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Thomas Mann

ESSAYS I

1893 1914

text

Herausgegeben und textkritisch durchgesehen von Heinrich Detering unter Mitarbeit von Stephan Stachorski

kommentar

von Heinrich Detering unter Mitarbeit von Stephan Stachorski

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2002

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DIE LÖSUNG DER JUDENFRAGE

Ich bin, entgegen einer bestechenden Hypothese des Herrn Adolf Bartels, kein Jude und stelle, obwohl der große germa- nische Lyriker und Literaturhistoriker das als »höchst wahr- scheinlich« bezeichnet, keine jüdische, sondern nur eine ro- 5 manische Blutmischung dar. Immerhin habe ich weder Recht noch Lust zu irgendwelchem Rassen-Chauvinismus, bin, wenn auch sonst mit ganz zweifellosen Überzeugungen nicht sehr reich gesegnet, ein überzeugter und zweifelloser »Philosemit« und glaube steif und fest, daß ein Exodus, wie die Zionisten 10 von der strengen Observanz ihn träumen, ungefähr das größte Unglück bedeuten würde, das unserem Europa zustoßen könnte. Diesen unentbehrlichen europäischen Kultur-Stimu- lus, der Judentum heißt, heute noch, und zumal in Deutsch- land, das ihn so bitter nötig hat, in irgendeinem feindseligen 15 und aufsässigen Sinne zu diskutieren, scheint mir so roh und abgeschmackt, daß ich mich ungeeignet fühle, zu solcher Dis- kussion auch nur ein Wort beizusteuern. Man verzeihe es dem Novellisten, wenn er in der Judenfrage zunächst einen persönlich-menschlichen Konflikt, ein rein 20 psychologisches Problem erblickt – und zwar eines von höch- stem Reiz. Überall als Fremdling kenntlich, das Pathos der Ausnahme im Herzen, stellt der Jude eine der außerordentli- chen Daseinsformen dar, die sich, in einem erhabenen oder anrüchigen Sinne von der gemeinen Norm ausgezeichnet, aller 25 human-demokratischen Nivellierung zum Trotz, inmitten des bürgerlichen Lebens erhalten. Das ist das seelisch Entscheiden- de. Alle Kontraste und Kompliziertheiten seines Wesens, Frei- geisterei und revolutionäre Neigungen einerseits und perver- ser Snobismus andererseits, Sehnsucht, sich den Regelrechten 30

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zu »assimilieren« und Stolz des Vereinzelten, zähes Zusam- mengehörigkeitsgefühl und abtrünniger Individualismus, Frechheit und Unsicherheit, Zynismus und Sentimentalität, Schärfe und Schwermut und was noch alles – sind Ergebnisse 5 seiner Außerordentlichkeit; nicht zuletzt seine ärgerlich häu- fige Überlegenheit im Wettstreit innerhalb der Berufe, die ihm zugänglichsind.Voltaireäußerteeinmal:»Übrigensistesnicht schlecht, wenn man einen Fehler gutzumachen hat. Es ver- pflichtet zu großen Anstrengungen, um die Öffentlichkeit zur

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Achtung und Bewunderung zu nötigen.« Das ist ganz klar. Überall wo es sich um Wettstreit handelt, ist man gegen die korrekte und darum bequeme Mehrzahl nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr als sie zu ungewöhnlichen Leistungen hat.

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Sie haben, Herr Doktor, Ihre Rundfrage nicht nur an Sozi- alpolitiker, sondern auch an Künstler und Schriftsteller gerich- tet und dürfen sich also nicht wundern, wenn sie Ihnen gele- gentlich en artiste beantwortet wird. Ein Künstler wird seiner eigenen Natur nach nicht sehr aufrichtig den allgemeinen hu-

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manen Ausgleich von Konflikten und Distanzen wünschen können; er wird geneigt sein, in allen denen seine Brüder zu sehen, von welchen das Volk betonen zu müssen glaubt, daß es »schließlich–auch«Menschen sind. Um dieser Verwandtschaft willen wird er sie lieben und ihnen allen den Stolz, die Liebe zu

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ihrem Schicksal wünschen, deren er selbst sich bewußt ist. Wenn Sie mir aber zureden, mich als ernsthafter Mann zur Sache zu äußern, so bin ich immerhin in der Lage, noch fol- gendes vorzubringen. Ich glaube, daß die »Judenfrage« nicht gelöst werden wird,

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nicht von heut auf morgen, nicht durch ein Zauberwort, heiße es nun Assimilation, Zionismus oder wie immer, sondern daß sie sich selber lösen – sich wandeln, entwickeln, auflösen und

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eines Tages, der in unseren Gegenden nicht gar fern zu sein braucht, einfach nicht mehr existieren wird. Die Förderung der jüdischen Angelegenheit hängt, scheint mir, unzertrennlich mit dem allgemeinen kulturellen Fortschritt zusammen, und wenn die Frage in Rußland heute noch ein so viel blutigeres 5 und schrecklicheres Antlitz zeigt als bei uns, so scheint mir das einfach daran zu liegen, daß Rußland im ganzen der Barbarei noch viel näher ist als unsere westliche Hälfte Europas. Gefragt, mit welchen der vorhandenen Vorschläge zur Lö- sung oder Förderung des Judenproblems ich am meisten 10 sympathisiere, würde ich mich zur »Assimilation« bekennen – wenn auch in einem anderen, allgemeineren Sinne als dem üblichen. Ich meine nämlich, daß es weniger auf die Nationa- lisierung (das Aufgehen in den verschiedenen Nationen), als zu- nächst auf die Europäisierung des Judentums ankommt – gleich- 15 bedeutend mit einer Nobilisierung der zweifellos entarteten und im Ghetto verelendetsten Rasse: einer Wiedererhöhung und Veredelung des jüdischen Typus, die ihm alles für gute Europäer Abstoßende nehmen würde und die allererst zu er- streben ist. Wenn es damit heute noch sehr im argen liegt, 20 wenn das Ghetto dem Juden heute noch in den Augen, dem Nacken, den Händen und zutiefst in der Seele sitzt, so ist das durchaus kein Wunder, denn es ist offenbar fehlerhaft, bestän- dig auf die »zweitausendjährige Diaspora« hinzuweisen und daraus einen Mangel des Judentums an Anpassungsfähigkeit 25 abzuleiten. Die zweitausend Jahre schimpflicher Abgeschlos- senheit sind nicht mitzurechnen, die Möglichkeit der Europäi- sierung ist seit kaum 100 Jahren vorhanden – eine kurze Zeit, die vielleicht genügt, ein Reichsdeutscher, aber nicht, um ein Europäer zu werden. Es besteht schlechterdings keine Not- 30 wendigkeit, daß der Jude immer einen Fettbuckel, krumme Beine und rote, mauschelnde Hände behalte, ein leidvoll-un-

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verschämtes Wesen zur Schau trage und im ganzen einen fremdartig schmierigen Aspekt gewähre. Im Gegenteil: der Ty- pus des Juden, »wie er im Buche steht«, des fremden, physisch antipathischen Tschandala ist eigentlich schon recht selten 5 geworden, und unter dem wirtschaftlich bevorzugten Juden- tum gibt es heute schon junge Leute, die bei englischem Sport und unter aller Gunst der Bedingungen erwachsen, ohne ihre Art zu verleugnen, doch einen Grad von Wohlgeratenheit, Ele- ganz und Appetitlichkeit und Körperkultur darstellen, der je-

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dem germanischen Mägdlein oder Jüngling den Gedanken ei- ner »Mischehe« recht leidlich erscheinen lassen muß. In der Tat wird die Mehrung der Mischehe von der Hebung und Euro- päisierung des jüdischen Typus abhängig sein; und was die Taufe betrifft, so ist ihre praktische Wichtigkeit offenbar nicht

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zu unterschätzen. Jakob Fromer, der ein glänzendes Beispiel persönlicher Entwicklung vom chassidischen Ghetto-Juden zum europäischen Menschen gab, hat hoffentlich recht, wenn er sagt, daß orthodoxes Judentum in seiner vollen Strenge bei uns im Grunde nirgends bestehe; und hat also auch recht, dem

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gebildeten Juden zu empfehlen, er möge wenigstens seine Kin- der durch die Taufe aus der Gemeinschaft, der er geistig doch nicht mehr angehört, in die große Gesamtheit hinüberführen. – Die Zivilisierung Europas, die Entmutigung feudaler Vorur- teile, an der mit soviel Fleiß und Witz gearbeitet wird, muß das

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ihre tun, und sie ist gleichbedeutend mit einer beständigen Ermutigung, einer fortwährenden politischen, bürgerlichen, gesellschaftlichen, persönlichen Hebung und Nobilisierung des Juden. Es ist heute schon möglich, vom Adel und doch ein moderner Mensch zu sein; es wird nicht lange mehr unmög-

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lich scheinen, ein Jude und doch an Leib und Seele ein vorneh- mer Mensch zu sein. Die Ebenbürtigkeit, in drei Generationen nicht zu erreichen, wird sich zweifellos eines Tages hergestellt haben

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Um es noch einmal zu sagen: Die Judenfrage ist eine Frage der allgemeinen kulturellen Entwicklung. Wir werden sie nicht lösen, als Sonderfrage nicht bündig beantworten. Wir arbeiten an ihr, indem wir, jeder nach seiner Art, der Gesittung dienen.

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DIE LÖSUNG DER JUDENFRAGE

Entstehungsgeschichte Der Text antwortet auf eine 1907 durchgeführte Rundfrage des in Berlin lebenden Arztes, sozialdemokratischen Politikers und Publizisten Julius Moses ( 18681942 ) und erschien als einer von hundert Beiträgen (u. a. von Adolf Bartels, Eduard Bernstein, Ma- xim Gorki, Rainer Maria Rilke, Richard Schaukal und Johannes Schlaf) in dem von diesem herausgegebenen Sammelband Die Lö- sung der Judenfrage: Eine Rundfrage. Moses hatte an zahlreiche Intel- lektuelle, darunter entschieden antisemitische ebenso wie jüdi- sche, ein mehrseitiges Rundschreiben zur Lage der europäischen Juden gerichtet, an dessen Ende die Fragen standen: » 1. Worin besteht nach Ihrer Anschauung das Wesen der Judenfrage? 2. Glauben Sie, daß das Judenproblem ein für alle Länder gleiches Problem ist oder glauben Sie, daß die Judenfrage in den verschie- denen Ländern auch eine verschiedene Lösung erheischt? 3. Worin besteht nach Ihrer Anschauung die Lösung der Judenfrage? 4. Wenn Sie für die verschiedenen Länder eine verschiedene Lö- sung der Judenfrage für nötig erachten, worin besteht diese Lö- sung der Judenfrage a) für Deutschland b) für Rußland?« Von den möglichen Lösungsvorschlägen brachte das Anschreiben die fol- genden in Erinnerung (hier zusammengefasst nach E I, 338f.):

1. Assimilation durch Taufe und Mischehe, 2. »Fortentwicklung« der Juden nicht als »Rasse«, sondern ausschließlich als Konfession, und 3. NationaleSelbständigkeitdurchpartielleSelbstverwaltung in den jeweiligen Heimatländern oder durch Errichtung eines Judenstaats in Palästina. Ausgangspunkt für Thomas Manns Argumentation ist hier wie dannindenbeidenBriefen [AndieRedaktionder»Staatsbürger-Zeitung«] (Textband S. 345ff.) ein persönlicher Bezug: die in mehreren Publi- kationen des antisemitischen Literarhistorikers Adolf Bartels ver- tretene Auffassung, Heinrich und Thomas Mann seien jüdischer

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Herkunft, und sein Versuch, Person und Werk der Brüder mittels

antisemitischer Stereotypen zu denunzieren. Bartels ( 18621945 ) war neben Friedrich Lienhard (vgl. Notizen [II], Textband S. 211 ) ein programmatischer Hauptvertreter der »Heimatkunst«-Bewe- gung. Erklärtes Ziel seiner vielgelesenen völkisch-chauvinisti- schen und antisemitischen Schriften war es, den Rassegedanken der Jahrhundertwende in die deutsche Literaturgeschichte ein- zuführen. Neben Erzählungen, Gedichten und Dramen hatte das nachmalige Ehrenmitglied der NSdAP bis 1907 eine Reihe anti- semitisch geprägter literaturgeschichtlicher Überblicksdarstel- lungen veröffentlicht; seine gesammelten Aufsätze zur nationalen Weltanschauung erschienen 1909 unter dem Titel Rasse. In seinem zweibändigen Handbuch zur Geschichte der deutschen Li- teratur. Leipzig 1906, hatte Bartels die deutsch-kreolische Abstam- mung Heinrich und Thomas Manns hervorgehoben und hinzu- gefügt: »doch wohl kaum ohne jüdische Blutzumischung« (S. 744 ). Hier wie in den meisten seiner völkisch-antisemitischen Schriften steht das »Judentum« in engster Korrelation mit Effe- minierung und »Dekadenz« gegen ein »gesundes« und »männli- ches Deutschtum«. Neben Autoren jüdischer Herkunft, darunter Schnitzler und Wassermann, werden hier, wie schon in früheren Publikationen, auch die Brüder Mann genannt: »Juden scheinen mir auch die Gebrüder Mann aus Lübeck zu sein, Heinrich Mann

die lösung der judenfrage

.], doch haben sie selber nur

eine kreolische Blutmischung zugegeben.« Thomas Mann habe »gewissermaßen Freude am Verfall, wie er denn in seinem Roman [Buddenbrooks] unbedingt für das jüdische Halbblut gegen die alte

patrizische Familie Partei nimmt. Ja, er fällt unter dem Einfluß des ›Simplizissimus‹-Geistes – er ist oder war Redakteur des ›Simpli-

zissimus‹ – geradezu aus der Rolle und hat uns Deutschen

Grunde nichts zu bieten.« Der Simplicissimus sei, so fügt Bartels, immer noch mit Bezug auf Thomas Mann, hinzu, »die reinste

Inkarnation des Geistes des Judentums

.] und Thomas Mann (geb. 1875 )

.] im

.], zumal der schlecht

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Thomas Manns Antwort an Moses ist seine erste und auf einige Jahre umfangreichste Auseinandersetzung mit dem, was Moses – mit einem seinerzeit nicht abwertenden Begriff – die »Judenfrage« genannt hatte. Während in früheren Beiträgen dort, wo antise- mitische Polemik erwünscht war, entsprechende Untertöne eher ironisch-zweideutig blieben (vgl. Zu Thomas Manns Mitarbeit an »Das

Zwanzigste Jahrhundert«, hier S. 3035 ), handelte sich der Verfasser von Wälsungenblut ( 1906 ) den Vorwurf ein, eine »heftig ›antisemi- tische‹ (!) Novelle geschrieben« zu haben, »in der ich die Familie

meiner Frau fürchterlich compromittirte.

velle im Geiste an und fand, daß sie in ihrer Unschuld und Un- abhängigkeit nicht gerade geeignet sei, das Gerücht niederzu- schlagen.« (An Heinrich Mann, 17. Januar 1906 ; GKFA 21, 340 ; vgl. hier Ein Nachwort mit Kommentar, hier S. 130.) Die Ambivalenz von erklärtem »Philosemitismus« und der Fortdauer antisemitischer Stereotypen, von Distanzierung und Identifikation bestimmt das Verhältnis des jungen Thomas Mann zu Juden und Judentum weithin. In der unmittelbaren zeitlichen und literarischen Nachbarschaft zum vorliegenden Essay wird die Beobachtung der Stigmatisierung eng mit seiner doppelten Au- ßenseiterrolle als Künstler und als homoerotisch empfindender Mann verknüpft. Nachdem Thomas Mann schon in der ersten Auseinandersetzung mit Heine dessen jüdische Herkunft gegen die bloß äußerliche Übernahme des Protestantismus und des Vor- namens »Heinrich« verteidigt hatte (vgl. Heinrich Heine, der »Gute«, 1893, Textband S. 21ff.), resümierte er die im vorliegenden Essay betonte »Verwandtschaft« von Künstler- und Judentum wenig späterimBegriffdes»Künstlerjude[n]«(inder NotizüberHeine, 1908, Textband S. 187 ). Auch die Bestimmungen des Künstler-Außen- seitertums, die Tonio Kröger gegenüber Lisaweta Iwanowna vor- bringt, sind mit den hier aufgegriffenen Stereotypen des Juden- tums zeitweise geradezu deckungsgleich (GW VIII, 297305 ); zu- gleich analogisiert Tonio die Lebenssituation des Künstlers mit derjenigendessexuellenAußenseiters(GWVIII, 296f.;vgl.auchdie

.] Ich sah meine No-

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Verbindung von Künstlerexistenz, jüdischer und weiblicher Stig-

matisierung in Gabriele Reuter, Textband S. 67, mit Kommentar, hier S. 84 ). Die in der Othello-Passage des Versuchs über das Theater geschil-

derte »Ausgeschlossenheit

(Textband S. 155 ) verbindet den dort skizzierten Modellfall mit

mehreren Figuren des Romans Königliche Hoheit, an dem Thomas

Mann um diese Zeit arbeitete und in dem auch diese Formel wieder auftaucht. Auf die Frage nach seinem Judentum antwortet darin der jüdische Arzt Dr. Sammet mit dem verallgemeinernden Hinweis auf »Ausnahmen und Sonderformen«, die »in einem erha- benen oder anrüchigen Sinne vor der bürgerlichen Norm ausge-

.] Man ist gegen die regelrechte und darum be-

queme Mehrzahl nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr, als sie, zu ungewöhnlichen Leis- tungen hat.« (GW II, 31f.) Diese Formulierungen sind wörtlich übernommen aus dem zweiten Absatz des vorliegenden Essays. Zu den »Ausnahmen« gehört im Roman auch der missgebildete Prinz Klaus Heinrich selbst, der wie Sammet als ein »Sonderfall von Geburt« erscheint (GW II, 237 ). Diese und weitere Figuren unter dem Aspekt der Stigmatisierung zusammenfassend, bekennt der Prinzenerzieher Raoul Überbein (in einem wiederum an Formu- lierungen des vorliegenden Textes anklingenden Satz), er »liebe die mit der Würde der Ausnahme im Herzen, die Gezeichneten, die als Fremde Kenntlichen, all die, bei deren Anblick das Volk dummeGesichtermacht«(GWII, 86 ;vgl.den Kommentar zu [Über »Königliche Hoheit« II], hier S. 347f.). Auch Thomas Manns hier formulierte Ablehnung eines »Ras- sen-Chauvinismus« kehrt in anderen Texten wieder. So pole- misiert er in den Notizen zu Geist und Kunst gegen »Literarisches Deutschthum«, die »chauvinistische Mode in der Dichtung« ( 98. No- tiz;GuK, 204 )undden »unanständige[n]Antisemitismus«Bartels’ und Carl Busses ( 86. Notiz; GuK, 197 ); in Chamisso ( 1911 ) wird er fragen, ob »Wir Heutigen« nicht den Glauben »an Rasse und Blut .] vielleicht bis zum Aberglauben übertreiben«, und sich dem

zeichnet sind.

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.] von der Bummelei des Glücks«

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»Druck einer allgemeinen Devotion vor der bindenden Macht des Blutes« zu entziehen suchen (Textband S. 313 ). Zugleich hat Thomas Mann auch über den vorliegenden Text hinaus wiederholt auf seine und seines Bruders »Zuthat romani- schen Bluts« hingewiesen, die »uns vor solchen Albernheiten (ob- gleich wir der Zeit unseren Tribut gezollt haben) im Ganzen be- wahrt« habe. ( 28. Notiz zu Geist und Kunst; GuK, 168 ; Übernahme aus dem 9. Notizbuch; Nb. II, 183 ) Dieselbe »Blutmischung« be-

tont er auch in den Briefen [An die Redaktion der »Staatsbürger-Zeitung«] (Textband S. 345ff.) sowie in den Essays über Fontane ( 1910, Text- band S. 244 ) und Chamisso ( 1911, Textband S. 305330 ); vgl. auch das Vorwort zu einem Roman ( 1913, Textband S. 389395 ). Andererseits legt er ebenso wiederholt Wert darauf, dass seine Texte nicht der Perspektive eines assimilierten jüdischen Autors zugeschrieben werden sollten. So stellt er sich in der 10. Notiz zu Geist und Kunst einerseits gegen die »Litteraturfeindschaft de[r] Deutschen« auf die Seite des »jüdische[n] Geist[es]« (mit dem Zu- satz:»VolkdesBuches«;GuK, 157 ),setztaberandererseitsinder 11. Notiz hinzu: »Gott Lob, daß ich kein Jude bin. Man würde sonst sofort sagen: Natürlich, drum auch!« (GuK, 158 ; vgl. Nb. II, 174 ); im Brief [An die Redaktion der »Staatsbürger-Zeitung« II] (Textband S. 347 ) fragt er: »was wäre der Roman ›Buddenbrooks‹, wenn er von einem Juden herrührte? Ein Snob-Buch.« Thomas Manns karikierende, auch in Relativierung und Ab- wehr noch drastisch denunziatorische Darstellung des »Ghetto- juden« (nicht notwendigerweise »Fettbuckel, krumme Beine und

.], ein leidvoll-unverschämtes We-

sen«, das »im ganzen einen fremdartig schmierigen Aspekt« biete), aber nicht minder auch assimilierter Juden, denen gönnerhaft eine relative »Appetitlichkeit« zugestanden wird und die Möglich- keit, »ein Jude und doch an Leib und Seele ein vornehmer Mensch zu sein« – diese Darstellung entspricht eigenartigerweise trotz des betonten Philosemitismus genau jenem antisemitischen Klischee, dessen Verwendung er Theodor Lessings Angriffen auf Lublinski

rote, mauschelnde Hände

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1910 vorwerfen wird. Ein Rückfall in überwundene Stereotypien oder doch der missglückte Versuch einer Parodie auf ein Zerrbild? (Vgl. Der Doktor Lessing, Textband S. 218224 ; auch hier bleibt zu- mindest in der Schwebe, inwieweit Thomas Mann seinem Gegner die Verwendung dieser Klischees grundsätzlich vorwirft und in- wieweit er sie allein gegenüber Lublinski für ungerechtfertigt hält.)

die lösung der judenfrage

Textlage Der Text erschien in dem von Julius Moses herausgegebenen

Sammelband Die Lösung der Judenfrage: Eine Rundfrage. Berlin/Leipzig 1907, S. 242246. Bereits kurz vor dessen Publikation wurde er unter derselben Überschrift auf der ersten Seite der Münchner Neu- esten Nachrichten vom 14. September 1907 vorabgedruckt (Vor-

abendblatt, 60.Jg.,Nr.

erscheinende Sammelwerk«). Noch am Erscheinungstag dieses

Vorabdrucks erhob Thomas Mann in einem Brief an den Redak- teur Emil Grimm Einspruch gegen zwei sinnentstellende Druck-

fehler: Ȇberall als Fremder kenntlich

der Novellist) eine der Daseinsformen dar etc.

weiter unten soll selbstverständlich nicht von einer Verlegenheit, sondern von einer Überlegenheit der Juden im beruflichen Wett- streit die Rede sein!« (Teilabschrift im TMA) Beide Druckfehler finden sich allerdings noch in der Buchfassung. In GW XIII ist nur der zweite, in ARE I sind beide korrigiert; dafür ist in beiden Wiederabdrucken im ersten Satz das Wort »bestechenden« ohne Not konjiziert zu »bestehenden«. Kurzke/Stachorski schließen sich, mit Hinweis auf die »für Thomas Mann unüblich reiche, geradezu kleistische Kommasetzung« des Sammelbandes der Fas- sung des Zeitungsartikels an (einschließlich »bestechenden«), kor- rigieren jedoch beide vom Verfasser monierten Druckfehler, »ob- wohl es sich zumindest bei der ersten [Stelle] wohl nicht um eine Fehlleistung der Setzer, sondern um ein Versehen Thomas Manns nicht ohne geheimen Sinn handelt – denn die aufgeführten Kenn-

.] stellt der Jude (nicht er,

.]

.] Und etwas

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zeichnungen des Judentums sind zugleich Kennzeichnungen des Künstlertums.« (E I, 339 ; ähnlich ARE I, 399) Dies aufnehmend, folgt der Text dem Zeitungs-Vorabdruck, berücksichtigt aber Thomas Manns Korrekturwünsche. 1931 wurde der Text zitierend erneut abgedruckt im Artikel Thomas Mann des 4. Bandes von Sigilla Veri. (Ph. Stauff’s Semi-Kürschner) Lexikon der Juden, -Genossen und -Gegner .]. Hg. von E. Ekkehard. 2., um ein Vielfaches vermehrte und verbesserte Aufl. o. O. [Erfurt] 1931.

Stellenkommentar

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3

Adolf Bartels] Vgl. hier zur Entstehungsgeschichte. In der Buch-

ausgabe: »Adolph«.

9

»Philosemit«] Vgl. den Brief an die Jüdische Revue vom 5. Oktober

1936

: »Es gibt zu verschiedene Juden, als daß ich mich einen Philo-

semiten nennen möchte. Der deutsche Antisemitismus aber, als Produkt und Zubehör eines rassistischen Pöbel-Mythus ist mir in der Seele zuwider und verächtlich.« (GW XII, 783 )

175

7

Voltaire äußerte einmal] Zitat aus Josef Poppers Monographie Vol-

taire. Dresden 1905, S. 252.

176

16 17 entarteten

Rasse] Der »Rassen«-Begriff changiert hier zwi-

schen dem rassistischen Diskurs der Jahrhundertwende und dem älteren, unspezifischeren Wortgebrauch (im Sinne etwa von »Menschenschlag«); vgl. auch den Kommentar zu Chamisso, hier S. 431f.

17

verelendetsten] Buchausgabe: »verelendeten«.

32

mauschelnde Hände] In Der Doktor Lessing ( 1910 ) wird eben dieses

Stereotyp als »verleumderisches Zerrbild« kritisiert, »wie es roher

und insipider unmöglich zu denken ist«. (Textband S. 219)

177

Tschandala] Vgl. Das Ewig-Weibliche, Textband S. 599 mit Kom- mentar.

4

14 Taufe] Vgl. dagegen die Kritik dieses Assimilationssignals in

Heinrich Heine, der »Gute« ( 1893, Textband S. 2217 und Kommentar).

15 Jakob Fromer] Der 1865 geborene, im Lodzer Ghetto aufgewach-

sene Schriftsteller, seit 1899 Bibliothekar der Jüdischen Gemeinde

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in Berlin, hatte am 18. April 1904 in Maximilian Hardens Zukunft einen pseudonymen Essay über Das Wesen des Judentums veröffent- licht (Buchausgabe 1905 ), in dem er entschieden für Assimilation eintrat. Als seine Autorschaft bekannt wurde, verlor er seine Bib- liothekarsstelle. Neben Arbeiten zum Talmud, zu Spinoza und Maimonides veröffentlichte Fromer den autobiographischen Be- richt Vom Ghetto zur modernen Kultur. Eine Lebensgeschichte ( 1906, Neu- ausgabe 1912 unter dem Titel Ghettodämmerung).

177 2324 Entmutigung feudaler Vorurteile] Ebenso wie die folgende Be- merkung eine Anspielung auf das Konzept des Romans Königliche Hoheit.

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