Sie sind auf Seite 1von 10

Durch Wände und Kleider sehen

Der jetzt heiß diskutierte "Nacktscanner" ist eine Technik, die von
der Bundesregierung und der EU schon seit Jahren gefördert wird

Zwar beteuert Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, er sei gegen den


Einsatz der Durchleuchter an Flughäfen. Gleichzeitig fördert jedoch
die Bundesregierung die Entwicklung dieser Technik mit EUR 29
Millionen. Ein bisschen viel für eine Technik, über die behauptet
wird, man wolle sie nicht einsetzen. Nicht einzelne, enthemmte
Wissenschaftler forschen im Verborgenen an der Terahertz-Technik.
Vielmehr geschieht dies mit ausdrücklicher Unterstützung des
Bundesforschungsministeriums (1) (BMBF). Also entweder gibt es einen
Dissenz zwischen dem Bundesinnenministerium und dem
Bundesforschungsministerium, oder der Bundesinnenminister sagt nicht
die ganze Wahrheit.

Die Projekte (2) laufen unter den Code-Namen TEKZAS, TeraCam, TeraTom,
THZ und andere. Diese Spezialkameras sollen gefährliche Materialien
aufspüren - chemische, biologische, nukleare und konventionelle
Sprengstoffe entdecken. Diese kündigte das BMBF im Januar dieses
Jahres an.

Die Terahetz-Technik basiert darauf, dass jeder und alles bestimmte


elektromagnetische Wellen erzeugt. Das Spektrum liegt zwischen
Infrarot und Mikrowellen. Aufgrund der individuellen Handschrift der
Wellen, werden Menschen, Waffen und Sprengstoffe unterschieden und
dies selbst durch Wände.

Doch die Dimension der Anwendungsmöglichkeiten ist noch viel größer:


Im Spielfilm "Staatsfeind Nummer 1" werden Will Smith und Gene Hackman
gejagt, weil sie zuviel wissen. Verstecken unmöglich, denn der
Nachrichtendienst kann durch Wände sehen, ihre Bewegungen selbst in
Hochhäusern verfolgen. Bald könnte aus dem Spielfilm Realität werden,
denn die Europäische Kommission hat bereits im Jahr 2004 im 6.
Forschungsrahmenprogramm RADIOTECT (3) (Ultra Wideband Radio
Application for Localisation of Hidden People and Detection of
Unauthorised Objects) angekündigt. In dem vertraulichen EU-Papier, das
der Autorin vorliegt, heißt es in der Projektbeschreibung, es gehe
darum, Menschen, die sich versteckt halten, aufzuspüren.

Unter dem Namen PROBANT (4) wurde dann 2005 offiziell im 7.


Forschungsrahmenprogramm eine vergleichbare Technik auf der Homepage
der Europäischen Kommission angekündigt. Im Kontext des
Antiterrorkampfes soll die Technik erprobt werden. Unter der Leitung
der französischen Société d'Applications Technologiques de l'Imagerie
Micro-Onde (Satimo) soll ein Konsortium von fünf Partnern aus drei
Ländern die Technik erproben. Mit dabei: eine holländische Universität
und zwei Polizeibehörden (5).
Satimo-Entwicklungsmanager Luc Duchesne antwortete auf Aufrage der
Autorin im September 2005: "Das Projekt ist noch nicht offiziell
genehmigt. Wir befinden uns noch immer in Verhandlungen mit der
Europäischen Kommission. Daher werde ich Ihre Fragen im September oder
Oktober beantworten." Es kam der Dezember 2005 und Herr Duchesne
antwortete auf Nachfrage der Autorin: "Wir verhandeln noch immer."
Aber im Februar 2006 bestimmt. Wir ahnen es. Es verstrich der Februar
2006, es wurde Juni 2006, Oktober 2006, und stets lautete die Antwort
des Monsieurs gleich. Selbst als die Autorin im Frühjahr dieses Jahres
für STERN online fragte, änderte sich nichts.

Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Autorin aber bereits über die


Bestätigung des Projekts durch Dr. Joaquim Fortuny-Guasch vom Institut
für Bürger-Schutz und Sicherheit des Joint Research Centers (JRC) in
Italien: "PROBANT ist ein Zwei-Jahres-Projekt, das durch die
Europäische Kommission gefördert wird. Ziel ist es, Bewegungen und
Verhalten von Menschen hinter Mauern zu verfolgen. Hauptanwender
dieser Technik wird die Polizei sein."

Seltsam, dass erst jetzt, drei Jahre nach der Ankündigung auf der
Homepage der Europäischen Kommission, das Europaparlament mehr
Aufklärung verlangt. Schließlich lag sogar schon eine ethische
Unbedenklichkeitserklärung in der Schublade. Die Tübinger Ethikerin
Regina Ammicht-Quinn (6) hatte 2007 auf 25 Seiten der
Überwachungstechnik ihren Segen erteilt (7). Dennoch erhält sie unter
den Codenamen Theben und Terasec weiterhin Geld vom
Forschungsministerium für Sicherheitsethik (8). Fünf
Terahertzforschergruppen soll sie begleiten und Ethikfragen ergründen.

Die Aufregung kommt zu spät

An alles ist also offenkundig gedacht. Nur nicht an die Gesundheit.


Plötzlich soll innerhalb von drei Monaten geprüft werden, welche
möglichen Gesundheitsgefahren die Geräte haben können. Dies ist kaum
zu leisten. Immerhin kündigten die Physikalisch-Technische
Bundesanstalt, die Universität Würzburg und die Uni Braunschweig jetzt
an, sich einmal über dieselbe Frage Gedanken machen zu wollen. Das
Ergebnis steht allerdings schon heute fest: unbedenklich sei die neue
Technik. Dennoch werde man Tests durchführen, das Resultat dann in 1,5
Jahren verkünden(9)

Etwas anderes ist vermutlich in Wahrheit auch gar nicht gewünscht.


Denn die Technik ist - wie zuvor schon in anderen, vergleichbaren
Fällen - jetzt nur noch schwer rückholbar. Die Aufregung um die
Nackt-Scanner kommt zu spät. Wer es wirklich hätte verhindern wollen,
hätte vor Jahren politischen Druck machen müssen. Seit zu langer Zeit
wird längst weltweit mit zu vielen Wissenschaftlern und Millionen bis
Milliarden Euro daran geforscht, wie aus der bloßen Technik viele
Anwendungen entwickelt werden können, die sich verkaufen lassen.
In Deutschland gibt es mittlerweile an der Universität Bochum einen
eigenen Lehrstuhl. Auf der Dritten Fraunhofer Konferenz "Future
Security" ( Die Juwelen der Sicherheit (10)) Mitte September dieses
Jahres in Karlsruhe wurde die Technikspezialisten vorgestellt -
eingebettet in den Kontext, in dem sie angewendet werden soll:
Gebäude-Überwachung und -Security; und natürlich nicht unter dem
griffigen Namen Nackt-Scanner. Fachleute für Explosiv- und andere
Gefahrstoffe sowie Statik- und Bau-Experten präsentierten ihre
Erkenntnisse. Dieses Mal fehlte allerdings der Hinweis auf die
Satellitentechnik Galileo, die auch zum sogenannten indoor-tracing
eingesetzt werden kann und soll, also dem Verfolgen innerhalb von
Gebäuden. Auf der Zweiten Fraunhofer Konferenz gab es diesen Hinweis
(11) noch.

Versteckte Menschen aufspüren, daran arbeiten Wissenschaftler der


Technischen Universität Ilmenau, der Slowakischen Republik gemeinsam
mit der Vrije Universität Brüssel, der Technischen Universität Delft
sowie Unternehmen aus Litauen, der Slowakei, Schweden und Deutschland.
Bislang werden die Kosten auf 2,3 Mio. Euro geschätzt. Diese
hochsicherheitsrelevante Forschung hat Vorläufer: Unter Bezeichnungen
DEMINE und DEMAND des 4. und 5. Forschungsrahmenprogramms, also
bereits vor sechs Jahren, nämlich 2002, wurde an der Technik
gearbeitet, die heute für soviel Furore sorgt. Der Einsatzzweck klang
damals harmlos: neuartige Georadargeräte mit Metalldetektoren und
Biosensoren. Was damals Minen sichtbar machte, zieht heute Menschen
aus, und nur der Name Nackt-Scanner sorgt für Empörung. Die Technik
ist aber dieselbe. Und wer nicht hellhörig wird, wenn unter
komplizierten Namen im Kleingedruckten der EU eine neue Technik
vorgestellt wird, die auch zur Überwachung aller eingesetzt werden
kann, sieht die Anwendung erst, wenn Fotos gezeigt werden. Das war
schon bei den biometrischen Sicherheitssystemen so, auf die die
Autorin im "Spiegel" 1989 hingewiesen hat. Die politische Aufregung
kam fast 20 Jahre später.

Vermisste bergen, Menschenleben retten, das klingt gut, dafür geben


wir alle gern unsere Zustimmung. Und so wurden nur wenige
misstrauisch, als unter der Codenummer COOP-CT-2006-032744 Radiotect
bei der Europäischen Kommission registriert wurde.
High-Tech-Unternehmen und Institute aus Schweden, Großbritannien,
Belgien, Österreich, Italien, Spanien bis hin zu Erfurter Firmen
schlossen sich zusammen und dachten über Anwendungen nach im Bauwesen,
Lebensmittelindustrie, Landwirtschaft, Biotechnologie, Medizin,
Umweltschutz, betriebliche Abläufe, Transportwesen, vor allem aber für
Überwachungs- und Sicherheitszwecke. Und so wundert es nicht, dass
sich in Erfurt Beamte mit der Entwicklung des neuen Einsatzmittels
beschäftigen.

Feuerwehrleute freuen (12) sich seit zwei Jahren in internen Foren


über die Möglichkeit, durch Wände sehen zu können. Wer will nicht
einen Brandherd von außen beurteilen können. Auch Rettungskräfte
könnten Verschüttete leichter bergen. Mit solchen positivistischen
Begründungen lässt sich eine breite Unterstützung durch viele mögliche
Anwender aufbauen.

Verschwiegen wird dabei die betriebswirtschaftliche Komponente. Solche


Technik rechnet sich nur, wenn sie von Militär und Polizei genutzt
wird. Denn die Entwicklung verschlingt Millionen bis Milliarden, zumal
wenn in jedem Land das Rad neu erfunden, Arbeit doppelt gemacht wird.
Natürlich wird auch in den USA die Technik seit langem entwickelt (
Die Stadt und ihre Gebäude sollen zum Panopticon werden (13)).

Das doppelte Gesicht der Technik

So unterschiedliche Medien wie der Telegraph (14) und "Welt der


Wunder" brachten vor zwei Jahren die Meldung, Chris Phillips vom
Imperial College arbeitet in London an einem anderen Ansatz, durch
Wände zu sehen. Gemeinsam mit Dr Mattias Beck von der ETH Zürich und
Prof. Jerome Faist von der Universität Neuchatel bastelt er quasi an
der umkehrbaren Tarnkappe ( Ich sehe, dass du mich nicht siehst (15)).
Faist sprach Anfang April dieses Jahres mit der Autorin über seinen
fast esoterischen Ansatz. Demnach sind Dinge sichtbar durch die Art,
wie ihre Atome mit einem Lichtstrahl interagieren. "Wenn der
Lichtstrahl, eine elektromagnetische Welle, auf ein Atom trifft, dann
absorbieren die Elektronen mit dem niedrigsten Energiezustand die
Energie der Welle und kommen so zu einem höheren Energiezustand",
erläutert der Wissenschaftler auf Anfrage. Nur das Licht mit der
richtigen Farbe, das nämlich, das korrespondiert mit der
Energiedifferenz zwischen den beiden Zuständen, werde absorbiert, alle
anderen Farben passieren. Was so kompliziert klingt, ist nicht weniger
als die Widerlegung einer These Albert Einsteins. Faist erklärt seinen
Ansatz: "Ein Elektron kann davon abgehalten werden, ein Teilchen Laser
zu absorbieren und auf ein höheres Energieniveau zu springen, wenn ein
zweiter Laserstrahl dazu benutzt wird, die beiden Energielevel mit
einem dritten zu verbinden." Verblüffendes Ergebnis der
eidgenössischen Harry Potter-Versuche: Die künstlichen Atome wurden
gegenüber einem Strahl durchsichtig.

Mit der neuen Technik ist es möglich, Wundermaterialien zu entwickeln,


die quasi perfekte Stealth-Eigenschaften besitzen - also Dinge zu
verbergen. Und so ist eine neue Rüstungsspirale längst in Gang
gesetzt: Die Technik ermöglicht es zwar einerseits, u.a. verborgene
Waffen aufzuspüren. Aber andererseits können durch dieselbe Technik
neue Waffen und Militärausrüstung aus Materialien entwickelt werden,
die nicht aufspürbar sind.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Flüchtling Albert Einstein und


seine Theorie bzw. die Widerlegung derselben soll jetzt u.a. dabei
helfen, Flüchtlinge aufzuspüren. Denn mit Hilfe der neuen Technologien
- sei es Terahertz, sei es Laser, könnten z.B. Flüchtlinge in LKWs,
Containern, etc. aufgespürt werden. So ist auf der Homepage der
Europäischen Grenzschutzbehörde FRONTEX (16) unter dem Kapitel
Forschung und Entwicklung zu lesen, man teste die Entwicklung neuer
Algorithmen, um durch Wände sehen zu können. Als die Autorin den
FRONTEX-Direktor Ilkka Laitinen im Februar dieses Jahres auf dem
Europäischen Polizeikongress danach fragte, hieß es, er kenne das
Projekt PROBANT nicht: Gut möglich, dann heißt es eben anders.

Das Strickmuster kennen investigative Journalisten: als vor einiger


Zeit nach dem Napalm-Einsatz gefragt wurde, kam ein Dementi. Später
stellte sich heraus, eine Substanz, die Napalm entspricht, wurde
natürlich eingesetzt, nur der Verkaufsname geändert. Und so ist auch
erklärlich, weshalb so viele unterschiedliche Ressorts zuständig sind:
Bei der Europäischen Kommission sind es die Abteilungen
Informationsgesellschaft, aber auch Justiz und Sicherheit, Forschung,
Umwelt und viele andere mehr. Ebenso vielseitig, die Anzahl der
Projektnamen für Nackt-Scanner, auch wenn sie alle auf demselben
Prinzip basieren. PROBANT, RADIOTECT, DEMINE, TEKZAS, TeraCam,
TeraTom, THZ, etc. - wer soll da noch durchsteigen?

Wenn die optische Wohnraumüberwachung genehmigt ist, wird sie auch


schon obsolet sein, denn dann brauchen Polizisten nicht mehr
einzubrechen und Kameras zu installieren, dann können die Polizisten
von außen durch Wände gucken - Terahertz sei dank. Einen
Terroranschlag mit Geiselnahme wird es bestimmt wieder geben, und dann
werden sich alle freuen, über die Möglichkeit, durch Wände zu sehen.
Für solche lebensrettende Maßnahmen wird es bestimmt eine breite
Zustimmung unter den Abgeordneten geben.

Und so macht plötzlich auch das angebliche Dementi Wolfgang Schäubles


Sinn. "Natürlich wird ein solches Instrument in Deutschland nicht
eingesetzt, wenn es solche Bilder produzieren sollte", sagte er. Ein
Dementi klingt anders. Denn dann werden die fraglichen Geräte eben
andere Bilder erzeugen - oder gar keine öffentlich sichtbaren. Denn
der eigentlich interessante Ansatz der Nackt-Scanner ist aus
Security-Sicht sowieso der, durch Wände sehen zu können. Und das
bekommt der Bürger nicht mit. Und bekanntermaßen gilt: Was man nicht
weiß,...

Wer Schäuble genau gelesen (17) hat, bemerkt, in Wahrheit kritisierte


er gar nicht die Technik, das wäre ja auch überraschend gewesen. Im
Gegenteil, die technischen Möglichkeiten elektrisierten ihn. Der
Bundesinnenminister kritisierte vielmehr die ungeschickte PR des
Bundesverkehrsministeriums, die für den möglichen Einsatz auf
Flughäfen zuständig seien.

Auch ist die angebliche Empörung und Überraschung über die


Nackt-Scanner keineswegs einhellig. Der CDU-Abgeordnete Gerald Weiß
verkündet (18) stolz, dass in seinem Kreis Groß-Gerau das BMBF eben
diese Terahertz-Echtzeit-Kamera fördert - für Anwendungen in der
Sicherheitstechnik (TEKZAS) "zur Personenkontrolle". Das war im Juli.

Susanne Härpfer 27.10.2008


Artikel-Url: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29010/1.html

LINKS

(1) http://www.bmbf.de/pub/Zivile_Sicherheit_Gefahrstoffe.pdf
(2)
http://www.bmbf.de/_search/searchresult.php?URL=http%3A%2F%2Fwww.bmbf.de
%2Fde%2F12917.php&QUERY=terahertz
(3) http://www.radiotect.vub.ac.be/description.htm
(4)
http://ec.europa.eu/enterprise/security/doc/project_flyers_2007/PROBANT.
pdf
(5)
http://projects-2007.jrc.ec.europa.eu/search.gx?_app.page=results.html&_
app.action=LIST&_input.name=InstAction.isa_code&_input.compare=EQ&InstAc
tion.isa_code=131
(6) http://www.izew.uni-tuebingen.de/izew/home_ammicht-quinn.html
(7) http://www.izew.uni-tuebingen.de/pdf/terasec_advisoryreport.pdf
(8) http://www.izew.uni-tuebingen.de/kultur/fsp_sicherheit.html
(9)
http://www.rp-online.de/public/article/politik/deutschland/630114/Streit
-um-Nackt-Scanner.html
(10) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28772/1.html
(11) http://www.iitb.fhg.de/servlet/is/9638/
(12)
http://www.feuerwehr-weblog.de/archives/2006/03/techwatch_radar.html
(13) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29000/1.html
(14)
http://www.telegraph.co.uk/connected/main.jhtml?xml=/connected/2006/06/2
7/ecinvis27.xml
(15) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22739/1.html
(16) http://www.frontex.europa.eu
(17)
http://www.morgenpost.de/printarchiv/politik/article964006/Schaeuble_Nac
kt_Scanner_werden_nicht_eingefuehrt.html
(18)
http://www.gerald-weiss-mdb.de/content/archiv2008/07/2008_07_03_forschun
g.htm

Wider die staatliche Fürsorge


Datenschutz ins Grundgesetz? Ja, aber nur, wenn wir darüber reden, dass
er Grundlage der Gesellschaft ist und nicht nur das zugebilligte Recht
auf normiertes Verhalten. Ein Kommentar
Der Datenschutz soll ja nun ins Grundgesetz. Das könnte eine sinnvolle
Forderung sein. Doch wie die Debatte darum geführt wird, zeigt vor
allem eines: Datenschutz wird von Teilen der Politik noch immer nicht
als Grundrecht der Bürger und Grundpfeiler der Demokratie begriffen,
sondern als Versuch, Täter zu schützen und Behörden und Unternehmen zu
nerven, ja sich dem Staat überhaupt zu widersetzen.

Anders ist es nicht zu erklären, dass beispielsweise der


Parlamentarische Staatssekretär im Justizministerium, Alfred
Hartenbach, öffentlich sagt, die Forderung nach mehr Datenschutz werde
ja von der einen oder anderen Gruppierung nur genutzt, um ein bisschen
Stunk zu machen. "Zum Beispiel von dem Club "mit den drei großen K's".

Nein, das war kein Versprecher, Hartenbach meinte ganz offensichtlich


den Chaos Computer Club, der bei der Diskussion des Deutschen
Instituts für Menschenrechte anwesend war. Er fand es anscheinend
spaßig, ihn mit dem Ku-Klux-Klan gleichzusetzen. Damit war die
Veranstaltung leider exemplarisch für die gesamte derzeitige
Diskussion um Datenschutz.

Noch einmal, es geht nicht darum, ob das Grundgesetz einen expliziten


Datenschutzpassus braucht. Gute Argumente gibt es sowohl dafür als
auch dagegen. Es geht darum, dass sich anhand der Debatte eine leider
weit verbreitete Einstellung zeigt: Datenschutz ist vielen lästig.
Stört er doch die Errungenschaften der "schönen neuen Welt".

Wenn es um ihn geht, fordern Politiker gern, die Bürger müssten selbst
etwas tun, müssten sensibler werden für die Gefahren, die aus Daten
erwachsen. Das stimmt. Genau, wie man beim Überqueren der Straße
besser nach rechts und links schaut, sollte auch beim Surfen eine
gewisse Vorsicht walten. Dieses Argument aber zu nutzen, um die ganze
Debatte abzumoderieren, ist perfide.

Doch es geschieht: Der CDU-Politiker Ralf Göbel beispielsweise lehnte


bei der Veranstaltung unter anderem deshalb eine Grundgesetzänderung
ab, weil man ja ständig beobachten könne, wie an öffentlichen Orten
die privatesten Dinge in Handys geschrien oder im Internet
veröffentlicht würden.

Nach dieser Logik dürfte es keine Autos mehr geben. Immerhin zeigt die
Verkehrsstatistik, dass jährlich Tausende verantwortungslos damit
umgehen und sterben, trotz ausgefeilter Gesetze.

Es sollte bei dem derzeitigen Streit also weniger um einzelne


rechtliche Änderungen gehen als vielmehr um den Stellenwert, dem wir
dem Datenschutz zubilligen. Wir brauchen die gesellschaftliche
Übereinkunft, dass er überlebenswichtig ist. Oder, wie der
international anerkannte Datenschutzexperte Spiros Simitis bei der
Diskussionsrunde sagte: "Es geht um die Struktur unserer Gesellschaft.
Eine demokratische Gesellschaft kann ohne einen Datenschutz nicht
funktionieren." Genau so müsse der Paragraf im Grundgesetz auch
formuliert werden, wenn er einen Sinn haben solle. Datenschutz
lediglich als Variation des Persönlichkeitsrechtes zu begreifen,
genüge auf keinen Fall.

Genau das aber ist derzeit der Plan. Das Hauptargument der Gegner
einer Grundgesetzänderung, darunter Innenminister Wolfgang Schäuble,
lautet, man brauche keine neuen Paragrafen. Denn das
Bundesverfassungsgericht habe das Grundrecht auf informationelle
Selbstbestimmung bereits aus dem Grundgesetz abgeleitet.

Abgeleitet aber wurde die informationelle Selbstbestimmung aus Artikel


2 Absatz 1, der sogenannten allgemeinen Handlungsfreiheit, und Artikel
1 Absatz 1, der Menschenwürdegarantie. Es ist damit eine besondere
Ausprägung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts.

Dieses aber, das zeigen auch die letzten Urteile des


Bundesverfassungsgerichts, kann eingeschränkt werden. Im Zweifel
stehen Staatsräson und Unternehmensgewinn über dem Schutz des
Einzelnen. Nicht schlimm, solange es das Selbstverständnis des Staates
war, jeden friedlichen Bürger in Ruhe zu lassen. Das jedoch gilt nicht
mehr. Dazu SPD-Mann Hartenbach: "Der Staat hat eine gewisse
Fürsorgepflicht. Um Schaden abzuwenden. Wir müssen alles tun, um
Straftaten zu verhindern." Und Göbel: "Wir müssen mehr und mehr in die
Prävention gehen, um die Gefahren zu verhindern."

Müssen? Nein! Jahrhundertelang genügte es, Probleme zu bekämpfen, wenn


sie auftraten. Inzwischen nicht mehr. Einfach, weil wir es heute
können. Die immer bessere Beobachtung immer größerer
Bevölkerungskreise, die Digitalisierung und Speicherung machen es
möglich, jedes Verhalten immer genauer zu registrieren. Desto größer
wird der Wunsch, es von vornherein zu steuern, vor allem, um Kosten zu
senken. Und um risikobehaftetes Verhalten zu entdecken, wird zuvor
jedes Verhalten beobachtet. Als Beruhigung dient der Satz: Wer nichts
zu verbergen hat, der hat nichts zu befürchten. Genau das trifft
beispielsweise, um mal nicht von Terroristen zu reden, auf die
elektronische Gesundheitskarte zu: der Versuch, Verhalten zu ändern,
damit es nicht erst zu Krankheiten kommt.

Vor diesem Hintergrund müsste über den Datenschutz im Grundgesetz


debattiert werden. Nicht nur als Recht, über die eigenen Daten
verfügen zu dürfen. Sondern auch als Recht, mit ihnen
verantwortungslos umgehen zu können, ohne damit Erziehungsmaßnahmen
des Staates zu provozieren. Ein guter Datenschutz könnte die Rückkehr
zur alten Prämisse des Rechtsstaates garantieren, dass man sich die
Obrigkeit auf Distanz halten kann, solange man niemandem schadet.

Das wäre für beide gut, für die Bürger und für den Staat. Denn wie
schrieb Immanuel Kant: "Der Souverän will das Volk nach seinen
Begriffen glücklich machen, und wird Despot; das Volk will sich den
allgemeinen menschlichen Anspruch auf eigene Glückseligkeit nicht
nehmen lassen, und wird Rebell."
Österreich erfasst Drogenkonsumenten
künftig in speziellen Datenbanken
Drogenkonsumenten werden von der österreichischen Regierung künftig in
speziellen Datenbanken verzeichnet. Schon der Verdacht des Besitzes
illegaler Drogen (darunter fallen auch Cannabis-Produkte) reicht dafür
aus. Eine entsprechende Novelle des Suchtmittelgesetzes[1] wurde im
Sommer vom österreichischen Parlament beschlossen und soll nach der
Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt bald in Kraft treten. Vorgesehen
ist, dass das Gesundheitsministerium vier Verzeichnisse anlegt:
Suchtmittelregister, Substitutionsregister, Statistik-Register und ein
Verzeichnis von Todesfällen, die im Zusammenhang mit Suchtgiftkonsum
stehen. Kritiker fürchten, dass die gesammelten Daten in falsche Hände
gelangen könnten. Besonderes Interesse daran haben etwa Arbeitgeber
oder Versicherungen.

Im Suchtmittelregister landen alle Personen, die im Verdacht stehen,


ein Suchtgiftdelikt begangen zu haben oder gegen die eine
entsprechende Anzeige erstattet wurde; ferner verurteilte
Suchtgift-Straftäter sowie Personen, bei denen Suchtmittel oder
Drogenausgangsstoffe beschlagnahmt wurden. Auch Personen, von denen
eine Bezirksverwaltungsbehörde annimmt, dass sie Drogen missbrauchen,
wandern in die Kartei. Verzeichnet werden dabei Daten wie Name,
Geschlecht, Geburtsdatum und -ort, Staatsbürgerschaft, Meldeadresse,
Daten über Anzeigen, Verurteilungen, Probezeiten und dergleichen, die
betroffenen Drogen und deren Konsumform, Schulbildung, Wohn- und
Erwerbssituation, Informationen über medizinische Maßnahmen.

Direkten Online-Zugriff auf wesentliche Teile des Registers erhalten


das Gesundheitsministerium selbst, die Bezirksverwaltungsbehörden,
Staatsanwaltschaften und Gerichte. Auch übermittelt das
Gesundheitsministerium Daten im Einzelfall online an das
Verteidigungsministerium, das Bundesheer, das Innenministerium, die
Gewerbebehörden sowie das Wirtschaftsministerium, damit diese die
Eignung einer Person zum Soldaten, Zivildiener oder Gastwirt
überprüfen können.

Im Substitutionsregister werden alle Drogensüchtigen verzeichnet, die


Drogenersatzstoffe erhalten und der Übermittlung ihrer Daten
zugestimmt haben. Hans Zeger von der Arge Daten[2] fürchtet, dass die
Gesundheitsministerin[3] per Verordnung bestimmt, dass nur solche
Personen in ein Substitutionsprogramm aufgenommen werden dürfen, die
der Datenübermittlung zustimmen. Drogenkranke hätten dann die Wahl,
weiterhin illegale Drogen beschaffen zu müssen oder auf die ärztliche
Schweigepflicht zu verzichten.
Die Bezirksverwaltungsbehörden erhalten in ihrer Eigenschaft als
Gesundheitsbehörden direkten Online-Zugriff auf das
Substitutionsregister. Sie dürfen die Daten wiederum an Ärzte und
Apotheker weitergeben. Damit soll die Mehrfachbehandlung von
Suchtkranken verhindert werden. Aus dem Substitutionsregister werden
die Daten sechs Monate nach Beendigung der Behandlung entfernt. Aus
dem Suchtmittelregister sollen Daten von Verdächtigen nach Einstellung
des Verfahrens oder einem Freispruch gelöscht werden. Ansonsten sind
die Informationen spätestens nach fünf Jahren zu beseitigen.
Allerdings werden die Daten vor ihrer Löschung in pseudonymisierter
Form in ein separates Statistik-Register kopiert.

In dem Statistik-Register kann man zwar von einem einzelnen Datensatz


nicht auf den Namen der betroffenen Person rückschließen. Kennt man
allerdings den Namen einer Person, kann man alle sie betreffenden
Einträge finden und so auch nach Jahrzehnten noch eine (angebliche)
Drogenkarriere nachvollziehen. Für statistische Auswertungen ist ein
externer Dienstleister heranzuziehen, der dem Ministerium
anonymisierte Auswertungsergebnisse zur Verfügung stellt. Wie bei dem
Verzeichnis der suchtmittelbezogenen Todesfälle ist auch für das
Statistik-Register keine Löschung der Daten vorgesehen. Sie sollen für
immer gespeichert bleiben. (Daniel AJ Sokolov) /
(pmz[4]/c't)

URL dieses Artikels: http://www.heise.de/newsticker/meldung/118752

Links in diesem Artikel:


[1] http://www.parlament.gv.at/PG/DE/XXIII/BNR/BNR_00268/fnameorig_115849.html
[2] http://www2.argedaten.at
[3] http://www.gesundheitsministerium.at/cms/site/service.html?key=minister
[4] mailto:pmz@ct.heise.de