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Der freie Arbeiter

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Hervorgegangen aus dem 1897 begründeten Wochenblatte „Neues Leben".

1.

Jahrgang.

Die anarchistische Auffassung des gewerkschaftlichen Kampfes.

Zwei Konflikte mit dem Unternehmer- tum erschüttern zur Zeit zwei der bedeu- tendsten Organisationen der Berliner Ge- werkschaftsbewegung. Möbeltischler und Metallarbeiter sind von dem organisierten Kapital durch Aussperrungen angegriffen worden und haben versucht, diese Angriffe durch Streiks zu parieren, d. h. sie haben zum Teil mit den ausgesperrten Mitgliedern auch die nichtausgesperrten aus den Fa- briken zu ziehen versucht.

Der Kampf ist also ein solcher, wie er in neuerer Zeit dort sich gestaltet hat, wo die Unternehmer sich zusammengeschlossen haben, um in gemeinsamer Aktion die Forderungen der Arbeiter abzuwehren und deren Organisation zu vernichten. Es ist die schärfste Art des Klassenkampfes: die Unternehmer haben aus den Aktionen der Arbeiter gelern t und, alle Konkurrenz- bedenken bei Seite schiebend, schliessen auch sie sich solidarisch zusammen gegen den gemeinsamen Gegner, die Arbeiter, die immer dringender und nachdrücklicher ihre Forderungen stellen und zu erzwingen suchen. Der wirtschaftliche Kampf ist damit in ein Stadium getreten, das die höchsten Anforderungen an den Ernst und die Klarheit der Kämpfenden stellt: die Gegner kennen gegenseitig ihre Kräfte, sie wissen, was sie wollen, und sie verlieren keinen Moment ihr Ziel aus dem Auge.

Das wenigstens verlang t der Kampf.

Nun

ist

es

interessant,

zu

beobachten,

wie weit in jedem einzelnen Falle die kämpfenden Parteien den Anforderungen desselben sich gewachsen zeigen, wie weit von ihnen der Ernst der Situation erfasst, und mit wie viel Energie dem Ziele zu- gestrebt wird, dem Ziele, das für die Unternehmer die Vernichtung der Arbeiter- organisation ist, für die Arbeiter aber die Befreiung von dem Joch der kapitalistischen Wirtschaftsweise.

Man braucht diese Sachlage nur festzu- stellen, um für die erwähnten gegenwärtigen Kämpfe der Metallarbeiter und Möbel- tischler einen Massstab zu haben. Und man braucht diesen Massstab an jene Kämpfe nur anzulegen, um zu begreifen, dass auf seiten der Arbeiterorganisationen nich t der klare Blick und die zielsichere Energie vorhanden ist, die allein vermag, für die Arbeiterbewegung fruchtbare Folgen aus solchen Kämpfen zu ziehen, sei es, dass sie mit einem Siege, oder sei es, dass sie mit einer Niederlage enden. Das alte bequeme Schema der Herren Gewerk- schaftsführer kommt auch diesmal zur An- wendung: die Unternehmer werden einfach als dumme Kerle hingestellt, mit denen die Neunmalweisen von der Verbands- leitung natürlich spielend leicht fertig werden, — ja es wird sogar vor den Arbeitern höhnend behauptet, es mangele den „Kühnemännern", d. h. den organi-

Sonnabend, den 15. Oktober 1904.

sierten

geld" !

Giebt

Metallindustriellen,

es

etwas,

was

an

törichter

„Klein-

ist als

eine

solche

Täuschung

der

Arbeiter

über

die

Kräfte

des

Gegners?

Die Führung dieser gegenwärtigen

Kämpfe drückt sie auf eine Stufe herunter,

auf der die Tiefe

gewerkschaftlichen Kampfes nicht mehr zu verspüren und an seine Stelle eine klein-

liche Politik des Nörgeins und der Ver- drehung der Tatsachen tritt.

„Das aussprechen, was ist!" —lautete ein Grundsatz Lassalles. Die kleinlichen Arbeiterführer von heute haben ihn ver- gessen.

In voriger Nummer konnten wir hin- weisen auf die Bedeutung, welche der an - archistische n Gewerkschaftstaktik , wie sie bei der Leitung der französischen Gewerkschaften zur Geltung gelangt ist, selbst von sozialdemokratischer Seite zuge- standen wird. Nun, wir halten es für das grösste Erfordernis in der deutschen Ar- beiterbewegung, dass dies e Takti k auch hier bei un s sich Bah n bricht .

Dazu aber gehört zuerst und vor allem, dass jeder gewerkschaftliche Kampf das Gepräge des sozialistische n Klassen - kampfe s trägt, d. h. dass, gleichgiltig, welcher Art die jeweiligen Forderungen der Arbeiter auch sein mögen, dieselben ausgesprochenermassen für Notbehelf e erklärt und die Verwirklichun g einer freien sozialistische n Produktions - weis e angestrebt wird.

und die Tragweite des

Mit

diesem

Ziel

vor Augen

lernt

der

Arbeiter

die

Macht

des

Kapitalismus

erst

richti g

würdige n

und

begreift,

wie

sehr

er seine und

die

Kräfte

seiner Klasse

noch

zu

verstärke n

habe,

um

zur

end-

giltig

siegreichen

Aktion

reif

zu

sein.

An nichts krankt die deutsche Arbeiter- bewegung mehr als an der Unterschätzung der Festigkeit des kapitalistischen Systems und der Ueberschätzung der eigenen Kräfte. Sind doch die bestehenden Ge- werkschaftsverbände bisher weiter nichts als Anhäufungen träger, lebloser Massen. Es gilt erst Leben in sie zu bringen. Ver- kleinerung der feindlichen Mächte, der Wahn, die eigene Organisation sei bereits ein glänzender Faktor im wirtschaftlichen Kampf, — das beides mag so manchem Gewerkschaftsführerchen zum Nimbus einer

Grösse verhelfen, dem Interesse der Arbeiter schadet es, denn es wiegt sie in den ver- hängnisvollen Dusel, als sei die Haupt-

arbeit schon geleistet und

übrige der Weisheit der Führer überlassen

bleiben.

Die anarchistische Gewerkschaftstaktik will jeden Einzelnen zum Bewusstsein der Wichtigkeit jedes wirtschaftlichen Kampfes erzogen wissen. Nur eine aus so erzogenen Kämpfern bestehende Gewerkschaftsarmee vermag die Ziele der Freiheit und des Sozialismus zu verwirklichen.

als könne das

No. 40.

An die Mitglieder

der

an

die Generalkommission ange-

schlossenen

Zentralverbände

richtet sich ein Flugblatt, das auf Veranlassung einer Anzahl Berliner Genossen herausgegeben worden ist, und in welchem durch ihre Namensunterschrift eine Anzahl von Mitgliedern der bedeutendsten deutschen zentralen Gewerkschaftsverbände einen schwere n Vorwur f gegen zwei Mitglieder der „General- kommission der Gewerkschaften Deutschland",

Legie n und

darin — der deutschen

organisierten Arbeiterschaft einen ihnen zur Ver- öffentlichung übergebenen Bericht schon seit längerer Zeit vorenthalten, und dadurch sowohl die ihnen von den deutschen Gewerkschaften übertragenen Befug- nisse missbraucht, als auch die aus der Idee des Klassenkampfes hervorgehende Pflicht der internatio- nalen Solidarität auf das Gröblichste verletzt."

nannten haben — heisst es

Sassenbach , erheben. „Die Ge-

Ueber die Vorgänge, welche zur Erhebung dieser Anschuldigung geführt haben, wird dann in dem Flug- blatt das Folgende ausgeführt:

„Am

9.

und

10.

Juli

1903

fand

in

Dublin

(Irland)

die

dritte

international e

Konfe -

ren z

de r

G e w e r k s c h a f t s s e k r e t ä r e

statt.

Dieselbe

war

beschickt

von

England,

Dänemark,

Frankreich,

Oesterreich,

Norwegen,

Niederlande,

Deutschland

Herren

Der Zweck dieser internationalen Konferenzen ist die gegenseitige Berichterstattung über die Art der Propaganda, die Forderungen und die Erfolge der angewendeten Mittel in den einzelnen Ländern.

Diesem Zwecke entsprechend, hatte die Confe- dération générale dn travail (die Landes-Gewerk- schaftsorganisation der französischen Arbeiter) der obengenannten Konferenz einen Berich t vorgelegt, in welchem ausführlich ihr e Mitte l im Klassen - kampfe : der Generalstrei k und die a n t i - militaristisch e Propaganda , sowie ihre gesamte Taktik und die damit erzielten Erfolge ge - schilder t wurden.

die

etc.

Letzteres

un d

war

vertreten

durch

Legie n

Sassenbach .

deut -

sche r Sprach e — vorgelegt, mit dem ausdrück- lichen Ersuchen, denselben allen Gewerkschaften der einzelnen Länder zugänglic h zu machen. Die Delegierten Legien und Sassenbach haben derzeit in ihrem Organ, dem .Korrespondenzblatt der Ge- neralkommission der Gewerkschaften Deutschlands' (Nr. 30 vom 25. Juli 1903) über die Konferenz von Dublin Bericht erstattet, aber dabei mi t keine r

Dieser

Berieht

wurde

auc h

in

t

d e r französische n Gewerkschafte n er - wähnt . Auch späterhin — bis zur Stunde — haben sie die deutschen Gewerkschaftsmitglieder über diesen Bericht in Unkenntniss gelassen. Ja, dass sie nich t einma l di e Vorständ e der einzelnen Verbände benachrichtigt haben, beweist die Antwort, die der Vorsitzende Hübsc h vom Deutschen Textil- Arbeiter-Verband am 21. September 1904 in einer Versammlung auf eine diesbezügliche Anfrage gab. Er sagte: ,Ich weiss von einem derartigen Berichte nichts. Sollte derselbe aber für die Oeffentlichkeit bestimmt sein, so wird er erscheinen.' Inzwischen waren aber ein und ein viertel Jahr seit der Konfe- renz zu Dublin verflossen.''

Silb e de n ihne n übergebene n Berich

das Flugblatt,

„Unter allen Umständen müssen die Delegierten Legien und Sassenbach Aufklärung über diese Ange-

"Gewerkschaftsgenossen!"

schliesst

158

legenheit geben. Wir Unterzeichneten fordern euch demnach hierdurch auf, Überall in euren Gewerk- schaften gleich uns wegen dieser Sache anzufragen

und Beschlüsse herbeizuführen, welche die Herren Legien und Sassenbach zum Reden bringen. Ihr seid dies der deutschen Gewerkschaftsbewegung und euch

gelber

schuldig.'"

diesem Flugblatt den beiden Ge-

werkschaftsführern vorgeworfen wird, ist ein Fall unter vielen. Er ist geradezu typisch für die Art und Weise, wie in Deutschland Gewerkschaftsbe- wegung gemacht wird. Unter dem Vorgeben, die

Arbeiter zu wecken, schläfert man sie ein, und anstatt

man die

Arbeiter gerade in der entscheidenden Richtung, wo es sich um die Mittel in ihrem Befreiungskampfe handelt.

Die Anarchisten sind einmal als „die Hinter-

männer der Sozialdemokratie* bezeichnet worden. Das trifft aicher insofern zu, als sie um der Wahr- heit und Gerechtigkeit willen gezwungen sind, den sozialdemokratischen Arbeiterführern fortgesetzt au f d i e Hacke n zu treten , um sie Schritt für

Schritt aus ihren Hinterbalten

Das;

was

in

Aufklärung zu verbreiten, verdumm t

zu

drängen.

die Totschweige-Taktik

der Legien and Sassenbach illusorisch zu machen, in nächster Zeit der genaue Bericht der französischen Gewerkschaften in Form einer Broschüre unter dem Titel .Antimilitarismus und Generalstreik" erscheinen. Der Preis beträgt 5 Pf. Bestellungen nimmt schon jetzt entgegen: Josef Stalinski, Berlin 0., Grüner Weg 43, Hof 4 Treppen.

So wird denn

auch,

um

Die schweizerische Arbeiter - bewegung

unter der sozialdemokratischen Regierung.

Vor einiger Zeit wiesen wir bereits auf die

die

Führe r de r Sozialdemokrati e i n der .freien" Schweiz spielen, seit sie in richtiger Würdi- gung ihrer Unschädlichkeit und ihres Spiessertums von der Bourgeoisie ihres Landes in den regie- renden Körperschaften zugelassen werden. Besonders krass bat sich die freiheitfeindliche, ja direkt ge - meingefährlich e Tendenz dieser roten Kan- tönli-Patrioten erwiesen, als einige von ihnen kürz- lich dabe i halfen , streikend e Arbeite r durc h Militä r niederzuhalten .

volksverräterisch e Rolle bin, welche

Die Sache ist wichtig genug, um noch einmal

darauf zurückzukommen. Wir stellen deshalb an der Hand der Korrespondenz einer Münchener Zeitung

die

Tatsachen

zusammen.

Zum Verständnis der Situation ist nötig mit-

zuteilen, dass die sozialdemokratische Partei in der Schweiz sich in einzelnen Kantonen nich t nu r gesetzgeberisc h and in der Rechtspflege direkt und aktiv beteiligt, sondern auc h Ver - trete r i n de r oberste n kantonale n Verwaltungsbehörd e besitzt, wo sie eine Art Ministerqualitä t besitzen. Das ist der Fall in Zürich, in St. Gallen, in Basel und war es

Da sitzen in den kantonalen

früher auch in Genf.

Regierungsbehörden, die fünf bis sieben Mitglieder zählen, sozialdemokratische Vertreter. In Zürich ist es E Ernst , in St. Gallen Heinric h Scher z er , in Basel Eng . Wullschleger , in Genf war

A. Thiebaud , der aber voriges Jahr wieder aus der Behörde weggewählt wurde.

Letztes Jahr, als i n Gen f de r Strei k de r Strassenbahne r ausbrach, hatte Thiebaud die Idee, mitzuhelfen , als die streikenden Ge- nossen durc h Militärgewal t gezwangen wurden, zur Arbeit zurückzukehren und mit den alten Arbeitsbedingungen wieder vorlieb zu nehmen. Dafür wurde Thiebaud der Ehren enthoben. Diese Strafe blieb in Basel ohne Wirkung. Dort hat ent- gegen allen Protesten der Arbeiterschaft and selbst radikaler bürgerlicher Elemente der sozialistische Vertreter in der Regierung, E. W u 11 s c h 1 e g e r , als der Maurerstreik ausbrach, dazu die Hand ge- boten, dass ein starkes Militäraufgebot erging, das die kämpfenden Genossen durc h ein e stark e Militärmach t i n ihre r Bewegun g hemmt e und sie hinderte, die Erfolge ihrer organisatorischen Arbeit und ihrer Bestrebungen zur Verbesserung ihrer Lage einzuheimsen. Die Streikenden mussten

es

D e r

frei e

Arbeiter .

der Militärintervention weichen und wieder als Be- siegte zur alten Arbeit zurückkehren. Und das geschah unter den Auspizien und unter der Mit- wirkung des Arbeiterführers E. Wullschleger. Ja, mehrere Streikende (meist Italiener) wurden noch ausgewiesen und ins Elend getrieben, und Schweizer, welche dem Militäraufgebote nicht Folge leisteten, mussten nach — Deutschland flüchten.

Auch in St. Gallen haben Vertreter der Arbeiter in der Regierung gegen die neuesten Truppenaufge- bote nicht Wiederspruch erhoben. Dass der grösste Teil der Arbeiterschaft, die sich durch sozialistische Vertreter verraten sieht, in grosse Aufregung geraten ist, versteht sich von selbst. Allein da die schurkische Handlungsweise der roten .Minister" in dem System der sozialdemokra- tischen Politik wurzelt, das die Herren .Volksver- treter zwingt, immer bürgerlicher , ja immer reaktionäre r zu politisieren, um nur ja von der Bourgeoisie am Staatsruder geduldet zu werden, so werden alle Proteste nichts nützen.

Die Arbeiter sind schon in dem Augenblick ver- raten, wo sich ein "Vertreter " mit ihrer Zu- stimmung anmasst, sie mit zu regieren. Denn Re- gieren heisst Unterdrücken, und es ist schliesslich einerlei, ob sich die betörten Arbeiter durch Dema- gogie freiwillig ducken lassen, oder — wie in der Schweiz — mittels Gewalt unterdrückt werden. Vielleicht ist letzteres sogar vorzuziehen, weil es geeignet ist, den Verratenen endlich die Augen zu öffnen.

Nach vierzig Jahren.

(28. September 1864 — 28. September 1904.)

Von

Pierr e

Ramus .

(Schluss.)

Um die weiteren Schicksale und die fernere Tätigkeit der Allianz, also der Anhänger Bakunina, brauchen wir uns an dieser Stelle nicht zu kümmern. Es genügt, zu konstatieren, dass die Internationale ihren Weg ging; ihre Spuren sind noch heute sicht- bar in Spanien, Italien, der romanischen Schweiz, Holland etc., denn tatsächlich war sie es, die in der Folgezeit von sechs bis sieben Jahren hauptsächlich und meistenteils der Propaganda anarchistischer Ideen oblag, dazu beitrug, dass dieselben in den Volksmassen festen Fuss fassen konnten und heute die Enthusiasmusingredienz in jenen Ländern Europas spielen, in denen das Volk nicht politisch entnervt ward von den wohlfeilen Versprechungen der Politiker, sondern auf ökonomischem Felde sich individuell, wie auch als Kampfesorganisation stärkt und, soweit dies unter den Umständen möglich, von Sieg zu Sieg eilt. Alle Jene Länder, in denen die Streiks nicht blos kleine Gemütserregungen zwischen Kapitalisten und Arbeitern bilden, die man durch Gewerbeschiedsge- richte u. dgl. wieder sanft beilegen kann, sondern wo jeder Streik sofort nach seinem Ausbruch einen soziale n Charakte r annimmt, der dem Sozialismus zugerichtet ist — überall dort sehen wir, wie die Erbschaft des „bakunistischen Treibens und der Bakunisten, die an der Arbeit" vorzüglich verwaltet und gebraucht wird.

Und jetzt nach vierzig Jahren, nach fast einem halben Jahrhundert, dürfen wir auch die Bilanz der alten "Internationale" ziehen. Sie ist ungemein einfach: Die "Internationale" hörte auf zu leben und zu wirken, sobald sie ins politische Fahrwasser segelte. Wohl weist die internationale Sozialdemo- kratie auf ihre Existenz und nennt sich die Folge, das Vermächtnis der "Internationalen". Aber dies ist nur eine erbärmliche Lüge und eine Beleidi- gung des Andenkens der "Internationale" im Ge- dächtnis des Proletariats. Die Sozialdemokratie ist so weit entfernt, der "Internationale" zu ähneln, wie diese nach 1871 der "Internationale" aus den Jahren 1864—70 ähnelte. Was sich heute Sozialdemokratie nennt, besitzt wohl viel von demokratischer Tirade, von Sozialismus aber rein gar nichts, ganz wie die alte Internationale nach den ehrgeizigen, autoritären, offenkundig zu tage tretenden Bestrebungen Marx' nichts mehr von ihrer früheren urwüchsigen, prole- tarisch-ökonomischen Kraft besitzen konnte.

Aber darum ist der Gedanke der Internationali- tät doch erhaben, edel und einzig menschlich; die ihn heute noch wirklich, ohne Schein, ohne Gepränge, ohne Wenn und Aber hochhalten, das sind nun die anarchistischen Sozialisten oder Anarchisten. Und

Nr 40

dieser Gedanke ist eigentlich die in die Praxis um- gesetzte Theorie des Menschheitsideals. Nur die die wirklich in seinem Sinne tätig sind, fühlen ihn, den Gedanken wahr solidarisch-internationaler Ver- brüderung. So sehen wir denn, dass die Ideen und Bestrebungen der alten Internationale sich abermals in den Vordergrund der Volksbetätigung rücken:

Generalstreik und Antimilitarismus. Dieses Mittel und Ziel, das eine durch das andere, tragen in ihrer weiteren Entwickelung, die sich ganz spontan eben aus ihrer Handhabung und Erstrebung ergeben wird, noch ungeahnte Idealmöglichkeiten, sind solche Mittel, dass sie, falls wirklich rationell und n a c h - drücklic h geführt, die Umgestaltung des ganzen staatlich-kapitalistischen Getriebes bewerk- stelligen könnten. Und indem diese idealen Mittel wieder in den Vordergrund drängen, ist auch das Bedürfnis nach einer neue n Internationale n wachgeworden.

Sie ist bereits auferstanden seit dem Kongress

in Amsterdam, den Domela Nieuwenhuis einberief, und der mit der Konstituierung eines internationalen

Komitees schloss. Auch sie

die verschiedensten Elemente, zusammengehalten nur durch den einen Wunsch, das wirksamste Mittel wider ein Monster in Anwendung zu bringen. Gerade durch diese Varietät der Elemente, die sie umfasst, ist ihre Existenz und fernere Betätigung verbürgt. Wollte sie die Einzelnen oder Gruppen auf festge- formte, starr formulierte Programme einschwören, so müsste ihr heilsames Wirken sehr in Frage gestellt Verden; denn Programmformeln lähmen und hemmen. So aber lautet die Parole nur: Alle Mittel sind richtig, die sielbeschleunigend und erfahrungsgemäss tunlich sind, und deren zwei beste sind der General- streik und der Antimilitarismus.

vereint in ihrer Mitte

Eine

neue

Internationale!

Und

während

die

Sozialdemokratie dem Sozialismus immer mehr ent- fremdet wird, in sich selbst zerklüftet und inter- national nicht durch das Gefühl edlen Solidarismus und erhebender Begeisterung zusammengehalten da- steht, sondern nur durch die Sucht nach Herrschaft, die Beutegier nach der Habe und politischen Position des Gegners, ersteht allmählich eine neue Inter- nationale.

Es regt sich überall, und der Sozialismus wird immer mehr Sache der Anarchisten, die allein ihn noch in echter Reinheit und Wesenseinheit — Freihei t und ökonomische Gleichheit — erhalten; und nachgerade die Einzigen sind, die als Gegner der modernen Gesellschaft bewusst und konsequent als Revolutionäre handeln.

Vierzig Jahre sind verflossen, seit in London die alte Internationale gegründet ward, und die Haupt- initiative ging von den romanischen Ländern aus. Diese Entwickelungsepoche in der Arbeiterbewegung wiederholt sich. Auch heute sind es Frankreich, Spanien etc., die uns Methoden gebrauchen lehren, die unbedingt notwendig, wollen wir jemals siegen. Aber es ist ein bedeutsamer Unterschied in dieser Neuauflage eines grossen Zeitpunktes. Die alte Inter- nationale hatte neben dem kühnen Emanzipations- rufe ihrer Forderungen auch noch kleinere, unbe- deutende Gegenwerts- und Augenblicksinteressen, die tie gewahrt sehen wollte. Dies hat sich nunmehr geändert.

Die neue Internationale hat dieses Beiwerk von Unzulänglichkeiten und Wertlosigkeiten abge- streift, ihr ideales Endziel geklärt. Freilich auch sie kämpft für Momentangelegenheiten, denn das ist der tägliche Klassenkampf. Doch sie alle werden erlangt, erkämpft, indem man sich nicht mit ihnen begnügt, sondern dem wahrlich herrlichen Ziele im Sturmlaufe zustrebt, der Verwirklichung des freiheit- lichen Sozialismus, der Anarchie, der freien Volks- gemeinschaft zukünftiger Tage.

Die Mostsche „Freiheit " i n Gefahr.

in dem Erscheinen der

New-Yorker "Freiheit" oft unangenehme Lücken zu bemerken gewesen, ebenso war der Umfang des

Blattes nur zu häufig auf die Hälfte reduziert.

Jetzt nun nach einer abermaligen Pause in dem Erscheinen sieht sich Most genötigt, anzukündigen, dass die "Freiheit" als Wochenorga n eingehen müsse, dass er versuchen müsse, sie wenigstens als Monatsrevu e z u halten.

Seit

einiger

Zeit

sind

Nr.

40

Wenn Most, welcher nun, seit mehr als 25 Jahren sein Rehellenwort und anderen, zum grossen Teil erstklassigen Agitationsstoff durch sein Wochenblatt hinaustrug, sich zu einem solchen Schritt entschliesst, deutet das ohne weiteres auf einen schlimmen, sehr schlimmen Stand der Dinge, von denen ein Blatt, wie die unserigen, die allesamt sozusagen „von der Hand in den Mund leben", abhängt, und er erzählt denn auch ein Beispiel, das die betrübende Situation genugsam illustriert und alles weitere erklärt:

„Am letzten Sonntag begab ich mich nach Astoria, um den Lesern, die auf Long Island wohnen, auf den Puls zu fühlen. Schriftlich lud ich dieselben zu einer Zusammenkunft in Hettingers Halle ein, wo ich von morgens bis abends auf der Lauer lag. Ge- kommen sind von 41 Eingeladenen 5, und statt der ausständigen 65 Dollar trug ich eine Kleinigkeit von dannen. Einige mögen ja arbeitslos, krank, streikend oder sonstwie im Dalles sein, aber andere leben ein- fach in Lethargie dahin — gerade wie an den meisten sonstigen Plätzen, wo das Blatt hinkommt. Was ist der Grand ? Die Arbeiterbewegung von ganz Amerika in allen ihren Schattierungen ist total auf dem Hund. Angesichts dieses Umstandes werden auch die ausnahmsmässigen, nämlich revolutionären Elemente mehr und mehr verpessimistelt und kommen zu der Eonklusion: Es ist alles für die Katz'!, wes- halb ihnen auch das Sein oder Nichtsein einer „Frei- heit" wenig am Herzen liegt."

anknüpfend, sagt Most

dann

„Immerhin soll und darf das Blatt nicht tu gründe gehen. Im Gegenteil muss der Versuch ge- macht werden, es in einer intensiveren Form agita- torisch wirksam zu machen. Das kann geschehen, indem man es in ein Monatsmagazin verwandelt, das nur gediegene Aufsätze bringt und alle nebensäch- lichen, lokalen etc. Notizeleien bei Seite lässt. Die Metamorphose soll sich spätestens am kommenden Jahreswechsel vollziehen. Die Review wird 60 bis 80 Grossoktavseiten stark erscheinen. Und um noch eine Fliege mit dieser Klappe zu treffen, werden meine Memoiren darin in regelmässigen Fortsetzungen einen Teil einer jeden Nummer füllen, da an eine separate Herausgabe derselben nicht zu denken ist. (Nicht weniger als 4000 Exemplare von Nr. 1 und 2 liegen da wie Ziegelsteine und bilden für mich kein geringes Albdrücken. Von den versandten und noch nicht bezahlten Büchlein gar nicht zu reden. Bin geneigt, den ganzen Vorrat tief unter dem Kosten- punkt — 5 Cents per Exemplar — zu verschleudern). Um den Magazinplan zu fördern und sonstwie die Agitationssonde einzutreiben, begebe ich mich dem- nächst auf Reisen. Bei dieser Gelegenheit wird sich wohl der Weizen von der Spreu scheiden lassen. Chronische Nassauer gehen nicht auf die neue Liste, und es wird strikte Zahlordnung eingeführt. Arbeitet dann die Maschine auch nicht, dann lässt man ein- fach die Sache endgiltig fallen. Es hat keinen Zweck, dass einzelne sich abzappeln, wenn rings umher alles schläft und schnarcht."

zu gut die Stimmung

Eifrigste

Initiative

und Verbohrtheit

totlaufen

An

solche

Erwägungen

weiter:

Nun,

einer

wir

selbst

kennen

in

nur

die

der

gerät,

in

und

Niedergeschlagenheit,

wenn sich

sein

Wüste

von

Stänkerei

seihst

und

der

seine

guter Wille

Gleichgiltigkeit

muss.

Aber — wir

hoffen

doch,

dass

in

zwölfter

Stunde

noch Hilfe

kommt,

und

die

zum

äussersten

gediehene

üble

Lage

es

bewirkt,

dass

kräftige

Hände zupacken

und die

„Freiheit",

die

alte

gute

Waffe

Hans

Mösts,

in

alter

Form,

richtiger

in

der

älteren

Form

hoch-

halten

helfen.

 

Die Jahresparade der amerikani -

schen

Gewerkschaftsführer

unterzieht Most in seiner letzten „Freiheit" einer

Kritik, die gleichzeitig ein Bild davon giebt, unter welchen Verhältnissen, in was für einer Arbeiterbe- wegung er und unsere amerikanischen Genossen zu

agitieren

„Wer, wie ich", berichtet Most, „die letzte Labor day- (Arbeitertag-} Parade von New York be- trachtete, wird, wenn er nicht taub und blind trotz offenen Augen ist, wissen, wie viel oder vielmehr wenig es geschlagen bat. Man bat schon „Einiges" an Schafkopfismus und Hundsfötterei innerhalb der amerikanischen Arbeiterbewegung erlebt; aber — gerade herausgesagt — eine solche Parade unifor-

haben.

D e r

frei e

Arbeiter .

mierter, resp. maskierter zweibeiniger Maulesel, die da das organisierte Proletariat in ungezählten Massen repräsentieren sollten, ist denn doch zuvor niemals dagewesen. Für die zünftlerischen Kostüme hatte jeder auf Kommando seiner Union, d. h. der Hier- archie derselben, wohl durchschnittlich 5 bis 6 Dollar ausgegeben. Was sonst noch für Musik (?) u. dgl. vergeudet wurde, ist schwer zu berechnen. Oben- drein sind viele wirkliche und would-be-Prominenzen in zwei-, vier- und sogar sechsspännigen Kutschen gefahren, hatten ihre hochaufgedonnerten Weiber und gleich ihnen zünftlerisch maskierten Kinder bei sich. Fast jeder schwang ein papiernes Fähnchen, dass es unsereinem buchstäblich „red, white and blue"*) vor den Augen wurde, und alle marschierten stolz wie die Spanier zur Zeit des Schillerschen Don Carlos. Transparente trugen sie — schon mehr Mord. Hätte man dieselben summiert, so wäre allenfalls das Bam- bergersche Motto der deutschen Nationalliberalen zum Vorschein gekommen: „Hunde sind wir ja doch!" Das klingt bitter, aber wie soll ein Rebell angesichts solcher unerhörten Krähwinkelei noch süsslich reden ?

Diese Leute schimpfen das ganze Jahr über Scaberei (Streikbrecherei) u. s. w. Bei dieser Parade haben sie sich unter allem Scab gezeigt. Denn wenn ihr blödsinniger Aufputz, garniert mit lauter patrio- tischen Emblemen, überhaupt einen Sinn haben sollte, so war es doch nur der : Wir haben „plenty money" zum Fenster hinaus zu werfen — mein Lieb- chen (Bosschen), was willst du noch mehr? — Selbst- verständlich prägen sich solche Symptome von Kollektiv-Borniertheit den Wallstreetianern und sonsti- gen Morganisten tief in die Steine, welche an der Stelle sitzen, wo andere Menschen Herzen haben.

Und siehe da: wenn es zum Klappen kommt, d. h. wenn mehr Lohn oder weniger Arbeitszeit verlangt wird, da erfolgt ein gewaltiger Pfiff aus hinterlistigem Fagott — höchstens wird dem vermittelnden Walking- delegaten ein multiplizierter Grünspecht (Papiergeld) in die tiefhohle Hand gedrückt. Vor 20 Jahren ver- kehrte . ich oft und viel mit Labor Leeden (Arbeiter- führern) — in manchen Städten luden sie mich sogar zu proletarischen Zweckessen (Smokers) ein, und wenn ich ihnen klipp und klar den ganzen gegen-

wärtigen Gesellschaftsschwindel ausein andersetzte sagten sie, ich hätte ganz recht. Fragte ich sie, weshalb sie denn nicht im Sinne solcher Ansichten agitierten, so meinten sie, hier in Amerika müsse man „Step by Step" vorgehen. Seitdem habe ich sie beobachtet. Sie haben „gesteped", aber die Steps gingen meist nach rückwärts.'

,

Was tun? Ich weiss es nicht. Der Eine schwätzt von der Flinte, die ins Korn zu schmeissen sei, der Andere rekommandiert Selbstmord mit möglichster Schmerzlosigkeit, eine dritte Sorte meint, man solle eben die Alarmtrommel weiter schlagen, bis alle Ochsen und Esel trotz alledem und alledem, wenn auch nicht gerade zu Uebermenschen, so doch aus der Untermenschlichkeit in eine humanitäre Mittel- mässigkeit hinein hypnotisiert seien. Mit der letzteren Ansicht muss ich mich wohl oder übel befreunden, und so versuche ich es eben, den Nürnberger Trichter immer und immer wieder anzusetzen, bis — na, bis mir eben die Puste so oder so ausgeht. Meine Näher- stehenden sollten mich aber dabei nicht gar so in- different behandeln, wie sie es durchschnittlich ton. Denn, sagt Schiller, ein Bauer — in diesem Falle ist das eine Anspielung auf mich — ist auch ein Mensch — „sozusagen".

Autorität und Sadismus.

Han s Ri o nennt sich der Verfasser, der eine lesenswerte Schrift über den Sadismus in der deut- schen Armee geschrieben hat. Sie bietet nichts neues, ist aber sehr anregend, denn wenn es sich bisher um blosse Vermutungen handelte, so findet man jetzt in dem Werk so ziemlich die Bestätigung. Klar und deutlich spricht dasselbe die Ansicht aus, dass die entsetzlichen und willkürlich verhängten Grausamkeiten, die in der deutschen Armee durch Vorgesetzte an Untergebenen ausgeübt wurden, nicht nur dem augenblicklichen Jähzorn entspringen, durch strenge Einhaltung der Disziplin etwa veranlass warden, dass sie hingegen einfach die Frucht anti- sozialer Neigungen wären, die sich in jenen Offizieren

*)

Bot,

weiss

und

Staaten-Flagge.

blau,

die

Farben

der

Ver.

159

und Vorgesetzten

verdichten

und

von

der Wissen-

schaft

mit

dem

Namen

Sadismu s

belegt

worden

sind.

Das ist eine um so schrecklichere Erkenntnis, wenn man bedenkt, dass gerade die Institution des Militarismus das einzelne Individuum vollständig dem Machtgebot des Höheren, des Vorgesetzten, unter- wirft und diesem, falls sadistische Tendenzen in ihm latent, alle Möglichkeiten zu deren Entfaltung direkt in die Hände spielt. Sadismus nennt die Wissen- schaft jene sexuell - psychopathologische Wollust- empfindung, die durch den Anblick der einem Indi- viduum verursachten oder beigebrachten Schmer- zen in dem Verüber erregt wird. Ein Stück- chen Sadismus, gleichwie ein Stückchen menschlicher Bestie, lebt wohl in fast jedem Menschen; gefährlich ist es aber nur da, wo es zur sinnlichen, resp. sexuell- sinnlichen Sehnsucht und Erfüllung wird. Solche Menschen sind gefährlich, denn ihr perverser Ge- schlechtstrieb wirkt so mächtig auf sie ein, dass sie mit aller Macht nach Paarung drängen und, wo dies nicht angeht, sich ihre Opfer suchen. Und gerade die Fälle, die von geradezu wahnsinnig perverser Grausamkeit gegenüber gemeinen Soldaten zeugten, gar nicht zu sprechen von jenen Fällen, die nie das Licht das Tages erblickten, von den ganz eigentüm- lichen Züchtigungen, hei denen der Vorgesetzte zu- gegen, den Entkleidungen, die alle Intimitäten des menschlichen Körpers entblössen, was zur Züchtigung keineswegs unbedingt nötig wäre — es ist sicher, dass hier sich eine zügellose sexuelle Leidenschafts- summe austobte, deren grässlicher Abgrund das menschliche Gefühl erschaudern lässt.

Jedoch uns interessiert weniger die wissenschaft- liche Erörterung des Sadismus als vielmehr die Vor- bedingungen seiner Entwickelung. Da dringen wir weit tiefer, als andere es tun. Uns genügt nicht eine blosse Abänderung des Militarismus, des von demselben gestützten Systems, eine Verallgemeinerung des Militarismus, etwa im Sinne der Miliz; alles dies genügt wohl den verschiedenen Sozialreformern, wird aber das Fundament des Ganzen, den Grund- stein nicht im entferntesten berühren. Denn das ge- samte Leben der gegenwärtigen Kulturmenschheit in sozialer, politischer, ökonomischer Hinsicht ist auf dem Prinzip der Autorität basiert, welches, solange es besteht, in welcher Form immer, sich sadistisc h äussern muss.

Keine Autorität ohne Macht. Macht ist der Lebensgeist jeder Herrschaft, diese selbst nur der Ausdruck des Vermögens der Machtentfaltung. Macht ist die Kraft, zu unterwerfen, zu beugen, und weil sie eine Kraft, besitzt sie das Verlangen, sich zu äussern, andere den Druck spüren zu lassen. Sie befriedigt nur, wenn sie erzwingen kann, und ihre Unersättlichkeit ist der Stachel, der sie zu immer neuen Eroberungen schreiten macht: grössere Macht, grössere Unterwerfung, da nur sie die stolze Selbst- bespiegelung der Macht ergeben. Und ohne Unterlass muss sie weiter eilen, muss immer mehr und stärker aasgeübt werden, soll sie nicht zusammenschrumpfen und ihre Lebenssäfte einbüssen; sie gleicht dem Magnet, dem man täglich grössere Stückchen Eisen hinhalten muss, damit er nicht alsbald seinen Magne- tismus einbüsst. Je stärker sie wird, desto rastloser peitscht sie die Leidenschaften des Menschen an, und war die Macht zuerst das leise Gebot der Pflicht oder die schwache Autoritätserzwingung, so endet sie doch früher oder später immer in brutalster Grau- samkeit.

Also ist Autorität eigentlich nichts anderes als Sadismus, resp. der günstigste Nährboden für diesen? Jawohl! — das ist die einzige Antwort, die eine Welt des Leids uns erteilt. Und wo immer wir hin- blicken, werden wir ihrer gewahr, können wir sehen, wie die alte Megäre das Tränkchen im Zauberkessel braut und es mit grinsender Fratze den „Auser- lesenen" kredenzt. Auf alle, alle hat der Trunk die- selbe Wirkung. Von oben, von der Spitze der Pyra- mide, bis hinab zu den breiten Ausläufern sehen wir die gleiche Tragödie: Zar oder reich gewordener Parvenü, Büttel oder wohlbesoldeter Antreiber in einer Fabrik, einem Geschäft, Herrscher der Industrie und zum Herrscher, Machtmenschen, gewordener Pro- letar; alle begannen sie als unerfahrene, mutwillige Jangen, die da .glaubten, dass die Autorität ein Spiel- zeug wäre, das man zum Wohle aller benützen und später achtlos zur Seite werfen könne, und endeten damit, dass in ihrem Herzen eine leidenschaftliche Flamme loderte, die sie verzehrte, und die sie doch niemals wieder zu löschen vermochten, denn das Spielzeug hatte Leben bekommen und ihnen von seinem Leben nur ein Fünkchen mitgeteilt; aber

160

D

e

r

frei e

Arbeit e

Nr. 40

dies

tanzte ihren Teu-

felinnen tanz und der Sadismus richtete sich bequem

ein

glühte

es ganz von selbst;

war schon genügend.

im

Busen

Nun

flammte

und

mit der Anhängerschaft des Blattes sehr schlecht be- stellt sein, wenn zu solchen Täusch uhgsmi11ein ge- griffen wird; nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch nennt man solches unlautere n Wettbewerb . Glücklicherweise kann hier aber der Staatsanwalt nicht eingreifen, denn es muss wohl erst Antrag ge- stellt werden, ferner haben die Parteimarken den gesetzlichen Musterschutz noch nicht erhalten. Zum Heile des Marxismus werden nun Mohl bald im Par- lamente diese Nachteile beseitigt werden; denn was eine anerkannte regierungsfähige, staatserhaltende Partei ist, hat mindestens auch das Recht des

so will es der

des Schutzes ihrer Kapitalien, denn

Paragraph des Bürgerlichen Gesetzbuches über den unlauteren Wettbewerb. Es ist überhaupt eine histo- rische Tatsache, dass Sozialdemokratie, Staat und

Kirche zusammenhalten, wo es sich um Unterdrückung von Individualität, revolutionärer Tendenz und An-

archismus handelt.

in

A.

3,00

E.

M.

Hannover

1,00

C.

G.

in

T.

die Autorität

^ 0 0

P.

F.

Berlin

N.

0,50

A.

R.

Dussel-

dorf 2,00

J.

R.

Pforzheim

2,00.

 

Bei

mir

persönlich

gingen

in

derselben Zeit noch

folgende

Gelder

ein:

P.

F.

Breslau

28,40

A.

A.

H.

2,05 —

G.

R.

der Menschen.

Mutter und Söhnchen sind allmächtig geworden in unserer Zeit des Massenmordens, des Massenaus- beutens, des Massenopferns. Was die eine Übersieht, das entgeht dem anderen sicherlich nicht. So wüten sie innerhalb der Gesellschaft, und die dummen Menschen glauben, dass wenn sie das Kind mit dem hässlichen Antlitz töten, auch schon die Mutter, die Hässlichkeit, getötet wäre; Fataler Irrtum! Sie vergessen, wie fruchtbar der Schooss so manchen Weibes, und keines ist fruchtbarer, lebenspendender gegenüber seiner Sippe als Frau Autorität, die vor Blutschande niemals zurückschreckt. Und ihre Sprösslinge werden immerdar die gleichen sein:

Macht, Missbrauch der Macht, Freude am Missbrauch, inbrünstige Sehnsucht nach Gewahrwerdung der schmerzlichen Folgen jedes Missbrauchs der Macht — Sadismus .

Darum ist der Sadismus des Militarismus nur eine einzige Phase des sozial-ökonomischen und poli- tischen Sadismus unseres Zeitalters, der fröhlich seine Satnrnalien begeht. Das Prinzip der Autorität unterliegt allen Funktionen des Staates und führt von selbst zur Gewalt. Gin Schritt weiter, und man gelangt zur Freude an der Gewalt um der Gewalt selbst willen, und nichts anderes als dies ist der Sadismus. Der verhängnisvolle Irrtum, dem die meisten Menschen verfallen, wenn sie den "Staat günsti g beurteilen , ist , dass sie glauben , es Bei möglich, dass sozial-politische oder ökonomische Macht auch einmal gut und richtig angewandt werden könne. Leider oder glücklicherweise ist dem nun nicht so; Thomas Paine sprach die Wahrheit, als er sagte:

„Die Macht ist eine Sache, die niemals g e braucht, wohl aber immer m i s s braucht werden kann." Und man darf getrost hinzufügen, dass die Macht immer missbraucht worden ist, und auch künftighin werden wird, so lange es Menschen giebt, die ihr Leben und die gesellschaftlichen Lebensquellen anderen Menschen überantworten.

So ist der Sadismus des Militarismus ebenso „logisch" wie jener im alltäglichen produktiven Leben. Er ist nichts anderes als die konsequenteste Erfüllung des Autoritätsprinzips, welches die Grund- lage unserer Gesellschaft bildet. Eines nicht, dabei das andere ja wollen, das ist eine Absurdität. Die einzige Synthese, gegenüber der „Logik" der be- stehenden Gesellschaft, bildet der Anarchismus. Sein Ideal, die Anarchie, würde das Autoritätsprinzip auf- heben, indem sie dessen Funktionen und Institutionen zerstörte, die Autoritätsmacht — den Staat — ver- nichtete ; dadurch werden die Menschen befreit, es wird ihnen ermöglicht, rationelle und gegenseitig be- friedigende Vereinigungen und gesellschaftliche Ein- richtungen zu treffen, denn die Freiheit schafft die Befriedigung aller Bedürfnisse. Und solche Menschen der Freiheit, der ökonomischen Gleichheit sind keine Sadisten!

P.

R.

Polizei hilf uns!

Es ist entdeckt! Der Paragraph über den un-

lauteren Wettbewerb müsste gegen diejenigen ange- wendet werden, die es wagen, Unterstützungsmarken

herzustellen, die Aehnlichkeit demokratischen Partei haben. demokratischen Gesetzeskoller

gewöhnt,

Partei- und anderen Versammlungen die

schon

mit denen der sozial- Eine Portion sozial-

sind

wir

Jahr

in

ja

Vereins-,

denn

wenn

das

ganze

Zell

5,00

F.

Drescher

Görlitz

1,00

A

A.

H

1,40

A.

A.

H .

0 80

C.

G.

in

A.

8,65

F.

Drescher

Görlitz

4,05

H. M.

Mannheim

4,00 —

G.

R.

Zell

3,00

J.

in

W.

3,15 —W .

8.

in

A.

1.60

R.

Sch.

Weimar

1,60

A.

R.

Düsseldorf 2,00 —

E.

0 .

-

W.

S.

in

A.

1,75

A.

R. Düsseldorf

2,00

 

G.

in

T.

2,00.

 
 

Pau l

Flauböge .

 

Dresden

 

Lese-

und

Diskutier-Klub

„Liberté"

 

Jeden

Montag

9 Uhr

im Volksbaus,

Ritzenbergstrasse,

 

Versammlung .

Gäste

willkommen.

 

Anarchisten!

Dienstag,

den

18.

Oktober

Oeffentliche

Sozialisten!

abends

9% Uhr

Volksversammlung

bei

1. Vortrag

Patt ,

Tagesordnung :

Herrschaft,

über

Dragonerstr.

15.

Volksherrschaft

Herrschaftslosigkeit.

und

2. Diskussion.

Um

zahlreichen

Besuch

bittet D e r

Einberufer .

Anarchistische Föderation Deutschlands.

Geschäftstelle: Paul Frauböse, Berlin , N. 58, Kopenhagenerstrasse 74. Genossen allerorts, die Versammlungen einberufen und Referenten wünschen, wollen sich stets diesbe-

züglich an die Geschäftsstelle der Föderation recht-

zeitig wenden.

Paul

Frauböse.

Dresden

und

Umgegend.

Bestellungen

und

Abonnements

Arbeiter"

nimmt entgegen:

auf

den

Pau l

Schade ,

Arnold-Strasse

Dresden-Altst. ,

14 IV.

„Freien

empfehlens-

und

die

à

10 Pf.

 

und

Generalstreik

 

Vortrag .

 
 

Preis

10

Pf.

Joh n

Henr y

Mackay :

 

Die

Anarchisten.

 

Neue

definitive

Ausgabe.

Preis

3

M.

Arthu r

Mülberge r

:

P.

J.

Proudhon,

Leben

und

Werke.

 

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brosch.

2

80

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geb.

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Roll e

de s

Staates .

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dem Sozialist (56 Seiten). Preis 20 Pfennige. D e r Londone r Kongress . Zur Beleuchtung der Vorgänge auf demselben. (70 Seiten.) Preis 15 Pf D i e revolutionär e Bewegun g i n Russland . Historische Skizze von M. Nacht . (16 Seiten.) Preis 10 Pf.

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D a s

Dr.

Ma x

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(16 Seiten.)

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schwörung .

Von

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e.

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Die Anarchie.

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Berlin

SO.26,

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(16 Seiten.)

E.

B.

Disziplin - Knute.

Herr Brand, der den Kampf mit dem Kaplan Herrn Dasbach führt, denselben der Lüge und der Knabenliebe beschuldigt, hielt eine öffentliche Ver- sammlung ab, wozu er nicht die Erlaubnis der Partei- bonzen eingeholt hatte. Dieses wäre ja nicht das Schlimmste, wenn er diesen Fehler seiner Selbst- ständigkeit durch Lobhudelei der grossen Partei hätte gut gemacht. Jedoch das Gegenteil geschah durch die Behauptung, dass die Sozialdemokratie sich über die Aufhebung des Paragraph 175 der den homo- sexuellen Verkehr bestraft, nicht einig sei, weil sie es mit dem Zentrum nicht verderben wolle, da beide Parteien bei den Wahlen Kompromisse schliessen. Dieser Kuhhandel ist ja allgemein bekannt, er ist sogar programmässig durch „Religio n bleib t Privatsache " festgelegt. Bei den Landtags- wahlen giebt es überhaupt keinen anderen Weg. Weil nun Herr Brand diese Tatsachen ausgesprochen hat, schreibt der Vorwärts: Nach den Ausführungen hört Herr Brand auf, Genosse zu sein, trotzdem er dem Wahlverein angehört. So schafft, wie ja an tausenden Fällen bekannt, der tönerne Koloss Sozial- demokratie sich Einigkei t un d Ruhe . Strenger besteht in Russland keine Zensur, und mehr als ver- bannt, boykottiert kann auch dort niemand werden, und ein administrativerer Strafvollzug existiert dort auch nicht. Ein Pfui über russische Zustände, aber

ein hundertfaches Echo über eine sogenannte Arbeiter-

partei!

E.

B.

Durch

unseren

Verlag

sind

folgende

 

werte

Schriften

zu

beliehen :

Jea n

Grave :

 

Die Verhandlung

 

Die

sterbende

Gesellschaft

 

Anarchie.

gegen

unseren Redakteur,

Genossen

Ruegg ,

die

für

Soebe n

erschienen .

Freitag,

den

7.

Oktober,

anberaumt

war,

ist

vertagt

worden.

 
 

Bekanntlich

handelt

es

sich

um

die

Wieder-

gabe

des

Bordell-Reglements

für

russische

Junker.

Dasselbe

war

einer

Berliner

literarischen

Wochen-

schrift,

dem

„Neuen

Magazin",

entnommen.

Da

diese

gleichfalls

unter

Anklage

gestellt

ist,

wird

die

Verhandlung

gegen

beide

Blätter

gleichzeitig

stattfinden.

Anarchistische

Föderation

Deutschlands

Geschäftsstelle :

Str.

Beschwerdekommissions-Adr. :

Pau l

74 IV.

Frauböse ,

Berlin

N .

58,

Dr.

F.Meier ,

Das Werk erscheint

kompl.

in

Erschienen

sind

Dr.

R .

Friedeberg :

22 Lieferungen

u.

Heft

I

II.

Parlamentarismus

Gesetzes- Kopenhagener

mühle gedreht wird, dann hört man zuletzt auf das Geknarre nicht mehr; oder es muss zur Abwechslung einmal wieder ein ordentlicher Quietschton heraus- kommen, wie es kürzlich durch den berühmten „Vorwärts" geschah. In Berlin erscheint eine Zeit- schrift, genannt „Der Kampf", die redigiert wird von Herrn Senna Hoy, ein Blatt mit individueller, auf allgemeinem Menschenrecht fassender Tendenz. Jedoch, wie das nun einmal nicht anders sein kann, gehört zu jedem Unternehmen etwas Geld. Dieses Etwas wird nun auch hier durch Agitation und durch Samm- lungen zusammengebracht. Sehr schwer wird es diese Broschüren herauszugeben, resp. etwas dabei herauszuschlagen, da meistens die Polizei der grösste Liebhaber davon ist und diese Bücherchen sich noch unter dem Selbstkostenpreis aneignet. Also diese Bons sehen denen der sozialdemokratischen Partei sehr ähnlich. Nun meint der „Vorwärts; Es müsse

Verantwortlich

für

Redaktion

Gablenberg b. Stuttgart, Neue Str. 22.

Vom 1. Mai bis 30. September 1904 gingen bei der Geschäftsstelle der Föderation folgende Gelder ein:

0,50

M.

H.

A.

München

5,00 —

A.

H.

1,00

U.

A.

v.

A.

B.

H .

G.

S.

Frankfurt a. M. —

H . St.

1,00

P.

B. Zell

in

F.

A.

0,90

Berlin

N.

1,00

J.

in

W.

1,00

Berlin N.

0,60 —

J.

W.

Berlin

C. 0,75

2,00 —

E. Th .

Berlin

SO.

1,25

W.

F. Dreschet

Görlitz

1,00

A.

A.

H.

1,00 —

A.

H.

in

V.

1,50

J.

B.

Niederschöneweide

0,40

G. A.

in

K.

0,50

U.

v.

B.

Frankfurt

a. M.

0,51

S.

B.

Köln

2,00

J.

in

W.

2,00 —

R.

Sch.

Weimar

1,00

P.

F.

Breslau

8,00

0.

K.

Wismar

2,00 —

0.

L.

Leipzig

15,00 —

.Dresdener Innung*

1,00 —

K.

N.

in

Aa.

0,70

E.

0.

2,00

G.

R

Zell

2,00

G.

H.

Derendorf 8,00

L.

B.

Stuttgart

2,00

H.

St.

Berlin

N.

0,50

A.

A.

H.

0,50

J.

K.

Ludwigshafen

1,00

W.

S.

in

A.

0,25

J.

W.

Berlin

C. 0,50

E.

Th.

Berlin

SO.

8,75

G.

D.

Berlin

80 .

1.

Marka 0,65

A.

A.

H.

1,00

— W.

S.

und

Verlag:

H.

Ruegg,

Berlin.

Druck:

F.

Kindler,