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Hausmitteilung

Hausmitteilung

MANFRED WITT / DER SPIEGEL

MAURICE HAAS / 13 / DER SPIEGEL

14. Mai 2012

Betr.: Titel, Preisträger, Muslime

D ie Tragödie Griechenlands ist ein Dauerthema im SPIEGEL: 17-mal haben Re- dakteure und Korrespondenten seit gut zwei Jahren in Titelgeschichten oder

Aufmachern den drohenden Zusammenbruch der Wirtschaft und die Folgen für den Euro beschrieben. Mit einer „Kultur des Tricksens“ habe sich das Land in die Wäh- rungsunion gemogelt, hieß es im SPIEGEL 10/2010. Die europäischen Regierungschefs erschienen der Redaktion als „Retter ohne Plan“ (15/2010), deren Griechenland- Strategie schon damals illusionär war. Einen Monat später hatte der Titel „Die Schul- denfalle“ (19/2010) eine düstere Unterzeile: „Wie viel Griechenland können wir uns noch leisten?“ Und dennoch: Bei aller Skepsis plädierten die Redakteure bisher für einen Verbleib Athens in der Euro-Zone. Seit der Parlamentswahl Anfang Mai haben die SPIEGEL-Beobachter ihre Haltung geändert. Die Mehrheit der Griechen lehnte die von der EU geforderte Sparpolitik entschieden ab – und die Lage erscheint nun

vollends ausweglos. SPIEGEL-Redakteure recherchierten in Athen, Brüssel und Ber- lin, Michael Sauga, 52, hat die Ergebnisse für den Titel dieser Ausgabe zusammen- getragen. „Griechenland sollte nun einen Neustart außerhalb der Euro-Zone versu- chen“, sagt Sauga. Auch Deutschland steht vor neuen Herausforderungen in der Euro-Krise. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski, 49, fordert in einem SPIEGEL- Gespräch mehr Führungsstärke von der Bundesregierung (Seiten 22, 32). Für eine Titelgeschichte aus dem Vorjahr, die sich eben- falls mit Griechenland be- schäftigt hatte, erhielt ein SPIEGEL-Team vergangenen Freitag die renommierteste deutsche Auszeichnung für Journalisten: Im Titel „Eine Bombenidee“ (39/2011) hatten

die Redakteure nachgezeich-

SPIEGEL-Redakteure mit Henri-Nannen-Preis

net, wie die Schulden eines kleinen Staates einen ganzen Kontinent ins Wanken brachten. Bei einem Festakt im Hamburger Schauspielhaus gab es dafür den Henri-Nannen-Preis in der Rubrik Dokumentation.

dafür den Henri-Nannen-Preis in der Rubrik Dokumentation. E s ist ein Kampf der Kulturen, er wird

E s ist ein Kampf der Kulturen, er wird geführt an vielen Orten dieser Welt, wo islamische Fundamentalisten und vermeintlich Ungläubige aufeinandertreffen.

Und zuweilen drängt dieses Thema gleich mit mehreren aktuellen Geschichten ins Heft. So beleuchtet ein SPIEGEL-Team den Fall des seit sieben Jahren in Deutschland lebenden Iraners Shahin Najafi, 31. Der Musiker fürchtet um sein

Leben seit der Fatwa eines Großajatollahs. SPIEGEL-Redakteur Christoph Scheu- ermann, 34, ging in einer weiteren Recherche mit Kollegen der Frage nach, was fundamentalistische Muslime bewegt, und begleitete einige von ihnen. SPIEGEL- Reporter Guido Mingels, 41, traf ein Schweizer Paar, das er als „Helden“ emp- fand: Daniela Widmer, 29, und David Och, 32, waren während einer Asien- Reise von pakistanischen Taliban ent- führt worden, die 50 Millionen Dollar Lösegeld erpressen wollten. Nach einem achtmonatigen Martyrium gelang dem Paar die Flucht aus der Geiselhaft (Seiten

gelang dem Paar die Flucht aus der Geiselhaft (Seiten Mingels, Widmer, Och 42, 66, 130). Im

Mingels, Widmer, Och

42, 66, 130).

Im Internet: www.spiegel.de

DER

SPIEGEL

20/2012

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In diesem Heft

KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPD

MAURICE HAAS / 13 / DER SPIEGEL

Titel

Warum Griechenlands Austritt aus der Währungsunion unvermeidlich ist Die Kanzlerin und der neue französische Präsident sind zum Kompromiss verdammt

SPIEGEL-Gespräch mit Außenminister Radoslaw Sikorski über Polens Zusammenarbeit mit Deutschland bei der Bewältigung

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der europäischen Schuldenkrise

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Deutschland

Panorama: Die Kanzlerin will mehr Geld für Kita-Ausbau / Linkspartei vor Spaltung / Papst geht auf Piusbrüder zu Akademiker: In der Plagiatsaffäre fühlt sich Annette Schavan alleingelassen Hauptstadt: Die Pannenchronik des neuen Berliner Flughafens FDP: Bei der Vorratsdatenspeicherung kämpft die Justizministerin auch gegen die eigene Partei Affären: Nach Monaten des Schweigens wehrt sich der ehemalige Wulff-Sprecher Olaf Glaeseker gegen die Vorwürfe Islamismus: Was wollten die Teilnehmer der Salafisten-Demo? Die gewalttätige Vergangenheit des Messerstechers von Bonn Strafjustiz: Amtsbonus für Polizisten im Rosenheimer Prozess Katholiken: Sie machten Intrigen und Korruption öffentlich – jetzt werden die Verräter im Vatikan gejagt Werte: SPIEGEL-Streitgespräch zwischen den Abgeordneten Nadine Schön (CDU) und Norbert Geis (CSU) über das Familienbild der Konservativen Mobilität: Findige Schlepper jagen der Deutschen Bahn ICE-Kunden ab Justiz: Der Rechtsstaat zerstörte die Existenz von Harry Wörz und ließ ihn dann mit den Folgen allein

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Gesellschaft

Szene: Eine Ziege als Haustier in New York / Interview mit dem politischen Geschäftsführer der Piratenpartei über Manieren Eine Meldung und ihre Geschichte – was einem Mann widerfuhr, auf dessen Girokonto irrtümlich 200 Millionen Euro landeten Schicksale: Wie ein Schweizer Paar acht Monate in der Gewalt pakistanischer Taliban überlebte Ortstermin: In einem Hamburger Standesamt findet ein Obdachloser zurück ins Leben

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Wirtschaft

Trends: Merkel fördert die Frauen / Facebook- Börsengang lässt Luxushändler hoffen / EU-weite Jobvermittlung Internet: Wie die Samwer-Brüder ihr weltweites Firmenimperium ausbauen Luftfahrt: Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn über das Berliner Flughafen-Chaos und die Krise seines Unternehmens Energie: Russland prüft den Bau einer weiteren Gas-Pipeline durch die Ostsee Immobilien: Schärfere Öko-Vorschriften verschrecken Hausbesitzer und Mieter

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Ausland

Panorama: Chinesische Behörden verzögern Ausreise von Menschenrechtler Chen / Ölfunde in Kenia fördern die Korruption

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Pannen-Airport Berlin

Seiten 36, 81

Es war das ehrgeizigste Bauprojekt der deutschen Hauptstadt. Jetzt muss die Eröffnung des Großflughafens „Willy Brandt“ erneut ver- schoben werden – peinlich für Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit.

Das Imperium der Samwer-Brüder

Sie haben Marken wie Zalando, Jamba oder StudiVZ groß gemacht. Doch die Methoden der Internetunternehmer Marc, Oliver und Alexander Samwer sind umstritten, meist klonen sie die Geschäftsideen anderer.

Seite 76

Teure Öko-Vorschriften für Immobilien

Seite 88

Mit schärferen Vorschriften für Gebäude will die Bundesregierung den Klimaschutz fördern. Hausbesitzer und Mieter sind wenig begeistert. Die Kosten steigen, die Optik leidet, der Nutzen für die Umwelt ist umstritten.

Ex-Geiseln Widmer, Och
Ex-Geiseln Widmer, Och

DER

SPIEGEL

20/2012

Tagebuch einer Entführung

Seite 66

Sie waren mit einem VW- Bus nach Indien gereist und wurden auf dem Rückweg in Pakistan entführt. Nach acht- einhalb Monaten Gefangen- schaft in der Taliban-Hoch- burg Waziristan gelang dem Schweizer Polizistenpaar Daniela Widmer und David Och am 15. März eine aben- teuerliche Flucht.

ARIS MESSINIS / AFP DAS SYNDIKAT / ARMIN-ZEDLER.DE Abschied mit wehenden Fahnen Seite 22 In

ARIS MESSINIS / AFP

DAS SYNDIKAT / ARMIN-ZEDLER.DE

Abschied mit wehenden Fahnen

Seite 22

In Griechenland gibt es keine politische Mehrheit für den Sparkurs mehr. Europa diskutiert offener denn je über einen Austritt des Staates aus der Währungsunion. Am Ende ist der Schritt unvermeidlich.

Die Angst des Rappers

Seite 130

Der iranische Musiker Shahin Najafi floh nach Deutschland, um von hier aus mit Liedern gegen das Mullah-Regime zu kämpfen. Nun muss er nach der Fatwa eines iranischen Ajatollahs um sein Leben fürchten.

Schutz vor der Schwindsucht

Seite 118

Alle 22 Sekunden stirbt ein Mensch an Tuberkulose. Antibiotika helfen – doch immer mehr Tb-Erreger werden gegen die Medikamente unempfindlich. Kann ein neuer Impfstoff aus Berlin die Seuche stoppen?

Krimi-Autoren als Opfer im Netz

Seite 140

Sie schreiben Krimis und wol- len sich nicht damit abfinden, dass ihre Werke im Internet ohne Bezahlung herunterge- laden werden können. Des- halb kämpfen acht Autoren für den Erhalt des Urheber- rechts. Doch das gefällt der Hacker-Gruppe Anonymous nicht. Sie legte die Computer der Schriftsteller lahm.

Protestplakat der Autoren
Protestplakat der Autoren

DER

SPIEGEL

20/2012

Europakrise: SPIEGEL-Gespräch mit dem

französischen Historiker Emmanuel Todd über die Chancen François Hollandes, Deutschlands

Vormachtstellung in Europa zu erschüttern Ein Clown triumphiert in der Schlacht um Italiens Rathäuser Der Exodus der Portugiesen nach Afrika Verteidigung: Deutschland hat sich in der Nato isoliert Terroristen: Al-Qaidas unheimlicher Bombenbastler im Jemen USA: Obamas Wahlkampf der Nostalgie Global Village: Warum reiche Franzosen ihr Geld nach London tragen

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Sport

Szene: Einer der meistgesuchten mutmaßlichen Dopinghändler Europas wurde festgenommen / Studie über die Trefferquote von Boxern Fußball: Warum Torhüter Manuel Neuer immer noch um die Zuneigung der Fans beim FC Bayern kämpfen muss

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Wissenschaft · Technik

Prisma: Das raffinierte Echolot der Wale / Schon die alten Römer kannten Mikrokredite Medizin: Neue Impfstoffe im Kampf gegen die Tuberkulose Essay: Der US-Informatiker David Gelernter

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über allgegenwärtige Überwachungselektronik

und die Abschaffung der Privatsphäre Forensik: Wie gefährlich sind Kopfstöße? Luftfahrt: Übermut an Bord – der Absturz des russischen Jets in Indonesien

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Kultur

Szene: Gegenwartskunst in Hannover / Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan über die EM in seiner Heimat Extremisten: Erstmals droht einem Künstler in Deutschland, dem Rapper Shahin Najafi, wegen einer iranischen Fatwa der Tod Bestseller Autoren: Die neuen Tagebücher von Paul Nizon und Karl-Markus Gauß Protest: SPIEGEL-Gespräch mit dem Anthropologen und Occupy-Aktivisten David Graeber über Schulden, Anarchie und drohende Revolutionen Netzpolitik: Wie die Hacker-Gruppe Anonymous eine Gruppe von Krimi-Autoren im Internet bekämpfte Filmkritik: Sacha Baron Cohens Satire „Der Diktator“

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Medien

Trends: ZDF verteilt Gottschalks Erbe / Fritz Pleitgen kritisiert Fernsehnachrichten TV-Shows: Tamara Ecclestone gibt Einblick in ihr Leben als „Billion Dollar Girl“ Karrieren: Als Leserbriefonkel ist Marcel Reich-Ranicki Kult

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Briefe Impressum, Leserservice Register Personalien Hohlspiegel / Rückspiegel

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Titelbild: Collage DER SPIEGEL; Fotos: B. Steinhilber/laif, Caro Umklapper Schweiz: Foto dpa

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Briefe

PAUL SAKUMA / DAPD

SPIEGEL-Titel 19/2012 „Facebook hat ohne Zweifel seine ganz speziellen Vorteile. Anderer- seits scheint die Dummheit

SPIEGEL-Titel 19/2012

„Facebook hat ohne Zweifel seine ganz speziellen Vorteile. Anderer- seits scheint die Dummheit gewisser Facebook-Nutzer auf der nach oben offenen Skala des Blödsinns keine Grenzen zu haben.“

ALBERT AUGUSTIN, GELTERKINDEN (SCHWEIZ)

Nr. 19/2012, 901 Millionen Menschen gefällt das: Facebook – Warum eigentlich?

Großer Bruder Zuckerberg

Facebook befriedigt eines der grundle- gendsten menschlichen Bedürfnisse: das nach Kontakt und Zugehörigkeit.

CHRISTINE RUNGE, BERLIN KOMMENTAR AUF DER SPIEGEL-FACEBOOK-SEITE

Ich nutze Facebook, weil ich Privatein- stellungen gebrauche, so dass mich nicht die ganze Welt sehen kann. Ich nutze FB wegen der vielfachen politischen und li- terarischen Seiten, die ich abonniert habe und über die ich täglich mit neuen Infos versorgt werde, die ich auf schnellem Wege weiterverbreiten kann. Ich nutze FB wegen der zahlreichen wiedergefun- denen Kontakte aus der Schulzeit und wegen der Kontakte aus dem Ausland.

MIRELLA PAGNOZZI, DARMSTADT KOMMENTAR AUF DER SPIEGEL-FACEBOOK-SEITE

Weil Facebook von allem ein bisschen ist:

Es ist kommunikativ und informativ, es ist einfach und überschaubar, bietet etwas Geborgenheit und etwas Raum für Vo- yeurismus, es erlaubt Gemeinschaft und treibt zu Gruppenzwang – es spaltet, aber verbindet auch. FB ist überall …

IVI TOM, KÖLN KOMMENTAR AUF DER SPIEGEL-FACEBOOK-SEITE

Ich, 42, beobachte bei meinen Bekannten, dass immer mehr momentane Unterneh- mungen zeitnah bei Facebook bekannt- gemacht werden: der aktuelle Aufent- haltsort, ein Foto des gerade servierten Essens in einem Lokal oder des eben ge- packten Koffers für die Urlaubsreise. Die Annahme, man steigere den Wert seiner Urlaubsreise durch das Teilen auf dem virtuellen Wege, führt auf unterschwelli- ge Weise dazu, dass der Urlaub kaum wirklich selbst erlebt wurde.

ALEXANDER PETERS, BOCHUM

Der Kinderkanal von ARD und ZDF be- treibt unter www.mein-kika.de eine On- line-Community, die sich an die junge

Zielgruppe richtet. Sie unterscheidet sich von Facebook durch höchste Sicherheits- und Datenschutzansprüche und die von Ihnen geforderte Kontrolle sämtlicher In- halte durch eine geschulte Redaktion. Da- mit widerlegt das Angebot Herrn Zucker- berg seit nunmehr bereits drei Jahren:

Der besondere Schutz von Kindern ist technisch durchaus machbar und zudem medienpädagogisch wichtig und wertvoll.

TOBIAS FREUDENREICH, HAMBURG

wichtig und wertvoll. TOBIAS FREUDENREICH, HAMBURG Facebook-Gründer Zuckerberg Als Vater kann ich mir den

Facebook-Gründer Zuckerberg

Als Vater kann ich mir den Grund für die Facebook-Nutzung nur so erklären: ex- tremer sozialer Gruppendruck, Naivität und das Gefühl, dazugehören zu müssen. Mit guten Argumenten kommt man da nicht weiter. Facebook erzieht inzwi- schen mehrere Generationen von Kom- munikationsgestörten, die zwischen wich- tigen und unwichtigen Informationen nicht mehr unterscheiden können.

MIKE RASSMANN, HERRENBERG (BAD.-WÜRTT.)

Vor kurzem hat ein Mitschüler auf dem sozialen Netzwerk bekanntgegeben, dass er bei einer Fußballwette 500 Euro auf eine Mannschaft gesetzt hat. Als die Wette verlorenging, machte sich ein anderer Schüler ebenfalls bei Facebook über ihn lustig. Der Betroffene fühlte sich gedemü- tigt, konnte sich nicht mehr beherrschen und griff den anderen so hart an, dass die- ser mit starken Verletzungen ins Kranken- haus musste. Der „Angreifer“ wurde des- halb von dem Gymnasium verwiesen.

LUCA STEPHAN, ST. INGBERT (SAARL.)

Alle meine engsten Freunde sind dort re- gistriert, ich, Mitte zwanzig, hingegen war und bin nie bei Facebook angemeldet gewesen und werde es auch nie sein. Als Fazit muss ich sagen: Hurra, ich lebe noch!

FLORIAN ANSELM, FREIBURG IM BREISGAU

Facebook ist die konsequente Weiterfüh- rung kindlicher Freundebücher. Heute set- zen sich die Leute die Nerd-Brille auf, ver- suchen, den Schlauen raushängen zu las- sen, ziehen sich bis auf die Knochen aus, verkaufen wissentlich ihre Daten für nichts und nennen diese Dämlichkeit auch noch Mitgliedschaft im sozialen Netzwerk, weil Infantilität vor allem im Erwachse- nenalter so doch wesentlich besser klingt.

THOMAS BRINKMANN, ESSEN

Facebook ist ein Teil jener Kraft, die stets das Geld nur will und stets das Geld nur schafft. Dereinst werden die Menschen wohl nur noch Bildschirmkommunikation für die reale halten – spätestens dann wird es Zeit für eine Aktualisierung von Platons Höhlenstory.

PETER LIMBURG, RALINGEN-KERSCH (RHLD.-PF.)

Facebook ist die größte Peepshow der Welt. Jeder gibt alles von sich preis. Man hat dort das Gefühl im Kollektivismus/ Sozialismus der ehemaligen DDR zu le- ben. Mark Zuckerberg als großer Bruder und 901 Millionen kleine Fische.

MANUEL EHMANN, REUTLINGEN (BAD.-WÜRTT.)

Facebook ist kein Jugendmedium. Viele meiner FB-Freunde sind wie ich um die fünfzig und nutzen das Network gewis- senhaft und vernünftig mit viel Spaß je- den Tag.

GERD STEINKÖNIG, KAISERSLAUTERN

Diskutieren Sie im Internet

www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel

‣ Titel Hat Europa genug getan, um Griechenland zu helfen?

‣ Doktorarbeit Wie viel Mogeln ist erlaubt?

‣ Gesellschaft Ist ein Leben ohne Privatsphäre möglich?

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DER

SPIEGEL

20/2012

Briefe

JASPER JUINEN / GETTY IMAGES

Facebook hat es meisterlich verstanden, die Menschheit als verblödete Hammel- herde zu ködern und sie zu entblößen.

DIETMAR RACKY, GÖTTINGEN

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber!“ Wenn Menschen sich freiwillig und so ganz naiv zu Netzwerk- Lemmingen machen, dann brauchen sie nicht mehr geschlachtet, sondern können als williges Opfer verwurstet werden!

RAINER EHRENREICH, NEUFAHRN (BAYERN)

Nr. 18/2012, Wie schwer es Polizisten und Ärzten fällt, eine Todesnachricht zu überbringen

Ein Messer in die Seele

Seit Jahren bin ich in meiner Funktion bei der Kriminalpolizei in der Situation, die Nachricht über den Tod eines nahen Angehörigen zu überbringen. Kaum je- mand mag sich damit auseinandersetzen. Umso wichtiger sind derartige Artikel, die auf unser Dilemma hinweisen. Wir erleben dabei unvorstellbares Leid, das es zu ertragen gilt. Mehr noch, wir müs- sen die Nachricht professionell überbrin- gen. Denn mit der Benachrichtigung be- ginnt bereits die Trauerbewältigung bei den Angehörigen. Und die Art und Weise der Benachrichtigung hat entscheidenden Anteil daran, kann sogar prägend für den Rest des Lebens der Betroffenen sein.

CHRISTINE STAHL, LÜBECK

Für mich als Rettungsassistenten gibt es kaum ein schlimmeres Gefühl, als den Schmerz und die Trauer in der Akutphase von Hinterbliebenen zu ertragen. Es hat mir gut gefallen, dass so etwas mal Er- wähnung findet, denn nur wenn man dar- über sprechen kann, kann man auch ver- arbeiten. Selbst als Profi.

SEBASTIAN LUBERSTETTER, OLCHING (BAYERN)

Ich finde Ihren Artikel gut und wichtig, aber es stört mich als Notfallseelsorger schon, dass sie unsere Arbeit nur am Ran- de erwähnen. Wenn die Polizei Todes- nachrichten überbringt, ist im Regelfall – jedenfalls in unserer Region – ein Not- fallseelsorger dabei. Im Unterschied zur Polizei bleiben diese dann manchmal stundenlang bei den Angehörigen, auch

diese dann manchmal stundenlang bei den Angehörigen, auch Unfallort in Bayern nachts. Sie müssen dann den

Unfallort in Bayern

nachts. Sie müssen dann den Spagat leis- ten zwischen brutaler Aufklärung – sie stoßen Menschen ein Messer in die Seele – und anschließender Seelsorge. Da wird man oft mit massiven Aggressionen und der Frage „Warum lässt Gott das zu?“ konfrontiert. Darauf gibt es nun einmal keine angemessene Antwort.

MATTHIAS SCHIPPEL, WALDBRÖL (NRW)

Nr. 18/2012, Arjen Robben, die Diva des FC Bayern München

So eine Unverschämtheit!

Nach so einem Artikel verstehe ich umso besser, dass Robben bei der Vertragsver- längerung erneut überlegt hat, ob er in Deutschland weiterspielen sollte.

HOLGER SPEE-GIRBIG, NETTETAL (NRW)

weiterspielen sollte. HOLGER SPEE-GIRBIG, NETTETAL (NRW) FC-Bayern-Spieler Robben Fakt ist, dass im heutigen Fußball

FC-Bayern-Spieler Robben

Fakt ist, dass im heutigen Fußball auf Champions-League-Niveau die Ausnah- mekönner auf der Außenbahn nicht sel- ten die Spiele entscheiden und ganz ähn- liche Profile wie Robben aufweisen (müs- sen). Nicht zu vergessen, dass Robben auf jeder seiner Stationen Erfolg hatte. Wenn ein FC Bayern so einen Mann für 25 Millionen Euro bekommen kann, dann ist es die irrwitzige Fußballlogik, hier zu- zugreifen; die Verletzungsanfälligkeit ist hier eingepreist, sonst hätte er über 40 Millionen Euro gekostet.

ALEXANDER FRANK, FRANKFURT AM MAIN

Das ist mit das Beste, was ich je im SPIE- GEL gelesen habe.

HANS-JOACHIM BAUER, TAUBERBISCHOFSHEIM

Was für ein großartiger Artikel! Ich habe beim Lesen auf dem Balkon mehrmals laut gelacht, so dass die Nachbarn auf- merksam wurden. Eine treffende Analy- se, bei der ich hundertprozentig mitgehe und großen Spaß beim Lesen hatte.

THOMAS SEBASTIAN, HAMBURG

Der Artikel ist eine Unverschämtheit, wie es sie einem Bundesligaprofi gegenüber noch nicht gegeben hat. Als Bayern-Fan bin ich sehr glücklich darüber, einen sol- chen Ausnahmespieler in den Reihen meiner Lieblingsmannschaft zu wissen.

TOBIAS FREUND, WÜRZBURG

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DER

SPIEGEL

20/2012

SERGEI CHUZAVKOV / AP

Nr. 18/2012, Die Fußball-EM in der Ukraine wird zur Bewährungsprobe für Merkels Menschenrechtspolitik; Der heikle Aus- flug des Eurovision Song Contest nach Aserbaidschan

Deutscher Zeigefinger

Ungeachtet ihrer fragwürdigen Haftstrafe und der unmenschlichen Haftbedingun- gen zeigt sich Frau Timoschenko auch ak- tuell als ein gewiefter Instinktmensch, der die anstehende Fußball-EM eiskalt berech- nend für sich zu nutzen weiß. Mich em-

eiskalt berech- nend für sich zu nutzen weiß. Mich em- Pro-Timoschenko-Demonstration in Kiew pört besonders, dass

Pro-Timoschenko-Demonstration in Kiew

pört besonders, dass sich viele demokrati- sche Politiker bis hin zur deutschen Kanz- lerin leichtfertig von ihren dramatisieren- den Schilderungen und den flehenden Ap- pellen ihrer Tochter instrumentalisieren lassen. Auch die renommierten Ärzte aus Berlin sollten sich davor hüten, Teil einer politischen Inszenierung zu werden.

JOACHIM DÜSCHER, LAATZEN (NIEDERS.)

Kurz vor den Olympischen Spielen in Chi- na war es der Dalai Lama und jetzt, etwa sechs Wochen vor der Fußball-EM in der Ukraine, ist es Frau Timoschenko. Die Olympischen Spiele und der olympische Gedanke haben durch die Kampagnen im Vorfeld sehr gelitten. Jetzt ist die Fuß- ball-EM dran. Schlimm, wie die Politiker, insbesondere die deutschen, den Sport für ihre politischen Ziele missbrauchen.

DIETMAR SOBOTTKA, CHEMNITZ

Warum nicht schon in China oder bei an- deren Diktaturen auf die Menschenrechte vehement hingewiesen wurde, ist unver- ständlich und nur begründet mit den kostbaren wirtschaftlichen Beziehungen. Bei der Ukraine sind in dieser Hinsicht wohl kaum große wirtschaftliche Nach- teile spürbar. Die Entscheidung von Bun- despräsident Gauck ist nachvollziehbar und auch lobenswert. Doch effektiver wäre es, wenn der Uefa-Präsident Michel Platini hier ein Machtwort gesprochen und den Boykott angedroht hätte. Frau Timoschenko wäre gewiss schon in Si- cherheit.

THOMAS HANSEN, BERLIN

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DER

SPIEGEL

20/2012

IMAGO / TEUTOPRESS

Briefe

Was immer die Uefa bezüglich Timo- schenko an Protesten der Spieler zulässt, wird als mickrig erscheinen, da die Ukrai- ne nicht als Austragungsort der EM in Frage hätte kommen dürfen.

SIMÓN GOAS OSÉS, FRANKFURT AM MAIN

Sportfreunde sollten sich aus der Politik heraushalten. Lasst jetzt die Ukraine in Ruhe und macht mit eurer Politik nach den Spielen der EM weiter! Vor und wäh- rend solcher sportlichen Großveranstal- tungen hat nach dem hergebrachten be- währten Grundsatz „olympischer Friede“ zu herrschen.

ERHART-J. HOFSTETTER, RASTATT (BAD.-WÜRTT.)

Die beiden letzten Berichte über Aser- baidschan sind nicht hilfreich für die Völ- kerverständigung im Sinne von Willy Brandt, Helmut Kohl und Johannes Rau. Der berühmte erhobene deutsche Zeige- finger wird von den Menschen in Aser- baidschan als Beleidigung der langen Freundschaft zwischen Deutschland und Aserbaidschan verstanden. Es kommt eben doch darauf an, wie man etwas sagt und wann und wo man es schreibt. Ich war gerade in Baku auf Arbeitsbesuch an der Technischen Universität; Aserbai- dschan ist ein herrliches Land mit wun- derbaren Menschen.

PROF. EGON HASSEL, ROSTOCK

Nr. 18/2012, SPIEGEL-Gespräch mit Herbert Feuerstein und Manuel Andrack

„Pur le meriteee“

Sicherlich ist Harald Schmidt narzisstisch. Und sicherlich macht er seit längerem ei- nen ausgeleierten Eindruck. Die Kritik der beiden Komparsen Feuerstein (zweit- klassig) und Andrack (drittklassig, wenn überhaupt) spiegelt jedoch Missgunst und

Korrekturen

zu Heft 18/2012 Seite 131, „Jahrhunderte zu früh“:

Auf dem El-Greco-Bild „Die Öffnung des fünften Siegels“ ist nicht Johan- nes der Täufer, sondern Johannes der Evangelist zu sehen.

zu Heft 19/2012 Seite 98, „Ich bin nicht frei“: Im In- terview mit Chen Guangcheng wird der chinesische Dissident zu seiner Flucht mit dem Satz zitiert: „Ein Wächter hat mir geholfen.“ Diese Wiedergabe aus dem Chinesischen ist nicht korrekt, richtig muss es hei- ßen: „Der Himmel hat mir geholfen“, wie es Chen in dem Interview zuvor auch an anderer Stelle formuliert.

auch eine gehörige Portion Charakter- losigkeit wider. Ich erinnere mich an eine symbolische Ordensverleihung, bei der Herr Andrack Mitarbeitern den „pur le meriteee“ (phonetisch) verlieh und, Gott sei Dank, Schmidt sogleich ironisch nach- fragte: „Den was?“ Das ist der Unter- schied zwischen Feuerstein und Andrack einerseits und Schmidt andererseits. Ich glaube, diese beiden Nachtreter haben Schmidt schon damals lustlos-faul ge- macht.

WERNER FREIBERG, HAMBURG

Der große SPIEGEL lässt sich auf eine läppische, weil kleine Schlammschlacht ein. Er lädt zwei hiesige TV-Minimalisten zu einem Gespräch, um diese obszön auf ihren Ex-Boss Harald Schmidt eindre- schen zu lassen. Wieso lässt sich der SPIE- GEL auf solch einen Mist ein?

DIETER SCHMIDT, BAD ZWISCHENAHN (NIEDERS.)

Das Ende der „Harald Schmidt Show“ ist ein Verlust der Extraklasse. Einen Harald Schmidt misst man nicht an Quoten! Viel- leicht sind seine Fans in die Jahre gekom- men und der Sendeplatz war einfach zu spät?

CHRIS DASCH, OTTERSTADT (RHLD.-PF.)

war einfach zu spät? CHRIS DASCH, OTTERSTADT (RHLD.-PF.) Entertainer Schmidt 1996 Feuerstein und Andrack sollten mal

Entertainer Schmidt 1996

Feuerstein und Andrack sollten mal ihre Füße ruhig halten, sie sonnen sich schließ- lich in dem Ruhm, den sie vor allem dem kreativen Harald Schmidt verdanken.

ERIK SCHNEIDER, FRANKFURT AM MAIN

Unvergessen nach der Verleihung des Grimme-Preises für Harald Schmidt war die Fassungslosigkeit des Redaktionslei- ters und „kick side“-Würstchens Manuel Andrack, der gar nicht verstehen wollte, dass er nicht mit Schmidt auf dem Podium stand. Wollte er damals mit ihm auf einer Stufe stehen, putzt er ihn nun auf arm- selige Weise herunter.

HANS-JOACHIM BISKUP, MÖNCHENGLADBACH

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:

leserbriefe@spiegel.de

DER

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Panorama

Deutschland

JOCHEN ZICK / ACTION PRESS

MICHAEL SOHN / AP

Kindertagesstätte in Berlin
Kindertagesstätte in Berlin

BETREUUNGSGELD

Merkels Kita-Offensive

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will den monatelangen unionsinternen Streit um das Betreuungsgeld mit einem neuen Kompromissangebot befrieden und das umstrittene Projekt so noch vor der Sommerpause durch den Bundestag bringen. Die Kanzlerin möchte, flankierend zum Betreu- ungsgeld, auch den Ausbau der Kitas beschleunigen und da- für unter Umständen auch zusätzliches Geld zur Verfügung stellen. Vor allem die Auseinandersetzung mit der Schwes- terpartei war zuletzt rauer geworden. So hatten CSU-Politi- ker damit gedroht, die Teilnahme am Koalitionsausschuss auszusetzen, bis ihre Forderung beim Betreuungsgeld er- füllt wird. Parteichef Horst Seehofer war am vergangenen Donnerstag sogar der traditionellen Kaminrunde mit der Kanzlerin ferngeblieben. In der Unionsfraktion wehrt sich vor allem die Gruppe der Frauen gegen das Betreuungsgeld und argumentiert, die rund 1,2 Milliarden Euro ab 2014 wä- ren besser investiert, wenn man sie in den Ausbau von Kin- dertagesstätten steckte. In der CDU gilt es als nicht vermit-

telbar, wenn zum 1. Januar 2013 das Betreuungsgeld käme, gleichzeitig aber der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz nicht erfüllt werde. Im Berliner Familienministerium sind die Arbeiten an dem Gesetz für das Betreuungsgeld bis auf die strittigen Punkte abgeschlossen. Nach den neuesten Pla- nungen soll es am 6. Juni ins Kabinett eingebracht und Ende Juni vom Bundestag verabschiedet werden. Ein Sommer- theater um das Thema will Merkel so vermeiden. Ihr Plan hat jedoch Tücken. Zum einen ist unklar, ob Bundesfinanz- minister Wolfgang Schäuble (CDU) zusätzliches Geld bereit-

stellt. Zum anderen ist auch die FDP bislang für ein derarti- ges Kompensationsgeschäft nicht of- fen. Aus der CSU kommen indes erst- mals Entspannungssignale. So halten es christsoziale Politiker für denkbar, die Auszahlung des Geldes, wie von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) vorgeschlagen, an den regel- mäßigen Besuch von Vorsorgeunter- suchungen beim Kinderarzt zu knüp- fen. „Da können wir den Kritikern in der CDU entgegenkommen“, sagt Stefan Müller, Parlamentarischer Ge-

sagt Stefan Müller, Parlamentarischer Ge- Merkel schäftsführer der CSU-Landesgruppe. SPD Ruf nach

Merkel

schäftsführer der CSU-Landesgruppe.

SPD

Ruf nach klarer Kante

In der SPD verschärfen sich die Forde- rungen nach einem härteren Opposi- tionskurs gegenüber der Bundesregie- rung. In einem Antrag für den Partei- konvent Mitte Juni verlangen die Jusos, den Fiskalpakt in seiner jetzi- gen Form abzulehnen. „Die darin an- gelegte fiskalpolitische Koordinierung

ist der falsche Weg“, heißt es in dem Papier. So fordern die Jusos eine „Be- schäftigungsgarantie für junge Men- schen“, eine „Finanztransaktionsteuer, eine Mindestbesteuerung von Unter- nehmen sowie hoher Vermögen“. Da- mit verstärkt sich der Druck auf den Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier. Mit dessen europapolitischem Kurs der Kooperati- on gegenüber der schwarz-gelben Re- gierung sind weite Teile der Partei seit längerem unzufrieden. In der vergan-

genen Woche hatte sich dieser Unmut entladen, als die Fraktion gegen Stein- meiers Votum beschloss, das Mandat zur Anti-Piraterie-Mission Atalanta im Bundestag abzulehnen. Nun erwartet die Partei Nachbesserungen beim um- strittenen Fiskalpakt. „Es geht nicht um ein oder zwei Dreingaben oder ir- gendwelche Ankündigungen“, sagt Klaus Barthel, Chef der Arbeitsge- meinschaft für Arbeitnehmerfragen. Stattdessen müsse es einen „Richtungs- wechsel“ geben.

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SPIEGEL

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Panorama

MICHAEL MCKEE / EPD

KATHOLIKEN

Heilung eines „schmerzenden Bruchs“

In Rom steht die Entscheidung des Papstes über die Wieder- aufnahme der Piusbrüder in die katholische Kirche weiterhin aus. Mitte dieser Woche wollen die zuständigen Kardinäle der Glaubenskongregation bei ihrer Zusammenkunft aber über einen Vereinigungsvorschlag entscheiden, den sie dann Papst Benedikt XVI. zukommen lassen. Der deutsche Papst, heißt es, könnte noch Ende Mai seine Entscheidung bekannt- geben. Sein Pressesprecher Federico Lombardi hat zudem in seiner TV-Kolumne verraten, dass unter den Prioritäten des Papstes in diesem Jahr an erster Stelle stehe: „Der Dialog mit der Priesterbruderschaft Pius X.“ solle, so Radio Vatikan, „erfolgreich abgeschlossen und so ein schmerzender Bruch überwunden werden“. Allerdings ist unter den vier Bischöfen der Bruderschaft angesichts der bevorstehenden Einigung ein heftiger Streit ausgebrochen. Vor allem der als Holo- caust-Leugner bekannt gewordene britische Bischof Richard Williamson zeigt sich kompromisslos gegenüber dem Vatikan und will die Rückkehr der Bruderschaft in die römische Kir- che verhindern. Die Mehrheit der Gemeinschaft unterstützt jedoch den Kurs ihres Chefs, Bischof Bernard Fellay. Der verfasste gerade erst einen Brandbrief, in dem er Williamson

Gottesdienst der Piusbruderschaft

wie alle Piusbischöfe auffordert, nicht länger abseits zu ste- hen, das Angebot des Papstes nicht auszuschlagen und nicht länger in der Position von Sektierern und Kirchenspaltern zu verharren.

FAHNDER QUERSCHNITT Abhören schwierig Ohne Abschluss kein Job Deutschland steht mit einer Jugendarbeitslosigkeit
FAHNDER
QUERSCHNITT
Abhören schwierig
Ohne Abschluss
kein Job
Deutschland steht mit einer
Jugendarbeitslosigkeit von
7,9 Prozent im europäi-
schen Vergleich gut da.
Regional zeigen sich jedoch
große Unterschiede. Die
strukturschwachen Re-
gionen Ostdeutschlands mit
hoher Jugendarbeitslosig-
keit weisen auch die höchs-
ten Anteile an Schul-
abbrechern auf.
Quellen: BfA,
Statistisches
Bundesamt
Schulabbrecher
15 und mehr
Anteil an allen
Schulabgängern
in Prozent, 2010
10 bis unter 15
bis unter 10
7
4
bis unter 7
unter 4
Jugendarbeitslosigkeit April 2012
Quote der 15- bis 24-Jährigen in Prozent
unter 2
2 bis unter 5
5 bis unter 8
8 bis unter 11
11 und mehr
Experten des Bundeskriminalamts
(BKA) scheitern bislang an der Entwick-
lung einer Software, mit der verschlüs-
selte E-Mails und Internet-Telefondiens-
te wie Skype überwacht werden kön-
nen. Ein solches Programm wird in der
Regel als versteckter Anhang einer E-
Mail auf den Rechner eines Verdächti-
gen geschmuggelt und deshalb auch
Staatstrojaner genannt. Jahrelang be-
nutzten die Behörden Software priva-
ter Hersteller, die mehr konnten, als er-
laubt war. Als im vergangenen Herbst
herauskam, dass ein bayerischer Fahn-
der Bildschirminhalte kopiert hatte,
war vorerst Schluss mit dem Einsatz.
Das BKA bekam den Auftrag, eine
Software zur sogenannten Quellen-Te-
lekommunikationsüberwachung zu ent-
wickeln, die nur das kann, was zulässig
ist. Vor Vertretern aus Bund und Län-
dern musste das BKA jetzt einräumen,
dass es mit der Aufgabe offenbar über-
fordert ist. Bis ein entsprechendes Pro-
gramm zur Verfügung steht, können
Verdächtige wohl weiterhin abhör-
sicher per Internet kommunizieren.
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DER
SPIEGEL
20/2012

Deutschland

UWE LEIN / DAPD

NIGEL TREBLIN / DAPD / DDP IMAGES

IMAGO

UNION

Seehofer mahnt Merkel

In CDU und CSU verschärft sich der Streit um das Profil der Unionsparteien. Nach dem zuletzt schwachen Abschnei- den der CDU bei Landtagswahlen ver- langt CSU-Chef Horst Seehofer von Kanzlerin Angela Merkel eine ent- schlossenere Regierungspolitik. „Ich habe immer auf das Wiedererstarken der FDP gesetzt“, sagt Seehofer. „Das allein nutzt aber nichts, wenn die Uni- on im Bund in ihren Ergebnissen mehr bei 30 als bei 40 Prozent liegt“, so der bayerische Ministerpräsident. Seehofer fordert, dass die Union bei Themen wie dem Betreuungsgeld oder der Vorrats- datenspeicherung „klares Profil“ zei- gen müsse. Auch etliche CDU-Politiker sind angesichts des Abschneidens der CDU zum Beispiel bei der Landtags- wahl in Schleswig-Holstein enttäuscht. Wenn die CDU dort in absoluten Zah- len fast hunderttausend Wähler verlie- re, könne man nicht einfach zur Tages- ordnung übergehen, beschwerte sich der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn am vergangenen Montag im Unions- fraktionsvorstand. Der thüringische

Fraktionschef Mike Mohring bemängel- te die strategische Ausrichtung der Bun- despartei. „Wir dürfen nicht auf die Große Koalition als einzige Machtopti- on setzen. Dann ist die CDU der SPD ausgeliefert“, sagte Mohring. In Berlin trafen sich am vergangenen Freitag die Spitzen des konservativen Berliner Kreises, um über Auswege zu beraten. „Wir können uns nicht allein auf die Popularität der Kanzlerin in der Euro- Krise verlassen“, sagt Thomas Bareiß, CDU-Abgeordneter und Mitglied des Kreises. „Unsere Politik kann nicht nur auf diesem einen Pfeiler beruhen.“

Politik kann nicht nur auf diesem einen Pfeiler beruhen.“ Seehofer Neonazi-Aufmarsch in Hannover PARTEI EN

Seehofer

Neonazi-Aufmarsch in Hannover
Neonazi-Aufmarsch in Hannover

PARTEI EN

„Rechtlich kaum durchzuhalten“

in Hannover PARTEI EN „Rechtlich kaum durchzuhalten“ Der Düsseldorfer Parteien- rechtsexperte Martin Mor- lok,

Der Düsseldorfer Parteien- rechtsexperte Martin Mor- lok, 63, über die Hürden der Europäischen Men- schenrechtskonvention für ein NPD-Verbot

SPIEGEL: Die NPD hat unlängst an- gekündigt, sie werde gegen ein mög- liches Verbot vor dem Europäischen

Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg klagen. Hätte sie dort Chancen? Morlok: Auf jeden Fall, denn in Straß- burg sind die rechtlichen Vorausset- zungen für ein Parteienverbot deutlich strenger. Das Bundesverfassungsge- richt will möglichen Gefahren schon weit im Vorfeld begegnen, nach Straß- burger Recht muss die Gefahr aber be- reits vorliegen. SPIEGEL: Und das wäre bei der NPD nicht der Fall? Morlok: Der Menschenrechtsgerichtshof fragt, ob eine extremistische Partei nach ihren bisherigen Wahlergebnis- sen tatsächlich kurz davor steht, die Macht zu erlangen – und davon ist die NPD weit entfernt. Eine andere Vari- ante wäre noch, dass die Partei von sich aus terroristische Aktivitäten un- terstützt. Aber nach allem, was man bislang liest und hört, lässt sich das so nicht hinreichend belegen. SPIEGEL: Könnte man in Deutschland einen anderslautenden Straßburger Spruch ignorieren? Morlok: Das wäre rechtlich kaum durchzuhalten. Auch das Bundesver- fassungsgericht müsste bei seiner Ent- scheidung die Straßburger Vorgaben bereits mitberücksichtigen.

DER

SPIEGEL

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Deutschland

Panorama

SEIDEL / DPA THOMAS HÄFLER / INTERFOTOCAROLINE

Abzug der napoleonischen Armee aus Russland, Illustration von 1894
Abzug der napoleonischen Armee aus Russland, Illustration von 1894

Hals über Kopf

MILITÄR: Die Kunst des Rückzugs aus Kriegsgebieten

Als General Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz 1831 in Breslau starb, hin- terließ er der Nachwelt allerlei Weis- heiten. Den Krieg betreffend. Er selbst hatte reichlich Erfahrung an verschiedenen Fronten gesammelt, etwa in der legendären Schlacht bei Waterloo. Irgendwann hat er sich hin- gesetzt und aufgeschrieben, was ihm an Taktik, Strategie und Manövern so untergekommen war. Eine Erkenntnis:

„Nichts ist schwerer als der Rückzug aus einer unhaltbaren Position.“ Das gilt vor allem, wenn das Einsatzgebiet

Tausende Kilometer entfernt in frem- den Ländern liegt. Etwa in Afghani- stan. Bis Ende 2014 will die Bundes- wehr ihre Truppen von dort abziehen. Alle 4700 Soldaten sollen nach Hause gebracht werden, ebenso rund 1700 Fahrzeuge – vom Geländewagen bis zum Schützenpanzer. Hinzu kommen Waffen, Munition, Ausrüstung, Strom- aggregate, Möbel und anderer Haus- rat. Was man im Feldlager eben so braucht. Eine gewaltige logistische Aufgabe erwartet die Deutschen und die Truppen jener anderen Länder,

die dort militärisch aktiv sind. Wie das alles funktionieren soll, weiß noch niemand so recht. Zu allem Übel befindet man sich ja nun auch wahrlich nicht in Freundesland. Die Grenzübergänge zu Pakistan sind oft geschlossen, Lkw-Transporte müssen aufwendig geschützt werden, Luft- fracht ist extrem teuer. Und nicht zu- letzt gilt es, noch dem letzten Abzugs- helfer Feuerschutz zu gewähren. Was da alles schiefgehen kann, haben die Engländer leidvoll erfahren, als sie dereinst ihr erstes afghanisches Aben- teuer beenden mussten. Die Kunst des Rückzugs beherrscht eben nicht jeder, und die Weltgeschichte ist reich an Beispielen erbärmlichen Schei- terns. Nicht erst seit Napoleon 1812 Hals über Kopf im russischen Winter fliehen musste und Zigtausende Men- schen dabei ihr Leben verloren. Pro- fessionell gingen hingegen die kriegs- erfahrenen USA vor, als sie 2011 aus dem Irak abzogen. Sie ließen (militä- risch nicht relevante) Geräte und Ma- terial im Wert von rund 700 Millionen Dollar zurück, weil der Abtransport zu teuer gekommen wäre. Da tut sich ein Ausweg für die Deut- schen am Hindukusch auf: Sie jagen ihren äußerst kostspielig zu transpor- tierenden Krempel vor Ort in die Luft und lassen, was an Operationstischen, mobilen Toiletten und Kaffeetassen übrig bleibt, dem geschundenen Land als letzten Aufbaugruß zurück. Für Fiskalpolitiker eine simple Rechenauf- gabe. Beim Einmarsch zählt niemand das Kanonengeld. Beim Rückzug schon. Hat Clausewitz nicht gesagt. Stimmt aber trotzdem.

DIE

LINKE

Partei vor Spaltung?

Der Konflikt über das künftige Füh- rungspersonal droht die Partei Die Lin- ke wieder in Ost und West zu spalten. Am Montag treffen sich sämtliche Lan- desvorsitzenden in Berlin zu einer Kri- sensitzung. Eine Einigung zwischen den Konkurrenten Dietmar Bartsch und Oskar Lafontaine um den Partei- vorsitz ist vorerst gescheitert. Lafon- taine, heißt es aus der Führungsspitze, wolle sein eigenes Personaltableau dik- tieren und seine Kandidatur von der Zustimmung der Partei zu seinen Vor- schlägen abhängig machen. Im Ostteil der Partei ist indes der Unmut gewach- sen über Lafontaines monatelanges

Taktieren; er habe „das Spiel überreizt und der Partei geschadet“, heißt es aus dem Vorstand. Als einzige tragfähige Konstruktion, die der kriselnden Par- tei noch über die Bundestagswahl 2013 helfen könne, gilt eine Doppelspitze aus Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Ansonsten drohe wieder ein Zerfall in Ost und West. Wagenknecht habe eine Zusammenarbeit mit Bartsch bisher aber abgelehnt.

habe eine Zusammenarbeit mit Bartsch bisher aber abgelehnt. Lafontaine SCHLESWIG-HOLSTEIN Stegner live Der Versuch des

Lafontaine

SCHLESWIG-HOLSTEIN

Stegner live

Der Versuch des schleswig-holsteini- schen SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner, ein diskretes Gespräch mit der Piraten- partei zu führen, gestaltet sich schwie- rig. Stegner möchte die Parlamentsneu- linge dafür gewinnen, den Sozialdemo- kraten Torsten Albig mit zum Minister- präsidenten zu wählen. Piraten-Spitzen- kandidat Torge Schmidt hat Stegner nun für diesen Dienstag in den proviso- rischen Besprechungsraum der Piraten im Landtag eingeladen – etwaige Hoff- nungen auf vertrauliche Abmachungen allerdings im Keim erstickt: Das Treffen werde für jeden live per Audiostream im Internet zu verfolgen sein.

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DER

SPIEGEL

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MILOS BICANSKI / GETTY IMAGES

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Titel

Abschied vom Euro

Nach der jüngsten Wutwahl sucht Europa nach einem Plan B für Griechenland. Die bisherige Rettungspolitik ist gescheitert. Die Einsicht wächst, dass Athen die Währungsunion verlassen sollte.

DER

SPIEGEL

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356 330 Geplagte Griechen 300 Staatsverschuldung in Milliarden Euro 263 239 210 210 203 196
356
330
Geplagte
Griechen
300
Staatsverschuldung
in Milliarden Euro
263
239
210
210
203
196
Bruttoinlandsprodukt
in Milliarden Euro, real
182
17,7
Arbeitslosigkeit
in Prozent
12,6
9,5
8,3
7,7
2007
2008
2009
2010
2011

Quelle: EU-Kommission

Demonstration in Athen

DER

SPIEGEL

20/2012

E s gibt vieles, was Alexis Tsipras an Deutschland gefällt. Der Vorsitzen- de der griechischen Syriza-Partei

fährt morgens mit einem BMW-Motorrad ins Parlament, der deutsche Oberlinke Oskar Lafontaine zählt zu seinen politi- schen Verbündeten, und wenn es um die tägliche Arbeit geht, attestieren ihm seine Mitarbeiter einen Hang zu preußischer Perfektion. Tsipras könnte als Freund der Deut- schen durchgehen, gäbe es da nicht die Kanzlerin. Angela Merkel wird in grie- chischen Magazinen gern in Nazi-Uni- form dargestellt, weil sie dem Rest Euro- pas ihre Vorliebe für ausgeglichene Staats-

haushalte, fürs Kürzen, Streichen und Verschlanken aufdrängt. Die Griechen, sagt Tsipras, wollen „Schluss machen“ mit den Vorgaben der Deutschen und ih- rer „brutalen Sparpolitik“. Tsipras ist der neue Star in Athen. Während sich die korrupten Altparteien des Landes tagelang abmühten, eine neue Regierung zu bilden, beherrscht der smar- te Nachwuchspolitiker mit seiner wil- den Sammlungsbewegung aus Trotzkis- ten, Anarchos und Linkssozialisten die Schlagzeilen. Bei den jüngsten Wahlen ist die Partei zur zweitstärksten politischen Kraft des Landes aufgestiegen, und das lässt Tsipras seine graugesichtigen Gegner aus dem al- ten Griechenland spüren. Umringt von Kameras und Mikrofonen stand er am vergangenen Dienstag im Athener Regie- rungsviertel, setzte sein breites Gewin- nerlächeln auf und forderte die beiden Traditionsparteien Pasok und Nea Dimo- kratia auf, mit einem Brief „an die EU- Führung“ alle internationalen Kreditver- träge zu kündigen. Tsipras weiß, was viele Griechen den- ken. Ende vergangener Woche stiegen seine Umfragewerte auf die neue Rekord- marke von fast 28 Prozent. Zwei Jahre nachdem die Athener Re- gierung in Brüssel die ersten Hilfskredite beantragt hat, erreicht die Währungskrise einen Wendepunkt. Rund 240 Milliarden Euro haben Europa und die Weltgemein- schaft in den Balkanstaat gepumpt, Be- amte wurden entlassen und die Renten gekürzt, ein Sanierungsprogramm nach dem nächsten verabschiedet. Doch obwohl das Land faktisch von EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds regiert wird, ist die Ver- schuldung höher denn je, die Rezession verschärft sich, und die politischen Lage chaotisiert sich, Neuwahlen werden im- mer wahrscheinlicher. Im Berliner Kanzleramt fühlen sich Merkels Berater durch die Fernsehbilder aus Athen inzwischen an Weimarer Ver- hältnisse erinnert. Was den Deutschen die angebliche „Schande“ des Versailler Friedensvertrags war, scheint den Grie- chen nun das Spardiktat aus Brüssel zu

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JOHN KOLESIDIS / REUTERS

sein. Und wie in den zwanziger Jahren in Deutschland profitieren davon rechte und linke Randparteien. Das politische System des Landes löst sich auf, und man- che Beobachter befürchten sogar, dass die zugespitzte Lage am Ende in einen Militärputsch münden könnte. Seit Jahren liegt Griechenland nun schon auf der Intensivstation, doch der Patient wird nicht gesund, sondern immer kränker und kränker. In einer vertrauli- chen Analyse kommen die Experten des IWF zu einem vernichtenden Urteil. Das Land habe nur „eine kleine industrielle Basis“, sei von „strukturellen Verkrustun- gen“ und einer „zu großen Rolle des öf- fentlichen Sektors“ geprägt. Inzwischen ist es an der Zeit, die The- rapie zu überdenken. Die Griechen wa- ren nie reif für die Währungsunion, und sie sind es bis heute nicht. Der Versuch, das Land durch Reformen nachträglich fit zu machen, ist gescheitert. Niemand kann die Griechen zwingen, den Euro aufzugeben. Doch inzwischen ist klar, dass der Austritt auch in ihrem eigenen Interesse läge. Es geht nicht darum, die Griechen fal- lenzulassen. Griechenland ist und bleibt ein wichtiger Teil Europas. Scheidet Grie- chenland aus dem Euro aus, werden die sozialen, politischen und ökonomischen Folgen enorm sein. Vor allem für die Griechen, aber auch für den Rest Euro- pas. Die Solidarität des Kontinents ist nicht an den Euro gebunden, und deshalb werden die anderen europäischen Staaten weiter mit gewaltigen Summen helfen müssen. Aber nur ein Ausscheiden Griechen- lands aus der Euro-Zone eröffnet dem Land langfristig eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen. Die Griechen hätten wieder ihr eigenes Geld, das sie abwerten könnten. Dadurch würden alle Einfuhren teurer und alle Ausfuhren billiger. So könnte die griechische Wirt- schaft „wieder konkurrenzfähig“ werden, glaubt nicht nur der amerikanische Öko- nom Kenneth Rogoff. Gleichzeitig wäre der Abschied des Landes vom Euro ein starkes Signal an die anderen Pleite-Länder: Europa lässt sich nicht erpressen. Denn der griechi- sche Populist Tsipras formuliert nur An- sichten, die in großen Teilen des Athener Establishments weit verbreitet sind – dass die Europäer am Ende schon einknicken und zahlen werden, weil sie eine Pleite Griechenlands ähnlich fürchten wie die Menschen im Mittelalter die Schwarze Pest. Wenn die Euro-Länder nachgeben, wird auch in den anderen Krisenstaaten der Reformdruck nachlassen. Dann wer- den die Schulden weiter steigen, die An- leger werden aus dem Euro flüchten – und die ganze Währungsunion könnte auseinanderbrechen.

Titel

Linkspopulist Tsipras
Linkspopulist Tsipras

Der Ausstieg eines Mitglieds ist in den Regularien der Währungsunion zwar nicht vorgesehen, die Euro-Länder können ihn nicht erzwingen. Doch was bleibt den Griechen anderes übrig, wenn die Euro- päer wirklich hart bleiben und darauf be- stehen, dass Griechenland alle Bedingun- gen für weitere Hilfen erfüllt? Das Ausscheiden Griechenlands könn- te am Ende nur das Ergebnis von Ver- handlungen sein – und der Einsicht, dass das Land so seine nationale Würde wie- dergewinnt. Hielte es um jeden Preis am Euro fest, bliebe es für Jahrzehnte von der internationalen Gemeinschaft abhän- gig. Mit einer eigenen Währung könnte das Land dagegen selbst über sein Schick- sal entscheiden. Das wäre die Voraussetzung für jenen politischen Neuanfang, den die Reformer des Landes für unausweichlich halten, Männer wie Gikas Hardouvelis, 56, bei- spielsweise, der Chefberater von Über- gangspremier Loukas Papademos. Seine Aufgabe war einfach beschrie- ben, aber schwer zu erfüllen: Er sollte dafür sorgen, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt. Seit Ende November hat er das vielleicht schönste Büro im Land. Die Villa Maximos ist der herr- schaftlichen Dienstsitz des Premierminis- ters neben den Nationalgärten. Seitdem hatte der Ökonom allerdings auch eine Mission, für die das Wörtchen „unmöglich“ durchaus angemessen ist. Er sollte einen Staat auf Trab bringen, der komplett heruntergewirtschaftet ist. Bis vergangenen Sommer war nicht einmal bekannt, wie viele Angestellte der Staatsapparat hat. Geschweige denn, wie viele staatliche Betriebe es gibt, häufig nur gegründet, um die enormen

Ausgaben einzelner Ministerien zu ver- schleiern. Als Hardouvelis mit seiner Arbeit als Chefberater des Premiers begann, sollte der Reformprozess eigentlich bereits in vollem Gang sein. Zuerst zählte er die Gesetze, die nicht nur verabschiedet wurden, sondern auch tatsächlich in Kraft traten. „Sehr, sehr wenige waren das“, er- innert er sich. Die wirtschaftliche, politische und so- ziale Bilanz, die Gikas Hardouvelis nach zwei Jahren Krise ziehen musste, ist verheerend. Auf nahezu keiner Reform- baustelle kann die Regierung Erfolge vor- weisen. Die Privatisierung von Staatsunterneh- men, die mithelfen sollte, die leere Staats- kasse zu sanieren, hat noch gar nicht rich- tig begonnen. Von den erhofften 50 Mil- liarden Euro bis 2015 kamen bislang nur 1,6 Milliarden Euro zusammen. Vor allem der Verkauf von Grundstü- cken stockt. Ein Kataster war den Grie- chen bis vor kurzem völlig unbekannt. Nach weit über zehnjähriger Aufbau- arbeit sind bislang nur sechs Prozent aller Flächen erfasst. Bei der Liberalisierung der verriegel- ten Wirtschaft bewegt sich ebenfalls nichts. Symptomatisch dafür ist das Vor- haben, die Dienstleistungen von Archi- tekten, Anwälten oder Spediteuren für den Wettbewerb zu öffnen. Rund 140 sogenannte geschlossene Berufe gibt es, niemand kann die genaue Zahl nennen. Die Lizenzen für ihre einträglichen Tätigkeiten bekamen sie noch unter der Militärjunta, sie werden von Genera- tion zu Generation vererbt, in der Fa- milie weitergereicht oder für viel Geld verkauft. Für den Erwerb einer Taxi-

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DER

SPIEGEL

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Sozialist Venizelos
Sozialist Venizelos
Kanzlerin Merkel YIORGOS KARAHALIS / REUTERS (M.); JOCK FISTICK / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES (R.)
Kanzlerin Merkel
YIORGOS KARAHALIS / REUTERS (M.); JOCK FISTICK / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES (R.)
Massive Hilfen EU- und internationale Unterstützung für Griechenland bis 2014 Finanzhilfen; erstes und zweites
Massive Hilfen
EU- und internationale Unterstützung
für Griechenland bis 2014
Finanzhilfen;
erstes und zweites
Rettungspaket
von Euro-Ländern
und IWF
Quelle:
Abschreibungen
EU-Kommission
des Privatsektors
240 Mrd. €
100 Mrd. €
EU-Mittel*
über
40 Mrd. €
gesamt rund 380 Mrd. €
* z. B. aus Struktur-
und Agrarfonds
entspricht
entspricht
33600 €
177% des griechischen
Bruttoinlandsprodukts
pro griechischen Einwohner
saftige Rechnung
Deutsche Haftung im Fall eines kompletten griechischen Zahlungsausfalls, Stand: 11. Mai
Zahlungsbilanzdefizit
Deutsche Haftung für Griechenlands Verbindlichkeiten im Target-2-System der EZB
28,8 Mrd. €
Erstes und zweites Rettungspaket
Von der KfW-Bank und der EFSF bereits ausgezahlte Kredite und Bankenhilfen
Anteil an den Zahlungen des IWF
26,4 Mrd. €
1,3 Mrd. €
Anteil an den Aufkäufen griechischer Staatsanleihen durch die EZB
9,0 Mrd. €
Gesamt
65,5 Mrd. €

lizenz in Athen sind Summen zwischen 100000 und 150000 Euro an der Tages- ordnung. Im Frühsommer 2010 schien damit Schluss. Nach nur wenigen Monaten im Amt verabschiedete die sozialistische Re- gierung ein Gesetz zur Öffnung der ge- schlossenen Berufe. Sie sollten sich künf- tig am Markt dem Wettbewerb stellen. Berufsgruppen wie Apotheker und Taxifahrer reagierten mit Wut und streik- ten, die Transportunternehmer blockier- ten im Frühsommer mit ihren Lastwagen die großen Straßen und brachten das Land – mitten in der Tourismussaison – zum Stillstand. Mit Erfolg. Die Besitzstandswahrer er- pressten Übergangsfristen, Sonderegelun- gen und Ausnahmen. Praktisch sind die Berufe Außenseitern immer noch ver- schlossen. Zudem liegen weiterhin große Teile der Staatsverwaltung in Agonie. Eine der neuen Wunderwaffen, die die EU- Kommission für die europäische Wirt- schaft bereithält, sollte auch in Griechen- land zum Einsatz kommen: sogenannte Projektbonds. Damit können private In- vestitionen in große transeuropäische Infrastrukturprojekte abgesichert wer- den. Doch unter den Bauvorhaben, die die EU-Kommission für die Pilotphase in die- sem und dem nächsten Jahr vorgeschlagen hat, findet sich kein einziges griechisches Projekt. Dabei waren die Brüsseler Beam- ten zunächst guten Willens, auch in Grie- chenland ein schnell realisierbares Vorha- ben zu finden. Immerhin sollen mit dem neuen Förderinstrument in Europa kurz- fristig 4,5 Milliarden Euro für Investitionen mobilisiert werden. Doch die Griechen

DER

SPIEGEL

20/2012

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Titel

mussten passen. Nun sollen die Balten ent- sprechende Hilfen bekommen. Einzig beim Kampf gegen das
mussten passen. Nun sollen die Balten ent-
sprechende Hilfen bekommen.
Einzig beim Kampf gegen das Haus-
haltsdefizit können die Griechen beschei-
dene Fortschritte vorweisen. Die Mehr-
wertsteuer etwa wurde von 19 auf 23 Pro-
zent angehoben, etliche neue Luxussteu-
ern und Sonderabgaben eingeführt, Pen-
sionen um 15 und die Beamtengehälter
um bis zu 30 Prozent oder sogar mehr
zusammengestutzt.
Das Haushaltsdefizit wurde auf diese
Weise um sieben Prozentpunkte ge-
drückt, das ist beachtlich. Weitere Ent-
lastung brachte ein historisch einmaliger
Schuldenschnitt, bei dem 95 Prozent der
Gläubiger auf 75 Prozent ihrer Ansprüche
verzichteten. Dennoch blieb der Erfolg
des Kreditabbaus bescheiden. Trotz Gläu-
bigerbeteiligung leidet das Land weiter
unter einer Schuldenlast von 160 Prozent
des BIP, die das Land auf Dauer zu er-
drosseln droht.
Erschwerend kommt hinzu, dass die
etablierte Klasse der Herrschenden kein
Interesse am Gelingen der Reformen hat.
Für Vorhaben, die die Vertreter aus
EU-Kommission, Europäischer Zentral-
bank und Internationalem Währungs-
fonds (IWF), die sogenannte Troika,
forderte, wurden Gesetze erlassen, die
nicht funktionieren konnten. „Weil die
zuständigen Minister nicht wollten, dass
sie funktionieren“, sagt Berater Hardou-
velis.
Ganz offensichtlich hätten Mitglieder
der früheren Regierung die Troika aus-
getrickst. Wertvolle Zeit ging verloren.
„Die haben gedacht, die Party wird schon
wieder weitergehen“, sagt er. Und so hät-
ten sie sich auch benommen.
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des
griechischen Staats, dass es zwar 32 Ge-
setze zur Deregulierung gibt, aber keine
Deregulierung. Griechenland belegt regel-
mäßig hintere Plätze des Doing-Business-
Index der Weltbank. Daran hat bisher
weder die Troika etwas geändert noch die
Einsatztruppe vor Ort, die EU-Taskforce
für Griechenland, die helfen soll, die Re-
formen auch wirklich umzusetzen.
Meist seien es die Minister, die die Wen-
de zum Besseren verhinderten, monieren
etwa Beamte aus dem Innenministerium.
„Bei der Verwaltungsreform müssen wir
gegen den eigenen Chef kämpfen“, heißt
es da. Vom Verwaltungsminister wird die
Anekdote kolportiert, er habe dem Um-
weltminister geraten, den Vorschlägen der
Troika zwar zuzustimmen, diese dann
aber nicht umzusetzen.
Es gibt viele solcher Beispiele, die in-
ternationalen Gesandten und die Helfer
der EU-Taskforce kennen sie, genauso
wie die Beamten in den Ministerien, die
wirklich etwas ändern wollen und am al-
ten System verzweifeln.
Der Reformwille der meisten Politiker
sei sehr begrenzt, sagt Chefberater Har-
Suppenküche in Athen: Politik des Sparens und Streichens
douvelis. Veränderungsbereitschaft zeige
vor allem die Bevölkerung. „Die Grie-
chen wollen, dass ihr Staat funktioniert,
dass er gerechter wird“, sagt er. Leider
hat Griechenland in Loukas Papademos
eine Zeitlang zwar einen Technokraten
als Premier bekommen, aber anders als
etwa in Italien sind die Ministerposten
beim altbekannten Personal geblieben.
Bei den Politikern.
Kein Wunder, dass der Reformkurs von
EU und IWF bislang gescheitert ist,
schließlich lief er nach der Melodie: Die
Verursacher der Misere werden beauf-
tragt, die Krise zu beseitigen.
So etwas lässt sich einem zutiefst fru-
strierten Volk schlecht nahebringen: Die
Bürger sollen sich ändern, sollen mehr
Steuern zahlen und weniger Gehalt be-
kommen, aber die politische Klasse darf
an den Schlüsselpositionen weiter schal-
ten und walten wie zuvor.
Die Politik des Sparens und Strei-
chens hat einen hohen Preis. Heimische
Nachfrage bricht weg, die Wirtschaft
schrumpft, neue Löcher tun sich im Etat
auf, es muss weiter gekürzt werden. Die
Folge ist eine Abwärtsspirale, aus der sich
das Land aus eigener Kraft nicht befreien
kann.
Griechenland befindet sich mittlerweile
im fünften Jahr der Rezession, die Wirt-
schaftsleistung schrumpfte um ein Fünf-
tel, die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 22
Ungleicher Handel
Griechenlands Im- und Exporte 2011
IMPORT
67,7 Mrd. €
EXPORT
51,7 Mrd. €
Dienst-
Dienst-
Waren
80 %
20 %
leistungen
Waren
50 % 50 %
leistungen
Hauptsächlich Einfuhr von Fahrzeugen,
Schiffen, Maschinen und Öl.
Selbst bei Nahrungsmitteln ist
Griechenland noch Nettoimporteur.
Vor allem Transportdienstleistungen
und Reiseverkehr – Bereiche, die
besonders konjunkturabhängig sind.
Beim Tourismus steht das Land in harter
Konkurrenz zum Nachbarn Türkei.
Quelle: EU-Kommission
JOHN KOLESIDIS / REUTERS

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SPIEGEL

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GETTY IMAGES Griechische Insel Santorini: Vielen Ausländern ist der Urlaub zu teuer Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit

Griechische Insel Santorini: Vielen Ausländern ist der Urlaub zu teuer

Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei mehr als 53 Prozent. Zwischen März 2008 und März 2011 ist die Zahl der Arbeitslo- sen um 95 Prozent gestiegen. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit gibt es in Griechenland mehr Joblose als Erwerbstätige. Der Mindestlohn wurde gekürzt auf 585 Euro, für junge Arbeit- nehmer gibt es noch weniger, 490 Euro. Das Arbeitslosengeld wurde von 461 Euro auf 358 Euro reduziert, es wird ein Jahr lang ausgezahlt, danach gibt es keine Unterstützung mehr. Gleichzeitig werden immer neue Steuern erhoben. Zum Beispiel die sogenannte Charatzi, eine Sonderabgabe auf Immobilien, die über die Stromrechnung eingetrieben wird. Und trotzdem, so zeigen Analysen des IWF, liegen die griechischen Verdienste teilweise deutlich über den Löhnen in Portugal oder benachbarten Balkanstaa- ten wie Bulgarien und Rumänien. Nichts bewegt sich und wenn, dann abwärts. Der Wahlerfolg der kleineren, radikaleren Parteien ist deshalb nicht nur ein Votum gegen die verhasste Spar- politik, gegen die sogenannten Memo- randen, wie die Kreditvereinbarungen mit den Geldgebern in Griechenland heißen. Es ist vor allem ein Votum gegen die bisher herrschende Klasse, die ihre Macht so lange so schamlos ausgenutzt hat. Radikale Parteien erhielten mehr als 42 Prozent der Stimmen – das zeigt, wie sehr die etablierten Parteien bei den Griechen an Vertrauen eingebüßt haben.

Viele Jahre haben diese mal die Pasok und mal die Nea Dimokratia gewählt, jetzt erwarten sie nichts mehr von den Versprechungen. Alexis Tsipras hat vor allem in den großen Städten Stimmen ge- wonnen. Die Griechen haben ihr Polit-Establish- ment satt, das mit der Gewissheit lebt, der Staat sei vor allem dazu da, sich zu bereichern und die eigene Einflusssphäre zu vergrößern. Die beiden Kandidaten der großen Par- teien, der Konservative Antonis Samaras, 60, und der Sozialist Evangelos Venizelos, 55, gehören zu diesem Establishment. Seit Jahrzehnten sind die beiden Be- rufspolitiker – eine Bezeichnung, die in Griechenland mittlerweile als Beleidi- gung empfunden wird. Dreimal war Sa- maras Minister, seit 1977 sitzt er im hel- lenischen Parlament. Acht Ressorts hatte Venizelos seit 1990 inne. Samaras’ Wahlkampf war ein aberwit- ziges Schauspiel, die Kampagne war an politischer Fehleinschätzung und Vermes- senheit schwer zu übertreffen. Allen Um- fragen zum Trotz propagierte er die Al- leinregierung der ND und versprach Wahlgeschenke, die es durchaus mit de- nen von Tsipras aufnehmen können. „Seine Rhetorik gleicht der aus einem Wahlkampfhandbuch von 1985“, spottete die Zeitung „Kathimerini“. Wie irrlichternd Samaras sich als ND- Chef in den vergangenen zwei Jahren durch die öffentliche Sphäre bewegt, zeigt sich auch daran, dass er es war, der auf die Neuwahlen drängte, die ihm jetzt die-

se Schmach beschert haben – und die sei- ne politische Karriere eher früher als spä- ter beenden werden. Venizelos dagegen, Ex-Finanzminister und eine Art Wappentier der Krise, der dafür zuständig war, endlich die Steuer- flucht der Reichen und Superreichen ein- zuschränken, zeichnet verantwortlich für ein höchst umstrittenes Gesetz, das die Immunität gewöhnlicher Abgeordneter festschreibt. Und damit die Korruption auf höchster politischer Ebene befördert hat. Es ist ein Teufelskreis der griechischen Art. Kaum jemand mag investieren in ei- nem Land, das nicht nur als bankrott, sondern auch als hochgradig korrupt gilt. Das weiß auch Aris Syngros, der seit einem Jahr versucht, sein Land zu ver- kaufen. Syngros, 52, graue Haare, grauer Anzug, lila Einstecktuch mit gelben Punkten, leitet eine Art Büro für Wirt- schaftsförderung, das ans Wirtschaftsmi- nisterium angeschlossen ist. „Invest in Greece“ („Investieren Sie in Griechen- land“) heißt die Devise, das Logo sieht aus wie ein stilisierter Baum mit reichlich Früchten. So besehen ist Syngros der Mann an vorderster Front gegen das schlechte Image Griechenlands als Investitions- standort. Das Land gilt als Alptraum für Unternehmer, in dem sich die Vergabe ei- ner Lizenz über Jahre hinziehen kann. Nun soll alles anders werden. Seit ei- nem Jahr gibt es sogar ein Schnellverfah- ren für Großprojekte. Doch die grie- chischen Behörden mit ihren kafkaesken Strukturen bringen selbst Syngros zuwei- len zur Verzweiflung. Zuletzt dauerte es allein zwei Monate, bis nach der Sitzung des zuständigen Ministerkomitees sämt- liche Unterschriften unter dem Protokoll standen. Zudem finden sich zu wenig Investo- ren. „Sie scheuen das Länderrisiko“, sagt Syngros. Für einen eigens eingerichteten sehr günstigen Kredit der deutschen För- derbank KfW etwa gab es bislang gerade einmal einen Interessenten. Für Syngros wäre der Ausstieg aus dem Euro ein Alptraum. Doch so wie bisher kann es nicht weitergehen; unter Fach- leuten wächst die Einsicht, dass sich unter den heutigen Bedingungen Auslands- kapital kaum ins Land locken lässt. Ein wirtschaftlicher Neuanfang samt Renais- sance der Drachme dagegen könnte das ändern. Wird die Währung abgewertet, ließen sich griechische Firmen günstiger kaufen und wirtschaftlicher betreiben. Das könn- te die Investitionen ankurbeln, so hoffen die Austritt-Befürworter in Brüssel oder Berlin. Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb inzwischen viele Fachleute einen griechischen Währungsschnitt befürwor- ten. Das Risiko, dass ein Hellenen-Bank-

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PAUL ZINKEN / DAPD

Paartherapie

Angela Merkel und François Hollande sind aufeinander angewiesen.

E s könnte ein paar peinliche Mo- mente geben, wenn sich Fran- çois Hollande und Angela Mer-

kel am Dienstagabend im Kanzleramt zum ersten Mal gegenüberstehen. Zwei Menschen treffen aufeinander, die von nun an aneinandergekettet sein werden, aber in den vergangenen Monaten wie Gegenspieler wirkten. Noch nie war die Stimmung in ei- nem neuen deutsch-französischen Ge- spann so früh derart belastet. Sowohl die Kanzlerin als auch der neue Präsi- dent haben dazu beigetragen. Sie hat sich geweigert, Hollande im Wahl- kampf zu treffen, und sich offen auf die Seite des Verlierers Nicolas Sar- kozy geschlagen. Er hat Wahlkampf gegen den Fiskalpakt gemacht, ihre größte Errungenschaft in Europa.

Hollande zog in den vergangenen Wochen durchs Land, als trete er an, den Kontinent von Merkel zu befrei- en. Gleichzeitig erklärten enge Bera- ter des Sozialisten den Deutschen, Hollande werde den Fiskalpakt nicht wirklich neu verhandeln. Er werde sich mit zusätzlichen Wachstumsmaß- nahmen begnügen. Auf deutscher Seite nimmt man die- se Beteuerungen ernster als die Wahl- kampfreden des Kandidaten. Schon seit einiger Zeit glaubt man im Kanz- leramt, ein Sieg des Sozialisten werde noch positive Seiten zeigen. Hollande könnte ihr im persönli- chen Umgang besser liegen als sein Vorgänger. Er gilt als pragmatischer und umgänglicher Politiker, der Kom- promisse sucht. Merkel glaubt, dass Hollande ihr helfen könnte, das deut- sche Image in Europa zu verbessern. Sie macht sich Sorgen über die hefti- gen antideutschen Reaktionen in vie- len Ländern Europas, die unter Spar- maßnahmen leiden. Daher käme es ihr sogar gelegen, wenn Hollande be- haupten würde, er habe die Linie der Deutschen revidiert. Erst seit Hollandes Wahl sprechen die Mitarbeiter der beiden direkt mit- einander. Sie haben seither intensiv über das erste Treffen verhandelt. Am Freitag verkündete Regierungsspre- cher Steffen Seibert, es gehe nur ums Kennenlernen. Entscheidungen wür- den noch keine getroffen.

Entscheidungen wür- den noch keine getroffen. Protest gegen EU-Sparpläne*: Noch nie war die Stimmung so

Protest gegen EU-Sparpläne*: Noch nie war die Stimmung so belastet

Merkel hat Hollande klargemacht, dass es für sie eine rote Linie gibt: Der Fiskalpakt darf nicht aufgeweicht wer- den. Darauf will sie beim ersten Tref- fen bestehen. Nicht nur, weil sie den Sparkurs für richtig hält. Sie glaubt auch, dass ihr jedes Nachgeben innen- politisch schaden würde. Im Juni stimmt der Bundestag über den Euro- Rettungsschirm ESM ab. Die Kanz- lerin macht sich Sorgen, dass sie kei- ne Regierungsmehrheit zustande be- kommt, wenn sie nachgibt. Im Kanzleramt weiß man aber auch, dass der neue französische Prä- sident nicht mit leeren Händen nach Hause fahren kann. Merkel ist einverstanden, den Fis- kalpakt um einen Wachstumsteil zu ergänzen. Hollande könnte seinen Wählern dann erzählen, er habe sich mit seiner Forderung nach einem Ende der strengen Sparpolitik durch- gesetzt. Zu den geplanten Maßnah- men gehört, dass Gelder aus den EU- Strukturfonds in neue Projekte inves- tiert werden können. In einem Punkt kann Hollande schon einen Sieg verbuchen. Merkel hat keine grundsätzlichen Einwände gegen den Plan, das Eigenkapital der

* Demonstranten mit Merkel- und Hollande-Maske am 7. Mai vor dem Brandenburger Tor.

Europäischen Investitionsbank um 10 Milliarden Euro zu erhöhen – ob- wohl Deutschland davon 1,6 Milliar- den zahlen müsste. Auch die Projektbonds, die Hollande fordert, um beispielsweise große In- frastrukturprojekte zu finanzieren, könnten Wirklichkeit werden. Merkel ist grundsätzlich bereit, solchen Pro- jektbonds zuzustimmen – unter der Voraussetzung, dass sie Deutschland nichts kosten. Obwohl Hollande immer gegen „Austerität“ wetterte, hat auch er sich für ein ausgeglichenes Budget aus- gesprochen. Wie Hollande das ange- sichts seiner teuren Wahlversprechen schaffen will, ist der Bundesregierung ein Rätsel. Um die Stimmung aufzuhellen, wird Merkel den Franzosen wohl in einem weiteren Punkt entgegenkom- men: Hollande plant eine große Ges- te zum 50. Jubiläum des Elysée-Ver- trags im nächsten Jahr, etwa eine Neufassung des deutsch-französi- schen Abkommens. Das hatte auch Sarkozy schon einmal vorgeschlagen, Merkel hielt damals nichts davon. Doch nun hat das Auswärtige Amt den Franzosen signalisiert, dass man zu Gesprächen über symbolische Akte bereit sei.

RALF NEUKIRCH, MATHIEU VON ROHR

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rott die ganze Euro-Zone in Brand steckt, ist deutlich geschwunden. Europas Regierungen haben ihre Ret- tungsschirme zum Schutz südeuropäi- scher Länder wie Spanien, Portugal oder Italien ausgeweitet, und die privaten Gläubiger haben sich weitgehend aus Griechenland zurückgezogen. Gedrängt von Berlin, Paris und Brüssel und nach monatelangen Verhandlungen verzichte- ten Banken, Versicherungen sowie ande- re Investoren Anfang März auf fast 75 Prozent ihrer Forderungen von 206 Mil- liarden Euro an die griechische Regie- rung. Milliardenverluste in Griechenland ver- darben vielen Finanzkonzernen die Bi- lanz. Doch weil sich der Schuldenschnitt lange anbahnte, verdauten die Banken ihre faulen Griechenland-Anleihen häpp- chenweise, ohne dadurch in eine Schief- lage zu geraten. Zwar klagten die Banken, weil sie zum sogenannten freiwilligen Verzicht ge- zwungen wurden. Doch wenn es nun zum Euro-Austritt Griechenlands kommt und Athen seine Schulden nicht mehr be- dienen kann, profitieren die privaten

Gläubiger davon, dass sie das Schlimmste schon hinter sich haben. „Die direkten Kosten einer griechischen Staatspleite sind für die privaten Gläubiger beherrschbar“, sagt Jürgen Michels, Chef- volkswirt für Europa bei der Citigroup. Hinzu kommt, dass nur ein Teil der rest- lichen Forderungen bei Banken und Ver- sicherungen der Euro-Zone liegt, den Rest haben Spekulanten übernommen, die oft außerhalb Europas angesiedelt sind. Des- halb würde ein Ausfall wohl nicht das europäische Bankensystem erschüttern. Entsprechend überzeugt sind inzwi- schen die Euro-Retter, dass ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion verkraftbar wäre. „Die Ansteckungsge- fahren sind jetzt nicht mehr so groß wie vor einigen Monaten“, sagt der luxem- burgische Finanzminister Luc Frieden. Auf die Weitsicht der griechischen Po- litiker wollen sich die Euro-Retter jeden- falls nicht mehr verlassen, und so haben sie ihre Fachleute angewiesen, Vorkeh- rungen für den Ernstfall auszuarbeiten. Seit rund einem Jahr bereitet sich etwa im Hause von Finanzminister Schäuble eine „Taskforce Griechenland“ auf einen

möglichen Ausstiegsbeschluss vor. Abge- schottet vom Rest des Ministeriums ent- wickelt sie Modelle und Szenarien, wel- che Auswirkungen der Schritt haben wür- de, für den Rest der Euro-Zone, aber auch für Griechenland selbst. Wichtigste Erkenntnis: Ein großer Teil der griechischen Schuldtitel liegt inzwi- schen bei öffentlichen Gläubigern, vor al- lem bei der EZB. Die Frankfurter Wäh- rungshüter halten nach Erkenntnis der Finanzministerialen griechische Staats- anleihen im Volumen von 30 bis 35 Mil- liarden Euro. Gefährlich wird dieser Posten, wenn Griechenland seine Zahlungen auf diese Schulden einstellt, weil es kein Geld mehr aus den europäischen Rettungstöpfen be- kommt. Deshalb haben sich die Berliner Krisenexperten für dieses Problem eine besonders trickreiche Lösung ausgedacht. Sie wollen den Griechen die vereinbarten Tranchen aus den Hilfspaketen nicht komplett streichen. Verzichten muss das Land auf jenen Anteil, der in den Staats- haushalt fließen sollte, um Renten, Be- amtengehälter oder sonstige Ausgaben zu decken. Die Milliarden aber, die für den Kapitaldienst auf Anleihen bei der EZB fällig werden, sollen auf ein Sonder- konto eingezahlt werden. So soll eine Schieflage bei der Zentralbank verhindert werden. Im Gegenzug hat die EZB bereits signalisiert, ihr Ankaufprogramm für Staatsanleihen verschuldeter Länder wie- der aufzunehmen, wenn diese im Gefolge eines Euro-Austritts unter Druck geraten. Der Mechanismus läuft praktisch dar- auf hinaus, dass der europäische Ret- tungsschirm EFSF für bis zu 35 Milliarden Euro an griechischer Staatsschuld auf- kommt. Die letzte Anleihe, die bei der EZB liegt, wird 2030 fällig. Natürlich bleiben die Forderungen der EFSF gegenüber Griechenland bestehen, fraglich aber ist, ob das Land den Ver- pflichtungen nachkommen kann. In der ersten Zeit nach Einführung einer neuen Währung sicher nicht, so meinen Exper- ten der EU. Die Euro-Schulden des Lan- des würden schlagartig Fremdwährungs-

so meinen Exper- ten der EU. Die Euro-Schulden des Lan- des würden schlagartig Fremdwährungs- DER SPIEGEL

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schulden – und würden sich damit ver- vielfachen. Auch wenn die Griechen im Falle ihres Ausscheidens aus der Währungsunion keine Unterstützungszahlungen mehr von den europäischen Rettungsschirmen bekommen: Fallengelassen werden sie nicht. Wenn sie weiter Mitglied der Europäischen Union bleiben, haben sie Anspruch auf Hilfen, wie sie auch andere EU-Länder im Falle einer Schieflage bekommen. So haben etwa Lettland, Ungarn und Rumänien solche Hilfen er- halten. Für die Euro-Länder ist das nicht nur von Nachteil. „Dann zahlen nicht mehr nur die Mitgliedstaaten der Euro-Zone für Griechenland“, sagt ein hoher Regie- rungs-Beamter. „Dann müssen alle 27 EU-Staaten ihren Beitrag leisten, inklu- sive Großbritannien.“

Für die Rest-Euro-Zone mag die Ent- wicklung turbulent werden, für Grie- chenland wird sie existentiell. In Brüssel zeichnen EU-Diplomaten ein dramatisches Bild von den Herausforderungen, die auf das Land zukommen, wenn es den Euro aufgibt. Offiziell darüber reden will nie- mand, um die Spekulation an den Finanz- märkten nicht weiter anzuheizen. Doch die Notfallpläne sind ausgearbeitet. „Natürlich liegt etwas in der Schublade“, sagt einer der damit betrauten Spitzenbeamten. Als Erstes, so heißt es in Brüssel, müss- te Griechenland Kapitalverkehrskontrol- len einführen. 250 Milliarden Euro sollen betuchte Griechen bereits ins Ausland geschafft haben, das war in einem freien Binnenmarkt mit einer gemeinsamen Währung kaum zu verhindern. Doch wenn die Drachme kommen soll, werden die griechischen Behörden alles unter-

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nehmen, um den Euro-Transfer ins Aus- land zu stoppen. Die Einführung der neuen, alten Wäh- rung erfordert Präzisionsarbeit. Gelddru- ckereien müssen die Drachmen produ- zieren. „Die Banken müssen eine Woche schließen, bis die neue Währung verteilt werden kann“, prognostiziert einer der hochrangigen EU-Beamten, der monate- lang studiert hat, wie andere Länder ihre Währungen reformiert haben. In solchen Fällen, das lehrt die Erfah- rung, geht die Polizei an Bankfilialen hin- ter Sandsäcken in Stellung. Die Geldaus- gabeautomaten würden in der Zeit des Übergangs nur noch 20 oder 50 Euro am Tag ausspucken, um die Kunden mit dem Allernotwendigsten für den Tagesbedarf auszustatten. Am Anfang der neuen Währung stün- de eine Art Zwangsumtausch. Die Euro-

Guthaben der Griechen würden zu einem festen Wechselkurs in Drachmen umge- wertet. Renten und Gehälter würden nur noch in der neuen Währung ausgezahlt. Die EU-Beamten stellen sich darauf ein, dass die Griechen ihren Verpflich- tungen in der EU dann zumindest zeit- weise nicht mehr nachkommen könnten. Beispielsweise kontrolliert das Land als Unterzeichnerin des Schengen-Abkom- mens Außengrenzen der EU. Kommt es zum Währungsschnitt, würden die Zöll- ner wohl zumindest vorübergehend an- dere Prioritäten haben. Es wäre das erste Mal in der Nach- kriegszeit, dass sich ein westeuropäischer Staat für bankrott erklärt und eine neue Währung einführt. Die organisatorischen Herausforderungen sind beträchtlich, noch größer aber wären die wirtschaftli- chen Konsequenzen.

Kehrt die Drachme zurück, würde sie gegenüber dem Euro drastisch an Wert verlieren, mit einem Minus von mindes- tens 50 Prozent rechnen Experten. Sogar einen Verlust von bis zu 80 Prozent hal- ten Insider für möglich. Banken und Fir- men, die im Ausland Schulden in Euro haben, könnten diese nicht mehr bedie- nen und müssten Insolvenz anmelden. Entsprechend stürzt Griechenland in eine noch tiefere Rezession als bislang. Der IWF rechnet für das erste Jahr nach der Drachme-Rückkehr mit einem Minus der Wirtschaftsleistung von über zehn Prozent. Damit fällt das Land auch öko- nomisch um Jahre zurück. Doch anschließend wächst die Wirt- schaft laut IWF sogar schneller als ohne Abwertung. „Die Turbulenzen dauern vielleicht ein bis zwei Jahre“, sagt Hans- Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-

Instituts. Danach ginge es wieder auf- wärts. Die Prognose des Professors beruht auf zwei Annahmen: Weil Einfuhren teurer werden, kaufen die Griechen statt Impor- ten mehr einheimische Güter. Sie essen eher griechische Tomaten als holländi- sche. Gleichzeitig wird das Land dank günstigerer Exporte wettbewerbsfähiger. In den deutschen Supermärkten verdrängt griechisches Olivenöl das spanische. Zahlreiche Länder haben sich in der Vergangenheit durch eine Abwertung er- folgreich aus der eigenen Misere heraus- exportiert: Schweden in Folge des Ban- ken-Crashs Anfang der neunziger Jahre, Südkorea im Anschluss an die Asien-Krise 1997 und Argentinien nach Ende des Dol- lar-Regimes 2001. In allen Staaten stürzte die Wirtschaft zunächst ab, um sich an- schließend umso kräftiger zu berappeln.

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YANNIS BEHRAKIS / REUTERS

YANNIS BEHRAKIS / REUTERS Griechische Neofaschisten: Das politische System dss Landes löst sich auf Mehr exportieren,

Griechische Neofaschisten: Das politische System dss Landes löst sich auf

Mehr exportieren, weniger importie- ren, so kann Griechenland sein Außen-

handelsdefizit reduzieren. Es lag im ver- gangenen Jahrzehnt durchschnittlich bei rekordverdächtigen zehn Prozent. Selbst im Krisenjahr 2010 führte das Land für

32 Milliarden Euro mehr Waren ein, als

es ins Ausland verkaufte. Entsprechend ist das vermeintliche Agrarland bis heute Netto-Importeur von Lebensmitteln. Von der Rückkehr zur Drachme dürfte auch ein anderer Wirtschaftszweig profi- tieren, auf dem große Hoffnungen ruhen:

der Tourismus. Vielen Ausländern ist Ur- laub in Griechenland zu teuer geworden. Mit der neuen, alten Währung könnte das Land wieder mit seinen schärfsten Riva- len Türkei und Nordafrika konkurrieren. Dass der wirtschaftliche Aufbruch ge- lingt, ist wahrscheinlich, aber nicht gesi- chert. Viele Ökonomen fürchten, dass das unvermeidliche Chaos einer Währungs- reform ihre positiven Folgen für lange Zeit überdecken könnte. Die Sparer wür- den einen Großteil ihres Vermögens ver- lieren, dem Staat droht der Zusammen- bruch, den Griechen die Armut und den Europäern dauerhaft ein teures Problem im Südosten des Kontinents. Es wäre nicht die einzige Rechnung, die auf Europa zukommt. In den vergan- genen beiden Jahren wurden immer mehr griechische Schulden sozialisiert. Die privaten Gläubiger wie Banken, Ver- sicherungen und Hedgefonds halten nach der im März erfolgten Umschuldung nur noch Staatsanleihen im Wert von knapp hundert Milliarden Euro. Hinzu kommen Kredite in Höhe von

73 Milliarden Euro, die von den Mit-

gliedern der Euro-Zone und dem IWF im Rahmen des ersten Hilfspakets ausgezahlt wurden. Inzwischen sind die ersten Tranchen aus dem zweiten Hilfspaket nach Athen geflossen. Dazu kommen die EZB-Staatsanleihen im Wert von rund 35

Milliarden Euro. Unklar ist, was mit den Forderungen der EZB gegenüber der grie- chischen Notenbank geschieht, den so- genannten Target-Salden. Sie haben sich zuletzt auf gut hundert Milliarden Euro belaufen. Die Rating-Agentur Fitch schätzt, dass die Forderungen der öffentlichen Hand gegenüber Griechenland in diesem Jahr auf gut 300 Milliarden Euro wachsen wer- den. Würden diese Forderungen größten- teils wertlos, müsste allein der deutsche Finanzminister einen Verlust von Dut- zenden Milliarden Euro tragen. Dieser Betrag ist hoch, wäre aber nach Ansicht vieler Ökonomen verkraftbar. Er würde ungefähr der Nettokreditaufnahme des Bundes in diesem Jahr entsprechen. Entsprechend hielte sich der volkswirt- schaftliche Schaden eines griechischen Euro-Austritts für Deutschland in Gren- zen. „Dafür ist die griechische Wirtschaft einfach zu unbedeutend“, sagt Oxford- Ökonom Clemens Fuest. Das Fazit ist eindeutig: Die bisherige Strategie zur Griechenland-Rettung ist gescheitert, gleichzeitig schwinden die Ri- siken eines Austritts. Umso mehr spricht dafür, die Chancen eines Neubeginns zu nutzen, im Interesse Griechenlands wie der Euro-Zone. Die wäre dann auch wie- der attraktiver für Neumitglieder, etwa das wirtschaftsstarke Polen, dessen Bei- trittswillen Außenminister Radoslaw Si- korski bekundet (siehe Seite 32). Würde Athen die Währungsunion ver- lassen, wäre nicht nur ein Zeichen ge- setzt, dass die Fiskal- und Haushaltsre- geln in der Geldunion künftig besser ein- gehalten werden. Es würde den Europä- ern auch leichter fallen, die notwendigen Beschlüsse zur Euro-Rettung durchzuset- zen. In vielen Ländern entzündet sich der Widerstand gegen Rettungsschirme und Hilfsprogramme vor allem am Fall Grie- chenland.

Ein Comeback der Drachme würde das ändern, und so ist es kein Wunder, dass gerade in Deutschland die Neigung groß ist, im Fall Griechenland hart zu bleiben. CSU-Chef Horst Seehofer plädiert schon länger für einen Griechen-Austritt, nun fühlt er sich bestätigt. Würden Athen die Drachme wieder einführen, wäre das „weder das Ende des Euro, noch das Ende der EU“, sagt er. „Wir müssen Deutsch- lands ökonomische Stärke erhalten, das ist wichtiger als ein Verbleib Griechen- lands in der Euro-Zone.“ Die beiden anderen Partner in der Re- gierungskoalition veschärfen ebenfalls den Ton gegenüber Athen. „Griechen- land hat nur dann eine Zukunft im Euro- Raum, wenn die Schulden konsequent abgebaut und strukturellen Reformen umgesetzt werden“, sagt Wirtschaftsmi- nister Philipp Rösler. „Ein Auf- oder Ab- weichen bei den festgelegten Program- men wird es nicht geben.“ Auch der hes- sische Ministerpräsident Volker Bouffier plädiert dafür, am bisherigen Sparkurs strikt festzuhalten. „Griechenland hat be- reits mehr Geld bekommen als vergleichs- weise beim Marshall-Plan ausgezahlt wurde“, sagt er. „Die Griechen müssen die Maßnahmen als Chance begreifen, sonst haben sie keine Chance.“ Allerdings wäre auch mit einem Come- back der Drachme der Fall Griechenland längst nicht gelöst. Ein Austritt Athens aus der Währungsunion würde die EU auf die größte Probe ihrer Geschichte stellen. Sie müsste die Griechen weiter stützen, damit das Land nicht in Chaos und Anarchie versinkt. Kein Zweifel: Würde Griechenland zur Drachme zurückkehren, finge für Europa die Arbeit an.

SVEN BÖLL, MANFRED ERTEL, MARTIN HESSE, JULIA AMALIA HEYER, CHRISTOPH PAULY, CHRISTIAN REIERMANN, MICHAEL SAUGA, CHRISTOPH SCHULT, ANNE SEITH

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WITOLD KRASSOWSKI / DER SPIEGEL

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SPIEGEL-GESPRÄCH

„Unsere Zukunft heißt Europa“

Polens Außenminister Radoslaw Sikorski lobt die politische Partnerschaft mit Deutschland, will für mehr Integration in Europa auch Souveränitätsrechte aufgeben – und fordert von Bundeskanzlerin Angela Merkel noch entschiedenere Führung.

Sikorski, 49, ist ein Multita- lent: Wissenschaftler, Jour- nalist, Politiker – und Welt- bürger. Geboren im pom- merschen Bydgoszcz, stu- dierte er in Oxford, berich- tete danach vom Krieg in Afghanistan und zog in die USA. Seit 2007 ist Sikorski, Mitglied der liberalen Partei „Bürgerplattform“, Außen- minister in Warschau.

Minister Sikorski
Minister Sikorski

Widerstand gegen den Kommunismus geprägten Freiheitskämpfer zum Staats- oberhaupt wählt, können wir Polen nicht mehr als Bedrohung sehen. Dass unsere bilateralen Beziehungen jetzt so hervorragend sind, hat sicher auch da- mit zu tun, dass die Kanzlerin und der Bundespräsident Ostdeutsche sind, die unsere Erfahrungen teilen, die verste- hen und empfinden können, wovon wir reden.

SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Berliner Rede Deutschland aufgefordert, in Europa zu führen. Warum? Sikorski: Ich habe von Füh- rung bei Reformen gespro- chen. Ich fürchte Deutsch- lands Macht weniger als sei- ne Inaktivität. Und dazu ste- he ich. Deutschland soll Europa nicht dominieren, aber es darf nicht nachlas- sen, bei den Reformen Füh- rungsstärke zu zeigen. Was ist denn die größte Bedro- hung für Polen? Nicht Ter- rorismus, ganz sicher nicht deutsche Panzer. Noch nicht einmal die russischen Rake- ten, die Moskau an der EU- Grenze in unserer unmit- telbaren Nachbarschaft auf- stellen will. Die größte Be- drohung für uns ist der Kollaps der Euro-Zone. SPIEGEL: Sie nannten Deutsch- land die „unentbehrliche Na- tion“. Was meinen Sie da- mit? Sikorski: Die Bundesrepublik ist der größte Anteilseigner der EU und kassiert in guten Zeiten die größte Dividen- de. Wenn das Unternehmen Probleme hat, trägt sie die Verantwortung, den Laden wieder auf die Spur zu set- zen. Außerdem habt ihr Deutschen die größte Fähig- keit dazu. Nichts kann ohne euch entschieden werden – das meinte ich mit „unent-

behrlich“. Andererseits ist die Bundesrepublik zu klein, um zu do- minieren. Auch Berlin braucht Partner, und zwar mehr als nur einen. Diese, dar- unter Polen, verlangen auch viel von den Deutschen. SPIEGEL: Zum Beispiel? Sikorski: Wie die Politiker in Berlin am besten wissen, sind sie nicht die unschul- digen Opfer der Verfehlungen anderer. Deutschland hat in der Vergangenheit den Stabilitätspakt gebrochen, und seine

SPIEGEL: Herr Minister, als Sie neulich in Deutschland zu Gast waren, sollen Sie sich über Ihr Hotel beschwert haben. Worum ging es? Sikorski: Man konnte da mehr als 160 Fernsehkanäle empfangen, darunter exoti- sche aus Afghanistan und dem Irak. Aber ein polni- scher Sender war nicht dar- unter. Ich war darüber schon überrascht, denn es war ein exklusives Hotel in Berlin. SPIEGEL: Wie deuten Sie das – als deutsche Arroganz gegenüber Polen, als Inter- esselosigkeit? Sikorski: Es zeigt vielleicht die Haltung mancher Berli- ner, von denen viele noch nicht bei uns waren, die Po- len nicht im Blickfeld haben, obwohl die Grenze nur 70 Kilometer von der deutschen Hauptstadt entfernt liegt:

Habt keine Angst, ihr seid uns willkommen. Das Hotel hat die Fernsehkanäle übri-

gens nach meiner Interven- tion freigeschaltet – man kann da jetzt polnisches TV empfangen. Aber ich will diese Begebenheit nicht überbewerten:

Insgesamt gesehen sind die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland so gut wie noch nie. SPIEGEL: Bundespräsident Joachim Gauck hat Warschau als Ziel seiner ersten Aus- landsreise gewählt. Sikorski: Ja, das haben wir sehr geschätzt. Ein Land, das sich einen solchen, vom

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TEODOR RYSZKUS / FORUM

Europafeier in Warschau 2011: „Die größte Bedrohung für uns ist ein Kollaps der Euro-Zone“

Banken haben verantwortungslos riskan- te Papiere gekauft. Weil Investoren ihre Schuldpapiere aus besonders gefährdeten Staaten verkauften und in den ver- gleichsweise sicheren Hafen flohen, sind die Zinszahlungen, die Deutschland für Kredite aufbringen muss, niedriger als zu gewöhnlichen Zeiten. Deutschland trägt die größte Verantwortung dafür, dass die Regeln der EU stabil bleiben. Wenn die Wirtschaft in Ihren Nachbar- staaten implodiert, werden auch Sie dar- unter leiden. SPIEGEL: Wird die Bundesregierung in der Euro-Krise ihrer Verantwortung gerecht? Sikorski: Ja. Und ich hoffe, wir haben bald das Schlimmste hinter uns. SPIEGEL: Aber die Franzosen und die Grie- chen haben sich doch bei den Wahlen ge- gen den Sparkurs Berlins entschieden. Sehen Sie wirklich noch eine Zukunft für Griechenland im Euro-Raum? Sikorski: Da will ich wirklich nicht speku- lieren. Aber richtig ist: Vor uns liegen noch viele Hindernisse. Die Europäische Zentralbank hat mit dem Einverständnis Berlins mehr Liquidität in den Banken- sektor gepumpt. So wurde die Krise er- heblich gemildert. Ich verstehe die histo- rische Aversion der Deutschen gegen Geldentwertung, aber wenn das Überle- ben der ganzen Euro-Zone auf dem Spiel steht, muss man die Risiken abwägen und eben auch ein wenig mehr Inflation als gewöhnlich riskieren. Vor allem aber ist diese Krise eine gute Gelegenheit, drin- gend notwendige Reformen ins Werk zu setzen, sowohl in der EU als auch, um die Konkurrenzfähigkeit einiger Mit- gliedsländer wiederherzustellen. SPIEGEL: Welchen Beitrag leistet denn Warschau?

Sikorski: Polen war in Europa eines der ersten Länder, die – schon vor 15 Jahren – eine Schuldenbremse in die Verfassung aufgenommen haben, und wir ruhen uns nicht aus auf unseren Lorbeeren. Bis zum Ende dieser Legislaturperiode werden wir die Voraussetzungen für eine Mitglied- schaft in der Euro-Zone erfüllen. SPIEGEL: Sie halten es immer noch für at- traktiv, den Euro einzuführen? Sikorski: Wir wollen, dass die Euro-Zone blüht, und wir wollen Teil von ihr sein. Was mich gefreut hat: Ich wurde in Deutschland sehr wohl gehört. Mir wurde gesagt: Endlich beteiligt ihr euch wie Leu- te, die Aktien im Unternehmen haben. SPIEGEL: In Polen waren die Reaktionen heftig. Sie wurden von manchen Oppo- sitionellen als „Verräter“ beschimpft. Sikorski: Das waren nur wenige. Das Par- lament hat mir mit überwältigender Mehrheit das Vertrauen ausgesprochen. SPIEGEL: Sie sind sicher, dass die Versöh- nung zwischen den Völkern schon genau- so weit ist wie in der politischen Klasse? Sikorski: Ich habe mit den Deutschen nicht aus der Position eines ewigen zurückge- bliebenen Opfers, sondern aus der Posi- tion eines gleichberechtigten Kollegen ge- sprochen. Das schätzen viele hier. Okay, ihr Deutschen seid noch viel reicher, aber wir holen auf. Jetzt begegnen wir uns auf Augenhöhe. Auf der Basis dessen, was wir erreicht haben und gegenwärtig er- reichen, nicht aufgrund dessen, was wir in der Geschichte erlitten haben. SPIEGEL: Noch vor wenigen Jahren war das gegenseitige Misstrauen der Völker sehr ausgeprägt. Wo sind die Ewiggestri- gen? Sikorski: Es gibt immer noch einige auf beiden Seiten. Ich glaube, dass die Mehr-

heit der Polen sich vor den Deutschen nicht nur nicht mehr fürchtet, sondern euch nüchtern sieht. Es gibt noch immer vieles, was bei euch besser ist, einiges, wo wir gleichauf liegen – und manches, wo die Polen euch übertreffen. Vor allem Angela Merkel hat sich um das Verhältnis verdient gemacht. Sie hat dafür gesorgt, dass jetzt bei dem Blick auf die Geschich- te in Deutschland die Leiden der Polen durch den Überfall Nazi-Deutschlands und die daraus resultierenden Empfind- lichkeiten berücksichtigt werden. Zum Beispiel beim „Sichtbaren Zeichen“ … SPIEGEL: … dem geplanten Dokumenta- tionszentrum in Berlin … Sikorski: … einem Projekt, das wir nicht ohne Bauchschmerzen gesehen haben und das immer noch Konfliktpotential besitzt. Wir wissen nicht genau, wie Ge- schichte da präsentiert werden wird. Aber aller Voraussicht nach dürfte jetzt doch auch ausführlich dargestellt werden, wer den Krieg begonnen und wer mit der Politik der Vertreibungen angefangen hat – die Deutschen. SPIEGEL: Ist wirkliche Versöhnung auch mit den Russen unmöglich? Sikorski: Versöhnung, wie wir sie mit Deutschland erreicht haben und uns mit Russland wünschen, muss auf historische Wahrheit gegründet sein. Es gibt da Fort- schritte, die Duma hat das Verbrechen von Katyń, wo Agenten des Geheim- dienstes NKWD 22 000 Polen ermordeten, als stalinistisches Verbrechen verdammt. Aber es gibt auch Probleme: Die Ange- hörigen der Opfer können im russischen Rechtssystem keine Gerechtigkeit erlan- gen. Demnächst erwarten wir den Besuch des Moskauer Patriarchen, den ersten in der Geschichte. Zwischen Polen und

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GETTY IMAGES

WITOLD KRASSOWSKI / DER SPIEGEL

Titel GETTY IMAGES WITOLD KRASSOWSKI / DER SPIEGEL Bundespräsident Gauck, Lebensgefährtin Daniela Schadt in Warschau:

Bundespräsident Gauck, Lebensgefährtin Daniela Schadt in Warschau: „Wir holen auf“

Deutschen waren es auch die Kirchen, die den Prozess anstießen. SPIEGEL: Sind die Deutschen gegenüber den Russen also doch zu naiv? Sikorski: Berlin und Warschau betreiben inzwischen eine gemeinsame Russland- Politik. Die Deutschen interessieren sich wenigstens für den Osten, was man nicht von allen EU-Staaten sagen kann. Man muss auch bedenken, dass Polen heute an der Außengrenze der Nato liegt, so wie vor gut 20 Jahren die Bundesrepu- blik. Deshalb ist unsere Perspektive auf den Osten manchmal eine andere als die Deutschlands. SPIEGEL: Das zeigt sich auch an persönli- chen Erfahrungen. Nehmen wir die Ihren:

Sie sind durch die Übergriffe Ihrer großen Nachbarn, den deutschen Faschismus wie den Sowjetkommunismus, geprägt. Lässt sich so ein Trauma ganz abschütteln? Sikorski: Es wird weniger, aber es ist im- mer noch da. Worüber man in Polen auch spricht, am Ende geht es oft um den Krieg. Der Krieg hat jede Familie betrof- fen. Meine Eltern lebten in Bydgoszcz (Bromberg), einer Stadt, die schon in den ersten Tagen des Krieges besetzt wurde – und sofort begannen die Exekutionen. Für ein Wort Polnisch auf der Straße konnte man ins KZ deportiert werden, Denunziationen führten zum Tod. Mein Onkel landete in Buchenwald, mein Großvater wurde von den Nazis zur Zwangsarbeit verfrachtet. Fast jede pol- nische Familie hat so etwas erlebt. SPIEGEL: In Ihrem Buch „Das polnische Haus“ erwähnen Sie bei allem Abscheu vor den Taten der Nazis auch die Güte mancher Deutscher. Wie empfanden Sie danach das von Moskau gesteuerte kom- munistische Polen Ihrer Jugend?

* Jan Puhl und Erich Follath in Warschau.

Sikorski: Der Kommunismus hat uns poli- tisch und kulturell unterdrückt und zwei Generationen wirtschaftlich degradiert. SPIEGEL: Sie haben sich als Abiturient der Gewerkschaftsbewegung Solidarność an- geschlossen. War das jugendlicher Pro- test, oder hatten Sie damals schon eine Vision vom Ende der Sowjetunion und einer europäischen Gemeinschaft? Sikorski: Der Gewerkschaft beizutreten war ein moralischer Imperativ. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass der Kommunismus fällt. Die Stalinisierung Europas hatte überall das gleiche Muster. Die Machthaber kontrollierten den Si- cherheitsapparat, die Jugendorganisatio- nen, die Presse, und sie übten Terror aus – ein Teil Deutschlands teilte ja unser Schicksal. Die Kriegserfahrung in Polen dauerte nicht nur fünf Jahre, sie setzte sich viel länger fort. Sie dauerte mindes- tens bis 1989 und endete glücklich mit unserem Beitritt zur EU 2004. Die Folgen der Verluste, der Leiden und Erniedri- gungen spüren wir noch heute. SPIEGEL: Sie haben einige Jahre in Ameri- ka gelebt und sich immer um ein beson- deres Verhältnis zu den USA bemüht. Polen stand im Irak-Krieg an der Seite Washingtons, kaufte amerikanische Jagd- flugzeuge. Ausgezahlt hat sich das nicht,

Jagd- flugzeuge. Ausgezahlt hat sich das nicht, Sikorski, SPIEGEL-Redakteure* „Toll wäre ein Finale gegen

Sikorski, SPIEGEL-Redakteure*

„Toll wäre ein Finale gegen Deutschland“

Warschau spielt im Kalkül des Weißen Hauses kaum eine Rolle. Ist Ihre Europa- Zuwendung auch Ausdruck der Enttäu- schung über die Vereinigten Staaten? Sikorski: Die USA sind weiterhin ein wich- tiger Verbündeter Polens, Deutschlands und ganz Europas. Unseren beiden Län- dern liegt daran, dass die Vereinigten Staaten sich weiter in europäischen An- gelegenheiten engagieren. Aber Polen liegt in Europa, und hier sind unsere grundlegenden Interessen. SPIEGEL: Wie sieht denn Ihr Ideal-Europa aus – noch mehr Integration? Sikorski: Im vergangenen November stand die Euro-Zone kurz vor dem Zusammen- bruch, es zeigte sich, wie fragil Europa ist. Ich fürchte, wenn ein Prozess der Re- nationalisierung einsetzt, wird er nicht mehr kontrollierbar sein. Deshalb müssen wir die Integration vorantreiben, die de- mokratischen Strukturen durch Direkt- wahlen stärken. Unsere Zukunft heißt Europa. SPIEGEL: Läuft die EU nicht Gefahr, in ei- nen prosperierenden Norden und einen hinterherhinkenden Süden zu zerfallen? Sikorski: Vorsicht vor Vereinfachungen. Vor gut hundert Jahren behauptete Max Weber, die Katholiken seien unfähig, den Kapitalismus zu verinnerlichen; heute ge- hören Bayern und Norditalien zu den reichsten Regionen Europas. Polen war einst Osteuropa, jetzt ist es Mitteleuropa. Und wenn es um die öffentlichen Finan- zen geht – Nordeuropa. SPIEGEL: So wie sich einst Deutschland als Mentor Polens für die EU sah, versuchen Sie jetzt, die Ukraine und Weißrussland auf deren Weg nach Europa zu betreuen. Ist das angesichts der jüngsten Verhär- tungen nicht schon gescheitert? Sikorski: Sowohl in Weißrussland wie in der Ukraine sind die Völker weiter als ihre Regierungen. Die Politiker haben in der Tat noch einen weiten Weg vor sich. SPIEGEL: Die Regierung Merkel wirbt we- gen des Falls Timoschenko für einen EU- weiten Boykott der Spiele in der Ukraine. Halten Sie das für eine gute Idee? Sikorski: Wenn einige Politiker meinen, dass sich das günstig auswirkt, dann ist das ihr gutes Recht. Wir denken jedoch, dass ein solcher Boykott eine Überreak- tion wäre. Getroffen wären vor allem die einfachen Ukrainer, die in ihrer Mehrheit proeuropäisch eingestellt sind – es sind ihre Spiele, nicht die der Politiker. Für die Europameisterschaft haben wir ein paar schöne, moderne Stadien und über 1000 Kilometer Autobahn gebaut. Natür- lich wünschen wir uns ein Fußballfest. Es wäre toll, wenn Polen gegen Deutschland im Finale spielt … SPIEGEL: … und verliert. Sikorski: Wenn, dann nur, weil auf beiden Seiten Polen spielen. SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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HC PLAMBECK

Schavan setzt darauf, dass sie am Ende ihren Doktortitel behalten darf, eine Ab- erkennung ist unwahrscheinlich. Vorerst aber muss sie schweigen, das ist Teil ihrer Strategie. Erst soll die Uni in Düsseldorf, die jetzt die Doktorarbeit prüft, ihr Er- gebnis verkünden. Nach den bisherigen Recherchen der Plagiatsjäger von Vroni- Plag sind allenfalls 6 Prozent der Zeilen ihrer Arbeit fragwürdig, bei Guttenberg waren es mindestens 64 Prozent. Das Problem ist nur, dass bei ihr andere Maßstäbe gelten. Schavan war selbst nie zögerlich, wenn es darum ging, anderen ihre Fehler vorzuhalten. Unvergessen ist

darüber, dass Leute wie VroniPlag-Grün- der Martin Heidingsfelder anders als die

Mehrheit der Plagiatsjäger jetzt öffentlich ihren Rücktritt fordern. Wenn die Prüfung ihrer Doktorarbeit abgeschlossen ist, plant Schavan die Of- fensive. Auf der einen Seite will sie eine Debatte aufgreifen, die vielen Menschen auf den Nägeln brennt: Darf das Internet als Pranger benutzt werden, der Men- schen mit anonymen Vorwürfen um ihre berufliche und persönliche Reputation bringt? Und Schavan will auch fragen, ob schon kleine Verfehlungen bei einer Dok- torarbeit wirklich dafür ausrei-

chen, eine lange politische Bio- grafie zu entwerten. Schavan hat in Baden-Württemberg die Ober- stufe an den Gymnasien refor- miert, in Berlin ist sie eine zwar leise, aber durchaus durchset- zungsstarke Forschungsministe- rin. Wenn das alles von ein paar fehlenden Fußnoten zunichte- gemacht würde, dann, so glaubt nicht nur Schavan, gälten in der Politik Maßstäbe, denen praktisch niemand mehr genügen könnte. Die Dinge lägen für die Minis- terin einfacher, wenn sie sich we- nigstens auf die eigene Truppe verlassen könnte. Sicher, Angela Merkel hält zu ihr, aber da sind auch die vielen Konservativen in der CDU, die noch nie Freude an der Bildungsministerin hatten. Sie war es, die im vergangenen Jahr dafür kämpfte, dass sich die CDU von der Hauptschule verabschie- den sollte. Gerade für die Tradi- tionalisten in der Partei war das ein Affront, der unvergessen ist. „Im gesamten Landesverband brodelt es“, sagt etwa Nikolas Lö- bel, der Chef der Jungen Union in Baden-Württemberg. Andere werden noch deutlicher, sobald die Mikrofone ausgeschaltet sind:

Wenn es Schavan bei Guttenberg

mit der Moral so genau nahm, muss sie dieselben Maßstäbe jetzt nicht gegen sich selbst gelten lassen und zurücktreten? Schavan weiß, dass ihr schwere Wo- chen bevorstehen. Unabhängig vom Vo- tum der Uni Düsseldorf wird es auch darum gehen, was hängenbleibt. Am ver- gangenen Mittwoch verlieh sie in einer Berliner Schule einen Preis, es ging um berufliche Bildung. Neben ihr stand eine Fernsehmoderatorin, die zur Jury gehör- te. Während die Journalisten ihre Kame- ras auf Schavan richteten, wollte jemand weiter hinten wissen, wonach gefragt wurde. „Die Doktorarbeit“, sagte die Fernsehfrau, „die hat doch auch ihre Dok- torarbeit gefälscht.“

UNION

Schavans

Schweigen

Der Plagiatsverdacht lastet schwer auf der Forschungsministerin. Öffentlich enthält sie sich jeden Kommentars, intern plant sie die Gegenoffensive.

F ür gewöhnlich ist das Tref- fen der Bundestagsabge- ordneten aus Württemberg-

Hohenzollern in der Parla- mentarischen Gesellschaft eine harmonische Veranstaltung. Doch am vergangenen Donnerstag war die Stimmung im feinen Club beim Reichstag aufgeladen. Wie Annette Schavan mit den Vorwür- fen gegen ihre Doktorarbeit um- gehen wolle, wurde die Minis- terin von einem Abgeordneten gefragt. Eigentlich wollte die Ministerin zu der leidigen Affäre keinen Kommentar abgeben. Doch die Kollegen aus der Heimat ließ sie dann doch für einen Moment in ihre Seele blicken. So manche Äu- ßerung aus ihrem Landesverband habe ihr „weh getan“, klagte sie. Sie habe sich mehr Unterstützung erwartet, so Schavan. Die könnte sie gut gebrauchen. Denn nicht irgendein Abgeordne- ter oder Landesminister steht un- ter Plagiatsverdacht, sondern die Bundesforschungsministerin. An- nette Schavan, 56, soll als 25- jährige Studentin der Theologie beim Erstellen ihrer Doktorarbeit zum Thema „Person und Gewis- sen“ laut einer anonym verfassten Dokumentation im Internet auf

56 Seiten fremde Gedanken als ihre eigenen ausgegeben und falsch zitiert haben. Es geht nicht nur um ein paar fehlende Fußnoten, auf dem Spiel steht auch das Selbstbildnis von Schavan. Im Gegensatz zu Karl-Theodor zu Guttenberg, der große Sprüche und großspurige Auftritte liebte, setzte Schavan auf Zurückhaltung und lei- se Töne. Ihre Bücher tragen Titel wie „Gott ist größer, als wir glauben“; nun stellen die Vorwürfe sie in eine Reihe mit Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis, die beide ihren Doktortitel verloren haben. Natürlich – die bisher bemängelten Ver- stöße sind viel kleiner. Die Frage ist nur, ob sie so winzig sind, dass sie weiter Chefin des Forschungsressorts bleiben kann.

dass sie weiter Chefin des Forschungsressorts bleiben kann. Vertraute Merkel, Schavan: Im Internet am Pranger der

Vertraute Merkel, Schavan: Im Internet am Pranger

der Satz, den sie in der Affäre Guttenberg sprach: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Be- rufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heim- lich.“ Wer so redet, dessen Weste sollte sauber und rein sein. Doch Schavans Doktorarbeit ist nicht ganz blütenweiß. Natürlich macht sie sich Gedanken über mögliche Fehler in ihrer Dissertation, so erzählen es ihre Mitarbei- ter. In ihrem Keller bewahrt sie noch im- mer die Ordner mit Material auf, die sie für die Arbeit benutzt hat. Schavan ist stolz auf ihre Dissertation, wenn sie Auf- sätze schreibt, zitiert sie noch heute daraus. Deswegen ist sie auch so empört

JAN FRIEDMANN, PETER MÜLLER

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DETLEV SCHILKE

DETLEV SCHILKE Brandschutzbegutachtung des neuen Airport-Terminals, Bauherr Wowereit im Kontrollturm: „Ein Beispiel
DETLEV SCHILKE Brandschutzbegutachtung des neuen Airport-Terminals, Bauherr Wowereit im Kontrollturm: „Ein Beispiel

Brandschutzbegutachtung des neuen Airport-Terminals, Bauherr Wowereit im Kontrollturm: „Ein Beispiel für Provinzpolitik und Inkompetenz

HAUPTSTADT

„Ein Schlag ins Gesicht“

Mit einem futuristischen Großflughafen wollte Berlin weltweit Punkte machen. Nach der geplatzten Eröffnung beginnt nun die Suche nach den Schuldigen.

E rwartungsfroh besichtigte Klaus Wowereit (SPD) vor einiger Zeit den neuen Tower des Großflugha-

fens Willy Brandt. Mit seinen 72 Metern ist der Turm einen Meter höher als der Tower des bislang wichtigsten deutschen Airports in Frankfurt am Main – ein fei- nes Symbol für das neue Selbstbewusst- sein Berlins. Die gläserne Schaltzentrale bietet ei- nen herrlichen Ausblick. In der Ferne konnte der Regierende Bürgermeister die neuen Hochhäuser seiner boomenden Hauptstadt erkennen und zu seinen Fü- ßen den gläsernen Terminal, es soll der fortschrittlichste in Europa werden. „The future lies in Schoenefeld“, heißt es so stolz wie ungelenk auf der Website der Flughafengesellschaft. Jedoch: Als Wowereit, 58, genug gese- hen hatte und im Aufzug nach unten fah- ren wollte, blieb dieser stecken. Der brüs- kierte Bauherr musste samt Entourage heruntergekurbelt werden, per Handbe- trieb ging es aus dem Hightech-Turm vor- sichtig auf den Boden der Tatsachen zu- rück.

Seit vorigem Dienstag ist klar, dass der Pannen-Aufzug nicht das einzige Pro- blem von „Europas modernstem Flugha- fen“ (Eigenwerbung) geblieben ist. Mas- sive Sicherheitsbedenken beschädigen fürs Erste Wowereits „Vision eines star- ken, international vernetzten Wirtschafts- standorts, zu dem ein leistungsstarker Flughafen gehört“. Eröffnung verschoben, Einweihungs- party abgesagt, Zukunftsrhetorik einge- packt: Wieder einmal geht es schief, wenn Berlin mit Großprojekten als Me- tropole auftrumpfen will. Ganz gleich ob Hauptbahnhof, Airport, Kanzleramt oder Geheimdienstzentrale, jedes Mal soll alles größer, moderner, effizienter werden. Und dann explodieren die Kosten, oder die Wände bröckeln, oder der Brand- schutz für die erwarteten 74000 Passagie- re pro Tag versagt. Niemand kann zurzeit sagen, wann Wowereits „leistungsstarker Flughafen“, der eigentlich am 3. Juni öffnen sollte, ans Netz gehen wird: im Herbst, zu Weih- nachten oder erst im kommenden Jahr? Auch die Suche nach Schuldigen ist vor-

läufig ergebnisoffen. Täuschten die Planer die Politik? Zeigten sich Wowereit und sein brandenburgischer Kollege Matthias Platzeck (SPD) vorige Woche zu Recht überrascht? Oder haben Berlin und Bran- denburg als wichtigste Bauherren ver- sagt? Sicher ist bislang nur der Spott. Der Airport sei „ein Beispiel für die Provinz- politik und Inkompetenz der Stadt“, lästerte das „Wall Street Journal“. Der britische „Independent“ erwähnte scha- denfroh, dass die Behörden erst vor zwei Wochen ein Debakel wie bei der Eröff- nung des Londoner Terminals „Heathrow 5“ ausgeschlossen hätten: „Für die legen- däre deutsche Effizienz ist das ein Schlag ins Gesicht.“ Und Air-Berlin-Chef Hart- mut Mehdorn spricht von einer „Riesen- blamage, über die sich die ganze Welt ka- puttlacht“ (siehe Interview Seite 81). Selbst Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) schimpfte über die Ber- liner, obwohl sein Haus als Gesellschafter des Airports eine Mitverantwortung trägt. „Durch das Missmanagement des Flugha- fens steht die Hauptstadtregion nun bla- miert da.“ Gemeinsam mit der Luftver- kehrswirtschaft, sagt er, „kämpfen wir jetzt mit den Folgen und betreiben Scha- densbegrenzung“. Dass die ehrgeizigen Zeitpläne für den neuen Flughafen nicht zu halten waren, zeichnete sich bereits vor zwei Jahren ab, als Wowereit die Eröffnung vom Herbst 2011 auf Juni 2012 verschob. In einem Brandbrief beklagte die Flug- hafengesellschaft, die den Ländern Berlin, Brandenburg und dem Bund gehört, be-

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ANDREAS RENTZ / GETTY IMAGES

der Stadt“

reits damals einen „enormen Performance- abfall der Bautätigkeiten … qualitative Ausführungsmängel (Brandschutz)“ hät- ten die „Bautätigkeit nahezu zum Erliegen gebracht“. Am Ende drohten die öffentli- chen Bauherren der Planungsgruppe „bei einer Verzögerung der vereinbarten Fer- tigstellungstermine Schadensersatzansprü- che in Höhe von 500000 bis 1000000 Euro pro Verzugstag“ an. Je näher der Öffnungstermin rückte, desto mehr häuften sich die Probleme. Zum Beispiel beim Check-in: Bei Tests mit mehreren hundert Komparsen fielen mal die Gepäckbänder aus, mal versagte die komplette Technik. Auch die Kapazi- tätsplanung war offenbar zu optimistisch. „Man ging davon aus“, so ein Insider, „dass immer mehr Passagiere online ein- checken.“ Ein einziger Schalter sollte 60 Passagiere pro Stunde abfertigen. Im Pro- bebetrieb schaffte das Personal in dieser Zeit aber nur die Hälfte. Schnell zeigte sich, dass die Zahl der Check-in-Schalter im Terminal nicht rei- chen würde. Das Management improvi- sierte. „Alternativterminals in Zeltbau- weise“, so heißt es in einem internen Pro- tokollentwurf zum Baufortschritt vom 26. April, „werden zur Eröffnung funktions- fähig sein.“ Abfertigung im Zelt? Das sorgte für ge- waltigen Ärger mit den Fluglinien. Die Planer versuchten zu beschwichtigen:

„Der Flughafen versichert den drei gro- ßen Luftverkehrsgesellschaften (Air Ber- lin, Lufthansa, Easyjet), keine Abferti- gungen in diesen Terminals zu planen.“ Für andere dagegen schienen die Zelte

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offenbar gut genug: Dort, so der Proto- kollentwurf, sollen „hauptsächlich Tür- keiverkehre (touristisch wie auch eth- nisch) abgewickelt werden“. Eine „ethnische“ Zwei-Klassen-Abfer- tigung am Willy-Brandt-Flughafen? Al- lein die Formulierung zeigt, dass die Ma- nager offenbar gänzlich ihr Koordinaten- system verloren haben. Um das Chaos in den Griff zu bekom- men, hatten die Planer und Ingenieure rund um Meinhard von Gerkans Archi- tekturbüro gmp schon vor längerem ein Ampelsystem eingeführt. Ihre Berichte an die Flughafengesellschaft und deren Aufsichtsrat trugen fortan drei Farben. Rot bedeutete: Der Eröffnungstermin ist nicht zu halten. Gelb: Er ist gefährdet. Grün: Es gibt keine Probleme. Anfang Dezember zeigte die Ampel bei den Entrauchungsanlagen auf Gelb. Die Ingenieure hatten festgestellt, dass Brandschutzklappen ohne Zulassung ver- baut wurden. Wenn es brennt, so die Sor- ge, könnten sich die Klappen womöglich nicht öffnen – giftiger Rauch bliebe im Terminal gefangen, während sich dort un- ter Umständen Tausende Passagiere auf- halten. Eine Horrorvision, die an die töd- liche Brandkatastrophe im Düsseldorfer Flughafen 1996 erinnert. Wowereit und seine Kollegen im Auf- sichtsrat waren perplex. Bei einer Sitzung am 9. Dezember wollten sie wissen, wie- so Klappen ohne amtliches Siegel verbaut wurden. Doch die Experten der Flugha- fengesellschaft beruhigten sie. Die gefundene Lösung sei „technisch richtig“, versicherte ein Mitarbeiter von

Technik-Geschäftsführer Manfred Kört- gen, die Klappen müssten nur noch von der Baubehörde zugelassen werden – eine Formsache. Der Techniker räumte aller- dings auch ein, dass die „rechtzeitige Er- teilung der Genehmigung für die termin- gerechte Inbetriebnahme des Flughafens erforderlich“ sei. Spätestens an diesem Tag waren die wichtigsten Politiker vor- gewarnt: Wowereit, Platzeck und der Ver- treter des Bundes im Aufsichtsrat, Ver- kehrsstaatssekretär Rainer Bomba (CDU). Um die Eröffnung im Juni noch zu ret- ten, holte sich die Flughafengesellschaft zusätzliche Hilfe. Anfang des Jahres be- auftragte sie Siemens, die gesamte Ent- rauchungsanlage krisensicher hochzurüs- ten. Die Mitarbeiter des Elektronik- konzerns müssen sich über die Berliner Verhältnisse gewundert haben: Pläne wiesen Lücken auf, die exakten Standorte für Brandmelder waren nicht verzeichnet. Ohne diese Informationen konnten die Ingenieure nicht mit der Programmierung beginnen, die allein bis zu zwölf Wochen dauert. Am 20. März wurden die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. „Zur Inbetrieb- nahme am 03.06.2012 ist kein vollauto- matischer Betrieb der Entrauchungsanla- ge möglich“, hieß es in einem Control- ling-Bericht der Flughafengesellschaft. In ihrer Not entschlossen sich Chef- techniker Körtgen und seine Kollegen zu unkonventionellen Maßnahmen. So er- wogen sie, 700 Hilfskräfte einzustellen. Überall wo die Technik versagte, sollten Menschen einspringen, auch als Brand- wachen. Beim „modernsten Flughafen Europas“ würden nach diesem Plan Laien Alarm geben oder Türen öffnen, damit im Brandfall der Rauch abziehen kann. Intern wurde die Notlösung als „Mensch- Maschine-Schnittstelle“ bezeichnet. Von den Aufsichtsräten Wowereit, Platzeck und deren Kollegen ließen sich die Airport-Manager dafür bis zu sieben Millionen Euro bewilligen. „Hoffentlich erfährt al-Qaida nichts von dem Plan“, soll einer der Kontrolleure gestöhnt ha- ben. Dass Hunderte Billiglöhner etwa aus der Berliner Türsteherszene in einem Hochsicherheitstrakt wie dem neuen Flughafen auf die Schnelle als unbedenk- lich eingestuft würden, erschien nicht al- len Beteiligten plausibel. Nun bekamen es die ehrgeizigen Flug- hafenmanager mit Vertretern des Land- kreises Dahme-Spreewald zu tun, die in der Kleinstadt Lübben in einem barocken Ständehaus über die Einhaltung der Bau- vorschriften wachen. Die Beamten ließen keine Zweifel dar- an, dass sie ein Milliardenprojekt am Ber- liner Stadtrand ebenso gründlich prüfen wollten wie einen Gurkenimbiss im Nachbardorf. Anfang April teilte ein Beamter des Landratsamts den Airport-Planern mit,

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TOBIAS KLEINSCHMIDT / DPA

was von der Idee mit den Türstehern zu halten sei: nichts. Die „Mensch-Maschi- ne-Schnittstelle“ werde nur dann geneh- migt, hieß es, wenn ein „100-prozentiger Brandschutz“ gewährleistet sei. Dies müsste der TÜV bescheinigen. Den Nach- weis konnte die Flughafengesellschaft bis heute nicht erbringen. Spätestens vor vier Wochen war der Umzugstermin Anfang Juni damit so gut wie erledigt. Trotzdem ließ die Flug- hafengeschäftsleitung den Aufsichtsrat noch am 20. April im Vagen. Man sei, soll Körtgen laut Teilnehmern erklärt ha- ben, mit den Behörden im Gespräch über Alternativkonzepte beim Brandschutz. Der Eröffnungstermin sei ein ehrgeiziges Ziel, aber noch zu schaffen. Dabei war intern Ende April klar, „dass die Bau- arbeiten etwa zwei Monate im Rück- stand“ seien. Das größte Problem, heißt es im Protokollentwurf von 26. April, seien die „behördlich auferlegten Schutz- maßnahmen (Brandmelder und Entrau- chung)“. Ans Aufgeben dachten die Manager trotzdem nicht. Erst am 15. Mai wollten sie alle Unterlagen für das Genehmi- gungsverfahren einreichen. Für Abnah- me, TÜV-Bescheid und Genehmigung kalkulierten die Manager damit gerade mal zwei Wochen ein. Und nun? Immerhin dürfen die Berli- ner, die durch den notorischen Ausfall ih- rer S-Bahn leidgeprüft sind, auch etwas Glück im Unglück erfahren: Wenigstens scheint der Luftverkehr am City-Airport Tegel einigermaßen gesichert. Eigentlich sollte dort der zentrale Ke- rosintank schon an diesem Montag mit Sand gefüllt werden – als Teil eines mo- natelangen Stilllegungsprogramms. Eini- ge kleinere Spritdepots, so das Kalkül, würden ausreichen, um die letzten in Te- gel startenden Jets zu betanken. Der Ab- bauplan wurde gestoppt, quasi in letzter Minute. Noch schlimmer wäre es gekommen, hätten sich die Manager der Flughafen- gesellschaft mit einer anderen Idee durch- gesetzt. Anfang des Jahres hatten sie bei der Berliner Luftfahrtbehörde beantragt, aus der Betriebspflicht für Tegel bereits zur Eröffnung des neuen Willy-Brandt- Airports entlassen zu werden. Die Ma- nager wollten Kosten sparen: Denn so- lange Tegel eine Betriebspflicht hat, müssen dort Feuerwehr und andere Ein- richtungen erhalten werden – auch wenn dort keine Jets mehr starten oder landen. Die skeptischen Beamten lehnten ab. Sie entschieden, dass erst ein halbes Jahr nachdem der neue Airport eröffnet wird, die Genehmigung für Tegel erlischt. Ge- radezu prophetisch wird in der Verfügung kein fester Termin genannt.

DINAH DECKSTEIN, MARKUS DEGGERICH, FRANK HORNIG, PETER MÜLLER, SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN

Deutschland

PETER MÜLLER, SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN Deutschland Ressortchefin Leutheusser-Schnarrenberger: Jeanne d’Arc

Ressortchefin Leutheusser-Schnarrenberger: Jeanne d’Arc der Bürgerrechte

FDP

Die störrische Heilige

FDP-Chef Philipp Rösler möchte endlich beweisen, dass seine Partei harmonisch mit der Union regieren kann. Leider gibt es da noch die Bundesjustizministerin.

D ie Frau auf dem Podium hat die Hände artig zusammengefaltet, sie lächelt bescheiden. Wer sie nicht

kennt, könnte den Eindruck gewinnen, ihr sei so viel Lob unangenehm. „Sabine Leut- heusser-Schnarrenberger ist unsere Jeanne d’Arc der Bürgerrechte“, ruft Fraktionschef Rainer Brüderle. Der Saal tobt. Endlich hat die Partei eine Heilige. Gegen die Bun- desjustizministerin, so viel ist auf dem FDP-Bundesparteitag in Karlsruhe klar,

kommt bei den Liberalen keiner an. Drei Wochen und zwei Landtagswah- len später liegt genau hier das Problem. Die FDP hat durch den unerwarteten Er- folg in Schleswig-Holstein neues Selbst- bewusstsein gewonnen. Den zarten Auf- wärtstrend will Parteichef Philipp Rösler jetzt in der Bundespolitik fortsetzen. Nach zweieinhalb Rumpeljahren soll sei- ne Partei endlich beweisen, dass sie re- gieren kann. Das größte Hindernis dafür ist die Justizministerin. Die ist für ihre starre Haltung bei der Vorratsdatenspeicherung in Karlsruhe ge- feiert worden. Die Union will alle Tele-

kommunikationsverbindungsdaten sechs Monate speichern, um Verbrechen besser aufklären zu können. Leutheusser-Schnar- renberger hält das für einen zu gravieren- den Eingriff in die Bürgerrechte. Dass sie sich damit über europäisches Recht hinwegsetzt und die EU-Kommis- sion beim Europäischen Gerichtshof ge- gen Deutschland klagen will, störte die Delegierten nicht. Das hat die Ministerin in ihrem Vorsatz bestärkt, der Union zu trotzen. Ihr wäre es recht, wenn es in der Koalition keine Einigung gäbe. Nach einer Sitzung des Innenausschus- ses im Bundestag, an der der zuständige EU-Beamte Rainer Priebe teilnahm, hieß es auf einmal in Medienberichten, es wer- de in dieser Legislaturperiode kein Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung mehr geben. „Zwei Jahre Verschnaufpause“ titelte die „Süddeutsche Zeitung“. Der Grund dafür soll sein, dass die Strafzahlungen, die Deutschland von Seiten der EU drohen, nicht so hoch ausfielen wie befürchtet. Nicht nur im CSU-geführten Innen- ministerium sieht man das anders. „Die Vorratsdatenspeicherung bleibt nach wie vor ein Thema“, heißt es dort. Auch in der FDP-Spitze hält man nichts von einer Verschleppung des Problems, nur weil diese jetzt billiger zu haben wäre. Rösler wünscht sich einen Kompromiss mit dem Koalitionspartner, damit das Thema vom Tisch ist. „Wir müssen die Sache jetzt klären“, heißt es in seiner Um- gebung. Der Parteichef will das Thema beim nächsten Koalitionsausschuss zur Sprache bringen – am liebsten zum letz- ten Mal. Der FDP-Chef ist davon überzeugt, dass seine Partei nur dauerhaft aus dem Tief kommt, wenn die Regierung in wich-

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tigen Fragen geräuschlos arbeitet. Des- halb sollen die umstrittenen Themen rasch geklärt werden. Für diesen Kurs hat Rösler breiten Rückhalt in der Frak- tion. „Die Koalition ist gut beraten, sich bei den strittigen Themen Betreuungsgeld, Vorratsdatenspeicherung, Praxisgebühr und Pendlerpauschale bis zur Sommer- pause zu einigen“, sagt der rechtspoliti- sche Sprecher der Fraktion, Christian Ahrendt. Der stellvertretende Fraktions- vorsitzende Martin Lindner warnte Leut- heusser-Schnarrenberger bereits davor zu überziehen: „Keiner wird sich hier mit Maximalforderungen durchsetzen können.“ Die entscheidende Frage ist aber offen:

Wie überzeugt man die Justizministerin vom Kompromisskurs? Die fühlt sich nicht erst seit dem Parteitag in einer star- ken Position. Sie hat vor allem ein Druck- mittel in der Hand: Einen Rücktritt Leut- heusser-Schnarrenbergers könnte sich Rösler nicht leisten. Er müsste dann ver- mutlich selbst sein Amt aufgeben. Mit einem solchen Schritt hatte die Jus- tizministerin dem Parteichef bereits vor einigen Monaten gedroht. Sie werde nicht zulassen, dass er Zugeständnisse der Union bei Steuersenkungen mit einem Entgegenkommen bei der Vorratsdaten- speicherung bezahle, sagte sie. Rösler nahm die Drohung ernst.

„Sie ist so hoch auf den Baum geklettert, dass ich nicht sehe, wie sie da wieder herunterkommt.“

Dazu hat er allen Grund. Die FDP- Politikerin hat schon einmal bewiesen, dass sie für ihre Überzeugungen einsteht. Im Dezember 1995 trat sie als Justizministerin unter Helmut Kohl zurück, weil sie die akustische Wohnraumüberwachung, den sogenannten Großen Lauschangriff, nicht mittragen wollte. Dass das Bundesverfas- sungsgericht ihre Bedenken acht Jahre spä- ter bestätigte, hat sie in ihrer Haltung be- stärkt. Leutheusser-Schnarrenberger sieht sich als eine der letzten Kämpferinnen des Bürgerrechtsflügels in der FDP-Führung. Deswegen ist sie auch gegen das ursprüng- liche Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung nach Karlsruhe gezogen – und hat die Klage wieder gewonnen. Damit war das Thema allerdings nicht vom Tisch. Das Bundesverfassungsgericht hatte nur das konkrete Gesetz verworfen, nicht aber die Vorratsdatenspeicherung als solche. Die EU drängt auf die Umsetzung einer entsprechenden Richtlinie aus dem Jahr 2006. Leutheusser-Schnarrenberger aber weigert sich beharrlich, alle EU-Vorgaben

umzusetzen. Sie hat die Sache zu einem Freiheitsthema erklärt, und bei der Frei- heit gibt es in ihren Augen keine Kom- promisse. Sie ist überzeugt davon, dass eine solche klare Haltung beim Wähler ankommt. Genau daran haben aber viele in der Partei Zweifel. Der Rechtspolitiker Hart- frid Wolff hatte schon vor einigen Mona- ten in einem internen Strategiepapier moniert, in der Innen- und Rechtspolitik definiere sich die FDP „über die stete Ver- neinung“. FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner hatte die Innere Sicherheit be- wusst aus dem Wahlkampf in Nordrhein- Westfalen herausgehalten, weil es ein heikles Thema ist. Wie soll man der Be- völkerung erklären, warum die Polizei nicht wissen darf, wer mit den rechtsradi- kalen Mördern aus der Terrorgruppe „Na- tionalsozialistischer Untergrund“ in den letzten sechs Monaten in Kontakt stand? Die Haltung der FDP ist dem Wähler nicht ganz leicht zu vermitteln. „Wir haben nur deshalb noch kein politisches Problem, weil der Innenminister das Thema nicht richtig angeht“, sagt ein Vertrauter Röslers. „Aber das muss ja nicht so bleiben.“ Auch eines der wichtigsten politischen Argumente der Justizministerin für ihre harte Haltung wollen die Kritiker in der FDP-Spitze nicht gelten lassen: die Konkurrenz durch die Piratenpartei. Aus Sicht vieler Piraten und ihrer Fans ist selbst Leutheusser-Schnarrenberger längst zur Verräterin an der Sache geworden. Immerhin ist sie bereit, Internetverbin- dungsdaten für eine Woche speichern zu lassen. Schon das aber lehnen nicht nur die Piraten und ihre Sympathisanten als „Vorratsdatenspeicherung light“ ab. Nicht einmal ihr eigenes Bundesland Bayern kann Leutheusser-Schnarrenber- ger als Beleg für den Erfolg ihrer Haltung anführen. Die FDP in Bayern rutschte laut einer Emnid-Umfrage auf zwei Prozent ab. Gleichzeitig meldeten die bayerischen Piraten freudig, sie hätten nun mehr als 6000 Mitglieder – damit sind sie der stärks- te Landesverband der Republik. Nun stellt sich die Frage, ob Rösler die Justizministerin davon überzeugen kann, dass ein Kompromiss keinen Gesichtsver- lust bedeutet. Im Thomas-Dehler-Haus gibt man sich optimistisch. Leutheusser- Schnarrenberger sei keine Fundamenta- listin. In der Fraktion ist man weniger zuver- sichtlich. „Sie ist so hoch auf den Baum geklettert, dass ich nicht sehe, wie sie da wieder herunterkommt“, sagt ein Mit- glied der Fraktionsspitze. Damit droht Rösler eine Wahl, die er gern vermeiden würde: Entweder er scha- det der FDP, weil der Dauerstreit mit der Union weitergeht. Oder er demontiert seine Justizministerin und damit sich selbst.

RALF NEUKIRCH, MARCEL ROSENBACH

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NIGEL TREBLIN / DAPD

Deutschland NIGEL TREBLIN / DAPD Ministerpräsident Wulff (r.), Sprecher Glaeseker 2010: Sieben Seiten an die

Ministerpräsident Wulff (r.), Sprecher Glaeseker 2010: Sieben Seiten an die Staatsanwälte

AFFÄREN

Studenten im Angebot

Christian Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker meldet sich nach Monaten des Schweigens zu Wort – und versucht, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu entkräften.

F ür ein paar Stunden wehte ein Hauch von Hollywood in der nie- dersächsischen Landeshauptstadt.

Faye Dunaway, die große Diva des ame- rikanischen Kinos, verlieh der Party im Terminal C des Flughafens Hannover- Langenhagen internationales Flair. Mit 15000 Euro Gage hatte der Event-Macher Manfred Schmidt die Oscar-Preisträgerin über den Atlantik gelockt. Nord-Süd-Dialog hieß die Sause, bei der sich knapp tausend Gäste aus Nieder- sachsen und Baden-Württemberg begeg- neten. Menschen aus Kultur, Politik und Wirtschaft, Prominente wie Klaus Meine, Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer. Und als Schirmherr strahlte über allen:

Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). Die Airport-Fete vom Dezember 2009 steht im Zentrum der staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen den Veranstalter Schmidt und gegen Wulffs ehemaligen Sprecher Olaf Glaeseker. Schmidt soll mit der Party 300000 Euro Gewinn erzielt ha- ben – und sein guter Freund und Urlaubs- partner Glaeseker soll ihm dabei mit der Kraft seines Amtes geholfen haben. Es geht deshalb um den Verdacht der Beste- chung und Bestechlichkeit.

Glaeseker, 51, hatte maßgeblichen An- teil am Aufstieg seines Chefs bis ins Schloss Bellevue. Er war Wulffs Berater, Strippenzieher, Sprachrohr – auch als die Hausfinanzierung des Bundespräsidenten zum Thema der öffentlichen Diskussion wurde. Doch dann kam heraus, dass auch Glaeseker, seinem Chef nicht unähnlich, zuweilen Privates und Dienstliches ver- mengte; etwa wenn er für Schmidt Spon- soren aufriss und auf Schmidts Kosten die Mittelmeersonne genoss. Der gelernte Journalist hat geschwiegen, seitdem er am 22. Dezember vergangenen Jahres von Wulff entlassen wurde. Er tauchte für Monate in der niedersächsischen Pro- vinz ab. Der Öffentlichkeitsarbeiter ent- zog sich der Öffentlichkeit. Vorige Woche jedoch nahm Glaeseker erstmals Stellung. Sein Anwalt Guido Frings schickte ein siebenseitiges Schrei- ben an die Staatsanwaltschaft Hannover. Der Brief spart einige wichtige Vorwürfe aus, aber er ist womöglich ein erster Schritt auf dem Weg zur Wahrheit. In sei- ner ersten Einlassung versucht Glaeseker, zwei konkrete Vorgänge auszuräumen, die ihm im Rahmen seiner Mitarbeit am Nord-Süd-Dialog zur Last gelegt werden. Im ersten Vorgang geht es um 44 Stu- denten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), die bei Schmidts Flug- hafen-Fete im Service eingesetzt wurden. Glaeseker soll um das Personal gebeten haben. Auf den Kosten in Höhe von 5245 Euro sei die Hochschule aber sitzenge- blieben. Glaesekers Version geht anders: MHH- Vizepräsident Andreas Tecklenburg selbst habe sich bereits im September 2009, also drei Monate vor dem Nord-Süd-Dialog, als Sponsor ins Gespräch gebracht. Als Tecklenburg zu einem Treffen der Geld- geber für den 14. Oktober eingeladen wur- de, bat der MHH-Chef per E-Mail um Ent-

schuldigung. Er sei mit Freunden zu einem Fußball-Länderspiel verabredet. „Gerne beteilige ich mich aber an der Ideensammlung und habe z.B. vorgeschla- gen, dass wir als MHH mit unseren Ser- vicekräften (Medizinstudent(inn)en) hel- fen.“ Die E-Mail vom 8. Oktober 2009 liegt der Staatsanwaltschaft vor. Für Glae- seker war klar: Die Hochschule unter- stützt den Nord-Süd-Dialog als ein Spon- sor, der nicht Geld gibt, sondern Personal stellt. Als Beleg führt der ehemalige Regierungssprecher an, die Studenten hät- ten doch T-Shirts mit dem MHH-Logo ge- tragen. Dass die Hochschule die Umstände im Nachhinein anders dargestellt habe, so lässt Glaeseker gegenüber der Staatsan- waltschaft erklären, sei vielleicht einer politischen Drucksituation geschuldet. Die Uni hatte im Januar in einer Presse- erklärung mitgeteilt, sie habe bei Schmidt und Glaeseker angefragt, wer denn die Kosten in Höhe von 5245 Euro zuzüglich Organisations- und Bekleidungspauschale sowie Mehrwertsteuer begleichen werde – und eine Abfuhr erhalten. Eingelassen hat sich der frühere Wulff- Sprecher auch zu dem Vorwurf, seine Ehefrau habe an einem Kochbuch („Ras- pers Rezepte – Niedersachsens Küche neu entdeckt“) mitgewirkt, das die Landesre- gierung als Give-away an die Besucher des Nord-Süd-Dialogs verteilt habe. Seine Frau habe das Projekt zwar journalistisch begleitet, aber sie habe es unentgeltlich getan, so betont Glaeseker. Für ebenso unbedenklich hält der Ex- Sprecher, dass das Landwirtschaftsminis- terium die Küchenfibel mit 3411 Euro ge- fördert hatte – obwohl die Regierung doch stets betonte, dass es sich bei der Airport-Party um eine Veranstaltung des Unternehmers Schmidt gehandelt habe. Bei der Rezeptsammlung von Spitzen- koch Oliver Rasper handelt es sich laut Glaeseker um einen normalen Vorgang mit dem Ziel, für Niedersachsen zu wer- ben. Es sei darum gegangen, die Produkte des Landes aus Flüssen, Seen, Meeren, Wäldern, von Wiesen und Feldern neu zu entdecken. Das Landwirtschaftsminis- terium sei von dem Projekt so begeistert gewesen, dass es sich um die Umsetzung des Buchprojekts gekümmert und Spon- soren aus der Lebensmittelbranche dafür gesucht habe. Besonders erbaut werden die Ermittler über Glaesekers erste Info-Tranche nicht sein. Weder hat er einen Satz verloren zu seiner Rolle als Vermittler bei der Akquise von Sponsoren aus der Wirtschaft noch über seine Urlaube in den Schmidt-Resi- denzen in Südfrankreich und Barcelona. Zu diesen Themen, kündigte Glaeseker in seinem Brief an die Staatsanwaltschaft an, werde er sich später äußern – sobald er volle Akteneinsicht erhalten habe.

MICHAEL FRÖHLINGSDORF, HUBERT GUDE

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MARKUS MATZEL /

Deutschland

ISLAMISMUS

Die Ehre der Löwen

Droht Deutschland eine Welle salafistischer Gewalt? Auf der Rückfahrt von einer Demonstration in Köln gegen die rechtsextreme Partei Pro NRW gewähren drei strenggläubige Muslime Einsichten in ihre Gefühlswelt.

N achdem die Wasserwerfer abge- rückt und die Mohammed-Karika- turen in einem Kofferraum ver-

staut sind, steigen drei junge Männer am Kölner Hauptbahnhof in ein Auto. Sie tragen Bart, man sieht ihnen ihre Reli- gion an. Sie wirken etwas unzufrieden. Malik sagt: Es ist traurig und beschä- mend, dass so wenige gekommen sind. Martin sagt: Bruder, es ist Dienstag- nachmittag, viele von uns arbeiten. Koray zuckt die Schultern. Er hat sich doch auch freigenommen. Warum konn- ten das die anderen nicht tun? Malik, Martin und Koray waren mor- gens aus Hamburg aufgebrochen, um in Köln gegen die Mohammed-Karikaturen zu protestieren, die Anhänger der rechts- extremen Partei Pro NRW vor einer Mo- schee zeigen wollten. Das Verwaltungs- gericht Köln hatte das Präsentieren der Zeichnungen des dänischen Karikaturis- ten Kurt Westergaard genehmigt – gegen den Willen der Polizei. Malik, Martin und Koray waren über den Richterspruch wü- tend und fassungslos. Sie fuhren mit der Befürchtung nach Köln, dass es wieder Verletzte geben werde, wie in Solingen und Bonn wenige Tage zuvor. Dort waren wütende junge Männer mit Bärten, gekleidet in lange Gewänder, Ka- puzenpullis und Feldjacken in Flecktarn, auf Vertreter von Pro NRW und auf Poli- zisten losgegangen. In Bonn hatten sie sich mit Holzlatten und Steinen bewaff- net, 29 Beamte waren dabei verletzt wor-

den, zwei kamen mit schweren Stichwun- den ins Krankenhaus. Murat K., der mut- maßliche Messerstecher, sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. 109 Demonstran- ten wurden festgenommen. Es gibt jetzt eine Debatte über gewalt- tätige Muslime. Politiker und Verfassungs- schützer sehen eine neue Form der Ag- gressivität heraufziehen, und in der Luft liegt die Frage, ob radikale Jugendliche,

die sich auf den Islam berufen, einen Auf- stand in Deutschland anzetteln könnten. An den Ausschreitungen waren vor al- lem Salafisten beteiligt, die eine besonders rigide Form des Islam propagieren und sich als die einzig wahren Muslime sehen. Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach sagt:

„Salafisten wollen die freiheitliche Grund- ordnung durch einen Gottesstaat ersetzen. Salafismus und Demokratie sind daher

Gottesstaat ersetzen. Salafismus und Demokratie sind daher Muslimische Demonstranten am 8. Mai in Köln: „Wir

Muslimische Demonstranten am 8. Mai in Köln: „Wir schmeißen keine Bomben“

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er gegen die Karikaturen protestieren wolle. Er ist vorsichtig. Er will keine Pro- bleme mit der Polizei. Koray und Martin kennen sich seit der Vorschulzeit, zwei Jungs, die zusammen im Hamburger Osten aufwuchsen. Seit sie Muslime sind, gehen sie das Leben ernster an, erwachsener, und obwohl sie erst 19 sind, haben sie beschlossen, dass ihnen Mädchen, Discos und der ganze Kinderkram fortan nichts bedeuten. Sie

strengen sich stattdessen in der Uni und der Schule an, weil es Allah gefalle, sagt Koray, wenn man sein Wissen und seine Bildung vermehre. Maliks Vater stammt aus Algerien, sei- ne Mutter ist Deutsche. Er hat einen Real- schulabschluss und will das Abitur nach- holen. Im Moment versucht er, sich eine Existenz als freiberuflicher Finanzberater für Muslime aufzubauen, weil das Ge- schäft aber nicht gut läuft, arbeitet er zu-

sätzlich bei Ikea an der Kasse. Malik ist 22 und der Schlagfertigste der drei, der Wortführer. Malik, Martin und Koray haben Ver- ständnis für die Wut der jungen Männer von Bonn und Solingen. Malik sagt, er finde es „nicht schön“, dass Steine gewor- fen wurden. Er wolle sich aber nicht an- maßen, über andere Muslime eine Mei- nung zu äußern, auch wenn sich nicht je- der Muslim immer islamisch verhalte.

Demonstrant Murat K. (Kreis) am 5. Mai in Bonn: Nachfrage beim Staatsschutz „Beseelter Blick“ Der
Demonstrant Murat K. (Kreis) am 5. Mai in Bonn: Nachfrage beim Staatsschutz
„Beseelter Blick“
Der Deutschtürke Murat K. stach zwei Polizisten nieder – aber wie
wurde aus einem jähzornigen Jugendlichen ein Salafist?
B evor er loszog, um den Prophe-
ten Mohammed mit dem Messer
zu verteidigen, entsorgte Murat
K. sein bisheriges Leben auf die Stra-
ße. Er hatte sein Apartment zum 30.
April gekündigt, Möbel aus der Dach-
geschosswohnung stellte der 25-Jähri-
ge zum Sperrmüll. Genau wie die Kar-
tons, die er stehen ließ als eine Art
Vermächtnis: voll mit Altpapier, Brie-
fen, einem Lebenslauf und Unterlagen,
die das Leben des Messerstechers do-
kumentieren. Wo er hinwollte, hatte
Murat seinen Nachbarn nicht erzählt.
Wenige Tage später konnten sie es
in den Nachrichten sehen: Beim Kampf
radikal-islamischer Salafisten gegen
Anhänger der rechten Splittergruppe
Pro NRW in Bonn stürmte Murat K.,
offenbar unbedrängt, mit einem Mes-
ser in der Hand auf Polizisten los. Zwei
von ihnen erlitten tiefe Schnittwunden
im Oberschenkel. Gegen Murat wurde
Haftbefehl erlassen, es wird wegen Ver-
dachts auf versuchten Mord ermittelt.
Bislang galten die Salafisten in
Deutschland zwar als Propagandisten
eines mittelalterlichen Islam. Dass
aber einer von ihnen hier Beamte nie-
dersticht, zeigt eine neue Stufe der Es-
kalation. Oder ist nur jemand durch-
gedreht, der sowieso auf der abschüs-
sigen Bahn war?
Murat K. wuchs in einer Siedlung
von Mehrfamilienhäusern in der frü-
heren Bergbaustadt Sontra bei Kassel
auf. In der Schule kam er nur mäßig
zurecht und wechselte von der Ge-
samtschule auf die Hauptschule. Aber
er fühlt sich offenbar seiner deutschen
Heimat verbunden, seine Mail-Adres-
se lautet: „Murat_el-Sontrani“, Murat,
der aus Sontra kommt.
Der Junge spielte leidenschaftlich
gern Fußball. Sein Trainer hielt an-
fangs große Stücke auf ihn, doch auf
dem Platz entpuppte sich Murat als
jähzornig. Häufig sah er die rote Karte,
beschimpfte Mitspieler und Schieds-
richter, wegen häufiger Krawalle wur-
de schließlich seine gesamte Mann-
schaft aufgelöst. Später ermittelte die
Polizei gegen ihn wegen Körperverlet-
zung. 2005 wanderte Murat sogar in
den Jugendarrest. Seine Nachbarn
aber kannten Murat die Jahre über
nur als den netten Jungen mit dem
„beseelten Blick“, wie eine alte Dame
sagt. Selbst seine Eltern, die nur ein
paar hundert Meter weiter wohnen,
wollen von seinem ganzen Ärger
kaum etwas mitbekommen haben.
Murat K. jobbte, als Briefsortierer,
als Verpacker, als Hilfsarbeiter. 2008
begann er eine Lehre als Industrieme-
chaniker. Doch nach einem Jahr brach
er sie ab. Etwa zur selben Zeit ließ er
sich einen Vollbart wachsen, er trug
nun eine Gebetsmütze. Sogar der Bür-
germeister von Sontra wurde aufmerk-
sam, denn Murat gehörte zu einer
Gruppe von Jugendlichen, die mit
Rauschebart und Kaftan in der Klein-
stadt für Aufsehen sorgten. Karl-Heinz
Schäfer war beunruhigt und fragte
beim Staatsschutz der Polizei nach, ob
etwas gegen die Gruppe vorliege.
Doch der Bürgermeister bekam keine
Antwort.
Im März formulierte Murat noch
einmal eine Bewerbung für einen
Job. „Als nicht-(ganz) ausgebildeter
Industriemechaniker“ suche er eine
„berufliche Herausforderung“, schrieb
er an einen Maschinenhersteller bei
Köln. „Ausgeprägte Teamfähigkeit so-
wie Zuverlässigkeit und Flexibilität
machen es mir zudem stets einfach,
mich in ein neues Arbeitsumfeld zu
integrieren.“ Doch aus dem Job wurde
nichts.
Der Vater von Murat, ein Frührent-
ner, der seit mehr als 25 Jahren in
Deutschland lebt, hat nach der Attacke
tagelang nicht mit seinem Sohn gespro-
chen. Hat er gemerkt, dass aus dem
Jungen ein Salafist wurde? „Ich habe
keine Ahnung, warum“, sagt er. Auf
keinen Fall mag der Vater seinen Sohn
als radikalen Gewalttäter sehen. „Im
Fernsehen zeigen sie immer die Szene
mit dem Messer“, sagt der Vater.
„Aber was ist vorher passiert?“ Dass
Murat Menschen schwer verletzt hat,
ohne vorher angegriffen worden zu
sein, kann er sich nicht vorstellen.
ULF HANKE
QUELLE: YOUTUBE

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„Ich urteile nicht. Und ich distanziere mich von niemandem.“ Fragen beantwortet Malik gern mit aus- schweifenden Antworten, die schnell im 7. Jahrhundert nach Christus landen. Er sagt, Mohammed habe sich stets unter Kontrolle gehabt, auch dann, als ihn ein- mal ein Mann so fest am Kragen packte, dass er davon Striemen am Hals bekom- men habe. Für einen Muslim sei es wich- tig, seine Neigungen unter Kontrolle zu halten, dazu gehöre auch die Neigung zu Gewalt. Womöglich hätten die Steinewer- fer in Bonn ihre Neigungen nicht im Griff gehabt, sagt Malik. „Sie waren in ihrem Herzen zutiefst gekränkt von den Karika- turen.“ Die Steinwürfe, die Messerstiche müsse man als Handlungen begreifen, die „im Affekt“ geschehen seien. Die Polizei glaubt allerdings, dass die Salafisten die Steine zur Demonstration mitbrachten.

Malik ist wie Martin und Koray skep- tisch gegenüber Journalisten, die ihnen doch nur die Worte im Mund verdrehen würden, weil sie zeigen wollten, wie ge- walttätig und brutal der Islam sei. Am wohlsten fühlen sie sich, wenn sie unter ihresgleichen bleiben und in Ruhe über ihre Religion sprechen können. Koray empfiehlt den Vortrag eines südafrikani- schen Predigers auf YouTube, der Tipps gibt, wie man christlichen Missionaren gegenübertritt – also den „Feinden“ – und sie mit Argumenten schnell still kriegt. Auf der Höhe von Gütersloh beginnt Martin einen Vortrag über die historische Figur Mohammed. Er weiß viel, aber wenn er erzählt, klingt es, als hätte er ein Referat für die Schule auswendig gelernt. Später dreht sich das Gespräch um die Frage, ob ein Muslim amerikanische Fern- sehserien schauen darf, zum Beispiel

Deutschland

„How I Met Your Mother“. Martin sagt, er habe die Serie gern gesehen, aber nach seinem Geschmack werde Gott darin ein wenig zu oft beleidigt. Er rät dazu, dann kurz den Fernseher abzuschalten. So harmlos, so friedliebend wirken nicht alle, die der deutschen Salafisten-Szene zugerechnet werden. Am Nachmittag vor der Moschee, nachdem sich die Anhänger von Pro NRW davongemacht hatten, stan- den Martin, Malik und Koray mit anderen in einer Gruppe Muslime, die sich über Angela Merkel aufregten. Wie könne es die Kanzlerin zulassen, dass vor Moscheen Mohammed-Karikaturen gezeigt würden, fragten sie. Unter den Wütenden war auch Abu Abdullah, der schon während der De- monstration in Bonn die Kanzlerin vor Anschlägen auf Deutsche warnte, die im Ausland leben – wenn sie nicht die islam- feindliche Kampagne stoppe.

Auch Reda Seyam, ein Deutschägyp- ter, war in Köln dabei. Im Jahr 2002 stand er nach Erkenntnissen deutscher und amerikanischer Behörden in Ver- dacht, einer der Hintermänner des At- tentats von Bali gewesen zu sein, bei dem 202 Menschen starben. Verfassungs- schützer entdeckten später islamistische Propagandavideos auf Seyams Festplatte sowie Belege für Zahlungen an Islamis- ten. Zudem fiel er 2006 auf, weil er sei- nem Sohn den Namen „Dschihad“ gab und deswegen einen Rechtsstreit mit dem Berliner Innensenator führte. Seyam ge- wann das Gerichtsverfahren. Er betreibt nun von Berlin aus ein „Islamisches Nachrichten- & Informationszentrum“ im Internet. Kurz hinter Hannover bitten Malik, Martin und Koray den Fahrer, die nächs- te Raststätte anzufahren. Sie wollen be-

ten. Am Himmel sind noch keine Sterne zu sehen. Während die drei auf dem iPhone-Kompass Südosten suchen, die Himmelsrichtung, in der Mekka liegt, zündet sich Viktor, der Fahrer, eine Zi- garette an. Er möge diese drei Typen mit den Bärten, sagt er. Sie seien so höf- lich. Dann erzählt er von einem Puff an der holländischen Grenze, einer Villa mit 60 Mädchen, in der man tagelang Spaß haben könne. Er vermittle gern den Kontakt. Später, es geht weiter auf der A7, sagt Malik, er könne nicht verstehen, warum auf so vielen Plakatwänden halbnackte Frauen zu sehen seien, mit nichts beklei- det als ein paar Fetzen Stoff. Die Frauen würden zu Sexobjekten degradiert, sagt Malik, und wenn auch Feministinnen das ablehnten, sei er mit denen gern einer Meinung. Die drei begreifen das Leben

in Deutschland als beständige Prüfung ih- rer Gottergebenheit und ihrer Fähigkeit, den Verlockungen des Satans zu wider- stehen. Verlockungen sind zum Beispiel:

morgens weiterschlafen, obwohl man das Frühgebet sprechen sollte, sowie Gummi- bärchen mit Schweinegelatine. Martin sagt, die Leute in seinem Alter lenkten sich mit vielen Dingen von den wichtigen Fragen ab. Diese jungen Men- schen verlangten nichts vom Leben als Genuss, keiner frage sich, was der Sinn hinter alldem sei. Martin, Malik und Ko- ray glauben, den Sinn für sich gefunden zu haben, und sie wollen, dass auch an- dere ihn entdecken. Die Lichter von Ham- burg sind schon nahe, als Martin, 19 Jahre alt, im Auto sagt: „Der Mensch wurde er- schaffen, um Allah zu dienen.“

HUBERT GUDE, SOUAD MEKHENNET, CHRISTOPH SCHEUERMANN

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KERSTIN JOENSSON / DAPD

STRAFJUSTIZ

Verkehrte Welt

Wie die bayerische Justiz gewalttätige Polizisten schützt Von Gisela Friedrichsen

erinnert sich als Zeuge, der Gesichts- ausdruck und der Tonfall der jungen Frau hätten sich damals „schlagartig ge- ändert“. Wie bitte? Er sagt: „Wir muss- ten annehmen, dass sie mehr weiß.“ Warum bitte? Außerdem habe er den Eindruck gehabt, in der Wohnung der Frau halte sich noch eine weitere Per- son auf: „Das war verdächtig!“ Wieso bitte? Er forderte Verstärkung an.

I m Februar, zu Beginn des Prozes- ses, hatte der Rosenheimer Amts- richter Ralf Burkhard noch ange-

kündigt, in der Beweisaufnahme wer- de die Aufklärung der vorgeworfenen Taten „nach den Regeln der Kunst“ erfolgen. Einen Antrag der Verteidi-

gung auf Einstellung des Verfahrens wies er zurück, da der Bürger schließ- lich einen „Gewährleistungsanspruch auf Strafverfolgung“ habe. Vor allem, möchte man hin-

zufügen, wenn sich Polizei- beamte in den Verdacht brin- gen, gegenüber unbescholte- nen Bürgern massiv übergrif- fig geworden zu sein. Doch wenn es um prügeln- de Polizisten geht, scheint in Bayern die Justiz biswei- len verkehrte Welt zu spie- len. Angeklagt werden näm- lich nicht die Beamten, die ihren Aufgaben mit offen- sichtlich fragwürdigen Me- thoden nachgehen, sondern die Bürger, wenn sie sich von der Staatsgewalt nicht alles gefallen lassen – wegen Widerstandes gegen Vollstre- ckungsbeamte. Der Fall, um den es geht, spielte sich am 15. Novem- ber 2010 im oberbayerischen Pfaffenhofen ab. Zwei Beam- te, der Polizeihauptmeister K. und der Polizeiobermeis-

ter T., sollten an jenem Tag einen Mann zur psychiatrischen Un- tersuchung vorführen. Sie fuhren zu der Adresse, einem Anwesen mit 14 Wohnungen, wo sie den Gesuchten vermuteten. Doch dessen Name stand auf keinem der Klingelschilder. Also läuteten sie an mehreren Wohnungs- türen, um nach ihm zu fragen. Sie tru- gen nicht Uniform, sondern waren in Zivil.

Von einigen Mietern bekamen sie die Auskunft, sie sollten den Hausbe- sitzer fragen. Dessen Tochter kam aus ihrer Wohnung und erklärte den Be- amten, der Mann sei ausgezogen und lebe wohl jetzt bei seinem Bruder. Sie wisse aber nicht, wo. Der Beamte K.

deutet auch schlagen und treten und fesseln: „Die Kollegen waren alle schwer beschäftigt.“ Einer der Beam- ten klagte nach dem Einsatz über Mus- kelkater im rechten Arm, weil der so beansprucht worden sei, ein anderer verlangte Schmerzensgeld. Ihre Opfer aber, mit denen sie sich „beschäftigt“ hatten, kamen mit Bauchtraumata, Schädelprellungen, Hautabschürfun- gen und Schockzuständen ins Krankenhaus.

Das alles ist schlimm ge- nug. Es gäbe noch vieles zu erzählen, etwa, dass die Poli- zisten Fotos, die die Mutter am Tatort schoss, löschten und die Staatsanwaltschaft nichts dagegen einzuwenden hatte. Oder dass die Ankla- gevertreter sich nicht scheu- ten, die junge Frau als ge- stört hinzustellen, weil sie im Alter von zwölf Jahren mal in psychologischer Be- handlung gewesen war. Oder wie sie versuchten, den Vater in den Ruch eines Gewalttäters zu bringen, weil er einst im Polizeidienst dem Boxsport nachging. Doch das Übelste an der Geschichte ist, dass das Gericht das Verfahren am Freitag wegen geringfügi- gen Verschuldens nach ei- nem Rechtsgespräch überra-

schend eingestellt hat. Von Aufklärung keine Rede mehr oder dass die Öffentlichkeit ein Recht hat zu erfahren, wie die Polizei mit dem Bürger bisweilen umgeht. Der Richter sprach von der „Kosten-Nutzen- Relation“, wäre der Prozess fortge- führt worden, und betonte, die An- geklagten hätten „kein Interesse mehr an einer Strafverfolgung der Be- amten“. Das Entscheidende aber war wohl, dass am Freitag jener Polizist als Zeu- ge hätte aussagen sollen, gegen den sich die Angeklagten am heftigsten zur Wehr gesetzt hatten. Weitere Er- mittlungen haben die Polizisten nun nicht mehr zu fürchten. Ende gut?

haben die Polizisten nun nicht mehr zu fürchten. Ende gut? Angeklagte in Rosenheim: Traumata und Schockzustände

Angeklagte in Rosenheim: Traumata und Schockzustände

Der Beamte verlangt von der Frau ihren Ausweis, laut einer Nachbarin in nicht gerade höflichem Ton. Die junge Frau zweifelt, ob er wirklich Polizist sei, will erst einmal seinen Ausweis sehen. Im Flur ist es düster, sie kann, was er ihr vor die Nase hält, nicht entziffern. Der Beamte stellt ei- nen Fuß in die Tür. Sie will sie schlie- ßen und drückt dagegen. Ihr Ehe- mann kommt zu Hilfe, auch ihre El- tern. „Ich zog die Frau raus und über- gab sie den Kollegen“, sagt der Beam- te. „Übergeben“, das bedeutet, an den Schultern gepackt, gegen die Wand gedrückt, zu Boden gebracht und mit den Knien fixiert zu werden. Es be-

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STEFANO SPAZIANI / ACTION PRESS

STEFANO SPAZIANI / ACTION PRESS KATHOLIKEN „Herrschsüchtig und vulgär“ Vertrauliche Briefe aus dem Vatikan sind an

KATHOLIKEN

„Herrschsüchtig und vulgär“

Vertrauliche Briefe aus dem Vatikan sind an die Öffentlichkeit gelangt, sie offenbaren eine Welt aus Intrigen und Korruption. Drei hochbetagte Kardinäle sollen nun die Verräter finden.

E r erschien wie jeden Morgen in der eleganten Kommandozentrale un- ter der Glaskuppel mit dem gold-

verzierten Erzengel. Mario Cal, 71, Vize- präsident der katholischen Klinik San Raffaele in Mailand, grüßte kurz seine Sekretärin Stefania. Dann zog er die Tür seines Büros im sechsten Stock hinter sich zu, vielleicht etwas eiliger als ge- wöhnlich. Wenig später hörte die Assistentin ei- nen Knall. Sie riss die Tür auf und sah ih- ren Chef auf dem Boden. Eine Blutlache bildete sich um seinen Kopf, seine Hand hielt einen Revolver der Marke Smith & Wesson, Kaliber .38. Zwei blutbespritzte Briefumschläge lagen auf dem Schreib- tisch, der 35 Jahre lang sein Arbeitsplatz gewesen war. Einer für die Sekretärin, in dem er sich für die entstandene Unan- nehmlichkeit entschuldigte. Der andere für seine Frau: „Liebe Tina, verzeih mir. Ich kann nicht mehr. Ein weiteres Mal zahle ich für die Fehler anderer.“ Cals Selbstmord im vergangenen Jahr markierte den vorläufigen Höhepunkt ei- nes Machtkampfs um Posten, um den Ein- fluss der katholischen Kirche auf das Ge- sundheitswesen und die Bildungspolitik Italiens. Normalerweise dringt nichts nach drau- ßen, wenn römische Kardinäle die politi- schen und finanziellen Verhältnisse im Kirchenstaat sortieren. Sie regeln ihre

Macht- und Geldgeschäfte am liebsten unter sich, hinter den dicken Mauern des Vatikans. Möglichst unbehelligt von den Medien – und auch von Papst Benedikt XVI., den das Alltagsgeschäft ohnehin wenig zu interessieren scheint. Der Deut- sche beschäftigt sich lieber mit theolo- gisch-philosophischen Fragen. Gestört wird die fromme Stille nur, wenn, wie im Fall Cal, ein spektakulärer Suizid für Schlagzeilen und Fragen sorgt oder geheime Dokumente aus dem Allerheiligsten in die Öffentlichkeit ge- langen. Und genau das ist in den vergangenen Monaten mehrfach passiert: Briefe hoch- rangiger Kirchenmänner geben Einblick in eine Welt voller Lügen, Korruption und Missmanagement. Das römische Publikum ist schockiert. Alarmiert verfolgen der Papst und seine Getreuen, wie vertrauliche Schrei- ben aus dem Vatikan in italienischen Zeitungen auftauchen. Um die Affäre „Vatileaks“ zu stoppen, setzte Benedikt XVI. vorvergangene Woche eine Sonder- kommission ein. Sie soll den oder die Verräter ermitteln und zur Verantwor- tung ziehen. Das Gremium wurde prominent be- setzt: Ein Trio hochbetagter Kardinäle, ausgestattet mit päpstlichen Vollmachten, jagt nun den verhassten „Whistleblower“ in den eigenen Reihen. Chefaufklärer ist

Papst Benedikt XVI.

Jagd auf „Whistleblower“

der 82-jährige Kardinal Julián Herranz, ein Mann, der sich mit Geheimbündelei bestens auskennt: Er war jahrelang Se- kretär des umstrittenen Opus-Dei-Grün- ders Josemaría Escrivá und genießt das Vertrauen des Papstes. Umgehend begannen Herranz und sei- ne aus dem Ruhestand reaktivierten Kol- legen mit der Detektivarbeit. Sie verhö- ren Mitarbeiter, prüfen Arbeitsabläufe, Computer und Telefone sowie Zugriffs- rechte auf Dokumente. Dass die Sonder- kommission aus pensionierten Kardinä- len besteht, zeigt bereits, wo Benedikt XVI. die undichte Stelle vermutet: unter den aktiven Kirchenfürsten im päpstli- chen Führungsapparat. Dort ist die Aufregung entsprechend groß. „Vatileaks“ sei „bedeutend gefähr- licher für das Ansehen der Kirche als der Pädophilie-Skandal“, sagt ein Monsigno- re: „Die Sache muss gestoppt werden!“ Zumindest über die Interessen des oder der Informanten können Mutmaßungen angestellt werden. Mehrere der bislang publik gewordenen Briefe schaden aus- gerechnet Benedikts engstem Vertrauten:

Kardinal Tarcisio Bertone, 77. Bei dem einflussreichen Regierungschef laufen alle Fäden im Vatikan zusammen, von den Fi- nanzen bis zur Personalpolitik. Sein Wort befördert oder zerstört Karrieren. Spuren zu Bertones Staatssekretariat waren auch nach dem Selbstmord von Mario Cal im Hospital San Raffaele zu erkennen: Diversen Schreiben zufolge wollte Bertone die finanziell angeschla- gene katholische Klinik und die ihr ange- schlossene Universität unter seine Regie bringen. Mit den beiden Institutionen wollte der Vatikan eine Schlüsselstellung besetzen und dadurch auch Einfluss etwa auf bioethische Diskussionen in Italien nehmen. Cal war da im Weg. Sein Krankenhaus sollte mit Hilfe der Vatikanbank laut in- ternen Vermerken „als angesehene Ein- richtung der heiligen Kirche“ verein- nahmt werden. Bertone wollte seine ei- genen Vertrauten in die Leitung von San Raffaele hineinbringen, gegen den Willen Cals. In dessen Büro standen deshalb schon die Umzugskartons bereit. Zielstrebig verfolgt der Papstvertraute Bertone zudem seine Pläne in der Bil- dungspolitik. Er wollte das Institut To- niolo übernehmen, die bedeutende ka- tholische Bildungseinrichtung in Italien. Mit der Macht über Toniolo hätte er die Macht über alle katholischen Universi- täten. Doch dort stand der Präsident von To- niolo im Weg, der langjährige Erzbischof von Mailand Dionigi Tettamanzi. Aus dem Originalbriefwechsel zwischen den beiden geht hervor, mit welch harten Ban-

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