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Vom Widerstand zum Akt

Slavoj Ži ž ek

in: Slavoj Ži ž ek; Sehr innig und nicht zu rasch – Zwei Essays über sexuelle Differenz als philosophische Kategorie; Wien: Verlag Turia + Kant, 1999

Der politische Brennpunkt von Butlers theoretischem Unternehmen ist der alte linke: Wie ist es möglich, nicht nur wirkungsvoll Widerstand zu leisten, sondern auch das bestehende sozio-symbolische Netz (Lacans großen Anderen) zu unterminieren und/oder zu verschieben, das den Raum vorherbestimmt, in dem das Subjekt nur existieren kann? 1 Sie weiß natürlich sehr wohl, daß der Ort dieses Widerstands nicht einfach und unmittelbar als das Unbewußte identifiziert werden kann: die bestehende Machtordnung wird auch von unbewußten »leidenschaftlichen Attachments« unterstützt, d. h. von Attachments, die öffentlich nicht anerkannt bleiben durften, wenn sie ihre Rolle erfüllen sollen: »Wenn das Unbewußte einem gegebenen normativen Befehl entkommt, an welchen anderen Befehl bildet es ein Attach-ment. Was läßt uns glauben, daß das Unbewußte weniger von den Machtbeziehungen strukturiert wird, die kulturelle Signifikanten durchdringt, als die Sprache des Subjekts? Wenn wir ein Attachment an Unterwerfung auf der Ebene des Unbewuß ten finden, welche Art von Widerstand ist davon zu erarbeiten?« 2

Der exemplarische Fall solcher unbewußter »leidenschaftlicher Attachments«, welche die Macht erhalten, ist gerade die innere, reflexive Erotisierung der regulatorischen Machtmechanismen und Verfahren selbst: in einem obsessiven Ritual wird gerade die Performanz des Zwangsrituals, das dazu bestimmt ist, die verbotene Versuchung in Schach zu halten, zur Quelle libidinöser Befriedigung. Es ist folglich die im Verhältnis zwischen regulatorischer Macht und Sexualität enthaltene »Reflexivität«, die Art und Weise, in der die repressiven, regulatorischen Verfahren selbst libidinös ausgestattet sind und als eine Quelle libidinöser Befriedigung fungieren; es ist diese »masochistische« reflexive Wendung, die im üblichen Begriff der »Internalisierung« sozialer Normen in psychische Verbote unerklärt bleibt. Das zweite Problem mit der schnellen Identifizierung des Unbewußten als Ort von Widerstand ist, daß, auch wenn man zugibt, daß das Unbewußte der Ort von Wi-derstand ist, der für immer das glatte Funktionieren von Machtmechanismen verhindert, d.h. daß die Anrufung - das Wiedererkennen des Subjekts in seiner/ihrer, ihm/ihr zugewiesenen symbolischen Stelle- letztlich immer unvollständig ist und scheitert, »trägt ein solcher Widerstand irgendetwas zu Veränderung oder Erweiterung der vorherrschenden Befehle oder Anrufungen der

1Slavoj !i " ek; Sehr innig und nicht zu rasch – Zwei Essays über sexuelle Differenz als philosophische Kategorie; Wien: Verlag Turia +

Kant, 1999 2Judith Butler: The Psychic Life of Power. Stanford: Stanford Univ. Press 1997, 88

Subjekt-Bildung bei?« 3

Kurz, »dieser Widerstand begründet den unvollständigen Charakter jedes Versuchs, ein Subjekt durch Disziplinarmittel zu erzeugen, aber er bleibt außerstande, die herrschenden Begriffe der produktiven Macht neu zu artikulieren. « 4 Darin liegt der Kern von Butlers Kritik an Lacan beschlossen: nach ihr reduziert Lacan den Widerstand auf die imaginäre Verkennung der symbolischen Struktur; obgleich er die volle symbolische Verwirklichung vereitelt, hängt ein solcher Widerstand dennoch von ihr ab und behauptet sie in seiner Opposition, und ist nicht imstande, ihre Begriffe neu zu artikulieren: »Für den Lacanianer signifiziert dann das Imaginäre die Unmöglichkeit der diskursiven - d. h. symbolischen - Konstitution von Identität.« 5 Entlang dieser Linien qualifiziert sie sogar Lacans Unbewußtes selbst als imaginär, d. h. als »dasjenige, welches jede Bemühung des Symbolischen vereitelt, Geschlechtsidentität kohärent und vollkommen zu konstituieren: ein Unbewußtes, das von Fehlleistungen und Klüften zum Ausdruck gebracht wird, die die Arbeitsweisen des Imaginären in der Sprache kennzeichnen.« 6 Vor diesem Hintergrund ist dann die Behauptung möglich, daß bei Lacan »der psychische Widerstand die Fortsetzung des Gesetzes in seiner anterioren, symbolischen Form präsumiert und in jenem Sinne zu seinem Status quo beiträgt. In einer solchen Sichtweise scheint Widerstand zur ewigen Niederlage verurteilt.« 7

Zunächst ist hier festzuhalten, daß Butler zwei radikal entgegengesetzte Verwendungen des Begriffs »Widerstand« zu verschmelzen scheint: der eine ist der sozio-kritische Gebrauch (Widerstand gegenüber der Macht), der andere die klinische Verwendung, die in der Psychoanalyse wirksam ist (der Widerstand des Patienten, die unbewußte Wahrheit seiner Symptome, die Bedeutung seiner Träume, anzuerkennen). Wenn Lacan den Widerstand tatsächlich als »imaginär« bestimmt, so denkt er dabei an die Verkennung des symbolischen Netzes, das uns bestimmt. Andererseits ist für Lacan die radikale Neuartikulierung der vorherrschenden symbolischen Ordnung insgesamt möglich - davon handelt sein Begriff des point de capiton (der »Stepp-Punkt« oder der Herrensignifikant): sobald ein neuer point de capiton auftaucht, wird das sozio-symbolische Feld nicht nur verschoben, sondern gerade sein Strukturierungsprinzip verändert sich. Man ist darum versucht, den Gegensatz zwischen Foucault und Lacan, so wie er von Butler herausgearbeitet wird (Lacan schränkt Widerstand auf imaginäre Vereitelung ein, während Foucault, der einen pluralistischeren Diskurs-Begriff als heterogenes Feld vielfältiger Praktiken besitzt, eine gründlichere symbolische Subversion und Neuartikulation einräumt), umzukehren:

es ist Foucault, der auf einer Immanenz des Widerstandes gegenüber der Macht beharrt, wohingegen Lacan die Möglichkeit einer radikalen Neuartikulierung des ganzen symbolischen Feldes vermittels eines richtigen Aktes, eines Durchganges durch »den symbolischen Tod«, offenläßt. Kurz, es ist Lacan, der uns gestattet, den Unterschied

3Butler, 88 4Butler, 89 5Butler, 96-97 6Butler, 97. Butler widerspricht hier auf himmelschreiende Weise Lacan, für den das Unbewußte “der Diskurs des Anderen” ist, d.h. symbolisch und NICHT imaginär- ist nicht die am besten bekannte Zeile aus Lacan “das Unbewußte ist wie eine Sprache strukturiert”? “Sprachliche Fehlleistungen und die Kluft” sind für Lacan vollkommen symbolisch, sie betreffen das (Fehl-) Funktionieren des Signifikantennetzes. Die Situation ist folglich genau umgekehrt zu Butlers Behauptung: Nicht das Unbewußte ist der imaginäre Widerstand gegenüber dem symbolischen Gesetz, sondern vielmehr das Bewußtsein, das bewußte Ich, welches das Agens der imaginären (V-) Erkennung des unbewußten symbolischen Gesetzes und sein Widerstand ist! 7 Butler, 98

zwischen imaginärem Widerstand (der falschen Überschreitung, die den symbolischen Status quo erneut bekräftigt und die sogar als positive Bedingung seines Funktionierens füngiert) und der tatsächlichen symbolischen Neuartikulierung via die Intervention des Realen eines Akts zu konzeptualisieren. Einzig auf dieser Ebene, d. h. nur wenn wir Lacans Begriffe des point de capiton und des Aktes als realen in Betracht ziehen, wird ein bedeutungsvoller Dialog mit Butler möglich. Butlers Matrix der sozialen Existenz ist (genauso wie die Lacans) die einer erzwungenen Wahl: Um überhaupt (innerhalb des sozio-symbolischen Raums) zu existieren, muß man die grundlegende Entfremdung annehmen, die Definition der eigenen Existenz in den Begriffen des »großen Anderen«, die vorherrschende Struktur des sozio-symbolischen Raums. Wie sie sich aber hinzuzufügen beeilt, sollte uns dies nicht auf Lacans Sichtweise (oder was sie als solche wahrnimmt) einschränken, nach der die symbolische Ordnung eine Gegebenheit ist, die nur dann tatsächlich überschritten werden kann, wenn das Subjekt den Preis psychotischen Ausschlusses zahlt, so daß man einerseits den falschen imaginären Widerstand gegenüber der symbolischen Norm hat, und andererseits den psychotischen Zusammenbruch mit der vollständigen Übernahme der Entfremdung in die symbolische Ordnung (das Ziel psy-choanalytischer Behandlung) als die einzige »realistische« Option. Butler setzt der Lacanschen Beständigkeit des Symbolischen die Hegelsche Dialektik von Voraussetzen und Setzen entgegen: nicht nur ist die symbolische Ordnung immer schon als das einzige Milieu der sozialen Existenz des Subjekts vorausgesetzt; diese Ordnung selbst besteht und wird nur reproduziert, insofern als Subjekte sich in ihr erkennen und via wiederholte performative Gesten ihre Stellen in ihr wieder und wieder einnehmen - dies eröffnet natürlich die Möglichkeit, die symbolischen Konturen unserer sozio-symbolischen Existenz vermittels ihrer parodistisch verschobenen, performativen Darstellungen zu verändern. Darin liegt die Stoßrichtung von Butlers Antikantianismus beschlossen: Sie verwirft das Lacansche symbolische Apriori als eine neue Version des transzendentalen Rahmens, der im voraus die Koordinaten unserer Existenz festlegt und keinen Raum für die retroaktive Verschiebung dieser vorausgesetzten Bedingungen läßt. Wenn also Butler in einer Schlüsselstelle die Frage stellt:

»Was würde es für das Subjekt bedeuten, etwas anderes als seine fortgesetzte 'soziale Existenz' zu begehren? Wenn eine solche Existenz nicht aufgelöst werden kann, ohne in eine Art Tod zu fallen, kann die Existenz dennoch aufs Spiel gesetzt werden, vom Tod hofiert oder verfolgt, um die Herrschaft sozialer Macht über die Bedingungen für das Fortbestehen von Leben offenzulegen und für Verwandlung zu öffnen? DasSubjekt ist dazu gezwungen, die Normen, durch die es erzeugt wird, zu wiederholen, aber die Wiederholung begründet einen Risikobereich, denn wenn man die Norm nicht >in der richtigen Weise< wiedereinsetzt, wird man einer weiteren Sanktion unterworfen und man fühlt die vorherrschenden Existenzbedingungen bedroht. Und doch, wie könnte man ohne eine Wiederholung, welche das Leben - in seiner gegenwärtigen Organisation - aufs Spiel setzt, damit beginnen, die Kontin-genz jener Organisation sich vorzustellen und die Konturen der Lebensbedingungen performativ neu zu gestalten?« 8 - ist Lacans Antwort darauf klar: »Etwas anderes als seine fortgesetzte 'sozialeExistenz' zubegehren undfolglich'in eine Art von Tod' zu fallen; eine Geste zu riskieren, durch die der Tod »hofiert oder verfolgt« wird, zeigt gerade auf die Art und Weise, in der Lacan Freuds Todestrieb als die Elementarform des ethischen Aktes neu konzeptualisierte: d. h. als den Akt, der irreduzibel ist auf einen »Sprechakt«, der hinsichtlich seiner performativen Macht auf die zuvor

8 Butler, 28-29

begründete Menge von symbolischen Regeln und/oder Normen angewiesen ist. Ist dies nicht das Argument von Lacans Antigone-Lektüre: Antigone setzt tatsächlich ihre ganze soziale Existenz aufs Spiel und trotzt der sozio-symbolischen Macht der im Herrscher (Kreon) verkörperten Stadt, und fällt dadurch »in eine Art Tod« (d. h. sie erhält einen symbolischen Tod, den Ausschluß vom sozio-symbolischen Raum). Für Lacan gibt es keinen richtigen ethischen Akt ohne das Risiko einer solchen momentanen. »Suspension des großen Anderen«, des sozio-symbolischen Netzes, welches die Identität des Subjekts garantiert: Ein authentischer Akt geschieht nur dann, wenn die Subjekte eine Geste aufs Spiel setzen, die nicht länger vom großen Anderen »zugedeckt« wird. Lacan verfolgt alle möglichen Spielarten dieses Eintretens in den Bereich »zwischen den zwei Toden«: nicht nur Antigone nach ihrer Verstoßung, sondern auch Ödi-pus auf Kolonnus, King Lear, Poes Mr. Valdemar, bis zu Sygne aus Claudels Coufontaine-Trilogie - ihr gemeinsames Prädika- ment besteht darin, daß sie sich alle in diesem Bereich der Untoten, »jenseits von Leben und Tod«, vorfinden, in dem die Kausalität des symbolischen Schicksals suspendiert wird. Wofür man Butler tadeln sollte, ist, daß sie diesen Akt in seiner radikalen Dimension mit der performativen Neugestaltung der eigenen symbolischen Bedingung via ihrer repetitiven Verschiebungen verschmilzt: die zwei sind nicht dasselbe, d. h. man sollte den entscheidenden Unterschied zwischen bloßer »performativer Neugestaltung«, einer subversiven Verschiebung, die INNERHALB des hegemonialen Feldes verbleibt und sozusagen gegen es einen internen Guerillakampf führt, der gegen das hegemoniale Feld seine eigenen Begriffe kehrt, UND dem viel radikaleren AKT einer gründlichen Neugestaltung des ganzen Feldes beibehalten, welcher genau die Bedingungen sozial aufrechterhaltener Performativität neu definiert. Darum ist es Butler selbst, die in einer Position endet, welche gerade marginale »Neugestaltungen« des vorherrschenden Diskurses gestattet, d. h. die auf eine Position »innerer Überschreitung« beschränkt bleibt, die als Bezugspunkt den Anderen in Gestalt eines vorherrschenden Diskurses benötigt, der nur marginal verschoben oder überschritten werden kann. 9 Von Lacans Standpunkt aus betrachtet, ist Butler darum zugleich zu optimistisch und zu pessimistisch. Sie überschätzt einerseits das subversive Potential der Praktiken performativer Neugestaltung/Verschiebung, das Funktionieren des großen Anderen zu stören: solche Praktiken unterstützen letztlich, was sie zu subvertieren beabsichtigen, da gerade das Feld solcher »Überschreitungen« von der hegemonialen Form des großen Anderen schon einbezogen und sogar hervorgerufen wird - was Lacan den »großen Anderen« nennt, sind symbolische Normen UND ihre kodifizierten Überschreitungen. Die ödipale Ordnung, diese gargantuahafte symbolische Matrix, die in einer umfangreichen Menge von ideologischen Institutionen, Ritualen und Praktiken verkörpert ist, ist eine viel zu tief verwurzelte und »substantielle« Entität, um tatsächlich von den marginalen Gesten performativer Verschiebung unterminiert zu werden. Andererseits gestattet Butler nicht die radikale Geste der gründlichen Neustrukturierung der hegemonialen, symbolischen Ordnung in ihrer Totalität.

9Ist dies nicht auch das Problem der “marginalen” homosexuellen Position, die nur als die Überschreitung der vorherrschenden Norm fungiert und darum diese Norm als ihre innere Voraussetzung BENÖTIGT und auf sie angewiesen ist? Man nehme Butlers offensichtlich übertriebene Insistenz darauf zur Kenntnis, wie die Homosexualität eine Erfahrung ist, die für die meisten Individuen den Verlust der eigenen Identität nach sich zieht, als ob die Vorstellung von sich in einem homosexuellen Akt heute immer noch eine unerhörte, traumatische Erfahrung wäre; man nehme auch das Unbehagen zur Kenntnis, wenn sie nicht durch Zensur, sondern durch die permessive Haltung bedroht werden, die sie einfach und unterschiedslos akzeptiert und sie nicht länger als eine traumatische Subversion erfährt- als ob diese irgendwie ihres subversicen Stachels beraubt würde.