Sie sind auf Seite 1von 1
Halt, bleiben Sie ruhig. Noch ist es nicht so weit. Zumindest noch nicht. Denn noch

Halt, bleiben Sie ruhig. Noch ist es nicht so weit. Zumindest noch nicht. Denn noch können wir unseren Marktplatz kosten- frei betreten – und er wird (so ist zu hoffen) nicht privatisiert.

Aber was heißt das? In der heutigen Zeit, in der viele Städte und Ge- meinden massiv verschuldet sind, ist scheinbar jedes Mittel recht, um zu sparen und um zusätzli- ches Geld einzunehmen.

Mit der heutigen Aktion weist attac auf diese Si- tuation und die damit einhergehenden Probleme hin. Denn betroffen sind wir alle:

Viele Kommunen in NRW leiden unter einer erdrü- ckenden Schuldenlast. In Recklinghausen betru- gen die Schulden bereits 2010 rund 240 Millio- nen Euro. Gleichzeitig wird für das Jahr 2011 mit einem Haushaltsdefizit von zusätzlichen 60 Milli- onen Euro gerechnet. Anderen Städten – gerade im Ruhrgebiet – geht es sogar noch schlechter.

Kommt die kommunale Schuldensituation zur Sprache, werden von der EU, vom Bund, Land und anderen stets zwei Forderungen gestellt: „Ihr müsst kürzen!“, „Ihr müsst sparen!“. Scheinbar ist es einfacher die Ausgaben des öffentlichen Sek- tors auf ein Minimum zu stutzen, anstatt endlich für eine überfällige Verbesserung der Einnahmen zu sorgen.

Was bringt uns der verordnete Sparzwang? „Geld, das man nicht hat, darf man nicht ausgeben.“ So lautet das simple Argument, mit dem die ver- schiedenen Sparmaßnahmen begründet werden. Die meisten dieser Sparideen führen aber nicht zu verbesserten kommunalen Finanzen, sondern zu einer Verschlechterung der Lebensqualität und letztendlich zu noch höheren Ausgaben.

Wie soll gespart werden? Eine derzeit vielfach angewandte Methode des kommunalen Sparens ist die Privatisierung, z.B. mit der so genannten Öffentlich-Privaten Part- nerschaft (ÖPP / englisch: PPP). Dabei überträgt die Kommune dem privaten Investor nicht nur die Erledigung kommunaler Aufgaben, sondern auch die Planung, den Bau, die Sanierung, den Betrieb sowie die Instandhaltung und vor allem die Fi- nanzierung von Projekten wie Straßen, Gebäuden, Plätzen, etc.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, dieses Schreiben berechtigt Sie am heutigen Tag zum Betreten des Recklinghäuser Altstadtmarktes. Da dieser ehemals öffentliche Platz und seine Nutzung privatisiert wurden, wird Ihnen demnächst der Zutritt nur gegen Be- zahlung einer Gebühr erlaubt.

Dadurch spart die Stadt im ersten Schritt das Geld, welches sie selbst hätte aufbringen müssen. Der Haken: Für seine Leistung verlangt der Investor ebenfalls Geld von der Stadt. So übersteigt die Summe, die von der Stadt letztendlich aufge- bracht werden muss, die vermeintlichen Einspa- rungen um ein Vielfaches. Dieser Effekt ist das wesentliche Merkmal aller ÖPP-Projekte.

Die neueste Sparzwang-Methode: Es werden vermeintlich großzügige „Hilfspakete“ angebo- ten, die gleichzeitig mit unglaublich hohen Spar- Forderungen verknüpft sind. Aktuellstes Beispiel:

Der „Stärkungspakt Stadtfinanzen“ der rot-grünen Landesregierung.

Überschuldete Städte und Gemeinden sollen vom Land NRW finanzielle Hilfen erhalten. Aber mit der Bedingung, bis zum Jahr 2016 einen ausgegliche- nen Haushalt nachzuweisen.

Viele dieser Kommunen äußerten bereits, dass sie „das Letzte aus sich herausgespart“ hätten und die Anforderungen nicht erfüllen könnten, ohne dass Musikschulen, Stadtbibliotheken, Museen und Sportstätten geschlossen werden müssten.

Für das soziale und kulturelle Leben in unseren Städten stellt der „Stärkungspakt“ also eher den Super-GAU dar.

Was ist die Alternative? Was fordern wir? Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Kommunalpolitiker einen ausgeglichen Haushalt erstellen, also nur so viel ausgeben wie sie einnehmen.

Wenn fremdbestimmte Ausgaben jedoch dazu führen, dass übermäßiges Sparen erzwungen wird, muss das Sparen dort abgelehnt werden, wo der Verkauf von Gemeineigentum die öffentliche Da- seinsvorsorge beeinträchtigt, es zu schlechteren Lebensverhältnissen der Bürgerinnen und Bürger und sogar zu noch mehr Schulden führt.

Um diese Finanzsituation nachhaltig zu verbes- sern, heißt die Alternative zum erzwungen Haus- haltsdefizit nicht Sparen am Gemeinwohl, sondern Verbesserung der Einnahmen durch diejenigen, die die Kommunen mit aufgezwungenen Aus- gaben in die Verschuldung gedrängt haben. Die Kommunen müssen also von EU, Bund und Län- dern so ausgestattet werden, dass sie die Zusatz- aufgaben bezahlen können.

Das Geld dafür mag zwar heute noch fehlen, kann aber schon morgen beschafft sein. Zum Beispiel:

Mit der Einführung einer Finanztransaktions- steuer

An den Börsen und Finanzmärkten werden täglich rund 4 Billionen Dollar umgesetzt. Der größte Teil dieser Geschäfte sind reine Spekulationsgeschäf- te, die nichts mit der realen Wirtschaft und den arbeitenden Menschen zu tun haben. Sie steigern die Gewinne der Banken, von Hedgefonds und Rei- chen. Eine nur geringfügige Besteuerung dieser Finanztransaktionen (0,1 bis 0,5%) würde bereits zu zweistelligen Millarden-Mehreinnahmen des Staates führen.

Mit der Wiederbelebung der Vermögenssteuer Unter der Regierung Kohl wurde die Vermögens- steuerpflicht ausgesetzt. Auch weil sie überall in der Welt gilt, ist ihre Wiederbelebung dringend geboten. Mit diesem Geld werden der Zufluss in Fi- nanzmarkt-Spekulationsgeschäfte eingeschränkt, dringend notwendige Staatseinnahmen deutlich erhöht und mehr Steuergerechtigkeit hergestellt.

Mit der Anhebung des Spitzensteuersatzes Der Spitzensteuersatz wurde in den letzen Jah- ren von den verschiedenen Bundesregierungen von 53% auf 42% abgesenkt. Nach Angaben des DIW betrug die Steuerlast der reichsten 450 Deut- schen mit einem durchschnittlichen jährlichen Einkommen von 22 Millionen Euro sogar nur 34%. Deutschland hat im europäischen Vergleich eine der niedrigsten Steuerquoten.

Mit der Erhöhung der Erbschaftssteuer In den letzten Jahren wurde das Erbschaftsrecht geändert. Besonders bei der Vererbung großer Ver- mögen und bei der Vererbung von Unternehmen wurde die Erbschaftssteuer erheblich abgesenkt. So betrug das Aufkommen aus der Erbschaftssteu- er 2009 nur noch 4,6 Milliarden Euro, obwohl ca. 200 Milliarden vererbt wurden. Mit der Erhöhung der Erbschaftssteuer geht es nicht darum, kleinere Erbschaften stärker zu be- lasten. Hier bleibt es dabei, dass Freibeträge bis zu 500.000 Euro gelten. Wer aber ein großes Vermögen erbt, sollte mehr als jetzt von diesem Vorteil an die Gemeinschaft geben.

V.i.S.d.P.: attac Recklinghausen, Klaus Pedoth

www.attac.de
www.attac.de