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Donnerstag, 31. Januar 2008

Münden

Tod auf dem Jakobsweg

Lesung mit Petra Oelker

HANN. MÜNDEN. Die Schrift- stellerin Petra Oelker liest am Sonntag, 3. Februar, im Wel- fenschloss aus ihrem neuen, im De ember 2 7 erschienen Buch „Tod auf dem Jakobs- eg.“ Die Lesung beginnt um 11.15 Uhr im Lepantosaal, der Mündener Kulturring und die Buchhandlung Hella Winne- muth laden da u ein.

Ein Krimi aus Spanien

Die Autorin er ählt eine spannende Kriminalgeschich- te. Hier ein Vorgeschmack auf die Handlung: „Einmal nur Ur- laub om norddeutschen Re- gen! Journalistin Leo Peheim geht auf Wanderschaft quer durch Spaniens Norden. Der

Peheim geht auf Wanderschaft quer durch Spaniens Norden. Der Liest am Sonntag aus ihrem Ro- man

Liest am Sonntag aus ihrem Ro- man Tod auf dem Jakobsweg:

Petra Oelker.

Jakobs eg erheißt nicht nur körperliche, sondern auch spi- rituelle Ertüchtigung. Und Er- holung pur. Wäre da nicht die- ser Unfall eines Mitreisenden gleich am eiten Tag und der

plöt liche Tod eines Hotel ir- tes. Unfälle? Leo ittert Mord. Spätestens am Ziel, in Santia- go de Compostela, eiß sie, dass auch Neugier mörderisch “

gefährlich sein kann Petra Oelker, Jahrgang 1947, arbeitete als freie Jour- nalistin (unter anderem für ta und Brigitte) und eröf- fentlichte Jugend- und Sach- bücher. Dem Erfolg ihres ers- ten historischen Krimis „Tod am Zollhaus“ folgten ier ei- tere Romane, in deren Mittel- punkt Hamburg und die Ko- mödiantin Rosina stehen. (ni ) Karten für 10 Euro (3 Euro Er- mäßigung für Mitglieder des Kulturrings) gibt es im Vorver- kauf bei Buchhandlung Hella Winnemuth sowie an der Ta- geskasse.

Foto: Privat/nh

Baustelle behindert den Verkehr

HANN. MÜNDEN. In der Frit - Michalski-Straße muss ein Wasserrohrbruch repariert erden. Durch die Bauarbeiten kann es u Beeinträchtigungen des Verkehrs kommen, teilt der Bereich Sicherheit und Ordnung der Stadt Hann. Mün- den mit. Der Wasserrohrbruch ar ischen Questenberg eg und der Straße Am Krughof aufgetreten. Während der Reparaturar- beiten, um die sich die Verso- gungsbetriebe kümmern, kann es u kur eitigen Voll- sperrungen kommen. Über die Dauer der Baustelle kön- nen der eit keine Angaben ge- macht erden, da das Ausmaß der Beschädigungen an der Wasserleitung noch nicht be- stimmt erden kann. Anlie- ger können den betroffenen Straßenabschnitt der Frit -Mi- chalski-Straße aus beiden Richtungen erreichen. (ni ) Für Fragen steht der Bereich Sicherheit und Ordnung zur Verfügung, Tel. 05541/ 75 220.

Vor 75 Jahren: Hitler kommt an die Macht

Das Gebrüll noch im Ohr

Für die Familie von Heinz Hartung (88) begannen vor 75 Jahren schwere Zeiten

VON KATJA RUDOLPH

HANN.MÜNDEN. Der 13 Jahre alte Junge steht am Fenster sei- nes Elternhauses am Kirch- plat 6. Es ist der Abend des 3 . Januar 1933. Unten marschiert die Mündener SA, sie hat ihr Stammlokal in der Rathaus- schänke an der Ziegelstraße. Der Standortführer brüllt: „Ha- a-lt! Unserem Führer und Kan - ler ein dreifaches Sieg Heil!“ Hein Hartung, in ischen 88 Jahre alt, erinnert sich noch heute an den Tag, an dem er om Fenster aus den Auf- marsch der SA beobachtete. „Das hör’ ich heute noch, ie die da losbrüllten“, sagt der alte Herr. Es ar das erste Mal, dass er das Sieg Heil so hörte. Mit der Ernennung Hitlers um Reichskan ler begann für die Eltern, die beiden älteren Brüder und den 13 Jahre alten Hein eine sch ere Zeit. Eine Zeit der Angst. Die Mutter, als tätige Christin der e angelisch- reformierten Gemeinde in der Stadt bekannt und als kompe- tente Fachfrau im Modege- schäft der Familie geschät t, ar jüdischer Herkunft. Bis da- hin ar das in der Stadt aber öllig unbekannt. „Es bestand einfach kein Grund darüber u reden“, sagt Hartung.

Boykott jüdischer Geschäfte

„Doch der Standesbeamte, der meine Eltern getraut hatte, hatte nach der so genannten Machtergreifung nichts eilige- res u tun, als aus ustreuen, dass meine Mutter aus einem jüdischen Elternhaus kam.“ Im Mär 1933 habe es bereits ers- te, allerdings eitgehend un- beachtet gebliebene, Bo kott- aufrufe der SA gegen Geschäfte jüdischer Inhaber gegeben, er- ählt der Zeit euge. „Nicht bei Juden kaufen“ - solche Schilder urden or den Läden aufge- stellt. Das elterliche Geschäft, so Hartung, sei nur durch den be- her ten Einsat der Mitarbeite- rinnen erschont geblieben. „Selbst die Verkäuferinnen, de-

erschont geblieben. „Selbst die Verkäuferinnen, de- Erinnerung an schwere Zeiten: Heinz Hartung und Ehefrau Elli

Erinnerung an schwere Zeiten: Heinz Hartung und Ehefrau Elli sehen sich Bilder und Briefe aus der Nazizeit an. Heinz Hartungs Mutter kam aus einer jüdischen Familie und war ab 1944 im KZ. Sie über- lebte und konnte bei der Hochzeit von Heinz und Elli 1945 mit dabei sein. Foto: Rudolph

enden konnte. Im Januar 1944 urde Frieda Hartung dennoch erhaftet und in das KZ gebracht. Die Briefe aus Theresien- stadt hat der Sohn aufgehoben. Darin gab es eine Art Geheim- sprache. Wenn die Mutter sich für Dinge bedankte, die sie gar nicht bekommen hatte, usste die Familie, as sie im nächs- ten Päckchen schicken sollte:

„Der Inhalt ar sehr gut, be- sonders der Käsebrotaufstrich und alle Nährmittel“, schrieb sie am 27. Juni 1944 an den Sohn. Frieda Hartung überlebte bis ur Befreiung Theresienstadts im Mai 1945. Bei der Hoch eit ihres Sohnes Hein im Juli konnte sie dabei sein. Seit 194 kannten sich Hein und Elli, mussten ihre Liebe aber bis um Kriegsende geheim hal- ten. Ihm hatte man egen der Verbindung mit KZ, ihr mit Er- iehungslager gedroht.

ihn beendet. Seine Freunde und Schulkameraden standen immer u ihm, betont Har- tung. Von anderen HJ-lern, die er nicht kannte, sei er aber ab und u angepöbelt orden. Der ältere Bruder, ein begabter Sportler, seit 1932 in der Reichs ehr, urde 1933 eben- falls rausge orfen, eil er als Mischling ersten Grades galt.

ren Männer in der SA aren, haben ihren Männern ordent- lich eins auf die Müt e gege- ben.“ So erhinderten sie, dass ihre Männer auch in dem Mo- deladen an der Kirchstraße ak- ti urden. War den Eltern des Jungen, die relati unpolitische Men- schen ge esen seien, bis dahin der Ernst der politischen Ent- icklungen nicht be usst, so erfuhr ihr jüngster Sohn im Sommer am eigenen Leib, dass nun ein andere Wind ehte - in Deutschland und in Hann. Münden. Bei einer gro- ßen Veranstaltung an der Frei- lichtbühne, bei der erschiede- ne Jugendgruppen in die Hit- ler-Jugend (HJ) eingegliedert urden, schrie der Gruppen- führer, als er Hein Hartung sah: „Was macht denn dieser Judenjunge hier?“ Bis dahin hatte der 13-Jäh- ruige Gefallen an der HJ ge- habt, jet t ar das Kapitel für

Mutter in Theresienstadt

1934 aren die Eltern auf- grund der politischen Situati- on ge ungen, das Geschäft u erkaufen; damals sei es auch finan iell sch er für die Fami- lie ge orden. Einen Stern musste Har- tungs Mutter nicht tragen, da sie in einer so genannten „pri- ilegierten Mischehe“ lebte. Trot dem sollte sie 1943 nach Theresienstadt deportiert er- den, as die Familie durch glückliche Umstände und großher ige Helfer noch ab-

Buchtipps zum Thema

Mit den Auswirkungen des Na- tionalsozialismus in unserer Re- gion beschäftigen sich auch eini- ge Bücher. Wir haben eine Aus- wahl für Sie zusammengestellt:

Hann.Münden in der NS-Diktatur

von

H. Hruska,

D. Kropp,

T.Quest;

Herausge-

ber: Verein

zur Erfor-

schung

der

schichte

der Arbei- terbewegung in Hann. Münden.

10 Euro.

Judenverfolgung in Münden 1933-1945

von

Münden. 10 Euro. Judenverfolgung in Münden 1933-1945 von Ge- Jo- hann Die- trich von Pezold. Mit

Ge-

Jo-

hann Die-

trich von

Pezold.

Mit vielen

Original-

dokumen-

ten.

1 Euro

trich von Pezold. Mit vielen Original- dokumen- ten. 1 Euro Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen

Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen

von Uta Schäfer-Richter undJörg Klein. Mit

Deportati-

onslisten

Schäfer-Richter undJörg Klein. Mit Deportati- onslisten und grafien der jüdischen Mitbürger aus Landkreis. 17

und

grafien der

jüdischen

Mitbürger

aus

Landkreis.

17 Euro.

Bio-

dem

Münden und

Umgebung

von Erwin May. In dem Ge- schichts- und Nachschlagewerk wird auch der Nationalsozialis- mus behandelt. 5 Euro.

Flüchtlinge in Münden 1945 -1950

von Martina Krug. Über die Nachkriegszeit. 1,60 Euro.

„Das schlug wie eine Bombe ein“

Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler stieß 1933 in Hann.Münden auf Begeisterung - aber auch auf Widerstand

HANN.MÜNDEN. „Hinden- burg und Hitler leiten ereint die deutschen Geschicke“ ti- teln die Mündenschen Nach- richten (MN) heute or 75 Jah- ren. Am Vortag, dem 3 . Janu- ar 1933, ar Adolf Hitler Reichskan ler ge orden. Er- nannt hatte ihn Reichspräsi- dent Paul on Hindenburg. Laut dem Bericht im Lokal- teil der Zeitung schlug die Nachricht auch in Münden „ ie eine Bombe ein“. Vor der Zeitungsauslage standen die Menschen und diskutierten. „Während durch die nationa- len Kreise ein Jubelruf ging, ar die Linke iemlich ge- knickt“, heißt es in dem Arti- kel om 31. Januar 1933.

Propaganda in der Zeitung

Die Kommunisten erteilten Hand ettel und riefen u Pro- testkundgebungen auf. Laut MN kam aber niemand. Später am Tag, als SA und SS durch die Straßen marschierten, „ oll Begeisterung ihre Kamp- feslieder singend, da mar- schierten jung und alt mit“, schreibt die Zeitung eiter. Die Aus ertung on Me- dienberichten aus der Na i- Zeit sei problematisch, gibt

dienberichten aus der Na i- Zeit sei problematisch, gibt Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler beschäftigte auch

Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler beschäftigte auch die Menschen in Mün- den. Der Zeitungsausriss stammt aus den Mündenschen Nachrichten vom

31.1.1933.

der ehemalige Stadtarchi ar Dr. Johann Dietrich on Pe- old (71) u Bedenken. „Die Er- artungen, die die Öffentlich- keit an die Zeitungen dieser Zeit richtet, sind über ogen.“ Gerade die Mündenschen Nachrichten seien eine

Foto: Wismath

„stramme NS-Zeitung“ ge e- sen, seit Otto Weber-Krohse Anfang der 3 er-Jahre Chefre- dakteur des Blattes ar.

Fackelzug im Februar

Das merkt man auch dem Bericht über einem Fackel ug

an, den die

NSDAP-Orts-

gruppe und der Wehr er- band Stahl- helm, Bund der Frontsol- daten, am 4. Februar 1933 eranstalte- ten: „ u Ehren des neu er- nannten Reichskan - lers und aus Dankbarkeit dem greisen Feldmarschall gegenüber, der allen seinen bisherigen Be- denken um Trot nun- mehr den sehnlichsten Wünschen des deutschen

Volkes Rech- nung getragen hat“ , ie die Mündenschen Nachrichten schreiben. Gemeint sind Hit- ler und Hindenburg. Offenbar kam es ährend des Propagandamarsches aber u Auseinanderset ungen. Im am 6. Februar erschienenen

Bericht heißt es, dass „in un- erant ortlicher Weise on ge issen Personen im Hinter- grund gehet t u. geschürt urde“. Die Gegner der Veran- staltung seien mit Messern auf SS-Männer und mit Knüppeln auf einige Hitler-Jungen orge- gangen, die Poli ei ar offen- bar aber kaum gegen die „Pro- okateure“ eingeschritten.

Pöbeleien und Gewalt

Am Martkplat , o der Fa- ckel ug endete, habe eine mar- istische Gruppe mit „Nie- der!“-Rufen die Zeremonie u stören ersucht. Gegen das dreifache Hoch auf Hitler und Hindenburg und die ier Stro- phen des Deutschlandliedes, die die Menschenmenge um Abschluss sang, hätten sie aber nicht ankommen können. Auch bei einem eiteren Propagandamarsch on SA und SS am 19. Februar kam es u Zusammenstößen „im ro- ten Hermannshagen“, ie die Zeitung schreibt. Die Vorbei- iehenden seien angepöbelt orden, später urden die SA- Leute an der Langen Straße mit Steinen, Biergläsern und Knüppeln be orfen. Auch ein Schuss sei gefallen. (rud)

Münden

Mittwoch, 27. Februar 2008

Vor 75 Jahren: Reichstagsbrand und Einschränkung der Grundrechte

Der Schmerz sitzt in der Seele fest

Irmgard Kurth hat als Kind während der NS-Diktatur unter der politischen Verfolgung ihres Vaters gelitten

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Die Nacht um 8. Oktober 1935 ist die dunkelste, an die Irmgard Kurth sich erinnern kann. Da- bei mag sogar der Mond in die kleine Wohnung an der Blu- me geschienen haben. Die da- mals Fünfjährige fühlte sich aber, als ürde die Sonne nie ieder aufgehen. Gan allein sit t das erängs- tigte Kind in der kleinen, spär- lich eingerichteten Wohnung in einem Hinterhof. Kur da- or hatte es an die Tür ge um- mert. „Dieses furchtbare Hau- en mit den Fäusten an die Tür, das erde ich nie ergessen“, sagt die heute 77-Jährige.

17 Menschen verhaftet

Und dann geht alles gan schnell. Uniformierte Männer führen den Vater ab, auch die Mutter ist plöt lich eg. Noch heute tut es Irmgard Kurth (ge- borene Stemmer) eh, enn sie an die Nacht or über 7 Jahren urückdenkt: „Das hat sich an meine Seele gehaftet.“ Der Vater der kleinen Irm- gard, Georg Stemmer, urde

usammen mit ahlreichen anderen Hann. Mündenern in den Rathaussaal gebracht. Dort trieben SA und SS die Verhafteten usammen, ihr Vergehen: Sie standen unter dem Verdacht, sich bei Kom- munisten, So ialdemokraten oder So ialisten betätigt u haben. Nach den stundenlan- gen Vernehmungen soll Blut an den Wänden des Rathaus- saals geklebt haben, hätten die Put frauen später berich- tet, sagt Irmgard Kurth.

Vater war Kommunist

Der Vater kam auch am nächsten Morgen nicht u- rück, er erbrachte die nächs- ten eindrei iertel Jahre egen Vorbereitung eines „hoch er- räterischen Unternehmens“ im Gefängnis. Auch ur Ge- burt seines Sohnes Hans-Ge- org im Mai 1936 ar der Vater noch in Haft. Zu den Besuchen nahm die Mutter das ältere Kind nie mit. „Ob sie es mir ohl ersparen ollte?“, fragt sich Irmgard Kurth heute noch. Ihr Vater Georg Stemmer ar damals Kommunist, er

noch. Ihr Vater Georg Stemmer ar damals Kommunist, er Irmgard Stemmer, mit ihrer Mutter Anna und

Irmgard Stemmer, mit ihrer Mutter Anna und Brüderchen Hans- Georg im Kinderwagen , hinten lugt Cousin Otto hervor. Repro: nh

hatte schon im jugendlichen Alter die Kommunistische Ju- gend Münden gegründet. Als die Tochter ihn später fragte, arum er Kommunist ar, habe er gesagt: „Weil ir nichts u essen hatten und

eil ir die Miete nicht be ah- len konnten“, erinnert sich Kurth, die später in der SPD in akti und jahrelang Ratsher- rin ar. Armut hatte sie als Kind nur u gut kennengelernt. Die Fa- milie lebte unter einfachsten Verhältnissen in einer Z ei- immer ohnung im Hinter- hof auf der Blume, damals ein Arbeiter iertel. Der Vater ar gelernter Maurer und in den

3 er-Jahren, ie iele seiner Mitbürger, arbeitslos.

„Ich fühlte mich als ar- mes Nichts - das hab’ ich selbst als Kind ge- spürt.“

IRMGARD KURTH

Wenn gar nichts u essen mehr da ar, schoss er Spat- en oder angelte Fische in der Werra (illegal, denn für die Angelerlaubnis ar kein Geld da). Vor allem für Kleidung ar kaum Geld übrig. Kein Turn eug, kein Badean ug - beim Sch immen und beim Sport musste das Mädchen da- mals meist am Rand stehen bleiben. Einmal habe sie in der Sportstunde den Pulli aus- iehen müssen und stand nur noch im löchrigen Hemdchen da, erinnert sich die alte Dame die Demütigung. Sie blickt durchs Fenster und ieht die Augenbrauen usammen. „Ich fühlte mich als armes Nichts - das hab’ ich selbst als Kind ge- spürt.“ Einen Moment herrscht Stille im Raum. „Es tut irklich eh.“ Nachdem der Vater aus der

„Es tut irklich eh.“ Nachdem der Vater aus der Keine unbeschwerte Kindheit: Irmgard Kurth mit Fotos

Keine unbeschwerte Kindheit: Irmgard Kurth mit Fotos aus der Zeit der NS-Diktatur. Foto: Rudolph

Gestalten in der gestreiften Häftlingskleidung. Sie aren so sch ach, dass sie sich im- mer ieder an den Straßen- rand set en mussten.“ Ein Bild, das das junge Mäd- chen tief erschütterte. Schon damals erspürte es den Wunsch u helfen – den die er- achsene Frau später umset - te. Irmgard Kurth ar Vorsit- ende des „Vereins der Ver- folgten des Nationalso ialis- mus“, kümmerte sich um die Gedenkstätte an der Rotunde und führte Inter ie s mit überlebenden politisch Ver- folgten, um deren Schicksale u dokumentieren und ar 1981 Mitbegründerin des Ar- beitergeschichts ereins.

ehrun ürdig“ gegolten. Er

ein bisschen rot und ihr Ge- sicht strahlt.

ählt Irmgard Kurth. Bis dahin hatte der Kommunist als

Haft gekommen ar, bekam er ieder Arbeit, urde 1939 doch noch einge ogen, er-

er mir dann entgegengekom- men.“ Beide liefen aufeinander u und fielen sich in die Arme, erinnert sich Irmgard Kurth, und dabei erden ihre Augen

musste erst in Russland und dann in Nor egen für ein Re- gime kämpfen, das er selbst als erbrecherisch kennenge- lernt hatte. Ende 1945 kehrte er urück ur Familie, die in ischen in der Pionierstraße lebte. An das Wiedersehen erinnert sich die Tochter, die ihren Vater so lan- ge entbehren musste, noch gut. „Ich ollte gerade Milch holen und musste den Wiesen- pfad hinunter ur Stadt. Auf der Wilhelmshäuser Straße ist

Ausgemergelte KZ-Häftlinge

Überhaupt strömten nach Kriegsende im Mai 1945 iele Menschen in die Stadt herein, erinnert sich die Mündenerin. Entlassene Soldaten, Fremdar- beiter und auch Überlebende aus den Kon entrationslagern. Als sie om pro isorischen Nordbahnhof am Questen- berg durch die Stadt kamen, begegnete die in ischen 15- Jährige den ausgemergelten

Nur die Nazis dürfen sich noch versammeln

A uch die Lokal eitungen

in Hann.Münden, Mün-

densche Nachrichten

und Mündener Tageblatt, be- richteten über den Reichstags- brand am 27. Februar 1933 und das Verbot der kommu- nistischen und so ialdemo- kratischen Presse. Schon ein paar Tage später ird das ein- geschränkte Recht der Ver- sammlungfreiheit in Münden spürbar. Am 1. Mär berichten die Mündenschen Nachrich- ten über das Verbot einer Kundgebung der Eisernen Front (eine Widerstandorgani- sation). „Als gestern abend on ca. 1 Personen die Bil- dung eines Demonstrations u- ges ersucht urde, urde die

Demonstrations u- ges ersucht urde, urde die Titel der Mündenschen Nach- richten vom 28. Februar 1933.

Titel der Mündenschen Nach- richten vom 28. Februar 1933.

Langestraße ge altsam ge- räumt“, schreibt das Blatt. Pro- pagandamärsche on Stahl- helm, SA und SS so ie Kund- gebungen der NSDAP finden allerdings alle paar Tage statt. In Hedemünden urde An- fang Mär ein so genannter Selbstschut gegen kommu- nistische Terrorakte ins Leben gerufen. „Aus diesem Anlass erden auch des Nachts die Straßen beleuchtet“, heißt es.

„Hochverräter“ mit gutem Gewissen

Auch in Hann. Münden gab es eine Widerstandsbewegung - „Die rote Latüchte“ als illegales Presseorgan

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Flugblät- ter, ähnlich ie sie Sophie

Scholl und die Widerstands- kämpfer der Weißen Rose in München unter Einsat ihres Lebens erbreiteten, gab es ährend der Na i-Diktatur

auch in

erbreiteten, gab es ährend der Na i-Diktatur auch in Hann. Münden und Umgebung. Klei- ne runde

Hann.

Münden und Umgebung. Klei- ne runde Zettel mit Hitlers Vi- sage, auf denen u lesen ist:

„Die Na is sind unser Un- glück“ brachten Antifaschis- ten aus der Stadt am 12. De- ember 1935 an Litfaßsäulen, Bäumen und Leitungsmasten an, ie die uständige Staats- poli ei der Gestapo in Berlin meldete. Eine on ielen Ak- tionen, mit denen So ialde- mokraten, Kommunisten, Ge- erkschaftler und Vertreter des Reichsbanners und des ISK (Internationaler So ialisti- scher Kampfbund) um Wi- derstand gegen Hitler und sein Regime aufriefen. Schon or dem Reichstags- brand am 27. Februar 1933 und den folgenden Einschrän-

kungen der Grundrechte, der Presse- und Versammlungs- freiheit hatten die bis dahin noch legalen antifaschisti- schen Organisationen in und um Hann. Münden für den Tag ihres Verbots orgesorgt.

„Die rote Latüchte“

Aus den Ortsgruppen und Wohnbe irks-Organisationen urden Haus- und Straßen el- len gebildet, die nicht mehr als drei bis fünf Mitglieder ählten. Schreibmaschinen, Ver ielfältigungsapparate ur Herstellung on Flugblättern

und Zeitungen aren bei u- erlässigen, unauffälligen Mit- gliedern in Sicherheit ge- bracht orden. In streng ge- heimen nächtlichen Aktionen urden die Schriften herge- stellt und erteilt. Die ohl bekannteste illegale Publikati- on aus Hann. Münden ar „Die rote Latüchte“, aus Hol- land urde die „Rote Fahne“ in die Dreiflüssestadt ge- schleust – Gegenge ichte u den beiden Mündener Tages- eitungen (siehe Artikel links), die ährend der Na i- Herrschaft nicht als unabhän-

gige Berichterstatter sondern als gleichgeschaltete Propa- ganda-Organe fungierten. Die Na is forcierten die Ver- folgung der politischen Gegner nach dem Reichtagsbrand. Hausdurchsuchungen - beson- ders im „roten Hermannsha- gen“, das den Na is ein Dorn im Auge ar - , Beschlagnah- mungen und Festnahmen on Antifaschisten und Arbeiter- funktionären fanden einen ers- ten traurigen Höhepunkt am 28. Mär 1933 und aren bald an der Tagesordnung. Eine der größten Verhaftungsaktionen

an der Tagesordnung. Eine der größten Verhaftungsaktionen Entschlossen gegen den Nationalsozialismus: Dieses Bild

Entschlossen gegen den Nationalsozialismus: Dieses Bild zeigt Kommunisten und ihnen nahe stehen-

de Sympathisanten bei der 1. Maifeier im Jahr 1933 am Gasthaus zur Querenburg. Das Foto hat uns Irmgard Kurth zur Verfügung gestellt, der Mann in der Mitte der mittleren Reihe, der sich nach links

lehnt, ist ihr Onkel Karl.

Foto: nh

in Stadt und Landkreis fand im Oktober 1935 statt - über 17 Bürger und Bürgerinnen ur- den erhaftet. Insgesamt sind ährend der NS-Zeit 223 Menschen aus Hann. Münden erfolgt or- den, da on starben 29 in Kon- entrationslagern oder erla- gen ihren Misshandlungen. Angeklagt aren fast alle der Widerstandkämpfer egen „Vorbereitung um Hoch er- rat“. Wer damals sein Ge is- sen nicht an die Na is erriet, der galt ihnen als Hoch errä- ter. (rud)

Buchtipp zum Thema

Ihr seid den dunklen Weg für uns gegangen

Das Buch on Wilhelm Schu- mann „Ihr seid den dunklen Weg für uns gegangen – Ski - en aus dem Widerstand in Hann. Münden 1933-1939“ be- schreibt den Terror gegen die Na i-Gegner in Hann. Münden. Es enthält neben Zahlen und Namen der Opfer auch Berich- te on ehemaligen Wider- standskämpfern so ie ausge- ählte Original-Dokumente. Im Handel ist das Buch nicht mehr erhältlich, in der Stadt- bücherei im Schloss gibt es aber ei E emplare ur Aus- leihe, auch in der Ortsbücherei Hemeln ist eins orhanden.

Münden

Samstag, 22. März 2008

Im Juni Chorwettstreit um den Pokal

HANN. MÜNDEN. Im Zeichen der Chöre soll ieder das Wo- chenende, 28. und 29. Juni, stehen. Auf der Freilichtbühne in Hann. Münden ird um dritten Mal der Wanderpokal für den besten Chor ergeben. In diesem Jahr ird die Nachmittags eranstaltung bei entsprechender Beteiligung auf ein Wochenende ausge- dehnt. In Abänderung u den orherigen Jahren ird es eine Unterteilung der Chöre geben in kleine und große Chöre, e entuell Kinder-, Män- ner- und Frauenchöre (bei ent- sprechender Nennung). Für jede Gruppe ird ein eigener Wanderpokal ausgesungen. Eine eite Änderung: Es ird eine unabhängige Jur geben, die Zuschauer können also dieses Mal nicht entschei- den. Ein Pflicht-Lied für alle Chöre ird orgegeben. Die anderen drei bis ier Lieder sind frei ählbar. Nennungen on Chören bit- te an: Dagmar Horst (Vorsit- ende des Theater ereins „Spielbühne“), Tel.: 55 41/ 3 27 65 oder unter dag- mar.horst@tele2.de. (ni )

Ehre für die besten Kegler

MIELENHAUSEN. Die Münde- ner Kegelstadtmeisterschaf- ten 2 7/2 8 sind nun been- det, sodass die Meister und Plat ierten feststehen. Veran- stalter der Meisterschaften ar die Gimter Kegelgruppe „7 Schluckspechte“. Die Siegerehrung findet am Samstag, 29. Mär , im Dorfge- meinschaftshaus in Mielen- hausen statt. Beginn ist um 19 Uhr, Einlass ist bereits um 18 Uhr. Alle Kegler, Kegelinteres- sierte so ie Freunde sind ur Abschlussfeier eingeladen. Eintrittskarten sind im Vor- erkauf in den Gaststätten „Bergschlößchen“ in Hann. Münden und „Zum Anker“ in Gimte u er erben. (ni )

Vereine und Verbände

Feuerwehr Laubach:

Osterfeuer

LAUBACH. Die Laubacher Feu- erwehr lädt für Ostersamstag, 22. März, ab 19.30 Uhr, zum Osterfeuer an der Wildhecke ein. Essen und Trinken wird an- geboten.

KKSV Hemeln:

Osterhasenschießen

HEMELN. Das Osterhasenschie- ßen des Kleinkaliberschützen- vereins KKSV Hemeln findet am Ostermontag, 24. März, von 10 bis 12 Uhr, im Schützenhaus statt.

Gospelchor:

Chorprobe

HANN. MÜNDEN. Die Mitglie- der desMündener Gospelchores treffen sich am Dienstag, 25. März, um 20 Uhr, in der Rathaus- halle zur Chorprobe. Dies ist die letzte Probe vor der Barcelona- fahrt.

Musikgemeinschaft:

Hauptversammlung

BONAFORTH. Die Mitglieder der Musikgemeinschaft Fidelio Bonaforth treffen sich am Sams- tag, 29. März, zur Jahreshaupt- versammlung im Karl-Heinz- Herbold-Haus. Beginn der Ver- sammlung ist um 19.30 Uhr. Zur Erinnerung: Dies ist die letzte Möglichkeit, sich für die Damp- ferfahrt anzumelden.

Vor 75 Jahren: Hitler setzt sein Ermächtigungsgesetz im Reichstag durch

Wie ein lautloser Schatten

Leni Wurm-Altenburg ist als Kind Juden begegnet, die wohl gerade in Lager abtransportiert wurden

VON ANDREA WISMATH

HANN. MÜNDEN. Leni Wurm-Altenburg ist gerade ölf Jahre alt, als sie eine Er- fahrung macht, die sie ihr gan- es Leben lang nicht mehr los- lassen ird. „Ich ging gan al- lein frühmorgens durch die lange Unterführung am Güter- bahnhof in Erfurt. Ich ar auf dem Weg ur Schule, als ich plöt lich das Trippeln on ie- len Schritten hörte“, er ählt sie.

„Nie habe ich ihre gro- ßen, angsterfüllten Au- gen in den leichenblas- sen Gesichtern verges- sen.“

LENI WURM-ALTENBURG

Entgegen kamen ihr et a dreißig Männer, Frauen und Kinder – begleitet on SS-Män-

Männer, Frauen und Kinder – begleitet on SS-Män- Leni Wurm-Altenburg im Alter von etwa zwölf Jahren.

Leni Wurm-Altenburg im Alter von etwa zwölf Jahren. Foto: nh

nern. „Nie habe ich ihre gro- ßen, angsterfüllten Augen in den leichenblassen Gesichtern ergessen,“ sagt Leni Wurm- Altenburg heute. Als Juden er- kannte die junge Leni die Ge- stalten nur, eil sie den gel- ben Da idsstern an ihrer Klei- dung sofort bemerkte. „Die Kinder sahen aus ie ich. Sie trugen genauso einen armen Mantel und einen Schulran- en.“ Doch ährend Leni auf dem Weg u ihren Schulfreun- den ar, traten die Erfurter Ju- den eine Reise an, on der es kein Zurück gab.

Ungewollte Begegnung

Das damals noch kleine Mädchen er ählte lange nie- mandem on dieser traurigen und sicher on Seiten der SS- Männer unge ollten Begeg- nung. Zumindest erinnert sich Leni Wurm-Altenburg nicht mehr daran. Dabei ist sie in ei- nem sehr frei denkenden und offenen Elternhaus aufge- achsen. „Mein Vater hat sich innerhalb der Familie immer sehr offen gegen die Na is ge- andt, ob ohl er ja fürchten musste, dass ich es irgendje- mandem er ähle.“ Er bemühte sich sogar u- sammen mit der Mutter, die kleine Leni da or u be ah- ren, sonntags bei den Jungmä- deln mitmarschieren u müs- sen. Selbst als des egen ein junger Mann on der Hitlerju- gend in oller Montur bei Al- tenburgs u Hause aufkreu te, ließ sich der Vater nicht ein- schüchtern. „Ich kam dann in die Spiel-

Gesetz ebnet Hitler den Weg

D as Ermächtigungsge- set heißt offi iell ei- gentlich „Geset ur

Behebung der Not on Volk und Reich“. Da es eine Ände- rung der Weimarer Verfas- sung bedeutete, musste es on mindestens ei Dritteln der Abgeordneten des Parlaments angenommen erden. Das Geset urde am 23. Mär 1933 im Reichstag mit 441 u 94 Stimmen erab- schiedet. Das bedeutet, dass sogar mehr Parlamentarier als not endig für das Geset

stimmten, lediglich die Abge- ordneten der SPD stimmten dagegen. Das Geset , das nur aus fünf Artikeln bestand, sicherte der Reichregierung unter Reichs- kan ler Adolf Hitler nahe u uneingeschränkte Befugnisse um Erlass on Geset en – auch elche, die den Kernbe- reich der Verfassung betrafen. Ohne dass der Reichtag oder der Reichsrat hätten ustim- men müssen, konnten die Na- tionalso ialisten nach ihrem Belieben Recht set en. (a i)

Mit harter Hand

Nazis im Mündener Rathaus sagen den Kampf an

A uch in Hann. Münden

eigen sich die Natio-

1933 geben sie eine „oeffentli- che Erklärung“ ab. Sie ollen „auf dem Rathaus be eisen, daß ir sachlich arbeiten kön-

nen ( )

nicht ergessen.“

Beifall der Bürger

Der öffentliche Beifall der

Mündener bei Reden, die ahl- reichen Stimmen bei der Wahl für die NSDAP und Zu- schriften der Bür-

ger hätten be ie- sen, „daß Tausen- de hinter uns ste- hen“. Denjenigen Mündenern aller- dings, die diese Geschlossenheit u erschüttern ersuchen, dro- hen die Na is deutlich: Sie er- den „ebenso rück- sichtslos gebrand- markt erden ie alle anderen Schädlinge an un- serem Gemein- ohl.“ (a i)

und unseren Kampf

nalso ialisten selbstbe-

usst, nachdem Hitler das Er- mächtigungsgeset im Reichs- tag durchgeset t hatte. Die Ab- geordneten der NSDAP-Frakti- on machen nur enige Tage später klar, dass sie mit harter Hand in Münden regieren er- den. In den „Mündenschen Nachrichten“ om 24. Mär

den. In den „Mündenschen Nachrichten“ om 24. Mär Drohung: Die Erklärung der NSDAP-Abge- ordneten in den

Drohung: Die Erklärung der NSDAP-Abge- ordneten in den Mündenschen Nachrichten.

der NSDAP-Abge- ordneten in den Mündenschen Nachrichten. Großes Engagement: Leni Wurm-Altenburg hat viele

Großes Engagement: Leni Wurm-Altenburg hat viele Publikatio- nen über die Zeit des Nationalsozialismus verfasst. Foto: Wismath

schar, eil ich gut singen konnte. Die Atemübungen, die ir dort machen mussten, haben noch heute ihre Wir- kung: Ich kann immer noch reden ohne Punkt und Kom- ma“, sagt die 77-Jährige lä-

chelnd. Doch bei aller Fröh- lichkeit und Frische, die sich Leni Wurm-Altenburg be- ahrt hat, ist sie die S ene in Erfurt nie losge orden. Laut- los ie ein Schatten habe sie die Begegnung am Erfurter

Güterbahnhof ihr gan es Le- ben hindurch begleitet. Erst als Leni Wurm-Alten- burg ergangenen De ember den „Zug der Erinnerung“ be- trat, der in Münden Station machte, ar ihr die S ene aus ihrer Kindheit ieder sehr präsent. „Gleich als ich ein- trat, sah ich das Portrait eines Jungen. Er hieß Manfred Ull- man und äre heute, enn er noch leben ürde, genau so alt ie ich.“

Kein Wort erzählt

Warum sie ohl nieman- dem berichtet hat, as sie ge- sehen hat, kann sich die ältere Dame nicht erklären. Aber sie denkt, dass es nicht nur ihr so gegangen ist. Sie glaubt, dass ielleicht auch andere Leute, die ährend der Diktatur der Na is noch Kinder aren, eine ähnliche S ene beobachtet und ie sie kaum darüber ge- sprochen haben. Ihr Wunsch ist es, dass sich diese Leute melden und ebenfalls berich- ten, as sie damals sahen.

Gedenken wachhalten

Leni Wurm-Altenburg hat iel getan, um an die schreck- lichen Taten der Nationalso- ialisten u erinnern. Unter anderem organisierte sie meh- rere Sch eigemärsche und sorgte dafür, dass Gedenkta- feln für die ermordeten Juden in Münden aufgestellt ur- den. Ihr Engagement führt sie or allem auf eines urück:

Die Begegnung mit den Erfur- ter Juden am Güterbahnhof or über 65 Jahren.

„Lücke überbrücken“

Herbert Benkelberg über Buch „Münden in der NS-Diktatur“

Ü ber die Zeit des Natio- nalso ialismus gibt es iele Filme und Bücher.

Weniger selbst erständlich ist, dass auch für eine relati kleine Stadt ie Hann. Mün- den ein Werk e istiert, das die Zeit on Hitlers Diktatur lokal aufarbeitet. Wir sprachen über das Buch „Münden in der NS-Diktatur“ mit Herbert Ben- kelberg. Er ist Vorsit ender des Vereins ur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbe- egung in Hann. Münden, der das Buch herausgegeben hat.

Herr Benkelberg, es gibt zahllose Bücher zum Thema Nationalsozialismus. Warum lohnt es sich, gerade dieses zu lesen?

HERBERT BENKELBERG: Für die

Region lohnt es sich deshalb, eil hier Namen genannt er- den, an die sich manch ein Mündener erinnert. Zum Teil handelt es sich sogar um Fami- lienmitglieder. Es erden Ein- elschicksale ebenso beschrie- ben ie Firmen aus der Regi- on. Die Autoren haben mit Leuten geredet, die die Zeit des Nationalso ialismus noch erlebt haben. Was erhoffen sie sich von dem Buch? BENKELBERG: Unser Ziel ar es on Anfang an, das Gesche- hen im Dritten Reich ach u- halten, damit so et as nie ieder geschieht. Wenn die Erlebnisgeneration nicht mehr lebt, dann eiß keiner mehr Bescheid. Des egen muss das, as damals passiert ist, aufgeschrieben oder im- mer ieder mündlich eiter- gegeben erden. Ein Großteil des Werks the-

eiter- gegeben erden. Ein Großteil des Werks the- Engagiert: Herbert Benkelberg vor dem Modell der Stadt

Engagiert: Herbert Benkelberg vor dem Modell der Stadt Münden in den Ausstellungsräumen des Museums der Arbeit. Foto: Wismath

matisiert die Arbeiterwelt in Münden im Nationalsozialis- mus. Wie standen die Arbeiter hier den Nationalsozialisten gegenüber? BENKELBERG: Für die Natio- nalso ialisten ar um Bei- spiel der Stadtteil Hermanns- hagen eine Bastion, an dem sie sich die Zähne erfolglos ausgebissen haben. Her- mannshagen ar ein Arbeiter- iertel, in dem fast jeder ei- te Ein ohner Arbeiter ar und iele Firmen ihren Sit hatten. Den Na is ist es über- haupt sch ergefallen, in Mün- den ihre Politik durch uset- en. Das Buch ist explizit auch für den Schulunterricht gedacht. Warum sollen sich die Schüler damit befassen? BENKELBERG: Weil ich finde, dass in den Familien und auch in der Schule u enig über

das Dritte Reich gesprochen ird. Wer damals aus dem Krieg kam, hat - egal ob er po- siti e oder negati e Erfahrun- gen gemacht hat - nicht darü- ber gesprochen. Erst et a 2 Jahre später haben diese Leute geredet. Das hat eine Lücke ge- rissen und mit dem Buch er- suchen ir, diese Lücke u überbrücken. (a i)

Buchtipp zum Thema

Hann. Münden in der NS-Diktatur

Das Buch wurde von H. Hruska, D. Kropp, T.Quest geschrieben; Herausgeber ist der Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung in Hann. Münden. Preis: 10 Euro.

Münden

Dienstag, 1. April 2008

Impfungen für Kinder

HANN. MÜNDEN. Eine Kin- der-Impfsprechstunde bietet das Gesundheitsamt für die Stadt und den Landkreis Göt- tingen am Donnerstag, 3. April, in Hann. Münden an. Die Sprechstunde findet on 14 bis 15 Uhr in der Mündener Nebenstelle des Gesundheits- amtes in der Breiten Gasse 5 statt. (rud)

Personalie

Klaus Peter Schneemann hat heute or 4 Jahren seine Be- schäftigung bei der Firma Karl Hein Schneemann - Hol rü- ckebetrieb - in Hann. Münden aufgenommen. Seit dem 1. April 1968 ist er in dem Betrieb seiner Eltern als Maschinenführer der Hol - rückemaschinen tätig. 1994 übernahm er den elterlichen Betrieb und führt das Ge- schäft. Er arbeitet täglich im Wald mit einer Hol rückema- schine. Seit der Übernahme hat Klaus Peter Schneemann den Betrieb esentlich ergrößert und beschäftigt ur eit neun Mitarbeiter mit derartigen Ma- schinen. (ni )

Vereine und Verbände

TV Jahn/Gymnastik:

kein Training

WIERSHAUSEN. Die vorgese- hene Übungsstunde der Gym- nastikgruppe des TV Jahn Wiers- hausen, geplant für Mittwoch, 2. April, fällt aus.

Bundeswehrverband:

Kegeln

HANN. MÜNDEN. Die Kame- radschaft ehemaliger Soldaten/ Reservisten und Hinterbliebe- nen im Deutschen Bundeswehr Verband lädt für Mittwoch, 2. April, ab 17.30 Uhr zum Kegeln ins Landgasthaus Weserblick in Gimte ein.

Kneippverein:

Nordic-Walking

HANN. MÜNDEN. Die Nordic- Walking-Gruppefür Berufstätige des Mündener Kneippvereins trifft sich ab Mittwoch, 2. April, wieder regelmäßig um 18.30 Uhr am Parkplatz unterhalb des Jagdhauses Heede. Interessierte können direkt zum Treffpunkt kommen.

TSG-Walking:

Treffen

HANN. MÜNDEN. Die Mitt- wochs-Walking-Gruppe der TSG 1860 Münden trifft sich ab Mitt- woch, 2. April, wieder regelmä- ßig um 16.30 Uhr an der Reh- bocksweide.

SPD-Ortsverein: Ver- sammlung

HANN. MÜNDEN. Der Vor- stand des SPD-Ortsvereins Mün- den lädt seine Mitglieder für Donnerstag, 3. April, zur Jahres- hauptversammlung ins Karl- Heinz-Herbold- Haus nach Bo- naforth ein. Der wichtigste Pro- grammpunkt ist die Neuwahl. Beginn ist um 18 Uhr mit einem imbiss, der offizielle Teil beginnt um 19 Uhr.

TSG-Do.-Wanderer:

Tour und Einkehr

HANN. MÜNDEN. Die Don- nerstags-Wandergruppe der TSG Hann. Münden trifft sich am 3. April um 9.30 Uhr am Park- platz der Stadtranderschlie- ßungsstraße/Höhe Baumarkt. Die Wanderroute wird dort be- kannt gegeben. Eine Einkehr ist mittags im Jagdhaus Heede vor- gesehen.

Vor 75 Jahren: Boykott jüdischer Geschäfte

„Es liegt noch vieles im Dunkeln“

Am 1. April 1933 postierten sich SA und SS vor jüdischen Geschäften und riefen zum Boykott auf

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Am 1. April 1933 ist iel los auf der Adolf- Hitlerstraße, ie die Lange- straße seit ei Tagen laut Ma- gistratsbeschluss offi iell hieß. „Um Schlag 1 Uhr“ soll dort an diesem 1. April, einem Sonnabend, der Bo kott jüdi- scher Geschäfte beginnen, ie die Mündenschen Nachrich- ten seit Tagen ankündigten. „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ steht auf den Plakaten, mit denen sich or dem Geschäften Mit- glieder der SA und SS postiert hatten - so ie es die Parteilei- tung der NSDAP angeordnet hatte. Viele Mündener sind ge- kommen, um or Ort u gu- cken, as passiert, ob und ie der bundes eite Bo kottauf- ruf der Na is umgeset t ird. In die jüdischen Läden freilich traut sich an diesem Tag nie- mand.

Aufarbeitung im Archiv

Mindestens fünf Geschäfte aren or 75 Jahren on dem Bo kott betroffen: neben dem Herren- und Schuhgeschäft Madelong, dem Te til arenla- den Lö enthal und dem Schuhgeschäft Blankenberg auch das Modehaus Rosenberg an der Ecke Schmiedestraße und der Leder arenladen Edinger an der Rosenstaße. Dies sind erste Ergebnisse der Arbeitsgruppe des Vereins Erinnerung und Mahnung, die seit einigen Wochen ur Bo - kottaktion on 1933 recher- chiert. In einer für Mai geplan- ten Ausstellung des Arbeiter- geschichts ereins ur Macht- übernahme der Nationalso ia- listen und dem Beginn der Ju- den erfolgung or 75 Jahren (siehe Kasten rechts) soll auch der Bo kott jüdischer Geschäf- te behandelt erden, und um diesen Teilbereich kümmert

te behandelt erden, und um diesen Teilbereich kümmert Forschen im Archiv: Christoph von Wedemeyer, Leni

Forschen im Archiv: Christoph von Wedemeyer, Leni Wurm-Altenburg, Dr. Winfried Wurm, Stadtarchivarin Ingrid Wenzel und Julia Bytom, Vorsitzende des Verein Erinnerung und Mahnung bei den Recherchen zum Boykott jüdischer Geschäfte vor 75 Jahren. Auch in Hann. Münden war eine Reihe jüdischer Geschäftsleute betroffen. Foto: Rudolph

Modegeschäft am Tag des offi- iellen Bo kotts on der Akti- on erschont blieb. Seine Mut- ter, eine fromme Christin jü- discher Herkunft, ar unter den Angestellten so angese- hen, dass die Mitarbeiterin- nen, deren Männer bei der SA aren, denen uhause „eins auf die Müt e gaben“, bloß nicht in dem Laden am Kirch- plat auf utauchen. Auf die Dauer konnte sich das Ge- schäft unter dem Druck der Na is dennoch nicht halten. „1934 sahen sich meine Eltern ge ungen, es u erkaufen.“

sicher der Verein Erinnerung und Mahnung.

Lebensgrundlage zerstört

Im Stadtarchi sind die Mit- glieder der Arbeitsgruppe nun dabei, alte Zeitungsbände und Urkunden u durchforsten. „Wir haben festgestellt, dass hier ieles noch im Dunkeln liegt“, sagt Vereins orsit ende Julia B tom. Was sich tatsächlich in der Be ölkerung abgespielt hat, lasse sich nicht so ohne eite- res herausfinden, da im Stadt- archi neben den Zeitungen in

erster Linie Unterlagen über Vorgänge aufbe ahrt erden, mit denen ein Ver altungsakt erbunden ar, gibt Stadtar- chi arin Ingrid Wen el u be- denken. Rückschlüsse lassen aber um Beispiel Schriftstücke ie die Aus erkaufsgenehmigung des Modehauses Rosenberg om No ember 1935 u. Offen- sichtlich ar der Umsat so stark eingebrochen, dass den Geschäftsleuten ihre Lebens- grundlage ent ogen urde. „Die Be ölkerung hat den Bo - kottaufruf für bare Mün e ge-

nommen: da dürfen ir nicht einkaufen, da gehen ir nicht mehr hin“, sagt Julia B tom. Zu Übergriffen gegen Juden sei es am 1. April or 75 Jahren offenbar nicht gekommen, so Dr. Winfried Wurm on der Arbeitsgruppe, „Das kann man den Mündener ugute halten. Sie haben sich aller- dings auch nicht da or gestellt und ihre jüdischen Mitbürger geschüt t.“ Eine kleine Ausnahme gab es aber doch. Hein Hartung, heute 88 Jahre alt, erinnert sich noch, dass das elterliche

heute 88 Jahre alt, erinnert sich noch, dass das elterliche Mit dem Boykott schließlich zum Ausverkauf

Mit dem Boykott schließlich zum Ausverkauf getrieben: Das Ge- schäft der jüdischen Familie Madelong an der Langenstraße (da- mals Adolf-Hitler-Straße) war am 1. April 1933 auch vom Boykott- Aufruf der Nazis betroffen. Mitte der 30er-Jahre musste es wegen starker Umsatzeinbußen aufgegeben werden. Foto: nh

AUSSTELLUNG

Wer hat noch Originale für die Ausstellung?

 

Der Arbeitergeschichtsverein Hann. Münden bereitet zur-

Neben dem Verein Erinne- rung und Mahnung, der sich an der Ausstellung beteiligt, bittet der Arbeitergeschichtsverein auch Einzelpersonen um Mithil- fe: Gesucht werden noch alte Fotos und Berichte über die Zeit des Nationalsozialismus in Hann. Münden sowie ein alter hölzerner Handwagen (mit so einemWagenwarendieBücher damals aus den Bibliotheken zum Rathausplatz gebracht worden). Insbesondere Origi- nalausgaben der Bücher, die bei den Nazis auf dem Index stan- den, werden noch gesucht. Bis- her hat der Arbeitergeschichts-

verein erst einige wenige Exem- plare, die vor 1933 erschienen sind. Betroffene Autoren waren zum Beispiel Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Erich Maria Remar- que, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Joachim Ringelnatz, Ödön von Horváth und Alfred Döblin. Auch wer Lust hat, ei- nen der Autoren mit einem sei- ner Werke in der Ausstellung vorzustellen, kann sich beim Ar- beitergeschichtsverein melden. Kontakt: Herbert Benkel- berg, Tel. 05541/327 13 oder Karin Gille-Linne, Tel. 05541/ 90 87 49, E-Mail: karin.gille- linne@fernuni-hagen.de

zeit eine Ausstellung zur Bü- cherverbrennung in Münden vor. Eröffnung ist am Mitt- woch, 14. Mai. Ein Heinrich- Heine-Zitat gibt der Ausstel- lung ihren Titel: „Dort wo

man Bücher verbrennt

ver-

brennt man auch am Ende Menschen“. Bereits am Samstag, 10. Mai, dem Jahrestag der Bü- cherverbrennungen, findet auf dem Rathausplatz eine Gedenkveranstaltung mit Le- sung aus den damals verfem- ten Werken statt.

Bänke nur noch für „Arier“

84 jüdische Mitbürger lebten Mitte 1933 noch in Münden

O ft sind es Kleinigkeiten, die Aufschluss über den um sich greifenden An-

tisemitismus in Münden der 193 er-Jahre geben. In einer An eige in den Mündenschen Nachrichten om 24. Januar 1933 ist u lesen: „2 Mark Be- lohnung demjenigen, der mir die Täter, elche Montag früh 4.15 Uhr meinen Schaukasten demoliert haben, so nach- eist, dass ich sie gerichtlich belangen kann. Diskretion ird ugesichert - Leder Edin- ger, Rosenstraße 1 “. Vermut- lich sollte mit der Zerstörung des Schaukastens eigentlich der jüdische Inhaber geschä-

digt erden. Im Juni 1933 lebten in Münden 84 Juden. Die Dis- kriminierungen gegen sie nahmen im Lauf der 3 er- Jahre immer mehr u. Laut Reichsge-

set gebung durf- ten sich Juden bald nicht mehr auf die Bänke innerhalb des Stadtgebietes set en. Spätestens die Ver üstung der Mündener S nagoge in der Nacht des 8. No ember 1938, also bereits am Vorabend der Reichspogromnacht, machte den erbliebenen Mündener

der Reichspogromnacht, machte den erbliebenen Mündener Ausgrenzung: Dieses Schild hing vermutlich in der

Ausgrenzung: Dieses Schild hing vermutlich in der Sydekumstraße. Der ehemalige Orts- heimatpfleger Heinz Hartung hat es später auf einem Dachboden dort gefunden.

Juden deutlich, dass das Leben in Deutschland unerträglich ge orden ar. Die meisten on ihnen hatten bis 1941 die Stadt erlassen, iele emigrier- ten. Die 22 Mündener Juden, die geblieben aren, urden 1942 in Kon entrationslager deportiert. (rud)

Samstag, 10. Mai 2008

Münden

Vor 75 Jahren: Bücherverbrennung

Studenten errichteten Scheiterhaufen

Am 10. Mai 1933 zündeten Mündener Forsthochschüler auf dem Marktplatz Bücher an - Stadtbücherei nicht geplündert

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Mit einem Hand agen oller Bücher ie- hen am frühen Abend des 1 . Mai 1933 Studenten der Forst- hochschule Hann. Münden mit der SA um Marktplat . Mit auf dem Wagen sind auch Fahnen und Transparente der Weima- rer Republik. Begleitet on der Marschmusik einer SA-Kapelle bahnt sich die Gruppe den Weg durch die Menschenmas- sen, die bereits am Marktplat ersammelt sind. In der Mitte des Plat es ird der Scheiterhaufen ent ündet, auf dem die Bücher aus der Bi- bliothek der Forstlichen Hoch- schule erbrennen. „Hell schlugen die Flammen empor, ein elne brennende Papierfet- en flogen in die Luft“, berich- teten die Mündenschen Nach- richten am Tag darauf. Vor den brennenden Büchern hält der Studentenführer Wolfram Wolff seine Feuerrede: „Unser erster Angriff gilt der Literatur, der Kunst, überhaupt der Be- reinigung der Kultur on allem

Undeutschen!“, itiert ihn die Zeitung, die längst ein Propa- gandablatt der Na is ar. Der Leitspruch der bundes eiten Aktionen lautete: Wider den undeutschen Geist. Als un- deutsch galt alles, as der Ideo- logie der Na is und ihrer men- schen erachtenden Rassen or- stellung nicht entsprach. „So ie ir Studenten den Anfang gemacht haben, sollte jeder Deutsche es tun. Werft al- len Schmut und Schund aus Euren Büchereien, ernichtet all die jüdisch-pa ifistischen Schriften, damit nicht die See- le Eurer Kinder durch diesen Unrat ergiftet ird“, forderte Wolff alle Umstehenden auf. Dass eine Hochschulbiblio- thek geplündert urde, ar bei den reichs eiten Bücher- erbrennungen eine Ausnah- me. Eigentlich hatte der „Forst- beflissene“ Wolff dem Haupt- amt der Deutschen Studenten- schaft angekündigt, die Bücher hauptsächlich durch eine „Säu- berung der hiesigen Stadtbü- cherei“ beschaffen u ollen. Diese blieb jedoch erschont.

HINTERGRUND

Gedenkveranstaltung und Ausstellung

75 Jahre nach der Bücherver- brennung findet heute ab 18 Uhr eine öffentliche Gedenk- veranstaltung auf dem Markt- platz statt. Mündener Bürger lesen Ausschnitte aus den da- mals verfemten Werken vor. Klaus Wettig, ehemaliger Eu- ropaabgeordneter, wird einen Vortrag zu den Bücherver- brennungen halten. Veranstal- ter ist der Arbeitergeschichts- verein Hann. Münden.

Der Arbeitergeschichts-

verein hat auch die Ausstel- lung „Dort, wo man Bücher

verbrennt,

verbrennt man

auch am Ende Menschen“ auf die Beine gestellt. Sie wird am Mittwoch, 14. Mai, um 17 Uhr im Museum der Arbeit eröffnet. Die Ausstellung über die Bücherverbrennung 1933 und Verfolgung in Hann. Münden ist bis 17. Au- gust dort zu sehen. (rud)

in Hann. Münden ist bis 17. Au- gust dort zu sehen. (rud) Kleines Feuer mit verheerender

Kleines Feuer mit verheerender Wirkung: Auch auf dem Marktplatz in Hann. Münden wurden am 10. Mai vor 75 Jahren Bücher ver- brannt. Die Aktion ging vornehmlich von den Studenten der Forsthochschule aus. Foto: Privat/nh

„Kein Jubel über die Aktion“

Historiker Thomas Harting vermutet, dass es bei den Bücherverbrennungen keine große Begeisterung gab

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Über die Bücher erbrennungen am

1 . Mai 1933 in Hann. Münden

sprachen ir mit dem Münde- ner Historiker Thomas Har- ting, der u diesem Thema ei- nen Aufsat für ein Fachbuch geschrieben hat. Herr Harting, warum gingen die Bücherverbrennungen gera- de von den Studenten aus? Man

könnte meinen, gerade die Stu- denten wären nicht Paradean- hänger der Hitlerideologie?

Auch in

Berlin gingen die Aktionen on Studenten aus, Münden ar also kein Ein elfall. Ver- mutlich gab es nur eine Min- derheit in der Studenten- schaft, die der Na i-Ideologie anhing. Denen, die anders dachten, die freigeistiger und liberaler aren, ging es genau- so ie allen in dieser Zeit: Sie urden mundtot gemacht. Wer war dieser Wolfram Wolff, der die Studenten an- führte? HARTING: Darüber ist nur e- nig bekannt. Selbst seinen Vornamen habe ich erst in ei- ner Festschrift der Forstlichen Hochschule on 1939 heraus- finden können. Überliefert ist aber seine Rede, die er äh- rend der Versammlung auf dem Marktplat gehalten hat. Da or und danach spielte er offenbar keine so prominente Rolle, dass man auf ihn auf- merksam ge orden äre. Aber er muss schon ein stram-

THOMAS

HARTING:

mer Na i ge esen sein, sonst äre er nicht Studentenführer ge esen. Weiß man, welche Bücher in

Münden verbrannt wurden? HARTING: Meines Wissens gibt es keine Liste darüber. Ge- nerell ar on „Schmut - und Schundliteratur“ die Rede. Bei einer forst issenschaftlichen Bibliothek ist natürlich die Fra- ge, elche Bücher sie da raus- gekramt haben. Es muss sich ohl or allem um Veröffentli- chungen jüdischer Autoren ge- handelt haben. Vielleicht ha- ben sie deshalb ihre Schubkar- ren auch noch mit S mbolen der Weimarer Republik und der Demokratie beladen, da- mit es oller aussieht. War nur die Bibliothek der Forsthochschule betroffen oder wurden auch öffentliche oder gar private Büchereien ge- plündert? HARTING: In Hann. Münden nur die Forst issenschaftliche Bibliothek, as eher unge- öhnlich ar. In Berlin ur- den auch öffentliche Biblio- theken geplündert. An Pri at- bestände hat man sich erstmal nicht rangemacht, es urde nur da u aufgefordert, un- deutsche Literatur ab ugeben. In ie eit dem Folge geleistet urde, ist nicht bekannt. Es gibt aber keinen Hin eis da- rauf, dass dieser Aufruf begeis- terten Anklang in Hann. Mün- den gefunden hätte. Inwieweit war denn die Be- völkerung an den Bücherver- brennungen beteiligt?

ZUR PERSON Thomas Harting Thomas Harting (32), gebür- tiger Berliner, lebt seit 20 Jah- ren
ZUR PERSON
Thomas Harting
Thomas Harting (32), gebür-
tiger Berliner, lebt seit 20 Jah-
ren in Hann. Münden und ist
Mitglied im Arbeiterge-
schichtsverein. Er hat Ge-
schichte, Philosophie und Po-
litik an der Fernuni Hagen
studiert. Über die Bücherver-
brennungen in Hann. Mün-
den hat er einen Aufsatz für
den Sammelband „Orte der
Bücherverbrennungen in
Deutschland 1933“ (Heraus-
geber: Werner Treß) ge-
schrieben, der heute er-
scheint. Zurzeit arbeitet Tho-
mas Harting an einer Chronik
für den Bauverein. (rud)

HARTING: Auf der Fotografie, die erhalten ist, sieht man, dass iele Menschen da aren. Neben SA, SS und Schut poli- ei auch iele Schaulustige. Ich be eifle aber, dass die Begeis- terung sehr groß ar. Wenn iel gejubelt orden äre, hät- te das die Zeitung mehr ausge- schlachtet. Der Herausgeber der Mündenschen Nachrichten ar nämlich Otto Weber-Kroh- se, der ugleich Vorsit ender

der NSDAP-Fraktion ar, und der hätte mit Sicherheit mehr daraus gemacht. Man be- kommt beim Lesen des Be- richts in der Zeitung om 11. Mai 1933 den Eindruck, er i- tiert die Rede on Wolff nur so lang, um u überspielen, dass die Reaktion der Be ölkerung eher erhalten ar. Gab es auch Widerstand? HARTING: Gegen die Aktion gab es keinen Widerstand, so

eit ich eiß. Generell gilt für Münden, das es den Na is nicht gelang, so Fuß u fassen, ie sie es sich ge ünscht hät- ten. Noch 1937 ird gesagt, die Stadt sei „kommunistisch erseucht“ - obei alles links der NSDAP als kommunistisch galt. Was möglichen Wider- stand angeht, muss man na- türlich bedenken, dass in die- ser Zeit iel Mut da u gehörte, sich gegen die Na is u stel- len. Wer aufmuckte, urde so- fort erhaftet. Gab es während der Aktion auch Übergriffe gegen jüdische Mitbürger oder andere Re- gime-Gegner? HARTING: Da on ist nichts bekannt. Da u muss man aber sagen, dass Richard Falck, ein jüdischer Professor der Forst- hochschule, die Stadt schon im April erlassen hatte. Er hatte die Zeichen der Zeit um Glück recht eitig erkannt. Wie gut ist die NS-Zeit in Hann. Münden generell aufge- arbeitet? HARTING: Was die Historie angeht, ist das schon gan or- dentlich. Es gibt auch relati iele Publikationen für eine Stadt dieser Größe. Eine ande- re Sache sind die Schlussfolge- rungen, die man daraus ieht, um Beispiel die Inhaber der Geschäfte, die damals on den Juden übernommen urden. Wer heute lebt, dem kann na- türlich kein Vor urf gemacht erden. Dem, der ersucht, die Geschichte u ertuschen, aber schon.

Er floh, bevor die Bücher brannten

A ntisemitische Anfein-

dungen kannte Richard

Falck schon lange or

1933. Die Vorlesungen des Pro- fessors für M kolgie (Pil is- senschaften) an der Forstlichen Hochschule in Hann. Münden urden bereits Jahre or der Machtübernahme der Na is on rechten Studenten bo kot- tiert, eil Falck Jude ar. 192 erreichte der Forscher noch, dass ein Student, der ein antise- mitisches Flugblatt ausgehängt

ein Student, der ein antise- mitisches Flugblatt ausgehängt Richard Falck: Er war bis 1933 Professor an

Richard Falck: Er war bis 1933 Professor an der Forstlichen Hochschule Münden. Foto: nh

hatte, der Hochschule er ie- sen urde. 1933 endete Falcks Forschungs- und Lehrtätigkeit in Münden dann aber abrupt. Ein on den Na is erlassenes Geset schrieb die Entlassung nicht-arischer Beamter or. Sei- ner Entlassung kam der 6 -Jäh- rige u or und emigrierte noch 1933 in die USA. Als die Forst- studenten 1 . Mai auf dem Mündener Marktplat Bücher erbrannten, hatte er die Stadt schon erlassen. (rud)

Aufgezeichnet von Karin Gille -Linne

Samstag, 21. Juni 2008

Münden

Vor 75 Jahren: Verbot der SPD

Fritz Michalski im Verhör gequält

Am 22. Juni 1933 wurde die SPD verboten - Zwei Tage später folgte eine große Verhaftungsaktion in Münden

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Z ei Tage lang blieb es noch ruhig in Hann. Münden. Doch die Ge- nossen der SPD müssen am 22. Juni or 75 Jahren schon ge- ahnt haben, as ihnen drohte. „Endlich auch die SPD erbo-

ten und ausgeschaltet“, jubel- ten die Mündenschen Nach- richten, längst um braunen Parteiblatt erkommen, in ih- rer Ausgabe om 23. Juni

1933.

In Hann. Münden ar der linksliberale Bürgermeister Dr. Rudolph Haarmann u die- sem Zeitpunkt schon aus dem Amt gedrängt orden, ebenso ie die so ialdemokratischen Rats ertreter (siehe Artikel unten). Z ei Tage nach dem offi iellen Partei erbot griffen die Na is dann in Münden u:

15 leitende So ialdemokraten urden am 24. Juni, einem Samstag, on der Poli ei er- haftet und mit dem Bus nach Göttingen gebracht. Darunter aren auch Adolf Kaldauke, der damalige SPD- Orts ereins orsit ende, und Frit Michalski, einer der mit- reißendsten Redner der hiesi- gen So ialdemokraten und seit 193 Ratsmitglied. Bereits mit 16 Jahren ar der aus einer Ar- beiterfamilie stammende Mün- dener der SPD beigetreten, nach dem Krieg gehörte er dem ersten ge ählten Rat der Stadt an, urde 1947 Landtags- abgeordneter und 1961 Land- rat des Kreises Münden. Aus der so genannten „Schut haft“ urden die Mün- dener So ialdemokraten ar bald ieder entlassen, doch

So ialdemokraten ar bald ieder entlassen, doch Tapferer Kämpfer für die Sozi- aldemokratie: Fritz

Tapferer Kämpfer für die Sozi- aldemokratie: Fritz Michalski (1902-1977). Foto: Archiv

die Einschüchterung auch der übrigen Be ölkerung ließ nicht nach. So schrieben die Mündenschen Nachrichten kur nach den Verhaftungen et a: „Wie sehr es angebracht ist, die Ein ohnerschaft ( ) or Unbesonnenheit u ah- ren, be eist eine eitere Ver- haftung, nämlich die des Schuhmachers Karl Herborg, der auf der Straße „Rot Front“ gerufen hatte. Die Poli eibe- amten haben An eisung, in jedem Falle rücksichtslos ein- ugreifen.“

„Die Poli eibeamten haben Anweisung, in jedem Falle rücksichts- los ein ugreifen.“

MÜNDENSCHE NACHRICHTEN VOM 26.JUNI 1933

Dennoch gelang es den Na- is nicht, den Widerstand u brechen. Aus Vorsicht trafen sich die So ialdemokraten aber jet t nur noch in Dreier- gruppen und erbreiteten in s mpathisierenden Kreisen antifaschistische Schriften, die sie aus Göttingen oder Hanno er bekamen. Im Sommer 1933 und den folgenden Jahren gab es im- mer ieder Verhaftungen on Mitgliedern der örtlichen SPD und KPD. Auch Frit Michalski urde 1935 egen illegaler politischer Tätigkeit erneut erhaftet und ins Untersu- chungsgefängnis in Kassel ge- sperrt. Für ein Verhör brachte man den 33-Jährigen in das Mündener Rathaus. Da sich Michalski eigerte, die Na- men seiner Mitstreiter im Wi-

Michalski eigerte, die Na- men seiner Mitstreiter im Wi- Ortsvereinsvorsitzender im Jahr des SPD-Verbots: Adolf

Ortsvereinsvorsitzender im Jahr des SPD-Verbots: Adolf Kaldauke (1886 - 1967).

im Jahr des SPD-Verbots: Adolf Kaldauke (1886 - 1967). Erleichterung nach dem Krieg: 1946 fuhr dieser

Erleichterung nach dem Krieg: 1946 fuhr dieser Lautsprecherwagen der SPD durch Mündens Straßen, um auf die erste große Veran-

staltung der SPD aufmerksam zu machen.

Foto: Privat/nh

derstand preis ugeben und die Fragen der Gestapo nicht u deren Zufriedenheit beant- ortete, set ten ihn die Beam- ten massi unter Druck: „Ich urde über einen bereitge- stellten Tisch ge orfen, fest- gehalten und furchtbar ge- schlagen mit bereit gehalte- nen Gummiknüppeln“, schil- derte Michalski 1946, als er aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt ar. Im Verlauf des Verhörs misshandelten ihn die Gestapobeamten ie- der und ieder.

Auch psychische Folter

Auch übelsten Drohungen hielt er stand: die SA sei bereit, ihn auf einem Wagen durch die Stadt u fahren, nackt aus- u iehen und on der sehr ge- gen ihn aufgebrachten Münde- ner Be ölkerung anspucken u lassen. Das bliebe ihm nur er- spart, enn er die Wahrheit

bekenne. Um den ps chischen Druck u erhöhen, stellte die Gestapo ihm sogar seine Sch ester gegenüber, „die ebenfalls erhaftet und unter Quälereien und Drohungen u- sammengebrochen ar“, ie sich Michalski erinnerte. Sie sollte ihn auffordern, sein eige- nes Leben u retten und aus u- sagen. Er hielt stand.

Nach Buchenwald gebracht

Nach drei Tagen brachte die Gestapo Michalski, der öllig entkräftet und erschunden ar, nach Kassel urück. Er urde u einer Gefängnisstra- fe erurteilt, die er in einem Straflager im Emsland erbü- ßen musste. Anschließend urde er in das Kon entrati- onslager Buchen ald ge- bracht und 1939 freigelassen. 1944 nach dem Attentat auf Hilter erhaftete man ihn er- neut.

„Er hegte keinen Groll“

Die drei Poli isten, die ihn 1935 erhaftet hatten, traf

Frit Michalski nach Kriegsen- de in Hann. Münden auf der Langen Straße. Auf der Höhe des Schillerkinos sah er, ie die Männer ihm entgegenka- men. Sie ichen auf die ande- re Straßenseite

aus, Michalski ging eiter. Herbert Benkelberg, 72, erinnert sich noch ge- nau, ie Frit Michalski ihm diese Begeg-

nung einmal schilderte. „Warum hast Du sie nicht u Rede gestellt?“, fragte der damals junge Mann ungläubig, der usste, dass Michalskis Ver icht auf die

der usste, dass Michalskis Ver icht auf die Herbert Benkelberg Konfrontation nicht aus Angst geschehen

Herbert

Benkelberg

Konfrontation nicht aus Angst geschehen ar. Der Grundgedanke der Ar- beiterbe egung sei die Huma- nität, habe Michalski immer gesagt, man müsse ergessen können, erinnert sich auch Ar- min Hoffahrt (8 ). „Das konn- ten ir damals nicht erste- hen“, sagen Benkelberg und Hoffahrt rückblickend. „Zu- gleich ist es ein Zeichen für die charakterliche Stärke on Frit “, betont Armin Hoffahrt.

Innere Größe

Auch ei Zeugen gegen- über, die Michalski ährend der Verhöre belastet haben, eil sie Schläge nicht mehr aushalten konnten, habe Mi- chalski diese Größe be iesen, sagt Benkelberg: „Er hat da keinen Groll gehegt.“ (rud)

Hakenkreuze im Sitzungssaal

Nach der Kommunalwahl im März 1933 weigerte sich die SPD durchs SA-Spalier ins Rathaus einzuziehen

A ls im Juni or 75 Jahren das Verbot der SPD er- ging, aren im Münde-

ner Bürger orsteherkollegi- um - so hieß damals der Rat der Stadt - die so ialdemokra- tischen Vertreter schon seit drei Monaten ausgeschaltet. Auch der linksliberale Bürger- meister Dr. Rudolph Haar- mann, der der DDP (Deutsche Demokratische Partei) ange- hörte, hatte Ende Mär um Be- urlaubung gebeten. Dabei hat- ten die So ialdemokraten in der Kommunal ahl om Mär 1933 neun der 22 Sit e bekom- men, die NSDAP ehn. Zur ersten Sit ung am 28. Mär , hieß es in den Münden- schen Nachrichten, sei die SPD nicht erschienen. „Die SPD, die einst so stol und sie- gessicher herrschte, hat auch hier gekniffen“, polemisierte das Blatt, dessen Herausgeber Otto Weber-Krohse ein über- eugter Na i ar. Was die Zei- tung nicht schrieb: Die so ial- demokratische Fraktion ar

durchaus or dem Rathaus er- scheinen, eigerte sich aber,

durch ein Spalier der SA in das Rathaus und den mit Haken- kreu en ersehenen Sit ungs- saal ein u iehen.

So beschloss der Rat an die- sem Tag ohne die Stimmen der SPD, dass die Lange Straße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt und Hitler um Ehrenbürger der Stadt erden sollte.

In der Bürger orstehersit- ung ei Tage später ersuch- te Bürgermeister Haarmann noch, die ge ählten SPD-Bür- ger orsteher nachträglich u erpflichten, musste unter energischem Einspruch der NSDAP und der Deutschnatio- nalen aber einlenken. In der gleichen Sit ung urde mit den Stimmen der Na is be- schlossen, dass Stadts ndikus Karl Kredel nicht mehr für die Poli eiangelegenheiten der Stadt uständig sein sollte, „da er nicht das Vertrauen des Bür- ger orsteherkollegiums hat“, ie die Lokal eitung berichte-

hat“, ie die Lokal eitung berichte- Von den Nazis aus dem Amt gedrängt: Dr. Rudolph Haarmann

Von den Nazis aus dem Amt gedrängt: Dr. Rudolph Haarmann (1883 - 1962), war von 1917 bis 1933 Bürgermeister der Stadt Hann. Münden. Das Bild zeigt ihn mit seinem Enkelkind. Foto: Privat

te. „Da om Bürgermeister das gleich gilt, ersucht das Bürger- orsteherkollegium den Herrn Regierungspräsidenten, die Po- li eige alt dem Poli eikom- missar Me er u überlassen.“ Daraufhin baten so ohl der Stadts ndikus (entspricht dem heutigen Amt des Städtischen Rechtsdirektors) als auch Bür- germeister Dr. Haarmann beim Regierungspräsidium um Beurlaubung. Diese urde genehmigt. Sein Nachfolger urde der Lehrer Heinrich Meine, selbst erständlich ein Nationalso ialist. Am 11. April 1933 schrie- ben die Mündenschen Nach- richten nochmal u Haar- manns Rücktritt: „Mit ihm hat ein gan bestimmter Bürger- meistert p abgedankt, ein T p, der in keiner Weise unse- rer neuen Zeit mehr gemäß ar.“ In Hann. Münden ar nur endgültig eine neue Ära eingetreten: Die Gleichschal- tung der Stadt ar den Na is gelungen.

TERMIN

Gedenkfeier

am Montag

An das Verbot der SPD vor 75 Jahren wollen der Arbei- tergeschichtsverein und der SPD-Ortsverein am Montag, 23. Januar, erin- nern. Sie laden für 19 Uhr

alle Interessierten zu einer Gedenkfeier in die untere Rathaushalle in Hann. Münden ein. Im Mittel- punkt der

Veranstal-

Veranstal-

tung steht

eine Rede

von Altbür-

germeister

Armin Hof-

Armin

fahrt, de

Hoffahrt

die Ereig- nisse in der beginnenden NS-Diktatur schildernwird, die schließlich am 22. Juni 1933 in das Verbot der So- zialdemokratie im Deut- schen Reich mündeten. Hoffahrt war von 1993 bis 2001 Bürgermeister in Hann. Münden. (rud)

 

Foto: Rudolph

Münden

Samstag, 19. Juli 2008

Vor 75 Jahren: Die Kirche während der NS-Diktatur

„Es ging ein Riss durch die Kirche“

In der St. Blasiusgemeinde standen sich während der Nazi-Jahre zwei sehr unterschiedliche Pastoren gegenüber

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Das Kon- kordat ischen Vatikan und dem Hitler-Regime ar ge- schlossen (siehe Bericht in der Sonntags eit), der Reichskan - ler glaubte nun iele Katholi- ken auf seiner Seite - nicht nur in Deutschland. Jet t hatte Adolf Hitler „den sehnlichsten Wunsch, eine nicht minder kla- re Regelung auch mit der E an- gelischen Kirche treffen u können“, ie er in einer Rede am Vorabend der Kirchen ah- len über den Rundfunk erkün- dete.

Auch in Hann. Münden dürf- ten iele Christen gehört ha- ben, ie der Reichskan ler statt der 29 Landeskirchen, die in ihrem Bekenntnis frei a- ren, eine ein ige Reichkirche besch örte. Sie freilich sollte on den Deutschen Christen (DC) bestimmt sein, einer 1932 gegründeten Glaubensbe e-

gung, die an die Na i-Ideologie anglich. Bei den Kirchen or- stands ahlen am 23. Juli 1933 erreichte sie offenbar auch in der E angelisch-lutherischen Gemeinde rund 8 Pro ent der Stimmen.

NS-Symbole vorm Altar

Einige Tage or den Kirchen- orstands ahlen in der E an- gelisch-lutherischen Gemeinde in Hann. Münden trafen sich die Deutschen Christen u ei- ner Kundgebung in der St. Bla- siikirche, ie der damalige Pas- tor Johannes Me er in seinen persönlichen Erinnerungen ur Kirchengeschichte aufge- eichnet hat. Beim Ein ug in das Gotteshaus marschierte die SA-Kapelle oran, or dem Al- tar urden Fahnen und Stan- darten aufgestellt. Ein Bild, das Me er geschmer t haben muss.

Anders als sein Kollege Pas- tor Georg Knoke, über eugter DC-Anhänger, ollte Me er

Georg Knoke, über eugter DC-Anhänger, ollte Me er Gegen die Vereinnahmung der Kirche: Pastor Johannes Meyer

Gegen die Vereinnahmung der Kirche: Pastor Johannes Meyer (links), hier mit Familie vor dem Portal von St. Blasius. Foto: nh

die Unabhängig- keit der Kirche und das Recht auf freie Verkündigung ahren. Er schloss sich später den Be- kennenden Chris- ten an, einer im September 1933 ge- gründeten Gegen- be egung u den Deutschen Chris- ten. „Es ging ein Riss durch die Kirche, dadurch, dass die Deutschen Chris- ten auftraten und die anderen den Va- terglauben ahren ollten“, sagt Christoph on We- deme er. Auf eine HNA-Anfrage hin hat er spontan mit Waltraud Kock und Pastor Rudolf Blümcke im Kir- chenarchi (Cor i- nushaus) u Mün-

dens Kirchenge- schichte ährend der NS-Zeit geforscht. „Die Spaltung ar hier or Ort gan deutlich

sichtbar“, fügt der 74-Jährige hin u. Personifi iert ar die Spaltung in den beiden Pasto- ren Knoke und Me er.

Bereits im Mär 1933 hatte der damalige Pastor primarius Georg Knoke in einem Gottes- dienst in St. Blasius eine Abord- nung der SA mit der Haken- kreu fahne or dem Altar Auf- stellung nehmen lassen - und das entgegen einem Beschluss der Landeskirche. In den Mün- denschen Nachrichten nimmt der Pastor u dem Vorfall, der für einigen Unmut in der Be öl- kerung gesorgt haben muss, Stellung: Er sei über eugt, dass

gesorgt haben muss, Stellung: Er sei über eugt, dass Spuren: Christoph von Wedemeyer (links), Pastor Rudolf

Spuren: Christoph von Wedemeyer (links), Pastor Rudolf Blümcke und Waltraud Kock forschten zur Haltung der Evangelisch-lutherischen Kirche in Münden zu Beginn der NS- Diktatur. Vor dem Taufstein etwa - damals stand er

allerdings an anderer Stelle - hielten die Deutschen Christen, eine NS-treue Strömung, kurz vor den Kirchenvor-

standswahlen eine Versammlung ab.

„die Hakenkreu fahne nicht et a nur die Fahne einer politi- schen Partei, sondern das Ban- ner und S mbol des neuen er- achten Deutschlands, der on Gott gesegneten Re olution,

des kommenden (

sehnten Dritten Reichs.“ Die Kirche müsse den „Kampf des Nationalso ialismus um das kommende Dritte Reich nicht nur gutheißen“, sondern mit- kämpfen, formulierte Knoke unmiss erständlich in dem be- reits braun durchgefärbten Lo- kalblatt.

heiß er-

)

Pastor Johannes Me er beob- achtete die Ent icklungen an St. Blasius mit Sorge. Wie nach der Neu ahl des nun ornehm-

lich mit DC-Mitgliedern beset- en Kirchen orstands, dessen alte, erdiente Mitglieder ein- fach or die Türe geset t ur- den, empörte ihn.

Auch musste der Pastor, der noch bis Anfang der 6 er-Jahre an St. Blasius bleiben sollte, Ende der 3 er- und u Beginn der 4 er-Jahre massi e Kir- chenaustritte hinnehmen. Al- lein ’38 und ’39 traten 16 Ge- meindemitglieder aus St. Blasi- us aus. „Die Na is hatten unächst mit erdeckten Karten gespielt und sich positi um Christen- tum geäußert, aber später be- drängten sie die Menschen, nicht mehr in die Kirche u ge-

Foto: Rudolph

hen“, erläutert Waltraud Kock (81), die sich noch erinnert, ie sie als Schülerin Jesus als „Judenbengel“ eingebläut be- kam. Einiges schon haben die rührigen Geschichtsforscher on St. Blasius ur Kirchenge- schichte ährend der NS-Dik- tatur usammengetragen. Dennoch sei man eit da on entfernt, ein umfassendes Bild dieser Mündener Zeit u ha- ben, betonen on Wedeme - er, Kock und Blümcke. Bislang sei nur enig s stematisch aufgearbeitet orden. „Wir ollen sehen, ob ir den Anstoß der Zeitung nut en und eiterforschen“, sagt Pas- tor Rudolf Blümcke.

Mutig gegen das drohende KZ

Johannes Brand, Pastor der Ev.-reformierten Kirche, setzte sich für Frieda Hartung ein

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Als Pastor August Brand am 14. Juli 1945 Hein und Elli Hartung in der E angelisch-reformierten Kir- che in Münden traute, standen ihm dicke Tränen in den Au- gen. Er usste, as das Paar bis u diesem glücklichen Tag durchgemacht hatte. Als Sohn einer jüdischstämmigen Mut- ter ar Hein Hartung die Ver- bindung u seiner geliebten Elli erboten orden - unter Androhung on KZ-Haft. Auch dem jungen Mädchen hatten

die Na i-Autoritäten mit Er ie- hungslager gedroht, sollte sie sich eiter mit dem „Juden- bub“ treffen.

Und erst kur or der Trau- ung ar die Mutter des Bräuti- gams, Frieda Hartung, aus dem Kon entrationslager nach Hann. Münden heimgekehrt.

dem Kon entrationslager nach Hann. Münden heimgekehrt. Tätige Nächstenliebe: Pastor August Brand half 1942, den

Tätige Nächstenliebe: Pastor August Brand half 1942, den

ersten Versuch der Deportati- on von Frieda Hartung zu ver-

hindern.

Fotos: nh

Über ein Jahr ar die engagier- te Christin der E angelisch-re- formierten, die aus einem jüdi- schen Elternhaus kam, dort eingesperrt. Dass sie nicht schon früher die KZ-Tortur er- leiden musste, das hatte sie auch dem Pastor u erdanken, der jet t ihren Sohn traute.

„Das Eingreifen von Pastor Brand war ein wesentlicher Grund, dass Mutter 1942 von der Deportation ver- schont geblieben ist.“

HEINZ HARTUNG (88)

Im Frühsommer 1942 soll- ten die let ten jüdischen Mit- bürger aus Hann. Münden de- portiert erden. Auf der Liste stand auch der Name on Frie- da Hartung. „Dabei ar das ge- gen die geltenden Bestim- mung, da sie mit meinem Va- ter in einer so genannten pri i- legierten Mischehe lebte“, er- innert sich Hein Hartung, der heute 88 Jahre alt ist. Über Bekannte gibt es einen Kontakt um Reichssicher- heitshauptamt in Berlin, o- hin Hein und sein Bruder Werner sofort reisen, um u ersuchen, die be orstehende Deportation der Mutter noch ab u enden. Vor der Abreise bitten sie noch Pastor Brand, er möge die Angelegenheit so lan- ge im Auge behalten. Während die Brüder noch unter egs sind, ird die Mut- ter aber bereits in das Göttin-

ger Poli eigefängnis gebracht und erleidet in der Nacht einen Her anfall. Als Pastor Brand on der Festnahme erfährt, eilt er nach Göttingen und erfährt on dem Zusammenbruch. So- fort erlangt er nach dem Poli- eiar t und besch ört den Mann, doch et as für Frieda Hartung u tun, um sie or der Verschleppung u be ahren. Der Ar t lässt die 54-Jährige in ein Krankenhaus erlegen und sie für nicht transportfä- hig erklären. Ohne är tliche Genehmigung dürfe sie das Krankenhaus nicht erlassen, eist er die Krankensch es- tern an. So ieht die Gestapo un errichteter Dinge ab, als sie die gesch ächte Frau für den Abtransport abholen ill. „Das Eingreifen und Vermit- teln durch Pastor Brand ar ein gan esentlicher Grund, dass Mutter on diesem Trans-

gan esentlicher Grund, dass Mutter on diesem Trans- Frieda Hartung. Die Aufnahme wurde im Sommer 1945

Frieda Hartung. Die Aufnahme wurde im Sommer 1945 nach ihrer Rückkehr aus dem KZ Theresienstadt gemacht.

port erschont urde und ihr anderthalb Jahre KZ erspart blieben“, sagt Hein Hartung rückblickend. Z ar hatte er in Berlin auch er irken können, dass seine Mutter on der Deportation ausgenommen ürde. Doch das entsprechende Schreiben om Reichssicherheitshaupt- amt äre u spät gekommen. Hätte der Pastor nichts getan, äre Frieda Hartung ermut- lich schon 1942 deportiert or- den. Im Januar 1944 konnte dann aber auch der Pastor nichts mehr für sein treues Ge- meindemitglied tun. Frieda Hartung urde nach There- sienstadt gebracht. Doch bis ur Befreiung 1945 hielt sie durch. Und konnte ihrem Sohn kur darauf ur Hoch eit gra- tulieren. Frieda Hartung urde 93 Jahre alt.

„Ein Einzelfall“

Dennoch macht Hein Har- tung deutlich, dass es sich bei der Hilfe für seine Mutter of- fenbar um einen Ein elfall handelte. „Mir ist nicht be- kannt, dass sich einer der Pas- toren oder Pfarrer damals ur Verfolgung der jüdischen Mit- bürger geäußert hat.“ Als Ge- schäftsführer des Kreis-Sonder- hilfsausschusses ur Betreu- ung der Verfolgten nach dem Krieg, so Hartung, hätte er sonst sicher da on erfahren. Auch Pastor Brand habe öffent- lich oder in Predigten nicht po- litisch Stellung be ogen.

Anzeige nach der Sonntagspredigt

Auch der Dankelshäuser Pastor Röbbelen wandte sich gegen die Gleichschaltung der Kirchen

DANKELSHAUSEN. „Über die Zeit des Nationalso ialismus sch eigt die Heimatfor- schung“, sagt Joachim on Stockhausen. „Das gilt auch für Dankelshausen.“ Von Stock- hausen schreibt ur Zeit an ei- ner Chronik über das Dorf an der Schede. Trot spärlicher Unterlagen hat er auch ur Kir- chengeschichte ährend der NS-Zeit einiges usammenge- tragen. Für die Gemeinden Dankelshausen, Mielenhausen, Ober- und Niederscheden ar bis 1934 Otto Sartorius u- ständig, nach ihm hatte dort bis 1951 Her- mann Röbbe- len die Pfarr-

stelle inne. Bei- de Pastoren a-

ren gegen die die deutsche Einheitskirche, die Hitler orsch ebte. Entgegen der These einiger Historiker, die Vermittler der Na i-Ideologie auf dem Lande seien die dörflichen Autoritä- ten ge esen - also auch die Pas- toren -, habe die Kirche in Dan- kelshausen keinesfalls die Na- is unterstüt t, so on Stock- hausen. „In ie eit aber die Pastoren regelrecht Wider- stand geleistet haben, indem sie um Beispiel in ihren Pre- digten an die Be ölkerung ap- pelliert haben, darüber gibt es keine Informationen“, sagt der Hobb -Historiker aus Münden.

Informationen“, sagt der Hobb -Historiker aus Münden. Otto Sartorius Von Pastor Hermann Röbbe- len isse man

Otto

Sartorius

Von Pastor Hermann Röbbe- len isse man ar, dass er e- gen seiner Predigten mehrfach on der Ortspoli ei ange eigt orden sei. Was genau sie um Inhalt hatten, ist aber nicht überliefert.

Schriften beschlagnahmt

Röbbelen ar Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich gegen eine Gleichschaltung der E angelischen Kirchen

durch den NS-Staat andte. In seinem Gemeinden hat der Pastor auch Schriften on Walter Kün- neth erteilt, einem der Köp- fe der Beken- nenden Kirche.

Hermann

Röbbelen

Die Gestapo be- schlagnahmte die Papiere.

Doch die Opposition gegen die Vereinnahmung der Kir- chen bedeutete nicht, dass der Pastor auch dem Krieg ableh- nend gegenüberstand. Fremd- artig mutet heute an, dass er sich offenbar durch die Not der Kriegsjahr ollere Kirchenbän-

ke erhofft hatte. „Der Krieg hat das kirchliche Leben nicht u fördern ermocht, auch am An- fang nicht“, resümiert Röbbe- len 1946. „Die Heimkehrer ha- ben keine Belebung gebracht.

In der Heimat nahm sie

) (

nicht die kirchliche Sitte in die Arme, sondern es umgab sie die alte Unkirchlichkeit“. (rud)

In der Heimat nahm sie ) ( nicht die kirchliche Sitte in die Arme, sondern es

Samstag, 8. November 2008

Münden Dransfeld

Vor 70 Jahren: Pogromnacht

Die Opfer nicht vergessen

Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht

HANN. MÜNDEN. Am Sonn- tag und in der kommenden Woche gibt es eine Reihe on Veranstaltungen, die an die Verbrechen der Na i-Zeit erin- nern ollen und da u anregen möchten, an die Opfer u den- ken. In diesem Jahr jährt sich die Pogromnacht in Deutsch- land um 7 . Mal, in der S na- gogen geplündert und erstört urden. • Für Sonntag, 9. November, lädt in Hann. Münden der Ver- ein Erinnerung und Mahnung gemeinsam mit Bürgermeis- ter Klaus Burhenne und Pastor Rudolf Blümcke on der Stadt- kirchengemeinde u einer Ge- denkstunde am Mahnmal für die ehemaligen jüdischen Mit- bürgerinnen und Mitbürger ein. Die Veranstaltung be- ginnt um 16 Uhr an der Stele am Rathaus.

• In Dransfeld findet bereits

ab 1 .45 Uhr in der St. Martini- Kirche in Dransfeld ein Ge- denkgottesdienst statt. Für den Nachmittag ruft das „Bür- gerforum 9. No ember“ alle Ein ohner der Samtgemeinde auf, an der Gedenkfeier or der ehemaligen S nagoge in Dransfeld teil unehmen (Ger- landstraße 7). Beginn ist um 17 Uhr. Die Gedenkstunde ird ieder gemeinsam dem Jugendtreff der St. Martini-Kir- chengemeinde orbereitet und gestaltet.

7 Jahre nach der Pogrom-

nacht haben die Jugendlichen einige Zeit eugen aus Drans- feld nach ihren Erinnerungen an das Zusammenleben mit der jüdischen Be ölkerung in Dransfeld befragt. Darüber möchten die Jugendlichen in der Gedenkstunde berichten.

möchten die Jugendlichen in der Gedenkstunde berichten. Der im KZ blieb: Früher Häftling, später Mitarbeiter des

Der im KZ blieb: Früher Häftling, später Mitarbeiter des Museums.

Szene aus dem Film „Am Ende kommen Touristen“.

Foto: nh

Gottesdienste und ein Film

U nter dem Titel „Woche

19 Uhr: St.-Elisabeth-Kirche, Gedenkgottesdienst ur Reichspogromnacht

Mittwoch 12. November,

18.3 Uhr: Friedensgebet, Re-

formierte Kirche,

Donnerstag, 13. November,

18.3 Uhr: Friedensgebet, Re-

formierte Kirche, • Freitag, 14. November, 19 Uhr: Konfirmanden der Stadtkirchengemeinde laden die Konfirmanden der refor- mierten Kirche und die Kom- munionskinder und Firmlinge

der katholischen Gemeinde ein um Tai é-Gebet für Ju- gendliche in der Blasiuskir- che.

Sonntag, 16. November,

1 Uhr: Ökumenischer Frie-

densgottesdienst in St. Elisa- beth am Volkstrauertag um Thema „7 Jahre Pogrom- nacht.“ (tns/rud)

der Wachsamkeit“ la-

den die christlichen Kir-

chen u folgenden Veranstal- tungen ein:

• „Am Ende kommen Touris- ten“ heißt der Film on Robert Thalheim, der am Montag, 10. November, ab 2 Uhr in der Reihe Kirche und Kino in den Schiller-Lichtspielen u sehen ist. Der Film schildert die Begegnung eier sehr un- terschiedlicher Männer im heutigen Ausch it : dem jun- gen Zi i aus Deutschland und dem ehemaligen KZ-Insassen, der auf die Hilfe des jungen Deutschen ange iesen ist. Vor Filmbeginn ird Pastor Rudolf Blümcke ein kur es In- ter ie mit Mitgliedern des Mündener Vereins Erinne- rung und Mahnung führen. • Dienstag, 11. November,

Trümmer im Gotteshaus

In der Nacht zum 9. November plünderten SA-Schergen die Mündener Synagoge

VON KATJA RUDOLPH

HANN. MÜNDEN. Sie rissen die Tür aus den Angeln und

bahnten sich ihren Weg in die

S nagoge. Kippten die Bänke

um, auf denen sich sonst die Gläubigen ersammelten, er- trümmerten die Fenster, er-

störten alles, as ihnen in den Weg kam. Ihre Beute packten sie auf Boller agen, mit de- nen sie unter lautem Gegröle

um Tan erder ogen. Dort

steckten die Männer der SA die S mbole des jüdischen Glaubens in Brand.

In der Nacht um 9. No em- ber 1938 – und damit eine Nacht früher als in ielen an- deren Städten des Deutschen Reichs – fand der Hass der Na-

tionalso ialisten gegen die jü- dische Be ölkerung in Mün- den einen grässlichen orläu- figen Höhepunkt. Die Berichte über das Attentat eines 17-jäh- rigen jüdischen Mannes auf den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, Ernst om

Rath, dienten als Vor and für die Aus- schreitungen. „Jüdischer Mordbube schoss auf deutschen Di-
Rath, dienten
als
Vor and
für
die
Aus-
schreitungen.
„Jüdischer
Mordbube
schoss
auf
deutschen Di-
Heinz
plomaten in
Hartung

Paris“, hatten die Mündenschen Nachrich- ten – längst um braunen Pro- pagandablatt erkommen –

am 8. No ember 1938 getitelt. Am Abend dann ergingen sich die Wütenden am Gottes- haus der Mündener Juden. Hein Hartung erinnert sich noch gut an die Nacht

um 9. No ember or 7 Jah-

ren. Vom Eckhaus der Familie am Kirchplat konnte der da- mals 18-Jährige, der tagsüber in der Werkkunstschule in

Kassel studierte, in die Tan er- derstraße gucken. Die S nagoge selbst, die sich an

der Hinterstraße befand (heutige Straße Hinter der Stadtmauer), konnte er ar nicht sehen. Aber die Truppe, die unter Gejohle ihre

Beute auf Hand- agen abschlepp- te, hat der 88-Jäh- rige heute noch or Augen. Mit Fa- ckeln seien sie um Tan erder ge ogen. Entset t stand der junge Mann mit seiner Familie am Fenster und beobachtete das Geschehen. Ein- greifen konnten sie nicht: „Wir hatten ja schon Sch ierigkeiten egen unserer Ver andtschafts- erhältnisse, da haben ir uns u- rückgehalten.“

Hein Hartungs Mutter Frieda, in der Stadt be- kannt als tätige Christin, ar jüdischer Herkunft. Der Stan- desbeamte hatte die Frau nach der Machtergreifung der Na is denun iert.

Das große Schweigen

Was Hein Hartung auch heute, 7 Jahre nach der Po- gromnacht, noch nicht begrei- fen kann, ist das Sch eigen der unbeteiligten Be ölke-

rung u den Ereignissen der No embernacht. Selbst als der Krieg längst orbei ar, be- kam der spätere Geschäftsfüh- rer des Kreissonderhilfsaus-

der spätere Geschäftsfüh- rer des Kreissonderhilfsaus- Einst Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Münden: Das

Einst Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Münden: Das Gebäude der Synagoge an der Hinterstraße (heute: Hinter der Stadtmauer) auf einer Zeichnung von Heinz Hartung. 1973 wurde das Gebäude abgerissen. Zeichnung: Heinz Hartung

schusses für NS-Opfer auf sei- ne Nachfrage, as in jener Nacht passiert sei, in der Nachbarschaft der S nagoge stets die gleiche Ant ort: Man habe nichts gehört und nichts gesehen. „Die Einstellung der Menschen damals ar eine Ka- tastrophe“, sagt Hartung und fügt kopfschüttelnd hin u:

„Wir haben doch sogar noch in einigem Abstand in unse- rem Haus den Lärm gehört.“ Mit der Pogromnacht be- gann nun endgültig die s ste- matische Verfolgung und Aus- rottung der Juden durch die Na is. Als Hitler 1933 an die

Macht kam, hatte die jüdische Gemeinde in Münden noch über 8 Mitglieder. 1942 ur- den die let ten 21 hier erblie- benen Juden deportiert. Die meisten on ihnen kamen in Kon entrationslagern ums Le- ben. Frieda Hartung ar durch glückliche Umstände bis 1944 on der Verschleppung er- schont geblieben. Dann kam aber auch sie nach Theresien- stadt. Sie gehörte u einer der enigen Überlebenden und kehrte 1945 gerade recht eitig ur Hoch eit ihres Sohns Hein nach Münden urück.

Auch die Zeitung verschleierte die Verwüstungen

E ine in ige Meldung

hatten die Münden-

schen Nachrichten für

die Ausschreitungen übrig. Unter dem Titel „Empörung

über die Pariser Bluttat“ heißt es in der Ausgabe om 1 . No-

ember 1938: „In den let ten

beiden Nächten kam es über-

all u erregten Ansammlun- gen or den jüdischen Häu- sern und Wohnungen, obei sich die Empörung der Be öl- kerung in starken antijüdi-

schen Aktionen Luft machte.“ Kein Wort om Übergriff auf die S - nagoge und dem Schei- terhaufen auf dem Tan - erder. Am Tag nach dem

Übergriff, dem 9. No em- ber 1938, ging Louis Lö- enthal, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, ur örtlichen Poli ei, um An eige u erstatten über die Ver üstung der S nago-

eige u erstatten über die Ver üstung der S nago- ge. Der Poli eibericht (nach ulesen

ge. Der Poli eibericht (nach ulesen in Johann Dietrich on Pe olds Band „Juden erfolgung in Mün- den 1933 – 1945“) hält ab- schließend fest, dass Lö- enthal keinen Strafantrag gegen die Täter stellte und

Ein Schmuckelement, das vermutlich aus der Münde- ner Synagoge stammt. Heinz Hartung entdeckte es Jahre später im Gebäude.

gesagt habe, „daß nach seiner Ansicht die Tat auf Grund der Pariser Vorfälle am 7.11.1938 als Vergeltungsmaßnahme erübt orden sei“. Dass der jüdische Gemeinde orsteher frei illig auf die Strafan eige er ichtete, erscheint heute allerdings un ahrscheinlich. Am 1 . No ember folgte eine große Verhaftungsakti- on: 22 Mündener Männer jüdi- scher Herkunft kamen nach Göttingen ins Gefängnis. (rud)

Scherben, wo einst Blüten gestreut wurden

Auch in Dransfeld verwüsteten die Nazis die Synagoge – Jüdisches Leben kam Ende der 30er-Jahre zum Erliegen

VON KATJA RUDOLPH

DRANSFELD. Schon lange or dem 9. No ember 1938 ar das Leben für die jüdischen Männer und Frauen in Drans- feld sch er ge orden. Im Fe- bruar 1937 störten Hitlerjun- gen mit Schneebällen und Steinen eine Trauer eremonie auf dem jüdischen Friedhof, berichtet Horst Pinne (74), der sich seit ielen Jahren mit der Geschichte der Juden in Dransfeld beschäftigt. Es soll- te die let te Beiset ung auf dem dortigen Friedhof sein. Diskriminierung aren für iele Juden schon trauriger Alltag ge orden. So habe der Ortsgruppenleiter der NSDAP den Leiter der jüdischen Ge- meinde einmal om Bürger- steig erscheucht: Er solle auf

der Straße gehen, der Bürger- steig sei nur für Deutsche. Horst Pinne, der seit 1943 in Dransfeld lebt, hat bei seinen Recherchen ieles usammen- getragen, on dem er ünsch- te, es äre so nie passiert. In der Reichpogromnacht ergingen sich die Dransfelder dann auch am Gotteshaus der jüdischen Gemeinde. Im Schut- e der Dunkelheit arfen sie die Fensterscheiben ein und erstörten die Inneneinrich- tung, die um größten Teil bis heute erschollen ist. Dass sie die 1836 erbaute S nagoge nicht auch in Brand set ten, ar – so er ählt man sich – auch dem Mut eines Feuer ehrmannes u erdan- ken. „Wenn ihr das macht, dann blase ich Feueralarm und ir erden um Löschen

anrücken“, soll Karl Franke, der Hornist der Dransfelder Brand- schüt er, den Na is des Ortes gedroht haben. Vermutlich äre den Schändern ein Feu- er aber auch u gefähr- lich ge esen, ermutet Pinne, denn es hätte auf die angren ende Bebauung übergreifen können. Martha Reuper, die noch heute im Haus ge- genüber der S nagoge lebt, hat noch Erinne- rungen an die Pogrom- nacht: „Sie haben die Fenster eingeschlagen und laut herumge- grölt“, er ählt die heu- te 88-Jährige, die or 7 Jahren die Ausschrei-

heu- te 88-Jährige, die or 7 Jahren die Ausschrei- „Die hier beteten wurden vertrieben und vernichtet.

„Die hier beteten wurden vertrieben und vernichtet. Bewahret ihr Ver- mächtnis“, lautet die Inschrift am Eingang der Dransfelder Synagoge. Edda und Horst Pinne helfen, die Erinnerung wach zu halten. Foto: Rudolph

tungen om Fenster aus beob- achtete. Die Familie – der Va- ter ar über eugter So ialde- mokrat – agte nicht ein u- schreiten: „Ich erde mich hüten und rausgehen, enn da Idioten üten“, sagt Mar- tha Reuper rückblickend.

Kontakt nur noch heimlich

Zu der Familie des Vorbeters der jüdischen Gemeinde, die im Nachbarhaus ohnte, habe man ein gutes Verhältnis ge- habt. „Bei der Hoch eit der äl- teren Tochter Alice habe ich noch or der S nagoge Blumen gestreut“, erinnert sie sich. Den Kontakt u den jüdischen Nachbarn habe man Mitte der 3 er-Jahre aber nur noch heim- lich pflegen können. Der Orts- orsit ende der NSDAP ohn- te gleich um die Ecke.