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> Ungarn

Opfer einer Medienhetze?

> Realität nach Drehbuch

an den TV-Doku-Soaps?

Was ist echt

zeitschrift des mittelschüler-kartell-verbandes

P.b.b.

GZ 02Z031286S

Preis:

2,-

>> politisch unabhängiges jugend- und mitgliedermagazin

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Linker Linker Straßenkampf Straßenkampf

Gewalt Gewalt gegen gegen Studentenverbindungen Studentenverbindungen

Verlagspostamt 1070 Wien

DVR: 0014958

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editorial

Impressum

GR GR Mag. Mag. Gottfried Gottfried Forsthuber Forsthuber v/o v/o Michelangelo Michelangelo (BDB) (BDB) Chefredakteur
GR GR Mag. Mag. Gottfried Gottfried Forsthuber Forsthuber
v/o v/o Michelangelo Michelangelo (BDB) (BDB)
Chefredakteur Chefredakteur

Die verkannte Gefahr von links

Ließen bis dato hauptsächlich Burschen- schaften/Corps das Demonstrantenherz höher schlagen, werden nun auch MKV und ÖCV immer interessanter. Diese Ent- wicklung hat in letzter Konsequenz eine eindeutig politisch motivierte Ursache:

Die Linke braucht einen Feind und Be- schäftigung für ihre Sympathisanten. Wer Band und Deckel trägt, ist ein ideales – weil greifbares – Feindbild. Ein bisschen „spooky“, ein bisschen „retro“ und ein bisschen „das kennt keiner, das lässt Platz zur Interpretation“ dürften die maßgeb- lichen Beweggründe sein, warum es gerade die Studentenverbindungen sind, die auserkoren wurden, und nicht etwa der Volkstanzverein, der regelmäßig Leder- hosen trägt und damit in den Augen mancher latent nationalistisch sein dürfte.

Diese Entwicklung ist umso bedauer- licher, weil es in manchen Korporationen des nationalfreiheitlichen Lagers tatsäch- lich Entwicklungen gibt, die etwa die israelitische Kultusgemeinde zurecht be- sorgt beobachtet. Bilder von verurteilten Rechtsradikalen, die mit fröhlichen Olympen scherzend Fackeln entzünden, sind wohl nur die Spitze eines Eisberges, der auf einem eindeutig nationalistischen Fundament ruht. Doch die – der Ein- gängigkeit der Botschaft geschuldeten – Reduzierung auf die Parole „alle, die so ein buntes Kapperl tragen, sind Nazis“, führt dazu, dass alles in einen Topf ge- schmissen, tolerante und demokratische Menschen als rechtsradikal beschimpft werden und die wahren Problemfälle nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

Letztendlich bewegt sich die Debatte zwischen zwei extremen Polen, die mit folgenden Fragen umrissen werden können: 1. Warum sind einzelne Burschenschaften anno 2012 – Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg – noch immer nicht

in der Lage sich klar vom National- sozialismus abzugrenzen? 2. Warum wird linke Gewalt hingenommen und nicht genauso wie rechte Gewalt verurteilt und verfolgt?

Zu 1. hatte ich folgenden Gedanken: Ver- mutlich, weil ein paar alte Kameraden wirklich der „guten alten Zeit“ nachtrauern und jüngere Menschen es toll finden, leichte Antworten auf schwierige Fragen zu bekommen. Zu 2. meine ich: Das Ver- botsgesetz hat eine wichtige Bewusst- seinsbildung erreicht, die es aber im Fall der linken Gewalt nicht gibt. Nicht umsonst tragen so viele linksorientierte Jugendliche stolz ein T-Shirt mit dem Konterfei Che Guevaras, einem aus- gewiesenen Stalinisten und Massen- mörder. Das Verbotsgesetz müsste daher auf das Gutheißen ideologisch motivierter Gewalt im Allgemeinen ausgedehnt werden. In unserer globalisierten Welt sollten wir auch in dieser Sache beginnen global zu denken – so wie es etwa Frank- reich oder die USA im Fall des Völker- mordes an den Armeniern getan haben.

Herausgeber: Mittelschüler-Kartell-Verband der katholischen farbentragenden Studenten- korporationen Österreichs (MKV), Laudongasse 16/Stiege 3/1. Stock, 1080 Wien Telefon: +43/1/5237434, Fax: +43/1/5237434-9 E-Mail: kanzlei@mkv.at, Internet: www.mkv.at ZVR-Zahl: 646503058, ZVR-Zahl AHB: 750161558

Geschäftsführer: StS a.D. Mag. Helmut Kukacka (TGW) Vorstand: StS a.D. Mag. Helmut Kukacka (TGW), Michael Wilim (MDK), RA Dr. Alexander Kragora (VDW), Dr. Gregor Jansen (SOP)

Chefredaktion: GR Mag. Gottfried Forsthuber (BDB) Telefon: +43/699/13300140, E-Mail: couleur@mkv.at

Redaktion: Martin Meixner (BDB), Mag. Marc Vecsey (SOP), Mag. Axel Sonntag (MDK), Bernhard Sonntag (MDK)

Fotos: MKV, Europäische Kommission (EK), flickr.com, zur Verfügung gestellt

Thema

Mit Molotowcocktails für den Weltfrieden

Gewalt gegen Verbindungen nimmt zu

Nichts so deutsch, wie ein Österreicher? Gastbeitrag von Mag. Raimund Fastenbauer

Der Pluralismus hat ausgetanzt Gastkommentar von Dr. Andreas Unterberger

Ein Leben in der Vergangenheit Kommentar von em. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Botz

Verband

vor.gedacht

Kolumne des Kartellvorsitzenden

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Religionsfreiheit

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Politik

Türkei und

Ein Widerspruch?

„Mehr Zustimmung für unser gemeinsames Europa Interview mit Kbr. Mag. Othmar Karas

Bildungsverlierer - wir wollen keine werden! Schülerunion startet Kampagne

Demokratiepaket für Österreich Menschen wenden sich von Politik ab

Ad Fundum

Vorratsdatenspeicherung

 

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Bringt Brüssel den Überwachtungsstaat?

 

Wann ist ein Mann ein Mann? Debatte über „neue Männlichkeit“

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Ungarnberichterstattung aus erster Hand Viel Lärm um nichts?

 

„Erwarten uns faire Diskussion“ Interview mit dem ungarischen Botschafter

 

Berechtigte Kritik und einseitige Berichterstattung Hugarian Voice spricht Klartext

 

„Die Konkurrenz war schon

 

sehr

beeindruckt

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Fruzsina Szép über das 20. Sziget-Festival

 

Realität nach Drehbuch Was ist echt an den TV-Doku-Soaps?

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Wir zeigen die Realität Interview mit ATV-Programmchef Martin Gastinger

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Konzeption, Produktion und Anzeigenverwaltung:

Druckservice Muttenthaler GmbH, Ybbser Straße 14, 3252 Petzenkirchen, Telefon: 07416/504-0*

Auflage: 25.000 Exemplare Verkaufspreis: 2,-, Jahresabo: 4,80 (exkl. Porto)

Verkaufsstellen: MKV-Kanzlei, Adresse s.o.; WStV-Kanzlei, Wien 8. Laudongasse 16; Kamper Annemarie, Bruck/Mur, Herzog-Ernst-Gasse 23; Denkmayr Thomas, Hartberg, Herrengasse 22; Wacker Norbert, Hall/Tirol, Oberer Stadtplatz 9; Wacker Mar- tin, Innsbruck, Museumstraße 38; Sezemsky Josef, Innsbruck, Bruneckstraße 162

Blattlinie: Das „couleur“ ist die österreichweite Ver- bandszeitung des Mittelschüler-Kartell-Verbandes und als solche politisch unabhängig. Ziel ist die Informa- tion aller Mitglieder und Interessenten im Rahmen eines kritischen, auf den Grundsätzen des MKV bauenden Jugend- und Mitgliedermagazins.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht der Meinung des Herausgebers entsprechen.

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4 couleur 01 | 12 thema Mit Molotowcocktails für Die Gewalt gegen Studentenverbindungen nimmt rasant zu.

Mit Molotowcocktails für

Die Gewalt gegen Studentenverbindungen nimmt rasant zu. Die Zeiten in denen die AktivistInnen unterschieden haben, sind vorbei. Wer Band und Deckel trägt, wird zum Feindbild.

vorbei. Wer Band und Deckel trägt, wird zum Feindbild. „Burschis grillen“, „Burschis aufessen“, „Sprengt

„Burschis grillen“, „Burschis aufessen“, „Sprengt den Kommers“, „Finde die rechte Sau“, „MKV raus aus meiner Gebärmut- ter“, „CV-Ball wegschmeißen“ – Diese und ähnliche Parolen sind in den letzten Jahren zur Normalität geworden. Die Zeiten in de- nen die meist ultralinken Aktivisten zumin- dest grob zwischen den verschiedenen Korporationstypen unterschieden haben, sind vorbei. Alles wird in einen Topf ge- worfen, und unter dem Übertitel „Kampf den reaktionären Männerbünden“ mehr oder weniger verhohlen zur Gewalt aufge- rufen. Waren bis vor kurzem nur die Bur- schenschaften Objekt der Aggression, trifft die Wut nun auch die christlichen Verbin- dungen.

Verbindungsinventar

zerstört

fast

zur

Gänze

Neben dem demokratischen Mittel der De- monstration, wird von den AktivistInnen leider auch auf pure Gewalt gesetzt. Die Bu- de der Siegfriedia Linz wurde etwa mehr- mals von Hausbesetzern heimgesucht. Nach mehreren Fassadenschmierereien wurde in die Bude schlussendlich auch ein- gebrochen und erheblicher Sachschaden angerichtet. Das Inventar wurde im Zuge

dieser Aktion fast zur Gänze zerstört. Zu- rückgelassen haben die Täter die Wandauf- schrift „Antifa“.

Geradezu skurril mutet da hingegen eine Störaktion in Wien an, die nach einer De- mo – wie so oft in derartigen Fällen, war die Österreichische Hochschülerschaft an der Organisation beteiligt - letztes Jahr auf dem Plan stand. Nach erfolgreichem Straßen- kampf begann das Überkleben von Haus- schildern diverser Verbindungen, darunter auch drei ÖCV-Buden, die originellerweise alle Bundesbrüder hatten, die im KZ ihr Le- ben ließen.

Gewalt gegen Exekutive

Nicht nur Verbindungen, sondern auch die Polizei ist Objekt des Hasses. Die letzte diesbezügliche Bilanz des Österreichischen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) zur Ge- walt gegen Polizei und Verbindungen stammt aus dem Jahr 2010. Darin wird objektiviert, dass Korporationen bei so- genannten „Burschenschaft-Safaris“ und „Run-Ins“ politischer Gegner ganz gezielt bei internen Veranstaltungen gestört und provoziert werden. Im Zuge dessen kommt

es laut Bericht regelmäßig zu Gewaltan- wendungen gegenüber einschreitenden Po- lizisten und größeren Sachbeschädigungen.

Auch bei der Demonstration gegen den Ball des Wiener Korporationsringes (WKR) kam es 2012 zu „Sachbeschädigungen, der Verwendung von Brandsätzen sowie zu Körperverletzungen und Angriffen gegen Polizistinnen und Polizisten“. Gerechtfer- tigt wurde dies mit der schlacksigen Be- gründung, dass „Pyrotechnik kein Verbre- chen“ sei. Noch extremer erging es der Bur- schenschaft Olympia. Diese wohl eindeutig im rechten Eck angesiedelte Korporation hatte einenAnschlag mit Molotowcocktails zu gewärtigen. Nur aufgrund einer Fehl- konstruktion explodierte der Brandsatz nicht.

Mit „HJ-Methoden“ zum Erfolg?

Offenbar geht die gewaltbereite Linke bei derartigen Aktivitäten vom Grundsatz aus, dass Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen sei. Egal wie man zur Olympia steht, wir christliche Korporationen haben sicher nichts mit dem dort verbreiteten Gedan- kengut gemein, ist dieser Anschlag mit kei- nem Argument zu rechtfertigen. Sobald

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couleur 01 | 12 5 thema den Weltfrieden sich eine Gruppe über den Rechtsstaat stellt, Lynchjustiz
couleur 01 | 12 5 thema den Weltfrieden sich eine Gruppe über den Rechtsstaat stellt, Lynchjustiz

den Weltfrieden

sich eine Gruppe über den Rechtsstaat stellt, Lynchjustiz und HJ-Methoden als legitimes Mittel ansieht, ist Gefahr im Verzug.

Apropos HJ-Methoden: Die CV-Verbin- dung Arminia Freiburg wurde in der Silves- ternacht 2012 Opfer eines Anschlags, bei der Fensterscheiben des Verbindungshau- ses zu Bruch gingen. Die Aktivisten brüste- ten sich auf einer Internetseite damit, den dort „feiernden Reaktionären den Abend gewaltig vermiest“ zu haben. In der an- schließenden Diskussion im Internetblog wurde die Aktion mit den Worten „Die Schweine haben es verdient.“ begratuliert. Der Angriff sei ein „Vorbild“ für weitere Anschläge. Ähnliche Aktionen und Äuße- rungen sind ab 1933 von der Hitlerjugend überliefert. Daran sieht man klar, wessen Geisteskinder die handelnden Personen sind.

Unreflektierte Hetze

In einer sehr pointierten Presseaussendung bekräftigte MKV-Kartellsenior Michael Wilim (MDK): „Die Verwüstung unserer Vereinslokale, die gar nicht seltenen tät- lichen Übergriffe auf Couleurstudenten auf offener Straße sind keine Kavaliersdelikte. Sie sind ein ebenso strafbarer Tatbestand wie jeder Gewaltakt gegen Eigentum, Leib und Leben eines Menschen.“ Und er for- dert: „Wir würden uns wünschen, dass die- se linken Gruppierungen endlich beginnen, die von ihnen so vehement gepredigte To- leranz auch selbst zu leben! Aber sie be- wegen sich mit ihrer undifferenzierten Ge- waltbereitschaft und unreflektierten Hetze gegen Andersgesinnte auf demselben Ni- veau wie jene, die sie so sehr verteufeln.“

Besorgt zeigte sich auch der innenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stephan Mayer über die Situa- tion in Deutschland. „Der Anstieg linksex- tremer Gewalttaten gegen Studentenver- bindungen, insbesondere die Brandan- schläge auf Verbindungshäuser, ist außer- ordentlich bedenklich.“ gab er in einer Pres- semeldung gemeinsam mit dem Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) zu Protokoll. Dies sei ein weiterer Beleg für die allgemeine starke Zunahme linksextre- mistischer Gewalt in Deutschland. Gleich- zeitig warnte der CSU-Politiker vor einer

Verharmlosung von Sachbeschädigungen:

„Eingeschmissene Fensterscheiben, Brandanschläge oder Farbschmierereien sind keine Dummen-Jungen-Streiche, son- dern Straftaten, die nicht heruntergespielt werden dürfen.“ Problematisch sei laut Mayer auch der unterschiedliche Umgang mit rechts- und linksextremistischer Ge- walt. Während erstere zu Recht von der All- gemeinheit verurteilt werde, herrsche bei linksextremer Gewalt diesbezüglich ein Defizit. Jede extremistische Gewalt sei zu verurteilen.

Nach 100 Jahren scheint es, als würde der akademische Kulturkampf unter anderen Vorzeichen wiederauferstehen.

Wer Band und Deckel trägt, ist der Feind Da eindeutig Handlungsbedarf besteht, machte sich der CDA in einem umfassenden Bericht die Arbeit die Anschläge gegen Ver- bindungen zu dokumentieren. Aus der Sta- tistik geht einwandfrei hervor, dass die Gewalttäter keinen Unterschied zwischen Burschenschaften, Landsmannschaften, Corps oder christlichen Verbindungen ma- chen. Wer Band und Deckel trägt, ist für sie ein Feind und wird attackiert – bestenfalls nur verbal.

Nach einer Erhebung des Convents sind 2010 in Österreich und Deutschland etwa 100 Straftaten gegen Mitglieder von Stu- dentenverbindungen und deren Eigentum verübt worden. Darunter seien auch fünf Fälle schwerer Brandstiftung gewesen so- wie zehn schwere Körperverletzungen. Die militanten Gegner der Verbindungen griffen Studenten unterschiedlicher Korporationen an, sowohl Burschenschafter als auch Tur- nerschafter oder Mitglieder konfessioneller

Verbindungen. Erfasst wurden auch mut- maßliche Straftaten gegen katholische Ver- bindungen und Corps, die nicht Mitglieder im Convent Deutscher Akademikerverbän- de sind. Keiner der Vorfälle hat bisher zu ei- nem gerichtlichen Verfahren geführt.

„Faschist und Frauenfeind“

Umso bedauerlicher, dass angesichts dieser Vorfälle auch die Medien schweigen, denn die linke Gewalt schafft es nur vereinzelt in die Zeitungen. Ein diesbezüglich beacht- licher Artikel erschien unlängst in der Süd- deutschen Zeitung unter dem Titel „Ge- schlagene Verbindung“. In Anspielung auf die Debatte über kriegerische Rhetorik nach dem Anschlag auf die US-Kongress- abgeordnete Giffords schreibt Marc Flix Serrano: „Schaut man sich die Rhetorik der linken Verbindungsfeinde in Deutschland an, erkennt man ähnliche Muster. Da wird nicht nur das vermeintlich elitäre, männer- bündlerische Weltbild der Korporierten kritisiert, was an und für sich legitim ist. Da wird kurzerhand jede Vereinigung, ob sie auf dem Paukboden ficht oder nicht, ob sie nur deutsche Männer aufnimmt oder nicht, in einen Topf geworfen. Und auf dem steht: Faschist, Frauenfeind, Ekel.“

Nach hundert Jahren scheint es, als würde der akademische Kulturkampf unter ande- ren Vorzeichen wiederauferstehen. Mag es noch so abgedroschen sein – es gilt Farben zu zeigen! Nicht nur bei Sponsions- oder Maturafeiern, sondern auch bei der Öffent- lichkeitsarbeit für unsere Verbände und Verbindungen, durch Gespräche, durch breitenwirksame Veranstaltungen und nicht zuletzt durch politisches Engagement. Un- sere Gesinnungsgemeinschaft hat den Na- zi-Terror überstanden, anno 2012 werden uns linke Fanatiker daher wohl kaum er- folgreich einschüchtern können.

MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER V/O MICHELANGELO (BDB)

linke Fanatiker daher wohl kaum er- folgreich einschüchtern können. MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER V/O MICHELANGELO (BDB)

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6 couleur 01 | 12 thema Nichts so deutsch, wie ein Es gibt Kommentatoren die die

Nichts so deutsch, wie ein

Es gibt Kommentatoren die die „unverständliche Aufregung“ und „Gewalt“ bezüglich eines „harmlosen Ball von Couleurstudenten“ nicht nachvoll- ziehen können …

Bei einem solchen Zugang übernimmt man (unbeabsichtigt?) die sehr selektive Dar- stellung der WKR-Ballveranstalter und es ist zu hoffen, dass beim Leser dieser Aus- gabe am Ende der Diskussion keine Neu- tralität zwischen fälschlicherweise als „lin- ke Chaoten“ dargestellten Organisationen, die der Befreiung vonAuschwitz gedachten und deutschnationalen Burschenschaftern seitens des MKV bestehen bleibt.

In jedem Fall wäre es den Ballveranstaltern möglich gewesen, einige Worte des Bedau- erns hinsichtlich des terminlichen Zu- sammentreffens zu finden und sich zum Ge- denktag zu äußern, diese Gelegenheit wur- de nicht im Vorfeld und auch nicht am Ball selbst genutzt. Warum wohl nicht, wollte man vielleicht nicht das Risiko eingehen aus dem Kreis der Burschenschaften laut am Ball Worte des Missfallens eines sol- chen Hinweise hören, wie die Rufe „Hoch Auschwitz“ vor Jahren bei den Demonstra- tionen wegen Prof. Borodajkewycz? Seit damals haben diese Kreise nichts dazu- gelernt, es gab vielfach eher Genugtuung ob dem Zusammentreffen des Datums. „Jetzt erst recht.“

Internationalen Holocaustgedenktag eine gewollte Provokation der einen oder ein Vorwand der anderen?

als in Deutschland, Kai Ming Au, ein Chi- nese bei der Burschenschaft „Hansea Mannheim“, nach monatelangem Tauzie- hen zum „Ehrendeutschen“ erklärt wurde, verweigerten sie mit ihm zusammen in Far- ben aufzutreten.

„Nichts so deutsch, wie ein Österreicher“

Wie schrieb dieser Tage Michael Scharang in der Tageszeitung „Die Presse“: „Denn es gibt nichts, was so deutsch ist wie ein Öster- reicher, der einen Deutschen mimt“.

Der WKR-Ball ist keine „Rudolfina-Re- doute“. Er war und ist stets verbunden mit einem rechtsextremen Netzwerktreffen, organisiert von der FPÖ, um einschlägige Kontakte zu pflegen, wie heuer die Ein- ladung an Frau LePen zeigte. In der Ver- gangenheit gehörten zu den illustren Gästen der spanische Neofaschist Ravello, Andres Molau (ehemals NDP), JeanMarie LePen, Bruno Gollnisch – wegen Holocaustre- lativierung verurteilt, Matthias Faust (DVU,NDP) und der russische Rechtsex- tremist Alexander Dugin.

Das Aufzeigen des schlampigen Verhält- nisses der FPÖ zur Vergangenheit ist nicht eine Aufwertung die man unterlassen soll, sondern ist aus Gründen der politischen Hy- giene notwendig. Dies führt hoffentlich da- zu, dass sich Protestwähler (hoffentlich nicht nur kurzfristig) denen der Rechtsex- tremismus einfach zuviel ist, sich wiederum anderen Parteien zuwenden. Dies zeigte sich auch im Fall der Kandidatur von Frau Rosenkranz, denn das Problem bei der FPÖ sind nicht die Wähler, sondern die Funktio- närsschicht die sich zu einem überwiegen- den Teil aus dem rechtsextremen Bur- schenschaftermilieu rekrutiert.

„Nationaler Sozialismus“

Von den Veranstaltern der Auschwitzge- denkfeiern wurde keine Gewalt ausgeübt, nicht am Vormittag und auch nicht am

Das breite Netzwerk dem auch die Israeli- tische Kultusgemeinde angehört und das unter Teilnahme der Evangelischen Kirche, der Katholischen Aktion, der zwei theolo- gischen Fakultäten der Uni Wien, verschie- dener NGO’s, des ÖGB, der ÖH sowie so- zialdemokratischer und grüner Organisa- tionen unter dem Titel „Erinnern und Zei- chen setzen“ zwei Gedenkveranstaltungen (nicht Demonstrationen) am 27. Jänner, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Au- schwitz und Internationalen Holocaustge- denktag abhielt, hat seine Wurzeln in ähn- lichen Aktivitäten um den 8. Mai 2011, wo- bei man damals nicht mehr den Heldenplatz allein den Burschenschaften zu einem To- ten- und Heldengedenken überlassen das in Wahrheit ein Bedauern der Niederlage des Nationalsozialismus darstellte.

Gewollte Provokation?

Dass diese Aktivitäten leichtfertig pole- misch als ausschließlich von „links“ kom- mend eingeordnet werden konnten, wurde dadurch erleichtert, dass etwa die „ÖVP- Kameradschaft der politisch Verfolgten“ als einzige Opferorganisation nicht an den Ak- tivitäten teilnahm. Dies kann schwerlich den Organisatoren angelastet werden, son- dern hatte offenbar seine Ursache in partei- politischer Taktik, um das Verhältnis zur FPÖ nicht zu belasten. Schade, dass man sich die Option der extremen Rechten an- scheinend als Partner offenhalten will.

War das Abhalten des WKR-Balles am Gedenktag der Auschwitzbefreiung, dem

Keine klare Abgrenzung

Ist das eine Unterstellung? Nein. Noch heu- te haben schlagende Burschenschaften und in geringerem Ausmaß viele Corps in Öster- reich (im Gegensatz zu Deutschland) keine klare Abgrenzung zu geschichtsrevisionisti- schen und neonazistischen Gedankengut gesucht und schon gar nicht gefunden. Dies reicht von der bestehenden Mitgliedschaft oder dem Gedenken an NS-Größen unter den „Alten Herren“, bis zu Einladungen an Geschichtsrevisonisten wie David Irving und Liedermachern zu deren Repertoire Lieder wie „Mit 6 Millionen Juden da fängt der Spaß erst richtig an“ gehört, auf die Bude etwa der „Olympia“, der Burschenschaft des 3. Nationalratspräsidenten Graf, ge- wählt mit den Stimmen der meisten ÖVP- und vieler SPÖ-Abgeordneter.

Die österreichischen Burschenschaften ge- hören der „Burschenschaftlichen Gemein- schaft“ an, die versucht auch gegenüber den deutschen Burschenschaften in offenkundi- gem Rassismus den Weiterbestand einerArt „Arierparagraphen“ sicherzustellen. Sogar

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couleur 01 | 12 7 thema Österreicher? Abend. Am Abend gab es danach unabhän- gig davon
couleur 01 | 12 7 thema Österreicher? Abend. Am Abend gab es danach unabhän- gig davon

Österreicher?

Abend. Am Abend gab es danach unabhän- gig davon zwei Demonstrationszüge ande- rer teilweise linksradikaler Gruppierungen von der Universität bzw. dem Westbahnhof Richtung Heldenplatz, darunter auch soge- nannter „Autonomer“ (im Übrigen gibt es auch „Nationale Autonome“ im Dunstkreis der Rechtsextremisten, bei ihnen ist die Lo- sung statt „Sozialismus“ bloß „Nationaler Sozialismus“). Das teilweise rüpelhafte Verhalten einzelner dieser Demonstranten ist zu verurteilen und war in der Tat konter- produktiv und in Wahrheit der Sache der WKR-Veranstalter dienlich. Sie kamen wie gerufen, um diese Szenen in den Me- dien auszuweiden.

Viel besorgniserregender erscheint mir je- doch die Bereitschaft von Rechtsextremis- ten körperliche Gewalt anzuwenden, wie die Attacke gegen den ehemaligen Vorsit- zenden der SPÖ-Fraktion im Bundesrat Konecny am selben Abend zeigt. In einem

Diskussionsforum auf der Neonazi-Web- site forum.thiazi.net war im Internet die Konversation zweier Rechtsradikaler zu verfolgen: „Hast du dich an der alten ro- ten Sau vergriffen?“ – Nein, ich war`s diesmal nicht, aber weiß, wer’s war. Gut getroffen hat er“. Man erinnert sich an den Protest gegen Borodajkewycz bei der ein KZ-Überlebender von einem Rechtsradi- kalen getötet wurde, Konecny nahm da- mals als Student teil. Die Gewaltbereit- schaft der extremen Rechten in Deutsch- land gegen Immigranten oder in Ungarn gegen Roma sollten uns viel eher alar- mieren.

Bekenntnis zu Österreich

Das deutschtümlerische rechtsextreme Ge- dankengut schlagender Burschenschaften war der Nährboden für Nationalsozialismus und Verrat an Österreich. Katholische (und legitimistische) Verbindungen brauchen

aus ihrer Tradition heraus keinen Nachhil- feunterricht in Bekenntnis zu Österreich, sie sollten aber in Zukunft nicht fehlen, nicht am 8. Mai und am 27. Jänner , wie sie ja auch am Gedenken in Mauthausen seit einiger Zeit teilnehmen.

Sie würden damit auch dem Vermächtnis von Figl, Gorbach, Hurdes, Bock und an- deren Kartellbrüdern entsprechen, die auf der Lagerstraße Gemeinsamkeit und Neu- beginn mit der Linken gefunden hatten. Gegenüber ewiggestrigen Gedankenguts darf es keine „Neutralität“ geben.

zur person

Mag. Raimund Fastenbauer ist Generalsekretär des Bundesver- bandes der Israelitischen Kultus- gemeinden. Er ist Vorstandsmit- glied des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes (DÖW) und gehört dem „Maut- hausenkomitee Österreich“ an.

des österreichischen Widerstandes (DÖW) und gehört dem „Maut- hausenkomitee Österreich“ an.
des österreichischen Widerstandes (DÖW) und gehört dem „Maut- hausenkomitee Österreich“ an.
des österreichischen Widerstandes (DÖW) und gehört dem „Maut- hausenkomitee Österreich“ an.

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8 couleur 01 | 12 thema Der Pluralismus hat ausgetanzt Eine pluralistisch-rechtsstaatliche Demokratie muss ein zentrales

Der Pluralismus hat ausgetanzt

Eine pluralistisch-rechtsstaatliche Demokratie muss ein zentrales Prinzip haben: Toleranz. Wer nicht andere gefährdet oder bedroht, muss in einer solchen Demokratie ein gleichberechtigtes Existenzrecht haben. Dieses Prinzip wird bei uns immer öfter durchbrochen.

Ein markantes Beispiel dafür waren die Vorgänge rund um den WKR-Ball. Dieser Ball der Wiener Korporationen wird nach ungestörten Jahrzehnten seit einigen Jah- ren durch gewalttätige Demonstrationen grüner, roter und anarchistischer Gruppen bedroht. Was alljährlich breitgefächerte und teure Polizeiaktionen notwendig macht. Schon die Aggressivität dieser De- monstrationen zeigt ein bedenklich gerin- ges Toleranz-Niveau von zwei heimi- schen Parlamentsparteien. Der Ball darf aber ab nächstem Jahr überhaupt nicht mehr stattfinden. Zumindest nicht mehr in der Wiener Hofburg. Damit hat die Straße über Recht und Toleranz gesiegt. Was ein extrem bedenkliches Zeichen für den Zustand dieses Landes ist.

Druck der Straße

Die Entscheidung für diese Absage haben aber letztlich gar nicht die anonyme Stra- ße und die dortigen Steinewerfer oder Brandstifter zu verantworten. Die Verant- wortung liegt auch nicht bei der Ge- schäftsführung des Ball- und Konferenz- zentrums, die sogar ausdrücklich für die weitere Durchführung des Balles ist, son- dern bei deren Eigentümern, einer Anhäu- fung österreichischer Feigheit und landes- üblichen Anpasslertums: Die Casinos Austria an der Spitze (ein parteipolitisch geschützter Privilegienbetrieb), das Ver- kehrsbüro, Ruefa und die Hotelketten Intercontinental, Sacher, Schick und Austria. Dass aus dem Hotel Sacher über-

Sacher, Schick und Austria. Dass aus dem Hotel Sacher über- der autor ist Autor Online-Tagebuch andreas-unter-

der autor

ist

Autor

Online-Tagebuch andreas-unter- berger.at

Dr.

liberalkonservativen

Andreas

des

Unterberger

dies noch persönliche Protestschreiben ei- ner Linksaußen-Journalistin zur Veröf- fentlichung zugespielt worden sind, run- det nur das Bild ab.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich war nie auf jenem Ball und habe bis heu- te nicht verstanden, warum sich „schla- gende“ Studenten (also die Träger des Balls) freiwillig Gesicht und Oberkörper beim sogenannten Mensurenfechten ver- unstalten lassen. Nur: Sie tun das freiwil- lig. Und ich habe seit Jahren nicht das ge- ringste Indiz von Gewalttätigkeiten gese-

Wer den Anfängen nicht wehrt, der wird am Schluss selber zum Opfer des Mobs.

hen, die von diesen Gruppen gegen Dritte ausgingen. Oder von Aufrufen zu Gewalt oder Ähnlichem.

Antisemitische Provokation?

Der einzig konkrete Vorwurf, den ich irgendwo fand, ist das Zusammenfallen des seit Jahren durch den Wochentag fi- xierten Balltermins mit einem Gedenkter- min zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Wer aus diesem terminlichen Zusammenfallen ei- ne von langer Hand vorbereitete antise- mitische Provokation ableiten will, der muss freilich schon eine heftige geneti- sche Veranlagung zu Verschwörungstheo- rien haben. Etwas, was man bisher primär am Rechtsaußen-Rand der politischen Arena daheim wähnte.

Wie ungefährlich der WKR-Ball in Wahr- heit ist, zeigt die Tatsache, dass er bisher zusammen mit anderen Wiener Nobelbäl- len unkritisiert zum Unesco-Weltkultur- erbe erhoben worden war. Hauptverant- wortlich für diese Unesco-Liste ist eine langjährige sozialistische Spitzendiplo- matin, die auch im Kabinett eines gewis- sen Franz Vranitzky eine Schlüsselfunk- tion gehabt hatte. Jetzt stottert sie herum, dass sie da etwas übersehen haben müsse.

Rechtsstaat das erste Opfer

Dennoch wird mit dem feigen Nachgeben gegen die Jäger des WKR-Balls keines- wegs für Ruhe gesorgt. Denn die Linke be- reitet sich schon zum Sturm auf die nächs- te bürgerliche Gruppe vor: Im linken Untergrund kursieren Aufrufe zum Sturm gegen einen CV-Ball. Und bei der letzten Wiener ÖH-Wahl ist auf dem Geschichts- Institut ein Aufruf zur Vertreibung aller bürgerlichen und farbentragenden Studen- ten und Professoren verteilt worden.

Wer den Anfängen nicht wehrt, der wird am Schluss selber zum Opfer des Mobs. Das haben wir ja im vorigen Jahrhundert in Europa schon mehrfach gesehen. Viele glauben, dass diese gefährlichen Anfänge ohnedies immer nur „bloß die anderen“ treffen. Bis diese Anfänge dann aber im- mer mehr „andere“ treffen. Dann werden halt eines Tages die Fleischhauer nicht mehr tanzen dürfen, weil es demonstrie- renden Tierschützern nicht gefällt. Oder ein Pfarrkränzchen wird bekämpft, weil das ja die Schuldigen an den Kreuzzügen seien. Und jedenfalls sind die pluralisti- sche Demokratie und der Rechtsstaat die ersten Opfer, wenn die opportunistische Feigheit erste Bürgerpflicht geworden ist.

Dieser Text erschien in weitgehend ähnlicher Form auf www.andreas- unterberger.at, dem „nicht ganz unpoliti- schen Tagebuch“ des Autors.

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couleur 01 | 12 9 thema Ein Leben in der Vergangenheit Von Ausnahmen abgesehen, haben die
couleur 01 | 12 9 thema Ein Leben in der Vergangenheit Von Ausnahmen abgesehen, haben die

Ein Leben in der Vergangenheit

Von Ausnahmen abgesehen, haben die österreichischen Burschenschaften noch keinen klaren Schnitt zu ihrer NS-Vergangenheit vorgenommen.

Burschenschaften führen ihre Entstehung auf studentische Freiwilligenverbände zurück, die sich bei und nach den Befrei- ungskämpfen gegen das napoleonische Frankreich formierten und danach immer wieder gegen die absolutistischen Regime in Deutschland und Österreich für Frei- heitsrechte und (deutsche) nationale Zie- le kämpften. Obwohl ursprünglich zur politischen „Linken“ zu zählen, zeigten sich schon damals in ihrer nationalisti- schen Militanz Tendenzen zu Gewalttä- tigkeit und antisemitischen Untertönen, die sich seit den 1880er-Jahren noch zu radikalisieren begannen.

Gerade der in Österreich besonders virulent werdende Antisemitismus mach- te es jüdischen Mitgliedern unmöglich, solchen „schlagenden“ Verbindungen weiterhin anzugehören. Rabiater Deutsch- nationalismus übertönte die demokrati- schen und liberalen Forderungen, Antiklerikalismus, Elitarismus und anti- österreichischer Radikalismus kennzeich- neten hinfort die Burschenschafts-Stu- denten, die das Rückgrat der sich formie- renden „Alldeutschen“ Georg v. Schöne- rers bildeten. Damit entwickelte sich jenes rechte Syndrom, aus dem der deutschna- tionale Extremismus entstand und das bruchlos zum Nationalsozialismus über- leitete.

Wie Akademiker generell, waren auch Studenten in der Zwischenkriegszeit be- sonders NS-anfällig. 1938 gingen von den katholischen Korporationstudenten „nur“ ca. 40 %, aber von den Burschen- schaftlern fast 80 % zu den Nazis über.

Die „Generation des Unbedingten“, aus der die ärgsten Nazi-Täter hervorgingen, erfuhr oft ihre politische Sozialisation in deutschen wie österreichischen Burschen- schaften, so Dr. Ernst Kaltenbrunner (Chef des RSHA), Ing. Hanns Rauter (Höherer SS- und Polizeiführer Nieder- lande), Dr. Ferdinand von Sammern-Fran- kenegg (SS- und Polizeiführer Distrikt Warschau), Dr. Irmfried Eberl (Komman- dant in Treblika) und weitere hochrangige

SS-Führer wie Odilo Globocnik, Dr. Erich Rajakowitsch, Dr. Josef Auinger. Obzwar Kriegsverbrecher wurden bzw. werden sie meist noch posthum als „Alte Herren“ geführt.

Von Ausnahmen abgesehen, haben die österreichischen Burschenschaften noch keinen klaren Schnitt zu ihrer NS-Ver- gangenheit vorgenommen. Daher werden sie auch von ihren deutschen Kollegen oft als zu rechts stehend „geschnitten“.

Die „Teutonia“, „Olympia“ (1961–72 wegen Nähe zum Südtirol-Terrorismus verboten) und „Brixia“ wurden 1994 vom Innenministerium als „Kaderschmiede [deutsch-]nationaler und rechtsextremer Gesinnung“ charakterisiert.

Führende FPÖ-Politiker wie Otto Scrinzi, Jörg Haider, Dieter Böhmdorfer, Martin Graf, H.C. Strache, Andreas Mölzer und Werner Königshofer sind bzw. waren hier und in ähnlichen Verbindungen beheima- tet. Aber auch in der NDP tätige bzw. Ne- onazismus-affine „Alte Herren“ gab bzw. gibt es: Norbert Burger, Herwig Nacht- mann, Erhard Hartung und Franz Radl jun. So erwies sich dieses antisemitische (heute antiislamische), NS-nostalgische und Holocaust-leugnerische Milieu im- mer wieder als Durchlauferhitzer für ra- dikale VAPO-Leute und andere notori- sche Neonazis wie Gottfried Küssel.

Besonders problematisch erscheint die Tatsache, dass derartige rechtsextreme Erscheinungen in Österreich, anders als in der Bundesrepublik Deutschland, von einer rechtspopulistischen Partei be- trächtlicher Größe geduldet, wenn nicht gefördert und bereits unter „Schwarz- Blau“ in die Regierung und in einfluss- reiche wirtschaftliche Positionen gehievt wurden.

So stellen sich die österreichischen Bur- schenschaften als Drehscheibe für allerlei Aktivitäten eines männerbündlerischen Mummenschanzes, scheinbar „unpoliti- scher“ und deutschnationaler Traditions-

pflege, privater Postenvermittlung, politi- scher und wirtschaftlicher Seilschaftsbil- dung, des heimischen Rechtsextremismus und einer europäischen Kontaktpflege (NPD, Front National, Vlaams Belang etc.) dar. „Gesellschaftliche“ Ereignisse wie der bisher in der Hofburg abgehalte- ne Ball des Wiener Korporations-Rings bieten dafür ein ideales Parkett.

Lange waren diese in der österreichischen politischen Kultur – abgesehen von rela- tiv kleinen antifaschistischen Protest- gruppen und -aktionen – weitgehend ig- noriert worden.

Doch seit etwa 2000, nicht zuletzt auch mit der Herausbildung eines (auch die Vergangenheitspolitik umfassenden) eu- ropäischen politischen Konsenses hatte sich dieses Klima des Wegsehens zu ändern begonnen.

Aber die Burschenschafter hatten aus ih- rem Denkhorizont heraus wohl überse- hen, dass ihr Balltermin 2012 mit dem internationalen Holocaustgedenktag zu- sammenfiel, und an diesem Termin un- entschuldigt festgehalten. Strache nahm dazu einen Justament-Standpunkt ein. Es kam zur Ausladung dieses Balls aus einem der symbolträchtigsten österreichischen Erinnerungsorte, zu einer würdigen (nur teilweise) stürmischen Gegendemonstra- tion, und zu einem bundespräsidentiellen Akt der Verweigerung eines Ordens an Strache. Kann es sein, dass dies ein mögliches „Halt“ dem unwiderstehbar erscheinenden Wiederaufstieg der FPÖ ankündigt?

zur person

Dr. phil. Gerhard Botz (* 1941 in Schärding) ist emeritierter Pro- fessor für Zeitgeschichte an der Univ. Wien und Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Histori- sche Sozialwissenschaft, Wien.

Zeitgeschichte an der Univ. Wien und Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Histori- sche Sozialwissenschaft, Wien.

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10 couleur 01 | 12 verband Kampf gegen Verbindungen: Wehret den Anfängen Die erkennbare Feindseligkeit mancher
10 couleur 01 | 12 verband Kampf gegen Verbindungen: Wehret den Anfängen Die erkennbare Feindseligkeit mancher

Kampf gegen Verbindungen:

Wehret den Anfängen

Die erkennbare Feindseligkeit mancher linker Aktivisten hat ein bedenk- lich niedriges Toleranzniveau aufgezeigt und viele Bürger nachdenklich gestimmt.

Das Verständnis des MKV für die teil- weise gewalttätigen Demonstrationen links-alternativer und anarchistischer Gruppen gegen den WKR-Ball hält sich deutlich in Grenzen: Wenn einzelne Ball- besucher tätlich angegriffen wurden und der Zugang zum Ball nur mit Polizeiein- satz gesichert werden konnte, sind die Grenzen der Demonstrationsfreiheit aber eindeutig überschritten und das wesent- liche Toleranzprinzip unserer rechtsstaat- lichen und pluralistischen Demokratie massiv verletzt worden.

te sie aber nur die „andersdenkenden Kommunisten“ und führt aus: „Für Nicht- Kommunisten gilt: Der Diktatur des Pro-

aus: „Für Nicht- Kommunisten gilt: Der Diktatur des Pro- „ Wir werden auch in Zukunft unsere

Wir werden auch in Zukunft unsere Werthaltungen und Traditionen offen vertreten.

gen bleiben.“ Zu welchem Hass dieser po- litische Extremismus aber führen kann, zeigt die Ermordung Rosa Luxemburgs durch deutsch-nationale Freikorps auf of- fener Straße.

Selbstverständlich ist es legitim gegen den Burschenbund-Ball zu demonstrie- ren, auch gegen die bei vielen Teilneh- mern vorhandene deutsch-nationale Ge- sinnung und auch gegen ein dabei statt- findendes „Netzwerk-Treffen“ politisch extrem rechtsstehender ausländischer Po- litiker und Aktivisten. Und man wird wohl als Demokrat und katholischer Couleur- student nichts gegen die, von einer breiten gesellschaftlichen Plattform am selben Tag veranstaltete Gedenkfeier zum Jah- restag der Befreiung des KZ Auschwitz und zum internationalen Holocaust-Ge- denktag einzuwenden haben. Aber es muss in diesem Zusammenhang auch von den gesellschafts-politischen Gegnern der Burschenschaften und Corps eingemahnt werden, deren Mitglieder nicht automa- tisch und pauschal ins rechtsradikale Eck zu rücken.

Unter Generalverdacht?

In einer parlamentarischen Anfragebeant- wortung hat Innenministerin Johanna Mikl-Leitner festgestellt, dass es aus ide- ologischen Gründen keinen Anlass gibt Studentenverbindungen oder deren Mit- glieder zu beobachten.

Die erkennbare Feindseligkeit mancher links-grüner Aktivisten hat ein bedenk- lich niedriges Toleranzniveau aufgezeigt und viele Bürger nachdenklich gestimmt.

Es ist unübersehbar, dass dabei generell das Korporationswesen zur Zielscheibe der sogenannten „ANTIFA“-Bewegung gemacht wurde und dabei zwischen den verschiedenen Formen kaum mehr unter- schieden wird. Hinter dieser „ANTIFA“- Bewegung stehen nicht nur links-anarchis- tische, sondern auch etablierte politische Kräfte. So versteht sich „der zornige alte Mann“ der österreichischen „ANTIFA“- Bewegung, der grüne Paradelinke Karl Öllinger, als einer der publizistischen Drahtzieher hinter dieser Demonstra- tionskulisse.

Null Toleranz

Das politische Toleranzspektrum vieler in dieser Bewegung erinnert an die berühmt- berüchtigte „Toleranzforderung“ von Ro- sa Luxemburg „Freiheit ist immer die Freiheit Andersdenkender“. Damit mein-

letariats gehört der Tag und die Stunde. Wer sich dem Sturmwagen der sozialisti- schen Revolution entgegenstellt, wird mit zertrümmernden Gliedern am Boden lie-

Ihre Veranstaltungen sind für die Sicher- heitsbehörden nur im Zusammenhang mit sicherheitspolizeilichen oder strafrechtlich relevanten Umständen von Interesse. Damit

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couleur 01 | 12 11 verband ist wohl auch klargestellt: In einem Rechts- staat können von
couleur 01 | 12 11 verband ist wohl auch klargestellt: In einem Rechts- staat können von
ist wohl auch klargestellt: In einem Rechts- staat können von Staatswegen, politisch unliebsame oder parteipolitisch
ist wohl auch klargestellt: In einem Rechts-
staat können von Staatswegen, politisch
unliebsame oder parteipolitisch andersden-
kende Staatsbürger, nicht automatisch unter
Generalverdacht gestellt werden.
schen Kampf gegen die politische Mitte
und gegen das katholische Korporations-
wesen.
Aus dem Unrecht des Nationalsozia-
lismus, aus den politischen Fehlern der
Vergangenheit, darf nicht neues Unrecht
entstehen, auch wenn es in seiner Dimen-
sion nicht vergleichbar ist. Manche „Tu-
gend-Terroristen“ von heute glauben
offenbar Vergeltung für die historischen
Verbrechen der Vergangenheit üben zu
können, indem sie alles was heute poli-
tisch rechts von ihrer Meinung steht, als
antidemokratisch, reaktionär, oder faschi-
stisch abqualifizieren.
Offenbar auch zur „klammheimlichen
Freude“ mancher grüner und sozialisti-
scher Kreise, die sich zu den überzogenen
Demonstrationen beim WKR-Ball ver-
schwiegen haben.
Dieser Internet-Blog zeigt mit aller Klar-
heit die politische Absicht dieser Gruppen
auch für die Zukunft: „Den Protest laut-
stark auf die Straße tragen, damit nicht nur
reaktionäre Tanzveranstaltungen, sondern
das gesamte österreichische Verbindungs-
unwesen letztlich verunmöglicht wer-
den!“ (Internet-Blog, Linzer Arbeitskreis
gegen das Korporationsunwesen, Jänner
2012).
Im linken Untergrund und ihren Internet-
foren kursieren schon diverse Aufrufe, die
grundsätzlich zur politischen Agitation
gegen jede Art von Korporation aufrufen:
„Harmlos ist der CV (MKV- und ÖCV-
Verbindungen werden gleichgestellt) alle-
mal nicht“. In reaktionärer Weise würden
Wer und was gesellschaftlich gut und rich-
tig ist, unterwerfen sie schnell und mit
hoher moralischer Anmaßung ihrem ein-
seitigen Werturteil. Diese Haltung zeigt
aber ein Toleranzverständnis, das selbst zu-
tiefst antiliberal und undemokratisch ist.
Diese Kampfansage linker Randgruppen
nehmen wir zwar gelassen, aber mit
der notwendigen Aufmerksamkeit zur
Kenntnis. Und vor allem mit der Be-
reitschaft den Schutz der Meinungs- und
Versammlungsfreiheit insgesamt, vor
allem aber auch den Schutz der spezifi-
schen Eigenart unseres Verbindungs-
wesen und unserer Tradition, Riten und
Werthaltungen mit aller Konsequenz zu
verteidigen.
Wir als katholische Couleur-Studenten
und der MKV als Verband, haben immer
klargestellt, dass wir uns von den schla-
genden deutsch-nationalen Burschen-
schaften klar unterscheiden, weil wir uns
als Patrioten zu einem demokratischen
Österreich und zu einem in Frieden und
Freiheit vereinten Europa bekennen.
„ Die Kampfansage
linker Randgruppen
nehmen wir zwar
gelassen, aber mit
der notwendigen
Aufmerksamkeit zur
Kenntnis.
MAG. HELMUT KUKACKA V/O ORPEUS (TGW)
KARTELLVORSITZENDER
Wir sehen uns dem katholischen Glauben
und seinem Menschen- und Gesell-
schaftsbild verpflichtet und wir lehnen
das Schlagen von Mensuren aus ethischen
Gründen ab. Jede Form des Extre-
mismus – von welcher Seite auch immer –
lehnen wir ab und jede autoritäre, antide-
mokratische Haltung oder Staatsform,
kann aus dem Gesamtzusammenhang un-
serer Prinzipien nicht toleriert werden.
Wir haben aus unserer Geschichte gelernt!
beide (Burschenschaften und ÖCV/
MKV) trotz der Erfahrungen von Austro-
faschismus und Nationalsozialismus an
überholten Traditionen, Riten und Nor-
men festhalten.
Sieht so linke Toleranz aus?
Allen Korporationen wird struktureller
„Konservativismus“, elitäres Selbstver-
ständnis und die Abwertung der Frauen
vorgeworfen.
Mut und Selbstbewusstsein!
Gerade deshalb können wir mit Mut und
Selbstbewusstsein auch in Zukunft unse-
re Werthaltungen und Traditionen offen
vertreten und werden gegenüber allen
korporationsfeindlichen Tendenzen fest-
halten: Wehret den Anfängen! Denn die
linke „ANTIFA“-Bewegung und ihre Ge-
sinnungsfreunde rüsten auch zum politi-
Ein pseudo-wissenschaftlicher Soziolo-
gen-Kauderwelsch muss in geradezu
lächerlicher Weise dazu herhalten, das
Verbindungswesen – fernab jedes Wis-
sens – abzuqualifizieren. „Mit dem Ver-
bindungswesen einher geht auch die Aus-
grenzung und Ablehnung jeder Abwei-
chung von der Norm der Zweigeschlecht-
lichkeit und der Heterosexualität: Homo
und Transphobie gehören, sowohl impli-
zit als auch explizit zum Verbindungsstu-
dentischen Standard-Repertoire.“
Bei einem „Besuch“ der ANTIFA-Bewegung
ging fast das gesamte Verbindungsinventar der
Sigfriedia Linz zu Bruch.

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politik usw.

12 couleur 01 | 12 politik usw. Türkei und Religionsfreiheit: In vielen Teilen der Welt sind

Türkei und Religionsfreiheit:

In vielen Teilen der Welt sind Christen Opfer von Diskriminierung und offe- ner Verfolgung. Dies gilt grundsätzlich sowohl für die vom Islam dominier- ten wie die von kommunistischen Regimen unterdrückten Gebiete.

Als am 5. Dezember letzten Jahres in Wien wieder ein Fackelzug für die in Teilen der Welt verfolgten Christen statt- fand, konnte man unter den Teilnehmer /-innen einen überwältigenden Anteil mit Couleurdeckel ausmachen. Hatte doch wie zu früheren Gelegenheiten das katho- lische Farbstudententum diese Veranstal- tung mit verschiedenen daran beteiligten Konfessionen und Menschenrechtsor- ganisationen unterstützt. Seit langem en- gagieren sich K-/Cartellbrüder in der Menschenrechtsarbeit, unterstützen Men- schenrechtsorganisationen einschließlich der Vertriebenenverbände. Ein Engage- ment, das die authentische Verwirkli- chung der vier Prinzipien darstellt.

Dabei machte bereits die Pressekonferenz am Vormittag des 5. Dezember deutlich, wie sehr Christen in unseren Tagen Opfer von Diskriminierung, ja offener Verfol- gung sind. Dies gilt grundsätzlich sowohl für die vom Islam dominierten wie die von kommunistischen Regimen unterdrük- kten Gebiete. Dies wurde schon zu frühe- ren Gelegenheiten durch Menschenrechts- organisationen wie die Internationale Ge- sellschaft für Menschenrechte/IGFM und Christian SolidarityInternational/CSI ver- deutlicht.

Durch einen Blick auf die jeweils neueste Ausgabe der Weltkarte zur Lage der Reli- gionsfreiheit von CSI Deutschland und die von Hilfsaktion Märtyrerkirche/HMK kann man sich von dieser traurigen Wahr- heit überzeugen. In die selbe Richtung ge- hen grundsätzlich Stellungnahmen von amnesty-international/ai.

Kampf gegen Kommunismus

Umso mehr haben die Päpste und auch Vertreter anderer Glaubensgemein- schaften heftig gegen kommunistische Ideologie und Regime in all ihren Varian- ten Stellung bezogen. Mit dieser klaren Abgrenzung begann der selige Papst Pius

IX., kaum war er im Jahre 1846 zum Oberhaupt der katholischen Kirche ge- wählt worden. Seine Nachfolger folgten ihm.

Besonders wichtig in der Auseinanderset- zung mit kommunistischen Parteien und Systemen in Theorie und Praxis wurde die Enzyklika Pius XI. Divini redemptoris aus dem Jahre 1937. Der erste Cartellbruder auf dem Stuhle Petri, Pius XII., belegte je- de Unterstützung des Kommunismus mit der Exkommunikation. Pius XII. unter- stützte auch engagiert Opfer kommunisti- scher Gewaltherrschaft, so die Heimat- vertriebenen und Exilregierungen.

Die Türkei hat ihre einstmals blühende christliche Gemein- schaft fast völlig aus- gerottet.

Sein Nachfolger, der selige Johannes XXIII., ließ eigens die Wahl von Wahl- bündnissen, an denen Kommunisten auch nur beteiligt waren, verurteilen. Eine neue Phase in der Auseinandersetzung leitete der selige Johannes Paul II. ein. Unzählige Maßnahmen und Schriften für bedrängte Menschen und gegen den Kommunismus in dessen Spielarten bezeugen dies. Auf dieser Linie folgte ihm Cartellbruder Be- nedikt XVI. Z. B. bezeichnete er den Mar- xismus in seiner Enzyklika Deus caritas est als „Philosophie der Unmenschlich- keit“. Auf eben eine solche berufen sich bis heute die kommunistischen Regime und Parteien in den verschiedenen Teilen der Welt. Tagespolitische Schwankungen und nette Worte von irgendwoher können darüber nicht hinwegtäuschen.

Traurige Situation in der Türkei

Täuschen sollte man sich auch nicht über die traurige Situation der Christen im NATO-Mitglied und EU-Beitrittsbewer- ber Türkei. Dabei war deren Territorium früh Kerngebiet des Christentums. Bereits der heilige Paulus wie auch andere Vertreter des Urchristentums wirkten dort. Eine Reihe der Apostelbriefe des neuen Testaments gingen an Christen bzw. Gemeinden in Kleinasien. Ebenso sind die Geheime Offenbarung des Johannes und die Apostelgeschichte un- trennbar mit dieser Region verbunden. Die ersten acht allgemeinen Konzilien der Christenheit fanden auf dem Gebiet der heutigen Türkei statt, lange, lange bevor es diesen derzeitigen Staat überhaupt gab.

Unser großes Glaubensbekenntnis geht auf das I. Konzil von Nicäa/Nikaia im Jah- re 325 und das I. Konzil von Konstanti- nopel im Jahre 381 zurück. Es wird des- wegen auch das Nicaeno-Konstantinopo- litanische Glaubensbekenntnis genannt. Gleichfalls liegen die Orte der Konzile von Chalkedon und Ephesus, bei denen es um das Verhältnis von göttlicher und menschlicher Natur in Jesus ging, im Westen der jetzigen Türkei.

Zahlreiche Synoden christlicher Richtun- gen fanden dort statt. Bedeutende Theolo- gen der Christenheit waren dort heimisch und es blühte das Mönchtum. Armenien seinerseits wurde der erste christliche Staat der Welt. Als Armenien Ende des 3. Jahrhunderts wieder unabhängig wur- de, nahm es das Christentum als Staats- religion an. Armenien ist die älteste christ- liche Nation der Welt.

Unterdrückung

von

Christen

und

Juden

Kaiser Konstantin der Große baute Konstantinopel (türkisch Istambul) zur christlichen Hauptstadt des Römischen

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politik usw.

couleur 01 | 12 13 politik usw. Ein Widerspruch? Reiches aus. Der Patriarch von Konstan- tinopel
couleur 01 | 12 13 politik usw. Ein Widerspruch? Reiches aus. Der Patriarch von Konstan- tinopel

Ein Widerspruch?

Reiches aus. Der Patriarch von Konstan- tinopel ist bis heute ranghöchster Reprä- sentant der orthodoxen Christen in aller Welt. Solche Blüte des dortigen Christen- tums ging mit der islamischen Eroberung zu Ende. Mit Konstantinopel fiel 1453 die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches den türkischen Eroberern in die Hände. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden noch weitere Gebiete der heutigen Türkei dazu erobert.

Die aus Ägypten stammende jüdische Autorin Bat Ye’or hat in „Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam“ gezeigt, mit welchen unter- schiedlichen Mitteln Christen und Juden unterdrückt wurden. Dies ging von eher diskreten Formen der Diskriminierung bis hin zu offenen Massakern, die man auch Völkermord nennt. So sank der Bevölke- rungsanteil nichtmuslimischer Gemein- schaften im türkischen Machtbereich im- mer mehr ab.

Wie die IGFM und andere betonen, wur- den nicht nur Christen verschiedener Konfession, sondern auch z. B. Juden und Yesiden Opfer dieser Entwicklung. Dazu in einem Beitrag: „Alle diese Gruppen sind im Laufe des 20. Jahrhunderts stark dezimiert worden und betragen heute zu- sammen weniger als 1% der Bevölke- rung“.

Völkermordopfer Armenien

Ab Ende des 19. Jahrhunderts gab es ver- stärkt offene Massaker. Diesen fielen vor allem armenische Christen zum Opfer. Der Terror gegen die christlichen Arme- nier erreichte im I. Weltkrieg einen Höhe- punkt. Rund 1,5 Millionen Armenier fie- len dem Wüten zum Opfer. Damit des Schlimmen aber nicht genug.

Weiters kamen bei den damaligen Mas- senmorden rund 500.000 christliche As- syrer und Chaldäer ums Leben. Das US- Repräsentantenhaus hat ausdrücklich festgehalten, dass die Armenier Opfer ei- nes Völkermordes wurden. Im gleichen Sinne äußerte sich der jetzige Präsident, Friedensnobelpreisträger Barak Obama. Erst kürzlich sorgte der Beschluss der französischen Nationalversammlung für

internationales Aufsehen, die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern un- ter Strafe zu stellen. Franz Werfel hat in seinem Historienroman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den ermordeten Arme- niern ein literarisches Denkmal gesetzt, das im II. Weltkrieg Juden im Kampf ge- gen die Nazis inspirierte. Neueren Datums zum Völkermord an den Armeniern ist die preisgekrönte Filmdokumentation „Ag- het“.

Leidensweg der Christen

Der Leidensweg der Christen Kleinasiens setzte sich nach dem I. Weltkrieg fort. Im Friedensvertrag von St. Sévres war noch von der Schaffung eines größeren armeni- schen Staates und derAnschluss von einem Teil Kleinasiens und europ. Türkei an Grie- chenland sowie ein begrenztes Selbstbe- stimmungsrecht für die Kurden die Rede.

In den folgenden Jahren aber konnte die Türkei die Realisierung dieses Friedens- vertrages verhindern. Unter Verletzung gleich mehrerer Verträge wurde die Re- publik Armenien zwischen Türkei und Sowjetunion aufgeteilt.

Bis zu zwei Millionen Christen wurden aus Kleinasien vertrieben, gerade Arme- nier wieder getötet.

Bis heute ist die Situation der Christen in der Türkei nicht rosig. Ähnlich ergeht es heute den Alewiten, von denen einige im I. Weltkrieg unter Lebensgefahr versucht hatten, Armenier zu retten. Bei CSI Deutschland heißt es: „Die Türkei hat ihre einstmals blühende christliche Gemein- schaft fast völlig ausgerottet. Selbst der winzige Christenrest wird bis heute drangsaliert und benachteiligt“. Die Men- schenrechtler stellen mit Blick auf den

EU-Beitrittskandidaten die Frage „Und dieses Land soll ein Beispiel für Demo- kratie, Rechtsstaat und Pluralismus sein?“

Flucht aus der Türkei

Ein besonderes Problem stellt die Be- handlung des Immobilienbesitzes und überhaupt mangelnde Rechtssicherheit

dar. Die recht protürkische „Welt“ räumte ein „Die mehreren zehntausend Kirche- nimmobilien, die noch in den 30er-Jahren gezählt wurden, sind heute weitgehend

enteignet“ und „

kommt es zu Enteignungen von Kirchen- besitz“. Überlebende Christen verließen häufig die Türkei in Richtung Westen. Ih- nen taten es viele Alewiten gleich. Beim jüngsten Deutschlandbesuch des türki- schen Ministerpräsidenten wurde dieser von solchen angeblich „türkischen“ Zu- wanderergruppen heftig angegriffen.

bis zum heutigen Tage

Die Alewitische Gemeinde in Deutsch- land etwa hielt fest: „Viele Menschen ver- ließen ihre alte Heimat in der Türkei, auf- grund staatlicher Willkür, Verfolgung und Folter.

Eine von internationalen Menschenrecht- sorganisationen wie auch dem Europäi- schen Gerichtshof für Menschenrechte gleichermaßen verurteilte Staatspolitik gegenüber religiösen und ethnischen Ge- meinschaften, Verletzung der Presse- und Versammlungsfreiheit und Diskriminie- rung haben zusätzlich die Flucht aus der Heimat verstärkt“.

Ähnlich drastisch äußerten sich andere Gruppen in der Bundesrepublik wie auch beim Besuch des türkischen Präsidenten Gül in Österreich. Hier gibt es seit Jahr- hunderten eine lebendige armenische Ge- meinschaft.

zur person

MMMMag. Dr., cand. phil. fac. theol. Matthias Martin (NKW, COT, TUT) ist Priester im Bistum St. Pölten, Verbindungsseelsorger der TUT und Autor dreier Bü- cher („Für Gott und gegen den Führer?“; „Der kath. Weg ins Reich“ und „Staat, Recht und Kirche“) sowie Autor zahlreicher Artikel in verschiedenen Medien.

„Der kath. Weg ins Reich“ und „Staat, Recht und Kirche“) sowie Autor zahlreicher Artikel in verschiedenen

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14 couleur 01 | 12 politik usw. „Mehr Zustimmung für unser Couleur traf den Vizepräsidenten des

„Mehr Zustimmung für unser

Couleur traf den Vizepräsidenten des europäischen Parlaments Kbr. Mag. Othmar Karas und sprach mit ihm über die EU-Wirtschaftsregierung, Angela Merkel, ACTA und das Sparpaket.

INTERVIEW: MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER V/O MICHELANGELO (BDB)

INTERVIEW: MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER V/O MICHELANGELO (BDB) Zunächst herzliche Gratulation zu Dei- nem neuen Amt, wie

Zunächst herzliche Gratulation zu Dei- nem neuen Amt, wie fühlt man sich als frisch-gebackener Vizepräsident des Eu- ropäischen Parlaments?

Es ist ein Erfolg für die Arbeit im Europäi- schen Parlament, aber auch für alle öster- reichischen EU-Abgeordneten. DiesesAmt gibt eine zusätzliche Möglichkeit den Wert- vorstellungen und Zielen ein stärkeres Ge- sicht zu geben. Es ist aber auch eine Bestä- tigung für alle meine Vorzugsstimmenwäh- lerinnen und -wähler: Ein geradliniger Weg schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen.Als Vizepräsident möchte ich vor allem eines erreichen: Mehr Zustimmung für unser ge- meinsames Europa in der Bevölkerung wecken und das Projekt Europa weiterent- wickeln.

Der Parlamentspräsident, der deutsche Martin Schulze, gilt sogar innerhalb der SPD als besonders streitbar. Wie gestaltet sich der gemeinsame Arbeitsablauf, gibt es Reibereien bei bestimmten Themen?

Wir - der Präsident und ich – sehen uns als Sprecher der Bürgerkammer Europas und als Sprecher der Menschen, wir stellen die Parteipolitik außer Streit. In den kommen- den zweieinhalb Jahren werde ich vor allem für die Kommunikations- und Informa- tionspolitik des Parlaments zuständig sein. Ich möchte auch die Zusammenarbeit mit den nationalen Parlamenten intensivieren, und – das ist mir besonders wichtig – es darf keine politische Zustimmung ohne Beteili- gung der Bürger geben. Schließlich bin ich noch für den Austausch mit den multilate-

ralen Organisationen, wie UNO, IWF oder Weltbank zuständig. Ich werde daher beim nächsten G20-Treffen das Europäische Par- lament vertreten.

Nach massiven Protesten, überlegt sich nun auch Österreich ACTA* ad acta zu le- gen, bzw. zumindest genauer zu prüfen. Auf EU-Ebene kann das Europäische Parlament ebenfalls bremsen. Wie ist dei- ne Einstellung zu diesem internationalen Abkommen?

Das Europäische Parlament (EP) kritisiert die mangelnde Intransparenz der Verhand- lungen. Zum Glück ist das EP seit Lissabon bei internationalen Verträgen Teil des Ent- scheidungsprozesses. Wir werden uns die offenen Fragen daher sehr genau ansehen,

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couleur 01 | 12 15 politik usw. gemeinsames Europa“ schließlich geht es um ein ausgewogenes Verhältnis
couleur 01 | 12 15 politik usw. gemeinsames Europa“ schließlich geht es um ein ausgewogenes Verhältnis

gemeinsames Europa“

schließlich geht es um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Urheberschutz und persönlichen Grundrechten. Diese Prüfung wird jetzt beim EP öffentlich durchgeführt. Ich finde es sehr gut, dass dieser intras- parente Entscheidungsmechanismus jetzt durch Transparenz im EP abgelöst wird.

Kritiker meinen, dass nach der Umsetzung von ACTA, das Internet, so wie wir es heu- te kennen, Geschichte sein wird. Der Ur- heberschutz werde mit überschießenden Maßnahmen sichergestellt, die massiv in Grundrechte eingreifen würden.

Wir prüfen gerade alle Diskussionspunkte. ACTA ist letztendlich eine Frage der Ver- antwortung. Auf der einen Seite sind wir verstärkt mit neuen Medien konfrontiert, auf der anderen Seite muss man Missbrauch verhindern. Bei einem Grundrechtseingriff muss in jedem Fall sehr genau zwischen den Rechtsgütern abgewogen werden. Diese Position wird das EP in allen Debatten be- gleiten. Es werden in der öffentlichen Di- skussion aber auch Punkte geäußert, die mit ACTA nichts zu tun haben. Im EP wollen wir eine sachliche Lösung herbeiführen.

Das Tandem Merkel und Sarkozy schei- nen momentan in Europa weit über das vertraglich festgelegte Maß hinaus alle Fäden in der Hand zu haben. Wie gehst du als Abgeordneter damit um?

Der Umgang mit der Krise hat die Grenzen der EU und die Versäumnisse der Vergan- genheit aufgezeigt. Überall dort, wo es EU- Gemeinschaftsrecht gibt, sind das EP und die Nationalstaaten gemeinsame Gesetzge- ber. Dort, wo es kein Gemeinschaftsrecht gibt, entscheiden nur die Staats- und Regie- rungschefs. Ich möchte, dass die Regie- rungschefs auch das EP hören und die Zu- sammenarbeit nicht aushöhlen. Die Stär- kung der Gemeinschaft, muss unsere Ant- wort auf die Krise sein. Ich wünsche mir die Einberufung eines Konvents um zu erörtern, was wir für eine „EU-Regierung“ brauchen. Wir müssen Instrumente wie etwa die Steu- er-, Wirtschafts-, Bildungs-, Forschungs- oder die Sozialpolitik vergemeinschaften, um diese Schieflage in den Kompetenzen zu überwinden. Das muss man sich ja einmal vorstellen: Wir haben eine gemeinsame Währung, sitzen also alle de facto in einem

Boot, haben aber nicht die Möglichkeit ein- zugreifen, wenn Handlungsbedarf besteht. In Österreich kann auch ein Land in das Budget einer Gemeinde eingreifen, wenn es notwendig ist. Dass muss auch auf EU-Ebe- ne gegenüber ihren Mitgliedern möglich sein, sonst kann ein zweites Griechenland jederzeit wieder passieren.

Wie beurteilst du die Rolle der EZB in der aktuellen Krise? Wenn es so weitergeht, wird sie wohl wirklich zu einer riesigen „Bad Bank“**, bei all den angekauften, aber leider wertlosen Staatsanleihen.

Ein geradliniger Weg schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Leider hat die Politik ihre Verantwortung seit der Einführung des Euro nicht wahrge- nommen. Die Instrumente, die es für eine gemeinsame Währung braucht, wurden nicht vergemeinschaftet. Die Europäische Zentralbank (EZB) macht ausgezeichnete Arbeit, auch die Währungspolitik der EU ist eine erfolgreiche. Natürlich stößt auch die EZB in ihrer Verantwortung ins politi- sche Vakuum. Ich werfe das der EZB aber nicht vor, im Gegenteil: Ich bin froh, dass es sie gibt.

Wie ist dein persönlicher Eindruck über Ungarn? Erleben wir das Ende der De- mokratie?

Ungarn ist EU-Mitglied, daher muss Un- garn - genauso wie jeder andere Staat - die Europäischen Verträge und -werte einhal- ten. Besteht der Verdacht, dass ein Mit- gliedstaat das nicht tut, muss die Europäi- sche Kommission eingreifen. Die Kom- mission hat daher vier Vertragsverletzungs- verfahren eingeleitet. Ministerpräsident Viktor Orbán hat sich der Kritik gestellt und will gemeinsam mit den zuständigen Orga- nen eine Lösung finden. In der öffentlichen Debatte wird aber oft parteipolitisiert und ohne Anlassfall verurteilt. Ich lehne das ab.

Mir geht es nicht um Parteipolitik, ich be- urteile jede Regierung nach dem EU-Recht und der europäischen Werte.

Die Österreichische Regierung hat sich auf ein 26 Mrd. schweres Sparpaket geei- nigt. Echte Strukturreformen gibt es nur in wenigen Bereichen, wegweisend war aber das Maßnahmenpaket in Sachen Pensio- nen. Warum ist das deiner Meinung nach nicht in allen Bereichen möglich?

Weil der politische Wille nicht ausreichend vorhanden ist. Das Paket ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nicht alles, was verspro- chen wurde, ist bis dato auch beschlossen und ausverhandelt, Stichwort Schweiz oder Transaktionssteuer. Es handelt sich aber um ein ganz wichtiges Paket, um in der Krise die Staatsverschuldung zu senken. De facto werden mit diesem Bündel an Maßnahmen bis 2016 die Schulden auf das Niveau von 2008 reduziert. Weitere Strukturreformen sind daher dringend notwendig.

Weitere Strukturreformen sind daher dringend notwendig. So herzlich kann Europa sein: Kbr. Mag. Othmar Karas und

So herzlich kann Europa sein: Kbr. Mag. Othmar Karas und Bundesrat Bgm. Christoph Kainz mit Anna Prechtl beim Neujahrsempfang der Marktgemeinde Pfaffstätten (Bez. Baden) im Jänner 2012.

zur person

Kbr. Mag. Othmar Karas (OLS) ist Vizepräsident des Europäischen Parla- mentes, Vizepräsident der EVP-Frak- tion, ÖVP-Delegationsleiter sowie Bundesobmann des Hilfswerkes.

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bildung

16 couleur 01 | 12 bildung Bildungsverlierer Bildungsverlierer – – Wir Wir wollen wollen keine keine

Bildungsverlierer Bildungsverlierer

Wir Wir wollen wollen keine keine werden! werden!

Schülerunion startet kantige Kampagne

Das Bildungssystem in Österreich hat Stärken und Schwächen. Es ist gut, wenn man sich seiner
Das Bildungssystem in Österreich hat
Stärken und Schwächen. Es ist gut, wenn
man sich seiner Stärken bewusst ist, doch
man sollte auch an seinen Schwächen
arbeiten.
den Problemen in der Klasse und möchte
dabei mit kantigen und provozierenden
Sujets, einem Video und prominenten
Unterstützern eine Debatte zu diesem
Thema auslösen.
Wir Schüler wollen nicht die Verlierer von
morgen sein. Die Schule soll u.a. Selbst-
einschätzung vermitteln, politische Bil-
dung lehren, das Herausfinden der eige-
nen Talente und Werte fördern und allen
Schülern recherchieren beibringen.
Oft wird nur darüber diskutiert, welchen
Namen die Türschilder an der Schule tra-
gen sollen. Doch es ist nicht genug die
wahren Probleme unserer Bildung an der
Schulform zu suchen.
Die Schule sollte nicht die erziehende
Rolle der Eltern übernehmen, aber trotz-
dem auf das spätere Leben vorbereiten.
Das Um und Auf ist es, selbstständiges
Denken und Arbeiten zu fördern und die
Bildung eines kritischen Geistes in jedem
Schüler zu unterstützen.
Bei einer Städtetour in Innsbruck, St. Pöl-
ten und Graz werden inhaltliche Diskus-
sionen zu verschiedenen Themen stattfin-
den bei denen alle Interessierten des MKV
herzlich willkommen sind.
Die Schülerunion beschäftigt sich mit
ihrer Kampagne „Bildungsverlierer“ mit
Infos unter bildungsverlierer.at
Die Schülerunion beschäftigt sich mit ihrer Kampagne „Bildungsverlierer“ mit Infos unter bildungsverlierer.at

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politik usw.

couleur 01 | 12 17 politik usw. Demokratiepaket für Österreich Ein Blick in die Statistik kann
couleur 01 | 12 17 politik usw. Demokratiepaket für Österreich Ein Blick in die Statistik kann

Demokratiepaket für Österreich

Ein Blick in die Statistik kann manchmal recht besorgniserregend sein:

In den letzten 20 Jahren ist die Wahlbeteiligung bei Nationalratswahlen um beinahe 15 Prozent zurückgegangen.

Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass die Distanz zwischen ihnen und der Politik immer größer wird. Sie beklagen sich zurecht über intransparente Listener- stellungen vor Wahlen, über Abgeordne- te, die immer mehr den Bezug zu ihren Wählerinnen und Wählern verlieren und über politische Entscheidungen, die über die Köpfe der Betroffenen hinweg getrof- fen werden. All das hat dazu geführt, dass sich heute viele Menschen als politikver- drossen bezeichnen, in Österreich deut- lich häufiger als anderswo.

Wir beschäftigen uns mit den drei Schwerpunkten Bürgerbeteiligung, Wahlrecht und dem Einsatz neuer Medien.

Doch noch ist es nicht zu spät, diese Ent- wicklung aufzuhalten: Laut einer aktuel- len Umfrage der Österreichischen Gesell- schaft für Europapolitik wollen sich 80 Prozent der jungen Menschen in Öster- reich politisch engagieren, doch jeder Zweite sieht wegen der fehlenden Mit- bestimmungsmöglichkeiten derzeit darin nur eben keinen Sinn. Während etwa das politische Interesse in der Gemeinde noch sehr hoch ist, nimmt es in Richtung der Bundesebene immer mehr ab.

Aufgabe: Demokratiereform

Genau aus diesem Grund haben wir es uns als JVP 2012 zur Aufgabe gemacht, die Demokratie in Österreich zu reformieren und so einen Perspektivenwechsel hin zu den Wählerinnen und Wählern möglich zu

machen. Sie – und damit wir alle – müs- sen wieder ins Zentrum der Politik rücken. Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir neue und zeitgemäße Vorschläge für eine Demokratiereform erarbeiten. Der Auf- trag von Bundesparteiobmann Michael Spindelegger (TUM, Nc, Anm.), bis zum Sommer ein konkretes Konzept auszuar- beiten, zeigt auch die große innerparteili- che Bedeutung dieses Themas. Wir arbei- ten derzeit an einer „Demokratie.Neu“, mit der wir die Politik wieder näher zu den Menschen bringen wollen.

Konkret beschäftigen wir uns mit den drei Schwerpunkten Bürgerbeteiligung, Wahl- recht und dem Einsatz neuer Medien. Um die Demokratie in

Österreich im 21. Jahrhundert ankom- men zu lassen, braucht es zeitge- mäße und unkon- ventionelle Ideen. So sollen etwa die bisher eher zahnlo- sen Volksbegehren aufgewertet werden und ab einer be- stimmten Unterstüt- zerzahl automatisch zu einer Volksab- stimmung führen.

Schluss mit der Schublade

Damit kann verhin- dert werden, dass die Anliegen der Menschen wie bis- her in den Schubla- den des Parlaments verschwinden. Die- ser und viele weitere Vorschläge werden sich in unserem

„Demokratie.Neu“-

Konzept wiederfin- den, mit dem wir vor

dem Sommer die Politik in Österreich ordentlich wachrütteln wollen. Falls Du eine Idee zum Thema Demokratiereform hast, schreib uns einfach ein Mail an junge@oevp.at!

hast, schreib uns einfach ein Mail an junge@oevp.at! der autor Sebastian Kurz ist seit 2009 JVP-

der autor

Sebastian Kurz ist seit 2009 JVP- Bundesobmann und seit 2011 Inte- grationsstaatssekretär. Sein Zu- gang zum Thema: „Integration durch Leistung“

JVP- Bundesobmann und seit 2011 Inte- grationsstaatssekretär. Sein Zu- gang zum Thema: „Integration durch Leistung“

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18 couleur 01 | 12 ad fundum Vorratsdatenspeicherung: Bringt Brüssel den Überwachtungsstaat? Mit der Verpflichtung zur
18 couleur 01 | 12 ad fundum Vorratsdatenspeicherung: Bringt Brüssel den Überwachtungsstaat? Mit der Verpflichtung zur

Vorratsdatenspeicherung: Bringt Brüssel den Überwachtungsstaat?

Mit der Verpflichtung zur sogenannten Vorratsdatenspeicherung zur Ver- brechensbekämpfung hat die EU eine umstrittene Maßnahme gesetzt.

(Mobil-)Telefonie und Internet haben un- ser Leben in den letzten 20 Jahren grund- legend verändert. Der Takt, in dem Infor- mationen verbreitet und empfangen wer- den können, nimmt ständig zu. Auch die Speicherkapazitäten steigen stetig. Allein durch die Nutzung der genannten Medien (Mobiltelefon, Internet) produziert der moderne Mensch hunderte Datensätze täglich. Aus diesen Datensätzen kann man interessante und kommerziell wertvolle Informationen gewinnen. Nachvollzieh- bar, dass sich der Staat und Private diese Informationen zunutze machen möchten. Wegen des Lissabon-Vertrages hat die EU im Datenschutzrecht, bzw. im Daten- sammeln ein weites Betätigungsfeld.

Datenschutz als Europäische Angele- genheit

Ziel der Europäischen Union war zu- nächst in erster Linie die Schaffung eines funktionierenden Binnenmarktes. Nach Ansicht des Gemeinschaftsgesetzgebers beeinträchtigten unterschiedliche natio- nale Vorschriften über den Datenschutz den Binnenmarkt, weil Diensteanbieter (z. B. Telekommunikationsunternehmen, Internetprovider) mit unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert werden, die Zusatzkosten verursachen. Der Gemein- schaftsgesetzgeber stützt sich daher bei Initiativen im Bereich des Datenschutz- rechts auf die notwendige Harmonisie- rung des Binnenmarktes. Mit dieser Be- gründung hat der Gemeinschaftsgesetz- geber etwa im Jahr 1995 die Daten- schutzrichtlinie 95/24/EG oder die Richt- linie 2006/24/EG über die Vorratsdaten- speicherung erlassen.

Laut Art. 8 der Grundrechtecharta, die die gemeinschaftsrechtlichen Menschenrech- te und Grundrechte der Unionsbürger de- finiert, hat jede Person ein Grundrecht auf Schutz ihrer personenbezogenen Daten. Dadurch wurde das im österreichischen Datenschutzgesetz (DSG) verankerte

Menschenrecht

Ebene eingeführt.

auch

auf

europäischer

Der Vertrag von Lissabon, der seit 2009 in Kraft ist, hat den Datenschutz als eines der Grundsätze der Europäischen Union defi- niert. Mit dem Vertrag von Lissabon hat die Europäische Union auch neue gesetz- geberische Kompetenzen im Bereich des Datenschutzes erhalten. Demnach ist der Gemeinschaftsgesetzgeber zuständig, Vorschriften über den Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personen- bezogener Daten im Anwendungsbereich des Unionsrechts und Vorschriften über den freien Datenverkehr zu erlassen. Dar- auf hat der Europäische Gesetzgeber ei-

Datenschutz ist ein Menschenrecht.

nen erst kürzlich publizierten Vorschlag für eine neue Datenschutzrichtlinie und eine Verordnung, die den Datenschutz re- geln soll, gestützt.

Vorratsdatenspeicherung

schutz

vs

Daten-

Ein datenschutzrechtlich „heißes Eisen“ ist die sogenannte Vorratsdatenspeiche- rung. Unter Vorratsdatenspeicherung ver- steht man die Aufbewahrung von Daten „zur Sicherheit“, damit die Gerichte und Behörden für die Ermittlung im Zu- sammenhang mit bzw. für die Verfolgung von schweren Straftaten darauf zugreifen können. Die Daten werden also unabhän- gig davon gespeichert, ob der Nutzer in ei- nem konkreten Verdacht steht, eine straf- bare Handlung begangen zu haben. So konnte etwa 2010 der Einbrecher, der die

berühmte Saliera aus dem Kunsthistori- schen Museum in Wien entwendete, unter anderem durch die Auswertung von Daten zu seinem Mobiltelefon identifiziert und schließlich gefasst werden.

Die Europäische Richtlinie über die Vor- ratsdatenspeicherung legt Europäische Standards für die Vorratsdatenspeiche- rung fest. Insbesondere regelt die Richtli- nie, welche Daten als Vorratsdaten ge- speichert werden dürfen. Dies sind in ers- ter Linie sogenannte Verkehrsdaten, d.h. Daten über Name und Adresse eines Mo- biltelefonnutzers sowie Ziel und Dauer von Anrufen, Aufenthaltsbereich des Handys bzw. Daten über die Internetnut- zung (IP-Adressen).

Inhaltsdaten (d.h. der Inhalt von Telefo- naten bzw. elektronischer Kommunika- tion) dürfen im Rahmen der Vorratsdaten- speicherung nicht gespeichert werden. Die Richtlinie sieht vor, dass Betreiber von Telekommunikationsdiensten bzw. Internetprovider die von der Vorratsda- tenspeicherung erfassten Daten minde- stens 6 Monate speichern müssen. Die Richtlinie war bis zum 15. September 2007 umzusetzen, wobei Österreich in einer Zusatzerklärung zur Richtlinie von seinem Recht Gebrauch machte, die Um- setzung bezüglich Kommunikationsdaten bezüglich Internet 18 Monate später um- zusetzen. Die Frist zur Umsetzung lief – von Österreich ungenützt – am 15. De- zember 2008 ab.

Keine Vorschriften

Österreich setzte die Richtlinie über die Speicherung von Vorratsdaten – wie übri- gens Deutschland auch – nicht zeitgerecht um. In einem Vertragsverletzungsverfah- ren erkannte der Europäische Gerichts- hof, dass Österreich damit gegen seine Umsetzungspflicht verstoßen hat. Öster- reich begründete seine Säumnis bei der Umsetzung mit der innenpolitischen Dis-

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kussion und der starken Kritik an den ge- meinschaftsrechtlich geforderten Maß- nahmen. Nebenbei bemerkt haben natio- nale Verfassungsgerichte in Deutschland, Rumänien und der Tschechischen Repu- blik nationale Gesetze, die der Umsetzung der Richtlinie zur Vorratsdatenspeiche- rung dienten, aufgehoben, weil die Um- setzungsmaßnahmen zu sehr in das Grundrecht auf Datenschutz eingriffen. Erst im Mai 2011 setzte Österreich die Richtlinie über die Vorratsdatenspeiche- rung durch eine Novelle des Telekommu- nikationsgesetzes (TKG) um.

Skepsis in Österreich (und der EU)

In Österreich regt sich breiter Unmut ge- gen die Verpflichtung von (Tele)Kommu- nikationsdienstleistern, Daten ihrer Nut- zer „auf Vorrat“ und sicherheitshalber zu speichern, um gegebenenfalls zur Auf- klärung von Delikten auf diese Daten zu- zugreifen. Durch die Verpflichtung der (Tele)Kommunikationsdienstleister, Da- ten zu sammeln, werden riesige Daten- pools generiert, die auch mit einem Kos- tenaufwand verbunden sind.

Kritiker weisen vor allem auf das große Missbrauchspotenzial hin. Zwar ist es den (Tele)Kommunikationsdienstleistern ge- setzlich verboten, die Daten außer für Ver- rechnungszwecke auszuwerten; ein Ver- stoß gegen diese Verpflichtung wird aller- dings nur schwer nachweisbar sein. Nichts liegt jedoch näher, als die einmal gespeicherten Informationen auch kom- merziell zu nutzen. Die gesammelten Da- ten ermöglichen es, akkurate Nutzerprofi- le zu erstellen. Aber auch Unternehmens- daten, Betriebs- und Geschäftsgeheim- nisse sind durch die Vorratsdatenspeiche- rung bzw. die Auswertung der gesammel- ten Daten gefährdet. Die Geschäftskon- takte von Unternehmen lassen sich auf diesem Weg leicht eruieren.

Schützenhilfe haben die Datenschützer zuletzt vom Europäischen Datenschutz- beauftragten, Peter Hustinx, erhalten. Auch dieser ist der Ansicht, dass die Vorratsdatenspeicherung über das zulässi- ge Maß an Überwachung hinausgeht und daher unverhältnismäßig in das Men- schenrecht auf Datenschutz und Schutz des Privatlebens eingreift. Er forderte da- her die grundlegende Überarbeitung der Richtlinie über die Vorratsdatenspeiche- rung.

Neue Initiativen

Die Vorratsdatenspeicherung ist in der Eu- ropäischen Union umstritten. Die Grund- rechtecharta der Europäischen Union, aber auch Äußerungen Europäischer Amtsträger wie des Europäischen Daten- schutzbeauftragten, der Vizepräsidentin der Kommission Viviane Reding, und re- zente Entscheidungen des Europäischen Gerichthofs zeigen, dass sich die Euro- päischen Institutionen der Sensibilität der Frage bewusst sind.

Am 25. Jänner 2012 hat die Europäische Kommission ein umfassendes neues Ge- setzgebungspaket zum Thema Daten- schutz vorgestellt. Zentrales Anliegen des Entwurfs einer neuen Datenschutzrichtli- nie ist die Vereinheitlichung der Verwal- tungsvorschriften und der Bürokratieab- bau im Zusammenhang mit Datenschutz- maßnahmen. Weiters sollen sogenannte

Nichts liegt näher, als die einmal ge- speicherten Infos kommerziell zu nutzen.

social networks vom Datenschutzrechtre- gime der Europäischen Union erfasst wer- den. Eine neue Richtlinie soll dem Ein- zelnen gegenüber Betreibern von social networks ein „Recht auf Vergessen“, das heißt Löschung von Daten, einräumen. In einer Verordnung werden die Befugnisse der Strafverfolgungsbehörden zur Daten- verarbeitung gemeinschaftsweit geregelt. Die Richtlinie über die Vorratsdatenspei- cherung hingegen bleibt unverändert.

Ausblick

Datenschutz ist ein Menschenrecht gemäß der Europäischen Grundrechtecharta. Mit der rasanten technischen Entwicklung ge- winnt der Datenschutz als Menschenrecht an Bedeutung. Datenschutz ist zudem eine grenzüberschreitende Herausforderung für die Politik und die Gesetzgeber. Initi- ativen der Europäischen Institutionen sind in diesem Bereich grundsätzlich wün- schenswert.

sind in diesem Bereich grundsätzlich wün- schenswert. So wie in den Mitgliedstaaten der Euro- päischen Union
sind in diesem Bereich grundsätzlich wün- schenswert. So wie in den Mitgliedstaaten der Euro- päischen Union
sind in diesem Bereich grundsätzlich wün- schenswert. So wie in den Mitgliedstaaten der Euro- päischen Union
sind in diesem Bereich grundsätzlich wün- schenswert. So wie in den Mitgliedstaaten der Euro- päischen Union

So wie in den Mitgliedstaaten der Euro- päischen Union gibt es auch auf der euro- päischen Ebene unterschiedliche Interes- sen und Ansichten zum Thema Daten- schutz.

Europäische Institutionen selbst wie der Europäische Datenschutzbeauftragte ha- ben die Richtlinie über die Vorratsdaten- speicherung kritisiert. Es ist nicht ausge- schlossen, dass der Europäische Gerichts- hof etwa im Wege eines Vorabentschei- dungsverfahrens über die Rechtmäßigkeit der Richtlinie über die Vorratsdatenspei- cherung entscheiden wird.

Datenschutz ist neben dem rechtlichen Aspekt vor allem auch ein gesellschafts- politisches Anliegen. Das Eintreten für den Datenschutz als grundlegendes Men- schenrecht scheint ein Gebot der Stunde.

Bürgerinitiativen zum Schutz des Daten- schutzes können helfen, die Aufmerk- samkeit politischer Entscheidungsträger auf die dringende Herausforderung des Datenschutzes zu lenken.

Stoppt die Vorrats- datenspeicherung

Die Bürgerinitiative „Stoppt die Vor- ratsdatenspeicherung“ hat im Dezem- ber 2012 eine Petition im Österreichi- schen Nationalrat eingebracht, mit der die Bundesregierung aufgefordert wird, auf europäischer Ebene für eine Aufhebung der Richtlinie über die Vorratsdatenspeicherung einzutreten. Diese Bürgerinitiative sammelt weiter Zustimmungserklärungen. Auf der Homepage des Parlaments, parla- ment.gv.at, kann man elektronisch seine Zustimmungserklärung zur Bürgerinitiative abgeben.

zur person

Rechtsanwalt Dr. Georg Rihs (NBM!, Nc!) ist selbständiger Rechts- anwalt in Wien. Er hat sich auf öffent- liches (Wirtschafts-)Recht, Gewerbe- recht, Baurecht und Energierecht spe- zialisiert. Kontakt: www.rihs-rechts- anwalt.at; 01/532 11 38.

Gewerbe- recht, Baurecht und Energierecht spe- zialisiert. Kontakt: www.rihs-rechts- anwalt.at; 01/532 11 38.

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FOTO: photoxpress.com

20 couleur 01 | 12 ad fundum FOTO: photoxpress.com Wann ist ein Mann ein Wer das

Wann ist ein Mann ein

Wer das Wort „Männlichkeit“ in Google eingibt, findet schnell unzählige Artikel, die sich mit einem neuen Männerbild beschäftigen.

Eine umfangreiche

Debatte

über Männ-

Frage: „Wann ist ein Mann ein Mann?“.

lichkeit wandert momentan durch die Me-

Viele Männer meiner Generation (Jahr-

dien. Nicht alle finden sich in Lifestyle- Medien wie GQ oder Cosmopolitan, nein es sind vor allem die Qualitätsmedien die

gang 1973) haben nämlich ein Problem mit dem Satz: „Ich bin ein Mann“. Denn in meiner Jugend (genauer im Jahr 1984)

sich darüber

auslassen:

Von

der „Zeit“

fragte uns schon Herbert Grönemeyer in

über

die „taz“

bis zum

„Standard“ liest

seiner Neue deutsche Welle-Hymne

man

von

Weicheiern, Männern

in der

„Männer“ bereits das gleiche wie der Titel

Krise und von einem alten Wort mit neu-

„Schmerzensmann“.

er Bedeutung, dem

Nur, wann ist ein Mann ein Mann?

Während ich diesen Artikel schreibe, liegt der Playboy neben mir auf der Couch, ich trinke Bourbon mit Eis, rauche eine Zigar-

MartiniInTheMorning.com,

re und

mein Lieblingswebradio, das nur Rat Pack Songs von Frank Sinatra, Dean Martin & Co spielt. Womit ich in einem Satz bereits ein paar Klischees erledigt hätte.

höre

Ich

ich

selbst davon betroffen war und bin. Die

mich seit

über etwas, dass

schreibe erstmals

Jahren beschäftigt,

weil

Die Jungen wissen eindeutig, ab wann sie nicht mehr am ,Kindertisch‘ sitzen.

diesesArtikels. Ich kann mich noch lebhaft an die lautstarken Mädchenchöre erinnern, die lauthals als Antwort „Nie“ gegrölt ha- ben. Bereits damals habe ich mich gewun- dert, warum niemand die Frage stellt „Wann ist eine Frau eine Frau?“ oder wa- rum der Satz „Du bist doch kein richtiger Mann“ viel öfter zu hören ist als „Du bist doch keine richtige Frau“. Mich interes- siert in diesem Zusammenhang die Frage:

„Ab wann bin ich ein Mann“? Ich denke, es kommt nicht von irgendwo her, dass so- genannte „primitive“ Völker ein männli- ches Initiationsritual haben. Ein ein- deutiges Prozedere, wo ein Junge zu einem Mann wird. Die Jungen wissen eindeutig, ab wann sie nicht mehr am „Kindertisch“ sit- zen. Die zivilisierte Gesellschaft mit ihren sozialen Regeln und der Political Correctness hat diese Rituale abgeschafft. Nur bei Männerverbänden haben sich In- itiationen erhalten, die aber in der männ- lichen Entwicklung mehr einem „India- ner spielen für Erwachsene“ entsprechen. Bei allem notwendigen Respekt vor dem Comment und seinen Ritualen.

Abtrainierte Männlichkeit?

Ich traue mich jetzt eine mutige Behaup- tung aufzustellen: Vielleicht sollen wir es gar nicht wissen. Vielleicht haben wir das „Mann sein“ gezielt und generalstabsmä- ßig abtrainiert bekommen. Vielleicht wa- ren die Gesellschaft und die Medien zu- viel damit beschäftigt uns zu erzählen, was wir nicht tun sollen, was wir ändern sollen und wie wir uns korrekt zu verhal- ten haben. Vielleicht waren sie zu be- schäftigt dem Mann Stempel aufzudrü- cken wie „Macho“, „Softie“, „Weichei“ und „Metrosexueller“, dass die Antwort auf die Frage sich nur durch das ergibt, was wir alles als Männer lassen sollen.

Ich hab in den letzten Jahren mit sehr vie- len Männern zwischen 20 und 40 gespro- chen, die auf die Frage „Was ist ein Mann?“ keine Antwort haben und bei der Frage „Siehst du dich als Mann?“ betrof- fen zu Boden blicken. Und nun fällt es den Frauen auf und wir können es momentan in unzähligen Medien lesen, ein Abgesang auf die Männlichkeit wird angestimmt. „Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich ist er, melancholisch und ratlos. Er hat seine Rolle verloren.“, kön- nen wir von Nina Pauer in der „Zeit“ lesen. „Weicheier sind das Beste was uns passieren kann“ schreibt Sonja Eismann, Mitherausgeberin des femi- nistischen Frauenmagazins Missy.

Im Standard kann man sogar von einem „Beherrschenden und diffamierenden Fe- minat“ lesen. Das Männer Antworten su- chen, wird dem aufmerksamen Besucher von Großbuchhandlungen nicht entgangen sein. Noch vor ein paar Jahren waren die Re- gale mit „Männerratgebern“ übersichtlich und verstaubt. Das hat sich geändert. In den letzten Jahren schießen Veröffentlichungen zu diesem Thema förmlich aus dem Buch- handlungs-Boden. Von ernsthaften Ausein- andersetzungen wie „Was vom Manne übrigblieb“, „Der Gentleman“, „The Art of Manliness“ und „Der Weg des wahren Man- nes“ bis zu boulevardesken Titeln wie „Die Tarzan-Strategie“, „Handbuch für echte Männer“ und „The James Bond Lifestyle“ ist für jeden Geschmack etwas dabei. Und mal ganz ehrlich. Große Verlagshäuser sind

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couleur 01 | 12 21 a d f u n d u m Mann? Wichtig ist
couleur 01 | 12 21 a d f u n d u m Mann? Wichtig ist

Mann? Wichtig ist jedoch eines: Die kommenden

Artikel sind zutiefst subjektiv gefärbt und

erheben keinerlei Anspruch auf Richtig-

Mag. Markus Cerenak v/o Comos (LIW) und Martin Reinelt v/o Frosch (LIW) haben gemeinsam das „Gentleman Project“ gegründet, das sich intensiv mit der „neuen Männ- lichkeit“ be- schäftigt.

Workshops zu

diesem Thema

werden bereits

regelmäßig

(u.A.

ÖCV-Bil-

dungsakade-

mie)

führt.

bei

der

durchge-

(u.A. ÖCV-Bil- dungsakade- mie) führt. bei der durchge- Nächster Workshop: 16. & 17.03.12. Infos:
(u.A. ÖCV-Bil- dungsakade- mie) führt. bei der durchge- Nächster Workshop: 16. & 17.03.12. Infos:

Nächster Workshop: 16. & 17.03.12. Infos: GentlemanProject.com bzw. facebook.com/GentlemanProject

keit und Wahrhaftigkeit.

Wir sind daher sehr auf den Diskurs mit Euch allen angewiesen. Wir würden uns freuen von Euch zu lesen, zu erfahren wie Ihr das seht, was Eure Einschätzung ist und ob Ihr unsere Gedanken nachvollziehen könnt. Nicht nur Leserbriefe, sondern auch ein nahezu Echtzeit-Diskurs auf Facebook würde das Thema bereichern und bereits im kommenden Artikel Eure Meinung einbringen. Wir diskutieren gerne mit euch auf der Facebook-Seite des Couleur (http://www.facebook.com/ MKVCouleur) oder von Gentleman Project (http://www.facebook.com/ GentlemanProject), die sich diesem Thema ganz besonders widmet.

MAG. MARKUS CERENAK V/O COSMOS (LIW)

nicht dumm. Sie produzieren ausschließlich Sachbücher, die sich verkaufen. Offenbar gibt es einen Markt dafür. Und der ist nicht zu klein und es sind nicht Frauen, die so et- was kaufen.

Quo vadis Mann?

Nina Pauker bringt es auf dem Punkt: „Er weiß nicht mehr, wann es Zeit ist zu kom- men. Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund. Schüchtern in einer Baumwollstrickjacke hinter einer Hornbril- le versteckt, steht er in dunklen Großstadt- bars und hält sich an einem Bier fest.Als Ge- fährte ist er vielleicht ein bisschen grüble- risch, aber man kann gut mit ihm reden. Er achtet auf sich, ist höflich, lieb, immer ge- pflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik. Nur wenn der entscheidende „move“ gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte, fängt sein Kopfkino an. Viel- leicht möchte die junge Frau gar nicht ge- küsst werden? Vielleicht würde sie sonst sel- ber den ersten Schritt tun? Vielleicht sollte man die Beziehung lieber doch nicht auf die gefährliche Ebene der Erotik ziehen, son- dern platonisch belassen? „Ich gebe zu, dass ich dich mag“, singt es schließlich vom Mix- tape, das er seiner Angebeteten aufnimmt, anstatt den ersten Schritt zu wagen. Schön klingt es, ungelenk kommt es an.“ Dass Ni- na Pauker nicht wie der Blinde von der Far- be spricht, kann ich bezeugen. Meine jahre- langen Beobachtungen, auch im „Nachtle- ben“, dort wo nach wie vor das „Balzver- halten“ geschlechtsreifer Erwachsener am besten zu studieren ist, können Paukers Ein- schätzung bestätigen. Und wer als Mann einfach mal einer Frau zuhört, wenn sie über ihren Traummann spricht, wird noch schneller bemerken woher der Wind weht.

Der nächste Schritt: Ein Diskurs

Nur was kann die Antwort sein? Was ist ei- ne mögliche Lösung? Mit dieser Artikel- Serie im Couleur, die sich über das ganze Jahr hinweg mit diesem Thema beschäfti- gen wird, wollen wir ein wenig positiven Anteil nehmen, die prophezeite Krise der Männlichkeit genauso abzuwenden, wie den Weltuntergang im Dezember 2012.

Anteil nehmen, die prophezeite Krise der Männlichkeit genauso abzuwenden, wie den Weltuntergang im Dezember 2012.

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22 couleur 01 | 12 ad fundum Ungarnberichterstattung Viel wurde über Ungarn in den letzten Wochen

Ungarnberichterstattung

Viel wurde über Ungarn in den letzten Wochen geschrieben. Diskussions- potential hatte vor allem das neue Mediengesetz, die Bankenabgabe und die neue Verfassung. Couleur befragte dazu den gemäßigten Journalisten Boris Kálnoky (Die Welt) und Gregor Mayer (Profil, Standard, DPA), der sich als radikalen Kritiker sieht.*

INTERVIEW: UNIV.-ASS. MAG. MARC VECSEY V/O CORVINUS (SOP)

Herr Kálnoky, was stört Sie als sach- lichen Beobachter an der ungarischen Regierung am meisten?

Kálnoky: Es werden zweifelsfrei viele Dinge angepackt, allerdings ist mir das Reformtempo zu hoch. Außerdem hängt die Regierung an einer sehr ideologiebe- hafteten Politik. Auch der gegenwärtige Antikommunismus wirkt anachronistisch –vor 20 Jahren hätte es mehr Bedarf dafür gegeben. Ich bedauere es auch, dass die Regierung in der Wirtschaftspolitik die richtigen Fragen stellt, aber die falschen Antworten gibt.

Bei Ihnen, Herr Mayer, möchte ich den Spieß etwas umdrehen, weil ich weiß, dass Sie noch genug Kritikpunkte finden werden: Können Sie einen Punkt nen- nen, den die christlich-soziale Regierung in den vergangenen anderthalb Jahren gut gemacht hat?

Mayer: Nein, das kann ich nicht. Anfangs hat mir der positive Ansatz von Minister- präsident Viktor Orbán gegen den Fi- nanzkapitalismus gefallen, der dann je- doch in eine nahezu autoritäre Machter- haltungspolitik umgeschlagen ist. Mo- mentan findet gerade eine massive Ab- schaffung von demokratischen Kontroll- mechanismen statt. So wurde auch etwa das Verfassungsgericht entmachtet.

Kálnoky: Insbesondere in Ungarn will je- de Regierung ihre Macht zementieren. In der sozialistischen Vorgängerregierung haben auch massive Umbesetzungen stattgefunden. Jemand, der seine Macht nicht erhalten will, hat in der Politik nichts

zu suchen. Das angesprochene Verfas- sungsgericht funktioniert nach wie vor, sonst hätte es nicht in den letzten Wochen eine Reihe von Regierungsgesetzen auf- gehoben.

Wie sieht es mit der Pressefreiheit aus? Was ist Ihre Kritik am Mediengesetz?

Mayer: Auch das neue Mediengesetz ist Teil der Orbán-Strategie, die Demokratie zurückzurollen. Es gibt zwar keine Straf- maßnahmen wegen regierungskritischer Berichterstattung, dennoch gibt es eine Reihe von Fußangeln drinnen, welche die Pressefreiheit gefährden. Weiters ist die Zusammensetzung des Medienrates sehr problematisch, da er nur von Parteisolda- ten von Fidesz (amtierende Regierungs- partei, Anm.) besetzt ist.

Kálnoky: Ich bedauere, dass Orbán viele linke Journalisten aus den öffentlich- rechtlichen Anstalten entfernen ließ. Das Mediengesetz selbst halte ich für unnötig. Die Presse ist aber jedenfalls nicht gekne- belt, sie ist frei. Davon kann sich jeder sein Bild an jedem Budapester Kiosk machen. Dort kann man nach wie vor lesen, in wel- chen schrillen Tönen linke Blätter die Re- gierung angreifen. Es war in der Tat eine westliche Zeitungsente, dass unausgewo- gene Berichterstattung mit 400.000,– Strafe geahndet werden kann.

In welcher wirtschaftlichen Lage steckt Ungarn gerade? Wie stehen Sie zu den politischen Maßnahmen gegen Banken (Stichwort: Sondersteuern), von denen in Ungarn besonders viele in österrei- chischer Hand sind?

Mayer: Ungarn krankt an einem ver- schleppten Transformationsprozess. Die politische Elite nach der Wende 1990 war nicht in der Lage, alle entsprechenden Re- formen so umzusetzen, dass der Staat dem 21. Jahrhundert entspricht. Diese Regie- rung hat jedoch eins draufgelegt, weil sie – so wie sie sagt – unorthodoxe Wirt- schaftspolitik betreibt. Natürlich kann man problematisieren, dass die Banken über lange Zeit mit Fremdwährungskredi- ten wahnsinnige Profite gemacht haben, weil die Bevölkerung jetzt darunter leidet, aber man kann nicht rückwirkende Ver- lusttragungsregeln oder Krisensteuern einführen. Das alles trägt halt nicht zu einem guten Investorenklima bei. Die Wirtschaftspolitik ist ziemlich verbockt worden.

Kálnoky: Es ist viel dran an dem, was Gre- gor Mayer gesagt hat. Die derzeitige Wirt- schaftspolitik scheint versagt zu haben. Man sollte jedoch auch nicht vergessen, dass viele der umstrittenen Maßnahmen Sinn zu machen schienen und dass etwa die Bankensteuer neun europäischen Län- dern – darunter auch von Deutschland – übernommen wurde. Auch die Idee von den Rentenrücklagen (Zurückleitung von privat verwalteten Pensionsversiche- rungsbeiträgen in die staatliche Pen- sionskassa, Anm.) ist nicht so schlecht, doch leider wurde sie inkonsequent um- gesetzt. Es ist auch plausibel, die mittel- ständischen Unternehmen zu schonen und die Multis zu besteuern, da sie dadurch im Gegensatz zu anderen nicht kaputtgehen werden. Auch scheint es mir besser, von den Banken, die ja diese Krise verursacht haben, 700 Millionen Euro zu holen, als

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couleur 01 | 12 23 a d f u n d u m aus erster Hand
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aus erster Hand

ihnen 50 % ihrer Forderungen wegzuneh- men. Letzteres ist ja in Griechenland der Fall. Alle diese guten Ansätze werden je- doch durch erhebliche Fehler in der Kom- munikation sowie durch ein Alleingän- gertum Ungarns zerstört.

In der Zeit der sozialistischen Vorgän- gerregierung hat sich die paramilitäri- sche „Ungarische Garde“ geformt und begonnen, durch Aufmärsche große Unruhe zu verursachen. Gleichzeitig haben die Sozialisten damit geworben, die einzigen Garanten des Schutzes der Minderheiten zu sein. Nun hat die Re- gierung diese Aufmärsche verboten, weswegen es leise um die „Ungarische Garde“ geworden ist. Dazu hat sie erst- mals eine Europastrategie zur Integra- tion der Roma erarbeitet und in Brüssel beschließen lassen. Hat sich also die Lage der Roma seit dem Regierungs- wechsel verbessert?

Mayer: Den Roma geht es unverändert schlecht. Das veränderte Vereins-, Poli- zei- und Strafrecht wirkt zwar, die Unga- rische Garde macht also keine Aufmär- sche mehr. Sie ist aber immer noch da. Neulich habe ich wieder ein paar Men- schen in der Garde-Uniform gesehen. Die Vorgängerregierung hatte keine Erfahrungswerte mit dieser Situation, deshalb hat sie sich mit dem Thema schwerer getan. Außerdem musste erst einmal komplexes Verbotsverfahren ab- geschlossen werden. Konkret kreide ich aber Viktor Orbán an, dass er in Ungarn eine Stimmung geschaffen hat, die ein Aufkeimen des Rechtsextremismus zuge- lassen hat.

auf diesen erwiesenen Problemen mit den Roma. Nach Auffassung des Budapester BBC-Journalisten Nick Thorpe konnte allerdings durch die jüngste Veränderung des Strafrechts die Romakriminalität halbiert werden.

Ungarns neue Verfassung enthält in sei- ner Präambel einen expliziten Bezug auf das Christentum und auf die europäi- sche Verantwortung Ungarns. Ferner wurden darin die Grundrechte nach dem Vorbild der EU-Grundrechtecharta ver- ankert. Auch die eingeführte Schulden- bremse müsste eigentlich positiv zu be- werten sein. Dennoch hagelte es heftige Kritik an diesem neuen Grundgesetz. Wie erklären Sie sich das?

Kálnoky: Zuerst einmal hat die EU nicht gesagt, dass das Grundgesetz gegen Uni- onsrecht verstoße. Das Problem mit der neuen Verfassung ist fidesz-typisch: Es ist ein bisschen zu rigide, zu bombastisch und zu ideologisch. Aber grundsätzlich darf der Verweis auf das Christentum, gerade im Falle Ungarns, ruhig in einer Verfassung stehen. Die vehemente Kritik der Linken ist stark überzogen.

Mayer: Warum werden die Juden nicht in der Präambel erwähnt? Nein, ich erspare mir weitere Ausführungen dazu. Mein Hauptkritikpunkt an der Verfassung ist nämlich das machttechnische Instrumen- tarium dahinter. Denn es werden viele problematische Regelungen in verfas- sungsrechtliche Nebengesetze verlagert bzw. werden Staatsämter so eingerichtet, dass sie mit Fidesz-Leuten besetzt werden können, deren Amtsperiode mehrere Le- gislaturperioden anhält.

Herr Mayer, Sie haben an einem inter- essanten Buch über Rechtsextremismus mitgeschrieben (Mayer/Odehnal, Auf- marsch: Die rechte Gefahr aus Osteuro- pa, 2010). In welchem Land gibt es eine stärkere rechtsextreme Gefahr, in Öster- reich oder in Ungarn?

Mayer: Nach Wolfgang Purtscheller gibt es in Österreich die schlagenden Bur- schenschaften, die einer langen Tradition des akademischen Rechtsextremismus folgen – so etwas gibt es in Ungarn nicht. In Ungarn kämpft man hingegen mit der Transformation, die zu anderen sozialen Dynamiken führt. Bis auf die Mobilisie- rungsmethoden kann man also vieles nicht direkt vergleichen. Zu Letzterem muss man jedoch festhalten, dass Jobbik viel besser/ moderner aufgestellt ist als die FPÖ.

Herr Kálnoky, auch Sie haben neulich ein spannendes Buch geschrieben (Kál- noky, Ahnenland: oder Die Suche nach der Seele meiner Familie, 2011). Es han- delt von der Geschichte Ihrer renom- mierten Familie im Spiegel der turbu- lenten Geschichte Ungarns. Wie hat Ih- re Familie in Ungarn bzw. Siebenbürgen diese Zeit der Diktaturen durchgestan- den?

Kálnoky: Im Zuge der Buchrecherchen durfte ich herausfinden, wie mein Groß- vater Hugo Kálnoky aufgrund der Ge- schichte vom Regen in die Traufe kam und trotz aller Widrigkeiten durch seinen ka- tholischen Glauben von den totalitären Versuchungen seiner Zeit geschützt wur- de.

Dabei erinnerte er mich in seiner Geis- teshaltung sehr stark an JózsefAntall, dem ersten freien Ministerpräsidenten nach

1990.

Kálnoky: Ich glaube auch nicht, dass es den Roma besser geht. Gleichzeitig den- ke ich, dass die Lösung des Romapro- blems DIE Schicksalsfrage Ungarns ist und dass Fidesz die erste Partei ist, die ernsthaft versucht, das zu schaffen. Die Wendezeit brachte eine Verelendung der Roma, aus der sich eine starke, aber tabu- isierte Romakriminalität entwickelt hat. In vielen Siedlungen herrscht deshalb ei- ne sehr explosive Lage. Der Rechtsextre- mismus der Partei Jobbik [(wörtlich: Die Besseren/Rechteren; Mandatsanteil im Parlament: 12,2 %, Anm.) fußt vor allem

Auf Seite 14 des couleur 04/11 wurde geschrieben: „Der geradezu biblische Hass des ORF auf die ungarische Regierung hängt sicherlich auch damit zusammen, dass nach dem Regierungswechsel Dokumente des Geheimdienstes über Paul Lendvai […] ver- öffentlicht wurden, welche darüber berichten, dass Lendvai als Spitzel mit der kom- munistischen Kádár-Diktatur kollaborierte.“

Dieser Satz ist mißverständlich. Wiewohl Paul Lendvai mit staatlichen Stellen der Volksrepublik Ungarn in Kontakt stand, wird festgehalten, dass couleur zu keiner Zeit die Auffassung vertreten hat, dass er Spitzel des Geheimdienstes gewesen wäre oder dass ihn der Geheimdienst als solchen in Evidenz gehalten hätte. Wir bedauern das Mißverständnis.

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Hohes Verantwortungs- bewusstsein bei Jugendlichen

Die unter 30-Jährigen schätzen ihre Eigenverantwortung für ihre künftige Pension deutlich höher ein als ältere Menschen. An der Sicherheit der ge- setzlichen Pensionen äußern sie erhebliche Zweifel, erklärt Mag. Andreas Zakostelsky im Interview mit Couleur.

Foto: Franz Helmreich
Foto: Franz Helmreich

Mag.

Andreas Zakostelsky (NMG,

MEG, BDB), Vor-

sitzender

des

Vorstandes

der

Valida Vorsorge

Management.

Du beschäftigst dich sehr intensiv mit der Sicherung der künftigen Pensionen. Couleur wird von vielen jungen Menschen gelesen. Gibt es Erhebungen darüber, wie junge Men- schen die Zukunft ihrer Pensionen sehen? 80 % aller 18-29-Jährigen schätzen ihre per- sönliche Verantwortung für die Pensionsvor-

sorge als groß oder sehr groß ein. Bei den 50 bis 65-Jährigen sind es knapp 70 %. Dies geht aus dem aktuellen Raiffeisen Vorsorge- Barometer hervor. Bei der Frage, ob man die gesetzliche Altersvorsorge als sicher ein- schätzt, zeigt sich die Jugend sehr skeptisch. 44 % der Jugendlichen meinen, es werde finanziell sehr knapp. 16 % fürchten gar, sie werden von den staatlichen Leistungen nicht leben können.

Sind diese 16 % im Recht? Ich habe für deren Sorgen vollstes Verständ- nis auch wenn ich die Zukunft nicht gar so düster sehe. Die staatlichen Leistungen sin- ken schrittweise – so viel lässt sich bereits aufgrund der jetzigen Gesetzeslage vorher- sagen. Die staatlichen Pensionen werden in erster Linie der Sicherung eines Mindest- standards im Alter dienen. Wer seinen ge- wohnten Lebensstandard aus der Erwerbszeit im Alter erhalten möchte, sollte möglichst frühzeitig privat vorsorgen und ist gut be- raten, bei seinem Arbeitgeber wegen einer betrieblichen Vorsorgelösung nachzufragen. Die große Weitsicht der jungen Menschen beeindruckt mich sehr. Wenn 80 % sich im Klaren darüber sind, dass sie sich um ihre späteren Pensionen zeitgerecht kümmern müssen, beweist dies ein sehr hohes Verant- wortungsbewusstsein der Jugend.

In unserem gängigen Pensionssystem fi- nanzieren Erwerbstätige die Pensionisten. Akzeptieren Jugendliche dieses sogenannte Umlageverfahren? Nur 4 % aller Befragten von 18 bis 65 Jahren gehen davon aus, dass es für Jugendliche im Jahr 2030 noch in Ordnung ist, wenn ein großer Teil ihrer Steuergelder für Pensionen verwendet wird.

Wie könnte ein zukunftsorientiertes Pen- sionssystem deiner Meinung aussehen? Es braucht ganz klar ein kombiniertes Sys- tem, welches neben den Leistungen aus der öffentlichen Hand auch die Chancen, die die betriebliche und die private Vorsorge bieten, mit umfasst. Zurzeit stammen über 90 % der Leistungen von der öffentlichen Hand.

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Verantwortung für Pension

Wenn Sie an Ihre finanzielle Vorsorge denken, wie groß ist dabei Ihre persönliche Verantwortung?

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couleur 01 | 12 25 a d f u n d u m „Erwarten uns faire

„Erwarten uns faire Diskussion“

Vince Szalay-Bobrovniczky, Jahrgang 1972, ist praktizierender Katholik, Historiker, vierfacher Familienvater und seit 2010 Botschafter Ungarns in Österreich.

INTERVIEW: UNIV.-ASS. MAG. MARC VECSEY (SOP)

Seit etwa einem Jahr vertreten Sie Un- garn in Österreich. Fühlen Sie sich wohl in Wien?

Ich fühle mich sehr wohl hier! Ich wurde von den Österreichern großartig aufge- nommen, wofür ich sehr dankbar bin. Meine Gefühle haben sich für Österreich auch dann nicht geändert, seitdem Ungarn für meinen Geschmack etwas zu hart an- gegriffen wird. Diesem untergriffigen Stil steht übrigens jener von Außenminister Michael Spindelegger [Nc, TUM; A.d. Red] gegenüber. Er übt auch durchaus Kritik an uns, aber er warnt vor ungerech- ter Niedermachung. Auch aus meiner Sicht waren die politischen Maßnahmen in Ungarn nicht immer elegant, aber lei- der nötig, auch wenn viele handwerkliche Fehler begangen wurden.

Was sagen Sie zum Vorwurf linker oder liberaler EU-Politiker, dass es Ungarn unter anderem nicht zustehe, in seiner Verfassung das Christentum und den Schutz der Familie zu betonen?

Andere Lebensweisen sind toleriert und haben breite Rechte. Die Regierung unter- stützt aber die Ehe und die Familie, sie schützt das ungeborene Leben. Das sind doch positive gesellschaftspolitische Wer- te – oder? Ich halte sie auch für fundamen- tal europäisch. Genauso wie die wertstif- tende Rolle des Christentums, auf die in der Präambel der neuen Verfassung verwiesen wird. Auch der Mehrheit der Ungarn ist die christliche Tradition wichtig. Sie sehen nun, dass die für sie wichtigen Werte an ho- her Stelle anerkannt sind und eine gesell- schaftspolitische Bedeutung haben.

In letzter Zeit gab es größere Turbulen- zen auf dem Finanzplatz Budapest; man- che Wirtschaftsmaßnahmen haben auch Irritationen in Österreich ausgelöst. Wie steht es um Ungarns Ökonomie?

Die Regierung hat das Land 2010 in einem finanziell miserablen Zustand übernom- men. Viele Maßnahmen waren ohne Al- ternative. Wir agieren nicht wirtschafts- feindlich, sehen aber die Verantwortung der Unternehmen. Dabei ist es ein Irr- glaube, dass sich Ungarn auf dem Rücken von ausländischen Investoren saniere. Wahr ist, dass die heimische Industrie im Verhältnis deutlich mehr zur Budget- sanierung beitragen muss. Wir versuchen

Die Sanktionen gegen Österreich waren ungerecht, Viktor Orbán war schon damals über- zeugt davon.

auch, dabei die Familien und ärmeren Menschen möglichst zu schonen sowie das Land neu aufzubauen, indem wir es entschulden. Wenn wir jedoch ohne Maß- nahmen Pleite gehen würden, gäbe es ein viel größeres Problem für die österreichi- sche Wirtschaft. Aber ein Bankrott ist überhaupt kein Thema, wir stehen weiter- hin stabil da. Unsere Lage bleibt jedoch wegen den immer noch hohen Schulden angespannt, weswegen wir unser Defizit konsequent senken. Eine baldmögliche Einigung Ungarns mit der EU und dem IWF wird die Finanzmärkte jedenfalls merklich beruhigen.

Es gibt mittlerweile viele, die meinen, dass sich die EU-Sanktionen nun gegen Ungarn wiederholen würden. Sehen Sie das auch so?

gegen Ungarn wiederholen würden. Sehen Sie das auch so? Die Sanktionen damals waren ungerecht- fertigt. Viktor

Die Sanktionen damals waren ungerecht- fertigt. Viktor Orbán hat es auch damals schon so gesehen. Als Demokrat unter- stützte er – in der Region fast alleinste- hend – die österreichische Regierung, die völlig legitim an die Macht kam. Heute muss man jedoch lesen: Orbán sei öster- reichfeindlich. Das ist eine krasse Un- wahrheit. Diejenigen, die heute auch Sanktionen gegen Ungarn fordern, mei- nen, dass man uns anders offensichtlich die Demokratie nicht beibringen könne. Eigentlich ist das eine unerhörte Arro- ganz. Ist die Schuldenbremse falsch, weil sie nie mehr erlaubt, das Land auf Kosten der jüngeren Generationen zu verschul- den? Oder ist die Reform des Medien- rechts unzulässig, welche unter Wahrung der Pressefreiheit harte Strafen für Ver- letzungen des Kinder- und Jugendschut- zes vorsieht? Wie Sie sehen, gibt es etliche Themen, in denen sich Ungarn fairere Diskussionen im Ausland erwarten würde.

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26 couleur 01 | 12 ad fundum Kritik vermischt sich oft mit einseitiger Berichterstattung Manch ein

Kritik vermischt sich oft mit einseitiger Berichterstattung

Manch ein Prominenter glaubt, es sei egal, was man über ihn schreibt, nur fehlende Beachtung sei schlecht. Hätte Ungarn diese Strategie, wäre sie seit 2010 aufgegangen.

Als Staat jedoch würde man auf die ak- tuelle Form negativer Publicity gerne ver- zichten. Es scheint als fühlte sich jeder Journalist dazu motiviert (und befähigt) sein Urteil abzugeben.

Es ist aber für denjenigen, der sich mit Un- garn befasst, kein Geheimnis, dass die Be- richterstattung immer dann zu einem ide- ologischen Kampf verkommt, wenn kon- servative Regierungen am Ruder sind – Nazivergleiche inklusive. Einige deut- sche und österreichische Blätter tun sich hier besonders hervor. Neu ist dieses Phä- nomen nicht, es begann 1990, nach der Logik dieser Kritiker müsste die ungari-

Die Kritik ist zum Teil berechtigt. Die rechtskonservative Fidesz-Regierung hat ihren Beitrag geleistet, Naserümpfen aus- zulösen. Wer dem Verfassungsgericht ei- nen Teil seiner Befugnisse entzieht und ei- ne Strafprozessreform verabschiedet, die eine mehrtägige Festnahme ohne Vertei- digerkonsultation ermöglicht, handelt falsch. Wer eine neue Verfassung schafft und diese nicht durch das Volk bestätigen lässt, muss sich fragen lassen, was sich hinter dem viel beschworenen „System der nationalen Einheit“ verbirgt. Und wer am Stuhl des Chefs der Notenbank sägt, muss wissen, wie verschnupft die EU auf politische Einflussnahme auf das Europä- ische System der Zentralbanken reagiert. Die Ruhe, das Einende, es fehlte.

Berechtigte Kritikpunkte

Das Problem an selektiver Berichterstat- tung ist nicht etwa das Werturteil, es ist die falsche Tatsachenbehauptung. Zu Letzte- rer gehört die Behauptung, das ungarische Mediengesetz ahnde unausgewogene Be- richterstattung mit Geldstrafen. Auch die Ende 2011 unter Bezugnahme auf eine den Sozialisten nahe stehende Stiftung verbreitete Aussage, das neue Wahlrecht „zementiere“ die Macht des Fidesz, ist un- haltbar: Tatsächlich gleicht das neue Wahlrecht die Wahlkreise (endlich) an- einander an und sorgt für eine Nivellie- rung des Stimmengewichts. Und auch die Behauptung, das Grundgesetz sei „homo- phob“, ist bemerkenswert, gerade, wenn sie aus Deutschland oder Österreich kommt: Beide Länder eröffnen die Ehe nämlich ebenfalls nur verschiedenge- schlechtlichen Paaren. Mit dem Plazet des Menschenrechtsgerichtshofes.

Stille. 2011 durfte die Regierungskritike- rin Ágnes Heller gar behaupten, es sei auf niemanden geschossen worden („no one was shot“) – Youtube beweist das Gegen- teil.

Das Kernproblem Ungarns ist seit mehr als 20 Jahren das Fehlen eines kultivier- ten Dialogs zwischen den politischen Lagern.

Henne oder Ei?

Man könnte zahllose Bücher dazu verfas- sen, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei, der unfaire Umgang mit Ungarn in der ausländischen Presse oder das Ver- halten der ungarischen Rechten. Der Platz reicht hierfür nicht aus.

sche Demokratie also schon dreimal zu- sammengebrochen sein. Werden aber in Jahren sozialistischer Regierung friedli- che Demonstranten von der Polizei unter Beschuss genommen – geschehen am 23. Oktober 2006 in Budapest -, so herrscht bei den heutigen Wortführern betretene

-, so herrscht bei den heutigen Wortführern betretene zur person „Hungarian Voice“ ist ein anonymer

zur person

„Hungarian Voice“ ist ein anonymer Onlinejournalist, der über die Lage in Ungarn schreibt. Mit über 700 Seiteneinträgen sowie bisher über 160.000 Seitenzugriffen ist er der gefragteste Ungarnblogger im deutschen Sprachraum. Neulich wurde ihm vom Deutschlandradio das Prädikat „Quelle der differen- zierten Betrachtung“ verliehen. Infos: hugarianvoice.org

Kein Öl ins Feuer!

Das Kernproblem Ungarns ist seit mehr als 20 Jahren das Fehlen eines kultivierten Dialogs zwischen den politischen Lagern. Ihn gilt es zu fördern, anstatt einem der Kontrahenten und ihrem Dunstkreis das Meinungsmonopol einzuräumen. Diskus- sion statt Propaganda. Die beiden politi- schen Lager geben sich nicht viel, leider ist der durch die Presse und ihre Dauer- gäste erweckte Eindruck ein ganz anderer, einseitig Fidesz belastender. Wenn man aufhört, hier Öl ins Feuer zu gießen und dem Grundsatz des „audiatur et altera pars“ folgt, könnte man dazu beitragen, die Beschimpfungsmentalität zu stoppen, die einem kultivierten Diskurs seit 20 Jah- ren im Wege steht. Was das Land betrifft:

Es ist und bleibt eine Demokratie.

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couleur 01 | 12 27 a d f u n d u m „Die Konkurrenz war
couleur 01 | 12 27 a d f u n d u m „Die Konkurrenz war

„Die Konkurrenz war schon sehr beeindruckt.“

Das ungarische Sziget-Festival, ausgezeichnet mit dem European Festival Award, begeistert jedes Jahr 400.000 Besucher. Programmdirektorin Fruzsina Szép spricht im Couleur-Interview über die Situation in Ungarn, die Pläne für das 20. Festival und ihre „Message to Europe“.

INTERVIEW: MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER

Das Budapester Sziget-Festival begeis- tert jedes Jahr im August die Massen. 2012 soll das 20.
Das Budapester Sziget-Festival begeis-
tert jedes Jahr im August die Massen.
2012 soll das 20. „Geburtstagsfest“ et-
was Besonderes werden. Gibt es schon
erste bestätigte Bandnamen?
Bis jetzt haben unter anderem Placebo,
Hurts, Mando Diao, Friendly Fries, The
Subways und Crystal Fighters zugesagt.
Wir arbeiten aber noch weiter an der He-
adliner- und Colinerschiene. In Summe
werden wir 2012 zwischen 10 und 13
große Bühnen, 65 Programmplätze und
über 1.000 Programmpunkte haben. Zu-
sätzlich wird es künstlerische Veranstal-
tungen geben, die etwas mit der Zahl 20
zu tun haben und an jedem der fünf Ta-
ge um 20 Uhr beginnen.
Das Sziget wurde im Jänner mit dem
„European Festival Award“ in der Ka-
tegorie „Best European Major Festi-
val“ ausgezeichnet. So eine Auszeich-
nung bekommt nicht jeder.
Das stimmt (lacht). Ab dem Moment der
Siegerehrung hatte ich das Gefühl zu
schweben, so glücklich war ich. Ich ar-
beite seit 15 Jahren in dieser Branche.
Die Auszeichnung entgegennehmen zu
können, war einer der schönsten Mo-
mente in meiner beruflichen Laufbahn.
Vor allem war die Ehrung, angesichts
der Kritik über unsere Regierung, seit
langem die erste positive Meldung in der
nationalen und internationalen Presse
über mein Land.
Und wie hat die Konkurrenz euren
Erfolg aufgenommen?
Sie waren schon sehr beeindruckt. Du
musst bedenken: Wir reden noch immer
über ein osteuropäisches Fest, das ge- wonnen hat. Wir konkurrieren in dieser Liga mit dem
über ein osteuropäisches Fest, das ge-
wonnen hat. Wir konkurrieren in dieser
Liga mit dem Glastonbury Festival, dem
Roskilde in Dänemark, dem Rock im
Park/Rock am Ring oder dem Primave-
ra Sound in Barcelona. Das alles sind
großartige Festivals, aber trotzdem
haben wir gewonnen. Michael Eavis, der
Organisator des Glastonburry Festivals,
hat mir gratuliert und gemeint er müsse
sich das Festival jetzt endlich einmal an-
schauen.
Wie wird 2012 euer Schwerpunkt aus-
sehen? Wird es ein internationales oder
ein europäisches Fest?
Wir wollen mit unserem Festival zeigen,
dass wir als Europäer in eine neue, ge-
meinsame Zukunft gehen. Wir wollen
zeigen, welche kulturelle Vielfalt Un-
garn und der ganze Kontinent zu bieten
hat. Wir haben aber auch internationale
Künstler und Bands bei uns.
Momentan wird viel über die neue un-
garische Regierung im EU-Ausland
diskutiert. Ist deiner Meinung nach die
Kritik berechtigt?
Es tut mir weh wie über Ungarn ge-
schrieben wird. Manches stimmt, vieles
ist aber einfach aufgebauscht.
Ich gehöre keiner Partei an, aber die
internationale Presse schmerzt mich
schon sehr. Tatsache ist: Wir leben in
einer Demokratie, Ungarn durchlebt –
wie alle europäische Staaten - starke
Veränderungen. Ich stimme nicht mit al-
lem überein, aber ich prüfe zuerst nach,
bevor ich schreie. Das würde ich auch al-
len Politikjournalisten empfehlen. Letz-
tendlich hängt die Berichterstattung auch immer davon ab für welches Blatt ein Journalist schreibt, ob
tendlich hängt die Berichterstattung
auch immer davon ab für welches Blatt
ein Journalist schreibt, ob es rechts oder
links orientiert ist.
Und welche persönliche Meinung hast
du über die „neuen“?
Momentan fühle ich mich von keiner
ungarischen Partei vertreten, zumal der-
zeit auch im Kulturbereich massiv poli-
tisch umgefärbt wird. Ich gebe den neu-
en Entscheidungsträgern aber eine
Chance und erwarte mir, dass sie sich in
ihren Verantwortungsbereichen für Un-
garn, die Kultur und die Menschen ein-
setzen. Die jetzige Regierung muss ra-
tionale Entscheidungen fällen, damit wir
nicht das Schicksal wie Griechenland er-
leiden.

20. Sziget-Festival

von 6. bis 13. August in Budapest Infos, Tickets und Lineup unter szigetfestival.at bzw. szigetfestival.com
von 6. bis 13. August in Budapest
Infos, Tickets und Lineup unter
szigetfestival.at bzw.
szigetfestival.com

zur person

Fruzsina Szép flüchtete 1985 mit ih- ren Eltern vor dem kommunistischen Regime nach München, spricht vier Fremdsprachen fließend und ist Pro- grammdirektorin des Budapester Sziget Festivals. Ihre Eltern waren beim „Radio Freies Europa“ aktiv.

und ist Pro- grammdirektorin des Budapester Sziget Festivals. Ihre Eltern waren beim „Radio Freies Europa“ aktiv.

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Fotos: ATV, RTL

28 couleur 01 | 12 ad fundum Fotos: ATV, RTL Realität nach Drehbuch Deutsche und österreichische

Realität nach Drehbuch

Deutsche und österreichische Privatsender füllen ihr Programm immer mehr mit Dokus über „das echte Leben“. Mittlerweile stellt sich die Frage: Leben wir in einem Land voller Asozialer?

Mario Orsolic 1 ist entrüstet. Er befindet sich auf der Krim-Halbinsel, hat in sen- gender Mittagshitze eine Runde Joggen hinter sich gebracht und will jetzt etwas Wichtiges sagen. Der nahe gelegene Fluss habe die Farbe Schwarz angenommen, es rieche erbärmlich, die ganze Gegend sei verseucht. „In den Fluss brunz‘ i ned amoi eine, so grindig is des do.“ bekräftigt er.

In der „Edeldisco“ 50:50 hat sich ein so- lariumgepflegtes Wiener Neustädter Trio mit zwei zweifelhaften Schönheiten ver- abredet. Man kenne sich nur von Face- book, betont Benni, einer der drei Herren. Clemens ist da schon direkter: „Sama se ehrlich: Die ane Oide hod a Figur wie a Hundshittn.“ Roman (Texteinblendung:

„Brüste sind sein Kryptonit“), wollte schon klare Verhältnisse schaffen, brach- te es aber dann doch nicht übers Herz: „Ich wollt ihnen schon sagen, dass schiach sind. Aber von den her, dass die so einen großen Vorbau hat, geht das nicht.“

Warum er diese und ähnliche Sprüche ei- ne gute Stunde lang im Fernsehen von sich geben kann, hat vermutlich nur einen ein- zigen rationalen Grund: Er ist der kleine Mann in Reinkultur. Kernige, unverblüm- te Machosprüche, gepaart mit überzeu- genden Lebensweisheiten („I sog immer:

Der Oasch muss passen“) bilden die Eck- pfeiler seines Lebens.

Angesichts dieser Offenbarungen bleibt das Publikum ratlos zurück. Für Überlegungen bleibt auch keine Zeit: Michael (Spitzname Egi) 3 , wird auf einem rauschigen Ausflug mit seinen St. Pöltner Freunden in Mallorca gezeigt. Selbst nicht mehr in der Lage zu ge- hen, wird er von zwei Bundesdeutschen Mädchen regelrecht ins Hotelzimmer ge- tragen. Auf die Frage, ob er denn gedenke jetzt noch „seinen Mann“ zu stehen, meint er voller Überzeugung: „Ich steh‘ immer meinen Mann … Fast immer.“ Emotional hat er die Zuseher längst auf seiner Seite, man wünscht ihm das Beste für sein Vor- haben …

Freddy 2 , Rapid-Fan der ersten Stunde aus dem Karl-Wrba-Hof, ist an diesem Mor- gen höchst euphorisch. Gestärkt durch sie- ben Gösser, begibt er sich in Begleitung seines Rapidschals von der Theke nach draußen in den Innenhof eines Wiener Ge- meindebaus. Geistig offenbar schon beim abendlichen Match, stimmt er – Hände und Schal gen Himmel gestreckt - die Hymne an. Seine Darbietung („Rapiieeed, Rapieeeeed, …“) wird schon nach weni- gen Sekunden jäh durch den Zuruf eines Nachbarn unterbrochen. Freddy kümmert das wenig.Alkoholbedingt ist ihm der rest- liche Text mittlerweile entfallen.

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ihm der rest- liche Text mittlerweile entfallen. *** *** *** Szenen wie diese sind keine Ausnahme
ihm der rest- liche Text mittlerweile entfallen. *** *** *** Szenen wie diese sind keine Ausnahme
ihm der rest- liche Text mittlerweile entfallen. *** *** *** Szenen wie diese sind keine Ausnahme
ihm der rest- liche Text mittlerweile entfallen. *** *** *** Szenen wie diese sind keine Ausnahme

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Szenen wie diese sind keine Ausnahme mehr in deutschen und österreichischen

1 Herr Orsolic ist einer der Protagonisten der ATV-Dokureihe „Das Geschäft mit der Liebe“, die laut Eigendefinition Singles auf der Suche nach dem Partner fürs Leben begleitet. Gedreht und gesucht wur- de in Osteuropa. Laut der wohl zutreffenden Einschätzung der Tageszeitung Standard ist die Sendung eher „eine als Reportage getarnte bizarre Satire auf gescheiterte Männerexistenzen in Österreich“.

2 Freddy ist in ausgewählten Kreisen kein Unbekannter mehr. Er ist regelmäßig in der Milieustudie „Wir leben im Gemeindebau“ zu sehen. Professionelle Beobachter zweifeln indes immer öfter am Wahrheits- gehalt des Gezeigten. Von „Selbstinszenierung“ einzelner Personen ist die Rede.

3 Egi, 21 Jahre jung und in Österreich weltberühmt, ist mit seinen drei St. Pöltner Freunden einer der zentralen Persönlichkeiten der Sendung „Saturday Night Fever“. Er wirkt die meiste Sendezeit über desorientiert und betrunken. Mit seinen „hintergründigen“ Kommentaren schafft er es oft komplexe Probleme in einem Satz zusammenzufassen.

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Privatsendern. Gezeigt wird ein Land voller Trinker, jugendlicher Sauproleten, Machos, Verbrecher und hirntoter Tussis. Das Er- folgsrezept dahinter hat einen Namen:

Scripted Reality, Realität nach Drehbuch. Sendungen, wie die eben geschilderten, sind Sinnbild für die Flut an Produktionen, die wie Dokus aus dem realen Leben aussehen, in Wahrheit aber nach Drehbuch mit billigen Laiendarstellern produziert werden.

Gut, es ist nichts Neues, das beim Fern- sehen geschummelt, eine Szene nach- gedreht wird, oder Protagonisten vor schönen Hintergründen platziert werden. Doch mittlerweile hat sich das Fernsehen über weite Strecken von der Realität kom- plett und sehr bewusst verabschiedet.

Besonders peinigend soll das RTL-Nach- mittagsprogramm sein. Die Sendungen tra- gen alle klingende Namen, wie „Verdachts- fälle“, „Familie im Brennpunkt“, „Betrugs- fälle“ und „Die Schulermittler“. An Publi- kumsmangel leiden sie nicht. Offenbar gibt es ausreichend Menschen, die sich diens- tags um 15 Uhr vor dem Fernseher mit meh- reren Flaschen Hochprozentigem volllau- fen lassen, um das TV-Programm zu genie- ßen. Anders ist die Seheranzahl von 2 Milli- onen Menschen allein in Deutschland mit gutem Gewissen nicht zu erklären. Das Per- fide: Die Geschichten geben vor, von der „echten“ Realität zu erzählen. Doch das Meiste scheint ausgedacht, scheint organi- siert zu sein. Alle Formate sind mit mehr Extremen, Problemen oder Elend angefüllt, als das echte Leben auf einmal zu bieten hätte. Beispiel gefällig?

Verwackelte Bilder für die Quote

Da werden Frauen getauscht und im Kel- ler irrtümlich eingesperrt, die Oma vom zehnjährigen Enkerl mit einem strammen „Fick dich!“ begrüßt, die 14-jährige Toch- ter schwanger und in weiterer Folge drogenabhängig; die ewiggleichen Oida- Soli-Stoli-Typen diskutieren über den So- lariumbesuch, Frauen dabei durchgängig als „Weiber“ bezeichnet, Ausländer als „Kanacken“ und „Neger“ verunglimpft.

Doch nicht nur eine gute (sic!) Geschich- te, sondern auch die Präsentation, machen eine erfolgreiche Doku aus. So werden herzhaft Bilder verwackelt, „versteckte“ Aufnahmewinkel gewählt, Autokennzei- chen unleserlich gemacht oder in Schrift- stücken die Namen geschwärzt.

RTL meinte gegenüber dem Magazin „Spiegel“ es sei den Zuschauern doch ohnehin egal, ob das Gezeigte echt oder erfunden sei. Angeblich würden nur 13 % der bis 18-Jährigen glauben, dass bei solchen Sendungen Geschehnisse gezeigt werden, „die tatsächlich passieren.“ Doch diese Einschätzung RTLs dürfte nur eine Schutzbehauptung sein. Tatsäch- lich glaubt ein großer Teil der 6- bis 18- Jährigen, dass in den meisten Sendungen zumindest echte Ereignisse nachgespielt werden. Nur 22 % meinten, sie wüssten, dass es sich um erfundene Geschichten handelt.

RTL gibt „Orientierung“

RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger kommentiert diese Zahlen so: „Viele Zu- schauer sagen: Gott sei Dank sprechen die ein Problem an, das ich auch habe. Wir bieten den Menschen Unterhaltung, aber auch Orientierung.“ Trockener kann ein Witz wohl kaum serviert werden.

ATV-Programmdirektor Martin Gastinger geht einen anderen Weg: „Ich lehne Laienschauspieler und Drehbuch ab, wir zeigen nur die Realität. Die kann aber zu- gegebenermaßen manchen Mal sehr hart sein.“ (siehe Interview Seite 30)

Dass die Situation in Deutschland eine an- dere ist, ist zwar augenfällig, doch der Kon- sument wird nicht richtig über die Hinter- gründe aufgeklärt. In den wenigsten Sen- dungen wird – wenn auch nur kurz, aber immerhin – am Anfang und am Ende dar- auf hingewiesen. Selbst wenn nur eine Handlung vorgegeben wird, sollte vernünf- tigerweise auf die Skriptaffinität hingewie- sen werden. Genau diese Grauzone zwi- schen vollkommen gescripteten, ein bis- schen inszenierten und halbdokumentari- schen Filmen ist selbst für Fachleute zum Problem geworden.

Klare Kennzeichnung zuviel verlangt?

Ist es tatsächlich zuviel verlangt, dass nur dort Doku draufstehen darf, wo auch 100 % Doku drinnen ist? Dürfte der ORF auch einmal eine erfundene Geschichte zweier Neonazis zeigen, die den blauen Arbeiter- und Oppositionsführer mit „Sieg Heil“ begrüßen? Abgesehen von diesem Sonderfall, der wohl nie restlos geklärt werden wird, haben derzeit nur die Privatsender das Problem mit der zur

haben derzeit nur die Privatsender das Problem mit der zur Unkenntlichkeit verdrehten Realität. Dafür sind dort
haben derzeit nur die Privatsender das Problem mit der zur Unkenntlichkeit verdrehten Realität. Dafür sind dort
haben derzeit nur die Privatsender das Problem mit der zur Unkenntlichkeit verdrehten Realität. Dafür sind dort

Unkenntlichkeit verdrehten Realität. Dafür sind dort auch die Fronten klar:

Erlaubt ist, was Quote bringt.

Die ATV-Sendung „Sadurday Night Fe- ver“ (SNF) wird laut Programmchef Gas- tinger nach nicht nach Drehbuch ge- filmt. Aber ist das, was da gezeigt wird, Doku-Reality oder Doku-Soap? Unge- achtet dieser akademischen Frage, ist eines klar: Entscheidend für den Erfolg ist nicht, das sich die gezeigten Personen verhalten, wie sie sind, sondern wie es das Format von ihnen verlangt.

Auch die SNF-Community ist eifrig am Rätseln und kommentiert online jede Sen- dung mit. Dass die Zuseher ausschließlich aus abgestumpften Jungalkoholikern be- stehen, widerlegt jemand, der sich das Pseudonym „schopfi“ gegeben hat. Er/sie hinterließ einen pointierten Kommentar auf der ATV-Homepage, dem – bei allem Verständnis für Zerstreuung und Unterhal- tung - nichts hinzuzufügen ist: „Für unsere Jugend ist das Format keine passende Sen- dung, da ihnen ein vollkommen irrationa- les Bild von Liebe und zwischenmensch- lichen Beziehungen gezeigt und vorgelebt wird. Denn Sexappeal und Attraktivität mit Liebe gleichzusetzen ist meiner Meinung nach, DAS Problem der heutigen Gesell- schaft.“

Womit wir schon beim nächsten Problem sind: Welcher Bursch, welches Mädel nimmt sich die Helden in SNF zum Vor- bild? Bestimmt wird es solche geben. Schon jetzt sind diese zu bedauern; sie sind die Ruinen von morgen. Wer nicht begreift, dass die Sendungen alleine der Unterhal- tung dienen und die gezeigte „Realität“ einer bestimmten Gesellschaftsschicht als allgemeingültig ansieht, ist auf einem harten Irrweg.

(GF)

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30 couleur 01 | 12 ad fundum „Wir zeigen die Realität“ ATV Programmchef Martin Gastinger ist

„Wir zeigen die Realität“

ATV Programmchef Martin Gastinger ist der Schöpfer einiger quotenbringen- der Doku-Reality-Formate. Im Couleur-Interview spricht er über die Entstehung seiner Sendungen und dem Unterschied zwischen Realität und Drehbuch.

INTERVIEW: MAG. GOTTFRIED FORSTHUBER V/O MICHELANGELO (BDB)

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Sen- deformate, wie „Bauer sucht Frau“, „Das Geschäft mit der Liebe“ oder „Saturday Night Fever“?

Ich versuche alle Sendungen, die ich mir überlege, sehr österreichisch zu gestalten. Wir von ATV wollen etwas Neues erfinden, oder so österreichisch aufladen, dass es un- verwechselbar ist. Wenn man ATV einschal- tet, weiß man, man bekommt ein österrei- chisches Programm. Das ist mir extrem wichtig.

Manche Formate deutscher und österrei- chischer Privatsender haben einen doku- mentarischen Charakter, laufen aber nach Drehbuch ab.Wie ist das bei Ihrem Sender?

Sendungen nach Drehbuch lehne ich ab. Die sind ausschließlich in der Faulheit mancher Regisseure begründet. Es ist leicht jemanden zu beauftragen, der ein Drehbuch schreibt, aber ungleich schwieriger die echten Ge- schichten zu finden. Wir sind gewillt uns die- ser Arbeit zu stellen, weil ich finde, dass es immer spannender ist die Realität abzubil- den. Leider glauben uns das manche Men- schen nicht. Wir haben jeden Tag Anrufer, die fragen, ob der Herr Nissel („Das Ge- schäft mit der Liebe“, Anm.) ein Schauspie- ler, oder wirklich echt ist. Ich garantiere Ih- nen: Der ist ein Original.

Viele deutsche Privatsender sind in ihrer Sendungspolitik besonders radikal und

sind in ihrer Sendungspolitik besonders radikal und zur person Martin Gastinger ist seit fünf Jah- ren

zur person

Martin Gastinger ist seit fünf Jah- ren Programmdirektor des österrei- chischen Privatsenders ATV und Schöpfer zahlreicher Sendeformate, wie etwa „Das Geschäft mit der Lie- be“, „Saturday Night Fever“ oder „Wir leben im Gemeindebau“.

arbeiten oft mit Laienschauspielern. Ist das auch bei ATV so?

Wir machen das nicht, ich lehne das ab. Nach jeder Sendung Saturday Night Fever haben wir 80 bis 100 Bewerbungen von Ju- gendlichen, die auch beim Feiern gefilmt werden wollen.

Kritiker von Saturday Night Fever mei- nen, die Sendung vermittle ein vollkom- men irrationales Bild von Liebe und zwischenmenschlichen Beziehungen und sei daher nicht das Ideale für Jugendliche. „Verderben“ sie die Jugend damit?

Es ist unrealstisch zu glauben, dass sich Ju- gendliche mit 18 treffen, um gemeinsam zu beten. Man muss sich die Frage stellen, was der Kritiker glaubt, warum sich Jugendliche zum fortgehen in die Disco verabreden. Um ein gutes Gespräch bei 170 Dezibel zu füh- ren?

Aber Sie zeigen doch tendenziell eher nur eine bestimmte Schicht an Menschen?

Ich glaube, dass das durchaus normale Menschen sind, die wir zeigen und die da- für stehen, was die Mehrheit der Jugend tut. Natürlich ist es für das Fernsehen interes- santer die zu beobachten, die weggehen und nicht die, die nur Schach spielen. Wir Ich zeigen Menschen in unserer Sendung „Sa- turday Night Fever“, die alle die Schul- pflicht absolviert haben. Da sollten sich vor Allem Eltern und Lehrer Gedanken ma- chen.

Wissen die Leute wirklich, was sie man- ches Mal sagen?

Wir wollen niemanden zur Schau stellen, wenn Sie das meinen. Wir zeigen nur die Realität, und die kann manches Mal sehr di- rekt sein. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Viele Menschen gehen sehr frei- zügig mit privaten Informationen zB auf

Facebook um. Im Internet ist das ok, aber im Fernsehen soll das furchtbar sein? Das muss mir einmal jemand erklären.

Worin sehen Sie die Aufgabe der Privat- sender? Bleibt bei dem Credo „es ist alles erlaubt, was Quote bringt“ noch Platz für eine Art Bildungsauftrag?

Wir machen Unterhaltung, für Bildung ist der ORF zuständig. Wir müssen einen Sen- der finanzieren und Geld verdienen. Ich glaube aber trotzdem, dass wir viel für den Bildungsauftrag tun, obwohl wir das nicht müssten. Ich halte Sendungen, wie etwa „Teennager werden Mütter“ für sehr wich- tig. Auch Schulen und das Rotes Kreuz for- dern DVDs an. Produziert habe ich diese Sendung, weil auch meine Tochter in der Schule diesbezüglich keine Aufklärung be- kommen hat. Wir haben aber nicht nur das, wir haben auch Polittalk, wir haben Nach- richten, wir haben auch Sendungen, wie „Pfusch am Bau“, die sehr wohl einen Bil- dungsauftrag erfüllenhaben.

Der ORF hat eine veritable Posten- und Führungskrise hinter sich, wie stehen sie zum öffentlich rechtlichen Medienbe- reich? Würden Sie dem ORF mehr Unab- hängigkeit wünschen?

Ich finde es interessant, dass man den ORF nicht so bezeichnet, wie er ist: Er ist Pay- TV. Ich wundere mich, warum die Men- schen das überhaupt finanzieren. Jeder, der ein empfangbereites Gerät hat, muss zah- len und bekommt dafür ein einseitig ge- färbtes Parteiefernsehen. Das ist wettbe- werbsverzerrend und erschwert den Priva- ten ein gutes Programm zu machen. Denn mit den Gebühren für dieses Pay-TV wird alles weggekauft, egal ob Serie oder Filme oder SporteventsPerson. Ich würde mir wünschen, dass der ORF den Privatsen- dern nicht alles nachmacht, sondern wirk- lich im öffentlich rechtlichen Auftrag han- delt.

Termine Die Termine 08.03. 19:00 Farben – Jour fixe „MKV im Gespräch“ mit Jim Lefebre,
Termine
Die Termine
08.03. 19:00
Farben – Jour fixe „MKV im Gespräch“
mit Jim Lefebre, Bundesobmann der Schülerunion
Jeweils plen.col. in der neuen Kartellkanzlei,
Laudongasse 16, 1080 Wien
21.03. 19:00
Farben – Jour fixe „MKV im Gespräch“
mit Bundesminister Dr. Reinhold Mitterlehner
22.03. 18:00
Schweigemarsch gegen Christenverfolgung (GRAZ)
TP Eisernes Tor, 19:00 Wortgottesdienst Dreifaltigkeits-Kirche
23.03. 16:15
Schweigemarsch gegen Christenverfolgung (WIEN)
TP Staatsoper, 17:00 Wortgottesdienst St. Stephan
18.04. 19:00
Farben – Jour fixe „MKV im Gespräch“
mit Generaldirektor Dr. Thomas Uher, Erste Bank
10.05. 19:00
Farben – Jour fixe „MKV im Gespräch“
mit Mag. Gerald Grünberger,
GF des Verb. Österr. Zeitungen
13.05.
Gedenkveranstaltung in Mauthausen
25.-28.05.
pennaelertag2012.at
Pennälertag des MKV in Linz