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DVBl. - Das Deutsche Verwaltungsblatt

1 Dokument 1 von 1 DVBl. - Das Deutsche Verwaltungsblatt Abhandlungen DVBl 2004, 532 - 536

Abhandlungen

DVBl 2004, 532 - 536 (Ausgabe 9 v. 01.05.2004)

Gesetzesrecht und Satzungsrecht bei der Kandidatenaufstellung politischer Parteien

Probleme des Vorschlagsrechts nach EuWG und BWahlG

Professor Dr. Jörn Ipsen, Osnabrück

Nach § 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG ist jeder Delegierte auf Parteitagen, die über die Vorschlagslisten zu den Europawahlen entscheiden, vorschlagsberechtigt. Die § 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG entsprechende Vorschrift, die 2003 in das EuWG eingefügt worden ist, wirft zahlreiche Rechtsprobleme auf, deren Lösung noch aussteht.

I. Zur Vorgeschichte

Das Hamburgische Verfassungsgericht hat mit Urteil vom 4. 5. 1993 festgestellt, dass es bei den Wahlen durch die Mitgliederversammlung und die Vertreterversammlung der CDU im Vorfeld der Bürgerschaftswahlen 1991 "so schwere Verstöße gegen demokratische Wahlrechtsgrundsätze gegeben (habe), daß die von der Beigel. (CDU) vorgeschlagenen Wahlbewerber nicht im Sinne von § 24 Abs. 1 Satz 1 BüWG, § 25 Abs. 1 Satz 1 BezWG gewählt worden" seien 1 . Die Besonderheit dieser Entscheidung lag in der vom Gericht bejahten Möglichkeit, dass Fehler bei der Kandidatenaufstellung durch die politischen Parteien zur Ungültigkeit von Parlamentswahlen führen können. Abgesehen davon, dass dem Hamburgischen Verfassungsgericht bei der Prüfung und Bejahung der Mandatsrelevanz ein Denkfehler unterlaufen ist 2 , stand doch seit dem Urteil fest, dass auch das Kandidatenaufstellungsverfahren der Nachprüfung durch Wahlorgane zugänglich war und Fehler bei der Aufstellung unter Umständen fortwirkten.

Das BVerfG, das sich aufgrund einer Wahlprüfungsbeschwerde mit den Ergebnissen der Bundestagswahlen in Hamburg zu befassen hatte, vertrat ebenfalls die Auffassung, Wahlfehler könnten nicht nur von amtlichen Wahlorganen, sondern auch von Dritten begangen werden, soweit sie unter Bindung an wahlgesetzliche Anforderungen kraft Gesetzes Aufgaben bei der Organisation

1 Hbg. VerfG, DVBl. 1993, 1071.

2 Vgl. J. Ipsen, ZParl. 1994, 238 f.

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einer Wahl erfüllen 3 . Zur Begründung führte das BVerfG aus, dass § 21 Abs. 1 BWahlG mit der Anforderung einer "Wahl" nicht allein die geheime Abstimmung verlange, "sondern weiter die Einhaltung eines Kernbestandes an Verfahrensgrundsätzen, ohne den ein Kandidatenvorschlag schlechterdings nicht Grundlage eines demokratischen Wahlvorgangs sein kann." 4 Diese fundamentalen Grundsätze sah das BVerfG im Verfahren der Kandidatenaufstellung durch die CDU in Hamburg als verletzt an, weil einem Bewerber statt der geforderten zehn Minuten für die persönliche Vorstellung nur drei Minuten gewährt worden waren 5 . Im Gegensatz zum Hamburgischen Verfassungsgericht verneinte

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das BVerfG jedoch die Mandatsrelevanz und wies die Wahlprüfungsbeschwerde zurück 6 .

Die Entscheidungen des Hamburgischen Verfassungsgerichts und des BVerfG bildeten den Hintergrund für einen Gesetzentwurf zur Änderung des Bundeswahlgesetzes, aufgrund dessen in § 21 Abs. 3 zwei neue Sätze mit folgendem Wortlaut eingefügt werden sollten:

"Jeder stimmberechtigte Teilnehmer der Versammlung ist hierbei vorschlagsberechtigt. Den Bewerbern ist Gelegenheit zu geben, sich und ihr Programm der Versammlung in angemessener Zeit vorzustellen." 7

II. Die gesetzliche Regelung

In der Begründung des Gesetzentwurfs wurde auf die Ausführungen des BVerfG zur Kandidatenvorstellung und des Hamburgischen Verfassungsgerichts zum Vorschlagsrecht Bezug genommen 8 . Mit dem 15. Gesetz zur Änderung des Bundeswahlgesetzes vom 27. 4. 2001 (BGBl. I S. 698) wurden die genannten Bestimmungen als Sätze 2 und 3 in § 21 Abs. 3 BWahlG eingefügt.

Eine § 21 Abs. 3 Satz 2 und 3 BWahlG wortgleiche Ergänzung des § 10 Abs. 3 EuWG wurde im Gesetzentwurf der Fraktionen SPD und Bündnis 90/Die Grünen vom 24. 6. 2003 vorgeschlagen. Das Gesetzesvorhaben verfolgte das Ziel, "die vom Bundesverfassungsgericht aufgestellten Anforderungen an die Aufstellung von Bewerbern durch Parteien umzusetzen." 9 In der Begründung wird im Weiteren auf die Ausführungen des BVerfG zur Kandidatenvorstellung und des Hamburgischen Verfassungsgerichts zum Vorschlagsrecht Bezug genommen 10 . Der Gesetzentwurf wurde vom Bundestag einstimmig beschlossen 11 und trat am 22. 8. 2003 in Kraft 12 . § 10 Abs. 3 EuWG gilt nunmehr mit folgendem Wortlaut:

"Die Vertreter für die Vertreterversammlungen und die Bewerber werden in geheimer Abstimmung gewählt; dies gilt auch für die Festlegung der Reihenfolge der Bewerber in dem Wahlvorschlag. Jeder stimmberechtigte Bewerber der Versammlung ist hierbei vorschlagsberechtigt. Den Bewerbern ist Gelegenheit zu geben, sich und ihr Programm der Versammlung in angemessener Zeit vorzustellen. Die Wahlen der Vertreter für die Vertreterversammlungen dürfen nicht früher als achtzehn Monate, die Wahlen der Bewerber nicht früher als neun Monate vor Beginn des Jahres durchgeführt werden, in dem die Wahl des Europäischen Parlaments ansteht."

III. Die Probleme

Die neuen Bestimmungen über die Kandidatenaufstellung und deren Vorstellung werfen für die politischen Parteien Probleme auf, die teilweise bereits aktuell geworden sind 13 , deren Relevanz aber auch für die Zukunft als erheblich einzuschätzen ist.

1. Quoren

Die Vertreterversammlungen, auf denen die Wahlbewerber der politischen Parteien gewählt werden, umfassen in der Regel mehrere Hundert - bis zu 1000 - Delegierte 14 . Es liegt auf der Hand, dass die Willensbildung in derart großen Versammlungen nach bestimmten Regeln erfolgen muss, damit die Parteitage ihre Aufgaben erfüllen können. Diese Regeln werden durch die Parteisatzungen festgelegt, denen es nach § 21 Abs. 5 BWahlG und § 10 Abs. 5 EuWG obliegt, das "Nähere über die Wahl der Vertreter für die Vertreterversammlungen, über die Einberufung und Beschlussfähigkeit der Mitglieder- oder Vertreterversammlungen sowie über das Verfahren für die Wahl der Bewerber" zu regeln. Verbreitet sind Satzungsbestimmungen, nach denen Anträge auf Parteitagen nicht von jedem Delegierten, sondern nur von einer bestimmten Zahl von Delegierten gemeinsam gestellt werden können 15 .

Ein solches Quorum hat in einer Versammlung von der Größenordnung eines Parteitages seinen guten Sinn und

3 So BVerfGE 89, 243 (251).

4 So BVerfGE 89, 243 (252 f.).

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6 So BVerfGE 89, 243 (261 ff.); dazu J. Ipsen,ZParl. 1994, 240.

7 Art. 1 des 1 5. Gesetzes zur Änderung des Bundeswahlgesetzes vom 27. 4. 2001 (BGBl. S. 698).

8 So Begründung, BT-Drucks. 14/3764, S. 7 f.

9 So Gesetzentwurf, BT-Drucks. 15/1205, S. 1.

10 Vgl. Begründung, BT-Drucks. 15/1205, S. 5 f.

11 Vgl. BT-Plenarprotokoll 15/56 vom 3. 7. 2003, S. 4646 a.

12 Art. 1 des Gesetzes vom 15. 8. 2003 (BGBl. S. 1655) zur Änderung des Gesetzes über die Wahl der Abgeordneten des Europäischen

Parlaments aus der Bundesrepublik Deutschland (Europawahlgesetz - EuWG).

13 So hat die FDP ihren Parteitag für die Nominierung der Kandidaten für die Europawahl ("Europatag"), der am 17. 1. in Saarbrücken

stattgefunden hatte, auf Einspruch eines Delegierten wiederholen müssen.

14 Nach § 15 Abs. 1 des Organisationsstatuts der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands setzt sich der Parteitag aus 400 von den

Bezirksparteitagen gewählten Delegierten und den Mitgliedern des Parteivorstandes zusammen. Nach § 28 Abs. 1 Satz 1 des Statuts der CDU Deutschlands setzt sich der Bundesparteitag aus 1000 Delegierten der Landesverbände, die von den Kreis-, Bezirks- oder Landesparteitagen gewählt werden, zusammen. Nach § 11 Abs. 1 der Satzung des Bundesverbandes Bündnis 90/Die Grünen setzt sich die Bundesversammlung aus 750 Delegierten zusammen. § 13 Abs. 2 Satz 1 der Bundessatzung der Freien Demokratischen Partei bestimmt, dass der Bundesparteitag aus 662 Delegierten besteht. Die Satzung der CSU regelt die Zusammensetzung des Parteitags in § 22.

15 Vgl. etwa § 11 Abs. 1 der Geschäftsordnung zur Bundessatzung der Freien Demokratischen Partei (BGO), wonach Anträge zur

Behandlung auf dem Bundesparteitag und Vorschläge zur Wahl auf dem Bundesparteitag vom Bundesvorstand, anderen Antragsberechtigten oder "25 Delegierten des Bundesparteitages" gestellt werden können.

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kann nicht als gegen demokratische Grundsätze verstoßend angesehen werden. Das Hamburgische Verfassungsgericht fällte sein Verdikt denn auch nicht über ein Quorum, sondern über die Satzungsbestimmung, nach der Vorschläge aus der Mitte des Parteitages überhaupt erst behandelt werden konnten, nachdem die Vorschläge des Parteivorstands zweimal hintereinander abgelehnt worden waren 16 . Das jedemDelegierten durch §§ 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG, 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG eingeräumte individuelle Vorschlagsrecht stellt sich deshalb keineswegs als zwingende Vorgabe der verfassungsgerichtlichen Judikatur, sondern als basisdemokratisch gefärbte Entscheidung des Gesetzgebers dar. Fraglich ist indes, ob die praktischen Konsequenzen eines solchen Vorschlagsrechts im Gesetzgebungsverfahren hinreichend bedacht worden sind. Hieran bestehen insoweit begründete Zweifel, als in den Gesetzesbegründungen der Eindruck erweckt wurde, als würde durch das individuelle Vorschlagsrecht ebenfalls eine Vorgabe der Verfassungsgerichte umgesetzt 17 . Der Wortlaut der Vorschrift ist indes eindeutig, so dass ein Antragsquorum auf Vertreterversammlungen, die Kandidaten für die Bundestags- oder Europawahlen wählen, unzulässig ist 18 .

§ 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG muss jedoch - ebenso wie § 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG - im Zusammenhang mit dem folgenden Satz gelesen werden, nach dem den (vorgeschlagenen) Bewerbern Gelegenheit zu geben ist, "sich und ihr Programm der Versammlung in angemessener Zeit vorzustellen". Dies ist eine Vorgabe des BVerfG, das die Beschränkung der Redezeit für einen Bewerber auf drei Minuten als Verstoß gegen fundamentale Verfahrensgrundsätze einer demokratischen Wahl angesehen hat 19 . Die Verknüpfung von individuellem Vorschlagsrechtund Vorstellungsrechtweist indes in zeitliche Dimensionen, die den Rahmen herkömmlicher Parteitage bei weitem sprengen. Theoretisch könnten sich auf einem Wahlparteitag aufgrund der gesetzlichen Regelungen alle Delegierten selbst vorschlagen und hätten das hiermit verknüpfte Recht, sich etwa zehn Minuten lang der Vertreterversammlung mit ihrem Programm vorzustellen. Hiergegen kann nicht eingewandt werden, dass dies verantwortungsbewusste Delegierte in der Regel nicht tun werden. Das "Filibuster" ist aus dem angelsächsischen Parlamentsrecht durchaus bekannt und ein geläufiges Instrument, um Entscheidungen hinauszuzögern. Eine Parteitagsminderheit - und umfasse sie nur wenige Dutzend Delegierte - könnte aufgrund der gesetzlichen Regelung durch Vorschlag und Vorstellung so viel Zeit für sich beanspruchen, dass die Abhaltung eines Parteitages an einem Wochenende zur Illusion werden müsste.

Angesichts dieser - durch reine Arithmetik belegbaren - Konsequenzen der gesetzlichen Regelung stellt sich die Frage, wie weit sie durch Satzungsrecht abgemildert werden kann. Denkbar ist, dass die politischen Parteien durch Satzung vorsehen, dass Vorschläge, die nach §§ 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG, 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG von einzelnen Delegierten gemacht werden, zur weiteren Behandlung durch die Vertreterversammlung einer Unterstützungdurch andere Delegierte bedürfen. Dies würde bedeuten, dass zwischen den Vorschlagund seine Behandlungeine Zwischenstufe eingefügt

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würde, die verfahrensleitende Funktion hat. Absprachen sind ein Teil des politischen Geschäfts, insbesondere auf Parteitagen. Insofern trifft die basisdemokratische Vorstellung, nach der auf Parteitagen stets aufgrund der Eindrücke des Augenblicks votiert wird, nicht die Realität des Willensbildungsprozesses in politischen Parteien. Deshalb will es nicht einleuchten, warum individuelle Wahlvorschläge auch dann vom Parteitagsplenum behandelt werden müssen, wenn sie nicht einmal von einer Mindestzahl von Delegierten unterstützt werden. Es kann umgekehrt nicht als mit fundamentalen demokratischen Grundsätzen als vereinbar angesehen werden, wenn über das Vorschlags- und Vorstellungsrecht einzelnen Delegierten die Möglichkeit eingeräumt wird, Parteitage zu lähmen oder endlos auszuweiten. Angesichts dieser - bislang noch nicht erörterten - Konsequenzen der gesetzlichen Regelungen erscheint es vertretbar, in den Parteisatzungen - und damit im Rahmen der §§ 10 Abs. 5 EuWG, 21 Abs. 5 BWahlG - Unterstützungsquoren für Wahlvorschläge einzelner Delegierter vorzuschreiben.

2. Blockwahlen

Der BGH hält Blockwahlen, bei denen die Delegierten so viele Stimmen abgeben können, wie Bewerber zu wählen sind, grundsätzlich für vereinbar mit dem Grundsatz der innerparteilichen Demokratie 20 . Die (durch Satzung vorgeschriebene) Ungültigkeit von Stimmzetteln, auf denen weniger Kandidaten angekreuzt sind, als zu wählen waren, soll demgegenüber mit Art. 21 Abs. 1 Satz 3 GG unvereinbar sein 21 . Dem ist mit der Erwägung zuzustimmen, dass der Verstoß gegen demokratische Grundsätze in der Verletzung der Wahlfreiheit liegt, die auch bei Blockwahlen einschließen müssen, dass der Wähler nur die ihm genehmen Kandidaten zu wählen braucht, nicht aber durch die Sanktion der Ungültigkeit seiner Stimme dazu gezwungen werden darf, weitere - ihm nicht genehme - Kandidaten zu wählen. Die sich hieraus ergebenden Folgen für die innerparteiliche Kräfteverteilung sind durch demokratische Grundsätze gedeckt und müssen hingenommen werden 22 . Angesichts der neuen gesetzlichen Bestimmungen über das Vorschlagsrecht stellt sich jedoch die Frage, ob Blockwahlen überhaupt noch zulässig sind und - wenn diese Frage zu bejahen ist -, wie das Vorschlagsrecht eines jeden Delegierten mit dem Blockwahlsystem zu harmonisieren ist.

Das Hamburgische Verfassungsgericht hat die Blockwahl als solche als mit demokratischen Grundsätzen vereinbar angesehen. Es hat die Blockwahl als "technisch-organisatorische Verbindung sonst erforderlicher Einzel-

16 So Hbg. VerfG, DVBl. 1993, 1072.

17 So BT-Drucks. 14/3764; BT-Drucks. 15/1205, S. 5 f.

18 So ausdr. W. Schreiber,Handbuch des Wahlrechts zum Deutschen Bundestag, 7. Aufl. 2002, § 21 Rdnr. 14 a.

19 So BVerfGE 89, 243 (259).

20 So BGH, NJW 1974, 183.

21 So BGH, NJW 1974, 184.

22 Vgl. J. Ipsen, in: M. Sachs (Hrsg.), Grundgesetz-Kommentar, 3. Aufl. 2003, Art. 21 Rdnr. 90.

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wahlen" definiert, die nach dem Mehrheitswahlrecht systemgerecht sei 23 . Allerdings hielt das Gericht einen Kandidaten, der aus der Mitte der Mitgliederversammlung vorgeschlagen worden war, dadurch für diskriminiert, dass bei der Gestaltung des Stimmzettels der Vorschlag des Vorstands als solcher gekennzeichnet und der Vorgeschlagene somit als "Gegenkandidat" zu erkennen war 24 .

Folgt man dieser Auffassung, so müssten allerdings auch Wahlen mit konkurrierenden Listen, wie sie vielfach üblich sind, als mit demokratischen Grundsätzen unvereinbar angesehen werden. Für die Vertreterversammlung kann es von hohem Interesse sein, ob ein Kandidat vom Vorstand oder von einer anderen Gruppierung vorgeschlagen worden ist oder sich selbst vorgeschlagen hat. Bei den zu beschließenden Vorschlagslisten, die nicht selten mehrere Hundert Namen umfassen, kann sich die Vertreterversammlung keineswegs allein auf die Aussagekraft des Namens verlassen. Insofern kann es nicht als mit demokratischen Grundsätzen unvereinbar angesehen werden, wenn zu erkennen ist, auf wen der Vorschlag zurückgeht.

Damit sind die Schwierigkeiten, die ein einzelner Vorschlag i. V. mit einem Blockwahlsystem verursacht, noch nicht

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beseitigt. Blockwahlen sind keineswegs nur dadurch gekennzeichnet, dass eine Mehrzahl von sonst notwendigen Wahlverfahren zusammengefasst wird; der Wahlvorschlag enthält darüber hinaus ein Personaltableau, das - anders als bei flexiblen Listen - nur dadurch verändert werden kann, dass einzelne Kandidaten mehr Nein- als Ja-Stimmen auf sich vereinigen und deshalb herausfallen. Einzelvorschläge, wie sie §§ 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG, 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG zwingend vorschreiben, sind in ein solches System nicht leicht einzupassen. Da die in einem "Block" aufgeführten Bewerber stets für einen bestimmten Listenplatz kandidieren und entsprechend in dem Wahlvorschlag benannt werden, kommt auch für Einzelbewerber nur die Kandidatur für einen bestimmten Listenplatz in Betracht. Die Stimmzettel müssen deshalb in der Art gestaltet werden, dass neben den einzelnen Positionen des zur Wahl stehenden "Blocks" die Einzelbewerber auf gleicher Höhe aufgeführt werden, so dass die Delegierten die Möglichkeit haben, statt des vom Vorstand vorgeschlagenen Bewerbers auch einen Kandidaten zu wählen, der aus der Mitte der Vertreterversammlung vorgeschlagen worden ist.

In einem Wahlverfahren kann jeder Bewerber - gleichgültig, ob es sich um einen Einzel- oder Gesamtvorschlag handelt

- grundsätzlich nur für eine Position kandidieren. Dies ergibt sich im Rückschluss aus §§ 9 Abs. 3 Satz 2 EuWG, 27

Abs. 4 Satz 1 BWahlG, nach denen Bewerber nur in einem Wahlvorschlag bzw. einer Landesliste benannt sein dürfen. Da der durch die Vertreterversammlung zu beschließende Wahlvorschlag den gleichen Anforderungen genügen muss, ist es nicht denkbar, dass ein Bewerber für unterschiedliche Positionen kandidiert und potenziell gewählt wird. Sofern allerdings das Nominierungsverfahren wieder eröffnet ist - etwa weil über eine bestimmte Anzahl von Listenplätzen beschlossen worden ist -, können auch bislang erfolglose Bewerber vorgeschlagen werden bzw. sich selbst vorschlagen.

Obwohl auf diese Weise das bisher übliche - durch die Parteivorstände dominierte - Vorschlagsverfahren mit dem Einzelvorschlagsrecht harmonisiert werden kann, bedarf das so genannte "Blockwahlsystem", wie es in unterschiedlichen Varianten durch Satzungsrecht oder Parteitagsbeschlüsse festgelegt wird, erneuter Überprüfung im Hinblick auf seine Vereinbarkeit mit den gesetzlichen Vorgaben, denn die Spannung zwischen dem basisdemokratischen Ansatz in §§ 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG, 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG und jeglicher Art vorgegebener Personaltableaus ist unübersehbar.

3. Frauenquoten

Als nicht unproblematisch erweisen sich auch im Hinblick auf das gesetzlich geregelte Vorschlagsrecht die in einzelnen Parteistatuten bestimmten Frauenquoten 25 . Frauenquoten und Satzungsbestimmungen über die alternierende Gestaltung von Listen sind typische Vorgaben für Personaltableaus von Parteivorständen, mit einem gesetzlich bestimmten individuellen Vorschlagsrecht allerdings schwerlich kompatibel. Das Szenario ist leicht vorstellbar und keineswegs praxisfern. Da jedem(und jeder) Delegierten einer Vertreterversammlung das Vorschlagsrecht eingeräumt ist und dieser sich für jede Listenposition bewerben kann, stellt sich für die Vorgabe alternierender Reihenfolge die Frage, ob eine diese Reihenfolge konterkarierende Bewerbung unzulässig ist. Nach früherer Rechtslage wäre diese Frage zu verneinen gewesen, weil die gesetzliche Regelung sich darauf beschränkte, eine geheime Wahl - auch über die Reihenfolge - vorzugeben, während das Verfahren im Übrigen der Regelung durch Satzung anheim gestellt war. Das Vorschlagsrecht eines jeden Delegierten, wie es nunmehr in §§ 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG, 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG bestimmt ist und sich

- wie dargelegt - auf jede Position des Wahlvorschlags beziehen muss, ist mit einer Frauenquote oder auch einer

Vorgabe nach dem Geschlecht alternierender Kandidatenaufstellung unvereinbar. Zwar kann der Parteivorstand durch seine Vorschläge darauf hinwirken, dass die Geschlechter zu gleichen Teilen und alternierend auf dem Wahlvorschlag vertreten sind. Vorschläge aus den Reihen der Delegierten, die der Frauenquote oder der alternieren-

23 So Hbg. VerfG, DVBl. 1993, 1071; zur so genannten Blockwahl vgl. auch: H. Meyer, Wahlsystem und Verfassungsordnung, 1973,

S. 253 f.; K.-H. Seifert, Bundeswahlrecht, 3. Aufl. 1976, § 27 BWG Anm. 4.

24 So Hbg. VerfG, DVBl. 1993, 1072.

25 Nach § 4 Abs. 3 der Wahlordnung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands erfolgt die Aufstellung der gemeinsamen Liste aller

Bundesländer (Bundesliste) zur Europawahl oder die Aufstellung von Landeslisten zur Europawahl alternierend: Eine Frau, ein Mann, beginnend mit dem Spitzenkandidaten oder der Spitzenkandidatin; jeder fünfte Platz kann entweder mit einer Frau oder einem Mann besetzt werden. Nach § 1 des Frauenstatuts Bündnis 90/Die Grünen sind Wahllisten grundsätzlich alternierend mit Frauen und Männern zu besetzen, wobei den Frauen die ungeraden Plätze zur Verfügung stehen (Mindestparität). Frauen können auch auf den geraden Plätzen kandidieren.

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den Aufstellung zuwiderlaufen, können jedoch nicht mit der Begründung zurückgewiesen werden, sie seien unzulässig; denn die betreffenden Delegierten haben von einem gesetzlich eingeräumten Recht Gebrauch gemacht.

An dieser Stelle zeigt sich, dass der basisdemokratische Ansatz, der der Novellierung der Bestimmungen des EuWG und BWahl zugrunde liegt, zu einem Zielkonflikt mit der verfassungsrechtlich vorgegebenen Gleichstellung der Frau führen kann. Während Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG die Gleichstellung der Frau als Staatsziel - und damit abstrakt - vorgibt, stellt sich die Frage der Zulässigkeit Frauenquoten konterkarierender Kandidaturen im konkreten Einzelfall. Die von den Parteisatzungen verfolgten Gleichstellungsziele sind deshalb nicht in Frage gestellt, wenn auf einem einzelnen Wahlvorschlag die Frauenquote unterschritten wird, oder die Reihenfolge nicht nach Geschlecht alternierend ist. Insofern bleibt es bei dem Ergebnis, dass Kandidatenvorschläge nach §§ 10 Abs. 3 Satz 2 EuWG, 21 Abs. 3 Satz 2 BWahlG zulässig sind, auch wenn sie den satzungsmäßigen Vorgaben im Einzelfall widersprechen.

IV. Versicherung an Eides statt und Prüfung durch die Wahlorgane

Nach § 11 Abs. 2 Nr. 2 EuWG ( § 21 Abs. 6 Satz 2 BWahlG) ist dem Wahlleiter eine Ausfertigung der Niederschrift über die Aufstellung des Wahlvorschlages vorzulegen, wobei der Leiter der Versammlung und zwei von dieser bestimmte Teilnehmer gegenüber dem Wahlleiter an Eides statt zu versichern haben, dass die Anforderungen gem. § 10 Abs. 3 Satz 1 bis 3 EuWG (21 Abs. 3 Satz 1 bis 3 BWahlG) beachtet worden sind. Während sich die eidesstattliche Versicherung nach altem Recht allein auf die "Wahl der Bewerber in geheimer Abstimmung" bezog, wird nunmehr das in §§ 10 Abs. 3 Satz 1 bis 3 EuWG ( § 21 Abs. 3 Satz 1 bis 3 BWahlG) geregelte Verfahren insgesamt in Bezug genommen. Der unterschiedliche Regelungsgehalt ist augenfällig: Während die Geheimheit einer Wahl - nämlich die Wahl durch Stimmzettel - eine Tatsacheist, die durch eidesstattliche Versicherung bestätigt werden kann, ist nunmehr eine komplexe Bewertungeines gesamten Wahlverfahrens zum Gegenstand der eidesstattlichen Versicherung gemacht worden. Eine solche Bewertung ist umso schwieriger, als über die Vereinbarkeit eines Unterstützungsquorums des Blockwahlsystems und der Frauenquote mit dem individuellen Vorschlagsrecht durchaus unterschiedliche Auffassungen bestehen können. Der Versammlungsleiter und die beiden von der Versammlung zu benennenden Personen wären schlechthin überfordert, würde man von ihnen eine Versicherung erwarten, dass das gesamte Wahlverfahren den gesetzlichen Vorschriften entsprechend abgelaufen ist und sie damit angesichts der Zweifelsfragen bestimmte Rechtsauffassungen vertreten müssten.

Die Problematik der Versicherung an Eides statt wird dadurch verschärft, dass die parteiinternen Vorgänge bei der Kandidatenaufstellung der rechtlichen Prüfung durch die Wahlorgane unterliegen. Die Entscheidungen des Hamburgischen Verfassungsgerichts und des BVerfG haben zu der Einsicht geführt, dass Wahlfehler auch durch die parteiinterne Willensbildung vorliegen können und die Prüfung, ob derartige Wahlfehler vorliegen, Aufgabe der Wahlorgane ist 26 . Damit ist die Vorstellung, der Willensbildungsprozess innerhalb der Parteien sei eine Art "black box", obsolet geworden 27 . Wenn aber der Wahlleiter die Befugnis hat, auch den innerparteilichen Willensbildungsprozess auf seine Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben zu überprüfen, ergeben sich Rückwirkungen auf eben dieses Verfahren.

V. Ausblick

Die Wiederholung des Europatages durch die FDP, die aufgrund einer vom Bundeswahlleiter zur Zulässigkeit von Quoren vertretenen Rechtsauffassung zwingend war, hat schlaglichtartig die mit der Novellierung der §§ 10 EuWG und 21 BWahlG verbundenen Probleme deutlich werden lassen. Nicht nur müssen die Satzungsregelungen der politischen Parteien an die neue Rechtslage angepasst werden, soweit erkennbare Widersprüche vorhanden sind. Vor dem Hintergrund effektiver Willensbildung auf Vertreterversammlungen stellt sich die Frage nach der Zulässigkeit eines Unterstützungsquorums ebenso wie die nach der Kompatibilität zwischen Blockwahlsystem und individuellem Vorschlagsrecht. Auch die Vereinbarkeit von Frauenquoten und Vorgaben für alternierende Listenplätze mit den

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gesetzlichen Vorgaben ist nicht zweifelsfrei. Der basisdemokratische Impuls, von dem die Änderungen des Europawahlgesetzes und des Bundeswahlgesetzes getragen worden sind, hat zu beträchtlicher Rechtsunsicherheit geführt. Es ist zu hoffen, dass die aufgezeigten Probleme durch die parteiinterne Praxis der Willensbildung gelöst werden und nicht erneut ein Tätigwerden des Gesetzgebers erforderlich ist.

26 J. Ipsen, ZParl. 1994, 235 f.

27 J. Ipsen, ZParl. 1994, 240.