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Grüne Pioniere
Grüne
Pioniere
Grüne Pioniere 1|2 |9.1.2012 Deutschland €4,50 30 die deutsche Startups, Mut machen Facebook-Fieber Der

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|9.1.2012 Deutschland €4,50
|9.1.2012 Deutschland €4,50
30 die deutsche Startups, Mut machen Facebook-Fieber Der Börsengang des Netzwerks beflügelt den Markt für
30
die deutsche
Startups,
Mut
machen
Facebook-Fieber
Der Börsengang des Netzwerks beflügelt den
Markt für Internet-Aktien. Droht eine neue Blase?

Schweiz CHF 7,80 | Österreich €4,80 | Benelux €5,- | Dänemark DKK 41,50 | Griechenland €5,80 | Großbritannien GBP 4,90 | Italien €5,50 | Polen PLN 26,50 | Portugal €5,80 | Slowakei €5,60 | Spanien €5,50 | Tschechische Rep. CZK 197,- | Türkei TRY 13,40 | Ungarn F T 1 950,-

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FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE Einblick Wohin mit dem Ersparten in unsicheren Zeiten? Die Deutschen trauen

Einblick

Wohin mit dem Ersparten in unsicheren Zeiten? Die Deutschen trauen Banken und Politikern nicht mehr und investieren in Sachwerte. Von Franz Rother

unsicheren Zeiten? Die Deutschen trauen Banken und Politikern nicht mehr und investieren in Sachwerte. Von Franz

Angst essen Geld auf

M ehr Sport treiben und dabei das eine oder andere Pfund abnehmen; mehr Zeit finden für Familie und Freunde: Der

Jahreswechsel ist die Zeit für gute Vorsät- ze – und für nüchterne Bilanzen. Was ist gut gelaufen, wo wurden die Erwartungen nicht erfüllt? Wo hätte man besser hinge- hört, wo besser genauer hingeschaut – oder wovon hätte man besser gleich die Finger gelassen? Vor Griechenland-An- leihen wurde ja frühzeitig gewarnt, der Glanz des Goldes stach ja lange genug ins Auge. Aber Riester und Festgeld waren nun wirklich nicht der Hit: Ordentlich Renditen macht bei der einen Anlage eine Lebenserwartung von unter 100 Jahren, bei der anderen ein Magerzins auf Höhe der Inflationsrate zunichte. Wohin also mit den Mäusen? Verleihen an Politiker mit großen Ambitionen und klammer Kasse, mit großen Ansprüchen, aber nur geringem Gefühl für Anstand und Sitte? Lieber nicht. Denn für Privatkredite gibt es keine Sicherheiten, zumal die Halb- wertzeit selbst von Bundespräsidenten rapide schrumpft. Sparen, lange Zeit der Deutschen liebstes Hobby, macht aber auch keinen Sinn mehr. Zwar hat sich die zeitweise sehr hitzige Dis- kussion über die Zukunft des Euro und die Schuldenlast vieler Länder über die Feier- tage ein wenig gelegt. Aber ein Staatsbank- rott von Ländern der Euro-Zone ist trotz al- ler Rettungsschirme und Krisengipfel noch längst nicht aus der Welt. Griechenland drängt bereits auf neue Kredite der EU, auch Italien braucht schon bald frisches Geld, um alte Schulden bezahlen zu kön- nen. Diskussionen über einen Schulden- schnitt werden vor dem Hintergrund schon bald neue Nahrung kriegen, und die Nei- gung findiger Staatenlenker wird darüber wachsen, historischen Vorbildern zu folgen und die überbordende Schuldenlast durch eine sogenannte „finanzielle Zügelung“ zu lindern: Mit „financial repression“ um- schreiben Ökonomen Maßnahmen, die auf eine kalte Enteignung hinauslaufen. Ban- ken könnten verstaatlicht oder, wie jetzt in Italien angedroht, zum Kauf von Staats-

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

anleihen mit niedrigen Renditen gezwun- gen werden. Der Effekt wäre eine schlei- chende Entwertung des Geldes jenseits heutiger Inflationsraten (siehe Seite 20). Vielen Deutschen kriecht es bei solchen Szenarien kalt den Rücken hinauf. Dass die Schuldenkrise noch längst nicht überstan- den ist, die Retterei des Euro auch 2012 weitergeht und das Inflationsrisiko wächst, ahnen wir schon – und schichten das Ver- mögen um: Lebensversicherungen wer- den aufgelöst, Spargelder in Goldschmuck, Beton- oder Blechgold (sprich: Immobi- lien oder historische Autos) investiert. Aus dem deutschen Angstsparer ist nach Beob- achtungen von Marktforschern ein Angst- konsument geworden. Wer es sich leisten kann und ein eigenes Haus besitzt, steckt das Ersparte zur Freude vieler Handwerks- betriebe in eine moderne Heizungsanlage, in neue Fensterscheiben mit hohem Dämmwert oder eine neue Fassade: Man schlägt dem Fiskus ein Schnippchen, zeigt den Energieversorgern eine lange Nase und braucht sich nicht mehr zu sorgen, ob die eigene Bank sicher ist – außer einem kleinen Notgroschen und dem Monats- lohn auf dem Girokonto liegt da nichts mehr, was besteuert werden könnte. Natürlich könnte man das Ersparte auch in Aktien investieren: Bei Inflationsraten zwischen zwei und sechs Prozent schlagen sich Unternehmensanteile normalerweise besser als alle anderen Anlageformen. Aber so weit geht die Angst der Deutschen noch nicht, dass sie ihre Aversion gegen Aktien verlieren. Während in den USA den bevorstehenden Börsengängen von Face- book und 15 anderen Internet-Firmen hef- tig entgegengefiebert wird (siehe Seite 92), sorgen sich Anleger hierzulande bereits wieder um eine neue Dotcom-Blase. Könnte ein soziales Netzwerk mit 22 Mil- lionen „Freunden“ allein in Deutschland, aber nur gut drei Milliarden Euro Umsatz wirklich doppelt so viel wert sein wie der Autokonzern Volkswagen, der 2011 über 130 Milliarden Euro umsetzte, aktuell an der Börse aber nur mit rund 53 Milliarden Euro bewertet ist? Eine spannende Frage. Nächsten Dezember wird Bilanz gezogen. n

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Überblick

Nr. 1/2, 9.1.2012

Überblick Nr. 1/2, 9.1.2012 Menschen der Wirtschaft 70 6 Seitenblick Deutschlands Fernsehtürme Titel Facebook-Fieber
Menschen der Wirtschaft 70 6 Seitenblick Deutschlands Fernsehtürme Titel Facebook-Fieber Spezial Messen Städte und
Menschen der Wirtschaft
70
6
Seitenblick Deutschlands Fernsehtürme
Titel Facebook-Fieber
Spezial Messen Städte und Länder wollen
von ihren Messegesellschaften endlich Geld
sehen | Messekalender 2012
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Volkswagen: Ex-Aufsichtsrat Christian Wulff
drohen hohe Schadensersatzforderungen
Technik&Wissen
9
Deutsche Bahn I: Zugausfälle mangels
Strom | Deutsche Bahn II: Ärger aus Brüssel |
Drei Fragen: Bewaffnete zum Schutz vor
Schiffspiraten?
Der angekündigte Börsengang des
sozialen Netzwerks hat eine neue
76
10
Pflege-Zusatzversicherung: bessere Vor-
sorge | Auto: Trend zu PS-starken Autos trübt
Klimabilanz | Gewährleistung: Bund bürgt
Welle der Internet-Euphorie ausgelöst.
Welche Unternehmen tatsächlich
etwas taugen, was Facebook wert ist,
warum die Aktien von Google und
Innovationen Energie, Mobilität,
Ressourceneffizienz: die 30 innovativsten
Greentech-Startups Deutschlands
Management&Erfolg
84
Karriere Wie junge Führungskräfte mit
einer plötzlichen Kündigung umgehen
12
Klartext: Abkehr vom Geist der D-Mark |
Artega: Sportwagenfirma vor dem Verkauf
Amazon attraktiv sind.
Seite 92
88
Millionenpoker Unternehmen kämpfen
um neue Internet-Adressen
14
Chefsessel
Geld&Börse
16
Chefbüro Bundesfamilienministerin
Kristina Schröder
92
Politik&Weltwirtschaft
20
Staatsschulden Die Entschuldung der
Industrieländer erfolgt auf dem Rücken
der Sparer
Internet-Aktien Der bevorstehende
Börsengang von Facebook hat einen neuen
Internet-Hype ausgelöst. Wo sich jetzt der
Einstieg lohnt | Cloud-Unternehmen ziehen
Investorengelder an
102
Auf allen Kanälen
24
Interview: Martin Hellwig Der Ökonom
sieht Fallstricke bei der Bankenregulierung
Luxemburg-Fonds Die Aufsicht ist lasch
und Gerichte sind lahm. Fondsanleger
haben den Schaden
104
26
Steuern und Abgaben Was 2012 auf
die Bundesbürger zukommt |
Musterrechnungen für drei Familientypen
US-Konzerne wie Apple und Google wollen den TV-Markt
revolutionieren. Deutsche Sender halten mit Macht dagegen –
Steuern und Recht Dienstwagen |
Erbschaftsteuer | Medienfonds
zur Freude der Zuschauer.
Seite 46
106
28
Energie Weniger Atomkraft und mehr
Strom aus erneuerbaren Quellen erhöhen
die Gefahr eines Stromausfalls
Kalte Enteignung
Geldwoche Kommentar: US-Banken vor
Schrumpfkur | Trend der Woche: China-
Börse | Dax-Aktien: BASF und K+S kaufen
zu | Hitliste: Immer mehr extreme Börsen-
tage | Aktien: Sonova, Verbund | Zertifikate:
30
Forum Der grüne Energieexperte Hans-
Josef Fell über die Kosten der Energiewende
Rohöl | Anleihe: Rhön-Klinikum | Invest-
mentfonds: Espa Biotec | Chartsignal:
32
Mongolei Die Multis der Welt machen Jagd
auf die Rohstoffe in den Steppen des Landes
Die Schulden der Industrieländer lassen sich durch Sparen nicht
mehr senken. Was jetzt noch hilft, ist der Griff in die Taschen der
Sparer durch Regulierung, niedrige Zinsen und Inflation. Seite 20
MDax | Relative Stärke: Comeback von BP
Perspektiven&Debatte
37
Berlin intern
112
Der Volkswirt
38
Kommentar | New Economics
Gefeuert mit 40
39
Konjunktur Deutschland
Gourmetführer Schon seit 45 Jahren hat das
Schwarzwald-Restaurant Adler einen Stern
im Guide Michelin. Wie schaffen die das? |
Höchstnoten: die besten Restaurants
Deutschlands
40
Weltwirtschaft Die Euro-Krise erreicht das
Schweizer Alpenparadies
Grüner Aufbruch
116
Hör- und Les-Bar
42
Denkfabrik Hans-Werner Sinn, Präsident
des ifo Instituts, über Deutschlands
Konjunktur im Jahr des Drachen
Jahrelang haben Führungskräfte wie
Sven Paaschburg Teams geleitet und
Sonderprojekte gestemmt – plötzlich
Sprit aus Algen, hauchdünne Solarzellen, preiswerte Elektroautos:
Rubriken
an welchen Ideen die 30 innovativsten deutschen Greentech-
stehen sie auf der Straße: wie erfolgs-
verwöhnte Manager nach dem Job-
3 Einblick, 118 Leserforum,
120
Firmenindex | Impressum, 122 Ausblick
Startups arbeiten – eine exklusive Studie.
Seite 76
Unternehmen&Märkte
verlust neu durchstarten.
Seite 84
46
56
60
TV-Anbieter Fernsehen wird mobil, sozial
und jederzeit verfügbar. Um die Herrschaft
auf Deutschlands Bildschirmen kämpfen
nun Internet-Riesen gegen etablierte
Sendeanstalten und pfiffige Newcomer
Autoindustrie Das schnelle Comeback der
japanischen Fahrzeughersteller
BDI Der Bundesverband der Deutschen
Industrie fordert mehr Staatseinfluss
Bosch Warum das Traditionsunternehmen
trotz Hiobsbotschaften aus der Branche sein
Solargeschäft ausbaut
Hewlett-Packard/IBM Zwei Frauen lenken
die beiden größten IT-Konzerne der Welt
Feinkost
Das Chämi-Hüsle in
Häusern im Schwarzwald
ist erstmals vom Guide
Michelin ausgezeichnet
worden. Die neuen
Gourmetführer vergeben
Höchstnoten an immer mehr
deutsche Köche. Seite 112
n Frankreich Eine der größten Sorgen der Euro-
Regenten im neuen Jahr ist eine Herabstufung Frank-
reichs durch die Ratingagenturen. Ex-Präsidenten-
berater und Harvard-Professor Martin Feldstein
vergleicht das Land mit England und erklärt, wie der
Konflikt der Wirtschaftsmächte die Probleme in
Europa verschärft. Unter: wiwo.de/post-aus-harvard
facebook.com/
wirtschaftswoche
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twitter.com/
wiwo
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TITELILLUSTRATIONEN: DMITRI BROIDO; KRISTINA DÜLLMANN; FOTO: FOTOLIA
FOTOS: CHRISTOF BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE ALLIANCE/DPA (MONTAGE: DMITRI BROIDO), GERRIT MEIER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

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ILLUSTRATION: JAVIER MARTINEZ ZARRACINA

Seitenblick

FERNSEHTÜRME

Lange Schatten

Einst Symbole des technischen Fortschritts, sind Deutschlands Fernsehtürme heute Überbleibsel vergangener Zeiten.

4,4 Prozent der Deutschen schauen noch ter- restrisches Fernsehen, erhalten Bild und Ton also über die traditionelle Antenne und nicht via Satellit oder Kabel. Vor 20 Jahren waren

es laut Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung noch 60 Prozent. Damit verlieren auch die Fernsehtürme nach und nach ihre ursprüngliche Bedeutung. Zwar nutzt die Deutsche Telekom, der die meisten Türme gehören, sie noch für die Richtfunktechnik und fürs digitale Antennenfernsehen und UKW-Radio. Aber für viele Städte, die sich einst solch einen Riesen als Touristenattrak- tion gewünscht hatten, sind sie Schatten der Vergangenheit.

BERLINER

EUROPATURM

FERNMELDETURM

OLYMPIATURM

TELEMAX

FERNSEHTURM

FRANKFURT

NÜRNBERG

MÜNCHEN

HANNOVER

Höhe: 368 Meter Fertigstellung: 1969

Höhe: 337,5 Meter Fertigstellung: 1979

Höhe: 292,8 Meter Fertigstellung: 1980

Höhe: 291,3 Meter Fertigstellung: 1968

Höhe: 282,2 Meter Fertigstellung: 1992

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Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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1200 000

Gäste

besuchen

jährlich

die Kugel des Berliner Fernsehturms am Alexanderplatz. Doch nur noch drei der zehn größten deutschen Türme stehen Gästen offen: München, Berlin und Düsseldorf. Für die anderen Türme finden sich keine Pächter, die sich um Gastronomie und Touristik kümmern wollen. Denn die Investitionen in einen modernen Brandschutz und eine neue Aufzugstechnik rechnen sich nicht mehr, zumal in Spitzenzeiten die Anzahl der Besucher beschränkt werden muss.

359 Meter war der Funkmast in Berlin-Froh- nau hoch, den die Deutsche Telekom 2009 sprengen ließ. Doch bevor der

Konzern überflüssig gewordene Türme zerstört, versucht er, die Flächen dort anderweitig zu vermarkten. So dürfen Unternehmen im Frankfurter Europaturm Hoch- geschwindigkeitsaufzüge testen. Und für Hamburg gibt es bereits Pläne, neben dem Fernsehturm ein Hotel hochzuziehen und beides miteinander zu verbinden, zumal er direkt neben dem Messegelände steht.

thomas.stölzel@wiwo.de

HEINRICH-HERTZ-

COLONIUS

FERNMELDETURM

FERNSEHTURM

RHEINTURM

TURM HAMBURG

KÖLN

KOBLENZ

DRESDEN

DÜSSELDORF

Höhe: 279,2 Meter Fertigstellung: 1968

Höhe: 266 Meter Fertigstellung: 1981

Höhe: 260,7 Meter Fertigstellung: 1976

Höhe: 252 Meter Fertigstellung: 1969

Höhe: 240,5 Meter Fertigstellung: 1982

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

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FOTO: DDP/PHILIPP GUELLAND

FOTO: LAIF/AMIN AKHTAR

Menschen der Wirtschaft

Neue Hiobsbotschaft VW-Aufsichtsratschef Piëch, Wulff
Neue Hiobsbotschaft
VW-Aufsichtsratschef
Piëch, Wulff

VOLKSWAGEN Christian Wulff

Was wusste Wulff?

67 Banken, Versicherungen und Fonds fordern 1,8 Milliarden Euro Schadensersatz von Christian Wulff wegen vermeintlicher Versäumnisse als VW-Aufsichtsrat.

Als niedersächsischer Ministerpräsident war Chris- tian Wulff stolz auf seine Nähe zur Wirtschaft. So sehr, dass er sich „Vorstandsvorsitzender von Nie- dersachsen“ nannte. Jene Nähe wird für Wulff im- mer mehr zum Problem. 67 Banken, Versicherun- gen, Pensions-, Staats- und Hedgefonds behaupten, Wulff habe in seiner Zeit als VW-Aufsichtsrat Pflich- ten verletzt und den Porsche-Eignern, den Familien Porsche und Piëch, in die Hände gespielt. Als VW-Aktionäre hatten die Investoren nach ei- genen Angaben hohe Summen verloren, weil Por- sche im Übernahmekampf mit VW Marktteilneh- mer rechtswidrig getäuscht habe, so der Vorwurf. Mitschuldig sei Wulff, der als Ministerpräsident für den 20-Prozent-Anteil des Landes Niedersachsen an VW verantwortlich war. Er habe gewusst, dass Porsche Anleger belogen habe. So soll er beispiels- weise schon vor Oktober 2008 erfahren haben, dass Porsche VW übernehmen wollte. Erst da hatte Por- sche die Übernahmepläne öffentlich bekannt gege- ben. Wulff, so der Vorwurf der Investoren, habe es aber versäumt, dafür zu sorgen, dass die anderen VW-Aktionäre und Marktteilnehmer rechtzeitig darüber informiert worden seien. Die Geldhäuser fordern deshalb von Wulff 1,79 Milliarden Euro

Schadensersatz, wie aus einem Antrag auf Ein- leitung eines außergerichtlichen Gütetermins her- vorgeht, der der WirtschaftsWoche vorliegt. Der Antrag, der an eine staatlich anerkannte Gütestelle in Karlsruhe gerichtet ist, wurde am 28. Dezember von der Berliner Prozessführungsgesellschaft ARFB gestellt, an die die 67 Investoren ihre Ansprüche abgetreten haben. Experten halten den Ausgang des Verfahrens für völlig offen. Dem Antrag zufolge hätten die angeblichen Falschaussagen von Por- sche zu Kurskapriolen der VW-Aktie geführt (siehe Grafik). Wulff habe „schweigend und untätig zuge- sehen, wie Porsche Nutznießer der Kapriolen wur- de und 5,4 Milliarden Euro Beute machte“, heißt es in dem Antrag. Wulff, sein Rechtsanwalt und das Bundespräsidialamt äußerten sich inhaltlich nicht zu den Vorwürfen. Wulff sei das Güteverfahren bis- lang nicht bekannt gewesen, so der Anwalt des Bun- despräsidenten. Porsche und VW bestreiten alle Vorwürfe. Die von Wulff geforderte Summe ist identisch mit der, die die Investoren von Porsche und VW fordern. Eine entsprechende Klage wurde im September am Landgericht Braunschweig eingereicht und kurz vor Jahresende erweitert. Zu den ursprünglich 41 Klä- gern kamen 26 weitere. Die Forderung erhöhte sich von 1,1 auf 1,8 Milliarden Euro. Fünf weitere Inves- toren fordern in einer neuen Zusatzklage noch ein- mal 351 Millionen Euro von Porsche.

martin.seiwert@wiwo.de

0 2007 2008 2009
0
2007
2008
2009

Stein des Anstoßes

Kursverlauf der VW-Aktie (Angaben in Euro)

1000

800

600

400

200

Quelle: Thomson Reuters

Kurskapriole Ende Oktober 2008 no- tierte die VW-Aktie zeit- weise sogar über 1000 Euro. Grund für die Rally waren Optionen, mit denen Porsche sich fast drei Viertel der VW- Aktien gesichert hatte. Dadurch waren Speku- lanten, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, so- genannte Leerverkäufe tätigten, gezwungen, die wenigen am Markt verbliebenen Aktien zu jedem Preis zu kaufen.

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Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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DEUTSCHE BAHN I Hans-Jürgen Witschke

Zugausfälle mangels Strom

Kaum hat der Winter begonnen, fürchtet sich die Deutsche Bahn schon vor dem nächsten. In einem Brief an das nord- rhein-westfälische Wirtschaftsministeri- um warnt die Konzerntochter DB Energie davor, das 40 Jahre alte E.On-Kraftwerk in Datteln wie geplant im Januar 2013 abzu- schalten. Derzeit liefert es rund drei Viertel des Stroms, den die Bahn im Ruhrgebiet braucht. Da sich der Bau eines Steinkohle- kraftwerks in Datteln verzögere, könne „in den verbrauchsstarken Wintermonaten November bis einschließlich März der Zugverkehr je nach Witterung und Wo- chentag nur mit Einschränkungen von bis zu minus 30 Prozent aufrechterhalten werden“, warnt DB-Energie-Geschäftsfüh-

rer Hans-Jürgen Witschke. „Mehrere Hun- dert Züge müssten gegebenenfalls stun- denweise im Ruhrgebiet gestoppt werden.“ Die Deutsche Bahn benötigt im Ruhrge- biet jährlich rund 400 Megawatt Strom für ihre Züge, den neben dem E.On-Kraftwerk in Datteln das Steag-Kraftwerk in Lünen liefert. Sollte Datteln abgeschaltet werden, könne das ebenfalls in die Jahre gekom- mene Lünener Kraftwerk den Bedarf nicht allein decken, schreibt Witschke. Falle auch dieses aus, führe das „mit an Sicher- heit grenzender Wahrscheinlichkeit zu ei- nem kompletten Netzzusammenbruch der Bahnstromversorgung im gesamten Westen Deutschlands“ (siehe Seite 28).

christian.schlesiger@wiwo.de

DEUTSCHE BAHN II Peter Ramsauer

Minister droht Ärger aus Brüssel

Wegen eines Milliardenauftrags des Lan- des Sachsen-Anhalt gerät Bundesver- kehrsminister Peter Ramsauer unter Druck. Die Landesnahverkehrsgesell- schaft vergab im November 2011 einen Auftrag über 1,04 Milliarden Euro für den Betrieb von S- und Regionalbahnlinien zwischen Magdeburg und Umland an die Deutsche Bahn. Die Laufzeit beträgt 15 Jahre ab Ende 2013. Die Vergabe erfolgte ohne Ausschreibung. Genau dagegen lau- fen Wettbewerber Sturm. Der Verband Mofair, der die Interessen der Bahn-Kon-

kurrenten vertritt, beschwerte sich bei der EU-Kommission. Denn der Vertrag wurde nicht, wie es Europarecht verlange, ausge- schrieben. „Andere Unternehmen hatten so von vornherein keine Möglichkeit, sich um den Auftrag oder um Teilleistungen hiervon zu bewerben.“ Im Extremfall droht Ramsauer als Vertreter der Bundesrepu- blik ein Vertragsverletzungsverfahren. Der Europäische Gerichtshof könnte den Deal für nichtig erklären. Die Chancen von Mofair stehen gut. Die Landesregierung Sachsen-Anhalts begrün- dete die Direktvergabe in einem Schreiben an den Finanzausschuss des Landtages zwar dami t, dass der Deal eine „vor teilhafte Gelegenheit“ bot. Denn der bisherige Ver- trag mit der Bahn-Tochter DB Regio laufe bis 2017, enthalte aber „eher ungünstige Bedingungen“ bei Preis, Qualität und Kun-

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

Qualität und Kun- WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2 Streit um S-Bahnfahrten Bundesverkehrsminister Ramsauer

Streit um S-Bahnfahrten Bundesverkehrsminister Ramsauer

denservice. Durch das neue Angebot lie- ßen sich bis 2017 rund 40 Millionen Euro einsparen. Doch der Landesrechnungshof rügte schon, eine Einsparung von 40 Mil- lionen Euro sei kein stichhaltiger Grund, da ein anderes Bahnunternehmen viel- leicht noch vorteilhafter gewesen wäre. Zudem verbot der Bundesgerichtshof vor einem Jahr Direktvergaben. Der Verkehrs- verbund Rhein-Ruhr hatte wie nun Sach- sen-Anhalt einen Vertrag mit DB Regio ohne Ausschreibung verlängert.

christian.schlesiger@wiwo.de

DREI FRAGEN AN

MICHAEL

BEHRENDT

60, Präsident des Verbandes Deutscher Reeder (VDR)

60, Präsident des Verbandes De uts cher Reeder (VDR) n Die Bundesregierung will private bewaffnete

n Die Bundesregierung will private

bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord von Schiffen erlauben, die unter deutscher Flagge fahren. Wie groß ist der Bedarf?

Somalische Piraten im Indischen Ozean und am Horn von Afrika sind ausschließ- lich auf Menschenraub aus. Die Reederei- en verlangen zu Recht nach bewaffnetem Schutz für ihre Besatzungen. Jedes Jahr gibt es einige Hundert Passagen im ge- fährdeten Gebiet, das mittlerweile den gesamten nördlichen Indischen Ozean umfasst und durch Marine-Schiffe nicht komplett kontrolliert werden kann. Der Bedarf ist dringend und groß, und bewaffnete Schutzteams haben sich als effektivste Abwehrmaßnahme gegen Piratenangriffe erwiesen.

n Was kosten die Sicherheitskräfte?

Die Mehrkosten belaufen sich auf mehre- re Zehntausend Dollar pro Tag und Schiff. Zu Buche schlagen Sicherheitsdienste, erheblich erhöhte Versicherungsprämien und die obligatorischen Sicherungsmaß- nahmen.

n Gibt es denn geeignete deutsche

Sicherheitsfirmen, oder sind die Reeder

auf ausländische Firmen angewiesen?

Bislang sind überwiegend ausländische Sicherheitsfirmen am Markt tätig. Aber es gibt natürlich geeignete deutsche Fir- men. Wir hoffen, dass die Zahl durch die Zertifizierung noch zunimmt.

christian.schlesiger@wiwo.de

VERSALZENE INVESTITION

60000

Tonnen Streusalz hat Verkehrsminister Peter Ramsauer als Reserve für die Auto- bahnen schon gebunkert. Nach dem har- ten Winter 2010/11 hatte er angeordnet, eine Notfall-Reserve von 100 000 Tonnen anzulegen. Gesamtkosten: 8,5 Millionen Euro. Verstreut wurde davon noch nichts.

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FOTO: LAIF/MICHAEL LOEWA

Menschen der Wirtschaft

KLARTEXT Deutschland verliert bei der EZB den wichtigen Posten des Chefvolkswirts. Das ist konsequent.

Abkehr vom alten Geist

W arum glaubt mancher Deutscher noch, die Euro- päische Zentralbank (EZB) sei wie die alte Bundesbank

– nur eben blau-gelb? Mit der Nicht- berufung eines Deutschen zum Chef- volkswirt der EZB dürfte jedenfalls diese gern verbreitete Mär endgültig als solche entlarvt worden sein. Warum auch hätte das EZB-Direktori- um wieder einen Deutschen auf den Posten hieven sollen, nachdem der letzte entnervt hingeworfen hatte? Jürgen Stark schied vorzeitig aus, weil er mit seinen Vorstellungen von geldpolitischer Stabilität kein Gehör mehr fand. In den Führungsetagen der Zentralbank dominieren die Vertreter des laxen Südens, und die wollen sich nicht von einem Falken in ihrem Taubenschlag beäugen lassen. So ist es eine ehrliche Entscheidung des EZB-Direktoriums unter Leitung des Italieners Mario Draghi, dem Belgier Peter Praet die volkswirtschaftliche Abteilung anzuvertrauen. Berlins Kandi- dat Jörg Asmussen bekommt sie nicht. Ebenso wenig der von Paris ins Rennen geschickte Benoît Coeuré – getreu dem Sprichwor t „Wenn zwei sich streiten “. Als willkommenen Nebeneffekt können die Zentralbanker mit der Praet-Berufung auch noch ihre Unabhängigkeit von der franko-teutonischen Politik demons- trieren. Derart befreit wird das bunte EZB- Direktorium heftiger denn je zwischen seinem geldpolitischen Stabilitätsauftrag und finanzpolitischer Staatsräson mäan- dern. Anleihenkäufe von schwächelnden Euro-Ländern stoßen künftig auf noch weniger Widerstand. Bundeskanzlerin Angela Merkel meint zur EZB-Postenverteilung, sie könne damit „sehr gut leben“. So ist es wohl: Sie allein ist nun die Lichtgestalt deutscher Stabilitätspolitik.

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

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Schaulaufen Artega-Beiratschef Ziebart
Schaulaufen
Artega-Beiratschef
Ziebart

ARTEGA Wolfgang Ziebart

Kurz vor dem Verkauf

Der Chef des Beirates sucht einen neuen, finanzstarken Eigentümer für den Sport- wagenbauer, der wachsen will.

Der erst 2006 gegründete Sportwagen- hersteller Artega steht kurz vor einem erneuten Eigentümerwechsel. Der frühere Infineon-Chef und Ex-BMW-Entwick- lungsvorstand Wolfgang Ziebart hat als Vorsitzender des Artega-Beirats zusam- men mit Geschäftsführer Peter Müller seit Wochen intensiv mit mehreren Investoren gesprochen. Schon in wenigen Tagen werde die Entscheidung fallen, kündigt Ziebart an. Nach unbestätigten – aber auch nicht dementierten – Informationen wird das Unternehmen entweder an einen Autohersteller aus China verkauft oder an einen Hersteller von Elektrotechnik aus dem US-Bundesstaat Texas. Erst im Dezember 2009 hatte der Invest- mentfonds Tresalia Capital der mexi- kanischen Milliardärin María Asunción Aramburuzabala das im ostwestfälischen Delbrück beheimatete Unternehmen von Gründer Klaus Dieter Frers komplett übernommen. Die 48-jährige Brauerei- Erbin („Corona“) hatte angeblich zwar viel Freude mit dem zweisitzigen Sportcoupé GT, das Artega in Delbrück in kleinen Stückzahlen produziert. Doch bei genauer Betrachtung stellten sie und ihre Berater

fest, dass ein Autohersteller nicht so recht ins Portfolio von Tresalia passt. Das Unter- nehmen investiert vor allem in Mode, Bier und Privatuniversitäten. Als sich dann noch abzeichnete, dass die Entwicklung des Elektroautos Artega SE, der Ausbau der Modellpalette und der Aufbau eines weltweiten Händlernetzes weitere Kapital- spritzen erfordern würde, entschloss sich Tresalia zum Ausstieg. Kein Wunder: Die Entwicklung des Artega GT, der von einem VW-Sechs- zylindermotor mit 300 PS Leistung an- getrieben wird, hatte schon mehr als 250 Millionen Euro verschlungen. Rund 20 Millionen Euro hatte Tresalia 2009 zu- schießen müssen, um das Auto serienreif zu machen. Doch produziert und verkauft wurden von dem Sportwagen bisher nur rund 80 Exemplare – zu Stückpreisen ab 88 500 Euro. Erweitert werden soll die Modellpalette schon im Herbst um eine elektrogetriebe- ne Version namens Artega SE für rund 143 000 Euro und später auch um einen offenen Roadster. Der Artega SE, der mit einer Ladung seines Lithium-Ionen-Akkus 280 Kilometer weit kommen soll, ist laut Ziebart „technisch fertig“. Offen ist nun allerdings, wo der Elektroflitzer gebaut wird – in China oder den USA. Neuein- stellungen in Delbrück sind jedenfalls vor- erst nicht vorgesehen.

franz.rother@wiwo.de

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefsessel

WECHSELKARRIERE

Menschen der Wirtschaft | Chefsessel WECHSELKARRIERE Mit Essen auf Rädern nach vorn Apetito-Vorstand Bitzel

Mit Essen auf Rädern nach vorn Apetito-Vorstand Bitzel

Mathematikerin an den Herd

APETITO Diane Bitzel, 43, ergänzt

jetzt den Vorstand des Tiefkühlkosther- stellers und Großküchenbetreibers aus dem westfälischen Rheine. Die Apetito- Gruppe zählt mit einem Umsatz von 670 Millionen Euro zu den größten Lieferan- ten für Kindergärten, Schulen, Kliniken sowie Essen auf Rädern. Bitzel über- nimmt im nun sechsköpfigen Vorstand die neue Position für die Bereiche IT, Organisation und Personal. Nach dem Studium der Mathematik und der Philo- logie mit anschließender Promotion und einem MBA-Abschluss startete Bitzel ihre Karriere in Unternehmens- beratungen in Italien, Frankreich und der Schweiz. Zuletzt arbeitete sie für den Schweizer Agro-Konzern Syngenta.

mario.brueck@wiwo.de

To p-Exper te für Nachahmer

Syngenta. mario.brueck@wiwo.de To p-Exper te für Nachahmer TEVA Jeremy Levin, 58, übernimmt im Mai den Chefposten

TEVA Jeremy Levin, 58,

übernimmt im Mai den Chefposten der Ratio- pharm-Muttergesellschaft Teva, des weltweit größten Herstellers von Nachahmermedikamen- ten, den Generika. Bisher arbeitet der promovierte Mediziner im Vorstand des US-Pharmakonzerns Bristol Myers Squibb, für den er mehrere Biotech- Unternehmen kaufte. Der gebürtige Südafrikaner ist der erste Ausländer, der es an die Spitze des israelischen Unter- nehmens Teva schafft. Dort muss er vor allem einen Nachfolger für das Spitzen- medikament Copaxone suchen, dessen Patentschutz 2014 abläuft.

juergen.salz@wiwo.de

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Gemetzel in Ostwestfalen

BALDA Rainer Mohr, 53, ausgeschiede-

ner Alleingeschäftsführer des Medizin- und Handyausrüsters im ostwestfälischen Bad Oeynhausen hinterlässt seinen Nach-

folgern Dominik Müser und James Lim

ein unbestelltes Feld. Viel gestalten konnte Mohr in seiner nur elfmonatigen Amtszeit nicht. Der taiwanesische Unternehmer Michael Chiang, mit 27,6 Prozent Haupt- aktionär, wird vom zweitgrößten Anteils- eigner bedrängt, dem New Yorker Investor Octavian, der 8,2 Prozent hält. Für den 8. Februar hat Octavian eine außerordent- liche Hauptversammlung erzwungen. Dort will Octavian-Manager Richard Hurowitz den von Chiang beeinflussten Balda-Aufsichtsrat abwählen lassen. Grund: Angeblich hat Chiang verhindert, dass Balda die 16-prozentige Beteiligung am taiwanesischen Touchscreenhersteller TPK 2011 abstoßen konnte. TPK ist eben- falls ein Chiang-Investment. Von dem Verkauf hatte sich Octavian eine Sonder- dividende erhofft. Der angepeilte Erlös

eine Sonder- dividende erhofft. Der angepeilte Erlös Abschied vor der Hauptversammlung Ex-Balda-Chef Mohr von

Abschied vor der Hauptversammlung Ex-Balda-Chef Mohr

von 350 Millionen Euro hätte Balda aus der Verlustzone geholt. Das Minus betrug 2010 rund 37 Millionen Euro – bei einem Um- satz von 141 Millionen Euro. In Mohrs Ägide fiel der Verkauf einer chinesischen Zulieferfabrik, der den Balda-Umsatz für 2011 auf 70 Millionen Euro drückt und einen hohen Verlust erwarten lässt.

andreas.wildhagen@wiwo.de

Rollenwechsel im Vorstand Hoffen auf den Heilsbringer PSA PEUGEOT CITROEN Fréderic Saint-Geours, 61, YAHOO Scott
Rollenwechsel im Vorstand
Hoffen auf den Heilsbringer
PSA PEUGEOT CITROEN
Fréderic Saint-Geours, 61,
YAHOO Scott Thompson,
wird auf Wunsch der Familie
Peugeot neuer Markenvor-
stand des französischen
Autoherstellers. Er arbeitet
schon seit 25 Jahren für den
Konzern, war in den frühen
Neunzigerjahren stellvertre-
tender Generaldirektor und
zwischen 1998 und 2007 Ge-
neraldirektor der Marke Peugeot. Zuletzt
war er im Vorstand für die Finanzen und
die strategische Entwicklung des Konzerns
verantwortlich. Diese Aufgabe übernimmt
Baptiste de Chatillon, 46, bisher zustän-
dig für das Finanzcontrolling. Der bishe-
rige Markenvorstand Jean-Marc Gales,
49, verlässt das Unternehmen. Anfang
April wird er Chef der Europäischen Verei-
nigung von Automobilzulieferern (Clepa).
Der Luxemburger, der zuvor führende
Positionen im Vertrieb von BMW, VW,
Opel und Daimler bekleidete, wollte PSA
mit Nischenmodellen höher positionieren.
Stattdessen verlor PSA Marktanteile und
schrieb im zweiten Halbjahr 2011 Verluste.
54, wird schon an diesem
Montag Chef des amerikani-
schen Internet-Pioniers. Er
folgt Carol Bartz, 63, nach,
die im September mangels
Erfolg gehen musste. Der ehemalige Chef
der Ebay-Bezahlsparte Paypal soll Yahoo
wieder auf Wachstumskurs führen. Zwar
besuchen noch immer pro Monat rund
700 Millionen Menschen weltweit die An-
gebote von Yahoo. Das Unternehmen ist
profitabel. Doch obwohl Online-Werbung
boomt, fällt der Konzernumsatz stetig und
liegt 2011 voraussichtlich unter sechs Mil-
liarden Dollar, was zuletzt 2005 der Fall
war. In seinem Kerngeschäft, dem Schal-
ten von Online-Anzeigen, wird die ehema-
lige Internet-Ikone immer mehr von Goo-
gle und Facebook in die Zange genom-
men. Die Wahl von Thompson überrascht.
Zwar verdoppelte unter seiner Ägide
Paypal den Umsatz von 1,8 Milliarden auf
rund vier Milliarden Dollar. Doch im
Medien- und Anzeigengeschäft kennt sich
Thompson nicht aus – wie schon seine
Vorgängerin Bartz.
gerhard.blaeske@wiwo.de | Paris
matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley
FOTOS: REUTERS/NIR ELIAS, BLOOMBERG NEWS/MICHAEL NAGLE

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Menschen der Wirtschaft | Chefbüro Kristina Schröder Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Man

Kristina Schröder

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Man ahnt sofort, dass die Chefin hier noch etwas neu ist: Das Büro der Familien- ministerin verströmt den Charme des Unfertigen. Erst im vergangenen Februar zog Kristina Schröder, 34, mit ihrem Res- sort in das neue Domizil, einen Neubau an der Berliner Glinkastraße. An ihrem Büro schätzt sie „die klaren Linien und die helle Ecklage mit den bodentiefen Fenstern“. Durch die Glasscheiben blickt die CDU- Politikerin auf die imposanten Altbau- fronten im Herzen der Hauptstadt. Irgend-

16

wo hinter diesen Fassaden, kaum fünf Gehminuten entfernt, residiert auch Schröders Kabinettskonkurrentin, Arbeits- ministerin Ursula von der Leyen. In ihrem eigenen Büro hat Schröder nur ein Kunst- werk im Nacken. Das poppige Doppel- gemälde trägt den Namen „Frühlings- rauschen“ und ist eine Leihgabe der Wiesbadener Malerin Kerstin Jeckel. „Ich mag die knalligen Farben und den kraft- vollen Ausdruck“, erzählt die Ministerin. Ansonsten mag sie es reduziert. Kein Polit- nippes findet sich auf ihrem Schreibtisch, keine plakative Fotosammlung, keine Aus- stellung von Auslandsreise-Devotionalien. Die wohl größte Veränderung in ihrem Leben macht sich ohnehin lautstark be- merkbar: Gelegentlich nimmt Schröder

auch Tochter Lotte mit ins Büro, die im Juni zur Welt kam. Auch da hält es die Politikerin pragmatisch: Auf dem Parkett- boden breitet sie dann eine Krabbeldecke und Spielzeug aus, fertig. Schröder ist die erste deutsche Ministerin, die während ih- rer Amtszeit Mutter wurde. Vermutlich ist sie auch das einzige Kabinettsmitglied, das in der Online-Welt zu Hause ist. Die mobile Technik hat sie stets dabei. Ihr Notebook, auf dem sie unterwegs arbeitet, stöpselt sie im Büro in die ministerielle Dockingstati- on, auf ihrem Schreibtisch liegen immer auch Smartphone und iPad. Im März 2011, so der jüngste Abgleich, hatte kein Abge- ordneter mehr Follower auf Twitter als sie. Inzwischen sind es sogar 21 764.

cornelia.schmergal@wiwo.de | Berlin

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE
FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE
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Politik&Weltwirtschaft

Kalte Enteignung

SCHULDENKRISE | Die Verbindlichkeiten der USA und Europas haben ein Ausmaß ange- nommen, das durch Sparen und Wachstum nicht mehr zu beherrschen ist. Was bleibt, ist der Zugriff auf die Konten der Sparer durch Regulierung, niedrige Zinsen und Inflation.

P aul Krugman, 58-jähriger US- Starökonom und Nobelpreis- träger, gibt sich modern: Er pflegt eine Facebook-Fanseite, bloggt regelmäßig bei Twitter

und im Online-Portal der „New York Times“. Da überrascht eine Eigenschaft, die man eher von Ewiggestrigen kennt. Er re- det sich die Vergangenheit schön: „Das Amerika der Nachkriegszeit war enorm er- folgreich. Warum denken wir so schlecht darüber?“ Das Amerika der Nachkriegs- zeit – das war vor allem die Zeit eines gewaltigen Booms, der dem zeitgleichen westdeut-

schen Wirtschaftswunder kaum nachstand: Von 1946 bis 1973 wuchs die Wirtschaft der USA jährlich um durch- schnittlich 3,8 Prozent, die steigenden Ein- kommen ermöglichten vor allem der ame- rikanischen Mittelschicht einen wirtschaft- lichen Aufstieg wie niemals zuvor oder da- nach: Eigenheime und Autos, Farbfernse- her und elektrische Küchengeräte wurden zu Selbstverständlichkeiten des amerika- nischen Traums. So weit klingt Krugmans

Bemerkung plausibel.

Institute for International Economics und Belen Sbrancia von der University of Mary- land haben noch eine andere Erklärung für die wundersame Gesundung der Staatsfi- nanzen gefunden: die systematische Ent- eignung der Sparer durch den Staat.

Dazu kommt es, wenn die Zinsen, zu de- nen sich der Staat von seinen Bürgern Geld leiht, niedriger sind als die Inflation. Öko- nomen sprechen dann von einem negati- ven Realzins. Den Prozess der Ent- eignung nennen sie finanzielle Re- pression. Die Amerikaner der

Nachkriegszeit wähnten sich so glücklich, dass es ihnen gar nicht auffiel, dass ihr gespartes Vermö-

gen real an Wert verlor. Es ging ih- nen wie dem Helden im Märchen „Hans im Glück“ der Gebrüder Grimm: Mit je- dem neuen Tausch ist Hans hochzufrie- den, ohne zu merken, dass aus einem Goldklumpen am Ende zwei Steine gewor- den sind. Tatsächlich reduzierte die finan- zielle Repression den Schuldenstand in den USA – ebenso wie zur gleichen Zeit in Großbritannien – um drei bis vier Prozent des BIPs pro Jahr. Eine ähnlich kalte Enteignung könnte den Sparern der USA und Europas auch

Enteignung könnte den Sparern der USA und Europas auch EURO-KRISE WIE VON ZAUBERHAND Doch da gab
Enteignung könnte den Sparern der USA und Europas auch EURO-KRISE WIE VON ZAUBERHAND Doch da gab
Enteignung könnte den Sparern der USA und Europas auch EURO-KRISE WIE VON ZAUBERHAND Doch da gab

EURO-KRISE

WIE VON ZAUBERHAND

Doch da gab es noch ein anderes Phäno- men. Das hängt mit der US-Staatsverschul- dung zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf erschreckende 116 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) gestiegen war. Ohne Zweifel haben die Jahre des star- ken Wachstums Amerika dabei geholfen, diesen gigantischen Schuldenberg abzu- tragen. Doch die amerikanischen Ökono- minnen Carmen Reinhart vom Peterson

Langfristig läuft alles auf Einbußen in den Real- vermögen hinaus

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jetzt wieder bevorstehen. Trotz Jahrzehn- ten des Friedens, haben die Schulden vie- ler Industriestaaten erneut eine Dimensi- on wie zu Kriegszeiten erreicht. Während die Wirtschaftsleistung dieser Länder seit 1991 um 65 Prozent gestiegen ist, legten die Schulden fast dreimal so schnell um 183 Prozent zu. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Um 300 Milliarden Euro werden sich allein die Euro-Länder im laufenden Jahr zusätz- lich verschulden. Aber das ist nur die Spit- ze des Eisbergs. Weil die Regierungen stän- dig auslaufende Schuldtitel zurückzahlen und diese durch neue ersetzen müssen, er- höht sich der tatsächliche Refinanzie- rungsbedarf auf ein Vielfaches.

TEURE RETTUNG

Selbst der Euro-Zuchtmeister Deutschland ist kein Ausbund an Solidität. Zum Jahres- ende ist die Staatsschuld auf 80,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Auf jeden Bürger entfallen 25 682 Euro staatli- che Schulden. 2012 wird Bundesfinanzmi- nister Wolfgang Schäuble (CDU) etwa 35 Milliarden Euro neu aufnehmen müssen. Das ist fast doppelt so viel wie 2011 und deutlich mehr als die ursprünglich ange- peilten 26,1 Milliarden Euro. Der Grund:

Der europäische Rettungsschirm ESM wurde vorgezogen, und nach jüngsten Pla- nungen sollen zudem gleich zwei Jahresra- ten – das sind 8,6 Milliarden Euro – nach Luxemburg überwiesen werden. Die Ret- tung Europas ist teuer. Inzwischen hat das endlose Wachstum der Staatsschulden die Toleranzgrenze der Investoren überschritten. Die Märkte glau- ben nicht mehr daran, dass die Verbind- lichkeiten einiger Länder problemlos »

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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GROSSBRITANNIEN 1940–2011 Der Trick mit der Inflation

GROSSBRITANNIEN 1940–2011 Der Trick mit der Inflation

GROSSBRITANNIEN 1940–2011 Der Trick mit der Inflation Winston Churchill bat die britischen Sparer zur Kasse: Für

Winston Churchill bat die britischen Sparer zur Kasse:

Für Staatspapiere erhielten sie Zinsen unterhalb der Inflationsrate. So klappte die Entschuldung. Der aktuelle Premier David Cameron folgt dem histori- schen Beispiel.

250 Fiskalische Repression: Inflation über- 200 steigt Zinsen auf Staatsanleihen 150 Schuldenstand 100 (in
250
Fiskalische
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1940
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Quelle: Mitchell, British Historical Statistics, ONS
USA 1940–2011 Verheimlichte Anstrengungen
USA 1940–2011 Verheimlichte Anstrengungen

USA 1940–2011 Verheimlichte Anstrengungen

120 Fiskalische Repress ion: Schuldenstand (in Prozent vom 100 Inflation über- Bruttoinlands- steigt Zi nsen
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Fiskalische
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Quelle: Oregon State University; IWF

Unter Präsident Harry S. Truman

(1945–1953)

erlebten die Amerikaner einen Boom – und spürten die Entschuldung auf Kosten der Sparer nicht.

und spürten die Entschuldung auf Kosten der Sparer nicht. DEUTSCHLAND 1950–2050 Die Sisyphusrepublik
DEUTSCHLAND 1950–2050 Die Sisyphusrepublik Bundeskanzlerin Angela Merkel will sparen. Doch Haus- haltsdisziplin –
DEUTSCHLAND 1950–2050 Die Sisyphusrepublik
Bundeskanzlerin
Angela Merkel will
sparen. Doch Haus-
haltsdisziplin –
so die Politik die
Kraft dazu auf-
bringt – wird nicht
reichen, um den
wachsenden Schul-
denberg zeitnah
abzutragen.
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1950 60 70 80 90 00 10 20 30 40 50
Quelle: Bundesamt für Statistik, Bundesfinanz-
ministerium, UniCredit
FOTOS: GETTY IMAGES/TIME LIFE PICTURES, DDP IMAGES/AP, LAURENCE CHAPERON

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

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FOTOS: LAIF/GAFF, REX FEATURES/PAUL GROVER

Politik&Weltwirtschaft

» bedient werden – und sie haben einen prominenten Zeugen. Der Ökonom Ken- neth Rogoff hat gemeinsam mit Reinhart festgestellt, dass ab einem Staatsschulden- stand von 90 Prozent der Wirtschaftsleis- tung das Wachstum des betreffenden Lan- des so sehr gedrückt wird, dass die Refi- nanzierung problematisch wird. Deswe- gen müssen sich nun alle entschulden, an- gefangen bei der Weltmacht USA, die mit 15 Billionen Dollar oder 101 Prozent vom BIP in der Kreide steht und seit 1962 bereits 75-mal die Obergrenze ihrer zulässigen Verschuldung erhöht hat.

AUSWEG ENTEIGNUNG

Nur wie? „Langfristig läuft alles auf Einbu- ßen in den Realvermögen der Steuerzahler hinaus“, sagt Stefan Homburg, Finanzwis- senschaftler von der Universität Hannover. Das sei für die Politiker leichter durchsetz- bar als strikte Sparpläne. Hinzu kommt:

Die Sanierung der Staatsfinanzen hat Grenzen. Das zeigt eindrucksvoll das Bei- spiel Griechenland. Als Folge von Lohn- und Rentenkürzungen, Entlassungen und Steuererhöhungen schrumpfte die Wirt- schaft des noch immer von der Staatspleite bedrohten Landes zuletzt um mehr als fünf Prozent. Werden die Sparprogramme ver- stärkt, steuern die Hellenen auf das vierte Rezessionsjahr in Folge zu. Ähnlich restrik- tiv wirken die Sparprogramme in Italien, Spanien und Portugal. „Wir brauchen defi- nitiv eine Entschuldung. Das kann sanft über niedrige Zinsen und eine höhere In- flationsrate geschehen“, sagt Alexander Krüger, Chefvolkswirt beim Bankhaus Lampe. Vieles spricht dafür, dass sich die Staaten in den nächsten Jahren für eine Kombination aus finanzieller Repression und Inflation entscheiden. „Der Effekt ist der gleiche wie bei einem Schuldenschnitt, nur dass es keine Panik auf den Märkten gibt“, sagt Homburg. Über mehrere Dekaden schmilzt das Vermögen unbemerkt dahin. Es schmerzt nicht so sehr, weil es langsam und geräuschlos geht. Tatsächlich haben die US-Ökono- minnen Reinhart und Sbrancia in ihrer Analyse der Entschuldungsmechanismen der Industrie- und Entwicklungsländer im 20. Jahrhundert herausgefunden, dass der Realzins in den Industrieländern in der Hälfte der Jahre zwischen 1945 und 1980 negativ war. Im Schnitt lag er bei minus 1,6 Prozent. Die den Staat entlastende Wirkung der Zinsmanipulation nimmt noch zu, wenn man sie mit etwas Inflation hebelt. Norma-

22

zu, wenn man sie mit etwas Inflation hebelt. Norma- 2 2 Teures Vergnügen Die deutsche Einheit

Teures Vergnügen Die deutsche Einheit hat den Schuldenstand erhöht

lerweise steigt der Nominalzins mit der In- flation, da die Anleger einen Ausgleich für die Geldentwertung fordern, und der Real- zins bleibt so konstant. Doch dank staatlich verfügter Zinsobergrenzen und Regulie- rungen des Anlageverhaltens blieb er in der Vergangenheit konstant. So lag 1981 in den USA die Inflation bei 8,9 Prozent, der regulierte Sparzins dagegen nur bei fünf Prozent und der regulierte Sichteinlagen- zins sogar bei null Prozent.

NOTENBANKEN HELFEN

Auch heute greift der Staat zu Repressions- maßnahmen. Allerdings agiert er diskreter als früher. So gibt es Gesetze, die Pensions- fonds und Versicherungen dazu veranlas- sen, bestimmte Teile ihrer Anlegergelder in Staatspapiere zu investieren. Auch die Zen-

Billig wie nie

Endrendite von Bundesschatzbriefen 1 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1
Endrendite von Bundesschatzbriefen 1
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1/1990
1/2000
1/2010
1 in Prozent, seit 1969; Quelle: Finanzagentur

tralbanken spielen am Markt für Staatsan- leihen eine immer wichtigere Rolle. In der aktuellen Krise hat allein die EZB seit Mai 2010 für 211 Milliarden Euro Anleihen ge- kauft und damit für Länder wie Italien, Spanien und Portugal die Zinsen deutlich gedrückt. Aber auch die noch umfangrei- chen Anleihekäufe der Federal Reserve und Bank of England drücken die Renditen der betreffenden Staatspapiere. In der Kritik stehen auch die Basel-II- Vorschriften, nach denen die Banken für Staatsanleihen kein Eigenkapital vorhalten müssen, für Unternehmensanleihen aber sehr wohl. „Nach der Erfahrung mit Grie- chenland halte ich das für absurd“, sagt der Finanzmarktexperte Martin Hellwig (siehe Interview Seite 24). Trotzdem bleibt dieses Refinanzierungsprivileg des Staates nicht nur erhalten, es wird durch die neuen Li- quiditätsvorschriften in Basel III sogar noch ausgeweitet. Dafür sorgten nicht die

Staat prellt Gläubiger

Realzins für Staatsanleihen der Industrie- nationen (in Prozent) 1 10 5 0 –5 Ära der
Realzins für Staatsanleihen der Industrie-
nationen (in Prozent) 1
10
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Ära der
finanziellen
–10
Repression
–15
45 55
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75
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05 10
1 gleitende Drei-Jahres-Durchschnitte
seit 1945; Quelle: Reinhart, Sbrancia

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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Regulierungsexperten in Basel, sondern die europäischen Staats- und Regierungs- chefs in Brüssel. Auch hinter den Kulissen wird ordent- lich Druck ausgeübt. Erst in der vergange- nen Woche machten Meldungen die Run- de, die italienische Regierung dränge die Banken des Landes dazu, Staatsanleihen zu kaufen, und drohe, ansonsten die Anfor- derungen der Stresstests zu erhöhen und mehr Institute durchfallen zu lassen.

WUNDERMITTEL INFLATION

Damit es mit der Entschuldung noch bes- ser klappt, brauchen die Staaten höhere In- flation. Ökonomen gehen davon aus, dass die Teuerung im Euro-Raum aufgrund der Geldflut der EZB im nächsten Aufschwung deutlich steigen wird. Die Bank of England (BoE) und die amerikanische Zentralbank Fed tolerieren schon jetzt eine deutlich hö- here Inflationsrate. In Großbritannien liegt diese bei vier, in den USA bei drei Prozent. Gleichzeitig liegt hier der Leitzins bei 0,5 beziehungsweise 0 bis 0,25 Prozent. Damit sind die Realzinsen in diesen Ländern deutlich negativ. Mohamed El-Erian, In- vestmentchef vom weltgrößten Renten- fondsmanager Pimco, resümiert: „Wir le- ben in einer Welt, in der viele Nationen, insbesondere die USA, versuchen durch milde Inflation und Repression ihre Schul- den abzubauen.“ Deutschland macht da keine Ausnahme:

Die Verzinsung zehnjähriger Staatspapiere liegt unter zwei Prozent, während die Infla- tionsrate zuletzt mit 2,3 Prozent deutlich darüber liegt. Im Schnitt liegt der Realzins bei etwa minus 0,25 Prozent, was für einen Investor, der eine halbe Million Euro ange- legt hat, jährlich einen Verlust von 1250 Eu- ro bedeutet. Doch ohne eine erhöhte Inflation und fi- nanzielle Repression kann die Entschul- dung Deutschlands nicht funktionieren. Dies zeigt eine Rechnung, die Andreas Rees, Chefvolkswirt bei der UniCredit, ex- klusiv für die WirtschaftsWoche angestellt hat. Unter der Annahme, dass die Zinsen durchschnittlich bei 2,5 bis 3,0 Prozent lie- gen und die deutsche Wirtschaft um 1,5 Prozent wächst, würde bei einer Inflations- rate von 1,5 Prozent der deutsche Staat – trotz Einhaltung der Schuldenbremse – 40 Jahre brauchen, um den aktuellen Schul- denstand auf 31 Prozent zu senken. Das ist deutlich zu lange. Die Enteignung des deutschen Steuerzahlers ist daher unver-

meidbar.

»

anne.kunz@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

GROSSBRITANNIEN

Klammheimlich aus der Klemme

Das Land exerziert vor, wie hohe Inflation die Schulden dezimiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Groß- britannien es bereits einmal geschafft:

Mithilfe negativer Realzinsen hat das Land die Staatsschulden, die 1946 bei 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) lagen, in den folgenden zehn Jahren drastisch gesenkt. Auch jetzt sind die Realzinsen wieder negativ: Die Rendite zehnjähriger Gilts, wie britische Staatsan- leihen heißen, liegt bei rund zwei Prozent und damit weit unterhalb der Inflations- rate, die im November 4,8 Prozent be- trug. Was heißt: Wer sein Geld dem Staat leiht, macht Verlust. Der Staat gewinnt.

SICHERER HAFEN

Früher wurden die britischen Zinsen vom Finanzminister festgelegt, und Kapital- kontrollen konnten den Abfluss des Gel- des ins Ausland stoppen. So einfach hat es der derzeitige britische Finanzminister George Osborne nicht. Dennoch sind britische Banken, Versicherungen und Pensions- und Investmentfonds gezwun- gen, die Staatspapiere trotz niedriger Zin- sen zu kaufen: Pensionskassen müssen aufgrund ihrer Statuten einen Teil ihrer Anlagen in Gilts halten, hinzu kommen regulatorische Vorschriften wie Basel II und III. Und noch gilt Großbritannien als sicherer Hafen außerhalb der Euro-Zone. Oberstes Ziel der Regierung ist der Abbau von Haushaltsdefizit und Schuldenstand. Letzterer liegt laut Statistischem Bundes- amt ONS als Folge der Finanzkrise, der Misswirtschaft früherer Regierungen und der Maßnahmen zur Bankenrettung bei 149,4 Prozent des BIPs. Osborne hat deshalb einen harten Sparkurs einge- schlagen, aber dieser lässt Wachstum und Steueraufkommen schrumpfen. Durch Sparen oder Wachstum lässt sich der Staat also nicht wirksam entschulden. Klammheimlich ist deswegen unter Federführung des Chefs der Bank of England (BoE), Mervyn King bereits ein weiteres Programm zum Schuldenabbau angelaufen. Denn King flankiert die restrik- tive Fiskalpolitik mit einer extrem expansi-

ven Geldpolitik und hält die Zinsen niedrig – der Leitzins liegt seit Anfang März 2009 auf einem historischen Tief von 0,5 Pro- zent. Dabei verlangt die britische Inflati- onsrate eine deutlich restriktivere Geldpo- litik; die Teuerung liegt schon seit mehr als zwei Jahren deutlich über der von der BoE erlaubten Höchstmarke von zwei Prozent. King führt dies zwar auf Sondereffekte wie die Mehrwertsteuererhöhung und hohe Energiepreise zurück. Doch Tatsache ist, dass die Inflationsbekämpfung für die BoE keinen hohen Stellenwert einnimmt. Im Grunde geht es ihr mehr darum, die schwächelnde britische Konjunktur zu stützen. Das erklärt, weshalb die BoE von März

2009 bis zum Frühjahr 2010 zunächst

200 Milliarden Pfund an zusätzlicher

Liquidität über den Ankauf von Anleihen in die Wirtschaft pumpte und im Herbst

2011 eine zweite Welle der „quantitativen

Lockerung“ im Umfang von weiteren 75 Milliarden Pfund aufgelegt hat. Das Programm dürfte nach Ansicht von Experten im ersten Halbjahr 2012 noch um 100 Milliarden Pfund aufgestockt werden. Auch die massiven Aufkäufe der BoE haben den Effekt, die Zinsen im Königreich auf ihrem niedrigen Niveau unterhalb der Inflationsrate zu halten – dem Finanzminister ist das nur recht.

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

Ihm sitzt das Geld locker Großbritanniens Zentralbankchef King

ist das nur recht. yvonne.esterhazy@wiwo.de | London Ihm sitzt das Geld locker Großbritanniens Zentralbankchef King

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FOTO: DDP/LENNART PREISS

Politik&Weltwirtschaft

»Mehr Eigenkapital«

INTERVIEW | Martin Hellwig Der Ökonom und Finanzexperte erklärt, wie der Staat Regulierungsvorschriften zu seinem Vorteil missbraucht, und zeichnet einen Weg aus der Bankenkrise.

Herr Hellwig, Banken müssen Staats- anleihen – unabhängig vom Rating – mit null Eigenkapital unterlegen. Ist diese Reglung sinnvoll?

Hellwig: Nach der Erfahrung mit Griechenland halte ich das für absurd, glaube aber nicht, dass die Politik auf dieses Privileg in der Refinanzierung verzichten wird.

Wenn die Regierung so eigennützig handelt, wer wäre denn ein geeigneter Regulator, der solch eigennütziges Verhalten verhindern könnte?

Hellwig: Die BaFin, die für die Banken- aufsicht zuständig ist, ist an Weisungen des Finanzministers gebunden. Das entspricht der Vorstellung, dass eine Behörde, die staatliche Gewalt ausübt, letztlich durch den Wähler legitimiert sein muss, wenn auch nur indirekt über Parlament und Regierung. Bei Banken ist auch daran zu denken, dass in der Krise der Steuerzahler in Anspruch genommen wird. Jedoch sieht die Politik in den Banken eher eine Quelle von Geld als eine Quelle von Risiken. Inso- fern besteht immer die Gefahr eines Missbrauchs der Bankenregulierung zu Politikfinanzierung.

mit

der BaFin macht man also den

Bock zum Gärtner. Wäre eine Zentral- bank, in unserem Fall die Deutsche Bundesbank, ein besserer Regulator?

Hellwig: Das ist weniger eine Frage der Instanz als eine Frage der Unabhängig- keit. Der damalige Bundesbank-Prä- sident Axel Weber hat dieses Thema fallen gelassen, als er merkte, dass die Regierung nicht bereit war, auf ihr Weisungsrecht gegenüber der Aufsicht zu verzichten, das übrigens stärker ist als in anderen Ländern.

Wie ließe sich Regulierung von politischem Missbrauch befreien?

Hellwig: Wir brauchen Bankenregulie- rung und Bankenaufsicht, weil die Risiken der Banken auf uns alle zurück- schlagen können. Eine strikte Eigen- kapitalregulierung sorgt dafür, dass die Bank den Risiken stärker Rechnung

sorgt dafür, dass die Bank den Risiken stärker Rechnung ANWALT DES WETTBEWERBS Hellwig, 62, ist Direktor

ANWALT DES WETTBEWERBS

Hellwig, 62, ist Direktor des Max-Planck- Instituts zur Erforschung von Gemein- schaftsgütern in Bonn. Er war von 2000 bis 2004 Vorsitzender der deutschen Monopol- kommission.

trägt. Je mehr eine Bank mit Eigenkapital finanziert ist, desto mehr fallen die Risiken auf die Aktionäre und das Management zurück. Dann erübrigt es sich, das Bank- geschäft selbst zu regulieren.

Wir bräuchten dann also keine Vorschrif- ten, die das Bankgeschäft regulieren?

Hellwig: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das Bankgeschäft wirksam regulieren kann. Ich traue einer Behörde nicht zu, dass sie den Eigenhandel einer Invest- mentbank in Realzeit beaufsichtigen kann. Wir sind immer darauf angewiesen, dass die Bankmanager selbst an Risiken und Haftung denken. Das werden sie umso mehr tun, je mehr Eigenkapital da ist, das von den Verlusten absorbiert werden kann.

Was ist das größte systemische Risiko in Deutschland?

Hellwig: Die Marktstruktur. Wir haben in bestimmten Bereichen erhebliche Über- kapazitäten. Das betrifft nicht nur die Lan-

des- und Pfandbriefbanken. Auch die Pri- vatbanken leiden daran, dass die Margen im Wholesale-Geschäft in den Neunziger- jahren drastisch geschrumpft und da- nach nicht wieder gestiegen sind. Seither stehen auch sie vor der Frage, was eigent- lich ihr Geschäftsmodell ist. Das Hin und Her der Deutschen Bank mit dem Privat- kundengeschäft, Bank 24, rein und raus, Akquisition der Postbank und das Ver- schwinden der Dresdner Bank zeigen das.

Woher nehmen Sie diese Gewissheit?

Hellwig: Ich sehe, dass viele Institute keine nachhaltigen Margen verdienen und deshalb zocken. Das ist ein Indiz für Überkapazitäten. Die Landesbanken haben trotz des Refinanzierungsvorteils durch Staatsgarantien eine Marge von durchschnittlich weniger als einem Pro- zent verdient. Im Pfandbriefbereich sind die Ergebnisse ähnlich.

Brauchen wir denn überhaupt Landes- banken?

Hellwig: Ein Ministerpräsident braucht immer eine Institution, bei der er mit einem Anruf ein paar Millionen be- wegen kann, ohne ein Parlament zu fragen. Als jemand, der im Schulunter- richt etwas über Demokratie gehört hat, brauche ich das eigentlich nicht.

Warum werden diese ineffizienten Marktstrukturen aufrechterhalten – Warum lässt man nicht die HRE pleite- gehen?

Hellwig: Offiziell, weil es billiger sei, sie aufrechtzuerhalten, als sie abzuwickeln. Die Berechnungen, die das belegen sollen, halte ich aber für falsch. Dabei werden zum Beispiel die Gebühren, welche die HRE für die Abwicklungs- leistungen der FMS Wertmanagement leistet, als Kosten betrachtet. Dass dies aus der Perspektive des Bundes, der gleichzeitig Eigentümer von HRE und FMS Wertmanagement ist, ein durchlau- fender Posten ist, wird nicht berücksich- tigt. Ebenfalls nicht berücksichtigt wird der Umstand, dass der Erhalt der HRE sich negativ auf den Wert von Eurohypo und damit auf den Wert der Commerz- bank-Beteiligung des Bundes auswirkt. Das alles ist vor einem Jahr im Bericht des Expertenrats zur Entwicklung von Ausstiegsstrategien für die krisenbeding- ten Bankenbeteiligung des Bundes diskutiert worden. Dieser Bericht ver- schwand aber gleich in der Schublade. n

anne.kunz@wiwo.de | Frankfurt

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Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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FOTO: ARGUS/MIKE SCHROEDER; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

Politik&Weltwirtschaft

Kalt erwischt

STEUERN UND ABGABEN | In 2012 frisst die Steuerprogression die kleinen Zuwächse im Geldbeutel vieler Arbeitnehmer wieder auf.

G elegentlich kann es nicht schaden, im schwarz-gelben Koalitionsver- trag von 2009 zu blättern. Dort steht

zum Beispiel dieser Satz: „Wir werden die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich Leistung für alle lohnt.“ Mit der Umset- zung dieses Versprechens lassen sich Uni- on und FDP allerdings Zeit – eine nachhal- tige Entlastung ist auch 2012 nicht in Sicht. Viele Arbeitnehmer müssen sogar noch mehr an Staat und Sozialkassen überwei-

sen als 2011. Das zeigen Berechnungen, die Volker Stern, Ökonom beim Bund der Steuerzahler (BdSt), exklusiv für die Wirt- schaftsWoche angestellt hat. Anhand von drei Musterhaushalten errechnete Stern, wie sich zum Jahreswechsel in Kraft getre- tene Änderungen bei Steuern und Abga- ben auf das verfügbare Einkommen aus- wirken – und wie sich die Gesamtbelastung im Vergleich zu Januar 2011 darstellt (siehe Tabelle). Dabei berücksichtigte Stern nicht nur direkte Steuern und Sozialabgaben, sondern auch die auf Konsumprodukte zu zahlende Mehrwertsteuer, spezielle Ver- brauchsteuern (auf Benzin, Zigaretten, Strom, Heizöl) sowie Kommunalabgaben, etwa für Müll und Abwasser. Grundlage hierbei sind haushaltstypische Ver- brauchs- und Konsummengen.

KAUM ENTLASTUNG

Ergebnis: Inklusive der Arbeitgeberbeiträ- ge zur Sozialversicherung, die methodisch zu den individuellen Lohnkosten hinzuge- rechnet werden, überweist ein gut situier- tes Kölner Doppelverdiener-Ehepaar (zwei Kinder, Eigenheim) in diesem Jahr 56,2 Prozent des Bruttoeinkommens an Staat und Sozialkassen – 0,1 Punkte weniger als 2011. Der Gutverdiener-Singlehaushalt in Göttingen ist mit 62,1 Prozent dabei (mi- nus 0,2 Punkte). Beim Dresdner Mittel- schicht-Ehepaar mit zwei Kindern steigt die Quote um 0,1 Punkte auf 47,6 Prozent. Die Ergebnisse sind umso ernüchtern- der, als dass Stern für 2012 eine Lohn- erhöhung von 2,6 Prozent einkalkuliert hat – und im Gegenzug heimliche Steuer- erhöhungen gegenrechnete. Wegen des progressiven Einkommensteuertarifs füh- ren höhere Löhne in Deutschland zu über-

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proportional steigenden Lohnsteuerein- nahmen des Staates. So kann es passieren, dass Arbeitnehmer mehr Steuern zahlen, obwohl inflationsbedingt ihre Kaufkraft um keinen Cent steigt (kalte Progression). Auch von der unterstellten Lohnerhöhung von 2,6 Prozent bleibt nicht viel übrig: In absoluten Zahlen steigt die Gesamtbelas- tung mit Steuern und Abgaben 2012 in al- len drei Musterhaushalten – in Göttingen um 2,0 Prozent, in Köln um 2,4 Prozent, in Dresden um rund 2,6 Prozent. „Die Belastung deutscher Haushalte liegt deutlich über dem, was in den meis- ten anderen OECD-Staaten für vergleich- bare Haushalte üblich ist“, kritisiert Stern. Um heimliche Steuererhöhungen einzu- dämmen, passt rund die Hälfte der OECD- Länder ihre Einkommensteuertarife regel- mäßig an – nicht aber Deutschland. Stern fordert daher, die Bundesregierung solle die Eckwerte des Steuertarifs gesetzlich an die Einkommensentwicklung koppeln. Dazu ist Berlin freilich nicht bereit. Die konkreten Änderungen im Steuer- und Ab- gabenrecht sehen 2012 stattdessen so aus:

n Der Arbeitnehmerpauschbetrag steigt rückwirkend von 920 auf 1000 Euro. n Eltern erhalten während der Ausbildung oder des Studiums ihrer Kinder nun unab-

Die Rechnung, bitte 2012 bahnt sich ein Einnahmerekord des Fiskus an
Die Rechnung, bitte 2012 bahnt sich
ein Einnahmerekord des Fiskus an

hängig vom Einkommen der Sprösslinge Kindergeld und Kinderfreibetrag.

n Der Beitrag zur gesetzlichen Rentenver- sicherung sinkt von 19,9 auf 19,6 Prozent. Besserverdienern bringt das netto aller- dings nichts. Denn die Beitragsbemes- sungsgrenze, also der Maximalbetrag des Einkommens, bis zu dem Beiträge erhoben werden, klettert in der Renten- und Ar- beitslosenversicherung in Westdeutsch- land von 5500 auf 5600 Euro; im Osten bleibt sie bei 4800 Euro. In der Kranken- und Pflegeversicherung steigt der versiche- rungspflichtige Bruttolohn einheitlich um 112,50 auf 4237,50 Euro. Wer also etwa 5600 Euro monatlich verdient, zahlt 2012 trotz sinkendem Beitragssatz monatlich knapp zwei Euro mehr in die Rentenkasse.

n Beiträge zur Alterssicherung sind zu 74 Prozent abzugsfähig (2011: 72 Prozent). Im Gegenzug steigt aber der steuerpflichtige Anteil der späteren Rente.

n Die Finanzlage der gesetzlichen Kran- kenkassen hat sich entspannt, sodass der Beitragssatz stabil bleibt. Dafür langen vie- le private Krankenversicherer zu: Ihre Bei- träge steigen im Schnitt um rund fünf Pro- zent, bei manchen Anbietern geht es sogar zweistellig nach oben.

n Der Tabaksteueranteil pro Packung steigt von 3,58 Euro (19 Stück, Packungspreis 4,90 Euro) auf 3,65 Euro (19 Stück, Preis 5 Euro).

n Auch viele Kommunen drehen an der Steuerschraube. Fast jede dritte größere Stadt hat 2011 die Grundsteuer erhöht, nun wollen weitere Kämmerer folgen. Köln et- wa sattelt drei Prozent drauf, Dortmund und Hannover gar über zehn Prozent.

KEIN GEBÜHRENSPRUNG

Immerhin scheinen sich die Kommunen im Gegenzug bei den Gebühren etwas zu- rückzuhalten, nachdem die Einnahmen in diesem Segment 2011 um 3,4 Prozent auf 17 Milliarden Euro kletterten. Im Müll- und Abwasserbereich etwa gebe es „keine An- zeichen für einen Gebührensprung“, sagt Bernd Düsterdiek, Entsorgungsexperte beim Deutschen Städte- und Gemeinde- bund. Lokale Ausreißer nach oben seien zwar möglich, im Schnitt aber dürften die Kosten stabil bleiben oder „allenfalls in Höhe der Inflationsrate zulegen“. Aller- dings gibt es auch hier Unwägbarkeiten: Im März startet die Tarifrunde im öffentlichen Dienst – und höhere Löhne für Müllmän- ner oder Wassertechniker dürfen die Ent- sorger auf die Gebühren umlegen. n

bert.losse@wiwo.de

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Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de. Wie Staat und Sozialkassen 2012 zulangen   Ehepaar

Wie Staat und Sozialkassen 2012 zulangen

 

Ehepaar (Doppelverdiener im Eigenheim, zwei Kinder, Köln)

Ehepaar (Alleinverdiener, zwei Kinder, Dresden)

Single (Göttingen)

Januar 2011
Januar
2011

Januar

Januar 2011 (in Euro) 4
Januar
2011
(in Euro)
4

Januar

Januar 2011 (in Euro) 4 Januar

Januar

Januar

 

2012

 

2012

2011

2012

(in Euro)

(in Euro)

Bruttogehalt

ohne Arbeitgeberbeiträge

zur Sozialversicherung

Er

Sie

8

5

000,00

000,00

8

5

+ 2,6 %

210,00

130,00

Bruttogehalt

ohne Arbeitgeberbeiträge

zur Sozialversicherung

+ 2,6 %

000,00 4 100,00

Bruttogehalt

ohne Arbeitgeberbeiträge

zur Sozialversicherung

5

500,00

5

+2,6 %

640,00

13 000,00 13 340,00

 

Abzüge insgesamt

5

7

259,93

40,5

740,07

5

7

408,34

Abzüge insgesamt

917,95

22,9

954,93

Abzüge insgesamt

2527,79

2

589,72

in Prozent vom Bruttogehalt

40,5

in Prozent vom Bruttogehalt

23,3

in Prozent vom Bruttogehalt

46,0

45,9

Nettogehalt

931,66 Nettogehalt

3

082,05 3145,07 Nettogehalt

2972,21

3050,28

Mehrwertsteuer

Mehrwertsteuer

Mehrwertsteuer

auf Konsum

auf Konsum

auf Konsum

19 Prozent (von 47 Prozent des Nettoeinkommens)

580,83

595,21

19 Prozent (von 47 Prozent des Nettoeinkommens)

231,28

236,01

19 Prozent (von 47 Prozent des Nettoeinkommens)

223,04

228,90

7 Prozent (von 10 Prozent des Nettoeinkommens)

50,64

51,89

7 Prozent (von 12 Prozent des Nettoeinkommens)

24,20

24,69

7 Prozent (von 6 Prozent des Nettoeinkommens)

11,67

11,97

Kfz-Steuer

19,13

19,13 Kfz-Steuer

9,00

9,00 Kfz-Steuer

11,25

11,25

(2 Pkws: Mercedes, VW Golf)

(Ford Focus)

(BMW)

Versicherungsteuer 3

19,00

19,00 Versicherungsteuer³

 

15,20

15,20 Versicherungsteuer²

 

9,50

9,50

Gesamtbelastung mit direkten

Gesamtbelastung mit direkten

Gesamtbelastung mit direkten und indirekten Abgaben 4

8

335,89

8

534,59

und indirekten Abgaben 4

2

253,51

2313,79

und indirekten Abgaben³

4

008,33

4

090,85

in Prozent vom Bruttogehalt 4

56,3

56,2

in Prozent vom Bruttogehalt 4

47,5

47,6

in Prozent vom Bruttogehalt³

62,3

62,1

1 Wegen der Einkommenshöhe werden anstelle des Kindergel-

des die Kinderfreibeträge berücksichtigt; 2 Arbeitnehmeranteil;

3 gängiger Versicherungsmix ; 4 inklusive Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung

1 Arbeitnehmeranteil; 2 Arbeitnehmeranteil in Sachsen

1,475 Prozent (Arbeitgeberanteil 0,475 Prozent);

3 gängiger Versicherungsmix ; 4 inklusive Arbeitgeberbei- träge zur Sozialversicherung

1 Arbeitnehmeranteil; 2 gängiger Versicherungsmix ;

3 inklusive Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung Für 2012 wurde eine Lohnerhöhung von 2,6 Prozent unterstellt. Quelle: Volker Stern, Bund der Steuerzahler

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

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Politik&Weltwirtschaft

FORUM | Die Gegner des Umstiegs auf erneuerbare Energien rechnen die Kosten fälsch- licherweise hoch und verschweigen die höheren Aufwendungen im konventionellen Bereich. Eine Replik auf den Debattenbeitrag des bayrischen FDP-Wirtschaftsministers Martin Zeil (WirtschaftsWoche 49/2011). Von Hans-Josef Fell (Bündnis 90/Die Grünen)

Mythos: Kosten der Energiewende

(Bündnis 90/Die Grünen) Mythos: Kosten der Energiewende W arum verschwei- gen die Gegner der Energiewende

W arum verschwei- gen die Gegner der Energiewende konsequent die

viel höheren Kosten der kon- ventionellen Versorgung? Hunderte Milliarden kosten die neuen Erdgaspipelines und -terminals, neue Tiefseeboh- rungen, neue Kohlekraftwerke, neue Gaskraftwerke und die dazu notwendigen Brennstoffe, von den externen Schadens- kosten ganz zu schweigen. Dies macht auch der bayri- sche Wirtschaftsstaatsminister Martin Zeil. Er spricht nicht von den stark gestiegenen Stein- kohle- und Erdgaspreisen, die den Strom teurer machen. Im- portsteinkohle ist heute um 25 Prozent teurer als 2010. Öl zog um mehr als ein Drittel auf 110 Dollar pro Barrel an, plagt die Autofahrer und jagt die Heizungskosten in die Höhe.

SINKENDE TENDENZ

Minister Zeil benennt in seinen Berechnungen stattdessen die angeblich höheren Kosten für die Börsenstrompreise, für den Ausbau der erneuerbaren Ener- gien und für die Stromnetze. Er spricht von einer Erhöhung der Großhandelspreise um 0,7 bis 0,8 Cent je Kilowattstunde nach Abschalten der Atomkraftwer- ke. Doch die Bundesregierung antwortete dieser Tage auf meine Anfrage: „In den letzten Monaten ist eine sinkende Tendenz bei den Futures zu be- obachten, und in jüngster Zeit befindet sich das Strompreisni- veau für Future-Kontrakte auf einem vergleichbaren Niveau wie vor dem Atommoratorium. Die börslichen Strompreise liegen damit zurzeit rund ein Drittel unterhalb des 2008 zu

beobachtenden Hoch- preisniveaus.“ So weit die Bundesregierung. Solar- und Windstrom senken also die Börsenstrompreise. Natürlich zahlt der

Stromkunde für die In- vestitionen in Wind-, Sonnen- oder Geothermieenergie über die Umlage des Erneuerbaren-Ener- gien-Gesetzes. Die EEG-Umlage wird häufig mit den Kosten der er- neuerbaren Energien verwechselt. Dabei geht unter, dass es sich um einen Vergleichswert zu den Spot- marktpreisen an der Börse han- delt. Und dort ergibt sich ein para- doxer Effekt: Immer dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht, drücken die erneuerbaren Energien den Spotmarktpreis nach unten. Als Folge steigt die Differenz zu den Vergütungen, die die erneuerbaren Energien bekommen, und damit auch die

EEG-Umlage. Die Para- doxie geht noch weiter:

ENERGIEWENDE
ENERGIEWENDE

Von den gefallenen Bör- senpreisen profitieren Unternehmen, die am Spotmarkt einkaufen. Die höhere Umlage zah-

len aber andere. Ohne- hin zieht sich die Industrie mehr und mehr aus der EEG-Umlage zu- rück. Schon jetzt sind 15 Prozent des Stromverbrauchs zulasten an- derer Kunden begünstigt, Ten- denz stark steigend. Die von Herrn Zeil zitierten Anstiege für 2012 und 2013 haben vor allem mit der Privilegierung der Industrie zu tun, daneben aber auch mit neuen Sonderfaktoren wie der neuen Marktprämie und dem ebenfalls neuen Liquiditätspuffer für die Übertragungsnetzbetreiber. Das sind aber nicht die Kosten der Energiewende, sondern die einer ungerechten Verteilungspolitik. Auch für den Umbau der Netze müssen wir selbstverständlich Geld in die Hand nehmen. Aller- dings kommt die Deutsche Ener- gie-Agentur Dena bei ihren An- nahmen über den erforderlichen Netzausbau beim Atomausstieg auf exakt die gleiche Zahl wie bei den Laufzeitverlängerungsszena- rien: 4400 Kilometer! Eine Zahl,

»Es zählen auch die Kosten, die durch Nichtstun entstehen«

zählen auch die Kosten, die durch Nichtstun entstehen« die im Übrigen weit übertrieben sein dürfte. Die

die im Übrigen weit übertrieben sein dürfte. Die Kosten des Netz- umbaus werden derweil über Jahrzehnte von den Netzbetrei- bern abgeschrieben, sodass die Netzentgeltsteigerung für den Endverbraucher unterhalb des Centbereichs liegen wird.

EFFIZIENTES SYSTEM

Immer wenn Politiker schreiben, man müsse Tabus brechen, muss man besonders genau hin- schauen. Das Tabu, das Herr Zeil brechen will, ist der Fortbe- stand des EEGs. Er regt an, das EEG in ein „effizienteres euro- päisches Fördersystem“ umzu- wandeln. Die Wissenschaft und die EU-Kommission haben die Antwort längst gegeben: Das deutsche EEG ist das effizientes- te Fördersystem. Eine Umstel- lung würde zu deutlichen Mehr- kosten von 55 bis 90 Milliarden Euro bis 2020 führen. Deutsch- land verlöre massiv an Wert- schöpfung im Handwerk und im Maschinenbau. Es wäre unredlich, zu be- haupten, dass der Umbau der Energieversorgung nichts kos- ten würde. Doch in die Rech- nung über den Umbau unserer Energieversorgung gehören auch die Kosten, die entstehen würden, wenn wir nichts tun. Schadstoffe, Klimagase, keine Hunderttausende Arbeitsplätze in neuen Wirtschaftszweigen und teure konventionelle Ener- gien. Allein für Ölimporte muss- te Europa 2011 rund 400 Milli- arden Dollar bezahlen, nach 280 Milliarden Dollar im Vorjahr.

Fell, 60, ist energiepolitischer Sprecher der grünen Bundes- tagsfraktion. Der Beitrag von Zeil erschien am 5. Dezember 2011 in der WirtschaftsWoche.

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Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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FOTOS: CARO/AUFSCHLAGER, ACTION PRESS/ULRICH ENGERS
FOTOS: CARO/AUFSCHLAGER, ACTION PRESS/ULRICH ENGERS

FOTOS: BAZARSUKH RENTSENDORJ

Politik&Weltwirtschaft

Schatzkammer unter dem Sandsturm Kohl eber gw erk Ta van To lgoi im Bau
Schatzkammer unter dem Sandsturm
Kohl eber gw erk Ta van To lgoi im Bau

Goldrausch in der Wüste

MONGOLEI | Die Multis der Welt machen Jagd auf die riesigen Rohstoffvorkommen. Auch große und kleine deutsche Unternehmen hoffen auf ein Stück von diesem Kuchen. Unter den Mongolen grassiert dagegen die Angst vor dem Ausverkauf des dünn besiedelten Landes.

A uf der schmalen Asphaltpiste geht es immer wieder nur im Schritttempo voran. Der Schneematsch auf der

Straße von der Hauptstadt Ulan Bator Richtung Osten ist zu scharfkantigen Bro- cken gefroren. Tiefe Schlaglöcher erschwe- ren das Fortkommen. Immer wieder muss der Jeep abbremsen. Auf den Hügeln links und rechts der Straße suchen ein paar Zie- gen im Schnee nach Essbarem. Aus einer Jurte steigt Rauch auf. Jetzt im Winter fallen die Temperaturen in dieser Gegend nicht selten auf 30 Grad unter null oder noch tie- fer. Nur wenige Menschen verlieren sich in der Einöde drei Autostunden östlich der Millionenstadt Ulan Bator. Einer von ihnen ist Bazar Boum, und er hat große Pläne. „Wir werden demnächst in die Kohleverflüssigung einsteigen“, ver- meldet der Vizechef von Baganuur, dem

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größten Kohleförderer in der Region. Mit möglichen Investoren aus Korea und Japan habe er bereits gesprochen, aber auch mit Siemens, und es bestehe bei den ausländi- schen Konzernen großes Interesse. Dem- nächst werde Baganuur nicht mehr nur vom Abbau der Kohle leben, sagt Bazar la- chend, jetzt ziehe High Tech in die mongo- lische Steppe ein.

GRAUER KLOTZ

Baganuur, beheimatet in einem gleichna- migen Städtchen mit 30 000 Einwohnern, fördert jedes Jahr zwischen drei und vier Millionen Tonnen Braunkohle. Das meiste davon liefern Züge und Lastwagen an die fünf Kohlekraftwerke in der Hauptstadt. Die mongolische Regierung hat das Unter- nehmen, das rund 1400 Bergleute be- schäftigt, 1978 mit Hilfe aus der damaligen

Sowjetunion gegründet – und so sieht es auch heute noch aus. Ein holpriger Weg führt zu einem schmucklosen, grauen Klotz mit vier Stockwerken. Das ist die Fir- menzentrale mit den Büros gleich neben dem Tagebergbau. Dass die Zeit doch nicht stehengeblieben ist, lässt sich nur daran erkennen, dass die Farbe von den Fensterrahmen blättert. Den Eingangsbe- reich schmücken Wandmosaike mit strah- lenden, Fahnen schwingenden Arbeitern – und dennoch ist das hier nicht Nordkorea:

Vizechef Bazar will frischen Wind in die Firma bringen. „Es reicht nicht, dass wir nur die Kohle fördern“, sagt der junge Mann, „wir wollen auch die Veredelung und Verarbeitung machen.“ Viele Mongolen träumen von einer bes- seren Zukunft für ihr Land. Seit Geologen in den Steppen im Süden des Landes riesi-

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ge Kohle-, Kupfer- und Goldvorkommen aufspürten, herrscht in dem asiatischen Wüstenstaat mit seinen knapp drei Millio- nen Einwohnern Goldgräberstimmung. Großformatige Tafeln an der Flughafen- straße in Ulan Bator werben für Minenaus- rüstungen und Förderanlagen, für Bagger und Bohrer, die auch im eisigen mongoli- schen Winter durchhalten. Im Great Khan und in anderen Kneipen in der Innenstadt sitzen die Geologen und Ingenieure globa- ler Bergbaukonzerne über importiertem Bier und Hamburgern und besprechen eu- phorisch neue Deals und neue Rohstoff- funde. In den Straßen davor machen bei Schneefall und klirrender Kälte Prostituier- te Jagd auf Kunden.

TRAUMHAFTE RATEN

„Die Mongolei profitiert unter anderem von der gewaltigen Nachfrage aus China nach Rohstoffen und von den attraktiven Preisen“, sagt Dosbergen Musaev, Analyst bei Eurasia Capital in Ulan Bator. Die Koh- leexporte des Landes stiegen in der ersten Jahreshälfte 2011 gegenüber dem Vorjahr um 135 Prozent, die Ausfuhr von Eisenerz um 122 Prozent, die von Kupfer um 31 Pro- zent. Entsprechend traumhaft sind die Wachstumsraten: Um 20 Prozent ist die Volkswirtschaft nach vorläufigen Berech- nungen 2011 gewachsen. Im neuen Jahr könnte die Rate sogar noch steigen. Anle- ger rund um den Globus profitieren davon. Von 2007 bis 2011 hat die mongolische Bör- se um 800 Prozent zugelegt. Kein Aktien- markt der Welt ist schneller gewachsen. Der Aufschwung ist in der Hauptstadt mit Händen zu greifen. Überall drehen sich die Baukräne, schießen neue Wolkenkrat- zer in den Himmel. An der langen Ost- West-Achse namens Peace Avenue eröff- nen Armani und Louis Vuitton ihre Läden. Davor halten SUVs und Sportwagen. Nicht wenige Menschen in Ulan Bator sind in jüngster Zeit sehr reich geworden. Für Euphorie bei Anlegern und Analys- ten sorgen vor allem die beiden großen Bergwerke im Süden des Landes, die in den nächsten Jahren mit der Förderung be- ginnen sollen. Oyu Tolgoi hat die weltweit größten bekannten Kupfer- und Goldvor- räte. Der Rohstoffkonzern Ivanhoe aus Ka- nada und sein britisch-australischer Wett- bewerber Rio Tinto haben sich zusammen einen 66-prozentigen Anteil an dem Pro- jekt gesichert. Den Rest hält die mongoli- sche Regierung. Allein die Förderung hier wird das mongolische Bruttoinlandspro- dukt um ein Drittel vergrößern.

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

Nicht weit von diesem Goldschatz liegt Tavan Tolgoi. Dort haben Geologen eines der weltweit größten Kohlevorkommen entdeckt. Die bisher erschlossenen Vorräte der hochwertigen Kokskohle mit einem Volumen von rund 6,5 Milliarden Tonnen würden reichen, um China bei seinem heutigen Tagesbedarf rund 100 Jahre zu versorgen. Kokskohle wird vor allem für die Stahlerzeugung benötigt. Tavan Tolgoi soll in diesem Jahr die Förderung aufnehmen. Auch hier haben sich ausländische Kon- zerne wesentliche Anteile gesichert, unter anderem Peabody Energy aus den USA, aber auch Unternehmen aus Russland und China, den beiden einzigen Nachbarlän- dern des Binnenstaates Mongolei. Auch deutsche Firmen liegen auf der Lauer. Laurenz Melchers sitzt in einem schicken, weiß getünchten Neubau nicht weit von Ulan Bators Flughafen. Vor 14 Jah- ren ist er in die Mongolei gekommen. Zu- rück nach Deutschland will er nicht mehr. Seine Kinder, zehn und fünf Jahre alt, ge- hen in Ulan Bator zur Schule. Melchers und sein Unternehmen Mon- golian Star verdienen kräftig mit am Boom in der Wüste. Der Deutsche aus Bremen importiert Konsumgüter, unter anderem Cognac von Hennessy und Waschmittel von Henkel. Gut 20 Prozent der mongoli- schen Supermarktregale bestückt Mongo- lian Star. Außerdem kontrolliert der Deut- sche für Daimler den Import und Verkauf von Mercedes-Fahrzeugen und vertreibt für BASF Chemikalien. Der Konzern aus Ludwigshafen ist exklusiver Lieferant für die Oyu-Tolgoi-Mine. Melchers beschäftigt gut 300 Mitarbeiter, 2010 wuchs das Ge- schäft um 50 Prozent. Vor allem der Merce- des-Absatz boomt, wenn auch auf niedri- gem Niveau. Künftig will Melchers noch mehr vom Rohstoffboom profitieren: Er lo- tet derzeit aus, ob er schwere Lkws von der amerikanischen Daimler-Tochter Western Star in die Mongolei importieren kann. Die eignen sich hervorragend für den Kohle- transport in großen Bergwerken.

AUSTRALISCHER PARTNER

Am besten im Geschäft unter den Deut- schen in der Mongolei ist aber bislang der Mittelständler BBM Operta aus Mülheim an der Ruhr. Zusammen mit seinem aust- ralischen Partner Macmahon ergatterte der Bergbauspezialist aus dem Ruhrgebiet kürzlich einen Auftrag mit einem Volumen von 1,4 Milliarden Dollar. In den kommen- den Jahren wird BBM Operta in der Tavan- Tolgoi-Mine Kokskohle fördern; anfangs

drei Millionen Tonnen im Jahr. Später soll das Volumen auf 15 Millionen Tonnen stei- gen. Das Unternehmen, das sich auf Ab- bau, Montage und Maschinenbau in der Bergbauindustrie spezialisiert hat, beliefert in Europa unter anderem den deutschen Kohleförderer RAG und betreibt in Bos- nien-Herzegowina zwei Kohlebergwerke. Weltweit hat BBM Operta rund 2000 Mitar- beiter und erzielte zuletzt einen Jahresum- satz von 100 Millionen Euro. In der Mongolei wollen die Fachleute von der Ruhr nicht nur Kohle fördern, son-

Neues Eldorado Weltweit gibt es nirgends mehr Kupfer und Gold als in Oy u To lgoi

gibt es nirgends mehr Kupfer und Gold als in Oy u To lgoi Die Beziehung zu

Die Beziehung zu Deutschland ist seit DDR-Zeiten traditionell gut

dern auch mongolische Arbeiter im Berg- bau ausbilden. Sie sehen sich als Türöffner für weitere deutsche Unternehmen. „Wir leisten mit der Erschließung des Tagebaus lediglich den ersten Schritt“, sagt Haris Operta, geschäftsführender Gesellschafter von BBM. „Entlang der gesamten Wert- schöpfungskette können sich dann weitere deutsche Unternehmen einbringen und ihre Leistungen anbieten.“ Die Beziehungen der Mongolei zu Deutschland sind traditionell gut. In kom- munistischen Zeiten studierten Zehntau- sende Mongolen in der DDR, so kommt es, dass heute fast 30 000 Mongolen Deutsch sprechen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober in Ulan Bator war, be- schlossen beide Länder eine weitreichen- de Kooperation im Rohstoffsektor. Natür- lich geht es der Bundesregierung dabei »

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FOTOS: WERNER SCHÜRING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, EVENTPRESS

FOTOS: WERNER SCHÜRING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, EVENTPRESS Politik & Weltwirtschaft BERLIN INTERN | Diesmal ist es

Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Diesmal ist es eine heikle Kolumne:

Ob die Hauptperson überhaupt noch im Amt ist, wenn das Heft erscheint? Die Zukunft von Christian Wulff ist ungewisser denn je. Von Henning Krumrey

Einstecken kann er

ungewisser denn je. Von Henning Krumrey Einstecken kann er S chlechter als Johannes Rau – so
S chlechter als Johannes Rau – so steht der Bundespräsident in der veröffentlichten Meinung da.
S chlechter als Johannes Rau – so
steht der Bundespräsident in der
veröffentlichten Meinung da.
Auch seinen ebenfalls vorteils-
erpichten Vorvorgänger hatten –
mit der
WestLB-Flugaffäre – Gefälligkeiten der
Wirtschaft aus seiner Ministerpräsidenten-
zeit eingeholt, als er längst im Schloss
Bellevue residierte. In Raus Krisenmona-
ten waren nur 14 Prozent der Berichte in
den Fernsehnachrichten, der „Bild“-Zei-
tung und den großen Magazinen
eindeutig
Schaf im Wulffspelz Die Drohung gegen
„Bild“-Chef Diekmann hinterließ Spuren
negativ; beim derzeitigen Amtsinhaber
sind es dagegen 41 Prozent, ermi
ttelte das
Medienanalyse-Institut Media Tenor. Mit
seiner Affäre machte Christian Wulff allein
an den ersten beiden Tagen des neuen
Jahres mehr Schlagzeilen als in jedem Mo-
nat zwischen Juli und November 2011.
Seit der versuchten Einflussnahme auf die
„Bild“-Zeitung ist der Anteil klar kritischer
Berichte drastisch gestiegen. Positive
Stimmen gibt es praktisch nicht mehr.
Aber ist es eine Medienkampagne gegen
das Staatsoberhaupt, wenn Journalisten
nachfragen, ob sich der frühere nieder-
sächsische Landesvater private Vorteile
verschafft hat? Ist es eine Hetzjagd, wenn
geprüft wird, ob die anfänglichen Behaup-
tungen mit den später offen gelegten Tat-
sachen übereinstimmen, ob also gelogen
wurde? Ist es schließlich ein ungebührlicher
Angriff, wenn Redaktionen über die Drang-
salierung von Kollegen informieren?
Mit Drohungen und Einschüchterungen
hatte das Staatsoberhaupt versucht,
die ursprüngliche Berichterstattung der

„Bild“-Zeitung zu verhindern. Er warnte – klar hörbar, aber völlig unverständlich – auf der Mailbox des Chefredakteurs Kai Diek- mann vor dem „endgültigen Bruch“ zwi- schen ihm und der „Bild“-Zeitung für den Fall, dass diese „unglaubliche Geschichte“ über die Wulff’sche Hausfinanzierung er- scheinen sollte. Wobei sich – rückblickend betrachtet – „unglaublich“ nicht auf den Wahrheitsgehalt bezogen haben muss, sondern im Sinne von „nicht zu fassen“ zu verstehen ist. Nur zwei Quellen kommen für diese eben- so delikaten wie detaillierten Informationen infrage: der entlassene Wulff-Sprecher Olaf Glaeseker oder der „Bild“-Chefredakteur selbst. Denn nur diese beiden können den Wortlaut des hitzigen Präsidentenanrufs kennen. Beide Möglichkeiten sind für Wulff alles andere als komfortabel:

Wäre Glaeseker die Quelle, könnte sich das Staatsoberhaupt nicht mehr auf die Verschwiegenheit seines langjährigen Vertrauten und Medien-Steuermanns verlassen. Vielleicht, weil dieser sich für seine Entlassung rächen will? Schließlich bestehen immer noch Zweifel, ob Glaeseker freiwillig aus dem Dienst schied. Hätte Diekmann die Gesprächsfetzen elegant an die Kollegen anderer Medien weitergespielt, so wäre dies ein eindeutiges Signal an Wulff: Herr Präsident, Sie sind jetzt im Hause Springer zum Abschuss freigegeben. Eine Drohung, über die schon länger mit Gerüchten über weitere Details aus dem Privatleben des Ehepaares Wulff spekuliert wurde. Vorgänger Horst Köhler trat zurück, weil er sich nach seinen Äußerungen zur mög- lichen militärischen Durchsetzung deutscher Wirtschaftsinteressen durch journalistische Angriffe des Spiegel („Horst Lübke“) und oppositionelle Pöbeleien durch den Grünen Jürgen Trittin („Kanonenbootpolitik“) in sei- nem Ansehen beschädigt fand. Einen derart empfindsamen Umgang mit der Würde des Amts und der eigenen Ehre kann man Chris- tian Wulff nicht vorwerfen. Sein politischer Aufstieg und sein Umgang mit wohlhaben- den Freunden zeigen: Einstecken kann er.

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Der Arbeitsmarkt hält sich weiter wacker. Doch das deutsche Jobwunder stößt 2012 an

KOMMENTAR | Der Arbeitsmarkt hält sich weiter wacker. Doch das deutsche Jobwunder stößt 2012 an seine Grenzen. Von Bert Losse

Zwei Welten

I n der vergangenen Woche präsentierten zwei große Euro-Staaten neue Arbeits- marktstatistiken, die unter-

schiedlicher nicht sein könnten:

In Spanien ist die Arbeitslosen- zahl auf einen neuen Rekord- stand von 4,42 Millionen gestiegen; die Erwerbslosen- quote liegt mit 21,5 Prozent so hoch wie in keinem anderen EU-Land. In Deutschland hin- gegen gab es im Dezember lediglich einen leichten jahres- zeitbedingten Anstieg auf moderate 2,78 Millionen; die

Quote liegt hier aktuell bei nur 6,6 Prozent. Saisonbereinigt betreute die Bundesagentur für Arbeit (BA) im Dezember sogar

22 000 Arbeitslose weniger.

Damit setzt sich das deutsche Jobwunder vorerst fort. 2011 ist

die Arbeitslosenzahl mit im

Schnitt 2,97 Millionen auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gefallen. Und trotz Schulden- krise und dunkler Wolken am Konjunkturhimmel wollen viele Betriebe auch in diesem Jahr neue Jobs schaffen. Allein die Deutsche Bahn sucht rund

10 000 Leute, Autobauer wie VW

und Porsche stocken ihr Perso- nal ebenfalls auf. Insgesamt wol- len 16 Prozent der Unternehmen in Deutschland ihre Mitarbeiter- zahl erhöhen und nur zwölf Pro- zent Personal entlassen, ergab eine Umfrage des ifo Instituts für die WirtschaftsWoche.

VIELE UNVERMITTELBAR

Das Problem ist nur: Die Fach- kräfte, die jetzt allerorten ge- sucht werden, gibt es im Arbeits- losenbestand immer seltener. Ein Blick ins Kleingedruckte der BA-Statistik zeigt, dass aktuell

43 Prozent der Arbeitslosen kei-

ne abgeschlossene Berufsaus-

bildung haben. Ein Drittel der Menschen ohne Job ist zudem langzeitarbeitslos, das heißt län- ger als zwölf Monate ohne Be- schäftigung. 400 000 Menschen haben seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 nicht einen Tag sozialversicherungs- pflichtig gearbeitet – und sind damit praktisch unvermittelbar. Es wäre daher naiv, zu glau- ben, der Abbau der Arbeitslosig- keit könne im gleichen Tempo wie 2011 weitergehen. Fakt ist:

Es gibt in Deutschland eine chronische strukturelle Ar- beitslosigkeit. Wovon manche Politiker träumen, nämlich die Zwei-Millionen-Grenze bei der Arbeitslosenzahl zu knacken, ist

daher – leider – unrealistisch.

RISIKEN WACHSEN

Es ist vielmehr so gut wie sicher, dass die Arbeitslosenzahl im Januar oder spätestens Februar wieder über die Drei-Millionen- Marke klettert, wenn die typi- sche Winterarbeitslosigkeit ein- setzt, etwa auf dem Bau. Auch die allgemeinen Rahmenbedin- gungen für den Arbeitsmarkt dürften sich 2012 verschlech- tern. Demografiebedingt sinkt das Erwerbspersonenpotenzial um 250 000, und es ist unsicher, inwieweit eine höhere Erwerbs- beteiligung von Frauen, Älteren und Zuwanderern dies kompen- sieren kann. Die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie könnte im Frühjahr die Lohn- kosten vieler Betriebe nach oben treiben. Und wenn die Euro-Krise weiter eskaliert oder die globale Konjunkturlokomotive China ins Straucheln gerät, dürften viele Unternehmen ihre Personal- pläne überdenken. Freuen wir uns also über unser Jobwunder – solange es noch anhält.

38

NEW ECONOMICS

Leere Stellen

Der Mittelstand in Deutschland will 2012 die Zahl der Ausbildungsplätze erhöhen. Doch vielerorts fehlen geeignete Bewerber, zeigt eine aktuelle Umfrage.

Es sind Zahlen, die eigentlich nicht zusammenpassen: 2011 konnten die Unternehmen in Deutschland rund 30 000 Aus- bildungsplätze nicht besetzen. Das ist ein Anteil von fünf Pro- zent und ein Zuwachs von 1,5 Punkten gegenüber dem Vor- jahr. Gleichzeitig aber blieben rund 75 000 Lehrstellen-Bewer- ber unversorgt. Dass die Schere immer weiter auseinandergeht, liegt zum einen an der zuneh- menden Segmentierung des Ausbildungsmarktes. Der de- mografisch bedingte Rückgang der Bewerberzahlen lässt sich derzeit zwar durch doppelte Abiturjahrgänge und den Weg- fall der Wehrpflicht abfedern. Doch die auf den Markt drän- genden Abiturienten konzen- trieren sich nur auf wenige Berufe, etwa im Medienbereich. Die Zahl der nicht studien- berechtigten Schulabgänger brach 2011 um 19 Prozent ein – und damit auch die Nachfrage nach Berufen wie Bäcker, Fleischer oder Gebäudereiniger. Die Misere verschärft sich durch die Bildungsdefizite vie- ler Bewerber: Für fast die Hälfte der Unternehmen zählt eine

schlechte Vorbildung von Be- werbern aktuell zu den beiden größten Hindernissen, mehr Azubis einzustellen. Rund 30 Prozent nennen fehlende Be- werber als zentrale Hürde. Aus- bildungskosten oder lange Be- rufsschulzeiten spielen nur eine untergeordnete Rolle. Das hat eine Umfrage der Wirtschafts- verbände „Die Familienunter- nehmer-ASU“ und „Die Jungen Unternehmer-BJU“ exklusiv für die WirtschaftsWoche ergeben. Die knapp 630 befragten Fir- menchefs offenbarten darin auch ihre Beschäftigungspläne für 2012: Nur vier Prozent wol- len die Zahl der Ausbildungs- plätze senken – 18 Prozent hin- gegen planen eine Aufstockung. „Mancher Jugendliche muss begreifen, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, und sollte für seine berufliche Zukunft mal einen Umzug in Kauf neh- men“, fordert die BJU-Vorsitzen- de Marie-Christine Ostermann. Nötig sei auch, die überregiona- le Vermittlungspraxis zu verbes- sern – „damit Unternehmer und Lehrstellenbewerber auch wirk- lich zusammenfinden“.

bert.losse@wiwo.de

Mehr Azubis Wie wird sich 2012 die An- zahl der Auszubildenden in Ihrem Unternehmen im
Mehr Azubis
Wie wird sich 2012 die An-
zahl der Auszubildenden in
Ihrem Unternehmen im Ver-
gleich zu 2011 entwickeln?
Was sind für Sie die beiden
größten Hindernisse, (mehr)
Auszubildende einzustellen?
Schlechte Vorbildung
46
%
der Bewerber
Wir finden keine Bewerber
29
%
18
58
%
Unsichere Auftragslage
10 %
20
Lange Berufsschulzeiten
9%
4
Keine spätere Übernahme-
9%
möglichkeit im Betrieb
Steigen
Gleich bleiben
Hohe Kosten
8%
Sinken
Wir sind kein Ausbildungsbetrieb
Keine Hindernisse
23
%
Quelle: ASU/BJU-Umfrage, Dezember 2011
FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Erholung auf wackligem Fundament

Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Kon- junkturforschung (IMK) ist gern etwas pessimistischer als ande- re Forschungsanstalten. Wäh- rend die meisten Auguren 2012 mit einem kleinen Wachstum um die 0,5 Prozent rechnen, sagt IMK-Direktor Gustav Horn ein Schrumpfen des Bruttoin- landsprodukts um 0,1 Prozent voraus. Deutschland gehe „schwierigen Zeiten entgegen“, glaubt der Ökonom. Doch ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen. Darauf deutet der Earlybird-Frühindi- kator hin, den die Commerz- bank exklusiv für die Wirt- schaftsWoche berechnet. Der

Index ist im Dezember zum zweiten Mal hintereinander gestiegen und hat mit 1,69 Zählern den höchsten Stand seit April 2011 erreicht (siehe Grafik). Das Konjunkturbaro- meter hat gegenüber der Real- wirtschaft einen Vorlauf von sechs bis neun Monaten. Es er- fasst den Außenwert des Euro, die kurzfristigen Realzinsen sowie – als Messgröße für die Lage der Weltwirtschaft– den US-Einkaufsmanagerindex für die Industrie (ISM). Vor allem die jüngsten US- Daten gaben dem Earlybird Auftrieb: Der ISM kletterte von 52,7 auf 53,9 Punkte. Zudem ist der kurzfristige Realzins nach

der Zinssenkung der Europäi- schen Zentralbank etwas ge- fallen, auch der Euro schwächte sich im Dezember ab. Für eine konjunkturelle Ent- warnung ist es gleichwohl zu früh. Zwar dürfte der Earlybird vorerst weiter nach oben ten- dieren, solange es nicht zu einem neuerlichen Einbruch der US-Konjunktur kommt. Die

deutsche Konjunktur werde je- doch „durch die von der Staats- schuldenkrise ausgehende gro- ße Unsicherheit gebremst“, schreiben die Commerzbank- Ökonomen in ihrer Analyse für die WirtschaftsWoche. Deshalb „könnte sich der jüngste An- stieg einiger Frühindikatoren als nicht nachhaltig erweisen“.

bert.losse@wiwo.de

Mit neuem Schwung

Bruttoinlandsprodukt und Earlybird-Konjunkturbarometer 4,0 4,4,00 3,0 3,03,0 Earlybird-Konjunkturbarometer 2 2,0
Bruttoinlandsprodukt und Earlybird-Konjunkturbarometer
4,0
4,4,00
3,0
3,03,0
Earlybird-Konjunkturbarometer 2
2,0
2,2,00
1,0
1,01,0
0
00
–1,0
–1–1,0,0
–2,0
–2–2,0,0
Bruttoinlandsprodukt 1
–3,0
–3–3,0,0
–4,0
–4–4,0,0
2006 2007
2008 2009
2010 2011
1 zum Vorquartal (in Prozent); 2 gewichtete Summe aus kurzfristigem realem Zins, effek-
tivem realem Außenwert des Euro und US-Einkaufsmanagerindex; Quelle: Commerzbank

Industrie wieder stabiler

Die deutsche Industrie hat sich zum Jahresausklang etwas sta- bilisieren können. Der an den Finanzmärkten viel beachtete Einkaufsmanagerindex im ver- arbeitenden Gewerbe, für den das Londoner Forschungsinsti- tut Markit Economics rund 500 Unternehmen befragt, stieg im Dezember um 0,5 auf 48,4 Punkte. Der Indikator blieb damit allerdings den dritten Monat in Folge unter 50 Punk- ten – erst Werte oberhalb dieser Marke signalisieren traditionell

eine Expansion. Der um saison- ale Schwankungen bereinigte

Teilindex für den Auftragsein- gang verbesserte sich leicht im Vergleich zum November. Derweil hat der Einkaufsma- nagerindex für den deutschen Dienstleistungssektor die Ex- pansionsschwelle bereits über-

schritten: Er kletterte im De- zember um 2,1 auf 52,4 Punkte, den höchsten Stand seit Juli.

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

2010 III/10 IV/10 I/11 II/11 III/11 Letztes Quartal
2010 III/10 IV/10 I/11 II/11 III/11

2010

III/10

IV/10

I/11

II/11

III/11

Letztes Quartal

IV/10 I/11 II/11 III/11 Letztes Quartal Veränderung zum Vorquartal in Prozent zum Vorjahr in

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

zum Vorjahr

in Prozent

IV/10 I/11 II/11 III/11 Letztes Quartal Veränderung zum Vorquartal in Prozent zum Vorjahr in Prozent
Volkswirtschaftliche 2009 Gesamtrechnung Durchschnitt Real. Bruttoinlandsprodukt –4,7 Privater

Volkswirtschaftliche

2009

Gesamtrechnung

Durchschnitt

Real. Bruttoinlandsprodukt

–4,7

Privater Konsum

–0,2

Staatskonsum

2,9

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

2,9 Ausrüstungsinvestitionen Bauinvestitionen   3,7 0,6 0,8 0,4 0,5 0,6 1,3 0,5 0,3
2,9 Ausrüstungsinvestitionen Bauinvestitionen   3,7 0,6 0,8 0,4 0,5 0,6 1,3 0,5 0,3
 

3,7

0,6

0,8

0,4

0,5

0,6

1,3

0,5

0,3

-0,6

0,5

0,8

2,5

1,2

   

1,7

0,8

0,1

0,2

0,6

0,6

1,4

 

–22,6

10,5

4,9

2,7

1,0

1,2

2,9

7,9

 

–1,5

2,2

–0,8

–2,6

7,1

–0,4

–0,7

2,8

 

5,7

4,7

1,7

2,1

–0,3

1,3

1,9

5,0

 

–14,3

13,7

2,0

1,0

1,7

2,8

2,5

7,9

 

–9,4

11,7

0,9

1,3

1,0

2,9

2,6

7,7

2009

2010

Sept.

Okt.

Nov.

Dez.

Jan.

Letzter Monat

Arbeitsmarkt, Produktion und Preise

Durchschnitt

2011

2011

2011 2011

2012 zum Vorjahr

in Prozent

Industrieproduktion 1

–15,5

10,5

–2,8

0,8

0,3

Auftragseingänge 1

–21,7

21,6

–4,6

5,2

2,1

Einzelhandelsumsatz 1

–3,2

1,3

0,9

–0,2

–0,6

Exporte 2

–18,4

18,5

1,0

–3,6

3,8

ifo-Geschäftsklimaindex

90,7

107,8

107,4

106,4

106,6

107,2

–6,3

Einkaufsmanagerindex

42,8

58,3

50,3

49,1

47,9

48,4

–20,3

GfK-Konsumklimaindex

3,1

4,0

5,2

5,3

5,4

5,6

5,6

1,8

Verbraucherpreise 3

0,3

1,1

2,6

2,5

2,4

2,1

Erzeugerpreise 3

–4,2

1,6

5,5

5,3

5,2

Importpreise 3

–8,6

7,8

6,9

6,8

6,0

Arbeitslosenzahl 4

3 417

3 237

2 927

2 933

2 910

2 888

-7,6

Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5
Offene Stellen 4 302 358 479 487 498 503 24,5 – Beschäftigte 4 , 5

Offene Stellen 4

302

358

479

487

498

503 24,5

Beschäftigte 4, 5

27 488

27 778

28 595

28 651

2,6

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt ; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte; alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt ; Quelle: Thomson Reuters

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FOTO: EX-PRESS/URS KELLER

Der Volkswirt

WELTWIRTSCHAFT

mehr zieht die Schweiz mit ihrem Safe-Haven-Status aus- ländische Anleger an. Dies ließ den Schweizer Franken 2011 auf immer neue Höchststände klettern. Zwi- schen Mai und August legte er um rund ein Drittel gegenüber dem Euro zu. Zeitweise lag der Kurs fast bei Parität, mit Tages- ausschlägen von über drei Prozent. Das hatte es seit der Einführung des Euro noch nicht gegeben. Die Märkte waren hochnervös, die Exportindus- trie schlug Alarm. Die Zentral- bank zog im September die Notbremse und setzte eine Kursuntergrenze von 1,20 Fran- ken je Euro fest, die sie seither mit Euro-Ankäufen verteidigt. Diese Strategie geht bislang überraschend gut auf: Experten schätzen, dass die SNB bisher

Frostiger Gipfel

Lange zeigte sich die Schweizer Wirtschaft von den Turbulenzen im Euro-Raum wenig beeindruckt. Nun wird das Land von der Krise eingeholt.

E s gibt ein Land in Europa, da scheint die Welt in die- sen Krisenzeiten noch in

Ordnung zu sein: Die Schulden- quote liegt unter 40 Prozent, die Arbeitslosenquote bei vier Pro- zent, die Inflation geht gegen null. Der Risikoaufschlag zur zehnjährigen Bundesanleihe liegt bei minus 1,3 Prozentpunk- ten, was so viel heißt, dass Anle-

ger hierhin ihr Geld noch lieber tragen als nach Deutschland. „Sicherer Hafen“ und „Stabili- tätsanker“ sind denn auch die Attribute, die in diesen Tagen immer wieder fallen, wenn von der Schweiz und ihrem Acht- Millionen-Volk im Herzen Euro- pas die Rede ist. Die „Financial Times“ titelte: „Ein Alpengipfel, zu dem die Euro-Zone empor- schauen kann.“ Der Erfolg der Eidgenossen kommt nicht von ungefähr. Ein hohes Maß an Wettbewerbs- fähigkeit und politischer Streit- kultur hätte die Schweiz dahin gebracht, wo sie heute steht, urteilt die Mainzer VWL-Profes- sorin und Schweizer Ökonomin Beatrice Weder di Mauro. Hoch produktive Unternehmen vor allem in den Branchen Maschi- nenbau, Feinmechanik und Chemie, ein flexibler Arbeits- markt und jahrzehntelange Haushaltsdisziplin sind Eck- pfeiler dieser Erfolgsstory. Es waren die Schweizer, die 2001 per Volksabstimmung als erstes Land in Europa eine Schulden- bremse in ihrer Verfassung verankerten. Deutschland, das sich gern als europäischen Stabilitätswächter sieht, hat ein vergleichbares Konzept erst 2009 beschlossen. Während im Euro-Raum die Schuldenstände in den vergan-

genen Jahren immer weiter anstiegen und zuletzt durch- schnittlich 88 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichten, gingen sie im Nicht- EU-Staat Schweiz trotz Rezessi- on und Finanzkrise stetig zurück – von 50 Prozent 2006 auf rund 40 Prozent in diesem Jahr. Selbst in Krisenjahren fuhr die Regie- rung in Bern immer wieder Haushaltsüberschüsse ein. Nun aber droht die Euro- Krise die Schweiz doch noch zu

Eiserner Wille Die Schweizer Notenbank interveniert
Eiserner Wille Die Schweizer
Notenbank interveniert

Solide Eidgenossen

Inflationsrate ( ) und staat- liche Defizitquote ( ) der Schweiz (in Prozent) 3,0 2,0
Inflationsrate (
) und staat-
liche Defizitquote (
) der
Schweiz (in Prozent)
3,0
2,0
2,0
1,5
1,0
1,0
0
0,5
–1,0
0
2008 2009 2010 2011 2012*
* Prognose; Quelle: IWF

erreichen. „Die Risiken sind enorm hoch“, warnte Philipp Hildebrand, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), bei seinem letzten Quar- talsausblick im Dezember mit einer für Notenbanker unge- wöhnlichen Deutlichkeit. Hil- debrand, der sich derzeit in der Schweiz mit dem Vorwurf des Insiderhandels herumschlagen muss, weiß nur zu gut, dass jeder Stabilitätskurs eine Kehr- seite haben kann: Je mehr es in der Euro-Zone stürmt, desto

weniger als zehn Milliarden Euro für ihre Interventionen ausgeben musste. Kann die Schweizer Wirt- schaft also wieder aufatmen, seit das Wechselkursrisiko für ihren wichtigsten Absatzmarkt ausgeschaltet ist? Mitnichten. Wichtige Frühindikatoren zu inländischer Konjunkturerwar- tung und Geschäftsklima sind seit Herbst auf Talfahrt gegan- gen. Das Konjunkturbarometer (KOF) der Eidgenössischen Technischen Hochschule

40

Zürich brach im November auf den tiefsten Stand seit dem Rezessionsjahr 2009 ein. Zum Jahresende revidierten Zentral- bank, Regierung, Konjunkturin- stitute und Unternehmerver- band unisono ihre Prognosen nach unten: 2012 erwarten die Auguren nur noch ein mickriges Wachstum von 0,5 Prozent – nahezu eine Halbierung gegen- über den Herbstvorhersagen.

FRANKEN ÜBERBEWERTET

Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Zum einen ist der Franken nach Ansicht von Öko- nomen immer noch um 10 bis 20 Prozent überbewertet. Ent- scheidender ist jedoch, dass sich die Nachfrage im Euro- Raum angesichts der Schulden- krise inklusive Sparrunden und Konsumflaute 2012 drastisch einzutrüben droht. Ein Land, das wie die Schweiz mehr als ein Viertel seines Bruttoin- landsprodukts mit Ausfuhren in die EU (57 Prozent aller Ex- porte) erwirtschaftet, kann da- von nicht unberührt bleiben. Doch viel Spielraum, um das Wachstum anzukurbeln, bleibt der Zentralbank nicht: Den Leitzins hat sie bereits auf null gesetzt und massiv Liquidität ins System gepumpt. Das Geld-

mengenwachstum hat sich zu- letzt beschleunigt, Ökonomen

warnen schon vor einer Preis- blase am Immobilienmarkt. Kalkuliert sind die Schweizer Konjunkturprognosen zudem unter der Annahme, dass die Euro-Zone noch irgendwie die Kurve kriegt. Doch Notenbank- chef Hildebrand räumt ein, dass die Schätzungen mit extremer Unsicherheit behaftet sind. Der Schweiz sei es immer dann gut gegangen, wenn Europa einen stabilen Kurs gefahren sei – und sie habe gelitten, wenn Europa davon abrückte. Ein Ende des Schweizer Europa-Leidens ist damit nicht in Sicht. Manchmal kann es auf dem Gipfel nicht nur einsam, sondern auch sehr frostig werden.

elke pickartz | politik@wiwo.de

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Was bringt uns das Jahr 2012? Die anhaltende Krise der Euro-Zone und die schwächelnde US-Wirtschaft dürften den deutschen Export zunehmend dämpfen. Doch die Binnennachfrage von Unternehmen und Konsumenten bleibt in Deutschland erstaunlich robust. Eine konjunkturelle Vorausschau. Von Hans-Werner Sinn

Der europäische Drache

Vorausschau. Von Hans-Werner Sinn Der europäische Drache I n China steht der offizielle Jahreswechsel noch bevor.

I n China steht der offizielle Jahreswechsel noch bevor. In gut zwei Wochen werden die Chinesen bei ihrem tra-

ditionellen Neujahrsfest das Jahr des Drachen begrüßen. Nach dortiger Vorstellung sind Menschen, die im Jahr des Drachen geboren werden, ge- sund und energiegeladen; ih- nen wird ein langes Leben vo- rausgesagt. Dies lässt sich bestens auf die chinesische Wirtschaft übertragen: Zwar verliert der Aufschwung an Tempo. Die eingetrübten Ex- portaussichten, die weiterhin hohe Inflation und faule Kredi- te in den Büchern der Banken sind konjunkturelle Bremsklöt- ze. Doch sollten diese Proble- me für die Chinesen beherrsch- bar sein. Die Grunddynamik des Landes ist ungebrochen. Der europäische Drache hin- gegen ist kein so freundliches Tier. Er ist Sinnbild des Chaos, ein menschenfeindliches Unge- heuer. Und ob Angela Merkel der Held ist, der diesen Drachen besiegt, wage ich zu bezweifeln, nicht weil die Bundeskanzlerin nicht tapfer wäre, sondern weil sie nicht über die notwendige Lanze verfügt. Um die tiefe Zah- lungsbilanzkrise im Euro-Raum zu lösen, müsste sie ein „Rea- lignment“, also eine Nachjustie- rung von Wechselkursen oder Preisen, durchsetzen, aber das kann sie nicht. Weder wollen wir Deutschen inflationieren, noch wollen sich die Südländer eine Deflation zumuten. Die ökonomische Neujahrs- botschaft für Europa fällt denn auch eindeutig aus: Die Krise der Währungsunion geht weiter. Bis zum heutigen Tage hat sich die Lage trotz aller Rettungsak- tionen immer weiter zugespitzt.

Die Europäische Zentralbank hilft bedrängten Ländern nun schon im fünften Jahr hintereinander mit der Notenpresse, die offiziellen Rettungsschirme werden im kom- menden Mai bereits zwei Jahre lang aufgespannt sein. Seit dem Sommer wird die Euro-Zone von einer gewaltigen Kapitalflucht aus Italien und Frankreich erschüt- tert. Die deutschen Banken und Versicherer trauen dem Euro nicht mehr und rufen ihre Kredite zurück. Und manch ein ausländi- scher Investor schielt nach deut- schen Immobilien, die er hier mit billigen Krediten erwerben kann. Ich sage voraus: Die Retterei wird sich fortsetzen und am Ende in eine Transferunion münden. Gleichzeitig steht dem Euro- Raum 2012 eine Rezession bevor. Viele Länder setzen Sparprogram- me um, die das verloren gegange- ne Vertrauen der Investoren wiederherstellen sollen. Das ist die richtige Therapie. Doch wie häufig bei guter Medizin gibt es auch hier Nebenwirkungen – die Sparprogramme führen zu einer weiteren Abschwächung der Kon- junktur in diesen Ländern. Die Ar- beitslosigkeit, die teilweise be- ängstigende Ausmaße angenommen hat, wird daher vie- lerorts weiter zunehmen. In Frankreich etwa erwarten Exper- ten allein im ersten Halbjahr einen Verlust von 60 000 Stellen.

»Dem Euro-Raum steht 2012 eine Rezession bevor. Die Arbeitslosig- keit wird weiter zunehmen«

bevor. Die Arbeitslosig- keit wird weiter zunehmen« Job gesucht! Großer Andrang bei der französischen

Job gesucht! Großer Andrang bei der französischen Arbeitsagentur

In den USA, der größten Volks- wirtschaft der Welt, steht zwar keine Rezession bevor. Wohl aber droht ein Schneckengang der Wirtschaft, nicht zuletzt weil der US-Kongress keine Mittel für wei- tere Konjunkturprogramme bewil- ligen dürfte. Der amerikanische Immobilienmarkt ist noch immer im Keller, die Lage am Arbeits- markt unverändert schwierig. Die durchschnittliche Länge der Arbeitslosigkeit liegt heute bei 41 Wochen. Zum Vergleich: Nach dem Anschlag auf das World Trade Center und dem anschlie- ßenden Wirtschaftseinbruch hat- te sie nur 20 Wochen betragen. Und was bedeutet das alles für Deutschland? Auf all jene Länder, die sich in der Vergangenheit kräf- tig im Ausland verschuldeten, kommen 2012 noch schwierigere Zeiten zu. Das wiederum beein- trächtigt den deutschen Export; erste Anzeichen dafür gab es schon im vergangenen Jahr. Doch gleichzeitig profitiert unser Bin- nenmarkt, weil die Korrektur der Kapitalmärkte zu Deutschlands Gunsten ausgeht. Jedenfalls sind die Kräfte, die im Süden und Wes- ten der Euro-Zone eine Flaute auslösen, die gleichen, die hier die Binnenkonjunktur treiben. Bereits 2011 steuerte der Außen-

beitrag nach Berechnungen des ifo Instituts nur 0,8 Prozent- punkte zur Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von drei Prozent bei. Mit einem Beitrag von 1,2 Prozentpunkten waren die Bruttoinvestitionen der wesentliche Impulsgeber. Dieses Jahr muss sich die deutsche Wirtschaft noch mehr auf die inländische Nachfrage stützen, denn laut ifo-Prognose könnte der Außenbeitrag bei der Wachstumsberechnung 2012 sogar negativ zu Buche schla- gen. Demgegenüber bleibt die heimische Nachfrage nach In- vestitionsgütern und zunehmend auch nach Konsumgütern relativ robust. Das bedeutet: Unter dem Strich könnten wir dank der Bin- nennachfrage von Unternehmen und Verbrauchern ungeschoren durch die Krise kommen. Der ifo-Geschäftsklimaindex trotzt dem allgemeinen Abwärts- trend jedenfalls mit erstaunlicher Kraft. Speziell der Boom im Woh- nungsbau dürfte weitergehen, weil die Menschen auf der Suche nach werterhaltenden Kapitalan- lagen sind. Nach der schreckli- chen Zeit, in der die Banken und Versicherungen unsere Erspar- nisse in Lehman-Brothers-Zertifi- katen und griechischen Staats- papieren anlegten, fließt das Spargeld heute verstärkt wieder in „Betongold“. Fazit: Die Aussichten für Deutschland sind zwar ge- dämpft, aber im Vergleich zu vielen anderen Ländern, insbe- sondere in Europa, immer noch ordentlich. Der Drache spricht in Deutschland chinesisch.

Hans-Werner Sinn ist Präsi- dent des ifo Instituts und Ordinarius an der Ludwig-Maxi- milians-Universität in München.

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FOTOS: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/REA
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FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA (MONTAGE DMITRI BROIDO)

Unternehmen&Märkte

TV To tal

FERNSEHEN | Erst Computer, dann Smartphone, jetzt Fernseher: Web-Riesen wie Apple und Google wollen mit neuen Ideen einen weiteren Milliardenmarkt erobern. Doch diesmal ist die Konkurrenz besser vorbereitet. Gewinner ist der Zuschauer, dem ein völlig neues TV-Gefühl winkt.

W er rein will ins Fernsehen der Zukunft, muss erst ein- mal den Eingang finden. Alles ist verrammelt hier in Berlin-Pankow, blassgelbe

Klebebänder decken die Glasfront ab im Erdgeschoss des dreistöckigen Platten- baus an der Grabbeallee. Endlich öffnet sich eine Pforte, und drinnen wartet Con- rad Fritzsch. Der 42-Jährige – dunkle Hornbrille, schwarze Jeans, V-Pulli mit T-Shirt drunter – empfängt in dem kargen Bau, in dem zu DDR-Zeiten die Botschaft Australiens saß. „Ich glotze gerne, aber ir- gendwann hat mich das normale Pro- gramm nicht mehr interessiert“, kommt der tape.tv-Chef zur Sache. Fritzsch und Mitgründerin Stephanie Renner sind quasi Intendanten einer neu- en Fernsehanstalt, die ihre Sendungen ausschließlich im Internet ausstrahlt. Es gibt kein Programmschema mit festen An- fangszeiten: Wer www.tape.tv in den Rech- ner eingibt, klinkt sich ein in den alle sechs Stunden neu zusammengestellten Strom aus 20 Musikvideos. Wem ein Clip nicht ge- fällt, springt einen weiter oder startet einen neuen Stream entsprechend der aktuellen Stimmung: winterlich, müde oder verliebt. Wer mag, kann sich sein Programm selbst basteln: 45 000 Musikvideos sind abrufbe- reit. Ein Klick reicht, schon kommen die Bilder in einer Qualität auf den Monitor, die man sonst nur vom Fernsehen kennt. Tape.tv, eines von 1400 Web-Fernsehan- geboten in Deutschland, wird immer mehr zum richtigen Sender und baut neben den Videoclips eigene Sendungen ins Pro- gramm ein: Konzerte („Auf den Dächern“), Inter views, Talkrunden („6 Kurze, 6 Fra-

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gen“). Da tape.tv mit Partnern wie ZDFkul- tur, spiegel.de oder bild.de kooperiert, sticht der Kanal aus der Angebotsflut im Netz heraus. Innerhalb von drei Jahren schafften die Berliner nach jüngsten On- line-Erhebungen so den Sprung von 50 000 Nutzern im Monat auf bis zu vier Millionen Zuschauer zwischen 19 und 39 Jahren. Geht es nach Fritzsch, sollen es 2012 acht Millionen monatlich werden. Und den Bruttowerbeumsatz von 20 Millionen Euro 2011 will Fritzsch 2012 verdreifachen.

MOBIL, SOZIAL, ZU JEDER ZEIT

Tape.tv ist der Prototyp einer interaktiven TV-Station und Protagonist eines Trends, der der Medienwelt die radikalste Verän- derung seit der Entwicklung des Farbfern- sehers vor 40 Jahren bescheren wird und schon jetzt traditionellen Fernsehmachern weltweit Kopfschmerzen bereitet: Durch das Internet wird die Glotze mobil, sozial und ihre Inhalte zu jeder Zeit verfügbar. Auf der Consumer Electronics Show, die am 10. Januar in Las Vegas beginnt, stellen Hersteller wie Samsung, Philips und Sony eine neue Generation interaktiver Fernseh- geräte vor, auf denen Internet und TV zu ei- ner Einheit verschmelzen. Damit drängen auch Web-Giganten wie Apple und Google ins Fernsehgeschäft. Vor allem Apple will nach den Verkaufserfolgen des Musikab- spielers iPod, des internetfähigen Mobilte- lefons iPhone und des Tablet-Rechners iPad einen weiteren Coup landen und mit dem iTV einen weiteren Milliardenmarkt neu erfinden. Noch in diesem Jahr, wahr- scheinlich im Sommer, soll der erste intui- tiv zu bedienende Apple-Fernseher auf den Markt kommen. Sollte es Apple gelingen, »

auf den Markt kommen. Sollte es Apple gelingen, » Neue Fernsehwelt Der Anschluss ans Internet bringt

Neue Fernsehwelt

Der Anschluss ans Internet bringt die etablierten TV-Spieler in Bedrängnis.

Spezielle Web-TV-Programme wie tape.tv anklicken, Sendungen von ARD, ZDF & Co. zeitversetzt anschauen und sich zwischendurch in sozialen Netz- werken austauschen: All dies führt zu

einer Neuordnung des TV-Marktes, in

dem Web-Riesen wie Google und Apple eine viel stärkere Rolle übernehmen.

PROGRAMMDIREKTOR GOOGLE

Gemeinsam im Kreis der Familie um 20 Uhr die „Tagesschau“ angucken – die Fernseh- sender verlieren ihr Privileg, mit einem festen Programmschema den Alltag der Zuschauer zu bestimmen.

Der Zuschauer wählt künftig selbst je

nach Stimmungslage und Zeitbudget eine geeignete Sendung aus und vertraut darauf, dass Suchmaschinen wie Google ihm aus einer kaum noch überblickenden Zahl von Programmen das Gewünschte herauspicken.

ENTMACHTETE NETZBETREIBER

Bisher entschieden die Deutsche Telekom oder Kabel Deutschland, welche TV- Programme sie in ihre Netze einspeisen. Mit der Verbreitung von superschnellen Verbindungen im Festnetz und Mobilfunk lässt sich Fernsehen auch direkt über das Internet übertragen. IT-Dienstleister sorgen mit riesigen Rechnerparks dafür, dass auch große Datenpakete wie Live-Bilder von der Fuß- ball-Bundesliga ohne Ruckeln auf Com- puter- oder Fernsehschirmen ankommen.

GERÄTEHERSTELLER IN ZUGZWANG

Bisher zappen die Zuschauer mit der Fernbedienung durch die Programme.

Künftig übernehmen Betriebssysteme wie Googles Android und Apples iOS auch

das Kommando über den Fernseher. Die auf den Smartphones so populären Apps tauchen auch auf dem Bildschirm auf und führen die bisher strikt getrennten Computer- und TV-Welten zusammen. Statt mit der Fernbedienung steuert der Zu- schauer Programme mit seiner Stimme oder durch Körperbewegungen an.

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FOTO: WEB-TV/ANDREAS MÜHE

Unternehmen&Märkte

FOTO: WEB-TV/ANDREAS MÜHE Unternehmen & Märkte » seine Fangemeinde für das neue iTV zu begeistern, könnte

» seine Fangemeinde für das neue iTV zu begeistern, könnte eine völlig neue Fern- sehwelt entstehen, die nicht von Landes- medienanstalten, sondern vom kaliforni- schen Silicon Valley aus kontrolliert wird. Doch diesmal ist der Gegenwind stärker als bei Apples früheren Erdrutsch-Erfol- gen. So gründen sich in einer Art Graswur- zelbewegung viele Hundert Web-TV-An- bieter und wirbeln schon jetzt die deutsche Fernsehlandschaft durcheinander. Auch die etablierten Sender drängen mit immer mehr Macht ins Netz, neue Player sind im Anmarsch. So ungewiss der Ausgang im Kampf um die Herrschaft über die Fernbe- dienung ist, so sicher ist der Zuschauer der Gewinner: Ihm winkt ein völlig neues TV- Gefühl mit weit mehr Freiheiten bei der Programmauswahl.

RUCKELN UND KOPFSCHMERZEN

Die schöne neue Internet-Welt, in der Fernsehen und Computer verschmelzen, propagieren Softwaregiganten und Her- steller seit Jahren. Doch bis vor Kurzem sah es noch so aus, als schlügen alle Versuche fehl. Fernsehen auf dem PC setzte sich nicht durch, weil die Bewegtbilder so stark

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Programme selbst zusammenstellen Gründer Fritzsch und Aufsichtsratschef Lars Dittrich bauen tape.tv zum richtigen Musiksender im Internet aus

ruckelten, dass Zuschauer Kopfschmerzen bekamen. Umgekehrt war das Surfen auf den ersten Internet-Fernsehern so kompli- ziert, dass sich nur Computerspezialisten die teuren Alleskönner zulegten. Heute ist ein Großteil dieser Kinder- krankheiten über wunden. „Tator t“ erst um halb neun statt um 20.15 Uhr? Zeitversetz- tes Fernsehen mit freundlicher Unterstüt- zung eines Festplattenrekorders gehört in vielen Haushalten zum Standard. Mit dem Ausbau superschneller Mobilfunknetze mausern sich auch Smartphones, Tablet- PCs und Netbooks zum mobilen TV-Gerät. Anstelle klassischer Speichermedien wie der DVD kommt der für Bewegtbilder er- forderliche Megabit-Strom einfach aus dem Internet. Wie selbstverständlich wäh- len Apple-Kunden die „Tagesschau“-App, um sich auf iPhone oder iPad Nachrichten anzuschauen. Neben kurzen Clips auf dem Video-Por- tal YouTube schauen immer mehr Jugend-

liche auch komplette Serien und Spielfilme auf ihrem mobilen Minicomputer online an. Dabei tauschen sie sich zunehmend mit Freunden aus. Soziale Netzwerke wie Facebook und Kurznachrichtendienste wie Twitter lassen sich parallel dazuschalten. Die jüngste Generation von TV-Geräten bietet die Möglichkeit an, den Bildschirm zu teilen: Links der „Tator t“, rechts die Kommentare der Facebook-Gemeinde.

DRUCK AUF GESCHÄFTSMODELLE

Mit all diesen Durchbrüchen geraten plötzlich sämtliche Glieder der jahrzehnte- lang gültigen Wertschöpfungskette im Fernsehgeschäft unter ungeheuren Druck, sich und ihre Geschäftsmodelle an völlig neue Bedingungen anzupassen:

n Obwohl der TV-Konsum pro Bundesbür- ger bei durchschnittlich mehr als 220 Mi- nuten am Tag liegt, droht privaten wie öffentlich-rechtlichen TV-Sendern ein Schwund bei den Einschaltquoten, weil immer mehr Jugendliche auf die zeit- und ortsunabhängig verbreiteten Programme spezialisierter Web-TV-Anbieter umstei- gen. Werbefinanzierte Sender wie RTL und ProSieben müssen ihr Geschäftsmodell ins

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Netz verlängern. Denn auch Werbekunden haben die Macht des bewegten Bildes im Netz erkannt und folgen den Zuschauern dorthin. n Satelliten- und Kabelbetreiber verlieren ihre Ausnahmestellung als Transporteure exklusiver Fernsehsignale, weil alle TV- Sender ihre Programme auch direkt ins In- ternet einspeisen. Dank höherer Bandbrei- ten im Mobilfunk und Festnetz von künftig 50 Megabit und mehr kommen diese Sig- nale in hoher Qualität beim Kunden an – erst recht, wenn IT-Dienstleister den rei- bungslosen Transport der Bits mit festen Qualitätszusagen garantieren. n Hersteller von TV-Geräten müssen sich mehr Softwareexpertise aneignen, damit sie nicht zu leicht austauschbaren Kisten- schraubern degenerieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Partner- schaft mit Inhalte- und Web-Anbietern be- kannt gegeben wird. Hersteller wie Sam- sung, Philips und Sony buhlen mit eigenen Exklusiv-Inhalten um Kunden. Der simple Grund: „Wir können mit traditionellen Fernsehern kein Geld mehr verdienen“,

sagt Sony-Chef Howard Stringer, „wir brau- chen etwas grundlegend Neues.“ Denn das neue vernetzte Fernsehen kommt aus der Cloud, der „Wolke“. Soll heißen: Wie Bücher und Musik-CDs wer- den nun auch Vi- deos und Fernseh-

sendungen in Re- chenzentren welt- weit hinterlegt, da- mit sie dort jederzeit von jedem internet- fähigen Gerät abge-

rufen werden kön- nen. Die Kunst da- bei ist, sie auffindbar zu machen, Inhalte legal zu senden und damit Geld zu verdienen. Suchkonzerne wie Google, Videoportale wie YouTube und Hulu, Bezahldienste wie Apples iTunes, Hersteller von TV-Geräten wie Samsung und soziale Netzwerke wie Face- book arbeiten daran. Jeder von ihnen will sich aufschwingen zum Torwächter eines globalen Fernseh- programms und das TV-Geschäft praktisch zu einem riesigen tape.tv machen: Über Empfehlungen von Freunden oder mehr oder minder subtil gesteuert von geschickt gestrickten Algorithmen à la Amazon („Kunden, die dieses Produkt gekauft ha-

ben “) sucht sich der Zuschauer sein Pro- gramm zusammen, wann und wo er will. Die Bindung an TV-Sender löst sich auf.

„Bislang war Fernsehen wie eine Verabre- dung“, sagt der mehrfach ausgezeichnete US-Drehbuchautor David Simon, „heute funktioniert es wie eine Leihbücherei.“ Bis 2020, prophezeit Thomas Künstner, Medienexperte bei der Beratung Booz, werden die Zuschauer nur noch 50 Prozent der Sendungen in der vom Sender geplan- ten Reihenfolge anschauen. Durch das Zu- sammenwachsen mit dem Internet löst sich das Fernsehen von Ort und Zeit. Wie das neue Fernsehen am Ende ausse- hen wird und wer es wie nutzen darf, das wollen zu einem Gutteil Apple, Google, Amazon, Sony und Microsoft bestimmen. Sie greifen damit die etablierten Sender wie ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat.1 an. Da- mit kollidieren nun nationale Regeln und Gesetze, die etwa den Privatsendern feste Werbezeiten auferlegen, mit dem kaum re- gulierten Web. „Vor zehn Jahren bestand die Konkurrenz der TV-Sender aus anderen TV-Sendern. Heute kommen ganz andere Kaliber dazu“, sagt Michael Loeb, Chef der WDR-Werbetochter WDR Mediagroup.

ANGREIFER AUS KALIFORNIEN

Besonders Apple und Google haben alle

Bausteine für ein globales Fernsehimperi- um nach neuem Zuschnitt beisammen. Betriebssysteme wie Apples iOS und Goo- gles Android sollen die wichtigste

Schaltzentrale auf internetfähigen TV- Geräten werden und so ihren Ein- fluss auf die Pro- grammauswahl ver-

größern. Beide Un- ternehmen verfü- gen über das Know- how, Hardware und Software perfekt aufei- nander abzustimmen und so zu synchroni- sieren, dass TV-Sendungen auf jedem Ge- rät abrufbar sind. Denn müssen sich TV-Kanäle normaler- weise erst mühsam ein Publikum aufbau- en, sitzt das bei Apple und Google längst vor dem Schirm: Apple hat über seinen iTunes-Store weltweit Zugang zu 250 Mil- lionen Kunden inklusive deren Kreditkar- ten-Daten. Und die Google-Videoplatt- form YouTube besuchen monatlich welt- weit mehr als eine halbe Milliarde Nutzer. Die deutschen TV-Platzhirsche könnten ein Gegengewicht bilden, schließlich ver- fügen sie mit Sendungen wie „Deutsch- land sucht den Superstar“ und „Tator t“

über quotenträchtige Inhalte. Doch die »

Apple und Google wollen To rw ächter eines globalen TV- Programms werden
Apple und Google
wollen To rw ächter
eines globalen TV-
Programms werden

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

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FOTO: STUDIO X/POLARIS

Unternehmen&Märkte

FOTO: STUDIO X/POLARIS Unternehmen & Märkte » bisher vorgestellten Internet-Plattfor- men wie „Germany’s

» bisher vorgestellten Internet-Plattfor- men wie „Germany’s Gold“ (Arbeitstitel) von ARD und ZDF oder das Konkurrenz- projekt „Amazonas“ von RTL und ProSie- benSat.1 hängen mit unterschiedlichen Realisierungschancen beim Kartellamt fest, das ein Oligopol verhindern will. Hinter den Kulissen bearbeiten beide Seiten die Medienpolitik. Bekommen sie irgendwann grünes Licht, müssen sie aller- dings damit rechnen, dass sich viele Zu- schauer in der Zwischenzeit an andere neue Web-Angebote gewöhnt haben. Wie selbstbewusst sich US-Anbieter ge- genüber europäischen Partnern geben, er- lebten vor zwei Jahren Vertreter des öffent- lich-rechtlichen WDR in Kalifornien. Auf dem Programm standen auch Termine bei Google und Facebook. Dem Vernehmen nach verliefen die Treffen recht einseitig:

So fertigten bei Facebook zwei Mittzwanzi- ger die Gruppe ab. Wie bitte, ein Treffen mit Gründer Mark Zuckerberg? „Who are you? Dabbelju-Di-What?“ Nach dieser ernüchternden Erfahrung basteln die Sender ARD und ZDF mit Film- und Fernsehproduzenten besonders moti- viert an „Germany’s Gold“ – und an dem Aufbau der technischen Infrastruktur:

Nach außen hin stehen die öffentlich-

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Geniestreich für den Fernseher Apple- Gründer Jobs entwickelte kurz vor seinem Tod ein revolutionäres Bedienkon zept für den Milliardenmarkt TV

rechtlichen Fernsehanstalten zwar weiter zur Netzneutralität, also der gleichberech- tigten Übertragung aller Bits und Bytes im Internet. Doch hinter den Kulissen schaf- fen sie längst Fakten. Verträge mit IT- Dienstleistern wie Akamai (mit der ARD) und Nacamar (mit 3Sat) sorgen dafür, dass auch im Web die TV-Signale über lokale Rechenzentren in hoher Qualität beim Zu- schauer ankommen. Ein im Frühjahr 2011 durchgeführter Test der unabhängigen Be- ratung ip-label ergab, dass der Abruf von Sendungen aus den Mediatheken von ARD, ZDF, NDR und ProSieben zu 99,5 und mehr Prozent klappt.

Immer mehr TV- Sender speisen ihre Programme direkt ins Internet ein
Immer mehr TV-
Sender speisen ihre
Programme direkt
ins Internet ein

Antrieb ist die Einsicht, dass TV-Sender mit eigenen Angeboten im Netz sein müs- sen, weil Angebote wie das geplante Goo- gle TV sowohl legale als auch illegale Ange- bote in einer App auf dem Fernsehschirm auffindbar machen – und rund um die Su- chergebnisse Anzeigenraum verkaufen werden. Ernsthaft wehren, das sehen viele Experten so, können sich die Sender nicht. Sie können nur versuchen, die Zuschauer daran zu gewöhnen, die teuer produzier- ten TV-Inhalte legal zu beziehen. Das Zeitfenster dafür, schwant nicht nur WDR-Mann Loeb, „ist nicht sehr groß“. Man werde sich in den kommenden an- derthalb Jahren positionieren müssen. „Danach ist der Markt so aufgeteilt, dass es schwierig wird.“ Daher stößt der Google- Vorstoß auch bei den Privatsendern auf wenig Gegenliebe.

WER KASSIERT DIE MILLIONEN?

Im Kölner Stadtteil Deutz sitzt in den Rheinhallen im neuen RTL-Hauptquartier Marc Schröder. Der ehemalige Telekom- Manager, lila Pulli, lila Hemd, kümmert sich um die Digitalgeschäfte des Platzhir- schen unter den deutschen Privatsendern wie die Mediathek RTLnow oder die Video- Community Clipfish. Googles Ambitio- »

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Unternehmen&Märkte

Mehr Vielfalt im Netz

Web-TV-Angebote in Deutschland

Angebotstypen Web-TV-Sender (nur im Internet) Submarken klassischer Print- und Radio-Medien Submarken klassischer

Angebotstypen

Web-TV-Sender (nur im Internet)

Submarken klassischer Print- und Radio-Medien

Submarken klassischer TV-Medien

Corporate Video/Videoshopping

Nicht kommerzielle Web-TV-Sender

Mediatheken/Videocenter

Video-Sharing-Plattformen

TV in Kommunikationsportalen

Anteil (in Prozent) 1

Sender (Auswahl)

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1 gerundet; Quelle: Goldmedia, BLM Web-TV-Monitor 2011

1 gerundet; Quelle : Goldmedia , BLM Web-TV-Monitor 2011

» nen sieht er skeptisch: „Wir könnten uns sicher nicht mit Zugangsbarrieren und ei- nem zentralistischen Türsteher anfreun- den.“ Denn Google wacht dann darüber, welche Programme den Zuschauern ange- priesen werden. Der Knackpunkt ist schlicht, dass Google wie auch die Privatsender ihr Geschäfts- modell auf Werbeeinnahmen aufbauen. Der Zug vieler Werbekunden geht tatsäch- lich ins Netz, doch an wen zahlen sie am Ende ihre Reklame-Millionen: An den, der die attraktiven Inhalte produzieren lässt und bezahlt? Oder an den, der sie im Netz auffindbar macht?

UNFAIRE KONKURRENZ?

In einem Brief an seine Ex-Kollegen hat Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber, der jetzt Vorsitzender des ProSie- benSat.1-Beirates ist und als Privat-TV- Lobbyist reüssiert, ein Droh-Szenario an die Wand gemalt: „Die globalen Internet- Giganten wie Apple, Google und Facebook setzen alles daran, in den deutschen Fern- sehmarkt einzubrechen und sich einen großen Teil der Werbeumsätze zu sichern.“ Dabei unterliegen sie nicht den gleichen Beschränkungen etwa der Werbezeiten auf maximal zwölf Minuten pro Stunde. Privat- sender und Netz-Konkurrenz, so Stoiber, begegneten einander „nicht auf einem le- vel playing field“, sprich: unter den glei- chen Voraussetzungen. Entsprechend zurückhaltend gibt sich RTL-Mann Schröder: „Wir erreichen heute jeden deutschen Haushalt, und lineares Fernsehen ist nach wie vor weiter hoch at- traktiv – was sollte uns Google da an Mehr-

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wert bringen?“ Der Suchgigant müsse be- lastbare Geschäftsmodelle für eine Zusam- menarbeit aufzeigen, die auch für Zuschau- er und Werbekunden von Vorteil seien. Interessanter für die Sender sind dage- gen die Ambitionen von Apple. Der Unter- haltungselektronikkonzern will den Markt mit einem iTV aufmischen, und das allem Anschein nach bereits ab Mitte 2012. Größter Reiz des Apple-Fernsehers: gu- tes Design und eine elegante Bedienung, mit der jeder umgehen kann. „Ich habe das Problem geknackt“, verriet der im Oktober an Krebs verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs seinem Biografen Walter Isaacson. Damit könnte Jobs’ Traum Realität werden, nach PC, MP3-Spieler und Smartphone auch den Fernseher zu revolutionieren. Zu den Neuerungen gehört, dass das Ge- rät auf die Stimme und Bewegungen des Nutzers reagiert. Wichtige Komponenten wie Chips und Bildschirme soll Apple be- reits bei Samsung aus Korea sowie beim ja- panischen Hersteller Sharp bestellt haben. Google hat sich für sein TV-Projekt eben- falls mit Samsung verbündet, dem größten High-Tech-Konzern der Welt : Der gemein- sam konzipierte Fernseher, der auf dem bei

Smartphones werden bald die traditionelle Fern- bedienung ersetzen
Smartphones
werden bald die
traditionelle Fern-
bedienung ersetzen

Smartphones erfolgreichen Betriebssys- tem Android aufbaut, werde „besser und anders sein als die Vorläufer von Logitech und Sony“, verspricht Yoon Boo-keun, Chef der Fernsehsparte der Südkoreaner. Das Gerät wird nicht nur gegen Apple, sondern auch gegen eine neue Fernsehergenerati- on von Sony antreten. Zugleich rüstet auch noch Microsoft sei- ne Spielkonsole X-Box in Richtung TV auf. Eine bessere Video-Suchmaschine soll In- halte aus dem Internet schneller auf den Schirm bringen. Dafür kaufte der Software- konzern jüngst die Video-Suchmaschine VideoSurf. Apple, Google, Samsung, Sony und Mi- crosoft haben den strategischen Vorteil, dass sie selbst Smartphones herstellen, de- ren Betriebssystem kontrollieren oder gar beides in der Hand haben. Die Smart- phones, so der Plan, werden künftig die tra- ditionelle Fernbedienung ersetzen. Denn diese ist dem Programmangebot nicht mehr gewachsen. Smartphones, die den Geschmack ihrer Eigentümer kennen und auf Fingerdruck und Sprache reagieren, könnten leichter durch das Programm füh- ren und zugleich ein Feedback über die Sendungen an die Anbieter schicken.

TEILEN MIT FREUNDEN

Die Zuschauer wiederum können ihre Sehgewohnheiten und Vorlieben auf sozia- len Netzwerken wie Facebook, Google+ oder Twitter mitteilen. Yahoo hat das Start- up IntoNow erworben, über dessen iPod- und iPad-App Nutzer via Aufnahme des Fernsehtons und dessen Abgleich identifi- zieren können, welches Programm sie ge- rade anschauen, um es so ihren Freunden mitzuteilen. Interessant ist das auch für die Werbebranche. So ließe sich nachweisen, dass bestimmte Programme oder Werbe- spots auch tatsächlich geschaut werden. Auf den TV-Markt drängen mit zuneh- mendem Erfolg auch viele wild wachsende junge Web-Angebote (siehe Kasten Seite 54). Selbst Portale, die schlicht alle Pro- gramme der klassischen TV-Sender live ins Internet holen, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Eine Million Nutzer meldet et- wa das Schweizer Startup Zattoo, das auf seiner Web-Seite mit Erlaubnis der Sender bis auf die Programme von RTL und der ProSiebenSat.1-Gruppe alle deutschen Sender kostenlos und legal ausstrahlt. Beim Klicken von einem Programm ins andere müssen sich die Zuschauer eine kurze Werbeeinblendung gefallen lassen. Wer auf den Werbeblock verzichten will, »

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Unternehmen&Märkte

Bewegtbild legt zu

Nutzung von Videoanwendungen im Internet (2006 bis 2011, in Prozent) 1 Videozuschauer insgesamt Videoportale
Nutzung von Videoanwendungen im
Internet (2006 bis 2011, in Prozent) 1
Videozuschauer insgesamt
Videoportale
Live-Fernsehen
TV/Videos zeitversetzt
Videopodcasts
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60
50
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20
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0
2006 2007
2008 2009
2010
2011
1 zumindest gelegentlich;
Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudien, Goldmedia

» zahlt monatlich 3,99 Euro. „2011 hat sich die Zahl der registrierten Nutzer verdop- pelt“, sagt der für Deutschland zuständige Zattoo-Manager Jörg Meyer.

KNACKPUNKT INHALTE

Wer beim Fernsehen der Zukunft am Ende den größten Erfolg hat – ob Apple, Google oder klassische Sender –, entscheidet sich nicht allein über die elegante Benutzer- oberfläche, sondern auch über attraktive und bezahlbare Inhalte. Bislang galt hier der US-Anbieter Netflix als Vorbild. Dessen Chef Reed Hastings baute den ehemaligen Leih-DVD-Versender aus dem Silicon Val- ley dank geschickter Verträge mit Holly- wood-Studios zu einer Internet-Abspiel- station um. Die Netflix-Software ist in alle modernen Fernsehgeräte sowie Set-Top- Boxen integriert. Mit einer monatlichen Flatrate von acht Dollar gewann Hastings in den USA fast 25 Millionen Kunden. Doch nun wollen die Filmstudios, denen auch dank Netflix die Erträge aus den Kauf- DVDs wegbrechen, Internet-Abspielkanäle stärker zur Kasse bitten. Ein Ausweg für diese könnten eigene Inhalte sein. Netflix hat dazu Regisseur David Fincher ange- heuert, dessen 26-teilige Serie „House of Cards“ mit Oscar-Gewinner Kevin Spacey exklusiv für die Abonnenten des Internet- Fernsehens ausgestrahlt werden soll. Die Amerikaner wollen nun ihren Euro- pa-Sitz in Luxemburg aufschlagen. Erste Brückenköpfe werden England und Irland sein. Danach, so ist zu erwarten, will Netflix nach Deutschland kommen, um auf ein und demselben TV-Gerät aufzutauchen wie ARD, RTL – und auch tape.tv. n

peter.steinkirchner@wiwo.de, juergen.berke@wiwo.de, matthias.hohensee | Silicon Valley

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WEB-TV-ANBIETER

Zappen per App

Rund 1400 Web-TV-Anbieter senden

bereits in Deutschland. Viele sind

Nischenanbieter, die jenseits der

Wahrnehmungsgrenze arbeiten.

Doch einige Angebote ragen aus

der Masse heraus:

TAPE.TV

Das Berliner Startup strahlt fortlaufend

Videoclips der Musikindustrie aus, baut aber inzwischen auch eigene Sendungen wie Live-Konzerte und Talkrunden ins Programm ein. Die Musikclips lassen sich nach Stimmungslage und Genre zusam- menstellen. Kurze Werbeunterbrechung nach jedem dritten Song.

Zuschauer im Oktober 2011*

knapp 1,4 Millionen Plus 35 Prozent

LIVETV

Kostenlose Web-Seite für Live-Übertra- gungen von Sportereignissen aus aller Welt. LiveTV stellt Links zu ausländischen Internet-Seiten her, die beispielsweise Fußballspiele der spanischen oder briti- schen Liga zeigen, die in Deutschland normalerweise nur für Abonnenten des Bezahlsenders Sky zu empfangen sind.

Zuschauer im Oktober 2011*

663 000

Plus 129 Prozent

SEVENLOAD

Die Tochtergesellschaf t des Burda-Ver- lags bietet neben dem Herunterladen von Videos auch kostenfreies Premium-TV. Neben offiziellen Musikvideos können auch interaktive Web-TV-Sendungen der britischen BBC, des Wissenschaftssen- ders National Geographic, der Deutschen Welle und des Männer-Senders DMAX angeschaut werden.

Zuschauer im Oktober 2011*

503 000

Minus 26 Prozent

ZATTOO.DE

Das Schweizer Startup verbreitet 50 TV- Sender, darunter ARD und ZDF sowie diverse Digitalkanäle über das Internet. Ein virtueller Programmführer liefert Informationen über laufende und künftige Sendungen. Bei jeden Programmwechsel blendet Zattoo einen kurzen Werbespot ein. Gegen eine Monatsgebühr können Zuschauer Programme in höherer Auflösung empfangen oder zusätzliche Auslandsprogramme dazubuchen.

Zuschauer im Oktober 2011*

193 000

Plus 33 Prozent

SENDUNGVERPASST.DE

Kostenlose Suchmaschine nach Filmen, Serien und Nachrichten der größten deutschen TV-Sender, darunter ARD, ZDF, Pro7, Sat.1 und RTL. Nach Eingabe eines Suchbegriffs lassen sich viele Sendungen finden, die in den vergange- nen sieben Tagen ausgestrahlt wurden.

Zuschauer im Oktober 2011*

171 000

Plus 50 Prozent

Interessante Newcomer

TV-STREAM.TO

Sehr unkompliziert und kostenlos lassen sich neben 18 deutschsprachigen TV- Sendern auch Programme aus Österreich (ORF) und der Schweiz (SRF) anschauen. Eine Übersicht zeigt die laufenden Sendungen. Für Musikliebhaber beson- ders interessant ist der normalerweise kostenpflichtige Musikkanal MTV, den es hier in einer Gratisversion gibt. Es liegen noch keine Zuschauerzahlen vor.

QTOM.DE

Das Hamburger Startup sendet Musik- videoclips für jeden Geschmack. Über einen Regler lassen sich Stilrichtungen von Hardrock über Hip-Hop bis Klassik leicht einstellen. Es liegen noch keine Zu- schauerzahlen vor.

juergen.berke@wiwo.de

* Zuschauerzahlen aller Anbieter laut Nielsen-Netview im Oktober 2011, Wachs- tumszahlen im Vergleich zu Oktober 2010

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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FOTOS: REUTERS/KIM KYUNG-HOON, PICTURE-ALLIANCE/DPA

Unternehmen&Märkte

Wieder Freude am Fahren To yota-Chef To yoda präsentier t den Sportwagen GT-86 – und
Wieder Freude am Fahren
To yota-Chef To yoda präsentier t
den Sportwagen GT-86 –
und plant ein Rekordjahr

Spaß am Überholen

AUTOINDUSTRIE | Durch zwei Naturkatastrophen sind Japans Automobilhersteller ins Hintertreffen geraten. Doch 2012 wird das Jahr der Aufholjagd.

E igentlich klingt der Werbespruch ja ein wenig abgegriffen. „Nichts ist un- möglich“, trommelt Toyota seit Jahren

auf allen Kanälen auf seine deutschen Kunden ein. Doch der Slogan war nie so aktuell wie heute. Denn nichts passt besser zu den ehrgeizigen Absatzplänen, die sich Japans größter Konzern für 2012 vorgenommen hat. 8,48 Millionen Fahrzeuge will der Au- tobauer in diesem Jahr verkaufen. Das ist nicht nur ein Fünftel mehr als 2011, son- dern zugleich so viel wie noch nie. Würden die Kleinwagen-Tochter Daihatsu und der Nutzfahrzeug-Ableger Hino im gleichen Maß zulegen, käme die Toyota-Gruppe 2012 auf einen Absatz von rund 9,5 Millio- nen Stück. Damit spränge Nippons Parade- konzern vom derzeitigen dritten Platz hin- ter General Motors und Volkswagen zu- rück auf den Spitzenplatz unter den welt-

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größten Autobauern, der 2011 an den deut- schen und den amerikanischen Wettbe- werber verloren ging.

HORRORJAHR ABGEHAKT

Mit seinem Signal zum Angriff steht Toyota in seiner Heimat nicht allein. Nach dem Horrorjahr 2011 mit riesigen Produktions- ausfällen durch das Erdbeben in Japan und die Überflutungen in Thailand wollen Nip- pons Autobauer 2012 zum Jahr des Come- backs machen. Die Japaner seien eben nicht zu unterschätzen, meint Autospezia- list Martin Tonko von der Japan-Niederlas- sung der Unternehmensberatung Roland Berger: „Sie sehen nicht einfach zu, wie ih- re Marktposition schwindet.“ Nicht nur die Produktion läuft bei fast al- len Herstellern bereits wieder rund. Auch die Gewinne sollen, trotz des starken Yen, wieder kräftig steigen. Dafür sollen Kosten-

senkungsprogramme, Produktionsverlage- rungen sowie neue Management- und Fer- tigungsmethoden sorgen. Die Aussichten, dass die Strategie Erfolg hat, stehen nicht schlecht. Bei ihrer geplan- ten Wiederauferstehung spielen den Her- stellern aus Japan veränderte Trends auf ihren wichtigsten Märkten in die Hände. Und die schwache Position in bestimmten Regionen erweist sich als Segen, weil in diesem Jahr ausgerechnet dort die Auto- nachfrage zurückgehen dürfte: Europa schlittert in eine konjunkturelle Abkühlung und zittert vor den möglichen negativen Auswirkungen auf die Kauflust. Zwischen Algarve und Ägäis haben die Japaner nur geringe Marktanteile. In China, dem größ- ten Automarkt der Welt, wird ein geringe- res Wachstum vorhergesagt. Dort fahren Japans Autobauer mit Ausnahme von Nis- san in großem Abstand den Platzhirschen General Motors und Volkswagen hinterher. Im Gegenzug kann Nippons PS-Branche hoffen, dass ihre traditionellen Domänen – vor allem die Märkte in Nordamerika und im heimatlichen Japan – 2012 zulegen. Schon im November konnte Toyota erst- mals seit einem Jahr in den USA wieder mehr Autos verkaufen. Nissan verzeichne- te ein Plus von 19 Prozent. Damit dürften

Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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die Japaner ihre verlorenen Marktanteile in den USA mindestens teilweise zurückge- winnen. In den USA wurden 2011 etwa 12,8 Millionen Autos und damit zehn Prozent mehr als im Vorjahr verkauft. Trotzdem ist noch Luft nach oben, da dies immer noch ein Viertel oder rund vier Millionen Einhei- ten weniger Fahrzeuge als 2005 war. Ana- lysten der Auto-Web-Seite Edmunds.com rechnen 2012 mit einem weiteren Anstieg um sechs Prozent auf 13,6 Millionen. Im eigenen Land haben Toyota und Co. einen Helfer, auf den sie sich verlassen können: den Staat. Der haucht der Nach- frage nach neuen Karossen 2012 neues Le- ben ein. Nach dem Auslaufen der Kaufan- reize für Ökofahrzeuge mit Hybrid- und Elektromotor im September 2010, brach der Absatz kräftig ein. Aus Angst vor einer Abwanderung der Autobauer ins Ausland werden die Subventionen jetzt wieder ein- geführt sowie steuerliche Nachlässe für sparsame Fahrzeuge verlängert. Der Präsi- dent der japanischen Automobilvereini- gung JAMA, Nissan-Vorstand Toshiyuki Shiga, rechnet daher mit einer Absatzstei- gerung für 2012 um 900 000 Fahrzeuge. Das wäre ein Zuwachs von 21 Prozent gegen- über den 4,25 Millionen Verkäufen in 2011. Allein für Marktführer Toyota, der die Hälf- te des Absatzes auf sich vereinigt, wären dies eine knappe halbe Million verkaufte Autos mehr. Doch Japans Autobranche will auch aus eigener Kraft auf die vertraute Überholspur zurückkehren. Bei ihrer Heimatmesse, der Tokio Motor Show Anfang Dezember, fie- len die Hersteller mit einer Neubetonung des Sportlichen sowohl im Design als auch in der Modellpalette auf. Für den Toyota- Sportwagen GT-86 wurde sogar der drei Jahrzehnte alte Werbeslogan „It’s fun to drive“ entstaubt und mit dem Zusatz „again“ aufgefrischt. Zugleich beeindruckten Japans Auto- bauer durch Innovationskraft. Honda etwa erweckte die Ingenieure aus ihrem jahre- langen Dornröschenschlaf und besann sich auf seine Stärke in der Motorenent- wicklung. Immerhin ist der Konzern mit ei- ner Jahresproduktion von mehr als 20 Mil- lionen Exemplaren der weltgrößte Produ- zent von Verbrennungsmotoren. Mit einer neuen Motorengeneration namens „Earth Dream“ will Honda bis 2014 in jeder Hub- raumklasse die Motoren mit dem niedrigs- ten Verbrauch bauen. Eigens für Europa wurde ein superleichter 1,6-Liter-Diesel- motor entwickelt. Auch Mazda und Nissan haben eine neue eigene Generation spar-

WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2

eigene Generation spar- WirtschaftsWoche 9.1.2012 Nr. 1/2 Ende des Stillstands Japans Autobauer ha ke n Ts

Ende des Stillstands Japans Autobauer ha ke n Ts unami-Krise ab

samer Motoren entwickelt. Kleinwagen- spezialist Daihatsu arbeitet an einem Zwei- zylinder-Turbomotor mit Direkteinsprit- zung. Das Aggregat soll nur knapp drei Li- ter auf 100 Kilometer verbrauchen.

AUFLADEN AN DER STECKDOSE

Und bei Hybridantrieben, die mit einem Verbrennungs- und einem Elektromotor arbeiten, strengen sich die Japaner an, ih- ren technischen Vorsprung zu halten. Toyota baut seinen Hybrid-Bestseller Prius zu einer Modellfamilie aus und entwickelte dafür einen kleineren und leichteren Hy- bridmotor. Dieser kompakte Prius C ver- braucht nach japanischer Norm nur 2,9 Li- ter Benzin auf 100 Kilometer und kostet im Land umgerechnet 17 000 Euro. Mit dem Plug-in-Prius, dessen Akkus sich an der Steckdose aufladen lassen, verfügt Toyota über ein Modell, das wie geschaffen für den allmählichen Übergang vom Benzin- und Diesel- zum Elektrozeitalter scheint. Außerdem preschen die drei großen Her- steller mit Elektroautos vor, die sich in intelligente Stromnetze integrieren lassen. Lange Zeit haben deutsche Hersteller die Hybridtechnik belächelt. Doch in Japan

hatte 2011 schon jeder zehnte Neuwagen einen kombinierten Benzin-Elektro-Motor unter der Haube. Diese Doppelmotortech- nik werde sicher wieder verschwinden, meint Auto-Analyst Philipp Radtke von der Unternehmensberatung McKinsey in Ja- pan: „Aber der Zwischenraum von 20 bis 40 Jahren ist lang genug, dass Hybridfahr- zeuge einen relevanten Teil am Verkauf ausmachen.“ Eine Studie von McKinsey sagt der Hybridtechnik im kommenden Jahrzehnt 20 bis 30 Prozent Marktanteil vorher. BMW-Vertriebsvorstand Ian Ro- bertson rechnet sogar damit, dass in zehn Jahren die Hälfte aller Neuwagen einen Hy- bridmotor haben wird. Toyota bleibt hier bisher weltweit das Maß der Dinge. Getrübt wird der Optimismus für 2012 nur durch den starken Yen, der die in Japan produzierten Fahrzeuge im Ausland teuer macht. „Es gibt praktisch keine Profitabili- tät für die Ausfuhr von Autos aus Japan“, klagt Nissan-Chef Carlos Ghosn. Um 40 Prozent hat die japanische Devise seit der Finanzkrise zugelegt und einen Großteil der Gewinne aufgefressen, während deut- sche und koreanische Konkurrenten dank ihrer Weichwährungen Euro und Won Re- korderträge verzeichnen. „Bei den jetzigen Wechselkursen ist der Yen eine zu massive Einschränkung, um von einem großen Comeback der Japaner zu reden“, warnt McKinsey-Berater Radtke. Jedoch steuern die Hersteller so massiv gegen den Yen wie noch nie, insbesondere durch mehr Produktion im Ausland. Als erster japanischer Hersteller ging Nissan dazu über, Autos für den Verkauf in Japan in der Fremde zu fertigen. Honda will den Anteil der in Japan hergestellten Fahrzeu- ge, die in den Export gehen, von zuletzt 26 Prozent auf 10 bis 20 Prozent verringern. »

Autonation Japan

Die zehn größten Autohersteller der Welt

 

Verkaufte Autos (2010, in Millionen Stück) 1

Börsenwert (in Milliarden Euro) 2

Umsatz (2010, in Milliarden Euro)

Toyota

7,3

88,9

168,1 3

Volkswagen

7,1

51,4

126,9

General Motors

6,3

24,5

102,4

Hyundai Honda Nissan Ford Suzuki Renault PSA Peugeot Citroën 2,5 2,4 3,6 5,2 3,2 3,1

Hyundai

Honda

Nissan

Ford

Suzuki

Renault

PSA Peugeot Citroën

2,5

2,4

3,6

5,2

3,2

3,1

3,0

2,9

9,0

8,1

31,3

42,8

31,5

31,6

23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
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23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0
23,1 73,5 79,1 56,1 77,6 97,4 39,0

23,1

73,5

79,1

56,1

77,6

97,4

39,0

 
 

1 ohne Nutzfahrzeuge; 2 am 2.1.2012; 3 März 2010–März 2011; Quelle: OICA, Bloomberg

1 ohne Nutzfahrzeuge; 2 am 2.1.2012; 3 März 2010–März 2011; Quelle: OICA, Bloomberg

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Unternehmen&Märkte

» Neue Exportbasis soll Nordamerika wer- den, wo die Kapazitäten um die Hälfte auf knapp zwei Millionen Fahrzeuge hochge- fahren werden. Die Ausfuhren aus den USA sollen bis zum Neunfachen auf 300 000 Autos jährlich steigen. Toyota fer- tigt den Bestseller Corolla in einer neuen US-Fabrik in Mississippi. Mazda baut ein Werk in Mexiko. Selbst die technisch an- spruchsvollsten Modelle werden künftig außerhalb Japans hergestellt. Toyota etwa will seine Hybridautos von 2015 an auch in China produzieren. Eine ganz andere Expansionsstrategie fahren die Japaner in den Schwellenlän- dern. Hier setzen sie auf speziell für die lo- kalen Bedürfnisse entwickelte Billigautos. Der „Etios“ verkaufte sich in Indien im ers- ten Jahr so gut, dass Toyota die jährliche

Fertigungskapazität gerade auf 200 000 Stück verdoppelt. Für Brasilien entwickelt das Unternehmen derzeit eine eigene Vari- ante des „Etios“. Im Herbst zog Honda in Indien mit einem Billigmodell namens „Brio“ nach. Diese Autos sollen einschließ- lich Motor komplett dort gefertigt werden.

ABSCHIED VON GEWOHNHEITEN

Dabei verabschieden sich Japans Autobau- er von ihrer Gewohnheit, alle Teile für ihre Fahrzeuge bei ihrer eigenen Firmengruppe zu kaufen. Am meisten entfernte sich Nis- san davon. Seit dem Erdbeben verlegen auch Honda und Toyota ihre Lieferketten in andere Regionen. Um im Land weiterproduzieren zu kön- nen, senken Nippons Konzerne zudem die Investitionskosten. Mazda drückte die Aus-

gaben für eine neue Motorenfabrik um drei Fünftel, indem verschiedene Antriebe auf dem gleichen Band montiert werden. Toyota hat die Baukosten in seiner neuen Fabrik in Miyagi nördlich der Präfektur Fu- kushima dadurch um 40 Prozent reduziert, dass die Autos quer auf dem Band sitzen und die Halle deswegen kleiner und fla- cher werden konnte. Bei Toyota ist Firmenchef Akio Toyoda der Motor des Wandels. Der Enkel des Gründers hat erkannt, dass die Japaner sich schneller als in der Vergangenheit bewegen müssen – auch weil ihnen geziel- te Angriffe koreanischer Hersteller dro- hen. „Die Japaner“, sagt Roland-Berger- Berater Tonko, „haben keine Zeit mehr zu verlieren.“

n

mar tin.fritz@wiwo.de | Tokio

AUTOMESSE IN DETROIT

E-Ta xi für New York

Die japanischen Hersteller hoffen auf eine Wende in den USA.

Für Nippons Autobauer ist die Automesse in Detroit, die am 9. Januar beginnt, der Startschuss zur Aufholjagd in den USA. Weil nach der Erdbebenkatastrophe der Nachschub an Teilen aus Japan stockte, kamen Toyota, Honda und Co. mit dem Produzieren in den US-Fabriken nicht nach. Für Toyota war die Naturkatastro - phe bereits der zweite Nackenschlag. Der Autobauer verbuchte die ersten Einbrüche schon Monate zuvor durch Qualitätsmängel. So stürzte Toyota von

Monate zuvor durch Qualitätsmängel. So stürzte Toyota von Toyota Prius C Der Prius im Polo-Format könnte

Toyota Prius C

Der Prius im Polo-Format könnte das meistverkauf te Hybridauto von Toyota werden.

Maße 4 Meter lang, 1,69 Meter breit Antrieb Hybrid Leistung 75 PS (1,4-Liter-Benzin- motor) plus 61 PS des Elektromotors Verbrauch niedrigster Wert aller Hybridautos am Markt

über 16 Prozent Marktanteil auf zeitweise nur 12 Prozent und verlor damit mehr, als Volkswagen, Audi und Porsche insgesamt an Marktanteil in den USA haben. In Detroit wollen die japanischen Hersteller nun mit ihrem Vorsprung bei Hybrid- und Elektrofahrzeugen punkten. Toyota wird einen wichtigen Ableger des Hybridklassi- kers Prius zeigen: Der Prius C spielt in der Polo-Klasse und wird deutlich günstiger sein als sein großer Bruder. Nissan setzt mit dem elektrisch angetriebenen Van NV 200

Nissan setzt mit dem elektrisch angetriebenen Van NV 200 Nissan e-NV 200 Der kompakte Van wird
Nissan setzt mit dem elektrisch angetriebenen Van NV 200 Nissan e-NV 200 Der kompakte Van wird

Nissan e-NV 200

Der kompakte Van wird mit dem bewährten Elektroantrieb des Klein- wagens Nissan Leaf bestückt.

Maße 4,40 Meter lang, 1,69 Meter breit Antrieb elektrisch Ladezeit vollladen über Nacht, 80- Prozent-Schnellladung in 30 Minuten Verkaufsstart unbekannt, derzeit im Testbetrieb in Japan und Europa

auf einen neuen Trend: Weil Stadtver- waltungen saubere Nutzfahrzeuge för- dern und die Betriebskosten bei E-Autos niedrig sind, rechnen Experten damit, dass sich das E-Auto bei gewerblichen Nutzfahrzeugflotten schnell durchsetzen könnte. Der benzingetriebene NV 200 ist ab 2013 das neue, offizielle New Yorker Taxi. Ab wann die Elektrovariante dort eingesetzt wird, steht noch nicht fest. Für den Nachholbedarf der Japaner bei emotionaleren Autos steht der NSX Concept. Der Sportwagen der Honda- Nobelmarke Acura soll Anfang 2013 im Handel stehen und wäre damit der erste Hybridsportwagen mit kombiniertem Elektro- und Benzinantrieb, der in Groß- serie gebaut wird.

n

martin.seiwert@wiwo.de

der in Groß- serie gebaut wird. n martin.seiwert@wiwo.de Acura NSX Concept Sechs Jahre nach der Einstellung
der in Groß- serie gebaut wird. n martin.seiwert@wiwo.de Acura NSX Concept Sechs Jahre nach der Einstellung

Acura NSX Concept

Sechs Jahre nach der Einstellung des Modells lässt Honda den Sportwagen als Hybridauto wieder aufleben.

Maße unbekannt Antrieb Hybrid, Verbrennungsmotor angeblich V6-Benziner mit Turbo - aufladung und Direkteinspritzung Leistung unbekannt Verkaufsstart 2013

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Nr. 1/2 9.1.2012 WirtschaftsWoche

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