volle Arbeitsertrag läßt sich nur als gemeinsamer (kollektiver) Arbeitsertrag begreifen und nachmessen.

? 4. Der volle gemeinsame Arbeitsertrag macht die restlose Ausmerzung allen arbeits- losen Einkommens, also des Kapitalzinses und der Grundrente, zur Bedingung.

? 5. Sind Zins und Rente restlos aus der Volkswirtschaft ausgemerzt, so ist erwiesen, daß das Recht auf den vollen Arbeitsertrag verwirklicht, daß der gemeinsame Arbeits- ertrag gleich dem gemeinsamen Arbeitserzeugnis ist.

? 6. Die Beseitigung des arbeitslosen Einkommens hebt, verdoppelt oder verdreifacht die Einzelarbeitserträgnisse. Ein Gleichmachen findet nicht oder nur teilweise statt. Die Unterschiede im Einzelarbeitserzeugnis kommen im Einzelarbeitsertrag voll zur Geltung.

? 7. Dieselben allgemeinen Gesetze des Wettbewerbes, die die verhältnismäßige Höhe des Einzelarbeitsertrages bestimmen, bleiben bestehen. Dem Tüchtigsten der höchste Arbeitsertrag, über den er frei verfügen kann. Heute erleidet der Arbeitsertrag in Gestalt von Grundrenten und Kapitalzinsen Ab- züge. Diese werden natürlich nicht willkürlich bemessen, sondern von den Marktver- hältnissen bestimmt. Jeder nimmt so viel, wie ihm die Marktverhältnisse zu nehmen gestatten. Wie diese Marktverhältnisse zustandekommen, wollen wir jetzt untersuchen. Zunächst in bezug auf die Grundrente.

1.3. Der Abzug am Arbeitsertrag durch die Grundrente

Der Grundbesitzer hat es in der Hand, seinen Boden bebauen zu lassen oder es nicht zu tun. Die Erhaltung seines Besitzes ist von der Bebauung unabhängig. Der Boden verdirbt nicht unter der Brache, im Gegenteil, er wird dadurch besser; bot doch die Brache unter der Dreifelderwirtschaft die einzige Möglichkeit, den erschöpften Boden wieder fruchtbar zu machen. Ein Grundbesitzer hat also gar keine Ursache, seinen Besitz (Acker, Bauplatz, Erz- und Kohlenlager, Wasserkraft, Wald usw.) anderen ohne Entgelt zur Benutzung zu überlassen. Wird dem Grundbesitzer für solche Benutzung keine Vergütung (Pachtzins) angeboten, so läßt er den Boden brach. Er ist vollständig Herr über seinen Besitz. Darum wird auch jeder, der Boden braucht und sich an die Grundbesitzer wendet, sich regelmäßig und selbstverständlich zu einer Leistung (Pachtzins) bequemen müssen. Und wenn wir die Erdoberfläche und ihre Fruchtbarkeit vervielfältigten -, es würde doch keinem Grundbesitzer einfallen, ohne Entgelt den Boden anderen zu überlassen. Im äußersten Fall kann er seine Besitzung in Jagdgründe verwandeln oder als Park be- nutzen. Der Zins ist eine selbstverständliche Voraussetzung jeder Pachtung, weil der Druck des Wettbewerbs im Angebot von Pachtland niemals bis zur Unentgeltlichkeit des Bodens reichen kann. Wieviel wird nun der Grundbesitzer fordern können? Wenn die ganze Erdoberfläche für die Ernährung der Menschen nötig wäre, wenn in der Nähe und Ferne überhaupt kein freies Land mehr zu finden, die gesamte Erde in Besitz und Bebauung genommen, und auch durch Anstellung von mehr Arbeitern, durch sogenannte dichte oder Spar- landkultur kein Mehr an Erzeugnissen zu erzielen wäre, dann würde die Abhängigkeit der Besitzlosen von ihren Grundherren eine ebenso unbedingte sein, wie zur Zeit der Leibeigenschaft, und dementsprechend würden auch die Grundbesitzer ihre Forderun- gen bis zur Grenze des überhaupt Erreichbaren hinaufschrauben, d. h., sie würden das volle Arbeitserzeugnis, die volle Ernte für sich beanspruchen und davon dem Arbeiter, wie einem gemeinen Sklaven, so viel abtreten, wie zu seiner Erhaltung und Fortpflanzung nötig ist. In diesem Falle wäre die Voraussetzung erfüllt für das unbedingte Walten des sogenannten "ehernen Lohngesetzes". Der Bauer wäre auf Gnade und Ungnade den Grund- besitzern ausgeliefert, und der Pachtzins wäre gleich dem Ertrag des Ackers, abzüglich der Ernährungskosten für den Bauern und die Zugtiere und abzüglich des Kapitalzinses. Diese unentbehrliche Voraussetzung für den ehernen Lohn trifft jedoch nicht zu, denn die Erde ist größer, sogar sehr viel größer und fruchtbarer, als zur Erhaltung ihrer heutigen Bewohner nötig ist. Sogar bei der jetzigen Sparhand-Bewirtschaftung (1) ist

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sicherlich kaum ein Drittel der Fläche ausgenutzt, das übrige ist brach und vielfach herrenlos. Ginge man überall zur Sparlandbebaung (2) über, so würde vielleicht ein Zehntel der Erdoberfläche schon genügen, um die Menschheit mit dem Maß von Lebens- mitteln zu versorgen, das den Arbeitern heute durchschnittlich zur Verfügung steht. Neun Zehntel der Erdoberfläche könnten in diesem Falle brachliegen. (Was allerdings nicht bedeuten soll, daß man danach verfahren würde. Wenn jeder sich satt essen will, und sich nicht mit Kartoffeln begnügt, wenn jeder ein Reitpferd halten will, einen Hof mit Pfauen, Tauben; wenn er einen Rosengarten, einen Teich zum Baden haben will, dann könnte unter Umständen die Erde noch zu klein sein.) Die Sparlandbebauung (3) umfaßt: Entsumpfung, Berieselung, Bodenmischung, Ri - golen, Sprengung von Felsen, Mergelung, Anwendung künstlicher Düngemittel, Wahl der Kulturpflanzen, Veredelung der Pflanzen und Tiere, Vernichtung von Schäd- lingen bei Obstbäumen, Weinbergen; Verfolgung der Wanderheuschrecken, Ersparnis an Arbeitstieren durch Eisenbahnen, Kanäle, Kraftwagen, bessere Ausnutzung der Futterstoffe durch Austausch; Einschränkung der Schafzucht durch Baumwollanbau; Vegetarismus usw. usw. Durch völligen Mangel an Boden ist also heute niemand gezwungen, sich an die Grund- besitzer zu wenden, und weil dieser Zwang fehlt (aber nur darum), ist auch die Ab- hängigkeit der Grundbesitzlosen vom Grundbesitzer begrenzt. Nur haben die Grund- besitzer das Beste des Bodens in Besitz, und in der Nähe wenigstens sind nur solche Striche noch herrenlos, deren Urbarmachung sehr viel Arbeit kostet. Auch fordert die Sparlandbebauung beträchtlich mehr Mühe, und nicht jedermanns Sache ist es, aus- zuwandern, um die herrenlosen Länder in der Wildnis zu besiedeln, ganz abgesehen davon, daß die Auswanderung Geld kostet und daß die Erzeugnisse jener Ländereien nur mit großen Unkosten an Fracht und Zoll auf den Markt gebracht werden können. Das alles weiß der Bauer, das alles weiß aber auch der Grundherr. Ehe also der Bauer sich zur Auswanderung entschließt, oder ehe er das in der Nähe liegende Moor ent-

sumpft und urbar macht, ehe er zur Gartenwirtschaft übergeht, fragt er den Grundherrn, was dieser an Pachtzins für seinen Acker fordern würde. Und ehe der Grundherr diese Frage beantwortet, überlegt er und berechnet den Unterschied zwischen dem Ertrag der Arbeit auf seinem Acker und dem Ertrag (4) der Arbeit auf Ödland, Gartenland und herrenlosem Lande in Afrika, Amerika, Asien und Australien. Denn diesen Unterschied will er für sich haben, den kann er als Pacht für seinen Acker fordern. Aller Regel nach wird jedoch nicht viel gerechnet. Man geht hier vielmehr erfahrungsmäßig vor. Irgendein übermütiger Bursche wandert aus, und wenn er günstig berichtet, folgen andere. Da- durch geht in der Heimat das Angebot von Arbeitskräften zurück, und die Folge ist eine allgemeine Erhöhung der Lohnsätze. Dauert die Abwanderung an, so steigt der Lohn bis zu einem Punkte, wo der Auswanderer wieder im Zweifel ist, ob er bleiben oder ziehen soll. Dieser Punkt bedeutet den Ausgleich in den Arbeitserträgen hier und drüben. Manchmal kommt es auch vor, daß der Auswanderer über sein Tun sich Rechen- schaft geben will, und es mag darum angebracht sein, sich einmal eine solche Rechnung anzusehen:

1. Rechnung des Auswanderers:

Reisegeld für sich und seine

1000 M.

Unfall- und Lebensversicherung während der Reise Krankenversicherung für die Eingewöhnung, d. h. die Summe, welche

200 "

die Krankenversicherung für die besondere Gefahr des Klimawechsels

berechnen

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200 "

Besitznahme,

600 "

An Betriebskapital wird die gleiche Summe vorausgesetzt, die der Bauer in Deutschland braucht; es ist also nicht nötig, diese hier anzuführen-

. Diese Kosten des Auswanderers, die der Pächter in Deutschland spart, werden dem

Betriebsgeld zugerechnet, dessen Zinsen als Betriebsunkosten verrechnet werden:

. Nehmen wir nun an, daß der Ansiedler mit gleicher Arbeit dieselben Er- zeugnisse hervorbringt wie auf dem heimischen Boden, dessen Wett- bewerb hier in Betracht steht, so muß berücksichtigt werden, daß es der Bauer, wie jeder Arbeiter, gar nicht auf die Erzeugnisse selbst abgesehen hat, sondern auf das, was er mit seinen Erzeugnissen an Gebrauchs- gütern eintauschen kann, also auf den Arbeitsertrag. Dieser geht ihn allein an; um sich diesen zu beschaffen, arbeitet er. Der Ansiedler muß

5% von 2000

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Kosten der

2000 M.

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M.=

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100 M.

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also seine Erzeugnisse auf den Markt bringen, und den Gelderlös muß er wieder in Waren umsetzen und diese nach Hause bringen. Der Markt für diesen Austausch der Erzeugnisse ist in der Regel weit ab; nehmen wir an, es wäre Deutschland, wo ja große Massen land-

wi rtschaftlicher Erzeugnisse eingeführt werden müssen, so hat der Aus- wanderer zu zahlen:

Fracht für Fuhrwerk, Bahn, Seeschiff und Kahn

200 "

Einfuhrzoll in Deutschland

400 "

Fracht für Kahn, Seeschiff, Bahn und Fuhrwerk auf die eingetauschten

. Zol1 darauf bei der Einfuhr in seiner neuen Heimat .

. Die gewöhnlich auf dem Handelsweg erfolgende Umwandlung des Arbeitserzeug- nisses in Arbeitsertrag kostet dem Auswanderer nach obiger Rechnung an Fracht, Zoll und Handelsunkosten die Summe von M. 1000,- , die der Bebauer deutschen Bodens spart. Wenn letzterer also für einen Acker, der das gleiche Arbeitserzeugnis verspricht wie die Heimstätte des Auswanderers, M. 1000,- an Pacht zahlt, so steht sein Arbeits- ertrag auf gleicher Höhe mit dem des Auswanderers. Der gleiche wirtschaftliche Unterschied zugunsten des obigen im Wettbewerb stehenden Ackers ergibt sich, wenn Ödland in Deutschland urbar gemacht werden soll, nur treten hier an Stelle der Fracht- und Zollkosten die Zinsen für das in der Urbarmachung aufgewendete Kapital (Entwässerung des Moores, Mischung der ver- schiedenen Bodenschichten, Entsäuerung mit Kalk und Düngung). Bei der Sparland- bebauung treten an die Stelle von Zinsen und Frachten höhere Anbaukosten. Der Pachtzins wirkt also in der Richtung, den Arbeitsertrag (nicht das Arbeitserzeug- nis) überall auf die gleiche Höhe herabzusetzen. Das, was der altgepflegte heimische Boden landwirtschaftlich vor der Lüneburger Heide und, der Marktlage nach, vor dem herrenlosen Land in Kanada voraus hat, das beansprucht der Grundherr restlos für sich, als Grundrente, oder beim Verkauf des Bodens in kapitalisierter Form als Preis. Alle Unterschiede des Bodens in bezug auf Fruchtbarkeit, Klima, Marktnähe, Zölle, Frachten usw. werden durch die Grundrente ausgeglichen. (Man beachte, daß ich die Arbeits- löhne hier nicht anführe; es geschieht mit Bedacht.) Die Grundrente verwandelt in wirtschaftlicher Beziehung den Erdball in eine für den Pächter, Unternehmer, Kapitalisten (soweit er nicht Bodenbesitzer ist) durchaus gleich- artige, eintönige Masse. So sagt Flürscheim: "Wie alle Unebenheiten des Meeresbodens durch das Wasser zu einer glatten Fläche umgewandelt werden, so ebnet die Rente den Boden." Und zwar setzt sie (und das ist das Merkwürdige) den Ertrag der Arbeit für alle Bebauer des Bodens gleichmäßig auf den Ertrag herab, den man vom Ödland in der Heimat oder vom herrenlosen Boden in der fernen Wildnis erwarten kann. Die Begriffe fruchtbar, unfruchtbar, lehmig, sandig, sumpfig, mager, fett, gut und schlecht gelegen, werden durch die Grundrente in wirtschaftlicher Beziehung wesenlos. Die Grundrente macht es für alle Arbeiter völlig gleichgültig, ob sie Heideland in der Eifel, Gartenboden in Berlin oder Weinberge am Rhein bearbeiten.

Gebrauchsgüter

200

100

1000 M.

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(1 )Sparhandbebauung (extensive Kultur),.wo man mit der Arbeit spart. (2) Sparlandbebauung (intensive Kultur), wo man mit dem Boden spart. (3) Die Sparhandbebauung braucht viel Boden, die Sparlandbebauung viele Arbeiter. (4) Man beachte hier wohl den Unterschied zwischen Arbeitserzeugnis und Arbeitsertrag. Oft kommt es vor, daß das Arbeitserzeugnis (die Erntemenge) des Auswanderers zehnmal größer ist, ohne daß sein Arbeitsertrag sich bessert.

1.4. Abhängigkeit des Lohnes und der Grundrente von den Frachtsätzen

Vom Arbeitsertrag auf Frei-, Öd-, Sumpf- und Heideland hängt es ab, wieviel der Grund- besitzer an Lohn zahlen muß, wieviel er an Pacht erheben kann. So viel, wie der Arbeits- ertrag auf Freiland beträgt, so viel verlangt selbstverständlich der Knecht als Lohn, da es ihm ja frei steht, Freiland (diesen Begriff werden wir noch näher bestimmen) in Besitz und Arbeit zu nehmen. Dabei ist es durchaus nicht nötig, daß jeder Knecht bei den Lohnverhandlungen mit der Auswanderung droht. Familienvätern z. B., die mit Kindern

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gesegnet sind, würde eine solche Drohung nicht viel einbringen, insofern als der Grund- besitzer ja weiß, daß der Drohung die Tat nicht folgen wird. Für die genannte Wirkung genügt es vollkommen, daß durch die Auswanderung der Jugend ein allgemeiner Mangel an Arbeitskräften entsteht. Der durch die Auswanderung hervorgerufene Arbeitermangel steift dem durch Familienrücksichten oder sonstwie festgehaltenen Arbeiter bei den Lohnverhandlungen ebenso den Rücken, wie es eine bereits gelöste Schiffskarte tun könnte. (1) Soviel aber, wie der Arbeitsertrag der Freiländer und des Lohnarbeiters beträgt, muß auch dem Pächter nach Abzug der Pacht und des Zinses des von ihm benötigten Kapitals übrigbleiben. So wird also auch die Pacht vom Arbeitsertrag auf Freiland bestimmt. Mehr als diesen Freilandsarbeitsertrag braucht der Grundbesitzer bei der Pachtbemessung nicht übrig zu lassen, mit weniger braucht sich der Pächter nicht zu begnügen. Schwankt der Arbeitsertrag auf Freiland, so überträgt sich die Schwankung auch auf den Lohn und die Pacht. Zu den Umständen, die den Arbeitsertrag auf Freiland beeinflussen, müssen wir in erster Linie die Entfernung rechnen zwischen dem herrenlosen Boden und dem Orte, wo die Erzeugnisse verbraucht, die eingetauschten Gebrauchsgegenstände erzeugt oder von allen Teilen der Welt zusammengebracht werden. Wie wichtig die Entfernung ist, sehen wir am besten am Preisunterschied zwischen einem Acker in der Nähe der Stadt und einem gleich guten weit ab vom Markte. Worin liegt der Preisunterschied begründet? In der Entfernung. Handelt es sich z. B. um die kanadische Weizengegend, wo noch heute gutes Heim- stättenland zur freien Verfügung steht, so mu ß das Getreide zuerst vom Felde mittels Fuhrwerks auf grundlosen Straßen nach der mehr oder weniger entfernten Bahn gebracht werden, die es nach Duluth befördert, wo die Umladung auf Binnenschiffe stattfindet. Diese bringen das Getreide nach Montreal, wo eine neue Umladung auf Seeschiffe statt- findet. Von hier geht die Reise nach Europa, etwa nach Rotterdam, wo wieder eine Um- ladung auf Rheinschiffe nach Mannheim, und von hier auf Bahnwagen nötig wird, um den Markt (Stuttgart, Straßburg, Zürich usw. ) zu erreichen, wo es nach der Verzollung zu denselben Preisen verkauft werden muß, wie die an Ort und Stelle gewachsene Frucht. Es ist eine lange Reise, und sie kostet viel Geld, aber das, was nun von dem Marktpreis nach Abzug von Zöllen, Fracht, Versicherung, Maklergebühren, Stempel, Zinsen des Geldvorschusses, Säcken usw. usw. übrigbleibt, das ist erst der Arbeitserlös, mit dem den Ansiedlern in der Einöde von Sascachevan aber nicht gedient wäre. Dieser Gelderlös muß nun in Gebrauchsgegenstände umgesetzt werden - Salz, Zucker, Tuch, Waffen, Ma- schinen, Bücher, Kaffee, Möbel usw. usw., und erst, nachdem alle diese Gegenstände glücklich im Hause des Ansiedlers eingetroffen und die Frachtkosten bezahlt sind, kann der Arbeiter sagen, das ist mein Arbeitsertrag nebst Zins meines Kapitals. (Hat sich der Arbeiter das nötige Geld zur Auswanderung und Ansiedlung geborgt, so muß er vom Arbeitserzeugnis auch noch den Zins dieses Geldes abziehen. Dasselbe muß er tun, wenn er mit eigenem Kapital arbeitet.) Wie sehr nun dieser Arbeitsertrag von den Frachtsätzen abhängig sein muß, geht aus obiger Darstellung klar hervor. Diese Frachtsätze sind andauernd herabgegangen, wie folgende Angaben zeigen:

Frachtkosten für 1000 kg Getreide von Chicago nach Liverpool:

1873

= M. 67,-

1880

= M. 41,-

1884

= M. 24,- (2)

Das sind also schon von Chicago bis Liverpool 43 M. Frachtersparnis für jede Tonne Weizen, 1/6 des damaligen, 1/4 des jetzigen Preises. Aber die Strecke Chicago-Liverpool ist nur eine Teilstrecke der Reise Sascachevan-Mannheim, also sind obige 43 M. auch nur ein Teil der wirklichen Frachtersparnis. Diese Ersparnis kommt aber auch der Rückfracht zustatten. Das Getreide war das Arbeitserzeugnis, die 240 M. für die Weizentonne waren der Arbeitserlös und die Rück- fracht umfaßt die Gegenstände des Arbeitsertrages auf den es dem Ansiedler bei der Weizenerzeugung eigentlich ankommt. Man muß sich nämlich klar sein, daß die Arbeiter in Deutschland, die kanadischen Weizen essen, diesen immer mit ihren Erzeugnissen bezahlen müssen, die sie unmittelbar oder mittelbar nach Kanada schicken, für die darum ebenfalls Fracht zu zahlen ist. So verdoppelt sich also die Ersparnis an der Frachtver-

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billigung und hebt sich der Arbeitsertrag des Ansiedlers auf Freiland, der den allgemeinen Arbeitslohn in Deutschland unmittelbar bestimmt. Nun wäre es aber dennoch falsch, wenn man annehmen wollte, daß eine Frachterspar- nis von etwa 200 M. sich für den Ansiedler in einen dieser Summe genau entsprechenden höheren Arbeitsertrag umsetzen muß. In Wirklichkeit wird der Arbeitsertrag nur etwa um die Hälfte der Frachtersparnis steigen, und das verhält sich so: der steigende Arbeits- ertrag des Freiländers hebt den Lohn der landwirtschaftlichen Arbeiter in Deutschland. Warum, ist gesagt. Der steigende Lohn des Landarbeiters und des Freiländers lockt diesem Erwerbszweig Arbeiter aus der Industrie zu. Das bestehende Verhältnis in der Erzeugung

landwirtschaftlicher und industrieller Güter und damit auch ihr Tauschverhältnis wird gestört. Der Ansiedler muß für die Gegenstände seines Arbeitsertrages (Industrieerzeug- nisse) höhere Preise zahlen. Die Menge dieser Industrieerzeugnisse (Arbeitsertrag) wächst also nicht im Verhältnis zu dem um die Frachtersparnis erhöhten Arbeitserlös. Den Unterschied nehmen nach den Gesetzen des freien Wettbewerbs die Industriearbeiter vorweg. Es geht also hier zu wie dort, wo eine neue Technik die Erzeugungskosten der Waren vermindert (Dampfmaschine z. B.). Erzeuger und Verbraucher teilen sich in den Gewinn. Auch hier wieder wird es sich lohnen, einmal zahlenmäßig den Einfluß zu erfassen, den eine Frachtkostenveränderung auf den Arbeitsertrag des Freiländers, auf die Grund- rente und auf den allgemeinen Arbeitslohn ausübt:

I. Der Arbeitsertrag eines Freilandbauers in Kanada bei einem Frachtsatz von M. 67,- (v. Jahre 1873):

Arbeitserzeugnis: 10 t Weizen nach Mannheim verladen und dort zu 250 M.

 

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2500

M.

ab 10 mal 67

an

Fracht.

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670

M.

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1830 M.

. Dieser Arbeitserlös (Geld) wird in Deutschland zum Ankauf von Gebrauchs- gütern benutzt, die, nach Kanada verschifft, die gleichen Unkosten an

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Verpackung, Fracht, Zöllen, Bruch usw. verursachen mögen, wie der

Weizen auf der

670 M.

Arbeitsertrag im Hause des II. Derselbe im Jabre 1884 bei einem Frachtsatz von 24 M:

1160 M.

Arbeitserzeugnis: 10 t

2500 M.

ab 10 mal 24 an Fracht

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240 M.

. Dieser Arbeitserlös, der um 430 M. größer ist als bei I, soll nun in Arbeits- ertrag umgewandelt werden, d. h. in gewerbliche Erzeugnisse, deren Tauschverhältnis zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen sich (aus den angegebenen Gründen) gehoben hat, und zwar (immer schematisch) um die Hälfte des Mehrerlöses von 430 M., also um 215 M. Daher bleibt der Arbeitsertrag, nach den Preisen von I gemessen, um 215 M. gegen den

Arbeitserlös.

2260 M.

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Arbeitserlös zurück .

. Hiervon geht nun noch die Rückfracht ab, die wir höher bemessen müssen,

weil die Frachtgüter um den Betrag der Frachtersparnis angewachsen sind,

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215 M.

2045 M.

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statt

240

M.

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245

M.

Arbeitsertrag

 

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1 800 M.

Ist nun infolge der Frachtkosten-Ermäßigung der Arbeitsertrag des Freilandbauers von

1160 M. auf 1800 M. gestiegen, so erhöhen sich damit auch von selbst die Lohnforderun-

gen der deutschen Landarbeiter, und ebenso verlangen auch die Pächter vom Produkt ihrer Arbeit einen größeren Anteil für sich. In demselben Verhältnis gehen auch die Grundrentenzurück.

War in Deutschland der Preis von 10 t Weizen

2500 M.

und betrugen die Lohnausgaben

1160 M.

so warfen 10 t Land (3) an Pachtzins oder Grundrente

1340 M.

Steigen die Lohnforderungen auf 1800 M., so fällt die Grundrente auf 700 M., nämlich

1340 ab 640 Lohnerhöhung.

Also das, was der Freilandbauer an Frachten zahlen muß, das geht von seinem Arbeits- ertrag ab, das kann in Deutschland der Grundbesitzer als Pachtzins fordern, den Arbeitern vom Arbeitserzeugnis als Grundrente abziehen. Die Frachtausgaben des Freilandbauers sind die Einnahmen des Grundbesitzers.

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(1) Wie stark der Lohn unter dem Einfluß der Auawanderer und Wanderarbeiter stehen muß, ersieht man aus folgenden Zeilen, die einer Rede Wilsons vom 20. Mai 1918 ent- nommen sind. (N. Z. Z. Nr. 661): "Als der Kriegsminister in Italien weilte, wurden ihm von einem Mitgliede der italienischen Regierung die mannigfachen Gründe genannt, aus denen sich Italien den Vereinigten Staaten nahe verbunden fühlt. Der italienische Minister bemerkte dann folgendes:

"Wenn Sie eine interessante Erfahrung machen wollen, so begeben Sie sich in irgend- einen Truppenzug und fragen die Soldaten auf englisch, wie mancher von ihnen in Amerika gewesen sei. Das weitere werden Sie sehen." Unser Kriegsminister stieg in der Tat in einen Truppenzug und fragte die Leute, wie viele von ihnen schon in Amerika gewesen seien. Es scheint, daß über die Hälfte der Mann- schaften aufstand." Die italienischen Grundrentner hatten also die Leute nach Amerika, und die ameri- kanischen Grundrentner hatten sie wieder nach Hause getrieben. Weil es ihnen in Amerika ebenso schlecht ging, wie in der Heimat - darum wanderten diese armen Teufel ruhelos hin und her. Wilson fügte obigem bei: "Ein Teil von amerikanischen Herzen war in dieser italieni- schen Armee!" - Wir wissen es besser: Fluchend verließen die Wanderarbeiter ihre Heimat, und fluchend verließen sie Amerika. (2) Mulhall, Dictionary of Statistics. (3) Dänisches Ackermaß. Bedeutet so viel Land wie nötig um eine Tonne Getreide zu ernten. Eine Tonne Land bedeutet also je nach Güte des Bodens eine größere oder kleinere Fläche Land.

1.5. Einfluß der Lebensverhältnisse auf Lohn und Rente

Die Kosten der Bahn- und Seeverladung sind natürlich nicht die einzigen Einflüsse, denen der Arbeitsertrag des Freiländers und der von diesem abhängige Lohn des deut- schen Landarbeiters unterworfen sind. Zunächst müssen wir bemerken, daß der Mensch nicht allein von und für seinen Arbeitsertrag lebt, daß dieser nicht allein entscheidend bei der Frage der Auswanderung ist. Die staatlichen und bürgerlichen Verhältnisse des Landes, das der Auswanderer verläßt, und des Landes, das er aufsucht, greifen oft stark und bestimmend ein; mancher Mann begnügt sich zu Hause mit einem geringeren Arbeits- ertrag und erblickt den Ausgleich im Besitz des Lorbeerkranzes, den er als Kaninchen- züchter davongetragen hat, oder im Gesang der Buchfinken, der nach seiner Meinung nirgends so schön sein kann wie in seiner Heimat. Aber gerade diese (und viele andere) anziehenden oder auch abstoßenden Kräfte unterliegen einem ständigen Wandel, fördern oder hemmen die Auswanderung. Von Rußland z. B. wandern viele deutsche Bauern wieder aus, nicht in der Hoffnung eines höheren Arbeitsertrages, sondern weil ihnen die Zustände nicht mehr ganz zusagen. Das alles hemmt den Ausgleich zwischen dem rein sachlichen Arbeitsertrag des Auswanderers und dem des zurückbleibenden Landarbeiters. Nehmen wir einmal an, wir beschlössen, in Deutschland den Arbeitern das Leben freund- licher zu gestalten, wozu uns z. B. das Verbot von Rauschgetränken die Mittel liefern würde. Abgesehen davon, daß das Alkoholverbot an sich schon das Leben der Arbeiter und namentlich das ihrer Frauen verschönern würde, könnten wir die Milliarden, die die Rauschgetränke dem Volke unmittelbar und namentlich mittelbar kosten, für einen kräf- tigen Mutterschutz in Form einer monatlichen Reichszulage zu den Aufzuchtkosten jedes Kindes verwenden. Oder auch für bessere Schulen, zahlreiche öffentliche Lesehallen, Theaterbeihilfen, Kirchenbauten, staatliche Freikonditoreien, Volksfeste, Versammlungs- hallen usw. Dann würde bei der Frage der Auswanderung nicht mehr allein der stoffliche Arbeitsertrag erwogen werden, und viele Frauen würden ihre Männer zum Bleiben ver- anlassen, viele bereits Ausgewanderte würden zurückkehren. Welche Folgen das aber wieder auf den Lohn und auf die Grundrente haben würde, ist klar. Der Grundbesitz würde seine Forderungen so weit erhöhen, bis die aus dem Alkoholverbot erwachsenden Auswanderungshemmungen ausgeglichen wären. Der Kuchen, den der Staat den Frauen in den Freikonditoreien zum besten gibt, würde von der Grundrente den Männern am Lohne abgezogen werden. Die Grundrente nimmt eben alle Vorteile, die Deutschland für die Arbeit, für das geistige und gesellige Leben bietet, für sich in Anspruch, sie ist die in Kapital verwandelte

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Dichtung, Kunst, Religion und Wissenschaft. Sie macht alles zu barem Gelde, den Kölner Dom, die Bächlein der Eifel, das Gezwitscher der Vögel im Laube der Buchen. Die Grund- rente erhebt von Thomas a Kempis, von den Reliquien Kevelaars, von Goethe und Schiller, von der Unbestechlichkeit unserer Beamten, von unseren Zukunftsträumen, kurz, von allem und jedem eine Steuer, die sie regelmäßig bis auf den Punkt hinaufschraubt, wo sich der Arbeiter fragt: soll ich bleiben und zahlen - oder soll ich auswandern und alles preisgeben? Geschenkt wird niemandem etwas. Stets befindet sich das arbeitende Volk auf dem Goldpunkt. (Im Außenhandel derjenige Zustand in der Zahlungsbilanz, wo man nicht weiß, ob man noch mit Wechseln oder mit barem Gold zahlen soll. Die Kosten der Goldausfuhr sind die "Grundrenten" des Wechselmaklers). Je mehr Freude der Bürger am Staat und Volk hat, um so höheren Preis fordert die Grundrente für diese Freude. Die Abschiedstränen des Auswanderers sind goldene Perlen für die Grundrente. Und so sehen wir auch oft die Grundbesitzer in den Städten damit beschäftigt, durch Verschö- nerungsvereine und sonstige Veranstaltungen das Leben in der Stadt zu erheitern, um erstens den Abschied schwerer, zweitens den Zuzug leichter zu machen. So können sie von den Bauplätzen höhere Grundrenten erheben. Im Heimweh steckt die Pfahlwurzel der Grundrente. Lebt der deutsche Landarbeiter nicht allein von Brot, so natürlich auch der Freiländer nicht. Der stoffliche Arbeitsertrag ist nur ein Teil von dem, was der Mensch zur Lebens- freude braucht. Mußte der Auswanderer lange kämpfen, ehe er die heimatlichen An- ziehungskräfte überwunden hatte, so findet er nun in seiner neuen Heimat manches Neue, was ihn anzieht oder auch abstößt. Das Anziehende mehrt die Gründe, die ihm den Arbeitsertrag als genügend erscheinen lassen (ähnlich wie man auch bereit ist, eine an- genehmere Arbeit für geringeren Lohn zu verrichten), das Abstoßende mindert sie. Wiegen die abstoßenden Umstände (Klima, Unsicherheit des Lebens und des Eigentums, Ungeziefer usw.) schwerer als die anziehenden, so muß der Unterschied zwischen beiden durch einen entsprechend größeren Arbeitsertrag ausgeglichen werden, falls der Ein- gewanderte bleiben und seine zurückgebliebenen Brüder zur Nachahmung seines Bei- spiels aufmuntern soll. Darum wird alles, was das Leben, die Zufriedenheit des Frei- länders beeinflußt, auch unmittelbar die Zufriedenheit der deutschen Arbeiter beein- flussen und auf ihre Lohnforderungen einwirken. Dieser Einfluß beginnt schon mit der Reisebeschreibung. Verlief die Reise ohne Seekrankheit, war das Leben, die Kost an Bord erträglich, so wirkt das schon sehr auf munternd auf die Zurückgebliebenen. Berichtet der Freiländer von der großen Freiheit, die er genießt, von der Jagd, von seinem Reitpferd, von den großen Lachszügen und Büffelherden, von dem Verfügungsrecht über alles, was die Natur bietet, auch wie er überall nicht mehr als Knecht und Besitzloser, sondern als ebenbürtiger, freier Bürger angesehen und behandelt wird, so wird der Knecht zu Hause ganz selbstverständlich bei den Lohnverhandlungen den Kopf höher halten, als wenn sein Bruder nur von Indianereinfällen, von Klapperschlangen, von Ungeziefer und harter Arbeit zu erzählen weiß. Das wissen auch die Grundherren, und läuft einmal solch ein Jammerbrief ein, so wird er natürlich nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. In allen Blättern wird er ver- öffentlicht, während den Zeitungen unter Anwendung von Drohmitteln Auftrag gegeben wird, erfreuliche, aufmunternde Berichte der Ausgewanderten mit größtem Fleiß tot- zuschweigen. Derselbe Verein, der die Heimat verschönern, ihre Anziehungskraft stärken soll, hat auch die Aufgabe, das Freiland nach Möglichkeit herabzusetzen. Jeder Schlangen- biß, Indianerskalp, Heuschreckenschwarm, jedes Schiffsunglück verwandelt sich, indem dadurch der Arbeiter bescheidener gemacht, die Auswanderungslust vermindert wird, in Grundrente, in Bargeld für die Grundherren. Und umgekehrt natürlich.

1.6. Genauere Bestimmung des Begriffes Freiland

Wenn von Freiland die Rede ist, so denkt man in erster Linie wohl an die weiten Flächen unbebauten Landes in Nord- und Südamerika. Dieses Freiland ist bequem und mit ver- hältnismäßig geringen Kosten zu erreichen. Das Klima ist zuträglich für den Europäer, die gesellschaftlichen Verhältnisse für viele anlockend, die Sicherheit für Leben und Geld nicht schlecht. Der Ankömmling wird im Einwanderer-Gasthaus auf Kosten des Staates 8-14 Tage bewirtet, und in einigen Staaten erhält er auf der Eisenbahn freie Fahrt bis an die äußerste Grenze des besiedelten Gebietes. Hier steht es ihm frei, sich gleich anzu- siedeln. Er kann sich das ihm zusagende Land aussuchen: Viehweide, Ackerland, Wald.

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Die Heimstätte, auf die er rechtlichen Anspruch hat, ist für die volle Ausnutzung der Arbeitskraft selbst der größten Familie reichlich bemessen. Hat der Ansiedler seine vier Grenzpfosten eingeschlagen und das Landamt benachrichtigt, so kann er schon mit der Arbeit beginnen. Niemand verwehrt es ihm, niemand fragt ihn, wer ihm eigentlich erlaubt habe, die Erde zu bearbeiten und die Früchte seines Fleißes einzuheimsen. Er ist Herr auf dem Boden zwischen jenen vier Grenzpfosten. Land dieser Art nennen wir Freiland ersten Grades. Solches Freiland findet man aller- dings nicht mehr in besiedelten Gegenden, sondern nur dort, wo nur erst wenig Menschen sind. In den bereits besiedelten Strichen findet man aber noch weite, oft riesige Flächen, die nicht bebaut sind, die aber durch irgendeinen Mißbrauch der Machtmittel des Staates in das Privateigentum irgendeines an irgendeinem Orte der Welt wohnenden Menschen gelangt sind. Ich wette, in Europa gibt es viele Tausende von Männern, die zusammen Hunderte von Millionen Hektar solchen in Amerika, Afrika, Australien und Asien gelege- nen Landes ihr Eigentum nennen. Wer ein Stückchen dieses Bodens haben will, muß sich mit den Eigentümern verständigen. In der Regel kann man das Gewünschte für eine kaum nennenswerte Summe erhalten oder pachten. Ob man für den Hektar Ackerland, den man zu bearbeiten gedenkt, 10 Pf. Pacht bezahlt, kann dem Arbeitsertrag so gut wie nichts abtragen. Solches bedingt freie Land nennen wir Freiland zweiten Grades. Freiland ersten und zweiten Grades gibt es in allen Weltteilen noch in gewaltigen Strecken. Nicht immer ist es Boden erster Güte. Vieles ist mit Wald schwer bedeckt, be- darf langwieriger Ausrodungsarbeiten. Große Strecken leiden unter Wassermangel und können nur durch kostspielige Bewässerungsanlagen fruchtbar gemacht werden. Anderes Land wieder, vielfach gerade der an sich beste Boden, muß entsumpft werden, noch andere Strecken oder Täler bedürfen der Zufuhrstraßen, ohne die der Austausch der Erzeugnisse unmöglich wäre. Freiland dieser Art kommt nur für geld- oder kreditkräftige Auswanderer in Betracht. Für die Lehre von der Grundrente und vom Lohne ist es jedoch gleichgültig, ob eine kapitalistische Gesellschaft oder ob die Auswanderer unmittelbar das Freiland in Anbau nehmen. Von Belang ist das nur für das Kapital und seinen Zins. Nimmt der Freiländer solches durch Be- und Entwässerungsbauten, also durch Kapitalanlage erschlossene Land in Arbeit, so muß er für die Benutzung dieser Bauten den regel- rechten Kapitalzins zahlen und diesen Zins seinen Erzeugungskosten zuzählen. Für diejenigen aber, Einzelpersonen oder Gesellschaften, die selber die für größere Aufschließungsarbeiten nötigen Mittel haben, ist heute sozusagen noch die halbe Welt Freiland. Das beste Land in Kalifornien und entlang dem Felsengebirge war bis vor kurzem noch Wüste. Jetzt ist es ein Garten von gewaltigem Umfang. Die Engländer haben Ägypten durch die Nilsperre wieder bewohnbar gemacht für Millionen und aber Millionen Menschen. Die Zuidersee, Mesopotamien und viele andere Wüsten wird man ebenso der Bebauung erschließen. So kann man sagen, daß solches Freiland zweiten Grades noch für unabsehbare Zeiten zur Verfügung der Menschen steht.

1.7. Der Begriff Freiland dritten Grades

Das wichtigste Freiland aber, das auch für die Theorie des Lohnes und der Grund- rentenbegrenzung höchste Bedeutung besitzt und das wir überall in nächster Nähe zu unserer Verfügung finden, ist das Freiland dritten Grades. Der Begriff dieses Freilandes ist jedoch nicht so einfacher Natur, wie bei dem bisher beschriebenen Freiland und er- fordert einige Überlegung. Einige Beispiele werden es jedoch jedem sichtbar machen. Beispiel 1. In Berlin darf nach der Bauordnung nur bis zu vier Stockwerken hoch gebaut werden. Wären es nur zwei Stockwerke, so würde die Stadt die doppelte Boden- fläche bedecken müssen, um dieselbe Einwohnerzahl zu beherbergen: Das Land, das durch den dritten und vierten Stock gespart wurde, ist also heute noch unbebautes, freies Bauland. Wenn man in Berlin die amerikanische Bauart zuließe - also 40 Stockwerke an Stelle von 4 -, so würde der zehnte Teil der heutigen Grundfläche Berlins genügen. Der Rest wäre überschüssig und würde jedem Bauunternehmer zu wenig mehr als dem Ertragswert eines Kartoffelackers angeboten werden. Das Freiland für Bauzwecke ist also vom vierten Stockwerk ab nach den Wolken hin überall, selbst im Innern jeder deutschen Großstadt, in unbegrenzter Menge vorhanden. Beispiel 2. In der Republik "Agraria" wird durch Gesetz der Gebrauch jeglichen künstlichen Düngers verboten, angeblich, weil er gesundheitsschädlich sein soll, in Wirk-

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lichkeit aber, um die Erzeugung von Getreide knapp, die Getreidepreise hochzuhalten. Die agrarianischen Grundherren glauben, daß wenig und teuer für sie besser sei, als viel und billig. Infolge dieses Verbotes und der geringen Ernten, sowie der teuern Preise, und weil außerdem die Auswanderung verboten ist, hat man in Agraria alles Öd-, Sumpf- und Heideland in Anbau genommen und es erreicht, daß die Ernten den Bedarf des Volkes decken. Trotzdem aber ist das Volk sehr unzufrieden und verlangt die sofortige gänzliche Aufhebung des Verbotes, und man erwartet dort allgemein, daß ähnlich wie in Deutsch- land die Bodenerträge durch den Gebrauch des künstlichen Düngers sich verdreifachen werden. Was wird die Folge für die Grundrente und den Lohn sein? Wird da nicht in bezug auf die Äcker dasselbe eintreten, was in der Stadt geschieht, wenn eine neue Bauordnung jedem erlaubt, die bisherige Zahl der Stockwerke zu verdreifachen? Mit den künstlichen Düngern wird der Boden der Republik plötzlich dreimal größere Ernten geben als die jetzt lebende Bevölkerung braucht. Das wird bewirken, daß man von je drei Hektar zwei brachliegen lassen wird zur Verfügung künftiger Geschlechter. In derselben Republik, wo man jede Ecke Land, jeden Sumpf in Anbau genommen hatte, wird man infolge der Freigabe der künstlichen Dünger plötzlich von gewaltigen Strecken Freiland sprechen. Und dieses Freiland wird man vorläufig als Jagdgründe benutzen und es zum Jagdpacht- ertrag jedem anbieten, der es in Arbeit nehmen will. Diese Beispiele aus dem Baugewerbe und der Landwirtschaft zeigen uns, wie Neuland, Freiland dritten Grades, entstehen kann und als Folge der täglich sich häufenden Ent- deckungen ständig neu entsteht. Der Hirt braucht 100 Hektar Land, um seine Familie zu ernähren, der Landwirt braucht 10, und der Gärtner einen und weniger. Nun wird aber die gesamte Ackerfläche Europas noch sehr oberflächlich bebaut, und die Bevölkerung, selbst in Deutschland, ist noch so spärlich, daß, wenn man allgemein zur Gartenwirtschaft überginge, die Hälfte der Ackerfläche brach gelassen werden müßte, erstens, weil für solche Mengen von Lebensmitteln die Käufer, zweitens, weil für so dichte Bearbeitung des Bodens die Arbeiter fehlen würden. Wir können also Deutschland durchweg noch als solches Freiland dritten Grades betrachten. Für die Bodenerträge, die der Landwirt bei dichter Bebauung über die Erträge des Jägers, des Hirten, der weitläufig bebauenden Landwirte hinaus einheimst, kann man den Ackerboden ebenso als Freiland betrachten, wie der Amerikaner den Raum über den be- reits stehenden Stockwerken bis zu den Wolken hinaus als freien Baugrund ansieht. Wenden wir das Gesagte auf die Grundrenten und die Lohntheorie an. Deutschland ist in dem oben beschränkten Sinne noch Freiland. Der Landarbeiter kann zu jeder Zeit auf dieses Freiland flüchten, wenn er nicht mit seinem Lohne einverstanden ist. Unter den Ertrag, den die Arbeit auf solchem Freiland dritten Grades abwirft, kann der Lohn des Landarbeiters dauernd ebensowenig fallen, wie unter den Ertrag der Arbeit auf Freiland ersten Grades. Hier hat der Landarbeiter bei den Lohnverhandlungen einen Rückhalt, der nie versagt. Wieviel wird nun der Arbeiter als Lohn, der Grundherr als Pacht ver- langen können?

1.8. Einfluß des Freilandes dritten Grades auf Grundrente und Lohn

Nehmen wir an daß zur landläufigen Sparhandbebauung (1) von 100 ha 12 Mann nötig seien und daß die Ernte 600 t betrage, also 50 t auf jeden Mann oder 6 auf den ha. Nehmen wir weiter an, daß für die Sparlandbebauung (2) derselben Bodenfläche 50 Mann nötig seien, und daß die Ernte dann 2 000 t betrage. Es entfallen darin auf den Kopf jetzt 40 t statt 50, und auf den ha 20 statt 6 t. Das Erzeugnis der Sparlandbebauung steigt also nach Hektar gemessen, geht jedoch nach Arbeit gemessen, zurück. Bei Sparhandbebauung lieferten unsere 12 Männer je 50,

also

. und in Sparlandbebauung je 40, also nur · · · · · · · · · ·

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600t

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480 t

. ist also auf die große Landfläche von 100 ha, die den 12 Mann diese Handspar- d. h. geringere Arbeit heischende Bebauung gestattet, zurückzuführen. Steht ihnen die Land-

fläche zur Sparhandbebauung nicht zur Verfügung, so müssen sie zur Sparlandbebauung übergehen und sich dann mit einem geringeren Arbeitserzeugnis begnügen. Stellt ihnen jemand aber die zur Sparhandbebauung nötige Ackerfläche zur Verfügung; so sind sie

Der Unterschied von

120 t

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selbstverständlich bereit, für den Vorteil, der ihnen daraus erwächst, zu bezahlen, d. h. der Besitzer dieser Ackerfläche wird eine Rente erheben können, die dem Unterschied ent- spricht, der zwischen dem Arbeitserzeugnis bei Sparhand- und Sparlandbebauung erfahrungs- gemäß zu gunsten ersterer besteht. In unserem Beispiel also eine Rente im Betrage von 120 t von 100 ha. Die Landwirtschaft neigt in bezug auf Arbeitsersparnis nach der weitläufigen und in bezug auf Bodenersparnis nach der dichten Bebauung. Aus der Spannung, die sich hieraus ergibt, entspringt die Grundrente, und aus dem Grade dieser Spannung (Erfahrungs- sache) ergibt sich die Verteilung der Ackererzeugnisse nach Grundrente und Lohn.

Warum die weitläufige Bebauung höhere Arbeitserträge und geringere Bodenerträge gibt, brauchen wi r hier nicht zu erklären; das ist eine landwirtschaftliche Fachangelegen- heit. Uns genügt die Tatsache, daß es sich so in der Landwirtschaft verhält, daß es in der Natur der Sache begründet liegt. Lägen die Sachen umgekehrt, etwa so, daß die weit- läufige Bebauung 40 t, die dichte aber 50 t eintrüge, so würde die gesamte Landwirtschaft der dichten Bebauung zustreben. Man würde allen Boden, für den die vorhandenen Arbeiter nicht aufzutreiben wären, einfach brach liegen lassen, weil wie gesagt, die etwa noch vorhandenen Arbeiter durch noch gründlichere Bearbeitung des Kulturbodens größere Ernten einbringen würden als durch Bebauung von Brachland. Die Bevölkerungslehre, die uns sagt; daß die Volkszahl den Lebensmitteln entspricht, steht mit obigem Satz nicht in Widerspruch. Die Bevölkerung vermehrt sich entspre- chend der Vermehrung der Lebensmittel. Sie läuft der Sparlandbebauung nach, nicht

voraus.

Durch ein Beispiel wollen wir die rechnerische Verteilung des Ackererzeugnisses zwischen Lohn und Grundrente noch schärfer beleuchten:

A. 12 Genossen bewirtschaften in dort üblicher Sparhandbebauung 100 ha eigenen

Bodens und ernten 480 t, also 40 t auf den Mann.

B. 60 Genossen bewirtschaften in Sparlandbebauung ebenfalls 100 ha eigenen Boden

gleicher Güte und ernten 900 t, also 15 t auf den Mann.

1.

Gegenüber den 12 Genossen haben die 60 auf den Kopf einen Minderertrag von

25

t, nämlich 40 - 15 = 25.

2.

Dieser Minderertrag ist allein darauf zurückzuführen, daß die Sparhandbebauung,

die A betreiben können, nach der Kopfzahl der Arbeiter berechnet, mehr Ernte

ergibt.

3. Will darum einer der 60 B. mit einem der 12 A. tauschen, so muß er ihn für den

Unterschied im Arbeitserzeugnis - also 25 t - entschädigen. Wollen die 12 Mann tauschen, so erhalten diese 12 auch 12 mal 25 t, zusammen also 300 t.

4. Diese 300 t, da sie auf die größere Landfläche zurückzuführen sind, sind Grund-

rente. Jedoch nur ein Tei1 der wirklichen Grundrente.

5. Würden nämlich von den 60 B. 48 wegziehen, so hätten die übrigbleibenden 12 B.

ebenfalls dasselbe Arbeitserzeugnis der 12 Genossen A., also 300 t für die 12 B. oder

25

t auf den Mann mehr. Die 12 B. hätten dann auf den Mann 40 statt 15 t.

6.

Den Austritt aus der Genossenschaft dieser 48 B. können die Zurückbleibenden

durch eine Abfindung von 300 : 48 = 6,25 je Kopf und Jahr erlangen. 7.Wollen die zurückbleibenden 12 B. die audgetretenen 48 Genossen durch andere Genossen ersetzen, so muß jeder von diesen seine Beteiligung mit jährlich 6,25 t

erkaufen. Wollen sie als Lohnarbeiter mitwirken, so werden ihnen die 6,25 t vom Arbeitserzeugnis (15) abgezogen. Dann bleiben als Lohn 8,75 t.

8.Die volle Rente der 100 ha ist also 60 ma1 6,25 oder 375 t. Lohn und Rente ver- teilen sich wie folgt:

60

mal 6,25 = 375 für Renten-Abzug vom Erzeugnis der Sparland-Arbeit;

60

mal 8,75 = 525 Lohn, der übrigbleibt, nach Abzug der Grundrente;

60

mal 15 = 900 Erzeugnis der dichten oder Sparlandbebauung.

12

mal 8,75 = 105 Lohn - wie oben.

.

375 Rente wie oben. -

.

480 Erzeugnis der weiten oder Handsparbebauung.

Die Verteilung des Erzeugnisses unter die Rentner und Arbeiter ermittelt man wie

folgt:

1. Durch Feststellung des Unterschieds im Arbeitserzeugnis bei dichter und bei

weiter Bebauung (40 -15 = 25) und durch Vervielfältigung dieses Unterschieds mit der Zahl der weitläufig Wirtschaftenden. 12ma1 25 = 300. (Das Ergebnis dürfte man passend mit Rentenunterschied bezeichnen.)

Silvio Gesell - Die Natürliche Wirtschaftsordnung

2. Durch Abziehen der weitläufig Wirtschaftenden (60 -12 = 48) und Teilen des

Rentenunterschieds (300) durch diese Zahl (300 : 48 = 6,25).

3. Diese so gewonnene Zahl mit der Gesamtzahl der dicht Bebauenden vervielfältigt,

gibt die Rente des Bodens, auf den sich die benutzten Zahlen beziehen. (60 mal 6,25 = 375.)

4. Zieht man die auf den Kopf der Arbeiter entfallende Rente (6,25) vom Arbeits-

erzeugnis ab (15), so hat man den Lohn (15 - 6,25 = 8,75). Unter weitläufiger oder Handspar-Wirtschaft verstehen wir diejenige Bodenbebauung, bei der sämtliche sich anbietenden Arbeitskräfte herangezogen werden müssen, um die ganze verfügbare Bodenfläche zu bewirtschaften, ganz einerlei, welches Gepräge diese Wirtschaft sonst haben mag - Jagd, Viehzucht, Dreifelderwirtschaft, Heideland, oder auch die heute gebräuchliche, vergleichsweise hoch entwickelte Landwirtschaft. Unter Landspar-Wirtschaft (dichtet Bebauung) verstehen wir diejenige Bodenbebauung, bei der, wenn sie größeren Umfang annimmt, sich ein allgemeiner Arbeitermangel ein- stellen muß. Handspar- und Landspar-Wirtschaft sind also bedingt aufzufassen. Der Hirt ist dem Jäger gegenüber der Landsparwirtschaftende. Hirtenvölker werden darum auch regel- mäßig Rente für die Überlassung des Bodens (Jagdgebiet) anbieten müssen und auch an- bieten können. Die Sparhandbebauung gibt das höchste Arbeitsprodukt (Lohn und Rente), die Spar- landbebauung das höchste Ackerprodukt. Der Grundeigentümer möchte beides vereinigen und sucht natürlich Sparlandbebauung zu betreiben. Das kann er aber nicht, ohne den Sparhandwirtschaftenden die Arbeiter zu nehmen und dadurch Land brachzulegen. (Freiland 3.) Daß die Eigentümer ihren Boden aber wieder nicht ohne weiteres brach- liegen lassen wollen, und darum die Arbeiter durch Lohnaufbesserung an ihren Boden zu fesseln suchen werden, ist auch wieder selbstvetständlich; auch daß sie mit der Lohn- aufbesserung bis hart an die Grenze der Einträglichkeit (Auflösung der Rente in Lohn- erhöhungen) gehen werden, ist klar. Ein Grundbesitzer wird für den ha Land als Pacht immer noch lieber 1 Mark nehmen als gar nichts. Freiland 3 wirkt somit als Lohn- und Renten-Ausgleicher. Freiland 3 schließt jede Willkür bei der Bemessung des Lohnes aus. Der Grundbesitzer zahlt nicht so viel, wie ihm behagt, und der Arbeiter fordert nicht soviel er Lust hat, sondern beide "nehmen nie mehr, als sie bekommen können":

(1) Sparhand = weitläufige Bebauung (extensive Kultur). (2) Sparland = dichte Bebauung (intensive Kultur).

1.9. Einfluß von Betriebsverbesserungen auf Rente and Lohn

Fachliche Verbesserungen erhöhen das Arbeitserzeugnis. Unter der Bedingung, daß die

Verbesserungen gleichmäßig das Arbeitserzeugnis wie bei der Sparland-, so auch bei der Sparhandbebauung erhöhen, steigen Lohn und Rente auch gleichmäßig. Wir wollen das hier nachrechnen:

A. 12 Genossen ernten auf 100 ha 480 t, je Mann 40 t.

B. 60 Genossen ernten auf 100 ha 900 t, je Mann 15 t. Nach den Berechnungen S. 53/54

beträgt die Rente der 100 ha 375 t und der Lohn 8,75 t. Durch eine Betriebsverbesserung wird das Arbeitserzeugnis gleichmäßig um 1/4 gehoben, bei A. von 480; auf 600 t oder von 40 auf 50 je Kopf, und bei B. von 900 auf 1125 t, je Kopf von 15 auf 18,75 t. Nach Anweisung S. 53/54 gelangen wir zu folgendem Ergebnis:

Rente: 50 - 18,75 = 31,25 mal 12 = 375 : 48 = 7,81 mal 60 = 468,60. Lohn: 18,75 - 7,81 = 10,94.

A.

12 mal 10,94 = 131,34 Lohn

B. 60 mal 10,94 = 656,40 Lohn

468,66 Rente

468,60 Rente

600,00 Produkt.

1125,00 Produkt.

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Demnach ist die Rente von 375 auf 468,60 = 25% gestiegen, und ebenso hat sich der Lohn von 9,75 auf 10,94 = 25 % erhöht. Das Verteilungsverhältnis ist also unbeeinflußt geblieben. Der Rentner zieht aus der Betriebsverbesserung in diesem angenommenen Fall denselben Vortei1 wie der Arbeiter. Jedoch kommen die Betriebsverbesserungen nur selten beiden Bebauungsarten, Spar- hand und Sparland, zustatten, und noch seltener kommen sie beiden Bebauungsarten gleichmäßig zustatten. Was macht der Sparlandbauer z. B. mit einem 10-scharigen Motor- pflug oder mit einem Säe-Pflugzeug? Eine solche Maschine läßt sich nur bei großen Flächen verwenden. Für die Sparlandbebauung ist sie vollkommen nutzlos, so etws wie der Löwe für die Mäusejagd nutzlos ist. Für Freiland 3 kommt der Motorpflug nicht in Frage, um so mehr aber für Freiland 1 und 2, in den weiten Ebenen Amerikas. Dort wendet ein einziger Motorpflug (1) die Äcker von 50 und mehr Bauern, und zwar wendet er sie gut und billig. Natürlich vergrößert sich das Arbeitserzeugnis dieser Freiländer dadurch außerordentlich. Vom Arbeitserzeug- nis aber hängt der Arbeitsertrag ab, und dieser Arbeitsertrag des Freiländers bestimmt den Lohn der Arbeiter auf dem Rentenland überall. Wenn nun alle Umstände, die bei der Umwandlung des Arbeitserzeugnisses in Arbeits- ertrag mitspielen, unverändert bleiben, so müßte der Lohn allgemein in demselben Ver- hältnis steigen, wie durch den Motorpflug das Arbeitserzeugnis gestiegen ist. Jedoch bleiben diese Umstände nicht unverändert, und hier zeigt es sich wieder, wie nötig unsere zu Anfang gemachte Unterscheidung zwischen Arbeitserzeugnis und Arbeitsertrag war. Denn der Arbeitsertrag, nicht das Arbeitserzeugnis bestimmt die Löhne allgemein. Wenn der Arbeitsertrag des Freiländers nun wächst, so steigt ohne weiteres auch der Arbeitsertrag der Industriearbeiter. Wenn das nicht wäre, so würden die Industriearbeiter zur Landwirtschaft, zum Freiland 1, 2 und 3 zurückfluten. Dieses Steigen der Industrie- arbeitslöhne geschieht durch eine Verschiebung im Tauschverhältnis zwischen den Er- zeugnissen des Freiländers und denen der Industrie. Statt 10 Sack Weizen muß der Frei- länder 12 Sack hergeben für einen Phonographen, eine Flinte, eine Hausapotheke. So verliert der Freiländer bei der Umwandlung des Arbeitserzeugnisses in Arbeitsertrag einen Teil des Mehrproduktes an den Industriearbeiter. Der Motorpflug treibt also den Lohn auf der ganzen Linie aufwärts. Jedoch ist das, was die Lohnarbeiter durch den Motorpflug gewinnen, größer als das, was der Motorpflug an Erzeugnissen mehr schafft. Der Motorpflug mag 100 Millionen Tonnen mehr schaffen, aber auf alle Arbeiter verteilt, wäre das eine sehr geringe Summe die in gar keinem Verhältnis steht zur Arbeitsertragssteigerung der Freiländer. Und das verhält sich so:

Erhöht sich der Arbeitsertrag der Freiländer 1 und 2, so steigt auch der Lohn der Arbeiter auf europäischem Rentenboden, und zwar ohne daß das Arbeitserzeugnis wächst (weil ja hier der Motorpflug sich nicht, oder nur in sehr beschränktem Maße anwenden läßt). Die Lohnsteigerung geschieht hier also auf Kosten der Grundrente. Die Mittel für die Lohnerhöhung kommen also nur zum kleinsten Teil aus dem Mehrerzeug- nis der Freiländer. Suchen wir dies ebenfalls rechnungsmäßig zu erfassen. Das Arbeitserzeugnis des Freiländers 1 und 2 wächst infolge Erfindung leistungs- fähiger Maschinen, und zwar nach Abzug der Zinsen und Unterhaltungskosten dieser Maschinen, um 20 %. Der Arbeitsertrag wächst nur um 10 %, weil, wie wir gezeigt haben, der Industriearbeiter für seine Erzeugnisse mehr fordert und auch mehr fordern kann. Das Tauschverhältnis der gewerblichen zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen verschiebt sich um 10 % zugunsten der ersteren. Bleiben also von den 20 nur 10 % übrig, die sich auf den allgemeinen Arbeitslohn übertragen. So müssen unsere Grundherren in die Grundrente greifen, um die erhöhten For- derungen der Arbeiter zu befriedigen, da das Erzeugnis ihres Ackers nicht gestiegen ist. Betrug also die Rente von 100 ha 375 t, die Zahl der Arbeiter 12, der Lohn 8,75, so werden die Lohnausgaben jetzt 8,75 + 10 % = 9,62 mal 12 = 115,44, statt 12 mal 8,75 =105 t betragen. Von der Rente gehen 10,44 t ab, sie beträgt jetzt 364,55 t. Doch beschränkt sich der Verlust des Grundherrn nicht auf den in t ausgedrückten Rückgang seiner Rente. Mit der Rente in Gestalt von Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse ist ihm ebensowenig gedient, wie dem Freiländer mit dem Arbeitserzeugnis. Beim Tausch aber der 364,56 t gegen gewerbliche Erzeugnisse verliert er infolge der beschriebenen Verschiebung im Tauschverhältnis wieder 10 %, so daß die Rente jetzt 364,56 - 10 % = 328,10 beträgt. In Prozent ausgedrückt beträgt der Gesamtverlust 12 1/2 %. Je kleiner die Rente im Verhältnis zu den Lohnausgaben ist, um so fühlbarer wird die Lohnsteigerung für den Rentner sein. Da es aber wieder nicht angeht, daß dem Grundherrn aus der

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Anstellung von Arbeitern ein Verlust erwächst, daß also der weitläufig wirtschaftende Grundherr mehr Rente aus dem Boden schlägt als der gedrängt wirtschaftende Grund- herr, so vollzieht sich eine rückwärtige Bewegung von der dichten zur weitläufigen Be- bauung. Es werden Arbeiter frei, die auf den Lohn drücken und ihn unter seine regel- rechte Höhe (d. i. der um 10 % gehobene Arbeitsertrag des Freiländers 1 und 2) herab- setzen. Dann wächst die Auswanderung, bis das Gleichgewicht der Löhne hier und des Arbeitsertrages dort wieder hergestellt ist. Nun haben wir noch die Teilung des Produkts in Lohn und Rente für den Fall zu berechnen, daß die Betriebsverbesserung der Sparhandbebauung zugute kommt, der Sparlandbebauung jedoch nicht. Das Arbeitserzeugnis der 12 Genossen A. steigt von 480 auf 600 t, das der 60 Ge- nossen B. bleibt auf 900 stehen. Auf den einzelnen Mann berechnet entfallen auf die Genossen A. jetzt 50 t und auf die Genossen B. immer noch 15 t. Der Unterschied steigt von 25 auf 35 t. Nach unserer Anweisung S.53/54 berechnet, beträgt nun die Rente 525 statt 375 und der Lohn 6,25 statt 8,75.

35

mal 12 = 420 : 48= 8,75 mal 60 = 525 t, das ist die Rente.

15

- 8,75 = 6,25, das ist der Lohn.

 

12

mal 6,25 = 75 Lohnausgaben

60 mal 6,25 = 375 Lohn

 

525

Rente

525

Rente

600

Produkt

900

Produkt

Wir erkennen aus diesen Beispielen, daß der Einfluß von Betriebsverbesserungen sich sehr ungleich bei der Verteilung der Bodenerzeugnisse fühlbar macht, daß es sehr darauf ankommt, wem die Neuerungen in erster Linie dienen, ob dem Freiland 1 und 2 oder dem Freiland 3, oder gar der Sparhandbebauung. Wir erkennen aber auch, daß die Arbeiter in früherer Zeit nicht immer fehlgingen, als sie die Einführung der Maschinen als Nachteil für sich empfanden und ihre Zer- störung forderten. Es kann ja vorkommen, wie das in dem zuletzt berechneten Falle geschieht, daß die Rente bei Betriebsverbesserungen nicht nur das Mehr an Erzeug- nissen für sich beansprucht, sondern noch darüber hinaus den Lohn herabsetzt. So stieg in dem zuletzt angenommenen Fall das Erzeugnis der Sparhandbebauung von 480 auf

600 t = 25 %, die Rente aber stieg von 375 auf 525 t = 40 %. Und trotz des vermehrten

Arbeitserzeugnisses (50 statt 40) ging der Lohn herunter von 8,75 auf 6,25 t.

(1) Der Motorpflug ist zuweilen Eigentum der Bauerngenossenschaft, in der Regel aber eines Unternehmers, des Hufschmieds, der auch die Instandsetzungen vornimmt.

1.10. Einfluß wissenschaftlicher Entdeckungen auf Rente und Lohn

Mehr noch als den Maschinen ist es wissenschaftlichen Entdeckungen zu verdanken, daß die deutschen Äcker in den letzten Jahrzehnten ihren Ertrag verdreifacht haben. Ich erwähne hier nur kurz die Entdeckung der Dungkraft der Kalisalze und der Thomas- schlacke, die Stickstoff sammelnden Pflanzen, die künstliche Herstellung von Stickstoff- dünger (Kalkstickstoff), die Bekämpfung der Pflanzen- und Tierseuchen usw. (1) Diese Entdeckungen haben jedoch nicht gleichmäßig den Boden befruchtet. Weitaus den größten Vorteil aus diesen Entdeckungen haben die bisher als vollkommen unfrucht- bar geltenden Heide-, Moor- und Sandböden gezogen. Hier kann man nicht mehr von einer Verdreifachung des Ertrages reden, sondern von einer Schöpfung neuen Bodens, da der Sand und die Heide ja bis dahin überhaupt nicht bebaut werden konnten. Ein kleiner Teil dieser Ödländereien gab durch Abbrennen des Heidekrauts alle 15 Jahre eine dürftige Ernte. Jetzt geben diese Ländereien regelmäßig alle Jahre reiche Ernten. Die an sich, von Natur aus fruchtbaren Äcker können selbstverständlich ihre ohnehin schon reichen Erträge nicht noch einmal verdreifachen. Sie liefern selbst die zur ewigen Verjüngung nötigen Düngestoffe, wenn wie das die Regel ist, Ackerbau und Viehzucht Hand in Hand gehen. Darum spielen hier die künstlichen Düngestoffe eine bedeutend

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geringere Rolle als auf den von Natur aus unfruchtbaren Heiden. Noch weniger Einfluß haben die künstlichen Düngestoffe auf die Erträge des Freilands 1 und 2. Diese jung- fräulichen Äcker brauchen in der Regel überhaupt noch keine Düngung; außerdem sind die künstlichen Düngstoffe nur mit hohen Frachtkosten dorthin zu schaffen. So wirken also die wissenschaftlichen Entdeckungen, je nach dem Boden, auf dem sie Anwendung finden, verschieden auf Lohn und Rente, und es ist darum genau wie bei den Maschinen unmöglich allgemein von ihnen zu sagen, daß sie den Lohn oder die Rente heben oder senken. Um im Einzelfall klar zu sehen, ist eine umfassende, mit Vor- und Umsicht geführte Untersuchung aller Dinge nötig, die hier eingreifen. Hat man sie alle in die Rechnung eingestellt, so kann man nach unserer Anweisung S. 53/54 Verfahren. Hat man nichts vergessen, alles richtig eingeschätzt, so kommt man zu sicheren Ergebnissen. Darum können wir auch darauf verzichten, die Sache hier, ähnlich wie im vorigen Abschnitt, durch Rechenbeispiele zu erklären. W2

(1) Der Physiker Lodge erzielte durch Elektrisierung der Felder um 30-40 % höhere

Ernteerträge.

1.11. Gesetzliche Eingriffe in Lohn und Rente

Der Einfluß der Gesetzgebung auf die Verteilung des Arbeitserzeugnisaes unter die Rentner und Arbeiter ist mannigfach und weitreichend. Oft hört man sogar sagen, daß die Politik der Hauptsache nach in nichts anderem bestehe als in Angriffen auf Lohn

und Rente, und in deren Abwehrmaßregeln. In der Regel geht man hier gefühlsmäßig vor. Man durchschaut die Zusammenhänge nicht völlig, oder wenn man sie durchschaut, so gebietet die Klugheit, sie nicht aufzudecken. Um den wissenschaftlichen Nachweis, daß die Mittel, die man mit Eifer und Leidenschaft verteidigt, auch das gesteckte Ziel treffen werden, müht man sich nicht viel ab. Politik und Wissenachaft passen nicht zu- einander; oft besteht das Ziel der Politik gerade darin, den Durchbruch einer wissen- schaftlichen Erkenntnis zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Was hat man nicht alles von den Zöllen behauptet?! Sie schützen und fördern die Landwirtschaft, sagen diejenigen, die den unmittelbaren Vorteil in die Tasche stecken; Brotwucher und Raub heißen sie bei denen, die den Zoll an der Kleinheit der Brote wahrnehmen. Den Zoll bezahlen die Ausländer, sagen die einen, und ihnen antworten die anderen, es sei nicht wahr, der Zoll würde vielmehr auf die Verbraucher abgewälzt. So streitet man über einen rein menschlichen Vorgang, der sich vor unseren Augen abspielt, seit fünfzig Jahren, und noch sind sie alle so klug wie zuvor. Es wird sich darum wohl lohnen, den Einfluß der Gesetzgebung auf die Verteilung der Waren rechnungsmäßig darzulegen. Wenn ein Kaufmann eine Ladung Tabak bestellt und weiß, daß er an der Grenze

100 Mark Zoll für den Ballen zu zahlen haben wird, so wird jedermann zugeben, daß

der Kaufmann überzeugt sein muß, den Zoll, mit Zins und Gewinn belastet auf den

Preis des Tabaks schlagen zu können. Der Zoll ist ein wesentlicher Bestandteil des Kapi- tals für den Kaufmann, der die Zollrechnungen bei der Bestandsaufnahme ins Haben bucht, genau wie die Kisten, Säcke und Ballen:

100 Tonnen Java-Tabak

Fracht und

.

10 % erwarteter Gewinn

.

So macht's der Kaufmann mit den Zöllen. Warum könnte es nun unser Grundbesitzer nicht auch mit dem Gelde so machen, das der Staat von ihm als Grundsteuer erhebt? Daß dies so geschehe, wird ja auch vielfach behauptet. Grundbesitzer selbst sind es, die sagen, sie würden jede Steuer einfach, mit Zins und Gewinn belastet, auf die Pächter und Mieter abwälzen, und letzten Endes fände die Grundsteuer im kargen Lohn des Arbeiters ihre letzte Ruhestatt. Wenn das aber der Fall ist, so folgern diese Grundbesitzer, so ist es doch viel besser, die Grundsteuer in eine Kopfsteuer, in eine Lohnsteuer oder Ein- kommensteuer zu verwandeln. Die Arbeiter sparen dann wenigstens den Gewinn und Zins, den der Grundherr auf die Steuern schlägt! Um nun diesen Fall näher untersuchen zu können, ist es unerläßlich, eine Frage zu beantworten, die Ernst Frankfurth in seiner lichtvollen kleinen Schrift "Das arbeitslose

200 000 M. 50 000 "

250 000 M. 25 000 M

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Kapital 275 000 M.

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Einkommen" (1) gestellt hat: Was geschieht mit dem Ertrag der Grundsteuer? Es kann doch für das weitere Geschick der Grundsteuer nicht einerlei sein, ob der Staat die Steuereingänge dazu verwendet, um dem Grundherrn neue Straßen durch seine Län- dereien zu bauen, um das Schulgeld für die Kinder seiner Pächter zu ermäßigen, oder etwa um Einfuhrprämicn für ausländisches Getreide zu bezahlen. Solange wir das nicht wissen, können wir auch die Frage nicht beantworten, wer die Grundsteuer letzten Endes bezahlt. So sagt Ernst Frankfurth. Es gibt Grundbesitzer, die nicht warten, daß der Staat sie besteuert, um ihnen mit dem Geld eine Straße zu bauen, die für die Bewirtschaftung ihrer Ländereien nötig geworden ist. Sie bauen sie selber. Die Kosten bilden eine Kapitalanlage, ähnlich wie das Ausroden, die Entwässerung usw. Der Grundbesitzer erwartet von der Straße Vor- teile, die den Zins des dazu aufzuwendenden Geldes aufwiegen. Wenn trotzdem in der Regel der Staat die Straßen baut und die Grundherren dafür besteuert, so liegt das einfach daran, daß zum Bau von Straßen, die der Regel nach das Gebiet mehrerer Grund- besitzer mit entgegengesetzten Belängen durchschneiden müssen, Enteignungsrechte nötig sind, die nur dem Staate zustehen. Aber auch wenn der Staat die Straße baut, ist die hierfür erhobene Grundsteuer eine Kapitalanlage, deren Zins der Grundherr in voller Höhe wieder einzuholen hofft. Und diese Eigenschaft haben die Steuern fast allgemein. Wenn der Staat eine Grundsteuer erhebt, um die Grenze gegen den Einfall der Wilden zu schützen, so spart der Grundherr den Betrag dieser Steuer an der Versicherung gegen den Einfall der Kosaken und Amerikaner. Wenn also der Staat die Erträge der Grundsteuer zugunsten der Grundherren ver- wendet, so sind diese Steuern einfach als Kapitalanlage zu betrachten. Sie bedeuten die Entlohnung des Staates für Dienste, die er geleistet hat. Der Grundherr kann diese Steuern dort buchen, wo er den Lohn seiner Arbeiter bucht. Verpachtet er den Boden, so schlägt er die Steuer auf den Pachtzins, in voller Höhe, wenn der Staat billig und gut arbeitet, mit Gewinn sogar, wenn der Staat bei seiner Arbeit den Witz eines tüchtigen Bauunternehmers entwickelt hat. Wie verhalten sich aber die Dinge, wenn der Staat den Grundherrn besteuert, um mit dem Ertrag den Pächter oder die Arbeiter etwa vom Schulgeld zu befreien? Kann der Grundherr dann auch noch die Grundsteuer als einträgliche Auslagen betrachten? Nehmen wir an, es wäre nicht so, der Grundherr könne vielmehr weder dem Pächter den Pachtzins um den Betrag des von diesem gesparten Schulgeldes erhöhen, noch könne er den Lohn der Arbeiter herabsetzen. Pächter und Lohnarbeiter hätten also einen um den Betrag des beseitigten Schulgeldes erhöhten Arbeitsertrag. Warum soll aber der Grundherr den Arbeitsertrag der Pächter und Arbeiter erhöhen? Etwa weil er selbst besteuert wird? Dazu läge aber kein Grund vor, da der Arbeitsertrag des Pächters und Lohnarbeiters ja vom Arbeitsertrag auf Freiland 1, 2 und 3 bestimmt wird. Käme die Verwendung der Grundsteuererträgnisse auch den Freiländern 3 zustatten, etwa eben- falls in Form einer Schulgeldermäßigung, dann allerdings wäre das Gleichgewicht zwischen dem Arbeitsertrage des Lohnarbeiters und Pächters und dem der Freiländer ungestört, und dem Grundherrn wäre es unmöglich, die Grundsteuer auf Pacht und Lohn abzuwälzen. Im anderen Falle aber sagt er dem Pächter: "Zu den sonstigen Vor- teilen, die mein Acker dir bietet, kommt auch die freie Schule für deine Kinder. Fetter Lehmboden, gesundes Klima, schöne Aussicht auf den See, die Nähe des Marktes, freie Schulen - alles zusammengerechnet - du hast mir 100 M. Pacht für den Hektar zu zahlen." Und dem Lohnarbeiter sagt der Grundherr: "Du kannst ja wegziehen, wenn du mit dem Lohnabzug nicht einverstanden bist. Rechne nach, ob du dich mit dem Lohn, den ich dir zahle, bei der freien Schule für deine Kinder und den sonstigen sozialen Einrichtungen nicht ebenso gut stehst, wie wenn du Freiland 1, 2 und 3 bebaust. Rechne nach, ehe du wegziehst!" Man sieht, daß die Grundsteuer in voller Höhe abgewälzt wird, sobald ihr Ertrag nicht auch dem Freiländer, namentlich dem Freiländer 3 zugute kommt. Wird der Ertrag der Grundsteuer dagegen in irgendeiner Form der Sparlandbebauung zugeführt, so überträgt sich die Erhöhung des Arbeitsertrages der Freiländer 3 auf den Lohn der in der Sparhandbebauung beschäftigten Arbeiter, und die Grundsteuer ist in diesem Falle nicht nur nicht abwälzbar, sondern sie belastet sogar die Grundrente zweifach, einmal um den vollen Betrag der Steuer, das andere Mal in Gestalt der erhöhten Forderungen der Arbeiter. Diese merkwürdige Erscheinung wollen wir auch rechnungsmäßig zu belegen suchen:

Grundrentner A. hat von seiner Rente von 375 t die Hälfte an Steuern zu entrichten. Der Ertrag der Grundsteuern wird den Freiländern 3, also der Sparlandbebauung, in

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irgendeiner Form zugeführt. Das Produkt der Freiländer 3 steigt von 900 t auf etwa 1200 t. Wir wenden hier unsere Lohn- und Rentenberechnungsweise an und erhalten folgende Rechnung:

Bisher:

Sparhandbebauung A. 100 ha, 12 Arbeiter 480 t, je Mann 40 t. Sparlandbebauung B. 100 ha, 60 Arbeiter 900 t, je Mann 15 t, laut Rechnung S. 53/54 ist die Rente 375 t, der Lohn 8,75. Jetzt :

Sparhandbebauung A. 100 ha, 12 Arbeiter, Produkt 480 t, je Mann 40 t, Sparlandbebauung B. 100 ha, 60 Arbeiter, Produkt 1200 t, je Mann 20 t. Unterschied 20 t. Ausrechnung (s. S. 54):

20 mal 12 = 240 : 48 = 5 mal 60 = 300 t Rente (bisher 375), 20 - 5 =15 t Lohn (bisher 8,75).

A. 12 mal 15 t Lohn = 180

B. 60 mal 15 = 900 Lohn

Rente 300

300 Rente

Produkt 480

Produkt 1200.

Durch die Art der Steuerverwendung geht also die Rente von 375 auf 300 zurück, wovon dann der Betrag der Steuer 50 % von 375 = 187,50 abzuziehen wäre, so daß von der ursprünglichen Rente von 375 nur mehr 112,50 t übrig bleiben. Der Steuersatz von 50 % verwandelt sich also durch die lohntreibende Verwendung des Steuerertrages in einen Rentenrückgang von 70 %. 375 - 112,50 = 262,50 : 375 = 70 %. Man sieht also, wie sehr Frankfurth recht hatte, als er fragte, was mit dem Ertrag der Grundsteuer gemacht wird, und wie unvernünftig es ist, an die Beantwortung der Frage, ob die Grundsteuer abwälzbar sei oder nicht, heranzutreten, ohne die dazu nötigen Vor- arbeiten vollendet zu haben. Auch mag man jetzt schon ahnen, wie oft die von den Sozialpolitikern empfohlenen Mittel ihr Ziel verfehlen, wie oft sie auch das Gegenteil von dem Erstrebten bewirken mögen. Man sieht aber auch, welche Macht der Staat bei der Verteilung der Arbeitserzeugnisse ausüben kann. Nur um uns etwas Übung in der Beurteilung sozialpolitischer Vorschläge zu ver- schaffen, wollen wir auch noch den Fall untersuchen, daß der Staat zur Abwechslung statt der Kornzölle eine Korneinfuhrprämie einführt und daß er sich die dazu nötigen Mittel durch eine Grundrentensteuer verschafft. Der Staat nimmt also den Grund- besitzern einen Teil ihres Getreides und gibt es denen, die Getreide einführen, mittelbar oder unmittelbar, also den Freiländern 1 und 2, aber nicht den Freiländern 3. Wir gehen von den Verhältnissen aus, die wir S. 53/54 unserer Rechnung zugrunde legten. Dem in Deutschland geltenden Lohnsatz von 8,75 t entspricht der Ertrag der Arbeit auf Freiland 1 und 2. Das heißt, das Arbeitserzeugnis des Freiländers, das 30 t betragen mag, schrumpft durch Frachtkosten und Zölle auf 15 t zusammen und geht bei der Umwandlung des Erlöses dieser 15 t in die Gegenstände des Arbeitsertrages (Gebrauchsgüter des Freiländers) durch die Frachtkosten, die diese Rückfracht belasten, weiter zurück, so daß zuletzt bei der Ankunft im Hause des Freiländers auch nur 8,75 t als Arbeitsertrag übrigbleiben. Nun sollen in Deutschland die Kornzölle in Korneinfuhrprämien umgewandelt werden, nach dem Grundsatz: waren die Kornzölle den Rentnern recht, so sind jetzt den Ar- beitern die Einfuhrprämien billig. Infolgedessen braucht der Freiländer nicht nur keinen Zoll mehr zu bezahlen, sondern er erhält noch aus den Renten der deutschen Grund- besitzer für je 10 t, die er ins Reich einführt, noch etwa 3 t als Prämie ausgeliefert. So daß er jetzt 18 statt 15 t zum Verkauf bringt, und sein Arbeitsertrag mag jetzt betragen 8,75 mal 18 : 15 =10,50. Erhöht sich der Arbeitsertrag der Freiländer, so steigt auch der Lohn der deutschen Arbeiter. Das Ergebnis ist dasselbe wie im vorangehenden Fall; der Grundherr muß Steuern zahlen, deren Ertrag dem Lohn zukommt, so daß die Steuer nicht nur nicht abwälzbar ist, sondern über die eigne Größe hinaus auf die Grundrente drückt. Doch das gestörte Gleichgewicht ist mit diesem Rentenrückgang noch nicht wieder hergestellt. Die Erhöhung der Löhne im Landbau auf Freiland l, 2 und 3 bewirkt, daß Industrie- arbeiter zur Landwirtschaft zurückkehren, daß mehr landwirtschaftliche, weniger ge-

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werbliche Erzeugnisse auf den Markt geworfen werden, daß das Tauschverhältnis sich zugunsten der Industrieerzeugnisse und sonstigen Leistungen verschiebt und daß der Rentner nun noch für sein schon stark geschwächtes Rentenprodukt (Weizen) noch außerdem einen geringeren Rentenertrag (alles, was der Rentner zum Leben braucht) eintauscht. Selbstverständlich wirkt diese Verschiebung im Tauschverhältnis der landwirtschaft- lichen und gewerblichen Erzeugnisse auch zurück auf den erhöhten Arbeitsertrag der Freiländer 1, 2 und 3, sowie auf den Lohn der Landarbeiter, bis auch dort das Gleich- gewicht im Arbeitsertrag aller gefunden ist.

(1) Freiland-Freigeld-Verlag, Erfurt

1.12. Zölle, Lohn und Rente

Mancher wird nun geneigt sein, ohne weiteres anzunehmen, daß; da der Einfuhrzoll das Gegenteil der Einfuhrprämie ist, mit den Zöllen die Dinge einfach umgekehrt ver- laufen müssen. Der Zoll müsse also die Grundrenten in doppelter Weise heben, einmal unmittelbar durch die dem Zoll entsprechende besondere Preiserhöhung der Land- erzeugnisse, das andere Mal durch den Druck auf den Lohn, der von dem um die Zoll- lasten verminderten Arbeitsertrag der Freiländer 1 und 2 ausgeht. Untersuchen wir, ob das stimmt. Zunächst sei hier bemerkt, daß der Schutzzoll sich grundsätzlich von anderen Zöllen und Steuern dadurch unterscheidet, daß der Einfluß dieses Zolles den Grundbesitzer viel stärker berührt als den Staat, der ihn erhebt: Auf 100 Millionen, die der Staat von der Getreideeinfuhr erheben mag, kommen 1000 Millionen (1), die die Grundbesitzer durch erhöhte Brotpreise von den Brotverbrauchern erheben. Darum nennt man das Ding auch Schutzzoll, denn es soll die Renten der Grundbesitzer schützen und mehren, den Pfandbriefen und Hypotheken neue Sicherheiten gewähren. Wenn es sich nur um staatsschatzliche Zölle handelt, so wird, wie es z. B. beim Tabak geschieht, nicht nur die eingeführte Ware, sondern auch die im eigenen Lande gewachsene Ware versteuert. Wer z. B. in Deutschland mehr als eine Tabakpflanze im Garten hat, muß dies der Steuerbehörde melden, und in Spanien ist oder war mit Rücksicht auf die Staatsein- nahmen der Tabakbau geradezu verboten. Ist aber der Zoll beim Getreide für die Staats- kasse so nebensächlich, so ist für das, was wir zeigen wollen, auch die Frankfurthsche Frage nach der Verwendung der Zollerträge in diesem Falle nur von untergeordneter Bedeutung. Die gezahlten Kornzölle wollen wir darum ganz außer Betracht lassen und unsere Aufmerksamkeit den unter den Schutz der Zölle gestellten Grundrenten zu- wenden. Bei der Teilung der Produkte zwischen Grundrentnern und Arbeitern geht es nicht willkürlich zu, sondern nach den in den Dingen liegenden Gesetzen. Künstliche Ein- griffe in diese Verteilung müssen unter Benutzung dieser Gesetze, nicht aber gegen sie erfolgen, da sie sonst scheitern müssen. Jedoch, wenn auch der Versuch scheitert, so dauert es doch gewöhnlich eine geraume Zeit, bis das gestörte Gleichgewicht der Kräfte wieder hergestellt ist, und in der Zwischenzeit mag es oft zugehen wie bei einem Pendel, das durch einen Stoß aus der Ruhelage gebracht wird. Der Teilungspunkt im Arbeits- erzeugnis pendelt dann zwischen Rente und Lohn, bis er seine alte Stellung wieder einnimmt. Wenn nun der Gedanke des Schutzzolles den wirtschaftlichen Gesetzen, die die Ver- teilung des Produktes zwischen Lohn und Rente beherrschen, widersprechen sollte, so müßte der Zoll auch an seinem Ziel vorbeischießen und das, was man mit ihm beab- sichtigt, die Hebung der Rente auf Kosten der Löhne, dürfte allenfalls nur vorüber- gehend eintreten, nämlich bis das durch gesetzlichen Eingriff gestörte Gleichgewicht der Kräfte sich von selbst wiederherstellt. Wir wollen diesen Dingen nur so weit nachspüren, wie nötig, um ein ganz allgemeines Bild von den wirtschaftlichen Vorgängen zu gewinnen, die durch den Zoll entstehen. Wenn wir uns für die in der Privatwirtschaft und sonstwie eintretenden Einzelfälle ein nutzbares Urteil bilden wollten, z. B. über die Frage, um wieviel ein Zollsatz von 20 Mark den Verkaufspreis eines bestimmten Rittergutes hinauftreiben würde, so müßten wir diese Untersuchung weit über den Rahmen dieser Schrift ausdehnen.

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Was uns am Zoll zunächst angeht, ist sein Einfluß auf den Arbeitsertrag der Freiländer, und zwar der Freiländer 1 und 2, von dem der Lohn auf den zollgeschützten Böden abhängig ist. Vom Arbeitsertrag der Freiländer 3, deren Arbeitserzeugnis durch den Zoll ebenfalls "geschützt" wird, reden wir nachher. Der Freiländer 1 und 2 betrachtet mit Recht den Zoll als eine Last, wie jede andere Last, die den Austausch seines Arbeitserzeugnisses gegen die Gegenstände seines Arbeits- ertrages verteuert. Ob diese Verteuerung von erhöhten Frachtsätzen, von erhöhten Sack- preisen, von Seeräuberei oder Unterschleifen oder von Zöllen herrührt, ist für ihn so weit ganz einerlei. Das, was der Verbraucher für sein Arbeitserzeugnis (Weizen) bezahlt, das betrachtet der Freiländer als seinen Arbeitserlös, und diesen Erlös schmälern Zoll und Fracht. Sein Arbeitsertrag ist entsprechend kleiner. Büßte er bisher von seinem Arbeitserlös etwa 30 % an Frachtausgaben ein, so mag dieser Satz durch den Zoll auf 50 bis 60 % steigen. Die Fracht von den argentinischen Seehäfen nach Hamburg dreht sich gewöhnlich um 15 Mark für die Tonne von 1000 Kilo. Hierzu kommt die Bahnfracht von der Erzeugungsstätte bis zum Hafen, die das Mehrfache beträgt, im ganzen etwa 50 Mark. Der deutsche Einfuhrzoll beträgt 55 Mark für 1000 Kilo. Zusammen also 105 Mark bei einem Preise von etwa 240 Mark. Unmittelbar infolge der Zölle sinkt also der Arbeitsertrag der Freiländer 1 und 2, und da von diesem Arbeitsertrag der Lohn der Arbeiter auf dem zollgeschützten Boden ab- hängig ist, so geht auch hier der Lohn zurück, wenn auch zunächst vielleicht nur mittel- bar durch höhere Lebensmittelpreise bei gleichen Geldlöhnen. Der Zo ll gestattet also dem Grundbesitzer, höhere Preise für die Erzeugnisse zu fordern, ohne daß er das Mehr seiner Einnahmen in höheren Löhnen auszugeben oder höhere Preise für die von ihm persönlich benötigten Industrieprodukte zu zahlen braucht, denn infolge des Rück- ganges des Arbeitsertrages der Freiländer 1 und 2 läßt sich eine Lohnerhöhung oder Abwälzung der Zollasten auch von den Industriearbeitern nicht durchsetzen, deren Lohnkämpfe ja ebenfalls auf dem Boden des Arbeitsertrages der Freiländer ausgefochten werden. Für die Industriearbeiter ist somit die Zollast ebenso unabwälzbar, wie für die Landarbeiter und die Freiländer 1 und 2. Der Zoll ist, solange sich die noch zu be- sprechenden, langsam einsetzenden Rückwirkungen nicht fühlbar machen, in seiner vollen Höhe ein glattes Geschenk an die Grundrentner - wobei hier unter Zoll nicht das gemeint ist was an der Grenze in die Reichskasse fließt, sondern das, was auf allen Märkten des Landes für die heimischen Erzeugnisse wegen der Zollsperre in erhöhten Preisen von jedem Brot, jedem Ei, jedem Schinken, jeder Kartoffel von dem Verbraucher erhoben wird und in die Tasche der Grundrentner fließt. (Soll der Boden verpachtet werden, so erhöht sich das Pachtgeld unmittelbar um den Zoll; wird der Boden verkauft, so wird der Zoll zum Vermögen geschlagen, also mit 20 oder 25 vervielfältigt und dem gewöhnlichen Bodenpreis hinzugefügt.) Der Zoll, sagen die Politiker, wird vom Ausland bezahlt. Und es stimmt, es stimmt vollkommen. Das, was an der Grenze in die Kasse des Reiches an Zollabgaben fließt, das Häufchen Geld wird allerdings von dem im Auslande angesiedelten Freiländer (viel- fach deutsche Auswanderer) bezahlt. Das geht von seinem Arbeitsertrag ab. Aber kann man denn im Ernste dem deutschen Arbeiter die Zölle dadurch schmackhafter machen, daß man sagt: der Freiländer zahlt das, was an Zöllen an der Grenze eingeht. Ein netter Trost, wenn der Arbeitsertrag des Freiländers maßgebend ist für den Lohn des deutschen Arbeiters! Ein netter Trost für den Arbeiter, der die von den deutschen Grundbesitzern um die volle Höhe der Zollsätze erhöhten Preise der Lebensmittel aus seiner Tasche zahlen muß! Der Glaube, die Hoffnung und die zuversichtliche Behauptung, daß der Kapital- zins einen Teil der Zollasten tragen wird, sind, wie wir noch zeigen werden, irrig. Den Zins kann man nicht besteuern, namentlich das neue, anlagesuchende Kapital nicht. Es ist frei und unabhängig von jeder Zollpolitik. Jedoch bleibt der Zoll nicht ohne Rückwirkungen. Langsam aber ebenso sicher machen sie sich fühlbar. Das geht folgendermaßen zu: Der Freiländer in Manitoba, in der Mandschurei oder in Argentinien schreibt seinem Freunde in Berlin: "Von dem, was du in Berlin für mein Getreide bezahlst, geht mehr als die Hälfte für Fracht und Zoll für mich verloren, und von dem, was ich für deine Waren (Werkzeuge, Bücher, Arzneien usw.) hier zahlen muß, büßest du ebenfalls die Hälfte und mehr an Fracht und Zoll ein. Wären wir Nachbarn, so würden wir diese Unkosten sparen; wir sähen, du und ich, unseren Arbeitsertrag verdoppelt. Ich kann meine Äcker nicht zu dir bringen, aber du kannst deine Werkstätte, deine Fabrik hierher verlegen. Komm her, und ich liefere dir

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an Lebensmitteln das, was du brauchst, um die Hälfte des Preises, den du jetzt zahlst, und du lieferst mir deine Erzeugnisse um die Hälfte des Preises, den ich zahlen muß." Diese Rechnung stimmt, wenn auch die Ausführung des Vorschlages durch manches gehemmt wird. Die Industrie kann in der Regel nur dort gut bestehen, wo möglichst alle Industrien vertreten sind, weil fast alle Industriezweige mehr oder weniger von- einander abhängig sind. Die Auswanderung der Industrie kann darum nur ganz all- mählich vor sich gehen und beginnt mit den ihrer Natur nach selbständigsten Betrieben:

Ziegeleien, Sägewerken, Mühlen, Druckereien, Möbel- und Glasfabriken usw., überhaupt mit Betrieben, deren Erzeugnisse besonders viel Fracht- und Zollasten verursachen. Doch ist die Übersiedlung der einzelnen Industriezweige immer nur von Berechnungen abhängig, und da ist es der Zoll, der neben den Frachtsätzen sehr oft den Ausschlag zu- gunsten der Industrieauswanderung gibt. Je höher der Getreidezoll, um so öfter wird es sich lohnen, die Geräte einzupacken, um die Werkstatt in der Nähe des Freiländers aufzuschlagen. Und mit jeder neuen Industrie, die sich in der Nähe des Freiländers ansiedelt, steigt dessen Arbeitsertrag, und dieser steigende Arbeitsertrag wirkt zurück auf den Lohn im zollgeschätzten Lande! Die Vorteile des Zolles lösen sich also für den Grundbesitzer früh oder spät wieder in Lohnerhöhungen auf. Die, die das wissen, richten sich denn auch rechtzeitig darauf ein; sie verkaufen den Acker, ehe die Rückwirkungen sich fühlbar machen und über- lassen es ihrem Nachfolger, bei der unfehlbar (2) wiederkehrenden neuen "Not der Land- wirtschaft" sich um Hilfe an den Reichstag zu wenden. Die Rückwirkungen des Zollschutzes beschränken sich jedoch nicht auf das Verhalten der Freiländer 1 und 2. Wir müssen auch beachten, wie es unserem Freiländer 3 mit dem Zoll ergeht. Hier verhält es sich gerade umgekehrt wie bei den Freiländern 1 und 2. Zahlen diese den Zoll aus ihrer Tasche, so beteiligt sich der Freiländer 3 unter dem Schutze des Zolles und nach Maßgabe dessen, was er an Erzeugnissen über seinen eigenen Bedarf hinaus auf den Markt bringen kann, an dem Segen des Schutzzolles, an der "Plünderung" der Verbraucher. Statt 6 Mark bekommt er der Zölle wegen jetzt 8 Mark für das Kaninchen, den Honig verkauft er für 1,35 Mark statt für 1,10 Mark, kurz, für alles bekommt er höhere Preise, ohne daß er selbst für das, was er kauft, höhere Preise zu zahlen braucht. - Der Arbeitsertrag des Freiländers 3 steigt also, während sich gleichzeitig die Lohnarbeiter über den Rückgang ihres Arbeitsertrages zu beklagen haben. Der Arbeitsertrag des Freiländers 3 steigt somit in doppeltem Sinne - einmal an sich wegen der höheren Preise, ein andermal verglichen mit den weichenden Löhnen. Dabei ist aber wieder der Arbeitsertrag der Freiländer 3 auch maßgebend für die Höhe des allgemeinen Arbeitslohnes! Das Mißverhältnis kann denn auch nicht lange bestehen bleiben. Sobald es sich herumgesprochen hat, daß das Kaninchen für 8 Mark, der Honig für 1,35 Mark, die Kartoffeln für 5 Mark und die Ziegenmilch für 20 Pfennig ver- kauft werden, bekommen die Lohnarbeiter auch schon den Mut zu neuen Lohnforde- rungen. Unter Berufung auf den erhöhten Arbeitsertrag des Freiländers 3 fordern sie auch höheren Lohn und drohen damit, in die Heide, ins Mpor, aufs ÖdIand zu ziehen, wenn ihren Forderungen nicht entsprochen wird. Die Lohnerhöhung geht also nicht nur vom Freiland 1 und 2 aus, sondern auch vom Freiland 3 und kommt zum Stillstand erst beim völligen Ausgleich der Zölle. Weiter ist auch noch zu beachten, daß die durch die Zölle herbeigeführte besondere Erhöhung der Preise aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse und die damit gestiegenen Grundrenten zu neuen Anstrengungen auf dem Gebiete der dichten Bebauung ermuntern müssen und daß, wenn der Zoll den Arbeitsertrag der Landsparbauern erhöht, dies weiter auf die Löhne und dadurch auf die Grundrenten zurückwirkt. Um die ausgleichenden Rückwirkungen der Schutzzölle auch von dieser Seite kennen- zulernen, wollen wir uns eines Rechenbeispiels bedienen. Vor Einführung des Zolles sei der Pachtpreis von 100 Morgen Land 2000 Mark gewesen und der Preis der Bodenerzeugnisse 50 Mark der Zentner. Die Ernte der 100 Morgen betrüge bei Handsparbebauung (die für die Pacht maßgebende sogenannte weitläufige Bebauung) 300 Zentner, und bei Landsparbebauung (dichte Bebauung) das Doppelte - also 600 Zentner zu 50 = 30 000 Mark. Durch den Zoll ist der Preis des Geernteten von 50 auf 70 gestiegen für die 300 Zentner der Landsparbebauung von 15 000 auf 21 000. Nehmen wir an, daß der Unterschied (6 000) ganz auf die Rente übergeht (daß sich also noch keine ausgleichenden Kräfte be- merkbar gemacht haben) und daß somit für die 100 Morgen statt 2000 jetzt 8000 an Rente gefordert werden. (2000+ 6000.)

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Für die Landsparbauern (dichte Bebauung) ergibt sich dann folgendes: sie ernten nach wie vor 600 Zentner und verkaufen diese infolge der Zölle zu 70 (statt 50), also für 42 000. Davon gehen an Pacht statt 2000 jetzt 8000 ab. Somit bleiben 42000 weniger 8000 = 34 000, statt 30 000. Als Wirkung des Zolles ist also der Arbeitserlös dieser Landsparbauern gestiegen, und da die Zölle vorerst noch keine Wirkung auf die Industrieerzeugnisse ausüben konn- ten so ist auch der Arbeitsertrag der Landsparbauern infolge der Zölle gestiegen. Steigt aber der Arbeitsertrag der Landsparbauern, so muß auch der Lohn steigen - denn der Arbeitsertrag der Landsparbauern ist maßgebend für den Lohn. Wir können also, soweit wir die Untersuchung hier vorgenommen haben, ganz allgemein folgern, daß der Grundrenten-Schutzzoll infolge seiner unmittelbaren Einwirkung auf den Arbeitsertrag der Freiländer früher oder später sich selbst wieder auflöst; daß es sich also immer nur um einen vorübergehenden Schutz handelt. Für die, die die Zollasten "vorübergehend" zu zahlen haben, mag das ein Trost sein wie auch die, die die Vorteile der Zölle genießen, ihre Vergänglichkeit als Sorge empfinden mögen. Ganz schlimm ist es aber, wenn die vorübergehende Rentensteigerung beim Kauf des Bodens oder bei der Erbschaftsteilung den das Grundstück erwerbenden kurz- sichtigen Bauer verleitet, die Steigerung als etwas Dauerndes anzusehen. Was weiß der Bauer von der Grundrenten- und Lohntheorie? Er läßt sich ganz von der Erfahrung leiten. Er sieht die Ernte, kennt die Preise der Erzeugnisse, weiß auch, wieviel man den Arbeitern an Löhnen heute zahlt, und schon ist seine Rechnung fertig. Der Kauf wird abgeschlossen. Man zahlt die übliche Summe in bar und den Rest in einer Grund- beleihung. Diese Bodenverpfändung ist aber keine "vorübergehende" Erscheinung, sie überdauert ganz gewiß die Rückwirkungen der Zölle auf die Löhne, sie wankt nicht, wenn die Arbeiter ohne Rücksicht auf die gleichbleibenden Verkaufspreise der Erzeug- nisse mit neuen Lohnforderungen an den Bauer herantreten. Dann jammert der Bauer wieder über die "Not der Landwirtschaft".

(1) Der genaue Betrag in jedem Lande ergibt sich aus dem Verhältnis der Einfuhr zur inländischen Erzeugung. (2) Der Rückgang der Grundrente infolge Steigerung der Löhne tritt unfehlbar ein, obschon dies nicht immer zahlenmäßig ersichtlich wird. Denn es ist möglich, daß gleich- lautend mit der gekennzeichneten Entwicklung eine der häufigen, durch Goldfunde oder Papiergeld verursachten Währungeverwässerungen stattfindet, die, wie z. B. in der Zeit von 1890-1916, dem Grundbesitzer das wiedererstattet, was er an Renten einbüßt. Das gilt allerdinge nur für den verschuldeten Grundbesitzer. Dieser muß freilich auch mit der umgekehrten Möglichkeit rechnen (mit dem Niedergang der Preise, wie in den Jahren

1873-1890).

1.13. Der Ausgangspunkt für die ganze Lohnstaffel bis herauf zu den höchsten Gehältern ist der Arbeitsertrag der Freiländer

Wenn der Grundrentner 1000 Mark an Pacht aus seinem Boden herausschlagen kann, so wird er sich mit weniger sicher nicht begnügen wollen, falls er statt dessen den Boden mit Hilfe von Lohnarbeitern selbst bewirtschaften will. Wenn diese eigene Bewirt- schaftung nach Abzug der Lohnausgaben nicht mindestens 1000 Mark erbrächte, so würde der Grundbesitzer die Arbeiter entlassen, um den Boden dann für 1000 Mark zu verpachten. Dem Lohnarbeiter wird also unter keinen Umständen die Arbeit mehr einbringen als diese dem Pächter oder dem Ansiedler auf herrenlosem Boden einträgt, auch schon darum nicht, weil der Pächter (oder Ansiedler) sonst lieber als Tagelöhner arbeiten würde. Anderseits aber wird der Lohnarbeiter nicht um geringeren Lohn oder Ertrag ar- beiten, als der ist, den er als Pächter oder Ansiedler verdienen könnte, denn sonst würde er sich ein Stück Boden pachten oder auswandern. Zwar fehlt es ihm wohl oft an eigenem Geld zur Bewirtschaftung oder Auswanderung, aber dieses Geld, ob eigenes oder geborg- tes, muß er auf alle Fälle mit 4 oder 5% verzinsen und diesen Zins sorgfältig vom Produkt

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seiner Arbeit abziehen. Denn das, was dem Ansiedler nach Verzinsung seines Kapitals noch übrig bleibt, das allein gehört ihm als Arbeiter. Ist der Rohertrag der Arbeit des Ansiedlers auf Freiland 1, 2 oder 3 = 1000 Mark, der Zins des Wirtschaftskapitals 200 Mark, so ist der Reinertrag 800 Mark, und um diesen Punkt herum wird sich der allgemeine Lohnsatz drehen. Höher kann der Lohn des Tage- löhners nicht steigen, denn sonst verwandeln sich die Ansiedler in Tagelöhner, niedriger kann er nicht sinken, sonst findet die umgekehrte Bewegung statt. Und daß der Lohn der Industriearbeiter von diesem allgemeinen Lohnsatz beherrscht wird, liegt auf der Hand. Denn wäre der Arbeitsertrag in der Industrie größer als der Ertrag der Arbeit auf herrenlosem Boden, so würden sich die Landarbeiter der Industrie zuwenden, die Erzeugnisse der Landwirtschaft würden mangeln und im Preise steigen, während die Erzeugnisse der Industrie, im Übermaß angeboten, im Preise fallen würden. Die Preis- steigerung dort und der Preisfall hier würden zu Lohnverschiebungen führen, bis sich der Ausgleich gebildet hätte. Und dieser Ausgleich müßte bei der großen Anzahl von Wander- arbeitern, denen es gleich ist, ob sie Zuckerrüben bauen, oder Kohlen schaufeln, sehr bald eintreten. Es ist also unbestreitbar, daß, wenn der Arbeitsertrag des Arbeiters auf Freiland den Ar- beitsertrag des Landarbeiters bestimmt, auch der Arbeitslohn im allgemeinen vom Arbeitsertrag auf Freiland bestimmt wird. Darüber hinaus kann der Lohn nicht steigen, denn das Freiland ist ja die einzige Stütze, die der Landarbeiter oder Pächter bei den Lohn- und Pachtverhandlungen mit dem Grundherrn hat. Nimmt man ihm diese Stütze (etwa durch die Aufhebung der Frei- zügigkeit), so muß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Weil aber das Freiland die einzige Stütze ist, so können andere Umstände den Lohnsatz auch nicht unter diesen Ertrag drücken. Der Ertrag der Arbeit auf Freiland ist darum gleichzeitig das Höchst- und Mindestmaß des allgemeinen Arbeitslohnes. Dabei widersprechen die bestehenden starken Unterschiede in den Arbeitserträgen dieser allgemeinen Regel in keiner Weise. Ist einmal die Verteilung des Arbeitserzeugnisses zwischen Grundrentnern und Arbeitern erledigt, so ist das, was dem Arbeiter übrig bleibt, auf vollkommen natürliche, der Willkür entrückte, feste Grundlagen gestellt. Und so läßt dann auch die unterschiedliche Entlohnung keinerlei Willkür zu. Sie erfolgt restlos nach den Gesetzen des Wettbewerbs, nach Angebot und Nachfrage. Je schwieriger oder un- angenehmer eine Arbeit, um so höher der Lohn. Wie kann man den Menschen veranlassen, die schwierigere oder unangenehmere von zwei Arbeiten zu wählen? Nur durch die Aus- sicht auf einen höheren Arbeitsertrag (der aber durchaus nicht immer in barem Gelde, sondern auch in anderen Vorteilen und Vorrechten bestehen kann.) Brauchen somit die Arbeiter einen Lehrer, einen Seelsorger, einen Förster, und finden sie diesen nicht, so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in die Tasche zu greifen und Löhne für diese Ämter zu bewilligen, die ihren eigenen Arbeitsertrag oft weit überragen. Nur so können sie den einen oder den anderen veranlassen, seine Söhne für solchen Beruf vorzubereiten und die Kosten zu bezahlen. Genügt dann das Angebot von Lehrern usw. noch nicht, so erhöhen sie nochmals den Lohn. Haben sie über das Ziel hinweggeschossen, übersteigt das An- gebot von Lehrkräften die Nachfrage, so setzen sie den Lohn wieder herab. Und so geht es durchweg mit allen Berufen die eine besondere Ausbildung erfordern. Umgekehrt liegt es, wenn die Arbeiter einen Schäfer, eine Gänsehirtin, einen Feldhüter brauchen. Wenn sie für diese mußevollen Arbeiten ihren eigenen, mit harter Arbeit erworbenen Arbeitsertrag bewilligen wollten, so würden sich alle Bürger, Lehrer, Pastoren, Bauern für diese Stellen melden. Für das Gänsehüten wird also ein Mindestlohn angesetzt, und man erhöht diesen Mindestlohn so lange, bis sich jemand für diese Arbeit meldet. Die Arbeiter brauchen auch einen Kaufmann, der ihre Erzeugnisse kauft und ihnen das verkauft, was sie selber benö- tigen. Auch diesem Arbeiter (Kaufmann) müssen sie in Form von Handelsgewinn einen Lobn bewilligen, der irgendeinen geeigneten Mann veranlaßt, sich diesem sorgenreichen Erwerbszweig zu widmen. Der Ausgangspunkt für die verschiedene Gestaltung aller Arbeitslöhne ist also immer der Arbeitsertrag auf Freiland. Er ist die Grundlage, auf der das ganze Gebäude feinster Unterschiede in der Gestaltung der Arbeitserträge bis hinauf zu den höchsten Spitzen errichtet ist. Alle Schwankungen dieser Grundlage übertragen sich auf alle Äste und Zweige, wie ein Erdbeben sich bis zum Hahn des Kirchturms fühlbar macht. Zwar ist hier die Erklärung noch nicht vollständig, warum die Lehre des "ehernen Lohngesetzes" nicht richtig sein kann, denn es ist noch nicht gezeigt, daß die Rolle, die der Grundbesitz für ein solches Lohngesetz nicht durchführen konnte, nicht vielleicht vom

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Kapital zu Ende gespielt werden kann. Daß jedoch das Kapital diese Macht auch nicht besitzt, beweisen die öfters eintretenden Lohnschwankungen (1), und warum es diese Macht nicht hat, werden wir später zeigen (s. Kapital-Zinstheorie). Hätte das Kapital die Macht, den Arbeitsertrag des Arbeiters auf Freiland auf das den "ehernen Lohnsatz" ausmachende Mindestmaß herabzusetzen, so müßte der im Zinsfuß sich ausdrückende Kapitalertrag die Schwankungen mitmachen, die das Produkt der Arbeit auf Freiland aufweist. Und das ist nicht der Fall, denn wie wir später zeigen werden (s. Zinstheorie), ist der hier in Frage kommende reine Zins (s. d.) eine außerordentlich unbewegliche Größe, und zwar so auffallend unbeweglich, daß man durchaus von einer ehernen Einträglichkeit des Kapitals sprechen kann. Wäre also neben der ehernen Größe des Kapitalzinses auch noch der Lohn eine eherne Größe, wo wäre dann, wenn die Grundrente ihre eigenen Wege geht, die Sammelstelle, um die Ertragsunterschiede des Arbeitserzeugnisses aufzunehmen?

1.14. Einfluß des Kapitalzinses auf Lohn und Rente

Der Ansiedler auf Freiland muß, wenn er sich Rechenschaft gibt, sein Betriebskapital verzinsen. Und zwar ohne Rücksicht darauf, ob dieses Kapital sein Eigentum ist, oder ob er es vom Kapitalisten geborgt hat; den Zins muß er vom Ertrag seiner Arbeit trennen - der Zins hat mit der Arbeit nichts zu tun, er unterliegt ganz anderen Gesetzen. Diese Trennung des Kapitalzinses vom Ertrag seiner Arbeit und von der Grundrente muß aber auch der grundbesitzende Landwirt vornehmen - wie wir das übrigens in den beiden Rechnungen im vorigen Abschnitt getan haben. Wenn nun sowohl die Ansiedler auf Freiland wie auch die Pachtlandbauern den gleichen Zinsfuß für das benötigte Kapital zu zahlen haben, so könnte man annehmen, daß die Grundrente in keinem Zusammenhange mit dem Zinsfuß stehe. Doch ist das ein Irrtum. Mit Arbeit und dem, was dazu gehört, kann man beliebig viel neues Land schaffen, oft sogar in der nächsten Nähe der Städte. Und je niedriger der Zinsfuß, um so leichter wird es sein, wüste Strecken urbar zu machen. Der Unternehmer verlangt von dem urbar ge- machten Boden nur so viel Zins, wie ein mit gleichem Kapitalaufwand gekaufter Acker an Rente abwirft. Wenn beim Freiland 1 und 2 die Frachtausgaben zuweilen den größten Teil des Arbeitserzeugnisses verschlingen, so wird bei Urbarmachung von Ödland der Zins die erwartete Rente des Bodens beanspruchen. Handelt es sich z. B. um die kürzlich be- schlossene Trockenlegung der Zuidersee, um die Entsumpfung der Moore, um das Aus- roden von Urwäldern, um die Berieselung von Wüsten, um das Abtragen und Sprengen von Felsen, so wird man zuerst fragen, wieviel Zins die Kapitalaufwendung verschlingen wird, und dann wird man diese Summe vergleichen mit dem, was man für gleichen Boden an Pacht zahlen muß. Steht nun der Zinsfuß hoch, so wird der Vergleich ungünstig ausfallen, und man wird das Moor unberührt lassen; steht der Zinsfuß dagegen niedrig, so wird das Unternehmen gewinnbringend. Fiele nun der Zinsfuß von 4 auf 1 % z. B., so würden sogleich eine Menge von Bodenverbesserungen einträglich, die man heute nicht unternehmen kann. Zu 1% würde es sich lohnen, das Nilwasser nach Arabien abzulenken, die Ostsee abzu- deichen und auszupumpen, die Lüneburger Heide für Kakao und Pfeffer unter Glas zu legen. Zu 1 % kann der Bauer auch daran denken, Obstgärten anzulegen. Heute kann er es nicht, denn dazu müßte er in Erwartung künftiger Ernten das nicht unbedeutende Anlage- kapital 5-10 Jahre mit 5% verzinsen. Kurz, zu 1 % Zins würde alles Ödland, würden die großen Wasserflächen mit Gewinn in gepflegten Boden verwandelt werden können. (Diese Einzelheiten sind selbstredend nicht wörtlich aufzufassen.) Ein Sinken des Zinsfußes würde aber nicht allein die Anbaufläche vergrößern, sondern es auch ermöglichen, von der bereits vorhandenen Ackerfläche durch ausgedehnteren Gebrauch der Maschinen, durch Anlage von Wegen, Ersatz der Hecken durch Zäune, Anlage von Pumpstationen für Bewässerung trockener Wiesen, Tiefgraben des Bodens, Anlage von Obstgärten, Frostschutzvorrichtungen und tausend andere Verbesserungen dem Boden doppelte und dreifache Erträge abzugewinnen, wodurch wiederum eine ent- sprechende Verringerung der Anbaufläche notwendig würde und das für die Rente so gefährliche Freiland auf Schußweite herangerückt käme. Die Herabsetzung des Zinses würde auch bewirken, daß die für die Beförderung des Weizens aus dem Auslande nötigen Anlagen (Häfen, Kanäle, Seeschiffe, Eisenbahnen, Getreidespeicher) entsprechend niedrigere Gebühren einführen könnten, und daß dann

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auch wieder die Frachtkosten für die Erzeugnisse des Freilandes sinken würden. Und jede Mark, die hier gespart wird, reißt eine gleich große Lücke in die Grundrente. Die Zinsen des in den Fördermitteln angelegten Geldes bilden aber einen sehr bedeutenden Teil der Frachtkosten, und zwar verhielten sich bei den europäischen Eisenbahnen bei einer durchschnittlichen Verzinsung von 3,8% die eigentlichen Frachtkosten im Jahre 1888 (Unterhaltung der Bahn, Beamten, Kohlen usw.) zu den Zinsen wie 135 zu 115. Die Zinsen (115) erreichen also fast die Höhe der Betriebskosten (135), so daß eine Herabsetzung des Zinsfußes von 4 auf 3% eine Herabsetzung der Frachtsätze um fast 1/8 gestatten würde. Betriebskosten gleich 4, die Kapitalzinsen gleich 4, Frachtsatz = 8

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d. h. bei 0 Zins würden die Bahnfrachten um die Hälfte herabgesetzt werden können. Bei den Seefrachten ist das Verhältnis der Betriebskosten zu den Kapitalzinsen nicht das gleiche; immerhin spielt auch hier der Kapitalzins eine bedeutende Rolle. Die Schiffe, das Betriebskapital, die Hafenanlagen, die Kanäle (Panama, Suez), die Kohlenbahnen und Grubeneinrichtungen usw., alles verlangt den regelrechten Zins, und dieser Zins be- lastet die Frachten, belastet den Arbeitsertrag des Freiländers 1 und 2, der für den Lohn und die Rente von ausschlaggebender Bedeutung ist. Ein Senken oder gar ein völliges Beseitigen des Zinses würde also die Frachtkosten um die Hälfte herabsetzen, und dadurch wieder würde die Grenze des Freilandes wirt- schaftlich um 50% näher gerückt, der Wettbewerb des ausländischen Getreides ent- sprechend verschärft werden. Wo bliebe aber dann wieder die Grundrente, wenn auf diese Weise die Ackerfläche über den Bedarf hinaus ganz in der Nähe vervielfältigt würde; wenn das den Lohn bestimmende Freiland beliebig vermehrt werden könnte, und zwar ganz in der Nähe, wo also die Span- nung zwischen Arbeitserzeugnis des Freiländers und seinem Arbeitsertrag infolge der ge- sparten Frachtkosten immer geringer wird? Warum dann noch weit nach Kanada, nach Manitoba ziehen, warum von dort mit großen Frachtkosten das Getreide nach Holland verfrachten, wenn man Getreide auf dem Boden der heutigen Zuidersee bauen kann? Wenn der Zinsfuß auf 3, 2, 1 und 0 % sinkt, können alle Länder ihre heutige Bevölkerung mit Brot versehen. Die Landsparbebauung findet nur im Zins eine Grenze. Der Boden wird um so dichter bebaut werden können, je mehr der Zins fällt. Man sieht hier die innige Verbindung, die zwischen Zins und Rente besteht. Solange Ödland, Wasserflächen, Wüsten vorhanden sind, die urbar gemacht werden können, solange überhaupt der Boden durch Neuerungen verbesser t werden kann, ist hoher Zins nicht nur das Ziel des Kapitalisten, sondern auch das Bollwerk der Grundrentner. Fällt der Zins ganz, so verschwindet zwar die Grundrente nicht ganz, aber es wäre der härteste Schlag, der sie treffen könnte. (2)

(1) Ein wirklich "eherner" Lohn schwankt nicht. (2) Bei der Baugrundrente wirkt der Zinsrückgang nach entgegengesetzten Richtungen. Weil der Zins des Baukapitals die Mieter ungleich schwerer belastet als die Grundrente (auf dem Lande und in kleinen Städten beträgt der auf die Grundrente entfallende Be- standteil der Mieten oft nicht 5 %, während der Kapitalzins hier 90 % der Mieten bean- sprucht) würde der Rückgang des Kapitalzinses auf 1% oder 0 eine gewaltige Verbilligung der Mieten bedeuten, was natürlich sehr stark auf den Raumbedarf der einzelnen Familien zurückwirken würde. Die Masse des Volkes, die sich heute infolge der durch den Zins hochgetriebenen Mieten mit ganz ungenügenden Räumen behilft, würde größere Wohnun- gen verlangen und dafür zahlen können. Größere Wohnungen beanspruchen aber größere Bauflächen - und treiben die Grundrente aufwärts. Anderseits würde der Rückgang des Zinsfußes die Fahrpreise der Stadtbahnen ermäßigen und so, den Verkehr mehr nach außen lenkend, der städtischen Grundrente entgegenwirken.

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1.15. Übersicht über das bisherige Ergebnis dieser

Untersuchung

? 1. Der Arbeitslohn des Durchschnittsarbeiters ist gleich dem Arbeitsertrag des Durch- schnittsfreiländers und ist diesem durchaus unterworfen. Jede Veränderung im Arbeits- ertrag des Freiländers überträgt sich auf den Arbeitslohn; einerlei, ob diese Veränderungen durch Betriebsverbesserungen, durch wissenschaftliche Entdeckungen oder durch Ge- setze herbeigeführt werden.

? 2. Das sogenannte Gesetz des ehernen Lohnes kann hiernach nicht mehr sein als eine Redensart. Im Einzelfall pendelt der Lohn um den unter 1 genannten Schwerpunkt. Er kann je nach der Tüchtigkeit sowohl über diesen Schwerpunkt steigen, wie er auch darunter bleiben und auch oft unter die Grenzen des Mindestmaßes an Lebensunter- halt sinken kann.

? 3. Die ganze Lohnabstufung für sogenannte Wertarbeit bis in die höchsten Höhen hat den Arbeitsertrag des Freiländers als Ausgangspunkt.

? 4. Die Grundrente ist das, was vom Erzeugnis des Bodens nach Abzug des Lohnes (und des Kapitalzinses) übrigbleibt. Da die Größe dieses Abzuges (Lohn) vom Arbeits- ertrag auf Freiland bestimmt wird, so wird die Grundrente auch vom Arbeitsertrag des Freiländers mitbestimmt.

? 5. Der Kapitalzins unterstützt die Grundrente.

? 6. Man kann nicht schlechtweg behaupten, daß alle Fortschritte der Technik der Grund- rente zugute konmme. Oft tritt das Gegenteil ein. Fortschritt und Armut sind nur be- dingungsweise verkuppelt. Fortschritt und wachsender allgemeiner Wohlstand gehen ebenso oft Hand in Hand.

? 7. Man kann auch nicht schlechtweg sagen, daß die Grundsteuern abwälzbar oder nicht abwälzbar seien. Diese Frage kann erst dann restlos beantwortet werden, wenn gesagt ist, was in jedem Fall mit dem Grundsteuerertrag geschieht. Die Grundsteuer kann die Rente sowohl doppelt treffen (Steuer und Lohnerhöhung), wie sie auch oft der Rente über die eigene Größe hinaus zugute kommen kann.

? 8. Benutzt man diese Ergebnisse der Grundrentensteuer zum Wohle der Freiländer, etwa zur Zahlung von Getreideeinfuhrpämien, als Zuschuß für die Urbarmachung von Ödland usw., so kann man, wenn man will, auf diesem Wege die Grundrenten restlos einziehen. So verwendet, sind die Grundrentensteuern unabwälzbar.

1.16. Die Rohstoff- und Baugrundrente und ihre

Beziehung zum allgemeinen Lohngesetz

Ob der Weizen aus Kanada, aus Argentinien, aus Sibirien oder vom Felde des Nach- barn kommt, ob es zollbelasteter Weizen der geplagten deutschen Auswanderer ist oder zollgeschützter Weizen des behäbigen pommerschen Gutsbesitzers - was fragt der Müller danach? Ist die Beschaffenheit gleich, so ist auch der Preis gleich. Ebenso verhält es sich mit allen übrigen Dingen. Niemand erkundigt sich nach den Kosten der Waren, jedem ist es einerlei, woher die den Käufer umwerbenden Waren stammen. Ob der eine Erzeuger dabei reich geworden, der andere zugrunde gegangen ist - ist die Güte gleich, so ist auch der Preis gleich. Am klarsten sieht man das an den Mün- zen. Wer erkundigt sich danach, wo, wie und wann das Gold gewonnen wurde, aus dem die einzelnen Münzen gemacht sind? An den einen klebt das Blut der erschlagenen und beraubten Feinde, an den anderen der Schweiß des Erzschürfers, alle jedoch laufen unter- schiedslos um. So ungleich auch die Kosten sein mögen, die auf den einzelnen in Wettbewerb stehenden Waren lasten, der Preis ist immer der gleiche. Das weiß jeder, der Rohstoffe braucht, das weiß auch wieder der Besitzer des Bodens, auf dem die Rohstoffe gefunden oder gewonnen werden können.

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Wenn also z. B. die Stadt Pflastersteine für eine neue Straße braucht, so berechnet der Besitzer des zunächst liegenden Steinbruchs sogleich, wie weit es von der neuen Straße bis zur nächsten freien Fundstätte gleicher Steine ist. Dann berechnet er die Fuhrkosten, die von dort zur Verbrauchsstätte erwachsen würden, und der Preis ist fertig. Und diesen Preis wird die Stadt bezahlen müssen, denn erst von diesem Preise ab kann der Wettbewerb einsetzen, durch den doch der Preis bestimmt wird. (Der Arbeitslohn im Steinbruch, da er als gleich für beide Steinbrüche angenommen wird, kann hier weggelassen werden.) Fehlt jedoch der Wettbewerb ganz, d. h. fehlt eine freie Fundstätte in erreichbarer Entfernung, und verlangt infolgedessen der Steinbruchbesitzer überhohe Preise für seine Pflastersteine, dann springen entweder die Ersatzmittel ein, in diesem Falle also Holz- pflaster, Makadam, Kies; Asphalt, Eisenbahn usw., oder man unterläßt den Bau der Straße. In letzterem Falle wäre also der Nutzen, den die Stadt von dem Bau der neuen Straße erwartet, der erste und letzte Nebenbuhler des Steinbruchbesitzers. Und wie es sich hier mit den Pflastersteinen verhält, so auch mit allen anderen Roh- stoffen ohne Ausnahme. Braucht ein Unternehmer Ton für eine Zementfabrik, Lehm für eine Ziegelei, Lohe für die Gerberei, Kohlen, Eisenerze, Holz, Wasser, Bausteine, Kalk, Sand, Erdöl, Mineralwasser, Luft für seine Windmühle, Sonne für seine Heilstätte, Schat- ten für sein Sommerhaus, Wärme für seine Reben, Kälte für seine Eisbahn, so wird sich der in dieser Beziehung bevorzugte Grundbesitzer diese Gaben der Natur ebenso be- zahlen lassen wie der Besitzer obigen Steinbruchs, und zwar immer nach genau den glei- chen Grundsätzen. Die Umstände mögen in jedem einzelnen Falle andere sein, der Wettbewerb der Ersatz- stoffe mag der Gewinnsucht des Grundbesitzers hier eine engere Grenze setzen als dort, schließlich bricht immer und überall das nämliche Gesetz durch, wonach der Grund- besitzer alle Vorteile, die die Erzeugnisse, die Lage, die Natur seines Besitzes bieten, so ausbeutet, daß der Käufer für seine eigene Arbeit nur so viel anrechnen kann, wie wenn er die Stoffe vom Wüst-, Öd- und Freiland herbeischaffen müßte. Es ergibt sich aus dieser Betrachtung der für das allgemeine Lohngesetz sehr wichtige Satz:

Das Erzeugnis der schlechtesten, entferntesten und darum oft herrenlosen Fundstätte von Rohstoffen belastet mit allen Frachtkosten, und mit denselben Löhnen, die die anderen Fundstätten zahlen müssen, ist bestimmend für die Preisbildung dieser Stoffe. Was die Besitzer der bevorzugten Fundstätten an Förderungskosten sparen, ist Rente. Der Verbraucher muß alle Erzeugnisse der Erde, alle Robstoffe immer so bezahlen, wie wenn sie mit schweren Unkosten auf Ödland erzeugt, vom herrenlosen Lande heran- geschleppt worden wären. Wenn das Erzeugnis der schlechtesten Erde übereinstimmte mit dem Mindestmaß dessen, was der Mensch zum Lebensunterhalt braucht, so wären mit dem Privatgrund- besitz alle Voraussetzungen für das Walten des "ehernen" Lohngesetzes erfüllt; aber wie schon gesagt, ist das nicht der Fall. Deshalb, aber auch allein deshalb kann sich der Lohn von diesem Mindestmaß entfernen. Genau demselben Grundsatze folgend, wenn auch von anderen Umständen bestimmt, gestaltet sich die städtische Grundrente, deren Höhe in den Industriestaaten der Neuzeit fast an die der ländlichen Grundrente heranreicht. So ist z. B. der Boden, auf dem Berlin gebaut ist, im Jahre 1901 auf 2911 Millionen geschätzt worden (s. Deutsche Volksstimme 12, 1904), was zu 4% einer Grundrente von 116 Millionen entspricht. Diese Summe, auf die 4 Millionen Hektar der Provinz Branden- burg verteilt, gibt für sich allein schon etwa 30 Mark Rente für den Hektar. Rechnet man noch die Grundrente der übrigen Städte der Provinz hinzu, so erreicht man vielleicht 40 Mark für den Hektar, eine Summe, die bei der Dürftigkeit des Bodens und den großen Wasser- Sumpf- und Waldflächen der Provinz das Mittel der ländlichen Grundrente vielleicht schon übersteigt. Freilich nimmt die Provinz Brandenburg mit ihrem mageren Boden einerseits und der Hauptstadt des Reiches andererseits eine Ausnahmestellung ein, aber diese Zahlen zeigen doch, wclche Bedeutung die städtische Grundrente heute erlangt hat. Diese Zahlen werden manchen gewiß überraschen, und wie irgend jemand ganz richtig bemerkte, ist es heute zweifelhaft, ob der nach dem Zinsertrag gemessene Großgrund- besitz noch in Schlesien und nicht etwa schon in Berlin zu suchen sei. Wie erklärt sich diese eigentümliche Erscheinung; wodurch wird die Höhe der Bau- grundrente bestimmt; wie verhält sich diese zum allgemeinen Lohngesetz?

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Zunächst ist hier die Frage zu beantworten, was die Menschen veranlaßt, sich trotz der hohen Grundrente in den Städten zusammenzurotten, warum sie sich nicht auf das Land verteilen. Nach obigen Angaben berechnet, beträgt die Grundrente für die Bewohner Berlins 58 Mark auf den Kopf der Bevölkerung, für Familien von 5 Personen im Durch- schnitt also 290 Mark jährlich, eine Ausgabe, die auf dem Lande so gut wie ganz weg- fällt, denn die ländliche Grundrente, die für die Wohnung hier in Anrechnung kommt, ist allein mit den Düngestoffen der Familie reichlich bezahlt. Ganz abgesehen von den ge- sundheitlichen Vorteilen des Landlebens und den trotz hoher Kosten dennoch erbärmlichen Wohnungsverhältnissen in der Stadt. Es müssen also gewichtige Gründe sein, die der Stadt den Vorzug geben. Wenn wir die gesellschaftlichen "Vorzüge" der Stadt durch ihre Nachteile (schlechte Luft, Staub, Lärm und die sonstigen endlosen Beleidigungen unserer Sinne) als aus- geglichen und bezahlt erachten, so bleiben nur noch die mit der Stadt verbundenen wirt- schaftlichen Vorteile übrig, um Deckung für das Mehr der Ausgaben einer Berliner Fa- milie zu liefern. Das Ineinandergreifen der einzelnen Industrien, die gegenseitige Unter- stützung, die ein Teil dem anderen gewährt, muß dem abgesonderten Gewerbetreibenden auf dem Lande gegenüber Vorteile aufweisen, die die 116 Millionen an Grundrente auf- wiegen. Wenn das nicht wäre, so bliebe die Ausdehnung unerklärlich, die die Städte er- fahren haben. Auf dem Lande kann sich kein Gewerbe entwickeln, das für die Hauptgeschäftszeit (Saison) arbeitend, heute viele, morgen wenige oder gar keine Arbeiter beschäftigt - denn der Arbeiter muß das ganze Jahr arbeiten. In der Stadt gleicht sich der wechselnde Bedarf an Arbeitern der einzelnen Gewerbe mehr oder weniger ans, so daß, wenn der eine Betrieb Arbeiter entläßt, der andere solche wieder anwirbt. Dadurch hat der Arbeiter in der Stadt eine größere Sicherheit gegen Arbeitslosigkeit als auf dem Lande. Auf dem Lande fehlt dem Unternehmer der Gedankenaustausch, die Anregung, die der Verkehr mit den anderen Gewerbetreibenden mit sich bringt; auch die Arbeiter selber, die in den verschiedenen Betrieben die verschiedensten Arbeitsverfahren kennenlernen und deren Vorteile ausbeuten, gewähren dem Unternehmer einen bedeutenden Vor- sprung seinem Wettbewerber vom Lande gegenüber. Dieser, der ganz auf sich selbst an- gewiesen ist, und dessen Arbeiter den Verkehr anderer Arbeiter, aus anderen Betrieben, aus anderen Ländern entbehren müssen, verharrt also leicht in der Übung altväterlicher Vorschriften. Auch fehlt ihm nur zu oft die Absatzgelegenheit, die die Stadt dem Unter- nehmer in ungleich höherem Maße bietet, weil die Käufer hierher aus allen Teilen des Reiches und der Welt zusammenströmen, weil sie hier auf gedrängtem Raume alles finden, was sie brauchen. Der Unternehmer in der Stadt erhält den Besuch der Käufer aus allen Ländern; diese machen ihn auf die Wünsche der Verbraucher aufmerksam, geben ihm wertvolle Auskünfte über die Marktverhältnisse, Preise usw. Dies alles entbehrt der Wettbewerber auf dem Lande. Statt den Besuch der Käufer zu erhalten, muß er sich selbst auf Reisen begeben und Zeit und Geld opfern, um die Kundschaft zu besuchen; auf Um- wegen, die oft viel an Zuverlässigkeit zu wünschen übrig lassen, zieht er die Erkundigungen ein über den Preisstand der Rohstoffe, über die Marktverhältnisse im Auslande, über die Zahlungsfähigkeit der Kundschaft usw. Dann muß er von allen Stoffen, die er verarbeitet, bedeutend größere Posten auf Lager nehmen, als sein Wettbewerber in der Stadt, der hier alles nach Bedarf kaufen kann, und wenn dem Landbewohner aus Unachtsamkeit ein Stoff, manchmal nur eine Schraube, ausgeht, so ruht leicht der ganze Betrieb, bis aus der "Stadt" das Fehlende angekommen ist. Ist etwas an der Maschine in Unordnung, so muß aus der "Stadt" wieder ein Mann mit Werkzeugen bestellt werden, und bis dieser ankommt, ruht wieder der Betrieb. Kurz, der Nachteile gibt es so viele beim Betriebe, bei der Arbeiterschaft, beim Einkauf der Rohstoffe, beim Absatz der fertigen Ware, daß der Unternehmer vom Lande, der doch mit der Stadt in Wettbewerb treten muß, unmöglich dieselben Löhne wie diese bezahlen kann, so daß alles das, was er und seine Arbeiter an der Grundrente sparen; wieder vom Arbeitsertrag abgeht. Und so sehen wir denn auch auf dem Lande sich nur solche Industrien entwickeln, bei denen der Raumbedarf so groß ist, daß die erwähnten Nachteile durch die Grundrenten- ersparnis ausgeglichen werden, oder die ihrer Natur nach überhaupt nicht in der Stadt betrieben werden dürfen (Sägewerke, Ziegeleien, Walzwerke), oder die dort aus Gesund- heitsrücksichten polizeilich verboten wurden (Kalköfen, Pulvermühlen, Gerbereien usw.), oder deren Betrieb so einfach ist, daß dieser die Anwesenheit des Besitzers nicht erfordert, der daher die kaufmännische Leitung nach der Stadt verlegt. Sonst aber hat die Stadt all- gemein den Vorrang.

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Woher also die Mittel kommen, um die 116 Millionen Grundrenten der Stadt Berlin zu bezahlen, wissen wir, und wo die Grenze für die Entwicklung der Städte ist, wissen wir auch. Die Vorteile der Gesellschaftsarbeit sind hier in Geld umgerechnet und von den Grund- rentnern für sich eingezogen worden. Wächst die Stadt, so wachsen ihre wirtschaftlichen Vorteile, und so wächst auch die Grundrente; steigt die Grundrente im Mißverhältnis zu den Vortei len der Stadt, so wird das Wachstum der Stadt unterbrochen. Willst du die Vorteile genießen, die die Stadt für dein Gewerbe bietet, so bezahle diese Vorteile den Grundrentnern; sonst, wenn du diese Kosten sparen willst, kannst du deine Werkstelle, deinen Laden, dein Tanzlokal draußen im Walde, auf dem Felde errichten. Rechne nach, was dir vorteilhafter ist und handle danach. Niemand hindert dich daran, draußen vor den Toren dich niederzulassen. Kannst du es erreichen, daß deine Kundschaft den langen Weg zu dir durch Schnee, Staub, Morast und Regen zurücklegt, um dort draußen denselben Preis zu bezahlen wie mitten in der Stadt, um so besser für dich. Hältst du das für unwahrscheinlich, so zahle die Grundrente und siedle dich in der Stadt an. Du kannst es aber auch anders versuchen - verkaufe deine Waren draußen billiger. Es werden dann immer noch etliche Leute zu dir kommen der billigen Preise wegen, aber wo bleibt der Vorteil der Rentenersparnis, wenn du diese an den billigeren Preisen zu- setzest? Also immer das gleiche Gesetz. Genau wie bei der landwirtschaftlichen und Roh- stoffgrundrente. Alle Vorteile der Stadt (worunter die Arbeitsteilung noch zu erwähnen ist), der gesellschaftlichen Arbeit, werden vom Grundbesitz eingezogen. Wie der deutsche Weizen zu Preisen verkauft wird, als ob er in Sibirien gewachsen und an der Grenze ver- zollt worden wäre, so müssen die in der Stadt erzeugten Güter wieder zu Preisen aus- getauscht werden, wie wenn sie mit all den in Geld umgerechneten Nachteilen einer über das ganze Land verzettelten Erzeugung belastet wären. Die ländliche Grundrente nimmt alle Vorteile der Lage und der Natur vorweg, sie läßt dem Bebauer Wüst- und Ödland zurück; die städtische Grundrente nimmt alle Vor- teile der Gesellschaft, des Hand-in-Handgehens, der feineren Lebensweise, des Staates in Anspruch; sie setzt die Ertragsfähigkeit der städtischen Industrie und des Handels auf die Rangstufe des abgesonderten Gewerbes auf dem Lande herab.

1.17. Erster allgemeiner Umriß des Lohngesetzes

Das, was nach Abzug der Rente und des Kapitalzinses an Erzeugnissen übrig bleibt, bildet den Lohnschatz, in den sich alle Arbeiter (Tagelöhner, Geistliche, Kaufleute Ärzte, Knechte, Könige, Handwerker, Künstler usw. usw.) zu teilen haben. Die Ver- teilung geschieht bei freier Berufswahl nach Maßgabe der persönlichen Fähigkeiten durch Nachfrage und Angebot. Wäre die Berufswahl vollkommen frei (sie ist es nicht, könnte es aber sein), so würde bei der Verteilung tatsächlich jeder das "größte" Stück erhalten. Denn jeder sucht doch das größte Stück zu erwischen, und über die Größe der Stücke ent- scheiden "Nachfrage und Angebot", in letzter Linie also die Berufswahl. Die vergleichsmäßige Größe des Lohnes hängt also von der Berufswahl, von der Person ab; die wirkliche Größe des Lohnes ist dagegen hiervon unabhängig und wird von der Größe des Lohnschatzes bestimmt. Je größer die Beiträge der einzelnen Arbeiter zum Lohnschatz sind; um so größer wird auch der Anteil eines jeden ausfallen. Die Anzahl der Arbeiter ist dabei gleichgültig. Denn mit der Zahl wächst zwar die wirkliche Größe des Lohnschatzes, aber gleichzeitig auch die Zahl der Anteilberechtigten. Wie groß nun heute die Beiträge der einzelnen Gattungen von Arbeitern zum Lohn- schatz sind, wissen wir:

1. Der Beitrag der Landwirte ist gleich der Summe von Erzeugnissen, die eine gleich-

große Anzahl Landwirte auf Ödland bauen, vom Freiland in Sibirien auf den Markt

schaffen können, - abzüglich Fracht, Zins und Zoll, die wir hier unmittelbar in Erzeug- nisse umgerechnet uns vorzustellen haben.

2. Der Beitrag der sonstigen Rohstofferzeuger ist gleich der Summe von Erzeugnissen,

die diese von den schlechtesten, entlegensten und darum herrenlosen Fundstätten dem Markte zuführen können, - abzüglich Zins.

3. Der Beitrag der Industriearbeiter, der Kaufleute, der Ärzte, Künstler usw. ist gleich

der Summe von Erzeugnissen, die diese ohne die Vorteile des städtischen Gesellschafts-

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betriebes in abgesonderten, zerstreuten und verstreuten Betrieben erzeugen könnten, - abzüglich Zins. Werfen wir alle diese Erzeugnisse zusammen, und verteilen sie nach der heutigen Lohn- abstufung, so erhält jeder genau das, was er heute tatsächlich mit dem Betrage seines Lohnes auf den Märkten und in den Läden an Waren erlangen kann. Der volle Unterschied zwischen diesem Betrag und dem wirklichen Erzeugnis der Gesamtarbeit bildet die Grundrente und den Kapitalzins. Was können nun die Arbeiter (immer im weitesten Sinne zu verstehen) tun, um den Lohnschatz zu vergrößern, um eine wirkliche Lohnerhöhung, eine Lohnerhöhung auf der ganzen Linie, die auch nicht durch Preiserhöhungen zunichte gemacht werden kann, zu erreichen? Die Antwort ist leicht zu geben. Sie sollen ihren Lohnschatz besser als bisher abdichten, besser vor Schmarotzern schützen. Die Arbeiter sollen ihren Lohnschatz verteidigen, wie die Bienen und Hamster den ihrigen verteidigen. Das ganze Arbeitserzeugnis ohne irgend welchen Abzug für Grundrenten und Kapitalzins soll in den Lohnschatz ausgeschüttet und restlos unter die Schaffenden verteilt werden. Wie das geschehen kann, sagt die Freiland- und Freigeldlehre.

ZWEITER TEIL:

FREILAND

EINLEITUNG

Freiland, die eherne Forderung des Friedens

Vortrag, gehalten in Zürich am 5. Juli 1917 Daß der Mensch zum Menschen werde, Stift er einen ew'gen Bund, Gläubig mit der frommen Erde, Seinem mütterlichen Grund." Schiller. Bürger- und Völkerfriede entstammen demselben Geist, haben die gleichen Ursachen. Zwischen Staaten, die innerlich gesund sind, d. h. sich wahren Bürgerfriedens erfreuen, kann es gar nicht zum Kriege kommen, wie auch umgekehrt zwischen denselben Staaten kein wahrer Friede Fuß fassen kann, solange in ihnen der Klassenkampf tobt. Wer darum den Völkerfrieden will, muß wi ssen, daß er ihn nur vom Altar des Bürgerfriedens holen kann. Der Bürgerfriede ist die Keimzelle des Völkerfriedens. Was dem Bürgerfrieden geopfert werden muß, gehört auch restlos in den Opferstock des Völkerfriedens. Ja, die Dinge verhalten sich so, daß wir uns um den Völkerfrieden überhaupt nicht mehr zu kümmern brauchen, sobald wir einmal dem Bürgerfrieden alles geopfert haben, was ihm unbedingt geopfert werden muß. Einsichtige Männer sagten gleich zu Beginn dieses Völkerkrieges voraus, daß er in einen allgemeinen Bürgerkrieg ausarten und dort sein Ende finden würde. Das mag stimmen, doch ist der Ausdruck "ausarten" hier nicht am Platze. Nicht der Völkerkrieg artet in Bürgerkrieg aus, sondern umgekehrt ist es der in den Eingeweiden aller Kulturvölker wühlende Bürgerkrieg, auch Klassenkampf genannt, der, durch Gewaltmittel am offenen Ausbruch verhindert, im Völkerkrieg einen Ausweg sucht, dort also "ausartet ". Der Völkerkrieg ist eine Nebenerscheinung der Schichtung des Volkes in einzelne Klassen, des Kampfes dieser Klassen gegeneinander, des bürgerlichen Wirtschaftskrieges. Die Ursache des in allen Kulturstaaten herrschenden bürgerlichen Kriegszustandes ist wirtschaftlicher Natur. Die durch naturwidrige menschliche Einrichtungen gesetz- mäßig sich einstellende Klassenschichtung der Kulturvölker ist der Wirkung nach mit Kriegszustand gleichbedeutend. Haben doch in früheren Zeiten die Kriege und Sklaven- jagden nie etwas anderes bezweckt, als genau denselben Zustand gewaltsam zu schaffen, den wir heute als "bürgerliche Ordnung" bewundern, nämlich die Schaffung eines beson- deren Arbeiterstandes, auf den die herrschende Schicht alle Mühseligkeiten des Lebens abwälzen konnte! Diese Zweiteilung des Volkes in Rentner und Lasttiere ist widernatürlich

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und ·kann darum nur durch Gewaltmittel, körperliche und seelische, aufrecht erhalten werden. Gewalt aber fordert Gewalt heraus; sie ist der Krieg. Ist die Wirtschaft in Ordnung, so ist auch der Friede gesichert. Gegensätze aus der geistigen Welt stören niemals ernsthaft den Frieden. Selbst die sogenannten Religions- kriege hatten recht nüchterne wirtschaftliche Beweggründe. Auch Rasse und Sprache veranlassen keinen Krieg, wie denn überhaupt der Krieg nichts mit den Lebens- erscheinungen zu tun hat. Schon allein der Umstand, daß sich die Krieger künstlich (Uniformen) als Freund und Feind kennzeichnen müssen, daß eine Schlacht zwischen nackten Bataillonen undenkbar ist, sagt genug in der Beziehung. Die wirtschaftlichen Einrichtungen, die das Zerfallen der Völker in verschiedene Klassen bedingen und zum Bürgerkrieg treiben, sindbin allen Kulturstaaten von Anfang an bis auf den heutigen Tag dieselben gewesen: das Bodenrecht und das Metallgeld (bzw. das diesem nachgeäffte Papiergeld), uralte Einrichtungen, soziale Spaltpilze und Sprengkörper, die schon die Staaten des Altertums in Trümmer legten und auch wieder mit unserer Kultur fertig werden, wenn wir uns nicht rechtzeitig noch davon befreien. Solange wir mit unseren Neuerungsbestrebungen und Umwälzungen vor den genannten beiden wirtschaftlichen Einrichtungen Halt machen, ist kein Friede möglich, weder nach innen noch nach außen. Das hat uns deutlich genug die "große" Französische Revolution ge- zeigt. Trotz Volksvertretung, trotz sogenannter Demokratie, hat damals in Frankreich der Zerfall in Klassen mit erneuter Kraft eingesetzt und ist heute vielleicht wieder nirgendwo so weit getrieben wie gerade dort. Ehedem waren es die Kirche und der Staat, die das Volk bis aufs Blut ausplünderten; jetzt sind die Rentner an ihre Stelle getreten. Gerade die beiden Einrichtungen, auf denen der Zerfall in Klassen beruht, hatte der Umsturz geschont - das Privatgrundeigentum und das herkömmliche, aus dem Altertum stam- mende Geldwesen. Das Privatgrundeigentum und das damit untrennbar verbundene Proletariat sind unvereinbar mit wahrer Demokratie. Ja, das Königtum ist nichts anderes als die folgerichtige Wirkung des Privatgrundeigentums. Der Grundeigentümer strebt zwangsläufig nach einer Zentralgewa lt, von der allein er Schutz vor den begehrlichen Griffen der aufsässigen Massen erwarten zu können glaubt. Anderseits wirkt auch unser herkömmliches Geld dadurch, daß es den Zins als Bedingung seines Wirkens fordert und so die gesamte Volkswirtschaft auf die Zinsentrichtung einstellt, nach der gleichen Richtung, volkszersetzend, klassenbildend, friedenfeindlich. Seitdem man das Privat- grundeigentum eingeführt und die Edelmetalle zum Tauschmittel der Arbeitserzeug- nisse erhoben, hat es nie wahren Frieden gegeben, und solange wir bei diesen uralten barbarischen Staatseinrichtungen verharren, wird es auch nie Frieden geben - weder nach innen noch nach außen. Krieg ist der einzig mögliche Zustand zwischen Rentnern und Arbeitern. Der Friede ist ein großes Unternehmen, und der Größe des Unternehmens müssen die Mittel entsprechen. Sonst gibt es nur Enttäuschungen. Keine Menschenopfer fordert der Friede, aber "Geldopfer unerhört"! Daneben das Opfern köstlicher Vorrechte, lieb- gewonnener Vorurteile, völkischer Bestrebungen und Lebensanschauungen. Wahrhaftig, die Dinge verhalten sich so, daß, wenn wir dem Vielfraß, genannt Friede, alles geopfert haben werden, was ihm unbedingt geopfert werden muß, große Kreise des Volkes in allen Ländern mit Überzeugung ausrufen werden: lieber Krieg als Frieden! Wie es ja auch heute oft genug vorkommt, daß Leute, die ihr Vermögen in einem Börsenkrach verlieren, sogleich entschlossen in den Tod gehen. Es ist ein Fehler aller Friedensfreunde gewesen, mit Ausnahme allein der Urchristen, daß sie die Größe der Aufgabe bei weitem unterschätzten und darum mit völlig unzu- reichender Rüstung das Ziel zu erreichen trachteten. Wirklich, oft sieht es aus, als ob der Friede im Kaufhaus zu holen wäre. Es wird vielleicht nützlich sein, die Dinge einmal sich näher anzusehen, die man bisher großmütig unserem Vielfraß zu opfern bereit war. Da sind zunächst die Vegetarier und Abstinenten, die ausrufen: Krieg ist ein krank- hafter Geisteszustand, der von einem krankhaften körperlichen Zustand herrührt. Folge des Fleischessens, des Tabaks, des Alkohols und der damit zusammenhängenden Sy- philis. Opfert den Alkohol, so werdet ihr klug wie die Schlangen, opfert den Fleisch- genuß, so werdet ihr sanft wie die Lämmer. Es ist Wahres, viel Wahres sogar, in diesen Worten, aber den Frieden werden uns diese kleinen Opfer nicht bringen. Es gab Kriege, lange bevor die Völker in Trunk und Tabak entarteten. Außerdem müssen wir ja dann auch warten, bis die Menschen durch Vegetarismus und Abstinenz, also durch den langwierigen Ausleseprozeß "besser" ge- worden sein werden. (Moses läßt die Menschen erst im 4. Geschlecht an den Sünden der Väter aussterben.) Und da ist es fraglich, ob die herabziehenden Kräfte der Kriege

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nicht größere Schritte machen als die auf Hochzucht eingestellte Natur des Menschen, ob also im Wettkampf beider Kräfte der Krieg nicht die Oberhand behalten wird! Ein anderes, mit Überzeugung empfohlenes Mittel ist der Gebärstreik. Keine Ge- burten = keine Soldaten = keine Kriege. Das Mittel ist allerdings unfehlbar. Wer aber würde sich des Segens solchen Friedens noch erfreuen? Doch nur die Kinder der Streik- brecherinnen. Für diese sollen sich also die andern opfern! Man empfiehlt auch die Dienstverweigerung. Auch dieses Mittel ist unfehlbar, voraus- gesetzt, daß alle es tun. Wie überhaupt vieles zu erreichen wäre, wenn wir alle Helden wären. Wo aber sind denn diese Helden? In vielen hundert Jahren gab es nur einen Arnold von Winkelried, nur einen Giordano Bruno, nur einen Huß. Wer solchen Opfer- sinn anruft, der verlangt die Überwindung des Selbsterhaltungstriebes, der glücklicher- weise noch größer ist als die Sehnsucht nach Frieden. Es ist ja gerade dieser Selbst- erhaltungstrieb, der uns friedlich stimmt. Ein anderer Vorschlag lautet: Als Bürgschaft für den Frieden soll jeder Staat eine Summe Gold irgendwo hinterlegen. Erklärt ein Volk dem Nachbar den Krieg, so verliert der Friedensstörer das Hinterlegte! Wie hübsch das ist, wie einfach und vor allem wie billig! Wieder ein anderer schlägt vor: das Alleinrecht auf Herstellung von Sprengstoffen einem neutralen Staat zu übertragen. Kein Pulver = kein Krieg, - auch das ist wirklich ein recht billiges Mittel zur völligen Sicherung des Friedens. Wie leicht wäre es dann aber dem Friedensstörer gemacht, heimlich sich für den Krieg vorzubereiten und über den völlig wehrlosen Nachbarn herzufallen! Wie einfach doch in manchen Köpfen die Friedensfrage sich lösen läßt. Am einfachsten löst ja der Kriegsmann diese Fragen. Man wirft den Feind zu Boden, stemmt ihm den Fuß auf die Brust und fragt ihn, ob er Frieden machen will. Bei dieser Art Frieden bleibt eigentlich alles bestehen, was die Gegner zum Kriege getrieben hat. An die Stelle des alten tritt ein frischer Zankapfel. Der Sieger ist zufrieden, der Besiegte sinnt auf Vergeltung. Eines Tages bricht er den Streit vom Zaun und fällt über seinen Gegner her. Wenn's glückt, wechseln die Rollen, und der Zankapfel ist wieder frischer und anmutender denn je. Der Frieden, der hier geschlossen wird, ist immer nur vor- läufiger Art und dient zu nichts anderem als zur Sammlung neuer Kriegskräfte, zur Gewinnung des Übergewichts, wobei zu beachten ist, daß der Sieg den Sieger stolz macht und der Stolz vor dem Fall kommt, so daß schon aus solchem Grunde das Über- gewicht nie lange oder gar dauernd auf einer Seite bleibt. Der Soldatenfrieden ist seiner ganzen Natur nach unhaltbar. Solchem auf dem Übergewicht der Kräfte errichteten Frieden stellen die Staatsmänner den aus dem Gleichgemicht der Kräfte sich ergebenden Ruhezustand als Frieden gegen- über. Sind die Kräfte der Parteien derart ausgewogen, daß keiner bestimmt mit dem Siege rechnen kann, so wird auch keiner mehr den Mut haben, den Frieden, diesen Frieden zu stören. So sagen die Staatsmänner. Und solange das Gleichgewicht der Kräfte nicht gestört wird, rührt sich der Kriegsengel nicht, ähnlich wie Burians Esel sich auch nicht rührte, solange die Heuhaufen ausgeglichen waren. Zur Feststellung des Gleichgewichts bedienen sich die Staatsmänner in der Haupt- sache der Meßkunst. Sie schnipseln so lange an den Landesgrenzen herum, bis sie das Gleichgewicht der Kräfte herbeigeführt zu haben wähnen. Aber die Kräfte, die man hier ins Gleichgewicht zu bringen sucht, sind nicht nur zur Meßkunst gehörig. Oft steht die Kraft der Staaten sogar im umgekehrten Verhältnis zur Größe der Landfläche. Das aber, was an der Wehrkraft unabhängig von der Landes- größe ist, ist keine feste Größe. Der Bevölkerungszuwachs, die sozialen Verhältnisse, die militärische Technik, die wirtschaftlichen Hilfsmittel, kurz alles, was die Ver- teidigungskraft entscheidend beeinflußt, ist in stetigem Fluß. Wie ist die Macht Eng- lands durch das Unterseeboot so außerordentlich geschwächt worden! Wäre es darum auch ursprünglich den Staatsmännern gelungen, ein vollkommenes Gleichgewicht her- zustellen, so unterliegt diese Friedensbürgschaft (!) doch ständig den genannten und tausend anderen störenden Einflüssen. So genügt schon allein ein Unterschied in den Geburten, um das Gleichgewicht zu stören. Wird in einem Lande die Säuglingssterb- lichkeit erfolgreicher bekämpft als in dem anderen, so ist das Gleichgewicht auch wieder aufgehoben. In Ägypten suchte z. B. Pharao das Gleichgewicht dadurch aufrecht zu erhalten, daß er die neugeborenen Kinder Abrahams ertränken ließ. Wer auf diese Weise das Gleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich sicher stellen will, muß ent- weder zum Verfahren Pharaos in Deutschland greifen, oder in Frankreich die Geburten auf die deutsche Höhe heben. Indessen ist die Zahl der Menschen oft ebensowenig allein

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maßgebend für jenes Gleichgewicht, wie die Größe des Landes. Nicht selten steht die mili- tärische Kraft im umgekehrten Verhältnis zur Zahl. Entscheidender als die Menge erweist sich oft genug die Güte, die militärische Brauchbarkeit. Der Alkoholismus und die Abstinenz genügen an sich, um manches Kräfteverhältnis über den Haufen zu werfen. Vor 10 Jahren brachte der Alkohol die russische Revolution um den Erfolg; die seit drei Jahren geübte Enthaltsamkeit gab den Revolutionären Kraft. Dulden die Gleich- gewichtspolitiker in einem Lande den Alkohol, so müssen sie seinen Genuß in allen anderen erzwingen, sonst zerfällt auch das bestausgewogene Gleichgewicht. Es erübrigt sich, andere Forderungen der Gleichgewichtslehre anzuführen. Das Ge- sagte zeigt, wohin man mit diesem Diplomatenfrieden kommen würde. Einen ähnlichen Frieden erstreben die Vertreter der Abrüstungslehre. Sie sagen, das Gleichgewicht der Kräfte sei da, sobald alle ihre Waffen niederlegen. Sie sagen, 100 un- bewaffnete Männer seien nicht mächtiger als 10; der unbewaffnete Mann sei militärisch eine Null. Die Macht liege in den Waffen, und die Übermacht an Waffen reize zum Krieg. Freilich gehen sie nicht so weit, auch die Schutzleute entwaffnen zu wollen. Wahrscheinlich denken sie dabei an die Notwendigkeit der Rüstung zur Aufrechter- haltung des inneren "Friedens". Das ist aber schon ein recht verdächtiges Zugeständnis an die Rüstung, denn wie viele Armeekorps würde man dem Zaren zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf dem Abrüstungskongreß zugestanden haben? (1) Bei der Abrüstungsforderung als Friedensbürgschaft übersieht man vollkommen, daß zur Rüstung schließlich jedes Ding brauchbar ist, das härter ist als der Soldatenschädel. Den Kampfwert der Rüstung kann man durch Vergleich mit der Rüstung des Gegners feststellen. Das Schwert des einen braucht nur etwas weniger stumpf zu sein als das des Gegners, um ein vorzügliches Schwert zu sein. Im deutschen Bauernkrieg wurde die Rüstung der Ritter mit Dreschflegeln zerschlagen. In der Pariser Kommune waren Pflastersteine die einzige Waffe. Kain erschlug seinen Bruder mit einer Keule, und Her- kules in der Wiege erwürgte einfach die Riesenschlange. Wie denkt man sich unter solchen Verhältnissen die Abrüstung? Die italienische Polizei verbietet das Tragen von Taschenmessern, um auf diese Weise die Abrüstung in die Wirklichkeit zu übersetzen. Sollen wir nun den Besitz von Dreschflegeln verbieten? Soll es keine Jagdgewehre mehr geben? Schon gut; verbietet man jedoch das alles, so er- würgen sich die Gegner, wie es im Kriege die Soldaten im "Handgemenge" jedesmal dann tun, wenn sie sich verschossen haben, also "abgerüstet" sind. Die Faust gibt in letzter Linie den Ausschlag. Kommt es zur völligen Abrüstung, ohne daß man die Kriegs- ursachen beseitigt, so bereitet man den Boden für den fürchterlichsten aller Kriege, für die Schlacht im Handgemenge (Teutoburgerwald, Lechfeld, Sempach). Und haben wir nicht erlebt, wie schnell der Fiedelbogenfabrikant umlernt und seine Werkstätte für Kriegsbedarf umbaut? Das jetzt im Felde stehende Rüstzeug stammt nur zu einem verschwindend kleinen Teil noch aus der Friedensrüstung. Gleich nach Aus- bruch des Krieges traten Schiffsladungen frisch bereiteter amerikanischer Granaten auf dem Kriegsmarkt auf! Was soll da die Abrüstung? Ich verstehe den Sinn dieser For- derung nicht. Im Kampfe gegen England ist der deutsche Pflug, der deutsche Misthaufen, die eigent- liche Rüstung Germaniens. Korn ist Rüstung, Guano ist Rüstung, Schafe sind Rüstung. Mit Salpeter füllt man Granaten und düngt man die Felder! Soll man zum Zwecke der Abrüstung auch die technischen Hochschulen eingehen lassen, weil man dort zeigt, wie man den Salpeter aus der Luft gewinnt für die Landwirtschaft und für den Krieg? Aus den Tiegeln deutscher Farbwerke kommt Pulver oder Ostereierfarbe zum Vorschein, je nachdem man den Hahn A oder B dreht. Ja, sagen die Franzosen, die allgemeine Abrüstung, die möchte den hinterlistigen Deutschen gefallen. Sie haben Eisen und Kohle, sie haben eine starke Industrie, sie haben alles, was zur schnellen Herstellung einer Rüstung nötig ist. Aber die anderen Völker, die ihre Rüstung im Frieden vo m Auslande bezogen, um sie für den Kriegsfall zur Hand zu haben, was sagen diese zur Abrüstungsfrage? Wie wollen die sich rüsten, wenn sie einmal abgerüstet haben? Was wäre aus Rußland und Frankreich geworden, wenn sie abgerüstet gewesen wären? Durch Umschaltung ihrer gewaltigen Industrie würden sich die Deutschen im Handumdrehen gepanzert, bewaffnet, gerüstet haben und wären den mit Schlafmützen und Dreschflegeln anrückenden Franzosen und Russen mit neuen Ge- schützen entgegengetreten! Der Mensch kommt gerüstet zur Welt. Wie er von Uranfang an im Kampfe mit den gerüsteten Mordgesellen der Natur, den Höhlenbären und Tigern, gerade wegen seiner vollkommenen Abrüstung sich als der Stärkere erwies, so ist er auch seinen Artgenossen

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gegenüber immer gerüstet. Geist und Schulbildung stellen letzten Endes die wirksamste Rüstung dar. Abrüstung ist Unsinn. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Rüstung den Frieden sichert. Die Nutzlosigkeit der Abrüstung beweist noch nicht die Richtigkeit des Satzes: wer den Frieden will, rüste sich für den Krieg. Man mag immerhin abrüsten und das so gesparte Geld zur Aussteuer neuer Rentner, von 100 000 neuen Millionären, benutzen - schaden kann es nicht, nützen auch nicht. Der Friede hat aber mit Rüstung und Abrüstung durchaus nichts zu tun. Ein anderer Friede, von dem man sich in Amerika besonders viel verspricht, ist der Polizeifriede. Tafts Staatenbund zur Erzwingung des Friedens! Taft stellt wirklich recht bescheidene Ansprüche an den Frieden. Dieser Gewaltfriede, erinnert er nicht an die Ruhe, die in den Staaten herrscht, wo man die Unzufriedenen mit den Polizeimitteln an der Empörung hindert? Übrigens ist dieses Taftsche Friedens- ideal bereits heute überall in bezug auf den inneren Frieden durchgeführt. Vielleicht waren es die Pinkertonschen Bataillone, die Taft auf den geistreichen Gedanken brachten, den Völkerfrieden durch Polizeimacht zu erzwingen. Wir werden ja übrigens bald genug in Amerika sehen, wie sich der Zwangsfriede bewährt, wenn einmal die Arbeiterklasse sich gegen die große kapitalistische Krake erheben wird. Ob da wohl Mr. Taft, falls die Pinkertonschen Bataillone nicht ausreichen, seinen Friedenerzwingungsbund (league for the enforcement of peace) aufrufen wird, um die ausgebeuteten und aufrührerischen Arbeiter niederzuknallen? Solche gegenseitige Hilfe bei inneren Unruhen hatte man sich wohl auch seinerzeit beim Abschluß der "heiligen Allianz" vertragsmäßig zugestanden. Der am meisten besprochene Vorschlag zur Schaffung des Friedens, von dem seine Freunde bisher das meiste erwarteten, ist der auf Völkerrecht aufzubauende Friede. Nach Ansicht der Friedensfreunde braucht das Völkerrecht nur ausgebaut und auf irgend- eine Weise vor Angriffen gesichert zu werden. Über die Art dieser Sicherung ist man sich nicht recht klar. Immerhin glaubt man, daß es gelingen wird, das Völkerrecht mit der Zeit zu einer Art unantastbaren Heiligtums auszugestalten, zu einem Rechtsgötzen, so daß niemand es noch wagen wird, es anzutasten. Dieses Völkerrecht soll seine Erleuchtung in der "Gerechtigkeit", in der Moral, in der Freiheit suchen. Was unter Völkergerechtigkeit, Staatsmoral zu verstehen ist, darüber hält man sich vorläufig nicht auf. Man nimmt einfach als selbstverständlich an, daß die Gerechtigkeit eine Sache für sich sei, ein Ding, das allen Menschen immer in derselben gleichen Erscheinung entgegentritt, so daß, wenn z. B. heute bei sämtlichen 500 Millionen englischen Untertanen über die Zulässigkeit des Unterseebootkrieges eine ganz andere Ansicht herrscht als bei den 70 Millionen Deutschen, dieses nur darin begründet sein kann, daß eine der beiden Parteien die Sache falsch sieht oder entgegen besserem Wissen, gegen ihr Gewissen aussagt. Nehmen wir aber an, das Ding "Gerechtigkeit" bestehe wahrhaftig und wäre immer und überall dasselbe - in London, wie in Berlin, früher, jetzt und in Zukunft dasselbe - also von ewiger unveränderlicher Verfassung, so berührt es doch recht eigentümlich, daß die Friedensfreunde bei den Gewalthabern unserer Klassenstaaten ohne weiteres ein ausreichendes Maß solcher Gerechtigkeit voraussetzen und auf Grund dessen glauben, die Beziehungen von Staat zu Staat in Ruhe auf solcher Gerechtigkeit aufbauen zu können. Was in aller Welt berechtigt uns zu solcher Voraus- setzung? Ist es vielleicht der jüngste Krieg? Ist es das Innenleben der Völker vor dem Krieg? Herrscht in allen unseren lieben Klassenstaaten ein so zarter Gerechtigkeitssinn? Ist die Seele dieser Klassenstaaten nichts als Liebe und Gerechtigkeit? Kann man das öffentliche Leben in allen Klassenstaaten als Hochschule der Gerechtigkeit und Men- schenliebe betrachten? Veredelt die Politik, die in den Volksvertretungen getrieben wird, wirklich dermaßen die Gesinnung? Kommen die jungen Beamten, die man zur Ausbildung nach Südwest, nach dem Kongo, nach Indien schickt, wirklich als fein- fühlige, gerechtigkeitstriefende Männer heim? Führt etwa der ständige Klassenkampf, der zwischen Arbeiter und Unternehmer jahraus jahrein tobt, dazu, im ganzen Volk den Sinn für Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu heben? Unsere Gewalthaber beobachten unerschüttert das Säuglingsmassensterben in Neu- york, Berlin, London, Paris, dem allein in Deutschland alljährlich 300 000 zum Opfer fallen, also fast so viel wie der jetzige Krieg Männer verschlingt, und mehr als die Metze- leien in Armenien gekostet haben. Sie wissen ganz gut, daß diese Säuglinge zumeist nur darum ins Massengrab wandern, weil die Not den Müttern nicht die gehörige Kinder- pflege gestattet - die No t in denselben Staaten, wo 100000 Millionäre nicht mehr wissen, was sie aus Übermut treiben sollen! Hat sich einer dieser Gewalthaber je da- gegen empört, ein einziger? Und bei diesen Männern sollen wir nun plötzlich soviel

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Gerechtigkeitsliebe voraussetzen, daß sie sich sofort entrüsten und empören sollen, wenn dahinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen? Daß sie alle, gleich wie die Krähen beim Erscheinen eines Raubvogels, von allen Seiten zuhilfe eilen? Wer sich in der Gerechtigkeitspflege üben will, der übe sie zunächst am eigenen Herd, in der Gemeinde im eigenen Volk. Hat man erst Frieden im eigenen Staat, tiefen, echten Bürgerfrieden, ist der Klassenstaat in den Staub geworfen und zertreten - dann können wir nach weiteren Eroberungen auf dem Gebiete der Gerechtigkeit uns umsehen und versuchen, uns mit den Fremden auf diesem Boden zu vertragen. Solange das nicht geschehen ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als alles, was zu Reibungen zwischen den Völkern führen kann, alle Zankäpfel so gründlich wie möglich zu vertilgen. Ganz recht, werden hier die Friedensfreunde sagen, das ist ja, was auch wir wollen,- durch Völkerrecht wollen wir die Zankäpfel beseitigen - deshalb erstreben wir ja gerade die Erweiterung und Sicherung des Völkerrechtes. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker soll unbeschränkt sein, ebenso auch die Staatshoheit. Ich aber sage: die Rechte der Völker, das Massenrecht, sind schon zu groß, vielzu· groß. Die Rechte der Massen können niemals eng genug begrenzt werden. - Dafür müssen aber die Rechte der Menschheit um so mehr erweitert werden. Wenn die Völker schon ihre jetzigen Rechte mißbrauchen, wieviel mehr Mißbrauch werden sie mit den erweiterten Rechten treiben. Nein, hier betreten wir Holzwege - die Rechte der Völker müssen beschränkt und, soweit es sich um die Staatshoheit der Völker über den von ihnen besetzten Boden handelt, sogar restlos abgeschafft werden. Völkerrecht ist Krieg - Menschenrecht ist Frieden. Die Entwicklung des Völkerrechtes nennt man Fortschritt. Das ist nicht richtig, es widerspricht der Geschichte. Zuerst war das Gewaltrecht, das Massenrecht das sogenannte Völkerrecht. Aus ihm entwickelt sich langsam das Men- schenrecht, das Recht des einzelnen Menschen. Der Fortschritt geht also vom Massenrecht zum Recht des Einzelmenschen. Die Völker sind im Vergleich zu ihren Bestandteilen immer minderwertig. Der Mensch gewinnt nicht wo er die Verantwortung für alles Tun und Lassen auf die Masse ab- wälzt: in der Gemeinschaft handelt der Mensch schäbiger als einzeln. Swift sagte schon:

ich habe immer die Staaten und Gemeinden gehaßt - meine Liebe geht auf den Einzel- menschen. Darum müssen wir dem Einzelmenschen mehr Recht zugestehen als den Völkern;·er wird diese weniger mißbrauchen, trägt er doch selbst die Verantwortung. Das Völkerrecht, Massenrecht kann man aber nur auf Kosten der Menschheit ausbauen. Das Recht des einen kann man sich nur als das Unrecht des anderen vorstellen - wie ja auch die Freiheit des einen in der Unfreiheit des anderen besteht, - nur Mensch- heitsrechte machen hier eine Ausnahme. Jedes Sonderrecht muß wie ein Wechsel von irgend jemand bezahlt werden, und im Völkerrecht ist dieser Jemand der Mensch. Stärken wir durch das Völkerrecht die Völker, so schwächen wir uns alle als Einzelmenschen. Die Bestrebungen, die auf einen Völkerrechtsfrieden hinauslaufen, wirken dann not- wendigerweise zweckwidrig. Der Inbegriff aller Völkerrechte ist die Staatshoheit über das von den Völkern besetzte Land. Hier sind auch die Reibungsflächen, die Zankäpfel zu suchen. Mit Hilfe dieser Staatshoheit ist es möglich geworden, daß dem Menschen die Welt willkürlich ver- kleinert wird; - schließlich so verkleinert, daß er verhungert, verdurstet, erfriert. Laut diesem Völkerrecht gab Er die Erde - nicht den Menschenkindern, wie es doch in der Bibel heißt - sondern den Völkern. Und welchen Mißbrauch treiben die Völker mit den, wie es heißt, noch nicht weit genug getriebenen Hoheitsrechten! Da sehen wir uns einmal Amerika an! Entdeckte Columbus etwa jenen Weltteil für die Nordamerikaner? Sicher nicht: für die Menschheit entdeckte er das Land, zum min- desten aber für seine Landsleute. Und diesen seinen Landsleuten verweigern die Ameri- kaner heute die Landung unter dem Vorwand, - sie seien des Schreibens unkundig oder hätten kein Geld in der Tasche! Führte etwa Columbus soviel Geld mit sich, und konnten seine Mannen etwa lesen und schreiben? Auch die Aussätzigen, die Zigeuner, die Blinden, Lahmen und Greise weisen die Amerikaner ab - und stützen sich dabei auf ihre Hoheitsrechte, auf das Völkerrecht, auf das Selbstbestimmungsrecht - das man jetzt erweitern und sichern will? "Amerika für die Amerikaner" sagen sie dabei verächtlich. Ja, sie gehen noch weiter und sagen: "Amerika für die amerikanische Rasse" und verweigern damit dem Hauptstamm des Menschengeschlechtes, dem ältesten und zahlreichsten, den Mongolen, den Zutritt in ihr Land - auf Grund des Völkerrechtes, auf Grund der Staatshoheitsrechte. Und dieses verderbte Recht sollen wir zum Zwecke des Friedens ausbauen und vor Vergewaltigung sichern! Machen wir uns doch einmal klar, was das heißt. Die Rassenpolitik der Amerikaner kann sich ja auch einmal gegen

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die Europäer richten, auch kann in dieser amerikanischen Rassenpolitik der schwarze Bestandteil, können die Neger eines Tages die Oberhand gewinnen! Getreu ihrem Schlagwort "Amerika für die Amerikaner" errichten die Amerikaner rings um das gewaltige Gebiet, das Columbus der Menschheit schenkte, eine Zoll- grenze - und vertreiben durch willkürlich hochgeschraubte Sperrzölle die Europäer von ihren Märkten. Heute ist es die Einfuhr, die sie treffen wollen, morgen wird es die Ausfuhr sein, so daß die Europäer ständig mit der Möglichkeit rechnen müssen, daß die Erde für sie eines Tages um den ganzen amerikanischen Erdteil, mindestens aber um die Vereinigten Staaten kleiner sein wird. Der europäischen Bevölkerung kann es aber wahrhaftig nicht gleichgültig sein, ob ein Erdteil wie der amerikanische von der Weltkarte gestrichen wird. Für sie bewirkt der wirtschaftliche Verlust eines Erdteils genau dasselbe, wie wenn dieser vom Meere verschlungen würde. Bis jetzt haben sich die Europäer das alles gefallen lassen; sie treiben es den anderen Völkern gegenüber übrigens auch so. Wie die Amerikaner, so sagt jedes hergelaufene, von irgendeinem Gewaltherrscher zusammengefegte Volk: "unser Land, unser aus- schließliches Eigentum"! Wir wirtschaften darauf auf Grund der uns durch Völkerrecht verbürgten Staatshoheit nach Gutdünken und Willkür. So versagen die Australier den Japanern ganz unbedingt den Zutritt in ihr Land, obschon das Land äußerst dünn besetzt ist und die Japaner kaum wissen, wohin sie den Volksüberschuß schicken sollen. So wurde in den polnischen Teilen Preußens mit Staatsgeld Land gekauft, um dieses an Nichtpolen zu verpachten! Das alles nennt sich Völkerrecht! "Mögen doch die Völker mit zu dichter Bevölkerung in der Bibel bei Pharao nachlesen, wie man es mit den Säug- lingen machen soll! Mögen die Mongolen ihre Säuglinge ertränken" - so sagen die für "Humanität" sich begeisternden Amerikaner, Preußen und Australier! Wie gesagt, die Mongolen, Europäer und Afrikaner haben sich bis heute solche Be- handlung gefallen lassen. Aber wie lange noch? Richtet sich die amerikanische Rüstung, die jetzt mit Hochdruck betrieben wird, wirklich nur gegen die Mittelmächte, oder hält man diese Rüstung nicht auch sonst für nötig, um die dort betriebene Rassenpolitik durchführen zu können? Wie kann man diesen gewaltigen, ungeheuren Zusammenprall vermeiden? Lächerlich wäre es, von einem einfachen Völkerrechtsvertrag, der die amerikanischen Hoheitsrechte achtet, eine Schlichtung dieses Streites zu erwarten. Dieser wird im Gegenteil um so größeren Umfang nehmen, um so tieferen Völkerhaß ausbrüten, je mehr das Völkerrecht an ihm herum zu doktern versucht. Der Mongole wird eines Tages mit der eisernen Faust an das goldene Tor schlagen, und dann wird, gestützt auf dasselbe Völkerrecht, das wir heute erweitern sollen, die weiße Rasse zurück in den Atlantischen Ozean gedrängt werden. Vom Standpunkt der Völker und ihrer Staaten läßt sich solcher Streit nicht schlichten; Rassenpolitik darf nicht an Staaten, an Landesgrenzen, an Staatsgesetze gebunden werden. Rassenpolitik ist ureigene Angelegenheit jedes einzelnen Menschen. Das einzige Volk, das seit Jahrtausenden beharrlich Rassenpolitik treibt, die Juden, hat überhaupt kein eigenes Land, und kennt die Staatshoheit nicht. Um also solche Kriegsmöglichkeiten zu verhüten, müssen wir einen höheren Standpunkt einnehmen, von tieferer Erkenntnis ausgehen. Hier müssen wir auf die Zelle aller Staaten, auf den Einzelmenschen zurück- greifen. Menschenrechte, nicht Völkerrechte, müssen wir hier verkünden. Und zwar als Punkt eins aller Menschenrechte: "Die Erde gab Er den Menschenkindern". Er gab die Erde nicht den Amerikanern und den Mongolen; den Menschen, der Menschheit, auch den Schreibunkundigen gab Er sie. In dieser Frage müssen wir einen bedingungs- losen Standpunkt einnehmen; entweder gehört die Erde allen Menschen, und dann ist kein Platz für die Hoheitsrechte der Völker, oder aber wir anerkennen das Völkerrecht auf den Boden mit allen seinen Folgerungen. Das heißt mit dem Krieg, der diesem Recht anhaftet wie die Pest den indischen Hadern. Ein Mittelding gibt es hier nicht. Ehe Moses, Attila, Garibaldi ihre Volksgenossen in zu großer Enge verkommen lassen, schauen sie über die Grenze; und entdecken sie dort noch Boden, der weniger dicht bebaut wird, so ziehen sie hin und schlagen die nieder, die ihnen den Weg zur Erde unter Hinweis auf Völkerrechte und Papierfetzen verwehren wollen. Dem Hoheitsrecht der Völker stellen sie das Menschenrecht entgegen, und in solchem Kriege soll die Menschheit über alle Völker und ihre Rechte den Sieg davontragen. Doch sehen wir uns diese auf Völkerrecht gegründete Staatshoheit über den Boden nochmal von einer anderen Seite - nämlich von der Seite der Bodenschätze, sagen wir der Steinkohle, an. Wir werden dann vielleicht unmittelbarer noch die Hoffnungslosig- keit des Völkerrechtsfriedens einsehen. Solange die Amerikaner nur den Ärmsten unter

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den Armen gegenüber es wagen, ihre Grenze zu sperren und eine Rassenpolitik zu treiben, die uns vorläufig nicht unmittelbar berührt, empfinden wir den Schimpf, der durch solches Tun der Menschheit zugefügt wird, nicht persönlich genug, um uns zu ent- rüsten. Wir sagen: "Mögen sich die, die es angeht, mögen sich die Chinesen empören, mögen die Blinden, Lahmen, Schreibunkundigen sich einen Garibaldi wählen und mit Gewalt die amerikanische Grenzsperre beseitigen. Uns als derbe Dickhäuter geht das nichts an." - Wenn wir aber hören werden, daß England und Deutschland sich ver- ständigt haben, um die Steinkohle mit einem Ausfuhrzoll zu belasten (2), der die Seereisen und Seefrachten verdoppelt und verdreifacht, wenn die Bewohner kohlenarmer Länder, wie etwa die Schweiz, den Winter zähneklappernd in ungeheizten Zimmern zubringen müssen - dann werden wir an die Chinesen, an die Schreibunkundigen, an die Greise denken und mit ihnen ausrufen: ist das eigentlich erlaubt, gehört das auch zum Völker- recht, ist das kein Mißbrauch der Staatshoheit, des Selbstbestimmungsrechtes der Völker? Ist das die gerühmte Freiheit der See? Was nützt uns das Völkerrecht, der papierne Völkerfriede - wenn wir dabei erfrieren und verhungern? Wir brauchen die Seefreiheit, und ohne die Freiheit der Steinkohle ist diese Seefreiheit hohl. Die Staatshoheit Eng- lands und Deutschlands über die Kohlenschätze muß nachgeprüft werden. Der Mensch- heit, allen Völkern, jedem Menschen gehören offenbar diese Steinkohlen, von denen wir heute alle ebenso abhängig sind, wie von der Sonne, wie von der Luft. So werden wir reden, sobald wir einmal frieren werden, sobald wir persönlich unter den Folgen der Staatshoheit und des Völkerrechts zu leiden haben. Dem Boden und seinen Schätzen gegenüber gibt es keine Völkerrechte, kein Massen- recht, keine Staatshoheitsrechte. Das Völkerrecht darf sich nur auf das beziehen, was Menschenhand geschaffen. Sobald wir den Völkern Rechte einräumen, die über das Recht des Einzelmenschen hinausgehen, verwandelt sich solches Recht in Krieg. Alle Menschen, jeder einzelne Mensch, hat auf den Boden, auf den ganzen Erdball die gleichen unver- äußerlichen Rechte, und jede Einschränkung dieses Urrechtes bedeutet Gewalt, bedeutet Krieg. Darum wiederhole ich: will man den Völkerfrieden, so muß dieser ersten Forde- rung genügt werden, allen Menschen, restlos allen Menschen gehört die Erde, und weg mit dem Massenrecht, weg mit der Staatshoheit, die dieses Urrecht antastet! * * * Das angeführte Beispiel aus der Welt der Bodenschätze möge genügen für das, was ich begründen wollte. Mehr oder weniger spielt ja jeder Rohstoff im Leben der Menschheit die gleiche Rolle wie die Kohle. So würde z. B. ein amerikanischer Ausfuhrzoll auf Baumwolle für die 500 000 deutschen Weber und Spinner ebenso tödlich wirken, wie ein Ausfuhrzoll auf Kohle für die italienische, spanische und schweizerische In- dustrie tödlich ist. Die Steinkohle hat uns zweierlei gezeigt: 1. die Unmöglichkeit, auf Grund von Völkerrechten den dauernden Frieden herbeizuführen; 2. die überragende Rolle, die die Erde und ihre Schätze in den Beziehungen der Völker zueinander spielen. Die auf den Boden und seine Schätze ausgedehnten Massenrechte, Hoheitsrechte, Selbst- bestimmungsrechte sind es, die den Völkern das für gerechtes Urteilen so unentbehrliche Gefühl der Sicherheit rauben und Unruhe in die Volksseele tragen. Die mit diesen Völker- rechten in unlösbare Verbindung gebrachte Möglichkeit, daß ein Volk von unentbehr- lichen Rohstoffquellen ausgeschlossen werde, ist es, die letzten Endes die verantwortlichen Staatsmänner, die Unternehmer und schließlich sogar die Arbeiterführer auf herrsch- süchtige Gedanken drängt. (3) Sie sagen sich: wir müssen damit rechnen, daß das englische Weltreich, daß die Vereinigten Staaten, daß Mitteleuropa uns eines Tages auf Grund der Staatshoheitsrechte von diesen gewaltigen Rohstoffquellen ausschließen können. (4) Darum kann allein eine eigene, möglichst umfassende Oberherrschaft unserem Volke die Ent- wicklungsmöglichkeit sichern. Ganz bestimmt haben in den heutigen, die Weltherrschaft anstrebenden Staaten solche Erwägungen eine bedeutend größere Rolle gespielt als ein- fach Raublust, Gewinnsucht und Herrschsucht. Ich bin überzeugt, daß, wenn man den englischen, deutschen, amerikanischen Unternehmern und Arbeitern den Bezug der Roh- stoffe und den Absatz der Erzeugnisse auf andere Weise sichern könnte, sie alle herzlich gern auf den kolonialen Plunder, und überhaupt auf die Erweiterung der Staatsgrenzen verzichten würden. Die auf den Boden und seine Schätze ausgedehnten Hoheitsrechte der sogenannten Völker, die Völkerrechte, verwandeln zwangsläufig den ganzen Erdball in einen Zankapfel, von dem jeder nicht etwa nur das größte Stück, sondern jeder das Ganze will und übrigens auch durchaus braucht. Und dafür, daß dieser Zankapfel nicht im Geiste der Verständi- gung, der Vernunft, der Liebe und Menschlichkeit behandelt wird, - dafür sorgt wieder das in allen Staaten geltende Bodenrecht, dafür sorgt der Geist der Gewalt, der Unter-

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drückung, des Luges und des Truges, den unser auf dem Privatgrundeigentum sich auf- bauender Klassenstaat aus allen Poren schwitzt. Menschen, die unter Herren und Knech- ten, Genießern und Besitzlosen aufgewachsen sind, bringen notwendigerweise ihre ver- giftete Denkweise mit zu allen zwischenstaatlichen Verhandlungen und schließen jede Verständigung von vornherein aus. Jeder Nadelstich wird in diesem Geiste als gefährliche Verletzung empfunden. Um uns davon zu überzeugen, müssen wir uns den leitenden Ge- danken aller Staatsgründungen und der Staatserhaltung näher ansehen. Rousseau sagte: Wer den ersten Zaunpfahl in die Erde rammte und dazu sagte, dieses Land ist mein, und Dumme fand, die es glaubten, der legte den Grund zu den heutigen Staaten. Damit sagte er, daß die Errichtung des Sondereigentums am Boden den Geist des Staates durchtränkt, daß die mit dem Einrammen des Zaunpfahls einsetzende Grundrente die eigentliche Seele des Staates ist. Der Staat rankt am Zaunpfahl, ähnlich wie die Bohnen- staude an der Stange, wie das Efeu am Gemäuer. Ist die Stange krumm, so ist auch die Bohnenstaude krumm. Reißt man die Stange aus, so hat die Ranke keine Stütze mehr und stürzt. Ist das Bodenrecht gesund, so wird auch das Volksleben, der Staat gesund sein. Ist dieses Recht Ausfluß der Gewalt, so wird auch der Staat nur mit Gewalt auf- recht zu erhalten sein. Das ist es, was Rousseau sagte. Wie der Geist der Gewalt, der Ausbeutung, der Unaufrichtigkeit sich am Geiste des Zaunpfahles ausbildet, das erkennt man gleich, wenn man sich die Frage stellt, wie dieser Zaunpfahl eigentlich gegen die Sturmböcke der durch ihn enterbten Volksmassen ge- schützt werden kann. Daß hierzu die rohe Gewalt nicht ausreicht, ist klar. Denn die rohe Gewalt ist ja die Gewalt der Masse, ein Vorrecht der Enterbten, der Besitzlosen. Nein, zum Schutze des Zaunpfahles braucht man höhere Kräfte: Blendwerk, Vollmachten, Rechtsgötzendienst, und um das alles richtig planmäßig einzurichten, baut man den Staat aus, wie er heute ist. Zur Bildung dieses Staates und seiner Rechtsgötzen bemächtigt sich der Grundeigentümer durch Schul- und Kirchenzwang der gesamten Jugendausbildung, nach dem Grundsatz: was ein Häkchen werden soll, krümme man beizeiten. Was gelehrt, was unterdrückt, verheimlicht werden soll, das bestimmt der Grundeigentümer. Die Aufsicht über Schule und Kirche haben die weitschauenden Staatsmänner immer als das wichtigste Amt ihrer Staatsleitung bezeichnet. Lehrer, Geistliche, Geschichtsschreiber werden am Zaunpfahl auf ihre Pflichten vereidigt. Wer sich nicht fügt, darf verhungern, wenn er nicht gar gerädert, verbrannt, nach Sibirien verbannt wird. Und so widerstand der Zaunpfahl allen Angriffen, selbst der großen Französischen Revolution, bis auf den heutigen Tag. Ein erziehliches Meisterstück allerersten Ranges. Wie ist es möglich, so fragt man sich verwirrt, daß einzelne Männer den Boden wie eine gemeine Ware kaufen und verkaufen, den Boden, auf den die Menschheit angewiesen ist wie auf die Luft und das Wasser? Wie ist es möglich, daß der Besitzlose eine so ungeheure Anmaßung, die ihn- geradezu entwurzelt und entwürdigt, auch nur 24 Stunden duldet? Und dennoch steht der Zaunpfahl! Mit rechten Dingen ist das nicht zugegangen. Die Wahrheit ist eben gebeugt worden, von den Beamten, in der Schule, in der Kirche. Man hat, unter Mißbrauch religiöser Ge- fühle, dem armen Menschenkind so oft und so eindringlich den Satz wiederholt "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", daß die Gesetze schließlich zu einem Götzenbild wurden, das vom Volk von ferne angebetet wird. Nur so ist das Rätsel zu erklären, daß der Zaun- pfahl gegen alle Aufsässigen geschützt werden konnte. Die große Masse des Volkes, im Banne der Kirche und Schule, konnte von ihren natürlichen Führern nie dazu bestimmt werden, den Zaunpfahl das unverletzliche Heiligtum, umzustoßen. Gehen wir nicht leichtsinnig über diese Tatsache hinweg. Sie ist vön größter Bedeutung, um den Geist, der die heutigen Staaten führt, richtig einzuschätzen. Was kann aus einem Volke werden, wenn von oben her mit den heiligsten Gefühlen Mißbrauch getrieben wird, wenn man Religion, Wissenschaft, Kunst, das natürliche Gefühl völkischer Zusammen- gehörigkeit, zu Machtzwecken mißbraucht? Was kann aus einem Kinde werden, dem ge- sagt wird: "Die Erde gab Er den Menschenkindern, aber deinen Vater, ob er auch der beste Mann ist, hat er davon ausgeschlossen", und daß das so ganz richtig sei, heiliges, un- antastbares Recht? Ich meine, solchen Blödsinn kann kein Kind vertragen. Die Sehnen des sozialen Richtsinnes erfahren bei solcher Gotteslästerung im Kinde entschieden eine Streckung, die um so vernichtender wirken muß, je stärker im Kinde der soziale Richt- sinn veranlagt war. Von dem Augenblick, wo dem Kind gesagt wird, daß sein Vater kein Recht auf den Boden hat, daß er ein elender Mensch, ein Proletarier ist - ist das Kind geistig gebrochen -Recht und Unrecht wird es nie mehr klar unterscheiden. Es ist ihm ein Leid getan worden.

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Diese so erzogenen Menschen, sowohl die dabei tätig, wie die leidend mitwirkenden, sind es nun, von denen wir erwarten, daß sie mit Vernunft und friedlichem Sinne alle die Zankäpfel miteinander verspeisen werden, die die Staatshoheit der Völker täglich, ja stündlich auf den Beratungstisch der Staatsmänner wirft! Um solches für möglich zu hal- ten, müßte man wirklich schon von Friedensliebe triefen. Dabei dürfen wir natürlich auch die sonstigen Wirkungen des Bodenrechtes nicht vergessen: die allgemeine Verhetzung im Klassenstaate, die politischen Kämpfe, von denen sogar die unmittelbar Beteiligten aussagen, daß sie die Gesinnung verderben, die Lohnkämpfe, die Streiks und Aussperrun- gen, die Zusammenstöße mit der Polizei, die Pinkertonschen Bataillone usw. Dann werden wir wohl zu der Überzeugung gelangen, daß, solange dieses Bodenrecht nicht abgeschafft wird, der großzügige, wirklich freiheitliche Geist, der nirgendwo so nötig ist wie gerade bei den zwischenstaatlichen Verhandlungen, in keinem Staate aufkommen kann. Zusammenfassend möchte ich das Gesagte in die Worte kleiden: Das bis heute den so- genannten Völkern, den Massen und ihren Staaten zugestandene unbeschränkte Hoheits- recht über den Boden und seine Schätze bildet das Pulverfaß des Krieges, und die Zünd- kapsel dazu liefert der verderbte Geist, den der auf dem Privatgrundbesitz sich aufbauende Klassenstaat von jeher gezüchtet hat und immer weiter züchten muß. Friede und Grund- eigentum, sowohl nationales wie privates Grundeigentum, sind einfach unvereinbar, und unnütz ist es, von Frieden zu reden, solange wir diese uralten barbarischen Einrichtungen nicht restlos von der Erde vertilgt haben. * * * Mancher schöne Gedanke ist schon an den Verwicklungen gescheitert, die die Ver- wirklichung mit sich brachte. Hart im Raume stoßen sich die Sachen. Beim Freiland- gedanken ist jedoch solches nicht zu befürchten. Die Praxis ist hier von geradezu vorbild- licher Einfachheit. Sie läßt sich erschöpfend in diese zwei Sätze fassen:

Satz 1. In allen Staaten, die sich dem großen Friedensbund anschließen, wird das Sonder- eigentum am Boden (Privatgrundbesitz) restlos abgelöst. Der Boden ist dann Eigentum des Volkes und wird der privaten Bewirtschaftung durch öffentliche Verpachtung im Meist- bietungsverfahren übergeben. Satz 2. An diesen öffentlichen Pachtungen kann sich jeder Mensch beteiligen, einerlei wo er geboren, wie und was er spricht, welchen Lastern er huldigt, welche Verbrechen er begangen, von welchen Gebrechen er geplagt wird, kurz alle, die Menschenantlitz tragen. Das Pachtgeld wird gleichmäßig und restlos unter alle Frauen und Kinder wieder verteilt, wobei auch hier keinerlei Unterschied gemacht wird, woher die Frauen und Kinder kommen. (Vgl. hierzu den folgenden Abschnitt 1.) Diese Freilandsatzungen sind auch die Satzungen des Weltfriedens! Und was für ein Friede! Er sucht die edlen, imperialistischen Triebe nicht heuchlerisch auszurotten; er stempelt sie nicht als Unzucht und Barbarei - sondern er befriedigt sie. Das Hochziel jedes gesunden, aufrechten Mannes, das Reich der ganzen Erde, wird zur Tatsache. Satz 1 greift den Klassenstaat an seiner Quelle an. Die Schuld, die fortzeugend Böses gebären mußte, ist gesühnt und getilgt. Friede herrscht jetzt am Herd, in der Gemeinde, im Volke. Niemand ist mehr da, der Sondervorteil von der Ausbildung des "Staates", des neuzeitlichen Götzen, haben könnte und dieser seelenlosen Maschine die Pflege der Wis- senschaft, der Religion und der Schule zu übertragen sucht. Dieser Organismus, der Staat, wächst nicht mehr von selbst, setzt nicht mehr täglich neue Glieder an, mit denen er nach den letzten freien Menschen zu greifen sucht. Der Selbsterhaltungstrieb dieser Ma- schine ist ausgerottet; sie geht nur noch gerade so weit, wie sie gestoßen wird. Niemand spricht jetzt mehr vön "Staatsidealen", von Staatsbestrebungen, von Staatsseele und Staatsgott! Wie die zum Gipfel strebende Efeuranke zum unansehnlichen Krauthäufchen zusammenstürzt, sowie ihr die Stütze entzogen ist, so wird auch der Götze, der im dro- henden Staatssozialismus zum alles verschlingenden, alles verdauenden Ungeheuer sich auswächst, (5) zu einem bescheidenen Knecht zusammenschrumpfen, der die Straßen kehrt, die Briefe befördert, die Eisenbahnwagen putzt, die Schornsteine und Kotschleusen fegt, den Seuchenquellen nachspürt, Spitzbuben bewacht, und dem wir sorglos die Stiefel zum Putzen anvertrauen werden, falls er es billiger und besser besorgt als ein anderer Schuh- putzer. Das tolle Gerede über die Zwecke des Staates verstummt. Die Zwecke der Mensch- heit sind dann wieder dort vereinigt, wo sie allein eine ersprießliche Förderung erfahren können, in der Brust jedes einzelnen Menschen. Mit Satz 1 fallen ganz von selbst die agrarischen Sonderbelange, die zur Schaffung der Zollgrenze trieben und den schauerlichen Gedanken des geschlossenen Handelsstaates gebaren. (Die währungstechnischen Schwierigkeiten des Freihandels werden durch Frei- geld restlos gelöst.)

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Satz 1 führt von selbst zum Freihandel, und es verlieren die Fragen wie Elsaß, Serbien, Polen, Marokko, Gibraltar, Irland usw. für alle Beteiligten jeden vernünftigen Sinn; sie werden inhaltlos. Die Grenzwächter, ich meine die eigentlichen Grenzwächter, nicht die bescheidenen Männer, die bei Nacht und Nebel Wache hielten, damit von jenseits der Grenze keine guten und billigen Waren ins Land kamen, sondern die Männer, die un- mittelbar Geldvorteile zogen aus der möglichst scharfen Betonung der politischen und wirtschaftlichen Grenzen und Völkerscheiden, verschwinden ja restlos mit Satz 1. Um den Frieden zu schaffen, ist es dann nicht mehr nötig, daß Grenzsteine versetzt werden. Diese bleiben einfach da, wo sie vor Kriegsbeginn waren. Dort mögen sie in Frieden stehen als Denkmale des Haders, des Krieges. Sie haben dann nur mehr den Sinn, den etwa die Grenzen der einzelnen deutschen Bundesstaaten haben: eine reine Verwaltungsangelegen- heit, die durch Freiland nur noch gewaltig vereinfacht wird, eine Sache, die durchaus nichts Trennendes mehr an sich hat, so daß man sagen kann, daß mit Satz 1 die künst- lichen Grenzen unwirksam werden und dann nur noch die natürlichen Grenzen, die die Sprachen, die Rassen, Gebirge und Gewässer usw. bilden, übrig bleiben, von denen man noch nie behauptet hat, daß sie zu Kriegen geführt haben. Und von der einzigen, dann übrig bleibenden Grenze, die praktisch sich noch fühlbar machen wird, der Gesetz- gebungsgrenze, kann man sagen, daß sie geradezu von einer "Selbstmordsucht" besessen ist - insofern als die Gesetze der einzelnen Völker sich täglich mehr angleichen und da- rum die für ihren Wirkungskreis geltenden Grenzen mit jedem Tage mehr ineinander übergehen und verschwimmen. Länder mit gleichen Gesetzen haben keine Gesetzes- grenze mehr - so wenig wie zwei Wassertropfen, die ineinander überlaufen. Haben doch die meisten Staaten sich die Verfassung und Gesetze gegenseitig abgeschrieben! Und dieses Abschreiben wird immer mehr um sich greifen. (6) So werden also mit der Freilanderklärung die Grenzen bis zur Unsichtbarkeit abge- tragen - warum also jetzt noch Grenzsteine versetzen! Mit Satz 2 werden alle Zankäpfel, die die Staatshoheit über die Bodenschätze geschaffen hatte (Kohlenmonopol, Petrolmonopol, Kalimonopol, Baumwollmonopol usw.) spurlos vertilgt. Es ist nicht nur fesselnd, sondern geradezu lustig, die Wirkungen zu verfolgen, die Satz 2 bei der Vertilgung dieser Zankäpfel ausübt, wie die verwickeltsten Fragen sich in dem einzigen Satz restlos auflösen. Hier ist nicht der Ort, die tausendfachen, grundstür- zenden Wirkungen, die Satz 2 in den Völkerbeziehungen auslösen wird, auch nur flüchtig aufzuzählen. Das ist ein Forschungsgebiet für sich von gewaltigem Umfang. Von Grund auf wird hier alles umgestaltet, und zwar nicht am grünen Tisch der Staatsmänner, son- dern selbsttätig, in natürlicher Entwicklung. Es genüge hier zu erwähnen, daß, wenn ein Volk versuchen wollte, mit seinen Boden- schätzen den anderen Völkern gegenüber Wucher zu treiben, etwa durch Schaffung eines Kali- oder Baumwollmonopols - sich das sofort hart rächen würde, insofern als die zur Verteilung gelangenden Monopolgewinne die Arbeitsscheuen der ganzen Welt ins Land ziehen würden. Alle Bummler, Sonnenbrüder, Zigeuner würden dorthin ziehen, wo man die Bodenschätze an das Ausland mit Renten belastet abgibt. Die Zigeuner wären dann noch die einzigen, die sich über die Erhöhung der Kali-, Kohlen- und Baumwollpreise freuen, die sich noch in die Börsenblätter mit wirklichem Anteil vertiefen würden! Nur keine Monopole, nur keinen Wucher mit unseren Bodenschätzen, wird es im Freilandstaat heißen - wir haben genug Bummler, genug Läuse im Pelze, wir wollen nicht noch welche vom Ausland anlocken. Da in den anderen Staaten aber für andere Waren genau dasselbe Bestreben herrschen wird, - so ist es klar, daß die Bodenschätze keinerlei Reibungen mehr verursachen können. Die volle Freizügigkeit, die mit Satz 1 und 2 hergestellt wird, bringt ganz selbsttätig die Bodenschätze unter die Weltherrschaft. Sie lähmt alle Kräfte, die heute zur wucherischen Ausbeutung dieser Schätze treiben. Dabei wäre es verkehrt, wenn man annehmen würde, daß mit der Erklärung von Frei- land alle Länder nun von allerlei Volk, vielleicht unerwünschtem Volk, überrannt würden. Man sagt sich, daß, wenn heute schon Millionen von Menschen als Wanderarbeiter ruhe- los hin- und herziehen, das mit der Freilanderklärung noch viel mehr der Fall sein wird. Das Gegenteil wird sich aber zeigen. Es ist wahrhaftig keine Wanderlust, kein Wandertrieb, der die Wanderarbeiter und Auswanderer veranlaßt, Familie, Freunde, Heimat, die Kirche zu verlassen, um in Pennsylvanien in die Kohlengruben zu steigen. Wahrhaftig, hier ist bittere Not die treibende Kraft. Das erkennt man wohl am besten an der Rückwanderung der italienischen Auswanderer. Die Not jagt sie fort, die Heimatliebe treibt sie wieder heim. Diese Not aber wird mit Freiland verschwinden. Wenn irgendwo die Bevölkerung zu dicht wird, nun dann wird der Überschuß dorthin ziehen, wo es noch Platz gibt, aber nicht mehr mit Waffen und Gewalt, sondern mit Pflug, Ochsen und Schafen, auch nicht

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mehr als Ausbeutungsgegenstand gieriger Landwucherer, sondern als freie gleichberech- tigte Bürger des Landes, wohin sie ihr königlicher Wille geführt hat. Freiland ist das all- gemeine Sicherheitsventil; mit Freiland verteilt sich die Menschheit frei und reibungslos über die Welt. Freiland erschließt uns eine ganz andere als die heute durch das private und das Staats- hoheitsrecht auf den Boden von Grund aus verdorbene Welt. Freiland bedeutet eine gründliche Umwertung aller unserer Begriffe. Auf politischem, wie auf volkswirtschaft- lichem Gebiete gibt es kaum eine Lehre, die durch Freiland nicht umgestoßen wird. Frei- land läßt nichts unberührt. Zum Schlusse möchte ich noch bemerken, daß das einzelne Volk durchaus nicht darauf angewiesen ist, zur Durchführung von Freiland auf zwischenstaatliche Abkommen zu warten. Mit der Erklärung von Freiland gewinnt das Volk, das hier mit dem Beispiel voran- geht, durch die Ausschaltung aller Innenreibungen, aller unfruchtbaren politischen Kämpfe, einen derartigen Kraftüberschuß für alle Werke von echtem Wert, daß sich bald die Blicke der ganzen Welt dahin richten werden und man nach dem Grunde all der Herr- lichkeit forschen wird. Sieghaft, wie alles Echte und Gute, erobert sich Freiland die Welt.

(1) Wilsons Friedensprogramm Juni 1918: "Herabsetzung der Heere auf das äußerste Maß, das noch zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit als notwendig erachtet wird." Die Vorgänger Wilsons hätten danach gehandelt - und ohne Heer trat Wilson in den Krieg! (2) Ist inzwischen geschehen. Die Schweizer zahlen die Tonne Ruhrkohle, die an Deutsche zu 175 M. abgegeben wird, mit 190 Fr., also zum zehnfachen (!) Preis. Februar 1921. (3) So waren Lassalle, Liebknecht, Bebel keine grundsätzlichen Gegner des Zolles. (Sozial- demokratie und Zollpolitik. M. Erzberger, Volksvereins-Verlag, München-Gladbach 1908.) (4) Die Vereinigten Staaten fördern 50 % der Welterzeugung an Kupfer, 40 % an Eisen, 45 % an Kohlen, 60 % an Baumwolle, 65 % an Erdöl. (5) Siehe Walter Rathenau: Die neue Wirtschaft, S. Fischer Verlag, Berlin. (6) Um die entrissenen Provinzen zurückzuerobern, um die ganze Welt zu "erobern", braucht Deutschland nur bei sich vorbildliche Zustände zu schaffen, die soziale Frage zu lösen. Jedes Land, das die deutschen Gesetze abschreibt, gliedert sich damit dem Deutschen Reich an.

2.1. Der Sinn des Wortes Freiland

1. Der Wettstreit unter den Menschen kann nur dann auf gerechter Grundlage aus-

gefochten werden und zu seinem hohen Ziele führen, wenn alle Vorrechte auf den Boden, private wie staatliche, aufgehoben werden.

2. Der Erde, der Erdkugel gegenüber sollen alle Menschen gleichberechtigt sein, und

unter Menschen verstehen wir ausnahmslos alle Menschen - ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Bildung und körperlichen Verfassung. Jeder soll dorthin ziehen können,

wohin ihn sein Wille, sein Herz oder seine Gesundheit treibt. Und dort soll er den Alt- angesessenen gegenüber die gleichen Rechte auf den Boden haben. Kein Einzelmensch,

kein Staat, keine Gesellschaft soll das geringste Vorrecht haben. Wir alle sind Altange- sessene dieser Erde.

3. Der Begriff Freiland läßt keinerlei Einschränkung zu. Er gilt unbeschränkt. Darum

gibt es der Erde gegenüber auch keine Völkerrechte, keine Hoheitsrechte und Selbst-

bestimmungsrechte der Staaten. Das Hoheitsrecht über den Erdball steht dem Menschen, nicht den Völkern zu. Aus diesem Grunde hat auch kein Volk das Recht, Grenzen zu errichten und Zölle zu erheben. Auf der Erde, die wir uns im Sinne von Freiland nur als Kugel vorstellen können, gibt es keine Waren-Ein- und Ausfuhr. Freiland bedeutet darum auch Freihandel, Weltfreihandel, die spurlose Versenkung aller Zollgrenzen. Die Landes- grenzen sollen nur einfache Verwaltungsgrenzen sein, etwa wie die Grenzen zwischen den einzelnen Kantonen der Schweiz.

4. Es folgt aus dieser Freiland-Erklärung auch ohne weiteres, daß die Ausdrücke

"englische Kohle, deutsches Kali, amerikanisches Petroleum" usw. nur die Herkunft dieser Erzeugnisse bezeichnen sollen. Es gibt keine englische Kohle und kein deutsches Kali. Denn jeder Mensch, gleichgültig welchem Staate er angehört, hat das gleiche Recht auf die "englische Kohle", das "amerikanische Erdöl" und das "deutsche Kali".

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5. Die Übergabe des Bodens an die Bebauer erfolgt auf dem Wege der öffentlichen

Pachtversteigerung, an der sich jeder Mensch beteiligen kann, und zwar ausnahmslos jeder Bewohner der Erdkugel.

6. Das Pachtgeld fließt in die Staatskasse und wird restlos in Monatsbeträgen unter die

Mütter nach der Zahl der Kinder verteilt. Keine Mutter, einerlei woher sie kommt, kann von diesen Bezügen ausgeschlossen werden.

7. Die Einteilung des Bodens richtet sich ganz nach den Bedürfnissen der Bebauer. Also

kleine Ackerteile für kleine Familien und große Ackerteile für große Familien. Auch große Landstrecken für Genossenschaften, für kommunistische, anarchistische, sozialdemo-

kratische Kolonien, für kirchliche Gemeinden.

8. Die Völker, Staaten, Rassen, Sprachgemeinschaften, religiösen Verbände, wirt-

schaftlichen Körperschaften, die auch nur im geringsten den Freilandbegriff einzuengen suchen, werden geächtet, in Bann getan, und für vogelfrei erklärt.

9. Die Ablösung der heutigen Privatbodenrente erfolgt auf dem Wege der vollen Ent-

schädigung durch Ausgabe einer entsprechenden Summe von Staatsschuldscheinen.

2.2. Die Freiland-Finanzen

Also der Staat kauft den gesamten Privatgrundbesitz auf und zwar Ackerboden, Wald, Bauplätze, Bergwerke, Wasserwerke, Kiesgruben, kurz alles. Der Staat bezahlt auch das Gekaufte, er entschädigt die Grundbesitzer. Der zu bezahlende Preis richtet sich nach dem Pachtzins, den das Grundstück bisher einbrachte oder einbringen würde. Der ermittelte Pachtzins wird dann zum Zinssatz der Pfandbriefe kapitalisiert (1), und der Betrag den Grundbesitzern in verzinslichen Schuldscheinen der Staatsanleihe ausbezahlt. Kein Pfennig mehr noch weniger. Wie kann aber der Staat solche gewaltige Summen verzinsen? Antwort: Mit dem Pacht- zins des Bodens, der ja nunmehr in die Staatskasse fließt. Dieser Ertrag entspricht der Summe der zu zahlenden Zinsen, keinen Pfennig mehr, keinen Pfennig weniger, da ja die Schulden die kapitalisierte Grundrente des Bodens darstellen. Angenommen, der Boden bringt jährlich 5 Milliarden an Pacht ein, dann hat der Staat als Entschädigung bezahlt bei einem Zinsfuß von 4 %: 5 000 000 000 x 100 : 4 =125 Mil- liarden. Diese Summe zum gleichen Fuß verzinst gibt aber auch 5 Milliarden. Also Soll = Haben. Vor der Größe dieser Zahlen braucht niemand zu erschrecken. (2) Die Größe des "Soll" mißt man an der Größe des "Haben". An sich ist nichts groß noch klein. Die Franzosen, die schon mit 35 Milliarden Staatsschulden und ebensoviel Bodenschuldzinsen belastet sind, häufen noch immer Milliarden auf Milliarden an fremden Staatspapieren auf. (Vor dem Krieg.) Das Becken ist eben groß und faßt viel. Ebenso wäre es mit der Schuld der Bodenverstaatlichung. Dem großen "Soll" wird ein gleichgroßes "Haben" entsprechen. Es wäre darum auch völlig überflüssig, eine Berechnung dieser Summe im voraus vorzu- nehmen. Sind es 100 Milliarden, gut; sind es 500 Milliarden, auch gut. Es ist für die Fi- nanzen des Reiches nichts als ein Durchgangsposten. Diese Milliarden werden durch die Staatskassen pilgern, ohne eine Spur zu hinterlassen. Erschrickt denn ein Bankmann, dem man ein Vermögen in Verwahrung gibt? Erschrickt der Präsident der Reichsbank vor den Riesensummen, die durch sein - Tintenfaß gehen? Der Vorsitzende der Reichsbank schläft nicht weniger gut, als der Leiter der Bank von Helgoland. Sind denn etwa die Schulden des preußischen Staates drückender geworden, seitdem dort mit Schuldscheinen die Eisenbahnen gekauft wurden? Gewiß, die Einwendung ist berechtigt, daß mit der Übernahme der Bodenverstaat- lichungsschuld ein Wagnis verbunden ist, insofern als die Höhe der Grundpachten von schwankenden Bestandteilen der Volkswirtschaft (Zölle, Bahnfrachtsätze, Löhne, Wäh- rung) bestimmt wird, während die Zinsen der Schulden, wie auch die Schuld an sich, auf dem Papier festgesetzt sind. Das ist wahr, aber betrachten wi r uns doch einmal diese schwankenden Bestandteile der Grundpacht vom Standpunkt derjenigen, die obige Einwendung machen, also vom Standpunkt der Grundbesitzer selber. Wie haben sich denn die Grundbesitzer bisher gegen einen Rückgang der Grundrenten gewehrt? Haben sie sich nicht immer in solchen Fällen um Hilfe an den Staat gewandt, und die ganze Last ihrer Not auf denselben Staat abgewälzt, den sie jetzt gegen genannte Verlustmöglichkeit in Schutz nehmen wollen?

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Wobei sie natürlich zu erwähnen unterlassen, daß, wo ein Wagnis ist, in der Regel auch eine entsprechende Gewinnmöglichkeit ist und daß sie selbst zwar den Verlust auf den Staat abzuwälzen pflegen, die Gewinne aber immer voll für sich beanspruchen. Die Rolle,

die der Staat dem Privatgrundbesitz gegenüber gespielt hat, ist bislang immer die eines Nietenziehers bei Lotterien gewesen. Dem Staate die Nieten - dem Grundbesitzer die Gewinne. Tatsache ist, daß, so oft auch die Grundrenten stiegen, die Bezieher dieser Renten noch nie den Vorschlag gemacht haben, dem Staat zurückzuerstatten, was sie in Zeiten der Not von ihm erhielten. Ursprünglich halfen sich die Grundrentner in der Regel selber; sie verschärften die Sklaverei, die Leibeigenschaft. Als diese nicht mehr auf- rechterhalten werden konnte, mußte ihnen der Staat durch Beschränkung der Freizügig- keit helfen, wodurch der Lohn unter seine, durch die Freizügigkeit geebnete, natürliche Höhe gedrückt wurde. Als solche Mittel zu gefährlich wurden, sollte der Staat mit dem Doppelwährungsschwindel helfen, das heißt, der Staat sollte die Währung preisgeben, um durch eine unübersehbare Preistreiberei die Klasse der Grundrentner (der verschuldeten Grundeigentümer) auf Kosten anderer Bürger von der Last der Schulden zu befreien. (Dieser Satz wird denen, die in den Währungsfragen noch vollkommene Neulinge sind, später besser verständlich sein.) Als der Versuch am Widerstand der anderen Rentnerklasse der Zinsrentner, scheiterte und mit der rohen Macht das Ziel nicht erreicht werden konnte, da verlegten sich die Grundrentner aufs Betteln, Klagen, da begründeten sie ihre Forderung nach Sperrzöllen für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit der sogenannten Not der Landwirtschaft. Um die Grundrenten zu retten und zu erhöhen, sollten die Volksmassen höhere Brotpreise zahlen. Immer ist es also der Staat, das Volk, gewesen, das die mit dem Grundbesitz verbundene Verlustgefahr gutwillig oder zwangsweise auf sich nahm. Die Verlustgefahr, die von einer so breiten und ausschlaggebenden Volksklasse, wie die der Grundbesitzer ist, getragen wird, ist in Wirklichkeit gleichbedeutend mit einer Verlustgefahr der Staatskasse. Mit der Bodenverstaatlichung würden sich dieseVerhältnisse nur insofern ändern, als nun dem Staate als Entgelt für die Gefahr des Verlustes auch die Gewinnmöglichkeiten zufallen würden. Übrigens liegt, volkswirtschaftlich betrachtet, im Rückgang der Grundrenten überhaupt keine Verlustgefahr; selbst der vollkommene Wegfall der Grundrenten wäre volkswirt- schaftlich betrachtet, kein Verlust. Dem Steuerzahler, der mit seiner Arbeit neben den Steuern heute noch die Grundrenten aufzubringen hat, kann, wenn die Grundrenten wegfielen, der Staat entsprechend mehr Steuern aufbürden. Die Steuerkraft des Volkes steht immer im umgekehrten Verhältnis zur Kraft der Rentner. (3) Unmittelbar gewinnt und verliert niemand durch den Rückkauf des Grundbesitzes. Der Grundeigentümer zieht aus den Staatspapieren an Zins, was er früher an Rente aus dem Grundeigentum zog, und der Staat zieht an Grundrente aus dem Grundeigentum das, was er an Zins für die Staatspapiere zahlen muß. Der bare Geminn für den Staat erwächst erst aus der allmählichen Tilgung der Schuld mit Hilfe der später zu besprechenden Geldreform. Mit dieser Umgestaltung wird der Zinsfuß in kürzester Zeit auf den niedrigsten Welt- verkehrsstand sinken und zwar ganz allgemein für das Geld- und Industriekapital, und bei internationaler Annahme der grundlegenden Gedanken der Geldreform wird der Zins des Kapitals auf der ganzen Welt bis auf Null zurückgehen. Darum wird man auch guttun, den Inhabern der Bodenverstaatlichungsanleihen als Zins nur so viel zu versprechen, wie nötig sein wird, um den Kurs dieser Papiere dauernd auf 100 (pari) zu erhalten. Denn der Kurs festverzinslicher Papiere muß alle Schwankungen mitmachen, die der Kapitalzins erleidet. Soll daher der Kurs der Staatspapiere fest bleiben, so muß ihre Verzinsung frei bleiben: Diese muß mit dem allgemeinen Kapitalzins auf- und abgehen - nur so kann das Wucherspiel (Spekulation) von den Staatspapieren ferngehal- ten werden. Es wird aber für das Gemeinwohl vorteilhaft sein, ein Kapital von 2-300 Mil- liarden vor den Raubzügen der Börsenspekulanten durchaus zu sichern, zumal die Schuld- scheine der Bodenverstaatlichungs-Anleihen vielfach in die Hände völlig unerfahrener Leute gelangen werden. Sinkt also infolge des gleichzeitig mit der Bodenverstaatlichung einzuführenden Frei- geldes der allgemeine Kapitalzins, so wird damit auch von selbst der Zinsfuß der Boden- verstaatlichungs-Anleihen zurückgehen, von 5 auf 4, 3, 2, 1 und 0 %. Dann werden die Finanzen der Bodenverstaatlichung folgendes Bild zeigen:

Betragen die Grundrenten jährlich so hat der Staat bei einem Zinsfuß von 5% an Entschädigung an die

10 Milliard.,

Silvio Gesell - Die Natürliche Wirtschaftsordnung

Grundbesitzer .

zu bezahlen gehabt, und bei einem Zinsfuß von 4% · · · · · · · 250 "

200 "

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Zur Verzinsung von 200 Milliarden zu 5% gehören Sinkt nun der allgemeine Kapitalzins anf 4%, so genügen zur Pariver- zinsung der 200 Milliarden jährlich während die Grundrenten zunächst auf dem gleichen Stand bleiben von So entsteht im Soll und Haben der Bodenverstaatlichungs-Finanzen ein Überschuß von jährlich

gleichen Stand bleiben von So entsteht im Soll und Haben der Bodenverstaatlichungs-Finanzen ein Überschuß von jährlich
gleichen Stand bleiben von So entsteht im Soll und Haben der Bodenverstaatlichungs-Finanzen ein Überschuß von jährlich
gleichen Stand bleiben von So entsteht im Soll und Haben der Bodenverstaatlichungs-Finanzen ein Überschuß von jährlich

10 "

8 "

10 "

2 Milliard.,

der zur Schuldentilgung herangezogen wird und nun nicht mehr verzinst zu werden braucht, während die Grundrenten weiter in den Staatssäckel fließen. Dieser jährliche Überschuß wächst in demselben Verhältnis, wie der allgemeine Kapitalzins zurückgeht, und erreicht bei Null schließlich den vollen Betrag der Grundrenten, die allerdings mit

dem Rückgang des Zinses ebenfalls sinken werden, wenn auch nicht im gleichen Maße. (Siehe Teil I, Abschn.14.) In diesem Falle wäre die ganze, gewaltige, aus der Bodenverstaatlichung entstandene Reichsschuld in weniger als 20 Jahren vollständig getilgt. Erwähnt sei noch, daß der jetzige, außergewöhnlich hohe Zinsfuß der Kriegsanleihen, den man als Grundlage für die Entschädigungsberechnung (Kapitalisierungsrate) be- nutzen würde, ganz besonders günstig für die Bodenverstaatlichung wäre - denn je höher der Zinsfuß - um so kleiner der als Entschädigung an die Grundbesitzer zu zahlende Übernahmepreis. Für je 1000 Mark Grundrente müssen an Entschädigung den Grundbesitzern gezahlt werden:

bei 5% = 20 000 Mark Kapital, bei 4% = 25 000 Mark Kapital, bei 3% = 33 333 Mark Kapital.

Ob es wünschenswert ist, die Übergangs- oder Eingewöhnungsfrist, die nach obigem Tilgungsentwurf den Grundbesitzern bewilligt wird, noch mehr zu verkürzen, das mögen andere entscheiden. An Mitteln dazu wird es nicht fehlen. Die Umgestaltung unseres Geld- wesens, wie sie im 4. Teil dieser Schrift vorgeschlagen wird, ist von erstaunlicher Leistungs- fähigkeit. Freigeld entfesselt die Volkswirtschaft, beseitigt alle Hemmungen, bringt die durch die neuzeitlichen Arbeitsmittel ins Ungeheuerliche angewachsene Schaffenskraft des geschulten heutigen Arbeiters zur vollen Entfaltung, ohne daß es noch zu Stockungen (Krisen) und Arbeitseinstellungen kommen kann. Die Einnahmen des Staates, die Steuerkraft des Volkes werden ins Ungeahnte steigen. Will man also diese Kräfte zur schnelleren Tilgung der Staats- schulden heranziehen, so kann der oben angegebene Zeitraum noch sehr verkürzt werden.

(1) Die Grundrente "kapitalisiert" man durch Ausrechnung der Geldsumme, die an Zins so viel einbringt, wie der Boden Rente abwirft. (2) Zurzeit (November 1919) ist allerdings kaum noch etwas da, was abzulösen wäre. Die Verschuldung des Reiches, die als erste Hypothek sich auswirkt, wird die Rente zum größten Teil aufzehren. Für den Preis eines kleinen Bauernhofes in der Schweiz kann man schon ein ansehnliches Rittergut in Deutschland kaufen. (3) In Frankreich fiel im Durchschnitt der Jahre 1908-1912 die Grundrente gegen den Durchschnitt von 1879-1881 um 22 1/4 %. Die Bodenpreise fielen um 32,6 %. 1879/81 kostete 1 ha noch fr.1830, 1908/12 nur noch fr.1244.- Grundbesitz und Realkredit 18. April 1918.

2.3. Freiland im wirklichen Leben

Nach der Enteignung wird der Boden, entsprechend den Zwecken der Landwirtschaft, der Bauordnung und der Gewerbe, zerlegt und öffentlich meistbietend verpachtet, und zwar auf 1-5-10 jährige oder lebenslängliche Frist, je nach dem Höchstgebot. Dabei sollen dem Pächter auch gewisse allgemeine Bürgschaften gegeben werden für die Bestän- digkeit der wirtschaftlichen Grundlagen der Pachtberechnung. so daß er nicht von seinem

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Pachtvertrag erdrosselt werden kann. Dies läßt sich in der Weise erreichen, daß dem Päch- ter Mindestpreise für seine Erzeugnisse gewährleistet werden, indem die Währung einfach diesen Preisen angepaßt, oder bei einer allgemeinen Lohnerhöhung die Pacht entsprechend ermäßigt wird. Kurz, da es sich nicht darum handelt, die Bauern zu plagen, sondern eine blühende Landwirtschaft mit einem gesunden Bauernstand zu erhalten, so wird man alles tun, was nötig ist, um Bodenertrag und Pachtzins dauernd in Einklang zu bringen. Soweit es sich um landwirtschaftliche Zwecke handelt, ist die Ausführbarkeit der Bodenverstaatlichung durch die Erfahrung nach allen Seiten schon bewiesen. Die Boden- verstaatlichung verwandelt den gesamten Grundbesitz in Staatsgüter oder Pachthöfe, und

Pachthöfe, teils von Grundeigentümern, teils vom Staate verpachtete, gibt es in allen Tei- len des Reiches. Durch die Bodenverstaatlichung wird eine Sache verallgemeinert, die bereits "ist"; und alles, was "ist", muß auch möglich sein. Man hat gegen die Pachtgüter eingewendet, daß ihre Bewirtschafter eher zum Raubbau neigen als die heutigen grundbesitzenden Bauern, die für sich den Vorteil aus der guten Erhaltung des Bodens ziehen. Man sagt, der Pächter sauge den Boden aus, um ihn dann aufzugeben und weiterzuziehen. Das ist ungefähr das einzige, was man gegen das Pachtverfahren einwenden kann; in allen anderen Beziehungen ist kein Unterschied zu finden zwischen Pächter und Grund- eigentümer, wenigstens soweit es sich um Wohl und Wehe des Landbaues handelt. Denn beide verfolgen dasselbe Ziel: mit der geringsten Mühe die höchsten Barerträge zu er- zielen. Daß übrigens der Raubbau keine Eigentümlichkeit des Pachtbodens ist, kann man in Amerika sehen, wo die Weizenfarmer den eigenen Boden bis zur Erschöpfung aussaugen. Durch ihre Besitzer ausgesaugte Weizenfarmen kann man zu hunderten für geringes Geld kaufen. In Preußen sollen sogar die Staatsgüter als Musterwirtschaften bezeichnet werden können. Und sie werden doch nur von Pächtern bewirtschaftet. Jedoch auch den Raubbau durch die Pächter kann man sehr leicht verhindern, indem man :

1. dem Pächter den Hof lebenslänglich durch den Pachtvertrag sichert;

2. durch gewisse Vertragsbestimmungen den Raubbau unmöglich macht.

Wenn der Raubbau eine Eigentümlichkeit der Pachthöfe ist, so trifft die Schuld regel- mäßig den Eigentümer, der dem Pächter den Raubbau gestattet, um für sich selbst, wenigstens für einige Jahre, einen entsprechend höheren Pachtzins zu genießen. In diesem Falle treibt nicht der Pächter, sondern der Grundeigentümer den Raubbau. Oft wünscht auch der Grundeigentümer nicht durch langjährige Verträge sich die Ge- legenheit, für einen günstigen Verkauf zu nehmen, und läßt sich darum nur auf kurz- fristige Pachtverträge ein. Für solche findet er aber naturgemäß keinen Pächter, der eine auf Verbesserung gerichtete Bodenbehandlung im Auge hat. Die Schuld am Raub- bau trifft darum auch in diesem Falle nicht das System der Landpachtung, sondern das des Grundeigentums. Wünscht der Grundeigentümer den Raubbau nicht, so braucht er das im Pachtvertrag nur zu bemerken. Ist der Pächter vertraglich verpflichtet, die geernteten Futterstoffe selbst zu verfüttern und entsprechend viel Vieh zu halten, kann der Pächter Heu, Stroh und Mist nicht verkaufen, so ist der Boden allein dadurch schon vor Raubbau geschützt. Wenn man zudem dem Pächter durch den Pachtvertrag die volle Sicherheit gibt, daß er den Hof, wenn er es wünscht, auf Lebenszeit bewirtschaften kann, hat man dem Pächter ein Vorpachtsrecht für seine Witwe oder Kinder eingeräumt, so ist Raubbau nicht mehr zu befürchten, es sei denn, daß der Pachtzins zu hoch bemessen ist, und daß der Bauer keinen Vorteil von der Fortdauer seines Vertrages hat. Für diesen Fall wäre aber obige Pachtbestimmung zur Verhinderung des Raubbaues genügend. Diese läßt sich auch jeder Bewirtschaftungsart in der Weise anpassen, daß dem Pächter, dessen Boden sich nicht für die Viehhaltung, aber wohl für Getreidebau eignet, die Verpflichtung auferlegt wird, dem Boden in Form künstlicher Dünger die Nährsalze wieder zuzuführen, die er durch den Verkauf von Getreide dem Boden entzieht. Und im übrigen mag noch hier erwähnt werden, daß seit Entdeckung der künstlichen Dünger der Raubbau nicht mehr die Bedeutung hat, wie damals, als man nur die Brache kannte, als Mittel, um den ausgeraubten Boden wieder allmählich fruchtbar zu machen. Damals gehörte ein ganzes Menschenalter dazu, um ein erschöpftes Feld wieder instand zu setzen. Heute erreicht man dies mit künstlichen Düngern im Handumdrehen. Wenn man als abschreckendes Beispiel auf die Pächterwirtschaft in Irland hinweist, so muß hier an die grundverschiedenen Verhältnisse erinnert werden, die die Boden- verstaatlichung dadurch schafft; daß die Grundrente unter der Bodenverstaatlichung

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nicht mehr in die Privattaschen wandert, sondern in die Staatskasse, um von dort zurück in irgendeiner Form (Steuererlaß, Mutterschutz, Witwengeld usw.) dem Volke wieder zugute zu kommen. Wenn all das Geld, das die englischen Landlords jahraus, jahrein seit 300 Jahren in Form von Pacht Irland entzogen haben, um es zu verprassen, dem irischen Volke erhalten geblieben wäre, so sähe es sicher anders aus in Irland. Andere Beispiele, wie das russische "Mir" und die deutschen Gemeindewiesen, werden angeführt als abschreckende Beispiele der Pachtung; aber hier bestehen der Bodenver- staatlichung gegenüber ebenso wesentliche Unterschiede, wie beim irischen Beispiel. Beim "Mir" wird regelmäßig alle paar Jahre, sowie durch Tod und Geburt die Zahl der Gemeindeglieder sich verändert hat, das Land neu verteilt, so daß niemand längere Zeit im Besitze desselben Grundstückes bleibt. Alles, was daher der Bauer tun würde, um den Boden zu verbessern, käme wohl dem "Mir", aber nicht dem Bauer ausschließlich zugute. Dieses Verfahren führt also notwendigerweise zum Raubbau, zur Verwahrlosung, zur Verarmung von Boden und Volk. - Das "Mir" ist eben weder Gemein- noch Einzel- wirtschaft, es hat die Nachteile beider ohne ihre Vorteile. Wenn die russischen Bauern den Boden gemeinwirtschaftlich nach dem Vorbilde der Mennoniten bebauten, so würde der gemeinsame Nutzen sie alles tun lehren, was der Grundeigentümer sonst für die Verbesserung des Bodens zu tun pflegt. Lehnen sie jedoch solche Gütergemeinschaft ab, so müssen sie auch die Folgerungen ziehen und alle Vorbedingungen für die volle Ent- faltung der Einzelwirtschaft erfüllen. Ganz das gleiche haben wir in vielen deutschen Gemeindewiesen, und wenn diese allgemein wegen ihres schlechten Zustandes verschrien sind, so liegt das immer nur an der Kurzfristigkeit der Pachtverträge, die nur Raubbau zuläßt. (1) Es scheint hier fast so, als wenn die Gemeinderäte absichtlich das Gemeindeeigentum in Mißachtung bringen wollten, um so eine Aufteilung herbeizuführen, wie sie das ja schon früher mit dem gleichen Mittel erreicht haben. Wäre dieser Verdacht begründet, so müßte man den schlechten Zustand der Gemeindeäcker wieder auf das Sondereigentum am Boden (Privateigentum) zurückführen, denn nur die Hoffnung, das Gemeindeeigentum aufzuteilen, hätte dessen Vernachlässigung verursacht. Wenn man den Vorschlag einer Aufteilung der Gemeindewiesen als Hochverrat ahndete und die Wiesen als unveräußerliches Eigentum der Gemeinden erklärte, so würde diesem Übelstand ohne weiteres abgeholfen sein. Der Pächter muß vor allen Dingen die Sicherheit haben, daß alles, was er an Geld und Arbeit für die Verbesserung des Bodens aufwendet, auch ihm, unmittelbar ihm selbst, zugute kommt, und auf diese Sicherheit muß darum der Pachtvertrag zugespitzt sein. Das ist sehr leicht durchzuführen. Übrigens lassen sich die wichtigsten Arbeiten, die zur Verbesserung des Bodens ver- richtet werden, gar nicht vom Einzelbesitzer und unter Aufrechterhaltung des Grund- satzes des Privatgrundbesitzes durchführen. Wie will z. B. ein Grundeigentümer eine Straße querfeldein durch das Besitztum seines ihm vielleicht feindlich gesinnten Nach- barn nach seinem Acker bauen? Wie soll man quer durch das Eigentum von 1000 Einzel- besitzern eine Eisenbahn, einen Kanal bauen? Hier versagt der Grundsatz der Teilung und des Privateigentums so vollständig, daß man jedesmal gesetzlich zur Enteignung schreiten muß. Die Deiche zum Schutze gegen Hochwasser entlang der Küste und den Flüssen kann kein Privatmann bauen. Ebenso verhält es sich bei Entwässerung sumpfigen Bodens, wo man meistens keine Rücksicht auf Grenzsteine nehmen kann, sondern die Anlage dem Gelände und nicht den Eigentumsverhältnissen anpassen muß. In der Schweiz hat man durch Ablenkung der Aare in den Bieler See 30 000 ha Land trockengelegt, und an dieser Arbeit waren vier Kantone beteiligt. Der Privatgrundeigentümer hätte hier schlechthin nichts tun können. Sogar das Kantonaleigentum versagte in diesem Falle. Bei der Laufverbesserung des Oberrheins versagte auch noch das Bundeseigentum. Die Sache konnte nur durch Vertrag mit Österreich getan werden. Wie will der Privateigen- tümer am Nil sich das Bewässerungswasser verschaffen? Will man den Grundsatz des Sondereigentums am Boden auf Waldungen ausdehnen, von denen die Witterung, die Wasserverhältnisse, die Schiffahrt, die Gesundheit des ganzen Volkes abhängen? Selbst die Lebensmittelversorgung des Volkes kann man dem Privatgrundeigentümer nicht in Ruhe überlassen. In Schottland z. B. haben unter dem Schutze des Bodenrechtes einige Lords eine ganze Provinz entvölkert, die Dörfer mitsamt den Kirchen niedergebrannt, um das Ganze in einen Jagdpark zu verwandeln. Dasselbe können auch in Deutschland Großgrundeigentümer tun, dieselben, die angeblich durch die Sorge um die Ernährung des Volkes veranlaßt würden, Zölle für die Verteuerung des Brotes zu fordern. Die In- teressen der Jagd, der Fischerei, des Vogelschutzes, sind mit den reinen Grundsätzen des Privatgrundeigentums unverträglich. Und was bei Bekämpfung von Landplagen,

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wie z. B. der Maikäfer oder Heuschrecken das Privateigentum leistet, das hat man am besten in Argentinien gesehen. Dort begnügte sich jeder Grundeigentümer damit, die Heuschrecken von seinem Felde auf das des lieben Nachbarn zu treiben - mit dem Erfolg, daß sich die Tiere ins Unendliche vermehrten und drei Jahre hintereinander die Weizenernte völlig vernichteten. Erst als der Staat unter Nichtachtung der Eigentums- verhältnisse eingriff und die Heuschrecken vernichten ließ, wo man sie traf, da ver- schwanden diese. Ähnlich verhält es sich in Deutschland mit allen Landplagen. Was will der einzelne Weinbergeigentümer z. B. gegenüber der Reblausplage ausrichten? Das Sondereigentum am Boden versagt eben überall dort, wo der Privatmann, wo der Eigennutz versagt, und das trifft in den weitaus meisten Fällen zu, wo es sich um Ver- besserungen oder den Schutz des Bodens handelt. Ja, wenn man den Aussagen der Agrarier glauben wollte, müßte man das Privatgrundeigentum überhaupt und allgemein als verloren erklären, denn die sogenannte Not der Landwirtschaft (sprich: Not der Grundrentner) läßt sich ja angeblich nicht anders als durch den gewaltsamen Eingriff des Staates, durch Zölle beseitigen. Was könnte nun der Privatmann, als solcher, zur Hebung dieser Not tun? Das Sondereigentum am Boden führt durch das Erbrecht mit Notwendigkeit zur Zer- stückelung oder zur Bodenverschuldung. Ausnahmen kommen nur vor, wo ein einziges Kind da ist. Die Zerstückelung führt zu den Zwergwirtschaften und damit zur allgemeinen Ver- armung; die Grundstückbeleihung aber bringt den Grundeigentümer in so enge Be- rührung mit Währung, Zins, Lohn, Frachtsätzen und Zöllen, daß wahrhaftig heute schon vom Privatgrundeigentum kaum noch mehr als der Name übrigbleibt. Nicht mehr Privat- grundeigentum, sondern Grundeigentumspolitik haben wir heute. - Nehmen wir an, die Preise der Erzeugnisse gingen infolge einer der herkömmlichen Pfuschereien im Währungswesen stark abwärts, wie das schon einmal durch die Ein- führung der Goldwährung erreicht worden ist. Wie will da der Bauer den Zins für seine Hypothek auftreiben? Und we nn er den Zins nicht bezahlt, wo bleibt sein Eigentum? Wie will er sich anders schützen als durch seinen Einfluß auf die Gesetzgebung, die ihm gestattet, die Währung und dadurch auch die Last seiner Hypothek nach Wunsch zu gestalten? Und wenn der Zinsfuß steigt, wie will er sich auch da wieder des Hammer- schlags des Versteigerers erwehren? Der Grundeigentümer mu sich eben an die Gesetzgebng klammem, er muß Politik treiben, die Zölle, die Währung, die Bahnfrachtsätze beherrschen, sonst ist er verloren. Ja, was wäre der Grundeigentümer ohne das Heer? Der Besitzlose wirft, falls ihm die Fremdherr- schaft der Gelben noch unangenehmer als die der Blauen ist, sein Handwerkszeug in die Ecke und wandert mit Frau, Kindern und einem Bündel Windeln aus. Das kann der Grundeigentümer nur, wenn er das Grundeigentum im Stiche läßt. Also das Privatgrundeigentum bedarf zu seiner Erhaltung der Politik, schon weil es an sich bereits eine Frucht der Politik ist. Man kann sagen, daß der Privatgrundbesitz die Politik verkörpert; daß Politik und Privatgrundeigentum eins sind. Ohne Politik kein Privatgrundbesitz, und ohne Sondereigentum am Boden keine Politik. Mit der Bodenverstaatlichung ist die Politik im wesentlichen erschöpft und erledigt. Mit der Bodenverstaatlichung verliert die Landwirtschaft jede Beziehung zur Politik. Wie heute schon die Pächter nicht unmittelbar berührt werden durch Währung, Zölle, Löhne, Zins, Frachtsätze, Landplagen, Kanalbauten, kurz, durch die hohe, ach gar so niedrige Politik, weil in den Pachtbedingungen der Einfluß all dieser Umstände schon verrechnet ist, so wird auch mit der Bodenverstaatlichung der Bauer kühl bis ans Herz hinan den Verhandlungen im Reichstage folgen. Er weiß, daß jede politische Maß- nahme, die die Grundrente beeinflußt, in den Pachtbedingungen sich widerspiegeln wird. Erhebt man Zölle, um die "Landwirtschaft" zu schützen, so weiß der Bauer auch, daß man ihm diesen Schutz in einem erhöhten Pachtzins ankreiden wird - folglich ist ihm der Zoll gleichgültig. Unter der Bodenverstaatlichung kann man, ohne Einzelne zu schädigen, die Preise der Feldfrüchte so hoch treiben, daß es sich noch lohnen wird, jede Sanddüne, Geröllhalde usw. zu bebauen; ja selbst den Kornbau in Blumentöpfen könnte man rechnerisch möglich machen, ohne daß die Bebauer fruchtbaren Landes für sich Vorteil aus den hohen Preisen ziehen würden. Denn der Pachtzins würde der steigenden Grundrente auf dem Fuße folgen. Den Vaterlandsfreunden, die in Sorge sind um die Lebensmittelversorgung des Landes im Kriegsfalle, empfehle ich das Durchforschen dieser hochmerkwürdigen Be- gleiterscheinung der Bodenverstaatlichung. - Mit einem Zehntel des Geldes, das den

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Grundrentnern durch die Kornzölle geschenkt wurde, hätte man alles in Deutschland vorhandene Moor-, Heide- und Ödland in Ertragsboden verwandeln können. Die Höhe der Bahnfrachten, überhaupt die Frachtkosten, die Kana1- und Eisenbahn- politik, berühren den Pächter nicht unmittelbarer als jeden anderen Bürger; wenn ihm die Politik auf der einen Seite besondere Vorteile eintrüge, so würden ihm diese durch die Erhöhung der Grundpacht von der anderen Seite wieder in eitel Dunst verwandelt werden. Kurz, die Politik ist mit der Bodenverstaatlichung dem Landwirt persönlich gleich- gültig geworden; das Gemeinwohl allein berührt ihn noch an der Gesetzgebung; er betreibt sachliche statt persönlicher Politik. Sachliche Politik ist aber angewandte Wissen- schaft, keine Politik mehr. Man könnte hier einwenden, daß, wenn die Pächter sich langjährige oder lebensläng- liche Pachtverträge sichern können, sie hierdurch von staatlichen Maßnahmen immer noch stark genug berührt würden, um versucht zu sein, ihren Sondervorteil dem Ge- meinwohl voranzustellen. Der Einwand ist richtig, aber wenn dies als Übelstand empfunden wird, um wieviel mehr trifft dieser Vorwurf das heutige Privatgrundeigentum, das es gestattet, den Nutzen aus den Gesetzen sogleich im Verkaufspreis des Bodens in bar einzuziehen, wie man das an den durch Zölle hochgetriebenen Bodenpreisen sehen kann. Jedoch läßt sich mit der Bodenverstaatlichung auch dieser letzte Rückhalt der Politik in der Weise beseitigen, daß der Staat bei lebenslänglichen Verträgen sich das Recht vorbehält, die Pacht von Zeit zu Zeit neu von Staats wegen einschätzen zu lassen, wie das ja auch mit der Grund- steuer geschieht. (Bei befristeten Pachtverträgen soll das Pachtgeld vom Pächter selber auf dem Wege der öffentlichen Pachtversteigerung geschätzt werden.) Weiß dann der Pächter, daß alle Vorteile, die er von der Politik erwartet, vom Steueramte wieder be- schlagnahmt werden, so versucht er es gar nicht mehr, die Grundrente durch Gesetze zu beeinflnssen. Wenn wir alle die hier besprochenen Umstände berücksichtigen, so würde ein Pacht- vertrag unter der Bodenverstaatlichung ungefähr wie folgt zustande kommen:

Anzeige! Die hier unter dem Namen "Lindenhof" bekannte Bauernwirtschaft wird zur öffent- lichen Pachtversteigerung ausgeschrieben. Die Verpachtung erfolgt am Martinstag öffent- lich und meistbietend. Der Hof ist auf die Arbeitskraft eines Mannes berechnet; Haus und Stallungen sind in gutem Zustand. Bisherige Pacht 500 Mark. Der Boden ist 5. Güte; das Klima nur für ganz gesunde Naturen. Bedingungen:

Der Pächter hat sich vertraglich zur Erfüllung folgender Bedingungen zu verpflichten:

? 1. Der Pächter darf keine Futterstoffe verkaufen; er muß so viel Vieh halten, wie nötig, um die gesamte Ernte an Heu und Stroh selber zu verfüttern. Der Verkauf des Stall- mistes ist untersagt.

? 2. Der Pächter ist verpflichtet, die durch den Getreideverkauf dem Boden entzogenen Nährsalze diesem in Form künstlicher Düngemittel wieder zuzuführen, und zwar für jede Tonne Getreide 100 kg Thomasschlacke oder deren gleichwertigen Ersatz.

? 3. Die Baulichkeiten in gutem Zustande zu erhalten.

? 4. Die Pachtsumme im voraus zu entrichten oder einen Bürgen zu stellen.

Die Staatsverwaltung verpflichtet sich ihrerseits dem Pächter gegenüber:

? 1. Dem Pächter, solange er seine Verpflichtungen erfüllt, den Hof nicht zu kündigen.

? 2. Der Witwe und den unmittelbaren Erben des Pächters ein Pachtvorrecht in Form eines Nachlasses von 10 % auf das in der Pachtversteigerung erzielte Höchstgebot ein- zuräumen.

? 3. Den Vertrag auf Verlangen des Pächters jederzeit gegen eine von diesem zu zahlende Entschädigung von einem Drittel der jährlichen Pachtsumme zu lösen.

? 4. Die Bahnfrachtsätze für Getreide während der Dauer des Pachtvertrages nicht zu verändern.

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? 5. Eine genaue Lohnermittlung zu führen und bei steigenden Löhnen die Pachtsumme entsprechend zu ermäßigen, wogegen bei fallenden Löhnen der Pachtzins zu erhöhen ist. (Bei lebenslänglichen Pachtverträgen.)

? 6. Etwa notwendig werdende Neubauten gegen eine den Zins der Baukosten aus- gleichende Pachterhöhung herrichten zu lassen.

? 7. Den Pächter ohne weitere Zahlung von Gebühren gegen Unfall und Krankheit, gegen Hagel, Überschwemmung, Viehseuchen, Feuer, Rebläuse und sonstige Land- plagen zu versichern.

Die für den Nachweis der Ausführbarkeit der Bodenverstaatlichung entscheidende Frage ist nun die: Wird man zu obigen Bedingungen überhaupt Pächter finden? Nehmen wir an, es meldeten sich nur wenige, und der Wettbewerb der Beteiligten wäre dem- entsprechend bei der Pachtversteigerung nur schwach - was wäre die Folge? Der Pacht- zins wäre niedrig, er entspräche nicht der zu erwartenden Grundrente, und die Pächter würden entsprechend größere Gewinne erzielen. Ganz recht, aber muß dieser größere Gewinn nicht anspornend auf alle diejenigen zurückwirken, die sich gerne dem Acker- bau widmen möchten, aber zaghaft zurückhielten, weil sie die neuen Verhältnisse nicht zu übersehen vermochten und darum erst die Erfahrung sprechen lassen wollten? Es ist daher nicht zu bezweifeln, daß der Zudrang zu den Pachtversteigerungen schon nach kurzer Erfahrungszeit den Pachtzins auf die Höhe der wirklich erzielbaren Grund- rente hinauftreiben würde, und dies um so sicherer, als das Wagnis der Pacht unter den neuen Verhältnissen gleich Null wäre, der Reinertrag der Pachtung nie unter den Durch- schnittsarbeitslohn fallen könnte. Dem Bauer wäre der Durchschnittslohn für seine Arbeit unter allen Umständen gesichert, und er hätte obendrein den Vorteil der Freiheit, Unabhängigkeit und Freizügigkeit. Es sei nur noch bemerkt, daß nach Einführung der Bodenverstaatlichung in jeder Ortschaft ein Bauer wird angestellt werden müssen, der für die Erfüllung der Pacht- verträge zu sorgen hat. Dann wird man jährlich in jedem Landesteil (Kreis, Regierungs- bezirk) ein Verzeichnis mit Abbildungen über die zur Pachtversteigerung gelangenden Höfe ausarbeiten, alles das enthaltend, was gewöhnlich die Pächter wissen müssen, über Umfang und Lage des Hofes, Art und Preise der Anbauerzeugnisse, über Gebäude, bisherigen Pachtzins, Schulverhältnisse, Witterungsverhältnisse, Jagd, Gesellschaft usw. Kurz, da es nicht Zweck der Bodenverstaatlichung ist, die Bauern zu übervorteilen und zu plagen, so wird man nichts unterlassen, um die Pächter sowohl über alle Vorteile, wie auch über alle Nachteile des Hofes zu unterrichten - welch letzteres seitens der Grundeigentümer heute niemals geschieht. Diese zählen immer nur alle Vorteile auf; über die oft versteckten Mängel, wie z. B. Feuchtigkeit der Wohnung, Nachtfröste usw., muß sich der Pächter, so gut es geht, unter der Hand zu erkundigen suchen. Mit dem Gesagten glaube ich das Verhältnis der Bodenverstaatlichung zur Landwirt- schaft genügend klargelegt zu haben, um jeden instand zu setzen, sich in die neuen Ver- hältnisse, die die Bodenverstaatlichung auf dem Lande schafft, hineinzufinden. Zu- sammengefaßt aufgezählt, würde die Bodenverstaatlichung auf dem Lande folgende Wirkungen haben: Keine Privatgrundrenten, folglich auch keine "Not der Landwirt- schaft", keine Zölle und keine Politik mehr. Kein Eigentum am Boden, daher auch keine Bodenverschuldung, keine Teilung und Abfindung bei Erbschaft. Keine Grundherren, keine Knechte. Allgemeine Ebenbürtigkeit. Kein Grundeigentum - folglich volle Frei- zügigkeit mit ihren wohltätigen Folgen für Gesundheit, Sinnesart, Religion und Bildung, Glück und Lebensfreude. Beim Bergbau läßt sich die Bodenverstaatlichung womöglich noch leichter durchführen als im Ackerbau, da man hier von der Pachtung absehen und die Förderung der Berg- erzeugnisse einfach in Verding (Akkord, Submission) geben kann. Der Staat verdingt den Abbau an einen Unternehmer oder an Arbeitergenossenschaften; er bezahlt für jede Tonne einen auf Grund der Mindestforderung vereinbarten Lohn oder Preis - und verkauft seinerseits das Geförderte an den Meistbietenden. Der Unterschied zwischen beiden Preisen fließt als Grundrente in die Staatskasse. Dieses höchst einfache Verfahren kann überall da ohne weiteres angewendet werden, wo keine besonderen Einrichtungen dauernder Art nötig sind - also z. B. in den Torf- lagern, Braunkohlengruben, Kies-, Lehm- und Sandgruben, Steinbrüchen, Erdölfeldern usw. Es ist dasselbe Verfahren, das heute schon ganz allgemein in den Staatsforsten eingeführt ist und sich dort in jahrhundertelanger Geltung bewährt hat. Die Forstver- waltung vereinbart mit den Arbeitern in öffentlichem Verding den zu zahlenden Lohn

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für das Festmeter, und zwar erhält der Mindestfordernde den Zuschlag; dann wird das von den Arbeitern gefällte und in Haufen bestimmter Größe geschichtete Holz öffentlich meistbietend verkauft. Betrug ist so gut wie ausgeschlossen, da, sobald das Maß nicht richtig ist, die Käufer Klage erheben. So wäre es auch im Bergbau. Die Käufer würden selbst die Arbeit in der Grube überwachen. Für die Arbeiter wäre es ein leichtes, sich zu gemeinsamer Arbeit ohne Unternehmer zu vereinigen (was sie allerdings heute noch lernen müßten), da kein nennenswertes Betriebsgeld hier nötig ist. Die Grube gehört dem Staat; die Arbeiter brauchen also nur ihr Handwerkszeug. In den Kohlengruben, wie überall im Tiefbau, wird die Sache durch die Maschinen-

anlage verwickelt, doch lassen sich verschiedene Wege einschlagen, die alle gangbar sind:

1. Der Staat liefert die Maschinenanlage; er versichert die Arbeiter gegen Tod und

Unfall und verfährt im übrigen wie oben, d. h., er gibt die Förderung an einzelne Arbeiter in Verding (Akkord). Dieses Verfahren ist bei den Privat- und Staatsbergwerken heute allgemein im Gebrauch.

2. Der Staat liefert wie oben die Maschinenanlage und gibt den ganzen Betrieb in

Verding an Arbeitergenossenschaften. Dieses Verfahren ist, soviel ich weiß, nicht in Anwendung; es hätte für kommunistisch gesinnte Arbeiter Vorteile, weil die Arbeiter so lernen würden, sich selbst zu regieren.

3. Der Staat überläßt den Arbeitergenossenschaften den ganzen Bergbau mitsamt der

Einrichtung. Er bezahlt der Arbeitergenossenschaft einen in öffentlichem Verding ver- einbarten Preis für die geförderten Erzeugnisse und verkauft diese seinerseits wieder,

wie bei 1 und 2, an den Meistbietenden. Ein viertes Verfahren, wonach den Arbeitem auch noch der Verkauf überlassen wird, würde sich nicht empfehlen, weil der Verkaufspreis von zu vielen Umständen beein- flußt wird. Für ganz große Bergwerke mit Tausenden von Arbeitern würde sich Verfahren 1 wohl am besten eignen, für mittlere Betriebe Verfahren 2 und für ganz kleine Betriebe Ver- fahren 3. Der Unterschied zwischen Erlös und Förderkosten würde wieder als Grundrente in die Staatskasse wandern. Für den Verkauf der Erzeugnisse sind zwei Wege zu verfolgen:

1. Fester Preis, jahraus, jahrein, für alle Erzeugnisse, bei denen die Natur der Verhält-

nisse eine unbeschränkte Förderung zuläßt, so daß gewiß ist, daß auch die Nachfrage,

die sich zu dem festen Preis einstellt, stets befriedigt werden kann. Gleichmäßige Be- schaffenheit der Erzeugnisse ist für dieses Verfahren Voraussetzung.

2. Öffentliche Versteigerung; überall dort, wo die Erzeugnisse ungleichmäßig sind

und wo die Förderung sich nicht jeder beliebigen oder möglichen Nachfrage anpassen läßt. Wenn man die Erzeugnisse zu festen Preisen verkaufte, und dabei nicht in der Lage wäre, jede gewünschte Menge zu liefern, so würden sich Wucherspieler (Spekulanten) die Sache zunutze machen. Ist die Beschaffenheit verschieden, so können nur durch öffentliche Versteigerung Beschwerden vermieden werden. Ein Bodenerzeugnis eigener Art bilden die Wasserkräfte, die in vielen Gegenden schon jetzt eine große Rolle spielen und deren Bedeutung mit den Fortschritten der Technik nur wachsen kann. Für größere Kraftwerke, die der Stadt Licht und Kraft für die Straßenbahnen liefern, wäre die Verstaatlichung wohl das einfachste, besonders deshalb, weil der ganze Betrieb solcher Werke seiner Einfachheit wegen sich dazu eignet. Bei kleinen Wasserkräften, die unmittelbar an Industrien angeschlossen sind, wie Mühlen und Sägewerken, wäre der Verkauf der Kraft zu einem einheitlichen, mit den Kohlenpreisen schritthaltenden Preise angezeigt. Etwas mehr Schwierigkeit bietet die Bodenverstaatlichung in der Stadt, vorausgesetzt, daß man einerseits nicht willkürlich verfahren, andererseits dem Staate die volle Rente sichern will. Kommt es nicht genau darauf an, so ist das für den größeren Teil der Stadt London angewandte Pachtverfahren ausreichend. Nach diesem Verfahren ist dem Pächter der Boden zu beliebiger Ausnutzung für eine lange Frist (50 bis 70, in London 99 Jahre) gegen einen jährlichen, im voraus für die ganze Pachtzeit bestimmten Zins gesichert. Die Rechte des Pächters sind veräußerlich und vererblich, so daß auch die auf dem Boden errichteten Häuser verkauft werden können. Steigt nun im Laufe der Zeit (und in 100 Jahren kann sich manches ändern) die Grundrente, so hat der Pächter den Gewinn (der, wie das in London der Fall ist, sehr groß sein kann); sinkt die Grundrente, so hat der Pächter den Verlust zu tragen (der ebenfalls sehr groß sein kann). Da die auf dem Boden errichteten Häuser gleichzeitig als Pfandstücke für die richtige Bezahlung des

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Pachtzinses dienen, so kann der Pächter dem Verluste nicht entrinnen; der volle Miets- ertrag der Häuser dient dem Grundbesitzer als Sicherheit. Wie wir aber an der Geschichte Babylons, Roms, Venedigs ersehen, ist die Geschichte

der Städte sehr wechselvoll, und es gehört oft nicht viel dazu, um einer Stadt den Lebens- nerv abzuschneiden. Die Entdeckung des Seeweges nach Indien brachte Venedig, Genua, Nürnberg zu Fall und lenkte den Verkehr nach Lissabon; mit der Eröffnung des Suez- kanals ist Genua wieder neu erstanden. Ähnlich wird es wohl auch Konstantinopel mit der Eröffnung der Bagdadbahn ergehen. Auch das muß hier wieder berücksichtigt werden, daß unsere heutigen Währungs- gesetze niemanden dagegen schützen, daß nicht morgen auf Betreiben der Beteiligten eine auf fallende Preise gerichtete Währungspolitik getrieben wird, wie das ja schon einmal 1873 geschehen ist, wo man dem Silber das Prägerecht entzog. Die Möglichkeit ist also heute gesetzlich nicht ausgeschlossen, daß morgen auf Wunsch derselben Leute wie damals, auch dem Golde das freie Prägerecht entzogen und dann das Angebot von Gold so beschränkt wird, daß alle Preise um 50 % fallen und das Vermögen der Privat- und Staatsgläubiger um 100 % auf Kosten der Schuldner vermehrt wird. In Österreich hat man das mit dem Papiergeld, in Indien mit dem Silbergeld getan, warum sollte man dasselbe Kunststück nicht auch wieder einmal mit dem Golde versuchen? Also irgendeine Gewähr dafür, daß die Grundrenten die der Pachtung zugrunde gelegte Höhe während der ganzen Pachtzeit beibehalten werden, ist nicht vorhanden. Durch den Einfluß der Politik und tausendfältiger wirtschaftlicher Umstände, wozu noch die Wahrscheinlichkeit tritt, daß die jetzige Landflucht mit der Bodenverstaatlichung sich in eine Stadtflucht verwandelt, wird in jede langfristige Pachtung ein erhebliches Wagnis getragen, und diese Verlustgefahr muß der Verpächter, hier also der Staat, in Form eines erheblich herabgesetzten Pachtzinses bezahlen. Dann ist auch die Frage zu beantworten, was nach Ablauf der Pacht aus den Gebäuden wird. Fallen dem Staate vertragsmäßig die Gebäude unentgeltlich zu, dann wird vom Pächter der Bau von vornherein auf eine die Pachtzeit nicht übersteigende Dauerhaftig- keit berechnet, so daß der Staat in den meisten Fällen die Gebäude auf Abbruch wird verkaufen müssen. Es hat ja auch Vorteile, wenn die Häuser nicht für die Ewigkeit gebaut werden, denn bei jedem Umbau können die Fortschritte der Bautechnik berücksichtigt werden, aber die Nachteile überwiegen doch stark, wie das bei den französischen Eisen· bahnen der Fall ist. Dort ist auch das Eisenbahngelände vom Staate an Privatgesell- schaften auf 99 Jahre verpachtet worden mit der Bedingung, daß nach Ablauf des Ver- trages das Ganze kostenlos an den Staat zurückfallen soll. Aber auf diesen Umstand sind nun alle Bahnbauten, wie auch die Instandhaltung, zugespitzt. Man will dem Staate nicht mehr als gerade nötig überlassen, sozusagen einen Greis in den letzten Zügen, altes, verbrauchtes, ausgeleiertes Gerümpel, Trümmer. Und so kommt es, daß infolge dieses leichtsinnigen Vertrages die französischen Eisenbahnen allgemein einen verwahr- losten Eindruck machen - und das jetzt schon, lange vor Ablauf des Vertrages. Ähnlich würde es sicherlich auch ergehen, wenn die Baustellen unter der Bedingung verpachtet würden, daß nach Ablauf des Vertrages die Gebäude dem Staate zufallen. Besser schon wäre die Bedingung, daß die Gebäude abgeschätzt und vom Staate bezahlt würden. Aber wie soll die Abschätzung erfolgen? Diese kann von zwei Gesichtspunkten aus geschehen:

1. nach der wirtschaftlichen Brauchbarkeit (Bauplan, Anlage);

2. nach den Baukosten.

Will man ohne Rücksicht auf Brauchbarkeit die Entschädigung einfach nach den Bau- kosten und dem baulichen Zustand berechnen, so würde der Staat manches nutzlose, verpfuschte Gebäude teuer bezahlen müssen, um es dann abreißen zu lassen. Die Bau- meister würden unüberlegte, leichtsinnige Pläne entwerfen, wohl wissend, daß, wie auch der Bau ausfällt, der Staat die Kosten zahlen wird. Wenn man jedoch von den Bau- kosten absieht und andere Erwägungen bei der Abschätzung zuläßt, so müßten auch die Baupläne dem Staate zur Genehmigung vorgelegt werden. Das führt jedoch wieder zur Beamtenwirtschaft, zur Bevormundung, zu gedankenlosem Tun. Darum scheint mir das Verfahren am vorteilhaftesten, wonach die Baustellen auf unbeschränkte Zeit verpachtet werden, und zwar nicht zu einer für alle Ewigkeit im voraus berechneten Pacht, sondern zu einer in regelmäßigen Abständen von 3, 5 bis 10 Jahren von Staats wegen vorgenommenen Grundrentenschätzung. So wäre das Wagnis der Bauunternehmer in bezug auf den Pachtertrag gleich Null, und der Staat würde die volle Rente einheimsen, ohne sich um die Gebäude weiter kümmern zu müssen. Die ganze Sorge um die beste Ausnutzung des Baugeländes würde auf denen ruhen, die es angeht, auf den Bauunter-

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nehmern. Auf völlige Genauigkeit bei der Schätzung der Grundrente und des Pacht- zinses kann man natürlich nicht rechnen. Man würde jedoch den Pachtzins immer so berechnen können, daß der Unternehmer seine Betätigungslust an der Sache nicht ver- liert und auch der Staat nicht zu kurz kommt. Für die Ermittlung der Grundrente in den verschiedenen Stadtteilen wäre es angezeigt, wenn der Staat in jedem Stadtviertel ein Miethaus für eigene Rechnung errichtete, nach einem auf den höchsten Mietsertrag berechneten Bauplan. Von den eingehenden Miets- beträgen würde man den Zins der Baukosten (solange Zins bezahlt wird), die Instand- haltung, die nötigen Abschreibungen, die Feuerversicherung usw. abrechnen und den Rest als Normalgrundrente von allen anderen Grundstücken derselben Straße (oder glei- cher Lage) als Pachtzins erheben. Rechnerisch genau wäre natürlich auch so die Grundrente nicht zu ermitteln, da manches hier auf den Bauplan des Mustermietshauses ankäme. Dieser Bauplan müßte darum als Musterplan immer besonders sorgfältig angelegt werden; aber wie er auch ausfallen würde, Grund zur Klage von seiten der Bauunternehmer könnte er nicht geben, da etwaige Mängel dieses Planes nur einen Minderertrag der Miete herbeiführen könnten. Dieser Minderertrag würde aber unmittelbar auf die Grundrente des Musterhauses drücken und so in einem entsprechend niedrigeren Pachtzins für sämtliche Grundstücke wieder zum Vorschein kommen. Durch dieses Verfahren würde der eigene Vorteil der Bauunternehmer immer aufs engste mit dem guten baulichen Zustand ihrer Häuser, mit wohlüberlegten Bauplänen verknüpft sein - denn jeder Vorzug ihrer Häuser gegenüber dem Mustermietshause würde ihnen persönlich zugute kommen. Zu erwähnen ist noch, daß der Zinsfuß des Baukapitals, der der Berechnung des Anteils der Grundrente an dem Mietzins zugrunde gelegt wird, das Wichtigste an der ganzen Sache ist, und daß man sich im voraus, d. h. vor Unterzeichnung der Pachtverträge, darüber wird einigen müssen, nach welchen Verfahren dieser Zinsfuß jedesmal ermittelt werden soll.

Denn ob man das Baukapital mit 4, 3 1/2 oder 3 % verzinst, ist doch für die Berechnung der Grundrente sehr wesentlich.

Ist z. B. das Baukapital 200 000 M., der und der Zinsfuß 4%, so ist der und die Grundrente, d. h. die zu zahlende Pacht

Bei 3% würden nur 6000 M. vom Mietsertrag abgehen, was den Pachtzins bis auf

14 000 M. erhöhen würde, ein Abstand, der, wenn er nicht auf eine unanfechtbare, ver- tragsmäßige Grundlage sich stützt, ein Entrüstungsgeschrei verursachen würde. Für die Stadt Berlin z. B. würde die Anwendung eines Zinsfußes von 3% statt eines solchen von 4% schon einen Unterschied in der Pachtberechnung von 20 Millionen wenigstens aus- machen. Es ist also klar, daß man in dieser Beziehung nichts der Willkür überlassen kann. Im folgenden, dem Freigeld gewidmeten Teil, werde ich das Verfahren für die Ermitt- lung des reinen Kapitalzinses eingehend besprechen, und ich verweise hier darauf. Unab- hängig davon möchte ich aber hier den Vorschlag machen, als Zinsfuß für das Gebäude- kapital den Durchschnittsertrag aller an der Börse gehandelten einheimischen Industrie- papiere zu nehmen. Dadurch würde dem Baukapital der Durchschnittsertrag des Industrie- kapitals gesichert, was die Bauindustrie von jedem Wagnis befreien und diesem Zweige der Industrie zum Wohle der Mieter große Kapitalien zuführen würde. Denn jeder, der eine sichere Anlage vorzieht, würde sein Geld in Häusern anlegen, die ihm immer den Durch- schnittsertrag einbringen würden. Dieser Zinsfuß würde natürlich nur bei Berechnung der Grundrente des Mustermiets- hauses angewandt werden. Das Mustermietshaus von 500 Geviertmeter Grundfläche hat an Miete ein-

gebracht

Das Baugeld beträgt nach den üblichen Abschreibungen 200 000 M. Der

Durchschnittszinsfuß der Börsenpapiere war

Von der Miete gehen also als Zins des Baugeldes ab somit bleibt als Grundrente 20 000- 6500 =

oder 13 500: 500= 27 M. für das Geviertmeter. In groben Umrissen und ohne auf die Abweichungen einzugehen, die nur die Erfahrung vorschreiben kann, erhalten wir als Muster eines Pachtvertrages zwischen Staat und Bau- unternehmer folgendes:

1. Der Staat übergibt dem Bauunternehmer das Grundstück Nr.12 der Claudiusstraße in Erbpacht.

20 000 M. 8 000 M. 12 000 M.

20 000 M.

6 500 M.

13 500 M.

3,25%

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2. Die Pacht wird berechnet nach der für das in der gleichen Straße befindliche Muster-

mietshaus ermittelten Grundrente.

3. Als Grundrente für dieses Mustermietshaus wird angesehen: der in öffentlicher Pacht-

versteigerung erzielte Mietzins, abzüglich x Prozent Abschreibungen, Instandhaltungen und Versicherungen und abzüglich Zins des Baugeldes.

4. Als Zinsfuß für das Baukapital wird der jährliche Durchschnittsertrag der an der Ber-

liner Börse gehandelten Industriepapiere angenommen werden.

(1) Vom Dorf Thommen in der Eifel, das besonders viel Gemeindeland hat, heißt es in dortiger Gegend: "Wu die heischisch Lüt herkommen." (Heischende Leute = Bettler.)

2.4. Wie die Bodenverstaatlichung wirkt

Nicht erst dann, wenn der letzte Schuldschein der Bodenverstaatlichungsanleihe ein- gelöst und verbrannt sein wird, werden sich die Wirkungen der Bodenverstaatlichung zeigen, sondern gleich vom Tage an, wo die Enteignung gesetzlich beschlossen wird. Und zwar in erster Linie in der Volksvertretung, in der Politik. Ähnlich, wie es beim Turmbau in Babel zuging, werden sich die Volksvertreter nicht mehr verstehen, ja sie werden sich selbst nicht mehr wiedererkennen; sie werden als ganz andere Menschen, mit ganz neuen Hochzielen nach Hause zurückkehren. Das, was sie bis- her vertraten, was sie verteidigten oder angriffen, wofür sie tausend neue gewichtige oder auch frevelhaft leichtsinnige Gründe zusammengetragen hatten, besteht nicht mehr. Wie durch Zauberschlag hat sich das wüste Schlachtfeld in einen Friedhof verwandelt. Die Privatgrundrente besteht nicht mehr; und was waren Reichs- und Landtag anderes als eine Börse, wo auf Steigen und Fallen der Grundrente Wucherspiel getrieben und gewühlt wurde. Eine Animierkneipe für höhere Zölle nannte es jemand, der dabei war! Es ist Tat- sache, daß in den Parlamentsverhandlungen der letzten Jahre sich alles fast ausschließlich mittel- und unmittelbar um die Grundrente drehte. Die Grundrente bildet den Standpunkt, von dem aus sich die Regierung auf dem Gebiete der Gesetzgebung die Richtung für ihr Handeln sucht; die Grundrente ist der Pol; um welchen alle Gedanken der Regierungsmänner sich drehen, sowohl hier, wie überall in der Welt. Ob bewußt oder unbewußt, bleibt sich gleich. Ist die Grundrente gesichert, dann ist alles in Ordnung. Die langen und wüsten Verhandlungen bei Beratung der Kornzölle drehten sich um die Grundrente. Bei den Handelsverträgen waren es die Belange der Grundrentner, die allein Schwierigkeiten bereiteten. Bei den langwierigen Verhandlungen um den Mittellandkanal war wieder allein der Widerstand der Grundrentner zu überwinden. Alle die kleinen, so selbstverständlichen Freiheiten, deren man sich heute erfreut, wie z. B. die Freizügigkeit, die Abschaffung der Leibeigenschaft und Sklaverei, mußten gegen die Grundrentner erkämpft werden, und zwar mit den Waffen. Denn zu Kartätschen griffen die Grundrent- ner, um ihre Belange zu verteidigen. In Nordamerika war der lange, mörderische Bürger- krieg nur ein Kampf gegen die Grundrentner. Der Widerstand auf allen Gebieten geht zielbewußt von den Grundrentnern aus; ja, wenn es von den Grundrentnern abhinge, so wären Freizügigkeit und allgemeines Wahlrecht schon längst zum Besten der Grund- rente geopfert worden. Volksschule, Hochschule, Kirche wurden schon bei ihrer Grün- dung dem Gedeihen der Grundrente untergeordnet. Das alles hört nun mit einem Schlage auf. Wie Schnee wird die Politik der Grundeigen- tümer an der Sonne der Bodenbefreiung vergehen, verdampfen, versinken. Mit der Privat- grundrente verschwindet jedes auf Geldvorteile gerichtete politische Bestreben; im Parla- ment wird sich niemand mehr die Taschen füllen können. Politik aber, die nicht mehr von Sonderbestrebungen geleitet wird, vielmehr allein von der höheren Warte des öffentlichen Wohls, ist keine Politik mehr, sondern angewandte Wissenschaft. Die Volksvertreter wer- den sich also in alle Staatsangelegenheiten wissenschaftlich vertiefen und eine Arbeits- weise sich aneignen müssen, bei der alle Leidenschaften schweigen, und wo man mit nüchternem Sinne den nüchternen Beratungsstoff mit Hilfe der Statistik und Mathe- matik prüfen wird. Doch nicht allein die Politik der Grundeigentümer ist erschöpft, sondern auch die ihrer Gegner. Wozu sandte man denn die Sozialisten, die Freisinnigen und die Demokraten in den Reichstag? Damit sie das Wohl des Volkes gegen die räuberischen Gelüste der

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Grundrentnet schützen sollten! Die Verteidiger werden aber überflüssig, sowie die An- greifer verschwinden. Das ganze liberale Parteiprogramm ist mit der Bodenbefreiung als etwas völlig Selbstverständliches erledigt. Es denkt niemand mehr daran, dieses Programm anzutasten, überhaupt noch zu prüfen und zu benörgeln. Jedermann ist und denkt selbst- verständlich freiheitlich. Welchen Sondervorteil könnte der einzelne auch noch von der Politik erwarten? Was war Reaktion, was war das konservative Parteiprogramm? Grund- rente, weiter nichts als Grundrente war es. Selbst die rückschrittlichen Agrarier von gestern denken nun freiheitlich, fortschrittlich. Es waren doch Menschen wie alle anderen, weder besser noch schlechter; sie waren auf ihren Vorteil erpicht, wie jeder anständige Mensch es ist. Sie waren keine besondere Rasse. Einig waren sie nur durch das gleiche, materielle Interesse. Allerdings ein starker Kitt. Mit der Bodenverstaatlichung geht die ganze Klasse in der Allgemeinheit auf. Ja die Junker von gestern sind sogar freiheitlich gesinnt, denn was ist ein Graf ohne Land? Grundeigentum und Adelsherrschaft (Aristokratie, was man heute so nennt) sind ein und dasselbe. Jedem Aristokraten kann man an den Gesichtszügen ablesen, wieviel Hektar Land er besitzt, wieviel Rente sein Land abwirft. Also, was sollen die Politiker noch im Reichstag? Es ist ja alles so einfach, so selbst- verständlich geworden, seitdem die Grundrente nicht mehr jede Neuerung behindert. Der Entwicklung die Bahn frei! Das war der Ruf des Freisinns. Und jetzt ist sie frei. Nir- gends stößt die Gesetzgebung noch mit dem Sondervorteil zusammen. Zwar besteht das bewegliche Kapital weiter, und dieses hat mit der Umwandlung des Grundkapitals in Staatsschulden (Mobilkapital) sogar um mehrere hundert Milliarden zugenommen. Aber das bewegliche Kapital unterliegt, weil ausfuhrfähig und der ganzen Welt zugänglich, ganz anderen Gesetzen als das Grundkapital. Politik ist dem beweglichen Kapital (Fahrhabe) nutzlos. (Dieser Satz wird im folgenden Teil weiter begründet werden.) Außerdem muß das bewegliche Kapital, schon um dem Wettbewerb des Auslandes standzuhalten, den Fort- schritt nach jeder Richtung fördern, und dies zwingt es, mag es wollen oder nicht, in die Bahn der Freiheit. Nach Beseitigung der Privatgrundrente werden Land und Stadt politisch nicht mehr getrennte Wege gehen, sondern vereint den gleichen Zielen zustreben. Wollte man z. B. die Landwirtschaft durch irgendeine Entwicklung einseitig begünstigen, so würden die Arbeiter von der Industrie zur Landwirtschaft übergehen bei den öffentlichen Verpach- tungen den Pachtzins jenen Vorteilen entsprechend in die Höhe treiben und so das Gleich- gewicht zwischen dem Ertrag der Arbeit in Industrie und Landwirtschaft wiederherstellen. Und umgekehrt natürlich. Der Boden stände eben jedermann zu völlig gleichen Bedin- gungen zur Verfügung. Es ist darum vollkommen ausgeschlossen, daß nach der Boden- verstaatlichung die Landwirtschaft durch Verfolgung ihrer Ziele noch in Gegensatz zur Industrie treten kann. Landwirtschaft und Industrie werden durch die Bodenverstaat- lichung erst zu einer gleichartigen wirtschaftlichen und politischen Masse verschmolzen werden. Eine überwältigende Mehrheit, mit der alles, gegen die nichts erreicht werden kann. Es würde zu weit führen, hier die Wirkung der Bodenverstaatlichung auf politischem Gebiete bis in die äußersten Folgerungen zu erörtern. Ich muß mich hier auf diese groben Umrisse beschränken. Sie genügen übrigens um zu zeigen, daß mit der Bodenverstaatli- chung die heutige Parteipolitik wesenlos, ja, daß die Politik nach heutigen Begriffen über- haupt erledigt wird. Politik und Grundrente sind eins. Zwar wird damit die Volksvertre- tung nicht überflüssig, aber sie wird von jetzt ab ganz andere Aufgaben zu lösen haben - Aufgaben, bei denen eigensüchtige Sonderbestrebungen einzelner völlig ausgeschlossen sein werden. Es werden wissenschaftliche Tagungen abgehalten werden, und statt daß man Vertreter in das Volkshaus schickt, die über alles und jedes zu urteilen haben und sich auch ein Urteil über alles erlauben, wird man Fachmänner für jede einzelne Frage entsenden. Auf diese Weise erhalten dann alle Fragen eine fachgemäße, wissenschaftliche Behandlung. Was wird nicht heute alles vom Volksvertreter verlangt! Er soll über Heer und Flotte, über Schule, Religion, Kunst und Wissenschaft, über Heilkunde (Impfzwang), Handel, Eisenbahnen, Post, Jagd, Landwirtschaft usw. usw., kurz, über alles und jedes recht- sprechen. Sogar über die Währungsfrage, wahrhaftig über die Währungsfrage, haben diese Allweisen entscheiden müssen (Goldwährung), obschon mehr als 99% unter ihnen keine blasse Ahnung davon haben, was das Geld ist, was es sein soll und sein könnte. Kann man da diesen geplagten Wesen einen Vorwurf daraus machen, daß sie schließlich in keiner Frage zu vertiefter Erkenntnis gelangen? (1) Diese seltsamen Gestalten werden nun mit der Bodenverstaatlichung verschwinden. "Mädchen für alles" wird das Volk zu den Beratungen nicht mehr entsenden, sondern Fachmänner, deren gesetzgeberische Vollmachten auf ihr Fach, und die besondere, zur

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Verhandlung stehende Frage beschränkt bleiben. Mit der jeweiligen Frage ist auch die Vollmacht erledigt. Ebenso tiefgreifend wie in politischer Beziehung wird die Bodenverstaatlichung das allgemeine Verhältnis der Volksgenossen zueinander beeinflussen, und zwar auch dies gleich vom Tage der Enteignung an. Das Bewußtsein, daß nun jeder dem vaterländischen Boden gegenüber völlig gleich- berechtigt ist, wird jeden mit Stolz erfüllen und schon in seinem Äußeren einen Ausdruck finden. Jeder wird den Nacken steifhalten, selbst den Staatsbeamten wird der Mut zum Widerspruch nicht fehlen; wissen sie doch alle, daß sie im Boden einen Rückhalt haben, eine treue Mutter, die allen, die da draußen Schiffbruch leiden, eine Zuflucht gewährt. Denn der Boden wird allen, allen ohne Ausnahme, immer unter völlig gleichen Bedingun- gen zur Verfügung stehen, dem Armen wie dem Reichen, Männern wie Frauen, jedem, der den Boden bearbeiten kann. Man wird hier wohl einwenden, daß auch heute die Gelegenheit nicht fehlt, Boden zu pachten und zu bebauen, jedoch darf man nicht vergessen, daß die Grundrente heute in die Privattaschen fließt und daß dadurch jeder unmenschlich viel und schwer arbeiten muß, nur um sein Brot zu verdienen. Mit Eintritt der Bodenverstaatlichung wandert die Grund- rente in die Staatskasse und kommt so unmittelbar einem jeden in den Staatsleistungen zugute. Dadurch wird aber die Arbeit weniger, die jeder für seinen Lebensunterhalt leisten muß. Statt 10 ha zu bebauen, werden 6 oder 7 genügen, so daß mancher in der Stadtluft ge- schwächte Beamte als Bauer sein Brot wird verdienen können. Dies wird natürlich noch viel mehr der Fall sein, wenn wir mit der Einführung des Freigeldes auch noch den Kapital- zins beseitigt haben werden. Dann werden 4 ha genügen, wo jetzt 10 bebaut werden müssen, nur um das Leben zu fristen. Diese wirtschaftliche Kraft und Selbständigkeit wird natürlich den gesamten Verkehr der Menschen umgestalten; die Sitten, Gebräuche, Redewendungen, die Gesinnung werden edler, freier werden. · Nach Beseitigung der Privatgrundrente, und noch mehr nach Beseitigung des Zinses, wird jede gesunde Frau imstande sein, ihr Brot und das ihrer Kinder in der Landwirtschaft zu verdienen. Wenn hierzu 3 ha statt 10 genügen, dann genügt auch die Kraft einer Frau, wo man heute eine volle Manneskraft benötigt. Ob die Rückkehr der Frau zur Landwirt- schaft nicht der "Frauenfrage" die glücklichste Lösung geben würde? Die deutsche Freiland-Freigeld-Bewegung (Physiokratie) sucht dem Gedanken Eingang zu verschaffen, den Müttern für die Mehrbelastung, die ihnen durch die Aufzucht der Kinder zufällt, eine Staatsrente auszusetzen, die dem entspricht, was die Bodennutzungen dem Naturweib sind. Für diese Mutterrenten soll die Grundrente herangezogen werden, statt daß man diese, wie von Henry George vorgeschlagen wurde, für die Beseitigung der Steuern benutzt. Vieles spricht für diesen Vorschlag. Zunächst der Umstand, daß die Grundrente letzten Endes ja überhaupt als Verdienst der Mütter zu betrachten ist, insofern als die Mütter die für die Grundrente nötige Volksdichtigkeit überhaupt erst schaffen. Soll jeder das Seine erhalten (suum cuique), so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Mütter das meiste An- recht auf die Grundrente haben. Zu demselben Ergebnis kommt man, wenn man das Naturweib, das wie eine Königin über die Natur ringsum verfügt, mit unseren armseligen Fabrikarbeiterinnen vergleicht. Dann sieht man, daß den Müttern die Grundrente heute geradezu gestohlen wird. Es gibt wahrhaftig unter den Naturvölkern Asiens, Afrikas, Amerikas keine Mutter, die wirtschaftlich so aller Hilfsmittel entblößt ist wie die Prole- tarierinnen Europas. Dem Naturweib gehört die ganze Umgebung. Das Holz für ihr Haus nimmt sie, wo sie es findet; den Bauplatz wählt sie sich selbst. Ihre Hühner, Gänse, Ziegen, Rinder weiden um die Hütte herum. Der Hund bewacht das Nesthäkchen. Aus dem Bache zieht der Bub die tägliche Forelle. Im Garten säen und ernten die größeren Kinder, andere kommen mit Holz und Beerenobst beladen aus dem Walde, die Älteste bringt aus dem Gebirge den erlegten Bock. Und an die Stelle all dieser Naturgeschenke haben wir den Rentner, ein dickes, faules, unschönes Geschöpf gesetzt. Man braucht sich also nur in die Lage einer schwangeren Proletarierin zu versetzen, die von der ganzen Natur ringsum nichts hat, wo sie ihr Kind hinlegen kann, um zu erkennen, daß, wenn es schon einmal in der jetzigen Volkswirtschaft nicht ohne Abgrenzungen und Grundrenten geht - diese Grundrente dann unverküzt den Müttern zusteht:

Nach Berechnungen, die allerdings auf unsicheren Unterlagen beruhen, würden etwa 40 M. monatlich für jedes Kind unter 15 Jahren aus der Grundrente verteilt werden können. Mit dieser Unterstützung einerseits und mit der Entlastung vom Kapitalzins andrerseits, wird jede Frau imstande sein, auf dem Lande ihre Kinder groß zu ziehen, ohne

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unbedingt auf Geldbeiträge des Mannes angewiesen zu sein. Wirtschaftliche Rücksichten könnten die Frauen nicht mehr brechen. In allen geschlechtlichen Fragen würden ihre Neigungen, Wünsche und Triebe entscheiden. Bei der Gattenwahl würden die geistigen, körperlichen, die vererbungsfähigcn Vorzüge statt des Geldsackes den Ausschlag geben. So kämen die Frauen wieder zu ihrem Wahlrecht, und zwar nicht zum wesenlosen politi- schen Wahlrecht, sondern zum großen Zuchtwahlrecht. - · Nach der Bodenverstaatlichung wird jeder über das gesamte Deutsche Reich, und, wenn sie allgemein eingeführt wird, über die ganze Welt verfügen. Verglichen damit sind die jetzigen Könige die reinen Bettler. Jedes neugeborene Kind, ob ehelich oder unehelieh, wird 540 932 Geviertkilometer, 54 Millionen ha Land zu seiner Verfügung haben. Und jeder wird freizügig, keiner mehr wie die Pflanze an die Scholle gebunden sein. Jeder, dem die heimatliche Luft nicht zusagt, dem die Gesellschaft nicht gefällt, der aus irgendeinem Grunde einen Platzwechsel wünscht, löst seinen Pachtvertrag und zieht fort. Dadurch werden die verschiedenen deutschen Stämme, die, wie zur Zeit der Leibeigenschaft, an der Scholle kleben und von der schönen Welt nie etwas anderes als ihren Kirchturm sehen, in Bewegung geraten und neue Sitten, neue Arbeitsverfahren, neue Gedanken ken- nenlernen. Die verschiedenen Stämme werden sich kennenlernen und auch einsehen, daß keiner besser als der andere ist, daß wir allesamt nur eine schmutzige, lasterhafte Ge- sellschaft gebildet haben. Und da, wie bekannt, man sich des Lasters in der Regel vor Fremden mehr schämt, als in der Heimat vor Bekannten und Verwandten, so ist anzu- nehmen, daß der Verkehr mit Fremden die Sitten strenger und reiner machen wi rd. Aber die Bodenverstaatlichung dringt umgestaltend in das innerste Wesen des Menschen:

den gemeinen Knechtssinn, der aus der Zeit der Leibeigenschaft noch dem Menschen anhaftet (dem Herren nicht weniger als dem Knechte), weil das Sondereigentum am Boden, diese Grundlage der Leibeigenschaft, noch fortbesteht, diesen knechtischen Sinn wird der Mensch mit dem Privatgrundbesitz endgültig abschütteln; er wird sich wieder aufrichten wie eine junge Tanne, die, vom niederzwingenden Gewichte des Schnees be- freit, kerzengerade wieder emporschnellt. "Der Mensch ist frei, und wär' er in Ketten geboren". Allen Einflüssen paßt sich der Mensch an, und jeder Schritt auf der Bahn der Anpassung kommt durch Vererbung dem kommenden Geschlechte zugute. Nur in bezug auf die Knechtschaft findet keine Vererbung statt; nicht einmal Narben wird das Privat- grundeigentum in der Gesinnung der Knechte zurücklassen. Von dieser wurzelechten, weil wirtschaftlich begründeten Freiheit, die uns die Boden- verstaatlichung bringt, dürfen wir daher mit Recht alle die Früchte edlerer Gesittung er- warten, die wir bisher umsonst einzuheimsen hofften. Muß der politische Friede im Innern nicht auch nach außen sich bemerkbar machen, wie die Zufriedenheit im inneren Menschen sich in seinen Gesichtszügen widerspiegelt? Der herrische, gemeine, rohe Ton, der sich als natürliche Frucht der gemeinen Gesinnung, die die Grundrente großzieht, in den poli- tischen Verhandlungen einbürgerte, mußte auch unsere auswärtige Politik beeinflussen. Wir sind durch den ewigen Widerstreit der Interessen, den das Privatgrundeigentum mit sich bringt, gewöhnt worden, in jedem Nachbarn, in jedem Nachbarvolk nur Feinde zu sehen, die uns Böses wollen und gegen die wir uns wappnen müssen, wenn es nicht angeht, augen- blicklich über sie herzufallen und sie zu erschlagen. Denn nicht als Menschen und Brüder stehen sich die Völker gegenüber, sondern als Grundeigentümer. Schafft man hüben und drüben das Eigentum am Boden ab, so wird damit der Zankapfel beseitigt. Es bleiben dann an Stelle der Grundrentner nur Menschen, die vom gegenseitigen Verkehr nur Befruch- tung ihrer Berufstätigkeit, ihrer Religion, ihrer Kunst, Gesittung, Gesetzgebung, niemals aber Schaden erwarten können. Nach der Bodenverstaatlichung wird niemand mehr durch die Höhe der Grundrente berührt, und wenn das in allen Nachbarländern der Fall ist, wer würde sich dann noch um Grenzzölle kümmern, die den Verkehr der Völker verpesten, Zwietracht stiften, zu Abwehrmaßnahmen führen und alle Beziehungen so verwirren, daß sich die Völker nicht anders als durch Pulver und Blei wieder Luft machen können? Mit der Bodenverstaatlichung und noch mehr durch die im 4. Teil dieses Buches dargestellte Freigeld-Einführung bürgert sich der Freihandel von selbst ein. Lassen wir den vollen Freihandel nur einige Jahrzehnte sich frei entwickeln und entfalten, und wir werden bald sehen, wie innig das Wohl der Völker mit der Förderung und Aufrechterhaltung dieses Handels verknüpft ist, mit welcher Liebe gute Beziehungen zu den Nachbarvölkern vom ganzen Volke gepflegt werden, wie die Familien hüben und drüben durch Bande der Blutsverwandtschaft fest aneinander gekettet werden, wie die Freundschaft zwischen Künstlern, Gelehrten, Arbeitern, Kaufleuten, Geistlichen alle Völker der Welt zu einer ein- zigen, großen Gesellschaft verketten wird, zu einem Völkerbund, den die Zeit und die

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Einzelbestrebungen immer nur inniger und fester schnüren, bis zum Verschmelzen der Teile zusammenschweißen können. Ohne Privatgrundrenten gibt es keinen Krieg mehr, weil es keine Zölle mehr gibt. Die Bodenverstaatlichung bedeutet daher gleichzeitig Weltfreihandel und Weltfriede. Dieser Einfluß von Freiland auf Krieg und Frieden ist übrigens bis jetzt nur oberfläch- lich erforscht worden; es ist noch Neuland. Der Bund deutscher Bodenreformer hat hier nie geschürft. Hier ist Stoff für ein groß angelegtes Werk, dankbarer Stoff. Wer wird sich dieser Aufgabe unterziehen? Gustav Simons, Ernst Frankfurth, Paulus Klüpfel, die sich für diese Arbeit tiefgründig vorbereitet hatten, die auch die richtigen Männer für diese Arbeit waren, hat der Tod mitten aus ihrer Arbeit gerissen. Einen schwachen Umriß dieser zu lösenden Aufgabe habe ich in der Abhandlung "Frei- land, die eherne Forderung des Friedens" zu geben versucht, mit der dieser 2. Teil des Buches eingeleitet ist. In bezug auf das allgemeine Lohngesetz ist nur zu sagen, daß mit der Bodenverstaat- lichung und nach Tilgung der Schuld die gesamten Grundrenten in den Lohnschatz ausgeschüttet werden und daß dann der allgemeine Arbeitsertrag gleich sein wird dem gesamten Arbeitserzeugnis, abzüglich Kapitalzins.

(1) Den Staat könnte man mit Vorteil vollkommen von der Last der Staats-Schulen, Staats-Kirchen, Staats-Universitäten und noch vielem andern Ballast befreien. Dem Staate sind diese Dinge von den Grundrentnern aufgebürdet worden; sie sollen dazu dienen, die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Zankapfel abzulenken.

2.5. Wie läßt sich die Forderung der Bodenverstaatlichung begründen?

Der gesunde Mensch beansprucht die ganze Erdkugel, er betrachtet sie als eins seiner Glieder, als einen untrennbaren Hauptteil seines Körpers, und zwar die ganze Erdkugel, nicht einen Teil davon; und die zu beantwortende Frage ist, wie ein jeder in den Voll- gebrauch dieses Hauptorgans gelangen kann. Teilung der Erde ist ausgeschlossen, denn durch die Teilung erhält jeder nur einen Teil, während er doch das Ganze braucht. Kann man die Ansprüche der einzelnen Fami- lienglieder auf die Suppenschüssel damit befriedigen, daß man diese zerschlägt und jedem eine Scherbe hinwirft? Außerdem müßte bei jedem Begräbnis, bei jeder Geburt die Tei- lung von neuem beginnen, ganz abgesehen davon, daß die Teile durch Lage, Beschaffen- heit, Witterungsverhältnisse usw. sämtlich verschieden sind und darum niemand zufrieden- gestellt werden kann. Denn während der eine seinen Teil auf sonniger Höhe haben möchte, sucht der andere die Nähe einer Bierbrauerei auf. Die Teilung (heute in der Regel durch Erbschaft) nimmt jedoch keine Rücksicht auf solche Wünsche, und so muß der Bier- philister täglich von der sonnigen Höhe herunter, um unten im Tale sein Bäuchlein zu füllen, während der andere nach der sonnigen Höhe lechzt und in der Talluft geistig und körperlich verkümmert. Durch die Teilung wird niemand befriedigt, die Teilung kettet den Menschen an die Scholle, besonders wenn, wie das in der Regel der Fall ist, der Austausch der Teile (Um- satz) durch Umsatzsteuern erschwert wird. So möchte mancher wohl aus Gesundheits- rücksichten wegziehen, mancher, der mit der Nachbarschaft verfeindet ist, täte aus Sicherheitsgründen wohl, eine andere Gegend aufzusuchen, aber sein Grundeigentum läßt ihn nicht los. Die Umsatzsteuer beträgt vielerorts in Deutschland 1-2-3 vom Hundert, im Elsaß gar 5%. Bedenkt man, daß in der Regel die Grundstücke zu 3/4 belastet sind, so bilden die 5% Umsatzsteuer schon 20% der Anzahlung oder des Vermögens des Käufers. Wenn also jemand nur fünfmal seinen Platz wechselt - was für die gute Entwicklung des Menschen durchaus nicht zu viel ist -, so löst sich sein ganzes Bodenkapital in Steuern auf. Mit der Wertzuwachssteuer der Bodenreformer; die nur beim Umsatz erhoben wird, verschlim- mert man noch die Sache. Für junge Landwirte ist der hohe Norden vortrefflich; mit dem Alter, wenn der Stoff- wechsel träger wird, ist ein gemäßigter Himmelsstrich manchmal vorzuziehen, während ganz alte Leute in warmen Ländern sich am wohlsten fühlen. - Wie soll man nun mittels

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Teilung all diesen und tausend anderen Wünschen gerecht werden? Soll jeder seinen Acker als Gepäckstück herumschleppen? Sollen sie ihr Teil hier verkaufen, um es dort wieder zu kaufen? Was das bedeuten würde, weiß jeder, der dem Grundstückshandel nicht unausgesetzte Aufmerksamkeit schenken kann, aber durch die Verhältnisse ge- zwungen wird, seinen Platz mehrmals zu veräußern. Es geht ihm, wie dem Bauer, der eine Kuh zu Markte führte und nach einer Reihe von Tauschgeschäften schließlich einen Kanarienvogel heimbrachte. Darum muß gewöhnlich der Grundeigentümer für den Ver- kauf "die Gelegenheit abwarten". Aber während er hier die Gelegenheit für den Verkauf, und dann dort wieder die Gelegenheit für den Kauf abwartet, vergeht die Zeit, so daß er gewöhnlich auf die Vorteile; die er vom Ortswechsel erwartet, verzichten muß. Wie man- cher Bauer möchte gern in die Nähe der Stadt ziehen, um seinen begabten Kindern den Besuch der Schulen zu ermöglichen, wie mancher möchte die Nähe der Stadt fliehen, um seine Kinder in jungfräulicher Natur großzuziehen! Wie mancher gute Katholik, den sein Erbteil unter die Protestanten verpflanzt hat, sehnt sich zurück in die katholische Ge- meinde. Das Grundeigentum beraubt sie all dieser Genüsse; das Grundeigentum macht aus ihnen Kettenhunde, Leibeigene, Sklaven des Bodens. Und wie mancher; der gern bis an sein Lebensende die Scholle bebauen möchte, auf der schon seit Urzeiten seine Väter den Pflug führten, wird von einem Gläubiger, einem Wucherer, vom Steuervollstrecker vertrieben. Die Eigentumsgesetze verjagen ihn von seinem Eigentum. Und wie mancher, der von seinem Vater sein "Teil" geerbt und seine 9 Geschwister nur durch eine Bodenverpfändung von 90% hat auszahlen können, wird jetzt durch die Zinszahlung erdrosselt. Eine geringe Lohnsteigerung, ein schwacher Rückgang der Grund- rente (der allein schon durch eine Herabsetzung der Schiffsfrachten herbeigeführt werden kann) genügt, um ihm die Möglichkeit zu nehmen, den Zins zu zahlen, genügt, um die ganze Wirtschaft unter den Hammer zu bringen. Die sogenannte Not der Landwirtschaft, in die sämtliche deutschen Grundeigentümer geraten waren, war eine Folge der mit dem Privatgrundeigentum untrennbar verbundenen Erbschaftsverschuldung des Bodens. Der "glückliche Erbe" des Privatgrundeigentums rackert sich ab, er rechnet, schwitzt und kannegießert über Staatssachen - sein Eigentum zieht ihn unnachsichtlich in die Tiefe. Viel schlimmere Folgen noch für die "Teilhaber" hat die Teilung der Erde in Form von gemeinsamem Eigentum (Kollektiveigentum), so wie das Gemeindeeigentum es dar- stellt und die Genossenschaft es erstrebt. Ein Verkauf seines Anteils ist dem einzelnen nicht möglich, und das Verlassen der Gemeinde ist mit dem Verluste des Anteils verknüpft. Die Umsatzsteuer verwandelt sich hier in eine Umzugssteuer von 100 %. Es gibt Gemeinden, die nicht nur keine Steuern erheben, sondern noch bares Geld verteilen. Um nun diese Einnahmen nicht zu verlieren, bleibt mancher in der Gemeinde, trotzdem ihm die klima- tischen, politischen, kirchlichen, geselligen Zustände, die Bier-und Lohnverhältnisse nicht zusagen. Und ich bin überzeugt, daß es nirgends mehr Rechtshändel, Zank und Mord- taten gibt, daß nirgends unglücklichere Leute leben müssen, als gerade in solchen reichen Gemeinden. Auch bin ich überzeugt, daß die Lohnverhältnisse in solchen Gemeinden schlechter als anderswo sein müssen, weil die für den Erfolg der Gewerbetätigkeit so nötige und von den persönlichen Fähigkeiten bestimmte, freie Berufswahl durch die hier ge- hemmte Freizügigkeit ganz außerordentlich beschränkt wird. Jeder ist hier auf die Industrie angewiesen, die sich am Orte hat entwickeln können, und während der eine vielleicht als Mann der Wissenschaft oder Tanzlehrer in der Welt sein Glück gemacht hätte, muß er hier, weil er seine Gemeinderechte nicht verlieren will, als Holzhacker sein Leben fristen. Auf die gleichen Nachteile der "Teilung der Erde" nur noch im Verhältnis wachsend, stoßen wir, wenn wir die Erde unter die einzelnen Völker verteilen. Keinem Volke genügt der ihm angewiesene Teil, keinem Volke kann dieser Teil genügen, muß doch zu seiner gedeihlichen Entwicklung jedes Volk wie jeder einzelne Mensch über die ganze Erdkugel verfügen können. Da nun der Teil nicht genügt, so sucht man durch Eroberung den Besitz zu vergrößern. Aber zur Eroberung gehört kriegerische Kraft, und es ist ein durch die Geschichte der Jahrtausende bestätigtes Gesetz, daß die Macht eines Staates sich nicht dauernd in dem Maße vermehrt, wie sein Gebiet größer wird, sondern im Gegenteil durch stete Eroberungen im Laufe der Zeit sich verringert. Deshalb ist es auch ausge- schlossen, daß alle Völker der Erde jemals durch Eroberung unter eine Herrschaft kommen. Die Eroberung beschränkt sich darum gewöhnlich auf kleine Happen, die dann bei einer anderen Gelegenheit wieder verlorengehen. Was der eine durch die Eroberung gewinnt, verliert der andere; und da dieser andere das gleiche Bedürfnis nach Ausdehnung hat,

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so bereitet er sich auf Rückeroberung vor und lauert auf Gelegenheit, über den Nachbar herzufallen. So hat nun schon so ziemlich jedes Volk versucht, sich durch Eroberung in den ersehn- ten Besitz der Erdkugel zu setzen, immer mit dem gleichen Mißerfolg. Das Schwert wird, wie jedes Hundwerkszeug, stumpf durch den Gebrauch. Und welche Opfer werden diesen kindischen Versuchen immer und immer wieder gebracht. Ströme von Blut, Berge von Leichen, Meere von Geld und Schweiß. Dabei keine Spur eines Erfolges. Die Staaten- karte unserer Erde sieht heute aus wie ein Bettlerrock, geflickt und zerfetzt; neue Grenz- zäune erheben sich alle Tage, und eifersüchtiger denn je bewacht jeder seinen Knochen, seine von den Vätern geerbte Bettelsuppe. Kann man heute noch mit vernünftigen Grün- den hoffen, daß einmal ein Eroberer erstehen wird, der uns alle vereint? Unsinnig wäre eine solche Hoffnung. Die Teilung führt zum Krieg und der Krieg kann nur zusammen- flicken. Die Nähte reißen immer wieder auf. Der Mensch braucht die ganze Erde, die ganze Kugel, keinen zusammengeflickten Fetzen. Und zwar jeder einzelne Mensch, jedes einzelne Volk; und solange diesem Grundbedürfnis des Menschen nicht genügt wird, gibt es Krieg. Mann gegen Mann, Volk gegen Volk, Erdteil gegen Erdteil. Wobei noch zu beachten ist, daß der aus solchen Ursachen entbrannte Krieg stets und regelmäßig das Gegenteil dessen erzeugen muß, was die Kriegführenden bezwecken. Trennung statt der Einigung; Verkleinerung statt Vergrößerung; Abgründe statt Brücken. Es ist ja wahr, daß mancher Spießbürger sich am "gemütlichsten" in einer verräucherten Bierkneipe fühlt, daß er sich unsicher, unbehaglich fühlt oben auf dem Gipfel des Berges. Auch von den Altpreußen erzählt man, daß sie der Vereinigung mit dem Deutschen Reiche nur widerwillig zugestimmt haben; der neue Glanz blendete, die Erdteilung erzeugte eben ein Bettlergeschlecht. Darum: weg mit diesen veralteten, stumpfen Werkzeugen, weg mit den Kanonen, weg mit dem Puppenspiel. Weg mit den Zaunpfählen, mit den Zollgrenzen, ins Feuer mit den Grundbüchern. Keine Teilung und Zertrümmerung der Erdkugel, keine Scherbe. Suum cuique. Jedem das Ganze. Wie kann man nun dieser Forderung, ohne Gütergemeinschaft, ohne weltstaatliche Verbrüderung und ohne Aufhebung der staatlichen Selbständigkeit der einzelnen Volks- haufen genügen? Freiland antwortet auf diese Frage. Wird nun mit der Verwirklichung dieser Forderung nicht schon jedem das ganze, inner- balb der Staatsgrenze gelegene Land zugänglich gemacht und als sein Eigentum erklärt? Erhält nach diesem Verfahren nicht jeder das Land zugewiesen, wonach er sich sehnt, wird nicht hierdurch jeder Wunsch, ja jede Laune und Grille berücksichtigt? Wird das Um- zugsgut durch Freiland nicht um den ganzen Ballast des Grundeigentums erleichtert und die Freizügigkeit nicht nur gesetzlich, sondern auch wirtschaftlich eingeführt? Sehen wir näher zu. - Ein Bauer bewirtschaftet in der norddeutschen Tiefebene einen großen Hof mit seinen Buben. Da jedoch die Söhne nichts von der Landwirtschaft wissen wollen und in die Stadt ziehen, um ein Gewerbe zu betreiben, so wird der Hof zu groß für den Bauer dessen Leistungsfähigkeit überdies durch Alter und Gebrechlichkeit abge- nommen hat. Er möchte also einen kleineren Hof bewirtschaften und dies mit der Erfüllung eines Jugendtraumes verbinden, nämlich auf Bergen zu wohnen. Auch möchte er nicht weit von Frankfurt wohnen, weil sich seine Söhne dort niederließen. Das wäre nun heute eine ziemlich schwierige, für einen Bauer fast unausführbare Sache. Mit Freiland ist die Sache anders. Grundeigentum hat der Mann nicht, er ist also frei, freizügig, wie ein Zugvogel. Selbst den Ablauf seines Pachtvertrages braucht er nicht ab- zuwarten, da er ihn gegen Zahlung einer Buße alle Tage lösen kann. Er bestellt sich also das bebilderte Verzeichnis, das die einzelnen Bezirke regelmäßig über die zur Pacht stehen- den Höfe ausgeben, und merkt sich diejenigen Höfe, die seinen Verhältnissen am besten entsprechen. An Auswahl wird es nicht fehlen, denn rechnen wir mit einer durchschnitt- lichen Pachtdauer von 20 Jahren, so würde von je 20 Höfen jährlich einer frei, oder jährlich etwa 150 000 Höfe, in Durchschnittsgröße von 10 ha - und zwar große und kleine, für alle Verhältnisse im Gebirge, in der Ebene am Rhein, an der Elbe, an der Weichsel, in katholischen und protestantischen Gegenden, in konservativen, liberalen, sozialistischen Kreisen, im Morast, im Sande, am Meer, für Viehzüchter oder Zuckerrübenbauer, im Walde, im Nebel, an frischen Bächen, in verräucherten Industriegegenden, in der Nähe der Stadt, der Brauerei, der Garnison, des Bischofs, der Schule, im französischen und polnischen Sprachgebiet, für Lungenkranke, für Herzleidende, für Starke und Schwache, Alte und Junge - kurz gesagt, eine Auswahl von jährlich 150 000 Höfen, die zu seiner Ver- fügung stehen, die sein Eigentum darstellen, die er nur zu bearbeiten braucht. Wird da nicht jeder sagen können, daß er das ganze Reich besitzt? Was fehlt ihm denn noch zum

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Besitze des Reiches? Mehr als einen Hof kann er doch nicht gleichzeitig bewohnen und besitzen. Denn besitzen heißt darauf sitzen. Auch wenn er ganz allein auf der Erde wäre, müßte er sich doch für einen Platz entschließen. Gewiß man wird ihm eine Pacht abfordern, aber diese Pacht ist die Gegenleistung für die Grundrente, die kein Erzeugnis des Bodens, sondern ein solches der Gesellschaft bildet. Und der Mensch hat ein Recht auf die Erde, nicht auf die Menschen. Wenn also der Bauer die Rente, die er in den Preisen seiner Feldfrüchte von der Gesellschaft erhebt, wieder als Pacht an die gleiche Gesellschaft abträgt, so wirkt er einfach als Rechnungsführer, als Steuerempfänger; sein Recht auf den Boden wird dadurch nicht verkümmert. Er gibt der Gesellschaft zurück, was ihm diese im Preise der Bodenfrüchte über seine Arbeit hinaus bezahlt hatte. Da nun aber der Pächter auch wieder Mitglied der Gesellschaft ist, so kommt auf ihn auch wieder sein Anteil an den Pachtsummen. Er zahlt also tatsächlich auch nicht einmal Pacht; er liefert nur die von ihm eingezogenen Grundrenten zur genauen Verrech- nung an die Gesellschaft ab. Wir müssen also zugeben, daß mit Freiland das Recht jedes Einzelnen auf das ganze deutsche Gebiet in unbeschränkter Form geschützt und verwirklicht wird. Aber mit der deutschen Scherbe ist dem seiner Würde bewußten Menschen nicht ge- nügt. Er fordert das Ganze, die Erdkugel, als sein Eigentum, als ein untrennbates Glied seiner selbst. Auch diese Schwierigkeit löst Freiland. Denken wir uns Freiland auf alle Länder aus- gedehnt; ein Gedanke, der alles Absonderliche verliert, wenn wir überlegen, daß so manche eigenvölkische Einrichtung die Grenzen des Landes überschreitet und sich die ganze Welt erobert. Also angenommen, Freiland sei international eingeführt und durch Verträge dahin ergänzt worden, daß einwandernde Bürger anderer Staaten als gleichberechtigt angesehen werden, was ja schon heute in bezug auf die Gesetze so ziemlich allgemein der Fall ist. Was fehlt dann noch an der Verwirklichung des Rechtes jedes einzelnen Menschen auf den Besitz der ganzen Erdkugel? Die ganze Welt bildet von nun an sein uneinge- schränktes Eigentum: er kann überall, wo es ihm gefällt, sich ansiedeln (heute zwar auch schon, aber nur wenn er Geld hat), und zwar völlig umsonst, denn die Pacht, die er be- zahlt, wird, wie gesagt, nicht eigentlich vom Boden erhoben sondern als Gegenleistung der Grundrente, die er in den Preisen seiner Erzeugnisse von der Gesellschaft erhebt und die ihm in den Staatsleistungen zurückgegeben wird. Also durch Freiland kommt jeder einzelne Mensch in den Besitz der ganzen Erdkugel. Sie gehört ihm; sie ist, wie sein Kopf, sein unbeschränktes Eigentum, sie ist mit ihm ver- wachsen; sie kann ihm nicht auf Grund eines protestierten Wechsels, einer Pfandschuld, einer Gutschrift für einen verkrachten Freund, abgenommen, abgeschnitten werden. Er kann machen, was er will, trinken, an der Börse spielen; sein Eigentum ist unantastbar. Ob er das Erbe seiner Väter mit 12 Geschwistern teilen muß, oder ob er einziges Kind ist - für das Grundeigentum ist das gleichgültig geworden. Ganz unabhängig von seinem Tun und Lassen bleibt die Erde sein Eigentum. Liefert er die im Preise der Ackererzeug- nisse eingezogene Rente nicht an die Gesellschaft ab, so wird man ihn unter Vormund- schaft stellen, aber die Erde bleibt darum nicht weniger sein Eigentum. Durch die Bodenverstaatlichung kommt jedes Kind als Grundeigentümer zur Welt, und zwar hält jedes Kind, ob ehelich oder unehelich geboren, wie das Christuskind zu Prag die Erdkugel in der Hand. Den Schwarzen, den Roten, den Gelben, den Weißen, allen ohne Ausnahme gehört die Erde ungeteilt. Staub bist du, und in Staub wirst du zerfallen. Das scheint wenig, aber man unter- schätze die wirtschaftliche Bedeutung dieses Staubes ja nicht. Denn dieser Staub ist ein Bestandteil der Exde, die jetzt noch den Grundbesitzern gehört. Um zu werden und zu wachsen, brauchst du Bestandteile der Erde; schon ein geringer Fehlbetrag an Eisen in deinem Blut bringt dich um deine Gesundheit. Ohne die Erde und (falls diese den Grund- besitzern gehört) ohne Erlaubnis der Grundbesitzer darf niemand geboren werden. Das ist durchaus keine Übertreibung. Die Untersuchung deiner Asche ergibt gewisse Mengen erdiger Bestandteile, die niemand aus der Luft gewinnen kann. Diese erdigen Bestandteile gehörten einmal der Erde oder ihren Eigentümern, sie sind von diesen gekauft oder ihnen gestohlen worden. Eins von beiden. In Bayern wurde die Erlaubnis zum Heiraten von einem gewissen Einkommen ab- hängig gemacht. Die Erlaubnis zur Geburt wird gesetzlich allen denen versagt, die den Staub nicht bezahlen können, der für den Aufbau ihres Knochengerüstes nötig ist. Ohne Erlaubnis der Grundbesitzer darf aber auch niemand sterben, denn in Staub wirst du zerfallen, und dieser Staub beansprucht Platz auf der Erde; und was nun wenn der Grundbesitzer dir diesen Platz versagt? Wer daher ohne Erlaubnis auf dem Boden eines

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Grundbesitzers stirbt, bestiehlt diesen Besitzer. Wer darum seine Begräbnisstelle nicht bezahlen kann, fährt geradewegs in die Hölle. Darum sagt auch das spanische Sprichwort:

Er hat nicht, wo er zum Sterben hinfallen darf. Und die Bibel: Des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann. Aber zwischen Wiege und Sarg liegt das ganze lange Leben, und das Leben ist ja be- kanntlich ein Verbrennungsvorgang. Der Körper ist ein Ofen, worin eine beständige Hitze erhalten werden muß, wenn der Lebensfunken nicht erlöschen soll. Diese Wärme sucht man innerlich durch Nahrungszufuhr äußerlich durch Kleidung und Wohnung als Schutz gegen Wärmeausstrahlung zu erhalten. Nun gehören aber wieder die Nahrungsmittel, wie auch die Kleiderstoffe und die Baustoffe der Wohnungen zu den Erzeugnissen der Erde, und was nun, wenn die Eigen- tümer dieser Erde dir diese Stoffe verweigern? Ohne die Erlaubnis der Erdbesitzer wird also niemand essen, sich kleiden, überhaupt leben dürfen. Auch das ist durchaus keine Übertreibung. Die Amerikaner versagen den Chinesen die Einwanderung, die Australier weisen von ihren Küsten alle ab, deren Haut nicht hellweiß ist; selbst schiffbrüchige Malaien, die an der australischen Küste Schutz suchten, wurden mitleidlos wieder ausgewiesen. Und wie verfährt bei uns die Polizei mit allen, die nicht über die Mittel verfügen, sich die Güter der Erde zu kaufen? "Du hast nichts, du lebst aber, folglich stiehlst du. Deine Körperwärme, die nur die Frucht eines mit Bodenerzeugnissen unterhaltenen Feuers sein kann, verrät deine Missetat, verrät, daß du stiehlst! Marsch ins Gefängnis!" Darum pflegen ja auch die Handwerksburschen sich einen unantastbaren eisernen Geldfonds zuzulegen; darum stellen sie sich, im Voll- bewußtsein ihrer Schuld, mit den Worten vor: Entschuldigen Sie, ein armer Reisender. Häufig hört man die Redensart: "Der Mensch hat ein natürliches Recht auf die Erde." Das ist aber Unsinn, denn dann könnte man auch sagen, der Mensch habe ein Recht auf seine Glieder. Von "Rechten" sollten wir hier nicht reden, sonst könnte man ja auch sagen, die Tanne habe ein Recht, ihre Wurzeln in die Erde zu senken. Kann der Mensch im Luftballon sein Leben verbringen? Die Erde gehört zum Menschen, sie bildet einen organischen Teil seiner selbst; wir können uns den Menschen ohne die Erde eben- sowenig denken wie ohne Kopf und Magen. Wie der Kopf, so ist auch die Erde ein Teil ein Glied des Menschen. Wo beginnt der Verdauungsvorgang beim Menschen und wo hört er auf? Dieser Vorgang fängt nirgendwo an und hat auch kein Ende, er bildet einen geschlossenen Kreis ohne Anfang und Ende. Die Stoffe, die der Mensch braucht, sind im Rohzustand unverdaulich - sie müssen vorher bearbeitet werden, eine Ver- dauung durchmachen. Und diese Vorarbeit verrichtet nicht der Mund, sondern die Pflanze. Diese sammelt und verwandelt die Stoffe, so daß sie auf ihrem weiteren Weg durch den Verdauungskanal zu Nahrungsstoff werden können. Die Pflanzen mit ihrem Standort in der Erde gehören also ebenso zum Menschen, wie der Mund, die Zähne, der Magen. Jedoch ist dem Menschen nicht, wie der Pflanze, mit einem Teile der Erde gedient; er braucht die ganze Erde, und zwar braucht jeder einzelne Mensch die ganze Erde ungeteilt. In Tälern und auf Inseln wohnende oder durch Mauern und Zölle abge- schlossene Völker verkümmern, sterben aus. Handelsvölker dagegen, die mit allen Er- zeugnissen der Erde ihr Blut würzen, bleiben frisch, vermehren sich und erobern die Welt. Die leiblichen und geistigen Bedürfnisse der Menschen senken ihre Wurzeln in jedes Krümelchen der ganzen Erdrinde; sie umfassen die Erde wie mit Polypenarmen. Alles braucht der Mensch nicht einen Teil. Er braucht die Früchte der heißen und der gemäßigten Zone, wie auch die des hohen Nordens, er braucht für seine Gesundheit die Gebirgs-, See- und Wüstenluft: Zur Geistesauffrischung braucht er den Verkehr und die Erfahrung aller Völker der Erde. Er braucht alles, selbst die Götter der verschiedenen Völker braucht er als Vergleichsgegenstände für seine Religion. Die ganze Erdkugel, so wie sie da im prächtigen Flug um die Sonne kreist, ist ein Teil, ein Organ des Menschen, jedes einzelnen Menschen. Dürfen wir nun gestatten, daß einzelne Menschen Teile dieser Erde, Teile von uns selbst, als ausschließliches und ausschließendes Eigentum in Beschlag nehmen, Zäune errichten und mit Hunden und abgerichteten Sklaven uns von Teilen der Erde abhalten, uns ganze Glieder vom Leibe reißen? Bedeutet ein solches Vorgehen nicht dasselbe, wie eine Verstümmelung an uns selbst? Man wird vielleicht diesen Vergleich nicht gelten lassen wollen, weil das Abschneiden eines Grundstückes nicht mit Blutverlust verbunden ist. Blutverlust! Wäre es doch nur gemeiner Blutverlust! Eine gewöhnliche Wunde heilt; man schneidet ein Ohr, eine Hand

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ab: der Blutstrom versiegt, die Wunde vernarbt. Aber die Wunde, die uns die Ampu- tation eines Grundstückes am Leibe hinterläßt, eitert ewig, vernarbt nie. An jedem Zinszahlungstage springt die Wunde immer wieder auf, und das rote goldene Blut fließt in Strömen ab. Bis aufs Weiße wird da der Mensch geschröpft, blutleer wankt er einher. Das Abschneiden eines Grundstückes von unserem Leibe ist der blutigste aller Eingriffe, er hinterläßt eine jauchige, klaffende Wunde, die nur unter der Bedingung heilen kann, daß das geraubte Glied wieder angesetzt wird. Aber wie? Ist nicht die Erde schon zerstückelt, in Scherben zerschlagen, zerteilt und verteilt? Und hat man darüber keine Urkunden ausgestellt, die geachtet werden müssen? Nein, das ist Unsinn, nichts als Unsinn! Wer hat die Urkunden ausgestellt; wer hat sie unterschrieben? Ich selbst habe in meinem Namen niemals in die Teilung der Erde, meiner Glieder, eingewilligt; und was andere für mich ohne meine Zustimmung getan haben, was geht das mich an! Für mich sind alle diese Urkunden wertloses Papier. Ich habe die Einwilligung zur Verstümmelung nicht gegeben, die aus mir einen Krüppel macht. Darum fordere ich meine geraubten Glieder zurück und erkläre jedem den Krieg, der mir einen Teil der Erde vorenthält. 'Aber hier auf diesen vergilbten Pergamenten steht die Unterschrift deiner Vor- fahren!" Ganz recht, ich lese dort meinen Namen - aber ob der Name gefälscht wurde, wer weiß es? Und wenn auch die Unterschrift echt wäre, wofür sogar die Möglichkeit eines Beweises fehlt, so sehe ich neben der Unterschrift ein Loch, das vom Dolch her- rührt, mit dem die Unterschrift erpreßt wurde, da doch niemand ohne unmittelbare Lebensgefahr einzelne seiner Glieder opfert. Auch der Fuchs beißt sich wohl ein Bein ab, aber nur, wenn er in der Falle sitzt. Und schließlich: ist denn heute jemand ver- pflichtet, die Schulden seiner Vorfahren anzuerkennen? Sind die Kinder für die Sünden ihrer Vorfahren haftbar? Dürfen die Eltern ihre Kinder verstümmeln, darf der Vater seine Tochter verkaufen? Unsinn, alles Unsinn. Den Kindern der Säufer wird ein Vormund bestellt; und wer sagt, daß nicht alle diese Grundbuchurkunden im Rausche unterschrieben wurden? Wahrhaftig, man möchte glauben, unsere Vorfahren hätten in ewigem Rausche gelebt! Säufer wären es gewesen, die die Erde verjubelt haben, Säufer, wie die alten Germanen, die im Rausche Weib und Kind aufs Spiel setzten. Nur durch denTrunk verkommenes Gesindel verkauft sich oder seine Glieder, nur heruntergekommene Menschen können die Grundbuchurkunden frei- willig unterschrieben haben. Denke man sich doch nur, es käme vom Monde herunter ein Mann mit einer Schnapsflasche, um hier Land für den Mond zu kaufen! Würde man ihm erlauben, Teile dieser Erde, große und kleine, fortzuschleppen? Und doch ist es völlig gleich, ob die Erde auf den Mond getragen wird, oder ob ein Grundeigentümer sie in Beschlag nimmt. Der Grundeigentümer läßt nach Einziehung der Grundrente ja doch nur Öd- und Wüstland zurück. Wenn unsere Grundeigentümer auf der Kapital- flucht die gesamte Ackerkrume Deutschlands aufrollten und ins Ausland verschleppten, - für das Volk wäre das gleichgültig. Trotz der Hungersnot führten die in Paris prassen- den russischen Grundbesitzer riesige Mengen Getreide aus Rußland aus, so daß selbst die Kosaken in Not gerieten und man zum Aufrechterhalten der Or dnung ein Ausfuhr- verbot erließ. Kann man also anders annehmen, als daß die Unterschriften im Grundbuch mit dem Dolche erpreßt, mit der Schnapsflasche erschwindelt wurden? Das Grundbuch, das ist das Verbrecheralbum Sodoms und Gomorrhas, und wenn irgendein Grundbesitzer die Verantwortung für die Handlungen seiner Vorfahren übernehmen möchte, so müßte man ihn gleich wegen Betrugs und Erpressung einsperren. Jakob erpreßte von seinem Bruder für einen Teller Linsen dessen ganze Viehweide, als dieser, dem Verhungern nahe, von der Wolfsjagd heimkehrte. Sollen wir nun diesem Wucher die sittliche Weihe geben, dadurch, daß wir die Nachkommen Esaus mit der Polizei von der Benutzung jener Weide abhalten? Jedoch, wir brauchen nicht bis auf Esau zurückzugreifen, um die Urgeschichte unserer Urkunden aufzudecken. "Die Besiedelung der meisten Länder hat ursprünglich auf dem Wege der Okkupation, der Eroberung, stattgefunden, und auch später hat oft genug das Schwert die bestehende Teilung wieder verändert." (1) Und wie wird heute unter unseren Augen die Besetzung eines Landes betrieben? Für eine Flasche Schnaps für sich und ein buntes Kleid für seine Gemahlin veräußerte der schwarze Hererokönig das von ihm den Hottentotten entrissene Land. Millionen von Hektar, die ganze Weide ihrer Herden. Wußte er, was er tat, als er mit dem Schnapse im Kopfe das verräterische + unter das Schriftstück setzte? Wußte er, daß dieses Schrift- stück nunmehr als wertvolle Urkunde wie ein Heiligtum in eisernem Schranke aufbe-

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wa hrt, von einer Schildwache Tag und Nacht behütet würde? Wußte er, daß nunmehr er und sein ganzes Volk auf jenes unbeholfene Kreuz genagelt würden, daß er von da ab für jede seiner Kühe eine Rente würde zahlen müssen - er, seine Kinder, seine Enkel,

heute, morgen, ewig? Das wußte er nicht, als er das von den Missionaren erlernte Zeichen des Kreuzes auf das Schriftstück malte. Wie kann man auch mit dem Christuszeichen betrogen und bestohlen werden? Und wenn er die Bedeutung des Schriftstückes kannte, warum hat man den Lumpen als Volksverräter nicht an den ersten besten Baum geknüpft? Aber er wußte es nicht, das geht ganz klar daraus hervor, daß, als der Inhalt der Urkunde in die Tat umgesetzt wurde, er sich erhob, um das "betrügerische Gesindel" (in den deutschen Zeitungen nannte man die unglücklichen Eingeborenen, die ihren "Freiheits- krieg" mit den ihnen zur Verfügung stehenden Waffen führen, in der Regel - Mord- brenner, Diebe, Gesindel usw.) zu vertreiben. Freilich nutzlos, denn nun wurde eine Hetz- und Treibjagd veranstaltet, und die wenigen, die nicht zur Strecke gebracht wurden, hat man in die Wüste gedrängt, wo sie verhungern werden (siehe die öffentliche Bekanntmachung des Generals Trotha). Das auf diese Weise besetzte Land hat man dann, laut amtlicher Auskunft, wie folgt, verteilt (2):

1. Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika

2. Siedelungsgesellschaft

3. Hanseatische Land-, Minen- und Handelsgesellschaft

4. Kaoko Land- und Minengesellschaft

5. Southwestafrika Co.

6. South Afrika Territories

Sa.295 000 qkm gleich 900 Millionen Morgen Land. Was haben diese 6 Erwerber wohl für die 900 Millionen Morgen Land gegeben? Einen Schnaps, ein Linsengericht. So ging es und geht es in Afrika, in Asien, in Australien.

In Südamerika hat man es noch bedeutend einfacher gemacht, da hat man sich das Schriftstück mit dem + als Unterschrift gespart: Man schickte den General Roca, den nachherigen Präsidenten, mit einer Bande Soldaten gegen die Indianer aus, um diese von den fruchtbaren Weideplätzen der Pampa zu vertreiben. Man knallte die Mehrzahl nieder, schleppte die Weiber und Kinder nach der Hauptstadt als billige Arbeitskräfte, und trieb den Rest über den Rio Negro. Das Land wurde dann unter die Soldaten verteilt und verschrieben, die in der Regel nichts Eiligeres zu tun hatten, als ihre Rechte zu ver- kaufen - für Schnaps und bunte Tücher. (3) So, nicht anders, entstanden "die heiligen, unantastbaren Rechte" der heutigen Be- sitzer des besten, fruchtbarsten Bodens, den es vielleicht in der Welt gibt. Der Tummel- platz von Millionen von Schafen, Pferden und Kühen, der Boden für ein schon im Ent- stehen begriffenes neues großes Volk befindet sich heute im Besitz einer Handvoll Leute, die nichts weiter dafür gegeben haben als - eine Flasche Schnaps. In Nord-Amerika waren die in jüngster Zeit besiedelten Ländereien meistens unbe- wohnt. Da konnte sich jeder einfach nehmen soviel er brauchte. Jeder Erwachsene, Mann oder Frau, hatte da das Recht auf 160 Acker Land, so daß Familien mit 6 er- wachsenen Kindern 1000 Acker gleich 400 ha beanspruchen konnten. Gegen die kleine Verpflichtung, einige Bäume zu pflanzen und zu pflegen, durfte jeder die doppelte Anzahl Acker (also 320) in Besitz nehmen. Nach einer Reihe von Jahren (6) wurden Besitztitel ausgeschrieben, und das Land war dann verkäuflich. Durch Ankauf solcher "Heim- stätten" für billiges Geld (denn für eine Sache, die man so ohne weiteres überall in Besitz nehmen kann, konnte nicht viel gefordert werden) sind dann die Riesenfarmen von Tau- senden von Hektar entstanden. Preis: eine Flasche Schnaps, ein Linsengericht. So be- sitzen zwei Luxemburger Bauern, die Herren Müller und Lux, in Kalifornien heute einen Landsitz so groß, daß Preußen und Lippe bequem darin Platz finden würden. Preis: eine Flasche Schnaps, ein Linsengericht. Die Northern-Pacific-Eisenbahn erhielt von der Regierung die Genehmigung zum Bau der Eisenbahn umsonst, dazu noch die Hälfte des Landes, das sich rechts und links der Bahn hinzieht, und zwar 40 Meilen landeinwärts. Man denke: 40 Meilen rechts und links der ganzen, 2000 Meilen langen Bahn! Preis? Ein Schnaps? Nein, weniger als ein Schnaps - umsonst! Bei der Kanada-Pacific-Bahn verhält es sich ähnlich. In der von dieser Bahngesell- schaft ausgegebenen Flugschrift "Die neue Weltstraße nach dem Orient" heißt es S. 5:

"Die Gesellschaft übernahm den Bau der 1920 Meilen, wofür sie von der Regierung eine Anzahl wertvoller Vorrechte und Freiheiten, ferner 25 Millionen Dollars in Geld,

135 000 qkm 20 000 qkm

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10 000 "

103 000 " 13 000 " 12 000 qkm

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25 (sage und schreibe fünfundzwanzig) Millionen Morgen Ackerland und 638 Meilen schon fertiger Eisenbahn erhalten hat." Wer nun etwa glaubt, daß als Preis dieser Leistungen die zu bauende Eisenbahn an- zusehen wäre, der irrt sich gewaltig. Die erwähnte Flugschrift sagt, die ganze Bahn solle Eigentum der Gesellschaft sein. Aber wo, so wird man fragen, ist denn die Gegen- leistung der geschenkten 25 Millionen Morgen Ackerland, der 25 Millionen Dollars in Geld, der 638 Meilen fertiger Eisenbahn und der wertvollen Freiheiten? Antwort: ein Schnaps, ein Linsengericht, die Verlustgefahr (Risiko) für die Verzinsung des Anlagekapitals. So gingen hier durch einen Federstrich 25 Millionen Morgen Ackerland in den Privat- besitz über, in einem der fruchtbarsten, schönsten und gesündesten Länder. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gegeben, sich das Land anzusehen, das da verschenkt werden sollte. Erst während des Bahnbaues "entdeckte" man die außerordentliche Fruchtbar- keit des Bodens, die Schönheit der Landschaft, den Reichtum an Kohlen und Erzen. Und das war nicht Afrika, sondern in dem sonst durch seine treffliche Verwaltung rühmlichst bekannten Kanada. So entsteht heute der Privatgrundbesitz in Ländern, von denen Europa so abhängig ist wie von den eigenen Äckern. Sollen wir nun, nachdem wir wissen, wie der Privatgrundbesitz heute entsteht, noch weiter danach forschen, wie er gestern entstand? "Peor es menearlo", sagt der Spanier:

schlimmer wird es, je mehr man darin herumrührt. Sollen wir die Kirche fragen, auf wieviel Grad die Hölle geheizt worden war, als die Sterbende ihren Landsitz der Kirche vermachte? Sollen wir die Grafen, Fürsten, Freiherren fragen, durch welche hochver- räterischen Mittel sie vom schwächlichen, kranken Kaiser die Umwandlung des mit der Heeresfolge belasteten Lehens in lastenfreies Besitztum erwirkten; wie sie den Einfall räuberischer Nachbarn als hochwillkommene Gelegenheit benutzten, um vom Kaiser Vorrechte und Grundbesitz zu erpressen? "Peor es menearlo." Es stinkt, wenn ma n darin herumrührt. Sollen wir die englischen Landlords fragen, wie sie eigentlich zum Grundbesitz in Irland gelangten? Raub, Mord, Hochverrat und Erbschleicherei, das wären die Antworten auf diese Fragen. Und wer mit diesen Antworten etwa nicht zu- friedengestellt ist, dem werden die alten Mären und Trinklieder, der jämmerliche, körper- liche und geistige Zerfall der Rasse die gewünschte, volle Auskunft über die Herkunft des Privatgrundbesitzes geben. Er wird sich überzeugen, daß unsere Ahnen eine Bande von Säufern waren, die das Erbe ihrer Nachkommen verjubelt haben und die sich den Teufel um das Schicksal der folgenden Geschlechter kümmerten. Nach uns die Sint- flut, das war ihr Wahlspruch. Sollen wir nun die "altehrwürdigen" Zustände, die diese lustigen Brüder geschaffen haben, aufrecht erhalten, aus frommer Ehrfurcht vor den Flaschen, die dabei geleert wurden, aus Dankbarkeit für das verseuchte Blut, für die verkrüppelten Glieder, die sie uns hinterließen? Die Werke der Toten sind für uns nicht maßgebend; jedes Zeitalter hat seine eigenen Aufgaben zu erfüllen, übrigens auch gerade genug damit zu tun. Das tote Laub der Bäume fegt der Herbststurm fort, den toten Maulwurf auf dem Wege, den Mist der weidenden Herden verscharren die Käfer, kurz die Natur sorgt dafür, daß das Abge- storbene vernichtet werde, damit die Erde immer jung und frisch bleibe. Die Natur haßt alles, was an den Tod erinnert. Ich habe noch niemals beobachtet, daß das bleiche Gerippe einer dürren Fichte dem aufstrebenden jungen Geschlechte als Stütze und Leiter gedient hätte. Ehe noch das Samenkorn keimt, hat den dürren Baum der Sturm schon gestürzt. Im Schatten der alten Bäume kann das junge Geschlecht nicht gedeihen; kaum aber sind die alten gefällt, so wächst und gedeiht alles. So laßt uns also mit dem Toten auch seine Werke und Gesetze begraben. Errichtet aus den alten Urkunden und Grundbüchern einen Scheiterhaufen und legt den Toten darauf. Der Sarg ist ein schlechtes, allzu enges Bett, und was sind die Gesetze und Grund- bücher für uns anderes als Särge, worin die geistige Hülle unserer Vorfahren gebettet liegt? Fort also ins Feuer mit dem vermoderten Plunder! Der Asche, nicht der Leiche, ent- steigt der Phönix!

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Antonio Devoto kaufte in dem Territorium der Pampa von der englischen Gesellschaft South American Land Company ein Areal von 116 Leguas mit 12 000 Stück Hornvieh, 300 000 Schafen usw. für 6 1/2 Millionen Dollars = etwa 50 000 Dollars per Legua von 2 500 ha. - Jose Guazzone, der Weizenkönig genannt, kaufte im Bezirk Navarria in der Provinz Buenos Aires 5 Leguas à 200 000 Dollars. - Die Jewish Colonisation Society kaufte 40 Leguas, teils in Pique, teils in der Pampa Central zum Preise von 88 000 Dollars per Legua, die der Verkäufer, Herr Federico Leloir im Jahre 1879 für 400 Dollars per Legua erstand. - Alle diese Ländereien der Pampa, die im Jahro 1878 von den Indianer- horden befreit wurden, eind 1879/80 von der Regierung zu 400 Dollars die Legua von 2500 ha öffentlich verkauft worden; sie eignen sich besonders für Viehzucht, und ihr Wert hat sich seitdem um das 150 - 200 fache gesteigert, ein gutes Zeichen für das Gedeihen und die Zukunft des Landes." Hierzu ist noch zu bemerken, daß die berechnete 200fache Preissteigerung in Wirklich- keit bedeutend größer ist. Die 400 Dollars für die Legua von 2500 ha waren in moneda corriente zahlbar, wovon 30 auf einen heutigen Peso gingen. Die Preissteigerung ist also 30 x 200 = 6000fach. Es wird erzählt, daß die Soldaten ihre Landanteile für Streich- hölzchen (Cajas de fosforos) verkauften.

2.6. Was Freiland nicht kann!

So schwere Folgen auch die Bodenverstaatlichung nach sich ziehen wird, so kann man ihre Wirkung doch übertreiben. Ein Allheilmittel ist Freiland, wie manche wähnen, nun freilich nicht. Henry George war der Meinung, daß mit Freiland auch der Zins, die Wirtschaftsstockungen (Krisen), die Arbeitslosigken verschwinden würden. Zwar vertrat er diese Meinung nicht mit der Entschlossenheit und dem Gedankenreichtum, mit denen er seine Hauptforderung stützte, und in dieser Lauheit müssen wir den Beweis erblicken, daß er selbst noch schwere Zweifel hegte und einen völlig klaren Einblick in diese Verhältnisse vermißte. Aber seine Jünger haben diese Zweifel nicht. Bei Henry George waren es nicht viel mehr als Meinungen oder Glaubenssätze; bei seinen Jüngern, den sogenannten Bodenreformern, aber sind es unbezweifelte Grund- sätze geworden. Nur Michael Flürscheim macht hier eine Ausnahme, wodurch er aber wieder allen anderen Bodenreformern entfremdet wurde, trotzdem er es gewesen war, der den Gedanken der Bodenreform in Deutschland wieder neu zu beleben wußte. Sicher der beste Beweis, daß die Ansichten Georges über Zins und Krisen bei seinen Jüngern als unantastbare Wahrheit gelten, mit denen man wohl denkt, über die zu denken aber als eine Art Abfall vom Glauben angesehen wird. Freiland beeinflußt die Verteilung der Erzeugnisse; aber bei der Arbeitslosigkeit und den Wirtschaftsstockungen (Krisen) handelt es sich nicht um Fragen der Verteilung, sondern um solche des Tausches (oder Handels), und auch der Zins ist, obschon er viel stärker noch als die Grundrente die Verteilung der Erzeugnisse beeinflußt, doch nur eine Tauschangelegenheit; denn die Handlung, die die Höhe des Zinses bestimmt, nämlich das Angebot von greifbaren vorrätigen Waren gegen solche künftiger Erzeugung, ist ein Tausch, nichte als ein Tausch. Bei dem Bodenzins dagegen findet kein Tausch statt; der Grundrentner steckt einfach die Rente ein, ohne irgend etwas in Tausch zu geben. Der Bodenzins ist ein Teil der Ernte, kein Tausch; darum kann auch das Forschen nach dem Entstehen der Grundrente keinen Anhaltspunkt für die Lösung der Zins- frage geben. Die Fragen der Arbeitslosigkeit, der Wirtschaftsstockungen (Krisen) und des Zinses lassen sich nur beantworten, wenn man die Bedingungen untersucht, unter denen der Tausch überhaupt stattfinden kann. Diese Untersuchung hat George, haben auch die deutschen Bodenreformer nicht angestellt. Darum ist es ihnen ganz unmöglich, für den Zins, die Wirtschaftsstockungen (Krisen) und die Arbeitslosigkeit stichhaltige Erklärungen zu geben. Die Zinstheorie Georges, die noch heute die Köpfe der deutschen Bodenreformer verwirrt, ist eine unglaublich grobe, sogenannte Fruktifi- kationstheorie, und vermag so wenig wie seine ebenso oberflächliche Krisentheorie (Miß- verhältnis zwischen Verbrauch und Einnahmen der Reichen) auch nur eine einzige der Erscheinungen zu erklären, die den Zins, die Arbeitslosigkeit und die Krisen begleiten.

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Und das ist bisher der schwache Punkt der Bodenreform gewesen. Auf der einen Seite die Behauptung, die Bodenreform löse für sich allein die ganze "soziale Frage", auf der anderen Seite die Unfähigkeit, für die schwersten Schäden unserer Volkswirtschaft eine befriedigende, scharfer Nachprüfung standhaltende Erklärung zu bringen. Und nicht allein eine Erklärung hätten die Bodenreformer bringen müssen, sondern auch das Mittel, um die genannten Schäden unserer Volkswirtschaft zu beseitigen. Den Arbeitern aber, denen die Bodenreformer die Erlösung aus ihrter schrecklichen Lage bringen wollen, ist mit der Verstaatlichung der Grundrente allein noch nicht geholfen. Sie wollen den vollen Arbeitsertrag, d. h. die Beseitigung der Grundrente und des Kapitalzinses; dazu eine Volkswirtschaft, die Wirtschaftsstockungen (Krisen) und Arbeitslosigkeit unmöglich macht. Diese Übertreibung der Wirksamkeit der Bodenverstaatlichung hat der ganzen Be- wegung unberechenbaren Schaden verursacht. Wir werden jetzt die Verhältnisse untersuchen, unter denen der Zins, die Stockungen (Krisen) und die Arbeitslosigkeit zustande kommen, und die Mittel prüfen, die für die Beseitigung dieser Übelstände zu ergreifen sind. Es handelt sich hier um Fragen, die in dem üblen Rufe stehen, zu den verwickeltsten aller volkswirtschaftlichen Fragen zu gehören. Die Sache ist jedoch nicht so schlimm. Die Fragen sind nur wissenschaftlich verwickelt worden; in Wirklichkeit liegen die Tatsachen schön glatt nebeneinander, und wir brauchen nur beim richtigen Ende anzufangen, um sie aneinander zu reihen.

DRITTER TEIL:

METALL- UND PAPIERGELD Das Geld, wie es ist

EINLEITUNG

Das heutige Metallgeld ist seinem Wesen nach vollkommen dem Gelde gleich, das schon im Altertum den Austausch der Waren vermittelte. Gräbt man aus dem Schutte Athens, Roms oder Karthagos Münzen aus, so hat man allgemeingültiges, gleichwertig mit dem Gelde Europas oder Amerikas umlaufendes Geld in Händen. Sieht man ab von der etwaigen Verschiedenheit im Feingehalt der Münzen, so ist ein Kilo Münzen mit dem Stempel römischer Kaiser gleich einem Kilo Münzen mit dem Stempel deutscher Präge- anstalten. Alle Eigenschaften des Geldes, das Lykurg aus Sparta ächtete, haften in unver- änderter Form unserem Gelde an, und vielleicht ist dieses Geld die einzige staatliche Ein- richtung, die sich aus dem grauen Altertume unangetastet bis auf uns herübergerettet hat. Diesem ehrwürdigen Alter unseres Geldes entspricht jedoch in keiner Weise unsere Kenntnis vom Wesen des Geldes. Wir wollen an dieser Stelle nicht darüber rechten, ob Lykurg wohl daran tat, als er, in der Erkenntnis, daß das aus Edelmetall hergestellte Geld das Volk in arm und reich trennt und durch solche Zersetzung die Volkskraft bricht, nun das Kind mit dem Bade ausgoß. Aber tiefer als Lykurg ist man auch heute nicht in das Wesen der dem Golde nachgesagten Übel eingedrungen. Immer noch begnügt man sich damit, mit Pythagoras auszurufen: "Ehret Lykurg, er ächtete das Gold und Silber, die Ursache aller Verbrechen", immer nur seufzen wir verzweifelt mit Goethe: "Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles - ach wir Armen!" Aber mit diesen Verwünschungen hat es sein Bewenden. Auf die Frage, was denn eigentlich am Gold verkehrt ist, warum das Gold der Menschheit zum Fluch wird - sind alle still. Sogar die Gelehrten vom Fach werden durch diese Frage so sehr in Ver- legenheit gebracht, daß sie es vorziehen, Lykurg und Pythagoras einfach zu verleugnen und die dem Gold nachgesagten Übel auf ungenaue Beobachtung zurückzuführen. So werden der spartanische Moses zum Währungspfuscher und der große Mathematiker zum Schwärmer gestempelt. Dieses Versagen der Wissenschaft ist jedoch weniger eine Folge mangelnder Erkenntnis- kraft des menschlichen Geistes als ein Ergebnis der äußeren Verhältnisse, die hier mit- spielen und die der wissenschaftlichen Durcharbeitung der Lehre vom Geld nicht günstig sind. Zunächst ist es der Gegenstand selber, der die meisten von vornherein abstößt. Es gibt anziehendere Gegenstände der Forschung als das Geld, besonders für hochfliegende Geister und vornehme Naturen. Religion, Naturforschung, Sternkunde usw., alles das ist

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unendlich viel an- und emporziehender als das Forschen nach dem Wesen des Geldes. Nur ein nüchterner Rechenkünstler wird sich zu diesem Stiefkind der Wissenschaft hingezogen fühlen, und so ist es verständlich, und es gereicht der Menschennatur eigentlich zur Ehre, daß man die Forscher immer noch an den Fingern zählen kann, die tiefer in dieses dunkle Gebiet eingedrungen sind. Hierzu kommt, daß die unglückliche Art der bisherigen wissenschaftlichen Behandlung des Geldwesens und die Verquickung dieser Behandlung mit dem nun endlich ausster- benden Wertglauben, die natürliche Abneigung gegen diesen Zweig der Wissenschaft nur noch verstärkt haben. Die Währungsfrage ist infolge der verworrenen Behandlung, die sie durch die Wissenschaftler erfuhr, geradezu verrufen, und dies führt in der öffent- lichen Meinung zu einer Mißachtung dieses doch für die Entwicklung der Menschheit so außerordentlich wichtigen Gegenstandes. (Die heute vergessenen Schriften über Dop- pelwährung machen hier eine lobenswerte Ausnahme.) Für die große Mehrheit des Volkes ist die Mark d. R. -W. heute tatsächlich nicht mehr als der 1/1375. Teil von einem Pfund Feingold; und für das Volk ist das Gold als Metall doch ein ziemlich bedeutungsloser Stoff. Diese Herabsetzung, die der Gegenstand der Währungsliteratur in der öffentlichen Meinung erfahren hat, bewirkt aber wieder, daß niemand die betreffenden Bücher kauft und daß kein Verleger die Druckkosten dafür wagen will. So mag es sein, daß vieles und Gutes über das Geldwesen geschrieben, aber nicht veröffentlicht wurde - weil sich kein Verleger dafür fand. Wieder ein Umstand, der die Forscher vom Geldwesen fernhält. Wer die Mittel nicht besitzt, um das Geschriebene auf eigene Kosten drucken zu lassen, der darf sich nicht mit dem Geldwesen befassen. Freilich gibt es in letzterer Beziehung Ausnahmen. Unsere Hochschullehrer, deren Veröffentlichungen immer wenigstens von Studenten und staatlichen Büchereien gekauft werden, mögen für ihre Bücher auch willige Verleger finden, doch steht einer günstigen Entwicklung dieses hauptsächlich der Schule dienenden Schrifttums der Satz im Wege, daß Hadersachen von der Schule ferngehalten werden müssen. So dürfen diese Schriften aus Rücksicht auf ihre Bestimmung niemals tiefer in das Wesen des Geldes eindringen. Vom hadrigen Kern der Frage prallt die Sonde der Schulwissenschaft immer zur Oberfläche zurück. Es steht hier mit dem Geld nicht anders wie mit der Lehre von der Grundrente, vom Zins, vom Lohne; und ein Hochschullehrer, der den zwiststiftenden Kern all dieser Fragen nicht beachten wollte, würde seinen Hörsaal bald in ein Schlachtfeld verwandeln, wo alle blindlings auf Freund und Feind einschlagen. Nein, Hadersachen, Politik, die Lehre vom Lohn, von der Grundrente, vom Zins und vom Geld, gehören wirklich nicht in die Hochschulen. Notwendigerweise muß aber darum auch diese Wissenschaft in den Händen unserer Hochschullehrer verkümmern; das "bis hierher und nicht weiter" starrt dem Professor ja immer gleich nach den ersten Spatenstichen entgegen. (1) Zu diesen äußeren Schwierigkeiten tritt noch der Umstand, daß die Erforschung dieses heiklen Stoffes Kenntnisse voraussetzt, die man eigentlich nur im praktischen Handel er- werben kann, und daß der Handel zumeist solche Naturen anzieht und fesselt, die schul- wissenschaftlichen Untersuchungen abhold sind. Männer der Tat fordert der Handel, keine Schürfer und Forscher. Wie lange ist es übrigens her, daß der Handel zudem als anrüchig angesehen wurde (Merkur, "Gott der Kaufleute und Diebe") und sich ihm vor- zugsweise solche Jünglinge zuwandten, die auf den Schulen nicht mitkamen? Die begab- ten Söhne mußten "studieren", die übrigen waren für den Handel bestimmt. So ist also die Tatsache nicht so befremdlich, daß wir zu unserem 4000 Jahre alten Metallgeld, das sich durch 100 Menschenalter und durch die Hände von Milliarden und aber Milliarden Menschen gewälzt hat, heute in der Zeit des wissenschaftlichen Vorgehens auf allen Gebieten noch keine stichhaltige Begriffsbestimmung oder Theorie haben und daß noch überall in der Welt die öffentliche Behandlung des Geldes nach alten Gewohn- heiten ohne wissenschaftliche Begründung erfolgt. Dieser Mangel an einer stichhaltigen Geldtheorie ist aber der Grund, warum wir bis heute auch für die Zinserscheinung keine genügende Erklärung zu geben vermochten. Sonderbar, wir bezahlen und erheben seit 4000 Jahren Kapitalzins in ungezählten Milli- arden, ohne daß die Wissenschaft die Frage zu beantworten vermöchte, "woher und warum der Kapitalist den Zins erhält" (2). Zwar an Versuchen hat es nicht gefehlt. Dafür sorgte schon der Gegenstand selbst, der die Merkmale eines allgemeinen Störenfrieds ganz öffentlich zur Schau trägt, und der dar- um auch ganz anders als das Geld selbst die Aufmerksamkeit der Wissenschaft und der Öffentlichkeit auf sich zog. Jeder namhafte Volkswirt hat sich mit dem Zins befaßt, namentlich die Sozialisten, deren ganzes Streben im Grunde nur gegen den Zins ge- richtet ist.

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Aber wieviele sich auch redlich abgemüht haben, - die Frage nach der Natur des Zinses blieb unbeantwortet. Der Grund dieses Fehlschlagens liegt nicht in der Schwierigkeit des Stoffes, sondern einfach darin, daß der Kapitalzins (der Zins der Darlehen sowohl wie der Zinsertrag der Sachgüter [Realkapitalien]) ein Geschöpf oder Nebenerzeugnis des herkömmlichen Gel- des ist und darum auch nur mit Hilfe der Geldtheorie wissenschaftlich erklärt werden kann. Wie uns Zins und Geld äußerlich schon als unzertrennliche Freunde begegnen, so innig vereint sind sie auch seelisch, d. h. in ihrem inneren Wesen. Ohne Einblick in das innere Wesen des Geldes ist es unmöglich, den Zins zu erklären. Die Lehre vom Zins kann nur von der Lehre vom Geld abgeleitet werden. Die Zinsforscher haben aber (aus den schon erwähnten Gründen) regelmäßig die Geldforschung vernachlässigt. Marx z. B. hat der Theorie des Geldes keine fünf Minuten Überlegung gewidmet, dafür zeugen seine drei dicken Bände, die sich mit dem Zins (Kapital) befassen. Proudhon dagegen, der das Geld weniger mißachtete, ist auch der Lösung des Zinsrätsels am nächsten gekommen. In nachfolgender Untersuchung, die durch Zufall angeregt und durch glückliche äußere Verhältnisse geleitet und gefördert wurde, biete ich nun der Wissenschaft, dem Handel und der Politik die so lange gesuchte Theorie des Geldes und des Zinses. Es war Haderstoff, was ich untersuchte. Konnte ich wissen und vermeiden, daß das, was ich finden sollte, ein revolutionärer Brander sein würde? Geschrieben im Sommer 1911. Silvio Gesell.

(1) Man beachte, daß diese Ausführungen im Jahre 1911 geschrieben wurden. (2) v. Boehm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien.

3.1. Wie sich uns das Dasein des Geldes offenbart

Wenn die Inschriften der Münzen bezwecken, uns über das Wesen des Geldes unterrichten, so hat man sich diese Arbeit leicht gemacht. Diese Inschriften lauten "10 Mark" oder "10 Francs", "10 Rubel", und wer aus diesen Worten das Wesen des Geldes nicht zu erkennen vermag, dem werden die Randbemerkungen der Münzen:

"Mit Gott" oder (bei den Franzosen) "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" usw. wenig Aufklärung bringen. Vergleicht man die Inschrift der heutigen deutschen Münzen mit derjenigen der alten preußischen Taler, so fällt auf, daß die Angabe des Gewichtes an Feinmetall, die die Taler trugen, weggelassen worden ist. Warum? Mit der Streichung dieser Gewichts- angabe hat man doch etwas bezwecken müssen, und dies muß man um so sicherer an- nehmen, als die Gewichtsangabe in vielen Fällen von wirklichem Nutzen sein kann. (1) Es ist allerdings wahr, daß die Angabe des Gewichts in der Fassung, wie sie der preußische Taler trug, zu vielen Fragen Anlaß geben konnte, die auf Grund der heute noch vorherrschenden Anschauungen über das Wesen des Geldes nicht beantwortet werden können, und daß durch Streichung der Gewichtsangaben in den neuen Münzen man die Gefahr umgangen hat, sich in Widersprüche zu verwickeln. Wenn "XXX ein Pfund Fein" (2), dann ist auch ein Pfund Fein gleich XXX, und der Begriff "Taler" wird durch solche Inschrift zu einer einfachen, für das Silber vorbe- haltenen Gewichtseinheit, wie man ja noch heute in England für gewisse Waren beson- dere Gewichtseinheiten hat. (Diamanten z. B. wägt man nach Karat. In Neuchâtel ent- hält ein "Maß" Äpfel oder Kartoffeln 20 l, ein "Maß" Korn aber nur 16 l.) Wenn aber ein Pfund Fein gleich 30 Taler ist, wenn eine Münze gleich ist einem bestimmten Gewicht Silber (laut Inschrift und Theorie der Taler), wie kann man dann das Silber entmünzen, wie kann man den 30. Teil eines Pfundes Feinsilber überhaupt vom Taler trennen? Wie kann man aus einem Begriffe zwei machen, Taler und Silber? Vor dem Jahre 1872 waren "XXX ein Pfund Fein", und nach dieser Zeit nicht mehr. Wenn das letztere möglich ist (und es ist Tatsache), dann ist das erstere nie wahr ge- wesen, und die Inschrift des Talers spiegelte uns etwas als einen Begriff vor, was von jeher zwei Begriffe waren - der Taler und der Stoff, aus dem er gemacht war. Der Taler wog den 30. Teil von einem Pfund Feinsilber, das war alles. Man verbrauchte bei der

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Herstellung der Taler ein Pfund Silber für je 30 Taler, wie man bei der Herstellung eines Hufeisens ein Pfund Eisen verbraucht. Der Taler war nicht eine bestimmte Menge Silber, ebensowenig wie ein Haus mit einem Haufen Ziegelsteinen wesenseins ist, oder wie man ein Paar Schuhe als einen Meter Leder betrachten kann. der Taler war ein vom Silber völlig verschiedenes Erzeugnis der königlichen Münze. Und er war das - trotz seiner Inschrift - sowohl vor wie nach der Entmünzung des Silbers. Die Inschrift des Talers machte aus ihm und seinem Stoff einen Begriff, die Ent- münzung des Silbers zeigte uns, daß im Ta ler zwei Begriffe enthalten waren. Die Auf- hebung des freien Prägerechtes für das Silber machte den Taler durchsichtig, so daß wir durch das Silber seinen Kern erblickten. Bis dahin glaubten wir, der Taler wäre nur Silber, jetzt sahen wir zum ersten Ma le in ihm das Geld. Wir leugneten dem Taler den Besitz einer Seele ab, bis er sie im Tode vor aller Augen aushauchte. Bis zur Auf- hebung des freien Prägerechtes hatten die Reichsangehörigen nur Silber gesehen, jetzt offenbarte sich ihnen zum ersten Male in der Vereinigung des Silbers mit dem Gesetz das Dasein eines eigentümlichen Fabrikates - des Geldes. Vor der Aufhebung des freien Prägerechtes für das Silber fand die Erklärung, die die Vertreter der Metallwährung (Gold- sowohl wie Doppelwährung) vom Geld gaben, keinen Widerspruch - die Entmünzung des Silbers zeigte, daß, wenn auch Münzen aus Metallbarren geprägt werden, Metallbarren darum doch noch keine Münzen sind. Chevalier, La Monnaie S. 39: "Die Münzen sind Metallbarren, deren Gewicht und Feingehalt durch den Stempel gewährleistet wird." Otto Arendt: "Unsere Reichsmark ist nichts als die Bezeichnnng für 1/1395 Pfund Gold." Man übersah, daß die freie Silberprägung, die ja der Wirkung nach die Münzen zu Metallbarren und diese zu Münzen macht, ein Gesetz, ein staatliches, von der Willkür der Volksvertreter abhängiges Gesetz zur Unterlage hat. Man übersah, daß der Taler ein Fabrikat, ein Erzeugnis der Gesetzgebung ist, und daß das Silber nur der Stoff, nichts als der willkürlich gewählte Ro hstoff des Talers war. Das Gesetz schuf den Taler, das Gesetz zerstörte ihn. Und was hier vom Taler gesagt wird, gilt natürlich auch für seinen Nachfolger: die Mark d. R. -W. Das freie Goldprägerecht, das auch heute Münze und Gold der Wirkung nach zu einem Wesen macht, ist das Erzeugnis unserer Gesetz- geber. Wie es entstanden ist, so kann es wieder vergehen, kann alle Tage umgestoßen werden, falls es sich nachträglich herausstellen sollte, daß so vieles, was man seinerzeit ungeprüft bei der Goldwährung voraussetzte, keine Prüfung verträgt. Wenn aber dieser Fall eintreten sollte - die Aufhebung des freien Prägerechtes - (die Erklärung der Reichsbanknote zum gesetzlichen Zahlungsmittel ist der erste Schritt auf diesem Wege), welche Beziehungen hat dann noch das Gold zu unserem Gelde? Doch nur mehr die eine, daß es, so wie Kupfer, Silber, Nickel und Papier, als Rohstoff bei der Herstellung des Geldes Verwendung findet - d. h. dieselbe Beziehung, die zwischen Stein und Haus, Leder und Schuhen, Pflug und Eisen besteht. Jeder Schimmer einer Wesensgleichheit des Geldes und seines Stoffes würde vergehen und der Unter- schied zwischen Gold und Mark d. R. -W. ebenso handgreiflich werden, wie der Unter- schied zwischen Taler und Silber, Hut und Stroh. (3) Wir haben demnach scharf zu unterscheiden zwischen Geld und seinem Stoff, zwischen der Mark d. R. -W. und dem Gold. Beide - Geld und sein Rohstoff - können niemals für eins erklärt werden, denn zwischen beiden liegt das Gesetz, das heute beide vereint, morgen beide trennen kann. Dieser Unterschied zwischen Geld und seinem Stoff hat von jeher bestanden. Ver- borgen bestand er zur Zeit des freien Prägerechtes für das Silber, verborgen besteht er auch in der Goldwährung. Aber für jeden sichtbar machte den Unterschied die Auf- hebung, die gesetzliche, willkürliche Aufhebung des freien Prägerechts für das Silber. Ebenso erkennbar muß er auch heute für jeden sein, der aus der Geschichte des Silbers ersieht, daß die Vorrechte des Geldes an keinem Metall haf ten, sondern durch Gesetz von einem Gegenstand auf den anderen übertragen werden können. Und was denken unsere Gesetzgeber jetzt, wenn von der Reichswährung die Rede ist, wenn sie eine Mark d. R. -W. in die Hand nehmen und sie betrachten? Sind sie sich bewußt, daß die Mark d. R. -W. noch immer einer gesetzlichen Begriffs- erklärung harrt; daß keine schulmäßige Erklärung vom Wesen des Geldes zur deutschen Währung paßt, daß das Erklären der deutschen Banknote zum gesetzlichen Zahlungs- mittel der Goldwährungstheorie den letzten Stützpunkt entzieht, und daß die Inschrift unserer Banknoten Unsinn geworden ist? "Die Reichsbank zahlt dem Inhaber bei Sicht ohne Legitimation 100 Mark d. R. -W.", so sagt die Inschrift, und die Theorie der Banknote sagt, daß die Banknoten nur dieses

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Zahlungsversprechens wegen umlaufen und möglich sind. Nun hat man einen dicken Strich durch die obige Inschrift der Banknoten gezogen, indem man die Note zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärte, - und trotzdem laufen die Banknoten um wie vorher. Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, daß der deutsche Bauer, der schon seine Kuh gegen 1000 Mark Silber verkaufte, die in den Schmelztiegel geworfen nur 400 Mark Silber liefern würden, jetzt noch sein bestes Pferd gegen eine Banknote hergibt, die er stofflich und der wissenschaftlichen Auslegung nach als wertlos betrachten muß? So bringe man doch die Inschrift der Banknoten in Übereinstimmung mit den Tat- sachen; schreibe man auf das Papier, wie man es bei den silbernen und goldenen Münzen getan, einfach 10-20-100 Mark und streiche alles andere und namentlich das Wort, "zahlen". Dieses Wort gebraucht man bei Schuldscheinen, Wechseln, Mahnbriefen, und die Banknote ist ja doch kein Schuldschein. Schuldscheine, namentlich staatliche, tragen dem Inhaber Zins ein; bei der Banknote aber erhält der Aussteller, also der Staat den Zins. (4) Statt zu schreiben: "Die Reichsbank zahlt dem Inhaber" usw., schreibe man einfach: "Dies sind 100 Mark". Es ist Unsinn, durch die Inschrift die Banknote zu einem Darlehnsschein stempeln zu wollen. Schuldpapiere ohne Zins sind heute un- denkbar. Von Schuldpapieren aber, die dem Inhaber (Gläubiger) Zins kosten und dem Aussteller (Schuldner) Zins eintragen und dabei gleichwertig mit wirklichen Zinspapieren umlaufen, spricht auf dem Erdenrund nur die Inschrift der Banknote. Die deutschen Reichsanleihen, die dem Inhaber regelmäßig alle Jahre 3 % abwerfen, stehen heute (1911) 84,45; die deutsche Banknote, die dem Inhaber 4 - 5 - 6 - ja 8,5 % jährlich kostet, steht auf 100 (pari) (5), und beide Papiere wirft das Gesetz, wirft die Theorie in denselben Topf, theoretisch wie gesetzlich gelten beide Papiere für Schuldscheine, Schuld- scheine desselben Ausstellers! Weg also mit Gesetzen und scheinwissenschaftlichen Erklärungen, die zu solchen Widersprüchen führen! Der Zellstoff der Banknoten ist, wie Kupfer, Nickel, Silber und Gold, Rohstoff für die Herstellung des Geldes; alle diese verschiedenen Geldarten sind den Geldvorrechten gegenüber gleichberechtigt - sie sind gegenseitig auswechselbar. Sie stehen alle unter der gleichen wirksamen Oberaufsicht des Staates. Man kann nicht Papiergeld mit Metall- geld desselben Staates kaufen oder zahlen, man kann nur beides gegeneinander wechseln. Folgerichtig ist darum auch jedes Zahlungsversprechen in der Inschrift der Banknoten zu streichen. "Dies sind: Zehn, Hundert, Tausend Mark d. R. -W." ; so soll die Inschrift lauten. Nicht wegen, sondern trotz des Zahlungsversprechens in der Inschrift läuft die Bank- note gleichwertig mit dem Metallgeld um. (6) Woher kommen die Kräfte, die bei der Banknote den Aussteller zum zinsbeziehenden Gläubiger, den Inhaber zum zinszahlenden Schuldner machen? Das Vorrecht, Geld zu sein, gibt der Banknote diese Kräfte, hat das Wunder bewirkt. Wir müssen uns also das Wesen dieses Vorrechtes näher betrachten.

(1) Die Gewichtsangabe macht aus jeder Münze ein geeichtes Wägestück, womit jeder die Gewichte der Krämer nachprüfen kann. Außerdem läßt sich durch die Gewichtsangabe der genaue Inhalt eines Geldbeutels durch ein einfaches Wägen feststellen, so wie auch umgekehrt das Gewicht jeder Geldsumme von jedermann sofort berechnet werden kann. (2) Inschrift der alten preußischen Taler, die bedeutet: 30 Taler enthalten 1 Pfund Feinsilber. (3) Die Goldwährungstheorie ist heute ganz verwildert, und es wäre wohl schwer, sie noch in Worte zu kleiden. Bei Einführung der Goldwährung galt noch die Barrentheorie in ihrem krassesten Ausdruck. "Währung ist was selber währt", sagte Bamberger, "und kraft seiner Metalleigenschaften drängt sich das Gold uns als Geld auf." Wie paßt zu dieser Behauptung die Tatsache, daß wenige Jahre später in Deutschland sich ein "Verein zum Schutze der deutschen Goldwährung" bildete ? Währte denn das Go ld nicht mehr kraft seiner Metalleigenschaften, und wie kam man dazu von einer "deutschen" Goldwährung zu sprechen? Ist die Mark d. R. -W., wie die Theorie behauptet, weiter nichts als eine gewiese Menge Gold, so ist die Mark nicht mehr deutsch als französisch russisch, japanisch. Oder liefert der Bergbau, der Schmelztiegel etwa deutsches Gold, und wodurch unterscheidet sich dieses chemisch von anderem Gold ? Der Name obigen Vereins enthält ebensoviele Widersprüche wie Worte, und ebenso verhält es sich mit den Flugschriften, die er verbreitet. Es sei hier zur Kennzeichnung der Art wie man in Deutschlaud noch vor 10 Jahren über das Gold schrieb, bemerkt, daß die Aufforderung zum Eintritt in genannten Verein

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von Leuten unterzeichnet war, die beruflich gar keine Erfahrung in diesen Dingen sammeln konnten. Alte Knaben, wie Mommsen und Virchow, gaben ihren Namen her, sicherlich mit demselben Gleichmut wie man etwa seinen Namen für die Gründung eines Ziegenbock- haltevereins hergibt. Es handelte sich für die beiden sicherlich nur um eine Kleinigkeit, eine Streitsache, die jeder ohne weiteres Erforschen entscheiden kann. (4) Bei einer Notenausgabe von 10 Milliarden bezieht das Reich im Jahre 500 Millionen Zinseinnahme. (Heute sind es fast 100 Milliarden und 5 Milliarden Zins.) (5) Die Reichsbank kauft mit ihren Noten die Wechsel des Handels und macht dabei keinen Unterschied zwischen Gold und Banknoten. Für beides erhält sie den gleichen Zins. Dabei bezeichnet sie das Gold als ihr Kapital und die Noten als ihre Schulden! (6) Sowie der Gleichstand (das Pari) durchbrochen wird, wandert nach dem Gresham- Gesetz das Gold über die Grenze. Das Papier bleibt dann allein zurück.

3.2. Die Unentbehrlichkeit des Geldes und die öffentliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Geldstoff

Wir verdanken es der Arbeitsteilung, daß wir mehr erzeugen als verbrauchen und so, unabhängig von den unmittelbaren Lebensbedürfnissen, der Vervollkommnung oder Vermehrung unserer Arbeitsmittel Zeit, Vorräte und Arbeit widmen können. Ohne die Arbeitsteilung wären wir nie zu dem heutigen Reichtum an Arbeitsmitteln gelangt, und ohne diese Arbeitsmittel würde die Arbeit nicht den zehnten, hundertsten, ja tausendsten Teil ihrer heutigen Erzeugung liefern. Der größte Teil der Bevölkerung verdankt also der Arbeitsteilung unmittelbar sein Dasein. Die Arbeitsteilung schenkte 60 Millionen von den 65 Millionen Deutschen das Dasein. Die Erzeugnisse der Arbeitsteilung sind keine Gebrauchsgüter, Dinge, die der Er- zeuger unmittelbar gebrauchen kann, sondern Waren, Dinge, die ihrem Erzeuger nur als Tauschmittel von Nutzen sind. Der Schuster, der Tischler, der Heerführer, der Lehrer, der Tagelöhner - keiner kann sein unmittelbares Arbeitserzeugnis gebrauchen; selbst der Bauer kann es nur in beschränktem Maße. Alle müssen das, was sie erzeugen, ver- kaufen. Der Schuster, der Schreiner verkaufen ihre Erzeugnisse an die Kundschaft, der Truppenführer, der Lehrer verkauft sie (seine Leistungen) an den Staat, der Tagelöhner an den Unternehmer. Für den weitaus größten Teil der Arbeitserzeugnisse ist der Verkaufszwang bedingungs- los; für die gewerblichen Erzeugnisse ist dieser Zwang sogar ausnahmslose Regel. Darum stockt ja auch sofort die Arbeit, sowie der Absatz der Erzeugnisse gestört wird. Welcher Schneider wird denn Kleider nähen, die er nicht absetzen kann? Und den Absatz, den gegenseitigen Austausch der Arbeitserzeugnisse, vermittelt das Geld. Ohne das Dazwischentreten des Geldes gelangt keine Ware mehr bis zum Verbraucher. Es ist zwar nicht ganz unmöglich, die Erzeugnisse der Arbeitsteilung auf dem Wege des Tauschhandels an den Mann zu bringen, aber der Tauschhandel ist derart umständ- lich und setzt so viele Einrichtungen voraus, die nicht im Handumdrehen geschaffen werden können, daß man allgemein auf diesen Ausweg verzichtet und lieber die Arbeit einstellt. Proudhons Warenbank ist ein Versuch, den Tauschhandel wieder einzuführen. Eben- sogut wie solche Banken würden die heutigen Kaufhäuser diesen Zweck erreichen, denn für den Tauschhandel ist es nur nötig, jemand zu finden, der das, was ich erzeuge, kaufen und zugleich mich mit dem bezahlen kann, was ich wieder brauche. Im Kaufhaus, wo alles zu haben ist, wird natürlich alles gekauft. Die einzige Vorbedingung für den Tausch- handel wäre also hier gegeben, und darum würden im Geschäftsbetrieb eines Kauf- hauses eigene Marken (1) das Geld ganz gut ersetzen, vorausgesetzt, daß alle Käufer auch Lieferer des Kaufhauses wären und umgekehrt. Die Ware muß also gegen Geld verkauft werden, d. h., es besteht eine Zwangsnachfrage nach Geld, die genau ebenso groß ist, wie der Vorrat an Waren, und der Gebrauch des Geldes ist darum für alle genau ebenso unentbehrlich, wie die Arbeitsteilung für alle vorteilhaft ist. Je vorteilhafter die Arbeitsteilung, um so unentbehrlicher das Geld. Mit Ausnahme des Kleinbauers, der fast alles, was er erzeugt, selber verzehrt, unterliegen alle Bürger bedingungslos dem wirtschaftlichen Zwang, ihre Erzeugnisse gegen Geld zu

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verkaufen: Das Geld ist Voraussetzung der Arbeitsteilung, sobald der Umfang, den sie angenommen, den Tauschhandel ausschließt. Worauf bezieht sich nun dieser Zwang? Muß jeder, der sich an der Arbeitsteilung beteiligen will, seine Erzeugnisse gegen Gold (Silber usw.) oder gegen Geld verkaufen? Früher war das Geld aus Silber gemacht, und alle Waren mußten gegen Taler verkauft werden. Dann schied man das Geldwesen vom Silber, und die Arbeitsteilung bestand weiter, der Tausch der Erzeugnisse vollzog sich weiter. Es war also nicht Silber, was die Arbeitsteilung brauchte. Die von den Waren erzeugte Nachfrage nach Tauschmitteln bezog sich nicht auf das Stoffliche des Tauschmittels, auf das Silber. Das Geld brauchte nicht notwendigerweise aus Silber gemacht zu sein. Das steht nun einmal erfahrungs- gemäß fest. Muß nun aber das Tauschmittel aus Gold hergestellt sein? Braucht der Bauer, der Kohl gebaut hat und diesen verkaufen will, um mit dem Erlös den Zahnarzt zu bezahlen, Gold? Ist es ihm im Gegenteil für die kurze Weile, während der er in der Regel das Geld behält, nicht vollkommen einerlei, woraus das Geld besteht? Hat er in der Regel überhaupt Zeit, sich das Geld anzusehen? Und kann man diesen Umstand nicht dazu benutzen, Geld aus Zellstoff, aus Papier zu machen? Würde der Zwang, die Erzeugnisse der Arbeitsteilung, also die Waren gegen Geld zum Verkauf anzubieten, nicht fort- bestehen, wenn wir das Gold durch Zellstoff bei der Geldherstellung ersetzen? Würde durch einen solchen Übergang die Arbeitsteilung in die Brüche gehen, d. h. würden die Bürger lieber verhungern, als Zellstoffgeld als Tauschmittel anzuerkennen? Die Goldwährungstheorie behauptet, daß das Geld, um als Tauschmittel dienen zu können, "inneren Wert" haben müsse, indem das Geld immer nur soviel "Wert" ein- tauschen könne, als es selbst in sich birgt, etwa wie man Gewichte nur mit Gewichten heben kann. Da nun Zellstoffgeld keinen "inneren Wert" hat, also leer ist, so sei es ausgeschlossen, daß es Waren eintauschen könne, die Wert besitzen. Null kann nicht mit 1 verglichen werden. Es fehle dem Zellstoffgeld jede Beziehung zur Ware, es fehle ihm der "Wert" - darum sei es unmöglich. Und bei diesen Worten sind die Goldwährungs-Erklärer geblieben, während sich gleichzeitig das Zellstoffgeld in aller Stille die Welt erobert. Freilich leugnet man noch diese Tatsache, indem man noch von "übertragenen Kräften" spricht. Man sagt, das heutige Papiergeld, das in keinem Lande mehr fehlt, lebe nur darum, weil es seine Wurzeln im Golde stecken habe. Wäre nirgendwo in der Welt Metallgeld vorhanden, so würde das Zellstoffgeld überall in sich zusammenstürzen, wie ein Spatzennest einstürzt, wenn die Burg abgebrochen wird. Dem Inhaber des Papiergeldes würde Gold versprochen, und dieses Versprechen flöße dem Papier die Seele ein. Der "Wert" des Goldes werde durch die Tatsache oder Hoffnung einer Einlösung in Gold auf das Papier übertragen. Das Papiergeld sei eigentlich wie ein Frachtbrief zu betrachten, den man ja auch ver- kaufen kann. Nimmt man aber die Ladung weg, so ist der Frachtbrief leer; nimmt man das Gold oder das Einlösungsversprechen fort, so wird alles Papiergeld zu Makulatur. Es sei also nur "übertragener Wert", der das Papiergeld stützt. Dies ist ungefähr alles, was man gegen die Möglichkeit des Zellstoffgeldes zu sagen hat. Und man hält wohl allgemein das Gesagte für so entscheidend, daß jeder, der sich für urteilsfähig ansieht, die Frage, ob Zellstoffgeld möglich sei, ohne weiteres verneint. (Die Frage, ob das Zellstoffgeld im täglichen Verkehr dem Metallgeld gegenüber Vor- oder Nachteile hat, gehört vorläufig nicht hierher. Zuerst soll die Frage beantwortet werden, ob man aus Zellstoff Geld machen kann, das, ohne sich an irgend eine bestimmte Ware, namentlich an Gold und Silber, anzulehnen, leben, d. h. die Aufgaben eines Tauschmittels übernehmen kann.) Das Geld soll also immer nur den Wert einlösen oder eintauschen können, den es selbst besitzt! Aber was ist dieser sogenannte Wert, der dem Zellstoffgeld den Weg zu unserem Begriff verlegt, der das Papiergeld als Hirngespinst erklärt? Das Papiergeld besteht doch; es ist in vielen Ländern, es ist in manchen Ländern auch ohne Anlehnung an das Metall- geld, und überall, wo es ist, bringt es den Beweis seines Daseins in Form von Millionen, die es dem Staate einträgt. Ist das Papiergeld nun ein Hirngespinst, vom Standpunkt der Wertlehre aus betrachtet, so sind, von demselben Standpunkt aus betrachtet, auch die Erzeugnisse jenes Hirngespinstes als solche zu betrachten. Sind also die Millionen, die das Reich aus der Notenausgabe zieht, sowie die 7 % Dividende der Reichsbank- aktionäre Hirngespinste? Oder sind vielleicht die Rollen vertauscht worden? Ist die Wertlehre vielleicht das Hirngespinst?

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(1) Unsere volkswirtschaftlichen Schriftsteller folgern aus der Tatsache daß innerhalb des Geschäftsbetriebes eines Warenhauses das bare Geld durch Geschäftsmarken voll- kommen ersetzt werden kann, das Geld sei überhaupt nichts anderes als eine Geschäfts- marke; sie stiften mit diesem Trugschluß viel Verwirrung. Das Geld ist eine völlig selbständige Ware, deren Preis bei jedem Handwechsel Fall für Fall, neu durch den Handel bestimmt werden muß. Beim Vorkauf einer Ware weiß der Empfänger des Geldes nicht, wase er nun seinerseits für das Geld erhalten wird. Das muß sich erst durch einen neuen Handel, meistens an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit, mit anderen Personen erweisen. Beim Gebrauch der Geschäftsmarken muß die Gegen- leistung vorher genau nach Maß und Güte festgelegt werden. Hier handelt es sich um reinen Tauschhandel, bei dem die Marke nur die Rolle eines Verrechnungsmittels, und nicht die des Tauschmittels spielt. Dem Tischler z. B., der im Warenhaue Stühle zum Verkauf anbietet, und den man dort mit Waren zu bezahlen gedenkt, wird es darum ganz einerlei sein, ob der Hut, auf den er es abgesehen hat, mit 5 oder 10 Geschäftsmarken als Preis ausgezeichnet ist. Denn nach diesen Zahlen wird er ja nun seine Forderungen für seine Stühle richten. Er rechnet alle Preise des Warenhauses nach Stühlen um. Im sozialistischen Staate, wo die Preise behördlich festgesetzt werden, kommt man natürlich ebenfalls mit solchen Marken aus. Schriftliche Beschwerden, Berufungsaus- schüsse ersetzen hier das Handeln um den Preis. Man erhält für sein Erzeugnis eine Ge- schäftsmarke und ein Beschwerdebuch. In der Geldwirtschaft ersetzt das Handeln um den Preis das Beschwerdebuch und die Berufungsausschüsse: Alle Streitfragen werden un- mittelbar durch die Beteiligten erledigt, ohne daß jemals das Gericht angerufen wird. Ent- weder der Handel zerschlägt sich oder er ist - ohne Berufungemöglichke it - rechtsgültig. Hierin liegt der Unterschied zwischen Marke und Geld. Der Umstand, daß man das Geld ebenso wie die Geschäftsmarken aus beliebigem Stoffe herstellen kann, und daß der Stoff des Geldes, wie der der Marken keinen Einfluß auf die Preise ausübt (sofern der Geldstoff nicht die Geldmenge beeinflußt) hat verwirrend auf viele Köpfe gewirkt und besonders stark zu dem hier behandelten Trugschluß beigetragen. Namentlich in letzter Zeit hat dieser Trugschluß wieder zahlreiche Opfer gefordert. Ben- dixen, Liefmann, nebst zahlreichen Schülern von Knapp sind ihm verfallen. Eigentlich sind nur diejenigen Forscher gegen diesen Wahn gefeit, denen sich das Dasein des Geldes geoftenbart hat (siehe vorigen Abschnitt).

3.3. Der sogenannte Wert

"Das deutsche Goldgeld ist vollwertig, d. h. sein Goldwert ist durch seinen Stoffwert voll und ganz gedeckt. Feinsilber ist nur halb so viel wert wie der geprägte Taler, und ähnlich steht es mit unserem deutschen Silbergeld; es ist unterwertig, sein Stoffwert ist geringer als sein Geldwert." (Karl Helfferich: Die Währungsfrage, S. 11.) "Von jeher haben gesunde Staaten den größten Wert auf ein Geld gelegt, dessen innerer Wert und dessen Wertbeständigkeit von niemand angezweifelt wird:" (Ebenda, S. 46.) "Gold und Silber erfreuten sich allgemeiner Wertschätzung, man sammelte sie dem- nach, um sich Kaufkraft zu sichern, sie dienten also als Wertbewahrer. Bald waren die Münzen nicht mehr bloß Tauschwerkzeug, man gewöhnte sich vielmehr die Werte aller Erzeugnisse gegen den Geldwert abzuschätzen. Das Geld wurde Wertmesser. Wir schätzen alle Werte in Geld ab. Alle Wertveränderungen nehmen wir als Änderungen gegen den Geldwert wahr. Der Geldwert scheint die feste Elle zu sein, die alles gleich- mäßig mißt:" (Otto Arendt : Leitfaden der Währungsfrage.) In oben genannten Streitschriften zweier Vertreter der Gold- und Doppelwährungs- theorien wird also dem sogenannten Wert gleichmäßig grundsätzliche Bedeutung zuer- kannt. Man streitet nicht um die Frage: "Was ist der Wert?" auch nicht um die kritische Gottl'sche Wertfrage: "Deckt das Sprachzeichen Wert ein Singularobjekt, eine Kraft, einen Stoff?" Für beide Gegner steht das Dasein einer Wirklichkeit, die man Wert nennt, ganz außer Frage. In dieser Sache von grundsätzlicher Bedeutung haben beide Gegner nicht die geringste Meinungsverschiedenheit. Beide gebrauchen das Wort "Wert" und seine verschiedenen Verbindungen vollständig unbefangen, als ob beide überhaupt nie- mals von einer "Wertfrage", von einer "Wertforschung", von einer "Wertlehre" gehört

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hätten. Für beide sind die Ausdrücke "Wertstoff, Stoffwert, innerer Wert, Wertbestän- digkeit, Wertmaß, Wertbewahrer, Wertkonserve, Wertpetrefakt, Wertspeicher, Wert- transportmittel" eindeutig. (l) Beide setzen stillschweigend voraus, daß auch die große Masse den Sinn dieser Worte so scharf verstehen wird, wie es bei der grundsätzlichen Rolle, die sie (dem Anscheine nach) zu spielen haben, für das Verständnis der Schriften erforderlich erscheint. Wie sieht es nun aber in der Wissenschaft aus in bezug auf diesen Ausdruck? Wer darüber sich Klarheit verschaffen will, der lese Gottls Schrift: "Der Wert- gedanke, ein verhülltes Dogma der Nationalökonomie! (2) Hier sagt es zwar der Professor aus Höflichkeit gegen seine Kollegen nicht geradezu, aber seine Ausführungen zeigen es klar: Ein Hirngespinst ist der sogenannte Wert, ein jeder Wirklichkeit bares Erzeugnis der Einbildung. Übrigens sagt es ja auch Marx, dessen Betrachtung der Volkswirtschaft von einer Werttheorie ausgeht: "der Wert ist ein Gespenst". - Was ihn aber nicht von dem Versuch abhält, das Gespenst in drei dicken Büchern zu bannen. "Man abstrahiere", so sagt Marx, "von den bearbeiteten Substanzen (3) alle körperlichen Eigenschaften, dann bleibt nur noch eine Eigenschaft, nämlich der Wert." Wer diese Worte, die gleich zu Anfang des "Kapitals" zu lesen sind, hat durchgehen lassen und nichts Verdächtiges in ihnen entdeckt hat, darf ruhig weiterlesen. Er kann nicht mehr verdorben werden. Wer sich aber die Frage vorlegt: "Was ist eine Eigen- schaft, getrennt von der Materie?" - wer also diesen grundlegenden Satz im "Kapital" zu begreifen, materialistisch aufzufassen versucht, der wird entweder irre, oder er wird den Satz für Wahnsinn, seinen Ausgangspunkt für ein Gespenst erklären. Wie will ein aus Stoff bestehendes Gehirn eine solche absolute Abstraktion in sich aufnehmen, verzeichnen, einordnen und verarbeiten? Wo wären denn noch die zum Begriffe nötigen Anhaltspunkte, Verwandtschaften, Übergänge? Etwas begreifen heißt, sich irgendwo am Stofflichen festhalten (begreifen = greifen), heißt in unserem Gehirn vorrätige Vergleichsgegenstände gefunden haben, an die sich der neue Begriff anlehnen kann, - aber eine von jedem Stoff und jeder Kraft befreite Begriffsbildung ist ebenso unfaßbar, wie der Apfel für den Tantalus ungreifbar ist. Die Abstraktion Marx' ist in keinem Schmelztiegel darstellbar. Wie sie sich völlig von unserem Verstande loslöst, so auch von allem Stofflichen. Seltsamerweise hat aber diese vollkommene Abstraktion doch noch eine "Eigenschaft", und zwar ihre Herkunft, ihre Herkunft von der menschlichen Arbeit. (4) Allerdings eine seltsame "Eigenschaft", die geeignet ist, die deutsche Sprache in Kauderwelsch zu verwandeln. Demnach hätte auch das deutsche Geld andere Eigenschaften, je nachdem sein Stoff vom Hunnenschatz, von den bluttriefenden Milliarden oder von den ehrlichen Fäusten der Goldgräber her- rührt. Die Herkunft der Waren gehört zur Geschichte, nicht zu den Eigenschaften der Waren; sonst wäre ja auch die Behauptung (die man oft zu hören bekommt), die Seltenheit des Goldes gehöre zu den Eigenschaften des Goldes, richtig. Und das ist doch barer Unsinn. Ist es aber so, verwechselte Marx die Herkunft und Geschichte der Waren mit deren Eigenschaften, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn er inder weiteren Behandlung seines Stoffes so Wundersames erblickte und vor dem "Gespenst" erschrak. Ich nenne Marx, aber bei den anderen Wertforschern steht es um kein Haar besser. Keinem von ihnen ist es gelungen, den "Wertstoff" abzusondern, die "Werteigenschaft" an irgendeinen Stoff zu binden und vor Augen zu führen; immer schwebt der Wert über dem Stoff, unfaßbar, unnahbar, wie Erlkönig zwischen den Weiden. Alle Forscher sind darin einig, daß, wie Knies sich ausdrückt, "die Lehre vom Wert für die nationalökonomische Wissenschaft von grundlegender Bedeutung" sei. Wenn aber diese Lehre schon für die Wissenschaft der Nationalökonomie so wichtig ist, so muß sie es für das wirkliche Leben erst recht sein. Wie kommt es aber nun, daß sowohl der Staatswirtschaft wie der Privatwirtschaft diese "Wertlehre" vollkommen unbekannt ist? Müßte, wenn diese Lehre wirklich von so, fundamentaler" Bedeutung ist, nicht in jedem Hauptbuch gleich auf der ersten Seite hinter den Worten "Mit Gott " auch die "Werttheorie" angegeben sein, zu der der Unternehmer schwört, und die die Richtung für die Geschäftsführung angeben soll? Und müßte man da nicht annehmen, daß jedes gescheiterte Unternehmen seinen Sturz einer schlechten Grundlage, d. h. einer unvollständigen oder gar falschen Werttheorie verdankt? Aber das ist ja gerade das Erstaunliche an der Behauptung, die Wertlehre wäre die Grundlage der nationalökonomischen Wissenschaft, daß dem Handel das Dasein dieses sogenannten Wertes vollkommen unbekannt ist. Sonst gehen heute auf allen Gebieten der menschlichen Tätigkeit Wissenschaft und Leben Hand in Hand; nur im Handel

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weiß man nichts von der Haupttheorie seiner Wissenschaft. Im täglichen Handelsverkehr gibt es nur Preise, durch Nachfrage und Angebot bestimmte Preise, und der Kaufmann, der vom Wert einer Sache spricht, denkt dabei an den Preis, den der Besitzer unter den obwaltenden zeitlichen und örtlichen Verhältnissen wahrscheinlich würde erhandeln können. Der Wert ist also eine Schätzung, die durch den Abschluß des Handels in eine genau ab- gemessene Menge Tauschgüter, in den "Preis" übergeht. Den Preis kann man haarscharf messen, den Wert kann man nur schätzen. Das ist der ganze Unterschied, und die Er- klärung vom Wesen des Preises muß demnach sowohl auf den Preis wie auf den Wert an- wendbar sein. Eine besondere Theorie des "Wertes" ist überflüssig. Die von unseren beiden Währungsschriftstellern ohne weitere Erläuterung gebrauch- ten, zu Anfang erwähnten Ausdrücke enthalten, dem Sprachgebrauch entsprechend, ungefähr folgenden Sinn: das Gold hat eine "Eigenschaft", den sogenannten Wert, die, wie das Gewicht des Goldes, mit dem Stoff des Goldes verwachsen ist, und die wir Wert nennen (Stoffwert). Diese "Eigenschaft" ist, wie das Gewicht und die chemischen Ver- wandtschaften des Goldes, untrennbar vom Gold (innerer Wert), unveränderlich und unzerstörbar (Wertbeständigkeit). Wie man sich das Gold nicht ohne Gewicht, so kann man es sich auch nicht ohne Wert denken; Gewicht und Wert sind einfach Merkmale des Stoffes. Ein Kilo Gold ist gleich ein Kilo Wert: Stoffwert = Wertstoff. Das Vor- handensein des Wertes wird auf der Waage festgestellt: vollwertig. Ob es noch andere Verfahren gibt, den Wert festzustellen, ist noch nicht sicher. Lackmuspapier bleibt dem Wert gegenüber unempfindlich. Die Magnetnadel wird durch den Wert nicht abgelenkt, er widersteht auch den höchsten bekannten Hitzegraden, und überhaupt sind unsere Kenntnisse vom Wertstoff noch etwas kümmerlich. Wir wissen nur, daß er vor- handen ist, was bei der "fundamentalen Bedeutung", die der Wert für Wissenschaft und Leben hat, eigentlich recht zu bedauern ist. Neue Ausblicke in die Natur des Wertes eröffnet die von Dr. Helfferich entdeckte Eigentümlichkeit, daß bei einigen Wertstoffen der Wert nicht immer im Verhältnis zum Stoff steht. Wertstoff > oder < Stoffwert. Er hat entdeckt, daß der Wert des Silbergeldes doppelt so groß ist wie der des Geld- silbers, d. h. daß das Silbergeld den Wert in doppelter Verdichtung besitzt - also schon ein Wertextrakt ist! Diese wichtige Entdeckung eröffnet uns ganz neue Ausblicke in die Natur des Wertes, denn ist es gelungen, den Wert auszuziehen, zu verdichten und ihn sozusagen vom Stoff zu trennen, so steht zu hoffen, daß es der Wertwissenschaft noch einmal gelingen wird, den Wert chemisch rein darzustellen, was allerdings wieder ein Widerspruch mit der Theorie ist, - denn so kämen wir ja auf großen Umwegen zur Theorie der Papierwährung, die nur Preise kennt und die Wertlehre unbeachtet läßt. Der Wert ist also ein reines Hirngespinst. (5) Das gibt auch die Erklärung dafür, was Zuckerkandl sagt: "In der Lehre vom Wert ist noch "beinahe" alles streitig, von den Benennungen angefangen". (6) Und auch dafür, was v. Boehm-Bawerk wie folgt ausdrückt:

"Trotz unzähliger Bestrebungen war und bleibt die Lehre vom Werte eine der un- klarsten, verworrensten und streitigsten Partien unserer Wissenschaft." Hirngespinste sind billig. Auf sich selbst gestellt, können sie ein geschlossenes, wider- spruchsloses Ganzes bilden und sich uns so als etwas durchaus mit unserem Verstand Verträgliches vorstellen. Sie stehen, wie das Wunder, über der Natur, sie leben, wachsen und gedeihen fröhlich im Hirn des Menschen, - doch hart im Raume stoßen sich die Sachen. In der Wirklichkeitswelt haben Hirngespinste keinen Raum; sie müssen sich in nichts wieder auflösen. Und es gibt nichts Wirklicheres als die wirtschaftliche Be- tätigung, die des Einzelnen sowohl wie die des Staates, sie ist Stoff und Kraft. Was sich hiervon entfernt, kann nicht mehr sein als ein billiges Erzeugnis der Einbildungskraft. Und das ist der Wert. Die auf dem Wertgespenst aufgebaute Wissenschaft kann nur Gespenster zeitigen und ist zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Während sonst überall die Wissenschaft das tägliche Leben befruchtet und ihm als Leitstern dient, muß sich bis heute die Volkswirtschaft mit der eigenen Erfahrung behelfen. Ihre Wissenschaft hat es noch nicht einmal bis zu einer Sprache gebracht, da "von den Benennungen ange- fangen, ja noch alles streitig ist". Die auf der Wertlehre aufgebaute Wissenschaft besitzt bis heute noch keine Zinstheorie, keine Lohntheorie, keine Rententheorie, keine Krisen- theorie und keine Geldtheorie, wenngleich es nicht an Versuchen fehlt. Die auf dem Wertgespenst fußende Wissenschaft vermag bis heute nicht zu den einfachsten tag- täglichen Ereignissen die wissenschaftliche Erklärung zu geben, sie kann kein wirtschaft- liches Ereignis voraussehen, die Wirkung keiner gesetzlichen Maßnahme im voraus bestimmen (Abwälzbarkeit der Kornzölle, der Grundsteuer z. B.). Kein Kaufmann, Börsenspieler (Spekulant), Unternehmer, Bankmann, Zeitungs- mann, Abgeordneter oder Politiker vermag diese Wissenschaft als Waffe oder Schild

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zu benutzen; kein einziges deutsches kaufmännisches Unternehmen, selbst die Reichs- bank nicht, wird von wissenschaftlichen Erwägungen geleitet. In den Volksvertretungen wird die Wissenschaft, die den Wert zum Fundament genommen, einfach unbeachtet gelassen; keine einzige Theorie dieser Wissenschaft darf sich rühmen, bis zur Gesetz- gebung sich Bahn gebrochen zu haben. Keine einzige! Vollkommene Unfruchtbarkeit ist das Zeichen dieser Wissenschaft. Wenn nun diese Unfruchtbarkeit der einzige Übelstand an der Sache wäre, so könnte man sich leicht darüber beruhigen. Haben nicht Tausende und aber Tausende unserer besten Köpfe ihre kostbare Zeit mit theologischen Grübeleien verloren? Wenn dazu nun noch einige Dutzend Mann kommen, die über Wertgrübeleien nicht hinausgelangen, so ist das vielleicht zu beklagen, aber für ein Volk von Millionen nicht allzu verhängnis- voll. Aber der Wertglaube kostet uns mehr als die fruchtbare Mitarbeit dieser Männer. Ist die Wertlehre auch völlig unfruchtbar, so erhofft doch noch mancher etwas von ihr, der sonst fruchtbareren Äckern sein Streben zugewandt hätte, und so schadet diese Lehre einfach durch ihr Dasein. Wir haben im Deutschen Reich Dutzende von klugen, verständigen Kaufleuten, geistig regsamen Männern, die Bedürfnis nach gründlicher Aufklärung in allen Wissens- zweigen besitzen, die aber gerade jeder wissenschaftlichen Erörterung von Berufsfragen (als welche doch für den Kaufmann die volkswirtschaftlichen Fragen zu bezeichnen sind) ängstlich aus dem Wege gehen. Diese Männer, die alle gesetzlichen Mißgriffe immer in erster Linie verspüren und deren Folgen bezahlen (oder die Kosten dafür wenigstens vorschießen), die als die eigentlichen Puffer zwischen Volkswirtschaft und Gesetzgebung zu betrachten sind, die immer der Gefahr ausgesetzt sind, von irgendeiner Krise zer- malmt zu werden - lehnen es ängstlich ab, sich an der Erörterung wissenschaftlicher Fragen ihres Faches zu beteiligen. Warum? Einfach, weil sie einerseits, in guter deutscher Zucht aufgewachsen, den Autoritätsglauben nicht haben abschütteln können und der Ansicht sind, daß die Wissenschaft in den Händen unserer Hochschullehrer gut auf- gehoben sei (7); anderseits, weil sie mit ihrem klaren, nüchternen Verstande die von den Professoren vorgetragene Wertlehre nicht verstehen, ja den Gegenstand dieser Lehre überhaupt nicht erfassen und sich nun schämen, diesen geistigen Mangel öffentlich ein- zugestehen. Diese Männer