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Tod – Bardo – Wiedergeburt

Zusammenfassung der Belehrung von L.S.Dagyab Rinpoche, Juli 2002, Kamalashila, Langenfeld.

Tod

Mit dem Thema ‚Tod‘ beschäftigen wir uns nicht wirklich gerne, schon gar nicht jeden Tag. Gleichzeitig entbehrt es nicht einer gewissen Attraktivität, wie man u.a. am TV Programm erkennen kann. Die Reaktionen der Menschen auf dieses Thema sind vielfältig, sie reichen von Dramatisierung über Tabuisierung bis hin zum Schulterzucken. Junge Menschen denken weniger an den Tod, er ist einfach kein Thema, er scheint für sie noch weit weg zu sein. Es gibt jedoch Menschen, die so große Angst vor dem Tod haben, dass sie es nicht wagen, auch nur daran zu denken, so als wäre der Tod das absolute Ende. Von einer gröberen Ebene her betrachtet, stimmt das natürlich, aber von einer subtileren Ebene her sieht das doch etwas anders aus, wie wir später noch behandeln werden.

Wir haben im Rahmen unserer Belehrungen schon oft über den Tod gesprochen. Tod ist das wichtigste Thema im gesamten Lamrim, eigentlich das wichtigste Thema des Lebens überhaupt. Im Lamrim sind alle Themen eng miteinander verknüpft: Unbeständigkeit, Karma, die kostbare menschliche Geburt, die Gesetzmäßigkeiten von Samsara, der Kreislauf der Wiedergeburten – das alles gehört zusammen und ist eng miteinander verwoben. Erst wenn wir diese Vernetzung verstehen, werden wir das wirkliche Wesen der Unbeständigkeit und des Todes in seiner ganzen Komplexität begreifen

Wenn wir es wie die Kadampa Meister machen würden, so ließen wir die Vergänglichkeit niemals aus den Augen. Es gibt eine Geschichte von einem solchen Meister, vor dessen Höhle ein Dornbusch den Eingang zuwucherte. Aber anstatt diesen Dornbusch auszureißen, wie wir es sicher machen würden, vergegenwärtigte sich der Meister sowohl seine eigene Vergänglichkeit als auch die des Dornbusches und kam zu dem Ergebnis, dass es reine Zeitverschwendung wäre, den Dornbusch zu entfernen. Wir sind natürlich von einer solchen Einstellung meilenweit entfernt. Obwohl wir genau wissen, dass nur wenige Menschen auch nur 100 Jahre alt werden und noch niemand – wirklich niemand – nicht zuletzt doch gestorben ist, glauben wir, ewig leben zu können.

Warum wollen wir nicht an den Tod denken? Natürlich gibt es in jedem Leben gewisse Probleme und Schwierigkeiten, aber eigentlich fühlen wir uns ganz wohl mit unseren gewohnten Erfahrungen, dem Häuschen, der Familie, den Nachbarn. Das liegt daran, dass alles, was zu unserem Leben gehört, alle Besitztümer, Reichtümer, alle Verwandtschaften, der Körper selbst, Anhaftung bei uns aus löst. Wir wollen diese Annehmlichkeiten nicht verlieren, deshalb vermeiden wir schon den Gedanken an eine mögliche Trennung.

Unbestritten verfügen wir hier günstige Lebensbedingungen. Tatsache ist aber, dass sobald eine Erfahrung, ein Gedanke entstanden ist, sobald wir einen Partner, ein Kind, ein Haus oder ein Auto haben, auch schon die Trennung von eben diesem Objekt beginnt. Nichts begleitet uns ewig, die Unbeständigkeit folgt uns überall. Wenn ich Dinge berühre, denke ich oft daran, dass sie länger existieren werden. So können wir z.B. in Museen können wir Objekte bewundern, die vor Hunderten von Jahren hergestellt wurden. Das Objekt existiert noch, der Künstler ist lange tot. Das sollte uns doch zu denken geben! Die Vergänglichkeit zeigt sich überall, aber meistens weigern wir uns, sie zu sehen. Die Vorstellung von Beständigkeit oder Dauerhaftigkeit, die besonders dann entsteht, wenn eine Situation angenehm ist, beruht jedoch auf einer Täuschung.

Im Sterbeprozess werden die Anhaftung, das Greifen nach Erfahrungen, das Festhalten an der Person und an Dingen zum Hindernis für einen ruhigen Tod. Das heißt nicht, dass man das Leben nicht genießen soll, daran gibt es nichts auszusetzen, aber man darf sich nicht daran klammern. Spätestens im Moment des Todes muß man zur Trennung bereit sein. Das ist entscheidend.

Die Drei Wurzeln

Im Lamrim spricht man von den drei Wurzeln, den neun Gründen und drei Entschlüssen. Diejenigen, die den Lamrim bereits studiert haben, sollten damit vertraut sein. Zur Erinnerung :

Die Gewissheit des Todes.

Der Tod kommt mit Sicherheit und kein Umstand kann ihn abhalten

Die Lebensspanne wird mit jedem Moment kürzer

Auch wenn ich glaube, keine Zeit für Dharma zu haben, wird der Tod kommen

Da der Tod gewiss ist, fassen wir den Entschluss, unbeirrbar den geistigen Weg zu gehen.

Die Ungewissheit über den Todeszeitpunkt.

Es gibt in Jampudvipa (unserem Lebensbereich) keine Sicherheit über die Lebensspanne. Das gilt in besonderem Maße für diese degenerierte Zeit.

Viele Umstände führen zum Tod, nur wenige fördern das Leben

Der Körper ist sehr verletzlich

Da wir nicht wissen, wann der Tod kommt, fassen wir den Entschluss, sofort mit der Praxis zu beginnen und sie nicht aufzuschieben.

Die Erkenntnis, dass außer Dharma im Tod nichts hilft

Reichtum hilft uns im Sterbeprozess nicht

Familie und Freunde können uns nicht mehr helfen

Der Körper, für dessen Wohlbefinden wir so viel unternehmen, hilft uns im Tod nicht mehr.

Wir fassen den Entschluss, den weltlichen Belangen nicht mehr so große Bedeutung zuzumessen und statt dessen die Kraft der Meditation und der Übung zu stärken.

Der Tod wird sicher kommen, er kann weder verschoben noch abgewehrt werden. Das Leben kann nicht verlängert werden, aber es gibt zahlreiche Schwierigkeiten, die unser Leben verkürzen können. Hier kommen uns natürlich gleich die Langlebenspraktiken in den Sinn. Dazu möchte ich anmerken, dass eine solche Praxis nicht die Gesamtspanne des Lebens verlängert, wie z.B. ein Fußballspiel u.U. verlängert wird. Aber sie verhindert, dass Hindernisse das Leben vorzeitig beenden, bevor es karmisch gesehen enden muss. Karma selbst ist unantastbar; wenn die karmischen Ursachen, die zu dieser Existenz geführt haben, sich erschöpft haben, so endet das Leben.

Auch die Buddhas können das Leben nicht unendlich verlängern: Von Amitayus können wir Einweihungen bekommen, von Vajrapani Schutz und vom Medizinbuddha Heilmittel, aber wenn der Zeitpunkt des Todes kommt, können auch sie ihn nicht aufhalten. Indem wir uns das bewusst machen, können wir die Anhaftung an das Leben verringern und unsere Praxis stärken.

Während des Lebens glaubt man oft keine Zeit für die Dharmapraxis zu haben und ist das tatsächlich so, muss man ohne eine solche Praxis sterben. Rechnen wir einmal großzügig mit einer Lebenszeit von 100 Jahren. Die ersten 10 Jahre kann man nicht praktizieren, weil man zu jung ist, die letzten 10 Jahre ist man zu alt. Die Hälfte der verbleibenden Zeit verbringt man mit Schlafen. In der noch verbleibenden Zeit widmet man sich alltäglichen Aktivitäten. Manchmal ist man müde oder kann nicht praktizieren, weil man arbeiten muß. Insgesamt bleiben vielleicht 10 Jahre, die man praktizieren kann. Das sind nur 10% der ursprünglich verfügbaren Lebensspanne, die uns real für die Praxis zur Verfügung stehen. Wie gehen wir mit dieser Zeit um? Können wir auch mit diesen zeitlichen Beschränkungen Fortschritte machen? Bleibt überhaupt im Laufe eines Tages freie Zeit übrig, um zu praktizieren?

Echte Dharmapraxis bedeutet nicht nur tantrische Praxis, Gottheitenpraxis, Durchführung von Ritualen und Rezitationen. Echte Praxis besteht in der Entwicklung einer korrekten geistigen Haltung, einer Geisteshaltung, durch die ich weder mir selbst noch anderen Lebewesen Schaden zufüge. Wenn wir uns selbst und anderen Lebewesen gegenüber diese korrekte Haltung einnehmen, so ist jeder gelebte Moment Dharma-Praxis.

Eine kriminelle Handlung mir selbst gegenüber ist genauso falsch wie jemand anderem gegenüber, denn das Resultat ist in jedem Fall Leid. Ich habe mir selbst gegenüber die gleiche Verantwortung wie allen anderen Wesen gegenüber egal wo sie wohnen oder wie sie aussehen. Eine korrekte Dharmapraxis wird dadurch bewirkt, dass wir Körper, Rede und Geist, die so genannten drei Tore ständig bewachen. Wir sind permanent mit irgendwelchen Handlungen geistiger, sprachlicher oder körperlicher Natur beschäftigt. Achten wir darauf, dass die Handlungen immer mit einer Einstellung durchgeführt werden, die sich am Wohl der Wesen orientiert, anderen Lebewesen nicht schaden möchte, sondern sie unterstützen will, so bringen solche Handlungen großen Verdienst und wir lenken unseren Geist in die richtige Richtung.

Die Wirkung jeder Handlung wird auf dem Subtilsten Bewusstsein abgelegt und vernichtet bzw. neutralisiert die Potentiale, die aus früheren unheilsamen Handlungen entstanden sind, ähnlich einer Waage, die sich auf die Seite neigt, auf der mehr Gewicht liegt. Wenn wir mit dem Geist und am Geist arbeiten und versuchen, unsere Kraft zum Nutzen der Lebewesen einzusetzen, dann haben wir sicher genügend Zeit für die Praxis, nämlich ein ganzes Leben lang. Rezitationen und Gebete sind sehr wichtiger Bestandteil der Praxis, aber nicht die Basis. Man kann die tollsten Praktiken durchführen, wenn man sich jedoch nicht mit den geistigen Giften auseinandersetzt, so wird sich kein Erfolg zeigen.

In unserem Lebensbereich gibt es keine Sicherheit über die Dauer des Lebens. Die heutige Zeit wird als degeneriert bezeichnet. Zwar existieren heute sehr viele technische Errungenschaften, die gleichzeitig aber unser aller Leben bedrohen, sei es z. B. in Form eines Flugzeugunglücks oder als Abgase von Autos. Dabei wurden die ganzen technischen Errungenschaften eigentlich erfunden, um uns zu helfen, und nicht, um uns zu schaden

Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass der Körper sehr verletzlich ist, er kann leicht zerstört werden. Eine Erkältung manchmal tödlich enden kann und eine winzige Veränderung in unserem Körper oder in unserer Umgebung kann für uns tödliche Konsequenzen haben kann. Aber es gibt auf der anderen Seite natürlich auch Menschen, die nicht sterben können und z. B. jahrelang im Koma liegen, weil die Verbindung von Körper und Geist sehr stark ist

Wenn der Tod kommt, können wir von allem, was wir besitzen und was uns das Leben so angenehm macht, nichts mitnehmen. Weder die Verwandtschaft noch unseren Reichtum, nicht einmal den eigenen Körper können wir über den Tod hinaus behalten. Alles, was uns im alltäglichen Leben eine so große Hilfe ist, wird im Tod bedeutungslos. Dann kann uns nur eine effektive Praxis helfen, mit der wir den Geist ruhig und klar halten. Wir müssen uns an den Todesprozess gewöhnen und uns im Klaren darüber sein, was während dieses Prozesses abläuft. Der Tod ist wie eine Reise:

Wenn wir die Fahrtroute genau im Kopf haben, kann das sehr hilfreich sein. Angst ist hier eher kontraproduktiv.

Was die Angst betrifft, so ist es wichtig, wie wir meditieren um Anhaftung zu überwinden. Durch das Nachdenken über den Tod darf man nicht nervös oder ängstlich werden. Natürlich hat nicht jeder Angst; diejenigen die keine Angst haben, brauchen sich auch nicht damit zu beschäftigen. Wenn aber Angst auftritt, so mache ich die Angst selbst zum Objekt meiner Achtsamkeit: Warum habe ich Angst? Wovor habe ich Angst? Wo sitzt die Angst,? Wie fühlt sie sich an? Ist sie immer gleich oder ändert sie sich? Ist diese Angst gut begründet oder nicht?

Wichtig ist, dass das Subtilste Bewusstsein die eigentliche Basis für unsere Identifikation bildet. Körper und Geist in ihrer gröberen Form sind dagegen nur wie ein vorübergehendes Hilfsmittel. Daran festzuhalten, sich darauf zu stützen, wäre reine Selbsttäuschung. Das Subtilste Bewusstsein wandert durch die Existenzen und für das Subtilste Bewusstsein ändert sich im Tod eigentlich nichts.

Es ist hier sicher sinnvoll, erst einmal zu untersuchen, was oder wer sich im Tod wovon trennt? Ganz allgemein ausgedrückt kann man sagen: Im Tod trenne ich mich von meinem Körper. Nur wer ist ‚ich‘? Mit ‚ich‘ ist hier der Geist oder das Bewusstsein gemeint, das sich vom Körper trennt. Nun unterscheidet man im Buddhismus drei verschiedene Ebenen des Bewusstseins bzw. des Geistes:

Man spricht von grobem, feinem und subtilstem Bewusstsein. Damit wir die Erklärungen zu Tod und Wiedergeburt verstehen, sollten uns die Unterschiede klar sein.

Was ist ‚Geist‘ ?

Der Geist hat zwei Eigenschaften: Er ist klar und erkennend, und zwar gilt das für alle drei Ebenen des Geistes: die grobe, die feine und die subtilste. Mit Klarheit ist hier nicht die Klarheit eines Fotos oder die Klarheit einer Reflexion gemeint, sondern dass die Natur des Geistes selbst klar ist. Der Geist ist wie ein freier Raum, er ist so wie der Himmel. Damit wird ausgedrückt, dass der Geist selbst nicht behindert wird. Der Geist kann zwar durch andere geistige Faktoren behindert werden, diese Hindernisse sind aber von vorübergehender Natur. Von seiner Natur her ist der Geist ungehindert. Die Konzepte beflecken den Geist nur insofern, als sie für uns (vorübergehend) die Sicht auf seine eigentliche Natur verhindern, die Konzepte selbst gehören aber nicht zur Natur des Geistes. Der Ausdruck Klarheit bezieht sich also auf das Subjekt, den Geist, und die Klarheit ermöglicht es dem Geist, ein Objekt zu erfahren bzw. zu erkennen

Die Fähigkeit des Erkennens ist eine Eigenschaft des Geistes (also des Subjekts), die das Objekt in gewisser Weise mit einbezieht, denn im Erkennen erscheint dieses Objekt im Geist. Im Prozess des Erkennens verbindet sich das betreffende Sinnesbewusstsein mit dem Objekt und es entsteht eine Wahrnehmung. Wenn ich z.B. ein Mikrofon sehe, dann geht natürlich das Mikro nicht in meinen Körper hinein, sondern durch die Kraft der Sehorgane verbindet sich das Sehbewusstsein mit dem Objekt und ein Abbild des Objekts entsteht im Bewusstsein. Ich sehe nicht das Mikro selbst, sondern das Bild in meinem Geist. Dieses Bild erscheint leider nicht klar, sondern es wird durch die geistigen Gifte in meinem Geist verfärbt. Mit diesen Wahrnehmungen und gefärbten Bildern erzeugen wir unsere gesamte Welt.

Im Tibetischen verwenden wir drei Begriffe:

für Klarheit,

sel-wa‘

für Erkennen oder Wahrnehmungsaktivität

rig-pa‘

(es handelt sich nicht um das Rigpa des Dzogchen!) und

dzin-pa‘

für Wahrnehmungsfähigkeit (wörtlich halten, erhalten)

Dzin-pa und sel-wa, die Klarheit und die Wahrnehmungsfähigkeit, stehen in enger Beziehung zueinander. Das Erkennen (rigp-pa), die Aktivität des Wahrnehmens, hat wiederum eine enge Verbindung zur Fähigkeit des Wahrnehmens (dzin-pa), im Englischen sagt man hier perceiver (für dzin-pa / halten), rig-pa (Erkennen) wird mit perceived bezeichnet. Im Ausdruck ‚perceived‘ (dt.:

wahrgenommen als pp) erkennt man bereits im Wort selbst, dass eine Handlung stattgefunden hat. Daher ist es gut, rig-pa, ‚Erkennen‘, auch mit ‚Wahrnehmungsaktivität‘ zu übersetzen.

Unsere gesamten Wahrnehmungen sind mit dieser einen Existenz verbunden. Der grobe Geisteszustand wird mit dem Tod beendet. Er wird im nächsten Leben nicht wieder aktiviert, er ist einfach zu Ende. Das heißt aber nicht, dass der Geist selbst zu Ende geht. Diejenigen, die sich in der Meditation mit der Entwicklung von Konzentration beschäftigt haben, wissen sicherlich bereits, dass es verschiedene Bewusstseinsschichten gibt. Im Alltag sind wir durch unsere gewöhnlichen Aktivitäten sehr abgelenkt. Wenn wir uns aber in der Meditation oder im Studium einem Thema nähern, dann vertieft sich die Erfahrung, wir wechseln sozusagen auf eine andere Ebene des Bewusstseins. Eine solche Erfahrung hat jeder schon einmal gemacht: ist man bei der Arbeit sehr konzentriert, so stören Einflüsse von außen z.B. Geräusche nicht mehr. Gröbere Aktivitäten des Bewusstseins, wie das Hören, finden sozusagen auf einem anderen Stockwerk statt. Deswegen stören sie nicht mehr, wenn man auf eine tiefere Bewusstseinsebene wechselt.

Entwickelt sich die Meditation weiter, so wird der geistige Zustand klarer, tiefer und freier. Störungen sind nicht mehr möglich, das wissen alle, die sich jemals mit Meditation beschäftigt haben. In der Meditation kann man und im Tod wird man mit dem subtilsten Bewusstsein in Berührung kommen. Das bedeutet: in diesem Moment der tiefen Meditation bzw. im Moment des Todes ‚landen‘ wir auf dieser Ebene. Das ist nur möglich, wenn die groben Schichten, die gröberen geistigen Konzepte zur Ruhe gekommen sind, dann kann das Subtilste Bewusstsein erfahren werden. Im Alltag ist das ohne Meditation nicht möglich.

Die verschiedenen Schichten des Bewusstseins bestehen natürlich nicht unabhängig voneinander, sondern sie stehen in Beziehung: Das Subtilste Bewusstsein ist sozusagen die Zentrale, es erzeugt ein feineres Bewusstsein, dieses ein gröberes Bewusstsein und so fort; die gröberen Schichten dehnen sich bis ins Unendliche. Das ganze ähnelt einem Spinnennetz, wenn wir es grafisch darstellen wollten.

Dieses wirre Netz verdeckt die Reine Sicht auf das Subtilste Bewusstsein. Wir haben keine Chance die Natur des Geistes zu erfahren, solange das Netz nicht entwirrt ist und die Konzepte nicht beseitigt sind. Der Geist selbst, das Subtilste Bewusstsein hat damit kein Problem, denn es ist klar und ungetrübt von Natur her. Aber es ist für uns durch die gröberen Schichten des Geistes verdeckt. Wir können die Klare Natur des Geistes im Moment nicht sehen und erfahren. Da wir offensichtlich in der Meditation auch tiefere Schichten des Bewusstseins erreichen können, handelt es sich um ein zeitlich begrenztes, ein vorübergehendes Problem, das wir irgendwann beseitigen können, auch wenn das sicher nicht einfach ist.

Im Tod trennen sich der Körper und auch die gröberen Schichten des Bewusstseins vom Subtilsten Bewusstsein, bzw. das Subtilste Bewusstsein trennt sich von diesen. Das ist tatsächlich eine

Veränderung, aber keine Veränderung für das Subtilste Bewusstsein selbst, das der Träger aller Existenzen ist.

Ich möchte an einem groben Beispiel versuchen, die Zusammenhänge beim Übergang von einer zur nächsten Existenz etwas deutlicher zu machen. Im Schlaf werden ebenfalls bestimmte Anteile der gröberen Bewusstseinsschichten deaktiviert. Obwohl der Schlaf für uns das Gestern vom Heute trennt, so betrachten wir diese Trennung nicht als gefährlich oder dramatisch. Das Bindeglied (der Träger) zwischen den verschiedenen Zeitabschnitten sind Körper und Geist, die uns eine Existenz lang begleiten, auch wenn im Schlaf immer wieder eine Unterbrechung der Bewusstheit stattfindet. Wir sind uns der Kontinuität sicher, weil für uns die Erfahrungen ‚Heute‘ und ‚Gestern‘ offensichtlich sind, wir erinnern uns an ziemlich viele ‚Heutes‘ und ‚Gesterns‘. Was eine vorherige oder nächste Existenz betrifft, so haben wir dafür wenig Konkretes in der Hand und sind daher ein wenig misstrauisch.

Um unser Misstrauen zu überwinden, müssen wir nach Begründungen suchen. Aus buddhistischer Sicht entsteht Bewusstsein immer aus einem vorangegangenen Bewusstsein, so dass sich eine anfangslose und ins Unendliche reichende Kette von aneinander gereihten Bewusstseinsmomenten ergibt. Der Körper besteht aus Materie, Geist besteht nicht aus Materie. Die Eigenschaften des Bewusstseins oder Geistes – nämlich Klarheit und Erkenntnisfähigkeit – unterscheiden sich grundlegend von den Eigenschaften der Materie. Aus buddhistischer Sicht ist es nicht möglich, dass sich Eigenschaften aus einer Ursache entwickeln, deren Eigenschaften (oder Qualitäten) sich komplett von denen des Ergebnisses unterscheiden. Wir gehen daher davon aus, dass sich aus einer materiellen Ursache nur ein materielles Ergebnis entwickeln kann, aus einer geistigen Ursache nur ein geistiges Ergebnis. Materie ist die Ursache für Materie, Geist ist die Ursache für Geist. Geist kann also nicht aus Materie entstehen, sondern nur aus Geist. Allerdings kann Materie ein mitwirkender Umstand für das Entstehen von Bewusstsein sein, denn ein aus Materie bestehendes Objekt (eine Blume) wird von einem dafür zuständigen Bewusstsein (dem Sehbewusstsein) wahrgenommen, insofern kann man vielleicht sagen, dass eine Art von Wechselwirkung zwischen Geist und Materie stattfindet. Aber Materie ist nicht die substantielle (wesentliche) Ursache für das Bewusstsein.

Die nächste Existenz, Nirwana, Karma, Buddhaschaft sind Dinge, die sich nicht so einfach beweisen lassen wie z.B. das Vorhandensein eines Tisches in einem anderen Zimmer. Das heißt aber nicht, dass wir nicht daran glauben können, denn genauso wenig wie wir z.B. Beweise für die Existenz von Karma haben, haben wir Beweise für die Nichtexistenz von Karma. Buddha hat nicht von uns verlangt, dass wir seine Aussagen einfach blind glauben. Wir sollen seine Worte mit Interesse, Intelligenz und eigenen Bemühungen prüfen. Vielleicht ist das Ergebnis, zu dem wir gelangen, noch nicht 100%ig einleuchtend, aber wir können auch keinen Gegenbeweis führen.

Wie wir gesehen haben bedeutet der Tod nicht, dass wir uns vom Subtilsten Bewusstsein trennen. Das Subtilste Bewusstsein trägt alle Existenzen, es ist unsere Basis. Sobald das Subtilste Bewusstsein nach dem Tod mit den passenden Voraussetzungen zusammentrifft, entsteht wieder eine Verbindung von Körper und Geist. Es handelt sich hier ursprünglich um eine Aktivität des Subtilsten Bewusstseins. Das Subtilste Bewusstsein selbst bleibt was es immer war.

Alle Erfahrungen haben etwas mit dem Bewusstsein zu tun, zumindest von der groben Ebene her. Sowohl körperliche als auch sprachliche Aktivitäten sind immer mit Konzepten und Motivationen verbunden. Keine einzige Handlung wird ohne Motivation durchgeführt, egal ob wir diese nun wahrnehmen oder nicht. Beim Autofahren machen wir das meiste ohne viel nachzudenken: schalten, Gas geben, bremsen etc. Diese Motivation haben wir uns vor Jahren einmal erworben und setzen sie jetzt ein. Sie beeinflusst jetzt unsere Aktivitäten

Jede Erfahrungen wirken auf den Geist zurück. Der Geist registriert ob etwas angenehm oder unangenehm ist und erzeugt dadurch weitere Konzepte. Jede geistige Bewegung hinterläßt somit eine Spur im Geist, eine „Latenz.“. Diese Spur einer Handlung wird auf dem Subtilsten Bewusstsein abgelegt, das wie ein Speicher funktioniert. Hier handelt es sich letztendlich um eine Möglichkeit, eine Fähigkeit, aus der heraus ein karmisches Ergebnis entstehen kann. Denn die karmischen Eindrücke müssen von einer Existenz zur anderen transportiert werden. Auch die fünf Skandhas, aus denen wir jetzt zusammengesetzt sind, können wir unmöglich mit in die nächste Existenz nehmen. Sie enden mit dem Tod. Für die nächste Existenz müssen wir fünf neue Skandhas schaffen. Ich vermute, dass es z.B. eine Latenz für das Skandha des Gefühls gibt, solange man Samsara noch nicht entsagt hat. Solange das Karma nicht gereinigt ist, wird es auf einer latenten Ebene, einer Ebene der Möglichkeiten weiter getragen. Es wird nicht als Skandha des Gefühls oder der Form mitgenommen,

sondern nur als Möglichkeit ein Skandha des Gefühls zu formen, eben als Latenz. Die Ebene der Skandhas, wie wir sie kennen, ist für das subtilste Bewusstsein zu grob.

Vielleicht hilft das Folgende, den Zusammenhang etwas zu verdeutlichen: Im Augenblick sind wir friedlich, was aber nicht heißt, dass wir dem Hass entsagt haben, sondern Hass ist leider als Latenz weiterhin vorhanden. Unter bestimmten Umständen flammt der Hass erneut auf. Wo ist aber der Hass jetzt? Er versteckt sich in den Fähigkeiten. In dem Moment, wo bestimmte Umstände oder Bedingungen auftreten, erscheint er erneut. Das gilt auch für alle anderen Geistesfaktoren und Geistesgifte.

So funktioniert Karma – Karma heißt nichts anderes als Handlung. Die Handlung wird in Form von Fähigkeiten oder Latenzen auf dem Subtilsten Bewusstsein bewahrt. Je nachdem welche Umstände eintreten, kann zeigt sich die Wirkung oder eben nicht. Das Subtilste Bewusstsein nimmt die groben Zustände nicht wahr. Die groben Objekte werden von den dafür zuständigen groben Formen des Bewusstseins wahrgenommen. Die verschiedenen geistigen Faktoren sind wie der verlängerte Arm des Subtilsten Bewusstseins, haben aber ganz andere Fähigkeiten.

Der Körper hat ebenfalls unterschiedliche Ebenen: eine grobe Ebene aus Fleisch und Knochen und einen feinen Körper, der aus gröberem Wind besteht, der sich in diesem Körper bewegt. Als subtilster Körper wird der das Subtilste Bewusstsein begleitende subtilste Wind bezeichnet. Da der Geist selbst unbeweglich ist, kann er sich nur mit Hilfe des Windes bewegen. Im Tod geht das Subtilste Bewusstsein als Kontinuum, als Strom für alle Existenzen weiter, begleitet vom subtilsten Wind. Der gröbere und der grobe Wind verbinden sich nur mit einer Existenz.

Vorbereitung auf den eigenen Tod

Eine der besten Vorbereitungen auf den Tod ist die Arbeit mit der Anhaftung. Direkt gegen die Anhaftung zu arbeiten ist sehr schwierig. Da aber die beiden stärksten Geistesgifte Hass und Anhaftung beseitigt werden müssen, wenn wir die Erleuchtung anstreben, ist es sinnvoll, sie auf geschickte Art und Weise von allen Seiten zu bearbeiten, um sie unter Kontrolle zu bringen. Ein sehr geschicktes Mittel wird im Tantra angewendet: Alle Phänomene werden als Illusion betrachtet. Habe ich alle Phänomene als Illusion erkannt, hafte ich nicht mehr daran – es sei denn, ich sitze vor dem TV-Gerät und schaue gerade ein spannendes Fußballspiel. Aber auch dabei könnte es gelingen zu beobachten, wie Bilder im Geist entstehen und dabei von der eigenen Wahrnehmung eingefärbt werden. Gelingt es, Bilder mehr und mehr als Illusionen zu erkennen, nehme ich vielleicht vieles etwas lockerer.

Während der Praxis beobachtet man also sich selbst und die eigene Wahrnehmung. Während ich mich beobachte, kann ich mich selbst korrigieren. Das ist sehr nützlich und wirksam, viel wirksamer als alles was von außen an mich herangetragen würde. Jede Erfahrung, die ich selbst mache, bringt mich schneller voran als all das, was mir erzählt wird.

Es gibt viele Möglichkeiten, über den Tod nachzudenken. Ich kann z.B. daran denken, was mit meinem Haus geschieht, mit den Kindern, mit den Verwandten usw. Aber das ist wenig hilfreich, weil das Leben ohnehin auch ohne mich weiterlaufen und auch meine Dharmaentwicklung durch die sich meist entwickelnde Panik nicht unbedingt gefördert wird. Eher sollte ich darüber nachdenken, wie der Prozess des Todes abläuft. Ich muß die Stadien des Todes kennen lernen und mich mit den Zusammenhängen zwischen Körper und Geist beschäftigen.

Vielleicht können wir auch bei Sterbenden aus unserem Umkreis beobachten, welche Prozesse im Tod ablaufen. Der Ablauf ist immer gleich, nur bei bestimmten Krankheiten und bei Unfällen, wenn der Tod sehr schnell und abrupt eintritt, ändern sich die Prozesse. Manche Gelehrte sind der Ansicht, dass der Prozess sogar dann in der gleichen Weise abläuft, nur eben sehr schnell.

Die Elemente, die Erkenntnisse und die Skandhas

Der Körper ist aus sechs Elementen zusammengesetzt (oft werden auch nur vier Elemente erwähnt):

Erde,

Wasser,

Feuer,

Wind,

Himmel und

Erkenntnis.

Das Erdelement beeinflusst die Festigkeit des Körpers, das Wasserelement die Körperflüssigkeiten, das Feuerelement die Verdauung und die Körperwärme, das Windelement den Atem. Mit Himmel ist nicht der blaue Himmel über uns gemeint, sondern ein freier Raum im Sinne von ‚ohne Hindernis‘, ähnlich einem Vakuum. Wenn ich die Hand an den Tisch lege, berührt die Hand den Tisch, wird aber an der Tischoberfläche gestoppt. Wo freier Raum ist, ist keine Berührung möglich. Haut besteht z.B. aus vielen Partikeln, zwischen diesen gibt es ‚Himmel‘. Wir sehen eine Fläche, aber philosophisch gesehen gibt es keine durchgehende Fläche ‚Haut‘, sondern Tausende von einzelnen Partikeln und dazwischen winzige freie Räume; diesen freien Raum zwischen den Partikeln nennt man Himmel‘. Erkenntnis bezeichnet hier den Geist eines gewöhnlichen Menschen. Dieser Geist hat das Potential Buddha-Geist zu werden, er ist noch nicht Buddha-Geist, aber er hat das Potential dazu.

Der Geist bzw. die Erkenntnis wird wiederum in fünf Aspekte unterteilt, genannt die Fünf Erkenntnisse zur Zeit der Basis. Wir unterscheiden hier

die spiegelgleiche Weisheit,

die Weisheit der Gleichheit,

die Weisheit der Unterscheidung

die Weisheit der Aktivität und

die Weisheit der Soheit.

Samsara, Nirwana und Buddhaschaft bauen auf dieser Basis auf. Die Dharmapraxis ist der Weg, mit dem wir von der Basis ausgehend zur Buddhaschaft streben, daher gibt es auch Fünf Erkenntnisse zur Zeit des Weges. Das Ergebnis dieser Bemühungen auf dem Weg ist die Buddhaschaft, Vajradharaschaft vom Tantra her gesehen. (Reden wir in diesem Zusammenhang von Vajradhara, meinen wir natürlich einen Zustand, keine Form.) In der Vajradharaschaft gibt es daher die Fünf Erkenntnisse zur Zeit des Ergebnisses. Es handelt sich um verschiedene Entwicklungsstadien des Geistes.

Buddhaschaft ist unser eigentliches Ziel, unser Hauptziel. Wie können wir dieses Ziel erreichen? Man braucht eigentlich nur das Potential des Subtilsten Körpers und des Subtilsten Geistes zu entwickeln, indem man die Konzepte beseitigt. Ähnlich wie Wolken, die im Himmel entstehen und wieder vergehen (wir berücksichtigen bei diesem Beispiel nicht die physikalischen Ursachen von Wolken), lösen sich die groben Konzepte ins Subtilste Bewusstsein auf. Aus diesem entstehen der feine und der gröbere Geist immer wieder neu, wenn eine neue Existenz beginnt Im Augenblick kämpfen wir immer noch mit den verlängerten Armen des subtilen Geistes, mit dem groben und mit dem feinen Geist. Warum dies ein vorübergehendes Problem ist, verstehen wir jetzt sicher besser.

Wir sprechen auf der groben Ebene von den fünf Skandhas (auch fünf Komponenten / Aggregate):

Körper (Form),

Gefühl (Empfindung),

Wahrnehmung (Unterscheidung),

Gestaltungskraft (karmische Bildekräfte) und

Bewusstsein.

Diese existieren nicht nur auf der gröbsten Schicht von Körper und Geist, sind aber nur mit einer

Existenz verbunden. Aber auch feinere Skandhas wandern nicht ins nächste Leben.

Im Tod hören die Elemente und Skandhas auf zu funktionieren. Ihre Kraft, dem Bewusstsein als

Grundlage zu dienen, lässt Schritt für Schritt nach. Sie gehen zu Ende ähnlich einer verlöschenden

Kerze.

1

Die Verbindung von Körper und Geist löst sich, weil die einzelnen Komponenten, aus denen

1 Das Beispiel mit der verlöschenden Kerze wird im Pali-Kanon häufig benutzt, um einen Vergleich mit einem ‚Erlösten‘ zu geben: „Wie eine Flamme, ausgeweht vom Winde, verweht ist und Begriffe nicht mehr passen, so der von Geist und Leib befreite Weise: Er ist nicht

diese Verbindung zusammengesetzt ist, ihre Funktion verlieren. Verlieren die gröberen Anteile ihre Funktion, zeigen sich die feineren umso klarer, um danach ebenfalls ihre Funktion einzustellen und eine noch feinere Ebene aufsteigen zu lassen.

Auflösung der Skandhas, Elemente und Erkenntnisse

Wenn der Sterbeprozess beginnt, so verliert auf dieser ersten Stufe das Erdelement seine Kraft, das Formskandha gibt seine Funktion auf und das Sehbewusstsein schwindet. Wie auf jeder Stufe dieses Prozesses gibt es charakteristische äußere und innere Erscheinungen. Die Glieder werden dünner und trockener, die Kraft läßt nach, der Körper gehorcht dem Sterbenden nicht mehr. Der Sterbende fühlt sich, als würde er in der Erde versinken. Die Augen lassen sich nicht mehr bewegen. Der Glanz des Körpers schwindet. Die Innere Erscheinung, die der Sterbende erlebt, ist ähnlich einer Fata Morgana oder einer Luftspiegelung. Es ist nicht so, dass man eine Fata Morgana sieht, sondern das was man wahrnimmt, sieht aus wie eine Fata Morgana. Die spiegelgleiche Weisheit zur Zeit der Basis endet gleichzeitig.

In der zweiten Stufe verliert das Wasserelement seine Kraft, das Skandha des Gefühls gibt seine Funktion auf. Äußerlich sichtbar ist, dass die Körperflüssigkeiten eintrocknen. Das Hörbewusstsein hört auf zu funktionieren, innere und äußere Töne können nicht mehr wahrgenommen werden. Die innere Erfahrung des Sterbenden entspricht dem Erscheinen von blauem Rauch. Die Weisheit der Gleichheit zur Zeit der Basis endet, dies ist der Bewusstseinsfaktor, der es der Person bisher erlaubt hat, Erfahrungen als angenehme, unangenehme und neutrale Empfindungen zu erkennen.

In der dritten Phase verliert das Feuerelement seine Kraft, das Skandha der Unterscheidung löst sich auf und mit diesem auch die Weisheit der Unterscheidung zur Zeit der Basis. Der Sterbende verliert seinen Geruchssinn, Düfte können nicht mehr wahrgenommen werden. Äußerlich wahrnehmbar ist, dass die Verdauung nicht mehr funktioniert und die Phasen des Ausatmens länger werden. Weil die Kraft der Unterscheidung nicht mehr vorhanden ist, kann der Sterbende sich an Namen auch von nahe stehenden Personen nicht mehr erinnern. Die innere Erfahrung entspricht einer Erscheinung von Feuerfunken wie Glühwürmchen oder von glühenden Grashalmen im Rauch.

In der folgenden Phase beginnt das Windelement sich aufzulösen und mit ihm das Skandha der gestaltenden Faktoren. Zu diesem Skandha zählen Geistesfaktoren wie Wille, Streben, Berührung, Aufmerksamkeit, aber auch die Taten. Gleichzeitig schwindet die Weisheit der Aktivität. Der Sterbende verliert den Geschmackssinn, hat kein Körpergefühl mehr und kann Berührungen nicht mehr wahrnehmen. Der Atem bleibt stehen, die Zunge wird dick und blau, der Körper wird steif. Im Westen bezeichnen wir den Sterbenden in diesem Stadium schon als Toten. Aus buddhistischer Sicht ist das Bewusstsein weiterhin mit dem Körper verbunden und der innere Atem bewegt sich weiterhin. Der Sterbende nimmt eine Erscheinung wahr, die dem Licht einer Butterlampe entspricht.

Die subtileren Ebenen des Windelementes und das Skandha des Bewusstseins löst sich in vier weiteren Phasen auf, der Geist wird dabei zunehmend subtiler. Wind und Bewusstsein formen eine Einheit. Das Bewusstsein ist in dieser Verbindung die Erkenntnis, der Wind ist die Bewegung, die Energie, die das Bewusstsein in die Lage versetzt, sich auf die verschiedenen Objekte zu richten. Während der Auflösung der verschiedenen Bewusstseinsebenen macht der Sterbende nacheinander die Erfahrung einer weißen Erscheinung, ähnlich einem von Mondlicht durchfluteten Himmel, die Erfahrung der roten Vermehrung, ähnlich einem wolkenfreien, sonnendurchfluteten Abendhimmel und die Erfahrung der schwarzen Fast-Erlangung, ähnlich einem nachtschwarzen Himmel ohne Sterne. Letztere unterteilt sich wiederum in zwei Stufen, eine mit Bewusstsein und eine ohne Bewusstsein. Tritt der Sterbende aus dieser Phase heraus, tritt er ins Klare Licht ein.

Erst wenn dieses Stadium beendet ist, gilt die Person als gestorben. Bis dorthin und solange man im Zustand des Klaren Lichtes verweilt, ist man aus buddhistischer Sicht nicht tot. Ein geübter Meditierender kann nach dem klinischen Tod einige Tage oder Monate lang im Stadium der Meditation verweilen. Diesen Zustand kann er für die Meditation der Leerheit nutzen und aus dem Klaren Licht heraus die Buddhaschaft erlangen. Im Klaren Licht habe ich (bzw. das Subtilste Bewusstsein) keine Verbindung mehr zu den Konzepten. Es ist nicht so, dass ich diesen Konzepten entsagt habe, sie

ruhen vielmehr im Augenblick. Nur so kann das Subtilste Bewusstsein offenbar werden. Das Klare Licht selbst ist ein leerer, freier Zustand, aber nicht notwendig mit der Erkenntnis der Leerheit verbunden. Beides sollte man nicht verwechseln. Wenn ich die Praxis konsequent durchgeführt habe, kann ich das Klare Licht als solches erkennen und bewusst dabei bleiben. Ich erkenne nicht nur, dass dies das Klare Licht ist, sondern ich kann darüber hinaus in der Meditation auf dem klaren Licht verweilen. Dadurch wird die Kraft der Meditation größer als alles bisher. Der Geist ist in höchstem Maße konzentriert, dementsprechend wirksam wird das Resultat der Meditation

Ohne vorherige Bemühung um Leerheit, nur durch das Klare Licht, kann ich die Leerheit im Tod nicht realisieren. Das Klare Licht habe ich ja in jedem vorangegangenen Tod bereits erfahren. Die Erkenntnis der Leerheit setzt sehr viel Nachdenken als Vorbereitung voraus, und zwar auf der relativen, der groben Ebene. Diese Objekte diskursiven Denkens sind zwar keine Objekte für das Subtilste Bewusstsein, sie bereiten aber den Boden dafür vor, dass ich im Zustand des Klaren Lichtes, in dem meine Konzentration sehr stark und wirkungsvoll zu werden vermag, die Leerheit erkenne und evtl. meine Praxis durchführen kann. Danach bin ich in der Lage, den weiteren Weg selbst zu bestimmen. Die Furcht erregenden Zustände des Bardo werden ihr Angstpotential für mich verlieren, ich kann die Erscheinungen als Illusion, als Zusammentreffen von mehreren ursächlichen Faktoren erkennen. 2

Die Acht Zeichen

Den Tantrapraktizierenden sind die so genannten Acht Zeichen (Fata Morgana, Rauch, Funken, Butterlampe, weiße Erscheinung, rote Vermehrung, schwarze Fast-Erlangung und Klares Licht) gut bekannt. Sie kennen sie in- und auswendig und üben die Zeichen immer und immer wieder. Dies ist eine exzellente Vorbereitung auf den Tod. Denn in der Praxis übe ich sozusagen künstlich, was mir dann im Todesprozess ‚real‘ begegnen wird. Die wirklichen Zeichen treten bei gewöhnlichen Praktizierenden nämlich erst im Tod auf. Dann können wir sie erkennen und wissen sozusagen genau, was vor sich geht. Der Prozess läuft bewusster ab, ich weiß immer, wo im Prozess ich mich befinde und was als nächstes kommen wird.

In der Meditation beginnt man damit, dass man sich sehr schwach fühlt und die Kraft der Elemente nachlässt, man stellt sich die verschiedenen Zeichen vor, bis man zum Schluß ist man ins Klare Licht eintritt. Dabei soll man es aber nicht lassen, sondern man meditiert den ganzen Prozess wieder rückwärts. Aus dem Klaren Licht erzeugt man einen feineren gröberen Wind, dieser begleitet den feineren gröberen Geist, man geht in den Zustand des Fast-Erlangens zurück. Man nimmt eine dunkle Erscheinung wahr, die grober ist als das Klare Licht. Daraus entwickelt sich die Rote Erscheinung, daraus die Weiße Erscheinung und dann die vier Elemente vom Wind bis zum Erdelement.

Das macht man aus zwei Gründen. Zum einen läuft der Prozess genauso ab, wenn wir ins Bardo gehen, zum anderen wirkt sich eine häufige Meditation der Acht Stadien nicht so günstig auf die Lebensspanne aus. In dieser Praxis üben wir das Ende des Lebens, daher muß man als Ausgleich auch den Rückweg üben. Auch wenn man Powa übt, muss man danach unbedingt eine Langlebenspraxis machen. Die Meditation der Acht Zeichen ist allerdings nicht so stark wie die Powa Praxis.

Das Ziel der Übung ist, den Todesprozess , wenn er irgendwann einmal eintreten wird, mitmachen zu können. In den Sutrabelehrungen spricht man nicht sehr viel über dieses Prozess, solche Beschreibungen kommen vor allem aus dem Höchsten Yogatantra. Wenn ich fähig bin, im Tod meine Praxis durchzuführen, dann muss ich nicht, wenn das Subtilste Bewusstsein erscheint, in einen unfreiwilligen Bardozustand. Selbst wenn mir das nicht gelingen sollte, so führt doch die u. U. jahrelange Gewöhnung an die Praxis dazu, dass ich eine ruhige und stabile Haltung im Todesprozess bewahren kann und das ist einer guten Wiedergeburt auf jeden Fall förderlich.

2 Von einer Auflösung des Raumelementes ist nie die Rede. Raum gilt in der buddhistischen Philosophie als ungeschaffen und dauerhaft, obwohl er – wie alles andere auch abhängig ist, nämlich von seinen Richtungsanteilen – und daher leer ist. s.a. Geshe Thubten Loden, S. 868: Space is a permanent, unconditioned phenomenon. The nature of space is, that it does not obstruct objects and is not obstructed by objects. It is dependent arising because it depends on its parts: the directions of space. (Raum ist ein dauerhaftes, unbedingtes Phänomen. Es ist die Natur des Raumes, andere Objekte nicht zu behindern und selbst nicht von Objekten behindert zu werden. Er entsteht in Abhängigkeit, weil er von Teilen abhängt: den Richtungen des Raumes.)

Sterbebegleitung

Wenn jemand stirbt, der gut praktiziert hat, wird in der Regel (so ist es Tradition) eine andere Person herbeigeholt, die guten Kontakt mit dem Sterbenden hatte und genau weiß, was der Sterbende bisher praktiziert hat. Dieser setzt sich neben den Sterbenden und führt die Praxis durch, die bisher die Hauptpraxis war, z.B. Lama Chöpa. Bei wirklich großen Praktizierenden braucht man nicht über die Praxis zu sprechen, man führt sie nur durch. Falls die Praxis nicht bekannt ist, kann man aus dem Lamrim vorlesen, Lojong machen usw. Ein geübter Meditierender kann u.U. für sich selbst Powa machen. Ist er dazu nicht in der Lage, kann der Begleiter für ihn Powa durchführen. Das wäre eine persönliche Sterbebegleitung aus tibetischer Sicht. Sonst kann man eine Gruppe von Laien oder Mönchen einladen, die Gebete machen.

In Frankfurt ist vor einiger Zeit ein Rinpoche im Krankenhaus gestorben. Ich war im Retreat, als meine Frau den Anruf entgegennahm. Ich hatte nur soviel von dem Gespräch verstanden, dass mit Rinpoche etwas geschehen war und habe daher meine Sitzung beendet. Wir sind dann mitten in der Nacht nach Frankfurt gefahren. Dort angekommen habe ich ihm gesagt, dass dieses Leben jetzt zu Ende geht und dass er loslassen müsse. Anschließend habe ich eine Powa Praxis durchgeführt, während der er gegangen ist. Powa kann man auch von der Ferne aus machen, aber man führt sie wirklich nur während des Todesprozesses durch. Sie nach dem Tod durchzuführen wäre Energieverschwendung, sie vor dem Auftreten von echten Todeszeichen durchzuführen, ist nicht erlaubt.

Sterbenden sollte man möglichst alle Wünsche erfüllen, sofern das möglich ist. Die Personen brauchen viel Ruhe, viel Liebe, bedingungslose Liebe. Bei interessierten Personen kann man über die Vorzüge der menschlichen Existenz oder über das Sich-Ablösen von der jetzigen Existenz sprechen. Wenn die Person sich an bestimmte Dinge klammert, ist das ein Hindernis für einen sanften Tod. Wenn man kann, sollte man noch versuchen, dieses Problem aus der Welt zu schaffen, aber das ist leider nicht immer möglich. Was die Nichtbuddhisten betrifft, so kann man über die buddhistischen Themen sprechen wie über einfache, logische, menschliche Gedanken. Über Tantra zu sprechen ist nicht notwendig, nicht einmal Buddhas Namen braucht man zu erwähnen.

Einmal, ich war damals 19 Jahre alt und noch mit Kyabje Dorje Chang in Nepal, war in der Umgebung war eine Nonne gestorben. Die Hinterbliebenen luden mich ein – einen 19jährigen Jungen. Als ich ankam, lag da die Leiche, und ich sollte Sterbebegleitung machen. Ich versuchte Lama Chöpa zu machen, war aber nicht so recht bei der Sache, denn anstatt mich auf die Lama Chöpa zu konzentrieren, hatte ich einfach nur Angst. Es war so ein kleiner Raum, man hatte mich hereingeführt und dann die Tür zugemacht, so konnte ich nicht einfach weglaufen. Ich habe dann die Augen zugemacht, alles rezitiert und bin schnell verschwunden. Kyabje Dorje Chang war nicht begeistert, als ich ihm alles erzählte. Aber dann hat er mich gelehrt, was ich in einem solchen Fall zu tun habe und hat mir gezeigt, dass meine Angst völlig überflüssig war. Nach dem Tod ist eine Leiche nichts anderes als ein Gegenstand. Und solange das Lebewesen noch nicht vollständig gestorben ist, und das Bewusstsein sich noch in den letzten Phasen der Auflösung befindet, ist er oder sie genau wie wir ein Mensch. Wozu also Angst haben?? Man sollte von Herzen praktizieren und versuchen den Sterbenden durch die Praxis zu unterstützen. Für Angst ist kein Platz! Für mich war das eine nützliche Instruktion.

Oft wird nach der Praxis des Bardo Thodöl gefragt. In London hat S. H. der Dalai Lama gesagt, dass diese Bardo-Thodöl-Praxis ausschließlich auf den 42 friedvollen und den 58 zornvollen Gottheiten der Nyingma-Tradition basiert. Wenn jemand diese Praxis zu Lebzeiten durchgeführt hat, dann kann er mit Hilfe des Bardo Thodöls auch zur Zeit des Bardos eine Hilfe finden. Aber Bardo Thodöl ist keineswegs eine allgemein gültige Praxis für jeden. Schon gar nicht für diejenigen, die überhaupt nichts mit Religion am Hut haben.

Was ist von aktiver Sterbehilfe zu halten?

Das ist ein diffiziles Thema. Was ich mit Sterbehilfe bezeichnen möchte, ist keinesfalls mit Mord gleichzusetzen. Es handelt sich hierbei um den sehr speziellen Fall, dass ein Tantriker, der in der Powa-Praxis versiert ist, im Begriff ist zu sterben. Für ihn oder sie gibt es eindeutig kein Zurück mehr.

Wenn ihn ein anderer Tantriker im Sterbeprozess begleitet, und für den Sterbenden eine Powa-Praxis durchführt, so geht es hier um eine rein geistige, aber sehr zielgerichtete Hilfe beim Sterben! In den Anleitungen zur Powa-Praxis wird deutlich betont, dass man diese Praxis nur durchführen darf, sofern sich sichere Todeszeichen zeigen. Selbst dann soll man zunächst noch Langlebenspraktiken durchführen. Nur wenn wirklich nichts mehr hilft, kann der Sterbebegleiter zum rechten Zeitpunkt eine Powa durchführen.

Bardo

Verlässt der Geist den Zustand des Klaren Lichtes, so beginnt die nächste Existenz. Die Acht Zeichen werden in umgekehrter Reihenfolge durchlaufen, allerdings sehr schnell und der Bardozustand beginnt. In einer spontanen Geburt nimmt das Bardowesen einen feinen geistigen Körper an, der ausschließlich aus Geist und Wind hervorgeht. Materie stellt daher kein Hindernis für Bardowesen dar, sie können auch z.B. durch Wände gehen. Wenn sie sich ein Ziel in Gedanken vorstellen, haben sie es bereits erreicht. Die Bardowesen erkennen sich gegenseitig und können sich gegenseitig treffen. Die körperliche Erscheinung eines Bardowesens ähnelt bereits dem Körper, den es in der nächsten Existenz annehmen wird. Wir wissen dies von den Berichten Meditierender, die durch intensive Übung die Fähigkeit erlangt haben, Wesen im Bardo wahrnehmen zu können.

Der Bardokörper ist vergleichbar mit dem Traumkörper. Alles, was im Traum erscheint, andere Gebäude, Personen, Landschaften usw. , besteht als Traumkörper. Ähnlich diesem existiert im Bardo das Bardowesen, letztendlich als Subtilstes Bewusstsein in Verbindung mit dem subtilsten Wind. Die Bardowesen besitzen ein gewisses feines Gefühl oder Wissen. Wir benutzen in Tibet dieses Wort, um übernatürliches Wissen auszudrücken, wobei es sich nicht um übernatürliches Wissen handelt, das durch geistige Entwicklung erlangt wurde.

Bardowesen können nur 7 Tage leben, nach dem 7. Tag müssen sie eine neue Existenz annehmen, d.h. sie sterben und gehen in die nächste Existenz oder wieder ins Bardo, wenn sie bis dahin keine neue Existenz gefunden haben, die ihrem Karma entspricht. Das kann sich bis zu sieben Mal wiederholen, das sind 49 Tage. Danach, so heißt es, haben sie mit Sicherheit eine neue Existenz gefunden.

Über solche Zahlen lohnt es sich natürlich nachzudenken. Nach der philosophischen Darstellung haben Menschen eine ungewisse Lebensspanne im Gegensatz z.B. zu Höllenwesen, die eine feste Lebensspanne besitzen. Götter haben eine relativ feste, aber sehr lange Lebensspanne. Die zeitlichen Einteilungen, die Wesen aus dem formlosen Bereich oder aus dem Höllenbereich im Vergleich zu einem Menschen zuzuordnen sind, dürften stark variieren. Wenn ein Mensch nach dem Tod ins Bardo gelangt und als Gott wiedergeboren wird, so gehört sein Bardo schon zur Götterwelt. Wie sollen wir sieben Tage der Götterwelt mit unseren Tagen vergleichen, da doch die Bemessung von Menschen ausgeht, die Realität des Bardowesens aber die Götterwelt ist, einschließlich einer anderen Zeit. Natürlich wird gesagt, dass man den Tag des Bardowesens nach der menschlichen Zeit bemessen kann. So ist es für uns Menschen einfacher zu handhaben, wir können mit 49 Tagen gut umgehen. Aber es ist durchaus möglich, dass das Wesen nach unserer Rechnung 7000 Jahre im Bardo verbringen muss, die nach seiner Rechnung 7 Tagen entsprechen.

Wir Tibeter kennen viele Berichte, nach denen Menschen gestorben sind, aber dennoch ihre alte Existenz sehen konnten. So kennen wir das Phänomen der ‚Delok‘, das sind Personen, die aus unterschiedlichen Stadien des Sterbeprozesses und sogar aus dem Bardo heraus wieder in ihren alten Körper zurückkehren. Es gibt auch Menschen, die Gespenster oder Geister von Verstorbenen sehen können, und zwar in der Form, die sie in ihrem letzten Leben hatten. Wir fragen natürlich sofort, wie das möglich ist, , wenn das Bardo doch zur nächsten Existenz gehören soll?

Eine Schülerin hat einmal nachdem Tod ihres Vaters solche Erfahrungen gemacht. Er besuchte sie in ihrem Schlafzimmer, und da ihr das ein wenig unangenehm war, empfahl ich ihr, das Herzsutra als Text aufzuhängen. Das Wesen blieb danach außerhalb des Zimmers und verschwand nach einiger Zeit ganz. Bei dieser Geschichte geht es mir um die Form, in der sie ihren Vater wahrnahm: Sie sah nach dem Tod noch die Form des Vaters aus dem vorigen Leben, so wie sie ihn kannte.

Vielleicht könnte man das so erklären: Der Verstorbene hat zwar bereits eine neue Form angenommen, aber die geistige Verbindung zwischen Tochter und Vater war nach wie vor stark. Durch die Erinnerung der Tochter erschien ihr die frühere Form. Das heißt nicht unbedingt, dass das Bardowesen die Form des vorherigen Lebens hat, sondern sagt nur etwas über die Wahrnehmung der Tochter aus.

Unterstützung für Bardowesen

Das Gesetz von Ursache und Wirkung besagt, dass der Mensch, der durch sein Handeln Karma ansammelt, auch dessen Wirkung erfahren wird. Eine andere Person kann und wird diese Wirkung nicht erfahren (von nicht durchgeführten Handlungen wird man keine Resultate erfahren).

Andererseits gibt es die Kraft des Willens, des Wünschens und die Kraft, die aus Beziehungen entsteht. Eltern und Kinder sowie Geschwister haben eine besonders enge Beziehung zueinander. Eine Übertragung von Kraft, besonders geistiger Kraft, und eine Unterstützung über den Tod hinaus ist hier leichter möglich. Mit diesen Kräften kann ich ganz gezielt meinen Verdienst einem Verstorbenem widmen, und zwar vor dem Eintritt ins Klare Licht, im Bardo oder auch noch in der nächsten Existenz. Man kann sich dies als Energieaustausch vorstellen, d. h. meine Energie wirkt in der anderen Person. Sie wird ermutigt und positiver eingestellt und erlangt dadurch leichter eine Position, aus der heraus sie wieder heilsames Karma ansammeln kann. Dies muss er oder sie natürlich selbst machen.

Traditionell beten wir 49 Tage lang für die Verstorbenen und versuchen das Bardowesen so zu unterstützen, dass es eine gute Wiedergeburt erlangt. Ein Jahr später machen wir, wohl eher aus emotionalen Gründen, einen Gedenktag. Auch bei großen Meistern geht man so vor. Als kürzlich Khen Rinpoche, Geshe Tamding Gyatso von Menorca, gestorben ist, wurden im Kloster ebenfalls Gebete rezitiert. Die zahlreichen Gelehrten dort wissen sicher was sie tun, ich frage mich aber, ob das bei einem so großen Meister überhaupt notwendig ist. Man rezitiert doch die Gebete und widmet den Verdienst, weil der Verstorbene unsere Unterstützung benötigt, um ihm oder ihr mehr Kraft für eine gute Wiedergeburt zu geben. Aber ein Meister, der so lange praktiziert hat benötigt unsere Unterstützung wohl nicht.

Gewöhnliche Wesen haben keinen Einfluss auf die vielfältigen Erfahrungen, die sie im Bardo machen, sie müssen alles so nehmen wie es kommt. Man kann sich einmal vorstellen, was ein Geist-Wesen, das nicht mehr durch einen festen Körper ‚geerdet‘ ist, alles erleben kann! Die Erfahrungen sind abhängig von den karmischen Eindrücken, besonders von denen, die im Sterben aktiviert werden, aber sicher auch von der allgemeinen Richtung, die die Person ihrem Leben gegeben hat. Tantrische Yogis sind sehr viel freier, da sie gelernt haben ihren Geist zu kontrollieren und ihn konzentriert in eine Richtung schicken zu können, haben sie sehr viel größere Möglichkeiten. Ich möchte das hier nur andeutungsweise erklären: Aus dem höchst konzentrierten Geisteszustand des Klaren Lichtes heraus kann ein geübter Meditierender einen so genannten unreinen und einen reinen Illusionskörper annehmen. Diese Praxis wird während des Lebens sowohl im Wachzustand als auch im Schlaf geübt. Wenn man im Tod das Klare Licht erreicht, konzentriert man sich auf die Leerheit, erlangt den Illusionskörper und kommt damit der Buddhaschaft sehr nahe.

Auch wenn wir vielleicht nicht so weit kommen ist es für uns gewöhnliche Praktizierende trotzdem gut, wenn wir uns mit den Zuständen des Bardo beschäftigen, damit wir nicht überrascht werden und evtl. Angst bekommen.

Verbindung mit Toten

Auch lange Zeit über den Tod hinaus versuchen wir, Verbindung mit bestimmten Personen zu halten. Wir suchen Orte auf, an denen sich Yogis oder Heilige aufgehalten haben oder besuchen die Gräber unserer Lehrer, um die Verbundenheit über den Tod hinaus zu spüren. Wenn ein Lama stirbt, so wird eine Stupa für die Reliquien errichtet. Auch im Christentum werden Reliquien an bestimmten Orten aufbewahrt, geht doch eine starke Kraft davon aus. In Europa wird der Leichnam entweder beerdigt oder verbrannt. In Tibet gab es die Luftbestattung, manche Leichen wurden eingeäschert, andere wiederum, besonders die hochrangiger Lamas, wurden mumifiziert.

Aber wie kann ein lebendiges Wesen überhaupt eine Beziehung zu einer verstorbenen Person mittels einer Mumie, einer Statue oder einer Stupa mit Reliquien aufbauen? Eigentlich hat doch das Subtilste Bewusstsein den Körper verlassen, eine Mumie ist nichts weiter als ein Gegenstand. Trotzdem bringen die Schüler vor der Stupa oder der Statue Opfergaben dar und sprechen auch Bitten aus. Viele spüren, dass dort eine besondere Kraft wirkt. Kann der Gegenstand uns Energie spenden? Ich persönlich gehe davon aus, dass zwischen einer verstorbenen Person und deren Leichnam und ehemaligem Besitz weiterhin eine starke Verbindung besteht, von der wir profitieren können.

Es heißt ja auch, dass wir, solange wir keine geistige Kraft besitzen, wir an Orten Retreat machen sollen, wo sich große Meister aufgehalten haben. Der Segen des Meisters, seine oder ihre Kraft, ist weiterhin an dem Ort wirksam, an dem er oder sie meditiert hat. Wenn wir eines Tages selbst über große geistige Kraft verfügen, können wir auch an anderen Orten praktizieren: auf Friedhöfen, auf

Kreuzungen u.Ä

Auf diese Art können wir anderen Nutzen bringen, z.B. Geistern oder kürzlich

Verstorbenen.

Wiedergeburt

Eine neue Existenz beginnt, sobald das Bardowesen ein passendes Elternpaar gefunden hat. Der Zwischenzustand wird beendet, wenn die Empfängnis eintritt. Dabei werden die Acht Zeichen wieder rückwärts erlebt. Beide Eltern, besonders die Mutter, sollten nicht krank sein, damit eine Schwangerschaft eintreten kann. Das ist in der modernen Medizin ziemlich gut erklärt. Aber warum soll man ein menschliches Leben anstreben? Als Mensch hat man die besten Möglichkeiten zu praktizieren. Zum einen sind Glück und Leid in diesem Bereich relativ gleichmäßig verteilt. In der Götterexistenz z.B. gibt es zu viel Angenehmes, als dass man überhaupt auf den Gedanken käme, zu praktizieren, um die nächsten Existenz zu verbessern. In den niedrigen Bereichen ist das Leid zu stark. Selbst wenn die Wesen dort praktizieren wollten, so könnten sie es nicht in Ermangelung von Zeit und einer entsprechenden Anleitung bzw. Methode. Im menschlichen Bereich gibt es gute und schlechte Erfahrungen in ausgewogenem Anteil, so dass wir hier gute Praxisbedingungen vorfinden. Außerdem verfügen wir hier über einen Körper, der einzigartige Voraussetzungen für die Ausübung des Höchsten Yogatantra hat.

Reinkarnationen

Eigentlich sind alle Lebewesen Reinkarnationen, nämlich Wiedergeburten von vorherigen Existenzen. Tulkus unterscheiden sich von diesen dadurch, dass sie offiziell anerkannte Reinkarnationen von bestimmten Personen sind. Für alle gilt gleichermaßen, dass ein Kontinuum, das Subtilste Bewusstsein, die Basis für ihren Weg zur Buddhaschaft ist.

Aus buddhistischer Sicht muß aber eine Reinkarnation nicht unbedingt das gleiche Subtilste Bewusstsein haben, wie die Person, als deren Reinkarnation sie gilt. Es kann sein, dass ein Lama einen starken Wunsch hat, an einem bestimmten Ort Nutzen zu bringen. Das schafft eine Verbindung zu diesem Ort. Gleichzeitig besteht auch eine Verbindung zu einem anderen Ort. Manche Meister können noch nicht aus eigener Kraft an einem bestimmten Ort wiedergeboren werden. Aber sie können während des Lebens die feste Absicht, den starken Wunsch entwickeln, ihre nächste Existenz zum Wohle der Wesen an einem bestimmten Ort zu verbringen, zu dem sie eine besondere Verbindung aufgebaut haben. Die Kraft des Wunsches ist sehr stark. So kann es sein, dass das Kontinuum an den einen Ort geht, die geistige Kraft aber gleichzeitig auch an dem zweiten Ort wirkt. Ein passendes Kind wird Träger dieser Kraft und zeigt dann die gewünschte Wirkung entsprechend der Absicht aus der letzten Existenz.

Emanationen

Von einem Buddha kann es nur Emanationen geben, keine Reinkarnationen. Inkarnation bedeutet:

Eine Person A muss sterben, damit es zu einer Re-Inkarnation kommen kann. Buddhas sterben nicht, also kann es auch keine Reinkarnationen geben, nur Emanationen. Emanation bedeutet nicht, dass

sich z.B. Avalokiteshvara als Dalai Lama zeigt, sondern der Buddha des allumfassenden Mitgefühls strahlt eine Energie aus, die sich in einer geeigneten Person konzentriert. Dadurch agiert diese Person mit der Kraft des Avalokiteshvara. Der Dharmakaya ist der Buddha-Geist; der Samboghakaya ist eine gröbere Form, die nur von bestimmten hochentwickelten Wesen wahrgenommen werden kann, der Nirmanakaya eine grobe, für alle sichtbare Form, wobei bestimmte Körpermale vorhanden sein müssen. Es ist nicht so, dass der Dharmakaya verschiedene Körper und Bewusstseine ausgesendet, sondern es geht um Kraft, die sich aus dem Buddha-Geist heraus mit dem Bewusstsein einer anderen Person verbindet und von dort aus agiert. Der Geist eines Buddha kennt keine Grenzen mehr, wir können seine Qualitäten nicht mit unseren beschränkten vergleichen.

Ergänzende Literatur :

S.H. Dalai Lama: Einführung in den Buddhismus. Harvard Vorlesungen. Freiburg i. Br., 1993 Geshe Thubten Ngawang: Glücklich leben, friedlich sterben. Hamburg, 2000 Geshe Acharya Thubten Loden: Path to Enlightenment. Melbourne, 1993

Geshe Rabten: Das Buch vom heilsamen Leben

Schumann, H.W.: Buddhismus. München, 1995 Zotz, V.: Geschichte der buddhistischen Philosophie. Reinbeck, 1996

Freiburg i. Br., 1995