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VO, Theorie der Schule Barbara Schneider

24/4

Test: Dienstag im Mai (letzter Block), zweiseitiger Test; wichtig: Fachterminologie anwenden, Angemessenheit der Ausdrucksweise

Nächster Montag Block (Mai): Beginn erst 11.35 (pünktlich!)

8 Punkte im Studienplan – werden gestreift

Gesellschaftliche und pädagog. Funktionen der Schule

Schule ist eine Funktion der Gesellschaft.

Begriff: Gesellschaft? gemeint ist die moderne Gesellschaft – nicht Mittelalter z.B. Wann entsteht die moderne Gesellschaft? etwa um 1750 Grund: absolutistischer Staat denkt nach über Beschulung der Untertanen. Idee stieß auf Widerstand, wg. Informationsmöglichkeiten und Schriftenverfassung. Dennoch besteht die Tendenz Untertanen Schreiben und Lesen zu lehren – Aufklärung!

Aufklärung (Enlightenment): Lichtmetaphorik, Menschen sollen Denken lernen, Verknüpfung mit Bildung

Geht einher mit Wandlung des Menschen, seiner Selbsteinschätzung. Wandlung vom Untertan zum Bürger, dem Rechte zustehen. Der Mensch wird mündig. Gesellschaftliche Strukturen ändern sich. Bürger ist ein wichtiges Merkmal der modernen Gesellschaft.

Schule gibt es schon viel länger, beginnt mit der Praktik des Menschen sein Leben auf Lesen und Schreiben zu stützen.

Begriff: Funktion? gemeint ist die Dienstleistung, die Aufgabe. Das ist ein relativ abstrakter Begriff. Schule soll bilden! Aber was ist Bildung, im Unterschied zu Erziehung? Beide Begriffe gehören zu Schule.

Funktionen der Schule:

Reproduktionsfunktion: Menschen kriegen Kinder, was den Fortbestand der Gesellschaft sichert. Außer der biolog. Reproduktion gibt es noch den kulturellen. Kultur ist aber nicht nur zu verstehen als Hochkultur, sondern Wissensbestände aller Art (Techniken, Naturgesetze, Verfahren, methodisches, etc.). All das muss eine Gesellschaft reproduzieren, um nicht immer bei Null zu beginnen.

Sozialisationsfunktion: traditionelle Erziehung von Eltern (Mutter), Konfessionen (Kirchen), peer groups (Begriff aus Entwicklungspsych., Phase in der Adoleszenz, erwachsene Identität muss herausgebildet werden, Phase zw. 12-20, Loslösung aus der elterlichen Autoriät, Gleichaltrige werden wichtiger), Medien, Vereine, Arbeitsstätte, Schule!

Schule übernimmt Erziehung, die Familie nicht leisten kann. Der Stil der Erziehung ist ein anderer in der Schule. Wichtig: Hegel (Philosoph in Berlin, Nürnberg als Direktor eines Gymnasiums) – er führte Problematik der Erziehung auf: die Eltern lieben ihr Kind, weil es

ihr Kind ist; in der Schule ändert sich das. Der Lehrer liebt das Kind nicht als Individuum, sondern als Teil der Klasse und aufgrund seiner Leistung.

Selektionsfunktion: Schulsystem aller moderner Staaten liest aus – planmäßige Auslese! Rüttelsiebprinzip

Allokationsfunktion: bedeutet die künftige Positionierung des Menschen in der Gesellschaft – welchen Beruf kann der Mensch ergreifen? Es gibt eine Hitparade der Berufe – welche Berufe haben ein hohes Ansehen, welche nicht? Das ist oft verbunden mit dem Einkommen.

Legitimationsfunktion: wie bekommt der Staat das hin, dass ein Mensch mit geringer Qualifikation, der einen nicht so angesehenen Beruf ergreift mit geringem Einkommen, das akzeptiert? Das ist begründet mit Schulnoten. Das ist die gesellschaftliche Ordnung, widergespiegelt in der Schule. So wird diese Ordnung legitimiert.

Qualifikationsfunktion: Schule soll qualifizieren, soll relevante Wissensinhalte vermitteln, um in der Gesellschaft möglichst erfolgreich teilnehmen zu können. Wer nicht Schreiben, Lesen und Rechnen kann, ist in der modernen Gesellschaft verloren. So ein Mensch lebt vom Hörensagen – naive Lebensbewältigung, die unwürdig ist. Was sind denn nun die Kriterien, was sinnvoll ist in der Schule zu lehren? Stichwort PISA!

Begriff der Funktionen stammt aus den 60er Jahren.

Das moderne Schulwesen zeichnet sich durch Inklusion aus. Jeder muss beschult werden (allgem. Schulpflicht)! Ein weiteres Merkmal ist die Berechtigung. Die Qualifikationen sind unterschiedlich und berechtigen zu verschiedenen Dingen. Damit zusammenhängend ist der Begriff der Jahrgangsklasse. Mit dem Zeugnis am Jahresende erfolgt die Berechtigung zum Aufstieg in die nächste Klasse, Hochschulzugang, etc.

Sind diese Funktionen auch pädagogoische?

Schule muss sich damit auseinandersetzen, wie Lernprozesse stattfinden (Methodik!). Wie lernen Kinder eigentlich (Entwicklungspsych.!) im Unterschied zu Erwachsenen? Was ist Lernen? Was passiert im kognitiven und im Verhaltensbereich? Wie gestaltet man Lernprozesse effizient und effektiv?

Effizienz: mit möglichst wenig Aufwand viel Erflog erreichen Effektivität: das Ziel zu erreichen Operationalisierbarkeit: ein Lernziel so zu formulieren, dass es empirisch überprüfbar ist (Kontrolle des Lernziels)

Problem: wie benote ich? Kriterien? Pädagogische und gesellschaftl. Kriterien? Benote ich noch positiv, obwohl die Leistung mangelhaft, um den Schüler zu motivieren, weil er sich ein bisschen verbessert hat? Heikles Thema!

Parameter und Ansatzpunkte, Stand der Schulreform

Schulreform: klar, dass es Reformen im Schulwesen gibt. Das setzt voraus, dass es Schule gibt (historisch). Dahinter steht die Spannung zwischen dem Anspruch des Staates und dem Anspruch des Kindes.

Moderne Staaten unterscheiden sich grundlegend von Nationalstaaten der Geschichte. Staat ist ein artifiziell hergestellter Zusammenschluss, mit Staatsgebiet und Staatsvolk. Staat ist heterogen. Staat richtet Schule ein, um sich abzusichern, um Bestand zu haben.

Institutionalität: was ist eine Institution? Familie ist eine Institution, die eine besondere Dignität hat (Würde). Erweist sich dadurch, dass sie vom Staat geschützt ist (Beihilfen, Steuererleichterung, ….) Eine Familie ist auf Dauer gestellt, vom Prinzip her, real nicht mehr in dieser Weise. Prinzip der Dauer! Kirche ist eine Institution.

Interesse des Staates:

Institutionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie vom Staat eingerichtet sind, oder der Staat großes Interesse daran hat. Sie sind öffentlich. Es gibt Rechte und Pflichten. In der Schule gibt es die Schulpflicht, gleichzeitig hat jedes Kind ein Recht auf Schule. Daher werden Institutionen, wie Schule auch öffentlich diskutiert. Das zieht die Pflicht zur Transparenz nach. Jeder Bürger kann Einsicht nehmen in die Institution Schule. Das löst das Prinzip ab, dass jeder eine Schule aufmachen kann. Mit dem Prinzip der Transparenz ändert sich das. Das Prinzip der Kalkulierbarkeit ist eine Bestandteil der Transparenz. Es gibt normierte z.B. Lehrerausbildung.

Instituionen überdauern gesellschaftliche Veränderungen (Prinzip der Dauer!). Schulen müssen so eingerichtet sein, dass sie unabhängig vom Träger sind (Privatschule, z.B.). Einrichtungen müssen einheitlich sein, um Kalkulierbarkeit und Transparenz zu haben.

Interesse des Kindes:

Philanthropisten: Ende 18. Jhdt. in Deutschland, Pädagogische Bewegung. Leute, die gesehen haben, dass Schule in einer sich wandelden Gesellschaft eine notwendige Bedingung ist. Sie wollten auch Kinder partizipieren lassen, denen es von zu Hause aus nicht möglich war. Sie begründeten auf dem Land (Sachsen, Thüringen) Heime (Philanthropinen), in denen verarmte od. verwaiste Kinder lebten und erzogen wurden. Sie wurden auch handwerklich unterrichtet (Tätigkeiten, die ein selbstständiges Leben ermöglichten). Sie wollten ihnen dadurch das Schicksal des Tagelöhners ersparen. Der Lebensbezug stand an erster Stelle – Nützlichkeit war das zentrale Kriterium. Demnach gibt es zwei Schultraditionen.

Prinzip der Nützlickeit ist vom Kind aus gedacht? Oder eher von gesellschaftlichen Bedürfnissen oder des wirtschaftlichen Marktes diktiert?

Zweite Schultradition ist die höhere Schule, die eher vom Staat kontrolliert ist. Lehrer an höheren Schulen waren früher Staatsbeamte, mit höherem Ansehen und Gehalt. Volksschullehrer waren Gemeindesache, finanziell und im Ansehen schlechter gestellt. In höheren Schulen stand die Nützlichkeit nicht an erster Stelle, im Gegenteil: Latein, Kunst, Literatur, …

Ende des 19. Jhdt. wird dieser Aspekt aufgegriffen und somit die Idee zu reformieren. Die Reformpädagogik teilt sich in viele Bereiche: Jugendbewegung im 19. Jhdt. der bürgerlichen Schichten (Wandervogel in D – raus aus der Schule, hinein in die Natur, Gedanke sich zu emanzipieren von der Bevormundung der Lehrer); Kritik an der überkommenen Schule, bes. der höheren Schule – geht genau auf das Prinzip Lebensbezug! weg von totem Wissen, weg vom Pauken! J´accuse Literatur!

Der Wunsch nach Reformen ist groß. Immer ist das Bestreben die Schule vom Kinde aus zu gestalten! Maria Montessori war eine Verfechterin dieser Idee. Dem Kind wird nicht etwas vermittelt, sondern es ist wichtiger dem Kind die Vorraussetzungen zu schaffen, dass es selbst lernt (Freiheit des Kindes). Das steht im Gegensatz zu Interesse des Staates (Effizienz,…)

Institutionen missachten die Eigenzeit der Schüler, es wird ihnen eine Zeit aufgedrückt. Schule prägt das Zeitgefühl des modernen Menschen. Auch die Trennung zwischen dem „ganzen Haus“ (keine einzelnen Funktionsbereiche) und der räumlichen Trennung zwischen Institutionen, wird aufgedrängt. Mit der Industrialisierung trennten sich zuerst Familien- und Erwerbsleben, dann später Privat und Öffentlich.

Andere Reformpädagogen: E. Key, Das Jahrhundert des Kindes (1900)

Heute meint man mit Schulreform etwas anderes. Geht es nun um das Kind od. den Staat/Wirtschaft? Schulen als Institutionen lehnen Reformen gerne ab. Sie sind sehr resistent gegenüber Neuem. Wenn ein neues Problem besteht, das Handlungsbedarf nach sich zieht, wäre es sinnvoll in der Schule darauf hinzuweisen. Realisierung aber langwierig! Reformen müssen einen ganzen Verwaltungsweg durchlaufen, um Transparenz und Kalkulierbarkeit zu gewährleisten. Das kann positiv, aber auch negativ sein. Schulen sind nicht innovationsfreudig.

Innovation ist heute eine Art Zauberwort! Es wird an die Stelle von Reform, das antiquiert wirkt, gestellt. Was ist Innovation überhaupt? Es bedeuted Neuerung – das Neue ist immer besser (so glaubt man)! Man spricht von einer radikalen (break-through, disruptiven) Innovation, wenn Vorgänge, das Leben in relativ kurzer Zeit radikal geändert werden (Dampfmaschine, Computer, Telefon, Buchdruck). Es entstehen neue Berufe, aber genauso gehen ganze Berufsgruppen verloren. Ist eine radikale Innovation im Bildungswesen realistisch? Nicht wirklich.

Begriff Innovation bedarf einer Differenzierung. Es ist die Frage ob substantiellen Innovation (radikal) oder inkrementelle Innovation (fortwährende Bearbeitung eines Produkts/Verfahrens mit dem Ziel der Verbesserung). Begriff stammt aus der Wirtschaft. Dieser Innovationstypus ist für Schule von größerer Bedeutung. Schule reformiert man nicht über Nacht (dampfmaschinenartig).

PISA, eine Innovation? Ja, im Sinne der Evaluation, die eine andere ist, als man bisher kannte.

Schulhygiene: gibt es seit den 20er Jahren des 20. Jhdt. Man stellte fest, dass Schule Kinder krank macht. Krankheitsbilder waren: Verkrümmungen der Wirbelsäule, Kurzsichtigkeit, Neigung zu Tabak- und Branntweingenuss, Schwermut, Suizidgefahr (besonders bei höheren Schulen). Vorsicht! Auch früher gab es jugendlichen Suizid, aber Schule als Institution noch nicht. Statistiken wurden auch erst seit Beginn des 20. Jhdt. vermehrt, für alle Lebensbereiche angefertigt.

Problemlösungen: man hat Schüler vermessen, um Sitzgelegenheiten und Pulte anzupassen (hat oft nicht so toll funktioniert)

Name ist heute ein anderer, Thematik noch immer aktuell. Frage, ob Schule krank macht, wird wieder gestellt, v.a. aufgrund von Suizid oder Amokläufern. Wie wirkt sich die Schule auf psychische und physische Entwicklung des Kindes aus?

Binnenstrukturen und organisatorische Differenzierung des Schulsystems

Schulsystem ist ein Subsystem im Gesamtsystem des modernen Staates. Welche Subsysteme gibt es noch? Rechtssystem, Wirtschaftssystem, Steuersystem. Wie stehen diese Systeme im Zusammenhang? Moderne Staaten leisten sich ein Bildungssystem mit Geld aus dem Steuersystem. Staat baut Straßen, Infrastruktur (Vorraussetzung auch für Schulbesuch!). Staat baut Schulen, zahlt Lehrer. Grund? Indem Staat in das Schulsystem investiert, produziert er qualifizierte Menschen, die Berechtigungen erwerben, die im Wirtschaftssystem benötigt werden, um neue Steuerzahler zu produzieren. Problem: Ausgaben übersteigen Einnahmen und Staat spart kontraproduktiv!

Schulsystem kann gegliedert oder ein Einheitssystem sein. Historisch gibt es 2 Typen von Schule. Zum einen die Elementarschule: keine lange Verweildauer, weitreichende Etablierung auch für Mädchen, angeschoben durch die Reformation. Zum anderen, davon abgegrenzt:

höhere Schulen (Klosterschulen, …)

In Österreich besteht ein gegliedertes System. Es gibt die große Trennung Elementarbereich und höhere Bildung, und weiters eine genauere Differenzierung in verschiedene Schultypen. Mit Erhöhung der Bildung kommt es zu einer Differenzierung.

Begabung: nach WK II in D war Land geteilt in 4 Zonen. Besatzungsmächte wollten Schule radikal reformieren – weg vom Paukersystem (Preussen!), das als Brutstätte für Radikalismus galt, hin zu einer Einheitsschule. Reform blieb aber stecken, denn man wehrte sich mit dem Begabungsbegriff. Menschen sind unterschiedlich begabt und brauchen unterschiedliche Schulen und förderung (theoretischer - Gymnasium, praktischer - Hauptschule, Theoret.- prakt. Mischtyp - Realschule). Selbstverständlich sind solche Kriterien äußerst fragwürdig! Denn es besteht eine Benachteiligung der Kinder aus niedrigeren Milieus!

Schweden hat ein Einheitsschulsystem (von der DDR abgeschaut) und ist bei PISA erfolgreicher. Ist es nun sinnvoll das nachzumachen? Leider ist das nicht so einfach. Denn alle Systeme eines Staates gehören zusammen, wie setzt sich die Bevölkerung zusammen (Finnland hat eine sehr homogene Bevölkerung!).

In Ö und D gibt es das System der Jahrgangsklassen. Früher gab es Fachklassensysteme. Die Vorstellung, dass altersgleiche Schüler zusammengefasst werden, hat sich erst mit der Institutionalisierung durchgesetzt. Entwicklungspsychologisch ist so etwas besser, da der Unterricht auf das Alter abgestimmt ist. Es kommt so nicht zu einer Überforderung des kognitiven Potenzials des Schülers. Die individuelle Begabung ist besser zu fördern in Fachklassensystemen.

Ist der klassische Stundenplan (kleine Häppchen) sinnvoll? Positiv, weil Abwechslung erfreut, Lernen braucht Zeit (Muße), um Inhalte zu verarbeiten; negativ, weil keine Vertiefung möglich, stärkere Konzentration auf ein Thema nicht möglich.

Es gibt Bestrebungen beide Ansätze miteinander zu verbinden (fächerübergreifend, Projektarbeit,….)

Koedukation

Gemeinsame Erziehung von Buben und Mädchen

Koinstruktion

gem. Beschulung

Man hat ganz einfach beide Geschlechter in eine Klasse gesetzt (in den 70ern) und hat weitergemacht wie zuvor. Das ist keine Koedukation, sondern Koinstruktion. Heute weiß man, dass gewisse Fächer besser getrennt gelehrt werden sollten. Buben und Mädchen sind unterschiedlich entwickelt.

Schulsysteme im internationalen Vergleich

Schulsysteme stehen miteinander in Konkurrenz. Wenn ein Staat Schulpflicht initiiert, dauert es noch eine gewisse Zeit bis die Infrastruktur geschaffen wird. Preußen war Vorreiter.

Wilhelm von Humboldt. älterer Bruder von Alexander v. Humboldt (Weltreisender), Diplomat, 1794 Veröffentlichung einer Schrift über Bildung, wurde von Rom nach Berlin zurückgerufen um die preußische Bildungsreform durchzuführen 1809/1810

Datum ist nicht zufällig. Preußen lag am Boden (Napoleon!) und die Ressourcen waren aufgebraucht. Allerlei Reformen wurden eingeleitet: Heeresreform, Städtereform,… Bildung wurde als wesentliche Ressource erkannt. Deswegen wurde das Schulsystem institutionalisiert und finanziert. Es gab noch kein Kultusministerium, d.h. Humboldt war nicht Minister. Es war eine Sektion im Innenministerium. Das war der Grund für das Ausscheiden Humboldts – er mochte den Instanzenweg nicht. Eigenes Kultusministerium gab es erst ab 1817. Der erste Minister war Karl Altenstein, der aus dem Finanzressort kam. Die Bildung hatte dann schon einen wesentlich höheren Stellenwert. Altenstein war immer bedacht auf die Außenwirkung, seine Reformen sollten Vorreiterstellung haben. Bald standen die europ. Staaten in Konkurrenz. Dieses Schulsystem wurde auch in außereurop. Staaten adaptiert.

Ein Beispiel ist die Iwakura-Mission (Japan). Japan hatte eine lange Phase der Abgeschlossenheit hinter sich und öffnete sich langsam im 19. Jhdt., um Anschluss an die westl. Moderne zu kriegen. Man schickte eine Mission los nach USA und Europa, der Leiter war Iwakura. Die Mission dauerte 2 Jahre. Man sah sich die Verwaltunseinrichtungen an, Institutionen aller Art (Schulen, Gefängnisse, Krankenpflege, Feuerwehr, …), Finanzierung/Steuer, Wirtschaftssystem (Industrie aller Art).

Die Schulen in D, Ö und Schweiz waren sehr interessant für Mission. Man versuchte vorort eine gute Kenntnis zu erreichen und vergleicht die Länder untereinander (Statistiken!). Man nahm sich das Beste von allen für sich und adaptierte es auf die eigenen Verhältnisse. Dieses Vorgehen war sehr innovativ.

Bildungssysteme entstehen nie isoliert! Man könnte auch Bildungsspionage dazu sagen.

Im internat. Vergleich findet man viele Strukturen, die immer abhängig von der landestyp. Infrastruktur sind.

Bildungsstandard: Bologna-Prozess, Bestreben in Europa Bildungsabschlüsse vergleichbar zu machen, Angleichung und Vergleichbarkeit!, deswegen braucht man Bildungsstandards (Norm für Bildung)

Problem: was ist die Norm? Lassen sich Standards vergleichen?

Bedeutungswandel: wie lässt sich ein Bildungsstandard bestimmen? Wie entwickelt man eine Lehrplan? Lehrplan besteht aus den nationalen Dichtern in Literatur, Grundlagen in Naturwissenschaft, Heimatkunde in Geographie aber später sehr komplex, Fremdsprachen:

welche? Man erarbeitet einen Lehrplan vom Inhalt her, der höchst normativ ist. Was ist das vorzüglichste das wir haben, und das kommt in den Lehrplan. Bildungstandard ist vom Input bestimmt. Gemessen wird aber der Output, was der Schüler kann, welche Kompetenzen er hat. Das ist eine neu Sichtweise, Standards zu betrachten (nicht Input, sondern Output!)

Kann ich daran nun Bildung messen? Bildung im deutschen Sprachraum hat eine ganz spezielle Bedeutung, der besagt, das Bildung mehr ist, als reines Abprüfen der Kompetenzen.

Evaluation: Überprüfung einer erbrachten Leistung. Notengebung ist ein Verfahren der

Evaluation, das sehr geläufig ist. In der Klasse vergibt der Lehrer die Noten nach bestimmten

Kriterien: pädagogisch, Klassenlevel, …

Klassenkonferenz, Schule). Es werden keine externen Institutionen zugezogen.

Dieser Prozess findet intern statt (Klasse,

PISA findet extern statt (wichtiges Unterscheidungsmerkmal!). PISA-Experten werden in Klassen geschickt und lassen standardisierte Aufgaben erledigen (Lernstandserhebung). Nicht nur Schüler werden kontrolliert, sondern auch die Lehrer. Haken an der Sache: teaching to the test; Schüler werden auf den Test hin gedrillt, nur um gut abzuschneiden. Alles andere des Lehrplans wird weggelassen, z.B. alles was zeitaufwendig ist (Zeit ist Luxus!), methodisch- didaktische Verkürzung. Dieser Lehrer ist dann erfolgreich. Schüler, die nicht leistungswillig sind, haben einen schlechteren Stand. Das pädagogische Verhältnis wird gestört, das Wohlwollen des Lehrers, die individ. Betreuung geht verloren. Der Lehrer ist hilflos, da er nicht weiß wie er mit diesen Kindern umgehen soll, da die Ressourcen für Förderung fehlen. Das kann zu einer Verschlechterung des Schulklimas führen.

Bildungsferne Milieus: verschiedene soziale Konstellationen; Elternhaus, das Bildung nicht als wichtig erachtet, keine Bücher nur Fernseher/Computer; sozial schwache Familien; Frage der Sprachkompetenz (Amtssprache, Landessprache) Buch: Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule; Kindern fehlt Sozialkompetenz und Sprachkompetenz (Defizite) – vielfältige Hintergründe.

Trend zu pädagog. Frühförderung: Förderung der Sprachkompetenz, einfache Rechenoperationen, Anfänge des Lesens und Schreibens. Das geht mit unseren Traditionen nicht zusammen. In Frankreich gibt es die école maternelle (Vorschule), das ist noch nicht DIE Schule. Kinder werden recht früh von der Mutter getrennt (bereits nach 6 Monaten), bei uns sind solche Mütter Rabenmütter! Präsenz der Mutter sagt aber noch gar nichts über die Entwicklung des Kindes, sagt nichts über die pädagogische Qualität aus. Mutter hat nicht die Kompetenz eines ausgebildeten Erziehers. Französisches Kleinkind sammelt Erfahrungen, die zuhause nicht möglich sind. Frühförderung gibt es auch in Italien, Skandinavien.

Verlängerung der Ausbildungszeit ist ein Mittel den Arbeitsmarkt nicht zu überlasten. Frühförderung ist der Gegentrend. Für die Frühförderung braucht man gutes Personal, aber Erzieher haben ein schlechtes Image und ein schlechtes Einkommen.

Trend zur Frühförderung trägt auch ein Heilsversprechen in sich. Wenn ich alles richtig mache, dann wird sich das Kind gut entwickeln. Illusion, dass man mit der Erziehung alles machen kann. Cicero: Samenkornmetapher. Das Kind wird wie ein Samenkorn behandelt;

wenn man es hegt und pflegt, dann wird es gut wachsen (edle geistige Nahrung = edler Mensch).Wenn der Erzieher scheitert, dann wird es auf das Kind geschoben (Ausgangsmaterial war schlecht). Frühförderung ist kein „wenn-dann“ Versprechen. Das Kind ist eine selbstständige Person, und kein Gefäß in das man alles einfüllen kann. Erziehung ist ein kommunikativer Prozess – beide Seiten müssen mitmachen.

Nahtstellen und Problemzonen im österr. Bildungssystem

Österreich hat ein Bildungssystem! Es ist ein moderner Staat. Das österr. Bildungssystem ist sehr kompliziert. Warum? Es gibt unglaublich viele Schulformen, das ergibt unzählige Schullaufbahnoptionen, die aber sehr früh bestimmt werden. Der Weg ist schnell vorgezeichnet. Es kommt zum Problem der Durchlässigkeit. Das Wechseln in andere Schultypen ist schwierig.

Name einer Schule vergibt Berechtigungen, Qualifikationen (Studium, etc.). Bezeichnung der Schule wichtig für Karriere (wichtig, ob an einer SchuleLatein u. Griechisch unterrichtet wurde für Studienberechtigung). Erst später kam dann zu einer Gleichstellung der Abschlüsse.

Wechseln in andere Schultypen aufgrund der verschiedenen Abschlüsse schwierig. Viele Schultypen bewirken verschiedene Berechtigungen.

Ein weiteres Problem ist das Gefälle von Stadt und Land. Hauptschulen am Land haben zum Teil bessere Qualifikationen als Wiener Gymnasien.

Wäre es besser die Schultypen zurecht zu stutzen und/oder die Wahl welche Schule man besucht, später anzusetzen?

Historische Entwicklung der Schule – Evolutionsmodelle, Realgeschichte

Man versuchte Schule als evolutionären Prozess zu erklären. Schule ist ein Bedürfnis, das schon sehr früh entstanden ist, schon in Mesopotamien, China, Indien, etc. Diese Schulen unterscheiden sich ganz grundsätzlich von der Schule des Abendlandes. Dennoch sind bestimmte Grundzüge erhalten geblieben. Schule verändert sich nicht durch Revolution, Innovation, sondern durch Evolution.

Charles Darwin´s Evolutionstheorie entstand im 19. Jhdt. Vorstellung, dass der Mensch sich langsam durch Anpassung an die Umwelt entwickelt hat; survival of the fittest.

Warum haben die Schulen aus den frühen Hochkulturen nicht überlebt? Weil sie nicht „gut“ genug waren, nicht anpassungsfähig genug? Wie sich Schule entwickelt, ist von vielen ausserschulischen Entwicklungen abhängig. Schule entwickelt sich in langen Wellen.

Ideengeschichte: Gedankengänge von Personen und Gruppen zu rekonstruieren und zu schauen, wie sie sich entwickelt haben (Ideen Humboldts)

Realgeschichte von Schule: Versuch herauszufinden, wie es wirklich gewesen ist. Inwieweit od. wie sind Ideen wirklich real umgesetzt worden (z.B. Schulideologie der Nazis)? Man

versucht andere Quellen zu nutzen (Klassenbücher, Tagebücher, oral history,…

das Ganze zusammenzusetzen. Diese Realgschichte ist auf alle Epochen anwendbar. Wozu ist

), und dann

das gut? Um mit Vorurteilen aufzuräumen, od. im internat. Vergleich argumentieren zu können, auch wichtig für Mentalitätsgeschichte.

Kindheit ist Schulzeit. Das ist in unserer Mentalität. Dass Jugendliche mit 15 eine Arbeit annehmen, ist schon etwas aus unserer Vorstellung draussen. Die ersten 2 Jahrzehnte gehören dem Kind.

Die Einstellung zum Kind hat sich stark gewandelt. Ph. Ariès, Die Geschichte der Kindheit (1960) und Lloyd de Mause, The history of childhood (Hört ihr die Kinder weinen; dt. Titel) sind wichtige Autoren.

Ariès betrachtet eine Zeitspanne von Mittelalter bis franz. Revolution – ancien regime. Er griff auf Quellen zurück, die nicht nur Texte sind. Er verwendete bildl. Darstellungen (Haken:

nur Reiche). These: dass was wir unter Kindheit verstehen, ist etwas sehr Modernes. Kinder lebten das Leben der Erwachsenen mit; bei Adeligen gab es schon Gliederungen. Kinder spielten Glücksspiele der Erwachsenen mit, machten die Arbeit mit. Die kindliche Entwicklung wurde nicht wahrgenommen. Kinder hatten auch kein eigenes Kinderzimmer, so nahmen Kinder an Sexualität teil.

Das Entstehen der Schule führt zu einer Verschulung der Kindheit. Es ist eine artifizielle Trennung von der Erwachsenenwelt. Ariès sieht das als Verfall (Kritikpunkt!).

Lloyd de Mause hat eine Gegenthese formuliert. Werk bezieht sich von der Antike bis in die Gegenwart. Er versucht die Einstellung des Erwachsenen zum Kind als Quelle für gesellschaftl. Entwicklung nachzuvollziehen. Die Mentalität ist ein eigener Antrieb für gesellschaftl. Wandel. Er belegt damit, je mehr man in der Geschichte zurückgeht, desto schlechter wurden Kinder behandelt. Er belegt das am Infantizid. Zuerst wurden Kinder getötet, dann weggelegt, dann extrem diszipliniert, etc. Das Verhalten wird immer humaner. Erwachsene waren mit ihren Ängsten überfordert und übertrugen sie auf das Kind. Es kam zur Umkehr der Rollen Erwachsener und Kind. Unreifer Erwachsener verlangt Kind Sachen ab, die es nicht leisten kann. Heute ist das umgekehrt, ein emphatisches Verhältnis.

Inwieweit spiegelt die moderne Schule diese Idee des modernen Erwachsenen wider? Die moderne Schule identifiziert nicht nur die beduürfnisse des Kindes, sondern auch ihre Lernfähigkeit.

2.

Block 25.4.

Zusammenhang Literalität, Textualität und Schule

Literatur vom KOVO anschauen

Begriff Textualität

Literalität: Antonym zu Oralität

Schule gibt es seit 5000 Jahren – beginnt mit der Schrift

Benutzung von Schrift: administrative Belange, Verwaltung, wirtschaftl. Beziehungen/Handel Auflistung von Waren und Naturdingen (z.B. Schafe)

In frühen Hochkulturen beginnt die Verwendung der Schrift für alltägliche Belange, damit entsteht der Typus der Schreibschule.

8. Jhdt. v. Chr.: erste Schriftdokumente im Abendland: Ilias und Odyssee (Homer)

Diese Dokumente unterscheiden sich wesentlich von Schriftverwendung der alten Hochkulturen. Es sind Epen, Texte und nicht Listen von Waren. Mit der homerischen Epik beginnt Schule in unserem Sinn ab dem 5. Jhdt. v. Chr. Es bildet sich langsam so etwas wie Schule mit den Epen als Schulbüchern.

Alphabet ist ein überragendes Beispiel für eine kulturelle Diffusion (schnelle Verbreitung). Zwischen dem Entstehen der Epen und den ersten Schulen explodiert der Schriftgebrauch. Wie weist man das nach? An dem Beispiel des Scherbengerichts (Ostrakismos) – Name des zu verbannenden wurde in eine Tonscherbe eingeritzt – d.h. Bürger Athens mussten schreiben können! Schriftverwendung war „normal“. Beziehungen wurden verschriftlicht.

Die Kombinationsmöglichkeit der Buchstaben im Alphabet ist genial. Neue Wortschöpfungen sind leicht ins Schriftliche zu übernehmen (Bilderschriften können das nicht). Außerdem ist das Alphabet sehr leicht zu erlernen, im Gegensatz z.B. zum Chinesischen (bis zu 15 Jahre). Das Alphabet ist in 3 Jahren zu lernen, dann kann man gut schreiben und lesen. Gerechnet auf die Lebensspanne ist die Dauer des Schriftgebrauchs sehr lang.

Vormoderne Schulen hatten kein Alphabet. Diese Schulen waren sehr restriktiv (Exklusion). Die jungen Griechen gingen aber schon als Kinder in die Schule (Inklusion). Die Partizipation der Bevölkerung war in den Hochkulturen eine geringe. Wissen war exklusiv. Es gab eine eigene Kaste der Schriftgelehrten (Herrschaftswissen).

Das Alphabet in seiner leichten Erlernbarkeit und flexiblen Verwendbarkeit macht Schriftgebrauch demokratisch. Im 13./14. Jhdt. gab es Bestrebungen das Koreanische auf das Alphabet umzustellen – das scheiterte an den Intellektuellen (Wissen ist exklusiv).

Schreibmaterial: um 730 gab es in Griechenland sehr viel Papyrus, das relativ preiswert war. Papyrus ist leicht zu handhaben, leichter als eine Tonscherbe. Vorher war eine handwerkliche Technik notwendig, die erlernt werden musste. Eine weiter Konsequenz ist die leichte Verwahrbarkeit und Transportfähigkeit. Papyrus ist resistent gegen Hitze und Erschütterung.

Man konnte große Strecken überwinden. Kommunikation wurde leichter – man war nicht mehr auf das Hörensagen angewiesen. Kommunikation wurde auch schneller.

Diese Schriftstücke heben auch etwas auf – unabhängig vom Verfasser. Es entsteht der Aspekt der Autorschaft/Urheber. Das Wort ist verwandt mit Autorität: vgl. Homer: es gibt Rückblenden, innere Dialoge, etc. Es gibt eine ganz neue Wirklichkeit, es werden nicht nur Fakten nacherzählt, sondern eine eigene Welt wird erschaffen. Aber um den Text zu lesen, ist es nicht notwendig den autor zu kennen. Das ist eine Errungenschaft des 18. Jhdt. Es entstand das Copyright. Der Autor wehrt sich gegen Raubdrucke. Die eigene Reputation sollte gewahrt werden, und auch der Ertrag der Arbeit sollte der Autor bekommen. Der Autor wird zum Musterautor! Welche Literatur wird aufgenommen in den Kanon der Schülern vermittelt werden soll. Schule und Autorschaft sind miteinander verbunden.

Man spricht von Ordo Dicendi (Kanon dessen was gelernt werden muss) und Ordo Legendi (Kanon dessen was gelesen werden muss). Homer war ein Ordo Legendi, dann ein Ordo Discendi.

Wenn man ein Schriftstück hat, braucht man jemanden der es überbringt. Man braucht einen Boten. Auch das hat etwas mit Schule zu tun. Der Bote überbringt rein physisch ein Schriftstück von A nach B. Der Bote muss das Schriftstück auch vorlesen und auslegen können (Hermes – gr. Hermenois – Hermeneutik: Textauslegung des Sinns). Die Hermeneutik wendet sich Aspekten zu, für die früher der Bote zuständig war. Wer ist der Verfasser? Wo kommt es her? Der Bote erschließt die kontextuellen Zusammenhänge. Die Erfahrungsräume der früheren Jahrhunderte waren extrem eng und komprimiert. Ein Text war oft nicht aus sich selbst erschließbar, und dafür brauchte man den Boten.

Die Naivität des unmittelbaren Verstehens muss aufgegeben werden. Schule muss lehren einen Text richtig zu verstehen und sinngemäß zu entnehmen. Um das zu lernen, brauchen Kinder einen Boten, den Lehrer. Der Lehrer übt sie ein in die Hermeneutik.

Intersubjektivität: jeder hört mit seinen eigenen Ohren und rezipiert subjektiv, dennoch gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Diejenigen, die sich dem System der Intersubjektivität entziehen, sind außer der Norm. Schule stützt das System der Intersubjektivität im Medium des Textes. Zwischen dem Lehrer und den Schülern schiebt sich der Text. Die Unterrichtssituation ist eine trianguläre, die immer eine methodische Anleitung erfordert.

Alberto Manuel, Eine Geschichte des Lesens. Innerhalb eines kurzen Zeitraums (Griechen) etablierte sich der Schriftgebrauch. Lesen und Schreiben werden zu Kulturtechniken.

Warum haben aber die Griechen das Schreiben ab 1200 v. Chr. verlernt und dann erst wieder mit Homer (8. Jhdt) angenommen? Liegt zum Teil an der Schrift (kein Alphabet), aber zum größeren Teil an dem Wandel der Verwendung der Schrift. Homer berührte auch Fragen der Herkunft und der Zukunft des Menschen. Es ist eine Verschriftlichung des Mythos. Die christliche Version ist die Genesis. Die homerische Epik ist auch ein Mythos. Damit gewinnen Texte ein völlig neues Gewicht.

Texte sind nicht nur noch Bedarfslisten, die nach Gebrauch weggeworfen werden. Bücher schmeißt man nicht weg! Ein Zettel ist etwas Technisches. Texte, die Vorstellungen anderer od. eigene repräsentieren, hebt man auf. Es entsteht der Wille zur Konservierung, man hebt etwas auf, um es weiterzugeben. Es entsteht Geschichtsbewusstsein, das in oralen Gesellschaften nicht existent ist. Das ist ein evolutionärer Prozess. Der moderne Mensch ist

immer darauf bedacht seinen Status festzustellen, z.B. in Epochen, Bezeichnungen. Was wir aufheben, haben wir als sicheren Besitz. Im Mittelalter hatte man ein Misstrauen gegenüber eines Schriftstücks. Heute vertraut man Schwarz auf Weiß. Sämtliche Lebensbereiche sind verschriftlicht, das begann mit Homer!

Geschichtsbewusstsein enthält auch das Wort Geschichte, im urspr. Sinn. Geschichten werden erzählt und niedergeschrieben. Wenn man jem. Zum ersten Mal trifft, erzählt man von sich eine Geschichte, die aber an die Situation gebunden ist. Es gibt bestimmte Spielregeln in der Gesellschaft. Daran sieht man, dass unser mündl. Sprachgebrauch sich auch an das schriftl. Prinzip der Intersubjektivität hält. Es gibt eine Erwartungshaltung, die kulturell erworben wird. Unterschiedl. Kulturen haben auch untersch. Kommunikationstechniken, die in der Schule gelernt werden. Bestimmte Regeln des Verstehens müssen bekannt sein, um erfolgreich zu kommunizieren (Schindlers Liste: ist eine Liste, ist aber auch keine Liste – erfordert Abstraktion). Schule trainiert die Einübung in die üblichen Praktiken, den Habitus.

Im 8. Jhdt. entstehen die Epen, im 5. Jhdt. entstehen Schulen, die trianguläre Tradition entsteht. Wenn man heute einen Text von vor 300 Jahren liest, hat man Schwierigkeiten. Sprache verändert sich, Worte verschwinden, Sachverhalte gibt es nicht mehr. Das heißt, die Griechen brauchten, um Homer zu verstehen, Sprachunterricht (philologisch). Die Lehrer brauchten philologisches Wissen. Textkritik (Philologie) erschließt Text, wie er urspr. gemeint war. Die Bibel wird auch nach philologischen Kriterien bearbeitet, gedeutet, obwohl es ein heiliges Buch ist. Es gibt keine philologische Erschließung des Koran, und auch keine vollst. Übersetzung! Das heißt, es ist für uns kein Tabu die Bibel auszulegen, um sie zu verstehen. Bestrebungen, das zu verbieten (USA!!), begegnen wir mit Skepsis, denn es widerspricht unserer Mentalität der Rationalität. Der moderne Mensch will die Welt verstehen, und nicht naiv in ihr leben.

Es bilden sich nun best. Fächer. Es gibt Fächer der sachlichen Vermittlung und Fächer, die sich auf Texte stützen. Es geht aber in der Schule nicht nur um Instruktion, sondern auch um Edukation. Es geht um die Einstellung der Gesellschaft, die weitergegeben wird. Der Typus der modernen Schulen unterscheidet sich damit grundlegend von den Schreibschulen der Hochkulturen, die Schreiben als Handwerk lehrten, aber nicht das Verstehen der Texte. Unsere Schulen sind Verstehensschulen.

In Alexandria wollte man ein Weltgedächtnis schaffen mit der Bibliothek. Man wollte Wissen sammeln. Das zeigt den Trend zur Konservierung.

Schneider, 3. Block

15. 5. 2006

Wiederholung:

gesellschaftliche und pädagog. Funktionen der Schule Problem Bildsamkeit und Bildung Parameter und Ansatzpunkte der Schulreform (Prozess der Institutsionalisierung – Merkmale) Innovationspotential (Definitionen: substantiell, inkrementell) Historische Exkurse (Reformpädagogik!, Spannungsverhältnis Anspruch Staat – Anspruch Kind, Schule macht krank?) Binnenstruktur und organisatorische Differenzierung (Schultypengliederung, Begabungsproblematik, Organisation der Klassensysteme – Jahrgang od. Fach?, Koedukation vs. Koinstruktion, Unterrichtsformen: Epochenunterricht – Waldorf = Rudolf Steiner, fächerübergreifend, Projekte, Block, kl. Häppchen)

Koedukation/Koinstruktion

Exkurs

Helene Lange, Gertrud Bäumer – bürgerliche Frauenbewegung: blickt auf die Arbeiterschicht hinab

Bestrebung war höhere Bildung zu reklamieren (Ende 19. Jhdt.). Das zog gewisse Problematiken nach, z.B. Berechtigungen. Der Abschluss einer höheren Schule berechtigte zum Studium, aber nicht für Mädchen. Studium war das Ziel! Abschluss eines Mädchenpensionats war nichts wert, weil man nicht studieren durfte. Heimliche Exklusionsmechanismen waren zum Beispiel das Weglassen von Latein und Griechisch.

Erst nachdem dieses Ziel errreicht war, konnte man über die gemeinsame Erziehung in höheren Schulen nachdenken. Unterrichtung ist ein Teil der Erziehung, aber das löst nur das Unterrichtsbedürfnis. Andere Bereiche müssen genauso adaptiert werden, z.B. Lehrplan, Lehrerbildung. Die Koedukation wurde erst in den 70ern forciert.

Heimlicher Lehrplan: hinter dem offiziellen Lehrplan werden Vorstellungen transportiert, die nicht offen zu Tage treten, z.B. Behandlung der Geschlechter.

Unterschied zw. Bildung und Erziehung

Bildung ist ein Wort, das nicht ohne weiteres in andere Sprachen zu übersetzen ist. Deshalb spricht man vom deutschen Sonderweg. Es ist der Versuch, das lat. Wort „formare“ zu überstzen. Das hat mit Gestaltgebung zu tun. Weiters gibt es eine Verwandtschaft zw.

Bildung und Bild, einbilden, Vorbild, ausbilden, …

Vorstellung (Ebenbild Gottes) mit den antiken (cultura animi – Kultur des Geistes, Samenkornmetapher!).

Im Mittelaler verbindet sich die christl.

Septem Artes: die 7 feinen Künste als Zusammenfassung des Mittelalters und der Antike.

Kultur des Geistes und das christl. Bewusstsein haben sich synthetisiert. Im 18. Jhdt. erfolgt eine Säkularisierung, das christl. Moment wird zurückgedrängt (Aufklärung). Begriff von Shaftesbury: „inward form“: der Mensch soll seine Persönlichkeit ausprägen! Wie wird das ins Deutsche übersetzt? Dichter Kloppstock war der Erste und nannte das Bildung. Der Begriff war nur in philosophischen Diskursen zugegen. Erst dann kriegt er die Gestalt, die ihn

unübersetzbar macht. Es gibt die Vorstellung der Selbstbildung – sich selbst eine Gestalt geben! Im Mittelpunkt steht der Mensch, der seinem Wesen (Individualität) Wert und Dauer verleihen soll. Mensch besteht aus Kräften, die er stärken und erhöhen muss. War als Konzept vollkommen neu!

Im deutschen Denken ist Bildung die Stärkung der Individualität.

Abgrenzung zur Erziehung: erziehen ist ein transitives Verb. Man erzieht jemanden, nicht sich selbst!

Kant: der Mensch ist Säugling, Zögling und Lehrling. Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss (erziehungsbedürftig!). Hätte der Mensch das nicht gemacht, wären wir ausgestorben (Säuglingspflege!). Der Zögling muss sozialisiert werden, um in der Gesellschaft zu bestehen. Als Lehrling muss er in die Kulturtechniken und das wissen eingeführt werden. Die vierte Stufe ist erst die Bildung! Erziehung ist das große Geheimnis der Vervollkommnung der menschl. Natur. Erziehung ist Einwirkung auf einen anderen, man muss anleiten ohne zu führen und ohne zu gängeln. Man darf den Zögling nicht dominieren.

Sozialisation: der Mensch ist ein anima sociale, ein gesellschaftl. Wesen. Die Menschen bedürfen einander. Menschen müssen erzogen werden. Sozialisation ist eine Funktion der Gesellschaft. Ziel ist, den Menschen fit für die Gesellschaft zu machen, und die Gesellschaft zu reproduzieren. Begriff ist umfänglicher als Erziehung, da man die Gesellschaft einbeziehen muss.

Schulsysteme im internationalen Vergleich: Beginn der Instituionalisierung war ein über europa hinausgehendes Erfolgsmodell, Bildungsstandards (Bologna- Prozess), Evaluation (Leistungsüberprüfung intern vs. extern)

Bildungsferne Milieus: Problem!, unsere Bildungssysteme haben eine hohe Form der Selektivität.

Ideengeschichte vs. Realgeschichte

Curriculumentwicklung:

Es kommt in den Lehrplan, was eine Kultur für vorzüglich hält, Septem Artes. Schule ist ein Teil der Biographie, wo das Kind geschont wird vor den Anforderungen der Gesellschaft. In der Schule muss etwas unterrichtet werden. Es gibt 2 Traditionen, den Sprachunterricht und den Sachunterricht. Im ausgang der Antike bildeten sich die Septem Artes (Sprachenteil und Naturwissenschaft). Das ist der Ursprung unseres Lehrplans. Es kommt zur Kanonbildung. Es werden Musterautoren aufgeführt, die Klassiker, die in keinem Lehrplan fehlen dürfen. An diesen Autoren kann man sich orientieren. Aber welche kriterien dienen zur Auswahl?

Ein Lehrplan nach Fächern geordnet ist ein Curriculum, das der Schule vorgibt, was unterrichtet werden muss. Auch das Wie etwas unterrichtet wird ist wichtig (Methodik, Didaktik!). Man sollte das Ziel effektiv und auch effizient erreichen.

Ein Problem ist der Heimliche Lehrplan. Ein Lehrplan muss auch immer auf die Ideologien durchleutet werden, die er transportiert.

Leitkategorien des schulpolitischen Diskurses:

Soziales Lernen: Kinder lernen miteinander umzugehen, z.B. den Umgang der Geschlechter miteinander. Dazu gehören auch die Störungen der Lernprozesse. Was sind die Ursachen? Es gibt externe und interne (Schüler) Ursachen. Die Konfrontation mit Störungen ist allgegenwärtig (ADS). Wie geht man damit um?

Schulautonomie: Schulen sollen autonom werden, Schlagwort Selbststeuerung. Es gibt mehr Freiheit, aber Schule braucht Managementqualitäten.

Alternativ- und Privatschulen: Gefahr der sozialen Differenzierung

Medium des Textes für uns grundlegend. Unterscheidung Schreibschulen der Hochkulturen und unsere Schule, die auf der griechischen Tradition beruht. In der Schule werden nicht nur Kulturtechniken vermittelt, sondern es wird der Prozess des Verstehens eingeleitet. Die Befähigung des Menschen für die Teilnahme an der Gesellschaft wird hergestellt. Wissen wird aufbewahrt und tradiert.

Text allein ist oft so nicht verständlich, man braucht einen Boten (Hermeneutik), in unserem Fall den Lehrer. Das ist das System der Intersubjektivität. Unsere Schule ist eine Verstehensschule und eine Erziehungs- und Sozialisationsinstanz.

Ordo legendi vs. ordo discendi!

Unterscheidung zw. dem was Schule sein soll, und was Schule ist – Quellen sind einerseits Gesetzestexte (Organisationsform, Qualifikationen, Ziele), weiters Lehrpläne (amtl. Verordnungen, aber auch pädagog. Struktur = Konflikte!), andererseits Lesebücher (Schulbücher gibt es erst seit der Institutsionalisierung der Schule; vorher Bibel, antike Texte, Schulbuchversuche).

Schulbücher sind oft Auszüge von Texten, die zusammengefasst und verkürzt werden. Es sind Texte aus dem Bildungskanon, die aber bestimmten Kriterien unterworfen sind (Koedukation, heimlicher Lehrplan). Beispiel: Homer: Buben lasen Schlachten, Mädchen lasen von den Frauen zuhause.

Pädagogische Literatur: Schulbücher müssen altersgerecht sein (Entwicklungspsych.!) (Piaget, Kohlberg). Leider finden solche entwicklungspsych. Grundlagen manchmal auch heute noch nicht Eingang in Lehrbücher.

Theorie der Schule ist immer interdisziplinär und erfordert einen Methodenpluralismus.

Was sind Schulsysteme: Institutionen der gesellschaftlichen kontrollierten und veranstaltenden Sozialisation

Warum entstehen Institutionen: Einrichtungen, die in die Moderne gehören; es sind gesellschaftliche Gebilde, die nicht zufällig entstehen. Impuls geht von einem Problem aus, und die Institution ist die Lösung.

Warum gibt es Gerichte und Gefängnisse (rechtliche Institutionen)? Um das Leben der Menschen zu regeln in einer normierten und kontrollierbaren Art.

Ehe und Familie? Um die Reproduktion zu schützen und zu forcieren.

Schule? Sozialisationsauftrag kann nicht ausschließlich von Familie und Kirchen wahrgenommen werden. Welche Probleme werden von Bildungssystemen gelöst? Es sind Reproduktionsprobleme (biologisch: Fortbestand der Kultur, technisch: Qualifikationen). Schule bewahrt, woran der älteren Generation liegt (Technik, Fertigkeiten, Vorstellungen, Werte, ….).

Schule hat den Doppelauftrag der Erziehung und der Ausbildung.

Schule wird zu einem eigenen Ort (räumliche Distanzierung), der eigens ausgestattet werden muss. Kindheit wird zur Lernzeit. Das alles kostet Geld. Der moderne Staat muss in die Bildungssysteme investieren.

Schule braucht Personal. Lehrer ist Unterrichter und Erzieher. Es kommt zu einer Professionalisierung, seit dem Schule eine Institution ist. Sowohl was Lernen und Lehren betrifft.

Kulturelle Muster werden eingeübt. Wie schaut ein Klassenzimmer aus? Wie groß ist der Sitzabstand? Es gibt räumliche und soziale Wahrnehmungen. Das ist ein großer Teil des Heimlichen Lehrplans. Es gibt auch die Einübung in zeitliche Muster (Stundenplan). Es werden uns Zeitstrukturen aufgedrückt (habitualisierte Empfindungen). Diese Muster sind höchst artifiziell. Auch wird die christliche Woche reproduziert.

Institutionen haben einen normativen Charakter. Grundspannung Gruppe vs. Individuum.

Sozialisationsprozesse als Normierungsprozesse? Erziehung findet immer und überall statt, nicht notwendig bewusst und institutionell eingeleitet. Man muss sich bewusst sein, dass Schule nicht der einzige Ort ist, wo Lernerfahrungen gemacht werden. Zwischen diesen Erfahrungen muss ein Konsens herrschen. Wenn Konflikte zwischen der Erziehung der Eltern und der Schule da sind, führt das zu problemen.

Funktionale Erziehnung: immer und überall Intentionale Erziehung: Schule

Schulen sind Veranstaltungen, die einen kompensatorischen Charakter haben. Schulen sind ein Korrektiv von gesellschaftlichen Prozessen, die der Gesetzgeber als unerwünscht erklärt hat. Andererseits verstärken Schulen das, was Staat wünscht (Kompensierung).

Es ist kein Zufall, dass die Entstehung der Institution Schule mit der Industrialisierung zusammenfällt. Lernen wird theoriegeleitet, löst Imitation ab.

Wenn sich die Lebenserwartung verlängert, steht mehr Zeit für Lernen zur Verfügung. Veränderung der Bevölkerungsstruktur verändert so die Schule. Die urspr. Trennung

zwischen Kindheit, Jugend,…

ist heute erforderlich und gewünscht immer zu lernen – neue Desiderate (Erwachsenenbildung, Jobwechsel,…) entstehen.

ist nicht mehr. Die demographische Struktur ändert sich. Es

Schulsysteme als Sozialisationsinstanzen Mit Sozialisation soll die Persönlichkeit der Heranwachsenden konstituiert und gesellschaftliche Verhältnisse reproduziert werden. Erziehung ist der Versuch auf einen

jungen Menschen einzuwirken, dass seine unerwünschten Dispositionen (Neigungen, Verhalten) unterdrückt werden, die erwünschten gefördert und stabilisiert werden. Um in die Gesellschaft integriert zu werden, müssen diese Grundregeln eingehalten werden. Schule spiegelt gesellschaftliche Konventionen wider (Sonntag=Ruhetag, Ferien).

Fleiß ist ein positiver Wert, aber erst seit der Neuzeit! Erst wenn das passiert ist, gibt es das Gegenkonzept der Faulheit. In der Schule ist die zeit der Faulheit, die Ferienzeit. Da muss man nicht fleissig sein.

Reproduktion durch die Institution der Schule: Zeitstrukturen, kulturelle Strukturen werden reproduziert, die intersubjektiv wahrgenommen werden können.

Wirkung von Schule erschließt sich in der Biographieforschung. Erfahrungen in der Schule werden von versch. Generatoren beeinflusst (Lehrplan, Lehrer, peer groups). Ist die subjektive Erfahrung deckungsgleich mit der Intention des Gesetzgebers? Das ist meistens nicht der Fall. Das Gelernte verschwindet sehr schnell.

Wirkkraft und Nachhaltigkeit von Lernerfahrung: oft geht von nicht geplanten Ereignissen mehr Wirkkraft aus, als von intendierten Bemühungen. Auch sind diese Ereignisse oft nachhaltiger.

Schule reproduziert für den einzelnen und dessen Lernbiographie und sie reproduziert den gesellschaftlichen Stand. Sie tut das explizit (methodisch geleitet) und implizit (nicht meth. geleitet).

Was sind die Bedingungen in der Schule? Es gibt eine Unterscheidungen zw. fachspezifischer (Lehrplan, wo etwas ausdrücklich als Lehre institutionalisiert wird, Erwerb fachlicher Kompetenzen und Orientierungen) und fachübergreifender (Rationalität, Konfliktfähigkeit, Norm- und Wertgefüge) Wirkung. Schule ist heute ein Ort der Diskussion (Verhandlungshaushalt!). Positionen werden argumentativ ausgehandelt. Wenn das in der Schule gelehrt und zugelassen wird, prägt das den Menschen.

Zusammenfassung: warum entsteht Schule: in traditionalen Gesellschaften ist der Weg des Menschen vorbestimmt, es gibt keine ergebnisoffene Zukunft – solche Gesellschaften reproduzieren sich zyklisch, es gibt keinen Fortschritt. Erst wenn der Gedanke an Fortschritt auftaucht, müssen sich Menschen Möglichkeiten überlegen, wie sie ihr Leben gestalten. Die Entstehung der Institutionen fällt in eine Zeit des Umbruchs auf vielen Gebieten (Religion, Wirtschaft, Gesellschaft, …) Die Sinnfrage wird neu gestellt, es entsteht ein Defizit, das nach einer Lösung sucht. Lösung war die Vorstellung des bildsamen Individuums. Es entsteht ein Leistungsstreben. Die Zukunft wird durch die eigene Leistung (Fleiß) bestimmt. Lernen wird wichtig. Der Fächerkanon vermittelt Kompetenzen und leistet einen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung.

Reproduktionsfunktion:

bezieht sich auf Qualifizierung, d.h. vermittlung von kenntnissen und Fertigkeiten, die benötigt werden, um in der Gesellschaft zu funktionieren (ökonomischer Sektor, Teilnahme am arbeitsleben.

Bezieht sich auf die Sozialstruktur, d.h. das System der Positionierung der Mitglieder der Gesellschaft. Das ist die soziale Positionsverteilung, die Selektionsfunktion. Es kommt zu

einer Kategorisierung der Positionen, der Berufe. Schule selektiert, wer welche position bekommt.

Bezieht sich auf die Normen, Werte und Interpretationsmuster: Legitimationsfunktion, Werte sollen affirmativ aufgenommen werden. Schule vermittelt, was für den gesellschaftl. Weiterbestand wichtig ist.

Es gibt Verflechtungen zwischen den einzelnen Teilsystemen einer Gesellschaft. Schulsystem leistet ihren Beitrag für die Sozialstruktur (reproduktive Übermittlung in einer normierten Weise). Das wird normiert und nicht beliebig überlassen. Schulsystem erhält Sozialstruktur aufrecht. Schulsystem leistet auch Beitrag für den Arbeitsmarkt (Ökonomie). Schule qualifiziert und berechtigt für Berufe, das auch Auswirkungen für die Sozialstruktur der Gesellschaft hat.

Problem: Bildungshintergrund der Eltern steht in Zusammenhang mit der Selektionsfunktion. Bildungssystem gerät in den Verdacht polit. Systeme zu perpetuieren, die Chancengleichheit nicht gewährleistet.

Qualifikationsfunktion der Schule ist die Vermittlung von Kompetenzen.

OECD Organisation of economic corporation and development, gegründet Anfang der 60er, Auftraggeber der PISA Studie als Steuerungsmaßnahme für den Arbeitsmarkt (Schule sollen sich selbst managen, aber mit Hinblick auf den Arbeitsmarkt). In den 60ern herrschte die Angst vor, nicht genug qualifizierte Arbeitskräfte zu haben.

Kunstfigur: katholisches Arbeitermädchen vom Lande – bezeichnet die traditionellen benachteiligten Bevölkerungsgruppen in D (in A ein bisschen anders wg. Religion)

- benachteiligte Religion

- benachteiligte soziale Position (Arbeiter), führt zu Bildungsbenachteiligung!

- benachteiligtes Geschlecht

- benachteiligte geographische Herkunft (traditionell bildungsfern)

heute: Kunstfigur hat sich ein bisschen geändert (Problem Migrantenkinder!), aber der Zusammenhang zw. Arbeitsmarkt und Bildung ist ungebrochen.

Es ist ungemein schwierig vorauszusagen, was der Arbeitsmarkt verlangt.

Ist es für einen Unternehmer lohnenswert jemanden mit einer hohen Qualifikation anzustellen? Nein! Eine Person mit hoher Qualifikation ist der Überzeugung, dass seine Qualifikation entsprechend honoriert werden muss. Unternehmerisch sinnvoller ist, jemanden zu wählen, der gerade eben qualifiziert ist, diese Arbeit anzunehmen (preisgünstigste Arbeitskraft). Das hängt natürlich davon ab, um welche Arbeit es sich handelt. Gilt nicht für Bereiche, in denen es um Innovation geht. Kritisch: wieviel Prozent der ausgewählten Berufe sind das? Nicht viele. Die Lösung möglichst viele zu qualifizieren, ist so nicht die richtige. Es funktioniert somit zwar die Qualifiaktionsstruktur, aber nicht die Reproduktionsstruktur. Es entsteht ein Unfriede, da es nicht genug Arbeitsplätze mit entspr. Honorierung gibt. Qualifikation hat nur einen ökonomischen Wert, wenn Bedarf ist.

Was ist auf dem Arbeitsmarkt erwünscht? Es geht nicht nur um fachl. Kompetenzen, sondern auch um die Verinnerlichung von Arbeitstugenden (Pünktlichkeit, Disziplin, Flexibilität, Konzentration, Mobilität, Lernstrukturen,….). Das ist eine Doppelqualifizierung, die nicht vom Arbeitgeber finanziert wird. Diese Investionen tätigt der Staat, als Unterstützung für die

Wirtschaft. Der Staat verwendet dazu die Steuereinnahmen. Diejenigen mit hohem Einkommen finanzieren ein Bildungssystem für alle (in Wirklichkeit doch nicht für alle).

Selektionsfunktion: System wählt aus. Das hängt ab von der Schullaufbahn. Es gibt eine verbindliche Grundbildung, aber dann eine frühe Auswahl der schulischen Laufbahn. Die erste Unterscheidung fällt mit ungef. 10 Jahren, wo die kognitiven Strukturen noch nicht voll ausgebildet sind.

Nach welchen Kriterien wird nun die Entscheidung getroffen? Der Bildungshintergrund der Eltern ist entscheidend, auch gegen die Empfehlung der Grundschullehrer. Bildungsnahe Schichten wählen eine höhere Laufbahn. Das gewährleistet aber auch soziale Stabilität.

Leistung: komplexer Begriff, der sich aus mehreren Faktoren zusammensetzt. Man muss in der Lage sein eine Aufgabe effektiv und effizient (geringer Aufwand, ressourcenschonend) zu lösen. Kinder werden in Leistunsfähigkeit eingeübt. Es werden Aufgaben gestellt und Prüfungssituationen hergestellt. Prüfung simuliert die Leistungsanforderung im Berufsleben. Erbringen einer Leistung hat eine affektive Komponente, welche nicht zu trennen ist von Wissen. Eine negative Grundeinstellung hemmt die Leistungsfähigkeit. In der Schule muss nun Leistungsbereitschaft trainiert werden (Selbstzwang). Die Belohnung erfolgt in der Allokation (künftige ökonomische Positionierung, Reputation)

Chancengleichheit: gibt es diese wirklich? Bringt 2 Perspektiven zusammen, die nicht so recht zusammen passen. Chance kommt aus dem Glücksspiel, man hat kein Recht auf Gewinn. Gleichheit bedeutet, dass alle gleich gestellt sind. Besserer Begriff wäre evt. Chancengerechtigkeit.

Problem: woran macht man die Chance fest? Begriff: Begabung – Schüler lernt zu akzeptieren, dass er eine niedrigere Position haben wird. In dem Moment, wo der Schüler seine Evaluation durch den Lehrer in Frage stellt, gerät das System ins Wanken.

Ökonomisches System stellt Ansprüche, die sie einzulösen nicht in der Lage oder Willens ist. Diese Ansprüche erfüllt dann der Staat (Bildungssystem). Solange das System funktioniert, funktioniert Gesellschaft. Wenn es zu einer Ungleichheit von Anspruch von Qualifikation und Angebot am Arbeitsmarkt kommt, gibt es Schwierigkeiten. Je länger die Ausbildungszeiten, desto besser für den gesättigten Arbeitsmarkt. Später kommt es aber zu Problemen der Überqualifizierung.

Widerstreit zwischen Institution und pädagogischem Verhältnis Um Schule möglich zu machen, braucht es Ressourcen, sowohl materieller Natur, als auch Personal. Der Lehrer soll lehren und erziehen, und affirmativ wirken. Welche Implikationen für das Lernen haben formal veranstaltende Lernprozesse? Der Mensch lernt immer, in der Schule unter organisierten Bedingungen.

Schüler und Lehrer stehen in einer formal organisierten Distanz zueinander. Der Lehrer ist erwachsen, hat den Wissensvorsprung. Es entsteht eine Asymetrie und eine klare Distanz. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist kein individuelles. Der Lehrer ist eine Amtsperson, die keine subjektiven Präferenzen zulassen kann. Vom Gesetzgeber her ist es nicht erwünscht, dass ein Lehrer seine eigenen Kinder unterrichtet. Für den Lehrer sollen alle Schüler gleich sein, er muss alle gleich behandeln. Das kann er nicht, wenn er das eigene Kind unterrichtet (entweder wird es bevorzugt, oder extra streng behnadelt). Leistungsbeurteilung ist aber nie frei von persönlichen Vorlieben.

Das Verhältnis Schüler-Lehrer ist ein formales, das subjektive Entwicklungen ausschließt. Auf besondere Ansprüche kann also kaum Rücksicht genommen werden (man darf nicht, und man kann nicht). In Ländern, die bei der PISA Studie gut abschließen, gibt es individuelle Fördereinrichtungen, geleistet von Hilfskräften.

Indem man auf Individuelles nicht eingeht, vermindert das Risiko mit dem Stoff nicht fertig zu werden. Der Lehrer entwickelt Routine. Routine wirkt mental entlastend und setzt neue Ressourcen frei, was etwas Positives ist. Die Kehrseite ist, dass Routine eingeschliffene Strukturen konserviert, die nur weil sie routiniert sind, nicht gut sein müssen. Das ist der Tod der Professionalität.

Wenn der Lehrende eine Amtsperson mit Routine ist, dann ist er außerhalb eines Begründungszwangs. Er ist entlasted von der Rechtfertigung für seinen Unterricht. Die nicht vorhande Begründungspflicht entbindet ihn aber nicht von Kritik. Oft sind Lehrer nicht kritikfähig.

Der Lehrer darf nicht unterrichten, wie er will, sondern muss Vorgaben folgen. Lernprozesse sind stark reglementiert und lassen wenig Spielraum für Individualität. Es besteht die Gefahr des teaching-to-the-test. Das ist eine Erstarrung. Die Perfektionierung eines rein prozeduellen Lernens erzeugt nicht das was es soll bei der Formung der Persönlichkeit, nämlich die Lernbereitschaft und Lernfähigkeit.

Schneider Block 4, 16. Mai 06

Septem Artes Liberales: Quadrivium (Naturwissenschaften) und Trivium

Reflexive Koedukation: neueste Entwicklung: Trennung in best. Fächern Mädchen sind in Sprachen besser (Grund: Sozialisation?), Buben in naturwissenschaftlichen Fächern

Schule: formale Institution. Wie sieht das der Schüler? Welche Bedingungen müssen herrschen, damit Erziehungsprozesse funktionieren?

Der Lehrer sollte Vorbild sein, der Schüler leitet und lenkt, aber nicht dominiert. Der Lernende sollte sich mit dem Lehrer identifizieren. Es soll ein Vertrauensverhältnis entstehen. Der Lehrer darf das Vertrauen aber nicht missbrauchen. Es gibt kein kognitives Lernen ohne affirmatives Gefühl. Der Lehrer muss auch den Schüler als Individuum betrachten, was in dieser formalen situation sehr schwierig ist. Der Lehrer muss Distanz bewahren, aber dennoch das Individuum im Auge behalten (persönlicher Hintergrund, etc., va. bei Störungen). Der Lehrer muss Interesse erzeugen (enthusiastische Darstellung, sachlich korrekt und ansprechend, entdeckendes Lernen = selbstständige Aneignung von Stoff). Jeder Mensch soll mündig agieren auf der Basis seines Urteilsvermögens. Aber wie fördert man Autonomie in einer Zwangssituation? Man muss Kritik und Diskussion zulassen. Am Ende des jahres müssen bestimmte Lernziele erreicht sein, die auch evaluierbar sein müssen (teaching to the test). Das beschneidet aber die Kreativität der Schüler. Es besteht die Notwendigkeit von Entscheidungsspielräumen. Das ist das Gegenteil von Drill und Dressur. Ziel ist eine Just Community. Schüler sollen Mitspracherecht bekommen (soziales Lernen).

Leistungsprinzip: Schüler müssen eine Leistung erbringen. Bei Schuleintritt ist eine ursprüngl. Gleichheit gegeben – alle haben den selben Ausgangsstatus, homogene Entwicklungsstufe (real ist das anders, z.B. Sprachbeherrschung). Die Gruppe der Gleichen bekommt die gleichen Aufgaben, das bei individueller Bewältigung zu Benotung führt. Die Leistung wird bewertet. Konsequenzen sind das Einüben des Kindes in die Leistungsgesellschaft (Vergleich mit Mitschülern, Rückmeldung der Gruppe). Automatisch wird aber immer eine Gruppe schlecht benotet werden. Das kann zur Traumatisierung führen. Das Kind fühlt sich vom Lehrer und von der Gruppe zurückgesetzt. Das ist nicht nur in kognitiven Fächern so (Trauma Sport!). Das Ergebnis ist Frustration (auch ein Aspekt des sozialen Lernens).

Leistungsdruck: Was verstärkt den Druck? Das passiert, wenn man jeden Schüler zum Einzelkämpfer macht (Frontalunterricht, Schularbeiten) und auch Leistungsschwächere ausblendet. Dieses Zurücklassen ist oft an Schule habitualisiert. Problemlösung wäre Förderunterricht. Der Druck wird verschärft durch ein differenziertes Notensystem, insbesondere dann, wenn man die sehr guten Noten knapp hält.

Wie definiere ich meine Leistungskriterien? Jeder Lehrer gewichtet anders, das Ideal wäre ein Leistungspektrum zu erarbeiten und sich daran zu halten.

Unterschiedlichkeit von Bildungssystemen:

Finnisches System: hat bei PISA gut abgeschnitten – warum ist es so ein Vorzeigesystem?

Finnland hat eine Tradition, die mit unserer nicht vergleichbar ist. F war bis zum 12. Jhdt. sehr stark abgeschlossen. Erst mit dem Katholizismus wird das abendländische Denken eingeführt. F war immer im Widerstreit mit mächtigen Nationen (Schweden und Russland). Die Reformation hat dann einen neuerlichen Bildungsschub verursacht.

Im 13. Jhdt. gab es eine Kirchenschule, in der Priester ausgebildet wurden. Seit dem 17. Jhdt. gibt es so etwas wie Volksbildung (Nachwirkung der Reformation, war Pflicht, auch Sanktionen!). Im 18. Jhdt. kam es verstärkt zu Schulgründungen. Eltern mussten Kindern Lesen und Schreiben beibringen (d.h. auch Eltern mussten schon Lesen können). Falls Eltern das nicht leisten konnten, mussten Schulen besucht werden.

1809 wir Finnland autonom. Das wird auch in der Amts- u. Landessprache artikuliert. Es muss eine Sprache sein, die jeder versteht. Diese Sprache ist auch die Dominanzsprache im Bildungssystem. Die Amtsprache war das Finnische (Russisch und Schwedisch bleiben aber noch lange gebräuchlich). Man braucht nun auch entsprechendes Personal. Man schaute nach der Schweiz (Pestalozzi), wo es ein gutes Lehrerbildungssystem gab.

In den Volkschulen wurde Religion, Mathe, Kunst, Finnisch und Sport, weiters Schwedisch als 2. Sprache. 1890 gingen nur 2.5% der Kinder in die Schule, aber die Alphabetisierung war sehr hoch. 1898 schrieb man vor, dass wenn es 30 Schulpflichtige in einer Gemeinde gab, dann musste eine Schule gegründet werden (Schulweg durfte nicht länger als 5km sein!). Es entstand somit ein sehr enges Netz. 1920 war die Alphabetisierung führend in Europa.

1872 entwickelte man eine eigene Oberstufe, genannt Lyceum. Da gab es 7 Klassen, nach Jahrgängen organisiert. Daneben gab es aber auch Realschulen. Bis in die 70er des 20. Jhdt. blieb das System so aufrecht.

Anfang 1970 wurde das gegliederte System abgeschafft und durch ein Einheitssystem ersetzt. 94% der Schüler besuchen nach der Grundschule entw. das Gymnasium od. eine Berufsschule.

Schullaufbahn beginnt mit dem 7. Lebensjahr mit dem Grundunterricht, der 9 Jahre dauert (Kinder sind 15). Der weiterführende Unterricht dauert 3 Jahre, entw. Gymnasium (Kurssystem) od. Berufsvorbereitung.

Das Geheimnis des Erfolgs: Infrastruktur: es gibt kaum Migrantenkinder. Jedes Kind hat den Rechtsanspruch in seiner Muttersprache unterrichtet zu werden (Schwedisch, Samisch) und das Finnische dann zusätzlich, die Betonung des Systems liegt auf Sprache (TV: Filme werden nicht synchronisiert, d.h. Kind muss sehr schnell Untertitel lesen können, bzw. Englisch lernen). Finnland hat auch eine außerordentliche Lesekultur. Schüler werden von Klein auf in Bibliotheken gebracht. Kein Kind darf zurückgelassen werden. Bei Schwächen gibt es sofort Förderung (Hilfslehrer!). Die Klassengröße ist zwischen 16 und 20. Es gibt daher auch kein rigides Notensystem. Es gibt verbale Begutachtungen im Dialog mit Schülern und Eltern, d.h. Eltern müssen auch relativ viel Zeit aufwenden. Bildung gilt als höchstes Gut. An jeder Schule gibt es auch Psychologen und Sozialpädagogen, was den Lehrer entlastet.

14% des Staatshaushalts werden für das Bildungssystem aufgewandt (sehr hoch!).