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Der Untergang des römischen Reiches

Das weströmische Reich endete im Jahre 476 nach Christus, als Odoaker, germanischer König und Oberbefehlshaber
der römischen Armee, den jugendlichen Kaiser Romulus Augustulus absetzte. Das ost-römische Kaiserreich
überdauerte den Fall des weströmischen Kaiserreiches um ein Jahrtausend, bis zur Eroberung Byzanzs durch die
Osmanen im Jahre 1453.
Die Gründe für den Untergang stellen seit Beginn der modernen Geschichtsforschung eines der meistdiskutierten
Themen dar. Im Laufe der Zeit wurden über 200 verschieden Theorien hierzu entwickelt.

Älter Forschungsmeinungen:

Im 18 Jahrhundert spiegelte die Theorie von Edward Gibbons 1737 -1794 ( einer der bedeutendsten Historiker
Englands ) die vorherrschende Meinung wieder. Nach dieser Theorie ist Rom durch seine strukturelle Schwäche
( Dekadenz der Führungsschicht, Zerstörung der alten römischen Tugenden durch das Christentum ) und den Einbruch
der Germanen zugrunde gegangen.

Es gab auch andere Ideen, wie z.B. die von Theodor Mommsen ( 1817 – 1903) , dem damals bedeutendsten deutschen
Althistoriker, der die Theorie vertrat, dass im spätrömischen Reich eine Militärdiktatur herrschte. Dies hätte zu einer
Zunahme der Bürokratisierung geführt und gleichzeitig hätte sich das Militär mehr und mehr der staatlichen Kontrolle
entzogen.

Dem gegenüber stellte der deutsche Historiker Oswald Spengler ( 1880 – 1936 ), beeinflusst von Friedrich Nietzsche (
1844 – 1900, deutscher Philosoph) und dem Sozialdarwinismus, die Theorie des zyklischen Geschichtsverlaufes , mit
dem immer wiederkehrende Aufstieg eines Reiches, seiner Überdehnung und schließlich seines Unterganges.

Der ebenfalls vom Sozialdarwinismus stark geprägte dt. Historiker Otto Seeck ( 1850 – 1921 ) , sieht in der Spätantike
eine reine Verfallszeit mit der unausweichlichen Folge des Zusammenbruches des römischen Reiches.

Neuere Forschung:

Heute wird die Spätantike differenziert gedeutet als beispielsweise noch von Otto Seeck. Es ist wohl richtiger, statt von
Verfall, von Transformation zu sprechen, wobei diese Sichtweise in letzter Zeit wieder von einigen Gelehrten
angegriffen wird. Diese wollen doch von einem Niedergang sprechen, der im 3./4. Jahrhundert Westrom und im frühen
7. Jahrhundert Ostrom betroffen habe.

Einer der bedeutendsten Vertreter der modernen Niedergangstheorien ist der deutsche Historiker Alexander Demandt,
geb. 1937 und bis 2005 Professor für Geschichte an der freien Universität Berlin. Dieser vertritt die Theorie der
Faktorenpyramide, in der die verschiedenen gesellschaftlichen, staatlichen und militärischen Entwicklungen, die
letztendlich zum Untergang des römischen Reiches führten, zusammengefasst und gewertet werden.
Zu den verschiedenen Faktoren zählen der zunehmende Einfluss des Christentums, der dazu führte, dass mehr und
mehr römische Bürger dem Staat bzw. den staatlichen Institutionen verloren gingen. Des weiter der wirtschaftliche
Wandel mit dem Rückgang der Sklaverei und dem damit verbunden Produktionsrückgang in den großen
landwirtschaftlichen Produktionszentren. Dem gegenüber kam es zu einem Anstieg der Kolonisation ( Bindung der
Bauern an das Land).

Das Kernproblem jedoch war die Armee. Diese war längst nicht mehr in der Lage, die Grenzen effektiv zu schützen.
Gründe dafür waren die geringe Mannschaftsstärke und die Rüstungsfortschritte der Germanen (die bekannteste
Schlacht, war die „Schlacht von Adrianopel 379 gegen die Westgoten, in der ein Großteil der römischen Armee
vernichtet wurde). Immer mehr römische Bürger umgingen den Dienst der Armee, sodass Germanen und andere
Nichtrömer in der Armee dienten, die dadurch immer mehr barbarisiert wurde. Die Frage, ob die Germanen das
Weströmische Reich eher gewaltsam erobert hatten oder einfach nur besetzten ist bis heute noch nicht befriedigend
geklärt worden.
Unfähige Kaiserkinder wie Arcadius, Honorius und Valentinian III führten ebenfalls zum Machtverlust des westlichen
Kaisertums bei. Die germanischen Förderati übernahmen nun die Verwaltung ihrer Gebiete und erkannten den
oströmischen Kaiser als ihren Oberherrn an, da sie so durch die weite Entfernung zum oströmischen Reich ihre
Unabhängigkeit wahrten. Justinian I ( Oströmischer Kaiser 527- 565 ) war auch noch in der Lage den römischen
Herrschaftssprung im Westen auch durchsetzten. Erst die arabische Expansion im 7 Jahrhundert bedeutete den
endgültigen Untergang des Römischen Reiches im westlichen Mittelmeerraum.
Fazit

Es ist schwer, eine eindeutige Antwort zu formulieren, warum das weströmische Reich unterging. Dem Christentum
und der angeblichen Dekadenz kann aber nicht die (alleinige) Schuld gegeben werden. Schuld waren jedoch sicherlich
gewisse systemimmanente Mängel in der Verwaltung und der Armee, vor allem aber war der Westen militärisch nicht
stark genug. Das Westreich wurde von der Wucht der spätantiken Völkerwanderung (375-568) mit ganzer Härte
getroffen, zumal dort weniger Truppen lagen als an Donau und Euphrat. Der Westen verfügte auch nicht über die
Bevölkerungszahl und die hohe Wirtschaftskraft des Ostens. Außerdem gelang es dem weströmischen Staat offenbar
immer weniger, Reichsbewohner zum Militärdienst anzuwerben. Der weitgehende fehlende Widerstand gegen die
Germanen kann eigentlich nur zweierlei bedeuten: Entweder waren die einst so kriegerischen Römer in Apathie
verfallen, oder aber man empfand die Barbaren gar nicht als bedrohliche Eindringlinge. Eine alleinige Begründung für
den Untergang des römischen Reiches wird es jedoch niemals geben. Sicher ist nur eins: Rom lebt kulturell fort. Die
Spätantike formte das zukünftige Europa.