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Seltsamer als man denken kann - die Fremdartigkeit der Naturwissenschaft

Transskript eines Vortrags von Richard Dawkins [1]

Der Titel meines Vortrags „Seltsamer als man denken kann“ stammt von J . B.S. Haldane, ei- nem b erühmten Biologen, der sagte: „Mein eigener Verdacht ist nun, dass das Universum nicht nur seltsamer ist als wir denken, sondern seltsamer als wir denken können. Ich vermute, dass es mehr Dinge in Himmel und Erden gibt als man in jeglicher Philosophie zu träumen wagt (Shakesp eare), o der gar vermag.“ Richard Feynman 1 verglich die Genauigkeit der Quantenme- chanik 2 - und ihrer exp erimentellen Vorhersagen - damit, die Breite von Nordamerika mit der Genaugkeit einer Haa resbreite angeb en zu können. Das b edeutet, dass di e Quantenmechanik auf irgendeine Art wahr sein muss. Do ch sind die Annahmen, die man in der Quantenme- chanik machen muss, um di ese Vorhersagen zu erhalten, so mysteriös, dass sogar Feynman selbst zu der Bemerkung b emüht war: „Wenn man meint, man versteht Quantenmechanik, dann versteht man Quantenmechanik nicht.“ Sie ist so fremdartig, dass Physiker Zuflucht in einigen paradoxen Interpretationen suchen. David Deutsch, hier zitiert aus d em Buch „Die Physik der Welterkenntnis“, verficht die „Viele- Welten“-Interpretation der Quantenmechanik, da man darüb er im schlimmste n Fall sagen kann, dass sie lächerlich verschwenderisch ist. Sie p ostuliert ein e unermessliche und schnell wachsende Zahl von neb eneinande r existierenden Universen - gegen seitig nicht feststellbar, außer durch das schmale Nadelöhr von quantenmechanischen Exp erimenten. Wob ei wir wieder b ei Richard Feynman wären. Der Biologe Lewis Wolp ert glaubt, dass die Fremdartigkeit der mo dernen Physik nur ein extremes Beispiel darstellt. Im Gegensatz zur Technik tue di e Naturwissenschaft dem gesunden Menschenverstand Gewalt an. Jedes Mal, wenn man ein Glas Wasser trinkt, b etont er, sei es quasi sicher, dass man mindestens ein Molekül runtersch luckt, d as die Blase von Martin Luther passierte (Gelächter ). Es ist einfach elementare Wahrscheinl ichkeitstheorie. Die Anzahl an Molekülen pro Glas Wasser ist sehr viel größer als die Anzahl an Glas Wasser, o der an Blasen, in der Welt - und natürlich ist nichts Besonderes an Luther o der an Blasen. Sie hab en gerade ein Stickstoffatom eingeatmet , das den rechten Lungenflüg el des dritten Iguano dons 3 links von dem großen Zykadenbaums passiert hat. „Selstamer als man vermuten kann“. Was ist es, das uns b efähigt , irgendetwas zu vermuten, und sagt uns das etwas darüb er aus, was wir vermuten könne n? Gibt es Sachen am Univer- sum, d ie für i mmer jenseits unseres Verständnisses liegen werden, ab er nicht auß erhalb des Verständnisses irgendeiner üb erlegenen Intelligenz? Gibt es Sachen am Universum, die aus Prinzip nicht verständlich sind, für kein en Geist, gl eichgültig wie üb erlegen? Die Gesch ichte der Naturwissenschaft ist eine lange Folge von Geistesblitzen, in der die Generationen sich

1 Nobelpreis in Physik 1965. 2 Die Quantenmechanik beschreibt das Verhalten von sehr kleinen Dingen, so wie die Klassische Mechanik das Verhalten eines Fußballes oder eines Planeten. 3 Ein Saurier aus der Kreidezeit.

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fortlaufend mit d em steigenden Grad an Eigenartigkeit im Universum vertraut machten. Wir sind heute so gewohnt an die Idee, dass die Erde sich dreht - ansttat dass d ie Sonne üb er den Himmel rollt - dass es schwer für uns ist, nachzuvollzi ehen, was für eine erschütternde geistige Revolution das gewesen sein muss. Imm erhin scheint es glasklar, dass die Erde riesig i st und unb eweglich, die Sonne klein und agil. Es lohnt sich, an Wittgenstein’s 4 Bemerkung zu dem Thema zu erinnern: „Sag mal“, fragte er einen Freund, „wieso sagen die Leute immer, es war für den Menschen natürlich anzunehmen dass die Sonne die Erde umrunde t anstatt dass die Erde rotiert?“ Sein Freund antwortete: „Nun, weil es ja wohl so aussieht als würde die Sonne die Erde umrunden .“ Wittgenstein erwiderte: „Und wie würde es ausgesehen hab en, wenn es so ausgesehen hätte als ob die E rde rotiert?“ (Gelächter ) Die Naturwisse nschaft hat uns gelehrt, dass, wider die Eingebung, anscheinend solide Sa- chen, wie Kristalle und Felsen, in Wahrheit vor allem aus leerem Raum b estehen. Und die b ekannte Veranschaulichun g ist, ein Atomkern ist eine Fliege in der Mitte von einem Fuß- ballstadion, und das nächste Atom ist das nächste Fußba llstadion. So scheint es, dass der härteste, solideste, di chteste Fels wirklich fast nur l eerer Raum ist, unterbro chen von winzigen Teilchen, die so weit auseinander lie gen, dass sie eigentlich nicht zählen sollten. Wieso also sehen Felsen fest und hart und undurchdringlich aus und fühlen sich auch so an? Als Evo- lutionsbiologe würde i ch sagen: unsere Gehirne hab en sich entwickelt, um unser Üb erleb en in den Größenordnungen von Größe und Geschwindigkeit si cherzustell en, denen unser Körp er ausgesetzt ist. Wir hab en uns nie dazu entwickelt, uns in der Welt der Atome fortzub ewegen. Wenn wir das getan hätten, würde unser Gehirn Felsen wahrscheinlich als vollgepackt mit lee- rem R aum wahrnehmen. Felsen fühlen sich für unsere Hände hart und undu rchdringli ch an, weil Ob jekte wie Felsen und Hände sich nicht du rchdringen können. Es ist für unser Gehirn also sinnvoll, Begriffe wie „Solidität“ und „Undurchdrin gbarkeit“ zu konstruieren, weil solche Begriffe uns helfen, unser en Körp er durch die mi ttelgroße Welt zu navigieren, in der wir uns b ewegen müssen. Auf dem ander en Ende der Skala mussten un sere Vorfahren nie durch den Kosmos navigie- ren b ei Geschwindig keiten nahe der Lichtgeschwindi gkeit. Wenn sie es getan hätten, wäre unser Gehirn viel b esser darin, Einstein zu verstehen. Ich mö chte die medium-skalierte Umgebung, in der wir uns entwickelt hab en, „Mittelwelt“ n ennen - Mittelwelt, nicht Mittelerde 5 (Gelächter ). Mittelwelt. Wir sin d die natürlich entwickelten Bewohner von Mittelwelt, und das setzt eine Grenze für das, was wir uns vorstellen können. Wir finden es intuitiv einfach, Vorstellun gen zu formen, etwa wenn ein Kaninchen mit der so etwa durchschnittlichen Geschwindigkeit, die Hasen und Mittelwelt-Ob jekte allgemein hab en, auf ein anderes Mittelwelt-Ob jekt trifft, zum Beispiel einen Felsen, und b ewusstlos wird. Lassen Sie mich Ihnen Ma jor General Alb ert Stubblebine III vorstellen, Befehlshab er des amerikani schen Militärgeheimdienstes im Jahr 1983. Er starrte seine Wand in Arlington, Vir- ginia an und entschied sich, es zu tun. So erschreckend die Aussicht auch war, ab er er würde in das nächste Büro gehen. Er stand auf, und stellte si ch vor sein en Schreibtisch. Was ist der Hauptb estandteil des Atoms?, dachte er. Raum. Und er fing an, l oszugehen. Was ist mein Hauptb estandteil? Atome. Er b eschleunigte seinen Schritt, fast zu einem Trott. Was ist der Hauptb estandteil der Wand? Atome. Alles was ich tun muss ist, die richtige Raumaufteilung zu treffen. Dann knallte General Stubblebine hart mit der Nase gegen seine Bürowand. Stub- blebine, der 16’000 Soldaten b efehligte, war von seinen kontinuierlichen Missversuchen, du rch

4 Ludwig Wittgenstein, österreichisch-britischer Philosoph, 1889-1951. 5 Die mythische Welt aus Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien.

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Abbildung 1: F euerameisen-Rafts machen sich die Ob erflächenspannung des Wassers durch ihre große Ob

Abbildung 1: Feuerameisen-Rafts machen sich die Ob erflächenspannung des Wassers durch ihre große Ob erfläche b ei geringem Gewicht zunutze.

die Wand zu gehen, irritiert. Er hatte keinen Zweifel, dass sein e F ähigkeit eine s Tages ein normales Werkzeug des Mili tärarsenals wird. Wer würde sich mit einer Armee anlegen, die das kann? - Das stammt aus einem Playb oy-Artikel, den ich gestern gelesen hab e (Gelächter ). Ich hab e jeden Grund , an die Sache zu glaub en; ich hab e den Playb oy gelesen, weil i ch auch einen Artikel darin hatte (Gelächter ). Ungestützte menschliche Intuition, geschult in Mittelwelt, findet es schwer, Galileo Glaub en zu schenken, wenn er uns sagt dass ein schweres Ob jekt und ein leichtes Ob jekt, von Luftreibu ng einmal abgesehen, zum selb en Zeitpunkt auf den Bo den auftreffen würden. Und das ist so, weil in Mittelwelt immer Luft da ist. Wenn wir uns im Vakuum entwickelt hätten, würden wir erwarten, dass sie gleichzeitig aufschla- gen. Wenn wir Bakterien wären, also ständig herumgestoßen würden von d er thermischen Bewegung der Moleküle, wäre es wieder anders, ab er wir Mittelweltler sind zu groß, um die Brownsche Bewegung wahrznunehmen. Auf dieselb e Weise wird uns ere Leb en dominiert von der Schwerkraft, und man wird sich der Kraft der Ob erflächenspannu ng kaum b ewusst. Ein kleines Insekt würde diese Prioritäten umdre hen. Steve Grand (zeigt Bild ) - er ist der auf der linken Seite, Douglas Adams auf d er rechten - Steve Grand schreibt in seinem Buch „Die Schöpfung: Leb en, und wie man es herstellt 6 “ geradezu b eißen d üb er unsere obsessive B eschäftigung mit Materie. Wir hab en d ie Tendenz zu denken, dass nur feste, materielle Dinge auch wirklich Dinge an sich sind. Wellen einer elektromagneti schen Schwankung in einem Vakuum scheinen unwirklich. Die Menschen der viktorianischen Zeit dachten, dass diese Wellen Wellen in irgendeinem materiellen Medium sein müssten: dem Äther. Ab er wir halten echte Materie nur für b eruhigend, weil unser Üb erleb en sich in Mittelwelt abspielt, wo Materie eine nützliche Erfindung ist. Ein Wirb elstrom ist für Steve Grand ein Ding mit so viel Wirklichkeit wie ein Felsen. In einer Wüsteneb ene in Tansania, im Schatten des Vulkans Ol Doi nyo Lengai, gibt es eine Düne aus Vulkanasche. Das Sch öne an ihr ist, dass sie sich leiblich b ewegt. Fachlich ist das b ekannt als „barchan“, und die komplette Dün e läuft durch die Wüste in westliche Richtung mit einer Geschwindigkeit von 17 Metern p ro Jahr. Sie b ehält ihre halbmondförmige Gestalt und b ewegt sich in Richtung der b eiden Ausläufer. Es passie rt folgendes: der Wind bläst den Sand den flachen Anhang hinauf, und ob en am Dünen grat angekommen , rollen die Körner die Innenseite der Halbmondfo rm hinunter, und so b ewegt sich di e gesamte Struktur. Steve Grand

6 Original: Creation: Life and How to Make It.

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w as sagen wir nicht. Was wir sagen - und ich b eziehe die am

was sagen wir nicht. Was wir sagen - und ich b eziehe die am strengsten mechanisti schen unter uns mit ein, darunter wohl auch mich - was wir sagen, i st: „Das Gefängn is ist zu gut für dieses gemeine Monster.“ Oder schlimmer n o ch, wenn wir nach Rache trachten, dadurch nach aller Wahrscheinlichkeit die nächste Phase auslösend in einem eskalierenden Teufelskreis von Gegen-Rache, was man natürlich heute üb erall auf der Welt sehen kann. Kurz, wenn wir wie Akademiker denken, b etrachten wir die Leute als wohldurchdachte und komplizierte Maschi- nen, wie Computer o der Autos, do ch wenn wir aufs Menschlichsein zurückfallen, verhalten wir uns eher wie Basil Fawlty, der, wie wir uns erinnern, sein Auto verschlug, um ihm eine Lektion zu erteilen, als es am Gourmet-Ab end nicht anspringen wollte (Gelächter ). Der Grund, wie so

wir Dinge w ie Autos und Computer p ersonifiz ieren, ist, weil wir, so wie Affen in einer Baumwelt und Maulwürfe in einer Untergrundwelt und Was serläufer in einem von Ob erflächen-Spannun g dominierten Flächenland, in einer sozialen Welt leben. Wir schwimmen durch ein M eer an Leuten - e ine soziale Version von Mittelwelt. Wir hab en uns dahin entw ickelt, das Verhalten anderer zu e rraten , indem wir zu brillianten, intuitiven Psychologen wurden . Leute wie Maschinen zu b ehandeln m ag zwar wissen- schaftlich und philosophisch genauer sein, ab er es ist eine lästige Zeitverschwe ndung, wen n man erraten mö chte, was d iese o der jene Pe rs on als nächstes tun wird. Der ökonomisch brauchbare Ansatz eines Mo dells einer Pers on ist seine Behandlung als ein zweckmäßiger, zielgerichteter Agent mit Genüssen und Beschwerden, Wünschen und Vorsätzen, Schuldgefühl und Schuldhaftigkeit. Personifikation und die Zuschreibung vorsätzlichen S tre b ens ist ei n so brilliant erfolgreicher Weg, Menschen zu mo dellieren, dass es kaum verwundert, dass dieselb e Mo dellierungssoftware die Kontrolle ergreift, wenn wir üb er Entitäten nachdenken wo es nicht passt, wie Basil Fawlty üb er sein Auto o der Millionen verblendeter Leute üb er das Universum als Ganzes (Gelächter ). Falls das Universum se ltsamer ist, als man sich de nken kann, ist es dann nur so, weil wir natürlich selektiert wurden, das zu denken, was zu denken nötig war für das Üb erleb en im Pleistozän in Afrika? Oder sind un sere Gehirne so vielseitig und erweiterbar, dass wir uns d afür trainieren können, einmal aus der Box der Evolution auszubrechen? Oder gibt es schließlich Dinge im Universum, die s o fremd sind, dass keine Philosophie von Wesen, wie gottgleich auch immer, sie träumen könnte? Vielen Dank.

Literatur

[1] Richard Dawkins. Douglas adams memorial lecture: Queerer than we can suppose, march 11 2003. http://dotsub.com/view/2e6446ef-

42c7-483a-bbda-df65b1cc4c84/viewTranscript/eng.

[2] J.B. Dawson. Oldoinyo lengai blog. http://blogs.stlawu.edu/lengai/evolution/.

[3] S. Greif and B.M. Siemers. Innate recognition of water bodies in echolocating bats. Nature Communications, 1:107, 2010.

[4] Wikipedia. Caprylic acid, caproic acid. http://en.wikipedia.org/wiki/Caprylic_acid.

[5] Abstruse Goose. The sliver of perception. http://abstrusegoose.com/421.

[6]

TU München Florian Marquardt. Quantum mechanics simulations using yorick. http://en.wikipedia.org/wiki/User:FlorianMarquardt.

[7] Color Physics GmbH. Einstein on tour. http://www.einsteinmobil.de/.

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