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SAMMLUNG

ROMANISCHER ELEMENTAR

UND HANDBÜCHER

HERAUSGEGEBEN VON

W. MEYER-LÜBKE

IV. REIHE: ALTERTUMSKUNDE, KULTURGESCHICHTE

\. BAND:

FRANKREICHS KULTUR IM SPIEGEL SEINER

SPRACHENTWICKLUNG

HEIDELBERG 1921

CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG

FRANKREICHS KULTUR

IM SPIEGEL SEINER

SPRACHENTWICKLUNG

GESCHICHTE DER

FRANZOSISCHEN SCHRIFTSPRACHE

VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUR

KLASSISCHEN NEUZEIT

VON

DR. KARL VOSSLER

0. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT MÜNCHEN

DRITTES TAUSEND

VERMEHRT DURCH NACHWORT, NACHTRÄGE,

BERICHTIGUNGEN UND INDEX

HEIDELBERG 1921

CARL WINTERS UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG

Ml.

%mim

\l-^

Heinrich Schneegans

gewidmet

pl

An Heinrich Schneegans.

Lieber Freund

Sie haben sich für alle meine Arbeiten bisher so leb-

haft erwärmt, daß es Sie nicht verdrießen darf, sich erzählen

zu lassen, wie diese hier entstand.

Sind Sie in gewissem

Sinne doch selbst an der Vaterschaft beteiligt. Denn mit

Ihrer bekannten pädagogischen Kunst hatten Sie die Würzburger Studenten derart verwöhnt, daß ich als Ihr

Nachfolger es nicht mehr wagen durfte, den jungen Leuten

eine vierstündige Lautlehre und eine ebensolche Flexions- lehre in den üblichen Schüsseln und Schachteln des gram-

Nur in prak-

matikahschen Regelwesens vorzusetzen.

tischen Übungen ließen sich diese nützlichen Geräte noch

handhaben.

In der Vorlesung aber bemühte ich mich,

die Entwicklung der Sprache kulturgeschichtlich und

psychologisch, nicht mehr grammatikalisch verständhch

So entstanden allmählich aus

wiederholten Vorlesungen eine Reihe von Aufsätzen in der germanisch-romanischen Monatsschrift 1911, 1912^ und

schließlich dieses Buch.

und lebendig zu machen.

Zugleich begann die Sache, mich methodologisch zu be-

schäftigen, und ich schrieb zu meiner eigenen Klärung

über das Verhältnis der Grammatik zur Sprachgeschichte,

der Sprachgeschichte zur Literaturgeschichte, der Kultur-

geschichte zur Geschichte, drei kleine Abhandlungen, die im Logos 1910, 1911 und 1912 veröffentlicht sind. Wenn

ich es unterlasse, diese Untersuchungen, die eine philo-

sophische Rechtfertigung einer „Kultur im Spiegel der

Sprachentwicklung" abgeben könnten, hier zu reprodu-

^ Das Kapitel E, XI Die Überwindung der mundartlichen

Aussprache in Frankreich" ist zuerst in der Internationalen Monatsschrift, Februar 1913 veröffentlicht worden.

VIII

zieren, so geschieht es in der Erwägung, daß ein Versuch

wie der vorhegende durch sich selbst vor allem sich recht-

fertigen muß. Mein Philosophieren aber hat schon die besten Fachmänner der Sprachwissenschaft kopfscheu ge-

macht, wenngleich ich es mehr zu meiner geistigen Be-

ruhigung als zu boshafter Störung ihrer Kreise verübte.

Ohne die umfassenden Vorarbeiten und Material-

sammlungen in Brunot's Histoire de la langue frangaise und ohne den vertieften EinbHck in die französische Laut- geschichte, den uns Meyer-Lübke's historische Grammatik

der französischen Sprache gewährt, wäre es mir nicht mög-

lich gewesen, in der verhältnismäßig kurzen Zeit von drei-

einhalb Jahren mein Vorhaben zu Ende zu bringen. Trotz

dieser trefflichen Führer, denen ich reichsten Dank schulde,

krankt meine Arbeit an zahllosen Unzulänglichkeiten.

Freund Jean Acher in Paris hat mir deren viele mit liebens-

Ich habe

würdiger Neckerei zum Bewußtsein gebracht.

gebessert wie ich konnte.

In seinen skeptischen Augen

freilich werde ich nunmehr als ein Don Quijote erscheinen,

der aus Pappdeckel und altem Eisen sich seinen Helm,

seine „celada" gebaut hat. Als die „celada" bei der Probe

des ersten Schwertstreichs in Stücke ging, da verstärkte

und verkleisterte der Held sie aufs neue:

,,y sin querer

hacer nueva experiencia della, la dispute y tuvo por celada

finisima de encaje." Im Bewußtsein meiner Schwäche

ist es mir ein Trost, dieses Waffenstück in der Sammlung romanischer Elementarbücher" zu wissen, wo es, unter-

gebracht, umgeben und gestützt zwischen grammatischen

Lehrbüchern, weniger Schaden leidet und, wie ich hoffe,

einigen Nutzen stiftet.

Ihnen aber, lieber Freund, überreiche ich es als be-

scheidenes Zeichen meiner Verehrung und meines auf-

richtigen Dankes für das Viele, das ich Ihnen schulde.

München, im März 1913.

Ihr Karl Vossler.

Inhalt.

A. Der doppelte Charakter der Schriftsprache

B. Überblick über die französische Sprachentwicklung C. Bas Altfranzösische

I. Die Dialekte

a) Das Normannische

1

3

4

4

5

b)

Die Mundarten des Zentrums

10

c)

Das Pikardisch-Wallonische

11

d)

Das Lothringische

16

e)

Das Burgundische

19

f)

Das Ghampagnische

22

II. Die Einheit der Schriftsprache

27

a)

Die Stellung der Ile-de-France

27

b)

Das Königtum

28

c)

Der nationale Einheitsgedanke

30

d)

Feudales und kirchliches Herrschafts-

system

36

e)

UniversaHsmus u. Partikularismus

43

f) Rückblick

49

III. Charakteristik des Altfranzösischen

52

a)

Die Dichtung

52

b)

Die Sprache

61

 

1.

Die Satzverbindung

61

2.

Die Wortstellung

64

3.

Die Kongruenz

67

4.

Das Verbum

70

5.

Der Tempusgebrauch

73

6.

Der Modusgebrauch

78

7.

Die Steigerung

83

8.

Der Bedeutungswandel

87

9.

Der Wortschatz

93

11.

Das Fürwort

99

•—

12. Volkstümlicher und kunstmäßiger Satzbau

101

13. Satzbau und Rhythmus

104

14. Der Vokahsmus

114

15. Der Konsonantismus

119

16. Rückblick

127

D. Charakterzüge und Wandlungen des MitteUranzösischen 128

^^

I. Allgemeine negative Züge. Anarchischer und synkretis tisch er Charakter der Sprache

128

II. Die politischen und sozialen Verhältnisse 132

a) Das Standesbewußtsein

b) Das Nationalbewußtsein

132

137

c) Der hundertjährige Krieg und die neue Lebens-

führung und Gesinnung

III. Die Sprache

a) Die Bildungsunterschiede in der Sprache

b) Der Zeitgeist in der Literatur

c) Charakteristische Wandlungen des Flexions-

systems

1. Kasus und Geschlecht

2. Die Konjugation

d) Die Orthographie

e) Der Lautcharakter

f) Die Syntax

1.

2.

3.

Der Artikel

Das Fürwort

Das Verbum

g) Wortschatz und Bedeutungswandel

E. Das Neufranzösische (16. u. 17. Jahrhundert)

140

146

146

156

166

167

174

183

185

189

189

192

194

198

202

I. Von der Renaissance zum Klassizismus

[y (ÜberbUck)

II. Die Renaissance

a) Die Anfänge des itahenischen Einflusses

.

202

206

.206

b)

Renaissance und Bürgerstand

209

c)

Renaissance und Adel

212

d)

Renaissance und Klerus

217

e)

Renaissance und Hofleben

219

f)

ItaUenische Gesinnung und itahenische Lehn-

XI

III. Die Reformation

225

a)

Ihre Verbreitung

225

b)

Die calvinistische Gesinnung

228

c) Der Calvinismus und die Sprache

234

IV. Das Französische im Dienst der Wissen-

 

schaften

240

V. Humanismus und

248

VI. Die PUiade

253

^'

VII. Die Entwicklung des nationalen Stiles 259 VIII. Die Syntax

270

'^

a)

Syntaktische Freiheiten und Spielräume (Wort-

stellung)

270

b) Syntaktische Neuschöpfungen künstlerischer u.

 

literarischer Art

277

c) Syntax der Formwörter (Artikel, Pronomen,

 

Präpositionen und Konjunktionen)

280

1. Der Artikel

280

2. Das Pronomen

283

3. Die Konjunktion

291

d)

Syntax des Zeitworts

295

1. Wandlungen der Konstruktion und der Be-

deutung

295

2. Akkord zwischen Subjekt und Verbum . 301

 

3. Freie u. absolute Konstruktionen des In-

finitivs u. der Partizipien

304

4.

Der Tempusgebrauch

309

\

5. Der Modusgebrauch

317

V

e)

Die Negation

321

'

IX. Schriftbild und Lautbild

327

X. Lautwandel und Sprechweise

331

a)

Der Konsonantismus

333

b)

Der Vokahsmus

338

XI. Die Überwindung der mundartlichen Aussprache

344

XII. Reinigung des Flexionssystemes

358

XIII. Der gute Geschmack

361

a)

Rationalismus und Vernunftinstinkt

361

b) Psychologische Klärung und ästhetische Ver-

A. Der doppelte Charakter der Schriftsprache.

Lange bevor die Schrift ein Mittel der Verständigung zwischen entfernten Personen wurde und dem Austausch

der Gedanken diente, ist sie als eine bildartige, rein monu-

mentale Darstellung des sprachlichen Gedankens sozusagen

Die ältesten Aufzeichnungen der

Selbstzweck gewesen.

antiken Sprachen sind hieroglyphisch, d. h. für die Gott-

heit, für die Ewigkeit und nur in zweiter Linie für die

Die ersten

Menschheit und für das Zeitliche bestimmt.

Motive der Schrift sind metaphysisch, die ersten Schrift-

werke sind Denkmäler, Monumenta, keine Documenta.

Das Monument ist um seiner selbst willen da, ist Dokument

seiner selbst; will nicht benützt, sondern verehrt, ange-

betet, angeschaut werden. Wenn es einen Zweck hat, so

ist es nur der theoretische der Anschauung.

Dieses erste, religiöse Stadium ist aber keineswegs

der Ausgangspunkt des modernen Schrifttums. Wenn man

die ältesten Aufzeichnungen französischer, italienischer,

spanischer, deutscher usw. Sprache betrachtet, so stellt

sich heraus, daß sie keinerlei monumentalen, sondern einen

ausgesprochen dokumentarischen Charakter tragen.

Da

sind die Glossen, deren Motiv der Schulunterricht war,

die Straßburger Eide, die itahenischen Zeugenaussagen, die spanischen Notariatsakten und dergl., die alle dem Zweck

der Verständigung in Rechtssachen dienten. Auch dort,

wo es sich um Darstellung rehgiöser oder gar künstlerischer Inhalte handelt, wie in der Eulalia oder in der Passion

Christi, hat man es zunächst mit Umsetzung und Über- setzung zu tun, wobei der Zweck der Belehrung und Seel-

2

Der doppelte Charakter der Schriftsprache.

sorge ausschlaggebend ist. Ein bereits vorhandener und in der lateinischen Literatur gegebener Sinn soll durch Um- setzung in die Volkssprache verständlich gemacht, d. h.

In den geselligen Einrichtungen der

vulgarisiert werden.

Kirche, des Gerichtssaales und der Schule ist die Wiege

des modernen Schrifttums zu suchen. Also kein primärer

und religiöser, sondern ein sekundärer, praktischer, be-

Die

scheidener, unscheinbarer, unselbständiger Anfang.

wahre, hohe, monumentale und universale Schriftsprache

ist während des ganzen Mittelalters das Latein.

Von den

Abfällen des lateinischen Schrifttums lebt das vulgäre.

Was der Kleriker für dienlich hält, das setzt er in die vul-

gäre Schriftsprache um.

Da jede derartige Umsetzung in gewissem Sinne eine

Erklärung, Auflösung oder Analyse des gegebenen Gedan-

keninhaltes bedeutet, so dürfte der oft beobachtete ,, analy- tische" Charakter der modernen Schriftsprachen mit dem

sekundären, dokumentarischen und vulgären Ursprung

derselben einigermaßen zusammenhängen.

In der Tat, solange das vulgäre Schrifttum nichts wesentlich anderes ist als ein Notbehelf und Ersatz für

das Lateinische, hat es noch keinen eigenen Gehalt, noch

keinen Sinn und Charakter. Es bleibt eine schriftlich fixierte

mundartliche Variante zum Latein, eine Art Interlinear- version, eine besser analysierte, d. h. leichter verständ-

liche Kombination von Zeichen. Als solche haben wir es

in den Glossaren des 8. und 9.

Jahrhunderts.

Allein, das Vulgare ist nicht nur der Dolmetsch des

Latein, sondern auch eine Sache für sich. Es ist, zunächst

als gesprochene und noch nicht geschriebene Sprache,

der Ausdruck eines lebendigen Volksstammes. Es hat seine

Dichtung, seine Sagen, seine Lieder, kurz seine natürliche Kunst, von der es nicht zu trennen ist. Es hat neben der

sekundären, praktischen und allgemeinen Aufgabe bereits

vorhandene, gegebene Inhalte in Umlauf zu bringen, zu

analysieren, flüssig zu machen und mitzuteilen, eine eigene.

Überblick über die französische Sprachentwicklung.

3

primäre und besondere Bestimmung: nämlich Kunst,

Monument und unveräußerliche Eigenart seines Volkes zu

sein.

Den Namen einer nationalen Schriftsprache verdient nur

diejenige, die in gleicher Weise beiden Bestimmungen ge-

recht wird und in straffer Einheit das praktische Ideal der Verständlichkeit oder Mitteilsamkeit mit dem theoretischen der monumentalen Eigenartigkeit vereinigt. Versuchen wir, in kurzen Strichen den Weg, auf dem die französische

Schriftsprache dieses Ziel erreicht hat, zu verfolgen.

B. Überblick über die französische Sprach-

entwicklung.

Höchst auffallend und für die französische Geistesart

bezeichnend ist der regelmäßige, fast haarscharfe Parallelis-

mus zwischen der politischen, literarischen und sprachlichen

Entwicklung des Landes.

Das 9., 10. und teilweise noch das 11. Jahrhundert, in

der Politik die Zeit der Zerbröckelung des fränkischen

Reiches und der Entstehung partikularistischer und indi- vidualistischer Mächte, die Zeit der Vermischung keltischer

Traditionen und römischer Gesetze und Sitten mit fränki- schen Gebräuchen und Gewalten^, darf in der Sprachge-

schichte ungefähr als diejenige Periode gelten, in der aus der

gallo-romanischen Spracheinheit, vielleicht unter dem Druck

germanischer Einflüsse, die nordfranzösischen Sonder- dialekte hervorgehen.

Das Ende des 11. Jahrhunderts, das 12. und die erste

Hälfte des 13. haben in der Politik die Ausbildung und

Festigung des Feudalsystems mit dem Königtum an der

Blüte der

nationalen und weiterhin der höfischen Dichtung gebracht

^ Vgl. Jacques Flach, Les Origines de Tancienne France, ins-

Spitze gezeitigt, haben in der Literatur die

4

Das Altfranzösische.

und haben in der Sprachgeschichte den Ringkampf der

einzelnen Dialekte untereinander im Sinne des literarischen Primates der franzischen Mundart, der Mundart des könig- lichen Stammlandes entschieden. Der mittelfranzösische Zeitraum (ca. 12701498) be-

deutet die Auflösung des feudalistischen Systemes, die

Gefährdung der nationalen Einheit, die Verschärfung der

ständischen Gegensätze, die Vorbereitung des Absolutis-

mus. Dementsprechend Zerfall der Dichtung in Künstelei

und Naturalismus und völlige Desorganisation der Schrift-

sprache.

Nach den stürmischen Zeiten der Reformation und

der Renaissance haben wir schließlich seit der Mitte des

17. Jahrhunderts wiederum ein Zeitalter, wo der klassi-

schen Ordnung des Absolutismus eine klassisch geregelte

Dichtung und eine akademisch gefestigte Schriftsprache

zur Seite stehen.

Ob auch weiterhin dieser dreifache, politisch-literarisch-

linguistische Parallelismus sich bestätigt, wage ich nicht zu

entscheiden. Treten doch selbst in den eben überblickten

Zeiträumen die Abweichungen und Unstimmigkeiten, je

näher man zusieht, desto deutlicher zutage.

Die allgemeine Tatsache aber, nämlich daß die Ge-

schicke der französischen Sprache während eines Zeit-

raumes von beinahe tausend Jahren in entscheidender Weise

und politische

durch praktische,

insbesondere

soziale

Faktoren bestimmt werden, dürfte auch einer näheren

Prüfung standhalten.

C. Das Altfranzösische.

I. Die Dialekte.

Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, wie die sprach- liche Gliederung Frankreichs in verschiedene Dialekte zustande kam. Wahrscheinlich wird es der Forschung nie-

Die Dialekte.

5

mals gelingen, von diesen vorliterarischen Vorgängen,

die man sich kaum verwickelt genug denken kann, ein

sachgemäßes Bild zu gewinnen^. Die Dialekte sind für uns der gegebene Stoff, aus dem, etwa in der Zeit von 1050

bis 1250, die nordfranzösische Schriftsprache sich heraus-

bildet. Den Grundstock hat offenbar die Mundart von

Ile-de-France geliefert. Doch haben in weitem Umkreis

fast sämtliche benachbarten Dialektgruppen an der Ge-

Ja, einige von

staltung der Schriftsprache mitgearbeitet.

ihnen haben so starke Anläufe zur Erzeugung eines eigenen Schrifttums gemacht, daß man sich die Entstehung der

nordfranzösischen Koine beinahe als eine Art Ringkampf

oder Wettlauf um den Preis der literarischen Herrschaft

veranschaulichen darf.

a) Das Normannische.

Der mächtigste Konkurrent des Franzischen und zu-

gleich ein ergiebiger Mitarbeiter an der Koine ist die nor-

mannische Dialektgruppe gewesen. Lange vor dem

Franzischen hat sie ihre eigene Schriftsprache und Literatur

erzeugt.

Schon 24 Jahre vor der Eroberung Englands

(1042) ist sie über den Kanal gedrungen; bis zum Regierungs-

antritt Heinrichs IIL (1216) hat sie ziemlich rein am eng-

lischen Hofe geherrscht. Erst in der Folgezeit hat sie mit

andern Dialekten sich untermischt, und aus dem Anglo- normannischen ist das Anglofranzösische und schließlich

ein völliges Durcheinander entstanden^.

So staunenswert rasch wie mit der Blüte ist es mit dem

Verfall der normannischen Kultur gegangen. Ein zusam-

mengewürfeltes Volk von Seeräubern, Sachsen, Dänen,

^ Vgl. H. Morf im Bulletin de dialectologie romane L, sowie:

„Zur sprachl. GHederung Frankreichs" in den Abhandlungen der

K. Preuß. Akad. d. Wiss., Berlin 1911. Über die franz. Dialektoim allgemeinen, D. Behrens, Bibliographie des patois gallo-romans, 2. Aufl., Berlin 1893.

2 Vgl. L. E. Menger, The anglonorman Dialect, New York

1904.

6

Das Altfranzösische.

Norwegern, suchten sie seit dem 4. bis zum 11. Jahrhundert

die Nordküste Frankreichs heim. Wie sie das Meer ver- ließen und, den Flußläufen folgend, in das Innere des

Landes kamen, begegneten sie einer völlig neuen Welt.

Die Flüsse sind tief eingeschnitten, von der Hochebene

durch schroffe Abhänge getrennt.

dem Wasser abgewandt und streng konservativ, eine Acker-

Oben aber wohnte,

bau treibende romanische Bevölkerung^.

So geschah es,

daß die Eindringlinge, sofern sie nicht am Strand und auf

den Inseln blieben, ihre heimische Sprache, Religion und alle Überlieferungen verloren. Davon geben die Orts-

namen der Normandie, die dem Meere zu germanisch, dem

Lande zu romanisch sind, noch heute ein anschauliches

Bild. Die Normandie bildete unter dem Episkopat von

Ronen eine alte kirchliche Einheit, die sich fast haarscharf

mit dem zweiten Verwaltungsbezirk der einstigen römischen

Provinz von Lyon deckte^. Dazu kommt, daß von Ronen

eine Römerstraße nach Chartres und Orleans führte, eine

Straße, auf der vom Süden her, aus dem Becken der Loire,

der romanische Einfluß unmittelbar und mächtig herein-

fluten konnte.

Was Wunder, daß die nordischen See-

fahrer, sobald sie sich auf dem Hochland ansiedelten und

mit einheimischen Frauen sich vermählten, in der zweiten

und dritten Generation schon Christen und Franzosen wur-

den und dem romanischen Wesen viel rascher und gründ-

licher erlagen als die Franken, denen im Seine-Becken

eine weniger geschlossene geographische und administra- tive Einheit entgegenstand. Darum ergriffen sie auch an

der römischen Gedankenwelt am lebhaftesten und feurig-

sten die universalistische, kosmopolitische, katholische

1 Vgl. P. Vidal de la Blache, Tableau de la g^ogr. de la France,

Band I,

1 der Histoire de Fr. von E. Lavisse, Paris 1903, S. 176.

2 Vgl. Desnoyers, Topographie eccl^s. d. la France im An-

nuaire de la soc. de l'hist. de France, Paris 1853, 17. Bd., S. 153 u. Aug. Longnon, Atlas historique d. 1. France, Paris 1895, PI. II

Die Dialekte.

7

Seite und stellten ihren unruhigen, kriegerischen Trieb

in den Dienst des Papsttums. Von allem nationalen Boden

abgelöst, wurden sie die ersten fahrenden Ritter der christ-

lichen Weltreligion. Ihre Eroberungszüge nach Süditalien

sowohl wie nach England wurden im Dienste des Christen-

tums unternommen und dürfen als die ersten Kreuzzüge

gelten^. Ihre Literatur ist zunächst lateinisch und bleibt,

auch nachdem der romanische Landesdialekt, das Nor-

mannische, zur Würde des Schrifttums erhoben wird,

noch ganz und gar im Banne kirchlicher Gelehrtheit und

Lehrhaftigkeit. Heiligenleben, Tierbücher, Kalender, Chro- niken und rechtswissenschaftliche Traktate werden in

nüchterne, praktische Formen, die an den Stil des Memo-

rierverses erinnern, zusammengereimt^. Wahre Dichtung

gedeiht höchstens an einem religiösen Gegenstand, wie es

Fast alles aber, was

das Leben des heihgen Alexius ist.

sonst noch die normannische und anglonormannische

Literatur an phantastischen und dichterischen Stoffen

^ Vgl. B. ten Brink, Gesch. d. englischen Literatur, Berhn

1877, I, S. 149ff.

2 „II est probable qu'avant meme la conquete de l'Angle-

terre ils avaient commencö ä se raconter leur histoire en vers:

cette forme leur plaisait, parce qu'elle aidait la memoire, mais il

n'y attachaient nullement l'id^e d'un style oud'unsujetpoetique;

il est certes caract^ristique pour leur esprit de trouver, plus tard

il est vrai, au XIIP siecle, parmi les monuments les plus impor-

tants de la litt^rature normande, une double traduction en vers,

l'une de la Coutume de Normandie, l'autre des Institutes de Justi- nien. Voilä bien la po^sie du »pays de sapience!« II faut noter ce caractere positif et quelque peu sec qui se mele ä toutes les pro-

ductions litt6raires des Normands, comme la tendance pratique la plus nette se mele aux exp^ditions les plus hardies de ces »cou-

reurs heroiques d'aventures profitables« (Taine). Nous verrons leur

litterature, implant6e en Angleterre, y manifester ce caractere didactique qui s'y marque dös l'origine, et qui ne contribue pas ä la rendre attrayante pour la post^rit^. Nous y retrouverons

aussi la d^votion dont nous avons parl6." G. Paris, L'esprit nor-

mand en Angleterre, in La po^sie du moyen äge II, Paris 1895,

8

Das Altfranzösische.

es

lateinische, sei es keltische, provenzalische oder ostfran-

zösische Anleihe^. Kurzum, es fehlt der volkstümliche Trieb, es ist kein eigener dichterischer Erdboden da, auf

dem ein künstlerisches Sprachdenkmal sich hätte erheben und ein monumentaler Charakter der Schriftsprache sich

hätte ausbilden können. Die feinsten Werke dieser Litera-

tur sind gar nicht in der Normandie, sondern in England

gearbeitet worden und haben lediglich in den höchsten

Gesellschaftsschichten, am Hof der Könige, Aufmerksam-

keit gefunden.

Immerhin war die politische Union zwischen England

und der Normandie (10661204) ein so mächtiger Faktor, daß die Schriftsprache des Doppelreiches sich in der Ver-

waltung, in der Rechtsprechung, im englischen Parlament bis in das 15. Jahrhundert hat behaupten können^.

und Motiven aufzuweisen hat, ist fremdes

Gut,

sei

Freilich hat sie dieses papierene Leben im Zustande

der größten grammatischen Unordnung und Willkür

fristen müssen. Auch zu dieser Seite des Verfalles liegen

die Keime weit zurück. Schon in den ältesten anglonor-

mannischen Texten hat man, zunächst im Reim, die Zer-

rüttung des Zweikasussystemes konstatiert^, die Ver- mischung der Adjektiva einer Endung mit denjenigen

zweier Endungen, ferner eine Reihe metrischer Nachlässig-

keiten, die zum Teil auf der im Westen schon frühe be-

ginnenden Verstummung des tonlosen e beruhen dürften.

Es scheint, daß der für die mittelfranzösische Periode

charakteristische Verfall der alten flexivischen Ordnungen

zum großen Teil im Anglonormannischen begonnen hat.

^ Wenn die Ghangun de Guillelme wirklich in der Normandie

entstanden ist, so weist sie doch, wie Suchier gezeigt hat, nach der

östlichen Grenze dieses Dialektes.

2 Näheres bei Behrens in Pauls Grundriß der german. Philol.

I, S. 806.

3 Vgl. Vising, Etüde s. 1. dial. anglo-norm. du XII s. Upsala

Die Dialekte.

9

Daran mag zum Teil die mangelhafte Sprachkenntnis

I der in England lebenden Schriftsteller schuld sein; zum

andern Teile aber handelt es sich wohl um eine den west- lichen und südwestlichen Dialekten Frankreichs eigene

flexivische Unsicherheit. Im Nordosten hat sich das Zwei-

kasussystem zu einer Zeit, da es im Westen und Südwesten

schon lange zerfallen war, noch ziemlich reinlich erhalten.

Andererseits erweist sich der Westen in lautgeschichtlicher

Hinsicht wesentlich konservativer als der Osten und die

Insbesondere sind es die velar gefärbten

Ile-de-France.

Diphtonge (oi, ou, ue, und ai), vor denen das Normannische

sich hütet, während der Osten sie bevorzugt. Es liegt nahe, sich angesichts dieser Erscheinungen

eine Frage vorzulegen, die eine eingehendere Untersuchung

sehr wohl verdiente. Im Osten, d. h. in Lothringen, Cham-

\ pagne, Pikardie und Burgund ist der Landbewohner wesent-

lich villageois\ im Westen und Südwesten ist er wesentlich

paysan^ d. h. er lebt nicht in Dörfern und Städten (village

und bourg), sondern zerstreut in Farmen und Höfen (fermes

und hameaux).

auch an bedeutenden Städten. Die Menschen wohnen hier,

Dementsprechend fehlt es dem Westen

auch bei zahlreicher Bevölkerung, vereinzelt.

Sie sehen

und sprechen sich meist nur an besonderen und seltenen Tagen, in der Kirche oder auf dem Markt. Bei der Volks-

zählung des Jahres 1891 hat man das Verhältnis der Be-

völkerungsverteilung in Frankreich statistisch aufgenommen^. Das Bild, das sich dabei ergeben hat, dürfte im wesentlichen

auch für die Vergangenheit gelten. Denn bekanntlich hängt

die Dichtigkeit resp. Zerstreutheit der Siedelung in erster

Linie von den Wasserverhältnissen ab.

Dort, wo man,

um auf Trinkwasser zu kommen, tiefe Brunnen zu graben

hat, pflegt Agglomeration zu entstehen.

Dort, wo das

Wasser leicht zu haben ist, empfiehlt sich zerstreute Sie-

^ Vgl. Vidal de la Blache, a. a. 0., S. 312, sowie die Einlei-

tung von E. Reclus zu Joanne, Dictionnaire g^ogr. et administratif

de la France, Paris 1905, S. LlXff.

10

Das Altfranzösische.

delung. Je öfter nun die Menschen zum sprachlichen

Austausch in große Gruppen zusammengeführt werden,

desto besser, sollte man denken, wird das, was wir den

praktischen und dokumentarischen Charakter der Sprache

genannt haben, sich festigen. Da nun der ganze Westen mit seinem südwestlichen Hinterland dieses Vorteiles be- raubt war, so versteht man wohl, daß das Normannische,

das durch politische Verhältnisse im 11., 12. und 13. Jahr-

hundert eher nach Anjou,