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PURCHASED FOR THE

UNIVERSITY Ol- TORONTO LIBRARY

FROM THE

CANADA COUNCIL SPECIAL GRANT

FOR

LINGUISTICS

Bibliothek

der ältesten

deutschen Litteratur-Denkmäler.

I. Sand.

IJlfilas oder die uns erhaltenen Denkmäler

der gothischen Sprache.

Paderborn,

Verlag von Ferdinand Schöningh.

1865.

ILFILAS

oder

die uns erhaltenen Denkmäler der gothischen

Sprache.

Text, Grammatik und Wörterbuch.

Bearbeitet und herausgegeben

von

Friedrich Ludwig Stamm,

Pastor zu St. Lndgeri in Helmstedt.

Dritte -A-iaflage,

besorgt von

Dr. Moritz Heyne,

Docenten an der TJiiiversität zu Halle.

-r'

Paderborn,

Verlag von Ferdinand Scböningh.

1865.

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I n h. a 1 1.

 

Seit«

Vorrede

,,

"VII

Einleitung

XII

Gothisclier Text:

Neuer Bund

1

Alter Bund

199

Skeireins

205

Gothisclier Kalender

211

Neapolitanische und Aretinische Urkunde

212

Gothische Grammatik:

Lautlehre

215

Formenlehre

223

Wortbildung

258

Syntax

262

Wörterbuch

-

285

Nachtrag

386

Yorrede zur ersten Auflage.

Uie günstige Aufnahme meiner i. J. 1851 erschienenen Vor-

schule zu Ulfila hat mir Muth gemacht , eine bequeme Hand-

ausgabe aller gothischen UebeiTeste sammt dem nöthigsten Appa-

rate dazu zu veranstalten.

Der Text stützt sich auf das von der

Gabelentz-Loebesche Meisterwerk über Ulfila (1843), ver-

glichen mit der neuesten Ausgabe desselben von Massmann (1857),

und auf Uppström's (1855) genauen Abdruck der silbernen

Handschrift.

Die angefügten Lesarten geben jeden Unterschied

der genannten Ausgaben, sowie die von Massmann diu'ch Ein-

klammern ausgedrückte Texteski-itik. Die Grammatik geht weiter

als bei Massmann, der nur die Flexionslehre giebt, und enthält

sowohl noch Andeutungen aus der Wortbildungslehre als die

Hauptsätze der Syntax. Das Wörterbuch bestrebt sich mög-

lichster Kürze und will eigentlich nur dem ersten und nächsten

Bedürfnisse dienen. Die mit Sternchen versehenen Wörter kommen

in ihrer einfachen Gestalt bei Ulfila nicht vor; was bei zusam-

mengesetzten rücksichtlich ihrer Flexion, namentlich der Haupt-

zeiten der Verba vermisst wird,

ist

bei

den

einfachen nachzu-

sehen. Die Bezeichnung Fremdwort ist meist nur beigesetzt,

um auf die Declinationsart hinzuweisen.

verweisen auf die Lesarten ; Zusätze sind eingeklammert mit der-

Sternchen im Texte

selben Unterscheidung wie in den Lesarten,

besondei-s bemerkt.

oder sie sind doch

Die Bezeichnungen der Skeireins beziehen

sich auf Massmanns Herausgabe derselben v. J. 1834, und zwar

in den üeberschriften die römischen Ziffern auf die einzelnen un-

zusammenhängenden Fragmente, die Buchstaben am Rande aber

VIII

Vorrede.

auf die Eintheilung der „Aufstellung des alten Textes nach den Handschriften", und die arabischen Zahlen endlich auf die Seiten

der „Herstellung" desselben. Nach beiden Bezeichnungen wird

vielfach citirt.

In dieser Weise, hoffe ich, dürfte diese wohlfeile Ausgabe des ältesten classisch-deutschen Werkes namentlich ftir höhere Schulen

und

für Studirende brauchbar sein, weil sich in compendiöser

Form alles das darin beisammen findet, was zur ersten Vorberei-

tung und Uebung erwünscht sein kann, ohne den Lehrer irgend-

weiter aber wollte ich damit auch allen denen

wie zu beengen;

einen Dienst erweisen, die eine tiefere Kenntniss ihrer Mutter- sprache anstreben oder an den Tönen der Vorzeit unserer Sprache sich erfreuen möchten, ohne gerade gelehrte Studien damit ver-

binden zu wollen,

und so auch ohne Lehrer ihnen in dieser Ar-

beit einen leicht verständlichen und zureichenden Führer anbieten.

Wenn aber diese Ausgabe noch unmittelbar nach der Mass- mann' sehen erscheint, so glaube ich, abgesehen davon, dass sie

vorbereitet war, die Aufgabe derselben doch anders aufgefasst und

namentlich auch weitere Kreise berücksichtigt zu haben.

Sodann

störte mich dort auch Manches, was ich noch kurz erwähnen will Die mit Recht verlassene Auflösung der gothischen Doppelbuch-

staben wird unnöthig wieder hergestellt, wodurch der Druck ver- breitert und die Uebersicht erschwert wird, die Wortzusammen-

Die Accentuirung von

die meisten go-

thischen Wörter bald erlernt, für andere wenige und namentlich

für Fremdwörter doch oft zweifelhaft und von Massmann auch

zum öftern falsch angesetzt. Die durchgängige Längenbezeichnung

Die vielen im Texte stehen ge-

von e und o ist ganz überflüssig.

ai und au haben die Handschriften nicht, ist für

setzung aber nicht so augenfällig bleibt.

bliebenen und nicht angezeigten Druckfehler sind auch eine unan-

genehme Beigabe und rechtfertigen Zweifel über Angaben in den

Anmerkungen.

Mein Wunsch ist, dass diese kleine Arbeit ihren Zweck nicht

verfclilen und wenn auch nur in etwas beitragen möge, die Liebe

zur Sprache Ulfila's in immer weiteren Kreisen zu fördern.

Helmstedt, im Februar

1 858.

St.

Vorrede zur dritten Auflage.

IN ach dem im Jahre 1861 erfolgten Tode des Herrn Ver- fassers hat der Herr Verleger die Besorgung der dritten Auflage des vorliegenden Buches meinen Händen anvertraut. Ich habe dem- gemäss den gothischen Text einer sorgfältigen Revision unterwor-

fen, und, was zunächst die Evangelien betrifft, die in Uppströms

Ausgabe des Codex Argenteus zu Tage getretenen Resultate einer genauen und sorgfältigen Lesung so verwertet, wie dieselben es verdienen, wobei auf die im Jahre 1860 gegen Uppström erschie-

Eine Nachschrift zu

von Dr. H. C. v. d. Gabelentz und

der Ausgabe des Ulfilas

nene Schrift: „Uppströms Codex Argenteus.

Dr. J. Lobe" überall keine Rücksicht zu nehmen war.

Die pau-

linischen Briefe, sowie die Fragmente des alten Testamentes an-

gehend, so konnte der Text dieser Auflage Verbesserungen und

zum Teil höchst wesentliche durch neue Lesarten bringen, deren

Anzahl ich auf gegen hundert und fünfzig schätze.

Diese Lesarten

sind ein Teil derer, die sicli Uppström bei der erneuten Verglei-

chung der Codices in Mailand und Rom ergaben , und deren Ge-

sammtheit er in seiner bereits begonnenen, nun durch den Tod

vielleicht auf Jahre hin gestörten Ausgabe der paulinischen Briefe

veröffentlichen wollte.

Was ich hier davon gebe, w^ar teils be-

kannt dui'ch zwei Aufsätze Tj. Meyers ,,über das deutsche, insbe-

sondere gothische Adjectivum" (Germania IX. 137 145), und

„über den handschriftlichen Text der gothischen Uebersetzuug des Briefes an die Römer" (Germania X. 225 236), sowie durch

dessen Vorti'ag ,,über Uppströms neueste Mitteilungen aus den italienischen Handschriften des Ultilas'', gehalten in der gcrmani-

X

Vorrede.

stischen Section der Pbilologenversammlung zu Hannover am

28. September 1864, über welcben ein ausfübrlicbes Referat in

der Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien, 15. Jahrgang

S. 862 ff. aus der Feder von J. Petters in

Leitmeritz sich befin-

det; teils bin ich aber auch durch die zuvorlcommeude Freund-

lichkeit des Hrn. Prof. Franz Pfeiffer in Wien in den Stand ge- setzt worden, eine Reihe von 94 Lesarten benutzen zu können,

die ein von Uppström an denselben gerichteter Brief vom 30. Juli

1864 enthält.

Ist

auf diese Weise dem Buche in seiner jetzigen

Gestalt eine dankenswerte Vervollkommnung zu Teil geworden, so muste dennoch andrerseits hinsichtlich der zahlreichen noch

dunklen Stellen, über die die Uppströmschen Mitteilungen nichts enthalten, der Herausgeber in eine Unsicherheit kommen, die von

jeder zu versuchenden Conjectur vollständig absehen liess. Wer

wüi'de sich mit einer solchen auch hervorwagen, wenn

er sieht,

wie wenig er sich auf die Castiglionisclie Lesung verlassen kann,

wenn er gar war nimmt, wie üppströms scharfes und geübtes Auge

gänzlich verschiedene Worte fand von denen, die man bis jetzt als

dastehend angenommen hatte (Rom. XI. 1. arbja statt managein;

Col. in. 14. ainamundipos statt ustauhtais;

1. Tim.

IL 2. ald

Möchte die Uppströmsche Ausgabe der paulinischen

Briefe, für die auch die gegenwärtige Ausgabe ein Zeugnis ihrer

absoluten Unentbehrlichkeit ablegt, nicht zu lange auf sich warten

lassen.

Der Wiederabdruck der Skcireins nahm auf die Ausgabe von

Uppström (Fragmenta gothica selecta ad fidem codicum Ambrosia-

norum Carolini Vaticani edidit A. U., Upsaliae 1861) die gebüh- rende Rücksicht.

statt los etc.).

Die Lesarten ,

die

in

der ersten Auflage hinter dem Texte

zusammen gestellt waren, sind in dieser unter denselben gebracht

worden, wodurch zugleich die störenden Sternchen , die dem Texte

früher beigegeben waren, in Wegfall kamen.

Die Gabelentz-Löbe-

schen Lesarten sind unter dem Zeichen L. vollständig aufgeführt,

die Massmannschcn (31.) nur in einer sehr kleinen Auswahl.

Was die dem Texte folgende Grammatik angeht, so empfahl

es

sich ,

sie

vorläufig noch in der Gestalt ,

in der sie einmal er-

schienen, beizubehalten.

Abänderungen.

Sie enthält daher nur geringe sachliche

Das Wörterbuch ist um die neu cutdeckten gothischen Wör-

Vorrede.

XI

ter bereichert, denen die Belegstelle beigeschrieben ist. Ein Nach- trag dazu stellt diejenigen Wörter zusammen, die als auf falschen

Lesarten beruhend, nunmehr aus den gothischen Wörterbüchern zu

Streichen sind.

Halle, 8. October 1865.

^

iTIoritz Heyne.

Einleitung.

Alle europäischen Völker und Sprachen weisen nach Mittel-

In jener vor

asien, der Wiege des Menschengeschlechts, zurück.

aller beglaubigten Geschichte liegenden Zeit, in welcher unsere Ur- väter in Asien, etwa um den Himalaja herum sassen, hatten alle, so viele zu derselben Familie gehörten , aucli nur eine Sprache.

Ein unerklärlicher Wauderzug, vielleicht durch Ueberfüllung, Un-

einigkeit und Kriege veranlasst, trieb sie nach Westen hin, und

von immer nachrückenden Scharen gedrängt und geschoben langten

sie in Europa an,

das sie nach und nach erfüllten.

Ihre vielleicht

Jahrtausende fassende Bewegung gelangte erst hier zu Anfange un-

serer Zeitrechnung mit der s. g. grossen Völkerwanderung zum

Abschlüsse.

und weiten Reise sich gewandelt liabeu!

Um Ziel und Ausgang dieser grossen Wanderung mit einem

Namen zu fassen, nennt man die hierher gehörenden Völker und Sprachen den indogermanischen (vergl. d. A. in der Real-Ency-

Wie mussten Völker und Sprachen auf dieser langen

klopüdie von Ersch und Gruber) oder wohl richtiger den indo- europäischen Volks- und Sprachstamm. Der in Indien zurück-

gebliebene Theil erfüllte die weiten Gefilde Indiens und Persiens,

sprachlich als Sanscrit und Zend. die europäische Abzweigung aber

zerfällt wieder in mehre grosse Familien, die alle, wie sie gleichen

Ursprunges sind, so auch in bald näherer bald entfernterer Ver-

wandtschaft zu einander stehen.

Die hierher gehörenden Sprachen sind

1.

im

Süden

und Westen

die griechische

und

lateinische

Sprache mit ihren neugriechischen und romanischen Weiter-

bihlungen,

2. im Nordwesten die keltische Sprache, früher von weitester Ausbreitung, jetzt hauptsächlich nur noch in Irland und Schottland,

Einleitung.

XIII

im Osten die lithauische und slavisclie Sprache in Theilen

von Preussen, Russland und Oesterreich, endlich

4. die Sprache der germanischen Völker im Herzen aller dieser

3.

Sprachgebiete.

Je weiter zurück wir diese Sprachen verfolgen, desto ähn-

licher werden sich Griechisch und Lateinisch. Slavisch und Ger-

einer uns nicht mehr

manisch, bis sich alle zuverlässig,

erreichbaren Periode decken.

Unter den germanischen Sprachen steht das Gothische obenan

sowohl durch sein Alter wie durch seine früh erlangte Vollkom- menheit, und ist eben desshalb von unschätzbarer Wichtigkeit für

alle germanischen Sprachzweige. Leider ist dasselbe aber auch schon früh so gänzlich untergegangen, dass keine lebende Spur seines Daseins in s. g. Töchtersprachen von ihm übriggeblieben

An das Gothische reihet sich als germanischer Dialekt das

aber in

ist.

Altnordische, aus dem wir, wiewohl von späterer Aufzeichnung,

unter anderem die Edda besitzen, die mit einzelnen Liedern bis

in das achte Jahrhundert zurückgeht.

Töchter desselben sind das

jetzige Dänische, Schwedische und Isländische.

Dem Gothischen

viel näher stehen eines Theils das Niederdeutsche der alten Sach-

sen, Angeln und Friesen, aus welchem unter romanischem Einflüsse

das Englische, auf dem Festlande das Mittel- und Neuniederlän-

dische sich gestalteten, anderen Theils das Althochdeutsche der

Stämme am-obern Rhein und an der Donau mit seinen Weiter-

bildungen, dem Mittel- und Hochdeutschen.

Wäre das Gothische für uns verloren gegangen,

so würde

allen diesen germanischen Sprachen die sichere historische Unter-

lage fehlen, ja es besteht

darin, dass

zu ersetzender Verlust

von den gothischen bis zu den ältesten anderen ger-

schon ein nicht

manischen Denkmälern eine Lücke von beiläufig drei bis viertehalb

Jahrhunderten ohne irgend ein schriftliches Denkmal offen liegt. Das

Gothische ist der um so viel ältere und überhaupt der älteste ger-

manische Dialekt, von welchem wir gleichzeitige Schriftstücke auf-

zuweisen haben, und somit der eigentliche Ausgangspunkt und eine

wahre Leuchte für alle germanischen Dialekte, insbesondere aber

für das Hoch- und Niederdeutsche mit ihren Nebenzweigen. Ur-

sprünglich war es die Gesammtsprache aller östlichen Germanen,

der Gothen, Gepiden, Heruler, Vandalen, Quaden, Ba-

starn er, die sämmtlich seit ihrem Eintritte in Europa vom Cas-

pischen Meere bis zu der Ostsee sassen, nachher zum Theil aber

und insbesondere die Gothen nach den südöstlichen Provinzen des römischen Reiches vordrangen und vom dritten Jahrhunderte ab mit den Römern erbitterte Kriege führten. Das Gothenvolk schied sich schon damals in Ost- und Westgothen. Die Ostgothen waren

die mächtigeren; die Westgothen, auch die kleineren genannt,

sassen zur Zeit, wo sie in die Geschichte eintreten, an der Ostsee

zu beiden Seiten der Weichsel, erhielten aber, nachdem sie immer

XrV

Einleitung.

weiter südlich vorgedrungen waren, bald nach der Mitte des vier-

ten Jahrhunderts Aufnahme im römischen Reiche und Hessen sich

in Mösien am Fusse des Hämus nieder.

Unter diesen letzteren lebte Ulfilas. üeber Herkunft,

Leben, Lehre und Wirksamkeit dieses Mannes waren bisher nur

spärliche und zum Theil widersprechende Nachrichten auf uns ge-

durch eine auf der Pariser

Bibliothek aufgefundene alte gleichzeitige und durch G, Waitz

(Ueber das Leben und die Lehre des ülfila, Hannover 1840)*)

erläuterte Handschrift wesentliche Berichtigung und Erweiterung

gefunden haben. Hiernach wurde Ulfilas, da er im siebenzigsten Lebensjahre

381 nach Christus starb, im Jahre 311 geboren, als die Gothen

noch jenseit der Donau in den Dacischen Provinzen sassen. Dazu

erzählt Philostorgius. ein aus Kappadocien gebürtiger gleicli-

zeitiger Schriftsteller: als die Gothen unter Valerian und Gallien

i. J. 258 u. ff. Asien, das damals grösstentheils christlich war, ver-

heerten, fülirten sie aus Kappadocien und Galatien zahlreiche Ge-

fangene mit sich fort, unter denen viele Geistliche waren. Diese bekehrten eine grosse Zahl der Barbaren zum Christenthum.

Unter diesen Gefangenen, fährt Philostorgius fort, befanden sich auch Ulfilas' Vorfahren, die früher in Kappadocien in dem

Flecken Sadagolthina nahe bei der Stadt Parnassus wohn-

ten. Die Familie Ulfilas' hatte schon sechszig Jahre unter den Gothen gelebt, als dieser geboren wurde, und es war daher ganz

natürlich , dass er gothischeu Namen erhielt und ihre Sprache er-

kommen, die

indess erst jüngst noch

lernte.

Nachdem er sich ausgebildet und bis in sein di-eissigstes

Jahr als Lector unter seinem Volke gelehrt hatte, wurde er ums

Jahr 341, als Kaiser Constantin bereits gestorben war und sein Sohn Constantius im Orient herrschte, zum Bischof geweihet, und wahrscheinlich gehörte er, wenn nicht fi-üher, doch schon von

für den er sein ganzes Leben

dieser Zeit ab dem Arianismus an,

lang und bis in den Tod wirkte. Sieben Jahre lang hatte Ulfilas

jenseit der Donau als Bischof gelebt,

da zwang ihn eine wie es

scheint vom Gothenfürsten Athanarich ums Jahr 355 ausgegangene

Christenverfolgung mit einem grossen Theile seines Volkes Schutz bei Constantius zu suchen, mit dem er wahrscheinlich schon

früher in Berührung gekommen war, und erhielt von diesem für sich und die Seinigen Wohnsitze südlich von der Donau in den

Gebirgen des Hämus.

Hier, innerhalb des römischen Reiches,

wirkte Ulfilas noch drei und dreissig Jahre, wobei namentlich her-

vorgehoben wird, dass er griechisch, lateinisch und gothisch

predigte, und dass er in den drei Sprachen mehre Abhandlungen und viele Uebersetzungen, Anderen zum Nutzen und zui' Erbauung,

*) Berichtigt von W. Bessel: über das Leben des Ulfilas und die Be-

kehrung der Gothen zum Christenthum. Göttingen 1860.

Einleitung.

XV

sich

Constantinopel, wohin er auf Befehl des Kaisers in Keligions-

augelegenlieiten sich begeben hatte, und starb daselbst um die

Mitte "des Jahres 388 in seinem siebenzigsten Lebensjahre.

aber zu ewigem Eulime

liinterliess.

ülfilas erkrankte zn

Das Interesse, welches sich für uns lioutiges

Tages an den

Namen Ulfilas knüpft, beruhet zumeist darauf, dass er es war,

der nach dem Zeugnisse des Älterthums seinem Volke die heilige Schrift in die heimische Sprache übertrug. Noch im 9. Jahrhun-

dert, wie Walafrid Strabo berichtet, waren Exemplare dieser

Uebersetzung vorhanden; seitdem verschwindet die Kunde von ihr.

Was später und selbst in unseren Tagen davon wieder aufgefunden

wurde, ist zwar bei weitem nicht Alles, abei- doch genug, um dar-

"Wie wichtig diese

aus die Sprache vollkommen kennen zu lernen.

aber für die gesammte germanische, insbesondere aber deutsche

Grammatik sei. ist allgemein anerkannt.

Die uns jetzt zugänglichen gothischen Ueberreste sind:

1.

die silberne Handschrift zu üpsala in Schweden.

Sie

wurde, wie angenommen wird, gegen Ende des fünften oder zu

Anfange des sechsten Jahrhunderts, als die Ostgothen in Italien

herrschten, geschrieben, kam nach unbekannten Schicksalen, viel-

leicht durch Vermittlung Karls des Grossen, der in Spanien die Gothen bekämpfte, oder durch den h. Ludgerus, der zwischen

den Jahren 782 und 785

sich in Italien aufhielt, nach Werden

an der Ruhr, einer Stiftung eben dieses h. Ludgerus, und wurde

daselbst in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts auf-

gefunden und alsbald für die so lange als verloren geglaubte go-

Der unruhigen Zeiten wegen

noch im selben Jahrhunderte nach Prag gebracht, fiel sie eben

dort, als die Stadt i. J. 1648 von Königsmark erobert wurde, den

Schweden in die Hände und wurde nach Stockholm gesandt;

nochmal von hier nach Holland verschleppt, kaufte sie der schwe-

dische Reichskanzler Graf de la Gar die für 400 schwedische oder 600 deutsche Reichsthaler wieder an, liess sie in Silber einbinden

und schenkte sie i. J. 1669 der Universität zu Upsala, wo sie sich noch befindet. Die ganze Handschrift ist auf dunkelrothes oder Purpurpergament mit Silberbuchstaben geschrieben; nur die drei

ersten Linien der Evangelieneingänge, die Anfangsworte gewisser

Sectionen, in welche die Uebersetzung statt unserer Kapitel und

Verse eingetheilt ist, ebenso der Eingang des Vater unser, und

zwar allemal bis zum Schlüsse der Linie, sind in Goldbuchstaben. Sie enthäft übrigens nur die Evangelien, und auch diese bei wei-

tem nicht vollständig; von 330 Blättern, aus denen ursprünglich

tliische Bibelübersetzung anerkannt.

die Handschrift bestand, sind jetzt nur noch 177 übrig.

2.

Der Codex Carolinus auf der Bibliothek zu Wolfen-

büttel, gleichfalls auf Pergament und etwa um dieselbe Zeit wie

der Silbercodex in Italien geschrieben, aber später mit einem an-

deren Werke überschrieben. Vom Kloster Weissenburg im

XVI

Einleitung.

Elsass, WO derselbe ursprünglich war, kam er über Mainz und Prag endlich in die Hände Herzog Anton Ulrich 's, der ihn

i. J. 1699 der Wolfenbüttler Bibliothek übergab.

Abt Knittel

entdeckte darin i. J. 1756 die vier gothischen Blätter mit Bruch- stücken des Römerbriefs zwischen dem 11. 15. Kapitel und machte sie 1762 bekannt.

3. Fünf gleichfalls überschriebene Pergamenthandschriften der

Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand, sämmtlich aus dem

Kloster Bobbio in Ligurien stammend und zur Zeit der Gothen-

herrschaft in Italien geschrieben.

Sie enthalten, was wir von den

Paulinischen Briefen besitzen, Fragmente aus Matthäus, Nehe-

mias, Esdras, einen Tlieil eines gothischen Kalenders und

die von Massmann Skeireins betitelte Erklärung des Johan-

nes-Evangeliums, von der indess drei Blätter auf der Vati-

canischen Bibliothek in Rom sich befinden.

Handschriften wurde vom Bibliothekar, s])ätern Cardinal Angele Mai aufgefunden und von diesem und dem Grafen Castiglione,

Das Gothische dieser

meist von letzterem, seit 1819 durch den Druck bekannt gemacht.

4. Zwei lateinische Verkaufsurkunden auf Papyrusblättern.

Unter einer derselben, die jetzt zu Neapel auibewahrt wird, legen

vier,

unter der andern, die

früher in Arezzo war,

jetzt aber

wieder vermisst wird, legt ein gothischer Geistlicher mitten unter lateinischen Zeugenunterschriften Zeugniss in gothischer Schrift und

Sprache ab. Endlich 5. eine Salzburger Pergamenthandschrift des 9. Jahrhun- derts, die jetzt zu Wien aufbewahrt wird, in welcher das gothische

Runenalphabet und mehre "Wörter und Buchstabennunmiern sich

verzeichnet finden, die grösstentheils aus dem 5. Kapitel der Ge-

nesis, doch auch aus Lukas, aus Ezcchiel und vielleicht auch

aus den Büchern der Maccabäer entnommen sind. So wichtig die Notizen dieser Handschrift auch in mehrfacher Hinsicht sind,

so ist doch durch sie der eigentliche Text nicht erweitert worden.

Dies sind die uns erhaltenen Denkmäler der gothischen

Sprache und zugleich die Fundamente, auf denen Männer wie

Grimm u. a. das Gebäude unserer neuen deutschen Sprachwissen-

schaft aufgeführt haben.

Durch sie, und namentlich seitdem auch

Bopp den Zusammenhang der abendländischen Sprachen mit dem Sanscrit nachgewiesen hat, ist für die Geschichte unseres Volkes

und für das Verständniss unserer Sprache ein Hintergrund gewon-

nen,

der bis tief nach

rückweist.

Osten und

bis zu den fernsten Zeiten zu-

NIUJA TRIGGVA.

Der neue Bund.

Aiyaggeljo |)airh Ma{){)am.

3. KAPITEL.

11 Al)J)an ik in vatin izvis daupja, ij) sa afar mis gagganda sviuj)0za mis

ist, I)izei ik ni im vairts, ei auahneivands andbindau skaudaraip

skohis is; sah Iian izvis daupeij) iu ahmin veihamma.

5. KAPITEL.

8 Audagai I)ai hraiiijahairtans, unte Iiai gut gasaihvand.

15 ak ana lukarnastatin, jah liuhteilj allaim |)aim in I)amma garda. 16 Sva liuhtjai liuba]) izvar in audvairloja manne, ei gasailivaina izvara

goda vaurstva jah hanhjaina attan izvarana ^sma iu himinam.

17 Ni hugjail), ei qemjau gatairan vitoj^ ail)t)au praufetuus; ni qam ga-

tairan, ak usfulljan.

18 Amen auk

qi^ja izvis: und Iiatei usleil)ilj

himins jah airj)a, jota ains

ail)l}au ains striks ni usleil^ij) af vitoda, unte allata vairt)il).

19 II) saei nu gatairil) aina anabusne Iiizo minnistono jah laisjai sva maus,

miunista haitada in {)iudangardjai himiue; i{) saei taujil) jah laisjai sva, sah mikils haitada in Inudangardjai himiue.

20 Qil)a auk izvis, Jiatei nibai managizo vairjjil) izvaraizos garaihteins I)au

I)ize bokarje jali Fareisaie, ni I^au qimijj in Jiudangardjai himiue.

21 HausideduJ), I)atei qijiau ist {)aim airizam: ni maurjrjais ; i^j saei maur-

Jn-eil), skula vairjjilj stauai.

22 AJ)I)an ik q\])a, izvis, I)atei hvazuh modags brojjr seinamma svare, skula

vairlnl) stauai-, if) saei qil)il) hvo^v seinamma raka, skula vairt)il) gaqumljai; al)l)au saei qil)il) dvala, skula vairl)il) in gaiainnan funins.

23 Jabai nu bairais aibr tieiu du hunslastada jah jainar gamuneis, I^atei

broI)ai' J)eins habalj) hva bi t)uk,

Ueberschri/t nach Uppsiröm; L. Mat|iaiu, welche Ueberichrift Cod. Ambr. gewährt.

in. 11.

aus Skeire ns III. d.

V. 8. aus Skeireins VI. d. 15. hier beginnt C.-A. Iukarnastal)an

L.

liuteiji C.-A. L.

garda]

radiert. 19. sah miauista L.

razna L.

17.

ei

ik

qemjau L. ik oder ui hat einst in C.-A. gestanden, ist aber

4

Matthäus 5, 24 45.

24 aflet jainar \w giba I)eina in andvairj)ja huuslastadis jah gagg faurl)is

gasibjon broj^r {jeinamma, jah bil)e atgaggands atbair I)0 giba t)eina.

25

Sijais vailahugjands andastanin Ijeinamnia sprauto, und Jjatei is in viga

mil) imma, ibai hvan atgibai I)uk sa aadastaua stauin,

jah sa staua

J)uk atgibai andbahta jah in karkara galagjaza.

26

Amen qil)a I)us:

ni usgaggis jainln-o,

unte usgibis Jiana minnistau

kintu.

27

Hausidedul), {latei qiljan ist: ni horinos.

28

AHiau ik qil^a izvis, I)atei hyazuh saei saihvij) qiuou du luston izos, ju

gahorinoda izai in hairtin seinarama.

29

II) jabai augo ]}em Jjata taihsvo marzjai I)uk,

usstigg ita jah vairp af

I)us;

batizo ist auk \ms,

ei fi-aqistnai ains IiJ)ive ^einaize jah ul al-

lata leik I)eiu gadriusai in gaiainnan.

30

Jah jabai taihsvo Jjeina handus marzjai I)uk, afmait Jio jah vairp af

I)us;

batizo ist auk Jjus,

ei fraqistnai ains liliive