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MATHEMATIK I

VON JÜRGEN G. HINZ

FACHBEREICH MATHEMATIK UND INFORMATIK DER PHILIPPS-UNIVERSITÄT MARBURG

MARBURG 2011

1

Mathematische Grundbegriffe

Wer in einem Gebiet der Mathematik über den naiven Standpunkt hinauskommen möchte, der benötigt zunächst einiges Rüstzeug aus Logik und Mengenlehre. Diese beiden – in ihrer strengen axiomatischen Form – erst im letzten Jahrhundert entwickelten Disziplinen nennt man auch die Grundlagen der Mathematik. Sie sind heutzutage für Mathematik und Infor- matik gleichermaßen wichtig und auch eng mit philosophischen Fragestellungen verknüpft.

1.1 Elemente der Logik

Die Informatik macht auf allen Ebenen der Informationsverarbeitung (Schaltkreise, Pro-

grammierung, Modellierung,

trum der “Aussagenlogik” stehen die Begriffe “Aussage” und “Wahrheit”. Schon Aristoteles formulierte um 350 v. Chr.:

“Eine Aussage ist ein sprachliches Gebilde, von dem es sinnvoll ist zu sagen, es sei wahr oder falsch”. Betrachtet man beliebige umgangssprachliche Sätze als Aussagen, so führt dies schnell zu Ungenauigkeiten, Paradoxien oder Widersprüchen: Dem Satz “Die Aussage dieses Satzes ist falsch” läßt sich z.B. kein Wahrheitswert zuordnen, ohne auf elementare Widersprüche zu stoßen. Auch ist etwa nicht klar, was mit ”Ich habe einen Euro” gemeint ist: mindestens einen Euro oder höchstens einen Euro oder genau einen Euro. Eine präzise Fassung des Begriffs “Aussage” ist mit den Mitteln der mathematischen Logik durchaus möglich. Für die Belange einer einführenden mathematischen Vorlesung genügt aber das klassisch naive Verständnis. Unter Verwendung dieser formalen Sprache wird ein zwar eingeschränktes, aber konsistentes System von Aussageformen konstruiert.

Definition 1 : Unter einer Aussage versteht man ein sprachliches Gebilde, von dem prinzipiell feststeht, ob es wahr oder falsch ist (Zweiwertigkeitsprinzip, zweiwertige Aussa- genlogik).

Bemerkung: Es gibt damit keine Aussage, die sowohl wahr als auch falsch ist. Die Wahr- heit oder Falschheit eines sprachlichen Gebildes muss keineswegs effektiv entscheidbar sein (Verifikationsproblem). Mit der Wahrheitsfindung beschäftigt sich auch die ”Erkenntnistheorie”, eine spezielle Dis- ziplin der Philosophie.

Beispiele für Aussagen:

) von Konzepten und Theorien der Logik Gebrauch. Im Zen-

1 + 1 = 1

Jede gerade Zahl 4 ist Summe zweier Primzahlen

Am 1. April 2012 wird es in Marburg regnen .

1 + 1 = 2

(wahre Aussage) ;

(falsche Aussage) ;

(Goldbach-Vermutung) ;

Bei den letzten beiden Aussagen kennt man den Wahrheitswert (noch) nicht. Die Goldbach- Vermutung stellt möglicherweise ein Verifikationsproblem dar. Der Wahrheitswert der letz- ten Aussage wird erst in Zukunft bekannt sein (temporaler Aspekt).

1

Keine Aussagen sind zum Beispiel:

1000 ist eine große Zahl .

Eine gerade Zahl ist durch 5 teilbar .

Seid leise!

Bemerkungen: 1) Für jede Aussage A bezeichne W (A) den Wahrheitswert von A :

W (A)

=

w ,

falls A wahr (= richtig) ist ;

W (A)

=

f ,

falls A falsch ist .

2) Aussagen werden in der Regel erst durch Verknüpfung verschiedener Einzelaussagen zu komplexeren Ausdrücken wertvoll und verwendbar. Die wichtigsten Aussageverbindungen sind die Elementar-logischen Operationen:

Negation:

¬A (Nicht A)

 

W(A)

W(¬A)

Wahrheitstafel:

 

w

f

 

f

w

Beispiele:

¬(2 · 2 =

5) =

2 · 2 =

5

;

¬(2 < 3) =

2 3 ;

 

W(A)

W(¬A)

W (¬(¬A))

¬(¬A) = A :

w

f

w

f

w

f

Konjunktion:

A B

(Und-Verknüpfung)

 

W(A)

W(B)

W(A B)

w

w

w

Wahrheitstafel:

w

f

f

f

w

f

f

f

f

Disjunktion:

A B

(Oder-Verknüpfung)

 

W(A)

W(B)

W(A B)

w

w

w

Wahrheitstafel:

w

f

w

f

w

w

f

f

f

Das mathematische “Oder” wird also stets im nichtausschließenden Sinne verstanden:

Das Auto gehört Inge oder Hans oder beiden.

2

Beispiel: Der Ausdruck (A (¬B)) (¬(A B)) stelle das Stop-Kriterium einer Schleife dar. Wann tritt es ein?

W(A)

W(B)

W(¬B)

W (A (¬B))

W(A B)

W (¬(A B))

w

w

f

w

w

f

w

f

w

w

w

f

f

w

f

f

w

f

f

f

w

w

f

w

Die Schleife wird also nur dann verlassen, wenn sowohl A als auch B falsch sind.

Kontravalenz (oder Alternative):

˙

A B

(Entweder-Oder-Verknüpfung)

 

W(A)

W(B)

˙

W(A B)

 

w

w

 

f

Wahrheitstafel:

w

f

w

f

w

w

f

f

f

Beispiele:

˙

W ((m gerade) (m ungerade))

=

w ,

 

˙

W ((2 prim) (3 prim))

=

f .

Bemerkung: In vielen Programmiersprachen sind die Operationen NOT, AND, OR und

XOR = EXCLUSIVE OR verfügbar, oft auch dargestellt durch andere Symbole. Sie stimmen

˙

mit den hier definierten Verknüpfungen ¬, , und überein.

Implikation: A −→ B (Wenn-Dann-Verknüpfung)

Man sagt auch: “Aus A folgt B”, “A ist hinreichend für B” oder “B ist eine notwendige Bedingung für A”.

 

W(A)

W(B)

W(A −→ B)

w

w

w

Wahrheitstafel:

w

f

f

f

w

w

f

f

w

Man beachte, dass A −→ B immer wahr ist, wenn A falsch ist (ex falso quodlibet: aus Falschem folgt Beliebiges). Die Implikation wird nur dann als falsch angesehen, wenn die “Prämisse” A wahr und die “Konklusion” B falsch ist. Ist der Aussage A −→ B also der Wahrheitswert w zugeordnet, dann heißt dies nicht gleichzeitig, dass B wahr ist! Beispiele: 1) Wenn 2 + 2 = 7, dann ist der Kreis eckig. Dies ist zwar eine wahre Aussage, umgangssprachlich aber sinnlos.

2)

2

= 1

−→

2 · 0 = 1 · 0

−→

0 = 0 ;

2

= 1

−→

2 + 2 = 1 + 1

−→

2 = 0 .

6

teilt 3

−→

3 teilt 3 ;

 

6

teilt 3

−→

2 teilt 3 .

 

3

3)

 

W(A)

W(B)

W(A −→ B)

W(¬A)

W ((¬A) B)

w

w

w

f

w

4) A −→ B =

(¬A)B

w

f

f

f

f

f

w

w

w

w

f

f

w

w

w

Äquivalenz (oder Bijunktion) :

A ←→ B (Genau Dann-Wenn-Verknüpfung)

 

W(A)

W(B)

W(A ←→ B)

w

w

w

Wahrheitstafel:

w

f

f

f

w

f

f

f

w

Die logische Äquivalenz bedeutet also in der Mathematik definitionsgemäß dasselbe wie die Konjunktion

(A −→ B) (B −→ A) .

Beispiele: 1) (Heute ist Montag) ←→ (Morgen ist Dienstag) .

2)

5 = 6

←→

5 = 7

;

3 teilt n ←→ 3 teilt die Quersumme von n.

Bemerkung: Die

Junktoren. Durch mehrfache Hintereinanderanwendung von Negationen oder Junktoren

entstehen aus einfachen Aussagen kompliziertere, z.B.

Verknüpfungszeichen , , , −→, ←→ für Aussagen A, B heißen

˙

(A (B −→ (¬C))) −→

((¬B) C) .

Für diese ”aussagenlogischen Formeln” gilt das Extensionalitätsprinzip, nach dem der Wahrheitswert einer zusammengesetzten Aussage nur von den Wahrheitswerten ihrer Be- standteile abhängt.

Anwendung: Über zwei Krankheiten A und B und zwei Symptome S und T sei aus klini- schen Studien folgendes bekannt:

1. Wenn mindestens eines der Symptome S oder T auftritt, so leidet der Patient an mindestens einer der Krankheiten A oder B.

2. Tritt Symptom S nicht auf, so kann die Krankheit B nicht vorliegen.

Bei einem Patienten zeigt sich das Symptom T . Was kann man daraus schliessen?

Den Bedingungen 1) und 2) entsprechen folgende aussagenlogische Verknüpfungen:

1. (S T )

−→

(A B) .

2. (¬S) −→

(¬B) .

4

W(A)

W(B)

W(S)

W(T)

W(S T)

W(A B)

1.

2.

3.

1. 2. 3.

w

w

f

w

w

w

w

f

w

f

w
w

f

f

w

w

w

w

w

w

w
w

f

w

f

w

w

w

w

f

w

f

f

f

f

w

w

f

f

w

w

f

Antwort: Der Patient leidet an der Krankheit A .

Definition 2 : Eine aussagenlogische Formel heißt erfüllbar, wenn sich für mindestens eine Belegung ihrer Komponenten mit den Wahrheitswerten w oder f der Wert w ergibt. Andernfalls nennt man sie unerfüllbar oder eine Kontradiktion. Eine durch formalrichtige, sukzessive Anwendung von Negationen und Junktoren gebilde- te Aussage heißt Tautologie, wenn sie für alle Kombinationen der Wahrheitswerte ihrer Komponenten wahr ist.

Bemerkung: Für Tautologien der Form A −→ B

A =B oder A ⇐⇒ B . A =B (gesprochen: “A impliziert B” oder “Aus A folgt B”) bedeutet also, dass die Aussage A −→ B stets logisch wahr ist.

Beispiele: 1) A ((¬B) −→ C) ist erfüllbar. 2) A (¬A) ist eine Kontradiktion.

3)

Bemerkung: Für beliebige Aussagen A, B und C sind z.B. folgende Tautologien von Bedeutung. Man bestätigt sie leicht durch Wahrheitstafeln.

oder

A ←→

B

schreibt man

(A −→ B) ←→ ((¬A) B)

ist eine Tautologie.

((A −→ B) (B −→ A))

⇐⇒

(A ←→ B)

(Antisymmetrie)

((A −→ B) (B −→ C))

=

(A −→ C)

(Tansitivität, Kettenschluss)

(A −→ B)

⇐⇒

((¬B) −→ (¬A)) (Kontraposition)

(A −→ B) ⇐⇒

((A B) ←→ B)

⇐⇒

((A B) ←→ A) (Inklusion)

(A (A −→ B))

=

B

(Abtrennungsregel)

Bemerkungen zur mathematischen Beweisführung:

1) Tautologien bilden den formallogischen Bestandteil der Beweise mathematischer Sätze. Ein mathematischer Satz ist stets von der Art, dass eine gewisse Aussage wahr ist, z.B.

Satz: 2 2 4 + 1 = 65537 ist eine Primzahl.

Häufig hat ein mathematischer Satz die Gestalt einer Implikation.

Satz: A =B.

Hierbei sind A und B Aussagen. Die Feststellung, dass es sich bei A =B um einen Satz handelt, bedeutet in unserer Sprechweise, dass A =B eine Tautologie darstellt, d.h. stets wahr ist. Da eine Implikation nur dann falsch ist, wenn A wahr und B falsch sind, muss man zum Beweis der Aussage lediglich zeigen: Wenn A wahr ist, dann ist auch B wahr.

5

Beispiel: Sei A die Aussage: ”Es ist m eine gerade und n eine ungerade (ganze) Zahl”. Sei B die Aussage: ”m + n ist ungerade”. Satz: m gerade und n ungerade (ganze Zahlen) =m + n ungerade.

2) Ein mathematischer Satz bedarf stets eines Beweises, der von als wahr angenommenen, bekannten Aussagen (den Voraussetzungen oder Prämissen) in einer Kette von wahren Implikationen oder Äquivalenzen zu einer Behauptung oder Konklusion B führt und damit die Wahrheit (= Richtigkeit) von B beweist. Man spricht auch von einem aussagen- logisch korrekten Schluss. An den Beginn einer mathematischen Theorie wird deshalb ein System von Aussagen (sog. Axiome) gestellt, deren Auswahl oft durch eine jahrhun- dertelange Entwicklung bestimmt ist. Ein Beweis ist natürlich nicht alleine mit Hilfe der Aussagenlogik zu führen, aber die Logik stellt verschiedene Ansätze zur Verfügung und for- malisiert auch Überlegungen. 3) An mathematischen Beweisen kommen zwei Grundtypen in vielerlei Varianten vor:

Der direkte Beweis:

Er startet mit einer wahren Aussage A und landet mit einer Kette von wahren Impli- kationen bei der gewünschten (= behaupteten) Aussage B.

Beispiel: Es sei n eine natürliche Zahl.

A :

B : n ist durch 3 teilbar.

Beweis (direkt) :

n ist durch 6 teilbar.

Satz:

A = B.

A

⇐⇒

(n

=

6k

für

ein ganzes k) ⇐⇒ ((n =

6k) (6 = 2 · 3))

⇐⇒

(n

=

(2 · 3) · k)

⇐⇒

((n = 3 · (2k)) (2k ganz))

=

(n = 3l für ein ganzes l)

⇐⇒

B .

Die Aufgliederung des Beweises macht deutlich, dass wahre Aussagen über ganze Zah- len in die Beweisführung eingehen. Diese Erscheinung ist typisch für Beweise mathe- matischer Sätze: In den seltensten Fällen reicht allein die Information “A = wahr” aus, um lediglich durch logische Schlüsse die Aussage “B = wahr” zu erhalten. Die Kunst eines Beweises besteht vor allem darin, richtige mathematische Aussagen zu finden, die ”eingeschoben” werden können. Hierbei sind mathematischer Sachverstand und Fantasie gefragt.

Der indirekte Beweis:

Er startet zum Beweis von A =B meist mit der als wahr angenommenen Aussage ¬B und landet mit einer Kette von wahren Implikationen bei der Aussage ¬A. Da

A und ¬A nicht gleichzeitig wahr sein können und A wahr ist, ergibt sich ein Wider-

spruch. Dieser löst sich nur dadurch auf, dass die Annahme falsch ist. Damit ist die Aussage ¬B falsch, also B wahr. Statt bei ¬A zu landen, genügt es auch, bei ¬C zu landen, sofern C als wahr bekannt ist. Beispiel: Es sei n eine natürliche Zahl.

A :

B : n ist durch 3 teilbar.

n ist durch 6 teilbar.

Satz:

A = B.

6

Beweis (indirekt) : Annahme: ¬B (n ist nicht durch 3 teilbar) ist wahr.

¬B

⇐⇒

⇐⇒

=

(n

(n

=

3k für alle natürlichen k)

3l für alle natürlichen l der Form l = 2m)

=

(n

= 3l für alle geraden l)

⇐⇒

=

(n

6m für alle natürlichen m) ⇐⇒

¬A.

Warnung: Häufige Fehler bei indirekten Beweisen sind falsche Negationen !

Ist n ganz, so ist die Negation von n < 4 die Aussage n 4 und nicht 4 < n.

4)

Man kann A =B

gemäß der Tautologie

(A =B)

⇐⇒

(¬B =⇒ ¬A)

auch dadurch beweisen, dass man ¬B =⇒ ¬A zeigt; dies wäre ein Beweis durch Kontra- position. Warnung: A =B ist im allgemeinen nicht äquivalent zu ¬A =⇒ ¬B !

5) Häufig ist es notwendig, verschiedene Fälle zu analysieren. Das dabei verwendete logische Prinzip ist die Äquivalenz der Aussagen

A

=B

und

((A C) =B)

((A (¬C)) =B)

;

man unterscheidet also die Fälle C und ¬C .

6) Weitere Beweismethoden, wie etwa die vollständige Induktion, werden später erläu- tert.

Bemerkungen zu Quantoren:

In der bisher betrachteten Aussagenlogik ergibt sich der Wahrheitswert einer Implikation aus den Wahrheitswerten der beteiligten Einzelaussagen. Die aussagenlogischen Tautologien erlauben aber nicht, den Gültigkeitsbereich von Eigenschaften zu quantifizieren, also aus- zudrücken, wieviele Objekte eine vorgegebene Eigenschaft besitzen bzw. nicht besitzen. Die Redeweise

“für alle

gilt

heißt Allquantor und wird durch das Zeichen abgekürzt. Die Redeweise

“es gibt ein

, so dass

gilt”

heißt Existenzquantor und wird als geschrieben.

Beispiele:

Aussagen dieser Art nennt man Allaussagen bzw. Existenzaussagen.

Warnung: n natürlich m natürlich : n m

n ganz : n 2 0

;

n ganz :

n 2 = n + 2 .

ist eine wahre Aussage. ist eine falsche Aussage.

n natürlich

m natürlich : n m

In der Mathematik ist mit einer Existenzaussage stets gemeint, dass wenigstens ein Objekt mit der fraglichen Eigenschaft existiert. Man läßt also zu, dass es mehrere solcher Objekte gibt. Will man zum Ausdruck bringen, dass nicht mehr als ein Objekt mit der Eigenschaft

7

E existiert, so sagt man “Es gibt höchstens ein Objekt mit der Eigenschaft E. Dabei ist also zugelassen, dass überhaupt kein derartiges Objekt existiert. Schließlich soll die Redewendung

“Es gibt genau ein Objekt A mit der Eigenschaft E(abgekürzt als ! A : E) dasselbe bedeuten wie ”Es gibt wenigstens und gleichzeitig höchstens ein Objekt mit dieser Eigenschaft E. Die Negation einer Allaussage ist äquivalent zu einer geeigneten Existenzaussage und die Negation einer Existenzaussage äquivalent zu einer geeigneten Allaussage. Die Aussage ¬ (x : A(x)) : “Nicht für alle x gilt die Eigenschaft A(x)

besagt:

“Für (wenigstens) ein x gilt A(x) nicht” : x : ¬A(x) .

Analog:

x : ¬A(x) . ist also nicht ”Alle Raben sind

Die logische Verneinung von ”Alle Raben sind schwarz”

nicht schwarz” , sondern ”Es gibt einen Raben, der nicht schwarz ist” .

Zum Abschluss soll noch ein etwas denkwürdiges ”Beispiel” angegeben werden:

Man betrachte die Aussage ”Alle Raben sind schwarz” . Diese ist äquivalent zu der Aussage (”x ist Rabe” =”x ist schwarz”) , diese zu (”x ist nicht schwarz” =”x ist kein Rabe”) und diese wiederum zu der Aussage ”Alle nichtschwarzen Dinge sind keine Raben” . Um zu belegen, dass alle Raben schwarz sind, muss man also nur etwas Nichtschwarzes finden, das kein Rabe ist. Oder?

¬ (x : A(x))

ist äquivalent zu

1.2 Aussagenlogik und Schaltalgebra*

Definition 3 : Unter einem bistabilen Schaltelement s versteht man einen Schalter (Kontakt), der entweder geschlossen oder offen ist.

Bemerkung: Entsprechend den beiden Schalterstellungen läßt sich einem Schaltelement stets ein von zwei Schaltwerten zuordnen:

Schalter geöffnet : Schaltwert 0 Schalter geschlossen : Schaltwert 1. “0” und “1” stellen hier keine Zahlen im arithmetischen Sinne dar, sondern lediglich Symbole. Die Anordnung der Schalter und ihrer Verbindungsleitungen nennt man ein Schaltnetz. Sein Aufbau läßt sich auf nur wenige Grundschaltungen zurückführen:

Arbeitsschaltung:

s

Ruheschaltung:

s

8

s s 0 1 1 0
s
s
0
1
1
0

Reihenschaltung:

s 1 · s 2

:

s 1

s 2

Parallelschaltung: s 1 + s 2 :

Schaltwerttafeln:

s 1

s 2

s 1 · s 2

0

0

1

1

0

1

0

1

0

0

0

1

 

s

1

s

2

s 2

s

1

s

2

s 1 + s 2

0

0

0

0

1

1

1

0

1

1

1

1

Analogien zur Aussagenlogik :

Die Schaltwerttafel der Ruheschaltung und die Wahrheitstafel der Negation zeigen den glei- chen formalen Aufbau: Dem Schaltwert 0 entspricht der Wahrheitswert f , dem Schaltwert 1 der Wahrheitswert w. Diese Analogie erkennt man auch beim Vergleich der zweistelligen Verknüpfungen: Der Reihenschaltung entspricht die Konjunktion, der Parallelschaltung die Disjunktion.

s

1

s

2

s 1 · s 2

s 1 + s 2

0

0

0

0

0

1

0

1

1

0

0

1

1

1

1

1

A

B

A B

A B

f

f

f

f

f

w

f

w

w

f

f

w

w

w

w

w

Durch Kombination der Schaltnetze der Arbeits- und Ruheschaltung sowie der Reihen- und Parallelschaltung ist man in der Lage, weitere Schaltnetze aufzubauen. Gleiche Schalter dürfen dabei mehrfach auftreten.

Insbesondere lassen sich die Junktoren

, ˙ −→, ←→ mit Hilfe von Schaltkreisen deuten.

Die übliche Konvention, dass Multiplikation stärker bindet als Addition, erspart das Setzen von Klammern.

Alternative:

s 1 · s 2 + s 2 · s 1

Alternative : s 1 · s 2 + s 2 · s 1 s 1 s

s 1

s

2

W(A)

W(B)

˙

W(A B)

w

w

f

w

f

w

f

w

w

f

f

f

s 2 s 1
s 2
s 1

s

1

s

2

s 1 · s 2 + s 2 · s 1

1

1

0

1

0

1

0

1

1

0

0

0

9

Implikation:

s 1 + s 1 · s 2

W(A)

W(B)

W(A −→ B)

w

w

w

w

f

f

f

w

w

f

f

w

Äquivalenz:

s 1 · s 2 + s 1 · s 2 = (s 1 + s 2 ) · (s 1 + s 2 )

W(A)

W(B)

W(A ←→ B)

w

w

w

w

f

f

f

w

f

f

f

w

s

1

s

2

s 1 + s 1 · s 2

1

1

1

1

0

0

0

1

1

0

0

1

s

1

s

2

s 1 · s 2 + s 1 · s 2

1

1

1

1

0

0

0

1

0

0

0

1

Der Zusammenhang zwischen den Schaltwerten der einzelnen Schalter und dem Schaltungs- zustand läßt sich auf verschiedene Arten verdeutlichen:

Schaltwerttafel:

In eine Zuordnungstabelle werden die von den Schaltwerten abhängigen Schaltungs- zustände eingetragen.

Schaltbild:

Durch das Schaltnetz als “Leitungsschaltbild” werden die Verbindungslinien zwischen den Schaltstellen sichtbar gemacht.

Schaltterm:

Der Schaltterm t(s 1 ,

Verknüpfung der “Schaltwertvariablen” s 1 ,

, s n ) beschreibt die der Schaltung zugeordnete algebraische

, s n .

Beispiele: 1)

s 1 + s 1 · s 2 = s 1 .

2)

s 1 · (s 1 + s 2 ) = s 1 · s 2 .

 

s

1

 

s

2

s 1 · s 2

s 1 + s 1 · s 2

 

1

 

1

1

 

1

1

0

0

1

0

1

0

0

0

0

0

0

s

1

s

2

s 1 · (s 1 + s 2 )

s 1 · s 2

1

 

1

 

1

 

1

1

0

0

0

0

1

0

0

0

0

0

0

 

10

Bemerkung: Von großer praktischer Bedeutung ist die Aufgabe der Schaltalgebra, eine vorgegebene Schaltung auf eine möglichst einfache Form zu bringen. Innerhalb des Strom- modells wird dabei oft nach einem Schaltnetz mit einer möglichst kleinen Anzahl von Schalt- stellen gesucht.

Algebraisches Verfahren zur Vereinfachung von Schaltungen:

Zur Umformung und Vereinfachung von Schalttermen stehen folgende Regeln zur Verfügung:

1. Kommutativität:

2. Assoziativität:

3. Distributivität:

s 1 · s 2

=

s 2 · s 1

;

s 1 + s 2 = s 2 + s 1

;

(s 1 · s 2 ) · s 3

s 1 ·(s 2 +s 3 ) = s 1 ·s 2 +s 1 ·s 3 ; s 1 +(s 2 ·s 3 ) = (s 1 +s 2 )·(s 1 +s 3 ) ;

=

s 1 · (s 2 · s 3 )

;

(s 1 + s 2 ) + s 3

=

s 1 + (s 2 + s 3 )

;

4. Absorption:

s 1 · (s 1 + s 2 )

= s 1

;

s 1 + s 1 · s 2

= s 1

;

5. Neutrale Elemente:

 

s · 1

=

s

;

s + 0

 

=

s

;

6. Idempotenz:

s · s

=

s

;

s + s

=

s

;

     
     

7. Komplementregeln:

 

s · s

=

0

;

s + s

 

=

1

;

s

=

s

;

8. Regeln von de Morgan:

s 1 + s 2

=

s 1 · s 2

;

s 1 · s 2

= s 1 + s 2

.

Der Vereinfachungsprozess verläuft nicht nach einem festen Schema; vielmehr ist eine gewisse Geschicklichkeit in der Handhabung der algebraischen Gesetze erforderlich.

Beispiele: 1)

(s 1 · s 2 + s 3 · s 4 ) · (s 1 · s 2 + s 3 + s 4 )

2)

= s 1 · s 2 · s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 1 · s 2 · s 4 + s 1 · s 2 · s 3 · s 4 + s 3 · s 3 · s 4 + s 3 · s 4 · s 4

= s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 1 · s 2 · s 4 + s 1 · s 2 · s 3 · s 4 + 0 · s 4 + s 3 · 0

= s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 1 · s 2 · (s 4 + s 3 · s 4 )

= s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 1 · s 2 · (s 4 + s 4 ) · (s 4 + s 3 )

= s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 1 · s 2 · (s 4 + s 3 )

=

s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 4 + s 1 · s 2 · (s 3 + s 3 )

= s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 4 + s 1 · s 2

=

s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 4

=

s 1 · s 2

.

(s 1 · s 2 + s 1 · s 2 + s 3 ) · (s 2 + s 3 )

= s 1 · s 2 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 1 · s 2 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 3 · s 2 + s 3 · s 3

= s 1 · s 2 + s 1 · s 2 · s 3 + s 1 · s 2 · s 3 + s 2 · s 3 + s 3

= s 1 · s 2 + s 3 · (s 2 + s 1 · s 2 + s 1 · s 2 ) + s 3

=

s 1 · s 2 + s 3 · (s 2 + s 1 ) + s 3

= s 1 · s 2 + s 2 · s 3 + s 1 · s 3 + s 3 · s 3

= s 1 · (s 2 + s 3 ) + s 3

=

s 1 · (s 2 + s 3 ) + s 3 · (s 2 + s 3 )

=

s 1 · s 2 + s 3 .

=

s 1 · s 2 + s 1 · s 3 + s 3

11

Anwendung: Konstruktion eines ”Multiplexers” Ein Multiplexer ist ein Schaltkreis, der z.B. auf zwei Leitungen x 0 und x 1 eingehende In- formationen an eine Ausgangsleitung y weiterleitet. Dabei bewirke ein Schalter s, dass bei s = 0 der Inhalt der Leitung x 0 und bei s = 1 der Inhalt von x 1 übertragen wird. Die Schaltwerttafel dieses Multiplexers hat somit die Gestalt.

s

x

0

x 1

y

0

0

0

0

0

0

1

0

0

1

0

1

0

1

1

1

1

0

0

0

1

0

1

1

1

1

0

0

1

1

1

1

Für das Auffinden eines (möglichst einfachen) Schaltterms einer vorgegebenen Schaltwertta- fel existieren verschiedene Algorithmen in der Literatur. Eine der möglichen Vorgehensweisen soll hier angedeutet werden:

Man bildet zunächst eine ”Summe” y 1 + ··· + y n von sog. ”Mintermen”, wobei die y i den Zeilen der Schaltwerttafel entsprechen, für die als Ausgang der Wert y = 1 vorkommt. Haben die in der betreffenden Zeile auftretenden ”Variablen” t den Wert 1, so wählt man t,

¯

andernfalls t . Der Minterm y i entsteht nun durch ”Multiplikation” dieser Größen:

s

x

0

x

1

y

Minterme

0

1

0 1

 

y 1 = s · x 0 · x 1

0

1

1 1

y 2 =

s · x 0 · x 1

1

0

1 1

y 3 =

s · x 0 · x 1

1

1

1 1

y 4 = s · x 0 · x 1

Insgesamt ergibt sich – als Realisierung dieses Multiplexers – der Schaltterm

(s · x 0 · x 1 ) + (s · x 0 · x 1 ) + (s · x 0 · x 1 ) + (s · x 0 · x 1 )

.

Wendet man nun die Rechenregeln für Schaltterme an, so folgt:

=

(s · x 0 · x 1 ) + (s · x 0 · x 1 ) + (s · x 0 · x 1 ) + (s · x 0 · x 1 )

s · x 0 · (x 1 + x 1 ) + s · x 1 · (x 0 + x 0 )

=

s · x 0 + s · x 1

.

Dies ist ein Schaltterm, der nur noch eine Parallelschaltung von zwei Reihenschaltungen enthält.

12

1.3

Grundlagen der Mengenlehre

Ähnlich wie in der Aussagenlogik wird auch hier auf ein tieferes Eindringen in die zugrunde liegende Problematik verzichtet. Der Mengenbegriff beruht in dieser Vorlesung auf einem intuitiven Verständnis; die axioma- tische Begründung - ein schwieriges Problem der mathematischen Grundlagenforschung - wird hier nicht diskutiert. Um 1900 formulierte Cantor den “naiven” Mengenbegriff:

“Eine Menge ist eine Zusammenfassung von wohlbestimmten und wohlunterschiedenen Ob- jekten unserer Anschauung oder unseres Denkens, welche Elemente der Menge genannt werden, zu einem Ganzen.” Dabei heißt “wohlbestimmt”, dass von einem Element gesagt werden kann, ob es in der Men- ge enthalten ist oder nicht; mit “wohlunterschieden” meint man, dass kein Element mehrfach in der Menge auftritt. Für die Mathematik ist es zweckmäßig, auch die sog. leere Menge zuzulassen, also die Menge, welche kein Element enthält. Sie wird mit bezeichnet. Die Zugehörigkeit eines Objektes x zu einer Menge M schreibt man in der Form “x M ” und spricht: “x ist Element von M ”. Falls x nicht zu M gehört, schreibt man ”x M ”. Zu Beginn des 20-ten Jahrhunderts wurde erkannt, dass diese Definition der Menge zu Wi- dersprüchen führen kann. Dies zeigt z.B. die sog. ”Russelsche Antinomie”: Man betrachte Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten und bilde die Menge aller dieser Mengen, d.h.

X

:=

{ M ;

Es stellt sich nun die Frage, ob X X

M Menge ,

M

M }

oder

X X .

.

Aus

X X

folgt nach Definition von X der Widerspruch

X

X.

Aus

X X

folgt ebenfalls nach Definition von X der Widerspruch

X X.

Eine etwas anschaulichere Version lautet: ”Rasiert sich ein Barbier selbst, der alle Männer rasiert, die sich nicht selbst rasieren?” Trotz dieser Schwierigkeiten hält man an der ”naiven” Mengenlehre Cantors fest und ver- sucht, solche ”inkonsistenten” Begriffe wie die obige Menge X zu vermeiden. In der Informatik hat ein “Array” einen ähnlichen Charakter wie eine Menge: Es dient näm- lich der “Aufbewahrung” von Elementen. In zwei wichtigen Aspekten unterscheidet sich jedoch ein “Array” von einer Menge. Seine Identität bestimmen nämlich nicht allein die enthaltenen Elemente, sondern darüber hinaus ist entscheidend

wie häufig ein Element in einem Array vorkommt – [2, 2] ist nicht gleich [2, 2, 2] und

in welcher Reihenfolge die Elemente vorkommen – [2, 3] ist ungleich [3, 2] .

Zur Darstellung einer Menge M gibt es zwei Möglichkeiten:

Aufzählendes Verfahren:

Die Elemente der Menge M werden zwischen geschweiften Klammern { } aufgezählt,

also M = {a, b,

.}.

Beispiele: M 1 = {1, 2, 3, 4, 6, 12} oder M 2 = {0, 1, 2, 3,

.} .

.}

oder M 3 = {3, 5, 7,

13

Man erkennt schon an diesen Beispielen, welchen Nachteil das aufzählende Verfahren hat: Im zweiten und dritten Beispiel ist nicht klar, was die Fortsetzungspunkte bedeuten. Handelt es sich etwa bei der dritten Menge M 3 um die Menge der ungeraden Zahlen oder um die Menge der ungeraden Primzahlen? Die obige Schreibweise ist also nur sinnvoll, wenn aus den angegebenen Elementen das Bildungsgesetz der weiteren Elemente klar hervorgeht. Deshalb ist das folgende Verfahren besser und auch üblicher.

Beschreibendes Verfahren