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Archäologische Staatssammlung München IM LICHT DES SÜDENS BEGEGNUNGEN ANTIKER KULTUREN ZWISCHEN MITTELMEER UND
Archäologische Staatssammlung München IM LICHT DES SÜDENS BEGEGNUNGEN ANTIKER KULTUREN ZWISCHEN MITTELMEER UND
Archäologische Staatssammlung München IM LICHT DES SÜDENS BEGEGNUNGEN ANTIKER KULTUREN ZWISCHEN MITTELMEER UND

Archäologische Staatssammlung München

IM LICHT DES SÜDENS

BEGEGNUNGEN ANTIKER KULTUREN ZWISCHEN MITTELMEER UND ZENTRALEUROPA

Herausgegeben von Rupert Gebhard, Franco Marzatico und Paul Gleirscher

MITTELMEER UND ZENTRALEUROPA Herausgegeben von Rupert Gebhard, Franco Marzatico und Paul Gleirscher Kunstverlag Josef Fink
MITTELMEER UND ZENTRALEUROPA Herausgegeben von Rupert Gebhard, Franco Marzatico und Paul Gleirscher Kunstverlag Josef Fink

Kunstverlag Josef Fink

Die Griechen an der Oberen Adria Andrea Gaucci Der älteste Name, den die Griechen der

Die Griechen an der Oberen Adria

Andrea Gaucci

Der älteste Name, den die Griechen der Adria gaben, I/ouios k/olpos (Ionios Kolpos, Golf der Ionier), ist vielleicht den Euböern zu verdanken, deren Erkundungsfahrten in diesem Meer im Laufe des 8. Jahrhunderts v. Chr. anhand antiker Quellen rekonstruiert werden können. Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. war die Wiedererschließung der Route entlang der Ostküste, die bereits in mykenischer Zeit genutzt worden war (11.–10. Jahr- hundert v. Chr.), ein Verdienst der Bewohner von Pho- käa, wenn die Behauptung von Herodot (Historíai I, 163) zutrifft, demzufolge sie die ersten waren, die Adr…as (Adrías) entdeckt hatten. Für die Griechen war der Name Adr…as bereits seit archaischen Zeiten gleichbedeutend mit dem Meeresabschnitt von der Mündung des Po bis nach Istrien, wie Hekataios aus Milet bezeugt (nach: Stephanus v. Byzanz VII, 5,9 s. v. Adria), der auch die wichtigste Stadt nennt, Adria (Abb. 1), und den gleichnamigen Fluss, nach dem das Meer benannt wurde. Vor - rangiges Interesse der griechischen Seefahrer

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unterschiedlicher Herkunft, unter denen vielleicht die Korinther eigens erwähnt werden sollten, galt den Rohstoffen Bernstein, Zinn und Silber, die über transalpine Handelsrouten zum Flusshafen von Adria gelangten. Mit den Schiffen kamen nicht nur Waren für die Bewohner der Gegend, was durch eine geringe Zahl von Fragmenten korinthischer und griechisch-orientalischer Keramik belegt ist, sondern auch Heldenmythen und -verehrung, die örtliche Wurzeln geschlagen haben, heimisch geworden sind, wie der Kult des besonders erfolg- reichen Diomedes. Die Ortschaft Adria hat einige der ältesten Frag- mente griechischer Keramik des gesamten Gebietes bewahrt, die in das frühe 6. Jahrhundert v. Chr. da- tieren. Zu jener Zeit war dieser Ort ein Handelsplatz ohne eine besondere ethnische Prägung, d. h. ein Freihafen, der von Griechen, Etruskern und Venetern angesteuert wurde, in Analogie zum nahen Seehafen von S. Basilio di Ariano Polesine. Ende des 6. Jahr- hunderts erfuhr der alte Handelsplatz Adria eine städtebauliche Neuordnung, die mit der Hegemonie der etruskischen Bewohner zusammenhing. Einen gesicherten Beitrag zu diesem Wandel leisteten die in der Stadt lebenden Aegineten, wie die griechi- schen Inschriften belegen, von denen zwei Apollo und Iris gewidmet sind. Das ist die Polis, die Heka- taios kannte. Einige Wissenschaftler sind jedoch der Ansicht, der Hinweis Strabons zur Entsendung von Siedlern aus Aegina zu den Umbrern (Geographia VIII, 6,16) sei nicht mit Sicherheit auf Adria zu be- ziehen. Das Interesse der Griechen an diesen Märkten be- günstigte auch das Entstehen von Häfen im Gebiet von Venetien, darunter den Altino. Von diesen An- legestellen in der Lagune gelangten die importierten Erzeugnisse, darunter attische Vasen, auf dem Flussweg in die Zentren im Hinterland, wie z. B. nach Padua und Este. Das Wirtschaftssystem, das die Griechen im Gebiet der Oberen Adria einrichteten, zog eine schnelle Reaktion der Etrusker im Gebiet der Poebene nach sich, die in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. Spina gründeten. Diese Stadt, die von den Schriftstellern der Antike als griechisch definiert wurde p/olis ʿEllen…s, entwickelte sich zum Hafen des padanischen Etrurien und im Laufe des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. zum wichtigsten Partner

Attisch-schwarzfigurige Kanne mit Bankettszene. 490–480 v. Chr.

Abb. 1. Griechische Siedlungen an der Oberen Adria im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr.; Lacus Timavi, ein bedeutender römischer Hafen.

Abb. 2. Spina (Emilia-Romagna). Zwei weißgrundige lekythoi. Sie dienten zur Aufbewahrung von Olivenöl, wurden aber auch als Zierelemente bei Grabbauten verwendet.

Athens an der Adria. Hier kamen Waren wie Öl und insbesondere Wein an (Abb. 2), erlesene schwarz - figurige Vasen und auch insularer Marmor, Gegen- stände, die dann entlang der Flusswege in Städten des padanischen Etrurien und auf den transalpinen Märkten gehandelt wurden; hier brachen die Athener mit ihren sitopomp…ai (sitopompiai = Schiffe mit Anhänger), beladen mit toskanischen Metall- erzeugnissen und Waren (vor allem Getreide, aber auch Salz, Vieh und Sklaven), aus der Poebene auf. Die Sicherheit der Schifffahrtsrouten gegen Piraten- übergriffe der Illyrer gewährleisteten etruskische Schiffe. Die Rolle des Vermittlers, die der Handels- platz Spina bekleidete, wurde durch die in der Stadt lebenden Griechen verstärkt, insbesondere durch Athener (wie Inschriften und einige Grabstätten nach griechischem Ritual belegen), die vermutlich gut in das städtische Leben integriert waren, wie dies durch die eindrucksvolle Widmung einer Votiv- gabe aus Spina im panhellenischen Heiligtum von Delphi bezeugt ist. Die bevorzugte Beziehung des padanischen Etrurien mit Athen führte zur Aneig- nung religiöser und kultureller Ideologien, wie sie der griechischen Welt eigen waren. Dies ist deutlich an der Auswahl der Darstellungen auf attischen Vasen zu erkennen, aber auch an der lokalen Ver- breitung des Athener Mythos des Daidalos, dem zivilisatorischen Helden und Meister der Hydraulik, dem man zutraute, die Gewässer im Podelta zu bändigen.

Abb. 1
Abb. 1

In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. führ- ten die Absichten der Syrakusaner in der Adria, so die Quellen, zum Entstehen einer Siedlung namens Adria und zu einer Wiederbelebung des Heldenkults des Diomedes. Unterdessen bewirkte der Einfall der Gallier, dass das territoriale etruskisch-padanische System aus den Angeln gehoben wurde, dass sich die Etrusker in den Lagunen an der Küste in Sicher- heit brachten und mit Hilfe der Piraterie versuchten, den Zerfall ihres Handelssystems zu überstehen. Diese Vorfälle führten jedoch zumindest im ganzen 4. Jahrhundert v. Chr. nicht zu einer völligen Aus- löschung der Athener Interessen in der Oberen Adria, wie Funde belegen, da ein Großteil der atti- schen Keramik in Altino und Spina genau aus dieser Zeit datiert und noch aus den Jahren 325/324 v. Chr. ein Athener Dekret bekannt ist, das die Gründung einer Siedlung an diesem Meer vorsieht, um den etruskischen Piraten Kontra zu bieten.

Literatur: Antonetti 2005 – Bonomi 2003 – Braccesi 1977 – Braccesi 2001 – Colonna 1993 – Colonna 2003 – Sassatelli

2010.

Abb. 2
Abb. 2