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DAS HOHELIED

SALOMOS

von Hjalmar Ekström


2 © Andrè Rademacher 06/2008
Einleitung
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D A S H O H E LI ED SA LOMOS

von H ja lma r Ekst r öm

D e r We r d ega n g e i n e r S e el e
b i s zu r Ve r m ä h l u n g m i t C h r i s t u s

1983

Na chdr uck 2004

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Einleitung
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EINLEI T UN G

Ð ie folgende Darstellung bezweckt nicht Ausführlichkeit und Allseitigkeit, sondern will Andeutun-

gen geben, das Hohelied auf eine Art zu lesen. Es gibt andere völlig berechtigte Arten. Es muss nur

betont werden, dass das, was in dieser Darstellung den Einzelnen betrifft, auch der Gemeinde gilt.

Das Hohelied Salomos ist in Bildersprache geschrieben, und in Bildern muss man davon reden, wenn man

seiner Verkündigung nahe kommen soll. Bilder sind dazu da, um das anzudeuten und so anschaulich wie

möglich zu machen, was für die gewöhnliche Sprache zu hoch ist. Wenn sie diesen Auftrag erfüllt haben,

haben sie genug getan. Würde man sie weiter pressen, würden sie irreführend werden.

Das Hohelied, wie es hier dargestellt wird, schildert den Weg des Einzelnen mit Christus, oder richtiger:

Christi Weg mit dem Einzelnen ganz bis zum Ziel, der völligen Vereinigung zwischen Ihm und der Seele. Da-

mit ist jedoch nicht gesagt, dass der Weg jedes Einzelner, in Einzelheiten mit dem Weg der Braut im Hohe-

lied übereinstimmt. Das Wesentliche ist für alle gemeinsam; in den Einzelheiten bleibt aber jeder Einzelne

ein individuelles Glied, und dieses gilt auch in Bezug auf die Reihenfolge auf dem Weg der Entblößung. Einer

mag von einer gewissen Sache in einem früheren oder späteren Stadium als ein anderer entblößt werden,

ohne dass dies einen Unterschied in dem Ganzen ausmacht.

Weiterhin können einige einen kurzen und andere einen langen Weg bis zum Ziel haben, ohne dass deswe-

gen gesagt werden kann, dass der Weg des einen besser sei als der des andern. Von Bedeutung ist, wie tief in

die Demütigung hinein Gott einen Menschen führen kann.

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Inhaltsverzeichnis
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Inha lt sve r zeichis

Vorderseite

Einleitung

I Kapitel (Werbezeit)

II Kapitel (Verlobungszeit)

III Kapitel (Der innere Versammlungsort)

IV Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)

V Kapitel (Erweckung in der Nacht)


VI Kapitel (Auferstehungsleben)

VII Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)

VIII Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)

Nachwort

Zusatz Hinweise aus dem GEJ auf das Hohelied

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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Das 1 Kapitel
Die We rbe zeit

1,1) Das Lied der Lieder von Salomo; so heißt das Buch eigentlich. Man kann das Lied der Lieder auf mehrere

Arten lesen, wir aber wollen uns mit dieser befassen: Christus und die Seele. Es ist also die Rede von dem

Einzelnen und Christus, vom Alleinsein der einzelnen Seele mit Ihm. Um überhaupt ein Verhältnis zu Chris-

tus zu haben, muss man von allem weltlichen Zusammenhang abgesondert und Auge zu Auge Ihm und den

geistlichen und himmlischen Wirklichkeiten gegenübergestellt sein. Mitten in der Welt und mitten in allem,

was einen solchen Menschen umgibt, kommt er in Kontakt mit einer neuen Welt. Er sieht nicht länger die

Welt in der Welt, und nicht länger den Himmel im Himmel, er sieht nur Ihn in der Welt und im Himmel. Er

selbst wird die neue Welt.

Der erste Teil vom Lied der Lieder könnte man als die Werbezeit bezeichnen, in der die Braut für den Bräu-

tigam angenehm gemacht wird. Die Einheit ist da im Werden, anfangs schwach und wankend, obgleich sie

seitens der Braut sich stark erzeigen kann. Das ganze Lied der Lieder ist eine Schilderung, wie die Einheit

zwischen der Seele und Christus, der Braut und dem Bräutigam, heranwächst.

SCHLACHTER BIBEL 2000


Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes!

Denn deine Liebeserweise. sind besser als Wein.

1,2) Hier spricht die Braut: Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes. Es ist die erste Sehnsucht nach

Ihm, welche sich in dieser Bitte ausdrückt. Sie hat einen Blick in seine Herrlichkeit getan und sich von der

Luft einer andern Welt umweht gefühlt. Sie fühlt sich unwiderstehlich zu Ihm hingezogen; ihr Gefühl glüht

auf, alles in ihr läuft Ihm entgegen, um sich Ihm hinzugeben. Sie verlangt nach den Küssen seines Mundes.

Sein Mund bezeichnet hier das Wort. Das Wort ist sein Ausatmen, die Hingabe Seiner selbst an die Seele. Es

ist also in dem Wort, dass sie seine Küsse und den ganz innigen Umgang mit Ihm findet, wonach sie verlangt.

Küsse bezeichnen ja eine Vereinigung, eine Vereinigung, welche danach trachtet, sich für den andern zu op-

fern, ganz in den andern einzugehen.

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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Die Liebe der Braut begehrt in dem Küssen ihr ganzes Sein für den Bräutigam zu opfern, das heißt, sich in

Ihn einzugießen, in Ihm zunichte zu werden. Und die Liebe des Bräutigams begehrt gleicherweise, in dem

Küssen sein ganzes Sein für sie zu opfern, sich in sie einzugießen, in ihr zunichte zu werden. Opfer begehrt

Opfer. Sein Opfer begehrt sie als ein Opfer, das heißt: Seine Liebe, welche Opfer ist, ruht nicht, bevor sie die

Geliebte ganz zur Liebe, ganz zum Opfer gemacht hat. Dies versteht sie noch nicht richtig, sie fühlt nur ihre

Sehnsucht. Es ist ihr, als wäre es nur sie, welche nach Ihm verlangt, aber in Wirklichkeit kann sie nicht nach

Ihm verlangen, bevor Er nach ihr verlangt hat. Es ist seine Liebe, welche im Ernst die ihrige öffnet, welche

den ganzen Weg die ihrige hervorlockt. Alle Liebe ist die Seinige. Es gibt keine Liebe, welche nicht aus der

Seinigen fließt. Obwohl sie dies noch nicht klar sieht, ahnt sie doch etwas davon und sagt: Denn deine Liebe

ist lieblicher als Wein.

Lieblich duften deine Salben; dein Name ist wie ausgegossenesSalböl:


darum lieben dich die Jungfrauen!

1,3) Lieblich an Geruch sind deine Salben, ein ausgegossenes Salböl ist dein Name; darum lieben dich die

Jungfrauen. Das was der Braut begegnet, wenn sie mit dem Bräutigam umgeht, ist wie ein Duft von einem

fernen Land. Der Duft kommt mitunter aus der Ferne und mitunter aus ihrer nächsten Nähe, aber, ob nahe

oder ferne, hat er ein wunderbares Vermögen, auf sie einzudringen und sie mit einer Lieblichkeit zu durch-

dringen, welche bewirkt, dass sich alles in ihr für Ihn weit öffnet. Allein der Klang seines Namens ist wie ein

ausgegossenes Salböl, dessen starker Wohlgeruch sich um sie verbreitet, in sie eindringt und sie dazu an-

treibt, immer wieder an Ihn zu denken und von Ihm zu träumen. Deswegen, denkt sie, müssen alle Ihn lieb

haben. Aus ihrem - Alleinsein mit Ihm heraus steigt dieser Gedanke auf. Alle haben teil an ihrem Verhältnis

zu ihm. Durch sie haben sie Eingang in ihre Gemeinschaft mit Ihm. Sie ist allein mit Ihm und sieht keinen

andern als Ihn; aber in Ihm sieht sie, dass alle, die auf ihren Weg kommen, gleichsam sich hinter ihr scharen

und eins mit ihr in der Liebe zu Ihm werden. Sie sieht dies in seinem Angesicht sich widerspiegeln und freut

sich.

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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Zieh mich dir nach, so laufen wir! Der König hat mich in seine Gemächer gebracht; wir wollen jauchzen

und uns freuen an dir, wollen deine Liebe preisen, mehr als Wein; mit Recht haben sie dich lieb!

1,4) Deswegen sagt sie: Ziehe mich, wir werden dir nachlaufen. Sein Ziehen, welches ihr schon in mehreren

Arten begegnet ist, wird etwas unerhört Bedeutsames für sie und für alle, welchen sie begegnet ist und noch

begegnet. Wenn Er sie zieht, laufen sie alle. Sie braucht dabei nicht eigentlich an die andern zu denken,

sondern bloß an sein Ziehen. In dem Ziehen liegt nämlich dies: An andere zu denken und sie zu tragen, was

nötig ist. Sein Ziehen wird der Lebensnerv selbst in ihrem geistlichen Leben, und auf diesem Ziehen wird

alles beruhen, sowohl für sie als durch sie für andere. Deswegen betet sie dies so viel umfassende Gebet:

„Ziehe mich.“ Alles in mir, sowohl mein Gutes als mein Böses, soll zu dir laufen, um da in Schutz genommen

zu werden. - Dieses „ziehe mich“ wird ihr Gebet den ganzen Weg hindurch, sowohl im Weh als im Wohl, bis

dass sie vollendet, das endgültige Ziel erreicht hat. In dem Stadium, in dem sie sich jetzt befindet, sagt sie

ja zu dem Ziehen: Der König hat mich in seine Gemächer geführt. Der König ihrer Seele und der Bräutigam

ihres Herzens hat seine Gemächer in ihr eingerichtet, und dahinein hat Er sie gezogen, dass sie seine Gegen-

wart daselbst genießen möge.

Seine Gemächer bezeichnen seinen intimsten Raum, wo Er sich zurückzieht, um mit seiner Geliebten unge-

stört zu sein. Wir wollen frohlocken und deiner uns freuen, wir wollen deine Liebe preisen mehr als Wein,

sagt sie, obgleich sie vorher gesagt hat, dass es nur sie ist, weiche Er in seine Gemächer geführt hat. Dies

bedeutet, dass alle, mit denen sie in Verbindung steht, mit ihr eingeladen sind (vergleiche: ziehe mich, wir

werden dir nachlaufen), und sich über Ihn freuen und seine Liebe mehr als Wein preisen, d.h. mehr als alles

andere, worüber man sich freut, im Himmel und auf Erden.

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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Schwarz bin ich, aber lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars,1 wie die Vorhänge Salomos2

Seht mich nicht an, weil ich so schwärzlich bin, weil die Sonne mich verbrannt hat! Die Söhne meiner

Mutter zürnten mir, sie setzten mich zur Hüterin der Weinberge; [doch] meinen eigenen Weinberg habe

ich nicht gehütet!

1,5-6) Die Braut wendet sich an ihre Umgebung, um ihr Verhältnis allein mit dem König, ihrem Bräutigam,

zu verteidigen: Ich bin schwarz, jedoch anmutig, sagt sie. Seitdem sie in seine Herrlichkeit hineingeschaut

hat, hat sie sich im Vergleich zu Ihm schwarz befunden, und dadurch hat sie sich sogar im Vergleich mit al-

len andern schwarz befunden. Seine Herrlichkeit hat sie schwarz gemacht. Sie ist die Allerschwärzeste von

allen, die Elendeste. Wie kann Er sie dann vor andern lieben? Sie hat freudevoll das Geheimnis entdeckt:

Eben deswegen ist sie so schwarz, so elend geworden, weil Er sie so liebt. Die Schwärze kommt davon, dass

sie der Sonne so sehr ausgesetzt worden ist, sagt sie. Und die Sonne ist Er. Es ist eben die Glut seiner Liebe,

die sie so schwarz gemacht hat. Die Sonne seiner Liebe hat angefangen ihre eigene Schönheit zu verbrennen

und ihr eine zu verleihen, die ihr unbewusst ist, eine himmlische. Die himmlische Schönheit steht im Ge-

gensatz zu der irdischen, deswegen erscheint sie schwarz für den irdischen Anblick. Und eben durch diese

Schwärze wird die Braut aus ihrer irdischen Schönheit und Güte herausgenommen und abgesondert, gehei-

ligt für den Himmel und dessen Schönheit und Güte. Die Heiligen sind die Elenden und Schwarzen, welche

nichts bei sich selbst finden können, worin sie ruhen können, und die deswegen getrieben werden, alles bei

einem andern zu suchen.

Sie haben kein Dach, worunter sie Zuflucht suchen können, und müssen daher die Barmherzigkeit der Son-

ne suchen. Und die Sonne erbarmt sich ihrer, indem sie ihnen die Schwärze gibt, weiche bewirkt, dass sie

mit Ihm Umgang haben können, und welche sie vor der Welt schützt. Denn die Welt will nichts von solchen

wissen, die der Himmel schwarz gemacht hat, solche, welche unter dem Einfluss der andern Welt sind.

Die Zeltdecken der Araber waren aus schwarzen Ziegenhaaren.


1

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Salomos kostbare Zeltbehänge waren bunt

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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Aber innerhalb ihrer Schwärze fängt seine Herrlichkeit an aufzuleuchten, denn da wohnt Er mit all seiner

Herrlichkeit. Seine ganze Liebe wendet sich dieser schwarzen Braut zu, seine Liebe, welche der Überfluss,

das Überströmen seines Herzens ist, das sich selbst zersprengen will, um in die Schwarze, die Elende, die

welche ganz Sünde ist, hineinzufließen. Sie wird unendlich klein vor seiner unendlichen Größe. Sie kann

nicht zu klein, nicht zu sündig vor der Herrlichkeit werden, die ihr aus seinem Angesicht entgegenstrahlt.

Aber gerade diese Kleinheit ist groß vor Ihm; in diese kann Er einziehen und zu Hause sein.

Meiner Mutter Söhne zürnten mir, bestellten mich zur Hüterin der Weinberge. Ihre Mutter bezeichnet die

Welt; sie ist geboren und auferzogen als Kind der Welt, hat aber dem Ruf des Königs gehorcht, aus ihr hin-

auszugehen. Aber ihre Brüder, die Söhne der Welt, zürnen ihr, weil sie diesem Ruf gefolgt ist und mit Ihm

Umgang sucht, der nicht von dieser Welt ist. Sie wollen sie aus diesem Umgang herausreißen und sie daran

hindern, im Himmlischen zu leben. Mit der Autorität, die sie über sie haben, setzen sie sie deswegen zur

Hüterin der Weinberge, d.h. irgendetwas zu sein, was in der Welt von Bedeutung ist, z.B. weltliche Sitten und

weltlichen Glanz zu hüten und zu pflegen. Solche versuchende Aufträge legt die Welt immer dem in den

Weg, der von dem Geistlichen ergriffen worden ist. Aber hier gelingt es nicht. Sie lässt sich zur Hüterin der

Weinberge setzen, aber sie wird doch nicht von der anderen Welt los: Meinen eigenen Weinberg habe ich

nicht gehütet; d.h. sie kann nicht von Ihm wegkommen, der ihr Herz (ihren Weinberg) ergriffen hat. Wäh-

rend sie den Weinberg der Welt hütet, ist ihr eigener von diesem Herzensräuber weggeraubt und wird von

Ihm gehütet.

Sage mir doch, du, den meine Seele liebt: Wo weidest du? Wo hältst du Mittagsrast? Warum soll ich wie

eine Verschleierte sein bei den Herden deiner Gefährten? Ist es dir nicht bekannt, du Schönste unter den

Frauen, so geh nur hinaus, den Spuren der Schafe nach, und weide deine Zicklein bei den Wohnungen

der Hirten!

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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1,7-8) Sie macht Sklavenarbeit unter der Welt, aber ihr Herz ist anderswo. Die Welt kann nicht ihr Inneres

binden. Alles in ihr läuft dem Bräutigam entgegen. Sie verlangt nach Ihm und sucht Ihn. Wenn der Druck der

Welt ihr eine freie Stunde lässt, sucht sie Ihn auch durch äußere Mittel, indem sie die Einsamkeit aufsucht,

um Ihm dort zu begegnen. Und unterdessen spricht sie zu Ihm: Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo

weidest du, wo lässest du lagern am Mittag? Wenn sie Ihn dennoch nicht findet, irrt sie umher mit einem

Herzen von Angst erfüllt, vor Liebe, und trifft seine Freunde, wo sie ihre Herden hüten, und sagt: Warum

sollte ich wie eine Umherirrende sein bei den Herden deiner Genossen?

Diese Freunde bezeichnen die Hirten für die Herden der Kirche, d.h. solche Hirten, die sich selbst, eigene

Macht und Erfolg und Ehre neben Ihm suchen. Jeder von ihnen will sie in seine Herde und seinen Schafstall

haben. Für eine gewisse Zeit können sie sie wohl aufhalten, aber das Herz lässt ihr keine Ruhe, sie muss zu

Ihm selbst kommen: Wenn du es nicht weißt, du Schönste unter den Weibern, so gehe hinaus, den Spuren

der Herde nach, und weide deine Zicklein bei den Wohnungen der Hirten. Auf diese Weise hin begibt sie

sich dann auf den Weg, nachdem sie die Zicklein (ihre äußere, notwendige Arbeit) bei den Wohnungen der

Hirten geweidet hat (im Schutz von den bestehenden religiösen und bürgerlichen Anordnungen), d.h. sie

setzt ihre äußere Arbeit fort, ohne sich davon in ihrem inneren Wandel stören zu lassen! Sie folgt den Spuren

der Herde nach in der Welt. Die Herde besteht aus allen denen, welche durch die Zeiten in Wahrheit seine

Nachfolger gewesen sind. Es ist also seine Spur in der Welt, welcher sie folgt, die Spur des Erniedrigungsle-

bens. Die für die Halbgeistlichkeit angepasste Geistlichkeit der Welt will jetzt nichts von ihr wissen. Sie ist

zu gering für die feine, äußerliche Frömmigkeit der Welt. Sie hat aber keine Zeit für äußerliche Frömmigkeit

und geistliche Manieren, weil sie durch die Gebiete in den Spuren des Erniedrigungslebens eilt, und dadurch

an dem Äußeren ihrer Seele von Staub und Schlamm beschmutzt und von Gestrüpp und Dornen zerrissen

wird. Sie passt nicht in die respektable, geistliche Gesellschaft. Sie wird einsam im Äußeren, so wie sie im

Inneren einsam ist, allein mit dem Bräutigam, wenn sie Ihn endlich findet.

Einer Stute am Wagen des Pharao vergleiche ich dich, meine Freundin!

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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1,9) Schnell laufend kommt sie zu Ihm, und deswegen sagt Er: Einem Rosse an des Pharao Prachtwagen ver-

gleiche ich dich, meine Freundin. Sein Herz fließt über vor Liebe, wenn Er sie so beschmutzt und zerrissen

von dem Wege sieht. Die Spuren des mühsamen Weges haben sie für Ihn nur um so schöner gemacht. Jede

einzelne Linie und jede einzelne Bewegung der Gestalt ihrer Seele sind schön.

Deine Wangen sind lieblich in den Kettchen, dein Hals in den Perlenschnüren!

1,10) Er sieht die innere Schönheit ihrer Liebe durch ihr übel zugerichtetes Äußere hervorstrahlen. Der in-

nere Schmuck sind die Kettchen und die Perlenschnüre, die Er hoch schätzt, und es sind gerade die Mühen

des Weges, welche ihr diese verschafft haben.

Wir wollen dir goldene Kettchen machen mit silbernen Punkten!

1,11) Aber Er will ihr noch schönere Schmucksachen geben: Goldene Kettchen mit Punkten von Silber. Gold

bezeichnet göttliche Güte und Liebe; Silber göttliche Wahrheit und Weisheit. Dieser Schmuck ist nicht der

ihrige, sondern der Seinige, und er bleibt der Seinige, auch wenn sie Besitzerin desselben wird. Sie bekommt

ihn als inneren, für die Menschen unsichtbaren Schmuck, aber er strahlt dennoch seinen verborgenen Glanz

in ihre Umgebung hinaus und wirkt auf die Menschen. Er und die ganze himmlische Welt schauen ihn und

freuen sich darüber.

Solange der König an seiner Tafel war, gab meine Narde ihren Duft.

1,12) Wenn der König sie so geschmückt hat, und sie gewaschen und gekleidet worden ist, führt Er sie zu

dem Fest hinein, das Er für sie bereitet hat. Sie sagt: Während der König an seiner Tafel ist, gibt meine Narde

ihren Duft. Narde bezeichnet Hingabe. Die Hingabe ist der Inbegriff von allem, was von der Tiefe der Seele

heraus dem Bräutigam entgegenduftet.

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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Es ist der Inbegriff von allem, was sein Wesen in ihr erweckt hat, und was Er ihr also gegeben hat. Es gehen

Wellen von Duft zwischen Ihm und ihr, und diese Wellen erhöhen die Feuer der Herzen. Der Duft ist das

Feinste von allem, das Verborgenste und Ergreifenste, das Schwächste und das Stärkste, das Ungreifbarste

und Allerlieblichste zwischen zwei Liebenden.

Mein Geliebter ist mir ein Myrrhenbüschel, das zwischen meinen Brüsten ruht.

1,13) Sie sagt: Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhe, das zwischen meinen Brüsten ruht. Es ist hier ein

wortloses Gespräch zwischen ihnen. Der Duft ist die Mitteilung. Ihr Nardenduft geht zu Ihm und sagt das

Seinige, und sein Myrrhenduft geht zu ihr und sagt das Seinige. Er wohnt in ihr und redet dort zu ihr mit

seinem Duft. Die Myrrhe ist bitterlieblich. Sie bezeichnet die Kraft zur Liebe, die Kraft, die aus Leiden und

Kreuz besteht. Die Liebe ist ein Leiden, ein bitterliebliches Leiden und Sterben für einander. - Sie ist noch

nicht seine Braut, sie ist bloß dabei, zubereitet zu werden. Deswegen hat sie Ihn in sich als ein Bündel Myr-

rhe, sie darf Ihn noch nicht in anderer Weise besitzen.

Mein Geliebter ist mir wie ein Büschel der Cyperblume1. in den Weinbergen von En-Gedi!

1,14) Sie fährt fort: Eine Zypertraube ist mir mein Geliebter, in den Weinbergen von Engedi. Es ist immer noch

der Duft, wovon die Rede ist, der Duft, der zugleich entfernt und intim ist. Er kommt von dem Geliebten, der

zwar entfernt, aber dennoch in ihrem Inneren nahe ist. (Sie ist ja nur in ihrem Inneren zu Ihm gekommen

und feiert mit Ihm das Fest). Sie ist noch weit von der eigentlichen Vereinigung entfernt, aber der Duft von

Ihm dringt zu ihr hin und bringt in ihrem Inneren eine knospende Vereinigung des Ziehens, welche macht,

dass alles in ihr zu Ihm gezogen und gesogen wird; in einer zarten, scheuen und schüchternen Weise.

Siehe, du bist schön, meine Freundin, siehe, du bist schön; deine Augen sind [wie] Tauben!

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Eine Pflanze mit traubenförmigen Blütenbüscheln

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1 Kapitel (Die Werbezeit)
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1,15) jetzt antwortet Er in ihrem Inneren: Wie bist du schön, meine Geliebte! Wie bist du schön! Die Hingabe

strahlt aus ihrem ganzen Wesen hervor und bringt eine herzergreifende und bezaubernde Schönheit an ihr

zustande. Alles wird strahlend, ihr Wesen sowie ihre Worte. Alles an ihr erzeugt Schönheit, eine Schönheit,

deren Ursprung Er ist. Er opfert ihr seine Schönheit. Er entblößt sich selbst all seiner Schöne, gibt sie ihr

und sieht sie diese ausstrahlen. Und Er, der Erhabene und Reine und Heilige, steigt zu ihr in ihre Tiefe hinab,

und - betet sie an: Wie bist du schön! Deine Augen sind Tauben. Die einfältige, aber mächtige Schönheit der

Unschuld strahlt Ihm aus ihren Augen entgegen (eine Unschuld, die von der Unschuld herkommt, die Er ihr

erwarb, als Er sie vom Verlorengehen mit seinem heiligen und unschuldigen Blut freikaufte).

Siehe, du bist schön, mein Geliebter, und so lieblich! Ja, unser Lager ist grün.

Zedern sind die Balken unseres Hauses, Zypressen unsere Täfelung.

1,16-17) Sie antwortet: Wie bist du schön, mein Geliebter! Ja, holdselig bist du! Nun opfert sie Ihm ihre emp-

fangene Schönheit. Anbetend steigt sie aus ihrer Tiefe zu seiner Höhe hinauf und opfert Ihm wieder all das,

was Er ihr gegeben hat. Sie kann nichts für sich selbst behalten, alles muss Sein sein. Er hat sie mächtig

gemacht, Ihm Schönheit und Lieblichkeit zu geben, sie, welche in sich selbst eitel Hässlichkeit und Wider-

lichkeit ist. So opfern sie einander Schönheit und Lieblichkeit. Der Ball der Schönheit und Lieblichkeit wird

in diesem Ballspiel zwischen ihnen hin- und hergeworfen. Ja, unser Lager ist frisches Grün, sagt sie. Es ist

ein Bild von den grünen Auen der Ruhe, welches ihr vor Augen steht. Das Ruhelager ist frisch und grün duf-

tend; eine lebendige Ruhe, wo die Ruhe Wirken, und das Wirken Ruhe wird, wo die Lieblichkeit wächst und

wächst. - Die Balken unserer Behausung sind Zedern, wo der Bräutigam in ihrem Innersten verborgen ist,

und wo sie Umgang pflegen und lieben. Zedern- und Zypressenholz sind duftende Hölzer. Es ist wiederum

der Duft, wovon die Rede ist. Dies zeigt, welch große Bedeutung er hat, und auf welchen feinen, geheimnis-

vollen Wegen er, von allen Seiten die beiden umströmend, auf sie eindringt und ihnen Ruhe und Frieden

gibt. Aber diese Hölzer sind auch stark und schön. Die Schönheit und die Geborgenheit haben eine gleich

große Bedeutung wie der Duft. Sie, die von Natur wie eine scheue Taube ist, fühlt sich jetzt in innerer Weise

von Geborgenheit umgeben, und ihr Schönheitshunger, sowohl der ihrer Augen als ihrer übrigen Sinne, ist

gesättigt.

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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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Das 2 Kapitel
Die Ve r lob ungszeit

Ich bin eine Narzisse von Saron, eine Lilie der Täler.

2,1) Das Vorhergehende haben wir die Werbezeit genannt. Das nun folgende wollen wir die Verlobungszeit

nennen, um damit zu bezeichnen, dass das Verhältnis in eine neue Entwicklungsstufe getreten ist, die eine

festere Vereinigung mit sich bringt, aber doch nicht die vollkommene, nämlich die eheliche. - Die Braut

sagt: Ich bin eine Narzisse Sarons, eine Lilie der Täler. Wegen all der Liebe, deren Gegenstand sie ist, fühlt

sie ihre Unwürdigkeit um so mehr. Jedoch kann sie nicht verleugnen, dass sie von Wert für Ihn ist. Sie ist

eine Blume, obgleich eine geringe. Sie ist eine Narzisse Sarons. Es gibt nichts Bemerkenswertes an ihr. Saron

ist auch nichts Besonderes, bloß eine Ebene, aber eine Ebene, die weger! ihrer Fülle von Blumen bekannt

war. Ein e Blume in der Menge der Blumen zu sein, heißt gewiss eine geringe zu sein. Eine Lilie unter allen

Lilien im Tale (das Niedrige) ist nichts Besonderes. Wer sollte wohl gerade auf sie schauen? Als solche muss

sie davon abstehen, von den vielen gesehen und von ihnen bewundert zu werden. Sie muss dem Verlangen

entzogen werden, sich auszuzeichnen und etwas unter den Menschen zu bedeuten. Deswegen ist es auch

ein unfassbares Wunder und eine überwältigende Gnade, dass Er seine Blicke auf sie geworfen hat. Aber

eben dies macht aus, dass sie sich geringer als alle anderen empfindet, und dass sie danach streben muss,

die Gewöhnlichste von allen zu sein. Es gibt nichts, was einen Menschen dermaßen in den Staub beugt, als

die Gnade. Sie erhöht sie, und eben damit entkleidet sie sie aller ihrer eigenen Vorzüge. Sie sehnt sich nicht

einmal nach irgendeinem Vorzug.

Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern!

2,2) Der Bräutigam antwortet: Wie eine Lilie inmitten der Dornen, so ist meine Freundin inmitten der Töch-

ter. Er nimmt ihre Worte auf, aber Er erhebt sie, so dass sie einen andern Inhalt bekommen. In ihren Worten

und in ihrem Wesen hat sie sich neulich von jedem Vorzug entkleidet gezeigt. Ja, sagt Er, entkleidet bist du

eine reine, liebliche, duftende Lilie, eine Einzige, mitten unter Dornen.

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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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Die andern, die meinen, sie seien Lilien, welche sich über die Menge erheben, sind Dornen, denn sie wan-

dern ihre eigenen Wege und wollen selbst leuchten. Sie wollen die Lilie für sich rauben, dadurch dass sie

selbst die Einzige sein wollen; deswegen stechen und reißen sie die Lilie bei andern.

Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter unter den Söhnen! In seinem

Schatten saß ich so gern, und seine Frucht war meinem Gaumen süß.

2,3) Sie antwortet: Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter inmitten der

Söhne; ich habe mich mit Wonne in seinen Schatten gesetzt, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.

Er ist ein Baum des Lebens unter den Bäumen des Todes. Alle andern sind Diebe und Räuber und Mörder,

alle, die in ihrer geistlichen Verkündigung sich selbst suchen und etwas Großes in der Welt durch sie wer-

den wollen. Sie sind den Dornen zu vergleichen. Aber Er ist ein Baum, der sich selbst als Speise und Trank

gibt, und Schutz gibt gegen alles was schaden kann. In dem Schatten dieses Baumes will sie sitzen und sich

von dem Duft des Ewigen umweht fühlen. Da findet sie Ruhe und Frieden. Da findet sie himmlische Frucht,

womit sie sich nährt (die Frucht seines Werkes auf der Erde.) Er selbst ist das Brot und der Wein, wovon sie

lebt, und lieblich sind sie in ihrem Munde. Sie wird berauscht von diesem Essen und Trinken, und plötzlich

findet sie sich in den Weinsaal hineingeführt, den für alle offenen Saal der Freude, den Saal der Hoffnungen

und Träume.

Er führte mich ins Weinhaus, und die Liebe ist sein Banner über mir.

Stärkt mich mit Rosinenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe!

2,4-5) Er hat mich in das Haus des Weines geführt, und sein Panier über mir ist die Liebe, sagt sie. Er selbst ist

es, der sie da hineingeführt hat, und Er selbst ist der berauschende Wein, der sie aus sich selbst hinaus und

in seine Arme führt. Sie ist dabei, von allem eigenen Guten entkleidet zu werden, denn durch den Genuss

dieses Weins verliert sie alles Denken an sich selbst und alles Achtgeben auf ihr Eigenes. Sie kann sich da nur

Ihm hingeben. Sie wird entblößt, und dieses macht sie matt, hilflos und ängstlich.

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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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Sie verschwindet mehr und mehr vor sich selbst, und dieses ruft Schwindel bei ihr hervor, einen Schwindel,

der nur Hilfe in der Hingabe an Ihn finden kann. Aber dies ist noch kein Zustand bei ihr, es ist etwas Vor-

übergehendes, nur ein Vorgeschmack von einem künftigen, beständigen Zustand, der dem gegenwärtigen

nicht in allem gleicht. Bei all diesem Eigentümlichen und Wunderbaren, das ihr hier geschieht, fühlt sie sich

ruhig, weil seine Liebe, sein Panier über ihr ist. - In ihrer Mattigkeit und Hilflosigkeit sagt sie: Erquicket mich

mit Traubenkuchen, stärket mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. Wenn all das, was in der Welt

ihre Selbstachtung stärkt, für sie verschwindet, fühlt sie sich krank; es ist die Liebe, die sie dahingebracht

hat. Aber vor Liebe krank zu sein ist ein Reichtum, höher als all das Verlorene, und sie, welche krank ist vor

Liebe, wird auch von der Liebe erquickt und gestärkt, wenn sie die Früchte seiner Liebe isst und trinkt.

Er lege seine Linke unter mein Haupt und umarme mich mit seiner Rechten! Ich beschwöre euch, ihr

Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder den Hindinnen1 des Feldes: Erregt und erweckt nicht die Lie-

be, bis es ihr gefällt!

2,6-7) Die Liebe, welche sie zu der äußersten Ohnmacht gebracht hat, gibt ihr jetzt Ruhe an seinem Busen.

Sie kann aufatmen in der leben gebenden Liebe, welche von Ihm in sie hineinströmt und von ihr zurück in

Ihn. Aber noch kann die Liebe durch ihre Umgebung beunruhigt und gestört werden; denn noch kann sie

nur hin und wieder mit dem Geliebten zusammen sein. Die Geistlichkeit der Welt, die Geistlichkeit von un-

ten her, geht gleichsam ein und aus bei ihr, auch wenn sie mit Ihm zusammen ist; und sie fleht ihre Vertreter,

die Töchter Jerusalems an, die Liebe nicht zu beunruhigen noch zu stören, bis sie selbst erwachen will. Sie

beschwört sie, dass sie mit Ihm allein sein möchte, damit sie Ruhe in seinen Armen finden kann, um darin

einzuschlafen. Für eine Weile darf sie das. Für eine Weile genießt sie die Sabbath-Ruhe, welche darin be-

steht, dass alle Verantwortung und alle ihre Sorgen auf Ihn gelegt sind, indem Er sie trägt.

poetische Bezeichnung für Hirschkühe.


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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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Aber diese augenblickliche Sabbath-Ruhe bürgt dafür, dass sie im Glauben darauf vertrauen kann, dass Er

sie weiterhin durch alles tragen wird, den ganzen Weg bis zum Ziel. Während solcher Stunden ist sie so

klein, Ihm so überlassen, so unterworfen, so still, als wäre sie schon am Ziel- angelangt.

Da ist die Stimme meines Geliebten! Siehe, er kommt! Er springt über die Berge, er hüpft über die Hü-

gel!

2,8) Zwischen den Versen 7 und 8 ist eine Pause in der Zeit. Während dieser Pause ist der Bräutigam abwe-

send gewesen, was ihr viele Ängste verursacht hat, viele Zweifelsgedanken und brennende Dürre der Seele.

Aber Er hat mit allem, was Er sie durchmachen lässt, seine Absicht. Es gibt keine und kann keine einzige

Sache in ihrem Leben geben, die nicht ein Glied in der Kette ist oder wird, welche zu der vollkommenen

Vereinigung mit Ihm hinleitet. Wenn sie nach dem siebten Vers erwachte und sich verlassen fand, trieb sie

seine Abwesenheit dazu, in sich zu gehen, und Ihn aufs neue in ihrem Herzen zu suchen. Für einige Augen-

blicke hat Er sich dann in ihrem Insichzurückgezogensein finden lassen, aber dann hat Er sich für sie wieder

verborgen. In dieser Zwischenzeit hat sie zwischen Hoffnung und Furcht pendeln müssen. Ihr Herz hat sich

verirrt gefühlt. - Nun kommt Er wieder, aber nicht wie vorher in ihr, sondern von außen um sie herum. Sie

hört ihn auf sich zulaufen, und sie jauchzt: Horch, mein Geliebter! Über Berg und Hügel, über alle Hindernis-

se kommt Er zu ihr. Sie sieht Ihn, und Er wird größer als alle Berge und Hügel, größer als alles, was hindern

kann, sowohl außerhalb als innerhalb von ihr‘

Mein Geliebter gleicht einer Gazelle oder dem jungen Hirsch. Siehe, da steht er hinter unserer Mauer,

schaut zum Fenster hinein, blickt durchs Gitter.

2,9) Schnell und schön wie eine Gazelle oder ein junger Hirsch ist Er, und nun steht Er da, außerhalb der

Wand ihres Hauses. Ihr Haus bezeichnet den äußeren Menschen. Er steht außerhalb und schaut auf ihn In-

neres hinein. Durch diesen Blick dringt Er in sie hinein, obgleich Er außerhalb ist. Sie sieht Ihn jetzt sowohl

in ihrem Innern, wo sie sich zurückgezogen hat, als auch außerhalb stehen, wenn sie aus sich heraustritt.

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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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Aber dadurch erscheint Er ihr wie geteilt. Sie kann Ihn nicht ganz und völlig besitzen, obgleich Er so nahe,

ja sogar in ihr ist. Sie befindet sich hinter Fenstern und Gittern. Sie ist eine Gefangene, und nur durch das

Gitter kann sie Ihm begegnen. Aber Er will sie befreien.

Mein Geliebter beginnt und spricht zu mir:

»Mach dich auf, meine Freundin, komm her, meine Schöne!

2,10) Er sagt: Mache dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Sie darf Ihn jetzt nicht länger ganz

und ungeteilt in der Zurückgezogenheit besitzen. Er ist nicht länger nur in ihr, sondern auch (und vorzugs-

weise) außerhalb. Sie darf nicht nur in den engen Grenzen ihres Hauses bleiben. Er lädt sie ein, hinaus zu

Ihm in sein Land zu kommen. Sein Land ist das Himmlische, und zudem hat Er eine himmlische Wohnung

für sie, himmlische Landschaften und himmlischen Umgang. Und dieses Himmlische befindet sich auch

mitten in der Welt, und ist das Wesen selbst in allem, was es gibt. Wenn Er sie nicht da hinaus bekommen

kann, bleibt sie zurück in dem Irdischen, in der Geistlichkeit von unten her, stehend unter den Töchtern

Jerusalems, und verliert die geistlichen Schätze.

Denn siehe, der Winter ist vorüber, der Regen hat sich auf und davon gemacht;

2,11) Denn siehe, der Winter ist vorbei, der Regen ist vorüber, er ist dahin. Es gibt zwei Arten von Winter für

sie, einen äußeren und einen inneren. In dem Stadium, in dem sie sich jetzt befindet, ist es Sommer in ihrem

Inneren, wenn der Winter im Äußeren herrscht; und Winter in ihrem Inneren, wenn Sommer im Äußeren

ist. Vorher war Sommer in ihrem Inneren, und da hat sie sich in der Zurückgezogenheit mit Ihm gefreut.

Aber jetzt ist Winter in ihr, und Er ruft sie zu dem Sommer außerhalb in sein Land hinaus, damit sie sich

dort mit Ihm freuen soll. Alles in diesem Land ist für sie bereit. Alles steht wie zum Fest geschmückt. Sie hat

nur seine Hand zu fassen und hinauszutreten.

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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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die Blumene zeigen sich auf dem Land, die Zeit des Singvogels ist da, und die Stimme der Turteltaubeng

läßt sich hören in unserem Land am Feigenbaum röten sich die Frühfeigen, und die Reben verbreiten

Blütenduft komm, mach dich auf, meine Freundin; meine Schöne, komm doch!

2,12-13) Er mahnt lockend und bewegend: Die Blumen erscheinen im Lande, die Zeit des Gesanges ist ge-

kommen, die Stimme der Turteltaube lässt sich hören in unserem Lande. Der Feigenbaum rötet seine Fei-

gen, und die Weinstöcke sind in der Blüte und geben Duft. Dieses ganze wunderbare Gemälde malt Er vor

ihr inneres Gesicht, damit es ihr Begehren erwecken soll, hinauszukommen, um die Wirklichkeit zu genie-

ßen. All das Wunderbare draußen ist sein, aber es ist sein, damit es ihr eigen werden soll. Wenn sie nicht

die Besitzerin davon wird, kann Er keine Freude daran haben. Seine Blumen, Weinstöcke, Feigenbäume,

Turteltauben - es ist dies und vieles andere, wovon sie Besitzerin werden soll, ja, sie besitzt es schon, aber

sie besitzt es und soll es außerhalb ihrer selbst, in Ihm besitzen. All dies blüht und wird reif, damit sie in

und von Ihm und seinem Land leben soll. Aber all dies ist völlig neu für sie, ein neues Land, eine neue Welt,

welche sie nicht kennt. Sie vertraut wohl darauf, dass es so ist, wie Er sagt, und dass sie sich ruhig von Ihm

dort hinausführen lassen kann, und dass sie dort auch alles bekommen wird, was sie braucht. Aber dennoch

steigt ein Zweifel in ihr auf, und sie widerstrebt auf unerklärliche Weise. - Er mahnt wiederum: Mache dich

auf, meine Freundin, meine Schöne und komm! Aber es ist, als wäre sie sein Gegner, sie kommt nicht.

Meine Taube in den Felsenklüften, im Versteck der Felsenwand laß mich deine Gestalt sehen, laß mich

deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß, und lieblich ist deine Gestalt.«

2,14) Sie scheut sich, sie wagt sich nicht aus ihrem Versteck hinaus. Sie ist ergriffen von Furcht vor all dem

Ungeahnten, das ihr in seinem Land begegnen kann. Sie ist unfassbar furchtsam, dass sie sich dort selbst

ganz verlieren soll. Er bittet sie dann eindringlich: Meine Taube im Geklüft der Felsen, im Versteck der Fels-

wände, lass mich deine Gestalt sehen, lass mich deine Stimme hören, denn deine Stimme ist süß und deine

Gestalt ist anmutig. Du, meine Taube, meine einfältige, die du dich so wohl verschanzt hast, lass mich we-

nigstens dein Angesicht sehen und deine Stimme hören, bevor ich gehe.

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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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Ich brauche das sowohl um meinetwillen - denn deine Stimme ist so lieblich, und dein Angesicht so anmu-

tig - als um deinetwillen - denn ich muss sehen, ob du innerlich im Herzen von der Hingabe so ergriffen bist

und von der Unterwerfung (d.h. von der Liebe), dass du trotz deines jetzigen Widerstands nicht wieder frei

werden kannst. Du bist es, und das ist für mich im Augenblick genug. Ich komme wieder, wenn dir die Füchse

offenbar geworden sind; die Füchse, die im Inneren meiner Geliebten Verheerung anrichten, die leicht sich

vermehren und die Weinberge für dich in meinem Land, deine und meine Weinberge, zerstören könnten.

Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, welche die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge ste-

hen in Blüte!

2,15) Die Füchse bezeichnen die tausend und abertausend listigen Kniffe, wodurch die Seele sich aus der

Unterwerfung ziehen und dennoch den Bräutigam behalten will, sich aus der Entblößung ziehen und den-

noch ans Ziel kommen will. Ihr selbst unbewusst, will sie Ihn als Mittel verwenden, statt Ihn ihr Ziel sein

zu lassen. Die ganze Welt, auch die religiöse, ist voll von solchen Füchsen, und überall wird die Braut von

ihnen und ihren Versuchungen angetastet. Sie gehen ein und aus bei ihr. Und die kleinen Füchse sind die

schlimmsten, weil sie sich leichter in ihrem Inneren verbergen können. Sie schaden ihrer inneren Brautstel-

lung. Dies sieht sie wohl; aber wie sehr sie auch versucht, sie zu fangen, und die Hilfe anderer anruft, es

gelingt ihr nicht. Der einzige, der sie fangen könnte, ist Er; aber das Eigentümliche ist, dass Er, an statt sie

zu fangen, die Füchse bei ihr sich aufhalten lässt. Die Sache ist die: Er lässt a u c h die Füchse dem Werk in

ihr, dem Werk der Entblößung dienen. Sie sollen ihr schaden, bis dass sie zum Tode geführt ist, dem Tod vor

dem Tode, welcher die völlige eheliche Vereinigung zwischen ihr und Ihm ist. Bis dahin brauchen sie nur

für sie offenbar zu werden, und sie braucht nur in den Staub unter sie zu sinken und ihr Werk tun zu lassen.

Sie muss in Regungslosigkeit unter alles niedersinken. Nur so wird sie frei von allem Bösen und kommt zum

Genuss alles Guten. Nur so kann Er sie bis zum Ziel ganz hindurchführen.

Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein, der unter den Lilien weidet.

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2 Kapitel (Die Verlobungszeit)
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2,16) Der Bräutigam ist weg, aber sein Besuch hat ihr die Gewissheit gegeben, dass alles fortschreitet, wie es

soll. In dieser Zeit ist sie gewiss, Ihn zu besitzen und die Seinige zu sein, auch während seiner Abwesenheit.

Mein Geliebter ist mein und ich bin sein. Trotz ihres Widerstands ist sie die Seinige. Ihr Herz sagt ihr, dass

sie nichts im Himmel noch auf Erden von Ihm scheiden kann, dass ihn nichts davon abhalten kann, wieder-

zukommen und alle Hindernisse für die vollkommene Vereinigung und allen unbegreiflichen Widerstand

hinwegzuräumen.

Bis der Tag kühl wird und die Schatten fliehen, kehre um, mein Geliebter, sei gleich der Gazelle oder dem

jungen Hirsch auf den zerklüfteten Bergen!

2,17) Sie erwartet Ihn also mit Ruhe. Er hat sie frei gelassen, um sich von ihrer Furcht zu erholen, welche sie

ergriff, als Er sie in sein Land hinausziehen wollte. Und sie hat Ihn freigelassen, um auf den Hügeln (all das

Große und Schöne und Himmlische, wo Er sein Wesen hat) umherzustreifen, in der Hoffnung, dass Er wie

vorher am Ende in ihr Innerstes hinein zurückkommen und dort mit ihr Umgang pflegen werde.

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3 Kapitel (Der innere Versammlungsort)
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Das 3 Kapitel
(De r i nne r e Ve rsa mmlungsor t )

Auf meinem Lager in den Nächten suchte ich ihn, den meine Seele liebt; ich suchte ihn, aber ich fand ihn

nicht.

3,1) Die Zeit vergeht, und Er ist nicht wiedergekommen. Er hat bezüglich des Versammlungsortes ihr nicht

entgegenkommen wollen. Sie hat sich davor gefürchtet, sich selbst zu verlieren, wenn sie sich in diese an-

dere Welt, in sein Land, hätte hineinziehen lassen. Sie weiß wohl, dass sie Ihn da bekommen würde, denn

nicht Ihn fürchtete sie zu verlieren, sondern sich selbst. Sie überlegt also: Was hilft es mir, dass ich Ihn da

bekomme, wenn ich dadurch mich selbst und meiner Mutter Haus (mein weltliches Heim) verliere? Ich habe

ja dann nichts, worin ich Ihn besitzen kann. Ich bin ja dann von allem in mir selbst und in meiner Umgebung

entblößt, wodurch ich Ihn empfinden und mich der Vereinigung mit Ihm erfreuen könnte. Aber wenn sei-

ne Abwesenheit sich in die Länge zieht, kann sie dennoch nicht länger warten. Alles in ihr sehnt sich nach

Ihm, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebt. Dann sucht sie Ihn in den stillen Stunden, welche sie in der

Nacht hat, sucht Ihn in sich, in dem Innersten ihrer Seele, als dem alten Versammlungsort, findet Ihn aber

nicht. Sie findet nur seine Abwesenheit, und dieser Zustand ist bitter, dürre und beängstigend. Aber nach

und nach fängt seine Abwesenheit an, sie etwas zu lehren und mit ihr zu handeln. Sie macht sie von ihrem

inneren Versammlungsort los, wo Er ihr vorher so lieblich begegnete.

Dieser Versammlungsort liegt jetzt zerstört und wüst. Sie findet da nichts anderes als Treulosigkeit. Die Zu-

rückgezogenheit, welche vorher so voll von Freude und Leben und Frieden im Umgang mit Ihm war, bereitet

ihr jetzt Unruhe und Angst. Sie sagt: Auf meinem Lager in den Nächten suchte ich, den meine Seele liebt;

ich suchte ihn und fand ihn nicht. Sie findet keine Ruhe in der Ruhe. Sie sucht Ihn da, sie sucht Ihn in der

inneren Stille, aber sie findet Ihn nicht.

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3 Kapitel (Der innere Versammlungsort)
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»Ich will doch aufstehen und in der Stadt umherlaufen, auf den Straßen und Plätzen; ich will ihn su-

chen, den meine Seele liebt!« Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht.

Mich fanden die Wächter, welche die Runde machten in der Stadt: Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele

liebt?

3,2-3) Diese Unruhe scheucht sie schließlich aus ihrer Ruhe auf und hinaus, aber nicht direkt zu Ihm, son-

dern in die Welt hinaus, um Ihn da zu suchen. Sie sucht Ihn auf den Strassen und dem Markt (Kirchen) der

Stadt, sie sucht Ihn in Menschen, in Dingen, im Wesen der Welt, und glaubt bei sich selbst, Ihn, den Ver-

borgenen, da verborgen finden zu können. Er ist da, aber sie kann Ihn nicht finden, bevor sie direkt zu Ihm

selbst geht - dann sieht sie Ihn in allem. Und wiederum klagt sie: Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Sie be-

gegnet den Wächtern, nämlich denen, die über die religiösen Menschen wachen und sie leiten, und fragt sie:

Habt ihr den gesehen, den meine Seele liebt? Es ist eine Frage an die, die Ihn am besten kennen und wissen

sollten, wo Er zu finden ist! Sie haben keine Antwort, und sie geht an ihnen vorbei.

Kaum war ich an ihnen vorübergegangen, da fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn fest und

ließ ihn nicht mehr los, bis ich ihn in das Haus meiner Mutter gebracht hatte, ins Gemach derer, die

mich empfangen hat.

3,4) Wenn sie an allem vorbeigegangen ist, siehe, dann lässt Er sich, von ihrer Unruhe und ihrem Leid be-

wegt, von ihr finden und ergreifen und wiederum in ihr Inneres (den inneren Versammlungsort) ziehen.

Er kommt ihr in dieser Weise entgegen, damit sie nicht ganz auf dem Wege verschmachtet. Er hat sie noch

nicht dahin gekriegt, wo Er sie haben will; obwohl Er im Augenblick nachgibt. Aber er hat das Werk nicht aus

den Händen gelassen, obwohl Er im Augenblick nachgibt.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hindinnen des Feldes: Erregt

und erweckt nicht die Liebe, bis es ihr gefällt!

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3 Kapitel (Der innere Versammlungsort)
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3,5) Also bewegt ist Er jetzt in ihrem Inneren zu Gast, und sie lässt sich wieder in seinen Armen verlieren.

Gleichwie in Kap.2,7 fleht sie die Töchter Jerusalems an, die Liebe nicht zu beunruhigen, noch zu stören,

bevor sie es selbst will. Dann schläft sie nach und nach in seinen Armen sein. Dies ist das zweite Mal, dass

sie die Sabbath-Ruhe schmecken darf. Die Sabbath-Ruhe, die darin besteht, dass sie sich selbst in seinen

Armen verliert. Sie ist jetzt noch mehr müde als das vorige Mal. Sie fängt an einzusehen: Je mehr erschöpft

und ohnmächtig ich bin, um so mehr werde ich reif für die völlige Sabbath-Ruhe, und um so näher komme

ich zum Ziel. Ab und zu vernimmt sie etwas davon, mitten im Schlaf, gleichwie sie auch vernimmt, dass die-

ses nicht das vollkommene Verlieren ihrer selbst ist (vor diesem weicht sie noch zurück), sondern nur ein

Vorgeschmack davon, eine Zubereitung dafür.

Wer kommt da von der Wüste herauf ? Es sieht aus wie Rauchsäulen von brennendem Weihrauch und

Myrrhe, von allerlei Gewürzpulver der Krämer.

3,6) Zwischen dem 5. und 6. Vers ist wieder eine Pause in der Zeit. Es ist ein Festzug, der in diesem und den

folgenden Versen beschrieben wird. Jetzt ist die Braut so weit zubereitet, dass sie zu der Stadt des Königs

(der Christenheit auf Erden) geführt werden kann, wo die Hochzeitsfestlichkeiten anfangen und eine Zeit

dauern; denn die Braut ist ja noch nicht fertig. Man muss sich denken, dass die Vermählung am Ende dieser

Zeit stattfinden wird. Die Braut kommt von der Wüste herauf. Sie hat eine Zeitlang in der Wüste des Glau-

bens gelebt, sie ist ihr eine Wüste der Entblößung geworden, in der sie jedoch von Zeit zu Zeit den Besuch

des Bräutigams bekommen hat, Und von wo aus sie selbst Ihn gesucht hat, nach der inneren Weise. Zuletzt

ist sie auch bezüglich ihres Glaubens entblößt worden. - Er hat ja so lange gezögert, um sie ganz und für

ewig zu sich zu nehmen. Aber gerade als sie in dieser Demütigung niedergesunken ist, ist sie von Ihm geholt

worden. Nun kommt sie da in einem prachtvollen Zug. Schön ist sie wohl für den Bräutigam, aber es ist nicht

ihre Schönheit, welche hier hervorleuchtet, es ist Seine Herrlichkeit und Macht, die sie auf allen Seiten um-

gibt und den Zuschauern entgegenstrahlt in diesem Zug. Sie kommt umduftet von Myrrhe und Rauchwerk.

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3 Kapitel (Der innere Versammlungsort)
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Die Myrrhe, die bitterliebliche, welche die Leidenskraft der Liebe bis zum Tode hin bezeichnet, ist sozusagen

das Parfüm des Bräutigams. All das Schöne und Mächtige, was sie umgibt, ist Sein, alles hat sie von Ihm.

Siehe da, Salomos Sänfte: sechzig Helden sind rings um sie her, von den Helden Israels!

Sie alle sind mit Schwertern bewaffnet, im Krieg geübt, jeder hat sein Schwert an der Seite, damit nichts

zu fürchten sei während der Nacht Der König Salomo ließ sich eine Sänfte machen, aus dem Holz des

Libanon.

3,7-9) Sechzig auserlesene Helden umgeben das Tragbett. So teuer ist sie, die darin getragen wird für ihn.

Er sendet seine Heiligen, sie auf dem Wege zu Ihm zu begleiten und zu schützen. Sie haben ihre Schwerter

an ihren Lenden zur Wehr gegen die Gefahren der Nacht. Ihr Schwert ist das Gotteswort; kein Hindernis

kann solchem Schwert widerstehen, keine Räuberschar böser Geistesmächte kann hier ihre Absichten aus-

führen. Die Gefahren der Nacht bezeichnen finstere Geistesmächte. Das Tragbett ist prachtvoll. Es ist ein

Bild seines Thrones und seiner Herrlichkeit. Sein Holz ist vom Libanon, also das edelste Holz, das es gibt.

Libanon bezeichnet das Hohe und Abgesonderte (hier das Heilige), das worin sie leben soll, wo sie in Ruhe

niedersinkt.

Ihre Säulen ließ er aus Silber machen, ihre Lehne aus Gold, ihren Sitz aus Purpur, das Innere wurde mit

Liebe ausgestattet von den Töchtern Jerusalems.

3,10) Die Säulen des Tragbettes hat Er von Silber gemacht, seine Lehne von Gold, den Sitz von Purpur. Das

Silber bezeichnet die göttliche Wahrheit und Weisheit. Diese gehen beständig von Gott aus zu dem Men-

schen, der in der Ruhe in Ihm sich unter all das beugt, was Er schickt, in den Staub vor Ihm niedersinkt,

bis zum Geringsten niedersinkt. Sie bilden die Säulen an dem Tragbett Gottes, in welchem sie bis ans Ziel

getragen wird. Diese Säulen kann die Braut nicht entbehren, und sie wird sie auch nie, unterwegs entbehren

können. - Gold bezeichnet die göttliche Güte und Liebe.

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3 Kapitel (Der innere Versammlungsort)
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Auch diese gehen beständig von Gott aus zu einer solchen Brautseele und bilden die Rückenlehne des Trag-

bettes. Die Rückenlehne ist noch notwendiger als die Armlehnen; auch diese wird sie unterwegs nie entbeh-

ren. - Der purpurrote Stoff bedeutet des Sohnes Gottes, des Bräutigams Blut, das für sie vollendete Heils-

werk, womit Er sie erkauft hat und wodurch sie zu einer Himmelsbewohnerin und zu seiner Braut wird.

Der Sitz ist noch notwendiger als die Rücken- und Armlehnen. Dorthin fließt auch die von Gott beständig

ausgehende Kraft zuerst, und dann von dort aus zu der Rückenlehne und durch die Rückenlehne zu den

Armlehnen. Die Kraft von Gott geht also ständig und unaufhörlich zu dem von ihr empfangenen Blute Jesu

Christi (welches sie in sich hat, um dadurch die reine Kraft Gottes zu werden, welche ihren - Rücken stützt

und ihr inneres mit Güte und Liebe erfüllt), um von dort hinaus zu der reinen Gabe Gottes weiterzuströmen,

die sie auf rechtem Wege erhält, so dass sie nicht aus dem Tragbett hinausfällt; weder rechts noch links, und

die ihr Wahrheit und Weisheit schenkt (die Armlehne von Silber), woraus die bereiteten Taten der Güte und

der Liebe, ihr unbewusst, in die Umgebung hinausfließen. Aber es ist wohl zu merken, dass all dieses Gottes

ist und bleibt, und dass es nur durch das Herabsinken und das ständige Versinken bis in die Tiefe des Nichts

ihr zuteil werden kann, so dass sie es in Ihm besitzt. - Das Inwendige des Tragbettes ist kunstvoll gestickt,

aus Liebe, von den Töchtern Jerusalems. Dies bezeichnet, dass die Gebete und die Betrachtungen der Gläu-

bigen bezüglich des Brautverhältnisses zur Ausschmückung des Inneren des Tragbettes werden.

Kommt heraus, ihr Töchter Zions, und betrachtet den König Salomo mit dem Kranz, mit dem seine Mut-

ter ihn bekränzt hat an seinem Hochzeitstag, am Tag der Freude seines Herzens!

3,11) Zions Töchter (die übrigen Einwohner der Stadt; Jerusalems Töchter sind das Hofvolk) stellen die

Nichtgläubigen der Christenheit dar. Diese werden ermahnt, hinauszugehen, und den Bräutigam mit Lust

zu schauen, Ihn an dem Tage seiner Herzensfreude in all seiner Herrlichkeit zu schauen, Ihn als den gekrön-

ten Sieger zu schauen, der gesiegt hat und siegen wird über alles Böse und Hemmende, welches der Braut

gedroht hat und noch droht. Sie werden gerufen, damit auch sie, wenn möglich, von Ihm ergriffen werden

möchten, um den Brautweg zu betreten.

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3 Kapitel (Der innere Versammlungsort)
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Aber die Töchter Jerusalems und Zions (die Christenheit auf Erden) können wohl Brautseelen bewundern;

aber sollten sie eine solche empfangen, müssten sie ja selbst ihr gleich werden, und das kostet sie zuviel.

Deswegen sind sie nicht für die Hochzeit bereit. Sie ziehen sich zurück und lassen die Braut ihren Weg

gehen. Und darum zeigt es sich am Ende, dass weder die Stadt des Königs noch die Braut für die Hochzeit

bereit sind.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Das 4 Kapitel
( Ve r z e hr e n d e s Eigenen, Weg de r Ent blöß ung)

Hier steht das, was im Äußeren geschieht, gleichsam still und wartet. Die Braut ist weiterhin furchtsam, sich

selbst zu verlieren, wenn sie im Ernst in Ihn und in sein Land hineingezogen werden soll. Und dennoch gibt

es in ihr etwas, das sich danach eifrig sehnt. Es ist als sollte sie sich in eine bodenlose Tiefe hinausstürzen.

Sie will es, aber sie findet nicht den Mut dazu. Denke, wenn sie ertrinken und ewiglich verloren gehen sollte.

Der Glaube wankt nämlich. Wenn es gilt, ist es nicht leicht zu glauben, dass Gott alle Macht hat und Er sie

mit allmächtiger Hand bis zum Ziel leitet, eben wenn Er ihr all ihr Eigenes, all das, womit sie Ihn umfassen

kann, raubt. Es dauert noch, bis nur ein Weg für sie übrig ist, sich nämlich blind in die Tiefe seiner Liebe

hinauszustürzen und da zu ertrinken. Wenn sie dazu kommt, kann sie nicht anders als den Sprung tun. Da

ertrinkt ihr Ich ganz in der Tiefe seiner Liebe, aber da wird sie auch schauen, dass sie eben dadurch zu einem

neuen Ich kommt; ein Ich, welches sie in Ihm allein hat. Mit diesem neuen Ich und seinem Bewusstsein kann

sie Ihn in solch einer Weise umfassen und besitzen, welche ebenso hoch über dem Alten ist wie der Himmel

über der Erde.

Siehe, du bist schön, meine Freundin, siehe, du bist schön; deine Augen sind [wie] Tauben hinter deinem

Schleier; dein Haar gleicht der Ziegenherde, die vom Bergland Gilead herabwallt.

4,1) Aber das innere Geschehen setzt sich während dem äußeren Warten fort und führt sie ständig dem

Ziele näher, obgleich sie nicht viel davon empfindet. Der Bräutigam sagt zu ihr: Siehe, du bist schön, meine

Freundin, siehe, du bist schön. Deine Augen sind Tauben hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine

Herde Ziegen, die an den Abhängen des Gebirges Gilead lagern. Sie weiß nichts davon, dass sie schön ist.

Sie weiß nur, dass sie Ihm ängstlich widerstrebt. Und sie versteht nicht, dass dieser Widerstand auch ein

Werkzeug in seiner Hand zu ihrer Entblößung ist, damit sie am Ende ganz die Seinige werde. Sie ängstigt

sich vor dem Neuen, welches die Vermählung herbeiführt, welches ist das Verzehren des Eigenen. Ohne es

zu wollen, sträubt sie sich Ihm gegenüber. Aber dann muss sie sich ja selbst als schlecht und schwarz und

unbändig sehen, alles andere als anziehungswürdig. Sie erkennt sich als höchst unwürdig - nie kann sie das

schaffen, ganz die Seinige zu werden.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Aber der Bräutigam lockt und beruhigt sie. Er versichert ihr, dass sie schön ist - schön sogar in ihrer Ängst-

lichkeit und Widerspenstigkeit.Ihre Schönheit hat sie in seinem Herzen und in seinen Augen. Nur da hat sie

sie, und nur da kann sie sie wie in einem Spiegel sehen. In sich selbst und für sich selbst ist sie widerwärtig,

aber wenn sein Blick auf sie fällt, wird sie lieblich. Sein Blick hat die Macht, schön zu machen. Was Er jetzt

beschreibt, sind innere Schönheiten, aber diese fließen in gewisser Weise in das Äußere hinaus. Ihre Augen

sind Tauben. Tauben bezeichnen Einfalt. In ihrem Inneren ist sie leer an allem; nur die Sehnsucht ist da, dass

Er da drinnen mit ihr umgehen möge. Aber Er geht noch immer nicht hinein, sondern steht draußen und

spielt förmlich mit ihr. Ihr Inneres zeigt sich durch ihren Schleier. Auch den Schleier hat Er ihr gegeben. Er

ist notwendig, um sie vor der Welt zu verbergen. Ihr wirkliches Wesen ist nur für Ihn da. Aber der Schleier

ist auch da, um die Welt für sie zu verbergen, damit sie weitmöglichst an der Welt vorübergehen kann. Der

Schleier ist also ein Schleier der Barmherzigkeit. Für Menschen kann wohl ein Schimmer von ihrem wirkli-

chen Wesen sichtbar werden, sie sehen es aber nicht. Nur Er und die, welche himmlisches Gesicht bekom-

men haben, können es wahrnehmen. Aber auch für Ihn ist ihr Wesen noch wie eine scheue Taube hinter

einem Gitter, welche nur flüchtig erscheint. Mit seinen Worten will Er sie aus ihrem Gefängnis zu sich und

in die himmlische Freiheit seines Landes hinauslocken.

- Das Haar bezeichnet die geistliche Keuschheit. Im Gegensatz zu dem vorhin erwähnten Schleier ist das

Haar ein lebendiger Schleier, und ist außerdem im Besitz einer geheimnisvollen Macht. An einer andern

Stelle heißt es: „Ein König ist gefesselt durch deine Locken.“ Die Keuschheit ist es, die diese Macht ausübt.

Keuschheit heißt: Nur für Einen da zu sein, sich nur Einem geben, nur von Einem sich (seine Locken) be-

rühren lassen. - Sie ist also einfältig in Richtung gegen Einen und Eines, obgleich von einer andern Art, als

die der Taube im vorher Gesagten, nämlich eine innere Leere von allem, außer der Sehnsucht danach, dass

Gott den leeren Raum füllen möge. Die Einfalt der Keuschheit ist eine äußere, oder richtiger eine, die von In-

nen ins Äußere hinausfließt und da zu einer Macht, einem Fallstrick wird, welche den Einzigen fängt. Ohne

die Keuschheit würde die Braut nie den Bräutigam fangen können. Der Bräutigam erkennt ihre Macht und

beugt sich vor ihr, wenn Er ihre Locken berührt. Er vergleicht sie mit einer Herde von Ziegen, die an den

Abhängen des Gebirges Gilead weiden, das eine keusche, hohe und stolze, aber geheimnisvolle Schönheit

bezeichnet.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Deine Zähne gleichen einer Herde frischgeschorener Schafe, die von der Schwemme kommen, die alle-

samt Zwillinge tragen, und von denen keines unfruchtbar ist

4,2) Er sagt: Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe, die aus der Schwemme heraufkommen,

welche allzumal Zwillinge gebären, und keines unter ihnen ist unfruchtbar. Die Zähne bezeichnen das Nach-

sinnen über das Wort, d.h. das Essen und Trinken des Fleisches und Blutes des Bräutigams in dem Worte.

Das Gotteswort, die Bibel, ist Gottes lebendiges Wort, von Ihm selbst ausgegangen und zu Fleisch und Blut

in seinem Sohn, dem Bräutigam, geworden. Das lebendige Wort ist also der Bräutigam selbst, und Er gibt

sich in Ihm zum Essen und Trinken. Die Zähne der Braut, welche kauend dieses Wort überlegt, vergleicht Er

mit neu geschorenen Schafen, die aus der Schwemme heraufkommen. Sie sind rein und weiß, eben durch

ihren Gebrauch des Wortes. Sie sind fernerhin allesamt mit Zwillingen trächtig, keines unter ihnen ist un-

fruchtbar. Das bedeutet, dass die Zähne nicht nur dazu dienen, um sie selbst zu ernähren, sondern auch um

andere zu speisen und zu nähren mit dem Wort.

Deine Lippen sind wie eine Karmesinschnur, und dein Mund ist lieblich; wie Granatäpfelhälften sind

deine Schläfen hinter deinem Schleier.

4,3) Er sagt weiter: Deine Lippen sind wie eine Karmesinschnur, und dein Mund ist zierlich. Wie ein Schnitt-

stück einer Granate sind deine Wangen hinter deinem Schleier. Die Lippen und der Mund bezeichnen den

Aus- und Eingang der Hingabe, die Pforte der Liebesäußerung. Das Rosenrote ist das Blut, welches hervor-

leuchtet durch die Lippen und darauf hindeutet, dass die Hingabe eine Hingabe bis zum Vergießen des Blu-

tes, ja bis zum Tode ist. Wenn sie es noch nicht ist, so ist sie doch dabei, es zu werden. Deswegen ist ihr Mund

schön, er hat Ihm gefallen. Die Wangen bezeichnen das, was lieblich und leicht empfängt, was am meisten

der Umwelt mit ihrem Sonnenschein und Gewitter, ihren Menschen und Dingen ausgesetzt ist. Ihre Wangen

sind gleich geborstenen Granatäpfeln, d.h. sie sind offen und empfindlich, alles zu empfangen und alles zu

leiden. Sie muss etwas Geborstenes an sich haben, damit sie überwältigend schön für Ihn sein kann.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Dein Hals gleicht dem Turm Davids, zum Arsenal erbaut, mit tausend Schildern behängt, allen Schilden

der Helden.

4,4) Er fährt fort: Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut; tausend Schilde hängen daran,

alles Schilde der Helden. Hals bezeichnet die Stärke der Schwäche. Der Hals ist eines der schwächsten und

empfindlichsten Teile des Körpers, und dennoch trägt er das Stolzeste und Schönste beim Menschen in ei-

ner stolzen und schönen, also starken Weise. Ihr Hals ist gleich Davids Turm und ist wohlbefestigt wie jener.

Sie ist mit dem Schutz seiner Liebe gegen alles befestigt, was ihrem geistlichen Leben schaden könnte. Es

ist dieser Schutz seiner Liebe, der sie aufrecht hält in aller Not und Gefahr, in allem Dunkel und Missmut.

Tausend Helden wohnen bei ihr innerhalb dieses Schutzes, d.h. 1000 von seinen Heiligen stehen zu ihrem

Dienst, deren tausend Schilde hängen außen auf ihrem Schutzturm, bei ihr dargestellt durch das Halsband

mit Schmucksachen, die Schilden gleichen.

Deine beiden Brüste gleichen jungen Gazellen, Gazellenzwillingen, die zwischen den Lilien weiden.

4,5) Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen, die unter den Lilien weiden. Er kann

nicht satt davon werden, ihre Schönheit anzuschauen; sie überwältigt Ihn mehr und mehr. Die Schönheit,

wovon Er redet, steht in Verbindung mit dem ganzen Geschlecht und der Schöpfung, macht also das Binde-

glied mit dem Ganzen aus, und ist deswegen von herzergreifender Schönheit. Die Brüste sind hier das Sinn-

bild für das Vermögen, geistliche Kinder zu nähren und zu pflegen. Dieses Vermögen steckt bei der Braut

jetzt noch im Anfangskeim, aber es wird blühen und viel Frucht tragen, wenn die Zeit gekommen ist. Ihre

Brüste gleichen einem Paar Zicklein, Zwillinge einer Gazelle.

Die Gazelle ist scheu und zuversichtlich zugleich. Sie ist schön in jeder Linie und jeder Bewegung. Und ein

Paar Zicklein, das unter der reinen und unbefleckten Unschuld der Lilien weidet, ist ein ergreifender An-

blick. Alle die Schönheiten, welche Er beschrieben hat, um sie zu locken und zu beruhigen, hat sie von Ihm

bekommen. Nicht eine einzige Schönheit ihres natürlichen Menschen gehört hier dazu.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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All ihr Eigenes, Schönheit und Hässlichkeit, Gutes und Böses, kommt nicht in Betracht und soll weg, soll in

seinem Feuer verzehrt werden. Aber schon bevor dies geschehen ist, hat sein Blick, ihr unbewusst, die in-

neren Schönheiten bei ihr geboren, welche Er hier aufgezählt hat. Sie gehören dem Himmlischen an, und Er

hat von ihren geredet, um sie damit ganz in das Himmlische, in sein Land, hineinzulocken.

Bis der Tag kühl wird und die Schatten fliehen, will ich auf den Myrrhenberg gehen und auf den Weih-

rauchhügel!

4,6) Nun hat Er seine Rede (oder richtiger, seinen Lobgesang) über ihre himmlische Schönheit beendet. Nun

will Er dies in ihr sinken lassen, damit es in der Stille sein Werk ausführen möge. Er hat augenblicklich nichts

anderes zu tun als zu warten, und deshalb sagt Er: Bis der Tag sich kühlt und die Schatten fliehen, will ich

zum Myrrhenberge hingehen und zum Weihrauchhügel. Bis es für sie tagt, will Er sie allein lassen. Es ist dun-

kel in ihr, und einander widerstrebende Gedanken kämpfen da ihren Kampf und ängstigen sie. Die Schatten

der Finsternis und Spukgebilde kämpfen mit all dem Lieblichen, was Er ihr gesagt hat, und mit allem, was

Er für sie ist. Und Er, Er geht hin zum Myrrhenberge, dem bitterlieblich duftenden, wo seine Liebe, bitter und

lieblich zugleich, sein Blut für sie vergossen hat, deren Duft sich durch alle Zeiten, durch die ganze Schöp-

fung und durch die Himmel, verbreitet. Da will Er auf sie warten. Dort, soll sie wissen, ist Er zu finden, wenn

die Schatten wieder von ihr geflohen sind.

Schön bist du, meine Freundin, in allem, und kein Makel ist an dir!

4,7) Aber bevor Er geht, fasst Er seinen Lobgesang in einem Wort zusammen: Ganz schön bist du, meine

Freundin, und kein Makel ist an dir. Er redet von seinem tür sie vollbrachten Werk. Dieses Werk hat sie durch

und durch schön und ohne Makel gemacht. Aber Er hat sie nicht mit seinem Blut freigekauft, damit sie

zurückbleiben und in ihrem irdischen Gefängnis verharren soll, sondern damit sie in seinem himmlischen

Land leben und wohnen soll. Seine für sie erworbene Schönheit und Makellosigkeit verschwinden vor ihr,

wenn sie mit ihnen, im Irdischen haften bleibt.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Du bist schön durch und durch; das bedeutet hier, alles ist, wie es eben jetzt sein soll. Du befindest dich in

dem Schmelzofen der Angst, du willst und du willst nicht. Aber sei guten Mutes, es gibt beinahe keinen Weg

zurück, die völlige eheliche Vereinigung steht vor der Tür, und dann wirst du in Seligkeit zu nichts für dich

selbst werden in meinen Armen, gleichwie ich in den Deinigen! Dann findest du dich selbst in mir, gleichwie

ich mich selbst in dir finde, und dies ist unsere gemeinsame Seligkeit.

Komm mit mir vom Libanon, [meine] Braut, komm mit mir vom Libanon! Steig herab vom Gipfel des

Amana, vom Gipfel des Schenir und des Hermon, von den Lagerstätten der Löwen, von den Bergen der

Leoparden!

4,8) Hier ist wiederum eine Pause in der Zeit. Während dieser hat es wohl in gewisser Weise für sie getagt;

aber das Tagen ist nicht ein Tagen für das Himmlische bei ihr, sondern für das Irdische gewesen. Sie ist ganz

einfach zu den Bergen geflohen, um das irdische Leben in einer irdisch ungebundenen Weise zu leben. Die

Verzweiflung über sich selbst hat sie ergriffen, ob sie überhaupt ganz seine Braut zu werden vermag. Und

nun versucht sie, Ersatz in einer freigemachten Welt- und Naturbejahung zu finden. Sie lebt unter Löwen

und Panthern, frei wie sie ist, auf ihrem Berg. Sie hat sich da verschanzt gegen alles, was ihr ihr Selbst und

ihre Freiheit rauben will, also auch gegen Ihn. Dennoch weiß ihr Herz, dass all dies eitel ist. Sie kann nicht

von Ihm wegkommen, nicht aus seinem Griff schlüpfen, wie sie sich auch wendet, um loszukommen. All ihre

Sehnsucht, all ihre Liebe steht zu Ihm, wie sie auch trotzen mag. All das, was sie jetzt in Gang gesetzt hat, ist

bloß Manöver, um sich selbst zu verteidigen, ihre irdische Schönheit, ihre irdische Tugend und Gerechtig-

keit, obgleich sie im Innersten weiß, dass all ihr Eigenes nur ein Schutthaufen ist. Ihr ganzer jetziger Zustand

ist jedoch nichts anderes als eine Entblößung, obwohl sie selbst geneigt ist, es mit andern Augen zu sehen.

Sie betrachtet es als Sünde, und es ist Sünde, denn Sünde ist nichts anderes als Entfernung von Gott.

Aber sie kann nicht fertig werden mit der Sünde, es ist als ob sie an ihr festhinge in allem, was sie denkt und

tut. Sie glaubt, dass sie für immer den Bräutigam verlassen hat, und dass Er nichts mehr von solch einer wie

sie wissen will. Gewiss steigt das Vermissen, die Sehnsucht und die Liebe in ihr auf, aber sie erstarren förm-

lich bei dem Gedanken, dass sie wie eine für Ihn Verlorene ist.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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- Aber Er hat sie gewiss nicht aufgegeben, nicht verlassen, obgleich Er sich auf Abstand hält. Sie ist genau

so in seiner Hand, jetzt wie vorher, ja noch mehr, denn Er steht hinter ihrer Entblößung, und sie ist weiter

auf dem Weg der Entblößung fortgeschritten als jemals. Er verwendet alles in ihrem leben und alles um sie

als Werkzeug (als Antreiber) für diese Entblößung zu benützen. Und es geht eilig abwärts mit ihr. Er ist auf

Abstand ihrem Zustand gefolgt und hat die rechte Stunde abgewartet, um sie aufzusuchen. Nun kommt Er,

und seine Worte zu ihr sind bewegend, ja bettelnd: Komm mit mir vom Libanon, meine Braut, komm mit

mir vom Libanon. Steige herab vom Gipfel des Amana, vom Gipfel des Senir und Hermon, von den Bergen

der Panther. Bemerke, dass Er sie das erste Mal mit dem Brautnamen anredet!.

Und das eben jetzt, da sie sich am weitesten entfernt von Ihm zu sein dünkt. Ein Strom von Freude geht

durch ihr Herz, verschwindet aber sofort, denn sie wagt nicht zu glauben, dass sie immer noch die Auser-

wählte ist. Komm mit mir, sagt Er, steige von deinen Verschanzungen herunter! Du bist vor mir geflohen und

hast dich meinetwegen verschanzt, und dabei die höchsten Gipfel von Unzulänglichkeit zu Hilfe genom-

men. Du willst Schönheit, Tugend und Gerechtigkeit in dir selbst haben, und mit Löwe und Panther vertei-

digst du sie. - Sie erkennt, dass dies wahr ist. Je näher die Entscheidung für sie rückt, um so ängstlicher ist

sie wegen ihrer Unwürdigkeit geworden, und gerade deshalb hat sie Schönheit, Tugend und Gerechtigkeit in

sich selbst haben wollen - um Ihm gleich zu sein, um etwas vorweisen zu können, was in seinem Lande gilt;

Ihm etwas zu geben, an statt jetzt nur ihre Geringheit und Elendigkeit zu bringen. Er jedoch sucht sie nur

davon wegzulocken, auf sich selbst zu sehen. Er zieht und zieht sie dahin, auf Ihn zu schauen und da ihre

Schönheit, Tugend und Gerechtigkeit zu finden. Sie fängt an, all dies zu sehen und zu erkennen. Sie sieht in

einer Weise wie nie zuvor, dass sie arm und bloß ist, arm und bloß sogar an Blöße und Armut; denn sie hat

alles Ihm gegeben.

So steht es mit ihr. Aber auch Er ist arm und bloß (obgleich sie dies nicht sieht), denn Er hat ihr alles gege-

ben, seine ganze himmlische Schönheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Herrlichkeit, so dass Er vor ihr steht

als der am meisten entblößt ist, so wie Er in Jesaja 53 und Philipper 2,6-8 beschrieben wird. Nun muss sie

alle Herrlichkeit in Ihm allein sehen, und Er muss all die seinige in ihr sehen. In dieser Gegenseitigkeit wird

die wirkliche, eheliche Vereinigung geboren.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, [meine] Braut; mit einem einzigen deiner Blicke hast du

mir das Herz geraubt, mit einem einzigen Kettchen von deinem Halsschmuck!

4,9) Deswegen sagt Er jetzt, da sie Ihm einen Augenblick zuhört, und (wenn auch mit Sträuben) sich von

Ihm ziehen lässt: Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, Braut, du hast mir das Herz geraubt, mit

einem deiner Blicke, mit einer Kette von deinem Halsschmuck. Alles was ich bin und habe, ist dein. Mit

einem einzigen Blick der Hilflosigkeit und mit einem einzigen Glied von der Kette deiner Gefangenschaft,

welche die Welt um deinen Hals gelegt hat, und wovon deine Seele so schwer gepeinigt wird, hast du mein

Herz und alles, was ich bin und besitze, genommen. Es ist alles dein, meine Schwester, meine Braut. Es ist

dein, damit ich es in dir besitze und meinen Reichtum in dir habe. Und alle deine Armut und Geringheit.

Alle deine Elendigkeit hast du mir gegeben. Es ist mein, damit du es in mir besitzen und es da in himmlische

Reichtümer verwandeln lassen mögest. Du bist meine Schwester durch diesen gegenseitigen Austausch von

Besitztümern, wodurch ein Ausgleich zwischen uns stattfindet und wir gleich werden. Meine Schwester -

Braut will ich dich nennen. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, [meine] Braut; wie viel besser ist

deine Liebe als Wein, und der Duft deiner Salben als alle Wohlgerüche!

Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, [meine] Braut; wie viel besser ist deine Liebe als Wein, und

der Duft deiner Salben als alle Wohlgerüche!

4,10} Sie sieht im Augenblick nicht auf sich selbst, sie sieht auf Ihn und lauscht Ihm: Wie schön ist deine

Liebe, meine Schwester, Braut! Wie viel besser ist deine Liebe als Wein, und der Duft deiner Salben als alle

Gewürze. Er sagt ihr dies, obwohl ihre Liebe noch nicht so ist, wie sie sein sollte, und sie noch widersteht.

Aber Er sieht, dass das Hindernde bald weichen wird, und die volle Liebe schon hinter der Entblößung bei

ihr vorhanden ist, wenn auch noch ganz zart. Die Lieblichkeit und der Duft dieser zarten Liebe können vor

Ihm nicht verborgen werden. Diese Lieblichkeit und der Duft verbreiten sich auch an die Menschen um sie,

obgleich sie nicht sehen können, dass sie von ihr kommen. Denn da sie sich in der Entblößung befindet,

sieht sie für die Menschen entweder bedeutungslos oder abscheulich aus.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Denn sie können sie nicht als eine Braut erkennen und sehen. Aber sie haben, deswegen gleichviel Nutzen

von der Lieblichkeit und dem Duft, und fühlen sich dadurch auf den Brautweg gezogen.

Honigseim träufeln deine Lippen, [meine] Braut, Honig und Milch sind unter deiner Zunge, und der Duft

deiner Kleider ist wie der Duft des Libanon!

4,11) Er sagt: Honig und Milch ist unter deiner Zunge, und der Duft deiner Gewänder ist wie der Duft des Li-

banons. Mitten in dem Zustand der Entblößung, worin sie sich befindet, triefen ihre Lippen von Süssigkeit,

d.h. von Gottes lebendigem Wort. Denn solange sie nur auf Ihn schaut und nur Ihm lauscht, fließen seine

Worte von ihren Lippen. Dies geschieht nicht aus ihrem Vermögen, sondern nur, weil sie seine Worte bei

sich Eingang gewinnen lässt. Dadurch verbirgt ihre Zunge den Honig und die Milch des Worts, welches zu

lieblicher Nahrung für andere Seelen werden könnte. Es sind die Lippen der Braut, aber das Wort des Bräuti-

gams. Dass ihre Zunge den Honig und die Milch des Worts verbirgt, bezeichnet, dass sie dieses im Schweigen

verbirgt, und dadurch das Schweigen des Worts und das Wort des Schweigens kennen lernt. Sie sieht dann,

dass das Wort Schweigen gebiert, und dass das Schweigen Worte gebiert. Sie erfährt sogar dies; denn in ih-

rem Entblößungszustand würde sie nicht selbst wagen, Gottes Wort zu reden. Sie fühlt sich dazu unwürdig

und meint, dass sie nur schaden würde, wenn sie es täte. Sie schweigt also, aber ohne dass sie es weiß, fließt

der Honig und die Milch des Worts dennoch über ihre Lippen in allem, sowohl in ihrem Schweigen als in

ihrem Reden, sogar wenn sie von alltäglichen Dingen redet. - Gewänder bezeichnen seine Gerechtigkeit,

Gnade und Wahrheit, womit sie gekleidet ist. Diese verbreiten einen wunderbaren Duft, einen Duft von ei-

ner andern Welt, nämlich den Duft seines Landes. Der Duft hat sie nie verlassen, seitdem sie zuerst von Ihm

ergriffen wurde, und er wird sie auch nicht verlassen.

Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, [meine] Braut; ein verschlossener Born, eine versiegelte

Quelle.

4,12) Hier greift der Bräutigam dem Zustand der vollen Vereinigung mit ihr vor. So unklar und durcheinan-

der, wie alles jetzt bei ihr ist, kann diese Vereinigung mit ihr nicht verwirklicht werden.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Aber Er sieht sie so, wie sie bald werden wird, und davon will Er ihr Kenntnis geben, bevor sie durch die

dunklen Nächte geht, die vor ihr liegen. Nicht dass sie sie jetzt klar erfassen könnte, sondern sie soll ihr zu ei-

ner verborgenen Wegzehrung auf dem übrigen Teil des Weges werden. Sie soll nämlich dort in einer verbor-

genen Weise von der Erkenntnis, die Er jetzt in sie eingießt, aufrechterhalten und genährt werden. Während

der dunklen Nacht, welche sie noch vor sich hat, kann sie weder etwas verstehen noch vernehmen, aber sein

Wort findet sich dennoch in ihr und hält ihr himmlisches Wesen aufrecht in einer geheimnisvollen Weise,

und nährt es. - Nun sagt Er ihr, wie sie ist, wenn sie zur vollen Einheit mit Ihm kommt: Ein verschlossener

Garten ist meine Schwester, Braut, ein verschlossener Born, eine versiegelte Quelle. Sie ist also verschlossen

für alle andern, denn sie gehört Ihm allein. (Dies bedeutet auch, dass sie Ihm in andern gehört). Noch ist sie

teils verschlossen, auch für Ihn, weil noch etwas bei ihr sich für Ihn nicht geöffnet hat.

Aber Er, der die Dinge, die nicht sind, so sieht, als ob sie da wären, sieht sie so, wie wenn alles fertig wäre.

Wenn Er jetzt zu ihr redet, versteht sie ein wenig davon. Deswegen ruft sie in Vers 16 den Nordwind (den

scharfen) und den Südwind (den lieblichen), um ihr zu helfen, ihren Lustgarten für Ihn allein zu öffnen. Dies

schaut sie mitten durch die Finsternis, die sich über ihre Seele gelagert hat. Aber obgleich sie es sieht, kann

sie nichts tun, um sich ganz für Ihn zu öffnen. Die Finsternis, welche noch über ihr liegt, beruht zum größ-

ten Teil darauf, dass sie nicht mehr als einen Moment wegschauen kann von sich selbst, um auf Ihn allein

zu schauen und sich Ihm ganz hinzugeben. Aber im Augenblick ist dieses nur wie es sein soll, und sie muss

eben durch dieses gehen, um zum Ziel zu kommen. Ihre Augen sind in dieser Weise für Ihn verschlossen,

und sie sieht nicht, was sie in Ihm hat. Und ebenso sind ihre Ohren verschlossen. Sie kann seine Liebesworte

nicht recht auffassen. Ihr Gefühl ist verschlossen; sie kann nicht recht sein Ziehen vernehmen.

Es ist Nacht um ihre Seele. Deswegen betet sie, dass der Nord- und Südwind des Morgens kommen möge mit

dem neuen Tag. - So sieht sie aus in ihren eigenen Augen, aber für Ihn ist sie ein verschlossener Garten, ein

verschlossener Born und eine versiegelte Quelle in dem rechten Sinn; d.h. verschlossen und versiegelt für

alle andern und für alles andere, nur Ihm allein gehörend. Sie ist für Ihn ein lieblicher, unschätzbarer Lust-

garten, eine reine und klare Quelle, wo nichts von der Unreinigkeit der Welt hineinkommen kann, ein tiefer

Brunnen mit frischem Wasser, der in seiner Tiefe den Himmel widerspiegelt.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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Sie gehört Ihm und nur Ihm. Dieser keusche Lustgarten, dieser Brunnen und diese Quelle sind schon jetzt

seine Freude.

Deine Schößlinge sind ein Lustgarten von Granatbäumen mit herrlicher Frucht, Cyperblumen mit Nar-

den;

Narden und Safran, Kalmus und Zimt, samt allerlei Weihrauchgehölz, Myrrhe und Aloe und den edels-

ten Gewürzen;

4,13-14) Er redet zu ihr von ihrer kommenden Fruchtbarkeit, und seine Worte versenken sich in sie, obgleich

sie jetzt nicht imstande ist, mehr als einen Bruchteil von ihnen zu verstehen. Wenn Er sie bis zum Ziel geführt

hat, wird das Wort in Jes.60,22 auf sie angewendet werden können: „Der Kleinste soll zu einem Tausend, und

der Geringste zu einem gewaltigen Volk werden. Ich Jahwe, werde es zu seiner Zeit eilends ausrichten.“ Sie

ist die Kleinste und Geringste, und auf dem Wege zu einer noch größeren Kleinheit und Geringheit. Aber

eben daraus soll eine überwältigende Frucht entstehen. Von ihr sollen Tausend, ja soll ein zahlreiches Volk

kommen. Er sagt: Was dir entsprießt, ist ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zyperblumen

nebst Narden, Narde, Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Bäumen des Weihrauchs. Myrrhe und Aloe, mit

allen besten Würzen. Alle die hier aufgeführten Bäume und Gewächse mit den edelsten Früchten und aus-

gesuchtesten Düften und Gewürzen bezeichnen Früchte für den Himmel. Mitten in der Not und dem Leiden

und der Elendigkeit der Welt soll sie himmlische Früchte tragen. Sie soll Kinder, Herrlichkeitskinder für

den Himmel tragen und gebären und erziehen. Etwas Schöneres und Begehrenswerteres kann sie sich wohl

nicht denken. Wenn die Zeit da ist, sollen alle ihre Träume übertroffen werden, und schon jetzt liegt all dies

in ihr verborgen, während Finsternis sie bedeckt, und das Licht um sie zur Nacht wird (Ps.139,11-12). Aber

mitten in der Finsternis und Nacht kommen Schimmer vom Glauben an sein Wort zu ihr. Und was sie sonst

auch sieht oder nicht sieht, erkennt oder nicht erkennt; Er gießt sein Wort in sie hinein, das Wort, das ihr zu

einer verborgenen Wegzehrung durch die Nacht werden soll.

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4 Kapitel (Verzehren des Eigenen, Weg der Entblößung)
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eine Gartenquelle, ein Brunnen lebendigen Wassers, und Bäche, die vom Libanon fließen!

4,15) Dann schließt Er seine Rede mit einem neuen Bild, welches die Sache von einer andern Seite beleuch-

tet: Ein Gartenbaum bist du, ein Born lebendiger Wasser, die vom Libanon fließen. Hier wird sie nicht mit

dem Lustgarten oder dem Park verglichen, worin Bäume und Gewächse aufwachsen, die Frucht geben. Das

Bild ist unzureichend. Hier ist sie die Quelle und der Brunnen in dem Lustgarten und dem Park, die Quelle,

welche Leben und Kraft zum Wachstum gibt für alles, was da Frucht trägt. Das bedeutet, dass von ihr nicht

nur Bäume und Gewächse, welche Frucht geben, kommen sollen; sondern sogar der Lustgarten und Park

selbst, woraus diese wachsen. Sie soll also Mutter werden für ebenso hervorragende Mütter wie sie, welche

in ihrer Ordnung ebensoviel Frucht wie sie bringen sollen.

Erwache, du Nordwind, und komm, du Südwind, durchwehe meinen Garten, daß sein Balsam träufle!

Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse seine herrliche Frucht!

4,16) Die Braut hat seinen Worten gelauscht, obgleich sie sie nicht richtig hat verstehen können. Ihr jetzi-

ger Zustand ist ein Hin- und Hergerissensein in der Finsternis. Sie findet sich nicht zurecht. Sie wird ihre

Hilflosigkeit gewahr und fleht die Winde an, ihr zu helfen, ihren Lustgarten für Ihn zu öffnen, so dass sein

Wohlgeruch ausströmen und Ihn zu ihm ziehen möge. Ebenso dass sie allen Nebel hinwegwehen möchten,

so dass es für ihr Gesicht tagt. Aber sie war es ja, die zu Ihm kommen sollte, nicht Er zu ihr. Dies versteht sie

kaum in diesem Augenblick, die Gedanken laufen hin und herbei ihr.

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Das 5 Kapitel
(E r w eckung in de r Na cht )

Ich komme in meinen Garten, meine Schwester, [meine] Braut; ich pflücke meine Myrrhe samt meinem

Balsam; ich esse meine Wabe samt meinem Honig, ich trinke meinen Wein samt meiner Milch. Eßt, [mei-

ne] Freunde, trinkt und berauscht euch an der Liebe!

5,1) Ich bin gekommen, meine Schwester, liebe Braut, in meinen Garten. Aber Er in seiner unendlichen

Barmherzigkeit und Geduld bewilligt ihr noch einmal eine kurze Begegnung in ihrem Innern, eine Erwe-

ckung in der Nacht. Er hat zu ihr geredet, während der ersten Wache der Nacht, aber dann ist Er wieder ver-

schwunden. Sie versteht nicht, dass Er sie nie verlassen hat, sondern ständig bei ihr ist. Aber plötzlich hört

sie seine Stimme: Ich habe meine Myrrhe samt meinen Würzen abgebrochen; ich habe meinen Seim samt

meinem Honig gegessen; ich habe meinen Wein samt meiner Milch getrunken. Sie hört Ihn, aber sie sieht

Ihn nicht und vernimmt Ihn nicht. Und wenn seine Stimme verklungen ist, hört sie Ihn auch nicht mehr.

Und dennoch ist in ihr etwas, was Ihn und seine Gegenwart in einer geheimnisvollen Weise vernimmt. Er

ist da, Er atmet, Er isst und trinkt, aber in einer Tiefe in ihrem Inneren, wovon sie wenig oder nichts weiß.

Sie kann nur in einer unbestimmten Weise vernehmen, dass Er da ist und von ihr all das wegnimmt, was ihr

ein vernehmbarer Trost und eine Lieblichkeit gewesen ist. Und dennoch findet sie einen geheimnisvollen

Trost und eine Erquickung hierin, welche von einem gewissen Hunger nach leiden kommen, und welche

sagen: Gib mir noch mehr zu leiden. Aber es gibt keinen Trost für die Gefühle ihrer Seele. All sein Trost ist

wie verloren für sie, denn die Sinne ihrer Seele sind verschlossen, gleichwie die der Emmaus-Jünger. Doch

das macht nichts, denn in einer Tiefe, wo die Sinne nichts vernehmen, ist Er ihr nahe und schützt sie. Es ist

so, dass die neuerweckten und kaum wachen Sinne ihres Geistes sich unsicher zu bewegen beginnen, ohne

dass es ihrer Seele zum Bewusstsein kommt. - Dann muss sie durch eine Nacht nach der andern gehen. Sie

ist durch solche vorher gegangen. Jede neue Entblößung ist eine neue Nacht. Die Entblößung, worin sie sich

jetzt befindet, kann die dunkle Nacht der Seele genannt werden. - Esset, meine Lieben und trinket, meine

Freunde, und werdet trunken. In dieser Nacht macht der Geist in ihr die erste Erfahrung davon,

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Abendmahl mit dem Bräutigam zu halten. Bei dem Abendmahl ist ihre Seele geschlossen für die Welt und

die Geistlichkeit der Welt, verschlossen für sich selbst und für eigene Wege, verschlossen für Kenntnis, Ge-

fühl und Trost in geistlichen Dingen.

Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Da ist die Stimme meines Geliebten, der anklopft! »Tu mir auf, meine

Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Makellose denn mein Haupt ist voll Tau, meine Locken

voll von Tropfen der Nacht!«

5,2) Die Braut befindet sich immer noch in der dunklen Nacht der Seele, wo die Finsternis dichter und dich-

ter wird, wo die Not groß wird, und das Zukurzkommen zu einer vollen Zerbrochenheit wird; bis sie all ih-

rem Eigenen gegenüber gleichgültig wird und zu der Einfalt kommt, wo alles, was Gott tut, ein und dasselbe

für sie wird. Sie hat jetzt viel davon durchgemacht. Ihre Seele ist entblößt worden von der Welt und ihrer

Geistlichkeit, von sich selbst, ihrem eigenen Geistlichen und ihren eigenen geistlichen Wegen, von Kenntnis,

Gefühl und Trost in geistlichen Dingen. Und sie ist zuerst müde geworden von allem und nachher gleichgül-

tig und zum Schluss eingeschlafen. Es ist also eine Zeit vergangen zwischen diesem und den vorhergehen-

den Versen. Während dieser Zeit hat das Geistliche allen Geschmack für ihre Seele verloren. Sie ist gleich-

gültig geworden wie ein Heide, und in dieser Gleichgültigkeit hat sie äußerlich geschlafen. Jetzt erwacht

sie und sagt: Ich lag und schlief, aber mein Herz wachte. Innerlich hat sie nicht schlafen können, während

die Seele schlief. Mitten im Schlaf hat sie gespürt, dass ihr Herz (d.h. hier das in sie eingegossene Leben des

Bräutigams, welches der Geist in ihr ist) wacht. Eine gewisse Unruhe des Herzens ist durch den Gleichgül-

tigkeitsschlaf gedrungen, und am Ende hat diese Unruhe Oberhand bekommen, so dass sie aufwacht (aber

nicht zu einem neuen Tag, sondern mitten in der Nacht), weil der Freund an ihre Tür klopft. Horch! mein

Geliebter! Er klopft;‘tue mir auf meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! Denn

mein Haupt ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht! Er hat sich durch die Gleichgültigkeit ihrer

Seele bis zu ihrem Geist hineingeklopft. Ihr Geist ist es, der Ihn hört, denn die Seele ist entblößt von allem

bis zum Tode und hört nichts. Flehentlich bittet Er sie, Ihm zu öffnen, und dabei ruft Er alles in ihrem Geist,

was von Ihm ist: Meine Schwester, meine Braut, meine Taube, meine Fromme!

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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All dies, was zur vollen ehelichen Vereinigung gehört, ruft Er an, damit ihr Geist auferstehen möge, und den

Platz der abgestorbenen Seele in Besitz nehme. Ihr Geist hat Verbindung mit ihm mitten durch den Tod der

Seele und hat deswegen Gefühl für sein Werben, auch wenn Er an ihr Mitgefühl für Ihn appelliert, während

Er draußen vor ihrer Tür steht in ihrer Nacht, mit dem Haupt voll von Tau und den Locken voll von den

Tropfen der Nacht. Er durchleidet die Nacht mit ihr, aber ihr Geist ist nicht recht willig.

»Ich habe mein Kleid ausgezogen, wie sollte ich es [wieder] anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen,

wie sollte ich sie [wieder] besudeln?«

5,3) Sie sagt: Ich habe meinen Rock ausgezogen - wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße

gewaschen; wie soll ich sie wieder verunreinigen? Sie entschuldigt sich. Sie fühlt, dass es schwierig ist, auf-

zustehen und sich anzuziehen. Sie hat ihre Kleider abgelegt, d.h. alles, worin ihre Seele gekleidet war, wie

Wahrheiten, Tugenden, den Willen gut zu sein und Gutes zu tun, usw. Sollte sie jetzt wieder das alles anzie-

hen? Ich habe meine Füße gewaschen; d.h. ich habe alle geistlichen Wege öde gelassen, ich mag mit ihnen

nichts zu tun haben; soll ich jetzt wieder mit ihnen anfangen? Nein, lass mich tot sein!

Aber mein Geliebter streckte seine Hand durch die Luke; da geriet mein Herz in Wallung seinetwegen.

5,4) Aber mein Freund steckte seine Hand durchs Riegelloch und mein Innerstes erzitterte davor. Aber Er

lässt sie nicht. Mit seiner ganzen Seele kämpft Er mit ihr, um sie an diesem Punkt hindurchzuführen, und, sie

anflehend, reicht Er seine Hand durch das Riegelloch (die kleine Öffnung zu ihrem Geist, welche ihr Gefühl

für Ihn ausmacht). Wenn sie seine Hand sieht, die starke Hand des Starken, so hilflos werbend ausgestreckt,

dann wird ihr Herz vor Bewegung überwältigt. Sie wird ergriffen in einer Weise wie nie vorher in ihrem Le-

ben. Etwas völlig Umwälzendes geschieht mit ihr.

Ich stand auf, um meinem Geliebten zu öffnen; da troffen meine Hände von Myrrhe und meine Finger

von feinster Myrrhe auf dem Griff des Riegels1.

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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5,5) Sie sagt: Da stand ich auf, dass ich meinem Freund auftäte; meine Hände troffen von Myrrhe und meine

Finger von fließender Myrrhe an dem Riegel am Schloss. Ihr Geist hat gehört und ist aufgestanden. Dies war

es, was jetzt geschehen sollte. Und als sie aufstand, troffen ihre Hände von Myrrhe, sein bitterliebliches Lei-

dens- und Liebeswerk bezeichnend, das Er für sie vollbracht hat, und das sie jetzt in seinem Blut erlebt. Sie

ist aufs neue darin gewaschen, und es ist im Grunde das, was sie zum Öffnen antreibt. Es befeuchtet (reinigt)

auch den Griff des Riegels, so dass sie mit reiner Hand einen reinen Riegel zu dem Heiligtum ihres Geistes

für Ihn öffnen kann.


1
Dieses entspricht einer alten orientalischen Sitte: ein abgewiesener Liebhaber bestrich den Türgriff mit einem Salböl, um damit die

Beständigkeit seiner Liebe unter Beweis zu stellen.

Ich tat meinem Geliebten auf; aber mein Geliebter hatte sich zurückgezogen, war fortgegangen. Meine

Seele ging hinaus, auf sein Wort; ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief ihm, aber er antwortete

mir nicht.

5,6) Ich öffnete meinem Geliebten, aber mein Geliebter hatte sich umgewandt und war weitergegangen; ich

war außer mir, während er redete. Dann öffnet sie mit gereinigten Händen ihren gereinigten Riegel, um Ihn

einzulassen, aber es hilft nichts. Rein ist sie durch sein Blut, durch den Tod der Seele ist sie rein von der see-
lischen Befleckung, und der Geist sitzt auf dem Thron ihres Herzens, aber dennoch ist der Bräutigam weg,

verschwunden. Genügt denn nicht die Heiligung ihres Geistes für Ihn, gibt es noch mehr durchzumachen?

Es gibt nichts bei ihr, wäre es noch so rein und heilig, was Ihm genügt; sie hat noch etwas durchzumachen.

Es ist so, dass nicht Er es ist, der jetzt in sie kommen soll, sondern sie ist es, welche in Ihn, in sein Land kom-

men soll. Ihre Seele geriet außer sich durch sein Wort. Das heißt hier, dass ihr neues Leben, Ihr Geist, außer

sich gerät, sich gewaltsam hervordrängt und gleichsam alles in ihr überschwemmt, wenn sie seiner Worte

gedenkt, welche ihr jetzt in einer neuen Bedeutung aufgehen. In dieser Überschwemmung kommt sie in eine

neue Finsternis, in eine neue Nacht hinein. Sie befindet sich plötzlich in der dunklen Nacht des Geistes. Die

Überschwemmung hat sie endlich aus sich herausgetrieben.

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Dies ist ein Riesenschritt auf dem Wege, aber den Schritt hat nicht sie gemacht; es ist etwas, das sie über-

wältigt hat, denn Er ist es, der erst durch sein Auftreten und seine Worte und später durch sein Verschwin-

den eben jetzt ist wie ein gewaltsamer Schlag für sie, denn Er hat sich zwar verborgen und ist vorher weg

gewesen, aber dieses ist ein Verschwinden; dieses ist etwas, was ihre ganze Welt und ihre ganze Zukunft

und ihren ganzen Himmel zerschlägt, all das, was in einer neuen Weise und so mächtig bei ihr aufwachte,

als sie seine Hand sah und die Umwälzung bei ihr geschah. Jetzt steht sie draußen in der Nacht, einsamer

als jemals, ein einsamer, kleiner Mensch unter einem furchtbaren, öden und leeren Himmelsgewölbe. Alles

ist wie weggefegt von der Erde zuerst und vom Himmel nachher. Alles Licht, äußeres wie inneres, wird zur

Finsternis und Verzweiflung. Aber sie vernimmt etwas in dieser dunklen Nacht, sie vernimmt einen gewalti-

gen, zermalmenden Himmelsraum über sich und um sich, aus welchem es gleichsam wie ein einziges Wort

widerhallt: Nichts, nachgefolgt von einem Blitz, der von einem Mittelpunkt niederwärts und aufwärts und

zu den Seiten aufflammt, gleichwie ein Kreuz das ganze Himmelsgewölbe und die ganze Erde erfüllt, und

alles verzehrt. Es ist wie am Tag des Gerichts. Und sie, sie ist wie vernichtet auf einer vernichteten Erde. Das

Feuer des Herrn ist gekommen und hat alles zu Asche verbrannt, was bei ihr brennbar ist. Alles ist tot, alles

ist aus und vorbei. Die große Zerstörung und Verödung herrscht. Aber dies ist die Nacht der Allmacht des

Herrn. In der Nacht geschehen unerhörte Dinge, himmlische Wunder.

Im Grunde genommen ist sie nicht erschreckend, sondern mild, weich, erwärmend, eine Umarmung des

Herrn, barmherziger als einer Mutter Busen. Gleichwie Paulus auf dem Weg nach Damaskus von der Herr-

lichkeit des Herrn niedergeschlagen wurde, und danach wie ein Toter drei Tage lang war, und nichts sehen

konnte (Apg.9,3-19), so ist sie jetzt wie ein Toter. Dieser Zustand dauert vielleicht eine Zeit, aber in der rich-

tigen Stunde erweckt der Herr sie durch seine Allmacht, und dann fängt sie an in einem neuen Leben, in

einem neuen Land aufzuleben. Sie fängt dann an, immer mehr und mehr zu verstehen, dass alles ganz neu

ist. Aber sie findet nicht den Bräutigam in all diesem. Das Neue, worin sie ist, gibt es mitten in der alten Welt,

ist gleichwie eine Welt in der Welt; aber verschlafen wie sie ist, ist es schwer für sie, etwas klar zu unterschei-

den. Ich suchte ihn und fand ihn nicht; ich rief ihn und er antwortete mir nicht. Sie sucht und sucht, nicht

wie vorher in sich selbst, sondern draußen in seinem Land , aber sie findet Ihn nicht. Sie ruft, und alle Gebete

verklingen unerhört, scheinbar. Die Nacht ist fortgeschritten, aber noch nicht vorüber.

45
5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Es fanden mich die Wächter, welche die Runde machen in der Stadt; die schlugen mich wund, sie nah-

men mir meinen Schleier weg, die Wächter auf der Mauer.

5,7) Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen; sie schlugen mich, verwundeten mich; die

Wächter der Mauer nahmen mir meinen Schleier. Die Vertreter des offiziellen Christentums, die Wächter

auf den Mauern, welche die Hut der Seele handhaben und über sie wachen, können ihr nicht helfen. Mitten

in dieser Welt ist sie wie ein Gespenst von einer andern Welt, und die Wächter sehen sie als eine Gefahr an,

welche bekämpft werden muss. Es gibt nichts, was so gefährlich für sie ist wie ein Mensch, welcher eine Of-

fenbarung davon ist, dass es die himmlische Welt mitten in der Welt gibt. Sie schlagen und verwunden sie

und rücken ihr den Schleier weg. Am liebstenwürden sie, wenn sie es wagten, sie aus der Welt hinwegtun, sie

irgendwo hinbringen, wo sie unschädlich für andere wäre. Sie sehen sie als hochmütig und als wahnsinnig

an, da sie von Dingen redet, welche nicht dieser Welt angehören. Sie redet von dem Bräutigam als von einer

lebendigen Wirklichkeit, wovon sie nur durch Wort und Hörensagen wissen.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Geliebten findet, was sollt ihr ihm berich-

ten? Daß ich krank bin vor Liebe!

5,8) Aber sie ist unter allem und allen gebeugt. Jetzt wendet sie sich an die Töchter Jerusalems (die Gläubi-

gen), welche ihr begegnen, und bittet um ihre Fürbitte: Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, wenn

ihr meinen Geliebten findet - was sollt ihr im berichten? dass ich krank bin vor Liebe! Sie bittet nicht darum,

dass sie um etwas für sie bitten sollen, sondern nur darum, dass sie Ihm sagen sollen, dass ihr Geist krank

ist vor Liebe. Es gibt nichts anderes Ihm zu sagen, nichts zu erbitten für sie, denn nur Ihn. Alles andere ist

nichts. Es gibt für sie nichts anderes im Himmel noch auf Erden als Ihn. Er erfüllt ja den ganzen Himmel und

die ganze Erde, aber noch ist es Nacht, so dass sie Ihn nicht sehen kann. Sie kann nur ahnen, dass Er um sie

ist zu allen Zeiten.

46
5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Was ist dein Geliebter vor anderen Geliebten, o du Schönste unter den Frauen? Was ist dein Geliebter vor

anderen Geliebten, daß du uns so beschwörst?

5,9) Aber die Töchter Jerusalems können weder sie noch ihre Liebe verstehen. Sie finden ihren Zustand

bedenklich und wollen sie deswegen prüfen. Ihr Standpunkt ist ja ein ganz anderer und nach ihrem Den-

ken höher. Sie sehen mit herablassendem Mitleid auf sie, welche kaum ein Mensch ist, so zerbrochen, so

schwach, so elend. Sie meinen, dass sie wahrscheinlich zu hoch fliegen wollte, und deshalb niedergefallen ist

und sich unheilbar verdorben hat. Die, welche nach Hörensagen wandeln, scheinen sicherer und auf einer

höheren Ebene als sie, die Erniedrigte und Vernichtigte, zu wandeln, und sie kann nicht mehr denken, dass

sie höher steht oder weiter gekommen ist, als irgendein anderer. Sie lauscht ihnen und ihrem Prüfen zu, als

wären sie weit fortgeschritten. Sie fragen sie: Was ist dein Geliebter vor einem andern Geliebten, du Schöns-

te unter den Frauen? Was ist dein Geliebter vor einem andern Geliebten, dass du uns also beschwörst? Sie

meinen, dass sie in Bezug auf ihre leiblichen, intellektuellen und moralischen Voraussetzungen, welche ge-

eignet sind, sie zu der Schönsten unter den Frauen zu machen, sich selbst weggeworfen und sich erniedrigt

hat, um einiger unwirklichen Ideen willen. Sie meinen, dass sie selbst ein gewisses Maß in ihren Gefühlen

für den Freund besitzen. Was ist dein Freund vor einem andern Freund, fragen sie. Du sollst nicht so ganz in

dem Geistlichen und Himmlischen aufgehen, meinen sie, denn das ist gefährlich. Du sollst deinen himmli-

schen Freund nicht so lieben, dass du deine irdische Zukunft und all das, was dich in der Welt zur Bedeutung

machen kann, verlierst. Du wirst sehen, dass es für dich sehr wohl angeht, sowohl den Freund Jesus Christus

zu lieben, als den Freund „die Welt“, als den Freund „das Ich“, als den Freund „Menschenehre“.

Mein Geliebter ist weiß und rot, hervorragend unter Zehntausenden!

5,10) Aber sie redet davon, dass sie den Freund, den unvergleichlichen, geschaut hat: Mein Geliebter ist weiß

und rot, ausgezeichnet vor Zehntausenden. Ihre neugeborenen, himmlischen Sinne haben einen Schimmer

von seiner Herrlichkeit gesehen und vernommen. Sie hat Ihn strahlend weiß und rot gesehen. Das Weiße

bezeichnet sein Auferstehungsleben, und das Rote sein Blut.

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Es ist das Blut, welches die Pforte zu seinem Auferstehungsleben und damit auch zu ihrem ist, da Er sie

durch dieses Blut erworben hat, und sich mit ihr durch dieses eins gemacht hat. Aber jetzt fängt sie an, die-

ses in einer neuen Weise zu sehen und kommt auch in einer neuen Weise zu seinem Genuss. Vorher war es

ihr seelisch-geistlicher, jetzt ist es ihr geistlichhimmlischer Mensch, der es sieht und genießt. Sie sieht Ihn

herrlich vor Zehntausenden, d.h. herrlicher als alles Herrliche und vor allen Herrlichen, die es gibt. Die gan-

ze Welt und der ganze Himmel wird zu nichts vor seiner Herrlichkeit. Alle die Herrlichkeit der Welt und des

Himmels entlehnen ihr Licht von der Seinigen. Er ist die Herrlichkeit - die Sonne.

Sein Haupt ist reines Feingold, seine Locken sind gewellt, schwarz wie ein Rabe.

5,11) Sein Haupt ist gediegenes, feines Gold; seine Locken sind herabwallend, schwarz wie der Rabe. Strah-

lend, mit einem Glanz von feinstem Gold, ist sein Haupt. Gold bezeichnet hier göttliche Güte und Liebe in

ihrem allerhöchsten Strahlenglanz und Herrlichkeit. Wie kann jemand irgendetwas von Ihm sehen, ohne

überwältigt zu Boden zu sinken und in Ohnmacht anzubeten! Seine Locken sind wie Palmbaumbüschel,

d.h. Er ist stattlicher als alle andern Bäume, und nur gegen den Hintergrund des Himmels sieht man seine

Locken, schwarz wie der Rabe, was bedeutet, dass Er all die schwarze Sünde der ganzen Welt getragen hat

und trägt, und deshalb dieses Zeichen tragen muss, bis Er alle seine Feinde zu seinen Füssen gelegt hat.

Dann wird sein Haar weiß wie weiße Wolle, wie Schnee werden (Offb.1, 14).

Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen1. gebadet in Milch2,. sie sitzen [wie Edelsteine] in ihrer

Fassung.

5,12) Seine Augen wie Tauben an Wasserbächen, badend in Milch, sitzend in ihrer Einfassung. Tauben be-

zeichnen hier die göttliche Einfalt, welche sich nur gegen eines richtet, alle die vollkommen zu heilen, die zu

Ihm kommen. Seine Augen gleichen solchen unschuldsvollen, bittenden, einfältigen Tauben an Wasserbä-

chen (der Schimmer der Tränen), bezaubernd und herzerwärmend in ihrer Milde, wo sie gleichwie in Milch,

die bis zum Rande geht, baden.

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Aber sie sollen wie Feuerflammen sein (Offb.1,14), wenn Er zum Gericht kommt, sei es dass es dem einzel-

nen Menschen hier in der Zeit, oder der ganzen Welt beim äußersten Gericht gilt.
1
Die Farbe der Iris wird hier mit den Federfarben der Taube vergleichen

2
ein Hinweis auf das Weiße um die Iris her

Seine Wangen sind wie Balsambeete, in denen würzige Pflanzen turmhoch wachsen; seine Lippen wie

Lilien, aus denen feinste Myrrhe fließt.

5,13) Seine Wangen, wie Beete von Würzkraut, Anhöhen von duftenden Pflanzen; seine Lippen Lilien, trie-

fend von fließender Myrrhe. Die Wangen bezeichnen, sein Äußeres, das was Er gegen die Menschen wendet,

und das, womit Er das empfängt, was von ihnen kommt, nämlich Verschmähung und Leiden, Liebe und Lob.

Was sie sonst auch empfangen, so sind sie in ihrer unausschöpflichen Geduld, wie wohlriechende Blumen-

wiesen. Sie duften wie .solche, und wie eine Anböhe mit duftenden Gewürzen, was ihnen auch von den Men-

schenkinder widerfahren mag, sogar wenn Er sie streng züchtigen muss. - Seine Lippen, welche sein Wort

aussprechen, sind rote Lilien (die schönsten unter allen Lilien), weil sein Wort, welches von seinem vergos-

senen Blut kommt, lieblichen Tod und liebliches Auferstehungsleben denen gibt, welche es annehmen und

bewahren. - Dass sie von Myrrhe triefen, bezeichnet, dass von ihnen seine ganze bitterliebliche Liebe fließt,

so wie sie auf dem Kreuz denen offenbart worden ist, welche sie annehmen.

Seine Finger sind wie goldene Stäbchen, mit Tarsisstein besetzt; sein Leib ein Kunstwerk von Elfenbein,

mit Saphiren übersät.

5,14) Seine Hände goldene Rollen mit Türkisen besetzt, sein leib ein Kunstwerk von Elfenbein, bedeckt mit

Saphiren. Die Hände bezeichnen hier Macht und Milde.. Die rechte Hand ist die Macht, womit Er seinen

Willen durchführt womit Er den Menschen entblößt und über ihn sein Gericht hält, d.h. von ihm alle seine

Feinde durch Gericht entfernt, welche sich hindernd in den Weg stellen für seine vollkommene Unterwer-

fung unter Ihn. Die linke Hand ist die Milde, womit Er die Seele umarmt, leitet und trägt den ganzen Weg

bis zum Ziel.

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5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Diese Hände sind Rollen von Gold, d.h. von der vollkommenen göttlichen Güte und Liebe; sei es, dass sie

seine Gerichte ausführen, oder die Seele mild trösten und tragen. - Türkis ist ein durchsichtiger, grünlicher

Edelstein und bezeichnet hier das für die Erde Durchsichtige, also das, wodurch man sehen kann, wie seine

göttliche Liebe und Güte auf Erden handelt. - Leib bezeichnet seinen irdischen Menschen, durch welchen

Er den Menschenkindern ein Bruder ist und ihre Verhältnisse teilen und ihre Not und Freude verstehen und

tragen kann. Hier ist die Scheidewand zwischen Erde und Himmel, Mensch und Gott, abgebrochen. - Dass

sein Leib von Elfenbein geformt ist, bedeutet, dass er durch und durch von festem, reinem und schönem

Material ist; dass seine Menschlichkeit durch und durch göttlich ist, und seine Göttlichkeit menschlich ist.

Er ist bedeckt mit Saphiren. Der Saphir ist ein Edelstein von der blauen Farbe des Himmels und bezeich-

net hier das, was ganz von dem Throne Gottes den Himmel widerspiegelt. So widerspiegelt seine göttliche

Menschlichkeit den ganzen Himmel von dem äußersten Ende bis zu Gottes Thron im Innersten, und ist also

ein irdischer Spiegel für das Himmlische.

Seine Schenkel sind Säulen aus weißem Marmor, gegründet auf goldene Sockel; seine Gestalt wie der

Libanon, auserlesen wie Zedern.

5,15) Seine Schenkel sind Säulen von weißem Marmor, gegründet auf Untersätze von feinem Golde; seine

Gestalt wie der Libanon, auserlesen wie die Zedern. Säulen bezeichnen die Tragkraft und bedeuten hier,

dass Er die ganze Schöpfung und alle Menschen, sowohl böse als gute, trägt. Alles und alle haben ihr Leben

von Ihm. - Dass sie von dem weißesten Marmor sind, bedeutet, dass sie von dem reinsten und unvergäng-

lichsten und schönsten Material sind, dass sie fest sind wie der Felsen, dass sie nicht wanken unter ihrer

Last, dass ihre Schönheit etwas Übermächtiges ist. - Dass sie auf Untersätzen von feinstem Gold gegründet

sind, bedeutet, dass sie ruhen auf der reinsten, göttlichen Güte und Liebe, welche also der Grundwall ist

für das, was sie tragen. Ihn zu sehen ist wie Libanon zu sehen, d.h. den schönsten und höchsten unter den

Bergen des verheißenen Landes, gleichwie Zedern unter ihren Bäumen, weshalb Er stattlich wie eine Zeder

beschrieben wird.

50
5 Kapitel (Erweckung in der Nacht)
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Sein Gaumen ist süß, und alles an ihm ist lieblich. So ist mein Geliebter, und so ist mein Freund, ihr

Töchter Jerusalems!

5,16) Und zum Schluss sagt die Braut: Sein Gaumen ist lauter Süßigkeit, und alles an ihm ist lieblich. Das ist

mein Geliebter und das mein Freund, ihr Töchter Jerusalems. Die Worte reichen nicht, wenn sie Ihn, den

Unvergleichlichen, beschreiben soll. Sie appelliert an die Zuhörerinnen selbst, dass sie die Süßigkeit seines

Mundes und die Lieblichkeit seines Wesens kennen lernen mögen. Eitel Süßigkeit ist sein Mund, und sein

ganzes Wesen ist Lieblichkeit; d.h. Er hat immer, was Er auch sagt, nur Worte der Segnung und der Barm-

herzigkeit auf seinen Lippen. Aus seinem ganzen Wesen strömt Lieblichkeit zu jedem Einzelnen, der Ihm

begegnet. Er ist ein ganzes Meer von einer lieblichen, anziehenden Macht; und keiner, der in seine Nähe

kommt, kann Ihm auf die Dauer widerstehen. - Das ist mein Geliebter und das mein Freund, ihr Töchter

Jerusalems! Ihr, die ihr Ihn im Glauben kennt, ihr solltet Ihm noch näher und näher kommen, bis dass eure

Augen geöffnet werden, bis dass ihr sehend werdet.

5,17) Die Töchter Jerusalems haben ihr mit Verwunderung und Bedenken zugehört. Sie fühlen sich nicht

überzeugt, sondern bald angezogen, bald abgestoßen. Aber sie haben eine Ahnung davon bekommen, dass

etwas Großes darin liegen muss, sich ganz von dem einen Freund ergreifen zu lassen. Sie sagen: Wohin ist

dein Geliebter gegangen, du Schönste unter den Frauen? Wohin hat dein Geliebter sich gewendet? Und wir

wollen ihn mit dir suchen. Sie meinen, dass wenn Er so ist, wie sie Ihn darstellt, Er reichen Ersatz für alle

anderen Freunde geben könne. Sie wollen Ihn auch sehen wie sie Ihn sieht. Sie wollen ihr helfen Ihn zu

suchen, mit einer knospenden Hoffnung in ihren Herzen. So ist denn die Braut, ohne es selbst zu wissen,

eine Botschafterin für sie geworden. Wenn die Menschen anfangen jemand über den Herrn zu fragen, dann

haben sie schon etwas von Ihm gesehen bei solchen Seelen, und dann ist die rechte Missionstätigkeit, die

rechte Verkündigung des Wortes Gottes vorhanden.

51
6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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Das 6 Kapitel
(A uf e rstehungsle ben)

Wohin ist dein Geliebter gegangen, du Schönste unter den Frauen? Wohin hat sich dein Geliebter ge-

wandt? Wir wollen ihn mit dir suchen!

6,1) Während die Braut mit den Töchtern Jerusalems geredet hat, ist die Nacht von ihrem Geist gewichen und

die Morgenröte ist erschienen. Sie sieht jetzt klar mit den Augen des Geistes, den Augen, welche nicht nur

die irdische Umgebung, sondern auch die himmlische schauen. Und wenn sie jetzt die Augen erhebt, sieht

sie Ihn in seinem Land, in seiner himmlischen Umgebung; d.h. sie sieht durch die Dinge der alten Schöpfung

in die der neuen Schöpfung hinein. Alles wird klar wie Kristall für ihr Gesicht, so dass sie quer durch alles

sehen kann, ja sogar mitten durch Stock und Stein, durch Dinge dieser Welt; und das Kristallwesen in allem

schauend, sieht sie bis hin zum Throne Gottes im Himmel. Und dann sagt sie in der unaussprechlichen Freu-

de eines Blinden, wenn er das Gesicht wieder bekommt: Mein Geliebter ist in seinen Garten hinabgegangen,

zu den Würzkrautbeeten, um in dem Garten zu weiden und Lilien zu pflücken. Nun fühlt sie, dass sie auf-

gewacht ist von dem Tod des Geistes, aufgewacht zum Leben in seinem Land, zu dem Auferstehungsleben,

und dass die Kräfte des Lebens sie mehr und mehr in Besitz nehmen.

Es ist eine wunderbare Quelle, welche in ihr aufsprudelt, denn sie kommt nicht von ihrem Innern, wie vor-

her in der Welt, sondern hat ihren Ursprung in Ihm. Sie kann es nicht beschreiben, nur erleben, und all dies

zieht sie mit einer unwiderstehlichen Macht tiefer in sein Land hinein. Sie sieht Ihn in seinem Lustgarten,

wo Er seine Herde (d.h. alle die Ihm angehören) weidet, und wo Er Lilien pflückt, d.h. die reinen, himmli-

schen Schönheiten, welche Er denen gibt, die seiner Herde angehören. Und dann, mit einem Mal, befindet

sie sich bei ihm, und nicht nur das, sie sieht, dass sie auf einmal selbst der Lustgarten ist, wo Er seine Herde

weidet und für sie Lilien pflückt. Er hat sie zu dem gemacht, wovon Er geredet hat (Kap.4,12-15). Jetzt, wo sie

alles Eigene in den Tod verloren hat, ist sie eine Mutter für seine Herde geworden, ein Lustgarten, worin Er

die Seinigen speist und schmückt. Eben in ihrem Nichtssein ist sie die Königin seines Landes geworden, und

nun ist sie mit offenen Augen dort bei Ihm. Sie ist fertig für die Vermählung; und das, wozu sie jetzt gekom-

men ist, ist höher als alles, wovon sie je geträumt hat.

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6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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Aber es ist wohl zu merken: Sie sieht sich als seinen Lustgarten in einer solchen Weise, dass es ist, als ob

sie es nicht wäre, sondern Er es wäre. Er und sie sind eins in Geist, Seele und Leib, alles in himmlischer Be-

deutung. Dies kann mit der Vernunft nicht erfasst noch mit Worten beschrieben werden. Es sieht für die

Vernunft unbegreiflich und töricht aus.

Mein Geliebter ist in seinen Garten hinabgegangen, zu den Balsambeeten, um sich in den Gärten zu er-

gehen und Lilien zu pflücken!

6,2) Dann sieht sie, dass sie eben in dem Auferstehungsleib, dem himmlischen Leib (dieser Leib ist etwas

ganz anderes als ihr irdischer Leib (2.Kor.5, 1-3), den sie jetzt hat. vor der Vermählung steht. Diese findet in

Wirklichkeit in diesem Moment statt. Die eigentliche Vermählung entzieht sich aller Blicke der Außenste-

henden. Nur die, welche himmlisches Gesicht haben, können in sie einblicken. Die vermählte Braut sagt

jetzt: Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein, der unter den Lilien weidet. Es ist dies eine

ganz andere Weise, in der sie es sagt, als das vorige Mal. Das vorige Mal war es in der alten Schöpfung, nun

ist es in der neuen, in seinem Land, in dem himmlischen. Das vorige Mal war es in der Berufung und in der

Hoffnung, dass sie es sagte. jetzt ist es in der Verwirklichung.

Ich bin meines Geliebten, ist hier ein und dasselbe wie: Mein Geliebter Ist mein. Sie gehört nicht mehr sich

selbst, und es ist dieses Sichnichtselbstgehören, welches sagen kann: Mein Geliebter Ist mein. Es ist nur das,

was sie in Ihm ist, welches Ihn besitzen kann. Aber alle Worte wanken und kommen zu kurz, wenn sie aus-

sprechen sollte, was dies in sich trägt.

Sie ist sein, und Er gehört ihr, da, wo Er seine Herde unter den Lilien weidet; eben da, wo Er ist, da und an

keiner andern Stelle, ist sie die Seinige. Es ist jetzt nichts mehr übrig von. ihrer selbstsüchtigen Liebe zu Ihm.

Alles solches ist zunichte geworden in der Entblößung und im Tod. Sie begehrt nun nicht mehr seine Gegen-

wart und Liebe bei sich selbst zu genießen, sondern lässt Ihn kommen und gehen wie Er will. Aber sie wird

zu Ihm gezogen, gesogen mit einer unwiderstehlichen Macht dahin, wo Er ist, und ist also mit Ihm, und darf

seine Liebe genießen, wo Er ist.

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6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein, der unter den Lilien weidet.

6,3} Mitten in dieser Welt lebt sie jetzt mit ihrem Bräutigam-Mann in dem Himmlischen. Alles, worauf ihr

Auge fällt, sogar das Geringste und Unbedeutendste auf Erden, wird himmlisch. Alles worauf sie schaut, ist

Sein. Aber dies bedeutet nicht, dass sie in der Folge frei werden soll vom Leiden. Das wird sie nicht, aber

sowohl das Leiden als alles andere bekommt einen andern Inhalt als vorhin. Jetzt wird ihr Leiden ein Schatz

und eine Freude, da es das Leiden für Menschen in der Welt ist, welches Er noch leiden muss für seine Glie-

der (Kol.1 ,24). Das Leiden wird für sie himmlisch. Das und alles andere, was ihr in der Welt begegnet, ist

Sein und deswegen eine unvergängliche Freude für sie. Überall, wo sie auf sich selbst schaut, sieht sie nichts,

nichts, nichts; denn sie ist nichts außer Ihm. Aber überall, wo sie auf Ihn schaut, sieht sie sich selbst und

alles, alles, alles; denn sie hat sich selbst und alles in Ihm. -

Der Bräutigam sagt zu ihr: Du bist schön, meine Freundin, wie Thirza, lieblich wie Jerusalem, furchtbar wie

Kriegsscharen unter Panier. Er sieht auf sie. Jetzt, wo sie von allem Eigenen befreit worden ist, ist sie schön,

lieblich, überwältigend in einer verwirklichten Weise. Vorher war sie es nur in einer vorbildenden Weise.

Thirza bedeutet „Gefallen“, und war eine wegen ihrer Schönheit weit berühmte Stadt. Schön wie Thirza be-

zeichnet also das denkbar Schönste. Lieblich wie Jerusalem bedeutet, dass sie lieblich ist wie das Herz des

verheißenen Landes und der ganzen Menschheit. Überwältigend wie eine Kriegsschar heißt, dass ihre Macht

über Ihn unbegrenzt ist. Das Wunderbare ist, dass sie mächtiger ist als Er. Sie überwältigt ihn mit allem, was

sie eben als Nichts ist. Als nichts besitzend, nichts könnend, nichts wollend, nichts tuend, ist sie mächtiger

als Gott selbst; denn dann muss Er ihr mit allem dienen. Welch unerhörte Macht und welcher Reichtum liegt

doch darin, nichts zu sein und alles verloren zu haben! Die Seligkeit dieses Verlorenseins übertrifft alles, was

ein Herz begehren kann.

Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza lieblich wie Jerusalem, furchtgebietend wie Heerscharen mit

Kriegsbannern!

6,4) Wende deine Augen von mir ab, denn sie überwältigen mich.

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6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die an den Abhängen des Gilead lagern. Wenn Er sie jetzt sieht, seitdem

all das Vorgebildete in ihr verwirklicht worden ist, und sie also ganz Sein ist, ist es, als ob Er geblendet wird

von dem Strahlenglanz ihrer Augen. Der Erfolg des Werkes, das Er in ihr ausgeführt hat, ist sogar schöner

und mächtiger als Er erwartet hatte. Ihre Augen haben ihn zu ihrem Sklaven gemacht. Wende deine Augen

weg, ich kann ihre Macht nicht aushalten! Es sind Seine Augen, welche mit ihrer ganzen Macht in den ihri-

gen sind und durch sie blicken. Es sind ihre Augen, welche in den Seinigen sind und durch sie blicken. Sie ist

ganz in Ihn und Er in sie eingesogen. Das ist diese große Einheit, worin sie leben als Mann und Weib. Sie ist

in Ihm und sieht sich selbst mit Seinen Augen, und Er ist in ihr und sieht sich selbst mit ihren Augen. Und

der ganze Himmel schaut darauf und hält den Odem an vor Freude bei diesem Gesicht.

Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die an den Abhängen des Gilead lagern. (Siehe für diesen und die bei-

den folgenden Verse gilt folgender Hinweis: Bei Kap.4, 1-3 war es vorgebildet, hier verwirklicht; da war es

Prophezeiung, hier Erfüllung; da war es Samen, hier sprießendes Gewächs). Ihr Haar bezeichnet ihre geist-

liche Keuschheit. Es ist ein Schleier, der ihr verborgenes leben vor den Blicken der Unbefugten verbirgt, und

ist als solches eine Macht. Es bewahrt sie für Ihn allein, indem es für Ihn nicht verbirgt, sondern ihre innere

Herrlichkeit offenbart.

Wende deine Augen ab von mir, denn sie überwältigen mich! Dein Haar gleicht der Ziegenherde, die vom

Bergland Gilead herabwallt.

6,5) Deine Zähne sind wie eine Herde Mutterschafe, die aus der Schwemme heraufkommen, welche allzu-

mal Zwillinge gebären und keines unter ihnen ist unfruchtbar. Die Zähne, welche das Betrachten des Wor-

tes bezeichnen (das Essen und Trinken des Fleisches und Blutes des Bräutigams) werden hier nicht nur für

das Betrachten und Essen des Glaubens, sondern für das Betrachten der geistlichen Wirklichkeiten und für

das Essen des himmlischen Mannas benutzt. Es ist ein wesentlicher Unterschied zwischen früher und jetzt

bei ihr. Jetzt kann sie in einer ganz anderen Weise, da sie selbst von seinem himmlischen Leib isst, das geist-

liche Leben anderer Menschen ernähren. Und sein Herz wallt vor Freude, wenn Er dies sieht.

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6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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Deine Zähne gleichen einer Herde Mutterschafe, die von der Schwemme kommen, die allesamt Zwillin-

ge tragen, und von denen keines unfruchtbar ist.

6,6) Wie ein Schnittstück einer Granate ist deine Schläfe hinter deinem Schleier. Die Wangen sind ja das,

was das von außen Kommende lieblich und leicht annimmt. In dem vollkommenen, dem apostolischen

Zustand, worin sie sich befindet, ist sie (wie vorhin gesagt) gewiss nicht von Mühseligkeiten und Leiden be-

freit, gleichwie sie auch nicht ausgeschlossen ist von Lieblichkeiten und Erquickungen in der Welt. Vielleicht

bekommt sie von beiden Sorten mehr, als sie in ihrem alten Leben empfing. Sie muss für andere leiden und

andere tragen. Sie muss das Erniedrigungsleben des Himmels auf Erden leben. Sie wird verachtet und ver-

folgt um dieses Lebens willen, so wie Er es wurde während seiner Erdenwanderung. Sie kann als Folge davon

Not und Entsagung schmecken, aber alles solches macht sie noch schöner, macht sie zu einem noch mehr

blitzenden Edelstein für Ihn und den Himmel. Deswegen ist ihre Wange wie ein Schnittstück einer Granate,

d.h. offen, weit offen, all das empfangend, was über sie kommt. Auch kann sie allem und allen geben, welche

sich eignen zu empfangen, was sie zu geben hat. Aber so ist sie nur allein durch den Bräutigam, denn es ist

eigentlich nur für Ihn, dass sie offen empfangend und gebend ist. Alles was zu ihr kommt, kommt von Ihm,

und alles was sie gibt, gibt sie Ihm allein. Das Äußere kommt von der Welt und den Menschen, geht aber

durch Ihn, bevor es sie erreichen kann. Und das, was sie von seinen Gaben gibt, kann sie nicht direkt geben,

es muss durch Ihn gehen, bevor es zu andern kommt. Deswegen ist sie ein verschlossener Brunnen, eine

versiegelte Quelle für alle außer für Ihn. Als verschlossen und versiegelt erscheint sie den andern gleichwie

ein gewöhnlicher, kleiner, grauer Mensch. Alles was leuchten oder bezaubern kann, ist mehr oder weniger

zurückgezogen bei ihr. Ihre himmlische Schönheit und Macht sind nur für Ihn und den Himmel, und für die

in der Welt, welche himmlisches Gesicht haben. Abscheulich für die Welt, verspottet von der Welt, ist sie

herrlich für den Himmel.

Wie Granatapfelhälften sind deine Schläfen hinter deinem Schleier.

Sechzig Königinnen sind es, und achtzig Nebenfrauen, dazu Jungfrauen ohne Zahl;

6,7-8) Der Bräutigam vergleicht sie mit andern.

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6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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Er sagt: Sechzig sind der Königinnen und achtzig der Kebsweiber und Jungfrauen ohne Zahl. Eine ist meine

Taube und meine Vollkommene; sie ist die einzige ihrer Mutter, die Auserkorene ihrer Gebärerin. Töch-

ter sahen sie und priesen sie glücklich, Königinnen und Kebsweiber, und sie rühmten sie. Die Königinnen,

Kebsweiber, Töchter und Jungfrauen bezeichnen Fromme in verschiedenen Graden, welche in dem Geistli-

chen in der Welt leuchten. Solche gibt es viele. Sie sind erfolgreich in ihrer geistlichen Wirksamkeit. Sie sind

besonders fromm und scheinen weit gekommen zu sein in Gnadengaben und Licht, und sind es auch. Sie

können vielem entsagen und viel arbeiten und ein strenges Leben führen. Sie sind demütig und stehen hoch

in der Tugend. Ihre Heiligkeit und ihre außerordentlichen Gnadengaben leuchten weit umher. Alles bei ih-

nen hebt ihre Person als wunderbar und nachfolgenswert hervor. Einige von ihnen können das Ideal ihrer

Zeit werden und vieles für die Welt ausrichten. All dies ist sehr gut, und Gott wirkt auch durch sie. Aber alle

zusammen sind sie nichts im Vergleich mit ihr, mit seiner Taube, seiner Frommen, seiner Einzigen. Sie sind

den aufwärtsgehenden Weg gewandert und haben deswegen den Lohn empfangen, der darin besteht, mit

ihrer Geistlichkeit in der Welt zu leuchten. Sie haben Gottes Gaben begehrt und haben sie bekommen. Aber

die Braut hat nicht seine Gaben begehrt, sondern Ihn selbst.

Deshalb hat Er von ihr alles weggenommen, sie unbekannt in der Welt gemacht, sie von allem entblößt,

sogar auch von all ihrem Geistlichen, bis sie allen Grund unter den Füssen in sich selbst und in der Welt

verloren hat, und in Ihn hineingezogen worden ist. Aber dann hat sie auch ihren Lohn, den ewigen Lohn,

der Er selbst ist, bekommen. Was macht es ihr dann, dass sie für die Welt verschwunden ist? Sie ist ja zu Ihm

entrückt, eingesogen in das Himmlische. - Seine Einzige ist sie, seine Taube (eine einfältige, welche ihr Auge

auf Einen und Eines gerichtet hat), seine Fromme (die andern sind sowohl die Frommen der Welt als Seine

Frommen). Er hat sie den abwärts gehenden Weg, den Erniedrigungsweg geführt und geleitet, der Sein eige-

ner irdischer Weg war; und deswegen ist sie jetzt Seine Einzige, Sein Glück, Sein unverlierbares und einziges

Glück geworden. Soviel bedeutet für Ihn jede einzelne Seele, welche Er durch den Tod zum Himmelsleben

geführt hat. Aber dies ist sie, damit Er durch sie sogar die andern auf den Brautweg, den abwärts gehenden

Weg, ziehen kann. Und dies fühlen sie, halb bewusst, halb unbewusst, und deshalb erhöhen sie ihr Lob gegen

alle ihre Vernunft und gegen alle Natur.

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6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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[doch] diese Eine ist meine Taube, meine Makellose; sie ist die Einzige ihrer Mutter, sie ist die Auser-

wählte derer, die sie geboren hat. Die Töchter sahen sie und priesen sie glücklich, die Königinnen und

Nebenfrauen rühmten sie:

6,9) Der Bräutigam sieht weg von den andern und sieht jetzt wiederum nur auf sie: Wer ist sie, die da her-

vorglänzt wie die Morgenröte, schön wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie Kriegsscharen unter

Panier? Er sieht sie hervorschreiten aus dem sie umgebenden Nichts (d.h. aus der für sie zunichte geworde-

nen Welt, sowohl die weltliche als die geistliche), wie eine Morgenröte, um in ihrem inneren Nichts höher

und höher zu steigen, bis zum vollen Mittag. Das bedeutet, dass sie weiter und weiter in sein Land hinein-

kommt, weil ihr Nichts klarer und klarer wird. Er sieht auf sie in sprachloser Bewunderung. Schön wie der

Mond, bedeutet hier, dass die Braut ihr Licht von der Sonne, dem Bräutigam, entlehnt. Rein wie die Sonne,

bedeutet, dass sie ihr Licht nur von der Sonne selbst hat und dadurch wie die Sonne wird. Sie ist eins mit der

Sonne, welche Christus ist. Der Bräutigam sieht seine eigene Schönheit, seine eigene überwältigende Macht

bei ihr, und demgegenüber wird Er selbst nichts vor ihr. Deswegen sagt Er, dass sie überwältigend ist, wie

eine Kriegsschar unter Panier. So ist sie nichts vor Ihm, und Er nichts vor ihr; so ist Er alles für sie, und sie

alles für Ihn.

Wer ist sie, die hervorglänzt wie das Morgenrot, schön wie der Mond, klar wie die Sonne, furchtgebietend

wie Heerscharen mit Kriegsbannern? Zum Nußgarten war ich hinabgegangen, um die grünen Triebe

des Tales zu betrachten, um zu sehen, ob der Weinstock ausgeschlagen, ob die Granatbäume Blüten ge-

trieben hätten — ich wußte nicht, daß mein Verlangen . mich gesetzt hatte auf die Wagen meines edlen

Volkes.

6,10-12) In den Nussgarten ging ich hinab, um die jungen Triebe des Tales zu besehen, um zu sehen, ob

der Weinstock ausgeschlagen wäre, ob die Granaten blühten. Unversehens setzt sich meine Seele auf den

Prachtwagen meines willigen Volks. Die Braut bekommt Lust, sich selbst und ihren jetzigen Zustand anzu-

schauen. Sie geht hinab, um so zu tun, aber es ist nur für eine kurze Weile, denn sie kann jetzt nicht vom

Bräutigam getrennt sein.

59
6 Kapitel (Auferstehungsleben)
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Sie geht hinab und schaut auf das, was sie in seinem Land ist und hat, und sogar auf das, was sie unter den

Menschen in der Welt ist und hat. Dies ist Untreue, denn der Blick ist von Ihm abgekehrt. Solche Untreue

kann noch als innerer Schatten (Reste des alten Menschen) durch sie fahren, und sie kann auf diese Schat-

ten schauen und lauschen auf das, was sie zu sagen haben, aber nur für eine Weile. Denn unversehens setzt

sie ihre Liebe auf die Wagen ihres Fürstenvolks (Israels Wagen und seine Rosse! 2.Kön.2,12, das sind die

Wagen des himmlischen Volks), und sie führen sie augenblicklich zurück. Wenn sie nicht selbst weiß, sich

zu hüten, und es auch nicht kann, dann tut es die Liebe, und augenblicklich ist sie wieder bei Ihm, in seinem

Land, verschwunden für die Menschen im alten Land.

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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Das 7 Kapitel
( De r Brau ts tand, Z eit na ch de r Ve r mä hlung)

Dreh dich, dreh dich, o Sulamit, dreh dich, dreh dich, daß wir dich betrachten!

Wie schön sind deine Schritte in den Schuhen, du Tochter eines Edlen! Die Wölbungen deiner Hüften

sind wie ein Schmuckstück, von Künstlerhand gemacht.

7,1 -7.2) Aber die Töchter Jerusalems, das sind die gläubigen Menschen, rufen ihr zu: Kehre um, kehre um,

du Braut von Sulem. Kehre um, kehre um, dass wir dich anschauen. Sie wollen sie sehen, sie können es nicht

ertragen, dass sie für sie verschwunden ist, und deswegen rufen sie. Aber sie ist in seinem Land verborgen,

sie antwortet nicht. Er antwortet an ihrer Statt: Was möget ihr an der Braut von Sulem schauen? - Wie den

Reigen von Machanaim. Statt Wappentanz sollte es nach dem Grundtext Tanz von Machanaim heißen, wel-

ches auf die Offenbarung der Engelscharen Gottes für Jakob hindeutet (1.Mose 32,12), also auf einen Tanz

von einem Engelchor (wahrscheinlich zur Erinnerung an diese Offenbarung kam ein solcher Festtanz in der

Stadt Machanaim vor). Sie bewegt sich allein im Engeltanz, zwischen zwei Scharen Engeln in dem Himmli-

schen. Und dann öffnet Er für eine Weile die Augen der Töchter Jerusalems, so dass sie die Verschwundene

sehen, wie sie sich in ihrer rechten Umgebung bewegt.

Wie in einem Traumgesicht fangen sie an ihre Schönheit zu schauen: Wie schön sind deine Tritte in den

Schuhen, du Fürstentochter. Die Biegungen deiner Hüften sind wie ein Halsgeschmeide, ein Werk von Künst-

lerhand. Füße bezeichnen hier die Wanderung in dem Himmlischen, das Fortschreiten zu ständig höheren

Gebieten im Himmel. Und Schuhe bezeichnen das, was die Wanderung und das Fortschreiten stützt und

schützt. Die Töchter Jerusalems werden ergriffen von der schönen Bewegung ihrer Füße, wie sie dahertanzt.

- Hüften bezeichnen Kraft zu tragen. Hier handelt es sich um die Kraft des Nichts zum Tragen. Wenn sie sich

in dem Tanze schwingt, schimmern ihre Hüften wie ein Halsgeschmeide und erwecken das tiefe Bewundern

der Zuschauer. Etwas Schöneres können die größten irdischen Künstler nicht hervorbringen.

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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Dein Schoß ist wie eine runde Schale, in der der Mischwein nicht fehlt; dein Leib ist wie aufgehäufte Wei-

zenkörner, mit Lilien eingefaßt;

7,3) Dein Nabel ist eine runde Schale, in welcher der Mischwein nicht mangelt; dein Leib ein Weizenhaufen,

umzäunt mit Lilien. Schoss bezeichnet Vermögen, um das Göttliche zu empfangen, die Passivität vor Gott,

welche empfängt um zu geben. - Leib, umzäunt von Lilien, bezeichnet die Jugendfrische und die Kraft, um

zu gebären.

deine beiden Brüste gleichen zwei jungen Gazellen, Gazellenzwillingen;

7,4) Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen. Die Brüste bezeichnen das Säugen und

das Aufziehen von Kindern für den Bräutigam.

dein Hals gleicht einem Turm aus Elfenbein, deine Augen den Teichen von Hesbon am Tor Batrabbim;

deine Nase ist wie der Libanonturm, der nach Damaskus schaut.

7,5) Dein Hals ist wie ein Turm von Elfenbein; deine Augen wie die Teiche zu Hesbon am Tor der volkreichen

Stadt; deine Nase wie der Libanon-Turm, der nach Damaskus hinschaut.. Hals bezeichnet das Vermögen,

sich aufrecht zu halten, hier also: Die Kraft des Nichts, um sie aufrecht zu halten. Er wird mit dem Elfenbein-

turm verglichen wegen seiner Weiße, Reinheit und Festigkeit. - Augen bezeichnen das Schauen oder sich

Versenken in dem Anschauen. Das sind die Augen ihres Nichtsseins, welche Ihn in dem Himmlischen schau-

en und dabei einen wunderbaren Glanz - Herrlichkeit - Klarheit - widerstrahlen. Sie werden verglichen mit

den Teichen von Hesbon am Tor Bathrabbims, wo diese Teiche von einer ungewöhnlich tiefen Klarheit wa-

ren. - Nase bezeichnet vernehmen. All das, was sie vernimmt, wird für eine Weile auf die Töchter Jerusalems

übertragen, welche sie in Entzücken in ihrer Herrlichkeit schauen. Sie sind wie auf dem Verklärungsberge,

und alle, eine jede von ihnen, fühlen sich als wären sie sie selbst. Sie sind für eine Weile entzückt, außer sich

selbst. Das ist ein Vorgeschmack von dem Stand der Braut, welchen sie vernehmen.

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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Aber dennoch vernehmen sie sie hoch über sich selbst, in einer majestätischen Hoheit. Deswegen verglei-

chen sie ihre Nase mit dem Libanonturm, der nach Damaskus hinschaut.

Dein Haupt gleicht dem Karmel, und dein herabhängendes Haupthaar dem Purpur; der König ist gefes-

selt durch deine Locken.

7,6) Dein Haupt auf dir ist wie der Karmel, und das herabwallende Haar deines Haupts wie Purpur; ein Kö-

nig Ist gefesselt durch deine Locken. Haupt bezeichnet das Obere des himmlischen Lebens, nämlich das,

was immer am Throne Gottes verborgen ist. Wenn die Töchter Jerusalems das Haupt der Braut schauen,

schauen sie auch Gott, welches ein seltsames Gesicht für sie ist. Deswegen sehen sie, wie es sich erhebt wie

Karmel, schön und Ehrfurcht einflössend, in seinem mächtigen, grün eingebetteten, verborgenen Berg. - Die

Locken bezeichnen den Schleier, der für die Menschen in der Geistlichkeit (die hier unten sind) den himm-

lischen Menschen verbirgt. Der Bräutigam liebt diese Verborgenheit, diese Scheu, diese Schamhaftigkeit bei

seiner Braut, und ist in dem Fallstrick ihrer Locken gefangen, ein königlicher Gefangener, der gefangen blei-

ben wird. - Der Purpurglanz der Locken ist der rotschwarze Glanz, der auf einmal schwarze Schatten wirft

und in der Sonne mächtiglich glänzt. Das war die königliche Farbe. All dies schauen die Töchter Jerusalems

während einer kurzen Weile und werden mit entrückt. Sie fühlen ihre Herzen schwellen vor Freude über

die Schönheit und Herrlichkeit, welche sich in dem ganzen Wesen der Braut und in allen ihren Bewegun-

gen offenbaren. Dadurch werden sie stark gezogen, um auf den Brautweg einzugehen, und selbst wie sie zu

werden. Aber das Traumgesicht erlischt, die Augen ihrer Seelen verschließen sich, und sie sind wieder auf

der Erde und sehen die irdischen Dinge, und werden von ihnen gefesselt. Und dann denken sie: Das war nur

ein Traumgesicht, gewiss übermäßig wunderbar, aber unwirklich. Wir müssen vor allen Dingen auf unser

Irdisches und auf die Wirklichkeit Acht geben. Und dann verflüchtigt sich alles, und sie gehen weiter in der

Geistlichkeit von hier unten. Aber der eine oder andere von ihnen kann nicht freiwerden von dem Gesicht,

und schließlich werden sie einer nach dem andern auf den Brautweg hingezogen.

Wie schön bist du und wie lieblich, o Liebe voller Wonnen!

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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7,7) Jetzt ist der Bräutigam allein mit seiner Braut und redet zu ihr: Wie schön bist du, und wie lieblich bist

du, o Liebe voller Wonne! Er, der selbst. die Liebe ist, schaut jetzt die Liebe außer sich selbst in der Braut.

Solange Er die Liebe innerhalb sich selbst hat, kann Er sie nicht sehen, nicht genießen; denn sie ist dann

meistens nur ein Leiden, aber jetzt ist sie voll von Wonne. Jetzt spiegelt sich sein ganzes Wesen in der Braut:

Wie schön und wie lieblich bist du., o Liebe! wie du von dir, meiner Braut, widergespiegelt wirst! Alles bei ihr

ist wie ein tiefer, klarer, stiller Waldsee, der den Himmel widerspiegelt. Alles bei ihr ist wie ein tiefes, klares,

stilles Auge, welches den Bräutigam und sein ganzes Wesen widerspiegelt. Wenn sie also seine Liebe wider-

spiegelt, wird sie von ihr zu Ihm wieder zurückgestrahlt und wiederum von Ihm zu ihr ohne Ende. Diese

Wechselwirkung ist ihr Glück und Seligkeit, und währt ewig. Sie kann nie davon müde werden, da sie ständig

taufrisch und immer tiefer und tiefer wird. Sie wird ein ständig seligeres, gegenseitiges Anbeten.

Dieser dein Wuchs ist der Palme gleich, und deine Brüste den Trauben.

7,8) Dieser dein Wuchs gleicht der Palme und deine Brüste den Trauben. Dein Wuchs bedeutet die Gestalt

und die Haltung der Braut. Diese ist wie bei einem Palmbaum, d.h. schlank, gerade, stark, stattlich, eine Lust

für das Auge, und eine Menge Fruchtbüschel tragend. Ihre Brüste sind auch wie solche! Fruchtbüschel. So

ist sie in ihrer von Ihm widergespiegelten Liebe.

Ich sprach: Ich will die Palme besteigen und ihre Zweige erfassen; dann werden deine Brüste mir sein

wie Trauben des Weinstocks, und der Duft deiner Nase wie Äpfel,

7,9) Ich sprach, ich will die Palme ersteigen, will ihre Zweige erfassen; und deine Brüste sollen mir sein wie

Trauben des Weinstocks, und der Duft deiner Nase wie Äpfel. In der Palme hat Er Lohn für alle seine Mühe

und alle seine Leiden. Deswegen hat sein Herz eine Heimat dort. Er will sie ersteigen, Er will ihre Zweige

erfassen, d.h. Er will dort wohnen, in der Liebe, welche über der Welt ist. Und dann sagt Er zu der Braut: Und

deine Brüste sollen mir sein wie Trauben des Weinstocks, und der Duft deiner Nase wie Äpfel. Der Wein-

stock ist der Freudenbaum, der durch seine Trauben sein Blut zu Freude und Heil und Stärke ergießt denen,

die davon essen. Er ist selbst der Weinstock.

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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Den Wein seines Blutes hat Er in ihren Kelch ausgegossen, und sie hat daraus getrunken und wieder getrun-

ken, und es ist ihr zur Kraft und zur Triebkraft auf ihrem Weg zu Ihm geworden. Jetzt ist sie angelangt, ist

auch sie ein Weinstock, denn in allem soll sie Ihm gleich sein; ein Weinstock, aus dessen Trauben sie den

Wein ihres Blutes in seinen Kelch ergießt. Aber sie ist es nur für Ihn und nur für Ihn sind ihre Trauben und

Wein. Es ist sein vergossenes Blut, welches in ihr aufgesprungen ist, wie eine Blutsquelle, welche in ihrer

Ordnung sich für Ihn als ein Opfer ergießt. Das Blut kann nie, wo es auch ist, seine Eigenschaft verleugnen,

nämlich die Eigenschaft, sich zu geben, zu geben und zu geben, sich als Gabe auszugießen. - Der Duft deiner

Nase wie Äpfel. Der Odem bedeutet hier den Geist, der mit dem Blute gegeben wird. Das ist sein Geist. Es

ist die Bluts- und Geistesgemeinschaft, welche das Band zwischen ihnen ausmacht. Sein Blut fließt in ihren

Adern und durch sie zurück in die Seinigen. Und in dieser Blutseinheit atmet sie dieselbe Himmelsluft wie

Er, denn wo sein Blut ist, wird alle andere Luft quälend. Sie atmet seinen Odem ein und aus. Deswegen er-

kennt Er den Duft der Himmelsluft darin, wenn Er ihn einatmet. Er ist wie der Duft der Äpfel, d.h. der Duft

der Lebensfrische selber. - Es ist der Duft, an dem der Geist erkannt wird. Der Geist ist ebenso ungreifbar wie

ein lieblicher Duft, aber gleich mächtig, um hindurchzudringen, bis zu den feinsten Empfindungen eines

Menschen, und gleich freudebringend.

und dein Gaumen wie der beste Wein —

7,10) Der Bräutigam fährt fort: Und dein Gaumen wie der beste Wein. Und die Braut antwortet: Ja, ein Wein,

der leicht hinuntergleitet in meinen Geliebten, der über die Lippen der Schlummernden schleicht. Hier ge-

nießen sie einander im Wein, in dem oben erwähnten. Es ist das Abendmahl einer Liebe, Vereinigung, Ein-

heit, Einfalt, welche sie hier feiern. Lieblich ist es, voll von den himmlischen Freuden und voll Befriedigung

zu sein, durchatmet von ihrer Glückseligkeit. Die Braut sagt ja zum Bräutigam. Alles bei ihr ist jetzt nur ein

„ja“ zu Ihm. Und alles bei ihm ist ein „Ja“ zu ihr. Ihr ganzes Wünschen ist, ein Freudenwein zu sein, der in

Ihm leicht hinuntergleitet, so dass sie mehr und mehr in Ihm verschwindet und eine Freude in seinem In-

nern wird. Und dann schlummern sie zusammen, aber die Freude bleibt auch in dem Schlummer. Denn das

Schlummern bezeichnet die Ruhe und das Wirken der Liebe.

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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Die Ruhe der Liebe, der Vereinigung und der Einheit ist eine innere, notwendige Ruhe, von welcher das Wir-

ken ausgeht. Ohne diese Ruhe ist kein wirkliches Wirken.

Ich gehöre meinem Geliebten, und sein Verlangen steht nach mir!

7,11) Die Braut fährt fort: Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen. Dieses ist ihr Jubel- und

Lobgesang. Er ist zweimal vorher vorgekommen (Kap.2,16 & 6,2), aber mit verschiedenem Inhalt. An der

ersten Stelle spielt ihr Besitzerrecht die Hauptrolle. Das war, als sie noch in einem nur seelischen Verhältnis

zu Ihm stand. Auf der andern Stelle spielt sein Besitzerrecht die ganze Rolle. Dass sie Ihn besaß, war nur

eine Folge davon, dass Er sie besaß, seitdem sie aufgeweckt war zum himmlischen Leben nach dem Tod,

und seitdem die Vermählung geschehen war. Hier, in ihrem dritten Jubelgesang ist die Einheit vollendet.

Hier besitzt Er sie ganz. Hier handelt es sich nur um seinen Willen, sein Verlangen. Und der Jubel liegt darin,

dass sie sein ist für ewig, und dass nichts im Himmel noch auf Erden dies ändern kann, denn sein Wille und

Verlangen steht zu ihr und kann nie geändert werden.

Komm, mein Geliebter, wir wollen aufs Feld hinausgehen, in den Dörfern übernachten;

7,12) Zwischen diesem und dem vorhergehenden Vers ist eine Pause, während welcher der Bräutigam und

die Braut sich schweigend ineinander vertieft haben. Jetzt bricht die Braut das Schweigen und sagt: Komm

mein Geliebter, lasst uns aufs Feld hinausgehen und in den Dörfern übernachten. Sie befinden sich in der

ständigen Ruhe, der Sabbath-Ruhe, welche auch ein ständiges Wirken ist. Wo die vollkommene Einheit zwi-

schen Bräutigam und Braut zustande gekommen ist, ist es so. Die Ruhe ist Arbeit, und die Arbeit Ruhe. Das

eine entspringt aus dem andern wie aus einer Quelle. - Die Braut will hinausgehen und schauen, aber nicht

allein. Sie kann nicht mehr irgendetwas schauen außer in Vereinigung mit Ihm. All ihre Ruhe und all ihre

Arbeit ist Ruhe und Arbeit mit Ihm. Ihre jetzige Stellung ist, mit Ihm allein zu sein und in der Einsamkeit und

Gemeinschaft mit Ihm, Umgang mit andern zu haben und ihnen zu dienen. Dadurch wird ihr Verhältnis zu

andern Menschen ein ganz anderes als vorher. Alles wird natürlich und einfach, ohne alle Veranstaltungen

und ohne allen Vorsatz.

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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Sie geht jetzt nicht (wie in Kap.6,1 0) allein hinaus, um anzuschauen, was sie in seinem Land ist und hat,

noch was sie unter den Menschen in der Welt ist und hat. Es ist seine Sorge um sein Land, welche sie treibt,

Ihn zu bitten, sie hinaus auf seine Dörfer zu begleiten. Dörfer bezeichnen hier die Gebiete in der Welt, wo

das Himmlische und also der Bräutigam seine Felder, Kulturen und Arbeiter hat. Sie wollen in den Dörfern

übernachten, d.h. bei den Leuten, welche seine Felder und Kulturen pflegen.

wir wollen früh zu den Weinbergen aufbrechen, nachsehen, ob der Weinstock ausgeschlagen hat, ob die

Blüten sich geöffnet haben, ob die Granatbäume blühen; dort will ich dir meine Liebe schenken!

7,13) Sie fährt fort: Wir wollen uns früh aufmachen nach den Weinbergen, wollen sehen, ob der Weinstock

ausgeschlagen hat, die Weinblüte sich geöffnet hat, ob die Granaten blühen; dort will ich dir meine Liebe

geben. Die Weinberge bezeichnen die verschiedenen Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Es ist für

Bräutigam und Braut eine wichtige Angelegenheit zu sehen, ob der Weinstock ausgeschlagen, ob die Wein-

blüte sich geöffnet hat, ob die Granaten blühen. Deswegen gehen sie früh um nachzuschauen. Der Bräuti-

gam folgt dem Wachstum seiner Pflanzungen, pflegt, beschneidet und bewässert sie, um von ihnen Frucht

zu bekommen. Mit viel Mühe und Sorge führt Er auch heute diese Arbeit aus, auch durch seine Glieder in

der Welt. Und die Braut nimmt daran teil. Wenn die Frucht von den Pflanzungen in der Welt (die Frucht,

welche zu wirklichem Himmelsleben wächst) gering wird, trauern beide; wenn sie aber groß wird, freuen

sich beide. - Dort will ich dir meine Liebe geben, sagt die Braut. Das heißt, mitten in der Arbeit und der Ruhe,

mitten in den leiden und der Erquickung, mitten in alledem, was sprosst und wächst oder vertrocknet und

verkrüppelt, bin ich ganz dein, ganz eins mit all deinem Willen, dir allein ganz hingegeben. Das eine ist nicht

besser als das andere, denn in allem bin ich unauflöslich und für ewig mit dir vereinigt. Du bist es allein, der

alles tut, und ich bin all deinem Tun unterworfen, ganz aufgeschlossen für dein Wirken, so dass ich nichts

anderes tun kann, als was du tust. Sie hat Ihn alles nehmen lassen, hat alles weggegeben an Ihn, und deswe-

gen ist sie in sich sehr arm, völlig nackt und leer - sie hat nichts übrig. Aber all das Verlorene hat sie in Ihm,

und dazu besitzt sie alles, was Er besitzt. Deswegen ist ihr Nichtbesitzen der allergrößte Reichtum und die

allergrößte Herrlichkeit, welche Erde und Himmel je geschaut haben.

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7 Kapitel ( Der Brautstand, Zeit nach der Vermählung)
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In Ihm ist sie zu ihrem allerhöchsten Stand gekommen, zu ihrem allerhöchsten Platz in dem Himmlischen.

Und da ist sie Ihm ewiglich unendlich nahe.

Die Alraunenfrüchte verbreiten Duft, und über unseren Türen sind allerlei edle Früchte; neue und alte

habe ich dir, mein Geliebter, aufbewahrt!

7,14) Sie sagt: Die Liebesäpfel duften, und über unseren Türen sind allerlei edle Früchte, neue und alte, die

ich dir, mein Geliebter, aufbewahrt habe. Sie ist die Verwalterin seiner Haushaltung, Austeilerin von seinen

Reichtümern, sowohl Ihm selbst als seinen Leuten, nichts weniger. Dafür, dass sie in allem eins mit Ihm ist,

ist es ihr anvertraut worden, mit Ihm zu regieren; und dennoch schwindelt es sie nicht, daran zu denken,

es ist ihr vielmehr eine einfache und natürliche Sache. Denn ist sie nicht Sein, ist Er es nicht selbst, der das

ist, was sie in Ihm ist? Er selbst ist es, der in dem Unsichtbaren himmlische Reichtümer durch sie an die

Menschen in der Welt vermittelt, gleichwie Er auch durch sie Frucht von seinen irdischen Pflanzungen für

den Himmel vermittelt. So ist es mit jeder Brautseele. - Sowohl die Anfänger in Christus (die Liebesäpfel), als

die Fortgeschrittenen (allerlei edle Früchte, sowohl neue als alte) verwahrt sie in ihrem Vorratshaus für Ihn

und trägt sie hervor, je nach Bedürfnis. Es ist eine wunderbare Haushaltung in dieser vollkommensten aller

Gemeinschaften. Hier gilt wiederum das Wort in Jesaja 60,22: Der Kleinste wird zu einem Tausend werden

und der Geringste zu einem gewaltigen Volk. Ich, Jahwe, werde es zu seiner Zeit eilends ausführen. Und dies

deutet nicht allein auf ihre persönliche Frucht hin. Von jeder einzelnen dieser geringsten Früchte werden

unter ihrer Hand tausend werden, und aus den geringsten wird ein zahlreiches Volk werden. Soviel bedeutet

diese Haushaltung Gottes in der unsichtbaren und verborgenen Welt, in welche Haushaltung sie hineinge-

zogen worden ist, und worin sie wirksam ist durch die vollkommene Gemeinschaft mit dem Bräutigam.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Das 8 Kapitel
( W i rke n i n d e r Welt- Be w ohne r in de r Lust gä r ten, Fr eunde)

Ach, daß du mir wärst wie ein Bruder, der die Brüste meiner Mutter sog! Dann dürfte ich dich doch küs-

sen, wenn ich dich draußen träfe, ohne daß man mich deshalb verachtete.

Ich wollte dich führen, dich bringen ins Haus meiner Mutter; du würdest mich lehren; ich würde dich

mit Würzwein tränken, mit meinem Granatäpfelmost.

8,1-2) Es ist wiederum eine Zeit vergangen, seit der Bräutigam und die Braut zusammen gewirkt und gelebt

haben in der oben angegebenen Weise. Sie sind vermählt, sie sind eins in dem Himmlischen, in dem verbor-

genen Leben. Sie ist in innerer Weise in Ihn verwandelt, und Er ist in derselben Weise in sie verwandelt, „

worden. Aber dies hat seine Gültigkeit nur in seinem Land, d.h. in dem Himmlischen. Die Menschen, unter

denen sie in der Welt ist, sehen nichts davon. Sie sehen sie als eine gewöhnliche, kleine, unbedeutende an,

und eine solche ist sie ja auch. Sie können gar nicht ihre Stellung in dem Geistlichen noch ihr rechtes Wesen

ahnen, denn all ihr Sein und Wirken gehört zu der verborgenen Werkstätte Gottes. Jetzt sehnt sie sich aber

danach, in ihrem Äußeren und in der Welt dasselbe zu sein, was sie in dem Himmlischen ist, so dass all das,

was in seinem Land zwischen Ihm und ihr ist, auch in der Welt (der Mutter Haus) offenbart werden möge.

Sie sagt: O wärest du mir gleich einem Bruder, der die Brüste meiner Mutter gesogen.

Fände ich dich draußen, ich wollte dich küssen; und man würde mich nicht verachten. Ich würde dich füh-

ren, dich hineinbringen in meiner Mutter Haus, du würdest mich belehren; ich würde dich tränken mit

Würzwein, mit dem Most meiner Granaten. Es ist schwer (und so fühlt sie es), das Verhältnis in der Mutter

Haus verborgen zu halten, obgleich sie es verlassen hat. Dies mag scheinbar eine ihr unwürdige Kindlichkeit

sein, aber in äußerer Weise steht sie ja wie einsam gegen eine ganze Welt, die sie hart drückt. Dies macht,

dass sie Augenblicke bekommen kann von solcher Kindlichkeit. Der Bräutigam würde ihr wohl soweit ent-

gegengehen, wie es möglich ist, aber nur zum Teil, und bisweilen kann Er etwas von ihrer innigen Gemein-

schaft in der Mutter Haus (der Welt) offenbar werden lassen.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Die Menschen dort sehen nur ab und zu einen Schimmer von ihrem wirklichen Wesen und von der Herr-

lichkeit, welche sie bei Ihm hat; und das, was sie bei ihr sehen, ist nicht nur etwas, was ihnen ans Herz greift,

sondern auch etwas, was wie ein Bruch gegen ihre Sitten ist. Ihre Sitten stempeln nämlich ihr Wesen und

Hervortreten als eine ungehörige Freiheit, weil sie gar nicht durch sie gebunden ist. Deswegen vergessen sie

gerne die Blicke des Himmlischen, welche sie vielleicht bei ihr sehen durften, und beanstanden um so mehr

die ungehörige Freiheit, und denken deswegen übel von ihr. Aber wenn es dazu kommt, kümmert es sie gar

nicht, denn dann sieht sie aufs neue klar, dass die Welt im Grunde genommen weder von Ihm noch von ihrer

Gemeinschaft mit Ihm etwas wissen will. Sie zieht sich deswegen zurück mit Ihm.

- In diesen Versen träumt sie nur davon, dass auch die ganze sichtbare Welt sein Land sein möge, so dass das

Verhältnis zwischen ihnen geoffenbart werden könnte.

Seine Linke sei unter meinem Haupt, und seine Rechte umfange mich!

8,3} Aber in dem Himmlischen, das mitten in der Welt für sie eröffnet worden ist, und wohin die Blicke der

Menschen nicht reichen, ist. ihre wunderbare Gemeinschaft mit Ihm immer offenbar und eine Freude für

die Blicke der Engel, und auch für die Blicke der Menschen, welche in der Welt geistliches Gesicht bekom-

men haben. Da ruht seine Linke unter ihrem Haupte und seine Rechte umfasst sie. Die Einheit ist beständig

und vollkommen. Er hält sie fest umschlossen in seinen Armen. Sie kann aus denselben nie entkommen.

Sie erfährt beständig, wie überschwenglich groß seine Macht an ihr ist (Eph.1 ,19). Sie ist wie ein weit aus-

gedehntes Land voll Lieblichkeit, Frieden und Sabbath-Ruhe. Sie blickt in eine ewige Stille hinein, in die

ewige Stille, aus welcher alles Wirken Gottes in einem mächtigen und überwältigenden Strom ausgeht, und

sowohl die Himmel als auch die Erde überschwemmt. Mit stillen Augen blickt sie in diese Stille hinein, wie

wenn eine Ewigkeit in eine andere blickt.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems: Erregt und erweckt nicht die Liebe, bis es ihr gefällt!

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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8,4} Die Braut sagt: Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, dass ihr nicht wecket noch aufwecket die Lie-

be, bis es ihr selbst gefällt. Zum dritten Mal beschwört sie hier die Töchter Jerusalems, nicht die Liebe zu

beunruhigen noch zu stören. Und zum dritten Mal schläft sie an seinem Busen ein (Kap.2,7 & 3,5)! Es sind

verschiedene Arten von Schlaf, den sie an diesen drei Stellen genießt. Die erste ist der Schlaf der Verlobungs-

zeit, wo die gewaltigen Gefühle zur Ruhe kommen in dem Schlaf des Küssens; die andere ist der Schlaf der

Entblößungszeit, wo all das, was hindernd zwischen Bräutigam und Braut steht, zur Ruhe kommt in dem

Schlaf seiner Erbarmung, um zum Schluss in den Schlaf des Todes überzugehen. Die dritte Art ist der Schlaf

der vollen Vereinigung, wo alles das, wovon sie geträumt hat in den Versen 1 & 2 (dass die sichtbare Welt

ganz in sein Land eingegliedert sein möchte), zur Ruhe kommt in der vollkommenen ehelichen Sabbath-

Ruhe, welche sie jetzt in Ihm selbst hat. Können denn die Töchter Jerusalems (die Gläubigen, die Vorhofs-

Gläubigen), auch diesen letzten Schlaf stören? Ja, bis zu einem gewissen Grad. Wenn sie eine Seele in der

Stellung der Braut sehen, werden sie ängstlich.

Sie ist ja so ganz anders als sie; alles ist so merkwürdig bei ihr, sie wollen sie zurechtbringen, denn sie mei-

nen, ihre Stellung sei etwas Unwirkliches und deshalb gefährlich. Und dann greifen sie sie an, wobei sie

selbst meinen, dass sie ihr helfen. In einer eigentümlichen Weise greifen sie an, nämlich dadurch, dass sie

ihr einzureden suchen, dass sie etwas sei, anstatt nichts. Könnten sie sie bloß dazu bringen, dass sie einsieht,

dass sie einige Kraft, einigen Glauben, einige Gerechtigkeit, einige Vortrefflichkeit, einige Persönlichkeit hat,

mit einem Wort; dass sie etwas sei, das den Menschen in die Augen leuchtet. Dann meinen sie, dass sie ihr

geholfen und sie gerettet haben, und dann würde sie wirklich für die Welt und weltliches Leben gerettet

sein. Aber sie ist nicht in dieser Weise zu retten, ebenso wenig wie ein Toter für die Welt zu retten ist, und

dies weiß sie. Deswegen sind ihre Anstrengungen umsonst. Das einzige, womit sie ihr helfen könnten; ist,

sie nicht zu beunruhigen noch zu stören, und deshalb bittet sie sie darum. Schließlich sehen sie in ihr einen

hoffnungslosen Fall, und erfüllen deshalb ihre Bitte.

Wer ist sie, die da heraufkommt von der Wüste, gestützt auf ihren Geliebten?

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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8,5a) Wenn die Töchter Jerusalems die Bitte der Braut erfüllt haben, und sie eine Zeit in Ruhe sein durfte,

dann bekommen sie wiederum ein Traumgesicht, indem der Bräutigam für eine Weile ihre Augen für das

Himmlische öffnet, das mitten in der Welt um die Braut ist. Bei diesem Gesicht rufen sie aus: Wer ist sie, die

da heraufkommt von der Wüste her, sich lehnend auf ihren Geliebten? Sie sehen sie heraufkommen, ihnen

entgegen. Sie kommt von der Wüste, dem Nichts herauf, wo die himmlische Vermählung geschehen ist, sich

lehnend auf ihren Geliebten. Sie tritt Arm in Arm mit ihm unter die Menschen in der Welt hinein. Die Töch-

ter Jerusalems wissen, dass sie sich eine lange Zeit hauptsächlich in der Wüste aufgehalten hat. Sie haben

ihr Wüstenleben nicht begriffen, sie haben es als ein fremdes Leben gesehen, ein verächtliches Leben, ein

von Menschen und Gott verworfenes Leben, und sie haben sich für besser als sie geachtet, und sie christlich

bemitleidet, nicht ahnend, dass sie viel weiter gekommen ist als sie alle. Aber jetzt sehen sie einen Schimmer

von dem, was das Auge sonst nicht sehen kann, nämlich die Herrlichkeit dieser Wüste. Und sie brechen aus

in Erstaunen: Wer ist sie? Sie kommt, von der Herrlichkeit der Wüste umgeben, so dass ihre Augen überwäl-

tigt werden, denn sie selbst ist eine Wüste. Sie kommt von der großen Einsamkeit mit Gott, umstrahlt von

ihr und sie ausstrahlend. Wenn irgendetwas, dann ist wohl dies eine direkte Botschaft von Ihm an sie. Sie

fühlen einen Stich in ihren Herzen, wenn sie dies sehen.

Die Herrlichkeit der Wüste ist; sich lehnend auf ihren Geliebten. Sie wünschen sich, an ihrer Stelle zu sein.

Sie wünschen sich die Wüste, welche in Wirklichkeit das ist, sich auf den Geliebten zu lehnen. Aber sie sind

nie so hilflos wie sie gewesen, und vor ihrem Nichts schwindelt es sie. Solange das Traumgesicht dauert,

verstehen sie, dass ihr Nichts die schönste und wunderbarste Stellung ist, welche es in der Welt gibt. Aber

wenn es sich verflüchtigt, vergessen es einige von ihnen.

Unter dem Apfelbaum weckte ich dich auf; dort litt deine Mutter Wehen für dich, dort litt sie Wehen, die

dich gebar.

8,5b) Jerusalems Töchter sind jetzt von dem Schauplatz verschwunden. Bräutigam und Braut sind wieder al-

lein, und der Bräutigam redet: Unter dem Apfelbaum habe ich dich geweckt. Dort hat mit dir Wehen gehabt

deine Mutter, dort hat Wehen gehabt, die dich geboren.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Das ist ein Rückblick auf das Vergangene, den Er hier gibt, ein Rückblick, der sich erstreckt bis zum Anfang

der Zeit, sowohl ihres persönlichen Lebens als auch ihres Geschlechts bis zum Sündenfall hin. Die göttliche

Liebe ist so. Sie ist nicht etwas, was eines schönen Tages in eines Menschenleben anfängt. Wo sie ist, da ist

sie von Anfang an, sowohl von Anfang des persönlichen Lebens an, als auch dem der Schöpfung. Jeder ein-

zelne Mensch ist von Ihm geliebt, nicht nur von Anfang seines Lebens an, sondern von der Schöpfung an;

ja noch mehr, von Ewigkeit her.

Der Apfelbaum bezeichnet hier den Baum des Sündenfalls. Unter dem Baum war sie im Anfang der Zeit und

fiel in der Versuchung, und bekam ihre Strafe dafür. Sie bekam aber auch die Verheißung von Ihm, dass Er

den Kopf der Schlange zertreten werde in ihrem Herzen. Unter dem Baum ist sie zu ihrem persönlichen leben

in der Welt geboren worden, und unter dem Baum hat sie für das Geistliche geschlafen; und das während all

der Zeit, seit sie geboren wurde und bis Er sie weckte. Das heißt, sie ist geboren und schläft in der Erbsünde,

bis Er sie daraus erweckt. Unter dem Baum weckte Er sie eben aus dem verdorbenen Zustand, worin sie war,

da sie noch außerstande war zu allem Guten und zu allem Umgang mit Ihm und zu allem wirklichen Geis-

tesleben, voll von Unreinheit und geistlichem Tod. Er weckte sie, um sie von allem Bösen zu erretten, um sie

von allem zu entleeren, was der Welt des Sündenfalles gehört. Er will sie so leer machen, dass sie ganz von

Ihm und seiner Welt erfüllt werden kann, um sie zu seiner Braut zu machen. Daran erinnert Er sie jetzt. Er

zeigt ihr damit, dass sein Werk in ihr fertig ist, und dass sie sich jetzt mit Ihm darüber freuen kann, ganz von

dem Lande ihrer Mutter (der Welt) zu seinem (dem himmlischen) übergegangen zu sein. Sie soll sich darü-

ber freuen, dass sie jetzt von der gleichen göttlichen Natur ist wie Er, und sein Weib ist. Aber deswegen ist

sie nicht sündenfrei, außer in Ihm. Sie kann für einen Augenblick in die Welt zurückfallen, und von dem Lob

der Menschen in der Welt beschmutzt werden. Aber das geschieht in ganz anderer Weise als vorher, denn sie

kann dort keine Ruhe mehr finden für ihren Fuß. Sie wird augenblicklich zurückgetrieben zu Ihm und seiner

Reinigungsquelle. Es ist eine bestimmte und unwiderrufliche Grenze zwischen früher und jetzt bei ihr.

Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm!

8,6a) Seitdem die Braut das Erinnerungsbild, das Er für sie aufgerollt hat, beschaut hat, und

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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ihr ganzes Wesen ihr Ja zu allen und ihren Dank für alles gesagt hat, was Er mit und aus ihr gemacht hat, sagt

sie ein weiteres Ja. Es ist ein Ja, welches das Jetzige und Zukünftige betrifft: Lege mich wie einen Siegelring

an dein Herz, wie einen Siegelring an deinen Arm. Dies ist nicht so sehr ein Werben um Ihn, sondern eine

Feststellung seines absoluten Besitzerrechts an sie, eines Besitzerrechts, wozu sie mit Freuden ja sagt. Aber

darin liegt auch eine Feststellung ihres Besitzerrechts an Ihn, denn wenn sie sein lebendiger Siegelring, sein

Siegel, sein Stempel ist, so kennzeichnet Er ja mit ihr alles, was Ihm gehört; und Er ist auch selbst mit diesem

Siegelring gekennzeichnet, der ihr gehört. Der Siegelring bezeichnet hier ein gegenseitiges Besitzen von al-

lem, was sie beide besitzen, also dasselbe, was der Trauring bei uns bedeutet. Der Trauring bezeichnet auch

Eifersucht von dessen Seite, der denselben trägt. Der Bräutigam ist unerhört eifersüchtig auf die Braut. Sein

Besitzeranspruch ist ohne Grenzen, aber für sie, die wie ein Siegelring an seinem Herzen und an seinem Arm

ruht, ist dies nur lieblich. Es ist mehr als Glück für sie, dass Er sie ganz und ausschließlich besitzen will, Er,

der die Liebe selbst ist, Er, ohne welchen sie ganz einfach nicht ist.

Denn die Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer unbezwinglichaw. hart. wie das Totenreich; ihre Glut

ist Feuerglut, eine Flamme des Herrn.

8,6b) Sie fährt fort: Denn die Liebe ist gewaltsam wie der Tod, hart wie das Totenreich ihr Eifer; ihre Gluten

sind Feuergluten, eine Flamme Jahwes. Wenn sie hier der Liebe lobsingt, ist es der Bräutigam, dem sie lob-

singt, denn Er ist die Liebe selbst, die Liebe, welche stark ist wie der Tod. Es gibt keine andere Liebe als seine.

Der Mensch hat nicht einen Tropfen Liebe, der nicht aus seiner Liebe herfließt. Auf Golgatha zeigte sich das

größte Wunder der Liebe. Da war sie nicht nur stark wie der Tod, sondern stärker. Sie ging mitten durch den

Tod und das Totenreich, mitten durch Erde und Hölle geradezu an ihr Ziel. Sie beseitigte alle Hindernisse

der Erde, der Hölle und des Himmels, und sie umschloss in ihren Armen die ganze Welt. Nicht ein einziger

kleiner Mensch ist aus ihrem Busen ausgeschlossen. Der welcher ausgeschlossen werden sollte, müsste sich

selbst ausschließen. Es gibt nichts, was nicht von der Liebe überwunden werden könnte. Wo sie ist, überwäl-

tigt sie unwiderstehlich alles. Ist sie bei einem Menschen, dann kann nicht davon die Rede sein, dass er über

sie verfügen oder sie steuern kann. Sie geht ihren eigenen Weg und zieht ihn mit sich.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Und sie verzehrt wie eine Feuersglut und wie eine Flamme des Herrn alles, was ihr im Wege ist. Es gibt

nichts in der Welt wie sie, so majestätisch, nichts so Siegreiches wie sie. Ihre Macht ist zugleich furchtbar

als unendlich mild. Und diese Liebe ist, wie gesagt, nur in dem Bräutigam, und nur aus Ihm kann sie zu den

Menschen fließen. Das macht, dass die Braut für ewiglich von Ihm wie ein Siegelring an seinem Herzen und

an seinem Arm getragen wird. Nichts kann sie von seiner Liebe trennen, nichts sie aus ihrer unbezwingli-

chen Macht entrücken, wie geschrieben steht: Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder

Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe,

noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu

ist, unserem Herrn (Röm.8,38-39).

Große Wasser können die Liebe nicht auslöschen, und Ströme sie nicht ertränken. Wenn einer allen

Reichtum seines Hauses um die Liebe gäbe, so würde man ihn nur verachten!

8,7) Ihr Lobgesang fährt fort: Die größten Wasser vermögen nicht die Liebe auszulöschen, und Ströme über-

fluten sie nicht. Wenn ein Mann allen Reichtum seines Hauses um die Liebe geben wollte, man würde ihn

nur verachten.

Mit dem ersten Teil dieses Verses will sie sagen, dass weder äußere Not und Leiden, Missgeschick und Armut

und Verkennung, noch innere Dürre und Verlassenheit, Untreue und Zukurzkommen, Sünde und Tod, von

ihrer Seite die Liebe auszulöschen vermögen; weder bei Ihm als ihrer Quelle, noch bei ihr als ihrem Kanal;

ebenso wenig wie sonst irgendetwas sie auslöschen könnte. Sie will weiter sagen, dass die Liebe etwas an-

deres ist als sie selbst, dass sie in ihr lebt und ihren Weg in ihr geht, unabhängig von ihr selbst, unabhängig

davon, was sie ist und tut, denn sie ist der Herr selbst.

In dem letzten Teil dieses Verses redet sie davon, dass keiner die Liebe nehmen oder kaufen kann. Ihre Wor-

te erinnern etwas an 1.Kor.13,3: Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeilen würde,

und wenn ich meinen Leib hingäbe, auf dass ich verbrannt würde, aber nicht Liebe habe, so ist es mir nichts

nütze. -

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Obgleich es Paulus hier von einer andern Seite sieht, nämlich dass man die Liebe nicht durch Nachahmung

besitzen noch irgendeinen Nutzen von ihr haben kann, bedeutet dies auch, dass man sie nicht nehmen noch

kaufen kann. Der, welcher von der Liebe getroffen wird, der und kein anderer wird getroffen. Es ist nicht der

Mensch, der die Liebe ergreift, sondern die Liebe, welche den Menschen ergreift, und ihn als ihren Gefan-

genen mit sich zieht. So sucht und ergreift der Bräutigam den Menschen, und entzündet mit seiner Liebe

Feuer in ihm, Ihr Suchen nach Ihm ist nur eine Folge davon, dass Er, ihr unbewusst, schon in ihr Feuer an-

gezündet hat. Aber würde sie auf dem Weg ihrer eigenen Liebe zu Ihm kommen wollen, und also ihre Liebe

als die ursprüngliche oder als eine Leistung betrachten, würde sie verschmäht werden; denn es wäre nicht

die Liebe, sondern Eigenliebe, und auf dem Wege ist Er nicht zu finden. Aber Er sucht alle mit seiner Liebe.

Es gibt keinen einzigen Menschen, dem seine Liebe nicht nachgeht. Der, der Ihm begegnen will, hat nur still

zu werden, denn dann ist die Begegnung unvermeidbar.

Wir haben eine kleine Schwester, die noch keine Brüste hat. Was tun wir nun mit unserer Schwester an

dem Tag, da man um sie wirbt?

8,8} Die Braut, die von dieser Liebe und dieser aufsuchenden Barmherzigkeit wie der Bräutigam voll ist, sagt

zu Ihm:

Wir haben eine Schwester, eine kleine, die noch keine Brüste hat; was sollen wir mit unserer Schwester tun

an dem Tage, da man um sie werben wird?

Sie sagt: Wir, da sie eins mit Ihm ist. Die Schwester ist hier die Vertreterin aller, welche die Berufung kennen,

in ihrer Spur den Brautweg zu wandern, also die Vertreterin für die, denen die Braut die Fackel des Braut-

weges überlassen kann. Aber die Schwester wird nicht nur als Vertreterin dargestellt, sondern auch als eine

Einzelne. Die Braut begegnet jedem Einzelnen so, als ob er allein auf der Welt wäre. Das Blut des Bräutigams

in ihr sehnt sich danach, sich für diese andere Seele zu geben, und deswegen fragt sie Ihn, was sie, Er und sie

in Gemeinschaft, mit ihr tun sollen, wenn die Zeit kommt, da man um sie werben wird. Die Welt ist nämlich

auch ein Riese und Seelengewinner in mancherlei Gestalt.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Die Schwester ist ganz jung und unerfahren, sie weiß nicht viel von dem Kampf, der um sie geht. Sie ist eine

Gläubige, hat die Berufung des Bräutigams empfangen, und steht also in dem Vorhofs-Christentum. Aber

die Berufung geht darauf hinaus, dass sie dort nicht stehen bleiben soll, sondern sich weiter hinein in das

Heiligtum des Christentums ziehen lassen soll, welches der Brautweg ist. Sie ist sich dessen noch nicht rich-

tig bewusst, was dies in sich birgt. Sie ist eigentlich gleich nahe zu der Welt hin wie zu Christus, und die Welt

in ihrer geistlich-weltlichen Form kann noch Aussicht haben, sie zu gewinnen, obwohl sie gläubig ist und

Menschen zu ihr aufschauen. Vielleicht sieht sie sich sogar als weit gekommen im Geistlichen; aber das ist

sie nicht, sie kann nicht geistliche Kinder aufziehen, denn sie hat noch keine Brüste.

Ist sie eine Mauer, so bauen wir eine silberne Zinne darauf; ist sie aber eine Tür, so verschließen wir sie

mit einem Zedernbrett!

8,9) Der Bräutigam antwortet:

Wenn sie eine Mauer ist, so wollen wir eine Zinne von Silber darauf bauen; wenn sie eine Tür ist, so wollen

wir sie mit einem Zedernbrett verschließen.

Wenn sie eine Mauer ist, hat sie Voraussetzungen dafür, ein verschlossener Brunnen und eine versiegelte

Quelle zu werden, eine, welche niemanden und nichts zu sich lässt, das nicht Er ist; auch nicht einen Ge-

danken, noch ein Wort in sich hineinlässt, das auf irgendetwas anderes als auf Ihn deutet. Ist sie eine sol-

che Mauer, dann befestigen wir sie mit einer Zinne von Silber (Silber = die göttliche Wahrheit), d.h. dann

sondern wir sie noch mehr für uns ab, so dass sie ganz von der Menge ausgenommen, und für die weltliche

Geistlichkeit uneinnehmbar wird.

Aber es mag sein, dass sie sich als eine Tür erweist, also als eine Seele, in die jede Person und Sache ein-

und ausgeht. Es gibt viele gläubige Menschen, welche Tür-Menschen sind, welche ständig auf ihren Angeln

schwingen für alles, was eintreten will. Ihre Stellung ist mehr als schwebend und deshalb riskant.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Solche Menschen verursachen dem Brautigam und der Braut viel Arbeit, denn wenn sie auch zum Schluss

Mauer-Menschen werden, vergeht eine lange Zeit, da keine Sperre hält, nicht einmal wenn sie von Zedern-

brettern gemacht ist. Aber ist die Schwester eine Tür, sagt Er, dann versperren wir sie. Es gibt nichts anderes

zu tun, auch wenn es wiederum und wiederum gemacht werden muss.

Dieses Versperren der Tür-Menschen hat denselben Zweck, wie das Befestigen der Mauer-Menschen. Der

Unterschied ist nur, dass das Befestigen bei einer schon überwundenen Seele geschieht, und das Versperren

bei einer Seele, welche durch viel Mühe besiegt werden soll, um ein Mauer-Mensch zu werden.

Ich bin eine Mauer, und meine Brüste sind wie Türme; da wurde ich in seinen Augen wie eine, die Frieden

gefunden hat.

8,10} Bei der Antwort des Bräutigams hat die Braut nicht vermeiden können, einen Blick auf sich selbst zu

werfen; doch wohlgemerkt; auf sich selbst, so wie Er sie gemacht hat, und so wie sie jetzt in Ihm ist. Und sie

ruft aus:

Ich bin eine Mauer und meine Brüste sind wie Türme; da wurde ich in seinen Augen wie eine, die Frieden

findet.

Ihre Äußerung ist im Grunde nichts anderes als ein Ja und Dank zu Ihm. Sie ist zu der Wirklichkeit gekom-

men, ein verschlossener Lustgarten, ein verschlossener Brunnen und eine versiegelte Quelle zu sein; offen,

weit offen für Ihn allein, Gegenstand für alle seine Gnade. Ihr Weg ist ein Vorbild für alle, welche zu ihrer

Stellung kommen wollen, einer himmlischen Stellung, welche uneinnehmbar ist, befestigt gegen alles in der

Welt und gegen alles Sichtbare, und unverschließbar offen für alles im Himmel und alles Unsichtbare. Es gibt

nichts mehr, was etwas bei ihr genannt werden kann. Alle Weisen und Mittel sind für sie verschwunden. Es

ist nur ein klares Nichts übrig geblieben, das in seinem All ruht. Er allein mit seinem Wort und Macht und

Willen ist ihr etwas, ihre Weise und Mittel.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Salomo hatte einen Weinberg bei Baal-Hamon; er übergab den Weinberg den Hütern, jeder sollte für

seine Frucht tausend Silberlinge bringen.

8,11) Salomo hatte einen Weinberg zu Baal-Hamon; er übergab den Weinberg den Wächtern; ein jeder sollte

aus seiner Frucht 1000 Silbersekel holen.

Als sie diesen Blick auf sich selbst wagt, sah sie auch etwas von ihrem Vergangenen. Das ist ihr Leben, be-

vor sie auf den Brautweg hereinkam, das sie hier als einen Weinberg des Bräutigams sieht. Da gehörte sie

Ihm zwar im Glauben, und ihr Leben trug Frucht in dem Weltlich-Geistlichen. Aber sie stand nicht direkt

unter Ihm, sondern unter seinen Wächtern, d.h. unter seinen Arbeitern, und sie durften den Ertrag davon

genießen, ihre Seele aufzuziehen und zu leiten. Das Geistliche bei ihr blieb damals innerhalb des Sichtbaren

stehen und wurde dort zur Frucht, zu solcher Frucht, welche erwähnt wird in Matth.6,2/5/16/19, von wel-

cher es heißt: Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn empfangen. - Sowohl sie selbst als die Wächter

bekamen da ihren Lohn. Da blieb nichts übrig für den Himmel.

Mein eigener Weinberg liegt vor mir; die tausend gehören dir, o Salomo, und zweihundert den Hütern

seiner Frucht!

8,12) Aber jetzt ist es ganz anders. Sie sagt: Mein eigener Weinberg ist vor mir; die Tausend sind dein, Salo-

mo, und zweihundert seien den Wächtern seiner Frucht. Sie ist nun unter dem Bräutigam und hat es lange

getan. Dies bedeutet, dass sie selbständig und das Privateigentum des Bräutigams ist, im Gegensatz zu den

Wächtern in den sichtbaren Kirchengemeinschaften. Er hat ihr gegeben, selbst ihren Weinberg zu hüten

(das irdische Leben, das sie noch in der Welt lebt), und das trägt große Frucht für den Himmel. Aber die

Wächter, welche jedenfalls ihren gegebenen Auftrag haben, bleiben nicht ohne ihren Lohn, obwohl sie jetzt

entweder solche sind, die ihren Lohn auf Erden ausbezahlt bekommen, oder solche, die ihn für den Himmel

sammeln.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Die du in den Gärten wohnst, die Gefährten lauschen deiner Stimme; laß mich sie hören!

8,13) Die Freunde des Bräutigams, welche auch die der Braut sind, sind jetzt auf den Schauplatz gekommen.

Der Bräutigam sagt zu der Braut:

Bewohnerin der Gärten, die Genossen horchen auf deine Stimme; lass sie mich hören! Dass sie die Bewoh-

nerin der Lustgärten ist, bedeutet, dass sie mitten in der Welt in dem Himmlischen wohnt, und nur von

denen gesehen und gehört werden kann, welche Gesicht und Gehör für das Himmlische haben. Das haben

seine Freunde, die Geistlichen, und deswegen lauschen sie ihrer Stimme. Es sind sowohl die Bewohner des

Himmels als auch die auf dem Brautweg noch wandernden, weit fortgeschrittenen Seelen, welche lauschen.

Sie soll reden und singen, denn jetzt haben ihre Worte und ihr Gesang etwas, nicht nur ihnen, sondern auch

Ihm zu sagen. Ihre Stimme ist für sie in hohem Grade helfend und fruchtbringend, und für Ihn das Lieblichs-

te von allem.

Eile dahin, mein Geliebter, und sei der Gazelle gleich oder dem jungen Hirsch auf den Balsambergen!

8,14) Ihre Worte formen sich zum Schluss zu einem Gesang:

Enteile, mein Geliebter, und sei gleich einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche auf den duftenden Ber-

gen.

Dieser Gesang ist ein Ausdruck von ihrem Nichts und von seinem All. Er mag tun, was Er will, und gehen wo-

hin Er will; Er, der zu Hause ist auf den Höhen in dem Himmlischen, von wo Wohlgerüche hinunterströmen

über den Brautweg. Mit diesem Lied lehrt sie auch die Zuhörer, wohin sie, je nachdem jeder fortgeschritten

ist, den Blick zu richten haben, um Ihn zu schauen, und auf dem Weg zu Ihm zu bleiben. Sie sollen aufschau-

en zu den himmlischen Höhen, immer, ständig; und die Geistlichkeit von dieser Welt und alles, was bloß

etwas ist, lassen. - Warum sucht ihr den Lebenden unter den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden -

(Lukas 24,6-7). Das will sie allen sagen, welche auf Erden lauschen, und besonders denen, welche auf dem

Brautweg einen Anfang gemacht haben.

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8 Kapitel (Wirken in der Welt- Bewohnerin der Lustgärten, Freunde)
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Überall, wo euer Blick etwas sucht, ist Er nicht, denn Er ist auferstanden und hinaufgefahren, und ebenso

ist es mit der Braut. Sie existiert nur in Ihm und in dem, was Er tut. Deswegen ist sie von allem Etwas ver-

schwunden, verschwunden in Ihm, aufgenommen auf die wohlriechenden Berge.

Nachwort

Diese Auslegung ist von einem wahren Anbeter in Gottes Heiligtum, der selbst Gerhard Tersteegen unend-

lich hoch schätzte im Herrn. Ekström wurde berufen zum Pastor in der schwedischen Volkskirche, lehnte

aber den Ruf ab, da er von Gott anders geleitet wurde. Dann lebte er als Schuster in Hälsingborg ein Leben

in ständiger Anbetung und Fürbitte. Ich besuchte ihn öfters, wenn ich göttlichen Rat brauchte. Seine Worte

waren wenige, aber goldene Äpfel auf silbernen Schalen. Aus dieser Einsamkeit mit Gott entsprang diese
Auslegung des Hohenliedes, tiefer als jede andere, die ich kenne. Mit seiner Erlaubnis übersetzten wir das

Büchlein ins Deutsche.

Juni 1983 Ulf Oldenburg

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9 Hinweise aus dem GEJ
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9 Hinweise aus dem GEJ zum Hohelied

169. K ap itel

[GEJ.04_169,01] Sage Ich zu Simon: „Ist also dein Gefährte ein großer Freund des Salomo? Und was versteht

er denn aus dessen Hohemliede? Sage Mir, wieweit ihr darin schon vorgedrungen seid!“

[GEJ.04_169,02] Sagt Simon: „Herr und Meister Himmels und dieser Erde! Darf ich so, wie mir die Zunge

gewachsen ist, ganz von der Leber weg reden, so rede ich gerne; wenn ich aber klauben muß, da ist‘s zu bei

mir, – denn da bringe ich nichts heraus!“

[GEJ.04_169,03] Sage Ich: „Rede, wie dir die Zunge gewachsen ist; denn dein Witz und Humor entstammt

einem guten Samenkorne!“

[GEJ.04_169,04] Sagt darauf Simon: „Ach, wenn so, da werden wir schon etwas herausbringen! Aber freilich

über meinen höchst einfachen Verstand hinaus wird‘s nicht reichen; doch soll meine Meinung keine unge-

sunde sein!

[GEJ.04_169,05] Du, o Herr und Meister, fragtest, wieweit wir schon im Hohenliede vorgedrungen wären!

Hilf, Elias, ich bin noch gar nicht vorgedrungen; denn da wäre mir um die Zeit leid gewesen! Aber Gabi hat

bereits das ganze erste Kapitel auswendig im Kopfe. Noch immer schleckt und kauet er daran und nimmt

allzeit die beiden Backen voll; aber von dem Sinne dieses Kapitels hat er ebensowenig Kenntnis wie ich vom

tiefsten Meeresgrunde. Das Schönste dabei ist aber, daß man dieses Liedes erstes Kapitel stets weniger ver-

steht, je öfter man es liest! Und wenn man es gar am Ende noch dazu auswendig kann, da versteht man es

dann schon am allerwenigsten!“

[GEJ.04_169,06] Sage Ich: „Ja, kannst du etwa das erste Kapitel auch auswendig?“

[GEJ.04_169,07] Sagt Simon: „Der – hat es mir ja schon so oft vorgeleiert, daß ich es nun leider auch schon

von Wort zu Wort auswendig kann zu meinem größten Überdrusse! Mit den Skythen reden, ist viel unter-

haltender, als sich das Hohelied Salomos vorsagen. Wer daran etwas findet, der muß ein Kind ganz kurioser

Eltern sein. Ich halte es für einen Unsinn! So schön, wahr und gut die Sprüche Salomos sind und auch seine

Predigten, ebenso dumm und gar nichts sagend ist dann sein Hoheslied. Wer daran etwas mehr als ein Werk

eines Narren findet, der hat offenbar ein vollkommen krankes Gehirn!

82
9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_169,08] Was soll zum Beispiel das heißen: ,Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn dei-

ne Liebe ist lieblicher denn Wein.‘ Wer ist der ,er‘, und wer ist der ,mich‘? Dann soll der unbekannte ,er‘ den

ebenso unbekannten mich mit des ,er‘s‘ eignem Munde küssen!? Hat denn dieser ,er‘ auch andere fremde

Munde in seinem Gesichte? Das muß dann ein sehr wunderlich sonderbares Wesen sein!

[GEJ.04_169,09] Der Nachsatz dieses ersten Verses scheint offenbar den Grund des Verlangens im Vordersat-

ze zu enthalten; aber da steht der ,er‘ in der zweiten Person, und man kann‘s nicht als bestimmt annehmen,

daß unter dem Ausdrucke ,deine Liebe‘, die lieblicher denn der Wein sei, eben des ,er‘s‘ Liebe gemeint sei.

Weiß man aber schon nicht, wer der ,er‘ und wer der ,mich‘ ist, woher soll man dann erst wissen, wer der ist,

dessen Liebe in der zweiten Person lieblicher als der Wein sein soll?

[GEJ.04_169,10] Übrigens ist da auch damit der Liebe kein besonderes Kompliment gemacht, wenn man

sagt, daß sie lieblicher als der Wein sei, so der Wein zuvor nicht als ein besonders köstlicher bezeichnet wird.

Denn es gibt ja auch ganz elende und schlechte Weine! Ist aber die Liebe nur köstlicher oder lieblicher als

der Wein, ohne Unterschied seiner Qualität, dann ist solch eine Liebe wahrlich durchaus nicht gar weit her!

Es mag über all diesem Geplauder wohl immerhin etwas Besonderes darin stecken, aber ich finde es doch

auf dieser Welt nimmer heraus.

[GEJ.04_169,11] Zum größten Überflusse zur Zeigung meines Blödsinnes will ich noch den zweiten Vers

zum ersten ankleben; der lautet, so mich mein Gedächtnis nicht trügt: ,Daß man deine gute Salbe rieche;

dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mägde.‘ Da paßt der zweite Vers, meinem

Verstande nach, doch geradeso auf den ersten, wie ein ganzes Haus auf ein Auge hinauf ! Was ist denn das für

eine Salbe, und wessen? Wer soll denn diese Salbe riechen? Wie kann jemandes Name eine ausgeschüttete

Salbe sein, und warum soll er gerade darum von den Mägden geliebt werden? Was sind das für Mägde?

[GEJ.04_169,12] Darum fahre ab, großer Salomo, mit all deiner hohen Weisheit! Ein Wort von Dir, o Herr, hat

für mich ja einen tausendmal tausend Male größeren Wert als alle die hohe Salomonische Weisheit! Nun

habe ich von Salomo schon wieder genug! O Herr, ich bitte Dich, schenke mir die weiteren Verse; denn die

gehen schon bei weitem übers Skythische hinaus!“

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_169,13] Sage Ich: „Ganz gut, Mein lieber Simon, könntest du Mir nicht auch jene Mahnworte wieder-

geben, die Ich auf dem Berge zu jenen gesprochen habe, die des schönsten Morgens wegen nicht vom Berge

hinabgehen wollten, von welchen Worten du behauptetest, daß sie sicher keinen innern, geistigen Sinn

haben würden? Wenn du dich deren noch erinnerst, so sage sie Mir noch einmal vor!“

[GEJ.04_169,14] Sagt Simon, mit einem etwas verlegenen Gesichte: „O Herr und Meister, so mich mein Ge-

dächtnis nicht trügt, da hießen die wenigen Worte etwa wohl also: ,Unten bei den frei stehenden Tischen

weilet derselbe Morgen wie hier oben auf dem Berge; auf dem kurzen Wege hinab genießet ihr ihn, und

unten werdet ihr ihn doppelt genießen. Unsere Leiber bedürfen einer Stärkung, und so gehen wir behende

hinab zu den Tischen!‘ Ich glaube, daß Du, o Herr und Meister, gerade also gesprochen hast?!“

[GEJ.04_169,15] Sage Ich: „Ganz gut, Mein lieber Simon! Du hast den Satz von Wort zu Wort vollkommen

richtig wiedergegeben. Aber was sagst du dazu, so Ich es dir nun sage, daß solcher von Mir ausgesprochene

Mahnsatz geistig ganz dasselbe nun als erfüllt besagt, wie deine zwei Mir aus Salomos Hohemliede vorge-

tragenen Verse?! Kannst du dir hierin irgendeine Möglichkeit denken?“

[GEJ.04_169,16] Sagt Simon: „Ehe ich das begreife, eher begriffe ich, daß das bedeutende Meer sich morgen

schon in die üppigsten Fluren umgestalten wird. Denn was Du, o Herr, auf dem Berge gesprochen hast, das

war klar und allerdeutlichst, und wir verstanden alle nur zu gut, was wir angenehmstermaßen zu tun hatten,

nämlich hinabzugehen, uns ganz wohlgemut an diesem herrlichsten Morgen zu den Tischen zu setzen und

unsere Leiber mit einem bestbereiteten Morgenmahle zu stärken! Wer das etwa nicht verstanden hat, der

muß nur ganz stocktaub gewesen sein.

[GEJ.04_169,17] Wer aber versteht also auch die beiden Verse des Hohenliedes? Die sind naturgemäß, wie

ich gezeigt habe, ein barster Unsinn! Sind sie aber das, wer kann dann darin im Ernste noch einen höchst

weisen, geistigen Sinn suchen wollen? Das kommt mit Fug und Recht mir nun gerade so vor, als sollte ich

mir von einem mehr Tier als Mensch seienden Stummtrottel die Vorstellung machen, daß er ein weiser

Plato sei! Übrigens, – möglich ist alles, warum dieses nicht?! Ich gebe hier nur an, wie ich es nun fühle und

empfinde.“

84
9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_169,18] Sage Ich: „Desto besser; denn je mehr Unmögliches du nun daran findest, desto wunderba-

rer wird dich hernach die Aufhellung berühren: Aber es ist auch das nun wunderbar, daß du und deinesglei-

chen mit offenen Augen noch immer nichts sehet und mit offenen Ohren nichts vernehmet! Aber lassen wir

das! Weil dir das Hohelied so geläufig ist, so sage Mir zu den zwei Versen auch noch den dritten hinzu, und

Ich werde dann gleich imstande sein, vor dir das dir so unentwirrbare Rätsel sicher vollkommen zu deiner

Zufriedenheit zu lösen!“

[GEJ.04_169,19] Sagt Simon: „O weh, auch den dritten Vers noch?! Dir zuliebe, o Herr, tue ich schon gerne

alles, was Du von mir verlangst; aber sonst kann ich Dir versichern, daß mir das nahe den Magen umkehrt!

[GEJ.04_169,20] Der dritte Vers ist erst recht verwirrt. So mich mein Gedächtnis nicht trügt, da lautet der

berühmte dritte Vers ungefähr also: ,Ziehe mich dir nach, so laufen wir! Der König führet mich in seine Kam-

mer. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr denn an deinen Wein. Die

Frommen lieben dich.‘

[GEJ.04_169,21] Da ist er nun! Wer ihn verdauen kann, der verdaue ihn! Wenn es im Anfange nur hieße: ,Zie-

he mich dir nach, so laufe ich!‘; aber so heißt es im Nachsatze: ,so laufen wir!‘ Wer ist der, so da nachgezogen

sein will, und wer hernach die ,wir‘, die da laufen?

[GEJ.04_169,22] ,Der König führet mich in seine Kammer.‘ Welcher König denn, der ewige oder irgendein

zeitlicher und weltlicher? Der Satz ist aber übrigens noch immer einer der besten.

[GEJ.04_169,23] ,Wir freuen uns und sind fröhlich über dir.‘ Hier möchte ich nur wissen, wer da die ,wir‘ sind,

und wer der ist, über den sie fröhlich sind!

[GEJ.04_169,24] Ferner gedenken die gewissen Unbekannten des auch gewissen Unbekannten Liebe mehr

denn des Weines, von dem auch nicht gesagt wird, von welcher Güte er sei!

[GEJ.04_169,25] Wer ist am Ende der höchst unbekannte ,dich‘, den die Frommen lieben? Oh, der unbe-

stimmtesten aller Redeweisen!

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_169,26] Was ist der Mensch dieser Erde doch für ein armseligster Tropf ! Mit nichts fängt er an, lebt

mit nichts und hört endlich wieder mit nichts auf. Wenn er auch glaubt, etwas zu verstehen seines Lebens

bessere und hellere Periode hindurch, kommt aber dann unglücklicherweise hinter Salomos Hoheslied, so

ist der Narr vollkommen fertig; denn sobald der Mensch einmal durch Wort oder Schrift von seiten eines

anderen Menschen aufmerksam gemacht worden ist, daß es mit seiner Weisheit vollkommen aus ist, dann

ist es schon auch rein aus mit dem Menschen selbst, das heißt, er lebt wohl noch fort, aber als ein Narr, der

nichts weiteres mehr zu fassen und zu begreifen imstande ist! Ist der Mensch mir gleich bis dahin gekom-

men, wo es gar nicht mehr weitergehen will, so kehrt er wieder um und fängt wie ein Tier an, bloß zu vege-

tieren. Wozu auch einer weiteren Mühe um nichts und noch tausendmal nichts?!

[GEJ.04_169,27] Wahrlich, Herr und Meister, Du hast uns auf dem Berge diese Nacht hindurch Dinge gezeigt,

wie sie auf dieser Erde noch nie den sterblichen Menschen irgendwann gezeigt worden sind! Ich begreife

und verstehe nun ungeheuer vieles. Aber warum begreife ich denn Salomos Weisheit nicht? Darf sie über-

haupt kein Mensch begreifen, oder ist sie wirklich – was sie dem Außen nach sehr scheint – ein frommer

Wahnsinn, also durchaus nie zu begreifen? Oder sind da doch irgend Geheimnisse darin verborgen, die von

größter Lebenswichtigkeit wären?

[GEJ.04_169,28] Wenn eines oder das andere, da sage es mir! – denn Dir allein glaube ich, was Du im Erns-

te darüber sagest; denn Du kannst das Hohelied wohl verstehen, wenn es überhaupt zu verstehen ist! Ist

aber das ganze Hohelied nur so eine letzte Salomonische Weisheitsschwindelei, so sage es mir auch, und

ich werfe gleich das ganze Hohelied in eine Kloake, damit deren Einwohner aus ihm die Weisheit Salomos

studieren sollen!“

170. K ap itel

[GEJ.04_170,01] Sage Ich: „Freund, du wirst mit deinem Witze zwar ein wenig schlimm, und Ich möchte zu

dir nun auch sagen, was dereinst ein berühmter Maler zu einem Schuster gesagt hat! Aber es kann bei dir

jetzt noch nicht anders sein; denn nach Salomo hat ja alles seine Zeit auf dieser Erde. Fasse dich aber nun

ordentlich und mit viel gutem Willen, so soll dir Salomos Hoheslied ein wenig näher beleuchtet werden, und

wie es mit Meiner kurzen Mahnrede auf dem Berge völlig einstimmig ist und dasselbe besagt.

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_170,02] Salomo hat in seinem Hohenliede nichts als nur Mein nunmaliges Sein prophetisch unter

allerlei Bildern, die voll geistiger Entsprechung sind, den Menschen von Tat zu Tat, von Stellung zu Stellung

und von Wirkung zu Wirkung dargestellt. Ich allein bin sein Gegenstand; der ,er‘ und der ,du‘, der ,ihm‘ und

der ,dich‘ bin alles Ich. Wer aber aus Salomo spricht mit Mir, ist dessen Geist in der Einzahl, und in der Viel-

zahl sind es des Volkes Geister, die sich gewisserart in Salomos Königs- und Herrschgeiste für einen und

denselben Zweck einen und alsonach eine moralische Person darstellen.

[GEJ.04_170,03] Wo es heißt: ,Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes‘, so heißt das soviel als: Der Herr

rede aus Seinem wahrhaft eigenen Munde zu mir, Salomo, und durch mich zum Volke Israel und durch

dieses zu allen Menschen der Erde; der Herr rede nicht mehr pur Worte der Weisheit, sondern Worte der

Liebe, des Lebens zu mir! Denn ein Wort der Liebe ist ein wahrer Kuß des Gottesmundes an das Herz des

Menschen; und darum sagt Salomo: ,Er (der Herr) küsse mich mit dem Kusse seines Mundes!‘

[GEJ.04_170,04] Nun paßt dann der Nachsatz schon ganz gut darauf, wo es heißt: ,Denn deine Liebe ist liebli-

cher denn Wein‘, oder: Deine Liebe ist mir und allen Menschen dienlicher als die Weisheit. Denn unter ,Wein‘

versteht man allzeit Weisheit und Wahrheit.

[GEJ.04_170,05] Daß Salomo im ersten Bittsatze, als um das Wort der Liebe bittend, noch in der dritten

Person zu Mir seufzet, bezeichnet, daß er durch die alleinige Weisheit Mir noch ferne ist; durch die zweite

Person im Nachsatze, wo der Grund der Bitte des ersten Satzes ausgesprochen wird, aber bezeiget Salomo

die schon größere Annäherung Gottes auf dem Wege der Liebe denn auf dem Wege der puren Weisheit. Den

Kuß, die Liebe aber, um die Salomo in seinem Hohenliede gebeten hat, bekommt ihr alle soeben von Mir,

und so dürfte dir, Mein lieber Simon, nun der erste Vers des Hohenliedes wohl schon ein wenig klarer sein,

als er dir zuvor gewesen ist!“

[GEJ.04_170,06] Sagt Simon: „O Herr, nun ist mir dadurch freilich auch schon der zweite Vers klar, und ich

getrauete mir ihn nun zu erläutern!“

[GEJ.04_170,07] Sage Ich: „Tue das, und wir werden es sehen, wie du den zweiten Vers aufgefaßt hast aus

dem Lichte des ersten Verses!“

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_170,08] Sagt Simon: „Das wird nun schon offenbar soviel heißen: Herr, so Du mich aber küssest mit

dem Kusse Deines Mundes, so Dein Wort Liebe wird, also eine wahre Salbe des Lebens, so möge diese Sal-

be, dies Dein göttliches Liebewort, für die Menschen alle verständlich sein. Denn man sagt ja schon oft im

gewöhnlichen zierlich ,riechen‘ statt ,verstehen‘. Man sagt oft: ,Riechest du, wo das hinaus will?‘ oder: ,Er hat

den Braten oder die Salbe gerochen!‘

[GEJ.04_170,09] Nun bist Du, o Herr, da bei uns, wie auf die Bitte Salomos im ersten Verse! Wir haben Deinen

Namen, Dein heilig Liebewort, das wohl köstlicher ist denn Salomos pure Weisheit! Wir haben nun die vor

uns ausgeschüttete Salbe, Deinen Namen, Deine Liebe, Dein heilig Lebenswort, allen verständlich, vor uns.

[GEJ.04_170,10] Nun, die Mägde, die Dich darum lieben, sind offenbar auch wir, vom Standpunkte unserer

beschränkten Einsicht und Verständnisses aus betrachtet! Denn eine Magd ist zwar ein lieblich Wesen, ist

nicht ganz ohne Einsicht und Verstand, aber von einer großen männlichen Weisheit kann, wenigstens im

allgemeinen angesehen, keine Rede sein. Daher sind wir offenbar die Mägde, die Dich, o Herr, über alles

lieben, weil uns Dein Liebewort verständlich ist, für uns also eine ausgeschüttete Salbe ist, an deren köstli-

chem Geruche wir uns gar wunderbar ergötzen. – Sage mir, o Herr, ob ich denn wohl nach dem ersten Verse

den zweiten richtig aufgefaßt habe!“

[GEJ.04_170,11] Sage Ich: „Ganz vollkommen richtig und grundwahrheitlich! Es ist mit dem sehr unver-

ständlich scheinenden Hohenliede der Fall, daß es ganz leicht begriffen werden kann, wenn jemand nur den

ersten Vers richtig auf dem Wege der Entsprechung aufgefaßt hat. Da du nun aber den zweiten Vers so ganz

vollkommen richtig aufgefaßt hast, so versuche dich nun noch am dritten Verse; vielleicht wirst du auch da

den Nagel auf den Kopf treffen!“

[GEJ.04_170,12] Sagt Simon: „O Herr, nun wagete ich mich schon gleich ans ganze Hohelied! Aber der dritte

Vers liegt nun nach den zwei ersten doch so klar wie dieser herrlichste Morgen vor mir enthüllt!

[GEJ.04_170,13] ,Ziehe, o Herr, mich Dir nach, so laufen wir!‘ Wer kann sonst wohl geistig ziehen, als allein

nur die Liebe?! Und die Folge ist, daß diejenigen, die mit und durch die Liebe unterwiesen und gezogen

werden, in einem Augenblicke mehr fassen und begreifen, daher im Erkenntniswachstume wahrhaft laufen,

denn durch die trockene und kalte Weisheit in vielen Jahren. Die einfache Person im ersten Satze ist also nur

eine moralische und erscheint im zweiten Nachsatze geteilt in der Vielheit, was vorderhand doch offenbar

wir sind, und danach ganz Israel, und am Ende gar alles, was auf der ganzen Erde Mensch heißt.

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_170,14] Der König, der Ewige, der Heilige führet mich und uns alle nun wohl freilich in die allerhei-

ligste und lichtvollste Liebe- und Lebenskammer Seines allerheiligsten Vaterherzens! Und wir freuen uns

nun wohl und sind über die Maßen fröhlich über Dir und gedenken sicher Deiner Vaterliebe tausend Male

mehr denn aller der trockenen und kalten Weisheit! Nur in Deiner Liebe sind wir voll Demut und einfältigen

und dadurch frommen Herzens; wir sind dadurch fromm und lieben Dich, o Herr, erst vollkommen in dieser

unserer Frömmigkeit.

[GEJ.04_170,15] Der Weisheit Morgen, entsprechend dem auf dem Berge oben, ist zwar herrlich und schön;

aber hier unten bei den gastfreiesten Liebesmahltischen in der großen, heiligen Kammer Deines allerhei-

ligsten Vaterherzens weilet freilich auch derselbe Morgen des wahren Lebens. Oben auf dem Berge genossen

wir, also noch in der wahren Erkenntnis Unterwiesene, den herrlichen Lebenslichtmorgen; aber es waren

dort keine Tische mit den nährenden und das Leben stärkenden köstlichen Speisen bestellt.

[GEJ.04_170,16] Wohl gefiel uns das Licht der tiefsten Weisheit; aber Du sahst auch schon in vielleicht so

manchen den Keim des Dünkels, im Herzen der Furche des Lebensgärtchens entsprossen, und sagtest mit

den hinreißendsten Liebeworten: ,Kinderchen, unten in der Demutstiefe weilet derselbe Morgen! Wenn ihr

den kurzen Weg von der Eigendünkelshöhe, die gewöhnlich eine Folge hoher, purer Weisheit ist, hinab in der

Liebe Demutstiefe steiget, so genießet ihr ja denselben Lichtmorgen! Und unten in der Tiefe der Liebe weilet

er auch so wie hier, und ihr genießet ihn doppelt; denn dort ist nicht nur ganz dasselbe Licht, sondern auch

in der Liebe und Demut die Quelle des Lichtes und des Liebelebens daheim! Unten stehen die vollen Tische

zur Stärkung, Ernährung und Erhaltung des Lebens in seiner Ganzheit!‘

[GEJ.04_170,17] Dahin, o Herr, hast Du uns gezogen durch den wahren Kuß Deines heiligen Mundes, und

wir haben dann nicht mehr gesäumet, sondern sind Dir nachgelaufen und lieben Dich als nun Deine in aller

Liebe und Demut wahrhaft Frommen! – Herr, habe ich die Sache wohl recht aufgefaßt und dargestellt und

erraten den innern Sinn Deiner auf dem Berge ausgesprochenen Mahnworte?“

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171. K ap itel

[GEJ.04_171,01] Sage Ich: „Ganz vortrefflich! Wenn Ich Selbst dir und euch allen die Verse des Hohenliedes,

und damit vergleichend Meine Mahnworte, auf dem Berge erklärt hätte, so hätte Ich Mich sogar ganz dersel-

ben Worte bedient. Du hast demnach die gute Sache zu Meiner vollsten Zufriedenheit erörtert. Da du aber

nun schon der Hoheliedserklärer geworden bist, so könntest du dich nun etwa wohl mit ein paar Versen des

ersten Kapitels weiter versuchen! Oder ist jemand anders unter euch, der das vermöchte?“

[GEJ.04_171,02] Sagen alle: „Herr, wir vermögen es dennoch nicht, obwohl es uns vorkommt, als vermöchten

wir es!“

[GEJ.04_171,03] Sagt Simon: „O Herr, da hat‘s bei mir nun gar keinen Anstand mehr; das verstehe ich nun auf

einmal ganz gut, und sicher auch ganz richtig!

[GEJ.04_171,04] Ein weiterer Vers heißt: ,Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die

Hütten Kedars, wie die Teppiche Salomos.‘ Dies nun in unsere natürliche Zunge übertragen, kann doch

nichts anderes besagen als: ,Ich, der Herr, nun in der Welt bei euch blinden und vielfältigst hochmütigen

Menschen, bin von euch meistens ungekannt und von eurer hohen Welt tiefst verachtet, und in Mir aber

dennoch voll der tiefsten Demut und Sanftmut, Geduld und Liebe zu euch Töchtern Jerusalems!‘

[GEJ.04_171,05] Wer sind die Töchter Jerusalems? Diese sind der Hochmut, der Stolz, die Herrsch- und Hab-

sucht der Nachkommen Abrahams; das sind die gezierten Töchter Jerusalems, denen aber der verachtete,

also vor ihnen schwarze Herr, der erste Mensch aller Menschen, doch gnädig und barmherzig ist und lieb-

licher und liebevoller als die von außen gar elend aussehenden Hütten Kedars (Kai-darz), die aber inwen-

dig dennoch reichlichst ausgestattet waren mit allerlei Schätzen zum Verteilen unter die gerechten Armen

und Notleidenden und auch lieblicher denn Salomos wertvollste Teppiche, deren äußere Gesichtsseite ein

dunkelgrauer, härener Stoff war, das Untere und Inwendige aber die kostbarste indische Seide, mit feinstem

Golde durchwebt.

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_171,06] Weiter heißt es: ,Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin (vor euch Töchtern Jerusa-

lems); denn die Sonne (euer Weltstolz) hat mich verbrannt (vor eurem hochmütigen Weltangesichte)! Mei-

ner Mutter Kinder zürnen mit mir.‘ Wer anders kann Deine Mutter in Dir, o Herr, sein als Deine ewige Weis-

heit, so wie der Vater in Dir Deine ewige Liebe ist?! Deine Mutter ist auch gleich Deine ewige Ordnung, deren

mit Dir, o Herr, zürnende Kinder den ewig unendlichen Raum erfüllen und durch ihre Ordnung der großen

Unordnung der Kinder Israels zürnen.

[GEJ.04_171,07] Denn diese heilige Ordnung ,hat man zur Hüterin der Weinberge gesetzt‘, das heißt: Dein

Wille im Vereine aller Deiner Himmelsmächte hat den Menschen diese Ordnung gegeben durch Gesetze,

daß durch sie die Weinberge, das sind die Menschengemeinden, in der Ordnung der Himmel verblieben.

[GEJ.04_171,08] ,Aber meinen Weinberg, den ich hatte, habe ich nicht gehütet!‘ Das heißt soviel als: ,Meine

ewige, göttliche, unzugängliche Höhe und Tiefe habe Ich außer der Hut gesetzt!‘, – wovon hoffentlich für

jedermann Deine hier höchst zugänglichste Gegenwart doch das sprechendste Zeugnis gibt. Deine höchs-

ten und unzugänglichen und lichtvollsten Himmel hast Du verlassen, um hier in der tiefsten Demut, also

schwarz vor den Kindern dieser Erde, zu erscheinen und die gerechten Armen aber zu führen in Deine Kam-

mer, in die rechte Hütte Kedars. – O Herr, sage mir nun, ob ich wohl auch die von Dir noch nachverlangten

zwei Verse richtig beurteilt habe!“

[GEJ.04_171,09] Sage Ich: „Ganz richtig; darum gib uns noch die Erklärung des sechsten Verses zu den fün-

fen!“

[GEJ.04_171,10] Sagt Simon: „Dir ewig meine vollste Liebe und meinen innersten Dank, daß Du, o Herr,

mich jungen Burschen würdigest durch Deine Gnade und Liebe, hier jene tiefen Geheimnisse vor denen,

die Dich lieben, aufzudecken, die, seit sie geschrieben worden sind, bis jetzt noch niemand aufgedeckt hat!

Meine Seele freuet sich dieser Gnade über alle die Maßen. Es ist aber dennoch kein Hochmut darob in ihr;

im Gegenteile werde ich nur stets demütiger, je mehr ich Dein Alles und mein vollkommenes Nichts einsehe

und begreife. Aber Du, o Herr, weißt es ja, daß ich stets mit dem guten Humor etwas zu tun habe, und der

köstliche Wein stimmt mich noch mehr dazu, und so kann ich hier beim verlangten sechsten Verse schon

nicht umhin, so ernst er auch immerhin ist, einen kleinen Humor anzubringen!“

[GEJ.04_171,11] Sage Ich: „Rede du, wie dir Herz und Zunge gewachsen sind!“

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_171,12] Spricht Simon weiter: „Hätte Salomo oder seine mit aller Weisheit erfüllte Seele die Gele-

genheit gehabt, hier in unserer Mitte zu sein, so hätte sie den sechsten Vers sicher nicht niedergeschrieben;

denn im sechsten Verse sagt Salomo: ,Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhest

im Mittage, daß ich nicht hin und her gehen müsse bei den Herden deiner Gesellen!‘ Denn da hätte Dich

Salomos und durch ihn seines Volkes Seele, Deine Schafe weidend am Morgen, Mittage, Abende und auch in

der Mitternacht, sicher gefunden; also stets tätig und nicht allein im Mittage ruhend!

[GEJ.04_171,13] Ich meine, der ewige Mittag Deiner Ruhe – das ist jene unendlich lange Zeitendauer, in der

Du nicht, wie jetzt, Selbst mit den Menschen umgingst, sondern sie überlassen hast Deinen Gesellen, die

immer dümmer und hochmütiger geworden sind – sei nun vorbei, und ein neuer und ewiger Lebensmorgen

ist uns aufgegangen, und wer Dich erkannt hat, wird Dich wohl nimmer hin und her suchen bei Deinen nun

höchst dumm und träge gewordenen Gesellen.

[GEJ.04_171,14] Wie gedenkest Du, o Herr: habe ich auch wenigstens nur so im Vorbeigehen den rechten

Sinn berührt?“

[GEJ.04_171,15] Sage Ich: „Ganz vollkommen auch hier trotz des Humors, den du hier ganz passend hinein-

gemengt hast! Da wir aber nun gesehen haben, daß auch Salomos Hoheslied enthüllt werden kann und du,

Simon, selbst davon eine ganz andere Meinung überkommen hast, so soll uns nun auch dein Korrektor Gabi

etwas zum besten geben; und zwar möchte Ich Selbst aus seinem Munde den Grund vernehmen, warum er

denn für das Hohelied Salomos gar so eingenommen war, ohne es jedoch nur im geringsten verstanden zu

haben! – Gabi, öffne demnach deinen Mund und sage uns etwas!“

172. K ap itel

[GEJ.04_172,01] Gabi erhebt sich, macht eine tiefste Verbeugung und sagt dann mit einer sehr wackeligen

Stimme, die sogar den sonst höchst ernsten Römern ein gewisses Schmunzeln abnötigte: „O Herr und Meis-

ter! Ich habe nie Ruhm gesucht; denn das ist meine Sache nie gewesen, und darum suche ich auch hier um

so weniger einen Ruhm und will eigentlich schon in meinem ganzen Leben keinen Ruhm, und weil ich kei-

nen Ruhm suche und will, so rede ich lieber nichts und bleibe still! Bin nun mit meiner Rede auch schon zu

Ende!“

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_172,02] Sagt unwillkürlich darauf Simon: „Oho, ja was ist denn das? Du hast sonst ja gerne viel

geplaudert, hast dich überall als ein Hauptredner hervortun wollen und gerade eine Berühmung nicht ver-

schmäht?! Merkwürdig!“

[GEJ.04_172,03] Sagt Gabi: „Was ich tue, das tue ich, und du brauchst dich darum eben gar nicht zu beküm-

mern! Unter Menschen allein ist leicht reden; hier aber ist Gott und sind Engel gegenwärtig, und da soll

keines Menschen Stimme irgend zu vorlaut werden, sondern ganz demütig und bescheiden schweigen! Ich

heiße Gabi, der Stille, und nicht Simon, der Vorlaute!“

[GEJ.04_172,04] Sagt lächelnd Cyrenius: „Aha, HINC ILLAE LACRIMAE! Schau, schau, der junge Mann sucht

keinen Ruhm und scheint darob aber doch sehr ungehalten, weil sein Gefährte Simon mit der Erklärung des

Hohenliedes, o Herr, Dein Wohlgefallen erworben hat! Wahrlich, das gefällt mir vom Gabi durchaus nicht!“

[GEJ.04_172,05] Sagt sogar die Jarah: „Mir gefällt das auch nicht! Denn ich habe nur darum nun eine große

Freude, so ich bei jemandem merke, wie des Herrn Liebe und Gnade in seiner Seele sich wundersam zu of-

fenbaren beginnt; aber die Duckmauserei einer Seele ist etwas Widriges. Wer vom Herrn aufgefordert wird

zu reden, will aber etwa aus falscher Scham nicht und sagt, daß er keinen Ruhm suche, der lügt sich und alle

andern an, und das Lügen ist etwas sehr Häßliches!“

[GEJ.04_172,06] Sagt nun abermals Simon: „So erhebe dich und rechtfertige dich vernünftig, und gib dem

Herrn Antwort auf Seine heilige Frage!“

[GEJ.04_172,07] Hier erhebt sich Gabi wieder und bittet um Entschuldigung, daß er ehedem so dumm sei-

nen Mund vor dem Herrn geöffnet habe. Er wolle nun antworten, wenn es dem Herrn noch genehm wäre.

[GEJ.04_172,08] Sage Ich: „Nun, so rede! Denn Ich habe Meine an dich gerichtete Frage noch lange nicht als

ungültig zurückgenommen; im Gegenteile harren wir noch alle auf irgendeine bescheidene Antwort von dir!

Rede du demnach, und gib kund, was du weißt!“

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_172,09] Sagt Gabi: „Da mir die Frage in bezug auf meine Liebhaberei des Hohenliedes Salomos,

trotzdem ich es auch nicht verstehe, gegeben ward, so will ich den Grund von solch meiner Liebhaberei hier

wohl offen kundtun, obwohl ich am Ende selbst der Wahrheit gemäß bekennen muß, daß ich dafür eigent-

lich gar keinen Grund hatte, das heißt, ich meine, einen guten Grund, sobald ich von einem Grunde rede;

denn etwas Dummes und eigentlich Schlechtes kann nie als ein eigentlicher Grund zu einem Sichverhalten

als geltend angesehen werden, weil etwas Schlechtes ein purer Sand ist, der nie als ein haltbarer Grund zu

einem Hause, geistig oder naturmäßig genommen, dienen kann. Nun, was war denn hernach der eigentliche

Urgrund zu meiner Salomonischen Hohenliedsliebhaberei? Nichts als eine heimliche, nun mir ersichtlich

große Dummheit und Eitelkeit!

[GEJ.04_172,10] Ich wollte als ein weiser und der Schrift bestkundiger Mann nicht nur bei meinen Gefähr-

ten, sondern auch bei all den übrigen Menschen gelten und hatte mir darum aus der ganzen Schrift gerade

das als eine Lieblingsbetrachtung auserwählt, von dem ich überzeugt war, daß es von der ganzen Schar der

Schriftgelehrten ebensowenig wie von mir selbst verstanden wurde. Ich war aber sehr pfiffig und tat zum

Scheine so ganz klug, ernst und weise.

[GEJ.04_172,11] Man fragte mich oft, wenn man mich im Hohenliede mit falschfröhlicher Miene herumle-

send fand, ob ich denn wirklich des Liedes unentwirrbare Mystik verstehe. Meine Antwort lautete ganz kurz:

,Welch ein Narr liest wohl anhaltend, was er unmöglich verstehen kann?! Verstünde ich die höchste Mystik

des Liedes nicht, würde ich wohl auch der Narr sein, sie zu lesen, und rührete das Gelesene mein Gemüt, so

ich‘s gleich euch nicht verstünde?!‘ Man drang in mich, man beschwor mich, ja man kam mir mit Drohun-

gen, daß ich mein Verständnis wenigstens dem Hohenpriester kundgäbe. Aber es half all das nichts; denn

ich verstand mich auf Ausreden und Entschuldigungen aller Art und war daher durch nichts zu bewegen,

von meinen Geheimnissen irgend etwas zu verraten, was um so leichter war, weil ich wirklich keine besaß.

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_172,12] Nur Simon, als mein intimster Freund, wußte, aber nur zum Teil, wie es mit meiner Salo-

monischen Weisheit aussah. Er hielt es mir oft vor und bewies es mir, daß ich mit Salomos Hohemliede

entweder mich selbst oder die Welt für einen Narren halte. ,Denn‘, sagte er mir oft, ,mit deinen sonst in allen

Dingen beschränkten Kenntnissen und Erfahrungen, wirst du darum etwa das Hohelied verstehen, weil du

es höchst mühsam auswendig gelernt hast?!‘ Allein, ich suchte ihn aber dennoch dadurch auf einen halben

Glauben zu bringen, daß ich sagte, daß ich eben für jene tiefsten, unklarsten und verworrensten Geheim-

nisse darum die höchste Vorliebe habe, weil ich mir dahinter etwas ungeheuer Großes vorstelle. Das glaubte

mir Simon doch am Ende; aber er irrte sich dennoch ganz gewaltig. Denn bei mir selbst war ich ein Feind der

Salomonischen Weisheit, durch die er am Ende ein Götzendiener ward.

[GEJ.04_172,13] Nun wollte ich zwar wohl niemanden mehr täuschen, aber ich wollte mich gerade auch

nicht unnötigerweise dahin enthüllen, als habe ich ehedem die Menschen nur stets zu täuschen gesucht,

um, offen gestanden, dereinst ein tüchtiger Pharisäer zu werden, was denn für meinen erst jetzt seit drei

Tagen ganz aufgegebenen Sinn sicher nichts Kleines war; denn je pfiffiger und verschlagener ein Pharisäer

ist, in einem desto größeren Ansehen steht er nun beim Tempel.

[GEJ.04_172,14] Ich wollte der ganzen Dummheit eigentlich schon ohnehin nimmer gedenken und wollte

sie so ganz im stillen total fallen lassen; aber da ich von Dir, o Herr, nun aufgefordert worden bin, mich zu

entäußern, nun, so habe ich mich denn jetzt auch der Wahrheit gemäß entäußert und es weiß nun ein jeder,

wie es mit mir gestanden ist, und wie es nun mit mir steht. Ich war in diesem Falle wohl höchst eigensin-

nig, und es war mit mir da eben nicht viel anzufangen; aber jetzt bin ich ganz vollkommen in der besten

Ordnung, erkenne das allein wahre Licht alles Lebens und werde auch nie je wieder jemanden zu täuschen

versuchen.

[GEJ.04_172,15] Habe ich mich aber nun in des Herrn Gegenwart etwas ungeziemend benommen, so bitte

ich zuerst Dich, o Herr und Meister, wie auch alle Deine Freunde groß und klein, aus dem tiefsten Lebens-

grunde um Vergebung! Denn ich wollte durch mein erstes Schweigen ja doch niemand schaden, sondern

bloß nur so ein wenig meine alte Schande zudecken. Es ging dieses aber hier vor Deinem heiligen, allsehen-

den Auge nicht an, und also habe ich mich denn gezeigt, wie ich war, und wie ich nun bin. Und damit wäre

ich aber auch mit meiner Rede wider mich vollkommen zu Ende und weiß nun von nichts weiterem mehr.“

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9 Hinweise aus dem GEJ
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173. K ap itel

[GEJ.04_173,01] Sage Ich: „Das war für dich allein nun höchst gut, daß du dich nun also vollkommen ent-

äußert hast; aber alles dessen ungeachtet mußt du noch eines sagen und treu kundgeben, – aber wieder

nicht Meinet-, sondern allein deinetwegen! Siehe nun, als du dich in und für den Tempel einweihen ließest,

glaubtest du denn damals an gar keinen Gott, da du dich sogleich auf den Betrug zu verlegen begannst und

alle deine Sinne nur darauf richtetest, ein so recht mit allen Tücken durch- und abgedrehter Pharisäer zu

werden? Hatte es dir denn niemand gesagt, daß ein Pharisäer denn doch nur ein dem Aaron folgender Pries-

ter und Gottesdiener ist und nie ein selbst- und herrschsüchtiger Menschenbetrüger? Wie hast du einen so

grundbösen Sinn in deinem Herzen je aufkeimen lassen können?

[GEJ.04_173,02] Ist denn den Menschen nützen, wo nur immer möglich, nicht schon an und für sich ein

allerherrlichster Grundsatz des Lebens, den sogar die alten heidnischen Weisen stets in den größten Eh-

ren gehalten und beachtet haben?! Sagte nicht ein Sokrates: ,Willst du, Mensch, in deiner Sterblichkeit die

Götter würdigst ehren, so nütze deinen Brüdern; denn sie sind wie du der Götter köstlichstes Werk! Liebst

du die Menschen, dann opferst du den Göttern allen, die gut sind, und die bösen werden dich darum nicht

züchtigen können!‘ Die Römer sagten: ,Lebe ehrbar, schade niemand und gib jedem das Seine!‘ Siehe, so

urteilten die Römer, die Heiden waren; wie hast denn du hernach als ein Jude einen gar so höllischen Sinn

fassen können?

[GEJ.04_173,03] Konntest du dir‘s denn nicht wenigstens so ein bißchen nur denken, daß es doch irgendei-

nen Gott geben muß, der nichts anderes denn nur das Gute wollen kann und der den Menschen nicht nur

für die kurze Spanne dieses Erdenlebens, sondern für die Ewigkeit erschaffen hat?! Siehe, darüber mußt du

Mir nun noch eine streng wahre Rechenschaft führen und dich dessen völlig entäußern! Und so rede nun!“

[GEJ.04_173,04] Sagt Gabi: „Gott, Herr und Meister von Ewigkeit, hätte ich je irgendeine Gelegenheit gehabt,

nur den hundertsten Teil von dem zu vernehmen, was ich hier in diesen allermerkwürdigsten drei Tagen

vernommen habe, so hätte ich sicher keinen gar so elenden Sinn gefaßt; aber – EXEMPLA TRAHUNT –,

was auch die Römer erfunden haben – ich hatte ja derlei Beispiele und Muster vor mir, die schlechter als

schlecht waren! Und diese schlechten Beispiele und Muster befanden sich ganz gut dabei, und zwar stets um

so besser, je mehr sie die Kunst besaßen, das Volk allerdickst zu prellen und hinters Licht zu führen.

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_173,05] Denn sie sagten: Die Natur – nicht etwa Gott, der nichts denn eine alte Menschendichtung

sei – habe dem helleren Menschen schon von der Wiege an einen Fingerzeig gegeben, daß er sich, wenn er

wahrhaft gut leben wolle, vor allem die Dummheit der Menschen zugute machen solle; wer das nicht ver-

stünde, der bleibe ein Narr sein Leben lang und solle auch als nichts anderes als ein mit einiger Vernunft

begabtes Menschenlasttier verbleiben und sich nähren von Dornen und Disteln und liegen auf Stoppeln!

[GEJ.04_173,06] Als Volkslehrer solle man nur dahin besorgt sein, daß die gemeinen Menschenlasttiere

stets im allerdicksten Aberglauben erhalten würden! Solange dies bezweckt würde, würden die eigentlichen

Geistmenschen gut zu leben haben; sowie man aber jenen die Wahrheit zeigen und sie ans Licht führen wür-

de, da würden die eigentlichen Geistmenschen selbst Haue, Pflug, Spaten und Sichel in die Hand nehmen

und im Schweiße ihres Angesichtes das mühevolle, harte Brot verzehren müssen.

[GEJ.04_173,07] Der rechte Mensch müsse es so weit zu bringen trachten, daß er von den Menschenlasttie-

ren wenigstens als ein Halbgott angesehen werde. Habe er es dahin gebracht, so verschließe er sein Licht

wie ein ägyptisches Grab und umgebe sich mit allerlei falschem Schimmer und betäubendem Dunste; da

würden ihn die Menschenlasttiere bald förmlich anzubeten anfangen, und das um so mehr, wenn er ihnen

von Zeit zu Zeit irgendeinen scheinbaren Nutzen erweise. Kurz, er müsse den Menschenlasttieren ganz

grundvoll, aber immerhin falsch, zu beweisen imstande sein, daß es ihnen zum unschätzbaren Heile gerei-

che, wenn sie vom vermeinten Halbgotte blau- und mitunter sogar totgeschlagen würden!

[GEJ.04_173,08] Man gebe ihnen harte Gesetze und setze als Sanktion darauf die schärfsten zeitlichen und

allermartialischst angedrohten ewigen Strafen und verheiße dem treuen Befolger der Gesetze nur kleine ir-

dische Vorteile, aber desto größere ewige nach dem Tode, – und man stehe dann als ein wahrer Mensch vor

all den zahllosen Menschenlasttieren da! Verstünden es seine Nachfolger, den Pöbel in der Nacht des dicks-

ten Aberglaubens zu erhalten, so würden ihn Jahrtausende nicht aufhellen; verstünden sie aber das nicht, so

würden sie als Betrüger der Menschen ehest gar jämmerlich das Weite zu suchen bekommen!

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9 Hinweise aus dem GEJ
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[GEJ.04_173,09] Moses und Aaron seien solche wahren Menschen gewesen, die durch ihren geweckten Ver-

stand und durch ihre vielen Kenntnisse des israelitischen Volkes Schwächen bald abgelauscht hätten, sich

als Führer und Beglücker desselben Volkes aufgeworfen und es durch eine fein ausgedachte, aber großar-

tigste Prellerei derart vernagelt hätten, daß das Volk noch heutzutage ebenso dumm sei, wie es am Fuße des

Sinai vor nahe tausend Jahren gewesen sei und vielfach noch mehrere Jahrtausende also verbleiben werde.

Im Grunde aber sei das dennoch auch eine Wohltat fürs Volk; denn der Mensch sei vom Anfange an eine

faule Bestie und müsse deshalb mit einem eisernen Zepter beherrscht und mit Ruten zum Guten gepeitscht

werden!

[GEJ.04_173,10] Herr, was ich hier kundgegeben habe, ist keine irgend eitle Dichtung meiner Einbildungs-

kraft, sondern volle Wahrheit! Das ist eines jeden vollkommenen Pharisäers innere Anschauung der göttli-

chen Offenbarung, die stets desto wertvoller sei, je unverständlicher sie sei. Salomos Hoheslied hätte gerade

so den rechten Zuschnitt; auch die Propheten samt dem Moses hätten viel des sehr Brauchbaren! Und das

war denn auch ein Mitgrund, warum ich mich denn so ganz besonders auf das Hohelied geworfen habe.

[GEJ.04_173,11] Ich bin nun wieder zu Ende und glaube, hinlänglich bewiesen zu haben, daß meine früheren

Gesinnungen unmöglich anders sein konnten; denn wie der Unterricht, so der Mensch, und also auch sein

Wille und seine Tätigkeit! Daß ich nun mit der tiefsten Verachtung auf solch einen echt höllischen Unter-

richt zurückblicken kann, versteht sich wohl von selbst! Ich erwarte aber auch nun von Dir, o Herr, daß Du

mir, infolge Deiner Liebe und Weisheit, dies mein hier treu und wahr kundgegebenes Denken und Handeln

gnädigst nachsehen und vergeben wirst!“

[GEJ.04_173,12] Sage Ich: „Wie könnte Ich dir‘s vorenthalten, da du doch selbst all dies Höllenwerk aus dir

für immer verbannt hast? Und Ich ließ ja eben aus dem Grunde dich alles dessen laut vor uns allen entäu-

ßern, auf daß dein Herz vollkommen frei würde und du nun ganz vom innersten Lebensgrunde der vollsten

Wahrheit angehören kannst! Zugleich aber habe Ich damit auch den Zweck verbunden, daß alle hier Anwe-

senden aus dem Munde treuer Zeugen vernehmen sollen, wie das Pharisäertum in dieser Zeit durchgängig

bestellt ist, und wie es sonach notwendig war, daß Ich Selbst persönlich in diese Welt kommen mußte, auf

daß nicht alle Menschheit verderbe und zugrunde gehe. – Nun aber vergleichet euch, ihr beiden, auch voll-

kommen wieder, und Simon soll nun seine innerste Ansicht über Mich uns allen kundtun!“

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