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ERKLÄRUNG DER SPANISCHEN PHILOSOPHEN

Madrid, den 5. Mai 2012

Die Konferenz der Dekane der philosophischen Fakultäten in Spanien, das Institut für Philosophie des CCHS-CSIC und verschiedene spanische philosophische Vereinigungen, die einen Großteil des Lehrkörpers in den Universitäten und den Gymnasien repräsentieren, haben vom 4. bis zum 5. Mai 2012 eine Tagung an der Fakultät für Philosophie der Universidad Complutense veranstaltet, auf der über Die Situation der Philosophie im spanischen Erziehung- und Bildungssystem debattiert wurde. Als Ergebnis der Tagung lässt sich folgender Konsens festhalten:

1. Wir vertreten die Auffassung, dass eine demokratische Gesellschaft - neben anderen unentbehrlichen Erfordernissen - sich auf ein öffentliches Erziehungssystem stützen sollte, das erstens alle Stufen des Bildungsweges abdeckt (Vorschule, Grundschule, Gymnasium und Universität), das zweitens eine qualitativ hochwertige Bildung vermittelt, und das drittens allen Personen ohne Einschränkung - sei es auf Grund des Geschlechts, der Nationalität, der sozialen Klasse usw. - zugänglich ist.

2. Wir sind der Meinung, dass eine demokratische Gesellschaft sich auch auf ein öffentliches, aus Universitäten und spezialisierten Forschungszentren bestehendes Forschungssystem stützen sollte, welches über ausreichende Mittel in allen naturwissenschaftlichen, technologischen und geisteswissenschaftlichen Bereichen verfügt und das auf den Ver-diensten, der Kreativität und sozialen Verantwortung der Forscher basiert.

3. Daher lehnen wir kategorisch die drastischen Kürzungen der Haushaltsmittel ab, die von der Zentralregierung und den Regierungen der autonomen Regionen in den letzten drei Jahren durchgeführt wurden und die allein im Jahr 2012 mehr als 20% des Erziehungs- und Bildungsetats und mehr als 25% des Forschungsetats ausmachen. Ebenso lehnen wir auch die Verordnung RD 14/2012 vom 20. April (BOE vom 21. April) zu den Dringenden Maßnahmen zur Rationalisierung der öffentlichen Ausgaben in Erziehung und Bildung, ab, weil sie einen Frontalangriff gegen eine der fundamentalen Säulen unseres Sozialstaates darstellt: nämlich gegen das öffentliche Erziehungs-, Bildungs- und Forschungssystem in Spanien.

4. Genauer gesagt gefährden aus unserer Sicht all diese ökonomischen Einschnitte und rechtlichen Änderungen die Qualität und Kontinuität von Forschung und Lehre in der Philosophie. Daher fühlen wir uns dazu verpflichtet, die öffentlichen Verwaltungen daran zu erinnern, dass das Studium der Philosophie ein Eckpfeiler der kulturellen Tradition des Westens ist und gerade heute die am weitesten entwickelten demokratischen Gesellschaften dazu tendieren, diesem Studium einen besonderen Raum auf den verschiedenen Ebenen des Erziehungs- und Bildungssystems einzuräumen: in Instituten, Universitäten und Forschungs-zentren.

5. Die Philosophie ist ein zentraler Bestandteil der europäischen Zivilisation. Darüber hinaus hat die europäische philosophische Tradition weltweit Verbreitung gefunden und einen immer fruchtbareren Dialog mit anderen philosophischen und kulturellen Traditionen etabliert. Auf diese Weise ist die Philosophie zu einem lebendigen Erbe der ganzen Menschheit geworden, durch das hindurch alle Völker der Erde miteinander kommunizieren können. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass auch die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) der Philosophie eine fundamentale Rolle in der kulturellen und staatsbürgerlichen Bildung der Bürger in der gesamten Welt zugesteht. Daher veranlasste die UNESCO 1995 die Pariser Erklärung über Philosophie und gab den Bericht Philosophie und Demokratie in der Welt, heraus, 2005 führte sie den Welttag der Philosophie ein (am dritten Donnerstag des Monats November), und 2007 veröffentliche sie den Bericht Die Philosophie - eine Schule der Freiheit.

6. Die Philosophie ist eine “Schule der Freiheit”, da sie Kinder und Jugendliche zur autonomen und strengen Ausübung des Denkens erzieht, da sie sie dazu anleitet, über sich und die Welt kritisch nachzudenken, und auf diese Weise dazu befähigt, mit ihresgleichen rational zu diskutieren, die Pluralität möglicher Weltanschauen anzuerkennen und ein wechselseitiges Verständnis auf den unterschiedlichen Gebieten der menschlichen Erfahrung zu suchen - in Übereinstimmung mit gemeinsamen Gesichtspunkten wie der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Schönheit usw. Gerade angesichts der Konflikte und Unsicherheiten in einer immer komplexer werdenden und in immer

stärkerem Maße globalisierten Gesellschaft stellt das Studium der Philosophie ein fundamentales Instrument zum Verständnis der Welt und der rationalen Kommunikation zwischen allen Menschen dar.

7. Die Philosophie kann an verschiedenen Orten und mit unterschiedlichen Mitteln praktiziert werden: in der Lehre, der Forschung, der ethischen Beratung, der Mediation, dem Kultur-management, im künstlerischen und literarischen Schaffen usw. Doch in Einklang mit den Empfehlungen der UNESCO glauben wir, dass das Studium der Philosophie einen festen Ort im öffentlichen System von Erziehung, Bildung und Forschung innehaben sollte, weil nur so eine Weitergabe des Wissens von Generation zu Generation und dessen ständige Erneuerung gesichert ist, und weil auf diese Weise jeder hat ein "Recht auf Philosophie" hat, d.h. ein Recht, eine spezifische Ausbildung zu empfangen, welche den Zugang zum Erbe der Philosophie erlaubt und das notwendige Wissen vermittelt, um Philosophie beruflich zu betreiben.

8. Die spanische philosophische Gemeinschaft erfährt momentan einen Wandel von historischem Ausmaß. Mit dem Übergang zur Demokratie begann eine Ära der zunehmenden Erweiterung, Modernisierung und Diversifizierung des Philosophie-Studiums auf allen Bildungsstufen. In dieser Epoche spielte eine brillante Generation von Lehrkräften, Wissenschaftlern und Schriftstellern die Hauptrolle, welche die spanische Philosophie a u f gleiche Stufe mit den Philosophien anderer Länder stellte. Diese Internationalisierung der spanischen Philosophie ist ein wichtiger Beitrag zum gemeinsamen Erbe der spanischen Sprache und ein hervorragendes Werkzeug, um unserer Kultur ihren rechtmäßigen Platz in einer zunehmend globalisierten Welt einzuräumen. Hinzuzufügen ist dem noch die verdienstvolle Arbeit, die in anderen offiziellen Sprachen unseres Landes verwirklicht wurde. Allerdings ist die Generation, die den philosophischen Übergang vollzogen hat, bereits im Ruhestand, und die nächste Generation derer, die ihre Arbeit fortgesetzt haben, ist in sehr unterschiedliche Prozesse involviert, welche die spanische philosophische Gemeinschaft vor neue Herausforderungen und neue Schwierigkeiten stellen: die schrittweisen Gesetzesreformen, der so genannte Bologna-Prozess, die neue Rolle von Ratingagenturen in der Bewertung von Laufbahnen in Lehre und Forschung, die drastischen Budgetkürzungen im Bildungswesen, in Universitäten und Forschungseinrichtungen und schließlich die Gefahr eines Rückgangs von Zentren, akademischen Titeln und Fächern der Philosophie.

9. In diesem Wandel von historischem Ausmaß haben die Teilnehmer der Tagung in Madrid beschlossen, ihre bisher verstreuten Kräfte zu bündeln, um einen Prozess der Konsolidierung der spanischen philosophischen Gemeinschaft in die Wege zu leiten. Wir rufen daher vom heutigen Tag an das Spanische Netz der Philosophie (Red Española de Filosofía, REF), ins Leben, um die Zusammenarbeit zwischen allen Personen und Organisationen, die beruflich Philosophie betreiben, zu erleichtern und um diesen Beruf vor den öffentlichen Verwaltungen und den spanischen Bürgern zu vertreten und zu verteidigen. Das REF baut auf einem Koordinierungsrat auf, in dem die Konferenz der Dekane der Philosophie, das Institut für Philosophie des CSIC/CCHS, die philosophischen Organisationen des universitären Lehrkörpers und die der Sekundarstufe II vertreten sind. Die ersten Schritte, mit denen dieser Koordierungsrat beauftragt ist, sind die folgenden:

a) Erstellen einer Website, die als Mittel der internen Kommunikation, als Archiv für Dokumente und

zur öffentlichen Verbreitung der Aktivitäten des REF dient.

b) Die Einrichtung von drei Arbeitsgruppen, repräsentativ für den universitären und außer-universitären

Lehrkörper, die konkrete Vorschläge auf verschiedenen Ebenen ausarbeiten: A.) den Lehrplan für das Fach Philosophie in der Sekundarstufe II; B.) die Erneuerung der Diplom-, Master- und Promotionsstudiengänge, in denen eine größere Aufmerksamkeit auf die Didaktik der Philosophie gelenkt werden sollte und C.) die Verbesserung von Verfahren und Kriterien der Bewertung, die von verschiedenen staatlichen und unabhängigen Agenturen angewendet werden. Diese Vorschläge werden diskutiert, bis im Rahmen des REF ein Konsens gefunden worden ist, der für spätere Präsentationen und Verhandlungen mit dem Ministerium für Bildung, Landesregierung und Rating-Agenturen dient.

c) Die Vorbereitung eines Philosophie-Kongresses auf staatlicher Ebene, welcher den Lehrenden und

Forschern aller Philosophie-Richtungen auf allen Ebenen des Erziehungs- und Bildungssystems offen steht und der auch offen ist für diejenigen, die Philosophie außerhalb akademischer Institutionen beruflich betreiben.

d) Die Unterstützung der Verbreitung von zwei wichtigen Berichten, die von der UNESCO herausgegeben wurden: Philosophie und Demokratie in der Welt (1995) und Philosophie - eine Schule der Freiheit (2007). Die Editierung dieser zwei Berichte soll von der SEPFI (Sociedad Española de Profesores de Filosofía) koordiniert werden.

10. Wir hoffen, dass durch die Gründung des Red Española de Filosofía ein kommunikativer Raum für alle, welche die Philosophie lieben und praktizieren, geschaffen wird. Ferner verpflichten wir uns dazu, die Zusammenarbeit mit anderen philosophischen nationalen oder internationalen Netzen herzustellen.

Organisationen, die diese Erklärung unterzeichnet haben

Die Organisationen, die mit der beruflichen Ausübung der Philosophie in Verbindung stehen und diese Erklärung unterschreiben wollen, um sich auf diese Weise mit dem Red Española de Filosofía (REF) zu verbinden, können dies machen, indem sie eine Nachricht mit ihren Kontaktdaten an folgende Adresse schicken:: conferdecafilo@gmail.com

Die deutsche Übersetzung von Concha Roldán.