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Topinambur

Anbau und Nutzungsmöglichkeit

Das Wissenswerte aus Theorie und Praxis

zusammengetragen durch

Dr. G. A. Küppers-Sonnenberg

Landbuch-Verlag G. m. b. H. Hannover

Inhaltsverzeichnis

Topinamburanbau in Deutschland Botanisches Geschichtliches Gehalt und Zusammensetzung Erträge an Knollen und Laubmasse Eigenschaften der Topinambur Bodenansprüche und Klimabedingungen Die Aussaat Pflege der Kulturen Ernte und Aufbewahrung Topinambur als Futterpflanze Topinambur-Gärfutter Topinambur in der menschlichen Ernährung Der Wert der Topinambur für die Reformküche Topinambur in der Diätküche: Inulingehalt Stand der Züchtung Topinambur und Zuckerrübe Topinambur als Wildfutterpflanze Nutzung trockener und unsicherer Böden Topinambur in der Schafhaltung Trockene Topinamburstengel Eigene Erfahrungen 1946/47 Topinambur als Windschutz Rezepte für die Küche Anbaudaten; Zusammenfassung Schlußurteil Literatur Was sagt die Erfahrung der Anbaugebiete?

Blühende Topinambur In Norddeutschland kommt nur die Spielart Sonnlinge „Helianthus" im engeren Sinne zur Blüte

Blühende Topinambur

In

Norddeutschland kommt nur die Spielart Sonnlinge

„Helianthus"

im engeren Sinne zur Blüte

Topinamburanbau in Deutschland

Die Topinamburkultur ist in Deutschland offensichtlich vernachlässigt.

Man

kennt in der Öffentlichkeit diese knollenbildende Sonnenblume (Helianthus

tuberosus) kaum dem Namen nach. Wirtschaftlich wurde sie von Jägern als

Wildfutter und von Landwirten neuerdings wegen ihrer guten Eignung für die

Schweinemast geschätzt. Unbekannt blieben ihre hervorragenden Eigenschaften für die menschliche Ernährung. Ihr hoher Inulingehalt macht sie zu einem Heil-

mittel für Zuckerkranke, ihre Vitalität und Winterfestigkeit sollte sie in die

erste Reihe der Kulturpflanzen rücken. Es gibt über die Topinambur eigentlich

nur Gutes zu berichten. Sie besitzt so viele hervorragende Eigenschaften, daß

man die wenigen negativen dabei wohl in Kauf nehmen sollte. Das Negativste,

das sich über die Topinambur beibringen läßt, ist eben ihre Unverwüstlichkeit. Einmal gepflanzt, ist sie nicht wieder auszurotten. So geht der Glaube. In Wirk-

lichkeit ist Topinambur zwar ausdauernd, aber durchaus auch durch nachfol-

gende Hackfrucht wieder vom Acker zu beseitigen. Erwin Baur, der Begründer

des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Züchtungforschung, aus dem südwestdeutschen

Anbaugebiet stammend, mit der Pflanze von frühauf vertraut, wandte ihr schon

zeitig sein züchterisches Interesse zu und erwartete viel von ihr. Trotzdem: die

Topinambur blieb das Aschenbrödel unter den Kulturpflanzen. Ihr Anbau ist

inselhaft auf sehr begrenzte Gebiete Südwestdeutschlands beschränkt, die über

das Elsaß hin Anschluß an die weit ausgedehnteren Anbaugebiete in Frankreich

haben. Der Anbau dehnt sich aus, da die Topinambur überall da rettend ein- gesetzt wird, wo die Kartoffel abbaut oder dem Käferfraß erliegt. ,

Daß man die Pflanze der größten Produktivkraft in einer Zeit vergessen konnte, deren Denken technisch-mechanistisch bestimmt war, mag hingehen. In

einer Zeit heranreifender biologischer Denkweise, gesteigerten Verantwortungs-

gefühls gegenüber Fragen der Volksgesundheit, die den Wert der Vitamine und

anderer Wirkstoffe erkannte, kann man an der Topinambur nicht mehr vorüber-

gehen. Sie ist immer in Notzeiten entdeckt und nachher wieder vergessen wor-

den. Soll es auch diesmal so sein? Es ist wohl erforderlich, sieh mit der Topin-

ambur einmal gründlich zu beschäftigen. Schön ihre hohe Ertragsfähigkeit, ihr

Inulingehalt, ihre Winterfestigkeit sind Faktoren, die nahelegen, sie weit stärker

alg bisher in den Anbauplan einzuführen, auch wenn wir sie nicht kannten. Es

liegen aber schon zahlreiche Urteile bester Kenner vor, die sich anerkennend,

ja lobend, etliche sogar überschwenglich über Topinambur äußern. Aus der Zahl

der zustimmenden Äußerungen seien die von Oberlandwirtschaftsrat Aloys Griesbeck herausgegriffen, dem wir die beste zusammenfassende Darstellung über Topinambur verdanken. Im Vorwort seiner Schrift heißt es: „Man, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Topinambur bisher zu Unrecht eine

derart stiefmütterliche Behandlung erfuhr Ist sie doch eine Pflanze von einer Produktivkraft, die ihresgleichen sucht." Und das Schlußurteil lautet: „Faßt man

das über den Anbau und die Verwertung Gesagte zusammen, so muß man zu

der Feststellung kommen, daß diese Pflanze wohl wert ist, künftig im Anbau

eine größere Beachtung zu finden als bisher. — Für Trockengebiete mit leichten Sandböden ist sie zweifellos in ihrer jetzigen Form die ertragreichste Pflanze,

weil sie bei einigermaßen Pflege und Versorgung mit Jauche und Stallmist

bessere Erträge an Grünmasse und Knollen bringt wie andere Kulturpflanzen.

Ihre Anspruchslosigkeit an Boden und Klima, ihre Bescheidenheit in Bezug auf

Nährstoffe und Wasser müßten ihr noch viele Anbaugebiete, die heute nur müh-

sam und unter hohem Aufwand unsichere und unwirtschaftliche Ernten bringen,

erschließen. Geringe Erzeugungskosten und geringer Arbeitsaufwand sind wei-

tere Vorzüge, die in der Betriebsorganisation beachtlich sind."

Das ist das Urteil Griesbecks über Topinambur im allgemeinen. Landwirt-

schaftsrat W. Traut von der Landwirtschaftsschule Lahr, den ich um seine

Erfahrung anging, äußert sich: „Die Gegend von Müden ist mir bekannt, da ich

im Winter 1919/20 in Bergen als Landwirtschaftslehrer tätig war. Ich halte die dortigen Böden als sehr geeignet für den Topinamburbau." Danach würden sich

die trockenen Böden der Heide ganz besonders für den Anbau eignen. Verdient also Topinambur allgemeines Interesse, so ist es wohl ratsam,

alles Wissenswerte, die positiven wie die negativen Erfahrungen, zusammenzu- tragen, um Unterlagen für einen ausgedehnteren Anbau zu gewinnen. Die vor-

liegende Schrift ist bemüht, dem „Aschenbrödel unter den Kulturpflanzen" den

Platz in der Rangliste der Kulturgewächse gewinnen zu helfen, der ihr nach

ihrer vielseitigen Verwendungsfähigkeit und ihrem volksgesundheitlichen Wert

zukommt,

Botanisches

Der botanische Name der Topinambur ist Helianthus tuberosus, zu deutsch:

knollige Sonnenblume. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird mit Topinambur

eine bestimmte, gelbschalige Abart bezeichnet, welche mehr rundliche, mit

Warzenhöckern versehene Knollen dicht am Stamm ansetzt, während man mit

Helianthen eine glatt- und rotschalige Abart bezeichnet, von elliptischem Längs-

schnitt, die Knollen der Stolonen, der Wurzelausläufer bildet. Die Abart Heli-

anthus ist als Zierpflanze im Garten häufiger anzutreffen. Sie kommt auch in

Norddeutschland zum Blühen. Die Blüten sind kleiner als die der eigentlichen

Sonnenblume. Die Abart Topinambur kommt in Norddeutschland nur mit

wenigen Stücken zur Blüte, sogar in Süddeutschland ist die Blüte nur in gün-

stigen Jahren zu erwarten. Sowohl Helianthus wie Topinambur bleiben in

unserem Klima unfruchtbar. Die Züchtung, die sich der Samen bedient, ist dar- auf angewiesen, den Anbau und die Samengewinnung in günstigeres Klima nach dem Balkan, Italien und Nordafrika zu verlegen. Im zeitigen Frühjahr bilden sich aus den Knollen Schößlinge, aus welchen

sich ein krautiger Stamm, ähnlich dem der Sonnenblume entwickelt. Die unteren

Blätter sind herzförmig, die oberen eiförmig bis lanzettlich. Ende August beginnt

die Pflanze Seitensprosse zu treiben und üppige Krautmasse zu entwickeln, wo-

durch im Topinamburbestand dichter Schatten bewirkt wird, der alles Unkraut

unterdrückt und günstig auf die Gare und Wasserversorgung einwirkt. Die

Pflanze treibt vom Stammfuß aus Wurzelschößlinge, die sich fleischig verdicken und bald mehr am Stamm, bald mehr am Ende dieser Ausläufer Knollen an-

setzen. Entnimmt man die Pflanze dem Boden, so bilden Wurzeln und. Knollen-

lage einen Schopf. Die Züchtung strebt dahin, die Anlage der Knollen in Stamm-

nahe zu konzentrieren. Bemerkenswert ist die große Fruchtbarkeit der Pflanze,

die bis zu 50 und mehr Knollen zu entwickeln vermag. Das Knollenbildungs- vermögen der Topinambur übertrifft sonach das der Kartoffel, mit der sie die

Knollenbildung gemeinsam hat. Sonst aber ist Topinambur kein Nachtschatten-

Links: Topinambur (über 3 m wachsend) Recht's: Sonnling, „Helianthus" (2,50 m im Durchschnitt)
Links: Topinambur (über 3 m wachsend) Recht's: Sonnling, „Helianthus" (2,50 m im Durchschnitt)

Links: Topinambur (über 3 m wachsend) Recht's: Sonnling, „Helianthus" (2,50 m im Durchschnitt)

Spielarten der Blätter einer Topinamburstaude; von unten nach oben - kleiner werdend Knollen der drei

Spielarten der Blätter einer Topinamburstaude; von unten nach oben - kleiner werdend

Topinamburstaude; von unten nach oben - kleiner werdend Knollen der drei Spielarten: Topinambur, oben rechts

Knollen der drei Spielarten: Topinambur, oben rechts

Sonnling „Helianthus" (im engeren Sinne) in der Mitte; „Makrophillus, links

sondern ein Sonnenblumen gewächs und gehört damit zu den Körbchenblütlern.

Wie alle Korbblüter, enthält Topinambur zu gewissen Zeiten Inulin, ein Kohle-

hydrat, das sich leicht in Fruchtzucker umwandeln läßt und für Zuckerkranke

eine dem Insulin nahekommende Bedeutung hat. Der Gehalt im Topinambur

übertrifft den der meisten Kompositen, erreicht gegen Herbst 12 °/o (60 % in

der Trockenmasse)).

Das besondere

Kennzeichen der Topinambur ist ihre unerhörte Vitalität,

welche der Unverwüstlichkeit der Quecke und Distel gleichkommt. Topinambur

ist ausdauernd durch die Knolle, während das Kraut abstirbt.

Die Topinamburpflanze ist in allen Teilen verwendbar. Die Knolle ist ge-

nießbar ähnlich der Kartoffel, doch enthält sie keinerlei schädliche Neben-

bestandteile. Das Laub ist eiweißhaltig und stellt ein ausgezeichnetes Futter dar,

das von allen Haustieren gern gefressen wird, aber auch auf das Wild große

Anziehungskraft ausübt. Das grüne Laub eignet sich besonders gut für Silage- zwecke, doch wird von den meisten Nutztieren auch das abgestorbene Kraut

noch leidenschaftlich gern genommen und anderem Heu vorgezogen. An dieser Stelle mag zur Terminologie noch vermerkt sein, daß die Topinambur und Heli-

anthen auch unter deutschen Bezeichnungen bekannt sind als Erdbirne, Erd-

artischocke, Erdschocken, Erdapfel und Roßkartoffel auch Tropenkartoffel. Alle

die volkstümlichen Bezeichnungen haben nur lokale Bedeutung. Im Katalog einer, führenden Samenbaufirma des Erfurter Anbaugebiets ist die Topinambur neben Helianthi verzeichnet, die als Salsifis und Sonnlinge geführt werden.

Die Bezeichnung Erdapfel führt zu Verwechselungen mit der Kartoffel. Erd-

birne könnte hingehen, doch sei hier der Vorschlag gemacht, die Topinambur

Knollensonnenblume, die Abart Helianthus (im Volksmund) Sonnlinge zu

nennen, da sie zur Blüte kommt und die Blüte in der Tat einer kleinen Sonnen-

blume ähnlich sieht.

Im übrigen ist die Pflanze noch wenig entwickelt und auch züchterisch durch-

aus vernachlässigt, trotz des Interesses, das ihr der Begründer des Kaiser-Wilh.- Instituts für Züchtungsforschung zuwandte. Da die Pflanze in unseren Breiten

geschlechtlich kaum zu vermehren ist, schränkt sich der Formenreichtum auf die

durch die Knollen gegebenen Spielarten ein. Aus bisherigen Züchtungsversuchen ergibt sich, daß die Pflanze sich in vielseitigster Weise weiterentwickeln läßt. Die hohe Fruchtbarkeit der Helianthus tuberosus beruht nicht nur auf dem

Reichtum an. Knollen,

Stück der fleischigen

Wurzelausläufer die Fähigkeit und Neigung besitzt, Schößlinge zu bilden. Hier unterscheiden sich allerdings die warzenhöckerigen Knollen der Topinambur von

den glattknolligen Helinathen, also die der Knollensonnenblume von den Sonn-

lingen. Die Sonnlinge besitzen ein Nabel- und einen Kopf teil. Der Schößling

treibt nur vom Kopf teil aus. Bei den Knollensonnenblumen hat jedes mit Auge versehene Warzenstück die Fähigkeit zur Schößlingsbildung. Zur Vermehrung können die Buckelknollen der Topinambur im engeren Sinne aufgeteilt werden,

wodurch von einer Pflanze bis zu 200 Ablegern gewonnen werden können. Die Buckel und Warzen der Knollen haben die Neigung, Sekundärknollen zu bilden.

Geschichtliches

sondern auch darauf,

daß

jedes

Die Topinambur (Helianthus tuberosus) ist aus Amerika nach Europa ge-

langt etwa zur gleichen Zeit und auf gleichen Wegen wie die Kartoffel, mit

welcher sie im 17. Jahrhundert rivalisiert. Die Heimat der Topinambu r ist wie die der Karfoffel Zentralamerika, das Genzentrum für viele knollenbildende

Pflanzen. Genzentren sind nach Vavilow die Ursprungsgebiete unserer Kultur- pflanzen, kenntlich an dem großen Formenreichtum mit konstanten Erbeigen-

schaften. Das Genzentrum Zentralamerika hat außer Bohnen, Kürbis, Tomaten, Agaven, Dahlien eine Reihe knollenbildender Pflanzen hervorgebracht, so die Kartoffel, den knollentragenden Sauerklee, knollentragende Kresse und To- pinambur.

Die Kartoffel ist offenbar auf zwei Wegen zu uns gelangt, wie ihr Name

besagt. Als Kartoffel, italienisch Tartuffoli (von tartufo gleich Trüffel) ist sie

über Italien eingeführt, wohin sie um 1560 durch die Spanier gelangt sein soll. Der englische Name der Kartoffel, potatoe, rührt von der „süßen Kartoffel", der Batate (Convolvolus Batatas L.), einer ebenfalls in Zentralamerika beheimateten

knollentragenden Windenart, die ebenfalls durch die Spanier weit über die Erde

verbreitet werden ist. Die Kartoffel soll 1588 schon am Hofe von Burgund an-

gebaut worden sein, bevor Francis Drake Proben aus Virginien nach England

brachte. Drake starb 1596. Nach Clusius Raritätensammlung Historia rariarum

plantarum, welche 1601 erschien, sollen zu dieser Zeit in Italien schon Schweine

mit Kartoffeln gefüttert worden sein.

Dem britischen Admiral Francis Drake ist merkwürdigerweise in der badi-

schen Stadt Offenburg ein Denkmal errichtet. Nach Griesbeck soll er nicht die

Kartoffel, sondern die Topinambur nach England und von dort aus nach Deutsch-

land gebracht haben. Immerhin ist es auffällig, daß Offenburg im Mittelpunkt der heute nur noch inselhaft vorkommenden alten deutschen Topinamburanbau-

gebiete liegt, die über das Elsaß Anschluß an die französischen haben. Zentren des deutschen Anbaus, der keine nennenswerte Rolle mehr spielt, sind an der

Straße Karlsruhe—Freiburg zu suchen, die sich am Fuße des Schwarzwaldes auf

der Ostseite des Rheintales hinzieht. Als Mittelpunkte sind zu nennen: Lahr,

Bühl, Rastatt. Am ausgedehntesten ist, nach nicht ganz abgeschlossenen Ermitt-

lungen, zur Zeit der Anbau im Dorfe Sandweier in der Oberrheinischen Tief-

ebene. Hier wird der Sandweier Riesling gewonnen, nicht weit davon der „Stoll-

hof ener Kirsch", berühmte Topinamburbranntweine von mildem öeschmack.

Die vielseitige Art der Verwendung in diesen restlichen deutschen Anbauge-

bieten zeigt, daß die Kultur hier bodenständig geworden ist und auf jahr-

hundertalte Überlieferung zurückzugehen scheint.

Nach einer weiteren Lesart soll die Topinambur von Lescarbot im Jahre 1612

nach Europa gebracht worden sein, und zwar zunächst nach Frankreich. Im glei-

chen Jahre soll sie dann nach England gelangt sein. Nach Deutschland kam sie

über England oder Frankreich. Sie war während des Dreißigjährigen Krieges,

in Deutschland verbreitet. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, liegt die Topinambur mit der Kartoffel in Wettbewerb, der später durch königliches De- kret zugunsten der Kartoffel entschieden wurde. Friedrich der Große erzwang

ihre Einbürgerung gegen den Widerstand der Bauern, deren Feldwirtschafts- ordnung durch die neue Kulturart erschüttert wurde. Mit der Einführung der

Kartoffel kam die Topinambur immer mehr in Vergessenheit, blieb aber noch

lange Zeit die Lieblingsspeise der Pflanzer. Jedenfalls ist festzuhalten, daß die Topinambur zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wie die Kartoffel in erster

Linie zur menschlichen Ernährung angebaut wurde, während sie heute allenfalls

noch als Wild- und Schweinefutter bekannt ist. In manchen Gegenden Deutsch- lands ist die Topinambur überhaupt nicht mehr bekannt. Eine Umfrage bei allen

Landesbauernschaften etwa im Jahre 1942 ergab: im Norden und Osten Deutsch-

lands wird die Topinambur allenfalls als Wildfutter gebaut, im Süden ist Topin-

ambur schwach verbreitet. Am verbreitetsten ist die Pflanze, wie schon bemerkt,

im Südwesten, in der südlichen Rheinebene, Mittelbaden, der Pfalz, dem Elsaß und Lothringen. Am stärksten ist der Anbau in den Kreisen Bühl, Offenburg,

Lahr un d Freiburg. In Frankreich steht Topinambur heute noch mit 150 000 ha

im Anbauplan. Hier nimmt der Anbau zu, da Topinambur die abbauende und gegen Käfer anfällige Kartoffel neuerdings aus dem Anbau verdrängt. Auch im Rheinland und Westfalen ist aus diesem Grunde wachsendes Interesse für die

Topinambur als Ersatz für die Kartoffel zu verzeichnen. Doch wurde literarisch

schon früh die Frage der Vertretbarkeit der Kartoffel erörtert. Bereits im Jahre 1848 hat Louis Gustav Nefflen in seiner Schrift „Die Topinambur als Stellver- treterin der kranken Kartoffel" die mit der Topinambur gemachten guten Er- fahrungen niedergelegt. Eigensachften, welche man der Kartoffel mühsam auf züchterischem Wege anerziehen und abringen muß, sind der Topinambur in

starkem Maße und ganz ursprünglich eigen.

Gehalt und Zusammensetzung

Der Gehalt der Topinambur schwankt außerordentlich, sowohl nach den ein- zelnen Herkünften, wie auch nach der Jahreszeit. Den höchsten Gehalt, insbe-

sondere an Inulin weist die Knolle im Herbst auf, doch nimmt das Wachstum

im Winter zu, im Gegensatz zur Kartoffel, die im Winter einen beachtenswerten

Schwund erleidet. Die beste Erntezeit ist für die Knollen infolgedessen <ias

zeitige Frühjahr.

Gehaltszahlen sind enthalten im „Handbuch des Hackfruchtbaues und Han-

delspflanzenbaues":

Zahlen an:

Wir führen

hier

die

von

Kellner-Fingerling

ermittelten

an: Wir führen hier die von Kellner-Fingerling ermittelten Zu beachten ist der hohe Gehalt der Knollen

Zu beachten ist der hohe Gehalt der Knollen an stickstoffreien Extraktstoffen,

darunter Zucker mit 14,7 °/o (nach Payen)

Im Heu ist der hohe Proteingehalt mit

12,7 % bemerkenswert, an verdaulichem Eiweiß 6,1 %. Das Heu, wie auch die

grüne Laubmasse besitzen damit erheblichen Futterwert. Nach Stutzer beläuft

sich der Gehalt an verdaulichem Rohprotein in der Trockenmasse des Krautes

auf 8%. Zuckergehalt : in den Knollen 14,7%, in den grünen Blättern im

Juli 1,9%, im September 1,54%, im Oktober

offenbar in die Knollen.

Würz-

Nach Untersuchungen des Landwirtschaftlichen Untersuchungsamtes burg vom 1. 12. 1942 sind folgende Gehaltszahlen festgestellt:

1,39 %. Der Zucker wandert also

*

Untersuchungsamtes burg vom 1. 12. 1942 sind folgende Gehaltszahlen festgestellt: 1,39 %. Der Zucker wandert also
Die 17 % der stickstoffreien Extraktstoffe, welche verdaulich sind, stellen den Gehalt der Knolle an

Die 17 % der stickstoffreien Extraktstoffe, welche verdaulich sind, stellen den

Gehalt der Knolle an Inulin dar. Das Inulin wird durch ein in der Knolle ent-

haltenes Enzym in Fruchtzucker verwandelt. In der Knolle kommt dieser Frucht- zucker stets neben dem Inulin vor. Im Vergleic h mi t de r Kartoffe l

enthält Topinambur keine Stärke, sondern eben dieses verwandte Kohlehydrat

Inulin. Topinambur enthält in der Knolle 80% Wasser, während die Kartoffel

nur 75 % auf weist. Das mag ein Grund für die Bevorzugung der Kartoffel sein,

die außerdem in ihrer Form sich mehr der Idealgestalt der Kugel„ annähert und so beim Schälen weniger Abfall ergibt, auch läßt die Kartoffel sich leichter häuten. Demgegenüber ist allerdings zu bemerken, daß das Inulin als frucht-

zuckerartiges Kohlehydrat sehr leicht verdaulich und insbesondere für Zucker-

kranke nicht nur Nahrung, sondern auch ein dem Insulin in der Wirkung ähn-

liches Heilmittel darstellt.

Was die Form betrifft, so ist hier weiter Spielraum für die Züchtung.

Im

Gegensatz zur korkartigen Kartoffelrinde ist die Topinamburschale genießbar.

Der Schälprozeß und Schalenverlust kann mithin wegfallen. Ein genauerer

Gehaltsvergleich aus jüngster Zeit zwischen Kartoffel und Topinambur ergibt

folgendes Bild: Asche mit 4,8 % gegen 3,9 % bei Topinambur etwas höher als

bei Kartoffel, Rohprotein mit 7,4 gegen 8,4 etwas niedriger, Rohfett mit 1,0

gegen 0,4 in beiden Fällen unbedeutend, Rohfaser mit 3,4 gegen 2,8 bei Topin- ambur höher, stickstoffreie Extraktstoffe mit 83,4 gegen 84,5 % bei beiden erheb- lich. Verdauliches Rohprotein bei Topinambur 5,0, bei Kartoffel 4,4 %.

Ein Vergleic h zwische n Grünmass e un d Trockenlau b er-

gibt: 80 °/o Wasser werden entzogen, Asche steigt von 1,8 °/o auf 9,0 Proz. in der

Trockenmasse, Rohhprotein von 2,9 auf 14,5 %, Rohfett von 0,5 auf 2,5 %, Roh- faser von 3,3 auf 16,2%, die Extraktstoffe von 11,5 auf 57,7%. Die" Blätter ent- halten in der Trockenmasse 17,3 % Asche, 13,4 % Rohprotein, 2,9 % RTohfett,

13,7% Rohfaser, 52,7% Extraktstoffe. Durch den hohen Proteingehalt sind sie

ein hervorragendes Futtermittel. Im Verhältnis zu den Blättern enthalten die

Stenge l in der Trockenmasse! 4,2% Asche, 2,4% Rohprotein, 0,3 % Roh- fett, 30,6 % Rohfaser, 62,5 % stickstoffreie Extraktstoffe. Sie sind gekennzeichnet

durch den hohen Gehalt an Extraktstoffen, der fast zwei Drittel ihrer Masse aus-

macht, und den Fasergehalt, der das restliche Drittel darstellt.

Nach neueren Untersuchungen, die ich dem Hamburger Institut für ange-

wandte Botanik verdanke,

beträgt der Stärkewer t der Topinamburknollen

auf 100 kg Trockensubstanz bei Ochsen 67,1 kg, bei Schweinen dagegen nur

47,8 kg, während der Stärkewert der Kartoffeln für Schweine mit 78 kg anzu-

setzen ist.

Topinambur im Herbst auf 12 % der frischen Knollen oder 60 % der Trocken-

masse. Wird er aufgezehrt, so ist an Stelle des Inulin Lävulin zu finden.

Erträge an Knollen und Laubmasse

Die Vollreife der Topinamburknollen tritt erst im Hochwinter ein, dann,

Nach Mitteilungen des gleichen Instituts steigt der Inulingehalt der

wenn die Knollen sich vom Stock lösen. Es ist richtig, die Knollen bis dahin in

der Erde zu belassen, da sie sich so am besten erhalten. Auch liefern sie zu

dieser Zeit, im Januar, Februar die höchsten Erträge bei hohem Gehalt. Gerade

die Eigenschaft, den Winter im Boden überdauern zu können, macht heute

den hohen Wert der Knollen für Nahrungszwecke des Menschen wie der Tiere aus. Denn neben dem Inulingehalt ist der Gehalt an Vitaminen und anderen

Wirkstoffen ausschlaggebend. Topinambur ist ein Gemüse, das jederzeit bei offenem Wetter bodenfrisch gewonnen und verbraucht werden kann. Im Sinne der neueren Ernährungslehre nach Dr. Bircher-Benner: ein hochgespanntes

Nahrungsmittel. Über den Ertrag der Topinamburstaude an Knollen und Laubmasse liegen

verschiedene Berichte aus zahlreichen Anbau- und Fütterungsversuchen vor. Aus dem Institut für Milcherzeugung der Preuß. Versuchs- und Forschungsanstalt

für Milchwirtschaft in Kiel berichten der Direktor Dr. Bünger in Gemeinschaft mit Dr. Gleit in den Mitteilungen für die Landwirtschaft (Stück 30 vom 23. VII.

32): „Es hat sich bei den Versuchen des Instituts herausgestellt, daß bei gleichem

Arbeitsaufwand und bei gleichem Boden die Knollenerträge von Topinambur

höher sind als bei der Kartoffel und daß außerdem noch eine sehr beträchtliche

Menge von Grünmasse für Einsäuerungszwecke abfällt."

Landwirtschaftsrat Haug, der den Beitrag über Topinambur im Landw. Lehr-

buch für Baden beisteuerte, gibt den Ertrag als unter dem der Kartoffel liegend

mit 100—200 Dz/ha an. Wie stark die Erträge nach den Herkünften schwanken,

zeigen Versuchsanbauten, deren Ergebnis Griesbeck mitteilt:

Blatt und Stengel

Knollen

weißschalige Herkunft

429,5

Dz/ha

245,36 Dz/ha

rotschalige Herkunft (Helianthi?)

273,00 Dz/ha

234,72 Dz/ha

Zum Vergleich: Kartoffeln, Knollen:

240,00 Dz/ha

In diesem Versuchsanbau bleibt der Laubmasseertrag der rotschaligen Her-

kunft (offenbar Sonnlinge) erheblich gegenüber dem der weißschaligen, (offen-

bar echte Topinambur) zurück. Von beiden Herkünften werden der Kartoffel entsprechende Erträge erreicht.

Die Erträge untersuchter Zuchtstämme zeigen folgendes Bild (Dz/ha):

 

Kraut

Knollen

total

Stamm A

frisch

280

260

540

trocken

72,8

47,3

120,1

Stamm B

frisch

144

188

332

trocken

45,4

40,2

85,6

Stamm C

frisch

312

192

504

trocken

90,5

33,4

123,9

Stamm A ist gekennzeichnet durch gleich hohen Knollen- und Grünmasseertrag, Stamm B liefert mehr Knollen als Laub, Stamm C umgekehrt mehr Laubmasse

als Knollen, käme also in erster Linie für Grünfutterleistung in Frage. Der Rohproteingehalt beträgt:

Stamm A

Stamm

B

Stamm C

Kraut 3,1 Dz/ha

Dz/ha

Krau t 1,3

Kraut 3,3 Dz/ha

Knollen 3,6 Dz/ha Knollen 1,6 Dz/ha

Knollen 2,3 Dz/ha

total 6,7 Dz/ha total 2,9 Dz/ha

total 5,6 Dz/ha

Stamm A und C sind in besonderem Masse als Eiweißlieferanten anzusprechen.

Die Abhängigkeit der Knollenerträge vom Grünmasseschnitt ist in Münche-

berg in Schnittversuchen wie folgt festgestellt worden:

Schnitt am 30. Juli erbringt Grünmasse:

79,1 Dz/ha

26. August

162,1

20. Oktober

208,3

Ab Juli findet sonach monatlich annähernde Verdoppelung der Laubmassen-

erträge statt. Der Julischnitt erbrachte noch einen Nachwuchs von 20,7 Dz/ha, ist

also auf 99,8, rund 100 Dz/ha anzusetzen. Die späteren Schnitte brachten keinen

Nachwuchs mehr.

Der dem Laubschnitt entsprechende Knollenertrag steht im umgekehrten Ver-

hältnis. Es erbrachte:

.

Schnitt am 30. Juli einen Knollenertrag:

26. August

20. Oktober

48,0 Dz/ha

53,7

174,1

Der Knollenzuwachs vom Juli zum August ist infolge Schwächung der Pflanze unbedeutend. Vom August zum Oktober verdreifacht "sich der Ertrag. Es be- stätigt sich wieder, daß die Hauptknollenbildung im Herbst und Winter vor

sich geht.

Nach anderen Quellen ist Ende Oktober mit einem Ertrag von, 270 Dz/ha Laubmasse zu rechnen. Bei Versuchen in Mainfranken wurden am 16. Oktober

1941 322,85 Dz, am 5. Oktober 1942 354,4 Dz Laubmasse erzielt. Der Knollen-

ertrag ist in Hohenheim im zehnjährigen Durchschnitt mit 220 Dz/ha errechnet

worden. Der Knollenertrag der Topinambur im Vergleich zur Kartoffel, sowie der geschnittenen von der nichtgeschnittenen geht aus folgenden Zahlen hervor, die aus Versuchen in Mainfranken gewonnen wurden:

Kartoffel Ackersegen, Hochzucht

252,00 Dz/ha

Topinambur, ohne Grünschnitt

344,97

Topinambur,

nach

Grünschnitt

121,51

(dazu 322,25 Laub)

Durch Werbung des grünen Laubes sinkt der Knollenertrag der Topinambur

gegenüber der Kartoffel auf die Hälfte. Bei der nichtgeschwächten Topinambur liegt der Ertrag um fast 100 Dz über dem der Kartoffel. Aber auch bei der ge- schwächten Topinambur liegt der Gesamtertrag von der Fläche höher als bei der Kartoffel. In einem zweiten Versuchsgang des folgenden Jahres mit dem 1. Nachbau auf

gleichem Boden, mit dem gewonnenen Erntegut, stellten sich die Erträge wie folgt:

Kartoffel, Ackersegen, 1. Nachbau, Knollen

Topinambur, Nachbau, Knollen 427,85

492,50 Dz/ha

(und 354,40 Laub) (und 354,40 Laub)

Der Knollenertrag des 1. Nachbaus liegt sowohl bei der Kartoffel als auch

bei der Topinambur höher als der der Hochzucht. Wenn auch die am 20. Novem-

ber geernteteh Knollen im Ertrag hinter der Kartoffel zurückbleiben, so bietet

doch der Ertrag der Grünmasse, die am 5. Oktober geworben wurde, reichlichen

Ausgleich. Die Gesamterträge an Grünmasse und Knollen sind festgestellt worden in

mit 147,58 Dz/ha

Müncheberg

bei Schnitt am 30. Juli

Mainfranken

.26. August

20. Oktober

16. Oktober

5. Oktober

215,80.

382,40

(1941) 444,06

(1942) 782,25

Der Oktoberertrag 1942 liegt in Mainfranken doppelt so hoch als in Münche- berg, fast um das Doppelte höher als im Jahre 1941, wo der Versuch mit Hoch- zuchten durchgeführt wurde. Die Abhängigkeit des Ertrages von den Standraumverhältnissen ist aus Ver- suchen in Hohenheim ermittelt worden. Hier erbrachte Topinamburkraut bei einer Pflanzweite von 40/40 cm einen Ertrag von 855 Dz/ha, bei Pflanzweite

50/50 sank der Ertrag auf 585 Dz/ha bei Ernte in der zweiten Septemberhälfte.

Normalerweise ist der Krautertrag mit dem Knollenertrag gekoppelt. Hoher Krautertrag läßt auf hohen Knollenertrag schließen. Doch gibt es auch Zucht-

stämme, bei denen ein reziprokes Verhalten zu bemerken ist, also hoher Kraut-

ertrag geht au f Koste n de s Knollenertrages . Im zehnjährigen Durch-

schnitt wurden in Hohen 220 Dz/ha Knollenerträge ermittelt. Die Topinambur

kehrt, obwohl einjährig, an der gleichen Stelle wieder, da bei sorgfältiger Knol-

lenernte doch immer noch Reste im Boden verbleiben, welche austreiben. Es

findet

Jahren ab.

also

Selbstansaat

statt.

Doch

nehmen

die

Erträge

in

den

folgenden

Eigenschaften der Topinambur

An erster Stelle ist die Bildung großer Laub- und Knollenmassen zu nennen.

Die Topinambur gehört zu den ersten Massenlieferanten und ist hierdurch von

großer Bedeutung für die Landwirtschaft. Sie kann neben der Kartoffel ent- sprechende Bedeutung für die menschliche Ernährung erlangen. Dort, wo die

Kartoffel nicht mehr zu bauen ist, als Ersatz für die Kartoffel. Ihr Nachteil ist ein etwas höherer Wassergehalt, eine durch dünne Schale gegebene Lager- empfindlichkeit und geringere Haftbarkeit, sowie ein Mangel an Stärke. Dafür

entschädigt der hohe Inulingehalt, der dem Fruchtzucker nahekommt. Hierdurch

wird die Topinambur ein begehrtes Futter. Es wird immer berichtet, daß die

Topinambur gern genommen und noch das welke Kraut anderen Futtermitteln

vorgezogen wird. Die hohe Vitalität der Pflanze bewirkt auch hohen Gehalt an

Vitaminen und anderen Wirkstoffen. Da diese infolge der Frostunempfindlich- keit der Pflanze im Winter zur Verfügung stehen, ist die Einführung der Topinambu in den Erhährungsplan sowohl in rohem wie in gekochtem Zustand

gerade für die Winterzeit sehr zu empfehlen, vor allem für Kinder und Zucker-

kranke, insbesondere aber auch für stillende Mütter, da ein günstiger Einfluß

auf die Milchbildung festgestellt ist.

Topinambur erträgt 30 Grad Frost, kann also im Winter im Boden bleiben

und bei offenem Wetter jederzeit bodenfrisch geerntet werden. Diese Eigenschaft

bewirkt, daß keinerlei Vorkehrungen für die Aufbewahrung zu, treffen sind, die Ernte kann über Monate verteilt werden. Damit fallen Arbeitsspitzen und über-

haupt Arbeitsaufwände fort, die bei der Kartoffel beträchtlich sind. Es fällt auch

der Lagerschwund und Verlust durch Frost fort, der bei der Kartoffel alljähr-

lich in Anschlag zu bringen ist und erhebliche Zahlen erreichen kann. Eine

weitere Arbeitsersparnis ergibt sich dadurch, daß auch die eigentliche Saat weg-

fallen kann, da die Topinambur sich selbst ansät. Diese Eigenschaft der Unaus-

rottbarkeit auf dem Acker ist ihr bisher sehr verübelt worden, aber zu unrecht.

Bei geschickter Fruchtfolge ist die Topinambur auch aus dem Acker wieder her-

auszubringen und in die normale Fruchtfolge einzubauen. Besser weist man ihr

jedoch ein Dauerquartier zu. Als einzige Pflegearbeiten kommt Düngerzuführung

in Frage Die Topinambur ist sehr wuchsfreudig. Im ersten Anbaujahr empfiehlt sich ein zweimaliges Hacken, da der Laubbestand erst im August schließt, wo starke Seitensprossung einsetzt. Später sind Humus-, Gülle- oder auch Kompostgaben ausreichend. Die Topinambur ist nicht nur durch ihre Winterfestigkeit günstig für den Anbau, sondern ebenso auch durch ihre Genügsamkeit, ihre Anspruchs-

losigkeit gegenüber Boden und Klima. Sie wächst am besten auf den eigent-

lichen sandig-lehmigen Kartoffelböden. Doch nimmt sie mit jeder Bodenart vor-

lieb und gedeiht noch in schattigen, in ausgesprochen trockenen, aber auch in feuchten Lagen. Sie verträgt sogar länger anhaltende Wasserstauung und wird

damit von Belang für Gebiete, die immer wieder durch Überschwemmungen

verwüstet werden. Sie kann in die Landschaftsgestaltung als lebende Verbauung,

neuerdings auch in die Großstadtplanung durch ihre Fähigkeit der Trümmer-

schuttverwerung eingebaut werden.

Ihr starker Wurzelschopf

dringt

in die

Tiefe, und schließt sie auf. Ähnlich der Lupine kann die Topinambur so zur Kultivierung roher Böden eingesetzt werden. Auf ihrer dichten, in die Tiefe

gehenden Bewurzelung und ihrem dichten Blätterschutz beruht die Fähigkeit,

im Sommer selbst bei anhaltender Dürre auszuharren. Die Topinambur bleibt

dann noch frisch, wenn alle übrigen Kulturen versagen. Die Fähigkeit, dichte

Bestände zu bilden und starken Schatten zu geben, macht sie hervorragend ge-

eignet als Windschutzpflanze, sowie als Deckung für Geflügelausläufe. In Reihen

gepflanzt, bildet die Topinambur grüne Mauern, wodurch Abstellplätze und

Scherbenfriedhöfe verkleidet werden können. Die Abart Sonnling, welche auch

im Norden zu üppiger Blüte gelangt, bildet am Ausgang des Sommers einen herrlichen Blütenflor. Die Knollen sind auch vom Wild begehrt. Man kann

Topinamburbestände nutzen, um Wild von wertvolleren Kulturen fern zu halten,

sozusagegn als Köderpflanzüng, aber auch als Futtergärten. Wie man in ent-

sprechender Weise Topinamburanlagen auch für Schweineweide, eben auch im

Winter nutzen kann.

Die Verwendungsmöglichkeiten für den Tisch des Menschen, auch des ver-

wöhntesten Feinschmeckers, sind zahlreich. Im Geschmack erinnert die Knolle

an Schwarzwurzel, kann aber auch wie Spargel zubereitet werden. Roh wirkt die Knolle gerieben durch die Nußartigkeit des Geschmacks erfrischend an Ge-

müsesalaten. Aus dem Saft, der als Heilsaft für Zuckerkranke verwendbar ist, läßt sich nach verschiedenen Verfahren das Inulin gewinnen. Der Frischsaft kann

zu Dicksaft, zu einem sehr zuckerreichen Syrup eingedampft werden; man ge-

winnt aber auch Alkohol aus der Topinambur, und zwar einen Branntwein von

besonders milder Beschaffenheit. Topinamburschnitzel können getrocknet und

als Raspel zu Backzwecken verwendet werden: Die angeröstete Raspel ergibt

ein Mehl, das zu Getränken, zu Backzwecken, wie auch zum Würzen verwendet werden kann, Topinamburmehl war vor 25 Jahren koloniales Handelsobjekt,

ähnlich der Roten Rübe, die sich bis zu einem schokoladenartigen Puder ver-

arbeiten läßt. Nach der neueren Ernährungslehre ist die Vitalität einer Pflanze

in der Nahrung übertragbar, insbesondere durch die Rohkost. Auf ihre starke Vitalität lassen sich Topinamburkuren aufbauen, die aus bereits vorliegenden

günstigen Versuchsergebnissen abzuleiten wären.

Das Topinamburblatt ist hoch eiweißhaltig und wird, wie auch die Knolle,

von den meisten Nutztieren gern genommen. Über Topinambur als Gärfutter in

jeder Form der Silage liegen günstige Ergebnisse vor. Die hohe Produktionskraft für saftreiche, eiweißhaltige Grünmasse macht, die Topinambur im Anbauplan

dort besonders empfehlenswert, wo nur eine geringe Basis für Viehhaltung vor-

handen ist. Topinambur wurde schon von dem Züchter Prof. Baur, Müncheberg,

als sehr aussichtsreich für Wirtschaften auf Trockenböden ohne Grünlandgrund-

lage bezeichnet. Sie kann hier eine der Lupine ähnliche Bedeutung erlangen

und den Grundstock für den Aufbau eines Viehstapels bilden, der den Dünger liefert, wodurch das Nährstoffkapital zu schnellerem Umschlag und intensiverer

Nutzung kommt. Alle angeführten Eigenschaften geben der Topinambur eine

gewisse landwirtschaftliche Bedeutung, doch eignet sie sich ganz besonders für den Anbau im Haus- und Kleingarten, da sie jeden Winkel und selbst öd- und

Unland auszunutzen vermag. Ihre Anspruchslosigkeit darf allerdings nicht dazu

führen, sie überhaupt zu vernachlässigen.

der

In

allen

Eigenschäften

ist

sie

Kartoffel ja verwandt, also auch in den Ansprüchen.

Die Laubmasse der Topinambur läßt sich ebensogut zu Trockenheu ver-

arbeiten wie zu Gärfutter, doch wird auch das welke Herbstlaub, einschließlich der Stengel gerne gefressen. Es kann als Häcksel zwischen anderes Futter ge- geben werden. Auch lassen die dürren Stengel Nutzung als Erbsenreisig zu, wie sie auch im Ofen verheizt werden können. Noch nicht abgeschlossen sind Untersuchungen über die technisch-industrielle Verwertbarkeit. Der Fasergehalt ist so hoch, daß er Untersuchungen nahelegt, auch dürfte die Zucker-, wie Most-, Wein- und Branntweingewinnung Anreiz bieten. Ob eine Zellwollegewinnung lohnend sein würde, ist noch nicht end- gültig geklärt. Da Topinambur zu den Kompositen gehört sind möglicherweise gummi- und harzartige Bestandteile, die sich vor allem in der Blüte finden, beachtenswert. In einem versagt die Pflanze allerdings ganz und gar: sie liefert kein Fett, da die Blüte in unseren Breiten nicht zur Entwicklung kommt. Wün- schenswert und ein lohnendes Zuchtziel wäre die Kreuzung zwischen der Sonnenblume und der Topinambur, die bisher wohl in keinem Falle gelungen ist.

Bei Aufzählung so vieler positiver dürfen wir die negativen Eigenschaften der Knollenson.nenblume nicht unterschlagen. In der Literatur und auch bei

Praktikern spukt noch das Urteil eines „alten Praktikers" aus dem Jahre 1873. Auch die Ackerbauabteilung der DLG berief sich noch im Jahre 1932 in ihrer kritischen Stellungnahme zu Versuchen, die in Hohenheim durchgeführt waren,

auf diesen Gewährsmann, dessen Urteil allerdings kraß ist. Der „alte Praktiker"

(vermutlich von Rosenberg-Lipinsky) schrieb 1873: „In neuerer Zeit wird zwar wiederum der Anbau des Topinamburs häufig empfohlen, weil die jetzige

jüngere landwirtschaftliche Welt die Frucht für etwas Neues hält. Daher be- merke ich hier ganz kurz, daß dieselbe Lärmtrommel vor 30 Jahren erklang, und daß namentlich auch in Schlesien diese Frucht in größtem Umfang ange- baut wurde. Allein nach wenig Jahren gab man den Anbau vollständig auf, weil keineswegs die Ergiebigkeit an Futter den Erwartungen entsprach und weil namentlich die Knollen der Fäulnis erlagen." Die Ackerbauabteilung bemängelt den Zwang, die Fruchtfolge zu ändern. Auf den Mangel an Stärkemehl haben wir schon hingewiesen, auch auf den höheren Wassergehalt gegenüber der Kartoffel. Im Nährwert ist Topinambur gegenüber der Kartoffel nach Anmer- kungen der Futterabteilung der DLG um 20—25 % unterlegen, das gleiche gilt

in Bezug auf diätetische Verwendung. Sehr nachteilig für die Zucht ist der

Umstand, daß die Blüte in unseren Breiten ausbleibt oder nicht zur Samen- bildung gelangt. Daß die Topinambur gegenüber Kunstdüngergaben zurück-

haltend ist, kann man kaum noch als Nachteil ansprechen. Sie ist eben kein

Stickstoffresser und saugt den Boden nicht aus. Die Schwierigkeit im Anbauplan ist mehr eine Unbequemlichkeit, als eine Unart.

Damit sind die Nachteile erschöpft. Mit der Kartoffel verglichen hat die Knollensonnenblume ein gewaltiges Plus zu verzeichnen: es gibt keinerlei Krankheit und Schädigungen, unter welchen sie zu leiden hätte. Sie soll sogar gegen die gefrässigen Wühlmäuse gefeit sein. Sie ist eine Pflanze von höchster Gesundheit und Leistungsenergie. Die Einwände der Ackerbauabteilung der

DLG und des „alten Praktikers" sind übrigens in der Fachpresse ihrerseits

kritisch betrachtet und zum Teil entkräftet worden. Die Unausrottbarkeit ist ein Märdien und höchstens ein Beweis für die Ungeschicklichkeit des Anbauers. Der Stärke- und Nährwert kommt nach Untersuchungen in Hohenheim dem des Maises nahe. Topinambur tritt an die Stelle des Maises dort, wo dieser nicht anbausicher ist. Sie tritt an die Stelle der Zuckerrübe mit ähnlichem Ertrag durch hohen Zuckergehalt, dort, wo die Zuckerrübe nicht anbaufähig ist. Der

Knollenertrag hängt weitgehend von der Grünmassegewinnung ab, auch von

der allgemeinen Behandlung. Und endlich: die Lagerfäule ist vermeidbar. Man

weiß heute, wie Topinambur gelagert werden muß, doch empfiehlt sich, sie

während des Winters im Boden zu belassen und auf Frischverbrauch hinzu- streben. Gerade das Urteil des „alten Praktikers" sollte Anlaß sein, die An-

regungen eines Züchters wie Prof Baur, die Empfehlungen von Albrecht Thaer

aufzugreifen und die Versuche weiterzuführen, die durch lange Jahre unter-

brochen worden sind.

Bodenansprüche und Klimabedingungen

Die Ansprüche

der Topinambur an den Boden sind denen der Kartoffel

gleich. Sie gedeiht am besten, wenn man ihr die Behandlung zuteil werden läßt,

die sonst der Kartoffel zukommt. Lockere, lehmig-mergelige Böden sagen ihr

am meisten zu. Doch nimmt sie auch mit sandigen, sogar trockenen und — nach

Schlipf — selbst mit steinigen Böden vorlieb. Auch erträgt sie für längere Zeit

stauende Nässe.

übersäuerte,

Doch

ist

der

nasse Boden

ihr

zuwider.

Die

Topinambur ergibt also noch dort. Erträge, wo die Kartoffel versagt. Sie

empfiehlt sich als Dauerkultur insbesondere auf Böden, die wegen ihrer Be-

schaffenheit Schwierigkeiten bereiten, sei es durch die Struktur, sei es durch

die Lage, Ödländereien, geringe Ackerstücke, Böschungen, Dämme, Wegränder sind durch Topinambur der Kultur nutzbar zu machen. Die „absoluten Topinamburböden" des badischen Anbaugebietes um Rastatt, Bühl, Lahr zeich-

nen sich durch steinige, kiesige, sandige und flachgründige Beschaffenheit aus.

Hier gilt Topinambur als die „Rebe der kiesigen Böden".

Die Ansprüche an das Klima sind ähnlich. Topinambur ist zwar im heißen

Zentralamerika beheimatet.

Sie liebt eine mäßig feuchte, warme Witterung

und auch das Licht. In ihren Lichtansprüchen kennzeichnet sie sich als echte Sonnenblume, deren dichte Belaubung eine gute Sonnenfangeinrichtung dar-

stellt. Trotzdem gedeiht die Pflanze auch im Schatten, kann also zur Ausnutzung von Schattenlagen und Nordwänden gebraucht werden. Dabei verträgt diese

Tropenpflanze, wie schon erwähnt, erstaunlicherweise hohe Frostgrade. Selbst

30 Grad Frost vermögen ihr nichts anzuhaben. In dieser Klimafestigkeit ist die

Topinambur der Kartoffel weit überlegen. Aufgrund dieser Eigenschaft sollte

sie in weit stärkerem Maße für den Anbau herangezogen werden. Topinambur

kann über Winter im Boden verbleiben und jederzeit bei offenem Wetter boden-

frisch entnommen, auf den Tisch und in den Handel gebracht und auch ver- füttert werden. Dem Klima gegenüber zeigt sich die Knollensonnenblume auch

noch in anderer Hinsicht als widerstandsfähig: sie verträgt selbst in trockenen

Lagen erhebliche Hitzegrade und ist gegen Dürre unempfindlich. Dort, wo alle

übrigen Kulturen vor der Hitze versagen, bleiben die Blätter frisch. Sofern sich

Zeichen der Erschlaffung über Tage bemerkbar machen, sind sie in der Nacht

wieder ausgeglichen. Das rührt von dem stark buschigen, in die Tiefe dringen-

den Wurzelbau der Pflanze. Die „Erdschocke" (so heißt die Topinambur im badi-

schen Anbaugebiet) schließt mit ihrem Wurzelvermögen die Tiefe auf, ähnlich

der Lupine. Sie kann aus diesem Grun.de als Rigolpflanze mit Erfolg zur Er- schließung roher Böden eingesetzt werden. Die Widerstandsfähigkeit gegen Frost,

gegen Feuchtigkeit und ebenso gegen Dürre sind Eigenschaften, die den Knoll

lensonnenblumen ihren Platz in vorderster Reihe der Kulturgewächse sichern sollten. Diese Eigenschaften haben gleichbleibende Ertragsfreudigkeit zur Folge und ermöglichen die Erschließung von Gelände, das normalerweise nur unsichere

oder überhaupt keine Erträge geben würde. Durch diese Eigenschaften erlangt

Topinambur volkswirtschaftliche Bedeutung. Ist es nicht ratsamer, hohe Grün-

massenerträge und daneben noch beachtliche Knollenerträge auf Böden zu er-

Knollenlage der „Helianthus" i. e. S., Sonnling, mit weitlaufenden Seitentrieben; sog. Stolonen Knollenlage

Knollenlage der „Helianthus" i. e. S., Sonnling, mit weitlaufenden Seitentrieben; sog. Stolonen

S., Sonnling, mit weitlaufenden Seitentrieben; sog. Stolonen Knollenlage durchgezüchteter Topinambur mit dichtem

Knollenlage durchgezüchteter Topinambur mit dichtem „Knollengelege"

Knollen der Spielart „Helianthus" (Sonnlinge): spindel- bis walzenförmig, glatt Knollen der Topinambur: Kugelig,

Knollen der Spielart „Helianthus" (Sonnlinge): spindel- bis walzenförmig, glatt

der Spielart „Helianthus" (Sonnlinge): spindel- bis walzenförmig, glatt Knollen der Topinambur: Kugelig, mit Warzen

Knollen der Topinambur: Kugelig, mit Warzen

zielen, die normalerweise mit Roggen bestellt werden aber kaum die Aussaat

in

trockenen Jahren

einbringen,

wie

es

für

viele Äcker

der Lüneburger

Heide im Jahre 1946 der Fall war? Gewiß, Topinambur zwingt zu einem Um-

denken und Umplanen, bedeutet eine Revolution in der Fruchtfolge. Aber, hat

nicht seinerzeit die Kartoffel ähnlich revolutionierend gewirkt und hat nicht

darum diese heute gar nicht mehr wegzudenkende Knollenfrucht gegen die

herkömmlichen Auffassungen zwangsweise eingeführt werden müssen? Es ist

keine Frage, daß Topinambur auch viele Böden, die heute aus Gründen der Ertragsunsicherheit mit Wald bestanden sind, ernährungswirtschaftlich nutzbar

machen könnte.

Der Vergleich der knollentragenden Sonnenblume mit dem knollentragenden

Nachtschattengewächs, der Kartoffel, drängt sich auf. Da läßt es sich nicht um-

gehen, auf weitere entscheidenäe Eigenschaften aufmerksam zu machen, die

heute den Wettbewerb der beiden Knollenpflanzen wieder aufleben lassen, der zu

Ausgang des 18. Jahrhunderts durch königliches Dekret zugunsten der Kartoffe l

entschieden wurde. Die Kartoffel baut schnell ab und ist gegen Käferfraß und

zahlreiche Pilzparasiten außerordentlich anfällig. Die Züchtung ist auf den Plan

gerufen, diesen Degenrationserscheinungen der Kartoffel entgegenzuarbeiten. Die Anfälligkeit der Kartoffel bedeutet einen hohen Ausfall an Ertrag und

außerdem hohe Aufwendungen zur Pflege und Immunisierung. Für die Topin- ambur fallen alle diese Ausfälle im Ertrag und Aufwendungen zur Ertrags-

sicherüng weg. Es sind mehrfach Vergleichsanbauten zwischen den beiden Knol-

lengewächsen durchgeführt worden. Bei gleichhohen Ertragszahlen ist die Kar- toffel rechnerisch überlegen durch geringeren Wassergehalt (5%) und höheren

Stärkewert. Eine solche Rechnung läßt aber die Ertragsminderung der Kartoffel

durch allerlei Ausfälle und Schwund außer Ansatz. Eine jüngst herausgegebene Aufstellung des Zentralamts für Ernährung rechnet normalerweise bei Kar-

toffel mit einem Schwund von 8 %, außerdem mit 10 °/o Ausfällen an Kartoffeln,

die für die menschliche Ernährung nicht geeignet sind. Setzt man den Verlust durchschnittlich mit 10 °/o ein, so ist der etwas größere Wassergehalt und auch

der Mangel an Stärke der Topinambur wohl ausgeglichen.

Die Aussaat

Nicht nur in den Bodenansprüchen ähnelt die Topinambur der Kartoffel; auch

im Anbau ist sie ganz ähnlich zu behandeln. Die Knollen sind die Träger der Wachstumskräfte. Es kommt nur diese vegetative Vermehrung in Frage. Sofern

die Knollensonnenblume zur Blüte gelangt, bleibt doch diese Blüte unfruchtbar.

Generative Vermehrung ist in unserem Klima nicht erreichbar.

Die Topinamburknollen werden wie die der Kartoffel in die Erde gebracht, und zwar auf 5—10 cm Tiefe. Die Knollen treiben Schößlinge, deren Wachs-

tumsenergie imstande ist, auch größere Bodenbedeckung zu durchdringen.

Es

können auch bereits ausgetriebene Knollen noch bis in den Mai und Sommer

hinein gepflanzt werden, doch stehen die Erträge in unmittelbarer Abhängigkeit

von der Pflanzzeit. Sie sind um so höher, je früher gepflanzt wird, je besser die Pflanze die Frühjahrsbodenfeuchtigkeit ausnutzen kann, je intensiver das Wur-

zelsystem bis zum Sommer entwickelt ist.

Es kommen zwei Pflanzzeiten in Frage, eine Vorwinterpflanzung und eine

Frühjahrspflanzung. Die Laubmasse der Topinambur welkt nach den ersten

schärferen Frösten (die frühen, geringen Fröste tun der Pflanze kaum Schaden).

Im Oktober ist das Laub welk. Von da an kann schon gepflanzt werden, bei

gegebenen Verhältnissen auch schon früher (eigentlich jederzeit, wenn man die

Pflanze mit Ballen versetzt, sie ist in dieser Hinsicht wirklich unverwüstlich).

Legt man auf hohen Knollenertrag schon im ersten Jahr Wert, so bringt man

die Saat im März bis spätestens Mitte April in die Erde. Vom zweiten Jahr an

braucht nicht mehr ausgesät zu werden, da aus den Wurzelstücken, die im

Boden verbleiben, sowie aus kleinen Knollen, welche von den Ausläufern ab- brechen, genügend Nachtrieb erfolgt. Man spart also das Saatgut im zweiten und in den folgenden Jahren. Die Knollensonnenblume kann bis zu 15 Jahren an der gleichen Stelle verbleiben. Natürlich gedeiht die Pflanze um so besser, je mehr man die verarbeiteten Nährstoffe dem Boden wieder zuführt. Auch in den Nährstoffen ist die Topinambur nicht wählerisch. Der Ertrag hängt weitgehend von der Pflanzweite ab. Die Einzelpflanze ent- wickelt sich um so üppiger, je mehr Standraum ihr zur Verfügung steht. Die Abart Topinambur, Knollensonnenblume, wird über 3 m hoch und entsprechend breit. Sie gleicht in der Form und auch in den Blättern durchaus der bekannten Sonnenblume. Die Abart, die im Volksmund meist als Helianthus bezeichnet wird, von uns Sonnling genannt, wird bis zu 2,5 m hoch, ist im Wuchs zierlicher, in den Ansprüchen wählerischer. Sie kommt mit wenigem Standraum aus. Man pflanzt in Reihen mit 50 cm, wohl auch mit 60 cm Abstand; in den Reihen nimmt man 40 cm Pflanzweite. Bei Vergleichsanbauten wurden bei Abstand 50/50 cm 585 Dz/ha Kraut erzielt, bei einer Standweite von 40/40 cm dagegen 855 Dz/ha, fast um 50% mehr. Je dichter der Stand ist, um so höher der Laub- ertrag, doch gibt es hier eine untere optimale Grenze. Wird diese unterschritten, so tritt eine so starke Behinderung einer Pflanze durch die andere ein, daß

hieraus sich Verkümmerung und schließlich Erdrosselung ergeben kann. Diese

„Verkümmerungsgrenze" aus zu dichtem Stand ist für Topinambur sehr weit nach unten gerückt. In einem mehrjährigen Quartier der Sonnlinge, Heli- anthen, bei meinem Hause von dem nie geerntet wurde, ist ein Stand Knolle bei Knolle erreicht. Das Quartier ist immer noch lebensfähig. Im Sommer 1946

stand hier buchstäblich Schaft bei Schaft.

Schlipf empfiehlt eine Pflanzweite 60/50 cm und rechnet 16 Dz Saatgut je Hektar, Landwirtschaftsrat Haug gibt 12—14 Dz/ha an für Baden, wo man im Abstand 60/40 cm pflanzt. Man sollte eigentlich keine Gewichtsangaben, sondern besser Mengenangaben zugrundelegen. Bei einer Pflanzweite 50/50 sind für den Hektar 40000 Knollen erforderlich. Zur Aussaat genügen kleine und selbst kleinste Knollen: Das Gewicht der Knollen schwankt zwischen 5 und 50 Gramm,

also zwischen 2 und 20 Dz/ha. Normalerweise sollte man mit 10 Dz Knollen

von mittlerer Größe auskommen. Stehen allerdings nur große Knollen zur Ver- fügung, so ist bei der Abart Knollensonnenblume zu erwägen, ob man nicht die großen, mit Warzen übersäten Knollen aufteilt, da jedes Auge austreibt. Dieses

Vorgehen ist nicht nur möglich, sondern zur Zeit dringend geboten, da sich heraus-

gestellt hat, daß für einen ausgedehnteren Anbau in Deutschland nicht genügend

Saatgut zur Verfügung steht. Das Vorkommen im Badischen ist heute nur noch

inselhaft. Genaue statistische Angaben über den Umfang der derzeitigen Kul- turen sind bisher nicht zu erlangen gewesen. In einem Bericht der süddeutschen Landpost vom 21. April 1946 heißt es zwar: „Saatknollen, von denen je ar etwa die gleiche Saatgutmenge wie bei der Kartoffel erforderlich ist (rund 25 kg), stehen in genügender Menge zur Verfügung und können durch die Landwirtschafts- ämter Bühl, Kehl, Offenburg, Lahr und Emmendingen bezogen werden." Es hat sich aber gezeigt, daß der Bezug nicht ohne weiteres möglich ist, da Absatz- beschränkungen bestehen und der Anbau Vermutlich auch keine große Aus- dehnung mehr hat. Offenbar ist eine Verordnung aus dem Jahre 1943 noch in Kraft, wonach die Knollen für Ernährungszwecke beschlagnahmt wurden. Wie

weit ein Bezug aus der französisch besetzten Zone möglich ist, bedarf noch der

Klärung. Inzwischen ist die Nachricht gekommen, daß sich in der russischen Zone eine Topinamburgesellschaft gebildet hat, die im kommenden Wirtschafts- jähr 1000 Morgen mit Topinambur bestellen will. Genaue Angaben stehen

noch aus.

Pflege der Kulturen Von allen Kulturpflanzen stellt die Knollensonnenblume wohl die gering- sten Anforderungen an die Pflege. Ihre Produktivität und Vitalität ist so groß, daß sie im Wurzelkampf der Pflanzen gegen alle Rivalen Sieger bleibt, sogar gegen die zähe Quecke und die Brennessel. Das gilt allerdings erst ab Hoch- sommer des ersten Anbaujahres, wo der Hauptlaubtrieb einsetzt und der Be- stand schattendicht schließt und somit jedes Leben zwischen den Stauden unterdrückt, außer dem Bakterienleben im Boden, das zu guter Schattengare führt. Die Pflege richtet sich natürlich nach den Absichten im Betriebsplan. Dort, wo die Pflanze nur zusätzlich zur Verwertung von Abländereien von Ab- wässern oder Abfallstoffen genutzt werden soll, wird man sie anders behandeln als in der normalen Fruchtfolge, wo man ihr die normale Düngergabe zukommen lassen sollte. Wenngleich Topinambur unter den ungünstigsten Bedingungen gedeiht, so wäre es doch der größte Fehler, diese so willige und dankbare Pflanze zu vernachlässigen. Tm Gegenteil, gerade weil die Topinambur ein so guter Futterverwerter ist; sollte man ihr viel zukommen lassen. Sie wertet jede Gabe aus und erhöht damit das umlaufende Nährstoffkapital, sowohl des land- wirtschaftlichen Betriebes, als auch des Haus- oder Kleingartens. Grundsatz also: füttere, das heißt: dünge reichlich! In den Düngeransprüchen ist die Knollensonnenblume nicht wählerisch. Sie liebt natürlich Stallmist und verar- beitet ihn in jeder Form und Menge. Man gibt ihn am besten vor dem Auslegen der Knollen. Wo der Stallmist fehlt, kann man ebensogut mit Kompost arbeiten, der durchaus nicht lagerreif sein braucht. Selbst mit rohem Kompost und mit rohem Humus nimmt die Pflanze vorlieb, ja, mit Schutt, wie er heute in so großen Mengen bei der Trümmerbeseitigung ausgebombter Städte anfällt. Nicht weniger aufnahmebereit ist Topinambur für flüssige Düngergaben. Ihre Wurzeln bewältigen einen Zubringerraum, der den Untergrund und die Mutterkrume umfaßt. Jauche-, besser noch Güllegaben werden sofort aufgenommen. Ganz ebenso kommen die Gaben von Handelsdüngern schnell zur Wirkung, da ein Ring von Faserwurzeln dicht unter der Oberfläche liegt. Flüssige Düngung kann in gewissen Zeitabständen durch den Sommer hindurch wiederholt werden. Doch ist dieses Verfahren mehr im Hausgarten als im wirtschaftlichen Betrieb ange- zeigt. Hier gibt man 20 kg/ha Reinstickstoff, 40 kg/ha Phosphorsäure, 80 kg/ha Kali, das macht etwa l Dz Stickstoffdünger von 20%, 2,2 Dz Thomasmehl oder Superphosphat, 2 Dz. 40°/oiges Kali auf einen Hektar. Nach dem Auslegen und im Stadium der Frühentwicklung der Schößlinge empfiehlt sich Igeln und etwa zweimaliges Hacken. Jedenfalls sollte man die Anlage beobachten bis der Hauptlaubtrieb erfolgt, etwa bis in den August hin- ein. Meist kommt man mit einmaligem Hacken aus. Nur dort, wo zähes Unkraut vorhanden ist, sollte man nachhelfen. In allen übrigen Fällen setzt die Pflanze sich durch ihre eigene Energie durch. Weitere Pflegearbeiten sind nicht erforder- lich. Das bedeutet gegenüber allen anderen Hackfrüchten, die ja als arbeits- intensive Kulturen bekannt und unter gewissen Verhältnissen gefürchtet sind, eine erhebliche Arbeitseinsparung, die bei einer gerechten Wertung der privaten und volkswirtschaftlichen Leistung beachtet werden muß. Auf Jahre hinaus keine weitere Arbeit, als die der Werbung der Knollen. Dabei auch hier noch die Bequemlichkeit, daß diese Werbung nicht als Arbeitsspitze erfolgt, sondern

über den Winter verteilt werden kann, also in eine Zeit der Arbeitsebbe fällt.

Topinambur vermag so im Betriebsplan arbeitswirtschaftlich günstig und aus-

gleichend zu wirken.

Für den Betrieb, welcher Topinambur nicht in die Fruchtfolge einbaut, son-

dern ihr ein Standquartier zuweist und sie sozusagen als Restverwerter be-

trachtet, kommt eine Kombination mit der Gründüngung in Frage. Man nutzt

die Zeit bis zum Schluß des Bestandes, also bis August, um eine Unterkultur zu betreiben, die natürlich keine lange Vegetationszeit haben darf. Es empfehlen

sich schnellwüchsige Kulturen mit allenfalls drei- bis viermonatiger Entwick- lung, die womöglich im Herbst schon eingebracht werden können, wo der To- pinamburbestand sich zu lichten beginnt. An Leguminosen kommen Winter- wicken, wohl auch noch frühe, unempfindliche Erbsen in Frage. Anstelle der

Leguminosen läßt sich auch eine winterfeste Ölfrucht bauen. Sogar der Anbau

von Gemenge wäre denkbar. Durch dieses kombinierte Verfahren — das zu-

nächst noch genauer zu erproben und auszubauen wäre — könnte die Topin-

amburanlage fortlaufend mit Nahrung versorgt werden. Sie würde damit zum.

Zubringer für die Wirtschaft. Natürlich wählt man in diesem Falle eine Stand-

weite von 60 cm von Reihe zu Reihe. Man kann dafür in den Reihen auf einen

dichteren, heckenartigen Stand gehen. Es wäre sogar der Anbau von Acker- bohnen und Wollbohnen (Saubohnen) für die Grünpflücke möglich, insbesondere

dann, wenn als Streichrichtung der Pflanzenreihen die NS-Richtung ge-

wählt wird. Inzwischen ist mir ein Fall aus der Praxis bekannt geworden, wo

zwischen den Topinamburreihen Puffbohnen und in den Reihen Erbsen gebaut

wurden, die an den Topinamburstauden hochranken.

Ernte und Aufbewahrung

Die beste Art der Aufbewahrung ist, die frostfesten Knollen im Boden zu belassen. Die Entnahme erfolgt bei offenem Wetter nach Bedarf. Um den Boden

offen zu halten, kann man mit Tannenreisig oder altem Stroh abdecken. Es ist auch ratsam, den Boden mit einer Decke von Laub, Kompost oder Streu stän-

dig unter Schutz zu halten. Unter solchem Belag entwickelt sich das Bakterien-

leben besonders intensiv. Der Boden bleibt mürbe und leidet nicht unter Ver-

krustung. Dort, wo man auf Verfütterung des Welklaubes keinen Wert legt, kann dieses zur Abdeckung mit herangezogen werden.

Die Ernte der Knollen kann für den Tischgebrauch schon im Spätsommer

einsetzen. Sie erstreckt sich bis zum Sprossentrieb, bis in den April hinein,

dehnt sich also über fast ein halbes Jahr aus. Auch dieser Umstand macht die

Topinambur recht wertvoll. Hinzu kommt noch, daß alle Knollenfrüchte im

Winter an Güte zunehmend verlieren, während bei der Knollensonnanblume

noch ein Zuwachs auch in den Wintermonaten erfolgt, der 25 °/o der Ernte aus-

machen kann. Dabei gewinnt die Knolle nicht nur an Gewicht, sondern auch

an Geschmack. Dieser ist weitgehend vom Inulingehalt abhängig.

Zu den negativen Eigenschaften der Topinambur mag man die Ernte rechnen. Sie ist nicht so geläufig durchzuführen wie bei der Kartoffel, da die Knollen lange an den Wurzelausläufern haften und bei nicht durchgezüchteten Sorten sowohl nach der Tiefe wie Breite unregelmäßig verstreut sind. Es gibt allerdings auch Zuchtstämme, deren Knollenlage ideal um den Wurzelkern konzentriert

ist. Erst im Frühjahr, im März, oft erst im April, zerfallen die Stolonen, ver-

lieren die Knollen die Verbindung mit der dann verrotteten Mutterpflanze. Zu

dieser Zeit kann die Ernte auch maschinenmäßig erfolgen. Die Auffassung, Topinambur könne nicht gelagert werden, ist irrig. Die ein- fachste Form der Einwinterung ist, sie in einer ausgepflügten Furche zu sam-

mein

und mit

einer zweiten

Furche zuzupflügen.

Diese

Methode

empfiehlt

Griesbeck. Man kann auch Erdmieten anlegen, Vertiefungen ausheben, in wel- chen man die mit feuchter Erde durchsetzten Knollen sammelt. Auch im Keller sind die Knollen aufzubewahren, wenn man sie in feuchten Sand einschlägt. Sofern sie trocken gelagert werden, verlieren sie an Feuchtigkeit. Dies tut dem Gehalt und der Lebenskraft keinen Abbruch. Die Knollen können völlig ein- schrumpfen. Werden sie für einige Zeit in Wasser gelegt, so erhalten sie ihre frühere Spannkraft wieder. Es ist sogar ratsam, von diesem Schrumpf vermögen zur Lagerung und auch zum Transport Gebrauch zu machen. In diesem Stadium sind die Knollen weit weniger empfindlich als unter vollem Saftdruck. Wie man aber auch die Lagerung vornehmen mag, auf jeden Fall muß man sich hüten, die Knollen zu verletzen. Denn die Haut der Knollen ist zart, und die Früchte sind leicht der Fäulnis ausgesetzt. Darauf beruht zum Teil die Abnei- gung gegen die Pflanze, die sich in Fachkreisen und bei Praktikern bemerkbar machte. Doch ist diesem Umstand ebenso leicht zu begegnen. Angefrorene Knollen können in der Erde aufgetaut werden, sollten dann aber gleich ver- wendet werden. Solange die Topinambur als Viehfutter angesehen und gehandelt wurde, hat man weder der Ernte, noch der Aufbewahrung, noch dem Transport die erforderliche Sorgfalt zugewandt. Setzt sich dagegen die Über- zeugung durch, daß wir es in der Topinambur mit einem Gemüse, ja sogar mit einem Edelgemüse, mit einer der Schwarzwurzel überlegenen Delikatesse zu tun haben, so rechtfertigt sich bei günstigerem, finanziellem Ertrag auch eine größere Sorgfalt in der Kultur und Behandlung. Die Knollen können gerade dann auf den Markt gebracht werden, wenn die übrigen Knollengewächse schon so in ihrem Gehalt stark gemindert sind und auch knapper werden. Hier kann die Topinambur auch die zu dieser Zeit automatisch eintretenden günstigeren Preise, sogar Spitzenpreise erzielen, insbesondere dann, wenn zu einer guten Verpackung noch Auslese und Aufmachung kommt. Als Diät für die geplagten Zuckerkranken rechtfertigt sie jede Sorgfalt der Aufbe- reitung. Insbesondere werden Reformhäuser sich bereitwillig für den Absatz handlicher Kleinpackungen gewinnen lasssen. Das Motto „bodenfrisch" besitzt heute erhebliche propagandistische Anziehungskraft. Über die Abhängigkeit des Gesamtertrages von dem Zeitpunkt der Laub- werbung und Grünverwendung des Laubes ist bereits berichtet worden. Der Hauptiaubtrieb. setzt im Hochsommer ein. Durch den Laubtrieb wird gegen Herbst der Hauptknollenansaz auggelöst Somit sollte das Laub bis in den Herbst geschont werden, wenn man Knollen ernten will. Da aber das Laub sehr eiweißreich und damit ein gutes Futter ist, kommt durchaus ein Anbau in Frage, der die Laubgewinnung zum Ziel hat, sei es zur Grünfütterung, sei es zur Heubereitung, sei es zur Einsäuerung. Bei der Bedeutung, welche der To- pinambur in dieser Hinsicht als Futterpflanze zukommt, mag der Heu- und Gärfutterbereitung eine gesonderte Betrachtung gewidmet sein.

Topinambur als Futterpflanze

Dort, wo man auf Knollenertrag keinen Wert legt, kann durch den ganzen

Sommer hindurch Grünfutter gewonnen werden. Der starke Laubwuchs, die Schmackhaftigkeit des Laubes und dessen hoher Nährwert macht die Grün- futternutzung sowohl für den Landwirt, als auch für den Kleintierhalter emp-

fehlenswert. Über den Futterwert gibt folgende Aufstellung Auskunft, die auf

Kellner zurückgeht:

Ertra g

Eiwei ß

Stärkewer t

Topinamburknollen

245,0

Dz/ha

0,98 Dz/ha

40,18 Dz/ha

Topinamburblatt

429,00

7,29

69,49

Kartoffelknollen

240,00

2,16

47,28

Zuckerrüben

320,00

0,96

50,56

desgl. -blatt

210,00

2,94

16,38

Futterrüben

600,00

,

0,60

37,80

desgl. -blatt

200,00

2,00

10,60

(nach Griesbeck)

Aus der Aufstellung ist der hohe Nährwert auch des Blattes (mit dem höch- sten Eiweißgehalt unter allen Futtergewächsen) ersichtlich. Auch nach, dem Stärkewert steht. Topinamburblatt an erster Stelle. Damit ist Topinambur in ihrem Laub das beste Futtermittel. Zu der Kellnerschen Aufstellung mag noch vermerkt sein, daß die Futterrübenerträge sehr hoch, als Spitzenerträge ange-

geben sind, während die Spitzenerträge für Topinambur wesentlich über den

angegebenen liegen. Das Hamburgische Institut für angewandte Botanik setzt auf Grund neuerer

Untersuchungen den Stärkewert wie folgt an:

100 kg Trockensubstanz Topinamburknollen

bei

bei Schweinen

Ochsen

kg

47,8 kg

67,1

100 kg Kartoffelknollen zum Vergleich: 78 kg. Nach Schlipf (und Kellner) beträgt der Stärkewert der Topinamburknollen 16,4 kg und entspricht damit dem einer mittelguten Kartoffelsorte. Er liegt höher als bei der Zuckerrübe, auch im Eiweißgehalt, der den der Kartoffel nicht erreicht. Der Stärkewert des Laubes liegt mit 37,3 über dem des vorzüglichen Klee- heus, der Eiweißgehalt entspricht dem der Luzerne, bei 6,1 liegend. Der Eiweiß- gehalt der Knolle mit 0,4 entspricht dem der Mohrrübe.

Bei der Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Kiel sind Fütterungsver- suche angestellt w,orden, deren Ergebnis dahin zusammengefaßt wurde: „Er liefert auf leichtem Boden verhältnismäßig hohe Futtererträge, verträgt rauhe und kalte Witterung und übersteht auch anhaltende Dürre gut. — Der Topinam-

bur

auf sichere Rübenerträge rechnen können, und für Gegenden mit schlechten Wiesenverhältnissen eine sehr wertvolle Futterpflanze dar. In Müncheberg ist eine empfehlenswerte Fruchtfolge mit bestem Erfolg eingeführt worden, die es ermöglicht, selbst auf Boden 7. Klasse und ohne Wiesenfutter für einen beliebig großen Viehstand genügend Futter zu erzeugen, wenn ein entsprechender Teil

der Ackerfläche aus der sonstigen Fruchtfolge herausgenommen wird." Bei den in Kiel durchgeführten Fütterungsversuchen sind folgende Gehaltszahlen im Vergleich zwischen Grünmasse und Grünfutter ermittelt worden:

(muß heißen: Di e Topinambur) stellt für viele Betriebe, die nicht immer

in

%

Grünmasse

Gärfutter

 
 

frisch

trocken

frisch

trocken

Trockensubstanz

15,14

100

15,99

100

Rohprotein

2,19

14,18

2,23

13,95

Rohfett

0,18

1,10

0,40

2,51

Rohfaser

3,10

20,16

2,80

17,53

.

Asche

1,92

12,54

2,24

13,97

N-freie

Extraktstoffe

8,02

52,02

8,32

52,04

Bei Zusatz von l % Zucker war die Säurezusammensetzung des Futters sehr

gut. Im Vergleich wurde festgestellt, daß keine nennenswerten Abweichungen

des Gärfutters von der Grünmasse eingetreten waren. Endurteil: „Der Fütte-

rungsversuch ließ eindeutig erkennen, daß die Milchleistung der Kühe durch die

Verfütterung von Topinamburgärfutter nicht ungünstig beeinflußt wurde. Es

zeigte sich, daß die Versuchstiere das Gärfutter gern aufnahmen und im Milch-

ertrage und in der Milchfettleistung sehr schön gleichmäßig blieben. Das Lebend- gewicht war nur geringen Schwankungen unterworfen, die praktisch nicht ins

Gewicht fallen. Der Gesundheitszustand der Tiere war während der ganzen

Versuchsdauer normal." Das ist das Ergebnis exakter Versuche. Es liegen über

den hohen Futterwert aber auch Urteile aus der Erfahrung vor. Danach wird Topinambur sowohl Knollen als Kraut, gern, sogar begierig genommen, und

zwar bei günstigster Wirkung, fast von allen Nutztieren, insbesondere von

Schweinen, Pferden, Schafen, Ziegen. Das welke Kraut wird noch dem Heu

vorgezogen.

Die Verfütterung der Knollen an Schweine geschieht im einfachsten Falle

durch Winterweide,

Eichelmast gekoppelt werden.

aber gut gewaschen und frei von Faulstellen sein. In zu großer Menge verur-

sachen sie Blähungen und Durchfall. Man gibt die Knollen tunlich als Beifutter. Aus dem Elsaß liegen Erfahrungen über Verfütterung der Knollen an Pferde

vor, worüber Griesbeck berichtet. Die Verfütterung soll früher allgemein üblich

und der Rübenfütterüng vorgezogen worden sein. Die Pferde bekommen keinen

Durchfall, sie werden dick und fett, „putzen sich aus" und können dabei stark

arbeiten. 10 Liter Knollen je Pferd waren die übliche Ration. Man sah darauf,

daß die Knollen immer frisch waren. Nach einem anderen Bericht zogen die Pferde in einem Gemisch mit Kleie, Häcksel und Getreideschrot die zerkleiner- ten Topinamburknollen der Kleie und dem Getreideschrot vor!

mit

bei besonders

günstigen Verhältnissen

kann diese

Die Knollen lassen sich roh verfüttern, müssen

Nicht ganz so

günstige

Erfahrungen lagen in bezug

auf Verfütterung

an

Rinder vor, doch sind inzwischen im exakten Versuch auch hier günstige Erfah-

rungen gewonnen worden.

Ganz

ausgezeichnete

Erfolge

hat

man

bei

Verfütterung

an

Schafe

erzielt.

Griesbeck berichtet: „Mutterschafe, die nicht ganz l Liter je Kopf und Tag zer- kleinerte Knollen und dazu trockenes Topinamburkraut, soviel sie wollten, er- hielten, brachten sehr starke, gesunde Lämmer zur Welt, hatten Überfluß an

Milch und säugten gut.

Die jungen Schafe bekamen ungernein viel Wolle. Zwei

Mütter, die schon zweimal schwache Lämmer zur Welt gebracht und schlecht

gesäugt hatten, gebaren nach Topinamburfütterung starke Lämmer und säug-

ten gut.'

Kaninchenmütter, die mit Topinambur gefüttert wurden, zeigten sich durch

besonders hohe Fruchtbarkeit aus. Offenbar ist die gute Freßlust der Tiere und der Erfolg hinsichtlich der Fruchtbarkeit auf das spezifische Eiweiß und den

hohen Eiweißgehalt, aber auch auf den Gehalt an mancherlei anderen Wirk-

stoffen zurückzuführen. So soll auch die, Legetätigkeit der Hennen im Geflügel-

hof durch Topinambur gehoben werden können.

Eine revolutionierende Bedeutung kann die Knollensonnenblume für eine

kommende Kleinsiedlung erlangen, die auch auf ungenügender Grünlandgrund- fläche eine Futterbasis erhält. Die Kombination des Anbaus von Topinambur mit Leguminosen im Vor-, Zwischen-, Unter- und Nachfruchtanbau schafft

große Mengen an Grünmasse. Aus dem als Daueranlage gehaltenen „Zubringer-

land" kann ein Viehstapel unterhalten werden, der den Dünger für die Pro-

duktionsflächen liefert, bzw. die anfallenden Massen können als Kompost den

Kulturen in biologisch einwandfreier und hochwertiger Form dargereicht wer- den. Es wäre zu errechnen, wie viel Stück Vieh je Hektar auf diese kombinierte

Weise gehalten werden können. Bei vorsichtigster Schätzung legt man die Er-

tragszahlen von Wollny zugrunde, welche Schlipf mitteilt. Danach erntet man

80—200 Dz Knollen und 40—120 Stroh vom Hektar. 280 Dz/ha Knollenertrag

wird als außergewöhnlich angesehen. Man kann sich aber auch auf die Zahlen neuerer Versuche stützen, dort, wo alle Vorkehrungen zur Erziehung von Maxi- mälerträgen getroffen sind. Die ganze deutsche Landwirtschaft wird ja diesen

Weg zur Spitzenleistung gehen müssen. Man, kann sich auf die Versuche ver- lassen, die in Müncheberg und Mainfranken durchgeführt wurden und Knol-

lenerträge von 344 Dz, bzw

brachten. Ein Ertrag von 400 Dz Gesamtmasse würde als Frischfutter für die

Knollen und als Gärfutter, bzw. Grünfutter für das Laub die höchste Leistung

ergeben.

427 Dz und Gesamterträge von 400—780 Dz er-

In

einem

Bericht über

den Futterwert

der Topinambur

im

Anbaugebiet

Sandweier heißt es:

gute Milchablieferung haben,

„Daß

unsere Ställe voll Vieh stehen und daß wir eine

besonders

im

März

und April,

ist

allein

dem

Topinambur

zu

verdanken,

denn

der

Topinambur

ist

ein

außerordentlich

gutes Futter zur Erhöhung der Milchleistung und zum Fleischansatz." Der OrtsbauernVorsteher der Gemeinde berichtet weiter: „Wenn ich Topinambur füttere, herrscht vollkommene Stille im Stall, da sind alle Tiere zufrieden." Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Vielseitigkeit der Topinambur

gerade als Futterpflanze. Die Knollen sind in frischem Zustand, ganz oder zer-

stückelt, aber ebensogut auch gedämpft zu verfüttern.

Gute Erfolge wurden

bei allen Nutzvieharten, auch bei Pferden, erzielt. Sowohl auf die Milchleistung

der Kühe, wie auch die Fruchtbarkeit und den Fleischänsätz hat Topinambur

günstigen

Einfluß.

Bei

Schafen

liefert

Topinamburfütterung

reichlich

Wolle.

Für Pferde ist auch Einfluß auf die Kraftleistung erwiesen. Das Blatt kann in grünem Zustande frisch, aber auch als Laubheu verfüttert werden. Ab August

herrscht reger Seitensprossentrieb, welcher der Pflanze ohne Gefahr genommen

werden kann und damit willkommenes Futter für den Kleintierzüchter liefert.

Die beste Verwertung der Grünmasse ist die der Frischfütterung gegen Herbst,

wenn der Schaft der Pflanze noch nicht verholzt ist. Ebenso hoch ist der Wert

Gärfutter

gefüttert werden,

als

anzuschlagen.

Als

Frischfutter kann

die

Knolle in

einer Zeit

ebenso

in welcher das übrige Futter

auf die Neige geht,

hilft

Anbau Möglichkeiten der Arbeitseinsparung für überlastete Betriebe, so auch

in der Fütterung. Die rationellste Methode der Verfütterung ist die, das Vieh auf die Weide zu schicken. Wie für Geflügel als Deckung, so ist die Topinambur- anlage für Schweine eine vorzügliche Winterweide.

Den höchsten Mengenertrag an Knollen und Laubmasse erzielt man, wenn

das Laub nicht zu früh geerntet wird, damit die Knollen ausreifen können,

doch sollte die Verfütterung noch vor der Verholzung beginnen.

das

Gärfutter,

solche Notzeiten

zu

überbrücken.

Topinambur

bietet

im

Topinambur-Gärfutter

Aus der Praxis sind schon weiter zurückreichende Erfahrungen vorhanden.

1932 wurde in der Fachpresse berichtet: „Über Einsäuerung — ungehäckselt —

liegen bei mir nur zweijährige Erfahrungen vor. Das Sauerfutter wurde vom

Rindvieh genommen, doch ziehe ich Kälbermais vor. Allerdings muß ich dabei

bemerken, daß ich das Kraut, um den Knollenertrag nicht zu schmälern, erst

Mitte Oktober/Anfang November schneiden und einsäuern ließ, also zu einem

für Silagezwecke zu späten Zeitpunkt. Anfänglich legte ich ausschließlich auf

Knollengewinnung Wert. Später ging ich auch zur Verfütterung des Krautes

über, das Ende November/Anfang Dezember geschnitten wird, wenn die Blät- ter durch Frost braun gefroren sind. Entweder bald häckseln und verfüttern, sonst in Haufen stellen und nach Bedarf hereinholen. Das Rindvieh frißt diese Blätter außerordentlich gern. Auch der Nährwert dieses Futters ist meines Erachtens nicht zu unterschätzen. In stroh- und futterarmen Jahren bedeuten die hohen Massenerträge des Topinamburkrautes — bis 3 m hoch — eine

außerordentliche

Beihilfe

für den Viehstand, gegebenenfalls gehäckselt als

Einstreu." Über den Anbauwert der Topinambur als Silopflanze sind später eingehende Versuche von der Württ. Landesversuchsanstalt für landwirtschaftliche Chemie unternommen worden. Hierüber berichtete Dr. Windheuser. Diese in Hohenheim durchgeführten Versuche sind eine Ergänzung der in Kiel angestellten Ver- suche, über die wir an anderer Stelle berichteten, auf die wir noch zurück- kommen werden. Das Ergebnis der Versuche wird als „durchaus günstig" be- zeichnet, entsprechend dem Kieler Urteil. Zum Versuch wurden zwei Teilstücke

bepflanzt, das eine 40/40, das andere 50/50. Das erste Teilstück erbrachte 855 Dz/ha, das andere 585 Dz/ha. Beidemal wurde das Kraut am 19./20. September grün geschnitten und in Silos von 10 cbm Inhalt nach dem Kaltverfahren ein-

gesäuert. Geöffne t wurd e a m 15. Janua r un d 1. April. Das Futte r beider Silos

war von einwandfreier Beschaffenheit, hatte sehr angenehmen Geruch und

war frei von Buttersäure. Der Gehalt an Milch- und Essigsäure betrug:

gebunden

freie Milchsäure

Essigsäure frei

40/40

50/50

l,39%

1,37

0,31%

0,44

0,08

0,07

Die Silage wurde bei einer Landes-Silofutterschau unter 38 Proben mit dem

1. Preis ausgezeichnet.

Die Silagen enthielten an verdaulichen Nährstoffen:

Roh-

Roh-

Roh-

N-frei

Stärke-

eiweiß

fett

faser

Extrakt

wert

40/40

ursprünglich

1,40

0,77

2,63

4,77

7,1

40/40

trocken

7,75

4,27

14,55

26,39

39,6

50/50

ursprünglich

1,70

0,98

8,36

5,69

7,9

50/50

trocken

8,60

4,95

11,93

28,76

40,0

Die

je ha erhaltenen

Nährstoff mengen betrugen:

 

N-frei

in Dz

Roheiweiß

Rohfett

Rohfaser

Extrakt

Stärkewert

40/40

roh

13,46

9,12

43,84

49,88

40/40

verdaulich

9,67

5,33

18,15

32,93

50/50

roh

12,15

8,74

33,51

45,34

50/50

verdaulich

8,87

5,10

12,30

29,60

49,40 /

41,25

Urteil: „Die Topinambursilage wurde in Mengen bis zu 25 kg je Kopf und Tag an vier Milchkühe verfüttert Die Tiere nahmen die mit dem anderen Futter vermischte Silage sofort willig an. Im Vergleich mit Futterrüben hat die Topinambursilage einen etwas höheren Ertrag an Milch, aber einen etwas niedrigeren Ertrag an Milchtrockensubstanz und Milchfett ergeben. Der Topi- nambur kommt also sehr wohl als Silopflanze in Frage. Er wird besonders für solche. Gegenden zu empfehlen sein, wo Mais keine befriedigenden Erträge

bringt."

Auch bei den Fütterungsversuchen des Kieler Instituts für Milcherzeugung wurden ähnliche Erfahrungen gewonnen: „Die Säurezusammensetzung des Fut-

ters ist als sehr gut zu bezeichnen, besonders der Gehalt an Milchsäure ist sehr

hoch." Gegenüber dem Ausgangsmaterial waren keine nennenswerten Ver-

änderungen festzustellen.

Über die Einsäuerungstechnik wird mitgeteilt, daß die Grünmasse ge- häckselt in die Gärbehälter fest eingetreten wurde. Die gemauerte Futtergrube

wurde mit einer Lehmdecke, ein Stahlsilo mit Patentdeckel verschlossen. Beide- mal wurde Kaltvergärung erreicht.

Im Fütterungsvergleich mit Gärfutter von Roggen-Zottelwickegemenge wurde

festgestellt: eine Zunahme im Milchertrag, im prozentualen Fettgehalt der Milch,

sowie in der Milchfettmenge. Die Zunahmen sind nicht erheblich, beweisen

aber, nach Ansicht des Instituts, die Ebenbürtigkeit der Topinambursilage.

Bei der Bedeutung, welche gerade die Silage von Topinambur dort erlangen

kann, wo von Natur keine geeignete Futterbasis vorhanden ist, mag darauf

hingewiesen,

sein,

daß

sich

Gärfutterbehälter

auf

recht

einfache

Weise

mit

Naturbaustoffen oder, wie es neuerdings in der Fachpresse erörtert worden

ist, aus Stroh herstellen lassen. Es wird ein Zaun errichtet, der mit Stroh-

bunden ausgekleidet wird. Das Futter wird kräftig eingestampft, bis es durch-

saftet ist. Darauf wird mit einer Häcksel-Lehmdecke oder auch Plaggenpackung

luftdicht geschlossen. Wo bindiger Boden vorhanden ist, können auch Erdgruben mit Stroh ausgekleidet und. die eingestampfte Futterpackung luftdicht abge-

schlossen werden.

Topinambur in der menschlichen Ernährung

Eine Pflanze, die so günstigen Einfluß hat auf Wachstum und Fruchtbarkeit,

auf die Gesundheit unserer Nutztiere, wird nicht minder vorteilhaft sein für

die menschliche Ernährung, wenn sie den geschmacklichen Anforderungen genügt. Wie steht es damit? Wir wissen, daß die Topinambur nach ihrer Ein-

führung mit der Kartoffel rivalisierte, nicht so sehr als Futterpflanze, wie auf

dem Tisch des Menschen. Der hohe Stärkegehalt der Kartoffel und ihre ideal-

runde

verschwand als Massennahrungsmittel aus

einstige

Konkurrentin der Kartoffel sank einerseits zum Viehfutter herab, auf der anderen Seite wurde eine Delikatesse daraus. Topinambur behielt ihren Wert

Gestalt und Glattschaligkeit sicherte dieser den Vorrang. Topinambur

der Volksernährung. Die

für Kenner und Feinschmecker als Leckerbissen. In Notzeiten der Ernährung,

wie im ersten und zweiten Weltkrieg hat man sich des Aschenbrödel immer

wieder entsonnen. Am 7. Dezember 1943 erschien im Bereich der Landesbauern- schaft Baden und Elsaß eine Verordnung, welche die Topinambur im südwest- '

deutschen Anbaugebiet für Ernährungszwecke beschlagnahmte. Die Preise be-

gann, sich für die verkannte Pflanze zu interessieren. Sie berichtet beispiels-

weise: „Gewiß wird den meisten Topinamburbauern diese Anordnung über- raschend gekommen sein. Aber sie werden, wenn nun einmal die Kriegszeit eine andere Verwendung ihrer „Erdäpfel" als etwa zu Brennzwecken verlangt,

gewiß nicht die Letzten sein, die dafür Verständnis aufbringen. Und wenn im

Monat Februar ihre Topinamburen als Gemüse auf den. Märkten unseres

Landes erscheinen, nachdem es sich auf mancherlei Erprobungen und in den

Gaststätten so gut bewährt hat, dürfen sie mit Recht stolz sein. Denn sie wer- den damit einen wertvollen Beitrag zur Deckung des Gemüsebedarfs unseres

Volkes leisten."

An einer anderen Stelle heißt es: „Da geschieht es, daß auf den Speisekarten

zu lesen steht: „Topinamburgemüse" oder „Topinambursalat". Wir haben es selber miterlebt, mitgegessen und festgestellt, daß dieses „neue" Gemüse nicht

nur schmackhaft ist, sondern auch ein gutes Sättigungsgefühl hinterläßt und

damit die meisten anderen Gemüsearten übertrifft. Der Geschmack ähnelt dem

der Schwarzwurzel, und als Salat erinnert Topinambur an Bleichsellerie, also

eine nicht schlechte Sache. Übrigens wissen ihn die Franzosen und Ungarn

schon lange in ihrer Küche zu schätzen."

In dem Bericht einer süddeutschen landwirtschaftlichen Fachzeitschrift wird

auf den Wert der Topinambur als Gemüsepflanze aufmerksam gemacht. Er

stammt aus der jüngsten Zeit. Es heißt darin: „Die Knollen enthalten nicht, wie die Kartoffeln, Starke, sondern einen der Stärke ähnlichen Stoff, das Inulin, das die Topinambur als Gemüse für Zuckerkranke besonders geeignet macht.

Durch den hohen Vitamingehalt und einen beachtlichen Eisengehalt, der den

eisenhaltigen Stoffen im Spinat nahe kommt, ist das Topinamburgemüse auch für die Kinderernährung bestens geeignet. Trotz dieser guten Eigenschaften

und obwohl sie ein feines und wohlschmeckendes Gemüse ist, dessen Geschmack

von Kennern dem der Schwarzwurzel gleichgesetzt wird, konnte sich die Topi-

nambur als Gemüse nur Langsam auf dem Küchenzettel der städtischen Haus-

halte durchsetzen. Über die vielen Verwendungsmöglichkeiten dieser Gemüse -

'pflanze liegen heute so viele Erfahrungen vor, daß auf die verschiedenen Zube-

reitungsarten nicht mehr näher eingegangen zu werden braucht. Festgehalten

soll aber in diesem Zusammenhang werden, daß die Zubereitung als Gemüse,

wozu man etwas Fett benötigt, die einfachste und beste ist."

In Frankreich ist Topinambur ein beliebtes Wintergemüse. In München — so berichtet Griesbeck — konnte man sich im Grand-Hotel Continental davon überzeugen, wie vielseitig Topinamburknollen für die menschliche Ernährung und anspruchsvollen Geschmack zubereitet werden können. Die von Frau Christine Billig ihm überlassenen Rezepte des Hauses Continental teilt Griesbeck

mit. Wir haben sie in unseren Rezeptanhang mit übernommen. Bei der Verwendung im Haushalt spielt der Vitamingehalt eine Rolle. Auf

den Eisengehalt ist schon hingewiesen worden, ebenso auf den Inulingehalt. Die Knolle läßt sich ebensogut roh zu Salaten, und zwar gerieben oder geschabt, verwenden, wie gekocht, gedämpft, geschmort und gebacken. Man kann sie der Kastanie ähnlich zu Füllsel verwenden oder wie Schwarzwurzel und Spargel zubereiten. Ihre Verwendbarkeit ist sowohl roh wie zubereitet außerordentlich groß, da ihr Geschmack nach mancherlei Richtungen Anregung gibt. Roh ist dre Beschaffenheit der Knolle ähnlich der der Kartoffel, doch im Gegensatz zu

dieser genießbar, zwar süß, aber unausgesprochen. Im Geschmack sind Anklänge

enthalten an Nuß, Kastanie, Salat, Karotten, je nach Beschaffenheit, die ihrer- seits weitgehend von Witterung und Pflege abhängig ist. Bei der ersten Probe erscheint der Geschmack allzu wässerig. Trotzdem ist gerade der Saftreichtum recht angenehm bei regelmäßigem Genuß, was schon dadurch bewiesen wird, daß Kinder gerne Topinambur naschen. Das ist wohl auf den Eiweiß- und

Inulingehalt und die leichte Verdaulichkeit zurückzuführen. Das beste Zeichen

für hohen Zuckergehalt ist die Naschhaftigkeit der Kinder.

Der Saftreichtum legt es nahe, die Topinambur zu Trinkzwecken auszuwer-

ten. Der den Knollen entpreßte Rohsaft hat einen sehr angenehm milden, milchig-süßen Geschmack, an den von Kokosmilch erinnernd. Dieser Saft kann ein Hausgetränk für den Sommer, aber auch ein Heilgetränk für Diätkuren abgeben. Eingedickt läßt sich ein schmackhafter Syrup gewinnen, den man wohl Topinamburhonig nennen könnte, dieser könnte seinerseits Ausgangsmasse für mancherlei Leckereien abgeben, auf welche wir im Rezeptanhang verweisen. Die Ernährung des Menschen ist im Winter äußerst eintönig, insbesondere unter Verhältnissen, die zur Sparsamkeit mit Fleisch und Fett zwingen. Alle

heimischen Gemüsearten leiden unter Qualitätseinbußen. Die ersten Frühge-

müse stammen aus Treibkulturen. In diese Zeit des größten Vitaminbedarfs

und ausgesprochenen Vitaminmangels hinein fällt die günstigste Erntezeit für

die Topinambur. Das sind alles Gründe, die wohl eindeutig dem Aschenbrödel unter den Kulturpflanzen ihren neuen Platz zuweisen, als Delikatesse vor-

läufig, später, wenn der Anbau entsprechend ausgeweitet ist, auch als Volks-

und Massennahrungsmittel.

Der Wert der Topinambur für die Reformküche

Unsere ernährungswissenschaftlichen Anschauungen befinden sich in leb- hafter Entwicklung. Nach Überwindung des Materialismus durch die Physik

der Atome beginnen auch die quantitativen Vorstellungen auf dem Gebiet des

Ernährungswesens mehr qualitativen, die materialistischen mehr geistigen Auf-

fassungen zu weichen. Bahnbrechend wirkte und wirkt heute noch die von Dr.

Bircher-Benner begründete

Nahrungs-

Lehre

vom

Energiecharakter

unserer

mittel. In seiner grundlegenden Schrift „Eine neue Ernährungslehre" führt Dr.

Bircher-Benner aus: „Die Ereignisse zwischen dem lebenerweckenden Lichte unserer Sonne und den Elektronenwellen der Atome und Moleküle brachten

uns endlich die Enthüllung des so rätselhaften Geheimnisses der Nahrungs- energie. Nahrungsenergie ist wohl chemische Energie, aber eine durch unge-

ahnte Eigenschaften ausgezeichnete, vom Leben organisierte, unvergleichliche

Energie.' An änderer Stelle heißt es: „Der lebende Organismus gehorcht dem

Energiegesetz. Die Energiewerte der Nahrung sind maßgebend für den Nährwert." Lebensenergie, Spannkraft des Lebens, leitet sich unmittelbar

von der Sonnenenergie her, welche durch das Chlorophyll der Pflanzen einge-

fangen wird. Der Nährwert der Pflanzen entspricht ihrem Energiepotential,

das am höchsten an der Quelle ist, also in der Pflanze unmittelbar,. Mit jeder

Veränderung der Pflanze wird das Energiegefälle gesenkt, so auch mit dem

Kochprozeß und auf dem Umweg über den Tiermagen.

dem

immer wieder beobachteten Umstand, daß die Nutztiere sich gierig sowohl auf die Knollen wie das Kraut stürzen, ist zu entnehmen, daß diese so energiege-

ladene, ungemein lebenszähe und fruchtbare Pflanze dem Energiebedürfnis des

tierischen, 'und somit auch menschlichen Organismus, in besonderem Maße ge-

mäß ist. Die Beobachtung, daß schwache Tiermütter nach Fütterung mit Topi-

nambur, kräftige Junge zur Welt brachten, sollte Anlaß sein zu ausgedehnten

Ernährungs- und Diätversuchen. Es wird hervorgehoben, daß Topinambur in besonderem Maße günstig auf die Fruchtbarkeit, die Milchbildung und den Haarwuchs einwirkt. Danach dürfte auch die Wirkung auf das Nervensystem förderlich sein. Die Zeit unserer Ernährungsnot ist für Fragen der Volksgesund- heit in besonderem Maße aufgeschlossen. Man darf mit Fug annehmen, daß sich

zahlreiche Volksschäden durch rechtzeitige Verabreichung von Topinambur an

Kinder (ähnlich günstig wie der Genuß vitaminreicher roher Karotten) günstig auch für das Alter und das Volksganze auswirken wird. Bei dem Mineralreich-

tum der Topinambur, dem hohen Vitamin- und Eisengehalt, mag sie ein Mittel

werden, typische Kultur-

naturhafte

Aus

den

verschiedenen

Fütterungsversuchen

mit

Topinambur

und

und Dekadenzkrankheiten überwinden.

konnte

ich

beobachten,

wie

Bei

Reisen

im

Ausland

spielend

Volksstämme mit Problemen fertig werden, die den hochzivilisierten Völkern

unlösbar scheinen, so dem des Kinderreichtums und dem der Volksgesundheit. Rußniakenkinder waren von einer urwüchsigen Lebenskraft und Lebensfreude,

auf welche die Eltern kaum Sorgfalt wenden konnten. Geheimnis dieser hoch-

gespannten Lebensenergie schien mir die hochgespannte Nahrung: Maiskolben

frisch vom Stengel gebrochen, roh aus der Hand gegessen in der vollen Zucker-

und Milchreife. Ähnlich spannungsfördernde Wirkung kann Topinambur aus-

üben. Wenn dem Geschmack des Erwachsenen, durch scharfe Würze vergröbert,

der wässerlich-süße Eigengeschmack roher Topinambur zunächst nicht zusagt:

Kinder greifen begierig danach, wie Tiere gierig fressen.

Dem Reformhaushalt bietet sich Topinambur an als eine Bereicherung der

Rohkostpalette. Auch hier gilt, wie für die Küche allgemein, daß der besondere Wert der Topinambur darin liegt, diese tischfertig frisch anzubieten, also hoch- gespannt im Sinne der Energielehre, wo alle übrigen Gemüsearten durch

Lagerung in ihrem Energiepotential außerordentlich geschwächt sind. Die Topinambur ist mit der Sonnenblume, dem Mais und ähnlichen Gewäch-

sen eine einjährige Staude üppigsten Wachstums und größten Blattansatzes, also ein Sonnenfänger erster Ordnung. Unter den Knollengewächsen, welche für

den Anbau in Frage kommen, steht sie fraglos in Bezug auf Laubentwicklung

und Energiespeicherung an erster Stelle. Das Interesse, welches die Ernährungs- und Lebensreformbestrebungen der Topinambur entgegenbringen, ist also durch-

aus berechtigt. Die theoretische Begründung zu diesem Interesse hat Dr. Bircher- Benner gegeben.

Topinambur in der Diätküche: Inulingehalt

Die Zuckerharnruhr (Diabetes mellitus) beruht auf einer Störung der Bil- dung und der Upisetzung des Zuckers im Körperhaushalt der Erkrankten. Sie

oder auf einem Versagen be-

der

Hypophyse. Das von der Bauchspeicheldrüse gebildete Hormon Insulin wirkt

hemmend auf die Bildung von Zucker aus dem Glykogen der Leber, das Hormon

der Nebenniere Adrenalin steigert den Zuckerumsatz. Der Körper des Zuckerkranken ist unfähig, den mit der Nahrung aufge- nommenen Zucker und die Stärke zu verwerten, es kommt zur Übersäuerung

des Blutes

Insulin in die Lympfbahnen kann die Verarbeitungsfähigkeit des Körpers geför- dert werden. Die Zuckerkranken müssen sich starke Einschränkung in der Auf-

nahme von Stärke, Mehl und Zucker auferlegen. Das Insulin wird aus der Bauchspeicheldrüse der Rinder gewonnen und

mußte zu einem erheblichen Teil eingeführt werden. Die Lage der Zucker- kranken in Zeiten der Ernähruhgskrise ist bedauernswert, in zugespitzten Ver-

hältnissen katastrophal und lebensgefährlich.

kann konstitutionell und

stimmter

Organe

beruhen,

erblich bedingt sein

wie

der

Bauchspeicheldrüse,

der

Leber

und

und zu Zuckerabscheidungen

im Urin.

Durch Einspritzung

von

Hier kommt nun das Inulin, ein dem Insulin sehr verwandtes Hormon zu

Hilfe, das sich im Topinambur wie bei allen Kompositen findet, beim Topi- nambur in besonders reichem Maße und in leicht aufnehmbarer Form. Das Inulin ist ein der Stärke der Kartoffel verwandtes Kohlehydrat. Es wird durch ein in der Topinambur vorkommendes Enzym in Fruchtzucker verwandelt, der vom Körper des Zuckerkranken leicht aufgenommen werden kann. Der Gehalt an Inulin schwankt nach der Jahreszeit. Das Inulin findet sich in den Knollen vorwiegend im Herbst und erreicht hier 12 % in den frischen Knollen, etwa

60 % in der Trockenmasse. Dort, wo das Inulin fehlt und umgesetzt ist, tritt Lävulin auf. Nach Untersuchungen des Landwirtschaftlichen Untersuchungsamtes Würz-

burg aus dem Jahre 1942 liegt der Inulingehalt noch höher. Es wurden in

Knollen

aus

dem

Zuchtmäterial

der

Technischen

Hochschule

München

fest-

gestellt:

 

roh

verdaulich

Kraut:

Wasser

70,2

Protein

1,1

0,4

Fett

0,5

0,2

Faser

9,2

4,6

N-freie Extraktstoffe

14,9

11,2

Asche

4,1

Eiweiß

0,3

Stärkewert

11,2

 

roh

verdaulich

Knollen:

Wasser

78,1

Protein

1,2

1,1

Fett

0,1

Faser

0,8

0,3

N-freie Extraktstoffe

18,0

17,0

Asche

1,2

Eiweiß

0,6

Stärkewert

17,3

Die Knollen sind für die Ernährung bemerkenswert durch ihren Fettmangel

und Reichtum an Eiweiß und stickstoffreien Extraktstoffen. Von den 18 %

Extraktstoffen entfallen die 17 % der verdaulichen auf Inulin, wie Griesbeck

angibt.

Die

leichte Umwandelbarkeit

in

Fruchtzucker macht

das

Inulin

für

die

Krankenkost wichtig. Bei Diabetes wird eine Diät verfolgt, in welcher trotz

Heißhungers der Patienten die Verwendung von Mehl, Brot, Zucker und Kar-

toffeln stark eingeschränkt und teilweise zur Rohkost übergegangen wird. Das

Inulin bietet eine bequeme Hilfe als eines der Kohlenhydrate, die auch vom

Körper des Zuckerkranken willig aufgenommen werden und roh ebenso wirk- sam sind wie gekocht, womöglich noch wirksamer. Jedenfalls ist Inulin ein

weit besserer Ersatz für Zucker als Süßstoff. Da man sich heute bestrebt, auch den Zuckerkranken möglichst viel Kohlehydrate zu geben, so spielt das Insulin

eine große Rolle, da es zur Beförderung der Verdauungstätigkeit vor der Mahl- zeit als Einspritzung verabfolgt wird. Es ist nichts lästiger als diese Selbst-

impfung, die der bedauernswerte Diabetiker vor jeder Mahlzeit an sich vor-

nehmen muß, und nichts so umständlich wie die Beschaffung der erforderlichen

Ampullen in erforderlicher Qualität in krisenhaften' Zeiten. Diese hygienisch-

medizinischen Umstände sind weitere Gründe, die es geboten erscheinen lassen,

der bisher verkannten und vernachlässigten Topinambur weit mehr Aufmerk-

samkeit zu widmen als bisher, sowohl im wirtschaftlichen Anbau, als in der

ernährungsmäßigen Verwendung, wie schließlich auch in der züchterischen Durchbildung.

Zur Gewinnung des Inulin, die ja auch fabrikatorisch erfolgen könnte,

stehen drei Verfahren zur Verfügung, die von Klein im Handbuch der Pflanzen-

analyse mitgeteilt sind: die direkte Kristallisation, die Fällung durch 60 %igen

Alkohol und die Fällung durch Baryt und Zersetzung der Bariumverbindung mittels Kohlensäure.

Da Vorbeugen allemal leichter ist als heilen, so sollte man bei den ersten Anzeichen von Diabetes, von der vorwiegend Männer befallen werden, zur Topinambur greifen, um durch eine gründliche Kur das Hormongleichgewicht

des Körpers wiederherzustellen.

Stand der Züchtung Kein Geringerer als Erwin Baur, der Begründer des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Züchtungsforschung, hat auf die züchterischen Möglichkeiten der Topi- nambur aufmerksam gemacht, Erwin Baur ist Apothekersohn aus Ichenheim in Baden, im Jahre 1933 verstorben. Aber bereits vor 100 Jahren hat sich Vilmorin mit der Züchtung der Topinambur beschäftigt, nach ihm De Fries, C. Kraus. Fruhwirth und Kießling. Alle diese Züchter waren davon überzeugt, „daß sich aus der Topinambur züchterisch viel herausholen lasse." Beim Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung in Müncheberg/Mark hat sich nach Dr. E. Baur vor allem Dr. Stelzner mit der Weiterentwicklung der Topinambur beschäftigt, also das Erbe Baurs angetreten; er arbeitete mit dem

badischen

Anbaugebiet

eng

zusammen.

Hier

war

es

Oberlandwirtschaftsrat

Dr. Meisner-Karlsruhe, der Erwin Baur durch Nachweis von Herkünften aus

alle Arten von

Topinambur, aber auch andere knollentragende Helianthen gesammelt und als

Ausgang und Unterlage für die Züchtung benutzt.

den Anbaugebieten zur Hand ging.

In Müncheberg wurden

Die

Zucht

der

knollentragenden

Helianthen

gestaltet

sich,

wie

schon

er-

wähnt, in unserem Klima deshalb so umständlich, weil die Knollensonnen-

blumen hier nicht zur Samenreife, kaum zur Blüte kommen. Man mußte den

Anbau von Zuchtstämmen nach Nordspanien, Ägypten und der Türkei ver- legen, um durch generative Vermehrung zu dem wünschenswerten Sortenreich-

tum zu gelangen, um also eine breitere Basis für die Zuchtarbeit zu erlangen. In den „Untersuchungen zur Züchtung des Topinambur" haben G. Stelzner und P. Schwarze über den Gehalt der untersuchten Zuchtstämme berichtet. Danach schwankt der Gehalt des Krautes wie folgt:

Trockensubstanz

Rohprotein

„ der Trockenmasse

22,5

0,59

1,8

bis 40,5, im Mittel

3,4

7,3

29,5

1,2

4,1

Der Eiweißgehalt ist weitgehend vom Blatt abhängig. Durch Züchtung blatt- reicher Sorten kann der Eiweißgehalt erhöht werden. Der Gehalt der Knollen wurde wie folgt festgestellt:

Trockensubstanz

Rohprotein

15,8

0,81

bis 24,7 , im Mittel

1,63

19,5

1,37

der Trockenmasse

3,88

9,31

7,11

„ Kraut- und Knollenertrag sind bei manchen Sorten gekoppelt, bei anderen reziprok abgestimmt. Es lassen sich also Sorten mit einseitiger Leistung im Knollen-, Blatt- oder Stengelertrag herausvariieren, und zwar die blattreichen Sorten mehr für den Futterbau, die knollenreichen auch für den menschlichen Verzehr. Entsprechende Zuchtstämme sind bereits vorhanden. Das Hauptziel der Züchtung bleibt allerdings vorerst, Stämme mit guter Gesamtleistung im Knollen- und Krautertrag heranzuziehen. Als besondere Ziele für die Zucht

nennt Griesbeck noch: kürzere Stolonen (die fleischigen Wurzelstränge, welche

die Knollen tragen) mit gedrängter Knollenlage, erhöhter Eiweiß- und Inulin-

gehalt, höherer Knollen-, bzw. Blattertrag, glatte, der Kugel angenährte, Knol-

lenform, Frühreife, Verdichtung der Knollenschale zur Erhöhung der Halt-

barkeit. Für die Züchtung auf Massenertrag ist die starke Bestockungsfähigkeit der Pflanze von Bedeutung.

Ein wünschenswertes Zuchtziel wäre es, wenn sich aus der eiweißreichen und inulinreichen Topinambur auch ein hochwertiger Fett- und Öllieferant entwickeln ließe. Die Helianthen in der Art der Helianthus annuus, also unsere bekannten Sonnenblumen, sind mit ihren hochwertigen Samen öllieferanten.

Bisher ist es nicht gelungen, die so nahe miteinander verwandten Arten der

Helianthen zur Kreuzung zu bringen. Immerhin würde eine Spielart wirtschaft-

lich sehr wünschenswert sein, bei welcher das Wachstum und die Blühwilligkeit

so weit getrieben würde, daß sie in unseren Breiten zur Samenreife gelangen. Die Topinambur würde damit zur idealen Wirtschaftspflanze werden, die gewiß an die erste Stelle im Anbauplan fortschrittlicher Wirtschaften rücken würde.

Bis heute zeigen sich die verwandten Arten spröde gegeneinander. Doch sind

der Züchtung schon andere Künste geglückt. Eine weitere Spielart könnte und sollte auf den Schaft hin entwickelt wer-

den. Der Schaft gibt eine ausgezeichnete Stütze sowohl im frischen als auch im trockenen Zustand und kann als Halt für die rankenden Hülsenfrüchte be-

nutzt werden. Auf die Stützkraft des Stammes lassen sich spezielle Anbau-

methoden im Kleingarten, möglicherweise auch im Großanbau entwickeln. Soll

die Stützfunktion der Pflanze ausgewertet werden, so ist eine starke Seiten-

sprossun'g, wie sie ab Ende Juli eintritt, von Nachteil. Die Abart der Sonnlinge

verästelt sich mehr am Blütenennde des Stammes. Auch hier kann durch Zucht-

wahl eine

werden.

Erziehung

der Pflanze

für die Bedürfnisse

des

Anbaues

erreicht

Der Gehalt an Faser ist möglicherweise Ausgangspunkt für eine weitere

Verwendungsart. Auch hier läßt sich züchterisch die Pflanze so weit beein-

flussen, daß der Gehalt industriell verwertbar wird. Weitere Zuchtziele werden

von der Wirtschaft aufgezeigt werden, wenn diese erst in stärkerem Maße der

vielseitigen Knollensonnenblume ihr Interesse zuwenden wird.

Die Frage der Kreuzungsmöglichkeit zwischen den Sorten der gewöhnlichen Sonnenblume, Helianthus annuus, und den Knollensonnenblumen, Helianthus

tuberosus, ist noch nicht geklärt. In einer eingehenden Studie über „Die Kultur der Sonnenblume' erörtert Diether Burdenski (Beiträge zur Kolonialforschung,

Band 2, Berlin 1942, Dietrich Reimer) die Kreuzungsmöglichkeiten der Sonnen-

blumen. Helianthus annuus hat im Pollen und Wurzelspitzen 34 Chromosomen.

Es lassen sich kreuzen:

H. annuus L mit H. rigidus Desf.

H. argcphylus T. u. G. mit H. annuus L.

H.

cucumerifolius T. u. G. mit H. annuus L.

H.

decapetalus L. mit H. petiolaris.

Nach Burdenski lassen sich H. annuus und H. tuberosus nicht bastardieren.

Wohl aber besteht die Möglichkeit, Topinambur auf Sonnenblume zu pfropfen,

wobei nicht einwandfrei geklärt ist, ob hierbei an der Sonnenblume, der

H. annuus L. Knollenbildung auftritt.

Übrigens kommen in Amerika Wildformen der gewöhnlichen Sonnenblume vor, die nicht duuch Samen, sondern durch Stecklinge vermehrt Werden, so H. orgyalis DC. und H. rigidus Desf. Unter den Knollensonnenblumen dürfte

es Spielarten geben, die diesen so nahe stehen, daß hier möglicherweise eine

Verschmelzung erreichbar ist. Vielleicht entdeckt man aber auch im Urheimat-

gebiet der Sonnenblumen, im zentralen Amerika, dem Genzentrum vieler Knol-

lenpflanzen, die Übergänge einer Art in die andere, die Kreuzung würde dann

über geeignete Zwischenglieder zu erreichen sein.

Bis heute steht noch die genaue botanische Beschreibung der Knollensonnen-

blumen

aus.

So

berichtet

Griesbeck

noch von

einer

Spielart

großblättriger

Sonnlinge Helianthus macrophillus: „Helianthi genannt, machte in Deutsch- land nach 1900 viel van sich reden. Diese Art stammt aus Mexiko und bringt

unter gleichen Verhältnissen noch höhere Massenerträge als die Topinambur.

Auch die Eiweißbildung scheint noch größer zu sein. Helianthi wird noch länger im Wuchs, die Blätter werden noch größer, während die Blüten kleiner bleiben. Der Hauptunterschied besteht bei den Knollen, die eine walzen- oder stolonen- ähnliche Form aufweisen. Geschmacklich werden die Helianthiknollen noch besser als die Topinamburknollen beurteilt."

zur

Kugelbildung zeigen, die Helianthen unserer Art Sonnlinge, ziemlich regel- mäßige ellipsoidische Knollen bilden, ist die Spielart macrophillus, deren Ab- bildung Griesbeck zeigt, raupenartig walzenförmig, fünf- bis sechsmal so lang

wie dick.

Während

die

eigentlichen

Topinamburknollen

in

der

Form

Neigung

„Helianthi" werden in Gartenkatalogen (F. C. Heinemann, Erfurt) als „Sal- sifis" und „Sonnlinge" geführt.

Topinambur und Zuckerrübe Der hohe Inulingehalt der Topinambur macht diese nicht nur für die Reform- und Diätküche wertvoll. Es ist durchaus berechtigt, Vergleiche mit der Zucker- rübe anzustellen, denn kein anderer als Erwin Baur war der Auffassung, daß die Topinambur nach züchterischer Bearbeitung für leichte Böden die Bedeutung erlangen würde, welche der Zuckerrübe für schwerere Böden zukommt. S. Wagner-Müncheberg hat in einer Arbeit „Topinambur als Ersatz für Zuckerrübe" sich mit der wirtschaftlichen Nutzung des Inulingehaltes beschäf- tigt. Gegenüber Rohrzucker besitzt Inulin größere Süßkraft und bessere Aus- wertarbeit, Welche Bedeutung das in Fruchtzucker umwandelbare Inulin für die Zuckerkranken besitzt, haben wir schon ausgeführt. In neuerer Zeit ist es den Amerikanern gelungen, Fruchtzucker zu kristallisieren, wodurch dieser wirtschaftlich verwendungsfähig gemacht worden ist. Man hat in USA viele Topinamburproben auf ihren Zuckergehalt hin geprüft. Man stellte einen mitt- leren Gehalt von 15,5 % fest, etliche Proben erreichten mehr als 20%, die beste Probe enthielt 21,9 %. Diele Zahlen können neben den Gehaltszahlen der Zucker- rübe durchaus bestehen. Es sind Bestrebungen im Gange, die Süßkraft für indu- strielle Auswertung der Knolle zu nutzen.

Topinambur als Wildfutterpflanze Während Topinambur im Südwesten, in Baden und der Rheinpfalz, sowie in Elsaß-Lothringen mehr als Rohstoff für die Alkoholvergärung, aber auch als Schweinefutter geschätzt ist, kannte man sie, wenn überhaupt, im Norden und Osten des Reiches mehr als Wildfutterpflanze. Das Wild äst gerne das Laub wie auch die Knollen. Auch trockenes Topinamburkraut wird gern genommen. In Topinamburbeständen findet das Wild gute Deckung. Griesbeck teilt Er- fahrungen mit, welche ihm von Landwirtschaftsdirektor Weigand-Forchheim zur Verfügung gestellt wurden. Danach können Topinamburbestände auch als Köderpflanzung, zur Heranlockung des Wildes und als Schutzpflanzungen an- gelegt werden, um das Wild von wertvolleren Kulturen fern zu halten: „Rehe und Hasen fraßen die wachsenden Topinamburtriebe kahl und ließen Getreide- und Kleesaaten in Ruhe. In kalten, schneereichen Wintern lagen die Hasen im Topinamburfelde, fraßen die markhaltigen Stengel auf und verschonten so die jungen Obstbäume und die Laubhölzer im Walde, während anderwärts 90 °/o der jungen glattrindigen Apfelbäume von den Hasen rundum abgefressen wur- den. Im Topinamburfelde lag der Hasenmist zum Schluß so dick wie in einem Schafpferch. Auch Rehe, Rotwild und Schwarzwild bevorzugen Topinambur- schläge, genau wie Fasanen und Rebhühner sich gerne im Winter in den Topin- amburbeständen aufhalten, da diese Windschutz gewähren. Damit werden alte Erfahrungen aus England neuerdings bestätigt. Da die Topinambur auch im

Schatten gedeiht, wurde sie dort in der Absicht unter Bäumen gepflanzt, um das Wild von anderen Feldfrüchten abzuhalten. Sie wurde daher dort besser

als Hafer

Wald-

zur

landwirtschaftlichen

Nutzung

von

Hackwaldungen,

von

und Baumfeldern verwertet, weil in diesen wenigstens der Knollenertrag teil-

weise gesichert blieb, wenn auch das Wild einen großen Teil der Topinambur-

stengel abfraß."

Die Erfahrungen in England legen es nahe, die Topinambur auch in Deutsch-

land zur Nutzung von Kahlschlägen und Rodungen heranzuziehen. Für die

nächsten Jahre ist mit starken Holzungen zu rechnen. Ein Teil des Waldes wird

vielleicht schwinden und sein Boden der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt

werden müssen. Topinambur als Rigolpflanze gibt die Möglichkeit, den Roh- humus schnell und gut auszunutzen. Das Anbauverfahren ist denkbar einfach

und kommt der alten Grabstockkultur nahe. Man hebt im Abstand 50/50, oder gar 60/60, aber auch 60/40 Pflanzlöcher aus, die man tunlich mit guter Walderde

füllt. Man sorgt dafür, daß in der ersten Wachstumszeit, bis Mitte Juni, die

Topinambur vom Unkraut nicht erdrückt wird. Vom Sommer ab wird der dichte Schatten der Topinamburbestände alles konkurrierende Grün unterdrücken.

Nachhelfen mit Gülle wird förderlich sein. Auch können Gaben von Kunst-

dünger verabreicht werden.

Nutzung trockener und unsicherer Böden

Die „absoluten Topinamburböden" Badens in der oberrheinischen Tiefebene

sind als flachgründig, trocken und leicht gekennzeichnet. Auch kiesige Böden

sollen sich für die Topinamburkultur eignen. Daß die Topinambur gegen Dürre selbst auf leichten Böden so gut wie unempfindlich ist, konnte ich selbst in der

Dürreperiode des Jahres 1946 zu Beginn des Sommers beobachten. Die Topin-

Tiefe, der dichte Schatten des Laubes und der Wind-

schutz, den die Pflanze sich selbst bietet, verhindert starke Verdunstung.

amburwurzel dringt in die

Von anderer Seite wird berichtet, daß die Topinambur auch Überschwem-

mung gut verträgt, sogar mehrwöchentliche Überschwemmung im Winter, ebenso Übereisung. Nach älteren Erfahrungen hat Topinambur meterhohe Über-

schwemmung durch 12 Stunden hindurch gut ausgehalten. Sonach kommt die

Knollensonnenblume zum Anbau in Gebieten in Frage und unter Verhältnissen,

die der Kartoffel nicht zusagen. Durch starke Überflutung mit Sand und

Schlamm wird die Kartoffel, ebenso die meisten Rüben, erstickt. In solchen

Erosionsbetten arbeitet sich die Topinambur durch die Übererdung hindurch,

Sie erschließt damit Böden für die Kultur, die gefährdet und damit wirtschaft-

lich unsicher sind.

Topinambur in der Schafhaltung

Von verschiedenen Seiten ist immer wieder auf die große Bedeutung der

Topinambur für die Schafhaltung hingewiesen. Wir erwähnten schon den Be-

richt, demzufolge schwache Schafmütter gut lammten, säugten und die Lämmer

sich durch Wachstum und reichen Wolleansatz auszeichneten. Von Albrecht

Thaer rührt ein weiterer, von Griesbeck mitgeteilter, Bericht, in dem es heißt:

daß die Schafe, denen im September, wenn sie abends von der nachlassenden

Weide kamen, Topinamburkraut vorgelegt wurde, eine so große Begierde danach

gezeigt hatten, daß sie in Erwartung des Futters mächtig nach dem Stalle dräng-

ten. Andere alte Berichte besagen: „Schafe, denen am 25. Oktober täglich, wenn sie von der Weide kamen, Topinamburkraut vorgelegt wurde, fraßen dasselbe

mit unbeschreiblicher Begierde und ließen nur wenig von den starken Stengeln

übrig.

Von der getrockneten Topinamburgrünmasse — also dem Krautheu — heißt

es auf Grund älterer Erfahrung, daß Schafe das beste Wiesenheu und selbst Hafergarben unberührt ließen, solange sie Topinamburstengel zu fressen hatten; so ließen Schafe ihre Leckerbissen, Salzlecke, unberührt, solange sie in der

Traufe Topinamburkraut vorfanden.

Trockene Topinamburstengel Auch der welke Topinamburstengel besitzt noch Futterwert und enthält Ge- schmackstoffe, die ihn begehrenswert machen. Offenbar ist es das süße Mark, das so schmackhaft ist. Jedenfalls werden die welken Stengel von Pferden und

Ziegen gerne gefressen. Die Pferde fressen die Stengel ganz auf, sofern sie nicht zu stark sind. Man rechnet durchschnittlich 1,5 kg Topinamburheu l kg Wiesen-

heu gleich. An Rinder sollte es nur mit anderem Futter vermischt verabreicht werden. Daß Schafe das welke Kraut begierig annehmen, sahen wir schon. Das Gleiche gilt vom Kleinvieh. Das welke Kraut läßt außerdem mancherlei anderweitige Verwendung zu. Die

Stengel können zu Faschinen gebündelt werden. Der welke Stengel enthält ein

süßschmeckendes, gleichmäßig poröses Mark, dessen Verwendbarkeit noch nicht genauer untersucht ist. In der Rinde ist ein Bast enthalten, der wohl als Ersatz

für Raffia

und anderen ausländischen Bast herangezogen werden kann.

Die

kräftigsten Stengel sind als Stützen für Gemüsekulturen verwendbar. Gehäck- selt geben sie ein gutes Unterfutter, in grober Zerstückelung auch eine ausge- zeichnete Einstreu. Die ganzen Stengel zersetzen sich nur langsam, sie erschwe- ren das Laden und Ausbreiten des Mistes. Dagegen liefern sie Brennmaterial

und sind ein gutes Anzündereisig.

liefern sie Brennmaterial und sind ein gutes Anzündereisig. Topinambur-Knolle: Ziel der Züchtung muß sein, eine

Topinambur-Knolle:

Ziel der Züchtung muß sein, eine glatte, derbschalige Knolle zu finden

Eigene Erfahrungen 1946/47

Im Herbst 1944 erwarb ich in der Evakuierung Frankfurt/O Saatknollen von

Topinambur, die ich 1945 auslegte. Saat war die Grundlage für den Anbau 1946.

Auf dem Gelände meiner Siedlung Sonnenberg, einer Sanddüne mit Kiesein-

lagerung, war von einem früheren Anbau her noch Saat der Spielart Helianthus,

Sonnlinge, erhalten.

Einfluß der Pflanzzeit auf das Wachstum Die Spielart Sonnlinge haben ihren Stand bei einer Hauswand.

Einfluß der Pflanzzeit auf das Wachstum

Die Spielart Sonnlinge haben ihren Stand bei einer Hauswand. Sie blühten sehr üppig, erreichten etwa 2 Meter Höhe, bildeten dichtes Kraut. Der Knollen- ertrag ist gering, da überwiegend mit vergorener Jauche gedüngt wurde. Sonn-

linge eines anderen Quartiers haben seit vielen Jahren diesen Stand inne. Sie

bewachsen das Quartier von Jahr zu Jahr dichter, allerdings vermindert sich

die Größe der Knollen. Auch hier ist der Ertrag nicht befriedigend, soweit es

die Knollen betrifft. Trotzdem haben diese Anlagen ihren Wert durch den

Stand dicht beim Haus, der in der grünen Umwallung die Überleitung vom toten

Stein zur lebenden Umgebung darstellt und bei Bedarf frische Knollenentnahme ermöglichen würde, doch soll das Saatgut für Erweiterung des Anbaues und

Herausbildung von Zuchtstämmen verwendet werden. Bei der Saat kommt es

nicht auf die Knollengröße, sondern Knollenzahl an; da ist der Ertrag nach Stückzahl von dem dichtbestandenen Stück erheblich.

Die Spielart Topinambur hat seit dem vergangenen Jahr ein Quartier beim Haus inne. Sie erhielt als Düngergabe die Asche aus den Hausöfen, überwiegend von Holz und Torf, dazu Gülle. Die Stauden, welche hier im Wurzelbereich alter

Kiefern stehen, erreichten eine Höhe von über 3 Metern. Bei Entnahme der

Knollen wurden an mittleren Stauden 15 Knollen von über 10 gr Gewicht ge- zählt, davon hatten zwei ein Gewicht von 10 gr, zwei ein Gewicht von 20 gr,

vier bis 50 gr, eine 60 gr, fünf 80—100 gr, zusammen 739gr. Entnahme erfolgte

Anfang November. Bis zum Frühjahr wäre noch mit 25 % Zuwachs zu rechnen, so daß die Staude rund l kg erbringen würde. Standweite 40/40 cm. Der Hektar-

ertrag dieses Quartiers würde sich auf über 400 Dz stellen. Die Krautmasse ist

beträchtlich. Eine der Stauden trieb Knospe und wäre fast zur Blüte gelangt.

Das Quartier hat sich selbst angesammelt und keinerlei weitere Pflege erhalten,

außer einer gelegentlichen Hackarbeit, um wuchernde Brennessel zu beseitigen.

Die Arbeit wäre nicht nötig gewesen, da der Schatten der Kultur später die

Brennessel selbsttätig unterdrückte.

Die dem Quartier entnommenen Knollen würden zur Bepflänzung eines

Zaunes von 120 m Länge verwendet. Die Bepflanzung konnte erst spät im Früh- jahr, im Mai bis in den Juni hinein erfolgen, zu einer Zeit, die unter außer- ordentlicher Dürre zu leiden hatte. Die bereits weit ausgekeimten Knollen wuchsen gut an, doch kam das Kraut nur zur halben Entfaltung der Mutter- kultur. Außerdem machte sich der Einfluß der Pflanzzeit insofern bemerkbar,

als die Höhe der Pflanzen am Zaun abnimmt im Verhältnis zur früheren oder

späteren Auspflanzung. Die mit Abstand von 14 Tagen ausgelegten Knollen sind

nur noch halb so hoch und stark geworden wie die früher gelegten, diese halb so stark wie die Mutterpflanzen. Der Abstand der Pflanzen am Zaun war auf

20—30 cm bemessen. Der Zaun wurde dicht grün, die freistehenden Pflanzen entwickelten kräftige Stämme und auch kräftige Knollen. Die Probeentnahme einer mittleren Pflanze zeigt ein unerwartetes Ergebnis. Trotz der geringeren Stengelhöhe ist der Ertrag dem der Mutterpflanzung gleich, wenn nicht über- legen. Die ausgewogenen Knollen sind im Einzelnen kleiner, im Ganzen zahl- reicher. Die Stolonen haben den Trieb, mehrere Knollen anzusetzen. Es zeigen an Gewicht: drei Knollen je 5 gr, zwei 10 gr., eine 15 gr, zwei 20 gr, eine 25 gr,

zwei 40 gr, drei 50 gr, eine 55 gr, zwei 60 gr, eine 70 gr, eine 80 gr, eine 95 gr. Die Pflanze hat noch einen grünen Schaft und lebhafte Stolonenentwicklung. Sie dürfte zum Frühjahr einen Ansatz von über 1000 gr erreicht haben. Außer den gewogenen Knollen finden sich zahlreiche kleinere unter 5 gr; die gewogenen Knollen zeigen zum Teil Knollenwucherung und lassen sich in mehrere Saatknollen aufteilen. Der Ertrag entspricht also auf jeden Fall dem einer mittleren bis guten Kartoffelernte. Dabei ist zu bemerken, daß die Kar-

toffelkulturen in diesem Jahr unter der Dürre litten und zum Teil gänzlich ver-

sagten. Frühe bis mittelfrühe Kartoffeln brachten kaum die Saat als Ertrag. Nur die späten überwanden mit genauer Not die Trockenheit und befriedigten, blieben aber unter dem Mittel. Damit hat die Topinambur ihre besondere Eig- nung für meine Verhältnisse, Südlage, leichtester Sandboden mit Kies und Geröll durchsetzt, erwiesen. Es handelt sich jetzt darum, geeignete Anbaumethoden in Verbindung mit sonstigen Gartenkulturen zu entwickeln.

Bei Probeentnahmen a m 18. 1. zählte ich bei einer Staude, deren Knosp e fas t bis zur Blüte kam, 19 Knollen mit zusammen 820 gr., darunter 5 Knollen über

80 gr. Eine zum gleichen Pflanzloch gehörende Nebenstaude wies 15 Knollen mit 545 gr auf, darunter 4 Stauden über 80 gr. Die Pflanzstelle erbrachte

1500 gr. Eine der am Zaun gepflanzten Staude erbrachte 23 Knollen mit 1035 gr, darunter eine Knolle mit 155 gr. Die Knollen haben zwei Kältewellen

von Temperaturen unter 20 Grad überstanden. Sie sind sehr saftreich, im

Mark geradezu wässerig. Die Rindenschicht ist einige Millimeter stark, die Haut sehr dünn. Das saftige Mark schmeckt süßer als Proben, die im Herbst entnommen wurden. Der Geschmack gewinnt also im Winter. Die Rindenschicht

schmeckt herzhafter, etwas nach dem Harz, wie man es von Sonnenblumen- blüten kennt.

Topinambur als Windschutz

Bekanntlich wird die Fruchtbarkeit vieler Kulturen durch Windschutz erhöht.

Ich konnte mich von dieser Tatsache überzeugen. Im Schutz der Topinambur- Mutterpflanzung hatte ich Stangenbohnen gebaut, die von erstaunlicher Frucht- barkeit waren. Im Schutz der Topinamburanlage kamen die Helianthen, die

Sonnlinge, zeitiger als in Freilage zum Blühen, und zwar begann die Blüte bei

der Mutterpflanzung und setzte nach außen zu zunehmend später ein. Aus der Tatsache, daß Topinambur einen guten Windschutz abgibt, lassen sich zur Ausgestaltung besonderer Verfahren eines eigenen Anbaustils Folge-

rungen ziehen.

Die Stämme der Topinambur können als lebende Stütze für

Rankpflanzen, wie Erbsen, Stangenbohnen, benutzt werden, auch Wicken lassen

sich daran ziehen. Die Kombination mit Tomaten wäre zu erwägen. Wenn man

die Topinambur in Hecken baut, zweireihig eng gepflanzt, aber von Hecke zu

Hecke soviel Abstand, daß man bequem auf den Zwischenstücken hantieren kann, läßt sich eine Heckenbeetkultur entwickeln, die den Vorteil des Wind-

schutzes genießt. Eine solche Heckenkultur würde auch landschaftsgestaltend

wirken. Von manchen Beobachtern wird hervorgehoben, wie sehr die Topin-

ambur in den alten Anbaugebieten den Charakter der Landschaft mitbestimmt.

Wir sprachen schon davon, daß die Knollensonnenblume sehr geeignet ist,

Kulturfriedhöfe, Scherben- und Müllplätze zu verkleiden und aufzuschließen. Zugleich mit dieser Funktion kann sie auch dem Vogelschutz dienen, da sie

mehrjährig aushält. Sie gedeiht noch im Schatten, also auch in unmittelbarer

Nähe von dichtem Gebüsch. Feldhühnern und Fasanen gibt sie gute Deckung in

der Brütezeit.

.

Als Heckenkultur in Daueranlage ist es empfehlenswert, zwischen den

Topinamburhecken Gründünger zu bauen und damit das Topinamburgelände

zum Stickstoffzubringer für die Kulturen mit umlaufender Produktion heran-

zuziehen. Diese Zweiteilung der Ländereien in Produktiv- und Zubringerland

empfiehlt sich vor allem in der Kleinsiedlung, die auf intensivste Nutzung an-

gewiesen ist, aber durch Mangel an Stallvieh und unzureichende Futterbasis auf

künstliche Heranschaffung von Humus und Stickstoff angewiesen ist. In solchen

Kulturen kann man mit Erfolg zur Mineraldüngung greifen. Eine Beschickung

sandiger und kiesiger Böden mit bindiger Erde oder Moorerde und Waldhumus wird von der Topinambur schnell und gründlich verwertet, selbstverständlich

auch Kalk, am günstigsten in der Form des Kalkmergel. Neuerdings liegt die

Düngung mit Trümmerschutt in der Nähe der Großstädte nahe, denn dort ist

der gegebene Standort für die Entfaltung arbeitsintensiver gärtnerischer Klein-

siedlungen im Stile des auf der Ausstellung Hannover gezeigten Stadtlandhofes.

(Niedersachsenschau 1946 „Planen und Schaffen").

Stadtlandhofes. (Niedersachsenschau 1946 „Planen und Schaffen"). Sonnling, „Helianthus" i, e. S., blühend

Sonnling, „Helianthus" i, e. S., blühend

Rezepte für die Küche

Die von Griesbeck mitgeteilten

Rezepte der Frau Christine Billi g

des

Grand Hotel Continental in Münchens

Suppen fü r 3 Personen: 500 gr Tompinamburknollen, 150 gr Kartoffeln, 45 gr

Butter, 20 gr Mehl, Salz, Petersilie, Pfeffer. Geschält und in Würfel ge- schnitten, mit der Hälfte Butter gekocht. Rest Butter an Mehlschwitze, mit Petersilie angerührt und abgeschmeckt.

Kressesuppe mit Topinambur: 600 gr Topinamburknollen, 200 gr Brunnenkresse, Butter, Salz, Pfeffer. Mit viel Wasser und wenig Salz eine Stunde lang

kochen, danach passieren und abschmecken mit Salz und Butter.

Gedämpfte Topinambur: 750 gr Topinamburknollen, 30 gr Fett oder Öl, Salz,

Zitrone, Petersilie. In entrahmter Frischmilch weichkochen unter Zusatz

von Salz, Petersilie, Zitrone. Man bereitet Tunke aus Mehlschwitze und

halb Milch, an die Topinambur geben und kurz aufkochen lassen, danach

abschmecken mit Petersilie und Zitronensaft.

Liter

Topinamburbrei:

500

gr

Topinamburknollen,

250

gr

Kartoffeln,

halb

Magermilch.

30 gr Butter.

In Salzwasser weichkochen und durch Sieb

geben, mit kochend heißer Milch zu Brei rühren und mit Butter und Salz

abschmecken.

Weitere

Rezepte

von

der

Wirtschaftslehrerin

Irmgard

Sixt-Hey n

in München:

Gedämpfte Topinambur: l kg Topinamburknollen, Wasser: Knollen bürsten und

im Dämpfer in dreiviertel Stunden weichkochen.

Geröstete

Topinambur:

l

kg

Knollen,

40

gr Fett,

Salz,

Kümmel:

Knollen

dämpfen, abziehen, in Scheiben schneiden, mit Kümmel bestreut in heißem Fett rösten. Statt Kümmel auch feingeschnittene Zwiebel.

Topinamburbrei: l kg Knollen, 1/4 Liter Milch, Salz: Knollen dämpfen und ab- ziehen, durchs Sieb passieren, mit Schneebesen schaumig schlagen, auf

vorgewärmter Platte mit gerösteten Bröseln bestreut, anrichten.

Gedämpft mit Butter und Bröseln: l kg Knollen, 50 gr Butter, 40 gr Bröseln:

Schälen, in Spalten schneiden, in Salzwasser weichkochen, abseihen, vor-

gewärmt anrichten, mit heißer, brauner Butter übergießen und mit Brö-

seln bestreuen.

Mit holländischer Soße: l kg Knollen, 40 gr Butter, 40 gr Mehl, 1/4 Liter Brühe, 1/4 Liter Milch, l Eigelb, Salz, Zitrone, Pfeffer: gedämpft, abziehen, in

Scheiben schneiden. Helle Tunke aus Butter, Mehl, Milch, mit Eigelb ab-

ziehen, mit Salz, Zitrone, deutschem Pfeffer würzen und zu der Topin-

ambur mischen.

Überbackene Topinambur: wie vorher, dazu 20 gr Brösel, 30 gr Käse, 10 gr

Butter. Das Gemüse wird in Auf lauf form gegeben, mit Bröseln und gerie-

benen Käse bestreut, mit Butter betupft, 20 Minuten in der Röhre zum

Überbacken.

Gebackene Topinambur: 3/4 kg Knollen, 1/4 Liter Milch, Bier oder Wein, 125 gr Mehl, Salz, Teelöffel Öl, l Eischnee, Backfett: Zutaten zu glattem Teig

verrühren, Topinamburscheiben darin wälzen und in heißem Fett backen.

Dazu Salat oder Gemüse. Salat: l kg Knollen, 1/4 Liter Wasser oder Brühe, Eßlöffel Salz, 2 Eßlöffel Essig,

l Eßlöffel Öl, kleingehackte Zwiebel, Messerspitze deutscher Pfeffer:

Knollen dämpfen, abziehen, in Scheiben schneiden. Aus Zutaten Salat-

tunke. Das Ganze eine Stunde ziehen lassen.

Grundsätzliches: Die Topinambur kann auch in der Küche ähnlich der Kartoffel und ähnlich vielseitig verwandt werden. Zu beachten ist der geringe Fett- gehalt, weshalb mit Fett nachgeholfen werden muß. Wo dieses fehlt, wie

, in der gegenwärtigen Zeit, ist es ratsam mit anderen gehaltreichen Mitteln zu verbinden, so mit Hülsenfrüchten. Die beste Art ist Behandlung wie

Spargel oder Schwarzwurzel. Sehr vielseitige Verwendung roh als Zutat

zu Gemüsesalat, gerieben, oder zu Obstsalat, geschabt, gehackt, geraspelt.

verträgt sich mit Süßem ebensogut wie mit Sauerem und Salzigem. Man probiere und komponiere.

Topinamburmilch: roher Saft, wie Kokosmilch. Rest kann getrocknet als Raspel

zu Makronen benutzt werden.

roher Saft, wie Kokosmilch. Rest kann getrocknet als Raspel zu Makronen benutzt werden. Topinambur: Aufbau der

Topinambur:

Aufbau der Pflanze

Blühende „Helianthus" (Sonnling) Spielart der „Helianthus tuberosus"; auch in Norddeutschland blühend, im

Blühende „Helianthus" (Sonnling)

Spielart der „Helianthus tuberosus"; auch in Norddeutschland blühend,

im Volksmund Helianthus genannt

Anbaudaten: Zusammenfassung

1. Bodenansprüche und Kultur: wie Kartoffeln.

2. Pflanzzeit: Spätherbst bis Frühjahr, am besten Mitte März; aber auch noch

später, selbst mit ausgetriebenen Schossen.

3. Düngeransprüche: sehr genügsam, guter Düngerverwerter, auch für Roh-

humus und Müll, aber auch sehr dankbar für jede Gabe, insbesondere

in flüssiger Form.

4. Kunstdünger: etwas niedriger als zu Kartoffeln; je ha:

20 kg Reinstickstoff oder l Dz Stickstoffdünger, 20%ig.

40 kg Phosphorsäure oder 2,2 Dz Thomasschlacke oder Superphosphat.

80 kg Kali oder 2,0 Dz Kalisalz, 40%ig.

5. Saatgutbedarf:

je ar (100 qm) 25 kg (Norm in Südwestdeutschland)

je Morgen (2500 qm) 2,5 Dz

je Hektar (4 Morgen, 10 000 qm) 10 Dz (Knollen mittlerer Größe).

Ernte und Aufbewahrung: im Boden belassen, bei offenem Wetter Entnahme

bodenfrisch, auch im Winter.

Erntezeit für Knollen:

Ende September

(in

äußersten Fällen),

sonst Ende

Oktober bis Ende April (auch im Mai noch möglich).

Krauternte: möglichst nicht vor August, da hier Hauptwachstum, nicht nach

Mitte Oktober, da Stengelverholzung.

Wachstumsrhythmus:

im

Frühjahr

Schößlingstrieb,

Hauptkrautwachstum

im

Sommer, ab Ende Juli starke Seitentriebbildung. Hauptknöllenwachstum

nach dem Hauptlaubwachstum, erst im Herbst. Über Winter Zuwachs an

Knollen bei welken Laub etwa 25 %

Einlagerung: muß sehr sorgfältig geschehen, da Rinde verletzlich und Knolle

empfindlich.

Packung nicht zu hoch.

Beste Art: die Knollen abwelken

lassen. Geschrumpfte Knollen saugen in drei Tagen so viel Wasser auf,

daß sie wieder vollkommen frisch sind. Einmieten auf dem Feld: Furche

aufflügen, Knollen einlegen, mit einer zweiten Furche bedecken. Im Keller

in feuchtem Sand einschlagen. Fruchtfolge: gute Vorfrucht für Kartoffeln und Getreide. Schließt Untergrund

empfehlenswert.

auf

wie

Lupinen.

Zusammenbau

mit

Hülsenfrüchten

Kann in Fruchtfolge bedenkenlos eingesetzt werden, wenn Hackfrucht folgt, danach Gemenge, das gemäht wird.

Pflanzweite: 40/40, 50/50, auch 60/40, 60/50.

Möglich noch 30/30 cm. Bei engem

Stand höherer Laubertrag, bei weitem Stand bessere Ausbildung der

Knollen, auch höherer Gehalt der ganzen Pflanze.

Pflegearbeiten: nach Auslegen der Knollen im März, spätestens im April (aber

schon von Oktober ab möglich) ein- bis zweimal hacken, falls starke Un-

krautgefährdung. Ab Juli unterdrückt Schatten jede Unkrautbildung und

fördert Gare durch Feuchthaltung der Krume.

Schlußurteil

Wenn man das vorliegende Schrifttum kritisch überprüft und die Erfah-

rungen der Praxis zu Rate zieht, kommt man zu dem Ergebnis, daß die posi-

tiven Werte der Topinambur erheblich die wenigen Untugenden übertreffen.

Die Topinambur ist etwas wässeriger als die Kartoffel, sie ist schwieriger zu ernten, schlechter zu schälen, weniger haltbar, hat weniger Stärke. Das ist das

Schlimmste, das man der Topinambur nachsagen kann. Demgegenüber steht

aber fest, daß sie überhaupt nicht anfällig ist, im Gegenteil, zu den robustesten,

anspruchlosesten und ergiebigsten Pflanzen gehört, die wir kennen. Nachdem

das biologische Denken sich auf allen Gebieten der Ernährungslehre und des

Landbaus durchzusetzen beginnt, erhalten gewisse Werte der Knollensonnen- blume entscheidende Bedeutung: die Tatsache, daß sie frosthart im Boden blei- ben und im Winter jederzeit bodenfrisch entnommen werden kann, die Tatsache auch, das sie selbst sehr robust ist und die biologische Spannkraft günstig be-

einflußt. Hierzu gesellt sich der hohe Inulingehalt, die leichte Umwandelbarkeit

in Fruchtzucker, der aus ihr gewonnen werden kann, wogegen in Amerika der Mais hierfür herangezogen wird. Auch der Umstand, daß Topinambur sich roh verwenden läßt und, hat man sich erst an den zunächst leicht seifigen, wässerig-

süßen Geschmack gewöhnt, sehr gut roh zu genießen ist, macht sie für die Volks-

gesundheit wertvoll. Schwierig ist vorderhand noch die Einführung, da es an

Saatgut fehlt und die Kenntnis der Verwendbarkeit noch nicht Allgemeingut ist.

Aber das sind Fragen der Aufklärung der Öffentlichkeit.

Es ist wünschenswert, daß der Anbau sobald als möglich auf eine breitere Basis gestellt und alle Unländereien besser ausgenutzt werden. Die Bedeutung

als Futterpflanze für leichte Böden ist ja schon von Baur herausgestellt worden.

Mithin sollte man erwägen, wie man den Anbau schnellstens fördern kann. Das

ist nur möglich, wenn man einen Anbauplan aufstellt, zunächst für die Er- nährung nur einen Bruchteil der Ernte abspaltet und alles irgendwie greif-

bare Saatgut für den Anbau einsetzt. Bei der großen Fruchtbarkeit dürfte in wenigen Jahren schon ein nennenswerter Erfolg erzielt sein. Zum Schluß mögen hier die zusammenfassende Worte Griesbecks angeführt sein: „Für Trockengebiete mit leichten Sandböden ist sie zweifellos in ihrer

jetzigen Form die ertragreichste Pflanze, weil sie bei einigermaßen Pflege

und Versorgung mit Jauche und Stalldünger Erträge an Grünmasse und Knol-

len bringt wie andere Kulturpflanzen. Ihre Anspruchslosigkeit an Boden und

Klima, ihre Bescheidenheit in bezug auf Nährstoffe und Wasser müßten ihr

noch viele Anbaugebiete, die heute nur mühsam und unter hohem Aufwand

unsichere und unwirtschaftliche Ernten bringen, erschließen. Geringe Erzeu-

gungskosten und geringer Arbeitsaufwand sind weitere Vorzüge, die in der

Betriebsorganisation beachtlich sind. Topinambur, richtig angebaut und etwas gepflegt, wird nie enttäuschen. Sie ist für arme und ärmste Böden schlechthin

die vielseitigste und sicherste Pflanze mit Erträgen, die von keiner anderen

Kulturpflanze erreicht werden."

Literatur

Gontard ,

K.:

Die

F. Dienst. 6. Bd.

Bedeutung

des

Topinambur

als

Schweineweide.

Stelzner , G.:

Entwicklungsphysiologische Untersuchungen über die Schoß-

hemmunge n an Topinambur.

Pflanzenbau.

18. Jg.

v. Wettstein : Praktische Erfahrungen mit Topinamburanbau. DLP. 1931.

F i s c h e r: Topinambur. DLP. 1931.

Gustav N e f f l e n: Die Topinambur als Ersatz für die kranke Kartoffel. 1848.

Aloys Griesbeck : Anbau und Verwendung von Topinambur.

Arbeiten des

Reichsnährstandes, Band 72. 1943.

(die zuverlässigste und umfassendste Darstellung, welche weitgehend heran-

gezogen worden ist).

Stelzne r und S ch w a r z e: Untersuchungen zur Züchtung der Topinambur.

De r Züchter . 1939, 11, 14/17.

K. S ch a r r e r: Die Bedeutung der Topinambur für die Tierernährung.

f. d. Landwirtschaft, 1944, 59, 1018/9.

Mitt.

Ohne Verfasser: Topinambur

die nahrhafte und gesunde Gemüseknolle. Verlag

E. Könemann, neuerdings Metta Kinau, Lüneburg.

v.

W e t t s t e i n u. A. M e y l e: Topinambur als Futterpflanze. Der Züchter. 1932.

v.

Wettstein-Westershei m (Kaiser-Wilh.-Inst. f. Züchtungsforschung):

Wie baut man am zweckmäßigsten Topinambur an? Mitt. f. d. L. 1931. S.1038.

P. B r i g l und C.Windheuser : Über Einsäuerungsversuche mit Topinambur.

Die Tierernährung, Bd. IV, Heft 3/4. S. 163. 1932.

Prof. Dr. Erwin B a u r (Kaiser-Wilh.-Inst. f. Züchtungsforschung, Müncheberg):

Futtergewinnung auf leichten Böden. DLP. 1932. Nr. 12.,

v. Wettstein-Wettersheim : Über Vergleich mit Kartoffel. Mitt. 1931/12.

Wagner : Topinambur als Ersatz für Zuckerrübe.

Berichte über Versuche, in Kiel und Hohenheim: Mitt. 1932,

als

Der

Stück 24: Kunze : Die Wirtschaftlichkeit des Topinamburanbaus.

Stück 36: Dr. Windheuser :

Anbauwert

der

Topinambur

Silopflanze.

Stück 30: Prof. Dr. B ü n g e r und Dr. G l e t: Der Anbauwert der Topinam-

bur als Silopflanze.

Vergleich mit Kartoffeln; Müncheberger Versuche: Mitt. 1931/50.

Kunz e über Erfahrungen (Eröffnung der Diskussion über die Wirtschaftlich-

keit der Topinambur): Mitt. 1930/14 und 1932.

Günstige Urteile, veranlaßt durch Kunzes Aufsatz: Mitt. 1930/17. 1931/31.

G. Fingerling : Der Stärkewert der Topinamburknollen. Zft. f. Tierernäh-

rung. 1944. 8. 107/211.

Balanesc u und J o n e s c u: Die Alkoholausbeute bei Verwendung von Heli- anthus tuberosus. Referat: Chem. Zbl. 1943. I. 104.

Klein : Handbuch der Pflanzenanalyse: Gewinnung von Inulin. Bd. II, l, S.868/9. Diether Burdenski : Die Kultur der Sonnenblume. Beiträge zur Kolonial-

forschung. Band 2. Dietrich Reiner, Berlin 1942.

Stel z n er, Dr. G.: Weiteres über Topinambur. DLP. 68. Jg. C öl i n , H.: Die Kohlenhydrate des Topinamburs. Ztst. der Wirtschaftsgruppe

Zuckerindustrie. 93. Bd. Colin . H.: Bildung, Verteilung und Umlauf des Inulin im Stengel von Topin- ambur. Ztst f. Pflanzenern. 7. Bd.

Becker- D i llingen :

„Topinambur" im Handbuch des Hackfrucht- Verlag Parey.

und

Handelspflanzenbaues.

Topinambur im Landschaftsbild: gute Überleitung von der toten Architektur, Schattenspender und Windschutz

Topinambur im Landschaftsbild:

gute Überleitung von der toten Architektur, Schattenspender und Windschutz

Was sagt die Erfahrung der Anbaugebiete!

Urteile aus der Praxis.

Ich habe mich an verschiedene Praktiker gewandt, mit, der Bitte, mir ihre

Es lag mir daran, auch negative Urteile zu sammeln,

Erfahrungen mitzuteilen.

um ihnen auf den Grund gehen zu können.

Das negativste Urteil wird von

einem Hörer des Nordwestdeutschen Rundfunks beigebracht, welcher einer

Radiosendung Raum gab „Topinambur — eine verkannte Kultur."

Dieses Negative mag die Schau der Erfahrungsurteile eröffnen. Das aus der

Umgebung von Köln stammende Urteil lautet (Brief vom 12. 12. 46): „Ich habe

diese Frucht nach dem ersten Weltkrieg angebaut.

Folgendes kann ich Ihnen

mitteilen: Topinambur ist sehr starkwüchsig und wenn man sie einmal im Garten hat, wird man sie so leicht nicht los. Es ist eine jahrelange Qual nach-

her, immer wieder die irgendwo herausschießenden Ausläufer auszumerzen.

Sie ist überaus ertragreich. Aber sie schmeckt nicht erfreulich! Ähnlich von

durch Frost gelittenen Kartoffeln. Keiner mochte sie gern, so daß schon im

zweiten Jahre der Vernichtungskampf im Garten begann. Wahrscheinlich infolge mangelnden Zutrauens zur Kartoffelkäfer-Bekämp-

fungsaktion werden jetzt schon Bestrebungen eingeleitet, sich mit Topinambur

zu befreunden.

demnächst schon leider in Frankreich der Fall sein muß, genötigt wären, statt

Kartoffeln diese Knollen zu produzieren! Hoffen wir stark, daß deutsche Wissenschaft und Technik, verbunden mit zäher Ausdauer im Kampf gegen das Objekt obsiegen und wir bei der guten alten Kartoffel bleiben können."

Gemütsausbruch eines Kartoffelfanatikers die

Der Himmel möge uns aber davor bewahren, daß wir, wie es

Destilliert man aus diesem

sachlichen Gründe heraus, so wird der Topinambur ihre Vitalität vorgeworfen,

über die genügend berichtet ist. Über das zweite Argument, den Geschmack,

läßt sich nicht streiten. Es gibt Topinainburfanatiker, welche anfängliche Ab- neigung überwanden; wie ja auch die Tomate zuerst dem allgemeinen Ge-

schmack erst ungewohnt war und nicht zusagte; bis dann die Mode den Aus-

schlag gab und die Tomate aus einer Delikatesse zu einem Volksnahrungsmittel

machte.

sie mußte dem allgemeinen Geschmack, der an Hirse gewöhnt war, erst auf-

genötigt werden.

Der so fanatisch verteidigten Kartoffel ging es übrigens ganz ebenso,

Das Städtische Rieselgut Mundenhof in der Nähe von Freiburg i. B., das seit

lange n Jahre n Topinambu r baut , schreibt a m 28. 11. 46 : „Übe r unser e eigene n

Anbauerfahrungen können wir Ihnen nur berichten, daß wir den Topinambur auf geringem Boden an einem Waldrand angebaut haben, hauptsächlich als

Schweineweide für die Wintermonate. Auf besseren Böden haben wir keine

Anbauerfahrungen. Der Topinambur steht bei uns in keiner Fruchtfolge. Der

einmalige Anbau hält 10 bis 15 Jahre aus. allerdings mit Düngung, und das

Gelände wird nachher wieder zu Wiese angelegt.

Die Erträge sind nur sehr

mäßig, aber als Schweineweide im Winter für die Zuchtsauen möchten wir den

Dann läßt sich der Anbau auch auf Gelände durch-

Topinambur nicht missen.

führen, das für die meisten sonstigen Kulturarten ungeeignet ist.

Wir nützen

den Topinambur in der Weise, daß wir das Kraut reif werden lassen, um bessere

Knollenerträge zu ernten. Das dürre Kraut wird dann als Einstreu für Lauf-

ställe verwendet. In früheren Jahren verwendeten wir das Kraut auch grün zu Silofutter, sind aber zu Gunsten der Knollenerträge wieder davon abgekommen.

In unserem gesamten Anbau führen wir den Topinambur nur als Extensiv- pflanze. Es trifft aber schon zu, wie Sie ganz richtig schreiben, daß der Topin-

Er braucht für eine ganze Reihe von

ambur viele gute Eigenschaften hat.

Jahren nur einmal angebaut

Krankheiten und Schädlinge, gedeiht noch auf geringsten Böden, ist eine wert-

volle Futterpflanze sowohl in den Knollen als auch im Kraut, und die Knollen

zu werden,

ist widerstandsfähig

gegen Frost,

können sogar zu Speisezwecken verwendet werden.

Daß der Topinambur bis

heute keine weitere Verbreitung gefunden hat, dürfte seinen Grund darin

haben, daß er in normalen Zeiten eben doch nur eine Futterpflanze mit bisher

zu geringem Ertrag ist und deshalb auf besseren Böden wohl selten angebaut

wurde. Auch ist die Umstellung auf die Nachfrucht nur mit Wiese oder

Futtergemenge ohne größere Schwierigkeiten durchführbar. Daß er bei ent-

sprechender züchterischer Bearbeitung eine ganz andere Bedeutung erlangen kann, zumal in der heutigen Zeit, ist außer Zweifel. Es ist in unserer heutigen

Lage bedauerlich, daß die Topinamburpflanze nicht weiter verbreitet und da-

mit auch zu einer intensiveren Kulturart herangezüchtet würde." Ein eigent-

licher Einwand gegen die Topinambur ist in diesem Schreiben nicht enthalten.

Bei extensivem Anbau kann man auch von der Topinambur keine sonderlichen

Erträge verlangen. Ein Intensivanbau würde schnell davon überzeugen, daß

auch heute schon die Topinambur zu den Intensivkulturarten zu zählen ist; ja, sogar vielleicht die intensivste Kulturart darstellt, die wir für geringwertige,

aber auch für leistungsfähigere Böden zur Zeit haben. Ich wandte mich mit meiner Bitte um Erfahrungsmitteilung auch an die Gemeind e Sandweier . Die Gemeind e antwortet e a m 19. 11. 1946:

„Die Topinambur werden, ähnlich wie die Kartoffeln, im März, April ge- steckt. Sie gedeihen auf leichtem Boden (hier z. B. Sand- und Kiesböden) bei mittlerer Düngung ausgezeichnet. Der Ertrag bewegt sich zwischen 250 und 300 Doppelzentner pro ha. Außer dem Anhäufeln, was hier mit dem Häufelpflug

gemacht wird, bedarf die Topinambur bis zur Ernte keiner Pflege. Die Erntezeit

ist zwischen Mitte November bis Ende April, die Topinambur ist winterfest.

Zur Einlagerung eignen sich die Topinambur nicht. Sie werden hier, wenn sie

einmal dem Boden entnommen sind, innerhalb 15 bis 25 Tagen verwertet.

Bis jetzt werden die Topinambur direkt für die Ernährung, als Viehfutter und zum Brennen von Branntwein verwendet. Im russisch besetzten Gebiet

geht man jetzt zur industriellen Verwertung über. Bis jetzt soll Syrup, Marme-

lade und dergleichen daraus gefertigt werden, jedoch sind Versuche zu einer noch besseren Verwertung für die Ernährung im Gange, denn der Nährgehalt

der Topinambur ist wesentlich höher als der der Kartoffel."

Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung, früher Müncheberg, jetz t Gu t Veldagse n (Erwin-Baur-Institut ) schreib t a m 25. 11. 46 : „Di e Züch -

tung hatte bei uns sehr schöne Fortschritte gemacht und wir hatten auch zwei Stämme an Züchter abgegeben. Die große Schwierigkeit im Anbau des Topin-

ambur liegt ja in der Verunkrautungsgefahr, weil die Knollen über Winter im

Boden nicht abfrieren und bei der Ernte nicht restlos aus dem Boden heraus- geholt werden. Das Zuchtmaterial haben wir auch hierher retten können, müssen es aber zunächst einmal stark vermehren." Die angeführte Verunkrautungsgefahr ist heute kein Einwand gegen den

Anbau, sondern Symptom hochgeschätzter Vitalität.

Die Staatliche Landwirtschaftsschule in Hochburg schreibt a m 6. 11. 46 : „Die

hier gemachten Erfahrungen decken sich mit den Angaben der Literatur (An-

bau von Topinambur im Reichsnährstandsverlag und Handbuch des Hackfrucht-

und Handelspflanzenanbaues von Becker-Dillingen im Parey-Verlag er- schienen)."

Das Hamburgische Institut fü r angewandte Botanik gibt am 28. 10. 46 die Auskunft: „Der Gehalt der Topinamburknollen an Inulin und der Begleitstoffe

ist, wie auch bei anderen Kompositen (z. B. der Inula, Dahlia, Cichorium) zu

verschiedenen Jahreszeiten recht schwankend. Es kann sogar Inulin fehlen, dessen Gehalt in frischen Knollen im Herbst oft bis 12% (rund 60% in der Trockenmasse) ausmacht, und dafür Lävulin sein. Der Stärkewert der Topin- amburknollen beträgt nach neuesten Untersuchungen (bezogen auf 100 kg Trockensubstanz) bei Ochsen 67,1 kg, bei Schweinen nur 47,8 kg (Kartoffeln zum Vergleich etwa 78 kg). Fäsergewinnüng aus den Stengeln kommt praktisch nicht in Frage, ebenso-

wenig wohl die Verwendung des Krautes als Zellstoffersatz, dagegen stellt das

Kraut ja bekanntlich wertvolles Futter dar."

Das Landwirtschaf t samt Kehl schreibt am 17. 10. 46: „Es ist ein Irrtum, daß im Kreis Kehl Topinambur in größerem Maße angepflanzt wird. Die Anbau- fläche beträgt höchstens 6—7 ha. In der Hauptsache werden die Topinambur dem Vieh verfüttert. Im vergangenen Jahre haben wir sie auch als Gemüse

an die Normalverbraucher abgegeben. Selbst die Besatzungstruppen haben Topinambur als Gemüse verwandt. In geringem Maße wird Topinambur auch

zu Trinkbranntwein verwandt. Diesen Branntwein nennt man hier „Roßler".

Der Name stammt wahrscheinlich von der Bezeichnung Roßkartoffeln. Der Er-

trag je ha beträgt etwa 7,5 bis 12,5 Tonnen."

Vom Landwirtschaftsam t Lahr ging am 14. 10. 46 die Mitteilung ein: „Der

Anbau von Topinambur spielt im Bezirk des Landwirtschaftsamtes Lahr keine

große Rolle. Er beträgt nach der Kreishofkarte nur 2,8 ha. Das verteilt sich auf viele kleine und kleinste Flächen. In der Rheinebene ist der Anbau im

hiesigen Bezirk unbedeutend. Ich selbst kenne nur 2—3 Äcker. Im Schuttertal

hat beinahe jeder Hof eine kleine Fläche von einigen ar. Die Topinambur werden im März oder April geerntet und werden an Schweine verfüttert oder in obstarmen Jahren auch zu Schnaps verarbeitet. In der Kriegszeit wurden sie auch in kleinen Mengen nach Lahr gebracht und dort als Gemüse ver- wendet. — Im Landw. Lehrbuch für Baden, das vom Verein bad. landw. Öko- nomieräte herausgegeben worden ist, wird die Topinambur kurz beschrieben."

In diesem Lehrbuch heißt es: „Die Topinambur ist ein ausgezeichnetes Schweinefutter, das als Winterweide wesentlich zur Verbilligung der Schweine- zucht beitragen kann. Auch von Pferden und Kühen werden die Knollen gern

gefressen. Kochen und Dämpfen ist unrationell. In Mittelbaden werden die Topinambur vielfach zur Herstellung von Branntwein verwendet. Man erntet je Hektar 100—200 dz. Wenn die Erträge auch nicht an die der Kartoffel

heranreichen, so verdient doch der Anbau der Topinambur in futterarmen Gegenden mit seichtgründigen, steinigen oder sandigen Böden eine gewisse

Bedeutung."

Das Landwirtschaftsamt Bühl (Baden) gibt am 14. 10. 46 die Auskunft:

„Saatgut kann von hier nicht geliefert werden. Literatur über Topinambur war hier vorhanden, ist jedoch durch die derzeitigen Verhältnisse abhanden

gekommen."

Griesbeck berichtet in seiner 1943 erschienenen Schrift, daß die Süddeutsche

Zellwolle A.-G. „erfolgversprechende Versuche zur Auswertung der Topinam-

burgrünmasse für Zellwolle" laufen habe. Die Süddeutsche Zellwolle A.-G. be-

richte t a m 16. 11. 46 au f mein e Anfrage : „ — teile n Ihne n mit , da ß wi r wohl

seinerzeit Versuche über die Verarbeitung von Topinambur gemacht haben. Es bestand jedoch keinerlei Aussicht, eine wirtschaftliche Verwendbarkeit der Pflanzen durchzuführen. Die Versuche wurden deshalb wieder aufgegeben."

Dr. Oelenheinz wird von Griesbeck als „besonderer Freund und Förderer der

Topinambur schon während des letzten Weltkrieges" bezeichnet. Besonders be-

schäftigte Dr. Oelenheinz die Ausbeute auf Faser. Auf meine Anfrage ging am

2. 12. 46 ein sehr ausführlich gehaltener Brief mit Analysen ein.

dem aus dem russischen Sektor eintreffenden Schreiben:

Wenn die Topinambur immer noch nicht die ihr gebührende

Verbreitung gefunden hat, so liegt das ausschließlich am menschlichen Unver-

stand, an Voreingenommenheit und mangelnder Entschlußfähigkeit. — Ich habe

eine größere Anzahl von Leuten kennengelernt, die Topinambur von früher

kennen oder selbst pflegen. Alle sind von der Pflanze begeistert und wundern sich, daß sie sich noch nicht durchgesetzt hat. Das einzig Negative, das man anführen könnte, ist, daß die Pflanze vom Acker nicht wieder zu vertreiben

volles Interesse.

Es heißt in

„Ihr Brief hat mein

wäre. Aber das hat doch geringe Bedeutung, da man einen Wechsel gar nicht nötig hat und kommt, wenn man Ödland damit bepflanzt, überhaupt nicht in

Betracht. Ein wirkliches Hindernis bilden nur die gegenwärtig noch bestehenden

Schwierigkeiten in der Beschaffung von Saatgut, die aber immer geringer wer-

In Baden scheint es jetzt genug zu geben, so daß man nicht erst nach

Mit der Fasergewinnung bin ich schon lange zum

Ziel gekommen, wie Sie aus dem Gutachten des Hamburger Staatlichen Bota-

nischen Instituts ersehen können."

Dr. Oelenheinz skizziert weiter die großen Möglichkeiten, welche er in dem

Topinambur sieht. Nach seiner Auffassung ist die aus der Topinambur zu

gewinnende Bürsten- und Besenfaser (seines Patentes) in der Lage, die teuren

Auslandsfasern, wie Bahia, und Piassava, zu ersetzen.

Besonders vielverspre-

Frankreich zu gehen braucht.

den.

chend ist Verarbeitung auf Limonaden, Fruchtpasten, Süßigkeiten für Kinder

und Zuckerkranke, Errichtung von Konditoreien für Zuckerkranke in allen grö-

ßeren Städten. Dr. Oelenheinz schwebt eine Topinamburverwertungsgesellschaft

vor. Eine namhafte Schokoladenfabrik stellte ein Gut zur Verfügung, mußte

dann aber abwandern. —

Ich habe meinerseits Dr. Oelenheinz Erfahrungsaustausch und Arbeitsgemein-

schaft angeboten. In Hamburg ist eine Topinamburgesellschaft in Bildung be-

griffen. Vorderhand heißt es, das wenige vorhandene Saatgut zu vermehren. Dr. Oelenheinz hat sich auch an die Sächsische Landwirtschaftsverwaltung

gewandt und erhielt von dort die Nachricht: „Was die reine landwirtschaftliche

Bedeutung der Topinamburpflanze anlangt, so kann ihr deshalb noch keine Be- deutung beigelegt werden, da nicht genügend Saatgut vorhanden ist, eine fühl- bare Erleichterung in der Nahrungsproduktion herbeizuführen. Die Abteilung

Ackerbau muß deshalb von sich aus eine Propaganda für die Topinambur in

diesem Jahre ablehnen, solange nicht bestimmte Zusicherungen über das Vor-

handensein von Pflanzgut gegeben werden- können." Mit dieser Ablehnung

einer Propaganda für die Topinambur, die eigentlich die beste Propaganda für

die Anbau erweiterung des Topinambur ist, wollen wir die Reihe der Urteile aus neuerer Zeit beschließen, nicht, ohne allen, die zur Klärung der Frage nach

dem Wert der Topinambur beigetragen haben, an dieser Stelle meinen aufrich-

tigen und warmherzigen Dank auszusprechen und zu weiterer Mitarbeit auf-

zufzufordern.

Bedeutung der Topinambur für die "Kleintierzucht :

Heinrich Piehl , Otter/Osnabrück schreibt am 6. 2. 47: „Ich habe in meiner

Heimat schon immer Topinambur und mit gutem Erfolg an Ochsen und Schafe

gefüttert. Ich habe hier auch einige Schafe, Kaninchen und Meerschweine. Um meine Tiere auf kleinster Fläche besser unterhalten zu können, will ich

gerne Topinambur anbauen. Denn gerade für Kaninchen und Meerschweine ist

Topinambur ein ideales Futter. Die Tiere bekommen nie Trommelsucht und sind bei Topinamburfütterung stets in bestem Futterzustand zu erhalten. Ich

kann Topinambur allen Kleintierzüchtern auf das Beste empfehlen.

Denn in

dem Moment, wo der Kleintierzüchter Topinambur hat, hört die ewige Futter-

sorge auf, und ich kann auf der kleinsten Fläche viele Tiere ernähren, und das

ist in der heutigen schwierigen Ernährungslage von ausschlaggebender Bedeu-

tung. Es ist sehr bedauerlich, daß man unter den Kleintierzüchtern so wenig

die Topinamburfütterung kennt."

A n m er k u n g; dieser Gesichtspunkt verdient besondere Beachtung. Vorder-

hand scheint Topinambur sich mehr für den Klein- und Handbetrieb als für den mit großem Maschinenpark arbeitenden Betrieb-zu bewähren. Beachtliche, auch negativ e Urteile , au s Züchterkreisen :

Dr. agr. W. von Wiese-Gießen, schreibt am 3. 2. 47: „Ich habe in den Jahren

1928—1934 auf dem s. Z. meiner Leitung unterstellten Zucht- und Versuchsgute

Knehden, Kr. Templin/Uckermark laufende, ziemlich umfangreiche und exakt

ausgewertete Anbauversuche auch mit Topinambur gemacht und stelle Ihnen

meine Erfahrungen hiermit gerne zur Verfügung. Leider ging mein Akten-

material im Osten verloren.

Als Saatgut verwandte ich nicht nur deutsches, aus der Havelniederung ge-

liefertes, sondern ich bezog auch direkt von der Fa. Vilmorin-Paris eine franzö-

Zu gleicher Zeit begann mein ver-

sische, weißschalige Sorte zum Vergleich.

ehrter Lehrer, Herr Prof. Dr. Erwin Baur-Münchenberg, mit Topinamburver-

suchen und wir blieben bis zu seinem leider zu früh erfolgten Tode im Herbst

1934 in laufendem Austausch unserer beiderseitigen Anbauerfahrungen. Baur und ich stellten zunächst fest, daß Topinambur nich t die gesuchte

anbauwürdige Kulturpflanze für leichteste Sandböden ist: wo der Hafer nicht

mehr als Reinkultur sicher ist,

blieben die Erträge an Topinambur unte r

denen einer gelbfleischigen Spätkartoffel, selbst, wenn man Blatt- und Knollen-

ertrag zusammenrechnete. In Düngung und Pflege wurde dabei Topinambur der Kartoffel gleich gesetzt.

Die besten Erfahrungen sammelten wir auf frischen, leicht anmoorigen

Sandböden, die sogar nasser sein dürfen als es der Kartoffel und dem Sommer- getreide zuträglich ist. In Knehden hatte ich solche Ackerstellen auf einigen

Schlägen um alte Torfstiche herum. Diese mit Erlen und Weiden bestandenen

moorigen Senken füllten sich im Frühjahre durch das Schmelzwasser oft bis

zum Rande mit Wasser und der ihnen benachbarte Ackerstreifen war für Kar-

toffeln zu naß, Sommerung litt unter Ackersenf, Winterung ersoff.

Stellen, die natürlich nicht sehr umfangreich waren, bewährte sich Topinambur

als Dauerkultur vorzüglich und ergab gleichzeitig eine hervorragende Wild-

remise. Fasanen zogen sich dorthin aus der ganzen Nachbarschaft und brüteten

im Topinambur mit Vorliebe. Von solchen Stellen, auf denen Topinambur sozu- sagen als Lückenbüßer stand und die insgesamt kaum 1,5 ha umfaßten , konnte

ich in schneearmen Wintern, wie z. B. 1933/34, die ganze Schafherde, etwa 250 Muttern, durchbringen ohne weiteres Beifutter als Stroh, so daß nur etwa 20—25

Tage des Winters für reine Stallfütterung übrig blieben. Die Topinambur- streifen wurden zu diesem Zwecke einfach mehrmals durchgegrubbert und die

Schafe in den Mittagstunden darauf gehütet. Auch Pferde fraßen die Topinam-

burknollen gern (in Baden werden sie ja „Roßäpfel" genannt) und vertrugen

An diesen

sie gut bis zu 10 kg/Kopf als Abendfutter gegeben.

Knollen erst nach einiger Gewöhnung.

Topinambursilage wurde von

allen

Tieren

gern

Das Milchvieh fraß die

genommen, wenn

durch

Silosäurezusatz und besonders sorgfältiges Festtreten die bei Topinambur be-

sonders

wurde.

stark

beobachtete

Neigung

zu

Schimmelpilzbildung

hintangehalten

Als menschliches Nahrungsmittel haben wir in Knehden Topinambur ver-

schiedentlich versucht, aber keinen besonderen Geschmack daran gefunden:

stärkerem Genuß folgte mitunter Laxieren. Man wird dem wahrscheinlich aus dem Wege gehen können durch Weggießen des Brühwassers, aber damit werden

bei der Knolle, die so leicht lösliche Kohlehydrate enthält wie Topinambur, wohl

erhebliche Nährwerte und alle biologische Wirkstoffe fortgeschüttet.

Nun zur Frage der Rentabilitä t unter den bisherigen PreisVerhältnissen

und ohne die Annahme eines Verkaufes als

Pflanzgut:

Im ganzen gesehen

scheint mir die Wirtschaftlichkeit des Topinamburanbaues — von Spezialfällen

abgesehen — nich t heranzureichen an den des Pflanzkartoffelanbaues, ins- besondere nicht auf größere Flächen. Unser Anbau in Knehden erreichte mit

einem Schlage von ca 4 ha Größe seinen Höchstumfang. Trotzdem diese

Topinamburfläche bei einer Gesamtfläche ldw. Nutzung von ca. 250 ha, einem

Hackfruchtanbau von insgesamt 55 ha, anteilig doch noch recht gering war,

wurde dieser Topinambur doch als recht unbequem empfunden! Der Stärke-

wertertrag (Kraut plus Knollen) lag zwar etwa 33 % über demjenigen der Spät-

kartoffelschläge, er verursachte aber weit größere Wirtschaftliche Umstände und

Arbeitsaufwand als diesem Mehrertrage entsprach.

Schnitten wir das Topinamburkraut nach Schluß der Getreideernte, vor Be-

ginn der Ernte der mittelspäten Kartoffelsorten, so hatten wir zwar eine recht

schöne Silage, aber die Knollenerträge des Topinambur erreichten nur die Hälfte

derjenigen der Kartoffeln. Schnitten wir das Kraut während der Hackfrucht- ernte, so erhöhten wir damit unliebsam die bereits vorhandene größte Arbeits- spitze, schnitten wir erst am Ende der Hackfruchternte, so war inzwischen ein Teil der Blätter durch Alter und Frühfröste schwärzlich geworden und entwertet.

Die Einte der Topinamburknollen selbst erwies sich als viel zeitraubender als diejenige der Kartoffeln, weil das sehr starke Wurzelwerk der ja winter-

harten Topinambur nicht verrottet wie bei der Kartoffel, so daß die Knollen

einzeln aus dem" dichten Wurzelwerk herausgepflückt werden mußten, sofern

sie nicht an bis zu 50 cm Stolonen wiederum zu weit ab vom Stock lagen. Aus

letzterem Grunde und wegen der vielen kleinen und länglichen Knollen sind

auch die Verluste beim Maschinenroden oder Auspflügen noch weit größere als bei Kartoffeln.

Soll der betr. Topinamburschlag als Dauerkultur betrieben werden, so er-

fordert es auch viel Fingerspitzengefühl dafür, wieweit man mit der Knöllen-

entnahme und dem Nacheggen gehen darf, ohne einen lückigen Bestand im

nächsten Jahr zu riskieren.

Die von Griesbeck angegebenen Ertragszahlen für Topinambur — auch hin-

sichtlich des Eiweißertrages — erscheinen mir nach meinen Erfahrungen als zu

hoch gegriffen, die Hohenheimer Angaben stimmen eher und betreffen sicher- lich keinen armen Boden.

Auch wir in Knehden haben Eiweißbestimmungen am frischen Kraut und an der Silage durchgeführt, sie lagen erheblich höher als bei Kartoffeln, es

erwies sich aber auch als sehr schwierig, und für die Ergebnisse ausschlaggebend,

daß eine richtig e Durchschnit t s prob e gezogen wurde, weil die be- sonders eiweißreichen Blätter gewichtsmäßig stark zurücktreten im Gesamt-

material, bei der Probenahme aber leicht ohne jede Absicht gegenüber den

spezifisch schwereren, runden und holzigen Stengelteilchen bevorzugt gegriffen

werden. Die starke Verholzung des Topinamburstengels, insbesondere bei Spät- ernte, läßt einen erheblichen Teil der chemisch ermittelten Stärkewerte als

schwer oder unverdaulich vermuten. Exakte Versuche müßten also auch Vef-

daulichkeitsversuche umfassen. Griesbeck gibt die Vergleichserträge für Zucker-

rübenblatt m. E. zu niedrig an. Nach Berger, Tagesfragen der ldw. Praxis, liegen

diese bei 3,4 dz Eiweiß und 24 dz Stärkewert/ha. Daß in Frankreich der Anbau von Topinambur ein recht ausgedehnter ist,

hängt wohl mit den milderen Wintern zusammen, die ebenso wie das in Süd-

deutschland der Fall sein dürfte, das allmähliche Aufnehmen der Knollen in frostfreien Zeiträumen gestatten.

Daß sich die Topinamburknollen in den Mieten schlecht halten, ist wohl eine

bekannte Tatsache, die auch dort leichter genommen, bzw. umgangen wird, wo

sich infolge lascher Winter auch die Kartoffel im Winterlager nicht besonders

Der Topinamburanbau in Frankreich und Süddeutschland wird

wohl auch ursächlich mit dem Bedarf als Rohmaterial für die Branntweinher-

stellung zusammenhängen; denn, das Topinambur-Inulin zerfällt leicht .in den für die Branntwein- und Likörbereitung so wichtigen Invertzucker.

In Knehden gab ich 1934 die Anbauversuche mit Topinambur auf, weil die

Hoffnung nicht zutraf, eine ertragreichere Kulturpflanze für den leichtesten

Sandboden gefunden zu haben und weil die züchterische Bearbeitung des Topinambur für mich nicht mehr in Frage kam, nachdem diese in Müncheberg auf breiter Basis von einem Mitarbeiter Prof. Baur's aufgenommen worden war.

Da der bei Topinambur so besonders gerühmte Eiweißertrag vorwiegend in den Blättern, also als Viehfutter in Erscheinung tritt, glaube ich meinerseits

Mark -

einem

an

stammkoh l das Wort reden zu sollen.

sein, daß in den niederschlagsreicheren Westgebieten Deutsch-

gesund erhält.

Stelle

Es mag

von

ja

Topinambur

eher

verbreiteren

Anbau

von