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DIE DRITTE

IMPERIALE

FIGUR

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WIDERSTANDS-VERLAG

BERLIN

Vorrede

Die »imperialen Figuren« decken sich nicht mit sterblichen Men- schen aus Fleisch und Blut; Menschen aus Fleisch und Blut sind nur ihre vergänglichen Werkzeuge und Organe. Man könnte an algebraische Zeichen denken: diese Zeichen stehen an der Stelle einer Fülle und Vielgestalt von Tatsachen, Geschehnissen, Ereig- nissen, Handlungen, Durchgängigkeiten, geschichtlichen Wir- kungen und Wirklichkeiten. »Imperial« sind die Figuren, weil sie Verhaltungsweisen, Organisationsformen und Organisations- methoden, Erfahrungen der Menschenbehandlung und Techniken der Herrschaft, die sich zuerst unter besonderen geschichtlichen Umständen ausgebildet, sich dann später in Jahrhunderten er- probt haben, über weite Räume und zahllose Alenschen hinweg zur Geltung bringen. Die imperiale Figur ist der Inbegriff oder, wenn man will, eben das algebraische Zeichen für diese unge- heuren und nie abreißenden Wirkungen. Das Bewußtsein dessen, daß hier nur der Versuch einer Art politischer Algebra vorliegt, wurde keinen Augenblick aus dem Auge verloren; auch der Leser soll nicht vergessen, daß ihm allein Zeichen begegnen, die auf verwirrende und verwickelte Wirklichkeitszusamnienhänge hindeuten. Obschon vom »ewigen Römer« und vom »ewigen Juden« die Rede ist, handelt es sich weder um ein antirömisches noch um ein antisemitisches Buch. Die geschichtlichen Spuren des römischen und jüdischen Wesens werden verfolgt und analysiert, nicht aber »bekämpft«; was hinter uns liegt, ist vorbei und ist unempfindlich für die Entrüstung derer, die ihre Zukunft verscherzt glauben, weil sie mit dieser Vergangenheit behaftet sind. Es müßte die Würde der dritten imperialen Figur verletzen, die imperialen »Erzieher«, mit denen man bisher den gleichen geschichtlichen Raum teilte, in dem Augenblick mit Fußtritten zu traktieren, in welchem die Fügung des Schicksals erlaubt, sie zu verlassen. Sieht man im übrigen denn nicht, daß sich dort, wo der Anti- semitismus herrscht, noch immer alle Dinge um den Juden drehen und dass man dem Römer verfallen bleibt, solange man

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vom antirömischen Affekt nicht loskommt? Man befreit sich nicht von einem Gegenstand, wenn man sich von nun an bloß »mit umgekehrtem Vorzeichen« zu ihm verhält. Die dritte im- periale Figur achtet auf ihre Souveränität: sie ist nicht »anti« — weder antisemitisch, noch antirömisch. Die dritte imperiale Figur taucht nicht plötzlich, von heute auf morgen in ihrer Vollendung auf. Sie kündigt sich in vielerlei oft unverstandenen, zuweilen mißverstandenen Vorzeichen an. Ihre Bauelemente sind in einer Umwelt verstreut, die noch nicht die ihrige ist; sie gewinnen darin Boden, formen sich zu- recht, reifen darin aus. Sie sind Einsprengsel, deren wahres Sein lange nicht begriffen wird, die Fehldeutungen zum Opfer fallen, die zeitweise sogar den schwersten Irrtümern über sich selbst Raum geben. Schließlich kommt allerdings die Stunde, die das rechte Licht auf sie wirft, in der sie im Gesamtrahmen des Daseins auf den Platz gestellt werden, der ihnen gebührt und in der sie den Rang einnehmen, der ihnen zukommt. Dann wird plötzlich offen- bar, daß hinter abgegriffenen Schlagworten, aufreizenden Kampf- parolen, herausfordernden Begriffen und verdächtigen Ideen der Grund der Dinge selbst sich seinen Weg bahnte und daß jene Schlagworte, Parolen, Begriffe und Ideen allesamt nur das Gerüst bildeten, hinter denen er fast unbemerkt die Mauern eines neuen Ordnungssystems aufrichtete. In diesem so gearteten Verständnis der dritten imperialen Figur wird keine Rache befriedigt. Möglicherweise läßt sich dahinter das Bemühen aufspüren, innerhalb der heraufziehenden Auseinan- dersetzung zwischen den drei imperialen Figuren um die Herr- schaft über die Welt in der »richtigen« Front seinen Mann zu stehen.

Berlin, den 7. November 1934. Ernst Niekisch.

DIE EWIG ALTEN

Ewiger Römer und ewiger Jude

I.

Es gibt einige geschichtliche Menschentypen von universaler Reichweite; sie sind politische Figuren, deren Spielfeld weit über die Grenzen räumlich und zeitlich beschränkter Staaten hin- ausgreift; sie sind die eigentlich »überstaatlichen« Gestalten. Ihr Ordnungsbild umschlingt den Erdball, ihr Ordnungswille rechnet mit der ganzen Menschheit. Sie fühlen sich einem Auftrag verpflich- tet, der ihnen gebietet: »Gehet hin in alle Welt.« Sie wollen nicht ein Volk, sie wollen sämtliche Völker in eine Form bringen:

sie sind im umfassendsten Sinne »international«. Ihr Blick über- spannt die ausgedehntesten Horizonte; Völker und Staaten sind innerhalb ihres Gesichtskreises nur »provinziell«. Indem sie ein Reich für alle Völker errichten, stiften sie den »Frieden auf Erden«. Ihr Reich ist ein Weltreich; ihre Herrschaft ist Welt- herrschaft. Sie sind in höchster Steigerung »imperial«. Sie sind »mythische Figuren« insofern, als ihre jeweilige menschliche Ver- körperung immer nur als unvollkommenes Bruchstück erscheint, mit dem sie aus einem unendlichen Bereich in die irdische Wirk- samkeit hineinragen. Sie decken sich nie mit der greifbaren menschlichen Existenz, in die sie eingehen; sie sind mehr als diese; sie deuten auf die Hintergründe, Reserven und Maße, für die der größte Mensch noch zu klein und zu eng ist. In der »imperialen Figur« wird der Weltordnungs- und Weltherrschaftswille rein erfaßt, der in ihrer sinnlich-menschlichen Verleiblichung sich ge- brochen, vielfach abgelenkt, überlagert und verschüttet darstellt. Wie ihr Raum die ganze Erde ist, so erstreckt sich ihre Zeit über Jahrtausende; es liegt ein Schimmer der Unendlichkeit wie der Ewigkeit über ihr. Der »ewige Römer« und der »ewige Jude« sind zwei imperiale Figuren, die mit ganz langem Atem und un- ermesslicher Schrittweite unsern Geschichtsraum durchschreiten.

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2.

Die Geburt des »ewigen« Römers vollzog sich im Lichte der Ge- schichte. Rom wuchs im Mittelpunkt der Mittelmeerwelt empor, des Erdkreises, den der »zivilisierte« weiße Mann zu jener Zeit kannte und übersah. Seine Lage schenkte Rom die Aussicht, führende und wirkliche Mitte zu werden. Die Lage selbst erteilte der Stadt gewissermaßen den Auftrag, aus einem lokalen und provinziellen ein weltgültiges Gebilde zu werden. Man kann Schritt für Schritt beobachten, wie diese Umwandlung, diese Auf- steigerung, geschah. Scipio Africanus war der Mann, der im Gegensatz zu Cato und der »kirchturmhorizontig« denkenden bäuerlichen Aristokratie des Senats den imperialen Umbruch und Durchbruch bewirkte. Karthago war der einzige ebenbürtige Nebenbuhler Roms; die Entscheidung schwebte auf des Messers Schneide, als »Hannibal vor den Toren« stand. Kein Römer sonst begriff so tief wie Scipio Africanus, um welchen Einsatz zwischen Rom und Karthago gespielt wurde. Während Rom von den Schrecken über den punischen Einfall in Italien gepeinigt wurde, überdachte Scipio den Plan, die römische Herrschaft über das westliche Mittelmeerbecken zu errichten. Mit unvergleichlicher Kühnheit erstrebte er zehn Jahre später die Unterwerfung des öst- lichen Mittelmeerbereiches. Nie hatte der aristokratische Senat die Weltherrschaft über Europa, Asien und Afrika begehrt. Scipio zwang ihn, den Umkreis der Selbstgenügsamkeit zu verlassen und die Bahn der großen Geschichte zu betreten. Der Senat folgte nur widerwillig und widerstrebend; Cato verteidigte die über- lieferte Selbstbeschränkung der guten alten Zeit gegenüber dem gefährlichen Verführer zum imperialen Abenteuer. Scipio Afri- canus erfuhr, daß kein politischer Führer populär sein kann, der sein Volk der Unruhe, Unsicherheit und den Wagnissen eines großen geschichtlichen Daseins ausliefert. Sein Ende war, wie das Ende Bismarcks, in die Atmosphäre düsterster, gramvollster Ver- bitterung getaucht.

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Wer die Welt beherrschen will, kann nicht in der Bindung einer »Scholle« ruhen. Der Imperator muß über allen Dingen, über die er gebietet, muß auch über dem Acker stehen, der die Frucht schenkt; er kann nicht, indem er dort verwurzelt ist, an einem Orte haften; er muß beweglich sein, um nach sachlicher Not- wendigkeit überall und allerorts zugreifen und eingreifen zu kön- nen. Ein Volk, das in jene Höhe steigen will, in der ein Imperium reift, muß die schwere, in der »Tiefe« haltende Erde von seinen Füßen streifen. Auf dem Lande lebt man noch unterhalb der Poli- tik, ein Imperium aber ist die vollendetste Schöpfung eines leiden- schaftlich politischen Willens. Ein Volk muß den Bauern in sich überwinden, bevor es Herr der Welt zu werden vermag. Zentrum des »Weltkreises« können nur Orte oder Landschaften sein, die »entländlicht«, »entbauert« sind, in denen alle Fäden zusammen- laufen, von denen alle Energieströme ausstrahlen. Das Imperium verbraucht Volkstum; es mischt alle mit allen — von Ost und West, von Süd und Nord. Jedes ursprüngliche Volk, das in das Kraftfeld des Imperiums gerät, wird verzehrt, eingeschmolzen, zu Asche ausgebrannt. Das Ende ist die eine unterschiedslose, ein- geebnete Masse. Völker verschwinden, wo Imperien emporkom- men. Das römische Weltreich verschlang zahllose Völker; es er- hielt und erneuerte sich aus dem Opfer des Eigenwerts, das jedes Volk zu bringen hatte, welches Rom, sei es gewaltsam, sei es frei- willig, unterlag. Zuletzt verlor gewissermaßen der reale Ort Rom, die Tatsache aus Holz und Stein mit ihrem Straßengewirr und ihrem Menschenknäuel, den »Boden unter den Füßen«; seine poli- tische Wirkung ging nicht mehr davon aus, daß er sinnlich da war, sondern davon, daß er zur »Idee« wurde. Der Herrschafts- und Ordnungswille, der sich in dieser Stadt aufstaute, der von ihr formkräftig über Länder und Meere hinausgriff, verselbständigte sich als geistige Wirklichkeit, machte sich als »reines Prinzip« von Raum und Zeit unabhängig und erhob den Anspruch, das eigent- liche Rom zu sein, demgegenüber das Stadtgebilde Rom unwich-

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tig und unwesentlich wurde. Die Idee Rom wurde zum glanz- vollen Inbegriff weltpolitischer Größe; die Stadt Rom blieb ihr gegenüber zurück als irdischer Rest, als gefällige Schale, als — viel- leicht — ausgeglühte Schlacke. Als Cäsar die römische Herrschaft auf ihren Gipfel geführt hatte, stieg die Idee Rom strahlend über die politisch-geographi- sche Tatsache Rom empor und entfaltete ihr besonderes Dasein. Jetzt reifte das unvergleichliche Erbe heran, das das Imperium Romanum einigen Jahrtausenden hinterließ: sein in Vollendung vorgelebtes Vorbild, die Erfahrung seiner dauerhaften und sich bewährenden Weltherrschaft, die Erinnerung seiner erhabenen Augenblicke, Taten und Leistungen, das Beispiel seines ordnenden Gesetzes, die pax romana der römischen Kaiserzeit, das Werk seiner Zivilisation, das Erlebnis der Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechts. Ein Menschentypus wurde geprägt, der dem Gedächtnis der Menschheit nie mehr entschwand; noch heute schlagen allerorts Herzen, die für den Nachklang des stolzen Be- kenntnisses : »civis romanus sum« empfänglich sind. Es ist der Men- schentypus, der sich darauf versteht, Macht zu besitzen und Macht zu üben, der für die Macht »geboren« ist und dem Herrschaft ge- bührt, weil er mit Meisterschaft davon Gebrauch zu machen weiß. Die geschichtlichen Zeugnisse seiner Taten wirken fort und er- halten sein Andenken immerdar lebendig und gegenwärtig. Dieser Menschentypus hat den Ort, in dem er entstand, für alle Zeiten geadelt; Rom selbst, die Stadt Rom, erscheint seitdem als eine »auserwählte« Stadt, der es billigerweise zusteht, Sitz und Residenz der »höchsten Autorität« zu sein. Das »ewige Rom« ist die nie er- löschende Verpflichtung, in die der »ewige Römer« genommen ist:

ein Weltherrschaftsauftrag ist diesem auferlegt, und es ist seine Sache, den Auftrag in den Formen zu erfüllen, die dem Wandel der Zeiten und Umstände angemessen und angepaßt sind.

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3.

Auch der Jude wuchs aus provinzieller Enge in seine weltgängige Form hinein. Es war ein gefährlicher Boden, auf dem er sich, nach seinem »Auszug aus Ägypten«, angesiedelt hatte; er lebte auf der Landbrücke, die Asien mit Afrika, die babylonischen, assyri- schen, persischen Weltreiche mit Ägypten verband. Palästina war für die großen Mächte des Altertums ein politisch wichtiges Ge- biet; es war nicht gleichgültig, welcher politischen Einflußzone es angehörte. Die Juden waren mehr Leidtragende als Nutznießer ihres politisch so bedeutungsvollen Bodens. Das Geschenk dieser besonderen und auszeichnenden Lage ihres Siedlungsraumes war, anders als für die Römer, keine glanzvolle, sondern eine ver- hängnisreiche Geschichte. Den Juden gelang keine macht- erfüllte politische Schöpfung; als der Ehrgeiz zu einer solchen unter den Richtern und Königen erwachte, meldete sich durch den Mund der Propheten sogleich auch schon das Mißtrauen gegen den eingeschlagenen Weg. Die Zeit der Richter und Könige blieb eine erfolglose Episode; in der äußersten Heimsuchung, in der »babylonischen Gefangenschaft«, entsagte das jüdische Volk dem Willen zu politisch-staatlicher Leistung, rüstete sich jedoch, auf einer ändern Ebene den Kampf um weltgeschichtlichen Rang aufzunehmen. Der Priester, der schon gegen die Richter und Könige in Oppo- sition gestanden war, bemächtigte sich der ausschließlichen Füh- rung; er entwickelte ein ungewöhnliches System pricsterlicher Politik. Das Volk war an den Rand des Abgrunds gedrängt wor- den; der Priester traf Sicherungen, daß es auch in Zukunft dem ungeheuerlichsten Druck standzuhalten vermöge. Er erfüllte es mit dem Gefühl, das schlechthin von Gott auserwählte Volk zu sein. Gottes Interesse an den Menschen richtete sich allein auf die Juden. Der übrige Teil der Menschheit war vor Gottes Augen verworfen; seine Bestimmung war es, eines Tages den Juden in die Hand gegeben zu werden. Juda wurde zum Nabel der Weltge-

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schichte erkoren; man konnte diese nur noch verstehen, wenn man wußte, daß sie sich um den Juden drehe. Die Schicksals- schläge, die Juda erlitt, seine politischen Unglücksfälle, das Elend seiner Unterwerfung unter fremde Machthaber erhielten plötzlich einen aufrichtenden, ja aufstachelnden Sinn: Gott züchtigte sein Volk dafür, daß es an seiner göttlichen Bestimmung irregeworden war. Die Wendung zum Besseren konnte es sich erkaufen, indem es Buße tat — sich wieder seiner Auserwähltheit erinnerte. Der Gedanke der göttlichen Auserlesenheit wurde biologisch unter- baut; es war göttlicher Wille, daß sich das jüdische Volk in seiner rassischen Besonderheit erhalte. Ein »Zaun des Gesetzes« wurde »aufgetürmt«, der »Israel« von den übrigen Völkern trennte; im Juden wurde der Fanatismus entzündet, allem zu widerstreben, »was zur Verschmelzung mit den umgebenden Völkern oder zur Assimilation führt«. Hielt der Jude das Bewußtsein seiner gött- lichen Auserwähltheit aufrecht und blieb er dem Gebot rassischer Reinheit treu, dann saß er in einem Fahrzeug, in dem er alle ge- schichtlichen Stürme bestehen konnte und das ihn vor den Ge- fahren des Untergangs und des Selbstverlustes bewahrte. Es gab kein Verhängnis, vor dem er zu verzagen brauchte. Er war von Gott selbst für eine herrliche Zukunft aufgespart: er hatte eine göttliche Verheißung für sich. Es war die Verheißung einer Welt- herrschaft. »Hüte dich, daß du nicht einen Bund machest mit den Einwohnern des Landes, da du hineinkommst« (2. Mosc 34). »Und ich will dich zum großen Volk machen und ich will dich segnen und dir einen großen Namen machen« (i. Mose 12). »Und Könige sollen deine Pfleger und ihre Fürstinnen deine Säugammen sein. Sie werden vor dir niederfallen zur Erde aufs Angesicht und dei- ner Füße Staub lecken« (Jesaias 49). Der priesterliche Held aber, der die Errichtung der Weltherrschaft vollbringen wird, ist der Messias. Der Messias ist eine Sehnsuchts- gestalt; die Not und Demütigung der Gegenwart sind leichter zu tragen, solange der Glaube nicht erlahmt, daß er, der Messias,

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wenn die Zeit erfüllt ist, kommen und die Erniedrigten erhöhen wird über alle Völker der Erde. Der jüdische Messias ist eine Idealfigur religiös gefärbter Hoffnung; er ist das Führerbild, das die chiliastische Glaubenserwartung sich schafft. Er ist die Gegen- gestalt des römischen Cäsars, der eine Erscheinung höchster ge- schichtlicher Realität und reifster fortwirkender Erfüllung ist. Der Messias ist so »jenseitig«, wie der Cäsar »diesseitig« ist. Der Cäsar lebt im Gedächtnis, der Messias im Traum. Der Cäsar ist ein Erbe, der Messias ein Versprechen. Der Cäsar ist ein Denkmal genosse- nen Machtbesitzes; der Messias eine Vision fiebrig erregten Macht- verlangcns. Der Cäsar hinterließ unsterbliche Ordnungsgedanken, der Messias verheißt Genuß, Glück, Wohlergehen, Paradieseslust. Der Cäsar »zivilisiert« die Völker, der Messias überläßt sie seinen Auserwählten als Diener, Knechte und Geschöpfe der Ausbeutung. Das Joch der Römerherrschaft war Judas härteste Prüfung; der Messiasglaube erhitzte sich zur Weißglut. Die Zerstörung des Tem- pels sollte die Juden ihres Haltes und ihrer Haltung berauben, die Zerstreuimg sie entwurzeln und die Quellen ihrer Lebenskraft zum Versiegen bringen. Aber eben Tempelzerstörung und Zer- streuung gössen den Juden in jene Existenzform, in der er zur Aus- übung weltdurchdringender Funktionen fähig wurde. Vor der Tempelzerstörung hatte er in engem Räume ungeheure Spannun- gen aufgespeichert; sie konnten sich von Palästina aus nicht in geschichtlichen Einfluß umsetzen. Durch die Zerstreuung wurde der Jude als Energieelement in alle Welt hinausgeschleudert; dort konnte er nunmehr ungeahnte und unberechenbare Wirkungen entfalten. Die Einheit seiner biologischen Grundsubstanz, die Ver- bundenheit im Hochgefühl seiner Auserwähltheit und in der Lei- denschaftlichkeit seiner Messiashoffnung brachten eine Gleich- gestimmtheit der Wesensausrichtung und eine Gemeinsamkeit der Werthaltung hervor, die beide auch den vereinsamtesten Juden nicht mehr aus ihrem Bann entließen und seinem Handeln sichere Richtschnur und zuverlässige Regel gaben. Auch wenn er aus-

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schließlich auf sich selbst gestellt war und sich ganz allein aus sich selbst heraus bewegte, diente er doch dem jüdischen Gemein- interesse; seine Eigenbewegung fiel immer mit der Ge- samtbewegung des Judentums zusammen. Wo ein Jude auftrat, da kam sogleich natürlicherweise auch der besondere Standpunkt des Judentums überhaupt zu Worte. So war der Jude zur imperialen Figur, war er zum »ewigen« Juden geworden.

4.

Indem Rom den Tempel zerstörte, wollte es die jüdische Existenz auslöschen. Die Absicht mißlang; Rom hatte den palästinenzischen Rebellen unterschätzt. Hinter der kleinen provinziellen Meuterei steckte ein Empörer allerhöchsten Stils. Als Jerusalem aufhörte, jüdische Hauptstadt zu sein, wurde es ein »Pestherd«, von dem aus sich die nihilistische Zersetzung über die ganze römische Welt ergoß. Das nihilistische Gift aber, mit dessen Hilfe sich der Jude an Rom rächte, war das Christentum. Nietzsche hat alles Wesentliche über das Verhältnis des Juden- tums zum Christentum und über den Sklavenaufstand des Chri- stentums gegen die römischen Werte gesagt; es gibt fast nichts mehr hinzuzufügen. »Das aber ist das Ereignis:«, sagt er im achten Abschnitt der ersten Abhandlung seiner »Zur Genealogie der Moral«, »aus dem Stamme jenes Baums der Rache und des Hasses, des jü- dischen Hasses — des tiefsten und sublimsten, nämlich Ideale

schaffenden, Werte umschaffenden Hasses, dessen Gleichen nie

auf Erden dagewesen ist — wuchs etwas ebenso Unvergleich- liches heraus, eine neue Liebe, die tiefste und sublimste aller Arten Liebe: — und aus welchem ändern Stamme hätte sie

auch wachsen können?

sie sei etwa als die eigentliche Verneinung jenes Durstes nach

Rache, als der Gegensatz des jüdischen Hasses emporgewach- sen ! Nein, das Umgekehrte ist die Wahrheit! Die Liebe wuchs

Daß man aber ja nicht vermeine,

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aus ihm heraus, als seine Krone, als die triumphierende, iu der reinsten Helle und Sonnenfülle sich breit und breiter entfal- tende Krone, welche mit demselben Drange gleichsam im Reiche des Lichts und der Höhe auf die Ziele jenes Hasses, auf Sieg, auf Beute, auf Verführung aus war, mit dem die Wurzeln jenes Hasses sich immer gründlicher und begehrlicher in Alles, was Tiefe hatte und böse war, hiuntersenkten. Dieser Jesus von Nazareth, als das leibhaftige Evangelium der Liebe, dieser den Armen, den Kranken, den Sündern die Seligkeit und den Sieg bringende ,Erlöser' — war er nicht gerade die

Verführung in ihrer unheimlichsten und unwiderstehlichsten Form, die Verführung und der Umweg zu eben jenen jüdi- schen Werten und Neuerungen des Ideals 5 Hat Israel nicht gerade auf dem Umwege dieses ,Erlösers', dieses scheinbaren Widersachers und Auflösers Israels, das letzte Ziel seiner sub- limen Rachsucht erreicht; Gehört es nicht in die geheime schwarze Kunst einer wahrhaft großen Politik der Rache, einer weitsichtigen, unterirdischen, langsam-greifenden und vor- ausrechnenden Rache, daß Israel selber das eigentliche Werk- zeug seiner Rache vor aller Welt wie etwas Todfeindliches ver- leugnen und ans Kreuz schlagen mußte, damit ,alle Welt', nämlich alle Gegner Israels, unbedenklich gerade an diesen Köder anbeißen konnten? Und wüßte man sich andrerseits, aus allem Raffinement des Geistes heraus, überhaupt noch einen gefährlicheren Köder auszudenken; Etwas, das an ver- lockender, berauschender, betäubender, verderbender Kraft jenem Symbol des ,heiligen Kreuzes' gleichkäme, jener schauer- lichen Paradoxie eines ,Gottes am Kreuze', jenem Mysterium einer unausdenkbaren letzten äußersten Grausamkeit und Selbst-

kreuzigung Gottes zum Heile des Menschen;

ist wenigstens, daß sub hoc signo Israel mit seiner Rache und

Gewiß

Umwertung aller Werte bisher über alle ändern Ideale, über alle vornehmeren Ideale immer wieder triumphiert hat.«

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Der Jude verwarf die Werte der römischen Welt in Bausch und Bogen. »Es hat«, bemerkt Nietzsche in »Jenseits von Gut und Böse«, »bisher noch niemals und nirgendswo eine gleiche Kühn- heit im Umkehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und Frag- würdiges gegeben wie diese Formel — ,Gott am Kreuze' —: sie verhieß eine Umwertung aller antiken Werte. — Es ist der Orient, der tiefe Orient, es ist der orientalische Sklave, der auf diese Weise an Rom und seiner vornehmen und frivolen Toleranz, am römischen .Katholizismus' des Unglaubens Rache nahm.« Das Christentum war der antike »Bolschewismus«; es stand zum Römerreich in einem ähnlichen Verhältnis, wie es das ist, in dem der russische Kommunismus zur europäischen bürgerlichen Gesellschaft steht. Alle Staats- und gesellschaftsauflösenden Zer- setzungskräfte, die von überallher mit Rom eine Rechnung zu begleichen hatten und die in Rom zusammenströmten, wurden durch das Christentum organisiert. Die Führung des »totalen Auf- standes« lag in den Händen der Juden; Paulus war der Feldherr der Verschwörung, die im Namen des jüdischen »Königs« Chri- stus um sich griff. »Die kleine aufständische Bewegung«, sagt Nietzsche, »die auf den Namen des Jesus von Nazareth getauft wird, ist der jüdische Instinkt noch einmal.« Christus war der größte weltgeschichtliche Nihilist, er bekannte sich sogar, wie ein Terrorist, zu »Feuer und Schwert«. Er hat ein Weltreich auf dem Gewissen, das unerschütterlich zu sein schien. Die »christliche Liebe« brachte das erzene römische Ordnungsgesetz zum Schmel- zen; in ihrer Glut verdampften römischer Herrenwille, römische Befehlskraft und Ordnungsgewalt. Sie war die gewinnende Tar- nung aller mobilgemachten anarchischen Instinkte; das zuchtlose private Gefühl setzte sich gegenüber der strengen staatlichen Regel aufs hohe Roß. Sie war ein himmlisch legitimiertes Alibi jenes Nihilismus, der die antike Sittlichkeit und den antiken Staat zerstäubte. Rom war Staat schlechthin gewesen; sein Ge- füge wurde gesprengt, als der Staat zu einem Gebilde geringeren

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Ranges erniedrigt wurde. Indem das Christentum über dem Staate als einer der »Sünde« und dem »Bösen« verhafteten welt- lichen Ordnung die höhere »göttliche« Heilsordnung errichtete, überantwortete es ihn dem Bereiche der Niedrigkeit; damit ver- nichtete es seine Majestät. Die Lehre, daß man »Gott mehr ge- horcjien müsse als den Menschen«, war die Bombe, die seine Fundamente zerschmetterte; wo sie in Kraft ist, gibt es nur Staaten, die siech und im Kern von der »Erbsünde« angefressen sind. Der Messias überwand den Cäsar. Als Rom den Juden völkisch einebnen und »verdauen« wollte, sonderte dieser das »Gift« des Christentums ab; damit war die Welt mit der Seuche des antistaatlichen Prinzips angesteckt. Daran ist das antike Rom schließlich auch verendet. Der Jude konnte es sich leisten, das antistaatliche Prinzip in die Welt zu setzen; er kam für Jahrtausende nicht in Betracht, selbst Staat zu bilden. Das Geheimnis seiner Kraft lag gerade darin, daß er auf staatsgestaltenden Ehrgeiz Verzicht leistete und mit seines- gleichen in der Form einer »überstaatlichen Freimaurerei« zu- sammenspielte, um jeden Staat, wo immer er als natürliche Schöp- fung eines staatsbegabten Volkes entstanden war, sogleich wieder zu unterhöhlen. Das Christentum leistete hierbei seine guten jüdi- schen Dienste. Darüber hinaus war es eine folgenschwere Vor- beugungsmaßregel: es schwächte und lahmte den staatsschöpfe- rischen Herrschaftswillen aller aufstrebenden Völker, sobald sie sich vor dem Kreuz auf die Knie warfen. Durch die Christianisierung wurden die Völker jüdisch an- fällig ; sie gewöhnten sich unmerklich daran, die Dinge mit »jüdi- schen Augen« zu betrachten. Sie wurden instinktverwirrt und verloren die Fähigkeit, sich dem Einfluß verfeinerter jüdischer Gesichtspunkte zu entziehen. Wer als Christ glaubt — und glaubte er es nicht, wäre er kein Christ mehr —, daß das »Heil von den Juden« kam, trägt bereits die jüdische Brille, so daß er nicht mehr zuverlässig zu unterscheiden vermag, was jüdisch und was nicht

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jüdisch ist. »Man erwäge doch«, gibt Nietzsche zu bedenken, »vor wem man sich heute in Rom selber als vor dem Inbegriff aller höchsten Werte beugt — und nicht nur in Rom, sondern fast auf der halben Erde, überall, wo nur der Mensch zahm geworden ist oder zahm werden will —, vor drei Juden, wie man weiß, und einer Jüdin (vor Jesus von Nazareth, dem Fischer Petrus, dem Teppichwirker Paulus und der Mutter des anfangs genannten Jesus, genannt Maria)«. Der Jude findet seitdem unter christlichen Völkern immer einen Punkt, an dem er ansetzen kann, um den Gang der Dinge auf ein jüdisches Geleise zu schieben. Er ist sich seiner Überlegenheit auch durchaus bewußt; man lese nur jene Stelle aus Rathenaus Brief vom 20. Februar 1919: »Sie lieben nicht das Alte Testament«, schreibt er da, »und hassen — nein mißbilligen — uns Juden. Sie haben recht, denn wir haben unsere Sendung noch nicht erfüllt. Wissen Sie, wozu wir in die Welt gekommen sind; Um jedes Menschenantlitz vor den Sinai zu rufen. Sie wollen nicht hin? Wenn ich Sie nicht rufe, wird Marx sie rufen; wenn Marx Sie nicht ruft, wird Spinoza Sie rufen. Wenn Spinoza Sie nicht ruft, wird Christus Sie rufen.« Die Stärke Judas gegenüber den christlichen Völkern beruht darauf, daß es selbst das Christentum ausschied, niemals aber christ- lich wurde. Es kostet nicht seine eigenen Exkremente, von denen sich nun die anderen Völker nähren. Es wirkt mit Hilfe des Christentums, ohne selbst dessen Wirkung zu unterliegen; es steht über ihm. Das Christentum ist die Waffe, mit der der Jude nur andere, seine »Feinde«, verwundet; er selbst trifft sich damit nicht. Der Jude läuft nicht ins christliche Garn; er hat aber dessen Fäden in der Hand. In der Maschinerie des Christen- tums herrscht die Kausalität des Judentums; der Jude sitzt am Hebel und reguliert Tempo und Tourenzahl in Rücksicht auf die Beschaffenheit des biologischen Materials, dessen Eigenwuchs jü- disch zurechtzubiegen ist. Er ist der wahre, autonome »Souverän«, der zuletzt allen christlichen Lehensmännern den Rang abläuft.

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Das Urchristentum war die jüdische Weltvernebelung, in welcher das antike Rom auf Abwege geriet. Der staatsmännische Römer hatte die Macht des priesterlichen Juden verkannt; gegen dessen Kampfmittel war er wehrlos. Das antike Rom starb an dem christ- lichen Fluch, den der Jude gegen die Majestät des Staates ge- schleudert hatte. Als es irn christlichen Rom wieder aufer- stand, hatte es den jüdischen Feind in den eigenen Mauern.

5.

Juda überwand Rom, aber Rom war trotzdem nicht tot. Römi- scher Geist, römische Haltung, römischer Staatssinn und römi- scher Ordnungswille waren nicht ausgerottet; sie verbündeten sich, als sie sich hoffnungslos umzingelt und unterminiert fühlten, mit der jüdisch-christlichen Empörung, brachten ihre Überliefe- rung in die jüdisch-christliche Überflutung ein und kamen auf mannigfachen Umwegen in der Gegenwelt selbst wieder zu hohem Ansehen. »Das Christentum«, bemerkt Nietzsche im Nach- laß, »ist aus dem Judentum hervorgegangen und aus nichts anderem; aber es ist in die römische Welt hineingewachsen und hat Früchte hervorgetrieben, welche sowohl jüdisch als römisch sind.« Die Christianisierung Roms war ein gewonnener jüdischer Feldzug, noch lange aber nicht der gewonnene jüdische Krieg. Der »ewige« Römer war geschwächt, gebeugt, aber er war noch wehrhaft und eigenwillig genug, um ein paar Jahrtausende hindurch den »ewigen Juden« nicht zum ruhigen Genuß seines »christlichen« Rachestreichs kommen zu lassen. Das Urchristentum war jüdisch; von Jahrhundert zu Jahrhun- dert verrömerte sich die christliche Kirche. In dem Maße, in dem das geschah, wurde sie selbst Staat; sie ersetzte ihr Sakraments- recht durch das römische Körpcrschaftsrecht und verwandelte sich aus einer evangelischen Gnadenanstalt in eine juridische Institu- tion. Die staatsbildnerische Kraft Roms bändigte den anarchisch- staatszersetzenden Geist des jüdischen Ursprungs. Es war staatlich-

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römischer Instinkt, der den Papst bei der Schwergewichtsverle- gung des Reiches nach Byzanz bestimmte, in Rom auszuharren und der Kirche das Gut zu erhalten, das in der ungeheuren Autori- tät des römischen Namens lag. In der Zeit der Renaissance kam in der Kirche selbst das Erbe des antiken Rom obenauf; sie war, indem sie ihre jüdischen Bestandteile verkümmern ließ, nahezu »heidnisch« geworden. Die Verweltlichung der katholischen Kirche war in Wahrheit der Durchbruch des antiken Rom in ihr; dieser Durchbruch geschah auf Kosten der jüdisch-christlichen Elemente. Der christliche Römer deckte sich nicht mehr mit dem an- tiken Römer, aber er blieb doch bei alledem noch immer eine Spielart des »ewigen« Römers. So sehr in ihm selbst der ewige Jude spukte, so wenig war er bereit, vor diesem völlig zu kapitu- lieren; wie eben die Renaissancezeit gezeigt hatte, hegte er ins- geheim sogar noch die Hoffnung, eines Tages den Juden wieder loszuwerden.

6.

Nachdem das Judentum durch Rom in alle Welt zerstreut wor- den war, drang es bazillenhaft in das verborgenste Lebenszentrum des römischen Wesens vor und siedelte sich dort an. Es gibt eine Wespenart, die ihre Eier in lebende Larven legt; die ausge- schlüpfte Brut zehrt den Wirt, der eben noch die Kraft zur Ver- puppung hatte, von innen her auf und zuletzt entschlüpft der Puppe nicht der erwartete Schmetterling, sondern eine junge aus- gereifte Wespe. Das Christentum ist das jüdische Ei, das in den römischen Kör- per versenkt wurde; seitdem ist der Jude auch Kostgänger der römischen Substanz. Wo sich nunmehr der Römer niederläßt, schmuggelt er den Juden mit ein. Wo man Christus anbetet, gibt man zu verstehen, daß man durch einen Juden »erlöst« werden will; da ist es natürlich, daß der Jude am Ende sich die Freiheit nimmt, sein »Erlöseramt« auch auszuüben. Seitdem der Römer unter dem

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Zeichen des Kreuzes an seinem Imperium baut, ebnet er dem Juden den Weg; so sehr auch der christliche Römer noch immer Römer sein mag, ist er doch nur ein Römer, der auch auf einer jüdischen Achsel Wasser trägt. Dem christlichen Römer gegen- über hat der ewige Jude einen Vorsprung; in dem Augenblick seiner Christianisierung kam der ewige Römer dem ewigen Juden gegenüber in die Hinterhand. Der christliche Römer führt zwar die geschichtliche Aus- einandersetzung des ewigen Römers mit dem ewigen Juden wei- ter; aber er hat dem ewigen Juden bereits so viel Zugeständnisse gemacht, daß es nur noch in eingeschränktem Umfange seine eigene Sache ist, für die er kämpft. Sein Gesicht ist noch römisch; sein Herz aber schlägt nicht mehr rein im römischen Takt. Seit Christi Stellvertreter in Rom regiert, ist der ewige Römer der feindliche Bruder des ewigen Juden; die Taufe stiftet die Ver- wandtschaft. Sie hassen sich, aber sie gehören zur gleichen Sippe. Der christliche Römer ahnt, daß sein Imperium eines Tages dem ewigen Juden in den Schoß fallen wird; doch kann es der ewige Jude nicht immer gelassen genug erwarten, bis das geschieht. Der christliche Römer verabscheut im ewigen Juden den Erben, der schamlos seine Ungeduld zur Schau trägt; der ewige Jude be- lauert im christlichen Römer den Erblasser, der über Gebühr zö- gert, von hinnen zu scheiden. Der christliche Römer ist immer um einige Schritte weniger weit, als es der ewige Jude ist, da ihm aber der Hebräer Christus sein Ziel steckt, wird er eines Tages doch dort eintreffen, wo ihn der ewige Jude haben will.

7.

Jede imperiale Figur hat ihre Konsequenzen; sie ist es nicht von ungefähr und muß es teuer bezahlen, über die ganze Welt statt über einen stillen Winkel gebieten zu wollen. Sie wäre nicht, was sie ist, wenn in ihr nicht die unermeßliche Spannkraft eines groß- artigen Herrscherwillens lebte, der weder in den Wirbeln einer

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chaotischen Zeit ermüdet, noch in den lähmenden Jahren verhäng- nisvoller Schicksalsfügungen und Zusammenbrüche versandet, eines Herrschaftswillens, der sich, auch wenn nach menschlichem Ermessen alle Erfolgsaussichten zerstört sind, in keiner Lage und unter keinen Umständen selbst aufgibt. Es entspricht der Un- bedingtheit ihres Herrschafts willens, daß dieser jedes Mittel er- greift, das seine Zwecke erfordern; seine fortreißende Kraft be- ruht gerade darauf, daß er keine Hemmung kennt, über welche er nicht hinwegbrauste. Dieser Herrschaftswille bedarf einer Handhabe, mittels deren er die Menschen packt und bewegt. Weil er über weite Räume hinwegwirkt und zahlreiche Völker erfaßt, muß die Handhabe ein Allgemeines sein, das Menschen verschiedensten Ursprungs und mannigfaltigster Überlieferung gemeinsam sein kann. Es gibt nichts Allgemeineres als den »Geist«: der Geist ist »universal«. Ein Weltherrschaftswille braucht ein geistiges Prinzip, durch das er im äußersten Fall die ganze Menschheit binden und verbin- den kann. Kein Imperium beruht auf bloß äußerlicher Macht; es hat deswegen Bestand, weil seinen »Bürgern« einheitliche geistige Haltung zu eigen ist. Seine Bürger sind innerlich auf ein »Prinzip« ausgerichtet; durch dieses Prinzip sind sie sinnerfüllte Glieder des Imperiums. Das Imperium kreist um sein »Prinzip«; es stellt sich als dessen Verleiblichung dar; der Herrschaftswille er- scheint als der Motor, der das Prinzip in der Welt zur Geltung bringt. So erweckt das Imperium den Eindruck, im Dienste eines Geistigen zu stehen; das schenkt ihm Würde und Autorität. Das »Prinzip« ist die zusammenhaltende Mitte des Imperiums; um diese Mitte ist das Ganze geordnet. So strebt jedes Imperium zur Zcntralisation; es gibt einen Punkt, der über allen Teilen steht, der ihnen erst ihre Funktion zuweist und ihnen ihren eigentlichen Sinngehalt schenkt. Gewöhnlich wird die »Hauptstadt« zur be- sonderen Kultstätte des Prinzips; sie wird zu einem heiligen Ort, wie es Rom, Jerusalem und Mekka sind, sie wird zum Gefäß des

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Prinzips selbst, wie es das antike Rom war und das christliche Rom es noch ist. Kein Teil ist autonom; der Teil ist nur »Provinz«, die über sich hinaus zur Mitte blickt, um von dorther Maß und Richt- schnur zu empfangen. Die »Provinz« wäre nur ein armseliges und sinnloses Bruchstück, wenn sie nicht im Rahmen des Imperiums läge. Freilich werden erst allmählich die Völker und Länder, die in das Imperium eingefügt werden, zur »Provinz«. Eigenwüchsige Völker wehren sich dagegen, sich unter den einheitlichen Nenner des allgemeinen imperialen Prinzips bringen zu lassen. Ihr Eigen- wuchs muß zersetzt werden, damit sie dem Imperium nicht drückend »im Magen liegen«: sie werden »verdaut«. Völker sind der Rohstoff, aus dem sich das Imperium aufbaut; es gibt kein Imperium, das nicht Völker auffräße. Die Eigenart wird ihres naiven Selbstgefühls beraubt, indem sie mit Eigenarten anderer Völker in Vergleich gesetzt wird; sie wird entwertet, als »rück- ständig« ironisiert und auf diese Weise zermürbt und zerfasert. Es ist die Kunst der großen Herrschaft, diese Vernichtung nicht zu überstürzen; Übereilung würde das Imperium in große Ge- fahren verwickeln, Rebellionen herausfordern, Gegendruck her- vorbringen. Ein Imperium kann sich Zeit lassen, bis das »Wurzel- hafte« seine Auflösung aus sich selbst heraus vollzogen hat. Es senüet, es mit Gärungsstoffen zu »impfen«; das übrige macht sich alsdann von selbst. Auf dem Wege des Imperiums liegt der »Menschenbrei«; für den Menschenbrei ist der »Primat des Geistes« unbestritten. Kein Imperium ist eine Blutsgemeinschaft; es ist Glaubens-, in irgendeinem Sinne immer Geist es gemeinschaft. Darum sind imperiale Figuren notwendigerweise Verwüster des Volkstums und seiner Sitten; wer in ihrer Nachfolge in ein Imperium eingeht, muß stets »Vater und Mutter« verlassen und der Scholle und Heimat entlaufen. Imperien brauchen bewegliche Menschen, die für die Losungen des Prinzips empfänglich sind und »in alle Welt« hinein in Marsch gesetzt werden können; die

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engen Horizonte der Verwurzelten sind Gestrüpp, in dessen Wirr- nis die imperiale Figur nicht auszuschreiten vermag. Eben das »Eigenste« der Völker interessiert die imperiale Figur am wenigsten; sie denkt und strebt über die »Grenzen« jedes Volkes hinaus: dies ist ihr schrankenloser Internationalis- mus und Universalismus. Das Imperium will den Weltkreis erfüllen; es will nicht Völker, sondern die Menschheit. Es will sich, über jeden nationalen Ehrgeiz und jede nationale Ab- grenzung hinweg, ausdehnen, soweit »die Erde reicht«. Im Imperium wirkt der Eifer, Selbstzweck zu sein; es fühlt sich reich genug, um alle Ansprüche seiner »Bürger« befriedigen zu können. Es hat noch unendlich mehr zu geben, als einst die antike Polis gab — an der es sich trotzdem der Grieche hatte genug sein lassen. Sogar die römische Kirche ist sich so ausschließlich Selbst- zweck, daß sie im letzten Grunde um Gott, Maria und die Heiligen nur deshalb ein solch festliches Wesen macht, weil sie zum kirch- lichen Personalbestand gehören. Die imperiale Figur hat bloß ihr Imperium im Auge; alles »Ge- wachsene« ist ihr Material, das in die geistige Form des Imperiums zu bringen ist. Das Organische wird aus seiner Natürlichkeit ge- löst: das Christentum erhob die jüdische Geschichte zur Heils- geschichte aller Völker, und wo sich römische Herrschaftsüber- lieferungen eingenistet hatten, wurde das überkommene Recht der Völker durch das Römische Recht ersetzt. Jedes Ursprüng- liche hat seine Existenz auf das Prinzip des Imperiums neu zu gründen.

8.

Weltherrschaft verlangt, daß alle widerstrebenden Kräfte mit überlegener Vernunft, mit durchdringendem Sachverstand in den Gesamtbau eingeordnet werden; so stark der Wille ist, der die umfassende Form prägt, so weise muß die Ratio sein, die die Elemente so zu nehmen vermag, daß sie sich im vollendeten Werk allesamt an ihrem »rechten Platze« fühlen. Jede imperiale Figur

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wirkt je nach ihren biologischen Voraussetzungen, geschicht- lichen Überlieferungen, politischen Möglichkeiten und zeitlichen Gebundenheiten mit anderen Mitteln, faßt ihre Aufgabe von einer besonderen Seite an. Sie bedient sich vorzüglich jener Mittel, die wesenhaft in besonderem Maße auf das imperiale Prinzip zuge- schnitten sind, welches das ihrige ist; im Gebrauch eben dieser Mittel entfaltet sie allmählich die höchste Meisterschaft. Vor allen Dingen auf das Sachgebiet, dem sie ihre Herrschaftsmittel ent- nimmt, spielt sich ihre Ratio ein; die imperiale Figur verleiblicht gewissermaßen den erfahrensten Sachverstand ihres vorherbe- stimmten Sachgebietes. Die imperiale Figur, ihr imperiales Prin- zip, ihre sachlichen Herrschaftsmittel und ihre darauf abge- stimmte Ratio fallen in eins zusammen. Die Größe des antiken Römers war seine staatsbildnerische Genialität; seine Produktivität bewährte sich in der Lösung poli- tischer Ordnungsaufgaben. Er gründete sein Werk auf Rechts- schöpfungen und Rechtsleistungen, die der Glanz der Unsterb- lichkeit umleuchtet. Nirgends hat die rechtsschöpferische Ratio seitdem mehr einen solchen Gipfel erreicht. Die aufs äußerste verfeinerte rechtsschöpferische Ratio vollbrachte die im- periale Wirkung und den impcrialen Erfolg des antiken Römers; dieser ist, als imperiale Figur, das durchgebildetstc Werkzeug, das der rechtsschöpferischen Ratio bisher gelungen ist. Im römischen Christen ging die rechtsschöpferische Ratio eine eigentümliche Verbindung mit der theologischen Spekulation ein; die Tore des Himmelreiches wurden aufgestoßen, aber das Bild, das sich dem frommen Auge bot, war ein metaphysischer Staat. Am »Staat Gottes« Augustins hat Cäsar so viel Anteil wie der Messias. Die römische Gottesgelehrtheit ist zur einen. Hälfte welt- lich-staatliche, zur ändern priesterlich-theologische Gesetzeswis- senschaft. Als Theologe verstand man sich auf das römische Recht ebensogut wie auf die Heilige Schrift; man war eine Mi- schung aus römischem Rechtskundigen und jüdischem Priester.

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So beherrschte man die Seelen, und so fügte man die weltlichen Staaten in die Gesamtordnung des kirchlichen Imperiums ein. Die Frucht der theologisch-juridischen Paarung war das Dogma; es ist ebenso verpflichtendes Gesetz wie ein göttliches Mysterium. Die Scholastik entwickelte die dogmatisch-theologische Ratio bis zu ihren letzten Möglichkeiten. Das Zentrum der dogmatisch- theologischen Ratio war das christliche Rom geworden. Der ewige Römer, in seiner antiken wie in seiner christianisier- ten Form, ist eine positive imperiale Figur insofern, als er in jedem Augenblick unmittelbar an seinem Imperium baut. Ihm gegen- über ist der ewige Jude ein Verschwörer, dessen universaler nihi- listischer Radikalismus noch immer ungebrochen ist. Er ist in einem Stadium, in dem er die Dinge in seine Gewalt bringen möchte, nicht um sie zu ordnen, sondern um sie in ihre Atome aufzulösen. Er steckt erst in den Vorarbeiten zu seinem Imperium, an sein Imperium selbst kann er noch nicht denken. Sein Impe- rium beginnt, wenn nichts mehr, außer ihm selbst, auf eigenen Füßen steht, wenn es keinen Eigenwert mehr gibt, wenn er es ist, der jeglichem Daseinsgehalt seinen »Wert« festsetzt. Die Dik- tatur, die ihm vorschwebt, ist eine »Preisdiktatur« innerhalb einer Welt, in der schlechthin alles nur so viel gilt, als er dafür »bietet«. Seine Weltordnung ist ein universales Warenmagazin, das er mit hohem Gewinn mobilisiert. Die Welt als unerschöpfliche, jüdisch monopolisierte Profitquelle: das ist sein Reich der Verheißung, das der Herr Zebaoth für ihn bereit hält. Wer die Propheten zu lesen versteht, zweifelt nicht daran, daß sie von ihrem Gott die Vollmacht zur totalen Ausbeutung alles dessen erhoffen, was nicht jüdisch ist. Das Instrument des jüdischen Machtwillens ist das Geld; so- lange es noch Sachen, Werte und Menschen gibt, die nicht be- dingungslos käuflich sind, hat die jüdische Macht noch Schran- ken. Der Jude bereitet sein Imperium vor, indem er diese Schran- ken niederlegt. Er will die Welt »ökonomisieren«, um sie so

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ganz in seine Hand zu bekommen. Es ist ein unergründlich tiefes jüdisches Wort, daß »Wirtschaft Schicksal« sei. Wo Wirtschaft Schicksal ist, da ist der Jude obenauf; denn seine Stärke ist die ökonomische Ratio. Er bringt alle Vorgänge und Verhältnisse, Unistände und Entwicklungen auf die Formel der Geldrechnung, des Handels und Schachers. Die ökonomische Geschichtsbetrach- tung ist die Weltschau, die man haben muß, wenn man von einem jüdischen Standort aus in die Welt blickt. Ist der Daseinsinhalt nichts als Wirtschaft, dann dauert es nicht mehr lange, bis ein Jude der Herr des Daseins sein wird. Der imperialc Machtwille wählt seine Maschinerie, die ihm jeweils am besten liegt: was für den antiken Römer der Rechtssatz war, was für den römischen Christen das Dogma ist, das ist für den Juden der Mechanismus der Geldwirtschaft. Rechtssatz, Dogma und Geld sind die be- währten großen Mittel imperialer Herrschaft; sie sind wie Netze, in denen sich ganze Völker fangen und in denen dann ihre Ur- sprünglichkeit erstickt und ihr Eigenwuchs verdorrt. Der Jude liebt es, seine existentielle Gebundenheit an die ökono- mische Ratio zu verschleiern; er möchte das gute Verhältnis, das er zu dieser unterhält, dem Zufall in die Schuhe schieben. Weil man ihn ins Getto gesperrt, weil man ihm alle übrigen Berufe verschlossen habe, darum habe er es in Geldsachen so weit ge- bracht. Das ist eine billige Konstruktion; nirgends sonst hat sich nach aller geschichtlichen Erfahrung das Schicksal der Isolierung und Verstoßung so glänzend bezahlt gemacht. Es ist der jüdischen Zukunft abträglich, wenn man dahinterkommt, daß man der jüdi- schen Herrschaft den Weg ebnet, wo man sich der Führung des ökonomischen Sachverstands überläßt: darum leugnet es der Jude leidenschaftlich, daß man mit der ökonomischen Ratio ebenso un- vermeidlich ihn in Kauf nehmen müsse wie mit der dogmatisch- theologischen Ratio den Römer. Man kann kaum an der jüdischen Selbstanalyse vorübergehen, die Karl Marx hinterlassen hat, der von den allertiefsten und ge-

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heimsten Schichten der jüdischen Substanz zehrte. »Welches ist der weltliche Grund des Judentums?« fragt er. »Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.« »Welches ist der weltliche Kultus der Juden; Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott ? Das Geld?« »Das Geld«, so fährt er fort, »ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen — und verwandelt sie in eine Ware.« So aufschlußreich freilich die jüdische Selbstanalyse von Karl Marx ist, so dringt sie doch bis zum innersten und entscheidenden Geheimnis nicht vor. Der Jude ist imperiale Figur, weil ihn ein mächtiges Weltgefühl bewegt, weil ihn eine gewaltige Leiden- schaft der Weltunterwerfung und Weltausbeutung erfüllt; er lebt in der ganz unmittelbaren Gewißheit, daß die Welt das Erbe ist, das ihm eines Tages in den Schoß fallen muß. Sein unerschütter- licher Glaube an die Verheißung, die ihm zuteil geworden sei, ist der Widerschein dessen, daß in den Untergründen der jüdi- schen Existenz ein ins Grenzenlose ausholender und seiner selbst sicherer Trieb, die Welt in seine Gewalt zu bringen, am Werke ist. Schacher und Geldrechnung sind die Formen, in denen sich dieses Weltgefühl und dieser Weltdrang verwirklichen; sie sind die Mauerbrecher und Sprengmittel, mit deren Hilfe das Ord- nungssystem des römischen Weltherrschaftswillens zertrümmert und aus dem Weg geräumt werden soll. Auch der Mechanismus der Geldwirtschaft ist ein geistiges Gebilde, wie es der Rechtssatz und das Dogma sind. Nur appelliert - er an einen ändern menschlichen Elementarbereich. Der Rechts- satz wendet sich an den Ordnungssinn, das Dogma an das Glaubensbedürfnis, die Geldrechnung aber an die mensch- liche Selbstsucht. Der Jude spekuliert auf die »niedersten In- stinkte«, um zu dem »Imperium« zu kommen, das ihm für das Ende der Tage verheißen ist und das seinem Wesen nach das jüdische Herrschaftsmonopol über den Weltmarkt wäre.

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Ewiger Barbar

9-

D er »ewige Barbar« erscheint, aufs Große gesehen, in zwei Spiel- arten: als Bauer und als Krieger. Sie gehen auf zwei Ur-

formen zurück: auf den seßhaften, Tiere und Pflanzen züchten- den Urbauern und auf den verwegen streifenden, Beute suchen- den Urjäger. Der Bauer bleibt »im Lande«; er strebt nicht über seine Ge- markung hinaus; er kennt nicht den Ehrgeiz der großen Herr- schaft. Es tut ihm genüge, »König auf seinem Hofe« zu sein. Ihn binden überlieferte Sitten und Gebräuche; sein praktischer Ver- stand bewährt sich und erschöpft sich in den Angelegenheiten seiner täglichen bäuerlichen Verrichtung. Er ist kein »geistiger« Mensch. Sein »Geist« fragt und schweift nicht ins Uferlose und Unbegrenzte; er schweigt in ehrfürchtiger Selbstbescheidung vor dem, was gegeben ist und eine lange Vergangenheit für sich hat. Der Bauer mißtraut dem »Geist«; er wittert Gefahr hinter ihm. Er neigt dazu, im Geist die Schlange zu fürchten, die ihn ver- führen will, vom Baum verbotener Erkenntnis zu essen, weil sie ihm das »Glück des Paradieses« neidet. Er hört auf die »Stimme seines Blutes«; sie, nicht die Einflüsterung des Geistes, gibt dem Ablauf seines Lebeiis die Richtung. So fehlt dem bäuerlichen Wesen der Zug ins Universale und Zentralistische, der immer nur ein Geschenk des Geistes ist; es beharrt bei der besonderen Art der »Väter« und will nicht gestört sein in den ehrwürdigen Gewohnheiten der Heimat, des engen, vertrauten Umkreises. Es wehrt sich gegen die »allgemeine Regel«, den »einheitlichen Stil«, die beide mit der Mannigfaltigkeit des Gewachsenen auf dem Kriegsfuß stehen. Der »Staat« ist eine vereinheitlichende Form; er ist in irgend- einem Sinne stets eine Vergewaltigung der gegebenen Natur und des traditionsgebundenen Bluts durch den Geist und das aus ihm

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geborene Gesetz. Im Grunde geht der Staat dem Bauern geradezu gegen den Instinkt; er ist eine rätselvolle Last, der der Bauer sich zwar beugt, gegen die er aber vor sich selbst unausgesetzt pro- testiert. Darum ist der Bauer kein politischer Mensch; Politik, welche Handeln unter dem Gesichtspunkt der Staatsräson ist, be- wegt sich auf einer Ebene, die ihm »fremd« ist und zu »fern« liegt. Er hat nur ein leidendes Verhältnis zum Staat: der Staat unter- wirft ihn seinen Gesetzen, erhebt von ihm Steuern und Abgaben, ruft ihn unter die Fahnen; der Bauer fügt sich, weil er nicht weiß, wie er gegen den Staat und dessen Macht aufkommen könnte. Die Politik setzt den Bauern in ihre Rechnung ein; er selbst aber hat dabei wenig mitzureden, wenn der Wert abge- schätzt wird, zu dem man ihn in Ansatz bringen will. Er ist Trä- ger des Volkstums; indes hängt es von ständig wechselnden staat- lichen und politischen Zweckmäßigkeitserwägungen ab, ob das Volkstum hoch oder niedrig im Kurse steht. Der Krieger hat ungebändigteren Ehrgeiz; ihm genügt nicht, wie dem Bauern, in seiner Art da zu sein und sein Erbe unver- sehrt und wohlbehalten den Nachfahren weiterzureichen. Er kennt den Rausch des Sieges, die Gewohnheit des Befehls und das Hochgefühl, Herr zu sein, oben, über Unterworfenen zu stehen. Er erfährt, daß die Schwertgewalt Menschen in Zucht und Ordnung zu halten vermag: er erhebt sie zum Prinzip seiner staat- lichen Gründungen. Er schafft Gewaltreiche, Soldatenstaaten; den Widerstand der Untertanen bricht er durch den Schrecken, den er verbreitet; er zwingt, vor der Schärfe seines Schwertes zu erzittern. Soldatenstaaten haben zuweilen schon unermeßlichen Umfang erreicht; sie schienen sich zu Weltimperien zu entwickeln: dann aber brachen sie plötzlich in sich zusammen. Eine verlorene Schlacht war Anstoß genug, sie zum Einsturz zu bringen. Sie dauern nie länger als ihr Prinzip, die Schwertgewalt, den Ruhm der Un- besieglichkeit aufrechterhält. Es bestätigt sich immer wieder, daß

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sie auf Sand gebaut sind. Wohl gelingt es dem Krieger, wenn ihm das Kriegsglück hold ist, die imperiale Höhe zu erklettern; dort geht ihm aber jedesmal bald »die Luft aus«; er hat keinen imperialen Atem. Er packt die Menschen nicht von innen heraus; er ruft sie nicht auf, eine Sendung zu erfüllen: so stellen sie sich nicht aus eigenem Drang und freiem Willen hinter ihn. Er sam- melt sie nicht in einem gemeinsamen Glauben und richtet sie nicht auf eine »große Idee« aus; er hat keine »höheren Ziele«. Er ver- waltet keine geistigen Werte und hat keinen geistigen Auftrag:

darum haftet seinem Regiment der Charakter der äußerlichen Be- drückung, der Roheit und Brutalität an. Die Gewalt des blanken Schwertes wirkt neben der rechtsschöpferischen Weisheit, der dogmatisch-theologischen Vernunft, der ökonomischen Verstan- desgeschmeidigkeit plump; sie kann »auf den Tisch schlagen«, aber sie überzeugt nicht. Darauf, daß sie »geistig rückständig« ist, be- ruht ja schließlich auch ihr »Barbarentum«. Der Krieger ist die Form des »ewigen Barbaren«, in der dieser mit den imperialen Figuren in Wettstreit treten möchte. Er hat freilich dabei bisher noch jedesmal schlecht abgeschnitten; von der dogmatisch-theologischen Ratio wurde er zuletzt mißbraucht, von der ökonomischen korrumpiert. Der Bauer aber, der sich auf den Wettstreit gar nicht einläßt, wurde seit jeher von den imperialen Figuren ausgesaugt; dem »Römer« lieferte er den Zehn- ten und dem »Juden« den Wucherzins. Den imperialen Figuren gegenüber ist der »ewige Barbar« hilflos: wenn sie es auf ihn abgesehen haben, ist er zu guter Letzt stets der dumme Teufel. Vom Standort der imperialen Figur aus fällt freilich auch jedes Volk überhaupt, das noch »bodenständig« und »urwüchsig« ist, unter den Typus des »ewigen Barbaren«; es ist gerade insoweit »barbarisch«, als es noch etwas ursprünglich Naturhaftes in sich birgt, das sich nicht unter eine allgemeine imperiale Regel bringen lassen will. Wie die imperiale Figur, um ihr »Reich« zu voll- enden, den Bauern von der Erde und den Krieger vom »Vater-

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land« zu lösen trachtet, so durchschneidet sie die Nabelschnur, welche die Völker mit »Blut und Boden« verbindet. Die Bluts- gemeinschaft soll durch eine Zivilisations-, Glaubeiis- oder Geistcs- gemeinschaft, die Bodengebundenheit durch die Verpflichtung auf kulturelle Werte, auf ein Bekenntnis oder eine Gesinnung er- setzt werden. Der Bauer soll Sklave, Leibeigener, Landarbeiter, der Krieger Legionär, Söldner, Landsknecht, das Volk soll Masse werden. Der Bauer soll glauben und zinsen, der Krieger kämpfen und bluten, Völker sollen ihre Substanz- und Energievorräte ins »Reich« einbringen, damit dieses »Mittel zum Leben« habe. Man kann die europäische Völker-, Staaten-, Kultur- undWirt- schaftsgeschichte seit der Entstehung des Christentums unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß sie der Kampf zwischen »ewigem Römer« und »ewigem Juden« um den »ewigen Barbaren« sei. Das ist ein Kampf, der sich über Jahrtausende erstreckt: ein Volk nach dem ändern wird hineinverwickelt und wird Gegenstand des An- griffs beider imperialer Figuren. Solange die Wurzeln eines Vol- kes noch unerschüttert sind, teilen, sich die imperialen Figuren in das Werk, sie abzusägen; ist das geschehen, beginnt erst das zähe und unerbittliche Ringen, in dem entschieden wird, welcher der zwei imperialen Figuren das umstrittene Volk zuletzt anheim- fallen soll. Jedes Volk hat dabei seine Eigenbewegung und seine besondere Eigenspannung gegenüber ändern Völkern, deren jedes wiederum in seiner Weise in den Machtkampf zwischen ewigem Römer und ewigem Juden einbezogen ist. Vielgestaltig sind die Formen, in denen der Gang der Dinge hier abzulaufen vermag. Allmählich wird die Eigengesetzlichkeit der Sondergebilde, der Völker und Staaten, dergestalt von ihrer ursprünglichen Richtung abgedrängt, daß sie sich mehr und mehr mit der Gesetzlichkeit einer imperialen Figur deckt; sie wird vorsichtig aber zielsicher aus ihrem »partikularen« Gang in den »imperialen« Gang umge- schaltet. Mitunter verschwindet die imperiale Figur völlig hinter

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dem Eigenleben der Völker, mit denen sie eine Gemeinschaft ein- ging; es geschieht indes nur, um geheim und unbemerkt bis zum Kern dieses Eigenlebens vorzudringen und von daher dann die Völker als Maschinerie der imperialen Figur in Bewegung setzen zu können. Die imperiale Figur scheut nicht Zeit noch Umwege; sie hat die große Geduld, die wartet, bis das reift, was von »langer Hand« vorbereitet und auf »lange Sicht« angelegt ist. Sie packt die Völker von innen her: sie senkt in diese die Keime von Ge- sichtspunkten, Gesinnungen und Werthaltungen, die insgesamt, sobald sie erst zu breiter Entfaltung gelangt sind, die Völker ge- wissermaßen aus eigenem freiem Antrieb in die Bahnen steuern, die in das Reich der imperialen Figur münden. In allen Völkerkämpfen sind die imperialen Figuren die lachen- den Dritten; sie stehen so hoch über den völkischen. Streitgegen- ständen, daß sie deren keinen ernst nehmen, daß sie sich in deren keinen verbeißen. Da ihnen nie heilig ist, was den »barbarischen« Völkern heilig ist, stehen sie immer über der Situation und können am Feuer der völkischen Zwiste ihre imperiale Suppe kochen. Nie gelänge ihnen aus eigener Kraft, den »ewigen Barbaren« zu bändigen und zu zähmen; sie ermuntern ihn, sich selbst zur Ader zu lassen, bis er ermattet und erschöpft in ihre Arme sinkt; sie sind Meister des Grundsatzes: Divide et impera. Sie begün- stigen »Teilungen« bis zu dem Augenblick, in dem die Eigenkraft jedes Elementes verbraucht sein wird; dann hoffen sie, die Schwelle ihres die ganze ausgelaugte, denaturierte Menschheit umfassen- den »Reiches« überschreiten zu können. Unter dem Gesichtspunkt des Wettstreits zwischen ewigem Rö- mer und ewigem Juden verdichtet sich die europäische Geschichte zu wenigen, die Jahrhunderte durchziehenden Linien; diese schei- nen das Wesentliche und Entscheidende zu sein. Die farbigen und verwirrenden Einzelheiten verschwimmen; sie treten, nur noch als wunderliche Schnörkel jener großen und durchlaufenden Linien hervor. Sie fallen plötzlich nur noch als »lokale Ereignisse« ins

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Gewicht, die ihren

eigentlichen

Sinn erst

im

Rahmen

eines

Ge-

samtbildes

empfangen,

das

zeitlich

über

zwei

Jahrtausende

reicht

und

räumlich,

über Europa

hinweg,

nunmehr

bereits den

ganzen

Erdball umspannt.

10.

Barbar ist in den Jahrzehnten des ausgehenden römischen Impe- riums der Germane. Seine wilde Kraft sammelt sich an den Gren- zen des Römischen Reichs; er will erobern, plündern und Herr sein. Er kommt nicht im Auftrag einer Sendung, er beruft sich auf kein geistiges Prinzip, er bewegt sich tief unterhalb der Gipfel, zu denen die rechtsschöpferische, die theologische, die ökono- mische Ratio hinaufragen. Ihn treibt ein flutender Überschuß blin- der Lebensenergien; er stürmt aus keinem anderen Grunde vor- wärts als aus dem, weil er sich leiblich stark fühlt. Er will die Werke und Güter Roms erbeuten; sie bestricken ihn und erhitzen seine Gier; einen eigenen Ordnungsgedanken hat er nicht. Er kommt als Räuber, nicht als Bauherr. Er ist nach Leistung und geistiger Weite seinem Opfer unvergleichlich unterlegen. Er ist eine Ele- mentargewalt, die nicht gestaltet, sondern Katastrophen herauf- beschwört. Rom ist innerlich morsch; die Form des alten Imperiums ge- währt dem »ewigen Römer« keinen Schutz mehr. Der »ewige Römer« hat freilich bereits vorgesorgt: die katholische Kirche ist der Bau, der das Herrschaftserbe Roms in Sicherheit bringt, an dem sich der Barbarensturm bricht, von dem aus der germanische Barbar wieder römischer Zucht und Ordnung unterworfen wird. Der Barbar soll nur Landsknecht, er darf nicht Herr der Welt sein. Die Christianisierung des germanischen Barbaren zwingt ihn in Roms Dienst. Sie ist ein Sakralraub; der Germane läßt sein Heiligstes fahren; damit wird sein Schwergewicht in ein Fremdes verlegt; es ruht hinfort nicht mehr in ihm selbst. Indem er vor dem Heiligsten des Römers kniet, führt er eine abhängige Exi-

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stenz; der entscheidende Ort seiner Ausrichtung ist römischen, nicht mehr germanischen Wesens. Das Christentum stiftet eine Glaubensgemeinschaft, die der germanische Barbar geprägt vor- findet, in die er eintritt. Er hat keinen Teil an ihrem Ursprung; sie ist für ihn wesensferne geistige Landschaft. Indem er sich in ihr heimisch macht, gibt er seine arteigene geistige Heimat preis. Vor der Regel der Glaubensgemeinschaft verlieren die Sitten und Ge- bräuche der Sippe ihr Recht. Die Sippe ist das Gefäß der heid- nischen Überlieferungen; sie muß zerfallen, je christlicher der Germane wird. Die christliche Glaubensgemeinschaft gewinnt Bo- den auf Kosten der heidnischen Blutsgemeinschaft. Der Germane wird aus dem Blutgrunde losgelöst, aus dem er bisher seine uii- gebändigten natürlichen Barbarenkräfte sog. Mit der Christiani- sierung wird der Germane an die römische Kandare Benommen und nach römischer Übung gezähmt. Das Christentum bricht auch in den Bereich der germanischen Lebensordnung als Nihilismus ein, ebenso wie es in die politische Ordnung des antiken Rom eingebrochen war. Der Frevel gefällter Donarseichen steht als »bolschewistischer Akt« der Zertrümme- rung der römischen Kaiserstandbilder vollgültig zur Seite. Freilich ging das Christentum mit den Elementen des von ihm zerstörten germanischen Zustandes bald eine Lebensgemeinschaft ein, um eine neue feste Formenwelt hervorzubringen — ähnlich wie sich zuvor das antike Rom mit Juda vermischt hatte. Aus der Legie- rung christlicher und germanisch-barbarischer Elemente wird im Räume nördlich der Alpen das »Reich« geprägt. Die Familie war der Haltepunkt des Auflösungsprozesses, von dem die Bluts- gemeinschaft der germanischen Sippe ergriffen worden war; sie ist im sozialen Umkreis ein ähnlicher Ausgleich zwischen römi- scher Einwirkung und der Eigengesetzlichkcit der germanischen Substanz, wie es im politischen Umkreis das »Reich« ist. Das »Reich« ist eine germanische Abwandlung des Imperium Romanum. Der Spannung zwischen Papst und Kaiser liegt zu-

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gründe, daß der Kaiser nie ganz so römisch sein kann, wie es der Papst natürlicherweise ist. Der Papst ist der vollkommene Römer, der Kaiser verleugnet daneben nie die »barbarische« Her- kunft. Der germanische Bestandteil, den das »Reich« enthält, ist, indem er sich nicht völlig aufgeben will, immer ein Element des Protestes gegen die römische Überfremdung. Der Kaiser, der gegen den Papst kämpft, verrät, daß der Germane nicht noch römischer werden will, daß er schon schwer genug daran trägt, so römisch zu sein, wie er es ist. Bei aller Größe vermögen die Stellung des Kaisers wie die Natur des »Reiches« nicht eine ger- manische Unterlegenheit zu verbergen; wie der Kaiser seine Krone in Rom holt, so gewinnt das Reich seine tiefste Rechtfertigung nicht aus einem germanischen, sondern aus einem römischen Gedanken. Im Reich lebt der Germane unter dem Auge und im Banne des ewigen Römers. Die größten Päpste sind die ausge- prägtesten Römer; sie lassen keinen Zweifel, daß der Germane nur so viel politischen Kredit hat, als ihm Rom zubilligt. So sehr ist der Germane des Reichs das Geschöpf Roms, daß ihn Rom sogleich aufs schmählichste zu demütigen vermag, wenn ihn die Lust der Unabhängigkeit befällt: es mischt die Kräfte des Welt- laufs dergestalt, daß das Ende ein Gang nach Canossa oder gar zum Schafott auf einem italienischen Marktplatz sein wird. Im Rahmen des Reiches hängt der Germane unentrinnbar an römi- schen Fäden; er spielt darin jene Rolle, die ihm der ewige Römer zugedacht hat. Er ist »imperial« nicht aus eigener, sondern aus erborgter Kraft; er ist das Werkzeug eines Herrschaftsgedankens, den ihm der ewige Römer dargereicht hat. Er verwirklicht keinen germanischen Ordnungswillen: indem er herrscht, dient er Rom.

11.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war das S chwert des ewigen Römers gewesen; es war die Ehrenstellung, die dem germanischen Barbaren dafür eingeräumt worden war, daß er in

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Roms Dienste trat. Die Krönung Karls des Großen im Jahre 800

in Rom hatte das symbolkräftig zur Darstellung gebracht; jede

spätere Kaiserkrönung bestätigte, daß sich an dem Grundverhält- nis zwischen Römer und Barbar nichts geändert hatte. Das Reich

suchte im Weltlichen so weit zu greifen, wie die una sancta im Geistlichen vorangekommen war. Auch als das »Reich« weit hin- ter der Kirche zurückgeblieben war, hielt es doch an der ehr- geizigen Hoffnung fest, den Vorsprung eines Tages wieder auf- holen zu können; in Karls V. »Reich«, in dem die Sonne nicht unterging, war das »Reich« noch einmal fast so weiträumig ge- worden, wie es die Kirche war. Nie mehr hat der ewige Römer

so unbestrittene Herrschaft ausgeübt wie in den Zeiten des mittel- alterlichen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Freilich hatte der Barbar seinen besonderen Eigensinn; weil er über die Schärfe des Schwertes verfügte, fühlte er sich zuweilen versucht, an seinem Herrn sein Mütchen zu kühlen: der sacco

di Roma war eine rechte Barbarentat gewesen.

So sehr nun gewiß die Christianisierung die Germanen römi- schem Einfluß unterwarf, so verschaffte sie doch zugleich auch dem ewigen Juden Eingang in die nordischen Sümpfe und Wäl- der. Christus behält unter jedem Himmelsstrich seine besondere jüdische Logik, und auch als blondhaariger und blauäugiger Heliand hat er neben seinem römischen Auftrag seinen jüdischen Hintersinn. Heliand ist als jüdisch-römischer Germane ein Zwit- ter, wie es ein konstitutioneller Fürst oder ein liberalisierender General ist. Als die katholische Kirche im Zuge ihrer Verweltlichung einen solch hohen Grad römischer Reinheit zurückgewonnen hatte, daß sich gegen so viel römische Ausschließlichkeit germanische Ur- instinkte mobilisieren ließen, segelten die jüdisch-christlichen Elemente unter dem Winde germanischer antirömischer Affekte; der ewige Jude verbündete sich mit dem deutschen Barbaren gegen den ewigen Römer. Das gab ihm, der in der Blütezeit des Heiligen

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Römischen Reiches Deutscher Nation im Getto ein entrechtetes Dasein geführt hatte, eine große Chance. Er gewann eine un- geahnte Handlungsfreiheit, wenn er die Meutereien gegen die römische Ordnung mittelbar oder unmittelbar, heimlich oder offen begünstigte; jeder Einbruch der ökonomischen Vernunft in den Geltungsbereich der theologischen und rechtsschöpferisch- reichsbildenden Vernunft verbreiterte den Boden, auf dem er zu Hause ist und erfolgreich zu operieren vermag. Wo die ökonomische Vernunft vordrang, entfesselte sie sogleich gesell- schaftliche Gegensätze; sie war wie ein schneidendes Messer, das den unter römischem Formgcsetz ständisch gestalteten Gesamt- organismus sozial zerstückelte, nachdem er schon in religiöse, politische und volkliche Einzelbestandteile zerfallen war. »Dieses gekreuzte Christentum«, so fährt Nietzsche in jenem Aphorismus aus seinem Nachlaß fort, »hat im Katholizismus eine Form gefunden, bei der das römische Element zum Übergewicht gekommen ist: und im Protestantismus eine andere, bei der das jüdische Element vorherrscht. Das liegt nicht daran, daß die Ger- manen, die Träger der protestantischen Gesinnung, den Juden verwandter sind, sondern daß sie den Römern fernerstehen als die katholische Bevölkerung Südeuropas.« Die schweizerische Reformation war gewiß keine »Judenmache«, aber der ewige Jude hatte seine Hand im Spiele. Der Verlauf der elementaren Dinge nahm eine Wendung, bei der der ewige Jude mit Gewinn abschnitt. Gegen die päpstlichen Römer führte Luther den haßgeladenen Juden Paulus ins Feld; das Alte Testa- ment wurde über die Tradition gestellt, an der der Geist Roms schöpferisch mitgewirkt hatte. Die deutsche Reformation knüpfte die jüdische Leine, die der Renaissancerömer eben hatte abstreifen wollen, wieder kürzer. Man weiß, wie Max Weber Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus mit dem reformatorischen Um- bruch in Zusammenhang brachte. Man stößt hier auf die Spuren des ewigen Juden, dessen ökonomischer Ratio durch die Refor-

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mation der Weg freigegeben wurde. Die protestantischen Völker wurden demgemäß auch die eigentlichen Träger des kapitalisti- schen Fortschritts. Die Vorliebe einiger reformatorischer Zeit- abschnitte für alttestamentliche Vornamen, die Neigung reforma- torischer Völker für alttestamentliche Gleichnisse und Anspie- lungen, für das prophetische Pathos und den Herrn Zebaoth, legen die Beziehungen bloß, die den protestierenden Barbaren mit dem ewigen Juden verknüpfen. Die Zerstörung der kirchlichen Einheit war ein vernichtender Schlag gegen die imperiale Stellung der römischen Ordnungs- gewalt ; infolge der Reformation überflügelte in Deutschland der ewige Jude den. ewigen Römer. Der ewige Jude heimste ein, was der ewige Römer verlor. Durch die innere Stoßrichtung der Reformation mußte not- wendigerweise auch die germanisch verwässerte Abwandlung der römischen Imperiumsidee, das »Reich«, getroffen werden. Aus dem gleichen Grunde, aus dem die Reformation kirchliche Meu- terei war, war sie Revolution der Fürsten gegen den Kaiser. Die Schwächung der kaiserlichen Macht tat — wie es die Schwächung der päpstlichen Macht getan hatte — der universalen Autorität Roms Abbruch. Die fürstliche Libertät, das protestantische Ge- wissen und das neue geldwirtschaftliche Denken waren verschie- dene Seiten einer einheitlichen Sache; der souveräne Landesherr, sein Hofprediger und sein Hofjude waren die aufständischen Akteure, die in Deutschland Rom politisch, kirchlich und geistig Boden abgewonnen hatten. Die Städte fielen der Reformation zu, weil sie den guten ökonomischen Braten rochen, den ihnen der Jude im Hintergrunde in die Küche trieb. Was für die Kirche die Häresie ist, ist für das Reich die Libertät; Konfessionen zerbröckeln die Kirche wie souveräne Staaten das Reich. Luthertum, Kalvinismus, Anglikanismus und im entspre- chenden Abstand Gallikanismus sprengen die römische Kirche, wie die deutschen Landesfürstentümer, die unabhängige Schweiz, die

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abgefallenen Niederlande, die Nationalstaaten England und Frank- reich das Reich gesprengt haben. Die protestantischen Landeskirchen und die souveränen Länder waren gewissermaßen »geronnene« Zwischenstufen des allgemei- nen Auflösungsvorgangs, von dem die kirchliche und die weltliche Ausprägung des überlieferten römischen Imperiumsgedankens be- fallen worden war. Sie waren nicht eigenwüchsige Bausteine einer neuaufstrebenden deutschen Herrschaft; in ihnen lebte kein deutsches Prinzip, das sich dem römischen Ordnungsgedanken gleichwertig hätte entgegensetzen können. Meuterer verstanden ihren Teil an der Beute in Sicherheit zu bringen: das war alles. In der Begegnung mit der imperialeii Figur des ewigen Juden war der aufständische deutsche Barbar ebenso kurzsichtig und pro- vinziell wie zuletzt wehrlos; in der Empörung gegen den ewigen Römer durchschaute er nicht, wie gefährlich die Nachbarschaft des ewigen Juden für ihn war. Die kapitalistische Weltbewegung war nicht germanische Eigenbewegung; der »ewige Jude« hatte den Anstoß gegeben. Der deutsche Barbar entfaltete seine un- geschlachte Kraft in der von außer her empfangenen Stoßrichtung; in der Weite und Großräumigkeit, in die er dabei geriet, schwang der Rhythmus jüdischen, nicht derjenige seines eigenen Wesens. Die kapitalistische Entwicklung brach seit der Reformation über den deutschen Barbaren wie ein dunkles Schicksal herein, das ihn in die Höhe und die Ferne schleuderte und dessen Geheimnis er nie begriff. Der Bauernaufstand, den die Reformation ausgelöst hatte, war die Auflehnung der germanischen Ursubstanz im Zustande ihrer ungebrochenen Ursprünglichkeit; er setzte sich schlechthin gegen alles Überfremdende zur Wehr und war gegen den ewigen Juden so mißtrauisch wie gegen den ewigen Römer. Diese elemen- tare Unbedingtheit wurde ihm zum Verhängnis; in ihrer Radika- lität jagte sie der Reformation selbst keinen geringen Schrecken ein. Der reformatorische Ehrgeiz wollte sich damit begnügen,

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sich in den Winkeln des ererbten christlichen Kulturbaus selb- ständig machen zu können; ihn lockte keineswegs das Wagnis, das abendländische Haus abzutragen und durch einen rein ger- manischen Neubau zu ersetzen. Der rebellierende Bauer war der Barbar, der sich gegen die Leitung durch jede fremde imperiale Figur auflehnte; darum war der deutsche Bauernaufstand eine jener seltenen Revolutionen, die nicht nach dem Geschmack des ewigen Juden waren. Noch Mar- xens Freund Engels hatte sich mit jenen aufrührerischen Bauern nicht ausgesöhnt; er zerstörte die »Legende« des bäuerlichen Hero- ismus, indem er die kämpfenden Bauern nur als »Reaktionäre« gelten lassen wollte. Die Niederwerfung des Bauernaufstandes kam vor allem dem ewigen Juden zugute; der völkische Rohstoff, der in seiner revo- lutionären Unabhängigkeit in die jüdische ökonomische Welt- erfassung nicht einzuordnen war, wurde nunmehr gefügig und nutzbar. Der schreckliche Aderlaß, den das fürstliche Strafgericht an den Bauern vornahm und den Luther guthieß, brach die Wild- heit der deutschen Unmittclbarkeit so nachhaltig, daß in Deutsch- land von nun ab keine von außen hereingreifende imperiale Ten- denz mehr auf unbesieglichen Widerstand stieß. Der ewige Jude, der den Wettstreit mit dem ewigen Römer auf deutschem Boden aufnahm, hatte forthin ein leichtes Spiel. Die trotzige Selbst- sicherheit des Barbaren, die dieser zur Schau trug, als er den Römer schwach gesehen hatte, war wieder geknickt; er war aufs neue lenkbar geworden. Der erste Abschnitt jenes »Vcrarbeitungs- prozesses«, der allmählich den Bauern zum Proletarier der kapita- listischen Gesellschaft »verdünnte«, war »erfolgreich« abgeschlossen. Der Einbruch des Römischen Rechts in Deutschland erleich- terte und beschleunigte diesen Prozeß. Obschon er die getarnte Rückkehr des ewigen Römers zu sein schien, und es auch zweifel- los in gewissen Grenzen war, wurde das Römische Recht doch eines der folgenschwersten Werkzeuge des jüdischen Imperialis-

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mus. Das Römische Recht löste den Bauern von seiner Scholle, »mobilisierte« ihn und machte ihn auf diese Weise zum ohn- mächtigen Spielball der jüdisch-ökonomischen Ratio.

12.

Indem nun der ewige Jude ins große Spiel kam, nahm sowohl der Kampf der Sondergebilde und Sondergewalten untereinander wie ihr Aufstand gegen die imperialen Gefüge Kirche und Reich den Charakter einer Auseinandersetzung zwischen den zwei im- perialen Figuren, dem ewigen Römer und dem ewigen Juden, an. Der imperiale Gesichtspunkt ist stets der höhere, umfassendere, »langlebigere«. Mag er anfänglich kaum erkennbar sein, so setzt er sich doch im Laufe der Zeit unaufhaltsam durch; er ordnet sich mit Zwangsläufigkeit die engeren, örtlichen, provinziellen Gesichtspunkte unter. Da die deutsche Reformation ein imperiales Prinzip nicht aus sich hervorbrachte, wurde sie schließlich einem schon vorhandenen imperialen Prinzip Untertan. Sie begann wohl als deutsche Auflehnung gegen die Institutionen schaffende und theologische Ratio Roms, trieb aber dann das deutsche Volk der ökonomischen Ratio in die Arme, die sich in der gigantischen Schöpfung der kapitalistischen Gesellschaft entfaltete. Den Erfolg des ewigen Juden machte es aus, daß sich die ökonomische Ratio Provinz um Provinz eroberte und daß sie dabei die zwingende Kraft der theologischen und rechtsschöpferisch-staatsgestaltenden Ratio allmählich aufzehrte. Die theologische Ratio blieb am Ende als eine unzeitgemäße Kuriosität zurück: eben im Fort- schritt der ökonomischen Ratio säkularisierten sich der Mensch, sein Denken und seine Weltschau. Gleichzeitig wurde auch das antik-römische Erbe der rechtsschöpferisch-staatsgestalte- rischen Ratio vertan; sie galt nur noch bedingungsweise, inso- weit ihr die ökonomische Ratio Platz ließ: so verwirtschaft- lichten Staat und Politik. Wie das Mittelalter die Zeit des ewigen Römers ist, so beginnt mit der Zeit der Reformation die Zeit des

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ewigen Juden; auf den Schultern des aufständischen Barbaren stieg er empor. Wie aber auch die Gewichte damals verteilt worden sein moch- ten: der Kampf der zwei imperialen Figuren ging unentwegt weiter und bezog allmählich die ganze Menschheit in sich ein. Die Völker sind wie Bauern auf dem Schachbrett; ein Zug dauert zuweilen hundert Jahre, und wenn einer der Bauern ausfällt, so bedeutet das Blut, Tränen, Elend und Untergang Tausender und aber Tausender. Vom Gesichtspunkt der imperialen Figuren aus ist die Geschichte ein Wirrsal mannigfacher Umwege, auf denen nur im Schneckentempo voranzukommen ist: die imperialen Fi- guren brauchen Zeit und geben auch bei Rückschlägen keine Partie auf, weil sie nicht daran zweifeln, Zeit zu haben.

Masken

13.

D ie neuzeitliche Gestalt des ewigen Römers ist der Jesuit. Der

Jesuit erschöpft nicht die römische Fülle, aber er bringt den römischen Gehalt auf eine zeitnotwendige Formel. Er ist der Held der Gegenreformation; er eroberte Rom wieder einen Teil des Bodens zurück, den es an die Reformation verloren gehabt hatte. Loyola nahm den Fehdehandschuh auf, den Luther der römischen Welt vor die Füße geworfen hatte. Der Jesuit begibt sich auf den Kriegszug gegen die germanischen Barbaren; es ist ein Vor- gang kriegsmäßiger Anpassung, daß er sich in eines der barbari- schen Gewänder hüllt: in das Gewand des »Soldaten«. Was der Legionär, der Provinzen eroberte, für das alte Rom war, wurde der Jesuit für das christliche Rom. Der Jesuit trägt das Kleid des Kriegers mit weltmännischer Eleganz; so verrät er, daß hinter ihm immer noch etwas mehr steckt als nur ein Soldat. Er kommt dem Barbaren soldatisch, um diesen nicht merken zu lassen, daß er höchst unsoldatische Hinterabsichten im Schilde führt.

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Zu tief ging die germanische Empörung gegen Roms »Miß- stände«, seine antik-weltliche Verheidung; der Jesuit mußte sich den Anschein geben, als ob er, »soweit sie berechtigt sei«, ihr Rechnung trage. Rom mußte auf den protestantisch-jüdischen Anruf eine katholisch-jüdische Antwort geben. Der Jesuit erteilte diese Antwort. Er wurde so viel Jude, als er das Christentum wieder ernst nahm. Die Spannung gegen das Jüdische blieb aber nichts destoweniger weit genug, daß er sich zugleich auch ferner- hin als den großen Gegenspieler des Juden empfinden durfte. Er übersetzte die Sprache des römischen Cäsars, die unter LeoX. im Vatikan heimisch geworden war, wieder in die Mundart, die der jüdische Messias seinem irdischen Stellvertreter als Vermächt- nis hinterlassen hatte. Er band dem herrischen Antlitz des kirch- lichen Imperators die Maske der leidenden Knechtsgestalt vor. Er suchte den Juden wieder zu überspielen; nachdem der germa- nische Barbar nach dem Alten Testament und den Propheten Ver- langen trug, sprang der Jesuit nicht weniger freigebig damit um, als es der reformatorische Pfarrer tat. Auch der deutsche Bedarf nach Paulus setzte ihn in keine Verlegenheit. Der Jesuit ist die jüdische Grimasse des Römers im selben Sinne, in dem der Pastor die jüdische Grimasse des Barbaren ist. Er ist darauf abgerichtet, jede reformatorisch-jüdische Spitzfindigkeit durch eine römisch- jüdische zu übertrumpfen. Er stopft seine römische Sache in schlechthin jede jüdisch schillernde Haut, in der sie unter nordi- schen Häretikern an den Mann zu bringen ist. Wenn ihm nicht der Zweck die Mittel heiligte, hätte er seine Existenzberechtigung verloren; es ist nicht nötig, daß er sich ausdrücklich zu diesem Grundsatz bekennt: aber der Grundsatz ist die Essenz jesuitischen Daseins und jesuitischer Bewährung. Die protestantische Rebellion hatte der kirchlichen Institution das Recht des freien Gewissens entgegengeschleudert; der moderne Individualismus hatte damit in das geschlossene System der römi- schen Ordnung eine Bresche geschlagen. Diesem Individualismus,

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der eine barbarische Ungebärdigkeit war, aus deren Deckung der ewige Jude je länger desto wirksamer seine eigenen Pfeile gegen Rom abschoß, war nur beizukommen, wenn man ihn »individuell« am Schöpfe packte; der Jesuit wurde so weit Individualist, als es nötig war, dem Individualismus das Wasser abzugraben. Er hatte dem Abtrünnigen wieder den hierarchischen Gedanken schmackhaft zu machen; er mußte zu diesem Zwecke den Fein- heiten des »stolzen protestantischen Gewissens« hinter die Schliche kommen, um durch die überlegenere und gewandtere »Gewissen- haftigkeit« der Kasuistik alle widerstrebenden Gewissensbedenken beschwichtigen zu können. Er mußte dafür geschult sein, den Häretiker mit seinen eigenen Waffen zu schlagen; er mußte schon von vornherein wissen, wo den Häretiker der Schuh drückte, um sogleich das Mittel bereit zu haben, dessen Schmerz zu lindern. Auf schlechthin jede Situation mußte sich der Jesuit so gründlich ver- stehen, daß am Ende immer die Sache Roms durch ihn zum Siege kam. Er konnte hier nicht gebildet, listig, intrigant, dort nicht unerbittlich, brutal und grausam genug sein. Er wurde zum Got- tessoldaten, der sich in jedem Falle mit tapferster Elastizität so schlug, wie es die Lage der Sache gebot. Er hatte keine starre Physiognomie und kein verknöchertes Reglement; er paßte seine Methoden immer den Umständen an. So verhielt sich der Jesuit der einzelnen häretischen Seele gegen- über; so aber war auch die Politik, die er den häretischen Völ- kern gegenüber entwickelte. Ließen sie sich nicht bekehren, muß- ten sie mit Feuer und Schwert überzogen werden. Das viel- zitierte Wort des Legaten Aleander in Worms: »Wenn Ihr Deut- schen auch das päpstliche Joch abwerfen werdet, so wollen wir doch schon dafür sorgen, daß Ihr Euch selbst untereinander auf- reiben und in Eurem Blute ersticken sollt« — dieses Wort hätte auch ein Jesuitengeneral sprechen können. Als Wallenstein das deutsche Volk hatte befrieden und einen billigen konfessionellen Ausgleich herstellen wollen, fädelten die Jesuiten das Bubenstück

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ein, dem der große deutsche Feldherr dann in Eger zum Opfer fiel; das Maß des Blutes, das das häretische deutsche Volk bis dorthin vergossen hatte, tat ihnen noch lange nicht Genüge. Der jesuitische Beichtvater katholischer Fürsten wurde der Gegen- spieler des Hofjuden protestantischer Landesväter. Der Jesuit ist eine Erscheinung des römischen Not- und Aus- nahmezustandes; Rom ruht nicht mehr stark und selbstsicher in seiner eigenen Kraft; es hat besondere Maßnahmen nötig. Der Jesuit ist der ewige Römer im Zustande kämpferischer Ver- krampftheit. Der Jesuit, der gegen die moderne Zeit, die aus ihrem Schöße die Häresie gebar, zu Felde zieht, ist selbst ihr Kind. Er steht mit der zynischen Unbefangenheit eines Renaissancemenschen über der Glaubensüberzeugung, aber verteidigt sie nichtsdestoweniger mit heiligem Eifer. Nicht der Glaubensinhalt, sondern die römisch- hierarchische Herrschaftsordnung ist seine eigentliche Sache. Der Wandel der Dinge liegt darin, daß die römisch-hierarchische Herr- schaftsordnung nur noch zu retten ist, indem man sie aus dem jüdisch-christlichen Glaubensgut legitimiert; der Jesuit ist ihr »Kronjurist«, der sie, sooft sie es nötig hat, mit Hilfe der Theo- logie immer wieder ins Recht setzt. Aus römisch-machiavellisti- schen Gründen ist er der Soldat des Juden Jesu; die römische Ordnung erntet die Früchte der Siege, die der Jesuit unter dem Banner Jesu erficht. Machiavelli hat keine gelehrigeren Schüler gehabt, als es die Jesuiten sind, die es »gleich dem Fuchse« ver- stehen, ihre Rolle durch geschickte Wendungen meisterhaft zu verstecken. Der Monarchomachismus, von Mariana und Bellar- min gutgeheißen, ist die kühnste Nutzanwendung, die die Jesuiten aus dem Machiavellismus zogen. Gerade hier verriet der römische Standort am offenherzigsten, wessen er fähig sei, wenn er seine Verteidigung organisieren muß. Der Jesuit ist seit der Reformationszeit die reinste und verdich- tetste Form des imperialen Willens des »ewigen Römers«. Der

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Jesuit ist der ewige Römer, der sich in den Waffen geschult hat, mit denen es sein Gegenspieler, der ewige Jude, überraschender- weise zu etwas gebracht hat. Beide setzen den Krieg um den hohen Preis der Weltherrschaft fort, der seit den Tagen des Ur- christentums zwischen Rom und Juda tobt. Sie stehen auf Höhen, operieren in Horizonten, rechnen mit Zeiträumen, die sie bisher allen Fürsten, Nationalstaaten und Völkern überlegen gemacht haben; während diese wähnten zu schieben, waren sie immer nur die Geschobenen jener beiden imperialen Figuren.

14.

Der Kalvinismus und vor allem sein Kind, der angelsächsische Puritanismus, waren noch viel durchgreifender mit dem Geist des Alten Testamentes gesättigt, als es das Luthertum war. Sie blickten auf das Weltgeschehen mit den Augen der Erzväter, der Prophe- ten und Makkabäer; sie fühlten sich von der himmlischen Vor- sehung aufgerufen, die Verheißung Israels an sich zu reißen. Der stürmische Atem der englischen Revolution entpuppte sich zu guter Letzt als der kühle, eiskalte Hauch der ökonomischen Ratio; diese behauptete das Feld und setzte England an die Spitze jener Entwicklung, durch welche Europa in ein Handelskontor ver- wandelt wurde. Das Hauptbuch, welches den irdischen Ge- winnsaldo auswies, wurde zum ehrwürdigen Gegenstück der Bibel, die die Gewißheit des himmlischen Lohnes in sich trug. Die Menschheit ausschließlich als Ausbeutungegenstand und Bereicherungsquelle für England zu betrachten: das war im Sinne der jüdischen Eschatologie gedacht. England bildete sich zum Imperium der ökonomischen Ratio empor; der ewige Jude bekam durch das britische Weltreich in ähnlichem Sinne ein Schwert in die Hand, in dem das sacrum imperium, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, Schwert des ewigen Römers gewesen war. Der Sache des ewigen Römers nahm sich gegenüber der auf- strebenden britischen Weltmacht anfänglich die spanische Welt-

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macht an; wie sie in Deutschland gegen die Protestanten, in Hol- land gegen die Kalvinisten kämpfte, so verwickelte sie sich in einen Krieg mit den englischen Häretikern. Irland war der römi- sche Pfahl im englischen Fleisch; der englische Vernichtungskrieg gegen die grüne Insel traf den Feind, der sich auf der Schwelle des britischen Hauses eingenistet hatte. Die Enthauptung der Maria Stuart hatte England davor bewahrt, auch noch vom Norden her römisch umklammert zu werden. Die englische Katholiken- gesetzgebung machte offenkundig, in welch tiefem Verstande England den weltgeschichtlichen Sinn seines Kampfes mit Spanien begriffen hatte. Der Priesterherrschaft wurde durch die Herrschaft des Handelsmannes Grenzen gesetzt. Inmitten der Wirbel der englischen Revolution und der Kriege gegen Spanien wurde die Gestalt des Gentlemans geboren. Er ist ein Mischling, ein Bastard: der Geist des Wikingers kreuzt sich in ihm mit dem Geist des ewigen Juden. Der Wikinger, das barbarische Element, schießt das Herrengefühl bei, die aristokra- tische Haltung, den individualistischen Stolz, die Bereitschaft zum ritterlichen fair play, die unbändige Erobererlust, das Räubertum und die grobe Brutalität; der ewige Jude bringt das Sendungs- bewußtsein hinzu, die Leidenschaft des Gelderwerbs, den ökono- misch-rechnendcn Sinn, den händlerischen Ehrgeiz. Der Gentle- man hat nicht die Allgemeingültigkeit der reinen imperialen Figur; er hat noch zu viel erdgebundene »barbarische« Elemente, zu viel »Blut und Boden« in sich; er reicht jedoch fast bis zu dieser Höhe hinauf. Das englische Volk fand in ihm sein besonderes Wesens- leitbild ; zugleich war er weltgängig genug, um in allen Erdteilen wenigstens »in Mode kommen zu können«.

15.

Als der dritte Stand in Frankreich die feudale Gesellschafts- und Staatsordnung stürzte, betrat der Citoyen die geschichtliche Bühne.

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Jede Revolution entbindet Urelemente, holt völkisches Urge- stein ans Licht. Wie die englische Revolution den Wikinger wach- gerufen hatte, so erweckte die französische Revolution aus dem Blute des französischen Volkes den antiken civis romanus zu neuem Leben. Aber sie hauchte der aufgerührten Ursubstanz so- gleich die ökonomische Ratio ein; diese war das bewegende Prin- zip des wiederauferstandenen »römischen Bürgers«. Der ewige Jude war in den Leib des antiken Römers geschlüpft: das eben er- gab den Citoyen. Unter der Maske des antiken Römers tat er dem ewigen Römer Abbruch: es war das riskanteste Abenteuer, auf das sich der ewige Jude jemals eingelassen hat. Die Sache des ewigen Römers hatte sich im Laufe der Jahr- hunderte so untrennbar mit der Sache des christlichen Rom verknüpft, daß am Ende die antichristlich gefärbte Erweckung des Lebensgefühls der römischen Antike paradoxerweise dem »ewi- gen Juden« zugute kam. Die Französische Revolution war in ähnlichem Sinne ein jüdischer Erfolg, in dem es etliche Jahrhun- derte zuvor die deutsche Reformation gewesen war. Die Auf- klärung, deren Boden die Ideen von 1789 entsprossen waren, hatte alle Institutionen, Traditionen und Privilegien, die der Ent- faltung der ökonomischen Vernunft im Wege standen, »prinzi- piell« zersetzt. »Englische Ideen« hatten anfänglich die Französische Revolution befruchtet; über den Kanal her unterwühlte die ökonomische Ratio den Boden, auf dem die romgebundene französische Mon- archie stand. Beispielgebende, aufrüttelnde Impulse der Revolution waren gleichzeitig von Nordamerika her, von den Unabhängig- keitskriegen der »Neuen Welt«, nach Frankreich geströmt. Das monarchische Frankreich hatte diese Kriege unterstützt, um dem wirtschaftlich aufblühenden England Abbruch zu tun; in Wahr- heit legte es damit die Axt an die eigenen Fundamente. Der englisch-amerikanische Krieg war ein häuslicher Krieg; allein zwei verschiedene Entwicklungsstufen der ökonomischen

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Ratio setzten sich feindselig auseinander; für Rom gab es dabei nur wenig zu holen. Der »ewige Jude« witterte, daß er in Amerika freiere Bahn habe als in England und er wollte ungehemmten Gebrauch davon machen. In England banden ihn Traditionen und allerlei unbequeme Spielregeln: da mußte er Gentleman sein. Der Gentleman ist der ewige Jude, der das englische Gesicht wahrt:

in Amerika erspähte der ewige Jude eine Möglichkeit, das eng- lische Gesicht loszuwerden. DerYankee ist um vieles mehr jüdisch und um vieles weniger englisch, als es der Gentleman ist; er ist der Gentleman, der sich erheblich mehr jüdisch gehen lassen darf. Der Unabhängigkeitskrieg verschaffte Amerika die Freiheit, den Gentleman durch den Yankee abzulösen. Der Sieg Amerikas über England verstärkte die ökonomischen Tendenzen, die in England bereits vorherrschend waren und die nunmehr auch Frankreich in ihren Strudel rissen. Das mon- archische Frankreich hatte durch Lafayette das Spiel seines Feindes unterstützt, ohne es zu merken; die Suppe, die es sich damals eingebrockt hatte, mußte es auslöffeln, als Lafayette später einer der Helden jener Revolution wurde, die Frankreichs Tore dem ewigen Juden öffnete.

16.

Die gesellschaftliche Gestalt, die dem Zeitalter der ökonomischen Ratio das Gesicht gibt, ist der Bürg er. Der Bürger ist ein Pro- theus, der mit jedem Himmelsstrich Temperament, Blickweite, Willensschwungkraft und physiognornischen Ausdruck ändert. Wo der Bürger in einer nationalen Umwelt ursprünglich wurzelt, ist er Verschmelzungsprodukt des wesentlichen völkischen Ur- elements seines Landes mit der ökonomischen Vernunft; er ist zugleich immer auch ein Stück ewiger Jude. Der »Bürger« ist ein Gattungsbegriff, der eine Reihe von Unterarten in sich begreift:

den Gentleman, den Yankee, den Citoyen, den Bourgois. Die ökonomische Vernunft revolutioniert die Welt der Dinge; diese werden unter einen völlig neuen Gesichtspunkt gerückt und

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ändern so von ihrem Kerne her ihren Sinn. Für die rechtsschöp- ferischc Vernunft waren die Dinge Reserven staatlicher Selbst- behauptung und politischer Machtentfaltung gewesen; der Ein- zelne nutzte sie gewissermaßen auf Grund einer Vollmacht, die das Maß seiner Verantwortung für das politische Machtgebilde in ein gerades Verhältnis zu dem Umfang seines persönlichen Be- sitztums stellte; er verwaltete sie nach der Ordnung des Gemein- wesens. Die theologische Vernunft hatte die Dinge als Stoff, Werkzeuge und Zeichen gewürdigt, durch die der Wille Gottes hindurchwirkt; der Mensch empfing die »irdischen Güter« als un- verdiente Geschenke, die ihn, wenn er des schuldigen Dankes vergaß, in Versuchung führten. Hier wie dort waren die Dinge in eine übergreifende Bindung einbezogen; dem »Eigentümer« waren sie nur »übertragen«; er hatte, sei es einer irdischen, sei es einer metaphysischen Instanz, »Rechenschaft« über rechten Ge- brauch abzulegen. Die ökonomische Vernunft löst das Ding aus jeder Art über- greifender Bindung los; seine wirtschaftliche Verwertbarkeit ist insoweit beeinträchtigt, als es noch nicht bedingungslos freischwc- bend ist. Es wird Ware, deren einzige maßgebliche Qualität ihr Preis, ihr Geldwert ist und die in jede Hand gelangen und in jede Tauschaktion eingesetzt werden kann. Das Individuum, das der ökonomischen Vernunft als Instrument verfiel, beansprucht die unbeschränkte Verfügungsgewalt über das Ding; dieses wird Privatsache, »Privateigentum«. Als Gegenstand, der durch recht- lich-staatliche Vollmacht überlieferte m Gebrauch lehensmäßig überlassen wurde, ist das Ding geadelt, als göttliches Geschenk ist es geheiligt, als Privateigentum aber ist es Spielball jeder Laune und Willkür, jeder dunklen Triebregung. Es ist »unheilige Ehr- furchtslosigkeit« vor dem Ding, es zur privaten Sache zu »ernied- rigen« ; diese Ehrfurchtslosigkeit vor dem Ding wird aber jeder Kritik entrückt, indem gerade sie als die moderne Erscheinungs- weise des Heiligen ausgedeutet wird: heilig ist das private Eigen-

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turn. Das Heilige ist ursprünglich eine Kategorie, die unabhängig von menschlich-individuellem Gutdünken und menschlich-indi- vidueller Zubemessung ihren Rang in sich selbst trägt; solange niemand nachrechnete, wann und wie es zur Entstehung heiliger Gehalte, Werte und Güter kam, stand soviel wie »objektiv« fest, was heiligmäßig sei und was nicht. Nunmehr drängt sich die sub- jektive Willkür vor; sie bestimmt, was als heilig zu gelten hat. Das Heilige wird eine Bewertungsart, die nicht mehr verbirgt, daß sie der individuellen Selbstsucht zu Willen ist; nach Zweck- mäßigkeit und offener Vorteilserwägung wird von dieser Be- wertungsart Gebrauch gemacht. Aus dem Bereich der theologi- schen Vernunft raubt die ökonomische Vernunft die Kategorie der Heiligkeit; von ihrer Herkunft her ist diese Kategorie mit so vielen geheimnisvollen, gemütserregenden, sinnverwirrenden Kräften aufgeladen, daß sie auch im Mißbrauch noch ihren magi- schen Zauber ausübt. Das unheilige Privateigentum erscheint so- gleich heilig, wenn genug Privateigentümer vorhanden sind, die es geheiligt wissen wollen, d. h. wenn die ökonomische Ratio sich nur erst ausreichend eingenistet hat. Wo sie die theologische Vernunft verdrängt hat, übernimmt die ökonomische Vernunft die Zuständigkeit zur Heiligsprechung: sie illuminiert das heilig- mäßig heraus, was gerade dadurch entwürdigt und entheiligt wurde, daß es privatisiert worden war. Rechtsschöpferische, theologische und ökonomische Vernunft verkörpern sich, jede auf ihre Weise, in einem bildhaften Nieder- schlag und in einer wesensgemäßen Institution. Gesetz, Dogma, Geld sind der ihnen zugewiesene Niederschlag, Staat, Kirche, Privateigentum die dazu gehörenden Institutionen. Gesetz und Staat ordnen, Dogma und Kirche binden; sie stim- men darin überein, daß sie Grenzen ziehen, Richtung geben, Wege vorschreiben, Ziele setzen, Haltung fordern, in Zucht nehmen und in Form zwingen, hierarchisch gliedern. Geld und Privat- eigentum hingegen stellen jeden auf eigene Füße, zwingen zur

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wilden Konkurrenz aller gegen alle, entfesseln das Chaos des freien Spiels der Kräfte. Indem sie die Welt in einen Sandberg von Privatsachen zermahlen, setzen sie zugleich alle Privatsachen gegeneinander in Bewegung. Der Beginn dieses Zermahlungsprozesses ist die Liberalität des Denkens: der Geist darf sich Abweichungen von den über- lieferten Pfaden erlauben, er darf bezweifeln, was über allem Zweifel erhaben war, und darf fragen, wo bisher jede Frage ver- stummen mußte. Die Liberalität des Denkens legt bereits Grenzen nieder und blickt »über die Zäune«; sie erschließt weitere Hori- zonte. Indem sie einreißt, erweitert sie den Bewegungsspielraum. Sie hebt zwar die ökonomische Ratio noch nicht in den Sattel, treibt indes doch schon die theologische Vernunft in die Enge; von der Souveränität, mit der sie über Gedanken schaltet, ist nur noch ein kleiner Schritt zu der ändern Souveränität, mit der die ökonomische Vernunft über die Güter dieser Welt verfügt. Die Liberalität des Denkens vertreibt die theologische Vernunft aus ihren Stellungen; sie kann es alsdann nicht hindern, daß sogleich die ökonomische Vernunft nachdrängt und sich darin heimisch macht. Die liberalen Gedanken sind die behenden Schwalben, die den Sommer des Bürgers ankündigen; sie sind das frühe Morgen- rot, das dem bürgerlichen Geschichtstag voranleuchtet. Die ökonomische Vernunft scheitert zuerst an Schranken mannigfachster Art; sie ist von unerschöpflich produktiver List, diese Schranken zum Weichen zu bringen, beiseite zu räumen. Die Ideen der Humanität, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Werkzeuge, mittels deren sich die ökonomische Ver- nunft freie Bahn brach; sie waren der Paß, auf den hin der Bür- ger sich anfänglich den vollberechtigten Eintritt in die Welt, dann die Herrschaft über sie erzwang. Der feudale Staat war aufs innigste mit den Einrichtungen der christlichen Kirche verwachsen gewesen; er war in allen seinen nationalen Schattierungen das Instrument des Einflusses, den sich

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der ewige Römer auf die abendländischen Völker gesichert hatte. »Thron und Altar« dienten einander und verbürgten sich gegen- seitig ihren Bestand. Die ständischen Vorrechte widerstrebten in mehr als nur einer Hinsicht der »ökonomischen Vernunft«. Die Freiheitsforderung erschütterte die politische Macht der Stände und des Ordnungssystems überhaupt, dem sie zuge- hörten. Der Bürger stürzte mit den überlieferten Herrschafts- formen auch die führende Herrenschicht und schwang sich an deren Stelle. Die objektive und unantastbare, die »gottgesetzte« politische Ordnung des Mittelalters stand ihm »im Wege«; er höhlte sie aus, indem er sie als »Knebelung« beklagte und seinen »Freiheits- kampf« gegen sie entfesselte. Weil sie das Individuum hinderte, »frei auszuschreiten«, sei sie des Menschen »nicht würdig« gewe- sen. Die Freiheit des Bürgers besteht darin, sich nur mit Bür- gern in die politische Macht teilen zu müssen. Die zentrale bürgerliche Idee freilich ist die Gleichheit; wer ihr Geheimnis lüftet, weiß, worauf es dem Bürger ankommt. Sie stellt den sozialen Gehalt der ständischen Gesellschaft in Frage. Menschen und Güter waren allerorts gebunden, sie waren schwer beweglich: »Immobilien« hingen dem wirtschaftlichen Ausdeh- nungswillen wie »Klötze am Bein«, so daß er nicht vorwärts kam. Die soziale Hierarchie war zugleich ein System, das nach fast unübersteiglichen Regeln des Herkommens das Maß an wirtschaft- licher Handlungsfreiheit unterschiedlich und wohlabgewogen zu- teilte. Kriegerische und höfische Verdienste der Vorfahren, uralte ersessene Rechte, gewalttätige Verletzung der Rechte des gemeinen Mannes, die durch die Zeit legitimiert worden war: auf das alles gründete sich das Gebäude der sozialen Hierarchie. Der Schlüssel der Güterverteilung war im großen und ganzen unabänderlich; jedem Stand und jedem ständischen Genossen war das Seine un- gefähr zubemessen; für geschäftliche Spekulanten, Projektemacher, »Wirtschaftspioniere« war im allgemeinen nicht viel zu holen. Im

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Sinne der theologischen Vernunft empfing jeder »von Gott«, was ihm nach Brauch und Tradition zukam; die ökonomische Ver- nunft, welche die wohlerworbenen Rechte und überlieferten Ord- nungen, an die sie ringsum aufprallte, als hemmende »Rück- stände« empfand, hatte nirgends Einbruchstellen: sogar »Wucher« konnte sie nur mit schlechtem Gewissen begehen. Die Sonder- rechte und Privilegien, deren Inbegriff die ständische Gesellschaft war, schnürten die ökonomische Vernunft ein; das »fair play«, dem sie zustrebte, war: daß jeder in gleicher Weise zu Gleichem befugt sei. Dann konnte sich zeigen, was »an einem sei«; im »freien Spiel der Kräfte« war »freie Bahn dem Tüchtigen« geschaffen. Der ökonomische Nutzen, der natürlich eingeborene Maß- stab der ökonomischen Vernunft, konnte zum Maß aller Dinge werden. Die sinnliche Form, in der sich dieser Maßstab sichtbar machen ließ, war das Geld; die Geldrechnung war die Mathe- matik der ökonomischen Vernunft. Die einzige menschliche Rang- ordnung, auf die man sich noch einlassen wollte, leitete man von der Größenordnung des Geldbesitzes ab, über den jeder verfügte:

der Reichtum, den einer erworben hatte, stand im geraden Ver- hältnis zum Ausmaß seines ökonomischen Verstandes. Da zuletzt der »ökonomische Verstand« entschied, konnte sich diese Rangordnung sogar noch als »geistige Ordnung« aufspielen. Jede menschliche Qualität, die sich nicht, wie die ökonomische Vernunft, als Geldwert realisieren läßt, wurde zur »brotlosen Kunst«, »wog nicht mehr«. Der Ablauf der bürgerlichen Gesellschaft wird dadurch gekenn- zeichnet, daß er alle außerökonomischen Qualitäten in vollem Umfange entwertet. So wird die bürgerliche Gesellschaft immer einförmiger — so einförmig, wie es das Geld ist. Der Bürger gilt soviel wie die Geldsumme, die er ererbt, verdient oder erspekuliert hat; er ist nur der Bevollmächtigte eines Geldhaufens. Das ist die Gleichheit der bürgerlichen Gesellschaft: daß sich schlecht- hin jeder Bürger in die Formel eines Geldhaufens über-

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setzen läßt. Die Verschiedenheit der Zähler ist dabei für das Wesen ohne Bedeutung; die Nennergleichheit ist es, die alle zu einer einheitlichen Masse macht, in der niemand mehr durch Charakter oder andere Eigenarten herausfordernd und aufreizend aus dem Rahmen fällt. Nicht überall, wo man Uniformen trägt, sind Krieger. Die Einförmigkeit der bürgerlichen Gesellschaft drängt zu einer Einheitskleidung, die den Bürger zu einer ebenso leicht erkennbaren, gangbaren, austauschfähigen und umwechsel- baren »Münze« macht, wie es die Geldstücke sind, mit denen er seine Taschen füllt. Es ist für den Krieger peinlich, daß die Uni- form auch die letzte Konsequenz der bürgerlichen Gleichheits- idee sein kann, daß sich diese Idee nicht am gleichen Strohhut, Zylinder, Cutaway, an der gleichen Krawatte und gestreiften Hose genug sein läßt. Die Uniform ist an sich neutral: es macht ihr wenig aus, ob sie die hinreißende Einförmigkeit kämpferischer Gesinnung oder die niederziehende Einförmigkeit ökonomischer Gesinnung »einkleidet«. Auch das gehört in den großen bürger- lichen Prozeß der Entwertung außerökonomischer Qualitäten:

daß zuletzt der Bürger sogar das soldatische Ehrenkleid entehrt, indem er schließlich selbst hineinschlüpft, um darin unduldsam die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, zu ver- wirklichen. Die Uniform des Kriegers ist Erkennungsmerkmal; man sieht auf einen Blick, in welcher Front er kämpft. Gemeinsam ist allen der Feind und der Wille zu dessen Vernichtung. Tiefer aber greift die Einförmigkeit nicht; der Krieger ist unausgeschöpfte Sub- stanz: es kann noch vieles aus ihm werden. Ein Chaos des Man- nigfaltigen wird schlagkräftig auf einen Punkt ausgerichtet, indem es unter einen Helm gebracht und in den gleichen Rock gesteckt wird. Die äußerliche Uniform deckt hier eine inhaltliche Viel- gestaltigkeit; sie ist ein Behelfsmittel zu kriegerischen Zwecken. Wenn sich der Bürger die Uniform anlegt, ist er auf seiner Endstufe angelangt; tritt er uniformiert auf, dann sieht man, daß

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er es bis in den letzten Winkel seines Wesens hinein bereits ist. Er hat keine Eigenart mehr; sie hat sich im Zählen und Rechnen und im Dienst fürs Geld verbraucht. Er ist von innen heraus genormt; es läßt sich nicht verhindern, daß er es auch von außen her werde. Antriebe und Bedürfnisse, Gefühlsregungen und Denkweisen, Willensausrichtung und geistige Blickpunkte vereinfachen sich; im Zug der Gleichheit wird der Bürger Masse. Indem er es wird, versetzt er sich auch in die politische Verfassung der Masse: auf dem Weg über die Demokratie versinkt er schließ- lich in deren korruptester Erscheinungsform: in der Pöbelherr- schaft. Die Demokratie birgt ein Geheimnis: der »Wille des Volkes« fällt zuletzt immer mit dem Interesse der Geldmacht zusammen. »Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles«: das ist der Grundtrieb der Masse, der darum überstark ist, weil er allen gemeinsam ist; er ist der eigentliche Bewegungsimpuls der Demo- kratie. Der Trieb der Masse zum Geld gelangt in der Demokratie zum Ziel, indem sie ihre Zustimmung, ihre Akklamation, gegen klingende Münze austauscht. Stimmkauf ist in der Demokratie keine »Bestechung«; er ist das reelle politische Geschäft, in das sich die Masse mit ganzem Herzen stürzt. Geldmenge läßt sich in der Demokratie in eine entsprechende Menge politischer Macht umsetzen; Geld und politische Macht sind auswechselbare Werte. Der Drang der Masse zum Geld sichert den politischen Einfluß des Geldes über die Masse: das ist ein wohlausgeglichenes Ver- hältnis. Die Stimme des »Volkes« ist durch Geld aufwiegbar; sie hat ihren Preis. Die Masse bekommt hinter sich, wer dort etwas zu leisten vermag, wo sie sich etwas verspricht. Wer auf die Masse spekuliert, um durch sie zu politischer Macht zu gelangen, muß es sich gefallen lassen, daß die Masse auf ihn spekuliert, um durch ihn zu Geld zu kommen. Der Massenmensch, dem keine gültige Ordnung mehr Stütze gibt, der nicht stehen kann, wenn er auf

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sich selbst stehen soll, ist obenauf. Er ist nichts für sich; er ist nur soviel als er »hat«; es ist ihm ein leichtes, sich preiszugeben, wenn er Geld dafür bekommt. Bei jedem solchen Geschäft ist er deshalb stets der Gewinner, weil den Kaufsummen, die er er- hält, immer noch ein höherer Wert innewohnt als ihm selbst. Die Demokratie lebt davon, daß jeder seinen Vorteil von ihr er- wartet; sie ist eine politische Ordnung, die der ökonomischen Vernunft am wenigsten im Wege steht. Die rechtsschöpferischc Ratio schuf das Weltreich der Cäsaren, die theologische den Gottesstaat mit dem »Stellvertreter Gottes« an der Spitze, die ökonomische den Staat als imperialistisches Wirtschaftsunter- nehmen, das jeden »Staatsbürger« am Gewinn beteiligt. Das politisch gefärbte Führertum ist in der Demokratie nur Pro- kuristensache; die Finanzmächte schicken ihre jungen Männer auf die politische Bühne, damit sie dort das Klappern besorgen, das zum Handwerk gehört. Die Geldinteressen bestimmen in der Demokratie den Lauf der Dinge; die Reden der Volkstribunen sind der Senf, der die Geldherrschaft schmackhaft zu machen hat. Die Funktion der Gleichheitsidee ist es, allen unberechen- baren menschlichen Ursprüiiglichkeiten so lange unnachsichtig den Prozeß zu machen, bis sie ruiniert sind. Wenn die Grundinstinkte sämtlicher »Bürger« so weit vereinheitlicht sind, daß sie nur noch als Wille zum Geld in Erscheinung treten, fällt der Wirtschafts- vernunft kein Unberechenbares mehr lästig. Man hat damit einen zuverlässigen Punkt gewonnen, von dem aus der Mensch in jedem Falle »mobilisiert« werden kann. Er ist qualitätslos und demgemäß auch »charakterlos«, wie es das Geld ist; man kann ihn, wie auch das Geld, zu schlechthin jeder Sache haben. Der Bürger ist schließlich durchwegs unter seinesgleichen:

»alle Menschen werden Brüder«. Die Antwort des Gemüts auf die Tatsache der Gleichheit ist das Gefühl der Brüderlichkeit. Unter »Brüdern« nimmt man es nicht so genau; die Strenge tra- ditioneller Herrschaftsformen ist da fehl am Platze. Die Idee der

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Brüderlichkeit hat die Tendenz zur Auflösung harter autoritärer Formen; sie setzt mit dem schönen Aufschwung edelster Gefühle das Pathos der Distanz ins Unrecht. So herrlich und unvergleich- lich Beethovens »Fidelio« ist: der Chor der Gefangenen tut dem Ansehen der feudalen Staatsgewalt schweren Abbruch. Die »Au- torität« des Geldes ist eine Autorität eigener Art; sie hat nicht das Ausschließende und Unnahbare herrschaftlicher und theokra- tischer Autoritäten. Sie ist »umgänglich«; sie läßt sich gerne dazu herbei, sich auf du und du mit der Masse zu stellen; aber eben hierin verhilft sie der Idee der Brüderlichkeit zu ihren höchsten Triumphen. Dem Bruder Mensch ist man es schuldig, »human« zu sein; die Keimzelle aller bürgerlichen Tugenden wird demgemäß die Humanität. »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.« Die Hu- manitätsidee ist das verführerischste Mittel zur Aufweichung über- lieferter Autoritätsformen, die, solange sie bestehen, von der ökonomischen Vernunft als unbequeme Fesseln empfunden wer- den. Die traditionelle Herrschaftsordnung wurde an sich selbst irre, als sich ihrer »unmenschlichen« Unerbittlichkeit gegenüber der schöne Vorsatz, »edel, hilfreich und gut« zu sein, in die Brust warf. Die bürgerliche Humanität war über ein Jahrhundert hindurch in Wahrheit nur ein fiktiver Wert; er wurde aber voll in Zahlung genommen. Sie war gewissermaßen der moralische Kredit, den der Bürger aufnahm, um seinen Vernichtungsfeldzug gegen alle gewachsenen echten Autoritäten durchhalten zu können. Sie war die gute Umgangsform, die den Bürger instand setzte, sich aller- orts Eingang zu verschaffen. Die Humanitätsidee war dem bürger- lichen Gewissen um so nötiger, als die bürgerliche Gesellschaft den Menschen und das Menschliche praktisch tiefer entwürdigte, als jemals beide entwürdigt worden sind. Der Bürger ist huma- nitär, wie er moralisch ist: der äußere Schliff muß verbergen, wie schlecht und faul die Qualität des Massenartikels ist, der »das Ge-

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schäft macht«. Die bürgerliche Humanität ist das sentimentale Rührstück, das das eiserne Herz des formzwingenden Staats- und Herrschaftswillens wie Wachs zerfließen lassen möchte; ist es erst gepackt, dann hat die wirtschaftlich-manchesterliche Anarchie ihre ersten Geländegewinne heimgebracht. Die Humanität hat sich als Kult aufgctan; die »Freimaurerei« ist ihre »Kirche«. Diese Kirche ist eine Weltkirche. Sie reicht, wie die römische es tut, über alle Grenzen hinweg. Indem sie, diesseits- gerichtet, die »edle Menschlichkeit« in den Mittelpunkt ihrer An- betung rückt, sucht sie die christliche Kirche niederzukonkurrie- ren: es gibt keine göttliche Ordnung; es gibt nur die Harmonie menschlich-bürgerlicher Ordnung, die selbsttätig aus dem freien Spiel der Kräfte hervorgeht. Das trifft den ordnungschaffenden ewigen Römer: er wird verdrängt, wo die Freimaurerei, bei der man bequemer fährt, Einlaß gefunden hat. Die »edle« Menschlichkeit ist die Menschlichkeit des Bürgers:

der Bürger liegt im »unsichtbaren Tempel« vor seinem eigenen Typus auf den Knien; er will ihn in seiner Verehrungswürdig- keit allgemein verbindlich machen. Hier versteckt sich die im- periale Tendenz der ökonomischen Vernunft: die Logik dieser Vernunft will sich im bürgerlichen Gewände überall Vertrauen erschleichen. Die ökonomische Vernunft aber ist die Vernunft des »ewigen Juden«. Es ist durchaus in Ordnung, daß die maurerische Symbolik in jüdische Kultformen gegossen ist. Der maurerische Bürger ist in der Tat der »unbeschnittene Jude«. Das Logenhaus ist der Vorhof des Tempels: hier versammeln sich die Proselyten. Wie die katholische Kirche zur Weltorganisation des »ewigen Römers« wurde, wurde die Freimaurerei zur Weltorganisation des »ewigen Juden«. Der Freimaurer ist im selben Sinne eine für den Kampf unter besonderen Zeitumständen berechnete Zweck- züchtung des »ewigen Juden«, wie der Jesuit die Zweckzüchtung des »ewigen Römers« ist. Was für den Jesuiten der römische Cäsar ist, das ist für den maurerischen Bürger der König David. Die

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Freimaurerei will die zwei großen Formungsprinzipien des »ewigen Römers«, die staatsschöpferische Rechtssatzung und das kirchen- schöpferische Dogma, liquidieren und durch das jüdische Ge- staltungsprinzip, die Anarchie schaffende Geldherrschaft, ersetzen.

Der Untertan

17.

D eutschland brachte keine Eigenprägung des Bürgers vom

Range des Gentlemans, des Citoyens oder auch nur des Yan- kees hervor. Gentleman und Citoyen wurden in den Zuckungen von Revolutionen geboren; der Yankee ist die Frucht eines revo- lutionären Unabhängigkeitskrieges. Gerade aber die große deut- sche Revolution, die Reformation, hatte Deutschland die Mög- lichkeit verdorben, auch aus seinem Schöße eine gewichtige bür- gerliche Eigengestalt zu entlassen. Indem die Reformation eine Fürstenrevolution, eine Revolution der höchsten Aristokratie war, stand der Fürst in ihrem reprä- sentativen Mittelpunkt; der Landesherr, der Landesvater wurde zu ihrer führenden Gestalt. Um ihn drehte sich der Gang der Ereignisse, er bewegte die Dinge, und auf ihn trieben alle Dinge zu. Er wurde sogar Herr der Glaubensdinge: cuius regio, eius religio. Noch nach Jahrhunderten konnte Bismarck bemerken:

»Deutscher Patriotismus bedarf in der Regel, um tätig und wirk- sam zu werden, der Vermittlung dynastischer Anhänglichkeit.« Die landesfürstliche Obrigkeit wurde zum politischen Schicksal des deutschen Volkes; der Kaiser verblaßte ihr gegenüber zur Scheinautorität. Die souveräne Stellung der hohen Aristokratie war der soziale, die landesfürstliche Obrigkeit der politische Er- trag der Reformation; im Hofprediger aber repräsentierte sich ihr »religiöser« Gehalt, der aus Zweckmäßigkeitsgründen nicht in den Schatten gestellt werden durfte. Es liegt in der Natur der Sache, dass der »Landesvater« als Typus

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nicht im unmittelbaren Sinne eine Prägeform des Volkes wurde; nicht jeder kann Landesvater sein, wie er Bürger, Gentleman oder Citoyen zu sein vermöchte. Erst auf mittelbarem Wege übte die Gestalt des Landesvaters ihre volksformende Kraft aus. Der Landesvater war die beherrschende Figur; er war der eigent- liche Sinn des politischen Daseins. Das Volk war seine Umwelt, war das Element, das auf den Landesvater, indem er sich darin bewegte, abgestimmt war. Das Volk nahm die Seinshaltung an, die dem Bedürfnis des landesvätcrlichen Typus entsprach; es fing an, ausschließlich in Hinsicht auf den Landesvater zu existieren. Es bildete sich so zurecht, wie der Landesvater es brauchte; im Hof bäcker, im Hofschneider und Hofschuster, im Hoffriseur und Hofmusiker, im Hofapotheker und Hofbuchhändler, im Hof- schauspieler und Hofrat trat der innere Zug des deutschen Volkes zum Landesvater offen ans Licht. Das Volk kreiste um den Landes- vater und wollte um ihn kreisen; er war das Zentrum, in dessen Ausstrahlung es lebte und dessen Daseinsgesetz es sich innerlich anpaßte. Zum Landesvater gehören die Landeskinder; als Landes- kind ist man aber immer irgendwie unmündig, der Leitung und Führung bedürftig, ist man nicht fähig, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, kurz: ist man Untertan. In dem Augenblick, in dem der Landesherr zum menschlichen Leitbild der Reformation geworden war, war es entschieden, daß der Mann aus dem Volke nur noch Untertan zu sein vermöge. Der Untertan wurde zur Form, in der von nun an das deutsche Volk politisch da war; er wurde die für den Deutschen verbind- liche Wesensgestalt. Das unmittelbar schöpferische Gebilde war der Landesherr; der Untertan war nur dessen negative Kehrseite; er war ein Abgeleitetes, kein Ursprüngliches; er entstand, weil der Landesherr zuvor entstanden war. Er war in seinen Maßen, seinen Höhen und Tiefen, seinen Stärken und Schwächen vom Landesherrn abhängig. In seiner abgeleiteten Existenz, die stets das Echo auf einen Anruf, die Antwort auf eine Frage, der Ge-

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horsam einem Befehl gegenüber, der Schatten zu einem Lichte war, lag etwas von Grund auf Komisches; der Untertan ist in Anbetracht seiner Wesensstruktur bereits als reine Naturform ein Stück Karikatur. Alle großen Deutschen mit weltoffenem und geweitetem Blick haben diesen karikaturhaften Einschlag des deut- schen politischen und sozialen Daseins gesehen; E. T. A. Hoff- mann hat ihn in genialer Weise dichterisch festgehalten. Die Obrigkeit steht in einem eigenartig distanzierten Verhält- nis zum Untertanen; sie ist geradezu sein »besserer« Teil. Sie denkt für ihn, wo er nicht denken, sie spricht für ihn, wo er nicht reden, sie handelt für ihn, wo er nicht handeln soll. Die Obrigkeit ist der Inbegriff der ganzen Fülle an Weisheit, Groß- mut und Weitblick, die den Unverstand, die Beschränktheit, Kurzsichtigkeit und Bosheit des Untertanen aufzuwiegcn und wettzumachen hat. Der Untertan ist ohne seine Obrigkeit nicht zu begreifen; er selbst hält es keinen Tag ohne sie aus. Es liegt in der Ordnung seiner Natur, daß er für die Obrigkeit da ist; sie geht ihm in jedem Betracht voran. Die Vorstellung, daß die Obrigkeit für ihn da sein könnte, entsetzt ihn; sie gilt ihm als verruchte Vermessenheit. Er fühlt mit instinktiver Sicherheit, daß er in diesem Falle aufhören würde, zu sein, was er ist: nämlich Untertan. Wer aber aus den Gründen seines Wesens heraus Untertan ist, verteidigt mit dem Mute der Verzweiflung sein Recht, es auch bleiben zu dürfen. Der Untertan war die völkische Kehrseite des souveränen Lan- desfürsten; das deutsche Volk ging aus dem Schmelzprozeß der Reformation als das Volk der Untertanen hervor. Der Untertan blieb der eigentliche und unvergängliche Kern aller jener Erschei- nungsformen, in denen es sich von nun an den wechselnden geschichtlichen Lagen anpaßte. Er war der »feste« Untergrund, auf den man immer wieder stieß, wenn man die abgelagerten Krusten der Zeitumstände abkratzte. Seit der Reformation kommt stets der Untertan zum Vorschein, wenn man bloßlegt, was

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in Wahrheit hinter dem Deutschen steckt. Der Untertan wider- legt nicht den Barbaren; er ist der verschüchterte Barbar. Die Nutzanwendung, die jeder reformatorische Deutsche für sich aus der Abkehr vom römischen, sowohl kirchlichen wie politischen Universalismus zog, war das »freie protestantische Ge- wissen«; es mußte in Kauf genommen werden, wenn jede Art des »einen und allgemeinen Gesetzes« in Frage gestellt wurde. Das protestantische Gewissen war der Reflex, mit dem das Indivi- duum auf die beherrschende Zeitströmung reagierte. Es war eine große Sache und seiner inneren Tendenz nachdar- auf angelegt, die Geburt des Untertanen zu verhindern. Insoweit es aber bloßer Reflex der vom Hochadel gelenkten anti- imperialen Zeitströmung und nicht ausschließlich elementarer Aus- bruch einer ins Imperiale drängenden völkisch-vulkanischen Ur- kraft war, gestaltete es nicht selbst mit zwingendem Griff die Wirklichkeiten, sondern rückte nur die aus anderen Energie- quellen vorwärts bewegten und geformten Wirklichkeiten in einen falschen Schein. Der Untertan berauschte sich an dem Hoch- gefühl, zur Verantwortung für das Heil seiner eigenen Seele her- angezogen zu sein; indem er sich in die Bibel versenkte, genoß er das »Vorrecht«, auf eigene Faust dem Wort Gottes nachspüren zu dürfen: das waren geistige Freiheiten, an denen er sich für den Verlust der meisten politischen Freiheiten schadlos halten mochte. Er konnte den erhabenen Gedanken bis zur letzten Neige auskosten, daß er, sooft es ihn gelüste, unmittelbaren Zugang zu Gott habe. Nach solch überwältigenden inneren Erlebnissen be- reitete es keine Beschwer mehr, vor der weltlichen Obrigkeit zu kuschen. Man konnte geradezu, wenn man unter deren Demüti- gungen litt, zu Gott flüchten, und dort sein Gleichgewicht und den Stolz des freien Christenmenschen wieder finden. Der be- schränkte Untertanenverstand erstarb um so gefügiger in Devo- tion vor der Obrigkeit, als er wissen durfte, daß diese ihn nicht in seine Innerlichkeit hinein verfolge, die er als Domäne seines

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trotzigen protestantischen Gewissens ausgebaut hatte. Denn die Innerlichkeit blieb das ausschließliche Reich des protestanti- schen Gewissens; in der sozialen und politischen Welt hatte dieses nichts zu vermelden. Die Freiheit des Christenmenschen war eine bloße Tatsache des Bewußtseins, nicht aber eine Tatsache der sozialen und politischen Realität. Das Individuum, dem es vor seiner Obrigkeit in würdeloser Miserabilität Sprache und Atem verschlug, reckte sich im Umkreis seiner selbst in »prome- theischem Trotz« empor; in seiner eigenen Brust durchmaß es den unendlichen Raum zwischen Hölle und Himmel; dort war es der kühne Streiter, der, wenn die Stunde es erforderte, wie Jakob mit seinem Gotte rang. Das protestantische Gewissen, das als Heroismus der Einzelseele vor dem Angesichte Gottes in Er- scheinung trat, hatte vor dem Angesichte der Polizei kein Bedürf- nis ähnlich heroischer Bewährung. Der deutsche philosophische Idealismus war ein methodisches Verfahren, durch welches sich das protestantische Gewissen des deutschen Untertanen der Welt gegenüber aus der Schlinge zog. Er verlegte die entscheidende Begegnung mit der Welt ins Be- wußtsein; hier entfaltete sich das Verhältnis des philosophierenden Untertanen zur Welt in denselben Formen, in denen sich das Ver- hältnis des freien Christenmenschen zu Gott entfaltet hatte. Es machte dabei wenig aus, ob die Welt als die Selbstdarstellung Gottes, als eine besondere göttliche Erscheinungsweise oder als freie Schöpfung eines universalen Ich betrachtet wurde. Auf der Ebene, aufwelcher der Idealismus der Welt gegenübertrat, rettete er dem Untertanen das Gefühl geistiger Souveränität; indem er die Welt mit kühner Willkür, ja mit »alles zermalmender« denke- rischer Konsequenz interpretierte, wurde er um so unempfind- licher gegenüber dem strengen Regiment des Polizeiknüppels, der einem Umkreis ekliger Tatsachen angehörte, welcher sich der Gesetzgebung des philosophischen Bewußtseins grob und un- geschlacht entzog. Der philosophierende Untertan fand sich mit

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diesem Umkreis ab, indem er ihn einer bloßen »Scheinwelt«, der dumpfen Welt der empirischen Dinge zuordnete; er entrichtete dieser »Scheinwelt« den Tribut seiner Knechtseligkeit, von wel- cher er jedoch, zu seinem Selbsttroste, sein wahres, echtes, sein »intelligibles« Ich frei wußte. Der deutsche Idealismus entwickelte eine Freiheitslehre, die das Wunder vollbringen sollte, den Untertanen mit Würde und mit dem Stolz des freien Mannes auszustatten. Wenn die Freiheit darin besteht, aus eigenem, innerlichem Entschluß das zu tun, was die Notwendigkeit zu tun gebietet, so hat keine Obrigkeit, die sich immer mit der höheren Notwendigkeit gleichsetzt, Anlaß, gegen einen dergestalt verstandenen FreiheitsbegrifF mißtrauisch zu sein. Es ist zu deutlich sichtbar, daß er nur die Aufgabe hat, das Ge- sicht zu wahren, wo sich Unterwerfungsbereitschaft nur schlecht verhüllen kann. Er fällt keineswegs mit der berühmten Haltung des »amor fati« zusammen. Der amor fati hat ein ganz anderes Pathos; sein Boden ist vulkanisch. Man sucht Gefahren, man for- dert jene Realität keck heraus, vor der sich der philosophische Untertan ergeben beugt, man lehnt sich gegen die Gebundenheit auf, die der gemeine Verstand als Notwendigkeit anerkennt, und ist bei alledem willens, das ganze Ausmaß der Folgen seiner Re- bellion auf sich zu nehmen, sich eben durch die Schwere der Folgen adeln zu lassen. Der amor fati ist Sache wirklich freier Männer, der Freiheitsbegriff des deutschen Idealismus hingegen Sache von Untertanen, die sich nur schwächlich nach Freiheit sehnen. Der Philosophieprofessor erfüllte eine ähnliche Funktion wie der Hofprediger; beide öffneten gewissermaßen Ventile. Sie gaben Anweisungen, wie man Untertan sein und sich doch gleichzeitig frei fühlen könne. Das war für jede Obrigkeit eine sehr nütz- liche Angelegenheit; so wurde der Entstehung revolutionärer Spannungen vorgebeugt. Die Landeskirche und die Landes- universität wurden die wichtigsten Sicherheitseinrichtungen

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des Landesherrn; die eine versöhnte die Masse der Gläubigen, die andere die Elite der Intelligenz mit ihrem Los der Untertänig- keit. Damit sie alle um so besser parierten, durften hier die Gläu- bigen die Heilige Schrift, dort die Denkenden die Welt nach ihrem Geschmack, nach ihrer »Fasson« auslegen. Der Landes- herr schätzte Prediger und Professor sachgerecht ein; in dem Wort: »Dem Volk muß die Religion erhalten werden«, liegt im Grunde kein größerer Respekt vor dem Prediger als, diesmal vor dem Professor, in der Äußerung Ernst Augusts von Hannover:

»Professoren, Huren und Ballettänzerinnen sind für Geld überall zu haben.« Die Berufung des Predigers und Professors, der Landeskirche und Landesuniversität ist es, die Aktivität des Untertanen in vollem Umfange auf die Innerlichkeit abzulenken. Die Innerlichkeit ist die Parzelle, auf welcher der Untertan eine Spielart von Freiheit pflanzt, die keiner Obrigkeit das Rezept verderben kann. Der Landesherr und in einem verhältnismäßig begrenzteren Ausmaße die feudale Herrenschicht überhaupt waren nicht in die Grenzen der »Innerlichkeit« gebannt; für sie waren das freie pro- testantische Gewissen und der Freiheitsbcgriff des Idealismus keine bloße Abfindung für eine verlorene soziale und politische Realität. Sie waren als Träger und Inhaber der obrigkeitlichen Gewalt auch in der »Äußerlichkeit« frei, sie genossen echte politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Freiheit. Wenn es in der Tat wahr ist, daß Gott die Germanen zur Freiheit erschuf, dann erfüllte nur die feudale Herrenschicht den göttlichen Schöpfungszweck. Luthers Fluch über die revolutionären Bauern stellte klar, daß aus der Freiheit eines Christcnmenschen keine Argumente gegen Gewalt- und Willkürhandlungen der Obrigkeit abgeleitet werden dürfen. Luther bestätigte der feudalen Herrenschicht, daß das freie protestantische Gewissen niemanden davon entbinde, ein getreuer und gehorsamer Untertan zu sein. Weder Evangelium noch Lan- deskirche räumten dem Untertanen eine Stellung ein, auf die er

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sich in irgendeinem Fall zum Widerstand gegen die Obrigkeit in politischen und sozialen Dingen hätte zurückziehen dürfen. Zur Obrigkeit im deutschen nachreformatorischen Sinne ge- hört ein besonderer Begriff der Führervcrantwortlichkeit. Die Handlung und Tat des Untertanen ist stets ein Reflex auf eine obrigkeitliche Aktion oder, wenn sie wider Erwarten unter- blieb, auf deren Unterlassung. Die Tat des Untertanen ist immer so groß oder so klein, so folgenschwer oder so unerheblich, so weitreichend oder so kurzsichtig, wie es die Anordnung der Obrigkeit ist, durch die sie ausgelöst wurde. Die Obrigkeit hat jeweils die Untertanen, die sie verdient; für alle Sünden und Un- zulänglichkeiten der Untertanen trägt die Obrigkeit die aus- schließliche Verantwortung. Die Obrigkeit hat alle Macht und Vollmacht; es geht allein zu ihren Lasten, wenn ihr Untertan versagt. Man hält sich mit Recht an den Hauptmann, wenn die Kompanie nichts taugt: so hat auch die Obrigkeit für ihre Unter- tanen einzustehen. Es zeugt davon, daß die Obrigkeit sich nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe behauptet, sobald der Untertan einer Opposition verfällt, die »bösartig« wird. Scheitert die Obrigkeit durch den Untertanen, dann ist erwiesen, daß die Obrigkeit ihrer Stellung nicht gewachsen war. Es gibt in keiner Situation einen »Dolchstoß« durch den Untertanen, für den nicht die Obrigkeit zur Rechenschaft gezogen werden müßte; sucht sie sich die Hände in Unschuld zu waschen, indem sie den Untertanen anklagt, dann gesteht sie nur zu, daß sie nicht mehr berufen ist, Obrigkeit zu sein. Im Verhältnis von Obrigkeit und Untertan ist der Untertan entmündigt; es wäre für die Obrigkeit allzu bequem, den Unter- tanen dafür schuldig zu sprechen, daß er plötzlich ihren Händen entglitten ist. Da die Obrigkeit in jedem Fall des Erfolgs alle Ehren für sich selbst einkassiert, entehrt es sie, wenn sie sich bei Mißerfolgen auf den Untertanen hinausredet. Schuldig ist der irrende Führer, nicht die Masse der Irregeführten. Verliert die Obrigkeit über den Untertanen die Gewalt, dann hat sie kein

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Recht mehr, sie zu beanspruchen; der Untertan ist nicht straf- würdig, sondern sie ist bankrott. Ein Risiko muß schließlich auch die Obrigkeit tragen: da sie den Untertanen will, muß man sie mit der ungeteilten Verantwortung dafür beladen, wie er gerät. Der Rückschluß vom Untertanen auf seine Obrigkeit ist zwin- gend ; der Untertan kann nicht schlechter sein, als es seine Obrig- keit ist. Die soldatische Erscheinungsform des »Untertanen« ist der Landsknecht. Der Landsknecht ist der Krieger an sich, der kein eigentliches und kein selbständiges Verhältnis zu der Sache hat, für die er ficht. Er schlägt sich für schlechthin alles — wenn er sich nur schlagen kann. Er zieht die Klinge, wenn es der Haupt- mann befiehlt; er fragt nie, wofür er sie zieht. Auf allen europä- ischen Fronten haben deutsche Landsknechte gekämpft; für jede europäische Sache sind deutsche Landsknechte verblutet. Sie ließen sich auch gelegentlich auf Befehl süddeutscher Landesväter nach Amerika verfrachten. Der echte Soldat unterscheidet sich vom Landsknecht dadurch, daß er nur für eine Sache stirbt, die er heilig hält. Dem Ruf dieser Sache, dem »Ruf des Vaterlandes«, gehorcht er bedingungslos; aber er muß immer die Gewißheit haben, daß es auch wirklich die heilige Sache ist, die ruft. Sobald sich die Bindung zwischen ihm und der heiligen Sache lockert, gleitet er ins Landsknechtstum ab. Die deutschen Hilfstruppen, die unter Napoleons Fahnen gegen Rußland marschierten, streiften bereits die Grenze, an der der Landsknechthaufe beginnt, und als 1918 Erzberger und General Hoffmann dem französischen General Foch das deutsche Weltkriegsheer zum Kampf gegen Moskau anboten, drohte dem deutschen Frontsoldaten die Ge- fahr, zum Landsknecht erniedrigt zu werden. Der Landsknecht hat, wie der Untertan, keine eigene Stellungnahme zur Sache; beide folgen— auch in der schlechtesten und anrüchigsten Angelegenheit — blind ihrer Obrigkeit. Sie können dabei tapfer bis zum Exzeß sein; wenn der Befehl es fordert, wird auch der

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Untertan zum lebensverachtenden Helden. Aber diese kriegerische Tapferkeit sticht dann um so schroffer von der staatsbürgerlichen Verantwortungsscheu ab, die lakaienhaft der Schuldigkeit aus- weicht, eine Sache auf ihre Güte hin selbst zu prüfen und, falls deren Güte aus triftigen Gründen fragwürdig erscheint, seine tiefere Einsicht der Obrigkeit gegenüber durchzufechten. Unter- tan und Landsknecht prüfen grundsätzlich nicht, was die Obrig- keit im Schilde führt; es ist nicht »ihres Amtes«. »Ihres Amtes« ist, im Respekt vor der befehlenden Obrigkeit, der bedingungs- lose Gehorsam. Der deutsche Kleinbürger ist der Untertan gewissermaßen im reinen Naturzustande; es gibt kein submisseres Wesen als ihn. Die Enge seines Horizonts machte es ihm nicht schwer, der obrigkeitlichen Weisheit freies Feld zu lassen. Sein Sicherheits- bedürfnis, sein Hang zur Ruhe und Ordnung räumten dem Ein- bruch des allmächtigen Polizeistaates jegliches Hindernis aus dem Wege. Er zitterte vor der Revolution, auch wenn es, wie 1848, die seinigc war; das äußerste Abenteuer, auf das er sich einlassen konnte, war die »gesinnungstreue Opposition«. War wirklich eine Revolution fällig, so erwartete er sie von »oben«; sie hätte ihn erschreckt, wenn die Obrigkeit nicht führend daran beteiligt ge- wesen wäre. Innerhalb jeder ungewöhnlichen Lage verlangte er eine obrigkeitliche Verordnung, die ihn anwies, wie er sich darin zu verhalten habe. Im Grunde begriff er durchaus den tadelnden Unwillen König Friedrich Wilhelms III. über die eigenmächtige Illuminierung durch die Berliner Bevölkerung anläßlich des könig- lichen Einzugs in die Hauptstadt nach dem siegreichen Abschluß der Befreiungskriege. Wenn der Untertan erst anfing, ohne amt- liche Verfügung seine Fenster zu beleuchten, geriet er auf eine schiefe Bahn, an deren Ende er möglicherweise der Versuchung erlag, die Schlösser seiner Herren anzuzünden. Dieser Kleinbürger war es, der Nietzsche zu seinem zornigen Wort vom deutschen »Bedientenseelenvolk« reizte. Mit Freiheitsgesängen auf den. Lip-

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pen strebte der gebildete Kleinbürger einem geborgenen und »gutgesinnten« Philistertum zu. Seitdem es den deutschen Klein- bürger gab, fand jeder Landesherr soviel Byzantinismus als er begehrte; die bekannte Schrift Reventlows: »Der Kaiser und die Byzantiner«, war seit der Reformation in jedem Augenblick deutscher Geschichte aktuell. Nietzsches Konzeption des »Über- menschen« ist ganz nur aus deutschen Verhältnissen zu begreifen. Der Übermensch ist die züchtungsphilosophische Verallgemeine- rung des Landesvaters, der obrigkeitlichen Person und die »Viel- zuvielen«, deren Daseinszweck und Lebenssinn es ist, der Unter- grund zu sein, der den Übermenschen trägt, sind allesamt identisch mit der Masse der kleinbürgerlichen Untertanen, die nur nach der Regel und Richtschnur, nach dem Befehl und Gesetz der Obrigkeit existieren will. Der Kleinbürger ist eine Verkümmerungsform; er ist wie ein jungfräuliches Ei, aus dem der wirkliche Bürger nicht auskriechen kann, weil es nicht vom ewigen Juden befruchtet wurde. Der Kleinbürger ist notwendigerweise Antisemit; er haßt, was ihm zum vollendeten Bürger fehlt. Darum ist er stets willig, sich von Rom gegen den Juden einsetzen zu lassen. Er ist von Neid, Miß- gunst und Haß gegen den ausgereiften Bürger erfüllt; er ist der »Krüppelbürger«, der auf die Stunde der Rache lauert, die ihn dafür entschädigen soll, im Winkel versauert zu sein. Er ist »lokalpatriotisch« und mißtraut den weiteren Horizonten; er sitzt zu Hause und nährt sich redlich, statt sich auf den unsicheren Boden kecker Spekulationen zu wagen. Der Kleinbürger spürt das Fremde am Juden; er ist auf der Hut vor ihm. Der klein- bürgerliche Antisemitismus rührt nicht allein davon her, daß der Jude den Kleinbürger auswuchert und daß er Warenhäuser baut, sondern viel mehr noch davon, daß er einen »anderen Geist« hat - einen Geist, der den Schutz zünftlerischer Schranken und der gesicherten Nahrung sprengt. Der Kleinbürger klammert sich an die Gewohnheit; der große bedenkenlose Zug der ökonomischen

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Vernunft ist ihm verdächtig. Er ist provinziell und will es bleiben; wer gegen den Geist der Provinz sündigt, beschwört den Welt- untergang herauf. 1848 verschaffte dem deutschen Kleinbürger eine Aussicht, Bür- ger werden zu können. Aber dieser Bürger war so kläglich, wie seine Revolution es gewesen war. Es war eine nachgeahmte Re- volution ; man war auf die Barrikaden gegangen, weil die Fran- zosen es auch getan hatten. Als jedoch aus der Ecke des Proletariats ein echt revolutionärer Wind zu pfeifen begann, bot dieser Bür- ger, als braver Untertan, der Ruhe und Ordnung zu schätzen weiß, dem mächtigsten deutschen Landesvater die Krone des Rei- ches an. Es erhöhte nur seine Ergebenheit gegenüber dem Landes- vater, daß ihm dieser voll Verachtung die Türe gewiesen hatte. Der deutsche Bürger, der den kleinbürgerlichen Eierschalen entschlüpft war, war kein Eigengewächs; er war der Affe des ausländischen Bürgers: ein Stück Gentleman, ein Stück Citoyen, ein Stück Yankee, je nachdem, was ihm individuell am stärksten imponiert hatte. Nie war er etwas anderes als Parvenü; er war rcichgewordener Untertan, der sich im Hinblick auf seinen Geldsack vielleicht manches herausnahm, insgeheim aber immer darauf gefaßt war, von der Obrigkeit angeschnauzt zu werden. Er selbst mißtraute am meisten der politischen Freiheit, die ihm mehr in den Schoß gefallen war, als daß er sie sich erkämpft hätte: der Untertan in ihm fühlte sich in einer schiefen Lage, da ihm eingeräumt worden war, nicht mehr bloß blind gehorchen zu brauchen. Der Zustand der politischen Freiheit ging gegen seine Natur; mit Erbitterung und Empörung machte er diesem bald wieder ein Ende, wenn er einmal versehentlich und wider alle Wahrscheinlichkeit in ihn hineingeraten war.

18.

Die geistige Haltung des Bürgers, der sich anschickt, die ganze Welt als Absatzmarkt zu organisieren, ist der Liberalismus. Der

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Liberalismus ist die Philosophie, die die wirtschaftliche Ratio für sich zurechtlegt; er zersetzt die Prinzipien und Gesichtspunkte, durch welche sich der bisherige gesellschaftliche und wirtschaft- liche Zustand gerechtfertigt hatte. Er macht die Grundkategorien der Wirtschaftsüberlegung für die gesamte Geistigkeit verbind- lich; für Metaphysik, Wissenschaft, Literatur und Kunst gilt als letzte Voraussetzung, die selbstverständlich da ist und von der niemand ausdrücklich spricht: daß es der Sinn der Welt sei, dem Bürger Profit und Rente abzuwerfen. Die mittelalter- liche Gesellschaft war auf ein überirdisches höchstes Gut, auf das »Seelenheil« ausgerichtet; so mußten, auch die Dinge des Alltags irgendwie eine übersinnliche Seite hervorkehren, um vor dem alles beherrschenden Wertmaßstab bestehen zu können. Die revo- lutionäre Leistung des Liberalismus beruht darauf, einen neuen Wertmesser aufgestellt zu haben: der »Profit« wurde auf den Platz erhoben, den bisher das »Seelenheil« eingenommen gehabt hatte. Mit diesem Austausch wurde eine Achsendrehung um ein- hundertundachtzig Grad vollzogen; der »Profit« ist als Grund- wert so diesseitig wie das »Seelenheil« als Grundwert jenseitig war. Der Zug zum Übersinnlichen wird damit entwurzelt; der gesamte geistige Kosmos dreht sich von nun ab um ein dies- seitiges »weltliches« Zentrum. Alle Perspektiven kehren sich um. War bisher der Mensch das Ebenbild Gottes, so wird nun- mehr Gott zum Ebenbild des Menschen. Der Prozeß der Ver- weltlichung aller überirdisch akzentuierten Vorstellungen, Be- griffe, Ideen und Werte greift von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter um sich. So kann sich schließlich aus der Hinterlassenschaft des Mittelalters kein Überrest der gesellschaftlichen und wirtschaft- lichen Formelemente mehr erhalten, die der freien, schranken- losen Herrschaft der wirtschaftlichen Vernunft noch Hemmnisse bereiten, Die mittelalterliche Gesellschaft war das Gehäuse des römischen Ordnungswillens gewesen; die liberalen Fortschritte wurden zu-

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gleich Erfolge des ewigen Juden über den ewigen Römer. Die befreiten, die emanzipierten Juden marschierten an der Spitze; gemeinsam mit der feudalen Gesellschaftsordnung war das Getto in Staub zerfallen. Die großen Namen des Liberalismus waren zu einem hohen Anteil jüdische Namen. Als sich der anschwellenden liberalen Flut eine konservative Gegenbewegung cntgegenstemmte, brach der Jude auch in diese Bewegung ein; die harte Starrheit des konservativen Gegenwillens wurde ge- knickt, indem der liberale Mensch auch die Fahne des Konserva- tivismus entrollte. Der Konservativismus wurde auf diese Weise zu einer bloßen Abart des Liberalismus verdünnt; er wurde zu jener Erscheinungsform des Liberalismus, der man deshalb ihre konser- vative Maske glaubte, weil sie vor jedem »Fortschritt« vorsichtiger zögerte und sich jede Neuerung länger überlegte. Dieser moderne Konservativismus war in Wahrheit lediglich der Liberalismus des gemächlicheren Tempos. Disraeli in England und Stahl in Preu- ßen waren die jüdischen Zauberer, deren Beschwörungsformeln, den konservativen Herzschlag auf liberalen Rhythmus um- stimmten. Der folgenschwerste Sprengstoff für das Gebäude der mittel- alterlichen Sozialordnung war die »starke Persönlichkeit«; in dem Augenblick, in dem sie zum erstenmal Recht gegen das Gesetz dieser Sozialordnung bekam, war deren Autorität erschüttert. Der Liberalismus begann als Anwalt der starken Persönlichkeit; sie wurde zum Hebel, mittels dessen die mittelalterliche Gesellschaft aus den Angeln gehoben wurde. Wo eine starke Persönlichkeit aufstand, verkündeten Juden ihren Ruhm; nicht erst Goethe hatte seine jüdischen Propheten und Prophetinnen. Indem die große Persönlichkeit auf ihr Selbst pochte, brachte sie prin- zipiell die Sache der Selbstsucht vorwärts: jede starke Persönlichkeit hatte ihren Anhang, der über die Naturkraft ihres prometheischen Trotzes wirtschaftliche Rentabilitätsberechnungen anstellte.

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Vom mittelalterlichen Standort aus behielt die chinesische Weis- heit recht: daß jede große Persönlichkeit ein öffentliches Unglück sei. Das »öffentliche Unglück« wurde um so katastrophaler, als die obsiegende Liberalität der menschlichen Haltung ringsum das Aufkommen starker Persönlichkeiten, begünstigte, die der herr- schenden Sozialordnung den Fehdehandschuh hinwarfen und sich gegen sie durchsetzten. Schließlich wollte jeder als eigengeprägte und eigenberechtigtc Persönlichkeit anerkannt sein; was der einen recht war, sollte jeder ändern billig sein. Die Geschichte des bürgerlichen Zeitalters in Deutschland empfängt ihr besonderes Geprägc davon, daß der Mensch, den der Liberalismus freigesetzt hatte, der deutsche Untertan gewesen war. Der deutsche liberale Bürger war der Untertan, der es zu etwas gebracht hatte; er war Parvenü und Byzantiner, nicht weil er Bürger geworden, sondern weil er Untertan geblieben war. Der liberale Bürger rebellierte gegen dieselbe Obrigkeit, gegen- über der sich der Untertan zu Gehorsam verpflichtet fühlte. Er war liberaler Bürger nur mit peinigenden Hemmungen; der Unter- tan in ihm störte den liberalen Frieden seiner Seele. Der liberale Bürger war der Untertan, der im Stande der Sünde lebte; des- halb blieb er stets des sühnenden Strafgerichts gewärtig. Sooft er in liberalem Stolz gegen die Obrigkeit ausholen wollte, fiel ihm der Untertan in den Arm. Es war sein Glück, daß die Obrig- keit aus sich selbst heraus liberaler Erweichung anheimfiel: so ging es mit dem Liberalismus vorwärts, ohne daß der liberale Bürger ihn voranzutreiben brauchte. Der deutsche liberale Bür- ger war die ganzen Jahrhunderte hindurch ohne Würde; er nahm die Gunst seiner Umstände wahr, aber er tat es in der Hast und Haltung des kleinen Mannes, den der Mangel an großer Über- schau und die Gier des Augenblicks unfähig machen, auch nur eine einzige Gelegenheit außer acht zu lassen.

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Vom Hierarchismus zum Cäsarismus

19.

D as entscheidende Produktionsmittel des Mittelalters war der

Boden; im Grundbesitz bestand der Reichtum, dessen man habhaft werden konnte. Die Größe des Landbesitzes verlieh den gesellschaftlichen Rang, den man bekleidete. Die Grundherrschaft war ein gesellschaftliches und politisches Verhältnis; sie hob den Grundherrn nicht nur gesellschaftlich über seine Gefolgsleute, Dienstmannen und Leibeigenen empor, sondern band ihn zu- gleich, den elementaren Lebensnotwendigkeiten dieses »geringe- ren« Volkes, das ihm in die Hand gesehen war, Rechnung zu tragen. Eben das machte ihn zum politischen Organ, zur Standes- person. Stand ist gesellschaftlicher Wild wuchs; er wuchert im barba- rischen Raum. Infolgedessen ist er immer in der Mehrzahl; er steht neben ändern Ständen. Die Stände sind Organe eines

gemeinsamen Herrschaftskörpers; sie sind nicht gleichberechtigt; jeder Stand hat seine besonderen Rechte, seine »Privilegien«. Eben daraus ergibt sich die innere Gliederung des Herrschafts- körpers. Der Herrschaftswille des Gesamtvolkes, seine politischen Rechte und Freiheiten, sind ausschließlich im ständischen Herr- schaftskörper gesammelt; außerhalb dieses Herrschaftskörpers ist nur Unfreiheit, Gehorsam, Dienstbarkeit, Abhängigkeit. Der »gemeine Mann« steht jenseits des politischen Raums; er hat kein politisches Bewußtsein, keinen politischen Willen, keine politische Geltung. Das politische Schicksal erleidet er als ein fremdes Geschehen, dem er sich zu beugen hat, dessen Geheim- nisse ihm verborgen bleiben, auf das er ohne Einfluß und Ein- wirkung ist. Es liegt eine gewisse Gewalttätigkeit darin, wie die Scheidung zwischen dem ständischen Herrschaftskörper und dem unfreien gemeinen Mann durchgeführt und mit aller Offenheit dargestellt

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wird. Der Herr will als Herr erscheinen, der Knecht soll sich als Knecht empfinden. Man bekennt sich zu der Trennung in Herren und Knechte; so will es die göttliche und natürliche Weltordnung. Nur in den Herren lebt der Machtwille, der In- stinkt und die Sendung der Nation — und nur in ihnen soll er leben. Der Stand ist landschaftsgebundene Herrschaft; man hat an der Herrschaft teil, insoweit man fest auf seinem Grund und Boden steht. Es sind verwurzelte Menschen, die die ständische Gesellschaft tragen; ihr Herrentum ist in die Situation ihres gewöhnlichen Alltags eingebettet. Darum hat es ein gutes Ge- wissen, darum ist es so unerschütterlich. Dies Herrentum hat den offenen Mut zur Gewalt, weil die tägliche Erfahrung in- mitten der patriarchalischen Umwelt immer wieder lehrt, daß es Konflikte gibt, die nur durch einen Gewaltspruch oder eine Gewalthandlung zu lösen sind. Der ständisch-privilegierte Mensch wird in sein Herrentum hineingeboren, er empfängt es naiv als göttliches Geschenk und genießt und verteidigt es so. Er ist seiner Substanz nach Herr; es ist in ihm förmlich ein Überfluß an Herrentum vorhanden. In der ständischen Gesellschaft gedeihen die hochwohlgeborenen Herren. Ihre Autorität ist gewachsen; sie haben sie in sich; sie ist ein Abglanz der göttlichen und eine Steigerung der väterlichen Autorität. Sie teilen den Nichtprivi- legierten die Güter des Lebens nach Billigkeit und Gutdünken zu, so wie diesen gebührt und nach der Weise, in der der Vater seine Kinder versorgt. Großzügigkeit und Großartigkeit der Haltung, Farbigkeit und Vielgestaltigkeit der Formen, Kühnheit und Rücksichtslosigkeit der Entschließungen kennzeichnen die innere Fülle des Menschentums, das die Herrschaft im Rahmen der ständisch-feudalen Gesellschaft ausübt. Grund und Boden sind das natürlichste und festeste Fundament jeder Volksordnung; innerhalb der ständischen Gesellschaft ist das Volk und seine Gliederung deshalb kein Problem, weil die

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feste und massive Tatsächlichkeit der Grundherrschaftsverhält- nisse keine Frage aufkommen läßt. Solange man den Druck des Unabänderlichen spürt, regt sich nicht die Lust der Änderung. Die großen Herren hatten es nicht nötig, vom Volk zu sprechen; sie waren des Volkes sicher. Die Sache des Volkes steckte zugleich in der Sache des Herrn; sie hatte, auch wenn ihr nur ein beschei- dener Raum darin zugewiesen war, keine Emanzipationsbedürf- nisse. Die konventionellen Formen, in welchen die Herren auf ihrer Sache bestanden, waren daraufhin angelegt, die Sache des Volkes nicht so weit zu kurz kommen zu lassen, daß die Grenze des Unerträglichen und Aufreizenden gestreift wurde. Hunger nach Macht und Reichtum war, den Umständen ge- mäß, Landhunger. Die Landverteilung in der Heimat war jedoch abgeschlossen und durch Rechtsverhältnisse gesichert. Man mußte in die Nachbargebiete einbrechen, um für die zweiten und dritten und vierten Söhne Land zu erobern. So wurde der Entstehung eines Bevölkerungsüberdruckes, der vernichtend hätte werden können, vorgebeugt, — so wurde zugleich die Machtgrundlage eines Volkes erweitert. Der politisch-wirtschaftliche Ausdehnungstrieb traf mit den Missionstendenzen des Christentums zusammen, die im Dienst des Weltherrschaftsanspruchs des ewigen Römers standen. Der feudale Landhunger ging ein Bündnis mit der römischen Kirche und ihrer christlichen Missionsaufgabe ein. Die heidnischen Gebiete wurden überfallen; soweit sich ihre Bevölkerung taufen ließ, wurde sie unterworfen und ihrer Freiheit und ihres Besitzes beraubt; soweit sie sich gegen die Taufe zur Wehr setzte, wurde sie mit der Schärfe des Schwertes ausgerottet. Landraub war die Kehrseite der christlichen Mission. Man brachte den Heiden das Christentum, um ihnen dafür ihre Scholle zu nehmen. Der Schwung des christlichen Missionseifers packte die Herzen um so glühender, als der schwärmerische Blick in der Ferne auch irdische Früchte erspähte. Das Zeichen des Kreuzes, das über

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heidnischen Gefilden errichtet wurde, erweiterte nicht nur den Besitzstand des christlichen Himmelvaters, sondern auch den- jenigen des christlichen Glaubensbringers. Die Vernichtungs- kriege, die man gegen die Heiden führte, waren Religionskriege. Man hatte als Glaubensstreiter gutes Gewissen, wenn es nur ein Heide gewesen war, den man von seinem Hof verjagt oder an seinem häuslichen Herd erschlagen hatte. Man gründete im be- kehrten Land Bistümer und baute Ritterburgen, um den Einfluß der Kirche und die neue Eigentumsordnung sicherzustellen. Der Religionskrieg war das äußerste Mittel der Feudalzeit, bedrängten Völkern notwendigen Lebensraum zu erschließen. Man war um so unerbittlicher ein fanatischer Glaubensstreiter, als man das Land, das einem zufiel, als Segen des Himmels betrachten durfte, als Bestätigung dessen, daß man ein Gott wohlgefälliges Werk ver- richtet hatte. Für den Heiden war es gerechte Strafe, aus seines Vaters Erbe vertrieben zu werden; für den Glaubenskämpfer war es Lohn des Himmels, sich des fremden Erbes bemächtigen zu können. Neben dem feudalen Adel kam das Bürgertum in die Höhe und rang nach gesellschaftlicher und politischer Geltung. Der Kampf zwischen den beiden »Ständen« war noch nicht entflammt; doch kündigte sich sein offener Ausbruch bereits an. Die feudale Gesellschaft der beginnenden Neuzeit kann nicht mehr daran denken, sich auszubreiten; angesichts des vordrän- genden Bürgertums lebt sie in der Sorge, wie sie ihren Besitz- stand bewahren soll. Sie verteidigt; sie greift nicht mehr an. Der stürmische Glaube der Missionare und Eroberer ist unzeitgemäß. Es gibt kein »Land der Heiden« mehr, das man als herrenloses Gut behandeln dürfte. Man muß andere leben lassen, um selbst noch weiter leben zu können. Es bildet sich ein sozialer Gleichgewichtszustand heraus; er wird zur Grundlage der absoluten Monarchie. Der absolute Fürst, der Landesvater verbürgt die Unverletzlichkeit der Ruhelage. Er ist

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jener Feudalherr, der auch seinesgleichen gegenüber das Rennen gemacht hat. Er wird Schiedsrichter, vermittelnde Instanz — der lachende Dritte über zwei streitenden Parteien. Im Verein mit seiner Bürokratie berechnet er die widerstreitenden Kräfte und gleicht sie gegeneinander aus. Inmitten der Spannungen zwischen der feudalen und der bürgerlichen Schicht ist er der Treuhänder, dem der Staatsapparat überlassen wird. Er muß behutsam und verständig verfahren, wenn er nicht seine Stellung in die Luft sprengen will. Es darf kein Geräusch gemacht werden; es darf sich nichts Unvorhergesehenes ereignen. Es dürfen keine elemen- taren Kräfte, welche die ausgewogene Lage fragwürdig machen würden, entfesselt werden. Die politische Richtschnur, die hier nicht ungestraft verletzt werden durfte, war die Staatsräson. Nun hatte sich die feudale Gesellschaft in eine Anzahl abso- luter Staaten, die miteinander rivalisierten, aufgelöst. Sie hielten sich untereinander eifersüchtig die Waage: so konnten sie ohne Schwierigkeit von höheren »übergreifenden« Mächten, die außer- halb des politischen Gleichgewichtssystems standen, von. den irn- perialen Figuren als Kondottieri eingespannt werden. Auch ihre Kriege müssen freilich auf die gebrechlichen Grund- lagen der absolutistischen Fürstenexistenz abgetönt werden; sie sind vorsichtig durchgeführte Unternehmungen, keine aufwüh- lenden Elementarereignisse. Sie stellen kein Volk vor die Frage des Sein oder Nichtsein; sie korrigieren unmittelbar nur Gleich- gewichtsverschiebungen zwischen den Staatssystemen. Sie sind Kabinettskriege, über deren wohlgezirkelten Verlauf die Staats- räson aller Beteiligten wacht. Niemand allerdings vermochte das Wachstum des dritten Stan- des einzudämmen; die Zeitumstände, die Entwicklung des Welt- verkehrs, die Entfaltung der industriellen Produktion begün- stigten es. Der Zeitpunkt naht, in dem die Aufrechterhaltung des sozialen Gleichgewichts zwischen feudalem Adel und Bürger- tum in Wahrheit bereits eine offenkundige Vergewaltigung des

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Bürgertums ist. Das Bürgertum empfindet diese Vergewaltigung um so stärker, je mehr es zum Bewußtsein seiner selbst gelangt. Die wirtschaftliche Übermacht, die dem dritten Stande auf Grund der sich ausbreitenden Geldrechnung in den Schoß fällt, steigert das Selbstgefühl des Bürgertums. Es fühlt sich den feu- dalen Schichten überlegen; es will seine Überlegenheit bewähren; es will nicht mehr begrenzt und gebunden sein. »Was ist der dritte Stande« fragte Sieyes in Frankreich. »Alles.« »Was war er bisher in der politischen Ordnung;« »Nichts.« »Was will er;« »Etwas werden.« Alles wollte er werden! Er drängte zur Herr- schaft. Die Grundlagen des Gleichgewichts brachen in sich zu- sammen; die bürgerliche Revolution begann. Der Bürger macht ganze Arbeit. Er verkörpert in sich ein neues Wesensbild; er begnügt sich aber nicht damit, das volle Bewußtsein seiner Andersartigkcit zu pflegen: sein Wesensbild erhebt den Anspruch, das Allgemeingültige, das Seinsol- lende schlechthin zu sein. »Der anständigste Rechtstitel des französischen Adels«, schreibt Champford um 1780, »ist seine Ab- stammung von 30000 behelmten, bepanzerten, beschienten Men- schen, die, auf großen geharnischten Pferden sitzend, 8—10 Mil- lionen Menschen, die Vorfahren der gegenwärtigen Nation, mit Füßen traten.« Zu gleicher Zeit bemerkt Sieyes: »Die Adelskaste ist wirklich ein besonderes Volk, das nur aus Mangel an nütz- lichen Organen nicht für sich allein leben kann und sich daher an die echte Nation hängt wie die Pflanzenauswüchse, die nur vom Safte der Pflanzen leben können, die sie aussaugen und austrocknen.« An anderer Stelle fährt er fort: »Man frage nicht mehr, welchen Platz die Privilegierten in der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich einnehmen sollen. Das hieße fragen, welchen Platz im Körper eines Kranken die bösartigen Säfte verdienen, die ihn untergraben und martern, oder die schreckliche Krank- heit, die sein lebendiges Fleisch aufzehrt.« Das ist eine Kampf- ansage ohne Gnade und Barmherzigkeit. Der Adelige, der

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Nachfahre der einstigen Ritter und Barbaren, trägt germanische Züge: nun bäumt sich der »Civis Romanus« gegen ihn auf und wirft ihn vom Pferde. Mit dem Sieg des Bürgertums setzt sich das Wesensbild des Citoyens durch; Frankreich glaubt, sich des Erbes des Imperium Romanum zu bemächtigen. Der »zivilisierte« Bürger hat den Vorrang gegenüber dem barbarischen Helden germanischer Herkunft. Er, nur er ist »echte Nation«; wer nicht freier Citoyen ist, ist »Pflanzenauswuchs«, »bösartige Säfte- mischung«, »schreckliche Krankheit«. Das Bürgertum bildet allein für sich die »vollständige Nation«. Der »dritte Stand«, so heißt es in einer französischen Beschwerdefrist jener Zeit, »umfaßt 99 Hundertstel der Nation und kann daher nicht eine Klasse genannt werden«. Das Bürgertum ist die Nation; es ist zugleich »der Staat«. Das ist ein entscheidender Schlag, den das Bürgertum gegen die feudale Gesellschaft führt: es setzt sich mit der Nation gleich; die Nation ist bürgerlich. Der Adel wird als »Feind der Nation« geköpft oder doch aus der Nation verbannt. Der dritte Stand — das ist der Sinn der bürgerlichen Revo- lution — entmachtet die übrigen Stände; die ganze Herrschaft will er für sich allein haben. Er hebt sich selbst als Stand auf, um die ändern Stände des Rechtsgrunds ihres weiteren Daseins berauben zu können. Indes zögert er, für seinen Anspruch die ausdrückliche Verantwortung zu übernehmen; die Herrschaft, die er errichtet, soll nicht als bürgerliches Regiment erkannt werden. Gleich an der Schwelle der bürgerlichen Gesellschaft liegt die bürgerliche Heuchelei. Die ständische Gesellschaft ver- barg nicht, daß sie eine Gesellschaft von Privilegierten sei; der bürgerlichen Gesellschaft mangelte der Mut, für das Regiment offen einzustehen, das sie ausübte. Während sie nach den Zügeln der Herrschaft griff, verkündete sie pathetisch, daß die »Nation« herrschen solle. Es war ein politisches Taschenspielerkunststück, das sie hierbei vollführte. Um aber nicht doch entlarvt zu wer-

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den, bedurfte sie eines ganzen Systems von Täuschungen und Irreführungen. Die bürgerliche Gesellschaft gewährt »politische« Freiheit, indes sie gleichzeitig die Tyrannei des Reichtums errichtet; das Gefühl der politischen Freiheit soll die Schmach der Abhängigkeit vom Geldsack übertönen. Es hat keine Ge- fahr, die »politische« Freiheit allen zu schenken; schließlich kommt doch keiner weiter damit, als sein Eigentum und sein Kredit reichen. Die Macht war an das Eigentum gebunden; die poli- tische Gleichberechtigung war für den Eigentumslosen nur ein fauler Zauber, der seine Narrenpossen mit ihm trieb. Damit er nicht gegen die soziale Ordnung revoltiere, wurde er mit poli- tischen Rechten abgefunden. Die »Nation« stellt jeden politisch gleichberechtigt neben jeden; vor der Nation sind alle gleich; da verblassen Eigentumsunterschiede zu Privatangelegen- heiten, in die sich kein anderer mischen darf. Indem das Bürger- tum vor den Augen des gesamten Volkes den Kult der Nation zelebriert, opfert es im geheimen und unbeobachtet seinem wahren Götzen, dem Gotte Mammon. Das Bürgertum brachte das betont zugespitzte National- bewußtsein in die Welt. Es genügte nicht mehr, daß die Völker schlicht und natürlich ihre Rolle in der Welt spielten; sie mußten zum klaren Bewußtsein ihrer selbst gekommen sein. Insoweit die Nation der volkliche Träger eines geschichtlichen Schicksals ist, ist sie keine bürgerliche Erfindung; das National- bewußtsein hingegen ist eine bürgerliche Kampfwaffe gegen die barbarisch-feudale Gesellschaft. Weil dieser das ausdrückliche Nationalbewußtsein noch fremd war, geriet sie in den Verdacht, die Sache des Volkes vernachlässigt zu haben. Das bürgerliche Nationalbewußtsein verfolgte eine heimtückische Hinterabsicht:

es wollte den feudalen Gegner ins Unrecht setzen und wehrlos machen. Es hatte den bösen Blick: es war teils eine giftige An- klage, teils die Prahlerei einer unduldsamen Selbstgerechtigkeit. Das bürgerliche Nationalbewußtsein legte es darauf an, die

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feudale Gesellschaft an sich selbst irre zu machen. Die feudale Gesellschaft hatte bisher gar nicht daran gezweifelt, mit der poli- tischen Generalvollmacht für Volk und Reich ausgestattet zu sein; wurde ihr jetzt jedoch beigebracht, daß sie diese Voll- macht gar nicht besaß, verlor sie ihr Daseinsrecht, mußte sie sich vor sich selbst preisgeben. Wie sich einst das christ- liche Missionsbewußtsein gegen die Heiden gewandt hatte, so richtete sich nunmehr das bürgerliche Na- tionalbewußtsein gegen die feudale Gesellschaft. Nicht um Christi, aber um der Nation willen war die feudale Gesell- schaft zu zerstören. Das Nationalbewußtsein war die Form des bürgerlichen Elans, vor dem die feudale Gesellschaft alle Stellun- gen im Staate räumte. Das Nationalbewußtsein legitimierte das Bürgertum zur Staatsbeherrschung. Das Bürgertum erst brachte den Staat auf den Fuß der »Volksnähe«; es goß ihn in die Form des Nationalstaats. Es gab kein Lebensgebiet, das es nicht der nationalen Zwecksetzung unterwarf: seit dem Sieg des Bürgertums gibt es eine Nationalwirtschaft und eine Nationalkultur, und die Kriege, die es führt, sind nationale Kriege. Es fällt schwer, die Übereinstimmung zwischen bürgerlich- kapitalistischer Wirtschaftsfreiheit und den Lebensnotwendigkei- ten des Volkes glaubhaft zu machen; sie ist nicht sinnfällig und springt nicht in die Augen. Deshalb soll sie den Ohren einge- trommelt werden: der Bürger braucht die Propaganda. Wo das bürgerliche Nationalbewußtsein geboren wird, muß die Pro- paganda als Hebamme herbeigerufen werden. Die Propaganda appelliert an die Privatinteressen, sich öffentlich nie anders als im Mantel des nationalen Interesses zu zeigen; indem sie diesen Mantel feilbietet, läßt sie stets merken, welch gutes Versteck er ist. Das bürgerliche Nationalbewußtsein ist der kräftige Nach- druck, den die bürgerliche Gesellschaft aufwendet, um mit dem Volk identifiziert zu werden.

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Jedes Unternehmen, das das Bürgertum in Gang bringt, wird »national«, wie einst alles zu Gold geworden war, was die Hand des König Midas berührt hatte. Es weiß, was es der Nation schuldet. Das nationale Bewußtsein ist das erste große bürgerliche Monopol; es wird ausschließlich im Interesse des Bürgertums aus- gebeutet. Man muß Bürger — Mitbürger — sein, wenn man sich vollberechtigt in der nationalen Lebensgemeinschaft bewegen will. Der Nationalstaat ist der Staat mit polemischer Spitze; der Bürger betont hier, daß er vom Staat Besitz ergriffen habe und daß erst, seitdem dies geschah, ein echter, wirklicher »nationaler« Staat bestehe. Bald kommt der Bürger dahinter, welch scharfe und brauchbare Waffe ihm in die Hand gefallen ist. Im seltsamen Umschlag der Dinge bricht sogleich der erste Nationalstaat, Frankreich, über seine »nationalen« Grenzen vor. Wer den Staat beherrscht, kann Beute machen, kann sich bereichern: dies ist die Lehre, die dem Bürgertum süß im Ohre klingt und aus der es reichen Nutzen zu ziehen versucht. Die ökonomische Ver- nunft läuft der Staatsräson den Rang ab. Die bürgerliche Klasse hält Umschau nach Völkern, die sie unter- werfen und aussaugen kann; sie will Gebiete, die ihre Wirtschaft mit billigen Rohstoffen versorgen. Ihr »Nationalstaat« schenkt ihr die Überlegenheit über afrikanische Neger und asiatische Gelbe. Aber dessen Machtmittel gereichen ihr nicht weniger auf der »inneren Front« zürn Vorteil: sie knechtet damit die Lohn- arbeiterschaft innerhalb ihres Nationalstaates mit der gleichen eigennützigen Härte, mit der sie die fremden kolonialen Völker ausbeutet. Die bürgerliche Gesellschaft unterhält nicht, wie es die feudale Gesellschaft tat, Leibeigene. Indessen hat sie ein System ent- wickelt, das sie instand setzt, die Arbeitskraft rechtlich freier Männer und ganzer kolonialer Völker auszuplündern. Daraus schöpft sie ihren Reichtum, ihr »Kapital«, das für sie in ähnlichem Sinne Grundlage ihrer Macht ist, wie für die feudale Gesellschaft Land-

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besitz Machtgrundlage gewesen war. Jeder »wirtschaftliche Er- folg« hat seine Kehrseite: er geht auf Kosten anderer, er ist irgendwie immer auch ein Raubzug, der geglückt ist. Die bürger- liche Gesellschaft dehnt ihre Raubzüge über die ganze Welt hin aus; der »Weltmarkt« ist schließlich der Bereich, auf dem sie sich bewegt, um Geld zu machen. Hier bilden sich Zweckbünd- nisse der bürgerlichen Schichten verschiedener Völker; sie sind internationale Raubgenossenschaften und zugleich Rück- versicherungsmaßrcgeln gegenüber der Lohnarbeiterschaft und den unterdrückten Völkern. Internationale Trusts, Syndi- kate, Monopolgebildc überspannen die Staatsgrenzen; enge Wirt- schaftsverflechtungen binden die bürgerlichen Schichten verschie- dener Länder aneinander und stiften, ungeachtet zahlreicher Ne- benbuhlerschaften, doch eine Reihe gemeinsamer dauernder Inter- essen. Auf diese Weise erstrecken sich über die bürgerlichen Nationalstaaten, hinweg internationalcVerbindungen, durch die die bürgerliche Gesellschaft als ein einheitlicher, erd- umspannender Gesamtkörper wirksam wird. Diese Einheit macht sich insbesondere nach drei Richtungen hin geltend: ein- mal als Solidarität gegenüber kolonialen Völkern, die auch nicht durch den gegenseitigen Neid auf den Besitz des Nebenbuhlers an kolonialen Gebieten beeinträchtigt wird; zum anderen als Solidarität gegenüber dem Proletariat, die so stark ist, daß sich jede bürgerliche Schicht eines Volkes mit den bürgerlichen Schichten der übrigen Völker verwandter fühlt als mit ihrer gleichvölkischen Arbeiterschaft; zum dritten schließlich als Solidarität gleicher Rechts- und Vertragsauffassni- gen, die in der gemeinsamen Heiligung des Privateigen- tums ihren Höhepunkt erklimmt. Das sind Horizonte, in denen sich auch die imperialen Figuren sogleich zurechtfinden. Sie hatten sich früher des feudalen »Bar- baren« bedient; nunmehr sehen sie im nationalen Bürger ihren Mann. Mit ihm zieht die neue Zeit. Der Lauf der Dinge bewegt

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sich auf bürgerlichen Füßen; wer seine Sache vorwärtsbringen will, muß sie dem Bürger anvertrauen. Ewiger Römer und ewiger Jude antichambrieren vorsorglich vor denTüren des bürgerlichen Nationalstaats. Für die Bevorzugung, die der ewige Römer im mittelalterlichen Fcudalstaat genoß, will sich der ewige Jude im bürgerlichen Nationalstaat schadlos halten. Die bürgerliche Klasse, die den Nationalstaat schuf, wurde im Verlauf der Zeit eine internationale Bevölkerungsschicht. Sie schlug für die imperialen Figuren in allen Zonen des Erdballs Bresche. Das ist nicht widernatürlich. Der »Nationalstaat« war von Anfang an keine »Urgegebenheit«, auf die die bürgerliche Gesellschaft sich ausgerichtet gehabt hätte. Er war vielmehr ein Werkzeug, das sich die bürgerliche Gesellschaft nach ihren Be- dürfnissen zubereitet hatte; er wurde der Apparat, mittels dessen die Arbeiterklasse und die primitiven Völker geknechtet wurden; sein Zweck war, die Kapitalbildung zu begünstigen und die Kapitalsherrschaft zu sichern. Weil der Nationalstaat der ausschließlich bürgerliche Staat ist, hat der Arbeiter zwangsläufig eine schiefe Stellung zu ihm. Die »nationale Zuverlässigkeit« der Arbeiterschaft ist hier not- wendigerweise im selben Maße fragwürdig, wie es ihre bürger- liche Zuverlässigkeit ist. Der Nationalstaat war einst die kämpfe- rische Ausfallsstellung des Bürgertums gegenüber der feudalen Ge- sellschaft; inzwischen wandelte er sich zur bürgerlichen Vertei- digungsstellung gegenüber der anstürmenden Arbeiterschaft. So sehr ist der Nationalstaat bürgerlich, daß allein der Angriff auf die bürgerliche Ordnung als Staats-, Hoch- und Landesverrat gilt. Die politische Anschauung, die dem Nationalstaat gemäß ist, ist der Nationalliberalismus: den Grundstock bilden die Gesinnungen der Wirtschaftsfreiheit und Wirtschaftsungebunden- heit; das nationale Element ist lediglich eine schmückende Bei- gabe, ein bestechender Farbton. Je mehr die Arbeiterschaft zum Bewußtsein ihrer selbst gelangt, desto kritischer wird die Lage

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für den Nationalstaat im Kriegsfall: es schwindet die Sicherheit, ob sein »ärmster Sohn« künftighin auch noch sein »getreuester« sein werde. Sobald die kolonialen Völker zur quälenden Erkennt- nis ihres gedemütigten Daseins kommen, wird unter kriegerischen Umständen ihre Haltung ähnlich zweifelhaft: die »Unterdrück- ten« beginnen ringsum zu überprüfen, ob sie die Verlegenheiten des Nationalstaats nicht ausnützen sollen, um sich des Drucks der bürgerlichen Ordnung zu entledigen. Es liegt im Lebensinteresse der bürgerlichen Schicht eines Vol- kes, ihr politisches Werkzeug, ihren Staat, mit allen Machtmitteln auszustatten. Sie bedarf eines starken Nationalstaats, um kräftig in die Weltwirtschaft vorstoßen zu können. Ihr Anteil an der Welt- wirtschaft wird um so größer sein, je weniger unbequeme Kon- kurrenten es gibt, die die besten Bissen für sich wegschnappen. Man kann die bürgerliche Schicht eines Nationalstaats nicht hindern, auf dem Weltmarkt kühne und gewagte Geschäfte zu machen, wenn man Grund hat, ihre Kanonen zu fürchten. Die internationalen Verflechtungen, die überseeischen Nieder- lassungen, die lebenswichtigen Verbindungen mit fernen Roh- stoffgebieten und Absatzmärkten erscheinen da als verschwen- derische Ausstrahlungen, als vorgeschobene Kraftfelder eines ener- giegeladenen Nationalstaats; er wirkt als vitaler Kern, um den sich eine reiche Fülle von Außenposten gruppiert und der von seinem Zentrum aus in die Weite greift. Die welterfassenden Erfolge der bürgerlichen Wirtschaft werden dem Nationalstaat gutgeschrieben; sie erhöhen seinen Glanz und vermehren sein An- sehen. Die Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft eines Volkes steigert die Macht und die weltpolitische Geltung des Staates, der ihr zur Verfügung steht; Wachstumsrichtung der bürgerlichen Gesellschaft und »Staatsräson« stehen im vollen Einklang. Die weltwirtschaftlichen Eroberungen des englischenBürgertums setz- ten wohl die meerbeherrschende Flotte voraus; dann aber über- schütteten sie den englischen Staat, das britische Imperium, mit

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Ruhm und legten den Grund, auf dem seine weltgebietende Auto- rität erwuchs. Das französische Bürgertum münzt seine Finanz- macht doch erst seit jener Zeit wieder in politische Vorherrschaft über Europa um, seitdem es hinter den Klang seines Goldes den Nachdruck überlegen klirrender Bajonette zu setzen vermag. Der Imperialismus ist jene Entwicklungsstufe der bürgerlichen Ge- sellschaft, auf der sie sich mittels ihres scharfgeschliffenen national- staatlichen Instruments so sehr in Respekt gesetzt hat, daß sie sich eines reichen Anteils an der Weltwirtschaft und der Weltherr- schaft zu versichern vermag; in imperialistischen Kriegen be- mächtigt sie sich ihrer Beute. Der bürgerliche Imperialismus ist der Ehrgeiz des Bürgers, es der imperialen Figur gleichzutun; da der Bürger sie aber nie ganz erreicht, da er immer noch ein Stück hinter ihr zurückbleibt, bringt sie ihn dahin, wo sie ihn braucht. Der bürgerliche Imperialismus arbeitet den Weltherrschaftsabsich- ten der imperialen Figuren in die Hände.

20.

In Napoleon war der Sinn seiner Zeit ohne Rest aufgegangen; darum war er ein Mann des Schicksals. Ein Individuum war rück- sichtslos genug, ehrfurchtslos alle Grenzen zu überspringen - darin war er der Sohn der »Revolution«; aber er war zugleich auch unbefangen genug, von den Trümmern der alten Institutio- nen Gebrauch zu machen, um mit ihrer Hilfe die Früchte der bürgerlichen Revolution in Sicherheit zu bringen. Als Napoleon nach der Kaiserkrone griff, wagte er, das stärkste bürgerliche Individuum seiner Zeit, ein keckes Experiment: er wollte auf seinen eigenen Füßen dieselbe große Figur machen, zu der man es bisher nur auf dem ständischen Kothurn hatte bringen können. Das bürgerliche Individuum plusterte sich zur Größe, Weite und Höhe kaiserlicher Majestät auf. Da es aber trotz aller Anstren- gungen nicht über sich selbst hinauskam, zog es in Wirklichkeit die Würde kaiserlicher Majestät auf seine Maße herunter. Das

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Individuum ist nicht mehr bloßes, von Gott auserwähltes Werk- zeug und Sprachrohr der Majestät, sondern die Majestät ist nur noch die größte Pose des Individuums. Es ist nicht in erster Linie Kaiser und nur zufällig und unwesentlich Privatperson; es ist viel- mehr lediglich Kaiser, um sich zu einer Privatperson von aller- höchstem Gewicht hinaufzustcigern. Es ist kein echter Kaiser, es spielt nur Kaiser; was nicht selbst Bürger ist, spürt den Ge- ruch der Unechtheit in der Nase. Das bürgerliche Individuum wirft sich den Krönungsmantel über, weil das Theater, das damit zu machen ist, den Anschein aufrechterhält, daß die bürgerlichen Geschäfte, die Exzesse der ökonomischen Ratio, auch noch große Geschichte seien. Das Imperium Napoleons I. war von Grund auf vom Staat Ludwigs XIV. verschieden. Durch die revolutionäre Machtergrei- fung des dritten Standes in Frankreich war die gesellschaftliche Stileinheit des europäischen Daseins vernichtet. Das bürgerliche Frankreich war innerhalb seiner feudalen Nachbarschaft ein Fremdkörper. Es konnte sich nicht eher gesichert fühlen, bevor nicht die Spannung gemildert, bevor nicht das feudale Element in Europa überhaupt zugunsten des bürgerlichen Elements ge- schwächt war. Diese für Frankreich lebenswichtige Funktion er- füllte Napoleon in seinen Kriegen; er war kein »absoluter Mon- arch«, sondern ein Bürgerkaiscr, dem um seiner außerordent- lichen Funktion willen außerordentliche Befugnisse eingeräumt worden waren. Nachdem er ringsum das bürgerliche Element in Bewegung gesetzt hatte, brauchte Frankreich nichts mehr für sich zu befürchten. Als er der Versuchung nachgab, römischer Impe- rator zu sein, statt es sich am imperialen Schein genug sein zu lassen, fühlte sich sogleich der ewige Jude beunruhigt. Der ewige Jude bangte, daß ihn auf diesem Wege das Wagnis des Citoyen teuer zu stehen kommen könne. Es war jetzt mehr als bloß ein geschichtlicher Witz, daß Napoleons Fall bei Waterloo den Juden Rothschild zum »großen« Juden machte.

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Als lästiger Störenfried wurde der Korse nunmehr, da er seine jüdisch-bürgerliche Schuldigkeit getan hatte, nach St. Helena be- fördert. Der Bonapartismus ist Monarchismus als Geschäftskniff, nicht als gottgewollte Institution. Allen Legitimisten wurde davor un- heimlich; sie witterten ein Teufelswerk dahinter und fühlten mit gutem Instinkt, daß er die wahre Monarchie nachäffe und ihr und ihrem Ansehen damit schwersten Abbruch tue. Noch hatte sich in den Tagen Napoleons das Individuum nicht gegen die Familienbiiidung empört; es fühlte sich damals mit seiner Familie noch eins und hatte sogar auch für seine Sippe noch etwas übrig. Wenn das Individuum »reüssiert«, kommt es seiner Familie zugute. Napoleon ist ein großer Unternehmer, dessen Familie an seinen Erfolgen profitiert; Frankreich, das er in seine Hände bringt, geht in den Besitz der Familie Bonaparte über. Solange die Firma Frankreich blüht, macht sich die Sippe und Familie Bonaparte gesund dabei. Napoleon findet jene Politik, die dem Bürger gemäß ist: Politik ist Machtausdehnung zu Erwerbszwecken. Er plünderte Deutsch- land aus wie ein Unternehmer seine Marktgebiete ausplündert. Mit deutschen Kontributionen hielt er den französischen Staats- haushalt im Gleichgewicht, deckte er das Defizit seiner Firma, die Apanagen seiner Familie und die Tantiemen seiner Marschälle. Der Bonapartismus hat einen eindeutigen Sinn: ein Individuum faßt Mut zu dem, wonach es alle übrigen Individuen insgeheim auch gelüstet; ein Parvenü schlägt das Ehrwürdige, das sich ihn bisher vom Leibe hielt, ins Gesicht und setzt sich mit trotzig ungehobelter Gewaltsamkeit auf den Thron, als ob dieser ein Kontorsessel wäre. So sehr sich der Parvenü anfänglich auch noch »fein« gibt, handelt es sich doch nur um den ersten großen Sieg des demokratischen Aufstandes. Das bürgerliche Individuum, das vorangeht, das zuerst seine Scheu abstreift, bringt es am weite- sten; es schöpft den Rahm ab; der größte Überrumpelungserfolg,

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den es einheimst, ist, daß es gekrönt wird. Nun freilich ist das Eis gebrochen; es beginnt der Wettlauf aller, kein Individuum möchte hinter dem ändern zurückbleiben. Keines käme mehr vor- wärts, jedes stolperte über das andere, wenn sie sich nicht ver- ständigten. Keiner darf mehr, wie es noch Napoleon tat, alles an sich reißen; sie müssen wohl oder übel »teilen«. Sogleich son- dern sich die »Tüchtigeren« ab; sie kommen überein, sich selbst gleiche Chancen zuzubilligen, die Menge der weniger Tüchtigen aber mit Trinkgeldern abzuspeisen. Der Parlamentarismus ent- steht; die Menge wählt, die Abgeordneten haben den Vorteil davon. Man kann nicht leugnen, es gibt noch Individuen, die etwas einzusetzen haben. Das bürgerliche Individuum, das ein Erbe, eine Rücklage sei es materieller, biologischer oder geistiger Art hat, ist die »liberale Persönlichkeit«. Der Liberalismus ist die Zeit, in der noch »Persönlichkeiten« ihr Glück versuchen oder ihr Glück machen, die nicht durchwegs zu verachten sind. Das geistige und allgemeine Dasein überhaupt hat noch Stil, der Par- lamentarismus hat Niveau. Allmählich verbrauchen sich die »Persönlichkeiten«; die Zahl derer, die stark genug sein könnten, Einzelgänger zu sein, wird immer geringer. Das Individuum, das nie »Persönlichkeit« war und keine Voraussetzungen hat, es zu werden, kommt zu stärkerer Geltung; den Mangel an eingeborenem qualitativem Gewicht ersetzt es durch seine Summierung, durch die Zahl, in der es auftritt. Die Individuen »kartellieren«, vertrusten sich, sie schließen sich zu gewaltigen Konzernen zusammen, um im Wettbewerb um die politische Macht stark zu sein: es bilden sich die moder- nen Parteien. Die Parteien teilen den politischen Machtbereich ähnlich unter sich auf, wie die Syndikate das Marktgebiet unter sich verteilen. Beide sind Schwächegeständnisse des Individuums:

der einzelne hat keine Durchschlagskraft mehr, setzt sich allein nicht mehr durch. Der parlamentarische Nationalstaat hält noch an einer gewissen

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Großzügigkeit der politischen Gebarung fest; er läßt eine Reihe von Tendenzen durchgehen, die »außergeschäftlich« sind, ja, er gestattet sich sogar den Luxus, beide Augen zuweilen elementaren Regungen gegenüber zuzudrücken, die ihm das Geschäft verder- ben können. Das ist der Rest von »Imponderabilien«, den er auf Lager hält und auf den er sich nicht wenig zugute tut. Je mehr sich die Individuen »entleeren«, desto leichter wiegt ihre Stimme, desto geringfügiger fallen die Parteien in die Waag- schale. Der Aufwand, den ihr Nebeneinander und Gegeneinander kostet, ist nicht mehr aufzubringen; die Individuen sind nicht mehr »reich« genug, um dafür aufkommen zu können; die Par- teien werden zu einer Belastung, die sich das Individuum nicht mehr leisten darf. So groß die Parteien sein mögen, so wenig sind sie noch der feste Boden, auf dem Halt, Sicherheit und die Zuversicht eines Erfolges zu gewinnen wären: sie vergeuden den letzten Rest ihrer Reserven in der Konkurrenz untereinander. Es schlägt die Stunde für das Einparteiensystem: es ist die ge- schichtliche Situation für Männer wie Napoleon III. Die ent- leerten Individuen drängen in einen Stall. Sie haben so wenig mehr etwas in sich und sind so wenig mehr etwas für sich, daß sie sich bloß noch auf Grund ihrer »einmütigen Geschlossen- heit« festen Stand verschaffen und aufrecht erhalten können. Nur indem sie millionenfach auf eine einzige Art da sind, reicht ihre Kraft aus, überhaupt noch da zu sein. Existenz ist allein noch möglich, insofern sie über einen einzigen Leisten geschlagen ist; jede Abweichung ist Verschwendung, ist ein Exzeß, der die »ein- mütige Geschlossenheit« in Frage stellt. Liberalismus mit seiner Toleranz zugunsten der Mannigfaltigkeit und Vielgestalt braucht einen Boden, der immerhin noch etwas hergibt; die einebnende Intoleranz zeugt kein Leben; sie ist ein sengender Hauch, der aus einer unfruchtbaren biologischen Sandwüste aufsteigt. Niemals herrschte in Frankreich hoffnungslosere Dürre als unter Napo- leon III.

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Die »einmütige Geschlossenheit« der entleerten Individuen setzt sich mit dem Elan des Absturzes und der unwiderstehlich in die Tiefe reißenden Gewalt des Zusammenbruchs durch. Jene Partei errichtet ihr Monopol, die dem entleerten Individuum am voll- kommensten auf den Leib zugeschnitten ist; die alten Parteien, die das Individuum noch nicht ganz so leichten Kaufes hatten davonkommen lassen, gehen zugrunde; wer sich darin bewegt hatte, hatte doch noch irgendwer sein müssen; der Siegeslauf der einen Partei beruhte darauf, daß sie davon entband, noch irgend- wer zu sein und zugleich den Fluch gegen alles schleuderte, was noch irgend etwas war. Für jede Art Großzügigkeit gehen die Mittel aus. Die Familien, die immerhin noch »fruchtbares Erdreich« waren, zerfallen in die Sandkörner entleerter Individuen; damit wird aus Nation Masse. Die Masse ist der menschliche Bestand, den die bürgerliche Zeit übrig läßt; es sind keine Vorräte mehr vorhanden; man lebt von der Hand in den Mund und spürt das Gespenst körperlicher und geistiger Aushungerung vor den Toren. Infolgedessen hat die Masse nur zwei Anliegen: Brot und Spiele; so sollen Leib und Seele gefüttert werden. Der parlamentarische Nationalstaat funktioniert für die Masse nicht primitiv genug; er erzeugt not- wendigerweise immer auch noch Nebenprodukte für »höhere Be- dürfnisse«. Diese Verschwendung duldet die Masse nicht mehr:

ihr Staat soll ausschließlich für das Notwendige Sorge tragen, das sie braucht. Er soll allein auf ihren billigen Unterhalt zurecht- gezimmert sein; es geht auf ihre Kosten, wenn er nachsichtig gegen ein Maß ist, das die Schablone sprengt. Im Zug der Dinge liegt der massendemokratische Cäsarismus mit seiner Into- leranz, seinem Terror, seinem Despotismus. Dieser Despotismus knechtet nicht das entleerte Individuum; er gibt diesem gerade so viel, als es verlangt. Er knechtet nur, was noch nicht auf den Stil des entleerten Individuums heruntergekommen oder was be- reits wieder darüber hinaus ist.

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Jeder neue Zustand stellt, indem er endlich die Dinge in seine Gewalt bringt, den menschlichen Typus heraus, der nunmehr der Zeit entspricht; gerade das beseitigt die letzten Widerstände, daß er sinnfällig vor Augen führt, wer der Herr der Stunde ist. In dem Augenblick, in dem die Herrschaft des entleerten Individuums fällig ist, wird sichtbar, daß sogar die Nichtigkeit mit dämoni- scher Macht ausgestattet sein kann. Ein Individuum ohne großen Rang und Inhalt, wie es Napoleon III. war, marschiert an der Spitze; mit Fanatismus proklamiert sich die Leere und Kümmer- lichkeit, der Abfall und Abschaum, die bankrotte Existenz als vorbildliche Richtschnur. Der Bonapartismus war das großartige Theaterstück, mit dem die bürgerliche Gesellschaft, als niemand mehr vorhanden war, der ihr das Feld streitig machen konnte, ihren Eintritt in die Geschichte glanzvoll feierte. In dem Augenblick, in dem sie die ersten Schatten des Todes über sich fühlt, entartet der Bonapar- tismus zu einem üblen und elenden Schmierenstück. Den Cäsar, dem ehedem ein geborener Heldendarsteller nahezu Echtheits- wirkung verlieh, spielt jetzt der trübe ausgeleierte Komödiant Napoleon III. Obschon der Staat auch für Napoleon L Privat- besitz war, machte er doch einen imponierenden Gebrauch da- von; die kleinen Leute, die unter Napoleon III. über diese ver- schlissene Hinterlassenschaft verfügen, verzetteln sie in üblen und elenden Geschäften. Die bürgerliche Logik zieht eine letzte Konsequenz, indem sie die Umschaltung des Staates auf eine Veranstaltung, die lediglich die Masse mit Brot und Spielen versorgt, als einzigartiges »gigan- tisches« Geschäftsuntcrnehmcn einiger weniger »großer« Bürger aufzieht; die cäsaristische Massendemokratie wird auf diese Weise zu einem grandiosen bürgerlich-kapitalistischen Coup, durch den ein paar Wirtschaftskapitäne, Finanzmänner, Glücksritter und deren politische Hampelmänner ihr Glück machen, indem sie den Hunger der Massen richtig zu behandeln wissen.

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Das entleerte Massenindividuum ist, solange es sich der bürger- lichen Gesellschaft zuordnet und auf dem Grunde des bürger- lichen Lebensgefühls seinen letzten Halt findet, eine Sackgasse; auch der cäsaristische Massenstaat ist keine Rettung, der Cäsar ist kein lebenspendender Messias. Die Brot und Spiele, die der Cäsarismus bietet, sind zum Sterben zuviel und zum Leben zu wenig; das »vermasste« Individuum »rafft sich nicht mehr empor«, »saniert« sich nicht mehr; es versinkt in immer tiefere Verwahr- losung und Verlumpung, es geht immer weiter abwärts mit ihm, Es ist Auswurf einer alten, nicht Keim einer neuen Welt. »Brot und Spiele« sind der traurige Ausklang der großen bür- gerlichen Beutemacherei; das Massenindividuum erschnappt noch einige armselige Realitäten dafür, daß es seine Cäsaren im Schaum seiner Begeisterung emporträgt; »Brot und Spiele« sind der »Pro- fit«, den es einheimst, wenn es in der wertlosen Valuta seiner Beifallssalven bezahlt. Wo der Lärm um Brot und Spiele den Tag beherrscht, da wollen viele auf ihre Kosten kommen; irgend- wie bringt sich da mit schäbiger Aufdringlichkeit eine korrum- pierte kaufmännische Erwägung zur Geltung: man möchte nicht ganz leer ausgehen, indem man sich selbst verschleudert.

Zwischenspiele

21.

V on Anbeginn an sind Gewalt und Geist Urgegensätze. Der Geist ist der erste Gegenspieler der Gewalt; er ist ihr so sehr gewachsen, daß er zuletzt immer wieder gegen sie recht behält. Die Gewalt erfüllt breit und massig den Raum; der Geist aber hat die Zeit für sich, und es zeigt sich in jedem Fall, daß er mit ihr weiter kommt. Wo sich die Gewalt mit grober Wucht hin- lagert, unterwühlt der Geist den Boden, auf dem sie ruht; wo ihr Druck ins Ungemessene wächst, organisiert er einen Gegen- druck, der nicht zu fassen und zu ertappen ist; wo ihr Zwang

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keinen Ausweg mehr zu lassen scheint, entdeckt er noch Hinter- türen; er zerstört ihren Ruf, schmälert ihr Ansehen, raubt ihr das gute Gewissen und liefert sie schließlich einer Lächerlichkeit aus, die für sie tödlich wird. Dieser Urgegensatz taucht ge- schichtlich in den verschiedensten Verkleidungen auf; er erscheint als Polarität von Geist und Schwert, Heiliger und Held, Papst und Kaiser, Priester und Krieger, Literat und Soldat. Die Gewalt pocht auf sich, hält sich selbstgenügsam an die Gewißheit ihrer Unwiderstehlichkeit, bedroht unduldsam jeden Widerstand mit existentieller Vernichtung; der Geist aber verschafft Wertmaß- stäben Anerkennung, gegen die sie sich lange wehren mag, denen sie sich aber doch eines Tages unentrinnbar unterworfen sieht:

sie muß es sich gefallen lassen, mit dem Unterton der Verach- tung als »roh«, »plump«, »stupid«, »eng«, »stur«, »barbarisch«, »un- sittlich« in Verruf zu kommen. Das war der durchschlagendste Erfolg des Geistes gegen die Gewalt, daß er sich als die zur Wertung bevollmächtigte Instanz durchsetzte; damit war ihm der Leumund der Gewalt ausgeliefert. Es gehörte zu seinen wei- teren Kriegsunternehmungen, daß er mit diesem Leumund nicht eben glimpflich umsprang. Indem er aber den Vorrang hatte, sein eigener Richter sein zu können, trug er Sorge dafür, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Er war so »überlegen« wie die Gewalt »inferior«, so geschliffen wie sie roh, so beweglich wie sie plump, so weit wie sie eng, so licht wie sie finster, so scharfsichtig wie sie blind, so frei wie sie versklavend, so uni- versal wie sie beschränkt. Die Gewalt ist unmittelbare Äußerung vorhandener Lebens- kraft, natürlicher Ausfluß ungebrochener Lebensmächtigkeit. Wo Gewalt und Geist unter keinen Umständen dazu vermocht wer- den können, im Gleichschritt zu marschieren, verrät sich ein Sein niedrer Ordnung; wo Gleichklang und Gleichschritt zwischen beiden leicht fallen und selbstverständlich sind, kündigt sich ein Sein höherer Art, vornehmeren Ranges, großartigerer Prägung an.

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Es stimmt im Lebensgrund etwas nicht, wenn die Gewalt isoliert gegen den Geist und der Geist isoliert gegen die Gewalt steht. Indem der Geist alsdann die Gewalt unterhöhlt, verzehrt er Lebens- substanz, ist er »Lebenswürger«. Hier ist der Punkt, von dem aus das Mißtrauen der Gewalt gegen den Geist nicht durchaus un- begründet erscheint. Der deutsche Held will gar nicht klug sein; er wäre nicht er selbst, wenn er nicht »tumber Tor« wäre. Hebbel läßt in den »Nibelungen« den Siegfried erzählen, wie seine Mutter über ihn denke. »Sie sagt, ich sei zwar stark ge- nug, die Welt mir zu erobern, aber viel zu dumm, den klein- sten Maulwurfshügel zu behaupten. Und wenn ich nicht die Augen selbst verlöre, so lägs allein an der Unmöglichkeit.« Da die Gewalt es ist, die die Ordnungen zuerst setzt, den politischen Status, den »Staat« schafft, die »Tat« vollbringt, fühlt sie sich als eigentlich schöpferischen Urgrund; schon die Ausdeutung ihres Werkes durch den Geist empfindet sie als unfruchtbare Besserwisserei, seine Kritik gar als kecke, anmaßende, nieder- reißende Zersetzung. Es gibt Fälle, in denen es zu einem glücklichen Ausgleich zwi- schen Gewalt und Geist kommt; es bildet sich ein für beide Teile vorteilhaftes Gleichgewicht zwischen ihnen. Die Gewalt begreift, daß sie am besten fährt, wenn sie dem Geist ganz die Ehre der Repräsentation überläßt; so gewinnt sie gewisser- maßen unbemerkt an Gelände. Man glaubt, es mit dem Geist zu tun zu haben und inzwischen hat sie Gelegenheit, sich fest- zuwurzeln. Sie kommt als »Dienerin der Idee«; sie schickt sich in dies Gewand, weil sie weiß, daß gerade dadurch das Reich ihrer Herrschaft um so grenzenloser ausgebreitet wird. Der Geist aber erntet hohe Ehren; er wird erst durch die Symbiose mit der Gewalt gewichtiger, maßgeblicher, erheblicher Geist. Darin bestand die Größe des antiken Rom, Geist und Gewalt in ein solch enges Verhältnis gebracht zu haben; das Schwert des Römers erwarb sich den Ruhm, Wegbereiter des friedenschaffen-

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den Rechts zu sein. Als Rom das Schwert verloren hatte, war der Gedanke seiner herrscherlichen Führung so tief in die Herzen der abendländischen Menschheit eingesenkt, daß er sich mit ande- ren Mitteln wieder zur Anerkennung bringen ließ: die christ- lichen Dogmen traten an die Stelle der Rechtssätze, die Kirche an die Stelle des Imperiums, die Priester und Mönche an die Stelle der Legionäre. Zuerst die Kaiser, dann die Fürsten vieler Völker liehen dem kirchlichen Rom das Schwert, das es selbst unmittelbar nicht mehr besaß. Die ökonomische Gewalt ist die Form, die die Gewalt an- nimmt, wenn sie von jüdischen Händen ausgeübt wird. Alles be- kommt hier seinen Preis — auch der Geist; und wenn man ihn hoch genug bezahlt, läßt er sich gerne kaufen. Zum Besitz ge- sellt sich gleichwertig die Bildung; die Geldherrschaft stellt sich nicht nackt zur Schau, sondern versteckt sich hinter den »kultu- rellen und zivilisatorischen Leistungen«, die sie finanziert. Die Plutokratie ist mit dem Geist so eng liiert wie es die Theokratie und die Cäsarokratie sind; das gibt diesen Herrschaftssystemen ihren blendenden, bestechenden, überzeugenden und universalen Anstrich. Der kapitalistische Bürger ist der ehemalige Barbar, der in die Horizonte der plutokratischen Ebene hineingewachsen ist. Die nationalen Bindungen, die er noch fortpflegt, sind die Reste seines Barbarentums; in seinem Wirtschaftsimperialismus aber gehorcht er der Schwungkraft der ökonomischen Ratio. Es war der imperiale Wesenseinschlag, unter dessen Einfluß der Bürger stets auf ein gutes Verhältnis zum Geist gehalten hat; nur so kam er auf die Dauer gegen den Bauern und Soldaten auf. In seinen Städten honorierte er die Künstler, Gelehrten und Literaten dafür, daß sie die geistigen Interessen wahrten; so ver- pflichtete er sich die Sache des Geistes zur Dankbarkeit: sie hatte keine Ursache, gegen ihn rebellierend aufzustehen. Indem er För- derer »geistiger Interessen« und Träger »zivilisatorischer« Werte

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ist, wird ihm nachgesehen, daß er Arbeiter entwürdigt, konsu- mierende Volksmassen ausraubt und an kolonialen Völkern er- barmungslose Erpressungen verübt.

22.

Das politische Glanzstück des deutschen Barbaren war Preußen; der Barbar, der als Krieger geschichtlichen Ehrgeiz befriedigte, hat es geschaffen. Der Junker ist der Bauer mit den Instinkten des Kriegers; der Schwertadel ist die Gemeinschaft der Groß- bauern, die ihr Land bebauen, um unabhängig genug zu sein, die Waffe zu führen, sobald die Stunde ruft. Der nichtjunkerliche Bauer, der kleine Mann überhaupt, war vielleicht nirgends mehr »Untertan« als er es in Preußen war. Da aber der Untertan, wenn er stramm stand und die Hände an die Hosennaht legte, es viel mehr aus militärisch-disziplinaren Grün- den als aus ziviler Knechtsgesinnung zu tun schien, hatte sein Untertanentum einen achtbaren Einschlag; es liegt in der Natur der Sache, daß man den uniformierten Untertanen, der das solda- tische Männerhandwerk betreibt, als Mann gelten lassen muß. Der soldatischen Tapferkeit merkt man nicht an, ob sie ursprüng- lich heldischen Antrieben, entspringt, oder die äußerste Bewäh- rung eines blind zitternden Untertanengehorsams ist; nur wenn der Vorgesetzte nicht mehr befiehlt, kommt man ihrem Geheim- nis auf die Spur. Der echt preußische Mangel an moralischem Mut, an, wie Bismarck sagte, »Zivilcourage«, den auch ruhmreichste Soldaten an den Tag legen, enthüllt, daß auch in jener Brust, die der Stolz glanzvollster Taten schwellt, nur ein Untertanen- herz schlägt. Aus der Grundhaltung deutschen Barbarentums heraus bezog Preußen Stellung gegen Rom, in welcher Gestalt sich immer dieses auch verkörperte. Preußen war antirömisch als protestan- tische Vormacht, als Machtstaat gegenüber der Metaphysik des Reiches, in den Kriegen Friedrichs II. gegen den Kaiser, in den

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Freiheitskriegen und in den Kriegen Bismarcks gegen Österreich und das bonapartistische Frankreich; es war antirömisch in seiner Polenpolitik und schließlich im Kulturkampf. Aber es hatte gegen den imperialen Willen Roms keinen gleich großartigen eigenen impcrialen Willen auszuspielen. Der preußische Untertan ge- langte zu keiner imperialen Wirkung und die »Inferiorität des deutschen Selbstgefühls«, die Bismarck beklagte, war nicht der Gründung eines Weltreichs fähig. Die »Idee von Potsdam« barg wohl ein imperiales Element in sich: im nordisch-protestantischen Raum, im bewußten Gegensatz gegen die Herrschaftsgedankcn Roms, mit militärischen Kräften ein machtvolles Staatswesen zu errichten. Sie nahm gewissermaßen die Überlieferung Gustav Adolfs auf, der von Stockholm aus ein nordisch-protestantisches Soldatenreich hatte ins Leben rufen wollen. Aber die »Idee von Potsdam« hatte dann doch nicht soviel Größe des Umblicks, Weite des Horizonts, herrische Unbefangenheit und ansprechende Kraft in sich, um sich in die Fülle und Breite der Welt hinein form- gebend bewähren zu können. Sie gewann nicht einmal den deut- schen Menschen südlich des Grenzwalls. Auch die preußische Schwertgewalt konnte den Menschen nur von außen her unter- werfen, solange das Schwert scharf blieb. In dem Augenblick, in dem es stumpf wurde, brach ihr Machtbau in sich selbst zu- sammen, erhoben sich Empörung und Rebellionen gegen ihren Druck. So wuchs der »Mensch von Potsdam«, der »Preuße«, nie in die Ausmaße einer weltgängigen imperialen Figur hinein; er blieb, von der Höhe Roms oder auch Judas her betrachtet, stets provinziell. Das verwickelte ihn in jenes tragische Schicksal, dem jeder verfällt, der sich auf den Kampf gegen eine der imperialen Figuren einläßt, ohne ihr gewachsen zu sein und ihren Rang zu erreichen: er wird unversehens zum Werkzeug und zur Schach- figur der anderen imperialen Figur. Er ist der Barbar, der - indem er gegen die eine imperiale Figur seine eigene Sache ver- ficht, welche für ihn eine Sache aufleben und Tod sein kann -

7 imp. Fig.

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doch nur als der Landsknecht der ändern imperialen Figur in ein kleines Scharmützel verwickelt ist, das im Zuge der säkularen Auseinandersetzung zwischen den beiden imperialen Figuren ge- B Bliefert wird. Er ist stets nur »Degen«, der — wie Friedrich der Große — den geringsten Gewinn aus seinen Siegen zieht. Es blieb die Schwäche Preußens, daß es ihm, aufs Ganzege- sehen, nicht gelungen ist, einen Ausgleich zwischen Gewalt und Geist zustande zu bringen. Die Gewalt behandelte den Geist mit Geringschätzung, wenn sie ihn nicht noch schroffer als Feind unterdrückte. Literatur wurde zum schimpflichen Gewerbe und Literat zu sein wurde zum Einwand gegen den Menschen, der es war. Der Geist aber übte Vergeltung, indem er Preußen, vor dem Angesichte der Welt nicht nur dem Spott und der Lächer- lichkeit preisgab, sondern es allerorts als Macht finsterster und rohester Reaktion dem allgemeinen Abscheu auslieferte. Der Leut- nant in der Karikatur, der »preußische Militärstiefel« der politi- schen Pamphletistik gehören zu der Münze, mit der der Geist Preußen heimzahlte. Die Gipfel seines Rachefeldzuges aber er- klomm er in den Verwünschungen, durch die Deutschlands er- lesenste Geister das preußische Wesen brandmarkten. »Es schauert mich die Haut vom Wirbel bis zur Zehe« schrieb Winkelmann 1763, »wenn ich an den preußischen Despotismus und den Schauder der Völker denke, welches das von Natur selbst ver- maledeite und mit lybischem Sand bedeckte Land zum Abscheu der Menschen machen und mit ewigem Fluch beladen wird.« Das »Preußische« meinte Schopenhauer, als er in seinem Testa- ment geschrieben hatte: »Sollte ich unvermutet sterben und man in Verlegenheit kommen, was mein politisches Testament sei, so sage ich, daß ich mich schäme, ein Deutscher zu sein und mich darin auch mit den wahrhaft Großen, die unter dies Volk verschlagen wurden, eins weiß.« Es hatte seine bösen Konsequenzen, daß Friedrich Wilhelm I. den Geist mit Fuß- tritten traktierte; das war ein Brauch, der das Schwert wider-

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wärtig machte und zugleich Grundgesetze der Weltordnung verletzte. Auch Friedrich der Große änderte den Charakter Preußens nicht. Ihn selbst bewegte die Liebe zum Geist; er war ein geistiger Mensch hohen Ranges. Doch der »Geist« blieb seine private Liebhaberei, die in keiner Hinsicht auf die Struktur, die Grund- haltung, die Wertungsweise seines Staates abfärbte. Er selbst blickte als philosophisch Reflektierender mit den Augen des fran- zösisch gebildeten und aufgeklärten Europäers auf sein barbari- sches und zurückgebliebenes Land; das Merkwürdige freilich war, daß er als handelnder und regierender König das Land nicht fühlen ließ, was er von ihm philosophisch dachte. Eine der ersten großen Schriften Kants ist Friedrich gewidmet; indes sah Fried- rich die Hand nicht, die ihm hier entgegengestreckt wurde. Darin wird deutlich, daß Friedrich gar nicht nach Wegen Ausschau hielt, die gewalttätige Grundnatur Preußens umzuwandeln. Absichten dieser Art verfolgten allerdings die großen Militär- schriftsteller Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz. Im Rahmen der preußischen Wesensstruktur waren sie Fremdlinge; die tiefe und ganz unpreußische Schätzung, die sie dem Geist zuteil werden ließen, übte keine Wirkung auf die Gesamtrichtung des Staates aus, dem sie dienten: Preußen blieb, was es war. Erst dem »Literaten« Moltke schien die Synthese glücken zu wollen; seine Schöpfung, der Preußische Generalstab, war ein Gebilde, in dem sich Preußen in ungewöhnlicher Weise mit dem Geist vermählt hatte. Für Preußen war die Kaserne so sinnbildlich gewesen wie das Kloster für das christliche Rom: der preußische Generalstab war so soldatisch, wie es die Kaserne und so geistig, wie es das Kloster erheischt. So kritische und entgegengesetzte Persönlichkeiten, wie Friedrich Nietzsche und Friedrich Engels, machten kein Hehl daraus, daß der Ge- neralstab etwas sei, was ihnen an Preußen wirklich imponiere. Neben dem Jesuitenorden und der englischen Aristokratie wurde

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der preußische Generalstab als Schule hoher Menschenzüchtung anerkannt. Aber der Generalstab war zwar eine Wunderblume auf preu- ßischem Boden, doch kein Sauerteig für das preußische Dasein. Preußen formte sich nicht nach ihm; er war trotz Preußen vor- handen. Er war ein Laboratorium, in dem die seltsamsten Ex- perimente erlaubt sein mochten; Preußen richtete sich jedoch nicht auf den Stil dieses Laboratoriums aus. Die Literaten des Generalstabs waren ausdrücklich privilegiert. Das war indes kein Präjudiz für die zivilen Literaten: diese blieben auch fernerhin »Pressebengels« und fragwürdige Gestalten, wofür sie seit je in Preußen gehalten wurden. Die baltischen Ritter hatten inmitten ihrer slawischen Umge- bung aufs tiefste erlebt, daß sich ihre gesellschaftliche Stellung nur behaupten lasse, wenn sie sich durch einen kulturellen Auf- trag legitimiere. Hätten sie nur darauf bestanden, »Schwertritter« zu sein, wäre ihre Macht längst zusammengebrochen; sie wäre als unerträgliche und unbefugte Anmaßung hinweggefegt wor- den. Sie hatten es nötig, auch »Kulturträger« und »Kulturbringer« zu sein. Zur Wahrung und Pflege des Kulturbesitzes innerhalb einer fremdartigen Umgebung, aus der sie nur wie germanische Insel- chen hervorragten, bedurften sie geistiger Menschen. Der »Literat« war so wichtig, wie sie selbst es waren; sie mußten ihm gleich- berechtigt neben sich Platz gewähren. Ritter und Literat waren die zwei Pole der baltendeutschen Einheit. Hier war eine feste, dauerhafte und fruchtbare Beziehung zwischen Schwert und Geist entstanden, wie sie Preußen nie gelungen ist. Es gehört nun allerdings zu den preußischen Seltsamkeiten, daß der Geist, dem man mißtraut, den man knebelt, doch eine geheime Versuchung und Lockung ausübt. Irgendwie respektiert der Preuße nicht nur das Buch, sondern er möchte auch gerne eins geschrieben haben. Man sehe sich nur um: fast alle literaten- feindlichen »Landsknechte «hatten literarischen Ehrgeiz. Ihre Bücher

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sind freilich schlechte Bücher. Von hier läßt sich für den besonderen preußischen Akzent des Begriffs des Literaten ein neues Verständ- nis gewinnen: »Literat« ist, wer gut schreibt, wer besser schreibt, als man selbst es kann, wer mehr Geist hat, als man selbst be- sitzt. Es ist gut preußisch, sein Schwert zu zeigen und sich auf sein Schwert, das man so trefflich zu führen weiß, zu verlassen. Wenn der Geist den Vorrang des Schwertes in Frage stellen will, so geht das gegen das Schwergewicht, in dem man seinen preu- ßischen Halt gefunden hat. Als schriftstellernder Preuße will man beweisen, daß man es auch mit dem Geist aufnehmen kaiin und daß der Geist mithin kein Recht hat, sein Mütchen am guten preußischen Schwert zu kühlen. Wo man dann allerdings un- mittelbar und augenscheinlich die Souveränität und Überlegen- heit des Geistes erlebt, wird man unsicher; der Glaube an das Erstgeburtsrecht der Gewalt gerät ins Schwanken. Man wird ge- reizt und schmäht; man sagt — »Literat«. So sucht man wieder sein preußisches Gleichgewicht herzustellen. Im Zustande dieses preußischen Gleichgewichts war der Geist allerdings zu sehr Aschenbrödel, als daß von Preußen eine voll- gültige imperiale Wirkung hätte ausgehen können.

23.

Sobald ein Volk in den Zustand imperialer Ausstrahlung ein- getreten ist, pflegt es eine weltgängige Literatur hervorzubringen. Seinen Gang durch die Welt macht, was die Welt anspricht, was sie in irgendeiner Hinsicht auch als ihre eigene Sache emp- findet. Durch die Weltgängigkeit seiner Literatur erfährt ein Volk, wie weit es Macht über die Welt gewonnen hat, wie weit seine Macht über die Welt reicht. Auch jene europäischen Länder, die sich jenseits der deutschen Grenzen erstreckten, standen doch im politischen Kraftfeld des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation:

auf ihnen lastete sein politisches Gewicht, sie teilten mit ihm

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die gleichen romanisch-germanischen, christlich-antiken Kultur- inhalte. Das war die Zeit einer Hochblüte deutscher Literatur. Wolfram von Eschenbach, Hartmann von der Aue, Gottfried von Straßburg, Walter von der Vogelweide waren Dichter größten abendländischen Ausmaßes. Eine Literatur, die in der Welt nicht anspricht, ist »provinziell«. Durchbricht die Literatur eines Volkes nicht die Schranken des Pro- vinziellen, dann ist der Schluß erlaubt, daß dies Volk nicht auf die Welt wirkt, daß es über keine Kraftreserven verfügt, um Räume außerhalb seines unmittelbaren Bereichs in seine Gewalt zu bringen. Die große europäische Literatur ist entweder auf den Horizont des ewigen Römers oder auf den Horizont des ewigen Juden angelegt: sie ist entweder strenge Form, Bindung an katholisch- hierarchische Ordnungsgedanken und Lebensgefühle oder Spreng- stoff, Zersetzungselement. Die große französische Literatur vor 1789 ist im selben Ausmaße »römisch«, wie sie seit 1789 »jüdisch« ist. Ein Sonderfall ist Shakespeare und die angelsächsische Literatur überhaupt: hier kreißt der unerschöpflich fruchtbare Schoß der unmittelbaren germanischen Vitalität und gebärt seine Ungeheuer. Diese Literatur sprengt in protestantischer Haltung die römische Form. Die emporgeschleuderten Blöcke sind so gigantisch, daß jeder für sich noch eine Welt, ein Kosmos ist; gleichzeitig ist das ganze Trümmerfeld von einer derartig gewalttätigen Dyna- mik umspannt, daß sich als grotesk gestaltete, elementare Ur- landschaft offenbart, was auf den ersten Blick nur Chaos zu sein scheint. In Shakespeares Werk rumoren die Elementarkräfte, die nachher das britische Weltreich aufbauten; es ist so weltgängig, wie England nachher imperial wurde. Seit dem Untergang des sacrum Imperium gibt es nur noch eine deutsche Literatur, die provinziell ist. Goethe und Heine sind kein Gegenbeweis: insoweit sie abendländischen Kalibers sind, sind sie es nicht auf Grund einer ungebrochenen deutschen Eigenartung. In Goethe ist es eine römische, in Heine eine jüdi-

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sehe Wirkung, die über den Umkreis des deutschen Sprach- gebiets hinausschwingt. Thomas Mann ist weltgängig, weil er wie ein Franzose, nicht weil er wie ein Deutscher schreibt. Die provinzielle Verkümmerung der deutschen Literatur ist als Symptom wichtig: das bürgerliche Deutschland entbehrt wie das soldatische Preußen der imperialen Wachstumscnergie. Darum kommen Schiller wie Kleist nicht über das Format großer »Hei- matdichter« hinaus. Künder der imperialen Sendung Rußlands ist die russische Literatur. Von Puschkin über Gogol, Tolstoi und Dostojewski entwickelt sich eine Dichtung allerhöchsten Ranges. Das Un- erhörte an ihr ist, daß sie ihr vollkommen wesenseigenes geistiges Klima hat; sie atmet weder in der Atmosphäre des ewigen Römers, noch in derjenigen des ewigen Juden — auch die Luft des Gentlemans ist nicht die ihre. Sie ist in jeder Faser Eigenwuchs. Sie ist nicht weltgängig in dem Sinne, in dem Goethe es war oder Thomas Mann es noch ist: daß fremdes Gut zuerst hereingeholt und dann, in einer besonderen nationalen Schattie- rung zubereitet, den Ursprungsländern wieder angeboten und dargereicht wird. Diese Art Weltgängigkeit bezeugt die imperiale Kraft der anderen, nicht die eigene. Indem sich die große russische Literatur trotz ihres Eigen- wuchses das Ohr der Welt erzwang, wurde offenbar, daß dem eigenen Wort, das Rußland der Welt zu sagen hat, eine Unwider- stehlichkeit innewohnt, der sich kein Volk entziehen kann. Ihr Eigenwuchs wie die Unwiderstehlichkeit ihrer allgemeinen Wir- kung kennzeichneten den russischen Raum schon frühzeitig als Geburtsstätte einer imperialen Macht.

24.

Deutschland trieb seit Bismarck in eine merkwürdige Situation hinein. Der Soldat, der Schwertadel, der feudale Rückstand, das »preußische Element« hatten die Siege auf dem Schlachtfeld er-

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fochten und Deutschland geeinigt. Diese Kräfte blieben sich ihrer Leistung bewußt; sie beanspruchten auch fernerhin die Führung des Volkes, die Repräsentation des Staates. Aber sie waren ohne großen Horizont; er reichte nur bis zu den Grenzpfählen des Königreichs Preußen. Sie waren Provinzler, die die Welt mit den Maßstäben ihrer Gutsbezirke maßen. Sie regierten ein Reich, das in die Welt hineinragte, aber sie verstanden sich nicht auf den Ton der Welt. Sie besaßen Macht, jedoch nicht den Geist, sie zu beflügeln; sie führten ein gutes Schwert, indes fehlte ihnen ein Auftrag, in »alle Welt« zu gehen. Preußen war eine harte Realität; es war aber eine Realität ohne einen »Welt-Sinn«, der jenseits seiner Grenzen erleuchtet oder gar eingeleuchtet hätte. Es war in seiner herben und asketischen Männlichkeit unfrucht- bar und unzeugerisch. Dieses Deutschland wollte Weltgeltung, ohne einen eigenen weltgültigen Wert anbieten zu können. Es hatte imperiale Absichten, ohne über imperiale Spannweite und imperiale Suggestionskraft zu verfügen. Der preußische Soldat und der soldatische Preuße war aus sich heraus keine imperiale Gestalt; er war wohl tapfer, zäh, ehr- liebend, doch zugleich auch eng, befangen, pedantisch. Er hatte nicht den großen Zug, den keine Grenze stört, und nicht den freien Blick, der alle Dinge nimmt, wie sie ihrer eingeborenen Natur nach genommen werden wollen. Hier sprang der Bürger ein: er stieß das Tor in die Welt auf. Er erschloß für Deutschland den Weltmarkt, entwickelte den Welthandel, begründete den Anspruch auf Kolonien — er steckte Weltmachtziele und war die geheime Triebkraft der Weltmacht- politik. Er bestimmte die Marschrichtung in die Welt hinein; es war seine Eingebung, daß Deutschlands Zukunft auf dem Wasser liege. Ein einzigartiger Ausgleich kam zustande. Das gesellschaft- liche und wirtschaftliche Übergewicht ruhte im Bürgertum; der staatliche Apparat jedoch blieb den feudalen und soldatischen Elementen unter der Bedingung überlassen, daß er auf Anruf

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in jedem Fall zugunsten der bürgerlichen Interessen eingesetzt werden müsse. Die feudale Restgruppe repräsentierte den Staat, der in seinem Kern in zunehmendem Maße ein bürgerlicher Staat wurde; das Bürgertum sah seinen Vorteil darin, die Staats- erfahrung der feudalen und soldatischen Schicht für sich auszu- werten. Diese Staatsführung war vom bürgerlichen Standpunkt aus in ihren Methoden rückständig-barbarisch; sie blieb trotz- dem unangefochten, solange sie sich in ihrer Zielsetzung mit guter vorwegnehmender Witterung den bürgerlichen Bedürfnissen an- paßte. Es lag in der Natur dieses Verhältnisses, daß die Zeit für den Bürger arbeitete; da dieser den Lauf der Dinge dirigierte, wurde er je länger desto unvermeidlicher der wirklich und eigentlich Mächtige. Aus den feudal-soldatischen, den preußischen Macht- habern wurden bloße Machtverwalter; sie verwandelten sich allmählich in Scheingrößen, hinter deren Glanz kein glanzvolles Sein mehr steckte. Wilhelm II. war ein Schemkaiser; er war ein Bürger, der den Purpur sich nur noch wie ein Schauspieler über- warf — freilich, im Vergleich mit Napoleon, wie ein schlech- ter Schauspieler. So zerfiel der preußische Feudalismus; die Rolle des deutschen Bürgers war, ihn zu zermahlen; der Bürger war die Made im Fleisch der preußischen Substanz. Keine der beiden imperialen Figuren war willens, dem deutschen Bürger, in dem sie gering- schätzig immer noch den Untertanen witterten, geschichtliche Prokura zu erteilen, so wie sie dem Gentleman, dem Yankee, dem Citoyen anvertraut worden war. Der deutsche Bürger hatte keine andere Aufgabe als die, den Soldatenstaat Preußen von innen heraus so zu zermürben, daß er nachher die Probe des Krieges nicht mehr zu bestehen vermochte. Deutschland war vom Gesichtspunkt der beiden imperialen Figuren aus ein Stein im Wege; sie wollten ihn zertrümmern. Auch der deutsche Bürger sollte keine Möglichkeit haben, sich breit darauf niederzulassen.

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Vier Jahre hielt Deutschland den Weltkrieg durch; soviel mili- tärische Siege der deutsche Soldat auch erfochten hatte, so schei- terte er schließlich daran, daß Deutschland außerstande war, »moralische« Eroberungen zu machen. Es hatte ohne Kriegsziele gekämpft: darin lag das Eingeständnis, daß seine Existenz aus sich heraus auf nichts hinzielte. Die Weimarer Republik beruhte auf einem friedlichen und für beide Teile nützlichen Vergleich zwischen den zwei im- perialen Figuren. Die Dauererwerbslosigkeit verdarb den Arbei- ter, der nicht mehr in die Disziplin des Betriebes genommen war, zum »Lumpenproletarier«, zum Bettler und Almosenempfänger, zum »Pauper«, zum Demos, Plebs, zum Straßengesiiidel und damit zum Mietling für jede zahlungsfähige imperiale Figur. Nach den unerwarteten Siegen der russischen Revolution war es ein dring- liches jüdisches Anliegen, den marxistischen Arbeiter Euro- pas als Revolutionär gegen die ökonomische Vernunft unschäd- lich zu machen: vom arbeitslosen Fürsorgeempfänger hatte der ewige Jude nichts mehr zu befürchten. Der langjährige Erwerbs- lose hat nicht mehr das Zeug in sich, »Revolutionär«, Schöpfer einer eigenen Ordnungswelt zu sein, in der die ökonomische Vernunft außer Kraft gesetzt ist. So besorgte die Wohlfahrts- politik des Weimarer Staates die Geschäfte des ewigen Juden. Das Schicksal der Entwurzelung aber, das die Weimarer Repu- blik dem Bauern bereitete, brach dessen barbarischen Eigensinn und jagte ihn in eine Verzweiflung, in der er aiigstbesessen nach jedem römischen Strohhalm griff. Das Kompromiß, das die Weimarer Republik dargestellt hatte, bekam allerdings am Ende dem ewigen Römer besser als dem ewigen Juden. Indem der reformistische Gewerkschafts- und Für- sorgesozialismus den Arbeiter entrevolutionierte, entwaffnete sich der ewige Jude selbst und geriet gegenüber dem ewigen Römer ins Hintertreffen: er hatte für den Augenblick einer Machtprobe seine Hilfstruppen revolutionär entmannt.

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25.

Als das entwaffnete Deutschland nach 1918 im Kraftfeld der beiden imperialen Figuren versackte, stand es darin als preisgegebe- ner Gegenstand, als »Rohstoffreservoir«, als »Kolonie« und »Hin- terland«. Es litt unter der demütigenden Erfahrung, mißbraucht, bedrückt, ausgesaugt zu sein. Die Veränderungen, die sich in seinem Schöße vollzogen, waren nicht Anpassungen an das Klima der großen Welt, sondern, da an ihm gezehrt wurde, Verwesungs- und Zerfallserscheinungen. Die imperialen Figuren verkörperten den »blutleeren Geist«, der den Kirchturm, der Heimat entheiligt, ihre Ruhe gestört, ihre Bindungen aufgelöst, ihre Werte zersetzt, der die Treue und Liebe zur Scholle, zu Haus und Hof, zum Boden und Vätererbe unterwühlt hatte, auf dessen Versuchung man her- eingefallen war, als er zu weltweiten abenteuerlichen Fahrten und Unternehmungen ermuntert hatte, bei denen man alles ver- lor, worin man ehedem warm eingebettet gewesen war und an deren Ausgang man sich in totaler Verlassenheit mit leeren Händen dem Nichts gegenüberfand. Man war von den Quellen des Lebens, die Gesundheit, Kraft und Stärke gewährt hatten, abgedrängt worden. Es wuchs die Sehnsucht nach neuer Sicherheit, nach wiederkehrender Stabilität, nach einer festen Ordnung, einem tragfähigen Boden, einer Ruhe verheißenden Heimat, in der man wieder sorglos atmen könne. Man glaubte, wieder umkehren und den Weg zurückgehen zu können: zurück zu der Ursprüng- lichkeit und Unmittelbarkeit aus Blut und Boden, zu der wohl- geordneten Geborgenheit von Handwerk und Zünftlerei, zum Schoß des Lebens und der unerschöpflichen Fülle der Natur selbst. Der Geist, den man als das gefährliche Element der imperialen Figur empfand, wurde als »Widersacher des Lebens« entlarvt; man zeigte sich ihm gegenüber zu allen Konsequenzen entschlossen. Man wollte der Barbar sein, der man zu sein hatte, wenn man den imperialen Figuren auf den Leib rückte; man wollte in dem Maße einfach, derb, grob, vielleicht roh und ungehobelt, ja grausam sein,

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in dem man mit dieser Feindschaft und der Selbstbehauptung ernst zu machen hatte. In der Stärke des Antisemitismus verriet sich die Entschlossenheit, wieder ein elementarer, ungebrochener, in natür- liche Ordnungen eingegliederter Mensch werden zu wollen. Die Rebellion gegen die imperialen Figuren entfesselte sich am primitivsten und elementarsten in dem verzweifelten Kampf Ludendorffs gegen »Jude, Jesuit und Freimaurer«. Ludendorff war als Feldherr an der weltumspannenden Über- legenheit »überstaatlicher« Durchgängigkeiten gescheitert; diese Durchgängigkeiten waren in geistigen Wertgrundlagen verankert, die durch die Schärfe des Schwertes nicht zu treffen waren. Die »überstaatliche« Funktion der imperialen geistigen Wertgrund- lagen "war für ihn ein Geheimnis und ein Rätsel, woran seine Kräfte ermatteten; er empfand die unbesieglichc Allgegenwart dieser Funktion so lebendig, daß er seitdem ihre Träger als greif- bare Gestalten unmittelbar vor sich sah. Da er jedoch nicht ihre imperiale Notwendigkeit im Rahmen ihres planetarischen Hori- zonts verstand, sondern sie ausschließlich in ihrer auflösenden Wirkung auf arteigenen Wuchs betrachtete, galten sie ihm nur als düstere Verschwörer gegen Blut und Boden. Er verteidigte die Sache von Blut und Boden; er wollte dieser wieder gegen die »überstaatlichen«, die imperialen Mächte zu ihrem Rechte ver- helfen. Er wollte so den Frieden der Heimat, das Glück des stillen Winkels gegenüber dem Ansturm und Einbruch der »überstaat- lichen« Mächte, der großen Welt, beschirmen. Deutschland war 1918 zusammengebrochen, weil es doch niemals die Grenzen des Provinziellen gesprengt hatte. Hinter seinem Wirtschaftsimperia- lismus steckte vornehmlich gierige, phantasielose Geldmacherei; das war zu wenig gewesen, um nicht ein böses Ende nehmen zu müssen. Ludendorff wollte Deutschland wieder aufrichten, indem er es noch tiefer in die Provinz zurücklenkte. Man konnte sich den überstaatlichen, den imperialen Mächten stellen, indem man ihnen gegenüber einen überstaatlich-imperialen An-

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spruch des deutschen Volkes durchfocht; dann aber mußte sich der Deutsche zu einem Typus von weltbürgerlichem Aus- maß und von Weltgeltung emporsteigern. Er mußte selbst zu einer Art imperialer Figur werden. So konnte er die beiden ändern imperialen Figuren entthronen; indem er selbst herrschte, entging er dem Schicksal, beherrscht zu werden. Ludendorffs Kampfzorn hätte in seiner Schwungkraft und Energiegeladenheit ausgereicht, um imperiale Räume dynamisch erfüllen zu können. Indes war es seine Eigenart, daß ihn nicht die imperiale Weite lockte; er vergrub sich mit ungeheurer Energie in die Tiefe von »Erdhöhlen«; hoch wirbelte der Staub auf, aber das Ergebnis war nur eine verstaubte Angelegenheit. Ein Volk, welches sich in provinzielle Gesichtspunkte verbeißt, entzieht sich damit nicht dem Bannkreis weltumspannender Gesichtspunkte der vorhande- nen imperialen Mächte; seine Flucht in die Provinz ist nur eine Weise, den Kopf in den Sand zu stecken. Je mehr es in die Pro- vinz abschwenkt und seine Hände aus dem großen Spiel der Welt zieht, desto zwangsläufiger wird von ändern über sein Schicksal entschieden; das große Spiel geht endlos weiter, und seine Existenz wird nunmehr zu einem Einsatz, um den die im- perialen Figuren weiter würfeln. Ein Volk, das sich aus der großen Politik zurückzieht, beschließt damit nicht das Getriebe der großen Politik überhaupt; es wird lediglich zu einem hand- lichen Gegenstand jener Mächte, die nur in der Luft großer Po- litik atmen können. Es war kein geringes Mißverhältnis zwischen dem Grad von Ludendorffs kämpferischer Anstrengung und ex- plosiver Kraft hier und dem Format der Sache dort, die er zu der seinen gemacht hatte. Sein wuchtiger Ingrimm zielte darauf hin, Deutschland zu verzwergen. Der Weg, auf dem sein herrischer Ge- wittersturm einherbraust, endet unvermeidlich im — Idyll. Luden- dorffstrebt der Geschichtslosigkeit eines vorzeitlich dumpfen, mut- terrechtlich und muttergeistig gebundenen Zustandes zu. Dies ist ein Rückzug in ein wiedererwecktes Barbarentum, das, wie alles

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Barbarentum, nicht seine eigene Geschichte macht, sondernhelfen muß, die Geschichte anderer, »zivilisierterer« Mächte zu machen. Der blut- und bodengebundene, »deutschgläubige« Barbar ist kein Naturprodukt, sondern ein romantisches Hirngespinst. Wo die natürliche Blut- und Bodengebundenheit aufgelöst ist, kann sie nicht durch freie Entschließung wiederhergestellt werden; Er- mahnungen sind kein zureichender Antrieb zur Erneuerung der Blut- und Bodengebundenheit. Ein Mann, der mit Vitalität ge- laden ist, mag immerhin aufrufen: »Werdet vital, wie ich es bin«:

wer die Vitalität nicht hat, wird sie nicht zum Sprudeln bringen, wieviel Schweiß er es sich auch kosten lasse. Ein »entwurzeltes« Volk hat nur insoweit noch eine Zukunft, als es sich seiner »Be- weglichkeit« bedient, die ganze Welt mit sich zu durchdringen. Einen Weg zu den Wurzeln zurück gibt es nicht; ihn zurück- gehen zu wollen, ist fast schon ein Beweis dafür, daß man sich zu sehr verausgabt fühlt, um den imperialen Flug in die weite Welt noch wagen zu dürfen. Man ist noch lange nicht schollen- gebunden, wenn man verzweifelnd in der Scholle wühlt; man verzettelt dabei nur den Rest von Kraft, der noch in einer ge- schichtlichen Leistung angelegt werden könnte. Zuletzt findet man sich auf seiner Scholle, in die man sich einbohrte, in größerer Ab- hängigkeit von den »überstaatlichen« Mächten, als sie je zuvor bestanden hatte. Man fiel um so gründlicher in ihre Gefangen- schaft, als man nur seine Scholle vor sich sah, während sie das große freie Feld überblickten und ihre Operationen auf lange Sicht anzulegen vermochten. Der Friede dieser Heimat ist der Friede des Kirchturms; ihre Stabilität ist Erstarrung, ihr hand- werkliches Produktionssystem Museum, ihr Bauer ein Geschöpf des Naturschutzparks und der »Barbar«, der hier haust, hat kri- minellen Beigeschmack. Da der Kampf gegen die »überstaatlichen«, die imperialen Mächte nur die berserkerhaft ins Werk gesetzte Flucht in die Provinz ist, bleibt er lediglich eine aussichtslose Rebellion gegen geschichtliche

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Kräfte, vor denen man ins Dickicht zurückweicht, weil man sich ihnen auf der freien weiten Ebene nicht gewachsen fühlt. Der Trotz ist maßlos; aber die weltumspannenden Kräfte erledigen den Em- pörer, indem sie das Dickicht umstellen und ihn aushungern. Den deutschen Bürger stürzte die allgemeine deutsche anti- imperiale Gegenbewegung, diese »Rückkehr zur Barbarei«, in eine schiefe Situation und in einen Zwiespalt der Gefühle. Was er war, war er dadurch geworden, daß er sich aus dem Zu- stand des »Barbaren« erhoben hatte, daß er dem Geiste, und zwar dem »jüdischen« Geiste, dem Geist des Schachers, der wirtschaft- lichen Vernunft, nicht die Vollmacht bestritt, das Leben, die Natur zu bändigen und in Form zu zwingen. Noch in der Strese- mannzeit war er aus innerem Drang Weltbürger, Welthändler, Weltschuldiier gewesen. Nun hatte er allerdings dabei schlechte Erfahrungen gemacht. Überall war er gestrauchelt; seine Ge- schäfte gediehen nirgends. Allmählich zeigte er sich bereit, sich der Bewegung gegen den Bürger und den Geist anzuschließen:

damit wollte er dem Bürger anderer Länder, soweit diese ihm überlegen waren, auf die Nerven fallen. Er spuckte sich selbst ins Gesicht, um sein Mütchen am amerikanischen, englischen, französischen Bürger zu kühlen. Er verhielt sich so, als ob er Bauer oder gar Soldat, also »ewiger Barbar« sei: so wollte er dem außerdeutschen Bürger unbequem werden. Den Einsatz seiner wirtschaftlichen Vernunft auf dem »inneren« Markte zu- gunsten seiner Tasche wollte er sich freilich nicht entgehen lassen; noch im Barbareiikostüm wollte er an den artgleichen Barbaren verdienen. Für ihn war die Umkehr zu Blut, Boden, Leben, Natur, zum »Biologismus« nur die Umstellung auf eine andere geschäftliche Konjunktur. Das war allerdings eine Bankrotteurpolitik, die die Katastrophe selbst heraufbeschwor, der sie entkommen wollte. Wenn zuletzt der Bürger anfängt, den Barbaren an die Wand zu malen, wird ihn dieser unvermeidlich eines Tages holen.

IM TECHNISCHEN RAUM

Auf der Schwelle

26.

D er Kapitalismus war die Maschinerie, auf die der Liberalismus

hinauswollte. Der Liberalismus war seine »geistige Grund- legung« im selben Sinne, in dem der Traditionalismus die »geistige Grundlegung« des Feudalismus gewesen war. Die kapitalistische Maschinerie hatte den Drang zur Totalität; sie bemächtigte sich aller Daseinskräfte natürlicher und geistiger Art und spannte sie in eben jene Ordnung ein, deren Mittelpunkt der Profit war; um den Profit drehte sich das »All«. Die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Maschinerie waren die Anwendungsformeln, in denen das geistige Element Gestalt gewann, das nunmehr die Welt zu erfüllen begann und das in besonderem Maße dasjenige des Juden ist: das Element der wirtschaftlichen Vernunft. Die wirtschaftliche Vernunft war der geistige Schoß, der das Sinn- gebungssystem darreichte, welches die moderne kapitalistische Ge- sellschaft für sich ins Feld zu führen hatte. Allmählich nahte sich ein Zeitpunkt, von dem an die gesamte weiße Menschheit auf die kapitalistische Maschinerie eingestimmt war. Die Maschinerie war das selbstverständliche, das »natürliche« Klima, in das der Europäer hineingeboren wurde; sie war der ererbte Boden, von dem aus jeder Einzelmensch seine »Fahrt ins Blaue« antrat. Der

Mechanismus stand jedem, der ihn beherrschte, zur Verfügung; auch die antijüdische Gegenwirkung Roms konnte sich seiner be- dienen. Der Römer konnte sich damit gegen den Juden rüsten, um diesen mit seinen »eigenen Waffen« zu schlagen. Die Situation bereitete sich vor, in der der Römer den Bastarden des ewigen Juden, den Bürger, gegen den Juden selbst anzuwerben vermochte. Der kapitalistischen Maschinerie gegenüber verhielt sich der ewige Jude, wie sich die imperiale Figur stets einem Lebens- gebilde, einer geschichtlichen Kraft gegenüber zu verhalten pflegt. Nie geht die imperiale Figur darin unter, weder in einer Nation,

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noch in einer Gruppe, einer Klasse, einer Kultur, einer Zivilisations- stufe; sie hält allen diesen Gestaltungen gegenüber, wie innig sie auch damit verfilzt zu sein scheint, ihren besonderen Vorbehalt auf- recht, den Vorbehalt ihres umfassenden, ihre Unabhängigkeit im letzten wahrenden Interesses. Jede solche Gestaltung, die ein Bünd- nis mit einer imperialen Figur eingeht, wird zuerst als Werkzeug verbraucht und dann zuletzt fortgeworfen. Sobald sie sich in sich selbst versteift, sobald ihr eigener Weg vom Weg der imperialen Figur abführt, löst diese das Verhältnis. Die imperiale Figur ist, wenn es zweckmäßig ist, schon im nächsten Augenblick mit dem Gegengebilde, der Gegenteiidenz, der Gegengestalt, der Gegen- kraft versippt. Sie ist unvergleichlich elastisch, indem sie jeder- zeit alles im Stich zu lassen vermag, außer sich selbst; sie scheint grundsatzlos zu sein, während sie ausschließlich ihrem Lebens- prinzip mit überlegener Gelassenheit die Treue wahrt. Jede ge- schichtliche Größe, die im Zuge der Zusammenarbeit vergißt, daß der ewige Römer nur auf seinen besonderen römischen, der ewige Jude auf seinen jüdischen Standort gelangen will, wird sich am Ende betrogen fühlen müssen. Die kapitalistische Maschinerie war aus dem Geiste des ewigen Juden geboren; aber sie war nur eine Etappe auf dem Wege zum jüdischen Endziel. Dem Bürger allerdings war das jüdische Endziel nichts, die kapitalistische Maschinerie alles. Gegenüber dem Feudalismus war er Zersetzer, Revolutionär; die kapitali- stische Maschinerie hingegen war sein Lebensraum, den er ver- teidigte ; hier war er »konservativ«, »reaktionär«. Wenn der Jude nunmehr seine Sache weitertreiben wollte, mußte er die bürger- liche Stellung unterminieren: er rückte bis zu einem gewissen Grade von seinem Kinde, dem Bürger, ab. Das war der Augen- blick, in dem der Bürger für den Römer zu haben, in dem sogar der Bürger bereit war, »antisemitisch« zu werden. Freilich brauchte der Jude Hilfskräfte, welche die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft genau soweit unterwühlten, als es

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nötig war, um seine säkulare Angelegenheit über die Station des Bürgers hinaus immer noch in Fluß zu halten. Die Hilfskräfte fanden sich in den Massen der Arbeiterschaft. Der Kapitalismus schuf im modernen Industriearbeiter einen ganz neuen Menschentyp. Das maschinelle Produktionsmittel ist ein technischer Mechanismus mit seinem rational regulierbaren Eigenrhythmus; der Arbeiter wird in ihn als sachlich »unpersön- liche Arbeitskraft«, nicht als persönlich geprägter Mensch ein- geschaltet ; man rechnet mit ihm, wie man auch mit Pferdekräften rechnet. Diese Arbeitskraft hat ihren Preis, der sich nach An- gebot und Nachfrage richtet und die Tendenz zeigt, sich in der Nähe der »Reproduktionskosten« zu bewegen. Im Rahmen seines Arbeitsverhältnisses wird der Arbeiter versachlicht, d. h. ent- menschlicht. Er hat zu dem Gut, das er hervorbringt, keine »innerliche Beziehung«; er verhält sich zu ihm innerlich ähnlich unbeteiligt, wie sich die automatische Spindel zu dem Zwirn verhält, den sie aufspult. Die Arbeitskraft soll sich rentieren, sie soll »Mehrwert« geben; sie wird ausgepreßt, wie alles, was sich im Räderwerk des Kapitalismus verstrickt. Der Wert des Arbei- ters beruht, wie der Wert der Maschine, ausschließlich darauf, wieviel Profit sich damit machen läßt. Schon frühzeitig bäumte sich die menschliche Substanz des Arbeiters gegen die Funktion auf, die ihm auferlegt worden war; er empörte sich gegen den Mißbrauch, den die ökonomische Vernunft mit ihm trieb. Zuerst schlug er in sinnloser Wut Ma- schinen in Trümmer. Dann träumte er vom »edlen Unternehmer«, den der Trieb seines großen Herzens bewege, dem Arbeiter innerhalb des Betriebs eine Stellung einzuräumen, die wieder den menschlichen Anspruch anerkenne und der menschlichen Würde des Arbeiters gemäß sei. Es war die Zeit des »utopisti- schen Sozialismus«, in der Fourier täglich den Millionär er- wartete, der sein Geld zur Errichtung der Zukunftsgesellschaft anbiete. Die Voraussetzung des utopistischen Sozialismus war die

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Hoffnung, daß der kapitalistische Bürger aus seiner Haut heraus- könne und verfahre, als ob er gar nicht kapitalistisch sei. Der »edle Unternehmer« gehörte zur Gattung des Erlösers; der Ar- beiter stand zur sozialistischen Utopie wie der fromme Christ zum Paradies steht: die Tore öffnen sich ohne sein Zutun durch die Gnade des Allmächtigen. Der Glaube an den edlen Unternehmer verflog; er scheiterte an der Anschauung der wirklichen Unternehmer. Den Arbeiter ergriff die Ahnung, daß er sich zum Kampfe rüsten müsse; seine Kampf begierde äußerte sich noch, bevor er mit sich über Stra- tegie und Taktik des Kampfes ins Reine gekommen war. Geheim- bünde entstanden; die düstere Gelöbnisformel von W eitlings »Bund der Gerechten« lautete: »Wir Arbeiter sind endlich müde, für die Faulenzer zu arbeiten, in Entbehrung zu leiden, während andere im Überfluß schwelgen; wir wollen uns von den Egoisten keine drückenden Lasten mehr auflegen lassen, keine Gesetze mehr respektieren, welche die zahlreichsten und nützlichsten Menschen- klassen in der Erniedrigung, Entbehrung, Verachtung und Un- wissenheit erhalten, um einigen Wenigen die Mittel an die Hand zu geben, sich zu Herren dieser arbeitenden Massen zu machen. Wir wollen frei werden und wollen, daß alle Menschen auf dem Erdenrund so frei leben wie wir, daß keiner besser und keiner schlechter bedacht werde als der andere, sondern alle sich in die gesamten Lasten, Mühen, Freuden und Genüsse teilen, das heißt in Gemeinschaft leben.« Bis hierher war die Arbeiterbewegung eine reine Armen-, eine Sklavenbewegung mit Erlösungssehnsüchten gewesen; die Arbei- ter fühlten sich wie verkümmerte Fischer vom See Genezareth, und die selbstbewußten Sozialisten waren Apostel, die das Heil aus dem rechten Glauben verkündigten. Nun aber war sie an einem Wendepunkt angelangt. Die Lebenssituation des Arbeiters enthält Elemente einer ganz besonderen Ordnung. Im Werkraum ist der Arbeiter Funktions-

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Als Gestalt des technischen Raumes hingegen steht der Arbei- ter außerhalb der kapitalistischen Welt und ihrer ökonomischen Wertmaßstäbe. Er wird bewußter Träger des technisch-kollek- tiven Ordnungsgedankens und löst sich aus der Vermischung mit der privatwirtschaftlich gestalteten und ausgerichteten Umgebung heraus. Sobald die Arbeiterschaft sich so begreift, wird die kapi- talistische Gesellschaft auf eine Machtprobe gestellt, in der es um ihr Sein oder Nichtsein geht. Marx führte den Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts zum Verständnis seiner selbst; er erfüllte ihn mit dem Selbstgefühl, die fortgeschrittenste und revolutionärste Spielart Mensch zu sein. Er war der Deuter dessen, was der Arbeiter damals nur dunkel und triebhaft empfunden hatte. »Dem rohen Bedürfnis das gestaltende Wort verleihend, gleichsam die Rolle der Kir- chenväter übernehmend«, öffnete er dem Arbeiter das Tor der Geschichte. Marx ist der bürgerlichen Situation kritisch überlegen; aber seinsmäßig ist er ihr Kind. Wenn er sich von ihr ablöst, kann er es doch nur tun, indem er ihren Grundbegriffen einen anders schattierten Sinn gibt — den Grundbegriffen selbst bleibt er treu. Er gebraucht die Sprache der bürgerlichen Zeit: so erscheint seine Prophetie als ein neues System der Nationalökonomie. Das revolutionäre Buch, das gegen den Kapitalismus und für die neue Wert- und Weltordnung plädiert, trägt den Titel: »Das Kapital.« Die Grundstimmungen und fundamentalen Wertschätzungen der bürgerlichen Situation halten Marx noch in ihrem Bann: das Ende der bürgerlichen Zeit gilt ihm, indem er sogar auch darauf noch mit dem Optimismus des Bürgers blickt, als ein Ereignis, das »glücklicher« macht. Der Proletarier ist wohl Rebell gegen die bürgerliche Ordnung; aber er betrachtet sie mit bürgerlichen Augen als eine Beute, von der auch er sein Stück erschnappen möchte: der Proletarier heißt den Bürger aufstehen, damit er sich setzen kann. Nur gedämpft klingt durch, daß der Proletarier

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eigentlich ein ganz neuer Menschentypus ist, der seine völlig eigenwüchsige Lebenslandschaft braucht, und daß das Prole- tariat nur deshalb eine Chance hat, weil die bürger- liche Situation von innenher zu sehr zerrüttet ist, als daß der Proletarier noch zum »Bürger« emporsteigen könnte. Unter der bürgerlichen Perspektive, die selbst den Blick von Marx noch gefangennimmt, wird der Proletarier zum ver- hinderten Bürger; auch wenn der Proletarier spüren läßt, daß er im Grunde mehr ist, fehlen ihm die rechten Ausdrucksmittel, das Besondersein seiner eigenen Artung zum Ausdruck zu bringen.

28.

Durch Marx wurde der Arbeiter in die Atmosphäre jüdischer Geistigkeit gezogen: das »Kapital« von Marx übte ein Funktion aus, die der Funktion verwandt ist, die der Bibel eigentümlich war. Die Bibel wurde zum »Lebensbuch«; sie löste den Menschen aus dem Erdreich seiner Herkunft und bewegte ihn durch ihr Wort, das doch immer eine Konzentration jüdischer Wesenheit bleibt. Wer nach der »Heiligen Schrift« lebt, lebt nicht nach der ihm angeborenen Ursprünglichkeit, sondern nach jüdischer Regel. Für den Arbeiter wurde das »Kapital« zur Heiligen Schrift; aus dem Marxschen Werk, nicht unmittelbar aus seiner Situation und seinem biologischen Grundbestand, flössen entscheidende An- triebe seines Tuns und Handelns. Dem marxistischen Geschichtsbild gemäß vollzieht sich die Über- windung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nach strenger, in ihr selbst angelegter Gesetzmäßigkeit. Der Arbeiter wurde in der marxistischen Schule so gesetzesgläubig, wie nur immer ein Jude, der unendlich Zeit hat, um den gesetzmäßigen Gang der Dinge abzuwarten, es zu sein vermag. Dieser Gesetzesglaube machte ihn fatalistisch; er lahmte ihn, mit energischer spontaner Initiative zur revolutionären Aktion zu schreiten. Marx zeigte dem Arbeiter das Land der Verheißung; indem er ihn jedoch

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zugleich zügelte, es im Sturm zu nehmen, war vorgesorgt, daß der Arbeiter kein jüdisches Interesse verletze. Marx hatte den Arbeiter an die Schwelle der Ordnungswelt geführt, welche die seinige ist; der Arbeiter vergaß nicht, wie tief er dafür Marx verpflichtet war. Seitdem konnte jeder Jude auf das Vertrauen spekulieren, das Marx in so unbegrenztem Maße bei der Arbeiterschaft genoß. Marx zählt neben Christus und Spinoza zu den ganz großen Schöpfern des gewaltigen jüdi- schen Kredits, aus dem der ewige Jude jahrhundertelang zu schöpfen vermocht hat. In Karl Marx lebte das jüdische Weltgefühl in einer außer- ordentlichen Stärke und in einer Reinheit, die ihre volle Unab- hängigkeit schließlich auch gegenüber dem eingespielten Mecha- nismus der ökonomischen Ratio wahrte. Dieses Weltgefühl er- reichte in ihm eine solch außerordentliche Stufe der Souveränität, daß es sich sogar kritisch gegen die ökonomischen Selbstverwirk- lichungsformen, an die es bisher gebunden war, abzusetzen ver- mochte. Innerhalb seiner besonderen Zeitlage kam Karl Marx hinter die Fragwürdigkeit der ökonomischen Lebensformen. Ihm eignete ein so freier Überblick, daß er als erster das Herauf- kommen der ursprünglichen technischen Welttendenz gewahrte und zugleich erfaßte, inwieweit vor dieser die jüdische Sache bloßgestellt werden müsse, wenn sie nicht rechtzeitig ihr Ver- hältnis zur ökonomischen Ratio lockere. Von seinem hohen Stand- ort aus durchschaute er die Unabwendbarkeit der technischen Welttendenz und zugleich das besondere Weltgefühl, das hier mit einem neuen imperialen Anspruch auftrat. Er machte den kühnen Versuch, diesen neuen imperialen Anspruch davon zu überzeugen, daß er in keinem Gegensatz zum jüdischen imperialen Weltverwertungsdrang stehe; wenn ein Jude als erster die Zei- chen der technischen Ratio richtig verstand, hatte diese keinen Anlaß, sich einem antijüdischen Mißtrauen hinzugeben. Marx hoffte, dem Juden die Vollmacht zu verschaffen, Sachwalter und

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Dolmetsch der technischen Welttendenz werden zu dürfen, indem er deren imperialem dunklem Triebe Sprache verlieh. Um freilich den letzten Verdacht des technisch-imperialen Welt- gefühls gegen den Juden zu zerstreuen, vollführte Marx ein dialek- tisches Meisterstück, das den Juden überhaupt ins Nichts aufzu- lösen schien. Eben Marx, der tiefer als jedermann sonst empfand, wie die jüdische imperiale Sache jenseits des ökonomischen Me- chanismus für sich selbst fortbesteht, setzte den Juden mit dem Schacher gleich; insoweit die technische Weltgcstaltung den Scha- cher ausmerze, bringe sie den Juden zum Verschwinden. Der Jude, der nicht mehr schachere, sei kein Jude mehr: in den Netzen dieser Logik sollte sich die technische Welttendenz verfangen. Die jüdische Sache wollte ihre Uberlegeriheit gegenüber dem imperia- len Herrschaftswillen des technischen Weltgefühls durchnähen, indem sich in dessen Vertrauen die gewissermaßen cntjudete jüdische Existenz einschlich. Das Marxsche Paradoxon war: die Belastung des Juden durch den Skandal des Schachers, gegen den sich in der zeitgemäßen Auseinandersetzung die unmittelbare Spitze des technischen Weltordnungsprinzips wandte, sollte fort- gewischt werden, indem man den Juden in dem Augenblick von der Bildfläche verschwinden ließ, in welchem die letzte Stunde für den Schacher geschlagen hatte; auf diese Weise aber sollte gerade die jüdische Sache in das Imperium der technischen Ratio hiii- übergerettet werden. Indem der ewige Jude auch für sich selbst Trauerfeierlichkeiten am Grabe des Schachers veranstaltete, wollte er sich das Herren- und Führerrecht im Reich der Maschine er- kaufen. In diesem Sinne hat man die höchst merkwürdigen Darlegun- gen zu verstehen, die Karl Marx im zweiten der beiden Auf- sätze über »Die Judenfrage« geschrieben hat. »Wir erklären«, so heißt es da, »die Zähigkeit des Juden nicht nur aus seiner Religion, sondern vielmehr aus dem menschlichen Grunde seiner Religion, dem praktischen Bedürfnis, dem Egoismus«

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»Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen auf- zuheben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußt- sein keinen Gegenstand mehr hat, weil die subjektive Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis, vermenschlicht, weil der Kon- flikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist. Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.« Marx unterstellt, daß der Jude als geschichtliches Wesen mit seiner besonderen geistigen und willensmäßigen Physiognomie ausgelöscht werde, wenn man mit dem Umsturz der kapitalisti- schen Ordnung den Schacher austilge. Indes war der Jude längst schon in der Zeit vor der kapitalistischen Ordnung da; er reicht tiefer als diese und ist darin erprobt, auch Zeitläufte des »einge- schränkten« Schachers zu überdauern. Wenn der Schacher das empirische Wesen des Juden ist, so ist er biologisch fundiert; in der biologischen Substanz, auf deren sorgfältige Pflege die jüdische Gesetzesreligion zugeschnitten ist, hat er seine unver- gängliche, bluthafte, regenerative Grundlage. Der jüdische Selbst- behauptungsdrang wird von der biologischen Quelle her gespeist; will er sich vorzüglich im Schacher ausleben, so versiegt er doch noch lange nicht, wenn dem Schacher die engsten Schranken ge- zogen werden. Das empirische jüdische Wesen, der Schacher, kann sich als »Disposition« verkapseln und für Jahrhunderte kon- servieren. Es ist die Intensität des Selbstbehauptungsdrangs seines Wesens, die den Juden zum Rang einer imperialen Figur erhebt und zur Gestalt des »ewigen Juden« formt. Wenn der Schacher gänzlich abgedrosselt wäre, lebte der Jude, auf eine Wendung der Dinge lauernd, immer noch als Wille und Bereitschaft zum Schacher fort. Indem Marx das Bild des Juden verkürzte, führte er über dessen Gewicht irre; er bagatellisierte den Juden und verharmloste ihn. Marx schien durch sein Lebenswerk das Vorhandensein eines be-

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sonderen jüdischen Standpunktes zu widerlegen; wie aber gerade dieses Werk mit bewunderungswürdiger Dialektik den meutern- den Arbeiter davon zu überzeugen verstand, daß der Jude sein verläßlichster Führer in die anti- und außerökonomische, in die »sozialistische« Ordnungswelt hinein sei, bestätigte es nur um so grandioser die wachsame Allgegenwart jenes jüdischen Stand- punktes. Marx hatte dabei um so größeren Erfolg, als der deutsche Ar- beiter biologisch nicht aus dem Strukturschema des deutschen Gesamtdaseins herausfiel: er war zwar Opponent gegen die feu- dal-kapitalistische Herrenschicht, aber er war nur ein oppositio- neller Untertan. Er rieb sich jahrzehntelang am preußischen Drei- klassenwahlrecht; es war jedoch nicht sein kämpferisches Ver- dienst, daß es schließlich fiel. Er war nicht das Instrument eines revolutionären Machtwillens, welcher der feudal-kapitalistischen Herrenschicht den obrigkeitlichen Machtbesitz streitig machte, sondern nur Mundstück einer unzufriedenen Untertanenstim- mung, die sich jederzeit durch Trinkgelder. und etwas mehr »Leutseligkeit von oben« mildern ließ. »Unsere Partei muß lernen«, schrieb im Jahre 1913 Rosa Luxemburg, »Massenaktionen in ent- sprechenden Situationen in Fluß zu bringen und sie zu leiten. Daß sie dies bislang noch nicht versteht, daß ihr bisheriger Maß- stab an Leitung in wichtigen Momenten versagt, zeigt muster- gültig die in der Mitte abgebrochene Aktion im preußischen Wahlrechtskampf, dank der wir uns heute trotz aller Vertröstun- gen genau so weit befinden wie vor drei Jahren um diese Zeit. Dieselbe Unfähigkeit zeigen auch gegenwärtige Äußerungen in unseren Reihen, die zu ,dem Massenstreik' wie zu einer Militär- parade ausrücken möchten, die auf große geschichtliche Massen- kämpfe denselben Hausrat an Disziplin, Leitung, Umsicht, Vorsicht und Rücksicht anwenden wollen, der sich bei Ge- werbegerichtswahlen, Gemeinderatswahlen und Reichstagswahlen so trefflich bewährt hat.« Eduard Meyer berichtete einmal, daß

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Tschitschcrin ihm gegenüber bemerkt habe: »Der deutsche Ar- beiter liebt die Ordnung und das Gesetz. Wenn er zur Erstür- mung eines Bahnhofs kommandiert wird, wird er zuvor darauf achten, eine gültige Bahnsteigkarte zu lösen.« Als 1932 ein Reichs- wehrhauptmann den preußischen Innenminister Severing zur Räu- mung der Amtszimmer aufforderte, trat dieser gehorsamst ab. Die deutsche Sozialdemokratie und die deutschen Gewerkschaf- ten gaben kampflos ihre gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Machtstellungen preis, als sie den obrigkeitlichen Be- fehl dazu erhalten hatten; der Gehorsam des Untertanen saß ihnen im Blute, obschon sie inzwischen zu den Kommandohöhen der Obrigkeit emporgestiegen waren. Wer als Untertan geprägt wurde, wird die innere Unsicherheit nicht verlieren, wenn ihm unversehens die obrigkeitliche Macht in den Schoß fällt; er wird überzeugt bleiben, daß er nur der vorläufige Platzhalter der wirk- lichen und einzig berechtigten Obrigkeit sei und wird unverzüg- lich weichen, sobald er ein Pochen an den Toren vernimmt. Es fehlte nicht an Juden, die sich vor der Arbeiterschaft des- halb durch Marx legitimierten, um nicht fürchten zu brauchen, daß man ihnen allzuscharf auf die Finger sehe. Sie waren die Wächter, deren Beruf es war, den Ausbruch des revolutionären Arbeiters aus dem Gehäuse der ökonomischen Vernunft zu ver- eiteln: sie hatten den Begriff des »Sozialismus« richtig zu inter- pretieren. Sie standen nicht auf der Höhe von Karl Marx: sie fürchteten noch, den Raum der ökonomischen Dinge verlassen zu müssen, während Marx bereits besorgt war, im Raum des technischen Imperiums dem Juden Quartier zu machen. Sozia- lismus durfte nur als innerkapitalistische Profitkonkurrenz und innerpolitischer Quotenschacher verstanden werden: als Kampf um höheren Lohn und mehr Geld. Er sollte nur ein Vorgang innerkapitalistischer Gewichtsverlagerungen sein, durch welchen Bürger ins Schwanken geraten mochten, keinesfalls aber eine Entthronung der ökonomischen Vernunft. Unter keinen Um-

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ständen sollte der Arbeiter seinen Marx so begreifen, als ob Sozia- lismus technisch planende Weltgestaltung sei, durch welche die ökonomischen Gesichtspunkte gegenstandslos gemacht wür- den. Diese jüdischen Deuter nahmen es in Kauf, daß der Arbeiter, für den sich der Sozialismus in Lohnbewegungen, Betriebsräten, Gewerkschaften, Konsumgenossenschaften und Parlamentssitzen im Rahmen der kapitalistischen Ordnung erschöpfte, notwendi- gerweise zum bloßen Hanswurst der Revolution werden mußte. In Deutschland war es Eduard Bernstein, der in der Schutz- färbung des marxistischen Revolutionärs dem ewigen Juden und dessen ökonomischer Vernunft innerhalb der deutschen Arbeiter- bewegung eine breite Bresche schlug. Seine »Voraussetzungen des Sozialismus« waren ein Buch, das die Klassenkämpfer zur Räson, d. h. ins Geschäft bringen wollte. Der Sozialismus, zu dem er überreden wollte, war keine Weltwende, sondern ein Tip. Seine Weisheit, daß die Bewegung alles und das Endziel »nichts« sei, war ein Zynismus, der dem gläubigen Arbeiter einflüsterte, die sozialistische Sache nicht übermäßig ernst oder gar heilig zu neh- men; war diese Sache als Endziel »nichts«, so war sie entwertet und lohnte nicht den höchsten Einsatz, den der Arbeiter zu geben bereit war. Das war eine feine Art, jenen Schwung des Angriffs zu brechen, der die kapitalistische Ordnung hätte hinwegfegen und an die technisch-planvolle Daseinskonstruktion hätte Hand anlegen können. Der Sozialismus hörte auf, eine »heroische« An- gelegenheit zu sein; er wurde eine Methode geschäftlichen Ver- kehrs zwischen Arbcitgebersyndizi und Gewerkschaftssekretären; die kapitalistische Herrschaftsordnung war dabei die anerkannte Basis der Verhandlungen, die von keiner Seite in Frage gestellt wurde. Die Gewerkschaftsbewegung und die Sozialdemokratie dogma- tisierten die bürgerlichen Selbstmißverständnisse des Marxis- mus; sie gaben eine Berufung preis, um Anteile in Sicherheit zu bringen. Daher gingen sie in das Inventar der bürgerlichen

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von der Auszehrung befallen; was körperlicher Natur ist, wird verbraucht, was geistiger Natur ist, wird aus seiner saftigen Büdhaftigkeit in blasse schattenhafte Abstraktheit verdünnt. Der Überfluß, in dem man in den Übergangszeiten schwamm, ent- stammte dem Raubbau und war nur eine Vorstufe späteren Man- gels und bevorstehender Dürftigkeit. Die Welt wird farblos: sie pflegt die gleiche Mode, es bildet sich allerorts die gleiche öffent- liche Meinung, die großen Städte tragen überall das gleiche Ge- sicht. Der Geist, der das Diesseits auf immer einfachere Grund- formeln bringt, wird wurzellos: indem er es auf wenige durch- sichtige Gesetzmäßigkeiten zurückführt, zerreibt er dessen Stoff- lichkeit; indem er die Übcrwelt in Gehirnprodukte, in blauen Dunst auflöst, zerstört er Bindungen, die ihm Maß auferlegt und unverrückbare Bahnen vorgeschrieben hatten. Er wird selbst- herrlich, lebt ausschließlich aus seinem eigenen Grunde heraus und fällt dabei allmählich vom Fleisch: er wird »intcllcktualistisch«. Auf dem »Boden des Glaubens« hatte er etwas »Festes« unter den Füßen gehabt; das Wissen hingegen ist kein Boden, auf dem er stehen und gehen könnte. Es ist wie eine unendliche Wellen- bewegung, die nach allen Dimensionen läuft, nirgends zur Ruhe kommt, nirgends Grenzen findet, an jedem Punkt einer neuen Fragestellung ausgesetzt ist, durch die es weitergetrieben und wcitergestoßen wird. Indem die Welt erobert, die Natur menschlicher Herrschaft unterworfen, das Diesseits total wird, gibt es am Ende Stofflich- keit nur noch in zwei Erscheinungsformen: entweder als Kon- struktionsmaterial für die Apparatur, durch die gerade noch der Effekt hervorgebracht wird, das Dasein notdürftig durchzu- briiigen, oder als Asche, Auspuff, Schlacke, Schutt. Was noch nicht Schlacke ist, ist entweder Maschine oder Betriebsstoff, und da die stofflichen Mittel in zunehmendem Maße »verknappen«, muß der Effekt mit immer sparsamerem Gesamtaufwand hervor- gebracht werden.

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der ewige Jude die Herrschaft der privatkapitalistisch-wirtschaft- lichen Vernunft von allen Seiten her ab; noch indem er ihr Tod- feind zu sein schien, lenkte er den vernichtenden Stoß ab, der ihr den Garaus hätte bereiten können. Als 1914 das nationale Gefüge des deutschen Kapitalismus mit der Waffe verteidigt werden mußte, zögerte der reformistische Arbeiter keinen Augenblick, es zu tun. Bernsteins Anregungen hatten ihn schon längst davon überzeugt, daß er »dazu gehöre«. Da indes die deutsche Form des Kapitalismus noch tief mit den Resten der feudalen Gesellschaft verflochten war, widersprach ein Sieg Deutschlands den Bedürfnissen des jüdischen Standorts. In diesem Augenblick entschleierte sich der »Reformist« Bernstein als Sachwalter des »ewigen Juden«: er ließ den reformistischen Arbeiter im Stich, der sich unter dem Einflüsse der reformistischen Lehre für die Vaterlandsverteidigung entschieden hatte. Der »real- politische Reformist« von einst wurde sogleich »weltfremder Pazi- fist«, als den »fortgeschrittenen« kapitalistischen Mächten des Westens in der Verkleidung des deutschen Pazifisten Hilfsstelhmg geleistet werden konnte.

Die nackte Existenz

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D as Ende des Mittelalters hob mit dem Vormarsch ins Unbe-

kannte an. Ein mächtiger Impuls ergriff die Menschheit, das Dunkle aufzuhellen und das Verborgene zu entdecken. Kolumbus und Kopernikus waren Eroberer, deren Fuß neuen Boden betrat, wie es Gutenberg und Paracelsus waren. Dieser Vormarsch empfing seinen unwiderstehlichen Schwung daher, daß den Geist die leidenschaftliche Ungeduld erfaßt hatte, zu versuchen, wie weit er komme, wenn er sich auf eigene Beine stelle und nicht mehr blind der Führung durch die »Überwelt« vertraue. Er wurde gegen die langgewohnte Führung durch die

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Überwelt zweiflerisch; in denkwürdigen Fällen wagte er bereits die offene Rebellion. Es gab viele Zwischenstufen der »Emanzi- pation des Geistes«: von der vorsichtigen und kritischen Distan- zierung gegenüber der überweltlichcn Autorität angefangen bis zur kühnsten Entschlossenheit der »gottabgekehrten Vernunft«. Luther, der deutsche Idealismus, der englische Positivismus, der französische Rationalismus sind Stationen auf dem Wege der »Ver- weltlichung« des abendländischen Geistes. Die Welt wird nach allen Dimensionen hin erforscht; das Dies- seits gewinnt zunehmend an Souveränität; immer begrenzter wird der Raum, auf dem man noch über mögliche Einwirkungen des Jenseits mit sich reden lassen kann. Es taucht die Frage auf, wo denn nun eigentlich Gott wohnen solle; es gebe keinen Platz mehr für ihn. Jeder Schritt, durch den die Enträtselung des Dies- seits wcitergetricben wird, geht auf Kosten des Jenseits: das Dies- seits wird dem Jenseits abgewonnen. Man braucht immer seltener das Jenseits, um das Diesseits zu verstehen; jeder Fall aber, der ohne Mithilfe des Jenseits zu klären ist, ist der Zuständigkeit des Jenseits entwachsen. Man bemächtigt sich der Welt, des Diesseits, wie man sich einer Beute bemächtigt; Cortcz und Pizarro sind reinste Ver- körperungen des »Geistes ihrer Zeit«. Indem man die Welt er- greift und begreift, schöpft man sie aus: mau nimmt »Wunder- ländern« ihr Gold, ihre Diamanten, ihre Bodenschätze und dem Kosmos sein merkwürdig erregendes Verhältnis zum mensch- lichen Gemüt. Amerika, das »Land der unbegrenzten Möglich- keiten«, ist heute ein sozialer Körper, der von den gleichen Nöten gepeitscht wird, von denen Europa heimgesucht ist, und der gestirnte Himmel über uns hat seine übersinnliche Beweiskraft verloren, die er noch für Kant besaß. Je mehr man der Welt Herr wird, desto enger und ärmer wird sie; der Erdball, den ein Flugzeug in wenigen Tagen umkreist, hat keine »räumliche Weite« mehr. Das, was man in Beschlag genommen hat, wird

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von der Auszehrung befallen; was körperlicher Natur ist, wird verbraucht, was geistiger Natur ist, wird aus seiner saftigen Büdhaftigkeit in blasse schattenhafte Abstraktheit verdünnt. Der Überfluß, in dem man in den Übergangszeiten schwamm, ent- stammte dem Raubbau und war nur eine Vorstufe späteren Man- gels und bevorstehender Dürftigkeit. Die Welt wird farblos: sie pflegt die gleiche Mode, es bildet sich allerorts die gleiche öffent- liche Meinung, die großen Städte tragen überall das gleiche Ge- sicht. Der Geist, der das Diesseits auf immer einfachere Grund- formeln bringt, wird wurzellos: indem er es auf wenige durch- sichtige Gesetzmäßigkeiten zurückführt, zerreibt er dessen Stoff- lichkeit; indem er die Übcrwelt in Gehirnprodukte, in blauen Dunst auflöst, zerstört er Bindungen, die ihm Maß auferlegt und unverrückbare Bahnen vorgeschrieben hatten. Er wird selbst- herrlich, lebt ausschließlich aus seinem eigenen Grunde heraus und fällt dabei allmählich vom Fleisch: er wird »intcllcktualistisch«. Auf dem »Boden des Glaubens« hatte er etwas »Festes« unter den Füßen gehabt; das Wissen hingegen ist kein Boden, auf dem er stehen und gehen könnte. Es ist wie eine unendliche Wellen- bewegung, die nach allen Dimensionen läuft, nirgends zur Ruhe kommt, nirgends Grenzen findet, an jedem Punkt einer neuen Fragestellung ausgesetzt ist, durch die es weitergetrieben und wcitergestoßen wird. Indem die Welt erobert, die Natur menschlicher Herrschaft unterworfen, das Diesseits total wird, gibt es am Ende Stofflich- keit nur noch in zwei Erscheinungsformen: entweder als Kon- struktionsmaterial für die Apparatur, durch die gerade noch der Effekt hervorgebracht wird, das Dasein notdürftig durchzu- briiigen, oder als Asche, Auspuff, Schlacke, Schutt. Was noch nicht Schlacke ist, ist entweder Maschine oder Betriebsstoff, und da die stofflichen Mittel in zunehmendem Maße »verknappen«, muß der Effekt mit immer sparsamerem Gesamtaufwand hervor- gebracht werden.

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Zwischen dem Weltbild einer Zeit und ihrem sozialen und politischen Verfassungszustand besteht ein innerer und sachlich notwendiger Bezug; beide sind aufeinander abgestimmt, gehören zueinander. In ihnen stellt sich dar, inwieweit dem Menschen die Welt Mittel geworden ist: ob sie noch unbewältigt vor ihm liegt, ob er im Begriffe ist, sie sich anzueignen, ob er bereits mit ihr fertig geworden ist. Wo die Welt Widerschein einer Überwelt, Schöpfung Gottes ist, da ist der soziale und politische Verfassungszustand streng hierarchisch; wenn er nicht rein thco- kratisch ist, ist er doch feudal mit theokratischem Einschlag. Die Herrenschicht ist unnahbar, fast wie Gott es ist; sie ist alleinige Verwalterin führender, lenkender, obrigkeitlicher Weisheit; sie ist die eigentliche Eigentümerin von Land, Gut und Leben, von der man das Seine nur zu Lehen nimmt; sie ist an Gottes Statt, von Gottes Gnaden gesetzt. Gott hat jedem sein Maß an Nahrung, Rechten, Freiheiten zugeteilt; man genießt sie, verwaltet sie, be- wahrt sie für die Erben. Die Begierde nach dem, was einem nicht zukommt, ist sträfliche Sünde, gotteslästerlicher Hochmut. Die soziale und politische Funktion, der soziale und politische Rang sind mit dem Landbesitz verhaftet. Das Land ist das Ge- bundene und das Bindende, das Gegebene und das Gebende, das Begrenzte und Begrenzende, das in sich Ruhende und Rulie- gewährende, das Geborgene und Bergende, es ist Zuflucht und Heimat, es ist der geheimnisvolle Schoß, aus dem sich immer wieder das Wunder des Wachstums begibt, es ist die Schatz- kammer, aus der Gott selbst und unmittelbar seine unerschöpf- lichen Gaben spendet. Die Lebensordnung bezieht ihre geltende Kraft aus der Über- lieferung, aus Brauchtum, Gewohnheit, Sitte; diese Herkunft und ihr Alter bezeugen die göttliche und darum heiligende Billigung. Die Weltentdeckung, Weltdurchdringung, Welterobcrung und Weltdurchforschung sind Sache des bürgerlichen Zeitalters; die »Verbürgerlichung« der Welt schreitet in dem Umfange fort,

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in dem der Mensch von der Welt Besitz ergreift und diesen Be- sitz »mobilisiert«. Die Welt hört auf, Substanzreserve zu sein; sie wird »verteilt«; es wird aus ihr herausgeholt, was immer heraus- geholt werden kaiin. Die Welt soll -sich rentieren; sie wird kon- sumiert und »verwirtschaftet«; sie ist das große, alles umfassende Wirtschaftsrcservoir. Der wirtschaftliche Gesichtspunkt wird zum höchsten und entscheidenden aller Gesichtspunkte; das Leben wird zu einem Wirtschaftsunternehmen, und die Methoden unter- scheiden sich nur danach, ob sie Erfolg oder Mißerfolg haben. Die Welt ist das Kapital, aus dem Nutzen gezogen wird. Man muß klaren Bescheid wissen über seine Zusammensetzung, seine Verwertungsmöglichkeiten; man muß es in Zahlen auflösen, die sich »buchen« lassen. Es muß in jeder Hinsicht »berechenbar« werden: man muß es auf Geldeswert bringen können. Indem der Mensch die Welt nur noch als Kapitalsreservoir betrachtet, das darauf wartet, von ihm wirtschaftlich ausgewertet zu werden, wird er Bürger und ist er Bürger. Der Wald wird zum Forst und der Baum zu einer Summe von Festmetern. Die Überlieferung ist nicht nur dunkel, sondern ist, da sie auf das Herkömmliche verpflichtet, eine Fessel, die das bürgerliche Dasein an seiner vollen und freien Entfaltung hemmt. Man reibt sich deshalb an der Überlieferung, bäumt sich gegen sie auf, empfindet sie als die lebensfeindliche Macht, bis man sich ihrer entledigt. Die Ordnung des Daseins verfällt einer tiefen Krise; sie hat zwei widerspruchsvolle Prinzipien in sich auszugleichen. Der Mensch will sich von allen Bindungen befreien, die ihn daran hindern, in naturhaften und geistigen Landschaften ein skrupellos zupackender Eroberer zu sein; er will sich auch durch den Staat nicht mehr verwehren lassen, so frei zu denken, wie der denken muß, der in der »freien Wirtschaft« auf seinen grünen Zweig kommen will. Darin tobt sich eine anarchische Tendenz aus. Andererseits werden jene Bindungen fortgepflegt, die nötig sind, um dem »freien Wirtschafter« den Rückhalt zu schenken,

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den er zur Sicherung, zur »Legalisierung« seiner Beute braucht. Der geheime Sinn dieser Rechtsordnung ist zu guter Letzt, daß der Eroberer, die »private Initiative«, freie Hand zu schlechthin allem hat, hingegen der Selbstverteidigungswille und die Selbst- verteidigungsmaßnahmen des Gegenstands der Eroberung, des Opfers, des sozial und wirtschaftlich Schwachen, zum Inbegriff des Verbrechens werden. Das ist ein autoritärer Zynismus, der eines Tages Sturm ernten muß, weil er Wind gesät hat. Er hat so wenig echtes und wahrhaftes Ordnungspathos, daß er nicht dem Schicksal entgehen kann, nur Schrittmacher der anarchischen Tendenz zu sein. Das bürgerliche Zeitalter ist ein Übergang: es muß der Augen- blick kommen, in dem nichts mehr da ist, was entdeckt, erobert, erbeutet, durchforscht werden könnte. Man wird das gefährliche Ende, an dem man inzwischen angelangt ist, vielleicht gewahr, wenn man sich erinnert, daß die Expeditionen, die nunmehr ausgerüstet werden, keine »Seewege nach Indien« mehr suchen wollen, sondern sich mit kahlen, toten Eiswüsten und verglet- scherten Himalajagipfeln begnügen müssen. Die Romantik hat sich zum Nord- und Südpol zurückgezogen und ist wahrhaftig eine sehr kalte Romantik; man erfriert sich Hände und Füße dabei. Der Traum, in unerschöpflichen Reichtümern und Herr- lichkeiten zu waten, zerrinnt, und der Mensch erkennt mit Schrek- ken, daß das ganze Kapital verschwendet ist, daß er nichts mehr zuzusetzen hat, und daß ihm nur noch übrigbleibt, mit den letzten Resten vorsorglich und umsichtig hauszuhalten. Damit sind aller- dings die Tage des Bürgers vorüber, und es beginnt eine neue Epoche. Die Eroberung der Welt verläuft in Etappen: sie strebt einem Höhepunkt zu, auf dem der Mensch in der Tat vor unbegrenzten Möglichkeiten zu stehen scheint. Der Kleinbürger wächst sich zum Großbürger aus, der seine Geschäfte über den ganzen Erd- ball hinwegdisponiert. Der Optimismus ist grenzenlos; jeder

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Schritt, den man tut, ist »sensationell« und macht mit dem ver- traut, was »noch nie dagewesen« ist. Indem man Schleier auf Schleier lüftet, indem man Bezirk um Bezirk »erschließt«, wird die Zahl der Rätsel und Geheimnisse, der »dunklen Räume« immer geringer. Obschon dies bürgerliche Zeitalter bald dahinter- kommt, daß seine Fortschritte eben darauf beruhen, Gott zu »ex- propriieren«, die Lenkung des Diesseits ganz in eigene mensch- liche Regie zu nehmen, liquidiert es doch, solange es seinen Weg nicht bis zum letzten Ziel durchlaufen hat, die Religion noch nicht endgültig; am Sonntag, dem Tag, an welchem die Ge- schäfte ruhen, erweist man Gott noch einen letzten Respekt. Die armen Leute brauchen ihn noch, um ihr persönliches Pech ver- stehen und ertragen zu können. Das ist immerhin eine Funktion, vor der auch der erfolgreichste Bürger noch ecrn und bereit- willig seinen Hut zieht. Ist die Religion im bürgerlichen Zeitalter ein verdünnter Rück- stand, den man nicht fortschüttet, weil sich bequemerweise »Schlechtweggekommene« damit abspeisen lassen, so wird die Metaphysik zur Weltdeutung, mit der der Bürger seinen Er- oberertaten gewachsen bleiben möchte. Die Philosophie bricht mit der Übung, das Diesseits vom Jenseits her zu erklären. So- lange der Stand der Dinge noch nicht erlaubt, das Jenseits als abgeschrieben zu betrachten, sucht man ihm aber beizukommen, indem man es vom Diesseits aus bestrahlt. Man macht sich auf, von der Welt her ein Tor zur Überwelt öffnen zu können; respektiert man indes nicht mehr die prinzipielle Unzugänglich- keit der Überwelt, dann ist sie bereits zu einem bloßen noch unerforschten Weltwinkel degradiert. Schließlich läßt man in der Tat die Überwelt, das Jenseits, Gott stillschweigend unter den Tisch fallen: unendlich ist der Weltraum, das Diesseits; die Überwelt ist lediglich die eigensinnige Borniertheit von »Dunkel- männern«. Es stirbt auch die Möglichkeit einer Metaphysik großen selbständigen Stils. Die Philosophie wird Erkenntnistheorie, Psy-

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chologie, Seelenanalyse, Biologismus, Vitalismus. Man legt die Welt von der Welt selbst her aus. Die Philosophie erstrebt statt eines Weltbildes ein Weltbewußtsein; sie versenkt sich nicht mehr in die Geheimnisse der Welt, sondern verdaut deren Tatsachen; sie tauscht die Sprache sinnenstarker Symbole gegen die Sprache abgezogenster Begriffe und vereinfachtester Formeln ein. Man hat Ibsens Nora einst verdächtigt, eine moderne Frau zu sein: in Wirklichkeit war sie ein Frauenzimmer mit den alt- modischsten Bedürfnissen. Ihr Mann: das war der Bürger, der mit beiden Füßen fest und ausschließlich im Diesseits stand, der den Umkreis der Welt durchmessen und sie gewissermaßen in der Tasche nach Hause gebracht hatte, der wußte, daß die Zeit für andere als wirtschaftliche Spekulationen endgültig vor- über sei. In Nora aber, die nach dem »Wunder« dürstete, meldeten sich mittelalterliche Atavismen. Sie war ihrem Mann nicht vor- aus, sie war hinter ihm zurückgeblieben; die Straße, auf der sie ihrem Mann entwich, verlor sich im »Walde der Vergangenheit«; sie erschloß keinen neuen zeitgemäßen Lebensraum. Das bürger- liche Publikum, das gegen Nora erbittert war, fühlte dunkel, daß diese weibliche Rebellion, welche mit dem Mann nicht Schritt halten wollte, es im Grunde eben doch um den gefeierten Fort- schritt zu betrügen drohte.

30.

Für den mittelalterlichen Menschen ist die Welt ein Geheimnis; sie gibt ihm auf Schritt und Tritt unlösliche Rätsel auf. Da er ihren eingeborenen Gesetzmäßigkeiten nicht auf die Spur ge- kommen ist, ist sie für ihn unberechenbar; er weiß nichts von Zwangsläufigkeiten, die ihr innewohnen und die mit Gewißheit abrollen werden. Deshalb sind die Ereignisse, die ihm begegnen, auf natürlichem Wege unerklärlich; sie sind immer irgendwie »wunderbar«. Sein Leben ist eine Wanderung durch Abenteuer und Wunder; stets kann es »vor Nacht leicht anders werden, als

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es am frühen Morgen war«. Er hat die Welt nicht in der Hand; er muß es stets blind darauf ankommen lassen, wie er sich in ihren Überraschungen zurechtfindet. Aber der Mensch will Sicherheit; er will einen roten Faden, den er durch die Geschehnisse hindurchleuchten sieht; er will »einen Sinn des Daseins«. Er macht sich ein Weltbild, das in das Ganze Sinn bringt. Es gibt eine Instanz, die alles, was vor sich geht, schickt und lenkt; es fällt kein Haar vom Kopf, ohne daß »unser Vater im Himmel es weiß«. Diese Instanz sieht jeden Vor- fall voraus; sie ist schlechthin die »Vorsehung«. Man nennt sie »Gott«. Gott ist die Lösung aller Rätsel und der Schlüssel aller Geheimnisse. Er gibt Antwort auf die Frage: woher? — er ist der »Schöpfer« — und auf die Frage: wohin? er ist das »Ziel«. Wohl ist er für sich selbst dunkel und unerforschlich, aber wenn man davon absieht, verbreitet er über alles Licht. Die Dunkel- heit und Unerforschlichkeit der Welt ist in ihn zurückverlegt; dafür freilich sieht man über die Welt klar. Wenn man überall den »Finger Gottes« entdeckt, dann hat man der Welt gegenüber einen sichern Standort gewonnen; über jedem Leben waltet eine »höhere Fügung«; es fehlt der Raum für sinnlose Plötzlichkeiten. Freilich kommt man zu Gott nur, indem man ihn glaubt; man muß ihn glauben, um ihn zu haben. Gott ist der Sinn der Welt; der Glaubensakt ist der Sinnsetzungsakt. Mit Gott steht man »jenseits« der Welt; man ist im Bereich des »Übernatürlichen«. Daß das »Jenseits« und das »Übernatür- liche« verschleiert und undurchsichtig sind, quält nicht; da man dort nicht eigentlich zu Hause ist, kann man sich damit abfinden, darüber nicht Bescheid zu wissen. Mag die Unerforschlichkeit immerhin die Eigenschaft des »Jenseits« bleiben: man ist dankbar, wenn es dazu hilft, die Welt zu begreifen, in die man unaus- weichlich hineingestellt ist. Man ist den Druck des Welträtsels in dem Augenblick los, in dem es in ein Rätsel des Jenseits ver- wandelt wurde. Die Religion ist gewissermaßen die Technik,

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die Furcht vor der Welt durch die Ehrfurcht vor der Überwelt zu überwinden; die Priester und Theologen sind die Techniker, die das Hebelwerk der Übernatur bedienen, um von dort aus die Natur zu regulieren. Das Bild, das die Welt vom Standort einer Überwelt her ver- steht, ist eine Spekulation; die Erfahrungen werden so ausgelegt, daß sie sich sinnvoll einer Gesamtordnung einfügen. Die Gesamt- ordnuiig ist Gegenstand einer inneren Schau; sie ist Sache der Innerlichkeit, sie ist eine »Idee«. Der Akzent der eigentlichen und höheren Wirklichkeit ruht auf der inneren Schau und der Idee; von der inneren Schau und der Idee aus bekommen die natür- lichen Dinge erst ihr Gesicht, ja ihr »Wirklichkeitsgewicht«. Zur nackten Existenz hat man kein unmittelbares Verhältnis; man erlebt sie in der schmückenden Färbung der inneren Schau und sieht sie allein im Illusionen verbreitenden Lichte der Idee, die man von ihr hat. Der »innere Reichtum« besteht darin, daß der Spekulation durch die natürlichen Dinge keine Grenzen gezogen sind; man kann immer »tiefer bohren«, d. h. diese Dinge unter Gesichtspunkte rücken., bei denen es auf sie und ihre Eigcnschwere immer weniger ankommt. Der »innere Reichtum« ist der Widerschein eines »äuße- ren« Reichtums, dessen Schätze die Weltinhalte bilden, insoweit diese noch nicht aus ihrem eigenen Kern heraus selbst begriffen sind. Die noch unbegriffene Welt ist Substanzreserve, auf der die Menschheit sitzt und von der sie sich in jeder Hinsicht nähren kann. Der Geist ist hier ganz im Banne der Überwelt; er emp- findet sich als deren Ausstrahlung. Er tastet die Welt ab, um sie im Sinne der Überwelt zu interpretieren. Er fühlt sich nicht der Welt zugehörig; er verficht gegen die Welt die Partei der Überwelt. Der Geist, dem die Sache der Welt am Herzen liegt, gilt als empörerisch und teuflisch; er ist verfemt und verflucht.

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3l.

Als wahre Wirklichkeit, als höheres und reines Sein galt einst das Jenseits, die Übernatur, die Überwelt, die »Idee«, Gott. Je mehr der Strahlenkegel des menschlichen Bewußtseins die dunk- len Bereiche des Daseins belichtete, desto mehr verlor die Über- welt an Boden; je lückenloser sich das Diesseits in sich selbst abdichtete, desto vollständiger zerfloß die Wirklichkeitssuggestion des Jenseits. Die Idee büßte ihre Wirklichkeitsschwerc ein; sie war nun nicht mehr das Bild eines tieferen, stärkeren jenseitigen Seins, sondern verflüchtigte sich zu einer bloßen von Diesseits- Ursachen ausgelösten Gchirnvorstcllung. Während man sie bereits praktisch ignoriert, stellt man sich noch so, als ob man sie ernst nehme: sie wird zur »Ideologie«, zum »Cant«, zum schönen Schein. Man gelangt mit Hilfe der »Ideologie« zu keinem Weltverständ- nis, keiner Weltdcutung mehr; was die Welt ist, ist sie allein aus sich, was sie bedeutet, bedeutet sie durch sich selbst. So trifft man unmittelbar auf die nackte Existenz, und nur diese un- mittelbare nackte Existenz interessiert noch. Die Idee und alles jenseitig Hintergründige wird als falsche Färbung und irrefüh- render Beleuchtungseffekt durchschaut; damit solle die wahre Natur dieser nackten Existenz nur verdeckt und »beschönigt« werden. Man begegnet der nackten Existenz unmittelbar erst dann, wenn das ganze Drum und Dran, hinter dem sie verborgen und vergraben ruhte, vertan ist; sie ist letzter Einsatz. Wenn zur »Er- hellung« sonst nichts mehr übrigbleibt, wird die Existenz erhellt. Im Umkreis eines Zeitalters stießen von verschiedenen Punkten her ein paar Männer zuerst auf die nackte Existenz: Kierke- gaard, Marx, Nietzsche. Der Däne Kierkegaard hatte sich wie Marx, dessen Zeitgenosse er war, mit Hegel auseinanderzu- setzen. Hegel hatte die Welt noch vom Weltgeist dirigieren las- sen; Kierkegaard war dieses »Idealismus'« nicht mehr fähig; er empfand, daß sie ganz allein aus ihren existentieilen Gründen für

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sich einzustehen habe, daß ihr niemand, nicht einmal ein »imma- nenter« Weltgeist, eine Verantwortung abnehme. Freilich sprengt Kierkegaard noch nicht den Rahmen der bür- gerlichen Zeit; er tritt nur bis an ihren äußersten Rand. Das über- lieferte Christentum als eine Jenseitsmacht ist tot; es wurde zur Scheingröße. Die nackte Existenz soll nun unmittelbar in sich als wesentliche Eigeiihaltung einbeziehen, was bisher Forderung von »oben« geblieben war. Das Christliche soll sich ins Dies- seits verlagern, nachdem sich das Jenseits ins Nichts aufgelöst hat; der Christ soll existentieller Christ und die Existenz soll christliche Existenz werden. Das ist der Rettungs- und Restaurationsversuch eines radikalen Geistes. Man wäre nicht auf die unmittelbare Existenz gekom- men, wenn nicht alle Ideen ihren Preis verloren hätten; sie hatten einst die großartige und reiche Repräsentationsfassade gebildet, hinter der die nackte Existenz im Unerforschten verharrt war; sie hatten den Reichtum der Existenz ausgemacht. Kierkegaard wollte diese Ideen von der Existenz her neu aufwerten; die Existenz, die selbst nichts hat als ihre Nacktheit, sollte den Ideen nochmals insofern auf die Beine helfen, als sie ihre Nackt- heit wenigstens in »des Kaisers neuen Kleidern« zur Schau zu tragen gedachte. Die spätere Existenzphilosophie hat in diesem Punkt von der Existenztheologie Kierkegaards gelernt; sie verband ihre »Exi- steiizcrhcllung« mit restaurativen Manipulationen. Die bürger- lichen Ordnungswerte sollten dem Bankrott entrissen werden, indem sie als natur- und schicksalsgegebene Bestandteile der nack- ten Existenz entdeckt wurden.

32.

Kierkegaard durchschaute den Prozeß der Selbstauflösung der bürgerlichen Ordnung in dessen geistigen Hintergründen — oder, wenn man will: geistigen Spiegelungen; Marx sah diesen Pro-

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zeß in seiner unmittelbaren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität; Nietzsche enthüllte einige Jahrzehnte später die Frag- würdigkeit des Wertgebäudes der bürgerlichen Welt. In dem Umfange, in dem die Moral immer praktischer ist als die reine Erkenntnis, hatte sich Nietzsche über Kierkegaard hinaus der greifbaren Realitätsschau von Karl Marx genähert. Kierkegaard erblickt bereits den Bankrott: seine Weise des »Christseins«ist für ihn ein dunkel mystischer Inbegriff einer noch- bürgerlichen Existenzweise, die der letzte Ausweg für den bür- gerlichen Bankrotteur sein soll. Nietzsche entweicht aus dem bür- gerlichen Bankrott in ein unverbrauchtes biologisches »Hin- terland«; hier findet er das Kerngebiet einer neuen Welt, die sich über das bürgerliche Chaos erhebt. Kierkegaards Christsein und Nietzsches Biologismus sind aber doch nur Sanierungsvorschläge, die man macht, weil man, obschon man dem Bankrott gegen- übersteht, doch nicht in vollem Umfange liquidieren möchte; sie sind Umstellungs-, Umbuchungs- und Abschreibungsprogramme, die der alten bürgerlichen Firma erlauben sollen, unter einem ändern Decknamen im wesentlichen unangetastet fortzubestehen. Kierkegaard und Nietzsche beobachten den Bankrott und regi- strieren ihn. Marx aber deckt ihn auf und will ihn. Kierkegaard und Nietzsche sind Revisoren, die die Konkursbilanz aufstellen und das Defizit vorrechnen; Marx ist der erbarmungslose Gläu- biger, der unerbittlich Schluß machen will und aus der Kennt- nis der Sache heraus die zweckdienlichsten Maßnahmen propa- giert, das bankrotte Unternehmen vom Erdboden zu vertilgen. Kierkegaard und Nietzsche lassen noch Hintertüren offen; Marx schlägt alle Hintertüren zu. Kierkegaard und Nietzsche sind ehr- liche Buchprüfer, die ihr leibliches und geistiges Brot von der- selben bürgerlichen Gesellschaft essen, deren faule Fundamente sie bloßlegen; Marx ist der Bevollmächtigte und Treuhänder einer kommenden Ordnung; er muß mitleidslos gegen die Ruinen sein, weil das Werdende völlig freies Feld braucht.

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Spengler liegt in der Linie Kierkegaards und Nietzsches; neu ist an ihm nur der entschiedene, die letzten Zweifel zerstörende Nachdruck, mit dem er den Untergang nochmals verkündet. Aber er ist rachsüchtig gegen die, die ihre Hoffnung auf diesen bürgerlichen Untergang setzen; darum ist er böse auf Karl Marx, für den schon ein halbes Jahrhundert zuvor jene Katastrophe ihre Schrecken verloren hatte, die Spengler heute noch schmerz- lich ist. Der große Dichter, der den Raum von Kierkegaard bis Speng- ler überwölbt, ist Hamsun. Er erzählt, wie der Bürger groß wird, indem er sein Hinterland auffrißt, wie er die Reserven ver- schleudert, von denen er sich nährt, wie seine Existenz immer widerspruchsvoller, luftiger und hochstaplerischer wird, wie seine Werke zuletzt in Flammen aufgehen und wie ihn die sinnlose Kapitalsanlage, auf die er schließlich in seiner Ratlosigkeit ver- fallen ist, in den Abgrund reißt. Zwischen Spengler und Karl Marx steht Ernst Jünger. Der Untergang, dem Spengler noch zwei dicke Bände widmete, ist für ihn kaum noch der Rede wert. Ihn fesselt die neue Macht, die emporsteigt; er hat einen Begriff von der Unausweichlich- kcit und Unbezwinglichkeit, mit der sie vordringt, er kommt der gleichen Wirklichkeit auf die Spur, deren erster Zeuge Karl Marx war und die inzwischen teilweise in Rußland schon in den Alltag eingegangen ist. Freilich verficht er nicht als Kämpfer die Partei dieser um sich greifenden Macht; er eilt nicht mit dem Schwert in die Arena. Er empfindet sie als ein Schicksal, das sich unaufhaltsam nähert, als einen Dämon, der alle Stellungen besetzt. Die Bewegungen der Arbeiterschaft in den verschiedenen Ländern, ihr siegreicher Durchbruch in Rußland, die Aushöhlung der bürgerlichen Ordnung durch andersgeartete Kräfte und Ten- denzen sind nur die Erscheinungsweisen dieses Dämons. Der Dämon ist die »Gestalt des Arbeiters«. Der lebendige Arbeiter ist an sich völlig uninteressant; er fällt unter diese Gestalt nur,

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insoweit er Werkzeug des »Dämons« ist. Die »Gestalt des Arbei- ters« sitzt im Gehäuse der Welt, gehört zu ihr, wirkt aus ihr und durch sie. Ihre Besonderheit ist: durchaus innerwcltlich und diesseitig ein intensiv Wirkliches zu sein, das alle Fäden in der Hand hat. Sie ist bewegende Kraft, das dynamische Element, metaphysisch, aber ohne fiktiv souveräne Jenseitigkeit. Sie ist ein platonisches Urbild; alle empirischen Verkörperungen sind nur dessen Schattenbilder. Mit eisiger Kälte registriert Jünger die Siege der neuen Ord- nungswelt; indes hißt er keine Fahnen und brennt kein Freuden- feuer ab. Der Sieger läßt ihn so kühl wie der Besiegte. Er ist bis zu dem äußersten Punkt vorgestoßen, bis zu dem man von Kierkegaard über Nietzsche und Spengler gelangen kann: schon der nächste Schritt führt über die Grenze, jenseits deren die Sternbilder andrer Kontinente das Firmament beherrschen.

Die technische Ratio

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W enn man zuviel von der Sache weiß, wenn man sie kennt,

kann man nicht mehr unbekümmert nach jeder Himmels- richtung hin über sie spekulieren; es gibt eine, vielleicht noch eine zweite mögliche Ansicht über sie; das Wissen, das man von ihr hat, schreibt der Deutung feste Bahnen vor. Der Glaube, dessen Gegenstände die Deutungen sind, wird zum Wahn, wenn er sich auf eine Deutung festlegt, die mit dem Wissen um die Sache nicht recht zusammenklingt. Aber sobald der Glaube sich darauf einrichten muß, daß das Wissen vorschreibt und kontrol- liert, mit welchen Deutungen er sich einlassen darf, ist seine un- gebrochene Kraft dahin; er ist kein rechter Glaube mehr. Er wird zum Lückenbüßer, der dort passieren darf, wo das Wissen noch nicht den ganzen Raum besetzt hat. Der philosophische Idealismus hatte nochmals von der Idee

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aus zum Weltverständnis und zur Weltbeherrschung kommen wollen; das Massiv der Wirklichkeit sollte durch die Kraft der Idee bewegt werden. Es verlor sich nie das Gefühl, als sei er ein mächtiger Krampf; man gab der Idee Kredit, obschon man insgeheim nicht bezweifelte, daß sie nur noch Schwindelgeschäfte betreibe. Karl Marx enthüllte den Bankrott der Idee; das stempelte den deutschen philosophischen Idealismus zu einem Unternehmen, das mit gefälschtem Gelde arbeitet. Marx entlarvte die Idee: daß sie keine »reelle Sache«, sondern ein Hirngespinst sei. Man kennt den berühmten Satz aus dem Vorwort der »Politischen Ökonomie«:

»Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.« Die Bewußtseinsinhalte, die Wertbegriffe und religiösen Vorstellun- gen, alle Ideen waren mit einem Schlage als bloße »Reflexe« des Seins abgetan; aus diesen einstigen »unermeßlichen Schätzen der Innerlichkeit« waren Seifenblasen, war Schaum geworden. Die Welt, die bisher »auf dem Kopfe« stand, war »auf die Füße« gestellt. Das war nicht Materialismus, sondern Existentialis- mus. Marx zog aus dem Dasein bereits eine Bankrottbilanz, als noch kein Mensch sonst bemerkte, wie faul die bürgerlichen Dinge waren: ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode hatte ihn die bürgerliche Intelligenz nicht eingeholt und entrüstete sich weiterhin, wo sie nichts kapierte. Noch während das bürgerliche Zeitalter auf seinem Gipfelpunkt stand, ahnte Marx, daß diese große Bewegung des Weltverzehrs zu Ende gehe; ein Umbruch stand vor der Türe; der Bürger war am Ende seines Lateins, wenn keine Beute mehr zu machen war. Die Menschheit mußte ihr nacktes Sein, auf das sie von Jahr zu Jahr mehr zurückgeworfen wurde, rationalisieren und organisieren. Diese Aufgabe war nur richtig anzufassen, wenn das Sein unmittelbar vor Augen lag und nicht durch die ver- zerrende und färbende Brille von Ideen betrachtet wurde. Der

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Mensch galt ehedem als Ebenbild Gottes, die Welt als armselige Verkörperung des göttlichen Gedankens, der Idee: so unausge- schöpft und grenzenlos reich stellte sich damals der Bestand des Gesamtdaseins dar, daß der Mensch und die Welt nur als Schätze zweiten Ranges, als Imitationen gewissermaßen begriffen zu werden brauchten. Nunmehr aber war das nackte und unmittel- bare Sein von Mensch und Welt das einzige Kapital geworden; die Idee war bestenfalls noch der letzte kümmerliche Zins, den dies Kapital abwarf. Da Feuerbach Gott als Abbild des Menschen deutete, kündigte sich bereits an, daß die menschliche Existenz die Außenstände einziehen werde, die sie bisher in der Religion angelegt gehabt hatte. Marx ging noch weiter: er kündigte kurzerhand alle Fonds, aus denen sich bisher der Idealismus jeg- licher Art versorgt hatte. Es gibt für Marx keinen ändern tragfälligen Boden mehr als den der unmittelbaren Existenz; aus deren eingeborenen Vor- aussetzungen allein erklärt er den Ablauf der Dinge; das Be- wußtsein ist nur gespiegeltes Sein. Freilich ist das Sein, das er bloßlegt, das gesellschaftliche Sein: die Summe der »mate- riellen Produktivkräfte der Gesellschaft« und der »Produktions- verhältnisse«, d. h. juristisch gesagt, der »Eigentumsverhältnisse«. In diesem gesellschaftlichen Sein erschöpft sich für ihn das ganze Sein. Er analysiert die bürgerlich-kapitalistische Gesell- schaftsordnung und zweifelt nicht, eben dabei allen Seinselemen- ten zu begegnen. Diese Ordnung scheitert, nicht weil sie »schlecht« oder »teuflisch« wäre, sondern weil sie in sich sachlich wider- spruchsvoll ist. Sie muß aus prinzipiellen Gründen verschwenden, auch wenn zur Verschwendung nichts mehr vorhanden ist. Ihre Schicksalsliiiie ist die Kurve der Profitrate; in der Profitrate zeigt sie an, inwieweit sie den Zweck erreicht hat, auf den sie wesens- notwendig angelegt ist. Marx durchschaute vor allen ändern, daß sie in Krisen und Katastrophen geraten muß, weil sie von der Jagd nach der Profitrate nicht ablassen kann. Die Profitrate

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Mensch galt ehedem als Ebenbild Gottes, die Welt als armselige Verkörperung des göttlichen Gedankens, der Idee: so unausge- schöpft und grenzenlos reich stellte sich damals der Bestand des Gesamtdaseins dar, daß der Mensch und die Welt nur als Schätze zweiten Ranges, als Imitationen gewissermaßen begriffen zu werden brauchten. Nunmehr aber war das nackte und unmittel- bare Sein von Mensch und Welt das einzige Kapital geworden; die Idee war bestenfalls noch der letzte kümmerliche Zins, den dies Kapital abwarf. Da Feuerbach Gott als Abbild des Menschen deutete, kündigte sich bereits an, daß die menschliche Existenz die Außenstände einziehen werde, die sie bisher in der Religion angelegt gehabt hatte. Marx ging noch weiter: er kündigte kurzerhand alle Fonds, aus denen sich bisher der Idealismus jeg- licher Art versorgt hatte. Es gibt für Marx keinen ändern tragfälligen Boden mehr als den der unmittelbaren Existenz; aus deren eingeborenen Vor- aussetzungen allein erklärt er den Ablauf der Dinge; das Be- wußtsein ist nur gespiegeltes Sein. Freilich ist das Sein, das er bloßlegt, das gesellschaftliche Sein: die Summe der »mate- riellen Produktivkräfte der Gesellschaft« und der »Produktions- verhältnisse«, d. h. juristisch gesagt, der »Eigentumsverhältnisse«. In diesem gesellschaftlichen Sein erschöpft sich für ihn das ganze Sein. Er analysiert die bürgerlich-kapitalistische Gesell- schaftsordnung und zweifelt nicht, eben dabei allen Seinselemen- ten zu begegnen. Diese Ordnung scheitert, nicht weil sie »schlecht« oder »teuflisch« wäre, sondern weil sie in sich sachlich wider- spruchsvoll ist. Sie muß aus prinzipiellen Gründen verschwenden, auch wenn zur Verschwendung nichts mehr vorhanden ist. Ihre Schicksalslinie ist die Kurve der Profitrate; in der Profitrate zeigt sie an, inwieweit sie den Zweck erreicht hat, auf den sie wcsens- notwendig angelegt ist. Marx durchschaute vor allen ändern, daß sie in Krisen und Katastrophen geraten muß, weil sie von der Jagd nach der Profitrate nicht ablassen kann. Die Profitrate

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ist nicht nur ein nationalökonomischer Begriff; sie ist das Symbol für die Tendenz zur Substanzverwüstung und zum Raubbau, die der bürgerlichen Ordnung ihr eigentliches und charakteristisches Gepräge gibt.

34.

Förmlich wie durch einen Schleier schimmert durch die bürger- lich schielende Begriffssprache von Marx der neue Wirklichkeits- kontinent hindurch. Es kündigt sich gerade darin, daß der Be- wußtseinsinhalt als luftiger Überbau über dem festen unmittel- baren Sein verstanden wird, ein Wille zu einer wirklichkeits- naheren und wirklichkeitsdichteren Seinsgestaltung an. Wenn das Ideengut, welches das Bewußtsein erfüllt, nur Überbau ist, dann ist es Zierat, Fassade, dann ist es nicht wesentlich, dann lohnt es sich nicht mehr, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Nicht zufällig ist die Gottlosenbewegung mit dem Marxismus ver- knüpft: man prellt weiterhin das Sein und man lockert sein Ver- hältnis zur Wirklichkeit, wenn man noch Zeit und Kraft an die Überwelt, die Übernatur hängt, denen eine eigene Existenz aus sich und durch sich selbst gar nicht zukommt. Der Mensch ist, am Ende des bürgerlichen Zeitalters, an den »Grenzen der Welt« angelangt; er hat, während er sie im Sturm durchmaß und dabei den »Rahm abschöpfte«, von ihr Gebrauch gemacht, als sei sie unerschöpflich. Er hatte sich dabei eingesetzt und ausgesetzt; er nützte sich dabei ab in der Hoffnung, sich aus unversicglichen Gründen immer wieder verjüngen zu können. Die Krise und Katastrophe der bürgerlich-kapitalistischen Ge- sellschaft besteht darin, daß sie prinzipiell nicht mehr weiter kann; die Vorräte, die sie nötig hat, um zu sein, was sie ist, sind ver- zehrt. Die Menschheit windet sich unter dem pressenden Not- stand, sich anders einrichten zu müssen. Der Instinkt der Selbst- erhaltung treibt sie auf ein Geleise, gegen das sich ihre Gewohn- heit verzweifelt sträubt. Der Zwang, dem sie unterliegt, ist das »Schicksal«, dem sie nicht entgeht, ist der Inbegriff der Gesetz-

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lichkeit, die in den Dingen selbst wirkt. Er engt ein: er hat die Tendenz, die private Initiative einzudämmen. Die »private Initiative« wirtschaftete einst aus dem vollen; sie muß etwas vor sich haben, wenn sie sich entfalten soll. Insoweit sie vor dem Entleerten steht, ist es mit ihrer »Produktivität« zu Ende; der Effekt ihrer Betriebsamkeit ist dann ein Defizit, das keine Macht der Welt mehr zu decken vermag, das eine Lücke reißt, die nie mehr zu schließen ist. Es brechen gute Zeiten für Kurpfuscher und Hochstapler jeglicher Art an. Der Wandel der Umstände verrät sich darin, daß die »private Initiative« ein schlechtes Ge- wissen bekommt; sie hat selbst das Gefühl, unersetzliche Bestände zu verwüsten, die der letzte Notgroschen der Menschheit sind:

sie ahnt, daß sie in Wahrheit ein »Frevel« gegen die Mensch- heit ist. Das Recht des Privaten erlischt, weil die unersetzlichen Be- stände der sorgfältigsten Pflege bedürfen. Es muß genau gerechnet werden; man kann es sich nicht mehr leisten, etwas an privaten Händen hängen zu lassen. Die Bestandsaufnahme ist unvermeid- lich. Dann folgt der Plan, der den sparsamsten Verbrauch, den zweckmäßigsten Einsatz, den höchsten Effekt mit den geringsten Mitteln vorsieht. Niemand macht mehr Streifzüge auf eigene Faust: es gibt kein Gelände mehr für freie Jagd. Man erhält das Seine zugewiesen, je nach der Leistung, durch die man seine Ration aufwiegt. Diese Daseinsorganisation, die allumfassend sein muß, damit nichts verlorengeht, ist die rationalste Form der Daseinsbewirt- schaftung. Sie ist der wahre Kern dessen, was sich als Sozialis- mus empfiehlt. Der Sozialismus ist eine Lebensauskunft ange- sichts einer Lebensnotdurft; er ist eine Bastion, in die sich jeder zurückzieht, der wirklich erfaßt hat, wie es um das menschliche Gesamtdasein steht. Er greift da Platz, wo der letzte Überfluß dahin ist. Wo noch Überfluß herrscht, da ist der Sozialismus nur ein Gespenst, da ist er gar nicht nötig. Er ist kein Glücksbringer;

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er schraubt das private Leben bis zu jenem Fuß hinunter, wo es nicht mehr die »eisernen Portionen« vergeuden kann, auf welche das allgemeine Leben zurückgreifen muß, wenn es noch vorwärts- kommen will. Der Enthusiasmus seiner ersten Anhänger war nur einer jener Wechsel auf Glück, die der Gang der Dinge noch stets ausgestellt hat, wenn er die Massen bestechen mußte, sich in ihr eigenes Fleisch zu schneiden, und die er dann später nie- mals einlöste. Die Menschen griffen immer mit Begeisterung nach dem bitteren Kelch, der ihnen durch nichts erspart werden konnte; sie riefen jederzeit Halleluja, wenn das Unausweichliche seine ersten Schatten vorauswarf. Der Enthusiasmus ist wie ein Feuer, in dessen vergoldenden Schein sich jede Sache taucht, die nüchtern und bei Tage besehen »keinen Hund hinter dem Ofen hervor- locken würde«. Die neue Daseinsordnung ist auf höchste Zweckmäßigkeit hin angelegt. Bei niedrigstem Kraft- und Energieaufwand soll sie den größten Ertrag hervorbringen. Die reine sachliche Notwendig- keit ist ihr oberstes Funktionsgesetz. Sie wickelt sich ab wie am laufenden Band; sie ist ein ungeheures vereinheitlichtes maschi- nelles Getriebe. Rad greift in Rad; es gibt keinen Spielraum für ein freies Belieben, für ein »Sichgehenlassen«, für Abenteuer per- sönlicher Willkür. Die Lebensbereiche sind aufeinander abge- stimmt und förmlich nach dem Grundsatz der vertikalen Kon- zentration in eine sachbestimmte Rangordnung gebracht; die bil- ligste, sparsamste, gleichartigste und mit menschlicher Substanz am haushälterischsten wirtschaftende Form der Lebenserhaltung ist der »Betriebszweck«. Die Normierung des Daseinsstils liegt im Zug der Dinge. Reichhaltigkeit würde die Gesamtbilanz über- lasten. Die Technik wird total; das Dasein ist technische Appara- tur. Innerhalb der bürgerlichen Ordnung war die Technik ein Instrument, um mit ihr ökonomische Zwecke zu erreichen. Inzwischen wurde es offenkundig, daß der ökonomische Zweck die technische Rationalität durchkreuzt: damit im endlosen Um-

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satz verdient werde, darf kein Gut mit jener hohen Qualität ausgestattet werden, die sich praktisch bereits erreichen ließe. Es ist bekannt, daß die Elektroindustrie mit Vorbedacht schlechte Glühbirnen produziert. So wird Substanz verschleudert, um Pro- fit einheimsen zu können. Die Technik kündigt der ökono- mischen Zwecksetzung den Gehorsam auf; der ökono- mische Zweck zieht nicht mehr. Man kommt dahinter, daß er der technischen Ratio widerspricht: sogleich ist er wirkungslos, abseitig, hinterwäldlerisch. Die beste Maschine produziert keinen Profit, sondern nur die saubersten und vollkommensten Gegen- stände. Am Profit ist die Maschine unschuldig; ihn hat allein die ökonomische Ratio zu verantworten, die nunmehr erst diese Gegenstände in ihre anrüchigen Geschäfte verwickelt. Wo die technische Ratio sich durchgesetzt hat, schlägt sie die ökonomische Ratio aus dem Feld. Die technische Ratio zähmt und »kultiviert« die Welt. In der bürgerlichen Gesellschaft treibt nochmals und verspätet der »Urjäger« sein Unwesen; im Hintergrund der Ge- sellschaft des technischen Zeitalters aber geistert der »Urbauer«; hier wird der Erdball zum Acker und die Naturkräfte werden als Haustiere eingespannt. Die Maschine ist die gezähmte Naturkraft. Die Naturkraft pro- duziert sich, auf den Wink dressiert, mit gefälliger Grazie; es ist, als sei ihr alle elementare Wildheit aus dem Leibe getrieben. Der Mensch ist der Herr; sein Hebeldruck ist der Peitschenknall, der die Bestie zum Parieren bringt. Schließlich zieht der Mensch seiner eigenen elementaren Unberechenbarkeit die Zügel kurz; er diszipliniert sich selbst zur Maschine, die in der universalen Maschinerie an der richtigen Stelle steht und das Pensum erledigt, das ihr zugeteilt ist. Die universelle Maschinerie, zu der er selbst sein planmäßiges Energiequantum beisteuert, ist Menschenwerk; sie ist folgerichtige Diesseitigkeit. Sie ist das, was der Mensch fertig bringt, wenn er ausschließlich auf sich angewiesen ist, wenn er sich nicht mehr

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auf »Gott« und die »Übernatur« verlassen kann. Sie ist sein »Schöpfertum«; sie ist die Konstruktion, mit der er die Lücke ausfüllt, die entsteht, wenn der Organismus zerfällt, in dem er, als einem Gottesgeschenk, jahrhundertelang in den Tag hiiiein- gelebt hat. Der wirtschaftliche Erfolg ist eine Mischung aus »menschlicher Tüchtigkeit« und »göttlichem Segen«; die tech- nische Leistung wird ausschließlich dem Menschen gutgeschrie- ben; sie hat Gott nicht einmal mehr als zynisches Feigenblatt nötig.

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Die Erforschung der »unbekannten Gegenden«, die Erhellung der »dunklen Erdteile«, die Entschleierung ehrwürdiger Geheim- nisse, die Bezwingung der Naturgewalten, die Umwandlung des Jenseits in eine bloße Provinz des Diesseits, die ausdörrende Durch- leuchtung der menschlichen Innerlichkeit vernichteten den Raum der theologischen Ratio. Mit dem »Unerforschlichen« verlor die theologische Ratio ihren Gegenstand, mit der Innerlichkeit ihre Resonanz. Spekulationen über das »Jenseits« und dessen »Einwir- kungen« auf das Diesseits sind müßige Spielereien, seitdem die Welt den letzten Fußbreit überweltlichen Bodens verschluckt hat; das Gefühl der »schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott« ist er- storben, seitdem Gott nur noch eine Erinnerung an »Naivitäten« ist, deren man seit langem nicht mehr fähig ist. Die Mysterien finden keine Gläubigen mehr; sie versammeln um sich nur noch jene Schar schwankender Skeptiker, denen zum Abgrund ihrer Skepsis der letzte und volle Mut fehlt. Wer »glaubt«, hat die verschiedensten und oft merkwürdigsten Gründe: hier ist es ein verklingender Nachhall alter Gewohnheit, da die Vorsicht, die nichts abschreiben will, bevor sie »etwas Besseres« an dessen Stelle zu setzen hat, dort vielleicht nur ein Gefühl der Ritterlichkeit, das den »geistlichen Beruf« nicht beschämen will: keiner »glaubt«, weil er wirklich glaubt; echter Glaube ist nicht mehr möglich.

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Die Verbindung der theologischen mit der juristischen Ratio im Gebäude des kirchlichen Rom ist nicht zufällig. Es ist schon des öfteren darauf aufmerksam gemacht worden — auch Leibniz hat es getan —, wie verwandt Theologie und Recht miteinander seien. Für die Theologie ist Gott unmittelbarer Gesetzgeber; das Gefüge der Ordnungen ruht in s einem Willen; Gesetze und Ver- ordnungen sind sein Werk, schöpfen ihre zwingende Kraft aus dem göttlichen Ursprung. Gesetzesbruch ist deshalb Frevel, Felo- nie, Gotteslästerung, Atheismus. Das Recht ist säkularisierte Theo- logie, ähnlich wie Philosophie säkularisierte Religion ist. Eine überweltliche, ewige Ordnung will sich auch diesseitig verwirk- lichen; ein metaphysischer Willensausfluß sich irdisch zur Geltung bringen. Das Prinzip der höchsten Gerechtigkeit schwebt über dem Recht wie Gott über der Theologie. Von »oben«, von einem »höheren« Standort aus tritt eine Forderung, ein Sollensanspruch an den Menschen heran. Die Autorität des Rechts ist nur so lange unerschüttert, als noch ein Stück Transzendenz lebendig ist. »Es lebe das Recht und wenn die Welt dabei zugrunde geht«: das kann allein bekennen, wer den transzendenten Hintergrund des Rechts für eine sicherere Wirklichkeit hält als den Inhalt seiner täglichen Erfahrung. Die juristische Ratio klingt überzeugend bloß, wo die Transzendenz des Rechts nicht bezweifelt wird; man muß, um der juristischen Ratio zugänglich zu sein, selbst das Bedürfnis haben, das kosmische »Gleichgewicht« wieder einge- renkt zu sehen, das durch das Verbrechen gestört wurde — man muß, aus solcher metaphysischen Sicht heraus, selbst büßen wol- len, wenn man gefehlt hat. Metaphysische Sicht, transzendentes Erlebnis sind in jedem Falle Sache der »Innerlichkeit«: so spricht, wie die theologische Ratio, auch die juristische Ratio nur an, wo die »Innerlichkeit« nicht versiegt ist. Die Idee der Gerechtigkeit ist so jenseitig, wie Gott es ist; wo die Jenseitigkeit grundsätz- lich liquidiert ist, haben weder Gott noch die Idee der Gerech- tigkeit fernerhin Kurswert.

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Wenn freilich mit dem Raum der theologischen Ratio der Raum der juristischen Ratio zerfällt, dann schwankt die Herrschaft des ewigen Römers, darin wird er als imperiale Figur fragwürdig. Er tritt in eine luftverdünnte, wenn nicht gar luftleere Zone, in der er unvermeidlich ersticken muß. Die Bezirke der Innerlichkeit, die Regionen der Transzendenz verschwanden gleichzeitig mit den »unerschlossenen« Gebieten, mit den herrenlosen Ländern und ungehobenen Schätzen ferner Inseln und Kontinente. Der geistige »Überfluß« vertrocknete im selben Maße wie der materielle. Es gibt keine Plünderungszüge mehr in »unentdeckte« Gegenden; es verkümmern die Gelegen- heiten zu den großen Geschäften. Der Profit, der der Urheber der kapitalistischen Gesellschaft ist, braucht am Ende immer einen »letzten«, den die Hunde beißen: ein koloniales Volk, das noch nicht bis aufs Blut ausgesaugt ist, einen Mittelstand, der durch eine Inflation auszurauben ist, ein Proletariat, das sich mit dem »Existenzminimum« begnügt. Ist der Rahm in allen Kolonien abgeschöpft, ist der Mittel- stand ruiniert, ist das Existenzminimum schon längst erreicht, dann sind alle Brunnen leer, aus denen der Profit gepumpt wurde; es ist nichts mehr zu holen. Die ökonomische Ratio ist am Ende ihrer Weisheit; es ist kein Schäfchen mehr vorhanden, das man noch ins Trockene bringen könnte. Der Mechanismus der bürgerlichen Gesellschaft hat kein Korn mehr, um es zu mahlen, und der ewige Jude ist mattgesetzt. Das Element, in dem er vor- wärts und hoch kam, ist ins Spurlose verschwunden. Er wird, wie der ewige Römer, zu einer imperialen Figur, der die Luft ausgeht. Die theologische und juristische Ratio erfassen die Welt vom inneren Erlebnis her; sie kultivieren den Trieb zur Sinn- gebung. Die ökonomische Ratio erfaßt die Welt nur insoweit, als sie sogleich zu verwerten, zu verschleudern und zu verwüsten ist. Sie steht mit dem Moralismus auf dem bekannt guten Fuße,

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weil sie stets eine Maske nötig hat. Mit dem Weltbild, das ihr gemäß wäre, kann sie keinen Staat machen: sie will nicht offen bekennen, daß sie die Welt als Schatzkammer sieht, in der sich jeder die Taschen so weit füllen darf, als er sich mit seinen Ell- bogen Platz zu schaffen vermag und als er mit seinen Fäusten niederboxen kann. Darum erborgt sie sich Weltbilder, wo sie zu haben sind; sie tauscht sie aus, wechselt mit ihnen und ist nur immer bestrebt zu verbergen, welches Bild sie selbst sich von der Welt macht. Auf dem Gegenpol der theologischen und juristischen Ratio steht die technische Ratio, die die Welt lediglich von den »äußeren« Dingen her begreift. Für sie besteht kein oben und kein Jenseits, keine Überwelt und Übernatur; sie kennt keine Willenskundgebungen aus transzendenten Räumen, kein »Sollen«, dem man sich entziehen kann. Sie deckt Gesetzmäßigkeiten auf, die in den Dingen selbst angelegt sind und die stets in Kraft sind, deren Vollzug naturnotwendig ist. Überträgt man in ihre Bereiche die Form der Sollensnormen, dann springt eine komi- sche Angelegenheit heraus: der energetische Imperativ Ostwalds ist »zum Schieflachen«. Wo die technische Ratio den Ton an- gibt, handelt man schlicht und selbstverständlich nach Maßgabe der Sache; das Pathos klingt schmierig und die großen Worte tönen hohl: man »funktioniert« am besten, wenn es im Plan der Gesamtkonstruktion schweigend und ohne Geräusch geschieht. Der Zwang kommt allein aus der Sache; wer sich sperrt, ist an seiner Stelle fehlerhaftes Material, das vielleicht andernorts noch nützlich zu verwenden ist. Man steht wirklich »jenseits von Gut und Böse«; Zweckmäßigkeit und Sachlichkeit sind die Maßstäbe, vor denen sich der Mensch und seine Handlungen auszuweisen haben. Auch der Mensch begreift sich gewissermaßen von außen:

als ein Energiequantum, dessen Stärkegrad genau bestimmbar ist, und als ein Materialstück, dessen Beschaffenheit in der Material- prüfung festgestellt werden kann. Er wird eingesetzt nach dem,

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was er nach dem Ergebnis eines »Leistungsmessungsverfahren« ist, nicht nach einer Vorstellung, die er sich von sich macht. Ein System von Beschreibungen klärt auf, wie die Sache am zweckmäßigsten angestellt, gedreht, in Gang gehalten, gepflegt werden muß, wenn sie gut und rational ablaufen soll. Die theologische Ratio betreut die Weisheit der Überwelt; die juristische Ratio richtet sie für den Gebrauch im Diesseits zurecht; die ökonomische Ratio führt sie in jeder ihrer Spielarten im Munde, damit niemand auf die weltzerstörerischen Taten des Ökonomismus sehe. Die technische Ratio hält sich allein an den Witz, die Klugheit, die Logik und den gesunden Verstand des Diesseits, hinter deren durchdringende Leuchtkraft man freilich erst kommt, wenn sich zum Schluß die Welt selbst als das Allein- wirkliche entdeckt hat. Dann ist die »himmlische Weisheit« als bloßer Reflex von Strahlen entlarvt, die auch nur die Welt auss;esandt hatte. Das unmittelbar Existentielle war von dem fahlen Schimmer jenes Reflexes Jahrhunderte hindurch geblendet gewesen; so kam es, daß es seinen Weg nicht in seinem eigenen Licht, von dem es sein Gesicht abgewandt hatte, sondern im Glanz dieses Reflexes hatte suchen wollen.

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Das Operationsfeld der technischen Vernunft hat seine eigene Sicht, seine besondere Wertung; es scheint, als ob darin alle alten Dinge auf den Kopf gestellt seien. Die Revolution besteht nicht darin, daß ein verbrauchtes Ordnungssystcm zerfällt, sondern dar- in, daß ein neues Ordnungssystem sich durchsetzt. Neue Bezugs- punkte beherrschen den Raum; die Akzente und Bedeutungs- gewichtc werden anders verteilt; vertraute Symbole werden farb- los und verlieren ihre Kraft, neue Symbole packen das Herz. Eine neue Sprache kommt auf; das Leben erhält einen ändern Sinn, es wird neu festgesetzt, was Tugend und was Laster ist. Das Element der theologischen Vernunft war der Glaube;

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ihr zentrales Symbol das Wunder. Wer den rechten Glauben hatte, lebte in der »Wahrheit«; die Wahrheit war das Glau- bensgut, insoweit der Intellekt, unbeschadet aller Absurdität, sein Ja und Amen dazu gesagt hatte. Im Wahrheitsbegriff kam die menschliche Gewissenhaftigkeit zu ihrem Recht, die das, wofür ihr durch die Tradition die Verantwortung auf- geladen war, auch vor sich selbst verantworten wollte. Der Mensch, der sein Leben in der Wahrheit führte, war ein Hei- liger; wer aber für die Wahrheit kämpfte und starb, war ein Märtyrer. Die Institution, in der sich die theologische Vernunft am reinsten verkörperte, war die Kirche mit ihren Dogmen; die politisch-weltliche Herrschaftskonzeption, die ihr vor- schwebte, war die Idee der Theokratie, des Gottesstaates mit dem Stellvertreter Gottes an der Spitze. Der vor ihrem Antlitz Verworfene war der »Heide«, der Ungläubige, der Abtrünnige, der »Vater der Lüge«. Was für die theologische Vernunft Glaube und Wunder waren, wurden für die rechtsschöpferisclie Vernunft Macht und Schwert, für die ökonomische Vernunft Reichtumsreserven und Geld; an Stelle der Wahrheit trat dort die Gerechtigkeit, hier die Rentabilität. Dem Heiligen entsprach dort der Ritter, hier der kreditfähige Bürger, dem Märtyrer der Tote des Schlacht- felds und der kühne Spekulant. Der Staat mit seinen Gesetzen und die kapitalistische Ordnung mit ihrem Privateigentum, ihrem Marktmechanismus und der Börse sind Institutionen ähnlich der Kirche samt ihren Dogmen; Imperium und imperialistische Plutokratie sind Konzeptionen von der Art des Gottesstaats. Der Verräter, Rebell und Rechtsbrecher hier, der Kommunist und Bolschewist dort treten an die Stelle des Ungläubigen und Ketzers. Die technische Vernunft bewegt sich im Umkreis der ent- schleierten, ihrer Geheimnisse beraubten, bis in ihre letzten Gründe durchforschten Natur; sie springt mit dieser Natur um, wie die

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theologische Vernunft mit dem Jenseits, die rechtsschöpferische Vernunft mit der Macht, die ökonomische Vernunft mit allen Reichtumsreserven umgesprungen sind. In der Maschine ver- sinnbildlicht sie, wie vollkommen sie die Natur in der Hand hat. Wahrheit, Gerechtigkeit, Rentabilität verlieren auf dem Opera- tionsfeld der technischen Vernunft ihren Sinn; hier kommt es darauf an, was aus der berechenbaren und wägbaren Natur her- ausgeholt werden kann: die Produktivität ist die gültige Richt- schnur. Die Ausrichtung auf sachbestimmte Zweckmäßigkeit und die Kunst großer konstruktiver Planung bestimmen das Ausmaß der Produktivität. Das Leitbild ist der disziplinierte Funktionär und der im Kampf Bewährte ist der »Stoßtruppler«. Die Institu- tionen sind die planwirtschaftlich in Gang gesetzten, aufeinander abgestimmten Betriebskombiiiate und Kollektiven mit ihren Pro- duktionsplänen und Arbeitsordnungen, ist das »total« mobil- gemachte, nur »Arbeitern« Raum gewährende »sozialistische Ge- meinwesen«. Die planwirtschaftlich organisierte »technokratische« Weltföderation aller Arbeiterrepubliken ist die zielsetzende poli- tische Idee. Feind ist der »Saboteur«. Dieses gesamte Operationsfeld der technischen Vernunft hat imperiale Weite und imperiale Höhenlage; es erreicht in jedem Zug den Rang der imperialen Operationsfelder des ewigen Römers und ewigen Juden. Es ist das »Reich« der »dritten imperialen Figur«. Daß sie erst jetzt in die Geschichte eintritt, widerlegt sie nicht; auch der ewige Römer und der ewige lüde nahmen zu

irgendeiner Zeit ihren Anfang.

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Die sozialistische Bewegung Europas brachte nur einen einzigen Mann hervor, der die revolutionäre Realität, die umstürzende Gewalt des technischen Fortschritts und die geschichtliche Sen- dung des Menschentypus, den die technische Vervollkommnung der Produktionskräfte geprägt hatte, so klar und scharf sah, wie

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das alles von Karl Marx gesehen worden war, der diese Dinge aber nicht mehr unter jüdischem Aspekt betrachtete und auf das jüdische Interesse ausrichtete, sondern mit frischer Unbefangen- heit und unbekümmerter Umnittelbarkcit ihrer ursprünglichen, ihnen eingeborenen Logik freie Bahn verschaffte. Dieser Mann war Lenin.