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Foto: EPA (1), Caritas (2), Dolna (1)

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22 | Die zweite Chance | 1 | 5. Jänner 2012

| Die zweite Chance |

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Während der Haft verlieren sie alles, was sie noch hatten: Beziehungen, den Job, die Wohnung – und in den meisten Fällen auch ein Stück ihrer Identität.

| Wer aus der Haft entlassen wird, muss sich ein neues Leben aufbauen. Nicht alle bekommen dabei Unterstützung. Ein Besuch in einer Wohngemeinschaft.

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| Von Veronika Dolna |

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ins Leben

„S olange niemand zum Bohren an- fängt, geht’s ganz gut. Aber je en- ger die Bezie-

hung, desto schwieriger wird’s“, sagt er. Die Frau, die er liebt, weiß zwar von dunklen Flecken in sei- ner Vergangenheit. Details will er ihr aber nicht erzählen: „Ich will ihr nicht antun, dass sie Pro- bleme bekommt, wenn das heraus- kommt.“ Er ist 60 Jahre alt, hat ein freundliches Wesen. Der Name, den er sich aussucht, um in der FURCHE seine Geschichte zu er- zählen, ist Frey. Herbert Frey. Lange Zeit war Frey genau das nicht. Seine Spielsucht hatte ihn finanziell ruiniert. „Es ist immer weiter bergab gegangen. Dann ist mir als einzige Lösung ein Bank- raub eingefallen.“ Neun Jahre lang saß er dafür im Gefängnis. „Ein- sperren, Tür fest zu, fertig“, hieß es dort. Man wird zur Untätigkeit gezwungen, wird unselbstständig wie ein kleines Kind, er- zählt er. Jeder wollte ar- beiten, aber nie gab es genug zu tun für alle. Er selbst hat Kabelrollen hergestellt, immer nur ein paar Stunden am Tag. „Dann geht man wieder zurück in die Zelle.“ Am

Abstieg

DieGeschichte der WEGE-Bewoh- ner war schonvor der Haft voneinem kontinuierlichen Abstieggeprägt. Spätestens imGe- fängnisverlieren siealles, wassie davor nochhatten.

Anfang dachte er nur daran, wie er die lange Zeit hinter Gittern aus- halten soll. Aber dann, je näher sei- ne Entlassung kam, änderten sich die Sorgen: „Da wird einem klar:

Ich stehe vor dem Nichts. Wie wird das werden, dass ich wieder ein halbwegs normales Leben führe?“ Herbert Frey fand einen Weg. Ein Mithäftling erzählte ihm von der WEGE, einer Wohngemein- schaft für Haftentlassene, die in Wels von der Caritas geführt wird. Er schickte eine Bewerbung hin,

Seine Spielsucht hatte ihn finanziell ruiniert. Nach einem Banküberfall saß er neun Jahre im Gefängnis. Kurz vor der Entlassung kamen neue Sorgen dazu.

musste Interviews führen, wur- de zum Probewohnen eingeladen. „Dann sind zwei nette Sozialarbei- ter gekommen und haben gesagt, dass ich einziehen kann.“ Zwei Monate später wurde Herbert Frey entlassen.

HausderzweitenChance

Zwölf Einzelzimmer gibt es in dem Haus in Wels, dazu kommen noch drei Wohngemein-

es in dem Haus in Wels, dazu kommen noch drei Wohngemein- Freiheit Der Entlassung stehenvieleHäft-
Freiheit Der Entlassung stehenvieleHäft- lingegespaltenge- genüber: „Plötzlich wirdeinemklar: Ichstehevor dem
Freiheit
Der Entlassung
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genüber: „Plötzlich
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Ichstehevor dem
Nichts, wennich
draußenbin.“ Man-
chemüssenneu
lernen, eineTüre
selbst zu öffnen.

schaften und sechs Garçonnièren in anderen Häusern. Insgesamt lebten im Vorjahr 39 Männer in der WEGE. Der jüngste ist 21, der ältes- te über 70. Pro Monat müssen die Bewohner 130 Euro für das Zimmer in der WEGE bezahlen. Wer keinen Job hat, bekommt Arbeitslosengeld oder die Mindestsicherung. „In der Regel kommen die Männer zu uns mit nicht viel mehr als zwei Plastik- sackerln“, sagt Gottfried Boubeni- cek. Seit 1993 leitet er das Haus der Caritas. „Die Geschichten unserer Bewohner waren schon vor der Haft von einem kontinuierlichen Abstieg geprägt“, sagt Boubeni- cek. „Und während der Haft, verlie- ren sie, was sie noch hatten: Bezie- hungen, den Job, die Wohnung, oft auch Persönliches wie Fotos.“ Nach dem Einzug in die WEGE wird zu allererst aufgeräumt: Fi- nanzen werden geordnet, die Wohnsituation geklärt. Die größte Herausforderung ist aber der Auf- bau des Selbstwertgefühls: „Jeder, der aus der Haft kommt, fühlt sich stigmatisiert“, beobachtet Boube- nicek. „Sie haben das Gefühl, dass ihnen auf der Straße jeder ansieht, dass sie aus dem Gefängnis kom- men.“ Psychische Probleme ha- ben fast alle WEGE-Bewohner. Bei manchen entstehen sie durch die Hafterfahrung, andere blicken

entstehen sie durch die Hafterfahrung, andere blicken Zu Hause In die WEGE, die Wohngemein- schaft der

Zu Hause

In die WEGE, die

Wohngemein-

schaft der Caritas in Wels, können

Menschenunmit-

telbar nachder

Entlassungeinzie-

hen. Bis zu zwei Jahrelangkönnen siedort bleiben.

Beziehungen aus der Zeit vor der Haft können reaktiviert werden. Wenn es möglich ist. Herbert Frey hat zu niemandem von früher mehr Kontakt: „Mein soziales Umfeld hat sich komplett verändert. Ich habe hier mehr Freunde als da, wo ich herkomme, und konnte wirklich neu anfan- gen.“ Die meisten von Freys neu- en Freunden wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte Umgebung zu-

wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte
wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte
wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte
wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte
wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte
wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte
wissen nichts von seiner Vergangenheit. Bei Mitge- fangenen, die nach der Entlassung wieder in ihre alte

schon vor dem Gefängnis auf klas- sische Problem-Karrieren zurück. Fünf Sozialarbeiter und vier Zi- vildiener sind in der WEGE be- schäftigt. Dazu kommen noch rund 20 Ehrenamtliche, die re- gelmäßig zum Kartenspielen und Plaudern vorbei kommen. „Viele Bewohner müssen von der Pie- ke auf neu leben lernen“, erzählt Martha Ruttinger, die ihre Freizeit in der WEGE verbringt. „Es geht um Fragen wie: Was zieht man an? Wie komme ich zu einer Buskarte? Wo kaufe ich Essen?“ Auch Herbert Frey erinnert sich an die Zeit nach

seiner Entlassung: „Bei Sachen, die normalerweise alltäglich sind, zögert man. Man ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob man es rich- tig macht.“ So wird ein Kinobe- such oder eine Fahrt zur Behörde zur Stresssituation.

Beziehungenneuaufbauen

Auch Beziehungen müssen neu strukturiert werden. „Wir legen viel Wert auf den Aufbau eines so- zialen Netzes“, sagt Boubenicek. Die Freiwilligen leisten dazu ei- nen wichtigen Beitrag, aber auch

wäre anders verlaufen, wenn er nicht in die WEGE hätte ziehen können. „Wahrscheinlich wäre ich bei einem Ex-Kumpel aus dem Gefängnis untergekommen. Und wenn’s finanziell schwierig gewor- den wär, wer weiß, vielleicht hät- te man sich gesagt, ich probier’s noch einmal“, gibt er zu denken.

LebenmitdemMakel

Vor der Haft lebte der Großteil der WEGE-Bewohner in gesicher- ten Wohnverhältnissen in einer ei- genen Wohnung, bei einer Partne- rin oder den Eltern. Nach der Haft können viele nicht mehr dorthin zurück. In der WEGE kann man maximal zwei Jahre wohnen. Man- che bleiben auch nur ein paar Mo- nate und ziehen danach in eine ei- gene Wohnung. Das Zimmer, das sie haben ist mit einer Basis-Aus- stattung eingerichtet. Gekocht wird in einer Gemeinschaftskü- che, auch die Sanitäranlagen wer- den geteilt. Es gibt Gemeinschafts- räume und Fitnessgeräte im Keller. Aber die Zimmer sind der private Rückzugsort. Die Türen können die Bewohner selbst zu- und vor allem: aufmachen. Auch

die Bewohner selbst zu- und vor allem: aufmachen. Auch das ist etwas, das manche nach Jahren

das ist etwas, das manche nach Jahren im Gefängnis wieder neu lernen müssen. Herbert Frey hat sich schnell daran gewöhnt, selbstständig zu sein. Neun Monate verbrachte er in der WEGE, danach lebte er ein knappes Jahr in einer der exter- nen Wohnungen. Mittlerweile hat er selbst eine kleine Wohnung ge- funden, seit zweieinhalb Jahren lebt er schon selbstständig. Drei Jahre hat er gearbeitet, momentan ist er aber ohne Job. Die Arbeits- suche ist für Männer wie Frey be- sonders schwierig: „Sobald man ein Leumundszeugnis verlangt, muss ich mich zurückziehen. Mit dem Makel ist es schwer zu leben.“

Aber, immerhin, schmunzelt Frey:

„Mir sieht man nicht an, dass ich im Gefängnis war. So komm ich be- deutend weiter.“ Solange keiner zu genau nachfragt.

Jeder, der aus der Haft kommt, fühlt sich stigmatisiert. Nach der Enlassung muss im Leben aufgeräumt und das Selbstbewusstsein neu aufgebaut werden.

rückgegangen sind, hat er andere Verläufe beobachtet. Manche wur- den rückfällig, andere haben lau- fend Schwierigkeiten mit der Poli- zei und ihre Bekannte schauen sie schief an. Auch ein anderes Schicksal, das manche Ex-Kollegen aus dem Ge- fängnis erlitten haben, blieb Frey erspart: Die Obdachlosigkeit. „Das Enlassungsgeld bringen die meisten innerhalb von drei Ta- gen durch und werden dann wie- der rückfällig.“ Auch sein Weg

Hilfe

Haftentlassene

brauchenUnter-

stützung, damit sie wieder auf eigenen

BeinendurchsLe-

bengehenkönnen.

Nacheinemlan-

genGefängnisau-

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wieder neuleben

lernen.

ZAHLEN UND FAKTEN Strafvollzug und Bewährungshilfe S eit 1. Jänner steht der Strafvollzug in Österreich
ZAHLEN UND FAKTEN
Strafvollzug und Bewährungshilfe
S eit 1. Jänner steht der Strafvollzug in
Österreich unter dem Motto „Haft
in der Heimat“. EU-Bürger sollen
linge müssen einen Beitrag zu den Kosten
leisten. Insgesamt wurde den Insassen im
vergangenen Jahr rund 30 Millionen Euro
an Kostenersatz vorgeschrieben.
Unterstützung für das Leben da draußen
Foto: APA / Pfarrhofer

Freiheitsstrafen für in Österreich be- gangene Delikte künftig dort absitzen, wo die Resozialisierung am wahrschein- lichsten ist. Aktuell sitzen insgesamt 8776 Personen in 27 österreichischen Gefängnissen. 5701 davon sind Strafgefangene, die anderen be- finden sind in Untersuchungs- oder Ver- waltungshaft oder im Maßnahmenvollzug. Rund 6,5 Prozent der Häftlinge sind Frauen, 5,7 Prozent sind junge Erwachsene bis zum 21. Lebensjahr, und 1,6 Prozent der Häft- linge gelten als jugendliche Straftäter, weil sie zwischen 14 und 18 Jahre alt sind. Die oberste Leitung des Strafvollzugs liegt in Österreich beim Justizministerium. 401,5 Millionen Euro sind im Budget 2012 für den Strafvollzug veranschlagt. Auch die Häft-

Der Zweck der Haft ist laut Paragraph 20 des Strafvollzugsgesetzes, den Verurteil- ten „zu einer rechtschaffenen und den Er- fordernissen des Gemeinschaftslebens an- gepassten Lebenseinstellung zu verhelfen“ und sie davon abzuhalten, „schädlichen Nei- gungen nachzugehen“. Außerdem soll der Vollzug den „Unwert des der Verurteilung zugrunde liegenden Verhaltens aufzeigen“. Ob all diese Anforderungen zur Genüge erfüllt werden, bezweifelt Andreas Zemba- ty vom Verein Neustart: „Die erzieherische Wirkung kann unter den derzeitigen Bedin- gungen im Strafvollzug nicht ausreichend

gelebt werden“, kritisiert er (siehe Interview rechts). Das Fit-Machen für ein Leben ohne Kriminalität geschieht häufig erst bei der Bewährungshilfe, die bei frühzeitiger Ent- lassung von einem Richter verordnet wer- den kann. Für die Durchführung der Be- währungshilfe ist österreichweit der private Verein Neustart zuständig. Mehr als 14.000 Menschen wurden im Vorjahr im Zuge der Bewährungshilfe dabei unterstützt, ihr Le- ben ohne Kriminalität zu bewältigen. Zu- sätzlich nahmen knapp 1500 Personen nach ihrer Entlassung die freiwillige Haftentlas- senenhilfe in Anspruch.

Mehr als 400 Millionen Euro kostet der Strafvollzug in Österreich dieses Jahr. 8776 Menschen sitzen derzeit in Haft. Fit fürs Leben danach werden sie oft erst durch Bewährungshilfe.

Neustart prüft auch, ob Personen für den überwachten Hausarrest infrage kommen und betreut die Träger von elektornischen Fußfesseln. Eine wichtige Rolle spielt Neu- start auch beim Tatausgleich: 7467 Mal wur- de im Vorjahr dieses Instrument der Di- version angeregt, das nur zur Anwendung kommt, wenn alle Beteiligten zustimmen. Mehr als 18.000 Beschuldigte und Opfer hat Neustart letztes Jahr durch Ausgleichs- gespräche begleitet. (dol)

BENEFIZVORFÜHRUNG

BENEFIZVORFÜHRUNG

gespräche begleitet. ( d o l ) BENEFIZVORFÜHRUNG Atmen für einen guten Zweck S eit seiner

Atmen für einen guten Zweck

S eit seiner Premiere in Cannes wurde Karl Markovics Regiedebüt „Atmen“ zu mehr als 50 Festivals rund um den Globus eingeladen und mit fast 20 Preisen ausgezeichnet. Mit sechs Nominierungen

ist der Film auch klarer Favorit für die Verleihung des zweiten Öster- reichischen Filmpreises am 27. Jänner. Und er geht heuer als österrei- chischer Kandidat für den Auslands-Oscar ins Rennen. „Atmen“ handelt von einem 19-Jährigen Freigänger, der zur Resozi- alisierung in einem Bestattungsunternehmen die Chance bekommt, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Er zeigt auf eindrückliche Weise die Sprachlosigkeit des Jugendlichen – und ei- nen Weg heraus. Am Samstag, 28. Jänner, um 11 Uhr wird der Film im Rahmen einer Benefizvorführung zugunsten von Klienten des Vereins Neustart und Insassen der Straf- vollzugsanstalt für Jugendliche im Wie- ner Urania Kino gezeigt. Im Anschluss dis- kutieren Justizministerin Beatrix Karl und Regisseur Karl Markovics über Strafvoll- zug und Resozialisierung. Karten kosten 10 Euro und können unter 01/ 545 95 60 oder info@neustart.at bestellt werden. (dol)

Kino-Tipp

Regisseur Karl

Markovicsdisku-

tiert am 28. Jänner

mit Justizminis-

terinBeatrixKarl

über „Atmen“.

Jänner mit Justizminis- terinBeatrixKarl über „Atmen“. Bewährung NachdemGe- fängnisbekom- menMenschen
Jänner mit Justizminis- terinBeatrixKarl über „Atmen“. Bewährung NachdemGe- fängnisbekom- menMenschen
Bewährung NachdemGe- fängnisbekom- menMenschen vonNeustart Un- terstützungbei der Wohnungs- undArbeitssuche,
Bewährung
NachdemGe-
fängnisbekom-
menMenschen
vonNeustart Un-
terstützungbei
der Wohnungs-
undArbeitssuche,
beimKontakt mit
ÄmternundBehör-
denundvor allem
bei der persön-
lichenWiederein-
gliederung in die
Gesellschaft.
Österreichweit
arbeitenauchüber
900Ehrenamtliche
in der Bewährungs-
hilfe.

„Wir wollen die Menschen für ihre Fehler büßen lassen“

| Andreas Zembaty vom Verein Neustart, attestiert der Justiz durchaus Reformwillen. Kritik übt | er an der Gesellschaft, die im Umgang mit fehlerhaftem Verhalten oft nach Sühne verlangt.

| Das Gespräch führte Veronika Dolna |

A ls Bewährungshelfer betreute An-

dreas Zembaty auch Menschen, die

Erfolg

Neustart hat in den letzten 50 Jahren

rund270.000Kli-

entenmit Bewäh-

rungshilfeunter-

stützt. Während der Betreuungbei bedingter Straf- nachsicht bleiben 55 Prozent straf- frei. NachBetreu- ungsabschlussbei

bedingter Entlas-

sungauseinerFrei-

heitsstrafe sind es sogar 62 Prozent.

„Liebe Wähler, ihr seid sicher, ich habe gute Leute im Strafvollzug.“ Sondern: „Strafvoll- zug ist gesellschaftliche Integration.“ Wir als Bevölkerung üben einen großen Druck aus und machen es der Justiz, die durchaus reformwillig ist, sehr schwer. DIE FURCHE: Wie soll die Gesellschaft denn mit Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, umgehen? Zembaty: Wir brauchen diese Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, ja auch auf eine Art. Weil wir es selber nicht immer tun. Aber das tiefenpsychologische Problem ist, dass ich die Untiefen, die ich an mir sel- ber in meinen Träumen, Fantasien oder viel- leicht auch Taten kennengelernt habe, nicht gerne sehe. Deshalb ist es uns sehr recht, wenn wir sagen können: „Schaut’s euch das Schwein an, das muss weg.“ Das ist ein kol- lektiver, archetypischer Reflex. Gute Krimis und Filme, die das Täterbild korrigieren und Identifikationsmöglichkeiten bieten, kön- nen zur Volksbildung beitragen. DIE FURCHE: Im Strafvollzugsgesetz wird Haft einerseits als Schutzmechanismus für die Gesellschaft, andererseits als erzieherische Maßnahme definiert. Zembaty: Die Realität ist eine andere: Ge- schützt wird, weil Leute weggesperrt wer- den. Aber nur eine Handvoll schafft es, aus der Haft für sich selbst und ihr Leben einen neuen Weg zu finden. Der Rest ist verunsi- chert. Und Menschen, die Angst haben, ja- gen anderen Menschen Angst ein. Die erzie- herische, resozialisierende Wirkung, die im Strafvollzugsgesetz steht, kann unter die- sen Bedingungen der Strafvollzugs nicht ausreichend gelebt werden. DIE FURCHE: Wird die Tat im Strafvollzug thematisiert? Zembaty: Nein, außer im therapeutischen Strafvollzug ist sie nie ein Thema. Sie wird verdrängt, vom ersten bis zum letzten Tag. Und wenn der Täter entlassen wird, sagt er: „Ich habe alles gebüßt.“ Aber Büßen ist nicht das Thema. Es geht um den Umgang mit der eigenen Unsi- cherheit, um ein Gewinnen an Selbstvertrauen, um ein Ins- Reine-Kommen mit sich selbst und der Tat. Wenn wir den Leuten in der Haft keine Wer- te vermitteln, haben sie keine, wenn sie draußen sind. DIE FURCHE: Was würde helfen? Zembaty: Ein idealer Strafvollzug ist für mich einer, der dem Men- schen die Tat und das Unrecht der Tat vorführt. Nicht in einer diabo- lischen Form, in der vermittelt wird:

lebenslänglich verurteilt wurden.

Dass manche nach der Entlassung ihre Woh- nungen wie Zellen einrichteten, schockierte ihn besonders. Im Interview erklärt der Sprecher von Neustart seine Vorstellung von einem idealen Strafvollzug.

DIE FURCHE: Die Arbeit von Neustart beginnt bereits im Gefängnis, wo Häftlinge sechs Monate vor der Entlassung eine Beratung in Anspruch nehmen können. Geht es da- bei um profane Anliegen, wie sich das Leben nach der Haft organisieren lässt? Andreas Zembaty: Der Bedarf der Klienten ist zu Beginn oft reduziert auf den Wunsch „Ich will überleben“. Das sind oft materiel- le Bedürfnisse. Heikel an diesen Dingen, die für uns profan erscheinen, ist allerdings et- was anderes: Kaum ist man in Haft, beginnt man in der Tristesse der reduzierten Ein- drücke damit, sich eine Welt draußen zu fantasieren. Aus Mangel an Verbindungen

Büßen darf im Strafvollzug nicht das Thema sein. Es geht um den Umgang mit Unsicherheiten und Selbstvertrauen. Wer in der Haft keine Werte vermittelt bekommt, hat auch draußen keine.

mit der Außenwelt wird diese Welt irratio- nal und sehr brüchig. Man sagt sich zwar:

„Meine Wohnung behalte ich sicher, mei- ne Frau wartet auf mich und meine Schul- den werden stillgelegt, bis ich wieder Arbeit hab.“ Und: „Das Delikt wird mir nie wieder passieren.“ Es werden Lebenslügen aufge- baut. Weil man das spürt, steigt eine große Angst auf. Gerade durch die Beratung von Neustart entsteht ein anderes Bild von der Welt draußen. Das kann zu Schock, Verwei- gerung oder Depression führen. Deshalb sind Beratungen vor der Entlassung keine reine Adressweitergabe, sondern behandeln auch die Angst, die bei pro- fanen Fragen entsteht. DIE FURCHE: Bekommen Men- schen im Vollzug das Rüstzeug für ein Leben danach? Zembaty: Nein, und das ist kri- minal- und gesellschaftspoli- tisch mein großer Vorwurf an den österreichischen Strafvoll- zug. Und zwar nicht an die Leu- te, die darin arbeiten, sondern an die Gesellschaft: Am liebsten wol- len wir die Leute weg haben. Und ein bisserl büßen sollen sie auch noch. DIE FURCHE: Das alte Konzept der Sühne Zembaty: In der Gesellschaft ist das immer noch ein großes Thema, obwohl es im Strafgesetzbuch seit Jahrzehnten nicht mehr vorkommt. Ich wünsche mir von der Politik ein klares Bekenntnis, nicht nur zu sagen:

Foto: © Neustart (2)
Foto: © Neustart (2)

„Du bist das Letzte.“ Sondern in einer Form, in der er eine Chance auf Wie- dergutmachung bekommt. Das kann eine Entschuldigung sein, oder auch Geld. So kann der Täter konstruktiv mit seinem Fehler umgehen. Und es hat auch einen realen Wert für das Opfer. Das wäre für mich ein Straf- vollzug, der Hoffnung macht.