Sie sind auf Seite 1von 88

Die geistlichen Ströme

(Die Heimkehr des Menschen zu Gott)

Dieses PDF wurde von


André Rademacher
erstellt
PDF mit Index - Navigation und
Lesezeichen.
Schalter und Hinweise sind im Druck
nicht sichtbar.

Madame J. M. B. de la Mothe Guyon

Edel-Teschenbuch 47 ISBN 387598-1472


Originaltitel: LES TORRENS SPIRITUELS Köln, 1704 und 1720
Mit Approbation und Privllegien
Vierte deutsche Auflage Erste vollständige Übersetzung von R.-F. Edel
© by Oekumenischer Verlag Dr. R.-F. Edel • Marburg a. d. Lahn 1978 Gesamtherstellung:
Buchdruckerei H. Rathmann • Marburg a. d. Lahn
Vorwort
Von Frau Jeanne Marie Bouvier de la Mothe Guyon (Guion), die 1648 bis 1717 lebte,
gibt es 39 Bände hochaktueller und segensreicher Schriften. Eine davon, „Die heilige
Liebe Gottes und die unheilige Naturliebe“, übersetzte Gerhard Tersteegen 1751.
Dieses Buch wurde 1787 und später wieder neu von der Liebenzeller Mission, und in
dritter Auflage mit einer Einführung von Prof. Walter Nigg in Harfe-Verlag, Aarburg /
Schweiz herausgegeben.
Die „Geistlichen Ströme“ sind ihr Erstlingswerk, das sie in Gehorsam gegen ihren
Seelsorger aufschrieb, nachdem sie den inneren Drang zum Schreiben lange als
Versuchung unterdrückt hatte. Wie sie selbst Mitteilt, ist ihr dieses Büchlein aus der
Feder geflossen wie diktiert. Schon 1704 wurde es in Köln gedruckt und erhielt 1720
eine Neuauflage. 1817 erschien in Stralsund die erste deutsche Übersetzung, spätere
Neuauflagen 1921 und 1973.
Viele Theologen würdigten die „Mystik" und wiesen auf sie hin als „den Gipfel der
Wissenschaft“, und sorgten in ihren großen und kleinen Lehrbüchern dafür, daß man
Zugang zu ihr finde. So unter anderem Anselm, Abalard, Albertus Magnus, Thomes
von Aquin, Bonaventura, Luther, Hutter, Johann Gerhard und Calixt.
Frau von Guyon war mit Erzbischof Franz von Salignac de la Mothe Fenelon geistlich
verwandt und befreundet. Ihr geistliches Vermächtnis, wie wir es in den „Strömen“
haben, ist überzeitlich, geistlich „klassisch“. Es ist kein Buch der Kirchenlehre, auch
kein „Lehrbuch“, sondern vermittelt als geistliches Lesebuch Willensimpulse und
Hilfen für den praktischen Weg der Nachfolge Jesu. Es ist gleichsam ein Reiseführer
auf dem Weg des wandernden Gottesvolkes und gibt Orientierungshilfen. Darüber
hinaus gibt es viele Ermutigungen und Willensstärkungen. Wie bei allen klassischen
Büchern wird man „die Ströme“ immer wieder lesen und jedesmal neues Licht für den
neuen Wegabschnitt des eigenen Lebens daraus empfangen. Mir scheint dieses Buch
eine groβe Hilfe und Ergänzung in der so genannten charismatischen geistlichen
Erweckung und Erneuerung zu sein. Es hilft den Weg des Kreuzes und Gehorsams
nicht aus dem Auge zu verlieren und macht neuen Mut, ihn zu gehen, damit das
geistliche Wachstum vom „Kindesalter“ zum „Mannesalter in Christus“ nicht
gehindert wird. Zum eigenen Gewinn und Nutzen gebraucht man dieses
seelsorgerische Buch nur, wenn man den Blich auf Jesus und das Reich Gottes richtet
und ihm Hilfen und Stärkung die Nachfolge und Liebe zu Jesus und den Willen zur
Hingabe und Treue entnimmt. Sobald man auf sich selbst statt auf Gott sieht, und sich
„den Puls fühlt“, sich mit Hilfe dieses Buches reich rechnet oder seinen eigenen
Standort zu bestimmen sucht, betrügt man sich selbst und gerät in Irrtum. Das sollte
man auch nach dem Lesen dieses Buches noch bedenken. Im günstigsten Fall kann
unser Seelsorger unseren inneren Standort beurteilen, jedenfalls niemals wir selbst.

IB Lobeta, Ostern 1978 Reiner-FriedeMann Adel


Zum Geleit
Wer Frau von Guyon gewesen, lehrt uns ihre auch in deutscher Sprache nicht
unbekannte Lebensbeschreibung. Daß sie eine gottselige Frau war, das bezeugt und
beweist recht gründlich und umständlich der unlängst verstorbene und gelehrte
Tübinger Professor Weismann. „Nachdem sie“, sagt derselbe u. a., „durch die lange
Erfahrung erkannt, daß nur eine gezwungene, äußere, dürre und unfruchtbare Andacht
allerorten im Schwange ging, anstatt der inneren, freien und heilsamen Weise, Gott zu
dienen durch den Weg das Herzens, das Glaubens und der Liebe; so hat sie diesen in
der ganzen Kirche herrschenden Fehler freimütig getadelt und sowohl mündlich als
schriftlich zu dessen Erkenntnis und Verbesserung eine Anleitung zu geben sich
bemüht“. Darum hat man sich gar nicht daran zu stoßen, daß sie von ihren Feinden als
eine mit Irrlehren behaftete Person gescholten, verfolgt und über acht. Jahre lang im
strengen Gefängnis gehalten worden ist. Sie war unschuldig; und ihre Hauptverfolger
müssen es gewußt haben, daß sie unschuldig litt. Die Schreibweise und manche
Ausdrücke werden vielleicht einigen Lesern ungewohnt, unverständlich oder gar
bedenklich vorkommen, deshalb, weil sie ungewöhnlich sind. Aber wenn man nur,
sowohl bei Lesung der Helligen Schrift, als anderer erleuchteten Seelen Zeugnissen,
bei dem, was man versteht, anfängt und erst in die Ausübung und Erfahrung der
Sachen selbst eingeht, dann wird man schon hernach und immer mehr auch die Worte
verstehen, und solche recht wichtig und richtig befinden. Unsere Verfasserin hat vieles
in ihren Schriften niedergelegt, was von Paulus (1. Kor. 2, 7) die heimliche, verborgene
Weisheit Gottes für die Vollkommenen genannt wird. So kann man leicht vermuten,
da die Ausdrücke auch bisweilen danach eingerichtet sind. Es müssen aber deshalb die
Sachen und Redewendungen dieser Lehre nicht von Unerfahrenen getadelt werden;
wie denn eine jede Wissenschaft und Kunst ihre eigenen Kunstwörter oder
technischen Ausdrücke hat, die einem anderen, der die Kunst nicht versteht, dunkel
und seltsam vorkommen. Fürwahr, die Kunst der Liebe, die so ganz zum Herzen
gehört, läßt sich noch viel weniger als einige andere einschränken. Sie will und sie muß
aus der Fülle des Herzens nacht ihrer freien und brünstigen Art das ausdrücken, was
sie fühlt. „Wer setzt dem, der da liebt, je solche Schranken, Da er in Worte nicht
ausbreche frei? Soll Liebe reden denn nach den Gedanken Das, der noch nie gefühlt,
was Lieben sei?“ So spricht nachdenklich der fromme holländische Prediger
Lodenstein, und Gleiches meint der heilige Bernhard, wenn er über das Hohelied sagt:
„Hier in diesem Buch redet die Liebe. Wer es verstehen will, was er liebt, der liebe. Ein
kaltes Herz versteht keine feurige Rede. Denn gleichwie, wer die griechische Sprache
nicht kann, den nicht versteht, der griechisch redet und wer kein Lateiner ist, den nicht
versteht, der lateinisch redet, also ist auch die Sprache der Liebe dem, der nicht liebt,
eine fremde Sprache“.
Mülheim a. d. Ruhr, Ostern 1751 Gerhard Tersteegen
Inhaltsverzeichnis

Erster Teil:

Der Ströme Lauf zum Meer— der Menschen Heimkehr zu


Gott:
Gott zieht die Menschen in seine Gemeinschaft.
Auf verschiedenen Wegen folgen sie ihm
I. Der aktive Lichtweg: die wirkende Betrachtung
II. Der passive Lichtweg: Gaben das Geistes,
Gnadenwirkungen und Kräfte
III. Der Nachtweg: der nackte Glaube
1. Gott im Herzensgrund
2. Die Verwöhnung
3. Die Entwöhnung
4. Die Enteignung
A. Die Entzierung
B. Die Enthüllung
C. „Nun lebe nicht mehr ich“ (Gal. 2, 20)
a) Die Entschönung
b) „Mit Christus gestorben“ (Mar. 6, 8)
c) „Mit Christus begraben“ (Röm. 6, 4-6)
(Begräbnis, Verwesung und „Vernichtigung“)

5. „Mit Christus auferstanden" (Um. 6, 11)


„Christus lebt in mir“
(Gal. 2, 20) (Wiederbelebung, Einigung und Lehen in Christus)
Schlußzeilen

Zweiter Teil:

Der Strom im Meer — das Menschen Leben in Gott:


I. Freiheit
II. Friede
III. „Entwerdung"
IV „Teilhaftig der göttlichen Natur" (2. Petr. 1, 4)
Erster Teil INDEX

DER STRÖME LAUF ZUM MEER —

DER MENSCHEN HEIMKEHR ZU GOTT

„Es soll aber das Recht daherfluten wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie
versiegender starker Strom“! Amos 5, 24 Gott zieht die Menschen in seine
Gemeinschaft. Auf verschiedenen Wegen folgen sie ihm.

Was den Weisen und Klugen verhüllt geblieben bis auf den heutigen Tag, ist
aufgeschlossen worden den Einfältigen und Unmündigen: die Gerichte Gottes, die er
verhängt über die Menschenkinder; die Wege, welche er die Menschen führt, die nach
ihm verlangen! Was ist offener und unerforschlicher zugleich als das Meer! Was ist
offenkundiger und verschlungener zugleich als der Lauf der Ströme. . . .

Ich sehe sie, diese groβen Wasser! Ich sehe und höre sie, diese lauten und rauschenden
Ströme. Sie fallen von den Bergen; sie reisen durch die Fluren; sie stürzen von Fels zu
Fels; sie zerteilen sich, um sich wieder zu vereinen; sie verlieren sich, um bald wieder
hervorzubrechen mit verstärkter Kraft; sie verfolgen rastlos ihren Lauf, bis sie endlich
anlangen in dem allgemeinen Meer...

Das ist der Lauf der Menschen, die zu Gott heimkehren.


Wenn ein Mensch von Gott nach der ersten Reinigung berührt ist, wenn er seine
Sünden bekannt hat und bereut, schenkt Gott ihm einen sicheren inneren Zug, nun
völlig zu ihm zurückkehren und sich mit ihm zu vereinigen, „in Christus“ zu sein. Er
fühlt nun, daß er nicht für die Amüsements und Bagatellen der Welt geschaffen ist,
sondern daß er einen Mittelpunkt und ein Ziel hat, wohin er zurückkehren muß, und
ohne das er niemals die wahre Ruhe finden kann (Psalm 42, 2).
Diese Sehnsucht ist mit sehr starker Macht in den Menschen gelegt, in Manchen mehr,
in anderen weniger, gemäß dem Plan Gottes. Alle aber haben eine liebenswürdige
Ungeduld, sich zu reinigen und jedes nötige Mittel zu ergreifen, um zu ihrer Quelle, zu
ihrem Ursprung zurückzukehren. Sie sind Flüssen zu vergleichen, die, nachdem sie aus
ihren Quellen hervorgegangen sind, in ununterbrochenem Lauf eilen, um sich in das
Meer zu stürzen. Von all diesen Flüssen fließen die einen bedächtig und langsam,
andere wieder mit größerer Eile. Aber es gibt auch Bäche und Flüsse, die mit
Furchterregendem Ungestüm dahinstürzen und die nichts aufhalten kann. Alle Lasten,
die man ihnen zu tragen geben könnte und alle Dämme, die man baut, um ihren Lauf
zu hindern, dienen zu nichts, als ihre Wildheit zu verdoppeln.
So ist es mit den von Gott berührten Menschen. Die einen gehen langsam der
Vollendung entgegen und erreichen das Meer gar nicht oder sehr spät. Sie begnügen
sich damit, sich in einen sehr großen und mächtigen Fluss zu verlieren, der sie mit sich
in das Meer trägt. Andere eilen schneller und zielstrebiger als die ersten. Sie nehmen
eine Menge kleiner Flüsse in sich auf und führen sie mit. Aber sie sind noch langsam
und träge im Vergleich mit den dritten, die mit solcher Gewalt fortstürzen, dass sie
kaum einmal für irgendeinen Zweck taugen. Man wagt weder, auf ihnen Kahn zu
fahren, noch vertraut man ihnen irgendwelche Handelsgüter an, es sei denn nur
streckenweise und nur zu gewissen Zeiten. Dies ist ein närrisches, verwegenes Wasser,
das an die Felsen schlägt, mit schrecklichem Getöse dahinbraust und sich von nichts
aufhalten läßt. Die zweite Art von Gewässern dagegen ist viel gefälliger und nützlicher:
ihre bedächtige Würde gefällt, und sie sind mit Gütern ganz beladen, denn man kann
auf ihnen ohne Furcht und Gefahr fahren.

Mit Hilfe der Gnade wird es möglich und nötig sein, diese drei Kräfte der
verschiedenen Personen unter den drei Bildern, die ich eben vorangestellt habe, zu
erkennen. Wir beginnen bei dem ersten, um glücklich mit dem letzten zu schließen.

I. DER AKTIVE LICHTWEG INDEX

(Die wirkende Betrachtung)

Diese erste Art von Menschen sind solche, die sich nach ihrer Bekehrung der
Betrachtung (Bibel-Meditation) und den Werken der Nächstenliebe widmen. Sie sind
streng gegen sich selbst, aber mehr äußerlich. Sie sind bemüht, sich Stück um Stück zu
reinigen und gewisse offensichtliche Sünden zu vermeiden. Sie arbeiten gemäß ihrer
kleinen Kraft, um weiter zu kommen, aber schwach und mit geringem Erfolg.
Da ihre Quelle nicht überreichlich fließt, läßt jede Dürre sie gewissermaβen
austrocknen. Es gibt Zeiten, besonders in Trockenperioden, wo sie ganz versiegen. Sie
hören zwar nicht auf, der Quelle zu entspringen, aber sie fließen so schwach, daß man
es kaum wahrnehmen kann. Diese Flüsse tragen keine oder nur wenige Güter. Und
wenn es nötig wird, daß man ihnen etwas aufbürdet, muß man durch Künstliches der
Natur nachhelfen, und Mittel finden, sie zu vergrößern, sei es durch Bau von
Stauwerken oder durch das Zusammenlegen mehrerer gleichgearteter Flüsse: vereint
zusammen haben sie durch die gegenseitige Ergänzung genug Wasser, wenigstens
kleinere Boote zu tragen. Wenn sie auch nicht selbst ins Meer gelangen, so münden sie
doch in einen der Mutterflüsse, von denen wir noch sprechen werden.
Diese Menschen sind gewöhnlich zu wenig um ihr Inneres bemüht. Sie wirken nach
außen und betreiben kaum mehr als die Betrachtung und holen aus Bibel, Gebet und
Gottesdienst nur für sich selbst die nötige Kraft. Auch sind sie großen Aufgaben nicht
gewachsen. Sie führen gewöhnlich keine Güter mit sich, d.h., sie haben nichts für
andere von Gott, und er kann sie auch höchstens dazu gebrauchen, kleinere Boote zu
tragen, d.h., für einige Werke der leiblichen Barmherzigkeit. Auch zu diesem muß
ihnen die Fähigkeit verliehen werden, es müssen ihnen entweder sinnliche Gnaden wie
Dankbarkeit und Freude geschenkt werden, oder aber sie müssen mit ähnlichen
Menschen in geistlichen Vereinen oder Bewegungen verbunden werden, wo sie in
dieser Gemeinschaft zusammen es nicht unterlassen, die eine oder andere Last zu
tragen, zwar nicht ins Meer, welches Gott ist, zu welchem sie in diesem Leben nie
gelangen, wohl aber in einen der herrschenden Ströme.

Es ist aber nicht so, daß diese Seelen nicht auch auf diesem Weg das Heil erlangen. Es
sind dort sogar eine ganze Anzahl vortrefflicher Menschen, die den Weg der Tugend
gehen, aber nicht weiterschreiten. Gott gibt ihnen das Licht, was sie brauchen. Und sie
sind von solcher geistlicher Schönheit, daß sie von allen bewundert werden, die ihr
geistliches Leben auf die gewöhnliche Weise führen. Es gibt aber auch einige, die am
Ende ihres Lebens vom Licht des Leidens empfangen, gemäß ihrer Treue, die sie auf
ihrem Weg erwiesen haben. Gewöhnlich aber treten sie nie aus sich selbst heraus. Alle
ihre Gnaden und ihr Licht, weil diese von erschaffener Art und ihrem
Aufnahmevermögen entsprechend sind, werden unterschieden, wahrgenommen und
begleitet von Wallungen der Inbrunst (Glut). Je mehr aber diese Lichter
unterschieden, aufgenommen und von Inbrunst begleitet sind, desto mehr hängen sich
diese Menschen daran, und sie finden daher in diesem Leben nicht das Größere,
sondern begnügen sich mit den Gaben.

Im günstigsten Fall üben diese Menschen die Uneigennützigkeit aus. Sie unternehmen
tausend heilige Unternehmungen und tausend Tugenden mit großen Praktiken, um
Gott näher zu kommen, um sich in der Gegenwart Gottes zu erhalten. Dies alles
jedoch geschieht auf Grund ihrer eigenen Anstrengungen, unterstützt und gefördert
durch die Gnade. In diesen Menschen scheint das eigene Wirken das Wirken Gottes
zu überwiegen, und Gottes Wirken verhält sich zu ihrem eigenen nur nachhelfend und
verstärkend.

Ich glaube, wenn jemand diese Menschen zu einem höheren Gebet führen wollte, es
wurde ihm mißlingen. Erstens deshalb, weil diese Menschen nichts Übernatürliches
erhalten, es sei denn nach dem Maß ihrer Anstrengungen. Wenn man ihnen diese
nimmt, so hemmt man auch den Strom der Gnaden. Sie sind den Pumpen gleich, die
nur Wasser geben, solange man sie in Bewegung setzt. Als zweites kommt dazu, daß
ihnen eine große Leichtigkeit zu vernünfteln eigen ist, eine Fertigkeit, sich mit eigenen
Kräften zu helfen, ein immer starker Tätigkeitsdrang, eine große Findigkeit, immer
neue Hilfen zur Vervollkommnung herauszufinden. In eine den Dürrezeiten haben sie
aber Ängstlichkeit, diese Hilfen wieder zu verlieren und eine Ungeduld, ihre Fehler
loszuwerden.
Ebbe und Flut wechseln fort und fort in diesen Menschen. Einmal stehen sie in der
Wundermacht Gottes, ein andermal scheinen sie gar kein Leben mehr in sich zu
haben. Und diejenigen, die eben noch flogen, beginnen zu kriechen. Nie ist ihr Gang
gleichmäßig, ihre Hochstimmung von Dauer. Da ihr Gebet hauptsächlich aus ihrer
eigenen Kraft kommt, also aktiv ist, so braucht nur diese Kraft einmal nachzulassen
(durch schwindende Aktivität oder Nachlassen der Mitwirkung Gottes): sofort fallen
sie in Mißmut oder Verzagtheit oder sie zermartern sich in Selbstvorwürfen und
Anstrengungen, um das aus eigener Kraft wieder zu finden, was sie verloren zu haben
scheinen. Sie haben niemals jene heitere Meeresstille, jenen tiefen Frieden, jene „Ruhe
das Volkes Gottes“ (Hebr. 4, 9+ 10), deren andere Menschen selbst mitten in
Zerstreuungen sich erfreuen. Im Gegenteil, sie ereifern sich über solche
Zerstreuungen, sie zerarbeiten sich, um sie loszuwerden und hören nicht auf, darüber
zu wehklagen. Gewöhnlich sind sie voller Skrupel und stehen in der Gefahr, sich in den
Irrungen ihrer Wege ganz und gar zu verlieren, es sei denn, daß sie mit einem
besonders starken Geist begabt sind.

Diese Menschen darf man daher nicht zum passiven Gebet anhalten. Man würde sie
damit rettungslos zugrunde richten, wenn man ihnen ihre Aktivität, ihr einziges Mittel,
Gott näherzukommen, nimmt. Man denke sich einen Menschen, der eine Reise
machen will, der aber weder Reisewagen noch Pferde hat, und der deshalb zu Fuß
gehen muß: wenn man ihm nun auch noch die Füße raubt, ist er ganz außerstande,
sich fortzubewegen. So auch jene Menschen: wenn man ihnen ihre Wirksamkeiten
nimmt, die ihnen statt der Füße dienen, so werden sie nicht weiterkommen können.
Das ist, wie ich meine, der Grund der Missverständnisse, die zwischen frommen
Menschen auftauchen, die auf den inneren Wegen gehen. Diejenigen, die das passive
Gebet üben, möchten in ihrer Begeisterung über das Gute, was ihnen daraus zufließt,
alle anderen auf diesem Wege gehen sehen. Die anderen dagegen, die die
verstandesmäßige Betrachtung verlangen, daß jedermann sich auf diese beschränken
solle, was doch ein unaussprechlicher Verlust und Schaden wäre. Was soll man tun?
Man soll sich in der Mitte halten und herausfinden, ob ein Mensch für den einen oder
den anderen Weg taugt.
Der erfahrene Seelsorger wird diese erste Gruppe von Menschen leicht erkennen
können an ihrer Widerspenstigkeit, an ihrem Unvermögen, sich ruhig zu verhalten und
sich durch Gottes Geist führen zu Lassen, auch an der Menge der Schwächen und
Gebrechen, worin sie fallen, ohne sie zu sehen oder sie zu erkennen.
Wenn es Menschen von besonderer menschlicher Klugheit und Verstand sind,
erkennt man sie an einer gewissen Gewandtheit, sich selbst und anderen ihre Mängel
zu verbergen, an der Voreingenommenheit für ihre eigenen Meinungen und
schließlich an einer Menge von Fehlern, die leichter wahrgenommen als
ausgesprochen werden können.
Soll man solche Menschen denn ihr ganzes Leben lang in der natürlichen und
vernunftsmäßigen Strebsamkeit lassen? Ich Möchte glauben, daß ein erfahrener
Seelsorger (wenn sie so glücklich sind, einen solchen zu finden) es nicht unterlassen
wird, ihnen weiterzuhelfen.

Unzählige Menschen, die nicht glauben für etwas anderes geeignet zu sein, als für die
Betrachtung, würden bis zur höchsten Stufe der Vollkommenheit voranschreiten,
wenn sie einen Seelsorger anträfen, der selbst so weit gekommen ist. Er würde ihnen
unendlich nützen, indem er sie voranschreiten ließe soweit es nur immer in Gottes
Plan ist, weder der Gnade voreilend noch zögernd, ihr zu folgen, sondern mit ihr Hand
in Hand arbeitend, daß sich die Menschen ihrem Einfluß umso williger fügen. Ein
Seelsorger der gewöhnlichen Art hemmt dagegen die Menschen, hindert ihr
Fortschreiten und endet damit, sie sich selber zuzueignen.
Der erfahrene Seelsorger wird diese seine Pflegebefohlenen nach und nach daran
gewöhnen, weniger zu vernünfteln und dafür desto mehr zu lieben. Er wird ihren
verstandesmäßigen Eifer nach und nach bremsen und an seine Stelle die wahre
Hingabe und Zuneigung zu Gott setzen. Wenn er dann wahrnimmt, daß diese
Menschen allmählich einfältiger werden, daß sich die Sucht, nach verstandesmäßiger
Erbauung verliert und daß es ihnen wichtiger wird, zu lieben statt zu grübeln, so dient
ihm das als Zeichen daß diese Menschen im Begriff sind, vom rein Natürlichen zum
Geistlichen (Übernatürlichen) zu gelangen.

Hier ist jedoch zu bemerken, daß in dem Falle, wenn die verstandesmäßige Erbauung
aus bloßer Schwäche unterlassen wird, so daß diese Menschen gar nicht lieben,
sondern sich einem dumpfen Hinbrüten hingeben, der Seelsorger sie wieder zu den
ersten Übungen anleiten muß. Wenn das nicht auf dem Wege das Verstandes gelingt,
dann doch durch die Geneigtheit des Willens. Denn diejenigen, die unter dem Einfluß
der Gnade anfangen, trocken und dürre zu werden, sind keinesfalls umso
unvollkommener, je trockener und dürrer sie erscheinen. Sie fühlen sich viel mehr
getrieben, in die Mit-Kreuzigung ihres Ichs einzuwilligen und dem vermissten Licht
mit erhöhter Hingabe zuzustreben. Man muß ihnen daher zur Hilfe kommen und sie
anhalten, sich mehr mit dem Willen hinzugeben, als sich mit klugen Gedanken
anzufüllen. Man darf nicht dulden, daß sie sich der Ruhe hingeben, sondern man muß
sie eilen lassen, natürlich nur nach dem ihnen gegebenen maß des Vermögens, bis es
Gott gefällt, ihre Arbeit zu erleichtern und ihren mühseligen Gang zu beschleunigen,
indem er ihnen etwa einen helfenden Freund entgegensendet, der sie stützt, oder um
in unserem Bild zu bleiben, bis dieses kleine schwache Bächlein jenen graderen Fluß
oder mächtigen Strom findet, der es in sein Flußbett aufnimmt und es mit sich
fortreißt bis zum Meer.
Ich weiß nicht, warum man so heftig schreit gegen Bücher über das geistliche
Wachstum und Personen, die über das innere Leben schreiben oder reden. Ich
behaupte, daß weder diese noch jene Schaden anrichten können, es sei denn für solche
Menschen, die mutwillig verlorengehen wollen. Solchen aber würde nicht nur dieses,
sondern alles andere zum Schaden gereichen. Sie gleichen den Spinnen, welche sogar
aus den Blumen Gift saugen. Was aber die Demütigen und nach der Vollkommenheit
strebenden Menschen betrifft: ihnen kann das Gelesene oder Gehörte um so weniger
schaden, als es unmöglich ist, daß ein Mensch (wie bei der Bibel) ohne geistliche
Erleuchtung diese Dinge begreifen oder benutzen kann.
Wenn es an diesem geistlichen Verständnis fehlt, so mag man lesen was man will: man
wird keine richtige Vorstellung von diesen Zuständen gewinnen, weil sie
übernatürlich, geistlich sind und nicht unter die natürliche Vorstellungskraft fallen,
wohl aber unter die Erfahrung. Selbst, wenn ein Leser, ohne es zu verstehen, sich
Ausdrücke merkt und, um als ein „Eingeweihter“ zu erscheinen, sich ihrer Bedient,
würde der erfahrene Seelsorger durch Frage und Antwort den Betrug bald merken.
Dazu kommt noch, daß diese geistliche Erfahrung viele andere voraussetzt und, daß
die Vollkommenheit mit dem inneren Fortschreiten gleichen Schritt hält. Das heißt
nicht, dass Menschen, die im inneren Leben vorangeschritten sind, keine Gebrechen
mehr an sich haben könnten, die größer scheinen als die Fehler derer, die den Weg erst
begonnen haben. Aber diese Mängel sind weder gleich in ihrem Wesen noch in ihrer
Qualität.

Der zweite Grund, weshalb ich sage, dass diese Bücher keinen Schaden anrichten
können, ist dieser: in ihnen wird, wie z.B. in der Bergpredigt und den anderen Reden
Jesu, von so vielen Toden geredet, die man erleiden, so vielen Absagen, die man
vollziehen, so vielen Dingen, die man überwinden oder kreuzigen muß, daß der
Mensch in sich niemals Stärke genug haben wird, sich auf das alles einzulassen, wenn
sein Inneres nicht aufrichtig ist. Und gesetzt, er unternähme es doch, so würden allein
seine Übungen schon ihn zu dem Ergebnis seiner Betrachtung verhelfen, daß man
nämlich in die Mitkreuzigung bewußt eingebe. Der ganze Unterschied besteht darin,
das ein solcher Mensch nicht aus einem göttlichen, sondern nur aus einem
tugendhaften Grund handeln würden.
Und das kann der erfahrene Seelsorger leicht feststellen.
Deshalb sollte ein Mensch sich niemals selber führen, aber auch nicht fürchten, einen
allzu erleuchteten Seelsorger zu haben. Es hieße sich selbst zu betrügen, wenn man
einen weniger strengen suchen wollte. Es ist Feigheit, dem Geist Gottes Schranken
setzen zu wollen, indem man seine eigene Vervollkommnung auf dieses oder jenes
Tellziel beschränkt. Ich folgere daraus, man sollte immer den geistlichsten Seelsorger
erwählen. Ein solcher wird dir helfen, wo du auch immer stehst. Auch wenn du nichts
Übernatürliches zu erwarten wagst: Gott wird dir durch diesen seinen geliebten
Diener gewähren, was dir selbst direkt nicht gewahrt worden wäre.
Was aber diejenigen Seelsorger anbelangt, die die Menschen sich selber aussuchen,
und die nach ihrer eigenen und nicht nach Gottes Weise führen, die seiner Gnade
Schranken setzen wollen, und das Fortschreiten das Menschen begrenzen, die nur
einen, von ihnen selbst festgelegten Weg kennen und verlangen, daß alle Welt nur
diesen Weg geben soll: die Schäden, welche sie den Menschen zufügen, sind ohne
Heilmittel. Sie halten die Menschen an, ihr ganzes Leben hindurch Dinge zu tun, die
Gott hindern, sich ihnen bis ins Unendliche mitzuteilen. Welche Rechenschaft werden
sie geben müssen für ihre Seelsorge an diesen Menschen! Wenn sie kein Licht haben,
sie weiter zu führen, warum lassen sie sie nicht gehen und andere fortgeschrittenere
Seelsorger suchen? Sie sollten genug Liebe haben, um dies selbst zu empfehlen. Es
dünkt mich, man müsse in dem geistlichen Leben so vorgehen, wie man es in der
Schule macht. Man läßt die Schüler nicht immerfort in derselben Klasse sitzen. Man
läßt sie in die höheren Klassen aufsteigen, und die Lehrer der unteren Klassen maßen
sich nicht an, Philosophie zu unterrichten.
0 menschliche Wissenschaften, ihr seid so gering und trotzdem unterläßt man es nicht,
bei euch so viel Sorgfalt anzuwenden! 0 geheime und göttliche Wissenschaft, du bist so
groß und notwendig, und dennoch versäumt man dich, man beschränkt dich, engt dich
ein, man tut dir Gewalt an! Wird es denn nie eine Schule des Gebets geben? Doch was
sage ich: eben weil man sein Schulstudium daraus machen wollte, hat man alles
verdorben. Man hat dem Geist Gottes Maß und Regel geben wollen, während er sich
mitteilen will „ohne alles Maß“.
Es gibt keinen Menschen, der nicht beten könnte, der es nicht könnte und sollte. Selbst
die rohesten und abgestumpftesten Menschen können beten. Ich kenne solche, die
eine un-überwindliche Unfähigkeit zum Gebet zu haben schienen, die deshalb schon
alle Hoffnung, es sich anzueignen, aufgegeben hatten und nach einem Ansatz dazu
sofort wieder aufhörten. Als sie sich an mich wandten, nötigte ich sie, im Gebet
fortzufahren (Psalm 103), ungeachtet ihres Widerwillens und des geringen Nutzens,
den sie davon verspürten. Sie hielten sich nämlich für völlig unfähig zu solchen
geistlichen Übungen. Diese Unfähigkeit verschwand aber, und sie gelangten nach
einigen Jahren sogar zu einer sehr erhabenen Stufe des eingegossenen Gebetes.
Wenn die gleichen Menschen einen der oben beschriebenen Seelsorger angetroffen
und ihm bekannt hätten, daß sie seit mehreren Jahren das Gebet geübt haben, ohne in
der Betrachtung und Vollkommenheit vorangekommen oder von der Liebe Gottes
entzündet worden zu sein: sie hätten ohne Zweifel die Versicherung vernommen, daß
solches ein Beweis sei, Gott habe sie nicht zu so hohen Dingen berufen.
Arme, ohnmächtige Menschen! Ihr seid tauglich, den Willen Gottes zu tun, und wenn
ihr treu seid, werdet ihr bessere Beter, als jene großen Vernünftler, die mehr Studien
über das Gebet betreiben, als zu beten.
Ich sage sogar, die armen verkannten Menschen, die so Ohnmächtig und untüchtig
zum Gebet zu sein scheinen, sind gerade am empfänglichsten für die Beschauung,
wenn sie nicht ermüden, an die Tür zu klopfen und in Geduld und Demut zu warten,
bis sie ihnen geöffnet wird. Jene großen Vernünftler, jene starken
Verstandesmenschen, die sich kaum einen Augenblick in der Stille vor Gott zu
erhalten vermögen, deren Reichtum so sehr bewundert wird, deren Redegewandheit
nie versiegt die so perfekt Rechenschaft zu geben wissen von ihrem Gebet und jedem
seiner Bestandteile, die jeden beliebigen Stoff scharfsinnig betrachten können, die sich
nach bestimmter Regel und Ordnung und mit Methode geistlich auferbauen:
die werden nicht weiter gelangen, so zufrieden sie auch mit sich und mit ihren Lichtern
sind. Nach zehn- und zwanzigjähriger Übung werden sie noch immer auf demselben
Punkt stehen. Ob man uns am Ende auch noch nach Schulmethode lehren will, wie
man die Liebe Gottes lieben müsse? Bedarf es eine Vorschrift, wenn es gilt, ein armes
Geschöpf zu lieben? Sind nicht gerade hier die Einfältigsten die Besten? Gerade so ist
es mit der göttlichen Liebe, freilich in einem höheren Sinn.
Darum, du Seelsorger: wenn dich ein Mensch, der im Gebet unerfahren ist, mitteilt,
ihn diese hohe Übung zu lehren, lehre zu lieben! Lehre ihn, sich blindlings in die Arme
der Liebe zu stürzen, und bald wird er Meister der allererhabensten Wissenschaft sein.
Auch wenn er von Natur keine Anlage zu lieben hat: laß ihn lieben so gut er es kann.
Laß ihn in Geduld warten bis
die Liebe selbst ihn das lieben lehrt nach ihrer Weise, nicht nach der deinen. Für die
Anfänger sind kurze, einfache, die Vernunft wenig, aber das Herz um so mehr
ansprechende Inhalte die geeignetsten. Die solide Wahrheit, das Licht der Heiligen
Schrift und die Stunden des Gebetes, in denen sie verarbeitet werden, bringt ihnen
ebensoviel ein wie die Betrachtung. Aber die Gebetszeiten sollen ausgenutzt werden,
recht viel zu lieben.
II. DER PASSIVE LICHTWEG INDEX

(Gaben das Geistes, Gnadenwirkungen und Kräfte)

Die zweite Gruppe von Menschen gleicht jenen graderer Flüssen, die langsam, ernst
dahinfließen, mit Pracht und Majestät. Ihr Lauf ist bedächtig und in bestimmter
Ordnung. Reich beladene Schiffe schwimmen auf ihnen auf der ganzer Weite ihres
Weges. Das Meer könnten sie wohl allein erreichen aber wegen der Langsamkeit und
Gemächlichkeit ihres Laufes gelangen sie nur recht spät oder überhaupt nicht dorthin,
denn die Meisten begnügen sich damit, sich in anderen, größeren Flüssen zu verlieren,
oder in einen Meeresarm oder See auszufließen. Vor allen anderen sind sie geeignet,
dem Güter- und Warenverkehr zur Verfügung zu stehen. Sie dulden es, durch
Schleusen gestaut oder abgeleitet und in andere Richtung gebracht zu werden. So sind
diejenigen Menschen, die den passiven Lichtweg gehen. Ihre Quelle sprudelt reichlich
und in Überfluβ. Sie sind beladen mit Gaben, Gnaden und himmlischen Gütern. Sie
sind die Bewunderung ihres Jahrhunderts. Viele Heilige, die am kirchlichen Himmel
wie Sterne erster Größe funkeln, sind über diesen Grad nie hinausgelangt.

Diese Menschen sind von zweierlei Art. Die einen haben angefangen mit dem
gewöhnlichen Weg, sind aber später in passive Beschauung hinübergezogen worden
durch die Güte Gottes der sich über ihre dürre, unfruchtbare und vergebliche Arbeit
erbarmte oder auch ihre ernste Treue belohnte.

Die anderen werden gleichsam auf einen Schlag in Besitz genommen. Sie werden
ergriffen im Herzen selber und fühlte sich in Liebe entbrannt, ohne den Gegenstand
ihrer Liebe recht zu erkennen. Denn das ist der Unterschied zwischen der göttlichen
und der menschlichen Liebe, daß die letztere die Erkenntnis des Gegenstandes
voraussetzt, denn dieser ist sinnlicher Art. Nur von den Sinnen kann er erfaßt werden.
Und das ist nicht möglich, wenn er sich den Sinnen nicht darstellt. Die Augen sehen
und daß Herz liebt. So verhält es sich nicht mit der göttlichen Liebe. Es ist nicht nötig,
daß Gott von Menschenherzen zuvor erkannt wird, denn er ist ja Grund und Ziel des
Herzens. Er nimmt es in Besitz wie im Sturm, und das Herz kann sich seiner nicht
erwehren. Es lodert auf in einem Augenblick. Blitze auf Blitze treffen es, blenden es,
entzünden es und führen es davon.

Nichts ist so leuchtenden, so brennend, als diese Menschen. Die Seelsorger sind
entzückt, sie unter ihrer Führung zu haben. Und da die Bemühungen dieser Menschen
nicht bis zum Wesen vordringen, so gelangen sie bald zu dem Grad der
Vollkommenheit, welchen ihr augenblicklicher geistlicher Stand zuläßt. Denn, da Gott
von ihnen im Augenblick keine so tiefgreifende Reinigung verlangt, wie von den
Menschen der nachfolgenden Ordnung, so sind ihre Mängel bald verblaßt und ihre
Fehler wie verwaschen.
Diese Menschen erscheinen allen, die kein göttliches Unterscheidungsvermögen
haben, wesentlich herrlicher und größer als die folgenden. Denn sie gelangen dem
Äußeren nach zu einer leuchtenden Vollkommenheit, da Gott ihre natürliche
Empfänglichkeit, ihr Fassungsvermögen, bis zu einem bewundernswürdigen Umfang
erweitert. Sie haben erstaunliche Erfahrungen der Gegenwart Gottes: Gott kommt
ihrem Fassungsvermögen entgegen und erhöht es. Dennoch verlieren diese Menschen
sich selbst nie, und Gott zieht sie nicht (gegen ihren Willen) aus ihrem eigenen Sein
heraus, um sie in sich selbst zu versenken.

Diese Menschen sind die Bewunderung und das Erstaunen der Menschen. Gott gibt
ihnen Gaben über Gaben, Gnaden über Gnaden, Licht über Licht, Gesichte,
Offenbarungen, innere Worte. Sie werden verzückt, entrückt, dahingerissen. Es
scheint, als ob Gott keine andere Sorge habe, als nur diese Menschen zu bereichern
und zu verschönern, ihnen seine Geheimnisse mitzuteilen. Alle Süßigkeiten sind nur
für sie.
Das heißt nicht, als ob sie nicht schwere Kreuze zu tragen hätten und starke
Versuchungen zu überwinden. Aber diese sind wie Schatten, die nur dazu dienen, den
Glanz ihrer Tugenden zu erhöhen. Die Versuchungen werden mit Nachdruck
abgeschlagen, ihre Kreuze tragen sie mit Kraft. Sie wünschten sogar davon noch mehr.
Sie sind ganz Feuer und Flamme, ganz Sehnsucht, ganz Liebe. Sie haben einen
Heldenmut, der bereit ist, das Allerschwerste auf sich zu nehmen.
Sie sind für ihre Zeit ein Zeichen, für ihr Jahrhundert ein Wunder. Auch bedient sich
Gott ihrer, um wirkliche Wunder zu tun. Es scheint so, daß sie nur etwas zu erbitten
brauchen, und es wird ihnen sofort gegeben. Es scheint so, als wenn Gott seine Lust
daran hat, ihr Verlangen zu erfüllen und ihren Willen zu tun. Auch gehen sie weit in die
Mitkreuzigung ein. Ihr Ernst ist entschieden, ihre Strenge ehrfurchtserregend, bei den
einen mehr, bei den andere weniger, denn es gibt in jedem Stande Stufen, und nicht
alle, die in einem Stande stehen, gelangen zu dessen höchster Stufe.
Der Seelsorger kann diese Menschen fördern oder ihnen sehr helfen. Wenn er aber
ihren Weg nicht erkennt, wird er ihren Weg entweder bekämpfen und ihnen viel Not
machen, wie es der heiligen Theresia geschah, oder, was weit schlimmer ist, er wird sie
bewundern, und es sie merken lassen, wie sehr er sie bewundert. Dadurch nehmen sie
um so mehr Schaden, denn dadurch kommt es, daβ sie sich zu sehr und zu lange mit
sich selbst beschäftigen und bei den Gaben stehen bleiben, statt, daß diese ihnen nur
dienen, zum Geber zu gelangen.
Die Absicht Gottes, weshalb er ihnen seine Gnaden mit solcher Verschwendung
zuteilt, ist die, daß sie umso leichter und schneller zu ihm geleitet werden möchten. Sie
aber gebrauchen sie zu einem ganz anderen Zweck. Sie bleiben dabei stehen, sie
betrachten sie, sie bespiegeln sich in ihnen, sie schreiben sie sich selber zu. Daraus
entspringt nichts als Eitelkeit, Selbstachtung, Geringschätzung anderer Menschen im
Vergleich zu sich selber, ja auch Verlust und Verderben des inneren Lebens.
Diese Menschen sind an und für sich bewundernswert. Auch können sie manchmal
mit einer besonderen Gnade imstande sein, andere sehr zu fördern. Besonders dann,
wenn sie einst selber besondere Sünder gewesen sind. Gewöhnlich sind sie aber
weniger geschickt zur Leitung als diejenigen, von denen wir noch sprechen werden.
Weil sie nämlich stark in Gott sind und auf einer erhabenen Stufe stehen,
verabscheuen sie die Sünde und zugleich mit ihr leider auch den Sünder. Sind sie zur
Aufsicht und zur Leitung berufen, so sind sie hart und streng. Sie haben nicht jene Art
des mütterlichen Mitleids für die Sünder. Vielmehr entsetzen sie sich und ereifern sich
über das Elend, das man ihnen enthüllt, weil sie es persönlich kaum kennen gelernt
haben. Sie verlangen, dass die anderen ebenso fest und stark sein sollen, wie sie sich
selber fühlen. Sie zeigen ihnen aber nicht, wie sie nach und nach zu dieser Festigkeit
gelangen können. Werden ihnen Menschen anvertraut, die sich gerade in einem
vielleicht nur vorübergehenden Zustand der Ermattung befinden, so können sie ihnen
nicht ihrem geistlichen Wachstum gemäß nach dem Plan Gottes helfen, ja, sie
verwirren sie vielleicht und machen sie irre an sich selbst.
Sie haben Mühe, mit unvollkommeneren Menschen ins Gespräch zu kommen, ziehen
ihre Einsamkeit vor, und ihr Weg hat alle Unbequemlichkeiten der Liebe.

Hört man solche Menschen reden, und man hat nicht göttliche Erleuchtung so könnte
man denken, daß sie auf demselben Weg mit der folgenden letzten Gruppe sind, ja
schon weitergekommen waren als diese. Sie reden ganz die Sprache dieses dritten
Weges. Sie bedienen sich derselben Ausdrücke vom Sterben, vom Verlassen, vom
Verlieren usw.: und es ist wahr, auch sie sterben, verlieren und verlassen, jedoch auf
ihre Weise. Denn oft werden ihnen während des inneren Gebets die Kräfte gehemmt
und gelähmt. Sie verlieren die Fähigkeit, sie zu gebrauchen und mitzuwirken. Denn
alles, was sie empfangen, empfangen sie passiv. Und deshalb ist ihr Stand ein Stand des
Leidens, jedoch im Licht, in Liebe, in Kraft. Wenn man die Dinge näher untersucht
und mit ihnen sich tiefer einläßt, so wird man finden, daß ihr Wille vortrefflich, ja selbst
bewunderungswürdig ist.

Ihre Wünsche sind sehr groß und erhaben. So dringen sie in die Vollkommenheit ein,
so weit sie es nur vermögen. Sie sind gelöst und lieben die Armut. Dennoch ruhen sie
noch in der Eigenheit und werden selbst, was ihre Tugenden betrifft, immer in der
Eigenheit bleiben, jedoch auf eine so zarte Weise, daß nur das göttliche Auge es noch
wahrnimmt.
Die meisten Heiligen, deren Leben so bewundert wird, sind auf diesem Weg geführt
worden. Diese Menschen sind so mit Gütern beladen, daß sie nur langsam vorwärts
kommen.
Was soll man an diesen Menschen tun? Werden sie nie über diesen Weg
hinauskommen? Nie ohne ein Wunder der Güte Gottes! Nie ohne Führung durch
wahrhaft göttliche Leitung, die diese Menschen lenkt, weder den sie überströmenden
Gnaden zu widerstehen, noch auf sie mit Selbstgefälligkeit zurückzublicken, im
Gegenteil, über sie hinwegzueilen, ohne sich auch nur einen Augenblick bei ihnen
aufzuhalten. Denn dieses Verweilen hemmt, und die Hemmung kann leicht ins
Stocken übergehen.

Der Seelsorger muß diesen Menschen zu erkennen geben, daβ es noch einen anderen
und sichereren Weg für sie gibt, den Weg des dunklen Glaubens (2. Kor. 5, 7), daß
Gott ihnen jene Gnaden nur um ihrer Schwachheit willen zuteilt. Der Seelsorger muß
sie anleiten, vom Sinnfälligen zum Übersinnlichen voranzuschreiten, von dem
Wahrgenommenen und Wahrnehmbaren zu den Tiefen und Dunkelheiten des
Glaubens.

Er muß sie Merken lassen, daß er nicht viel von allen jenen Lichtern und Gnaden hält.
Er darf nicht zulassen, da sie darüber schreiben, es sei denn, da jemand auf seinem Weg
so fortgeschritten und zu Kenntnissen gekommen ist, die anderen zu wissen nötig
wären. Und auch dann ist es besser, wenn er nicht schreibt. Was es auch mit diesen
Erkenntnissen auf sich hat, man muß auf solche Dinge nicht bauen, sondern lediglich
auf Gott. Es ist gut, Absichten Gottes zu erkennen und an ihrer Ausführung zu
arbeiten. Aber nur Gott gebührt es, die Mittel darzureichen und was geschehen soll,
zur Ausführung zu bringen. Nur auf diese Weise ist man nämlich sicher, daβ man sich
nicht selbst betrügt.

Es ist unnötig unterschieden zu wollen, ob diese Dinge von Gott seien oder
menschlich, weil man sowieso über sie hinweggehen soll. Sind sie von Gott, so werden
sie durch seine Vorsehung in
Erfüllung gehen, der wir uns überlassen haben. Sind sie nicht von ihm, sondern aus
dem Eigenen, so werden wir wenigstens nicht betrogen sein, da wir uns nicht dabei
aufhielten.

Menschen dieses Weges wird es weit schwerer, in den Weg des Glaubens einzugehen,
als denen des ersten. Gewöhnlich gehen sie auch niemals dort ein, es sei denn, daβ
Gott eine außergewöhnliche Absicht hat und sie zur Führung für andere bestimmt.
Weil nämlich das, was sie haben, so groß und so stark durch Gott ist und sie sich
dessen gewiss sind, weil sie sogar das, was sie vorhergesagt haben, in Erfüllung gehen
sahen; so glauben sie nicht, das es etwas Größeres in der Kirche Gottes geben könnte.
Darum bleiben sie daran kleben. Diese Menschen sind klug, schlau und voller Eifer, ja
fast zu erfüllt mit Feuereifer gegen die Schwachen und die Sünder. Es wird ihnen nicht
oft vorkommen, einen falschen Schritt zu tun, so sicher sind sie sich ihres Weges. Was
sie aber wollen, das wollen sie sehr unvollkommen und sehr heftig. 0 Gott, wie viele
geistlich Eigengeprägte gibt es doch, die nach außen so tugendhaft aussehen, die aber
keinen hohen Grad der Erleuchtung haben, aber große Fehler und gefährliche
Gebrechen für die Sehenden! Denn die Menschen dieses Weges betrachten das als
Tugend, was denen des nächsten Weges als Fehler erscheint. Doch ihnen selbst bleibt
das verborgen, und sie fassen es nicht einmal, wenn man darüber redet.
Diese Menschen sind fest in ihren Meinungen, und weil ihre Gnade groß und stark ist,
halten sie umso sicherer daran fest. Ihr Gehorsam ist geregelt und abgemessen, und
große Klugheit leitet ihre Maßnahmen. Kurz, sie selbst sind stark und lebendig in Gott,
obgleich sie den Anschein haben, als wären sie allem abgestorben. Was ihr eigenes
Wirken betrifft, sind sie ihm auch tatsächlich gestorben, denn sie empfangen die
Lichter passiv. Nicht mit Christus gestorben sind sie, was den tiefsten Grund betrifft.

Diese Menschen haben auch die innere Stille (Psalm 62, 2), den köstlichen Frieden
(Psalm 119, 165), gewisse Erfahrungen der Gegenwart Gottes (Matth. 17, 4), die sie
wahrnehmen und gut darüber reden können. Aber sie haben nicht jenen geheimen
Hang, nichts zu sein, der den Menschen des dritten Wegs eigen ist.
Auch sie vermeinen zwar, zu diesem Nichts gelangt, „Mit Christus gestorben“, zu sein,
da sie ihre Niedrigkeit wahrgenommen haben vor der unermeßlichen Größe Gottes.
Aber all dies ist mehr eine Empfindung des Nichts, die selbst noch wieder in den Tod
eingehen muß. Man hat das Gefühl des Nichts, aber man hat nicht die Wirklichkeit.
Eben das Bewußtsein dieser Wirklichkeit dient dem Menschen noch als Stütze und
muß wegfallen, um wirklich in die Mitkreuzigung einzugehen. So gefallen sich jene
Menschen daher auch in diesem Stande. Mehr, als in jedem anderen, denn er erscheint
dem Bewußsein sicherer, und sie wissen das gut.

Diese Menschen gelangen gewöhnlich nicht eher zu Gott, als bei ihrem Tode, wenige
Erwählte ausgenommen, die etwa dazu bestimmt sind, hell brennende Lichter in der
Kirche zu sein. Oder sie sind berufen, auf eine außergewöhnliche Weise geheiligt und
vollendet zu werden, indem sie von Gott allmählich aller Schätze und Zierden, mit
denen sie sonst geprangt haben, entkleidet werden. Da aber wohl nur wenige den Mut
haben, nach so langem Besitz so großer Güter verlieren zu wollen, so kann Gott dies
ihnen auch nicht zumuten, und sie kommen leider über diesen Weg nicht hinaus, es sei
denn, daß Gott die Absicht hat, daß sie gerade diese von den „vielen Wohnungen im
Vaterhause“ bewohnen sollen und keine andere, oder das die Schuld an den
Seelsorgern liegt, die ihre Pflegebefohlenen für ganz und gar aus der Gnade
herausgefallen halten, wenn sie so herrliche Gaben und Kräfte wieder verlieren.
Überlassen wir den Grund und die Ursache dem unerforschlichen Ratschluß Gottes!
Manche von diesen Menschen haben nicht diese Gnadengaben, sondern nur eine
gewaltige und geheime Kraft, eine geheime Liebe, sanft und still, allgemein und
nachdrücklich, die ihre Vollkommenheit und ihr Leben vollenden. Diese Menschen
sind geschickt, ihre Fehler zu verbergen und zu bemänteln, sie geben ihnen immer eine
Färbung oder einen Vorwand.
Die Prüfungen der jetzt beschriebenen Menschen sind ebenso außerordentlich wie ihr
Stand. Sie kommen vom Teufel. Obwohl diese Prüfungen extrem heftig sind und auch
allen anderen ebenso zu sein scheinen wie diejenigen, über die wir noch reden werden,
so dienen auch diese ihnen noch zur Stütze. Sie sind dem Teufel ausgesetzt, der sie mit
aller Macht sichtet, so viel er kann, aber sie werden ganz und hell bewahrt trotz der
entsetzlichen Angriffe, womit die bösen Geister sie bestürmen. Es bedarf eines sehr
großen Lichtes, um die geheime Stütze wahrzunehmen, die in einem so schrecklichen
Zustand noch vorhanden ist, aber die Erfahrung läßt sie erkennen.

III. DER NACHTWEG INDEX

(Der nackte Glaube)

„Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von deinem ganzen Herzen und von deiner
ganzen Seele und von deinem ganzen Gemüt! Dies ist das erste und größte Gebot“.
(Matth. 22, 37-38)
Was sollen wir von den Menschen des dritten Weges sagen? Sie sind wie die Ströme,
die vom Kamm der Gebirge herabstürzen. Sie brechen aus Gott selbst hervor und
ruhen keinen Augenblick, bis sie sich wieder in ihn verloren haben. Nichts hemmt sie.
Sie sind mit nichts beladen. Sie sind ganz nackt und brausen mit einer Schnelligkeit
fort, die auch dem Beherztesten Angst einjagt. Diese Sturzbäche eilen ohne Ordnung
und Maß hierhin und dorthin, durch alle Begrenzungen hindurch. Ohne sich an ihr
eigenes Flußbett zu binden, suchen sie sich überall einen Durchbruch zu schaffen. Ja,
sie haben gar kein eigenes Flußbett wie die anderen, noch folgt ihr Wasser bestimmten
Regeln. Man sieht sie sich ohne Aufenthalt ihren eigenen Weg bahnen. Sie zerschellen
am Felsen. Sie stürzen tosend den Abhang hinab, werden gebrochen, aufgelöst in
Schaum und Gischt. Aber durch das Fallen gewinnen sie nur neue Stärke. Infolge des
Erdreichs, das sie in ihrem schnellen Lauf mit sich fortreißen, wird ihr Wasser
manchmal trübe. Zu Zeiten verlieren sie sich in Schluchten und Abgründen. Man sieht
sie nicht mehr und glaubt, sie seien für immer verschwunden. Plötzlich brechen sie neu
hervor, aber nur, um bald in noch tiefere, finstere Schluchten zu stürzen. Bis sie endlich
nach langem Irrweg, auf dem sie häufig zergeißelt und zerschellt worden waren, sich
mehrmals verloren und wiederfanden, das Meer erreichen und sich in ihm verlieren,
um sich nie wieder zu finden.
Und hier ist es, wo dieser Strom, der noch eben so arm und gering, so unnütz und von
allen Gütern entblößt gewesen war, auf eine wunderbare Weise bereichert wird. Denn
jetzt ist er reich, nicht mit eigenem Reichtum wie die anderen Flüsse, um nur einige
Seltenheiten oder eine gewisse Menge von Gütern.
Mit sich zu führen, sondern er ist reich mit den ganzen Reichtümern des Meeres
selber. Nun trägt er auf seinem Rücken die allergrößten und mit den kostbarsten
Schätzen der Welt beladenen Schiffe. Es ist das Meer das sie trägt, und zugleich ist er
es, denn seitdem er sich in das Meer verloren hat, ist er nur noch eins mit dem Meer.
Es muss allerdings bemerkt werden, daß dieser mit dem Meer vereinte Strom
keineswegs sein Wasen einbüßt obwohl er so verlorengegangen und verwandelt
worden ist, daß man ihn nicht
wieder erkennt. Er ist noch immer, wer er war. Obgleich er sich in das Meer gemengt
und verloren hat, so gilt dies doch nicht vom Wesen des Stromes, es betrifft nur seine
Beschaffenheit. Nur diese letztere geht verloren, weil er die Beschaffenheit das
Meerwassers so sehr annimmt, daß man nicht weiterhin unterscheiden kann, was ihm
selbst gehört. Ja, je tiefer er sich in das Meer einsenkt und je länger er darin verweilt,
desto mehr verliert er die eigene Beschaffenheit, um die des Meeres anzunehmen.
Wozu ist dieser arme Strom nun geschickt und tauglich? Sein Aufnahmevermögen ist
grenzenlos, weil es dasselbe des Meeres ist. Seine Reichtümer sind unermeßlich,
obwohl er davon keine aus sich selbst besitzt. Es sind die Reichtümer des Meeres. Nun
ist er reich genug, um die ganze Erde zu bereichern. 0 Glückseligkeit das
Selbstverlierens: wer vermag sie zu beschreiben und wer den Gewinn, den dieser
unnütze zu nichts brauchbare Strom gewonnen hat, der noch jüngst verachtet und
gefürchtet wurde, dem niemand auch nur den ärmlichsten Kahn anzuvertrauen wagte,
weil er, der sich selbst nicht zu erhalten taugte, in die Abgründe, worin er sich verlor,
unvermeidlich auch diesen hinabgerissen hatte. Was sagt ihr zu dem Los dieses wilden
Wassers, ihr großen und stattlichen Flüsse, die ihr mit solcher Majestät dahinreist, die
ihr die Freude und Bewunderung der Völker seid, die ihr frohlockt über die Menge der
Güter, die auf eurem Rücken fortgeführt werden?

Das Los dieses armen Stromes, auf den ihr herabgesehen habt, wenn nicht mit
Verachtung so doch mit Mitleid, wie hat es sich gewendet! Der, der noch jüngst
unnütz schien und gänzlich unbrauchbar zu jedem gemeinnützigen Zweck, was hat er
heute für Möglichkeiten? Oder, besser gesagt: was könnte er heute nicht tun? Was ist,
was ihm noch Mangelt? Ihr seid jetzt seine dienenden Mägde! Ihr geht, ihm seine
Schätze zu entnehmen, ihr kommt, ihm neue zuzutragen.
Bevor wir jedoch von der Seligkeit eines in Gott so verlorenen Menschen reden,
müssen wir von den Anfängen dieses Weges berichten und ihn durch seine vielen
Abstufungen verfolgen.
Wenn also die Seele von Gott ausgegangen ist, hat sie auch eine unstillbare Sehnsucht,
in ihn zurückzukehren. Gott ist ihr Urgrund, Gott ist aber auch ihr Endziel. Ihr Lauf
wäre unaufhörlich, wenn er nicht durch die Sünde und stetige Untreue unterbrochen,
gehindert, oder ganz und gar gehemmt würde. Hieraus entspringt eben das
immerwährende Treiben und Schwanken des Menschenherzens, das keine Ruhe
finden kann, bis es wieder eingegangen ist in seinen Urgrund, in sein Zentrum, welches
Gott ist, „auf das Gott sei alles in allem“. Ähnlich wie das Feuer, wenn es seiner Sphäre
entrückt ist, in unaufhörlicher Aktion ist, und nicht eher wieder zur Ruhe gelangt, bis
es jene Sphäre wieder gefunden hat; wenn dann, Kraft eines natürlichen Wunders,
dieses Element, das an und für sich selbst so aktiv ist, daß es jeden Körper durch seine
Wirksamkeit verzehrt, dann sofort zu wirken aufhört um in der vollkommensten Ruhe
zu verharren.

0 ihr sehnsüchtigen Menschen, die ihr in diesem Leben die Ruhe sucht, glaubt fest, daß
ihr sie nirgends finden werdet, als in Gott. Setzt alles dran, wieder in ihn einzugehen,
und all eure Sehnsucht und euer Drängen, all eure Neigungen, Anhänglichkeiten und
Ängstlichkeiten werden sich beschwichtigt fühlen in der Einheit der Ruhe.
Je näher das Feuer seinem Zentrum kommt, desto mehr vermindert sich seine Unruhe,
wenn auch die Schnelligkeit, womit er solches zu erreichen strebt, zunimmt. Soweit es
kein Hindernis zurückhält, schwingt es sich empor mit unglaublicher, in jedem
Augenblick wachsender Schnelligkeit. Aber im gleichen Maße, wie die Schnelligkeit
wächst, mindert sich die Wirksamkeit. Genau so verhält es sich mit der Seele. Sobald
nur die Sünde sie nicht aufhält, eilt sie unaufhaltsam und unermüdlich, um Gott wieder
zu finden. Wenn sie also sündlos wäre, was sich freilich nicht denken lässt würde sie
ganz schnell wieder zu ihm gelangen. Je näher sie Gott käme, desto beschleunigter
würde ihr Lauf sein, aber eben dieser beschleunigte Lauf würde zugleich immer ruhiger
werden. Die Ruhe würde wachsen, wie die Schnelligkeit wächst. So würde der Lauf
den Frieden erhöhen und der Friede würde den Lauf beschleunigen.

Das, was den Menschen treibt und trübt, ist einzig und allein die Sünde. Es sind die
Mängel und Gebrechen, die ihm im Lauf eine Welle hemmen und hindern, mehr oder
weniger, je nach der Größe der Fehler. Unter diesen Umständen wird sich der Mensch
seiner eigenen Aktivität bewußt. Es ist wie beim Feuer, wenn es, während es zu seiner
Sphäre emporsteigt, auf irgendein Hindernis stößt, auf Holz oder Stroh etwa, sofort
seine vorige Aktivität wieder aufnimmt, um solches Hindernis, das sich vor sein
Zentrum eindrängt, zu verzehren. Je größer das Hindernis wäre, desto vervielfacht
wäre seine Wirksamkeit. Wäre es ein Holzklotz, so würde es einer kräftigeren und
anhaltenderen Wirksamkeit bedürfen, ihn zu verbrennen. Wäre es ein Bündel Stroh:
im Augenblick würde es verzehrt sein und den Flug des Feuers nicht länger hemmen.
So ein Hindernis würde nur dazu dienen, seine Kraft zu steigern, und es würde mit
erhöhter Schnelligkeit seinem Ziel zueilen, nachdem es alle Hindernisse verzehrt hätte.
Neue Hindernisse könnten es zwar in seinem Flug aufhalten, verzögern und hemmen.
Um das Emporsteigen der Flamme zu hindern, braucht man nur fortzufahren, frisches
Holz über sie zusammenzuhäufen. Dann wird sie dauernd am Boden kriechen, statt
sich emporzuschwingen zu ihrem Zentrum.

Gerade so verhält es sich mit den Menschen. Sie fühlen sich von Natur von Gott
angezogen. Unaufhaltsam würden sie zu ihm eilen und keinen Augenblick nachlassen
in ihrem Lauf, wenn nicht die Hindernisse wären, die ihnen in den Weg treten. Diese
Hindernisse sind die Sünden und die Fehler, die ihre Rückkehr zu Gott umso länger
verzögern, je größer sie sind, und je schwerer es den Menschen wird, sie loszulassen
und zu überwinden. So würde ein Mensch, der unaufhörlich sündigt, auch dauernd in
seinem Lauf aufgehalten werden. Wenn er dann in einer Todsünde stirbt, könnte er
nicht zu seinem Ziel gelangen, da sein Lauf durch den zeitlichen Tod abgebrochen und
alles beendet ist. Andere Menschen kommen vorwärts, oft schneller oder langsamer, je
nachdem die Hindernisse, die sie sich selbst bereiten, stärker oder schwächer sind.
So müßten Menschen, die niemals eine Todsünde begangen haben, demnach
eigentlich viel weiter kommen, als die anderen. Gewöhnlich ist das auch der Fall.
Manchmal aber scheint es, als ob Gott sich darin gefiele, das Übermaß an Sünde zu
überbieten, durch ein Übermaß seines Erbarmens.

Die Ursache hiervon kann in dem Menschen liegen. Es kann sein, daß Menschen, die
keine ganz groben Sünden begangen haben, auf eine ungebührliche Weise von sich
selbst eingenommen sind in ihrer eigenen Gerechtigkeit, und daß sie einen
allzugroßen Wert auf die eine oder andere ihrer eigenen Tugenden legen. Sind sie z.B.
Jungfrauen, so vergöttern sie ihre Reinheit, und ebenso handeln sie in anderen Dingen.
Dieses kleben an sich selbst, diese Selbstachtung und Selbstbespiegelung, diese
ungebührliche Liebe der eigenen Gerechtigkeit ist ein Hindernis, das weit schwerer zu
beseitigen ist, als die größten Sünden. Bei Sünden, die an und für sich selbst häßlich
sind, hat man sowieso keine Anhänglichkeit daran, jedoch hat man sie leicht an dem
gleißenden Scheine der eigenen Gerechtigkeit. Gott aber, der die Freiheit seiner
Geschöpfe keineswegs einschränkt, läßt diese Menschen sich ergötzen an ihrer
Helligkeit, während er selbst ein Wohlgefallen daran findet, die Elendsten und
Bedauernswürdigsten von ihrem Schlamm zu reinigen.

Um dies zu erreichen, entzündet er in ihnen ein dermaßen scharfes und


durchdringendes Feuer, daß die allergrößten Gebrechen schneller durch dessen
Wirksamkeit verzehrt werden, als die leichtesten Hindernisse durch ein leichteres
Feuer. Es scheint, als ob Gott seine Freude daran habe, gerade diese sündigen Seelen
zum Thron seiner Liebe zu berufen, damit deutlich wird, daß es ihm ein leichtes sei,
solchen entstellten Menschen ihre ursprüngliche Herrlichkeit wiederzugeben, ja, sie
sogar schöner und glänzender darzustellen als solche, die nie so besudelt wurden.
Diese Menschen, die in Sünde gelebt hatten, und für die ich eigentlich hier schreibe, da
die Starken des Arztes nicht bedürfen, werden von einem so gewaltigen Feuer
ergriffen, daß jene Hindernisse und Widerstände fast augenblicklich von ihm verzehrt
werden. Ihre Kraft wird umso mächtiger, je länger sie gebunden gewesen waren und je
schwerer es ihnen geworden war, hemmende Widerstände zu überwinden. Wohl
werden die sich Emporschwingenden noch oft in ihrem Fluge aufgehalten durch die
Überreste und Nachwehen ihrer früheren schlechten Angewohnheiten. Aber jenes
Feuer verzehrt diese augenblicklich und eilt weiter, und das wieder und wieder, so, daß
es am Ende keinen Widerstand mehr findet.
Es lodert mächtiger empor nach jedem überwundenen Hindernis. Es wird ihm immer
leichter, diese Widerstände zu überwältigen. Was ihm noch in den Weg zu treten wagt,
sind nichts als Strohhalme, die nur dienen, die Heftigkeit das Brandas zu verdoppeln.

I. Gott im Herzensgrund INDEX

Nach dem bisher Gesagten wird es nicht schwer sein, die Menschen diesen dritten
Weges zu begreifen. Zuerst wollen wir sie in ihren früheren Zuständen beobachten,
danach sie durch alle Abstufungen des dunklen Weges, den sie geführt werden,
begleiten.
Gott, der diese Menschen von Ewigkeit her dazu berufen hat, sie auf eine wunderbare
Weise in diesem Leben schon in sich aufzunehmen (was diejenigen, die ein
gewöhnliches geistliches Leben führen, kaum begreifen können), beginnt damit, daß
er sie in ihrem Inneren seine Ferne empfinden läßt.
Sobald sie der Ferne dessen, der ihr höchstes und einziges Gut sein soll, gewahr
werden, so erwacht in ihnen jene Sehnsucht, zu ihm zurückzukehren, der von Anfang
an in ihrer Seele gewesen ist, durch die Sünde aber verdrängt worden war. Sofort
empfindet der Mensch die höchste Reue über seine Sünde. Außerdem erfüllt das
Gefühl der Ferne von ihrem Urgrund sie mit Sorge und Unruhe.
Die Qual dieser Unruhe treibt sie dazu, sich nach Heilmitteln umzusehen, um zu
einem Zustand zu gelangen, dessen Möglichkeit sie ahnt, ohne jedoch zu wissen, auf
welchem Weg er zu erreichen sei.
Einige dieser Menschen, weil sie nicht unterwiesen worden sind, daß man Gott in dem
eigenen Grunde suchen und ihn dort erwarten müsse (Joh. 17, 23 und Gal. 2, 20),
ohne jemals aus dieser Ruhe wegzurennen, ergeben sich der Betrachtung und suchen
denjenigen draußen, den sie doch nirgend anderswo als im Inneren finden werden.
Diese Betrachtung, zu der sie gewöhnlich wenig taugen (weil Gott, der anderes mit
ihnen vorhat, nicht zuläßt, daß sie darin Hilfe finden), dient nur, ihr Verlangen zu
vermehren, denn ihre Wunde ist im Herzen, sie aber wollen die Hilfe draußen suchen.
Dadurch beschönigen sie ihre Übel nur, statt sie zu hellen. Lange zerarbeiten sie sich
mit dieser Übung, und ihre Arbeit dient nur, sie immer mehr abzustumpfen. Wenn
nicht Gott, der sich besonders um sie kümmert, ihnen jemanden zuführt, der ihnen zu
erkennen gibt, daß sie sich täuschen, so werden sie ihre Zeit und ihre Mühe verlieren.
Aber Gott, der den ernst ihres Willens sieht, läßt sie den Beistand finden, dessen sie
bedürfen, wäre es auch nur im Vorübergehen und auch nur wenige Tage. Solcher
Beistand wird nicht von ihnen aufgesucht, obgleich sie wohl empfinden, was ihnen
fehlt, ohne allerdings das Heilmittel zu erraten. Durch eine bloße Fügung Gottes
finden sie, ohne zu suchen. Denn, weil sie wahre Kinder Gottes sind, so läßt Gott sie
finden, was sie brauchen, wie es scheint ganz zufällig und auf keinem ungewöhnlichen
Weg.

Sobald nun diese Menschen davon unterrichtet wurden, daß sie unmöglich auf dem
von ihnen eingeschlagenen Wege weiterkommen, weil ihre Wunde im Inneren ist und
sie das äußere hellen wollen, sobald man sie nur bewogen hat, in ihr Inneres
zurückzukehren und in das Herzens Grund zu suchen, was sie vergebens außen
suchten, so erfahren diese von Sehnsucht nach Gott erfüllten Menschen zu ihrem
Erstaunen, zu ihrer Überraschung und zu ihrem Entzücken, daß Jesus Christus in
ihnen wohnt, daß sie den Schatz, den sie in der Ferne suchen, in sich tragen. Sie sind
voller Freude über ihre neue Entdeckung. Sie frohlocken in ihrer neuen Freiheit. Sie
sind ganz erstaunt, daß das innere Gebet sie keine Mühe mehr kostet, und dies um so
mehr, als sie sich in ihrem Inneren konzentrieren, sich einsenken und verlieren, je
mehr sie sich dem reißenden Strom der Liebe hingeben. Nun möchten sie gerne
immer auf diese Weise lieben, sich selbst verlieren in ihrem Grunde, in Christus.

Aber auch das, so schön es auch scheinen mag, kann der Seele nicht genügen, weil sie
zum reinen Glauben berufen ist. Es wird sie nur antreiben, weiter ihrem Ziel
zuzustreben, das sie noch nicht recht kennt. So ein Mensch ist fortan nur Brand und
Liebe. Er glaubt, bereits im Paradies zu sein. Und weil das, was er empfindet, unendlich
schöner ist als alles auf der Erde, so läßt er diese ohne Mühe los (Luk. 14, 33).
Er würde der ganzen Welt entsagen, um nur einen Augenblick lang in seinem Inneren
das, was er jetzt erfährt, zu genießen.
Nun merkt dieser Mensch, daß sein Gebet gleichsam immerwährend wird. Seine Liebe
wächst von Tag zu Tag. Sie wird stündlich so brennend, daß er es kaum ertragen mag.
Auch seine Sinne werden ganz auf diesen inneren Grund gezogen. Die Einkehr
bemächtigt sich seiner ganz und gar, so, daß er fast untauglich zu irdischen Geschäften
wird. Alles, was er angreift, entgleitet wieder seinen Handeln, ohne daß er es selbst
merkt. Er möchte nichts als lieben, und dabei möglichst nicht unterbrochen werden.
Da der Mensch in diesem Stande noch nicht stark genug ist, durch Unterhaltungen
nicht zerstreut zu werden, so flieht er diese und fürchtet sie. Am liebsten wäre er in der
Wüste oder in der Einöde, um nur immerfort bei Jesus Christus zu sein. In seinem
Inneren hat er einen Führer, der ihm nicht gestattet, an irgendeinem anderen Ding
sich zu freuen, und der ihn keinen Fehler begehen läßt, ohne daß dadurch sein
Gewissen stark belastet wird. Er empfindet dies durch seine Kälte als ein wirkliches
Vergehen.
Diese entfremdungen Gottes von dem Menschen, der doch alles aufgegeben hat, diese
Kälte das Geliebten ist ihm schrecklicher, als die allerstrengsten Züchtigungen. Er wird
bestraft um eines unnützen Blickes willen, um eines unzeitigen Wortes willen. Es
scheint, als habe Gott nichts
anderes zu tun, als diesen Menschen zu züchtigen und zurechtzuweisen, und Gottes
ganzes Augenmerk sei darauf gerichtet, ihn zu vervollkommnen. Der Mensch ist dann
ganz erstaunt darüber, und andere sind es mit ihm, daß er auf diesem Wege in einem
Monat, ja, an einem Tage sogar gründlicher umgewandelt worden ist, als auf den
früheren Wegen in mehreren Jahren.
0 großer Schmelzer, das macht, daß du ihn so oft in deine Zucht genommen hast und
deine Gluten den Diamanten fließen lassen wie Wachs! Der Mensch ist nun mit allen
Arten der Abtötung bekannt, ohne daß er jemals davon hätte reden hören. Ist er im
Begriff, etwas zu genießen, was ihm schmeckt, so fühlt er sich wie von einer
unsichtbaren Hand zurückgehalten. Geht er im Garten spazieren, so vermag er nichts
zu unterscheiden: die Bäume blühen nicht, die Blumen duften nicht für ihn. Es scheint,
als habe Gott Wächter über alle seine Sinne gesetzt. Jetzt kann er Mit dem Propheten
sprechen: „Daß sein Weg mit Dornen versperrt und ein Gehege um ihn gezogen sei,
wodurch er seinen Weg nicht finden könne“. Versucht er es, einen freieren Flug zu
nehmen, so versagen ihm die Schwingen, und er sinkt ohnmächtig zurück.
Jetzt, besonders am Anfang, möchte er sich aufreiben durch Kasteiungen und
Bußübungen. Er scheint nicht mehr an der Erde zu haften, so gänzlich fühlt er sich von
ihr abgelöst. Seine Worte sind nur Glut und Flamme.
Gott hat noch eine andere Weise, die Menschen, die auf dieser Stufe stehen, zu
züchtigen. Er bedient sich ihrer aber nur dann, wenn der Mensch auf seinem Wege
weiter vorgerückt ist. Diese Weise besteht darin, daß eben dann, wenn der Mensch
gefallen ist, Gott sich ihm zu fühlen gibt auf eine noch mächtigere und lieblichere
Weise. Dann möchte der Mensch vor Beschämung versinken. Die allerschärfste
Züchtigung würde ihm weniger peinlich sein als diese unverdiente, nicht zu ertragende
Güte seines Gottes.

Der Mensch ist jetzt so voll von dem, was er empfindet, daß er es aller Welt kundtun
möchte. Er möchte die ganze Welt in Brand stecken, mit der Flamme, die ihn selbst
verzehrt. Seine Gefühle sind so lebendig, so rein und so entblößt von aller Eigenliebe,
daß der Seelsorger, der ihn reden hört und etwa auf diesen Wegen weniger geübt ist,
glauben müßte, er stehe bereits auf dem Gipfel der Vollkommenheit. In diesem
Zustand wird er durchblitzt von Bildern und Gedanken, die er mit
bewundernswürdiger Leichtigkeit niederschreibt. Es ist nur Empfundenes, was er
schreibt, tief und lauter lebendig Empfundenes. Vernünfteleien sind nicht darin, nur
Liebe, brennende, unendliche Liebe.
Den ganzen Tag über fühlt der Mensch sich hingenommen und umfangen von einer
göttlichen Kraft, die ihn durchdringt und verzehrt. Die Augen fallen ihm ganz von
selber zu. Er hat Mühe, sie offen zu halten. Er möchte blind, taub und stumm sein, um
nur nicht gestört zu werden in seiner Freude. Er ist wie die Trunkenen, die derart vom
Wein eingenommen sind, daß sie nicht wissen, was sie tun, noch Herr ihrer selbst sind.
Wollen sie in diesem Zustande lesen, so fällt ihnen das Buch aus den Händen, und eine
Zelle genügt ihnen. Kaum vermögen sie während eines ganzen Tages auch nur eine
Seite zu lesen, so fleißig sie auch damit beschäftigt sein mögen. Aber sie verstehen auch
nicht, was sie lesen, sie denken nicht einmal daran, sondern es bedarf nur eines Wortes
von Gott, nur das Aufschlagens eines Gotteswortes, um jenen geheimen Zug zu
wecken, der sie hinnimmt und fortreißt, so daß die Liebe ihnen Mund und Augen
zuschließt.
Daher kommt es, daß diese Menschen auch kein mündliches Gebet tun können. Sie
sind außerstande, die Gebete auszusprechen. Ein „Vater Unser“ würde sie eine Stunde
hinhalten. Ein Mensch, der nicht gewöhnt ist an ähnliche Erscheinungen, weiß nicht,
was er davon halten soll. Er hat nichts ähnliches gesehen, nie davon reden hören, er
begreift nicht, warum er nicht beten
kann. Trotzdem kann er nicht der Macht widerstehen, die ihn von sich selbst wegführt.
Er kann nicht fürchten, damit Übles zu tun. Auch macht ihm solches keinen Kummer.
Er, der ihn festhält, gestattet ihm nicht zu zweifeln, daß er es sei, der ihn bindet, noch
kann der Mensch sich seiner erwehren. Denn sobald er sich Gewalt antun will zu
beten, fühlt er, daß derjenige, der ihn besitzt, ihm den Mund verschließt und ihn mit
sanfter Gewalt still zum Schweigen nötigt.
Freilich ist es nicht so, daß das Geschöpf nicht widerstehen könnte und mit großer
Anstrengung doch sprechen. Aber, auch abgesehen von dem Zwang, den man sich
antut, verliert man durch solche Anstrengungen den Frieden und wird ganz welk und
trocken. Darum soll sich der Mensch Gottes Willen fügen und nicht seinem eigenen
folgen. Sollte ein weniger erfahrener Seelsorger ihn auf dieser Stufe zum mündlichen
Gebet zwingen, so würde er ihn nicht nur ohne allen Nutzen quälen, sondern ihm auch
einen unersetzlichen Schaden zufugen.
Nun empfindet der Mensch ein so heftiges Verlangen zu leiden, daß er davon ganz
matt und sterbend wird. Er möchte die Sünden der ganzen Welt zahlen und Gott
Genüge leisten (Kol. 1, 24). Von jetzt ab wird es ihm schwer zu beichten und
Absolution zu gewinnen, weil die Liebe ihm nicht erlaubt, seine Pein abkürzen zu
wollen.

Der Mensch glaubt in diesem Zustand, in dem inneren Stillschweigen zu sein, weil sein
Wirken so leise, leicht und ruhig ist, daß er seiner selbst nicht gewahr wird. Er glaubt,
zum Gipfel der Vollkommenheit gelangt zu sein. Er sieht nicht ein, daß irgendetwas für
ihn in dieser Welt sinnvoll sei, als sich dauernd des erworbenen Gutes zu freuen.
Dieser Zustand dauert lange. Er wächst und steigert sich. Auch gibt es Menschen, die
nie über dies hinauskommen und zeitlebens darin beharren. Das ist natürlich kein
Grund, daß sie nicht unter den Helligen glänzen sollten und die Bewunderung der
Menschen sind. Allerdings fehlt es auch nicht an kurzen und vorübergehenden
Trockenheiten auch in diesem Stand, die jedoch diese Menschen nicht aus ihrem
Stand fallen lassen, sondern nur dienen, sie zu fördern.

Auch diese so brennenden und nach Gott verlangenden Menschen fangen am Ende
an, sich ruhig niederzulassen in diesem Stand. Unmerklich verliert sich jene liebende
Wirksamkeit, die sie antrieb, ihrem Urgrund immer kräftiger zuzustreben. Sie lassen
sich an ihrer Freude genügen und bilden sich ein, die Freude sei Gott selber. Ein
solches Ausruhen aber und ein solcher Stillstand würde diesen Menschen zum
unersetzlichen Schaden gereichen, wenn nicht Gott nach seiner unendlichen Güte sie
schnellstens aus diesem Stand herauszögen, um sie übergehen zu lassen in den
folgenden Stand.
Ehe jedoch hiervon die Rede sein kann, müssen zuerst die Unvollkommenheiten
dieses Standes dargestellt werden.

2. Die Verwöhnung INDEX

Der Mensch, der sich in dem beschriebenen Stand befindet, kann freilich in demselben
weiterkommen. Er kommt auch weiter, indem er von Liebe zu Liebe, von Kreuz zu
Kreuz eilt. Aber er gefällt sich oft dabei und ist so sehr der Sucht ausgesetzt, alles was er
hat, sich selbst zuzuschreiben, daß er nur fortschleicht im Schneckengang, obgleich es
ihm selbst und anderen so erscheint, er fliege mit Adlersflug. Der Fluß fließt hier noch
auf ebenem Grund und hat den Abhang noch nicht gefunden, dessen er bedarf, um
hinabzustürzen und mit nie wieder zu hemmendem Lauf fortzuschießen.
Gebrechen des Menschen in diesem Grade sind eine gewisse Selbstgefälligkeit, die
verborgener und tiefer verwurzelt ist als diejenige, die er schon hatte, ehe die Gaben
und Gnaden Gottes ihm Mitgeteilt wurden. Dazu kommt eine geheime
Geringschätzung aller anderen, die nicht seines Weges sind, auch eine Leichtigkeit, an
deren Mängeln sich zu ärgern, eine Art des Johanneseifers, der Feuer vom Himmel
fallen lassen möchte auf diese Samariter. Dazu kommt ein gewisses Vertrauen dieses
Menschen auf seine Seligkeit und seine Tugend, so daß es scheint, er halte sich bereits
für sündlos, ein geheimer Stolz.
Daher ist er sehr empfindlich, wenn man ihn auf einen Fehler aufmerksam macht.
Diese Menschen möchten gern dafür gehalten werden, daß sie nicht mehr fehlen
können. Sie betrachten sich als Eigentümer der göttlichen Gaben und gebrauchen sie,
als wären sie wirklich Eigentum. Im Hochgefühl ihrer Kräfte vergessen sie ihre
Schwachheit und Dürftigkeit, so daß sie das Mißtrauen gegen sich selbst verlieren und
sich nicht scheuen, sich den Versuchungen auszusetzen. Übrigens ist ihre Erscheinung
gesetzt und gesammelt, und ihr Inwendiges spiegelt sich ab in ihrem Äußeren.
Wiewohl nun diese Fehler und manche andere den Personen dieses Gradas wirklich
eigen sind, bleibt dies ihnen verborgen. Es scheint sogar, als seien sie demütiger als
andere, weil ihre Demut konzentrierter und deshalb wahrnehmbarer ist. Aber auch
diese Fehler werden schon zu seiner Zeit bemerkbar und fühlbar werden.
Da die Gnade, welche diese Menschen so wichtig in ihrem Inneren fühlen, ihnen ein
Beweis zu sein scheint, dass nichts für sie zu fürchten sei, so erkühnen sie sich zu reden,
ohne daß Gott sie schon dazu berufen hat. Sie möchten der ganzen Welt Mitteilen, was
sie empfinden. Es ist wahr, daß sie einiges Gute wirken in den anderen, denn ihre
Flammenworte entzünden aller Herzen auf die sie treffen. Wenn man davon absieht,
daß sie Größeres und Herrlicheres wirken würden, wenn sie auf der Stufe ständen, wo
Gott gebietet, auszuschütten was man hat, so ist doch zu bedenken, dass, da ihre
Gnade noch nicht in der Fülle ist, sie von ihrem Notwendigen geben und nicht von
ihrem Überfluß.
Daraus entsteht, daß sie am Ende gar vertrocknen, gleich den Schalen oder Becken, die
unter einem Springbrunnen stehen. Der Brunnen ist es, der aus seiner Fülle gibt, die
Schalen aber ergießen sich nur aus der Fülle des Brunnens. Wenn nun jemand den
Brunnen verstopft oder ableitet, und die Schalen trotzdem nicht ablassen sich zu
ergießen, so werden sie bald austrocknen aus Mangel an neuem Zufluß. Das ist es, was
den Menschen dieses Gradas begegnet. Sie wollen nicht ablassen, ihre Wasser
auszuschütten, und erst zu spät werden sie inne, daß das Wasser, was sie haben, nur für
sie selbst ausreichte, und daß sie eben noch nicht auf der Stufe der Mitteilung stehen,
denn sie stehen nicht in der Quelle. Man kann sie auch mit jenen Kristallfläschchen
vergleichen, die mit einem überaus wohlriechenden, aber auch überaus flüchtigen
Parfüm gefüllt sind. Durch den wunderbaren Geruch angelockt, hört man nicht auf, sie
zu öffnen und ihre Düfte verströmen zu lassen. Ehe man sich versieht, sind sie dann
auch erschöpft, und man bedauert zu spät, daß man nicht sparsamer mit dem
kostbaren Inhalt umgegangen ist.

Auf dieser Stufe nimmt man leicht das eine für das andere, d.h. die Mitte für das Ende:
und da die Dauer dieses Standes für manche Menschen sich sehr hinauszögert,
manche auch ihr Leben lang nicht über ihn hinauskommen, so nimmt man diesen
Stand am Ende für den Stand der Vollendung. Selbst die Seelsorger, wenn sie nicht alle
Stände und Wege durchschritten haben, glauben leicht, daß dieser Mensch in der
Vollendung steht, wovon er jedoch noch unendlich weit entfernt ist. Sie glauben es
umso leichter, als sie den Menschen alle nur erdenklichen Tugenden üben sehen mit
einer wunderbaren Stärke.

Er überwindet sich selbst ohne Mühe. Er bringt Opfer dar über Opfer. Es wird ihm
nichts zu schwer, weil „die Liebe stark ist wie der Tod“. Die Tugenden scheinen einem
solchen Menschen mühelos gekommen zu sein. Auch achtet er ihrer nicht und denkt
meist nicht einmal daran, daß er sie besitzt. Er ist in einer unermesslichen allgemeinen
Liebe ganz und gar befangen, ohne um das Warum und Weshalb des Liebens sich zu
kümmern. Fragt man ihn, was er den ganzen langen Tag mache, wird er sagen, daß er
liebe. Fragt man, was denn der Grund und die Ursache sei, warum er liebt, weiß er es
nicht und erkennt es nicht. Alles was er weiß ist, daß er liebt und daß er vor Verlangen
brennt, für das zu leiden, was er liebt.

Fragt man: ist es denn vielleicht das Anschauen des leidenden Geliebten, das ihn
treibt, auch für ihn leiden zu wollen? „Ach nein“, wird er sprechen, „das alles kam mir
niemals in den Sinn“. „Ist es denn etwa das Verlangen, dir die Tugenden aneignen zu
wollen, die du an ihm wahrnimmst“? „Ich kann nicht sagen, daß es dies wäre“. „Ist es
etwa die Schönheit des Herrn, die dir dein Herz entführt“? „Mein Blick ruht nicht auf
dieser Schönheit“. „Und worauf denn“? „Was weiß ichs? Was fragst du mich? Dies eine
weiß ich nur und fühle ich, daß ich im Herzen eine tiefe Wunde trage, daß ich in
meiner Unruhe ruhe“.
Der Mensch glaubt nun, alles gewonnen und alles vollendet zu haben. Obgleich er
noch voller Fehler ist, wie oben beschrieben, und darüber hinaus noch voller anderer
und gefährlicher Gebrechen, die erst fühlbar werden auf der nächsten Stufe, (wenn sie
auch dann noch schwer zu beschreiben sind), so beruhigt er sich doch in der
Vollkommenheit, die er glaubt errungen zu haben. Indem er bei den Mitteln
stehenbleibt, die er für den Endzweck nimmt, würde er für immer daran kleben
bleiben, wenn nicht Gott diesen Strom, der bis dahin wie ein ruhiger See auf der höhe
das Gebirges gewesen ist, den Abhang des Berges finden ließe, von wo er sofort
hinunterstürzt und nur um so reißender fortschießt, je tiefer der Fall gewesen ist, den
er getan hat.

Hier scheint, daß der Mensch dieses Grades, sogar einer der am weitesten
vorangekommen ist, sich angewöhnt hat, seine Gebrechen vor sich und anderen zu
verbergen. Er findet Entschuldigungen für sie und Ausreden. Er wird sie nicht mit
Offenherzigkeit eingestehen, nicht aus Bosheit, sondern aus Vorliebe für seine eigene
Vortrefflichkeit und aus einem hier nach und nach zur Natur gewordenen
gleisnerischen Schein, wohinter er sich selbst versteckt. Diese Fehler, die andere
Menschen nicht im geringsten stören, rauben ihm allen Frieden. Er quält sich
ihrethalben bis zum Äußersten. Er ist eifrig, sie loszuwerden. Aber unter diesen
Fehlern machen ihm diejenigen am meisten Not, die den Leuten in die Augen fallen.
Um so willkommener sind ihm die Klagen, die Gott in diesem Zustande über ihn
ausschüttet, und er schlürft sie geradezu in langen Zügen ein. Aber auch diese dienen
nur, seine eigenliebe zu erhöhen. Er liebäugelt damit und bespiegelt sich im
Selbstgespräch. Er frohlockt über die Ungewöhnlichkeit seiner Wege. Er Gefällt sich
insgeheim darin, sich den Leuten zu zeigen. Er richtet den Nächsten mit Strenge.

Er macht ein gewaltiges Aufheben von Vergehungen, die keine sind. Er befleißigt sich
mehr denn je der äußeren Haltung, und seine Demut gewinnt etwas Angenommenes
und Gesuchtes. Zu solchen Mängeln gesellen sich noch tausend Eigenheiten in den
Andachtsübungen. z.B. zieht er das Gebet den Familienpflichten vor und wird dadurch
zur Ursache, daß diejenigen, mit denen er lebt, sich vielfältig versündigen.
Dies letztere hat extreme Folgen. Der Mensch, angezogen auf eine so mächtige und
anmutige Weise, möchte gern dauernd allein sein und die Beschauung üben. In der
Tat verweilt er allzulange darin, länger, als es sein äußerer und innerer Zustand
gestatten. Daraus entspringen in Bezug auf die tausenderlei Verdrießlichkeiten des
Alltages unzählige Vergehungen. Wesentliche Pflichten werden versäumt. So erschöpft
die überlang fortgesetzte Übung der Seele.
Ihre liebende Federkraft lässt nach. Es folgen Dürren und Trockenheiten, welche, weil
man sich nicht in Gottes Ordnung befindet, nur schaden, statt zu fördern.
Daraus entstehen zweierlei Ungehörigkeiten: die eine, daß man in der Einsamkeit und
im Gebet verharrt, solange man sich deren nur noch irgendwie fähig fühlt. Die andere,
daß, wenn einem nun die Fittiche sinken und die liebende Kraft erschöpft ist, in den
Zeiten der Leere und Dürre, einem alle Hilfsquellen fehlen. Man hat Mühe, sich
überhaupt nur dem Gebet zu widmen. Man verkürzt die Frist, die man sonst darauf
verwendet hat. Man geht manchmal weg, um sich mit den äußeren Dingen zu
zerstreuen. Man wird matt, mutlos und mißutig. Schon glaubt man, alles verloren zu
haben, obwohl man keinen Fleiß scheut, die Gegenwart und Freundlichkeit Gottes
zurückzurufen.
Hatte so ein Mensch sich gewöhnt, ein gleichmäßiges Leben zu führen, und nicht
mehr zu tun in den Zeiten das Überflusses, als in denen der Dürre, so würde er allem
genügen. So aber wird er dem Nächsten lästig, zu dessen Schwäche herabzulassen er
sich nicht überwinden kann. Er schweigt, wo er reden sollte, und schwatzt, wo es
besser wäre zu schweigen. Eine Frau zum Beispiel macht sich Bedenken daraus, ihrem
Mann zu gefallen, ihn zu unterhalten, mit ihm spazierenzugehen und sich mit ihm zu
ergötzen, während sie keinen Anstand nimmt, mit Leuten ihrer Stimmung und
Sinnesart stundenlang zu plaudern.
Man muß seine Pflichten erfüllen, von welcher Art sie auch seien, und wieviel es auch
kostet, selbst dann, wenn es uns zweifelhaft erscheint, ob wir nicht etwa darin fehlen.
Diese Art zu handeln wird uns unendlich fördern; freilich nicht in dem Sinn, worin wir
es nehmen, doch insofern wir dadurch in Selbstverleugnung geübt werden. Unser Herr
selbst gibt uns zu erkennen, wie mehr diese Art der Aufopferung ihm indem er uns
mitten in diesem Alltagsleben besucht und mit seinen Gnaden überschüttet. Ich habe
eine Frau gekannt, die aus Gefälligkeit ihrem Mann zuliebe mit ihm Karten spielte, und
währenddessen so wichtige und innere Erfahrungen der Gegenwart Gottes machte,
wie sie sie kaum jemals während des inbrünstigsten Gebetes erfahren hatte. Dasselbe
erfuhr sie, so oft sie das tat, was ihr Mann von ihr haben wollte, gleichgültig welchen
großen Widerwillen sie dagegen spürte. Entzog sie sich aber seinen Wünschen, um
etwas zu tun, was ihrer Meinung nach besser war, so wurde sie augenblicklich gewahr,
daß sie aus ihrem Stand und aus Gottes Ordnung heraustrat. Trotzdem ist sie oft
wieder in denselben Fehler gefallen, als ihr Hang zur Einkehr und die Vortrefflichkeit
das Gebetes (das freilich unter anderen Umständen jenem sogenannten Zeitvertreib
unendlich vorzuziehen wäre) die Seele unmerklich fortzog und sie die Außenwelt über
dem Inwendigen vergessen ließ. So etwas bestaunen dann die Leute als ein Merkmal
besonderer Helligkeit, was eigentlich doch nur Tadel verdient.

Werden die Menschen jedoch zum Stand des reinen Glaubens berufen, so stellen sich
ähnliche Mißgriffe bei ihnen immer seltener und vorübergehender ein, indem Gott,
der sie in seine Ordnung führen will, die Mangelhaftigkeit eines solchen Verhaltens
ihnen zu erkennen gibt. Und das ist der Unterschied zwischen einem zum dunklen
Glauben berufenen Menschen und einem anderen, daß der letztere ohne Mühe in
seinen Andachten beharrt. Man würde ihm das Leben
rauben, wenn man ihn herauszöge aus seiner ruhigen Freude über die Liebe Gottes.
Der andersberufene Mensch dagegen findet keine Ruhe, er habe denn zuvor seine
Pflichten erfüllt. Gibt er sich doch dieser Freude hin, gegen das innere Mahnen, das er
fühlt, aus der Ruhe herauszutreten, so ist dies eine Untreue, die ihn in Not bringt.
Es geschieht auch, daß ein solcher Mensch durch diese Mitkreuzigung und diesen
inneren Widerstreit sich nur noch stärker zu der inneren Ruhe hingezogen fühlt, denn
es ist ja den Menschen eigen, im Streit zu erstarken und gerade das noch heftiger zu
begehren, was ihm vorenthalten wird.
Diese Not, die Ruhe nicht mit Freuden genießen zu können, dient eben dazu, die Ruhe
zu vermehren und macht, daß man sich während der alltäglichen Beschäftigung selber
auf eine so mächtige Weise von Gott angezogen fühlt, daß es scheint, als habe man
zwei Seelen und zweierlei Unterhaltungen zugleich in sich, und die des Inwendigen
unendlich stärker sei, als die in der Außenwelt. Versucht aber die Seele, ihre schuldigen
Pflichten abzubrechen, um sich dem inneren Gebet zu widmen, so findet sie gar nichts,
und ihr innerer Zug verliert sich.
Ich rede hier nicht von dem Gebet, was man sich einmal zur Pflicht gemacht hat, und
das man nicht unterlassen darf, es sei denn aus gänzlicher Ohnmacht. Ich rede von
jener inneren Übung, die man gern zu einer immerwährenden erheben möchte, und zu
der man sich durch den Reiz der Einkehr hingezogen fühlt. Ebenso wenig rede ich von
Beschäftigungen und Zerstreuungen nach eigener Wahl, sondern nur von denen,
welche die irdischen Verhältnisse unerläßlich von uns fordern. Hat man Zeit übrig,
nachdem man die letzteren erledigt hat, so widme man sich dem Gebet, und man wird
sich bestimmt dadurch gefördert fühlen. Auch sollte man sich nicht unter dem
Vorwand der Berufspflicht mit nicht notwendigen Geschäften beladen. Die Liebe des
Ehegatten, der Kinder und der Haushalt könnten sich leicht in das Notwendige
einmischen.
Das Verlangen, eine angefangene Arbeit zu vollenden, dies und ähnliches wird leicht
von einem Menschen unterschieden werden können, der sich selbst nicht schmeichelt.
Auch ist dies weniger gefährlich.
Wenn die innere Sammlung sehr stark ist, so verfällt der Mensch gewöhnlich nicht in
diesen Fehler, wohl aber in den Entgegengesetzten, dem Zug zur Zurückgezogenheit
zu sehr nachzugeben. Tritt dagegen eine Dürre ein, so überlädt sich der Mensch gern
mit Geschafften, um nur der Not enthoben zu sein, die das Gebet den Sinnen bereitet.
Man muß aber fest stehen und in den Stunden der Dürre ebenso pünktlich sein wie in
den Stunden der Fülle.
Ich kenne jemanden, der gerade dann, wenn die innere Übung ihm am peinlichsten
war, am längsten darin verharrte, indem er sich gegen die Pein selber stählte. Die Not
ist so groß, die Sinne und der Verstand leiden so schrecklich, wenn man sich zwingen
will, sich mit Gott zu beschäftigen zu einer Zeit, wo er seine freundlichen Gnaden
entzogen hat, daß der Mensch sich lieber den allerschärfsten Bußübungen unterwerfen
möchte, als der Anstrengung, die es kostet, ohne die allergeringste Stütze in der Nähe
Gottes auszuhalten. Die von mir erwähnte Person hat diesen Zustand oft stundenlang
ertragen. Ihre Sinne knirschten und ihr Verstand ergrimmte. Sie aber hielt aus und ihr
Inneres wurde mächtig gefördert. Da jedoch nicht alle gleich mutig und kräftig sind,
sondern Schwächere leicht Schaden nehmen könnten, rate ich, die innere
Gebetsübung weder zu vermindern, noch zu vermehren, wenn auch die Stimmungen
schwanken.

Diese so peinlichen und merklichen Trockenzeiten, die unter den weniger


Erleuchteten für sehr furchtbare Zustände und für die schrecklichsten unter allen
göttlichen Prüfungen gehalten
werden, gehören nur diesem ersten Grad des Glaubensweges an und werden oft
lediglich durch die Erschöpfung verursacht. Trotzdem glauben diejenigen, die sie
hinter sich haben, schon Mitgekreuzigt und gestorben zu sein und schreiben und
reden davon wie von dem allerschrecklichsten Durchbruch im geistlichen Leben. Sie
haben ja auch nicht die Erfahrung des Gegenteils.
Oft hat auch der Mensch dann nicht den Mut, weiter vorwärtszudringen, obgleich dies
nur wenig Mühe kosten würde. Der Mensch ist in diesen Nöten, die freilich einem
verzehrenden Feuer gleichen, allerdings von Gott verlassen, der ihm seinen
wahrnehmbaren Beistand entzieht. Aber es sind eigentlich nur die Sinne, die diesen
Brand verursachen. Diese, gewohnt zu wirken, zu sehen, zu harren und zu schmecken,
sind solche Beraubungen gänzlich ungewohnt und außerstande, irgendwo anders
etwas Futter für die Seele zu finden. Der Mensch freilich ist in der trostlosesten
Verzweiflung. In allen solchen Leiden behaupten sich aber immer noch seine Lebens-
und Liebeskraft, und wenn er nur den Mut hat auszuhalten, so wird ihm diese Pein
reichlich vergolten werden. Auch wird sie nicht von langer Dauer sein. Tatsächlich
würden auch die Kräfte der Seele in diesem Zustand ausreichen, eine solche Last der
Qual auf die Dauer zu ertragen. Der Mensch würde wieder zurückgehen, um Nahrung
zu suchen oder gar vielleicht alles aufgeben.
Daher säumt unser lieber Herr nicht, sich wieder zu offenbaren. Er kehrt zurück, meist
noch ehe das Gebet zu Ende ist. Und wenn nicht vor Beendigung des Gebetes, so doch
sicherlich noch vor dem Ende des Tages, gewöhnlich auf eine umso erfahrbarere
Weise. Es scheint, daß es ihm leid tue, daß er den Menschen, den vielgeliebten, so
leiden ließ, oder da er ihm mit Zinsen bezahlen wolle, was dieser ihm zuliebe gelitten
hat. Wenn dieser Zustand mehrere Tage andauert, so meint der Mensch, die große
Freude nicht ertragen zu können. Er ruft den geliebten Herrn mit Worten der
Anbetung an. Er nennt ihn freundlich und furchtbar zugleich. Er fragt, ob er ihn nur
verwundet habe, um ihn sterben zu lassen. Aber dieser große Liebhaber lächelt nur
und kommt, um in seine Wunden einen so kostbaren Balsam zu gießen, daß er mit
Freuden ähnliche neue Wunden empfangen um nur aufs neue eine so herrliche
Heilung zu erfahren, die ihn nicht nur gesund macht, sondern ihn auch ausstattet Mit
einer nie geahnten Fülle von Gesundheit und Lebenskraft.
Bis hierher ist jedoch alles nur Spiel gewesen, woran der Mensch sich leicht gewöhnen
könnte, wenn der göttliche Freund nicht sein Betragen ändern würde. Ihr Gott
liebenden Menschen, die ihr wehklagt über die Flüchtigkeit seiner Gegenwart, ihr
wißet nicht, daß alles bisherige gegenüber dem, was folgen soll, nur wie Spiel und
Neckerei gewesen ist, Proben und Prüfungen. Bald werden die Stunden seines
Ausbleibens zu Tagen werden, zu Wochen, Monaten und Jahren. Ihr müßt lernen,
edelmütiger zu sein auf eigene Kosten. Ihr müßt den Herrn, euren Bräutigam,
kommen und gehen lassen, auch wenn ihr kein Wort sagen könnt.
Ich meine sie zu sehen, diese jungen bräutlichen Seelen. Sie glauben zu vergehen vor
Leid, wenn der göttliche Bräutigam sie verlässt, wäre es auch nur für eine ganz kurze
Weile. Sie weinen über ein etwa dreitägiges Ausbleiben, als wenn er schon gestorben
wäre, und sie erwehren sich seines Weggangs, solange sie das nur können. Die Liebe
scheint groß und stark. Aber sie ist es keineswegs. Es ist nur das Vergnügen, das sie
daran finden, den Bräutigam zu sehen. Das läßt sie um seine Entfremdung weinen. Es
ist nur ihre eigene Freude, die sie begehren. Wenn sie sich nämlich um die Freude das
Bräutigams kümmern würden, so würden sie ebenso zufrieden sein mit der Freude, die
er getrennt von ihnen hat, wenn er woanders weilt, als sie zufrieden waren mit dem,
was er an ihrer Seite hatte. So ist es also nur eine eigennützige Liebe, obwohl sie den
Menschen nicht als eine solche erscheint.

Im Gegenteil glaubt der Mensch, den göttlichen Freund nur zu lieben, weil dieser
liebenswürdig ist. Es ist wahr, ihr armen Menschen, daß ihr ihn nur liebt, weil er
liebenswürdig ist. Doch genau genommen liebt ihr ihn doch nur um das Vergnügens
willen, das ihr an seiner Liebenswürdigkeit findet. Ihr sagt jedoch, ihr möchtet für den
Freund leiden. Sicher möchtet ihr für ihn leiden, wenn er nur Zeuge und Gefährte
eurer Leiden ist. Ihr verlangt keinen Lohn, wie ihr sagt. Ich will das zugeben. Aber ihr
wollt doch, daß er von euren Leiden wisse, daß sie nach seinem Willen sind, daß er
zustimmt. Kann auch etwas gerechter sein als zu wollen, daß der, für den man leidet, es
wisse, es für richtig halte und damit zufrieden ist?

0 wie fern seid ihr noch vom Ziel! Glaubt fest, dieser göttliche eifersüchtige Liebhaber
wird euch die Freude nicht genießen lassen, die ihr darin empfindet, daß er eure
Schmerzen registriert. Ihr werdet leiden müssen, während er so tut, als sehe er es nicht
oder als wäre es ihm gleichgültig.
Verlangen, daß der göttliche Geliebte unsere Leiden mit Wohlwollen aufnimmt, hieße
zuviel verlangen. Welche Martern würde man nicht um dieses Preises willen mit
Freuden erdulden, wenn man weiß, daß der göttliche Geliebte die Qualen sieht und
ein Wohlgefallen daran findet! Nein, zu seelisch ist die Freude dieses Bewußtseins, als
daß ein edelmütiges Herz ihrer begehren könnte. Dennoch fürchte ich, möchten auch
die fortgeschrittensten Menschen dieses Standes schwerlich bis zu dieser Höhe
gelangen.
Leiden, ohne daß der göttliche Geliebte es weiß, leiden, während er uns zu
verschmähen und sich von dem, was wir ausstehen, um ihm zu gefallen, wegzuwenden
scheint, leiden, während er nur Ekel an allem bezeugt, womit wir sonst ihn zu
entzücken pflegten, ihn dies alles mit Kälte und Entfremdung betrachten sehen, was
wir auch beginnen mögen, um ihm Freude zu machen, und dennoch nicht aufhören,
dasselbe zu tun; sehen, daß, je eifriger wir ihn verfolgen, er uns nur um so flüchtiger
enteilt, sich alles nehmen zu lassen ohne eine Klage, alles, was er uns früher als Beweise
seiner Liebe gegeben hat und was man glaubt, durch die Liebe, die Treue und das
Leiden bezahlt zu haben, nicht nur ohne Klage diese Beraubung zu sehen, sondern
auch zu sehen, daß andere mit dem uns Geraubten bereichert werden, und dann
trotzdem nicht ablassen, fortwährend alles zu tun, was den im Augenblick abwesenden
göttlichen Freund erfreuen könnte, nicht aufhören, ihm nachzulaufen, und wenn man
in Selbstvergessenheit einen Augenblick still gestanden und Zeit verloren hat, durch
verdoppelte Eile das wieder ersetzt, geradeaus voranzugehen in seinem Lauf, ohne die
Abgründe zu scheuen, in die man stürzen könnte, ohne den Staub und Schlamm zu
achten, womit man sich beschmutzen und besudeln könnte, nicht darauf achten, ob
man fällt und wiederum fällt, und tausendmal fällt, unzählige Male wieder aufraffen, bis
man endlich, ganz und gar erschöpft und kraftlos liegen bleibt und verschmachtet,
ohne daß der „Allzustrenge“ auch nur einmal sich umwendet und uns mit einem Blick
der Liebe erquicken würde: Dies alles gehört nicht zu diesem Grade, es gehört zu dem,
welcher folgt.
Ich wiederhole es, daß die bisher beschriebene Wegstrecke von großer Länge ist, es
wäre denn, daß es Gott gefiele, aus besonderem Plan diese zu verkürzen und dem
Menschen schneller zu seinem Ziel zu verhelfen. Viele gelangen, wie gesagt, niemals
über diesen Grad hinaus.

3. Die Entwöhnung INDEX

Jener Strom stand, solange er den Abhang nicht gefunden hatte, ruhig auf dem Scheitel
des Berges. Er ließ es sich wohl sein in der Stille und in dem Frieden seines Standes,
dachte nicht daran, in das Tal hinabzusteigen. Da diese Wasser des Himmels aber
keinen Abfluß hatten, fingen sie infolge ihrer Ruhe an zu stocken, zu stinken und zu
faulen. Denn das ist der Unterschied zwischen den stehenden und fließenden Wassern,
daß die ersten (wenn nicht vom Meer die Rede ist oder von den groß en Seen, die ihm
gleichen) mit der Zeit anfangen, anrüchig zu werden, und daß die Ruhe ihnen zum
Verderben gereicht. Dagegen bleiben die fliegenden Wasser frisch und gesund, und je
schneller sie fortschießen, desto vollkommener bleiben sie erhalten.

Wie schon gesagt, verleiht Gott, sobald er dem Menschen die Gabe des geschenkten
Glaubens verliehen hat, zugleich einen Trieb, ihm als dem Zentrum des Lebens
unablässig zuzustreben. Aber dieser untreue, obgleich sich für treu haltende Mensch,
erstickt durch seine Ruhe den Drang zu laufen. Er würde überhaupt nicht vorwärts
kommen, wenn nicht Gott den eingeschlafenen Trieb zu laufen wieder weckte, indem
er den Menschen den Abhang das Berges finden läßt, von dem er nicht umhin kann,
sich hinabzustürzen, er mag wollen oder nicht. Der erste Verlust ist die Stille, die er
doch für immer zu besitzen geglaubt hatte. Seine sonst so ruhigen Wasser fangen an zu
rauschen. Bald bemächtigt sich seiner Wellen eine wirbelnde Bewegung. Sie wallen,
rennen und stürzen.

Wenn der Strom seinen Zustand erkennen würde und um das wüßte, was ihm
bevorsteht, er würde versuchen, innezuhalten und zu seiner Ruhe zurückzukehren.
Das ist jedoch unmöglich. Der Abhang ist nun einmal gefunden. Das Naturgesetz
gebietet. Es gilt, sich in die Tiefe zu stürzen. Doch ist hier noch nicht von den
Abgründen, von dem Verlorenwerden in den Finsternissen die Rede. Der Strom ist
fortwährend sichtbar. Wahrend der Dauer dieses Grades verliert er sich nicht. Er trübt
sich, fällt und stürzt. Welle drängt auf Welle, und Strudel braust auf Strudel. Aber er
geht nicht verloren.

Während seines Falles trifft er hier und da auf ebenere Strecken, wo es ihm vergönnt
ist, sich ein wenig zu erholen. Er gefällt sich in der Klarheit seiner Wasser. Er sieht, daß
sein Fallen und Stürzen, daß das Brechen seiner Wogen am Felsen nur gedient hat, ihn
zu reinigen und zu läutern. Er fühlt sich befreit von allen jenen Strudeln und Wirbeln
und glaubt sogar, schon für immer die Ruhe gefunden zu haben. Er fühlt sich getröstet
über die überstandenen Beschwerden, indem er einsieht, daß ohne diese heilsame
Erschütterung seine stockigen Gewässer Gefahr gelaufen wären, ganz und gar zu
verderben. Schon hat sich der üble Geruch verloren, der von ihnen ausgehaucht
wurde, solange sie auf den Bergen standen. Das sie aufs Neue stichig werden könnten,
fürchtet er nicht, denn er steht jetzt nicht still, sondern fährt fort, sanft auf dem
silbernen Sande hinzurieseln, während die Blumen, die an seinen Ufern stehen, sich in
den klaren Wellen widerspiegeln. So glaubt der allzu sichere Strom nun, von jetzt an
geborgen zu sein und seinen Lauf in Frieden zu vollenden. Aber, o armer Strom, wie
sehr betrügst du dich! Wie erschrickst du, wenn du wahrnimmst, daß deine Wellen
wieder anfangen zu wirbeln und zu strudeln. Wie entsetzt du dich, wenn du an einem
neuen Absturz ankommst, und zwar an einem viel schrofferen und gefährlicheren als
den ersten. Wohl graut es dir vor dem jähen Fall. Trotzdem mußt du hinunter in die
finstere Tiefe.

Von Fels zu Fels stürzt die zerstäubte Flut, und die Kraft deiner Wasser spritzt umher.
Schon von Ferne hört man das Donnern deines Sturzes, und wer es wagt, sich deinem
Flußbett zu nahen, den kommen Schwindel an und Furcht und Grauen. Du aber gibst
dich von nun an für immer verloren. Nicht scheint es dir möglich zu sein, daß deine
Wasser jemals wieder gesammelt werden könnten, und du noch einmal wieder zu
deiner früheren Herrlichkeit zurückkehren könntest. Aber auch diesmal irrst du,
geplagter Strom.
Du bist noch nicht verloren, nein! Aber das Ziel deiner Glückseligkeit ist noch fern. Es
bedarf noch anderer Stürze und Brechungen, noch anderer Reinigungen und
Läuterungen, bevor du hoffen darfst, an den Fuß des Berges zu gelangen und fortan auf
ebenem Boden deinen Lauf in Frieden zu vollenden.

Nachdem der Mensch vielleicht jahrelang in dem oben beschriebenen ruhigen


Zustand gewesen war, hatte er schon geglaubt, auf dessen ewige Dauer mit Sicherheit
rechnen zu können. Er glaubte es um so eher, als alle seine Leidenschaften tot zu sein
schienen und dagegen alle Tugenden in ihrem ganzen umfang sein Eigentum
geworden zu sein schienen. Wie groß ist dann doch das Befremden dieses Menschen,
wenn er wahrnimmt, statt höher zu steigen, oder wenigstens auf gleicher höhe sich zu
erhalten, seine Flügel ihm zu sinken beginnen und sich in ihm ein Zug nach unten
meldet. Er ist ganz bestürzt zu fühlen, daß sein Herz wieder einen Hang zu Dingen
bekommt, die er längst verlassen hatte. Diese gemütliche Stille, die er lange genossen
hatte, fängt an, sich zu verlieren. Zerstreuungen bestürmen ihn in ganzen Schwärmen.
Eine drängt die andere, und der geängstigte Mensch kann sich ihrer nur mit Mühe
erwehren. Auf seinem Weg findet er nichts als Steine, Dürren, Trockenheiten,
Verlassenheit. Das Gebet wird ihm zum Ekel. Seine Leidenschaften, die er schon für
tot gehalten hatte, die aber nur eingeschlafen waren, erwachen von neuem.

Über diese nie geahnte Verwandlung ist der Mensch ganz bestürzt. Er möchte sich
wieder erheben zu seiner vorigen Höhe. Wenigstens möchte er nicht tiefer sinken.
Aber das geht nicht. Der Hang des Berges ist gefunden und der Mensch muß hinab! Er
tut sein Bestes, um wieder aufzustehen von all seinen Fällen. Er zerarbeitet sich, um
sich festzuhalten an irgendeine Andachtsübung oder Aufopferung. Er verdoppelt seine
Bußübungen. Er strengt sich an, den verlorenen Frieden wieder zu schmecken. Er
sucht die Einsamkeit, die ihm jetzt nur Grauen bereitet. Er wendet sich an Gott, der
ihn zu verschmähen scheint. Er flüchtet zu den Geschöpfen. Aber auch an ihnen findet
er keinen Geschmack mehr. Immer tiefer zieht ihn jener unerklärliche Zug. Er tut das
Böse, was er doch verabscheut, das Gute dagegen, das er in seinem Innersten wünscht,
erregt ihm nur Widerwillen und Ekel.

Schon glaubt dieser geängstigte Mensch, den göttlichen Geliebten für immer verloren
zu haben, als er diesen plötzlich wieder in den Blick bekommt. Er ist höchst überrascht
durch seine Erscheinung. Er traut seinen Augen kaum. Er fürchtet, das geliebte Bild
wieder zerfließen zu sehen gleich einer täuschenden Traumgestalt. Doch nein: er ist
es! Er ist es wirklich. Wer beschreibt nun das Entzücken seines liebenden Herzens. Er
fühlt sich umso glücklicher, als er bemerkt, daß der Herr ihm neue Güter mitgebracht
hat: eine größere Reinheit, ein größeres Mißtrauen gegen sich selbst. Jetzt verlangt er
nicht mehr stillzustehen, wie das erstemal. Er läuft unaufhaltsam, jedoch mit einem
ruhigen gehaltenen Lauf, denn er fürchtet sich, von neuem seinen Frieden zu trüben.
Er ist besorgt, aufs Neue den Schatz einzubüßen, der ihm so kostbar ist, und umso
kostbarer, je Schmerzhafter sein Verlust gewesen ist. Er fürchtet, dem göttlichen
Geliebten zu Mißfallen, und daß er noch einmal weggehen könnte. Er ist eifrig
bemüht, diesmal getreuer zu sein, und wacht über sich mit größter Aufmerksamkeit.

Aber auch diese Ruhe wird mit der Zeit gefährlich. Der Mensch überläßt sich
derselben nach und nach mit allzugroßer Sicherheit und wird täglich sorgloser und
träger. Er schwelgt in ihrem Genuß und flieht die Gesellschaft und die täglichen
Aufgaben, um ihm ohne Störungen nachhangen zu können. Jede Unterbrechung
seiner Einsamkeit kommt ihm wie eine Beraubung vor, die man an seinem inneren
Leben begeht. So ist er denn noch ebenso begehrlich und ebenso unersättlich, wie
früher. Ja er ist umso eigensüchtiger, je zarter das ist, was er empfindet und je
empfänglicher durch die erlittenen Martern sein inneres Vermögen geworden ist. Auf
solche Weise läßt er sich einwiegen und kommt, ohne es zu merken, in einen neuen
Stand der Ruhe.

Es bedarf neuer Stürme, um ihn auch aus diesem zu reißen.


Er geht leise und gelassen seines Weges, als plötzlich ein neuer Abhang sich ihm auftut,
steiler und drohender als der vorige. Er erschrickt. Er tritt zurück. Umsonst: es gilt zu
fallen! Und immer tiefer zu fallen! Von Fels zu Fels, von Schlund zu Abgrund! Mit
Entsetzen wird der Mensch inne, daß er nicht nur den Geschmack an den mündlichen
Gebeten, sondern auch am inneren Gebet verliert. Er muß sich die äußerste Gewalt
antun, um darin auszuhalten. Auf jedem Schritt findet er nur das Kreuz. Was ihm
vormals Leben brachte, das bringt ihm jetzt den Tod.

Er spürt in seinem Inneren keinen Frieden mehr, sondern stattdessen ein Wogen und
Strudeln, einerseits durch die Leidenschaften erregt, die umso heftiger auflodern, je
gänzlicher sie erloschen schienen, andererseits durch die Kreuze in der Außenwelt, die
sich in dem Maße verdoppeln, wie der Mensch schwächer wird, sie zu ertragen. Er
wappnet sich mit Geduld. Er weint. Er stöhnt. Er trauert. Er beklagt sich gegen den
himmlischen Bräutigam, daß er ihn so ganz verlassen hat. Aber seine Klagen werden
nicht gehört. Alles gereicht ihm zum Sterben und zum Tod, fühlt sich zu allem Guten
zu träge und zu verdrossen. Zu dem Bösen aber wird er hingezogen, durch einen
inneren Zug, der ihm Grauen macht vor sich selbst.

Er gleicht der Taube Noahs, der, als sie nichts auf der Erde gefunden hatte, wo sie sich
niederlassen konnte, nichts blieb, als zur Arche zurückzukehren. Sie flattert um das
Fenster der Arche. Sie gurrt und ächzt, und hört nicht auf zu gurren und zu ächzen, bis
der Erzvater Noah sich ihrer erbarmt, das Fenster öffnet und sie wieder in seinem
Kasten aufnimmt. 0 diese wunderbaren Wege Gottes, voller Erbarmen und Liebe! Nur
deshalb wird der Mensch von Gott so geführt und nicht anders, daß er mit umso
größerer Schnelligkeit laufen lerne. Gott verbirgt sich, auf daß man ihn umso
sehnlicher suche. Er flieht, daβ man ihn um so eifriger verfolge. Er läßt den Menschen
anscheinend fallen, damit er die Freude habe, ihm aufzuhelfen und ihn zu stützen. Ihr
kräftigen und starken Menschen, die ihr nie diese Zurückhaltung des göttlichen
Geliebten, diese Eifersucht Gottes, diesen verborgenen Gott erfahren habt, die dem
Menschen, der sie bestanden hat, so heilsam dünken, aber im Augenblick der Not so
schrecklich erscheinen. Ihr, die ihr von der Gegenwart Gottes und seinem
ununterbrochenen Besitz berauscht bliebt oder höchstens nur auf so kurze Zeit seiner
beraubt worden seid, daß ihr durch ein langes und schmerzliches Ausbleiben die
Glückseligkeit seiner Gegenwart nie recht schätzen gelernt habt, ihr habt nie eure
eigene Schwäche recht erfahren, noch wie sehr ihr Gotteshilfe dauernd nötig habt. Was
aber jene so hart geprüfte Menschen betrifft, sie fangen an, sich nicht mehr auf sich
selbst zu Stützen, sie Stützen sich einzig und allein nur noch auf Gott. Je herber ihnen
die Strenge des Freundes erschien, desto wünschenswerter erscheint ihnen seine
Gnade.

Diesen Menschen fehlen oft infolge der Abschwächung aller ihrer Kräfte und weil ihre
Sinne keine Stützen mehr haben. Viele Fehltritte beschämen sie dermaßen, daß sie
sich gern vor ihrem göttlichen Freund verbergen würden, wenn sie es könnten. Gerade
während solcher Augenblicke der tiefsten Beschämung pflegt es zu geschehen, daß der
göttliche Geliebte ihnen für einen Augenblick sein Antlitz zeigt. Er streckt ihnen das
Zepter seiner Gnade entgegen, wie es einst Ahasverus der Esther tat, damit sie nicht
sterbe. Aber dieser Liebesbeweis verursacht nur, daß sich die Beschämung vermehrt.
Man möchte vor Schmerz vergehen, daß man dem Geliebten habe Mißfallen können.
Ein andermal lässt Gott den Menschen durch seine Strenge empfinden, wie mehr ihn
seine Untreue betrübt. Gewiss, wenn es möglich wäre, daß Menschen in Staub
verfielen, hier würde es geschehen. Was möchten sie nicht tun, um das Unrecht wieder
gutzumachen, was sie Gott angetan haben? Und was, um das zu ersetzen, was sie dem
Nächsten getan. Es ist wirklich ein Bild des Jammers, so einen zerknirschten
Liebenden zu sehen, dem es begegnet ist, seinen Freund zur Flucht zu zwingen. Er
lässt nicht nach, ihm nachzulaufen. Aber je schneller er läuft, desto schneller entflieht
ihm Gott. Wenn er einmal stillsteht, so ist es nur für einen Moment, damit der Mensch
wieder zu Atem kommt. Er schöpft dann auch Atem aber nur kurz. Diese Augenblicke
der Erholung werden mit jedem Mal flüchtiger und kürzer.

Dieser leidende Mensch sieht dann wohl ein, daß es ans Sterben geht. Er findet das
Leben nirgends. Es wird ihm alles zum Kreuz. Nur Tod: das Gebet, das Lesen, die
Unterhaltung, alles ist tot. Es gibt dann nichts mehr, woran er etwas Geschmack finden
könnte: nicht an den Tugendübungen noch an den Werken der Liebe, noch an der
Krankenpflege, noch an irgend etwas anderem, an dem fromme Menschen sich
erfreuen können. Er verliert das alles oder vielmehr, er stirbt ihm ab.

Er tut es mit so großer Mühe und mit so großem Widerwillen, daß es ihm nur Tod
bedeutet. Zuletzt aber, nachdem er vortrefflich, aber auch vergeblich gekämpft hat,
nach einer langen Reihe von Mühsalen und auch von Ruhezeiten, von Tod und Leben,
beginnt er einzusehen, daß der Stand das Todes ihm nützlicher sei, als der Stand das
Lebens. Denn durch jede Entäußerung, durch jedes Loslassen ist er nur mehr gereinigt
worden, und bei jeder Neuerfahrung der Gegenwart Gottes, war diese tiefer als vorher.
Er überläßt sich daher von nun an freiwillig dem Tode. Er gibt Gott völlige Freiheit, zu
gehen und zu kommen, wie es ihm gefällt. Er erkennt nun, daß es eine fehlerhafte
Eigensucht ist, Gott zurückhalten zu wollen. Er ist innegeworden, wie viel und wie
wenig er vertragen kann. Er verliert nach und nach jede eigene Genußsucht und wird
dadurch zu einem neuen Stand vorbereitet.

Der nächste Stand bildet nun die dritte Stufe des dunklen Glaubensweges. Er umfaßt
das Verlieren oder Verlorensein der Seele, ihre Bestattung und Verwesung. Die zweite
Stufe, die soeben besprochen wurde, endet mit dem mystischen Tod, und reicht nicht
weiter.

4. Die Enteignung INDEX

Man sieht zuweilen Sterbende, die, wenn man sie bereits verschieden glaubt, noch
einmal oder zweimal gleichsam neu aufleben, bis sie endlich wirklich verscheiden: wie
eine Lampe, die kein Öl mehr hat, ganz nahe dem Erlöschen noch einmal oder
zweimal aufflackert, dann aber um so schneller erlischt. So wirft auch der in den letzten
Zügen liegende Mensch noch einige Strahlen, die aber nur Monate dauern. Es ist
umsonst, sich das Sterbens erwehren zu wollen, das lebensnotwendige Öl ist versiegt.
Die Sonne der Gerechtigkeit hat das Mark des Seelischen dermaßen ausgedorrt, daß
ihm nichts mehr übrig bleibt als zu sterben (Hebr. 4, 12).
Diese liebenswürdige Sonne, was hat sie wohl zu tun, als mit der Strenge ihres Brandes
dieses seelische Wesen ganz und gar aufzuzehren. Und doch meint der Mensch, lauter
Eis zu sein. Gott macht, daß die Not, die er erduldet, ihn die Natur seiner Qualen nicht
erkennen lässt. Solange die Sonne sich hinter Wolken verbarg und mit abgedämpftem
Licht auf ihn einwirkte, empfand er deren Hitze und meinte zu brennen, wahrend er
jedoch nur Bang von ihr erwärmt wurde. Nun aber, wo ihre Strahlen senkrecht auf ihn
Niederschienen, fühlt sich der Mensch verdorrt und vertrocknet, ohne auch nur die
Wärme zu spüren.
0 du erbarmende und doch grausame Liebe! Läßt du dich nur darum lieben, daß; du
die Liebenden so täuschen magst? Du verwundest, verbirgst dein Geschoß und
zwingst die Verwundeten, dir zu folgen! Du ziehst sie dir nach und zeigst dich ihnen,
und wenn sie meinen, dich in Besitz zu nehmen, bist du wieder weg. Wenn das
Seelische verschmachtet und in den letzten Zügen liegt, wenn es an dem Punkt
angelangt ist, den Atem auszuhauchen, zeigst du dich einen Augenblick, damit das
Leben wiederkehre, damit es sich wieder und wieder mit um so größerem Schmerz
verlieren kann (Luk. 2, 35).

Du bist ein strenger Liebender! Warum ein so langsamer Tod? Warum Wein dem
Herzen geben, das schon aufgehört hat zu schlagen? Warum das Leben wiedergeben,
nur um es auf's neue zu nehmen? Das ist also das Spiel, das du mit denen spielst, die
dich Lieben. Du verwundest bis in den Tod. Und wenn du den Kranken nahe am
Verscheiden siehst, heilst du seine Wunden, um ihm aufs neue welche zu schlagen.
Ach, andere sterben nur einmal. Jene Peiniger, von denen wir in der Geschichte der
Christenverfolgungen lesen, verlängerten wohl das Leben und mit ihm die Marter der
Märtyrer.

Aber sie ließen sich daran genügen, daß sie es am Ende doch nur einmal verloren. Du
aber, unermüdlicher als jene, raubst es tausend- und tausendmal und gibst es ebenso
oft zurück (1. Kor. 15, 31).

0 Leben, das man nicht ohne so viele Tode gewinnen kann! 0 Tod, dessen man nicht
habhaft werden kann ohne den Verlust so vieler Leben! Sicher wirst du am Ende der
Meister des Lebens werden. Wird dann aber die Reinigung des Herzens vollendet
sein? Wird der Mensch im Augenblick der Mitkreuzigung in den Stand der Ruhe und
das Friedens eingehen? Nein, es ist etwas anderes, das ihm bevorsteht, und etwas viel
schwereres. Auch begraben muß er werden (Rom. 6, 4), auch in die Verwesung
übergehen, auch in Staub und Asche zerfallen.
Die verwesenden Leiber wissen nichts von ihrer Verwesung. Ob auch die Menschen in
diesem Zustande nicht mehr leiden? Ihr irrt Freunde, wenn ihr damit rechnet. Es
verhält sich mit der Seele anders als mit dem Leib. Sie fährt fort zu empfinden und zu
leiden und das Begräbnis und die Verwesung und das Nichts sind ihr noch unendlich
empfindlicher als ihr das Sterben gewesen war.

Dieser Stand des Sterbens ist in der Regel von sehr langer Dauer, er kann 20 und 30
Jahre dauern, wenn nicht Gott etwas besonderes mit diesen Menschen beabsichtigt.
Wenn ich schon gesagt habe, da nur wenige über die ersten Stufen hinauskommen, so
kommen noch viel weniger über diese Stufe hinaus.
Es ist nicht selten, das sehr heilige Menschen, Menschen, die wie die Engel gelebt
haben, in schrecklicher Not sterben, nicht anders, als würden sie an ihrer Seligkeit
verzweifeln. Das befremdet die Leute, und sie sind verlegen wegen der Ursache. Die
Ursache ist folgende: Sie sind verstorben, während sie sich auf dieser Stufe des
mystischen Todes befanden. Gott, der ihren Lauf beschleunigen wollte, bevor sie ihr
Ende erreichten, verdoppelte zu diesem Zweck ihre Leiden, wie es unter anderen auch
Tauler erfuhr.
Man muß sagen, daß, wenn diese Sterbenden wirklich Heilige gewesen sind, man sie
als solche ansehen muß, die gemäß ihrem Stand und Inhalt ihres geistlichen Standes
vollendet worden sind. Natürlich können sie gar wohl Heilige gewesen sein, ohne daß
sie über diese Stufe hinausgekommen wären. Es sind viele von der Kirche selig und
heilig gesprochen worden, welche erst sterbend diesen Weg betreten hatten, ja, viele
von ihnen haben diesen Grad nicht einmal erreicht. Wenn mir daher Menschen
begegnen, die sich ihres schnellen Laufes rühmen, so kann ich nicht anders, als ihnen
zu sagen, daß sie sich täuschen. Sie mögen vollendet sein, ich will es zugeben, in
irgendeinem der vorbereitenden Stände. Was aber diesen hier anbelangt: in Wahrheit
ist es nicht so leicht, ihn zu durchlaufen.
Eben darum sollten auch Menschen, die in der Gegenwart Gottes sterben, und die sich
auf der ersten Stufe des reinen Glaubensweges befinden, keinen Ratschlägen folgen,
die nur für die höheren Stufen gelten. Man mag es Gott überlassen, die Seele zu
entblößen. Er wird es schon tun zu seiner Zeit als Herr und Meister. Der Mensch muß
dann nur darauf achten, abzusagen und loszulassen und das Sterben nicht zu
verzögern.
Wenn Man sich aber aus eigener Kraft und eigenem Wunsch heraus entblößen will,
hieße das, alles zu verscherzen, und einen göttlichen Stand herabzusetzen auf eine sehr
gewöhnliche und geringe Stufe. Tatsächlich gibt es Menschen, die, nachdem sie von
der Entblößung der Seele gehört oder gelesen haben, sofort eigenmächtig sich an
solche Arbeit machen und darüber niemals weiterkommen. Sie entäußern sich wohl
ihrer selbst, aber dennoch bekleidet sie Gott nicht wieder mit sich selbst. Es ist nämlich
zu bemerken, daß Gott, wenn er die Seelen entblößt, es nur tut, um sie wieder zu
bekleiden. Er macht nur arm, um reich zu machen. Insgeheim ersetzt er alles, was er
den Menschen raubt, aus seiner eigenen Fülle. Das widerfährt den Menschen nicht, die
sich selbst entblößen.
Sie verlieren — auch aus eigener Schuld — die Gaben Gottes, aber sie gelangen darum
nicht zum Besitz Gottes selber.
Man kann auf dieser Stufe nicht genug tun, sein Seelenleben zu entblößen,
auszuleeren, arm zu machen und ertöten zu lassen. Was man auch tun wollte, um sich
selbst zu Stützen, es gereicht einem alles zu unersetzlichem Schaden. Es heißt das, ein
Leben zu fristen, dessen man doch verlustig gehen soll. Man denke an jene Lampe. Ihr
sagt, ihr wollt sie ausgehen lassen, ohne sie gerade selbst auszulöschen. Ihr braucht nur
aufzuhören, Öl zuzugießen, und sie wird schon ausgehen, ganz von selber. Wenn ihr
aber fortfahrt, sie mit Öl zu versorgen, so wird sie niemals erlöschen. So verhält es sich
mit dem seelischen Wesen und Leben. „Wer seiner Seele Leben verliert, der wird es
finden“. Wenn man seinen Zustand zu erleichtern sucht, wenn man sich nicht geduldig
entkleiden, verleugnen und entblößen läßt, welcherlei Nahrung man auch seiner Seele
erlaubt, man wird ihren Tod in dem Maß verzögern, mit dem man ihr Futter zumißt.
Erwehre dich nicht des Todes, und du wirst leben durch den Tod. Man denke an einen
Menschen, der ins Wasser gefallen ist und Gefahr läuft, zu ertrinken. Er zerarbeitet
sich, um sich über Wasser zu halten. Er bleibt auch oben, solange er es kann. Er fristet
sein Leben, solange er noch Kraft hat.

Sobald aber seine Kräfte nachlassen, sinkt er unter und ertrinkt. Genau so verhält es
sich mit diesen Menschen. Sie wollen ihre Seele retten. Sie kämpfen gegen das
Untergehen, solange sie nur können. Erst wenn die eigene Kraft gänzlich erschöpft ist,
verscheiden sie. Gott, den ihr Zustand jammert, und der ihre Mitkreuzigung
beschleunigen möchte, lähmt ihnen die Hände, womit sie sich festhielten, und zwingt
sie dadurch, zugrunde zu gehen. Wohl ruft und schreit die
wehleidige untergehende Seele, aber es ist keine Erhörung. Kein Erbarmen haben ist
unter diesen Umständen die größte Barmherzigkeit.
0 ihr Seelsorger, steht in diesem geheimnisvollen Werk Gott bei. Hütet euch, diesen
Menschen hilf zu leisten. Genau so, wie es euch nicht erlaubt ist, ihr Sterben zu
beschleunigen, indem ihr sie selbst unter das Wasser drückt, so ist es euch auch nicht
erlaubt, die Hand auszustrecken, um sie herauszuziehen. Raubt ihnen vielmehr jede
Stütze. Lasst euch nicht durch ihre Klagen erweichen. Werdet eisern gegen sie, wie der
Himmel eisern gegen sie geworden ist, und wenn ihr sie nun erstorben seht, begrabt
nicht den Leib. Die Liebe wird ihn auf ihre Weise zu begraben wissen. Das
Begrabenwerden und das zu Staubwerden: beides wird zu seiner Zeit und Stunde
erfolgen.
Die Kreuze folgen, die Kreuze mehren sich. Und je starker sie sich mehren, mehrt sich
auch die Unfähigkeit, so, daß es dem Menschen scheint, er müsse erliegen. Was ihm in
diesem Zustande die größte Qual bereitet, ist dies, daß ihm jede Verstärkung der Not
die Folge eines Fehltritts zu sein scheint, den er begangen zu haben glaubt. Er meint,
selbst zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen zu haben.
Allmählich gerät er in einen Zustand der Unempfindlichkeit. Er fangt an, sich an die
Not zu gewöhnen, von seiner Ohnmacht und Untauglichkeit überzeugt zu werden,
und an sich selbst zu verzweifeln (Röm. 7, 18).
Er ist sogar zufrieden, daß er all seiner empfangenen Gnaden beraubt wird, und es
scheint, daß Gott ihm alles zu Recht abgenommen hat. Er gibt die Hoffnung auf, diese
Gnaden jemals wieder zu besitzen.
Wenn er einen anderen begnadeten Menschen erblickt, so verdoppelt das seine Not,
und er fühlt sich in die Tiefe seines Nichts versenkt. Er möchte dem anderen
nacheifern. Da aber seine Bestrebungen erfolglos sind, so bleibt ihm nichts anderes
übrig, als nur sich in das Sterben und in die Mitkreuzigung hinzugeben. Jetzt könnte er
mit der Schrift sprechen: „Was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und was
ich besorgt habe, hat mich getroffen“. Was ist das, spricht er, Gott verlieren? Ihn
verlieren für immer, ohne Hoffnung, ihn wiederzufinden? Der Liebe beraubt werden
für Zeit und Ewigkeit! Den nicht mehr lieben zu können, der das Urbild aller
Liebenswürdigkeit ist! War es nicht genug, göttlicher Geliebter, daß du dein Geschöpf
verstoßen hast, daß du dein Angesicht auf immer von ihm abgewandt hast?
Muß ihm auch noch die Liebe genommen werden? Muß es auch noch verlieren, womit
allein es noch lebte, und das für immer? ... Allerdings ist es nur eine Vorstellung des
Menschen, daß er die Liebe verloren habe. Im Grunde hat er nie mächtiger und reiner
geliebt als eben jetzt. Er hat nur die Lebhaftigkeit, nur die empfindbare Kraft der Liebe
verloren, nicht aber die Liebe selbst.
0 nein! Vielmehr hat er nie inniger geliebt als gerade jetzt. Er kann es nur nicht
glauben, der Ärmste. Und doch wäre es so leicht, es einzusehen. Denn das Herz kann
nicht existieren ohne Liebe. Wenn er nun Gott nicht liebte, so müßte er etwas anderes
lieben. Aber gerade davon ist er himmelweit entfernt. Es ist ihm unmöglich, an
irgendetwas anderem einige Freude zu finden, es mag sein, was es wolle.

Nicht, als ob seine Sinne sich nicht zu den Geschöpfen neigten! Ja, gerade das ist sein
großes Leiden, weil er die Empörung der Leidenschaften und seine unwillkürlichen
Vergehungen als schreckliche Schandflecke betrachtet, die ihm den Haß des göttlichen
Bräutigams zuziehen.
Er möchte sich waschen, sich bleichen sich reinigen, aber er hat sich kaum gewaschen,
als er sich schon wieder einbildet, zurückgefallen zu sein in einen noch ärgeren und
zäheren Schlamm als den, aus dem er sich soeben herausgearbeitet hatte.
Der Ärmste sieht nicht, daß bloß sein allzu schnelles Laufen daran schuld ist, daß er
sich beschmutzt, daß er sich dreckig macht, daß er so oft strauchelt und fällt, daß aber
eben die Liebe ihn mit solcher Macht fortreißt und seinen Fortgang dermaßen
beflügelt, daß er nicht acht auf diese Dinge haben kann, worüber er fällt und strauchelt.
Er ist dadurch aber so beschämt, in so einem Zustand laufen zu müssen, daß er kaum
weiß, wohin er sich wenden soll. Er geht einher mit ganz zerrissenen Kleidern. Er läuft
und rennt so schnell, daß ihm im fliegenden Lauf ein Gewand nach dem anderen
entfällt.
Sein himmlischer Bräutigam hilft ihm aus zwei Ursachen, sich zu entkleiden und zu
entblättern. einmal, weil er seine Kleidung beschmutzt hat, seine schöne, zierliche
Kleidung, durch jene eitle Selbstgefälligkeit, und weil er sich die Gaben Gottes
angeeignet hat, durch so viele selbstsüchtige Rückblicke auf sich selbst; zum anderen,
weil er durch die Last der Kleidung in seinem Lauf aufgehalten würde. Selbst die
Furcht, so viele Kleinodien zu verlieren, würde ihn dazu bewegen, langsamer zu laufen.
Armer Liebender, was ist aus dir geworden! Der du früher die Lust deines
himmlischen Bräutigams warst, welcher alles daran setzte, dich zu schmücken und zu
verschönen: wie gehst du jetzt einher, so nackt und bloß, so abgerissen und armselig,
daß du weder dich selbst anzusehen wagst noch vor ihm dich sehen zu lassen. Alle
Leute, die dich früher gesehen haben, die dich so sehr Bewunderten in deiner Schöne
und in deinem Schmuck, sind ganz erstaunt, dich so zerlumpt zu finden. Sie glauben,
daß du die allerschweresten Verbrechen begangen haben mußt, denn nur diese
könnten den himmlischen Bräutigam bewogen haben, dich zu verlassen. Sie ahnen
nicht, daß dieser eifersüchtige Bräutigam, der den Menschen nur um seiner selbst
willen liebt, sobald er wahrgenommen hatte, daß seine Braut sich nur mit ihren
Zierden beschäftigte, daß sie sich in ihnen bewunderte und bespiegelte, daß sie anfing,
mit sich selbst zu liebäugeln, daß sie manchmal aufhörte, den Bräutigam anzublicken,
um nur sich selbst zu betrachten, daß die Liebe, die sie auf sich selbst vergeudete, der
Liebe zu dem Bräutigam Abbruch tat, daß er nur deshalb sie entblößte und ihr alle
Reize und Zierden vor ihren Augen verschwinden ließ.
Wenn der Mensch in der Fülle seiner Güter sich befindet, hat er ein Vergnügen daran,
sich selbst zu betrachten. Er sieht an sich selbst Liebreize, die seine Liebe sich selbst
zuwenden und Gott entziehen. So ein Tor! Er sieht nicht, daß er nur mit der Schönheit
des Bräutigams schön ist, und daß, wenn dieser sie ihm wieder raubt, er so häßlich
werden würde, daß es ihn vor sich selber grauen würde. Er versäumt es, dem
Bräutigam zu folgen auf seinen Wegen durch die Wüste, durch die Felder und Wälder.
Er fürchtet, seine Farben zu verderben, seine schönen weißen Kleider zu bestaunen
und seine Kleinodien und Geschmeide zu verlieren.
0 eifersüchtige Liebe, wie wohl tust du, diesem eitlen Menschen zu begegnen, ihm das
zu nehmen, was du ihm gegeben hast, damit er lernt, wer er sei, damit er, nunmehr
ganz nackt und bloß, durch nichts mehr in seinem Lauf gehindert werde.

A) Die Entzierung INDEX

Unser lieber Herr fängt also an, den Menschen nach und nach zu entblößen. Zuerst
nimmt er ihm alle seine Gnadengaben, Gnaden und die Pfänder seiner Liebe, das sind
gleichsam die Kleinodien, womit er ihn geschmückt hatte. Darauf nimmt er ihm alle
Leichtigkeit und Fertigkeit, das Gute zu tun, das sind gleichsam seine Kleider.
Schließlich nimmt er ihm auch die Schönheit seines Angesichts, das sind die göttlichen
Tugenden, die er von nun an außerstande ist, auf eine wirksame Weise zu üben. Das
sind die drei Stufen der Entblößung, die dem wahren Mitgekreuzigt sein vorangehen.
Der erste Grad der Entblößung ist der, daß den Menschen die Geistesgaben, Gnaden
und Pfänder der Liebe Gottes genommen werden, ja auch die empfindbare und
wahrnehmbare Liebe. Er empfindet, daß er davon nach und nach entkleidet wird. Er
sieht, daß der himmlische Bräutigam nach und nach alles zurücknimmt, was er ihm an
Kleinodien gegeben hatte. Darüber ist der Mensch nicht wenig betrübt. Jedoch
weniger über den Verlust solcher Kostbarkeiten, als vielmehr darüber, daß sich der
göttliche Geliebte zurückzieht. Denn der Mensch meint, daß Gott böse auf ihn sei, und
daß er darum ihm alles wegnimmt, was er ihm gegeben hat. Natürlich sieht er ein, wie
viel Mißbrauch er damit getrieben hatte, und daß er sich allzusehr in diesen
Verzierungen gefallen hatte.

Auch ist er so voll Scham darüber, daß er vor Beschämung vergehen möchte. So läßt er
Gott tun was dieser will, und wagt nicht zu fragen, warum er ihm das wieder nimmt,
was er einmal gegeben hat. Er blickt in tiefem Stillschweigen zu ihm empor, jedoch auf
eine so klägliche Weise, das Gott daraus sofort sehen kann, wie sehr sein Verfahren
den Menschen schmerzt.

Dieses Stillschweigen ist aber noch nicht so tief wie später. Es wird noch durch Tränen
und Schluchzen unterbrochen. Aber eben diese Ausbrüche seines Schmerzes betrüben
den Freund aufs Neue. Der Mensch scheint auf solche Weise Gottes Härte anzuklagen.
Er scheint nicht zu begreifen, daß er verdient hat, so behandelt zu werden, und daß es
nur deshalb geschieht, damit der Mensch außer Stand gesetzt wird, des himmlischen
Freundes Güter fernerhin zu Mißbrauchen. So bemerkt der Mensch bald seinen
Mißgriff und sein Versehen. Er eilt, dem himmlischen Freund zu beteuern, daß er sich
um seine Gaben wenig bekümmert, wenn er nur aufhört, mit ihm zu zürnen. Er
bezeugt dem Herrn, daß er nur darum weine, weil er das Unglück gehabt hat, ihm zu
mißfallen. Und es ist tatsachlich war, daß in diesem Augenblick das Mißfallen des
göttlichen Geliebten ihm so Empfindlich ist, daß er nicht mehr an die verlorenen
Schätze denkt, sondern nur an die Trauer des Freundes. Er sucht Gott zu besänftigen
durch seine Demütigung, seine Hingabe und seine Klagen. Auch das ist dem
himmlischen Freund nicht ganz recht. Er schont aber seine Schwäche, und läßt es ihn
einstweilen nicht merken.

Nachdem er den Menschen eine Weile zagen und zappeln lassen mußte, stellt er sich
so, als sei er nun besänftigt. Trocknet ihm selbst die Tränen und tröstet ihn. Wer
beschreibt die Freude, das Übermaß von Seligkeit, das der Mensch wegen der ihm
wieder zugewendeten Liebe Gottes empfindet. Zwar gibt Gott ihm die
zurückgenommenen Pfänder nicht wieder, aber danach fragt der Mensch nicht. Er ist
froh, nur wieder angeschaut, getröstet und geliebt zu werden von dem Vielgeliebten.
Da jedoch jeder Genuß des Augenblicks vergangene Entbehrungen gewöhnlich
vergessen läßt, so verliert sich der Mensch ganz und gar bei dem wiedergefundenen
Freund. Er gedenkt nicht mehr des überstandenen Jammers, sondern schwelgt in den
neuen Erweisen seiner Liebe, so, daß der Bräutigam genötigt wird, sich ihm mit Gewalt
zu entreißen und ihn sofort noch weiter aller Gnaden zu entblößen. Es muß bemerkt
werden, daß Gott dem Menschen seine Schätze nur allmählich raubt: Das eine
Kleinod diesmal, das andere ein andermal.

Je schwächer der Mensch ist, desto langwieriger ist seine Entblößung. Je stärker er ist,
desto früher kann es geschehen, indem Gott die Kräftigeren auch schärfer und weniger
schonend behandelt. Wie hart auch diese Entblößung sei, sie beschränkt sich doch nur
auf das überflüssige und Entbehrliche, auf die Gnadengaben, Gnaden und Pfänder.
Auf das Wesentliche erstreckt sie sich in dieser Zeit noch nicht. Aber auch das
geschieht nur nach und nach gemäß der Schwäche des Menschen. Diese Führung
Gottes ist so Bewunderungswürdig, sie fließt aus einer so unergründlichen Liebe des
Schöpfers für sein Geschöpf, daß man selbst Gegenstand dieser Liebe gewesen sein
muß, um sie nur einigermaßen zu ermessen. Der Mensch ist so erfüllt von sich selbst,
er ist so durchwachsen und durchwurzelt von der Eigenliebe, daß er verloren ginge,
wenn Gott nicht so mit ihm verführe.

Man möchte fragen: wenn die Gnadengaben Gottes dem Menschen so gefährlich sind,
warum werden sie ihm dann erst gegeben?
Sie werden ihm gegeben, um ihn von der Sünde loszureißen, um ihn zu erretten von
dem Ankleben an die Geschöpfe, um ihn zurückzuziehen zu dem, der diese kostbaren
Gaben spendet. Aber eben diese Gnadengaben, womit Gott den Menschen beschenkt,
um ihn abzulösen von den Geschöpfen und von sich selbst und um ihn dahin zu
bringen, daß er wenigstens aus Dankbarkeit den Geber liebt, eben diese dienen dem
armseligen Geschöpf nur zum neuen Fallstrick. Die Eigenliebe ist so tief gewurzelt in
der Kreatur, daß die Gaben ihr nur neue Nahrung geben. Der Mensch, der sich in
ihnen bespiegelt, entdeckt neue Liebreize in sich, die er früher nicht wahrgenommen
hatte. Er vertieft sich darin. Er klebt an sich selbst. Er eignet sich zu, was Gottes ist. Er
wird verwöhnt durch die Vertraulichkeit, deren der Hocherhabene ihn würdigt. Er
vergißt die Sklaverei, woraus Gott ihn gerissen hat. Sicher könnte Gott den Menschen
von dieser Erbkrankheit seiner Natur erlösen, wie er ihn von seinem begehrlichen
Grunde befreien könnte. Er tut es nicht, aus Gründen, die nur ihm bekannt sind.

Der auf solche Weise der göttlichen Gnadengaben beraubte Mensch verliert ein wenig
von seiner Eigenliebe. Er fängt an einzusehen, daß er nicht so reich sei, wie er es sich
eingebildet hatte, und daß seine Reichtümer nicht ihm selbst gehörten, sondern dem
Freund. Er wird inne, daß er dieselben mißbraucht hat und willigt ein, daß Gott sie
zurücknimmt und behält.
„Ich werde reich sein“, spricht er, „in Kraft und Reichtum meines Freundes. Mag er sie
behalten. Es wird alle Zeit die Gemeinschaft der Güter unter uns sein, und er
wenigstens wird sie nicht verlieren“. Der Mensch ist am Ende ganz zufrieden damit,
daß er diese Ketten und Spangen und Ringe und Kleinodien verloren hat. Er fühlt sich
nicht mehr so belastet und kann in der Zukunft seinen Weg umso schneller beenden.
Er gewöhnt sich an diese Entblößung.

Er sieht ein, daß diese ihm nützlich und heilsam gewesen ist. Er kümmert sich nun
nicht weiter darum. Nun putzt er sich mit seiner eigenen Kleidung auf, so gut er es
kann. Und da er sich schön vorkommt, so lebt er in der Hoffnung, daß er auch mit
seinen angeborenen Annehmlichkeiten und in der eigenen Kleidung dem Bräutigam
gefallen werde, wie es ja geschehen war, ehe er ihn noch mit seinen Gaben geziert
hatte.

B) Die Enthüllung INDEX

Der Mensch hat sich mit dem erlittenen Verlust abgefunden. Schon überlässt er sich
der Hoffnung, daß keine weiteren Opfer von ihm verlangt werden, als er mit Schrecken
wahrnimmt, daß sein himmlischer Geliebter noch schonungsloser und noch
gewalttätiger anfängt, ihn nun auch seiner Kleider zu berauben. 0 Ärmster, was soll nun
werden? Jetzt widerfährt ihm noch Schlimmeres als bisher. Was ihm bis heute
genommen wurde, war nur das überflüssige. Jetzt aber sollst du entbehren, was ohne
Verletzung des Anstandes nicht entbehrt werden kann (Joh. 19, 23).

Deshalb wehrt sich auch der arme Geängstigte dieser neuen Entblößung aus allen
Kräften. Er macht dem Bräutigam Vorhaltungen, daß ihm das selbst zur Schmach
gereichen werde. „Wehe mir“, spricht er, „ich habe alle deine Gaben und Geschenke
hingeben müssen. Ich mußte alle Pfänder deiner Liebe zurückgeben. Ich habe die
Freude der Liebe selbst verloren. Nur die Tugend war mir geblieben und die Freude
und die Leichtigkeit, sie zu üben.

Ich übte mich in den Liebeswerken. Ich kümmerte mich um den Nächsten. Ich habe
fleißig gebetet, obwohl du mir deine spürbaren Gnaden entzogen hattest. Ich kann
mich nicht entschließen, dies alles aufzugeben. Ich war wenigstens noch meinem
Stande entsprechend gekleidet. Man betrachtete mich in der Welt immer noch als
deine Braut. Wenn ich nun auch noch meiner Kleider beraubt werde, so wird man
mich als eine Verworfene ansehen, und ich werde dir selbst zum Vorwurf gereichen ...“.
Trotzdem, Unglücklicher, wirst du dich auch in diesen Verlust fügen müssen. Immer
noch kennst du dich selbst viel zu wenig. Eben deine Kleider dienen dazu, deine wahre
Gestalt dir selbst zu verhüllen. Auch wähnst du, sie seien dein Eigentum, und du
könntest ganz nach eigenem Belieben dich ihrer bedienen. Darum laß nur auch diese
fahren. ...
Aber ich hatte sie mir doch mit so großer Anstrengung erworben. Du selbst hattest sie
mir zum Lohn der Arbeiten gegeben, die ich für dich bestanden hatte ... du mußt sie
doch hergeben!

So wird nun der Mensch entblättert und seiner Verhüllungen beraubt, der einen nach
der anderen. Alles wird jetzt wieder weggenommen, woran er vormals seine Freude
gefunden hatte: die Almosen, die Krankenpflege, die Bußübungen, der Gottesdienst, ja
das Gebet selber. Und er empfindet nicht nur Widerwillen und Ekel dagegen, er spürt
sogar eine völlige Untüchtigkeit, ein unüberwindliches Unvermögen, diese Dinge zu
tun. Alle seine eigene Kraft hat ihn verlassen, die Kraft des Leibes, die Kraft der Seele.
Ihm bleibt nur noch die Erinnerung an die frühere. Ihm bleibt eine wehmütige
Erinnerung an seine verlorenen Tugenden. Aber auch die wird ihm genommen. Es war
die letzte Hülle, womit er sich bedeckte.

Der Mensch wagt es nicht mehr, sich zu beklagen. Allmählich sieht er ein, daß ihm
auch diesmal wiederfährt, was ihm gebührt. Er begreift, daß ihm gar nichts gehört,
sondern alles dem Bräutigam. Er fängt an, ein Mißtrauen gegen sich selbst zu schöpfen.
Er verliert allmählich jene tief verwurzelte Vorliebe für sich selbst.
Aber er haßt sich noch nicht (Joh. 12, 25 und Luk. 14, 26), denn er ist schön, obgleich
entblättert.
Von Zeit zu Zeit sieht er mit kläglichem Blick den Freund. Aber er wagt kein Wort zu
sprechen. Er fürchtet, seinen Unwillen zu erregen. Es scheint ihm gering zu sein, so
enthüllt und entblößt zu sein, wenn nur der himmlische Bräutigam nicht zürnte, und er
sich nicht unwürdig gemacht hätte, seine hochzeitlichen Kleider zu tragen. Schon ist
seine Beschämung unendlich. Er wagt weder vor dem Freunde zu erscheinen, noch vor
den Leuten. Er möchte sich verstecken im Mittelpunkt der Erde. Umsonst.

Er muß hervor. Er muß zur Schau gestellt werden der Erde wie dem Himmel. Die
Leute staunen. Sie fangen an, ihn weniger zu achten. „Ist das der Mensch“, sprechen
sie, „der noch vor kurzem die Bewunderung der Menschen und Engel war? Seht doch,
wie er herabgefallen ist von seiner Höhe aus“! Dieser arme Verlassene hört sehr genau,
was die Leute sagen. Es geht ihm umso tiefer ins Herz, als er sich bewußt ist, daß er es
wirklich verdient habe, so vom Brautigam preisgegeben zu werden. Noch eine Weile
hegt er die Hoffnung, daß wenigstens das eine oder andere verhüllende Gewand ihm
wiedergegeben wird, daß wenigstens irgendein alter Lumpen ihm zugeworfen werde,
um sich zu bedecken.

Aber er hofft vergebens. Es ist gerade die Liebe, die unergründliche Barmherzigkeit des
göttlichen Freunds, die ihn daran hindert, den leisen Wunsch des Liebenden zu
gewahren. Er weiß, daß der Mensch in seinem Inneren nur so gefördert werden kann,
daß er nur durch die äußerste Entblößung von der grundverderblichen Eigenliebe
geheilt werden kann. Um mit Gott eins zu werden, ist es notwendig, daß auch der
letzte Keim der Eigenliebe in ihm getilgt werde. Darum macht sich der Bräutigam
bereits daran, noch strenger und herber mit ihm zu verfahren.

C. Nun lebe nicht mehr ich. INDEX

a) Die Entschönung

Es war nur der Anfang, daß der Mensch seiner Zierden beraubt wurde und seiner
Kleidung. Auch seine Schönheit muß er noch verlieren, um so häßlich wie seine Sünde
zu werden. Bisher waren ihm nur die außerordentlichen Gnadengaben und Gnaden
genommen worden, danach die Kraft und Fähigkeit zum Guten. Er hat jede
lobwürdige Wirksamkeit verloren, das Vermögen zu Bußübungen, zu Liebeswerken,
zur Armenpflege. Nur die göttlichen Tugenden waren ihm geblieben.
Jetzt soll er auch diese verlieren. Natürlich nur, was den Gebrauch anbelangt, denn in
der Wirklichkeit prägen sie sich nur umso tiefer in die Seele ein. Er verliert die Tugend
als Tugend, aber nur, um sie in Jesus Christus wiederzufinden. Dieser vormals so
demütige Mensch sieht sich auf einmal stolz und übermütig. Dieser so geduldige
Mensch, der sich auch das Härteste gefallen ließ, von dem man auch das Äußerste
verlangen konnte, wird gewahr, daß er jetzt gar nichts vertragen kann. Er kann die
Zügel seiner Sinne nicht mehr halten. Er gerät in Zorn und in Wut. Er überwirft sich
mit den Geschöpfen. Er könnte mit der Braut des Hohen Liedes klagen: „Daß die
Hüter, die in der Stadt umgehen, ihn gefunden und ihn wundgeschlagen haben“.

Es ist zu bemerken, daß diejenigen, die sich in diesem Stand befinden, keineswegs
einen freiwilligen Fehltritt begehen. Gott läßt sie zwar gewöhnlich einen solchen
Abgrund des Verderbens in ihrem Inneren erkennen, daß sie mit Hiob sprechen
möchten: „Ach, daß du mich in die Hölle verbergen würdest, bis daß das Ungestüm
seines Zornes sich legte“. Aber Gott läßt nicht zu, daß dieser Mensch in eine wirkliche
Sünde fällt. Und das ist so wahr, daß, wenn er sich auch als das verworfenste aller
Geschöpfe vorkommt, er trotzdem, wenn er beichten soll, keinen einzigen Fehltritt
anzuführen weiß, sondern sich damit begnügen muß zu klagen, daß er voller Jammer
sei und in seinen Neigungen und Trieben einen beständigen Kampf spüre. Es dient zu
Gottes Verherrlichung, daß er dem Menschen zwar die Verdorbenheit seines Grundes
offenbart, ihn aber nicht in irgendeine wirkliche Sünde fallen läßt.

Was seinem Schmerz eine so schneidende Schärfe gibt, ist dies, daß er sich gleichsam
erdrückt fühlt von Gottes Reinheit, und daß dem Menschen wegen des
unermesslichen Abstandes zwischen der Reinheit das aller vollkommensten Wesens
und der Unreinheit das sündigen alten Adams, die kleinsten Sonnenstäubchen der
eigenen Unvollkommenheit als ungeheure Sünden erscheinen. Er sieht, daß er ganz
klar und lauter aus den Händen Gottes hervorgegangen war, daß er aber nicht nur
durch die Sünde Adams getrübt worden ist, sondern er sich auch selber unzähliger
wirklicher Vergehungen schuldig gemacht hat. Darüber empfindet er eine
unaussprechliche Beschämung. Wenn aber die Menschen ihn verachten, so geschieht
das nicht, als ob sie irgendeine namhafte Unart oder Untugend an ihm
wahrgenommen hatten. Es geschieht nur, weil sie ihn nicht mehr tun sehen, was er
sonst mit so großer Treue und Wärme zu tun pflegte. Sie glauben daher, er sei aus
seinem Stande herausgefallen, wobei sie sich dann freilich sehr irren.

Dieser Mensch begeht also nicht die Fehler, die er zu begehen wähnt. Er ist vielmehr
niemals in seinem Grunde lauterer gewesen. Da die Sinne und die Kräfte aber jeder
Stütze beraubt sind, so schweifen sie umher wie in der Irre. Der Lauf zum Ziel wird
dem Menschen in diesem Stand dermaßen beschleunigt und beflügelt, daß nicht zu
verwundern ist, wenn er, der an sich selbst nicht einmal denkt, wenig auf die
Unebenheiten des Weges acht hat. So kommt es dann vor, daß er anstößt und
strauchelt und fällt. Er beschmutzt sich auch wohl mit dem Staub und Kot, in den er
fällt.

Aber Gott behütet ihn, daß er sich nicht verletzt. Natürlich erschrickt er über seinen
Fall. Er schämt sich seiner Unvorsichtigkeit wie der schreiensten Untreue. Er streckt
die Hände aus nach dem Geliebten. Obwohl dieser ihn mit seiner unsichtbaren Hand
stützt, so hütet er sich, dies auf eine wahrnehmbare Weise zu tun. Seine Absicht ist, daß
der Mensch durch das Fallen und seine vergeblichen Bemühungen, sich wieder
aufzuhelfen, zur Erkenntnis seiner eigenen Untüchtigkeit gelangen soll. Er sucht sich
auch wieder aufzuraffen. Jedoch umsonst! Ohnmächtig und kraftlos sinkt er zurück er
verzagt am Ende an sich selbst. Er läßt ab von den vergeblichen Bestrebungen. Er
entsagt aller Hoffnung. Er möchte mit Hiob sprechen: „Was soll ich harren? Und wer
achtet auf mein Hoffen? Hinunter in die Hölle muß er fahren, und meine Hoffnung
wird zu Staub“!

Hier endlich fängt der Mensch an, sich wirklich kennen zu lernen, und infolgedessen
auch sich aufrichtig zu hassen. Das würde nicht geschehen, wenn unser Herr ihn nicht
empfinden und einsehen ließe, wer er eigentlich ist. Alle Einsichten, die man sich von
seinem Inneren erwirbt durch all die Lichter der früheren Stände, reichen lange nicht
hin, den Menschen dahin zu bringen, sich selbst zu hassen. „Wer seine Seele lieb hat“,
steht geschrieben, „der wird sie verlieren, wer sie aber hasset, der wird sie retten“. Nur
die Erfahrungen, die der Mensch gemacht hat, und die ihm so schwer erschienen,
vermochten den bodenlosen Abgrund seines Elends aufzudecken. Kein anderer Weg
hilft da zur wahren Reinigung. Er reinigt höchstens auf der Oberfläche. Der Grund
hingegen bleibt unberührt von ihm. Gerade der Grund ist es, in dem die Unreinigkeit
sich verbarg, ohne daß sie bis jetzt aus diesem ihrem letzten Zufluchtsort und Versteck
hätte herausgepreßt und hinausgetrieben werden können.

Diese urgründliche Unreinheit, die Wirkung der Eigensucht und Eigenliebe ist es, die
der große Läuterer und Schmelzer jetzt in den Tiefen des Gemütes aufsucht und durch
gewaltiges Pressen und Drücken den Unrat hervorzutreten nötigt. Nehmt einen mit
Schmutz übersättigten Schwamm, wascht ihn, so viel ihr wollt, und ihr werdet nur sein
äußeres reinigen. Den Grund werdet ihr nicht eher säubern, als bis ihr durch kräftiges
zusammendrücken den verborgenen Schmutz herauspreßt. So wird es euch leicht
werden, ihn vollends zu säubern. Genau so verfährt Gott mit den Menschen. Er preßt
ihn zusammen auf eine ihm freilich äußerst unangenehme und schmerzhafte Weise. So
nur aber wird das hervortreten, was in seinem inneren verborgen gewesen war.
Der Mensch erschrickt über diesen ungeheuren Unrat. Es wird ihm übel von dem
Anblick und von dem Geruch. Er kann nicht glauben, daß das alles ihm angehört habe.
Er hatte gemeint, es sei ihm von außen gekommen. Aber er irrte. Es war vorhanden,
und er sah es nicht. Jetzt erst spürt er den Unrat, wo er glücklich ist, davon erlöst zu
werden. Wer an einem Geschwür leidet, spürt keinen Ekel daran, bis es geöffnet
wurde. Jetzt wird ihm allerdings wegen des hervorquellenden Eiters angst und bange.
Er sollte sich beglückwünschen zu diesem Übelwerden. Es war der nicht sichtbar
gewordene Eiter, der ihm gefährlich werden konnte, es war der verborgene, der, wenn
er unberührt geblieben wäre, sich tiefer in Mark und Knochen eingefressen hätte und
auch Gutes mit zerstört hätte.

So ist also dieser dunkle und schmerzhafte Weg der einzige, auf welchem der Mensch
von der Wurzel her gereinigt werden kann. Auf jedem anderen würde er unrein
bleiben, so sauber er auch nach außen scheinen würde. Darum ist es wichtig, daß Gott
ihm zu erkennen gibt, was die eigentliche Gestalt seines Inneren ist.
Diese entblößende Gnade greift hauptsachlich die allergeheimsten und verborgensten
Schäden an, gewisse Lieblingseigenheiten, die die Natur sorgsam nährt und pflegt, und
die den Menschen nicht als Fehler vorkommen, sondern vielmehr als Tugenden, so
daß, wenn man sie verliert, man Tugenden zu verlieren scheint.

Denn die wahre und wesentliche Tugend wird nur auf Kosten der gemachten eigenen
Tugend erworben. Sie wird nur durch die Versuchungen zum Gegensatz erworben,
wie geschrieben steht: „Wer nicht versucht wurde, was mag der Großes wissen“! Je
mehr Anhänglichkeit wir an irgendeine Tugend haben, desto mehr werden wir in
Beziehung auf sie geprüft. Die Mängel der anderen Wege erscheinen jetzt deutlicher
als Mängel. Diejenigen aber, die Gott aufdeckt und austilgt aus dem Innersten des
Herzens, würden bei den anderen für Vollkommenheiten gelten. In der Tat zeichnen
die anderen sich aus durch eine hervorleuchtende Weisheit, durch einen Verstand, der
alles fasst und einsieht, durch einen Heldenmut, der getrost ist, auch das äußeste zu
wagen. Jene dagegen sind nichts, wissen nichts, haben nichts. Da ist nichts als
Schwachheit, Ohnmacht, Unvermögen. Nicht die kleinste Eigenheit wird ihnen
gelassen. Auch sind sie weit davon entfernt, nachdem sie einmal alles verloren haben,
aufs Neue nach etwas eigenem zu trachten, oder sich an irgendetwas zu hängen.
Woran sollten sie sich auch hängen, sie, die so unrein und unschön sind.

Die begnadetsten unter diesen Menschen sind der Welt gewöhnlich ein Dorn im Auge.
Es wird ihnen von allen Seiten widersprochen und entgegengearbeitet. Was die
anderen tun, wird sehr bewundert. Sie dagegen scheinen alles zu verderben, was sie
unternehmen. Nichts gelingt ihnen. Nichts können sie den Leuten recht machen. Sie
ergeben sich aber bald in diese Lage. Sie haben endlich eingesehen, daß alles Gute
nirgends als in Gott sei, alles Böse nirgends als in ihnen selbst.

Niemand weiß und niemand glaubt, als wer es erfahren hat, wessen die Natur fähig sei,
wenn man sie sich selbst überläßt. Gewiss hat die heilige Katharina nicht übertrieben,
wenn sie schrieb, daß unser eigenes, sich selbst überlassenes Wesen schwärzer und
schlimmer sei, als selbst das Reich der Finsternis.
Wie kann es dann verwundern, wenn der durch so harte Mittel zur Selbsterkenntnis
gelangte Mensch sein eigenes ich mehr hasst, als den argen selbst. Erst jetzt hat er
Augen, um seine eigene Hässlichkeit zu sehen. Er weiß; nur Böses von sich selber zu
reden. Es wundert ihn nicht, daß der Bräutigam ihn verlassen hat, es wundert ihn
vielmehr, daß Gott ihn nur einen Augenblick habe lieben können.
Er kann es nicht einmal ahnen, daß der schmerzlich vermißte himmlische Freund eben
jetzt ihn am innigsten liebe, und daß er nur deshalb vor ihm fliehe, um ihn zu einem
desto schnelleren Lauf zu ermuntern, daß er ihn nur deshalb alles und sich
beschmutzen lasse, um ihn desto gründlicher reinigen zu können. Wenn man das Eisen
in das Feuer bringt, um es zu säubern und von Rost zu befreien, so scheint es wohl sich
anfangs zu beschmutzen und zu schwärzen. Aber, nachdem es ganz durchglüht worden
ist, freut man sich seiner Reinheit und Blankheit.

Der himmlische Freund läßt den Liebenden sein Unvermögen erproben, damit er
aufhört, sich auf die eigene Kraft zu stützen, und sich von ihm allein tragen läßt. Denn
so sehr er sich in seinem Lauf auch anstrengt, so glich sein Gang doch immer nur dem
wankenden Tritt eines Kindes. Ist er aber in Gott und wird von Gott getragen, so
verwandelt das Kindergetrappel sich in den Gang der Sonne, die, obwohl sie zu ruhen
scheint, zu jedem Zeitpunkt unermeßiche Räume durchwandert.
Auch jetzt noch sieht der ganz und gar entblößte Mensch manche seiner Bekannten
wunderbar prangend mit den Zierden, die ihm selbst genommen worden sind. Mit
Ehrerbietung betrachtet er diese geliebten Bräute Christi, und wagt kaum ihnen zu
nahen. Er bewundert sie in dem Geschmeide, das auch einst sein eigenes war. Aber es
fällt ihm nicht ein, es wieder haben zu wollen. Er achtet sich dessen für unwert. Er
würde fürchten, es zu entweihen, wenn er mit so unreinen Händen es auch nur
berührte.

Es freut ihn zu finden, daß, wenn schon er selbst dem Geliebten verleidet worden ist, es
trotzdem an anderen nicht fehlt, an denen er seine Freude hat. Er ist für immer geheilt
von jeder Eifersucht des ersten Brautstandes, wo er den Bräutigam für immer für sich
allein hätte behalten mögen. Im Gegenteil, er ist froh, daß er ihn nicht ansieht, ihn,
dessen Anblick ihm nur Ekel und Abscheu verursachen würde, und daß er seine Lust
an den anderen und würdigeren hat. Er preist sich glücklich die Liebe seines Gottes
gewonnen zu haben, und gönnt ihnen von Herzen gern die Unterpfander, die er selbst
vorher besessen hatte.

Während er sich selbst gegenüber diesen begünstigten Menschen so klein und gering
vorkommt, und diese ihm als Könige erscheinen, hat er keine Vorempfindung von der
Herrlichkeit, die gerade aus seiner Entblößung, seinem Sterben und Verwesen für ihn
erwachsen wird. Denn der Freund entblößt ihn einzig und allein deshalb, um ihn zu
bekleiden mit sich selbst, wie der heilige Paulus uns ermahnt „anzuziehen Jesus
Christus“. Er tötet ihn, um selbst sein Leben zu sein, wie geschrieben steht: „Sind wir
mit Christus gestorben, so werden wir auch mit ihm auferstehen“. Er vernichtet ihn,
um ihn umzugestalten in sein Bild, wie es verheißen worden ist, daß wir sollen „ähnlich
werden seinem verklärten Leib, nach der Macht, womit er alle Dinge sich untertänig
machen kann“.

Man darf daher nicht glauben, daß dieser so hart geprüfte Mensch, über dessen Haupt
alle Wetter zusammenzuschlagen scheinen, in diesem seinem läuternden und
reinigenden Stande wirklich von Gott verlassen sei. In Wirklichkeit ist er nie kräftiger
von ihm unterstützt worden. Es ist nur die Natur, die für eine Weile sich selbst
überlassen wurde, und die alle diese Verheerungen anrichtet, ohne daß die Seele teil
daran hat.

Diese trostlose Braut, während sie hierhin und dorthin rennt, um dem Geliebten zu
folgen, kann es freilich nicht verhindern, vielfältig bestaunt und bespritzt zu werden.
Sie ritzt sich wohl auch in den Dornenhecken, die an ihrem Wege sind. Sie ermattet so
sehr, daß man jeden Augenblick erwartet, sie niedersinken und verscheiden zu sehen.
Die größte Barmherzigkeit, welche der Freund unter solchen Umständen ihr erzeigen
kann, ist die, daß er unerbittlich ist und sie sich zu Tode rennen läßt je eher je lieber.
Manchmal wendet er sich ihr zu, und so oft er wahrnimmt, daß sie im Begriff sei, sich
selbst aufzugeben und sich einem gefährlichen Ausruhen zu überlassen, besucht er sie
mit einem liebenden Blick. Jeder solche Blick dient dazu, sie neu zu entzünden und
neu zu beflügeln, allerdings auch ihren sterbenden Zustand zu verlängern. Daher
werden auch diese Blicke immer seltener, und die Besuche des Freundes immer
flüchtiger, bis sie endlich, zur Zeit und Stunde, die ihm die rechte zu sein scheint, ganz
und gar aufhören. Und jetzt ist der Rest ihrer wirkenden Kräfte erschöpft. Sie sinkt. Sie
geht unter. Aber nur, um unter einem anderen Pol und über einer anderen
Hemisphäre wieder aufzugehen.
b) Mit Christus gestorben INDEX

Nachdem der Mensch alles verloren hat, soll er nun auch noch sich selbst verlieren,
indem er gänzlich verzagt, an den Geschöpfen und an sich selbst. Das Gebet bereitet
ihm während dieses Standes sehr viel Not. Da er den Gebrauch seiner Kräfte verloren
hat, da darüber hinaus ein gewisser innerer, in den Tiefen seines Grundes verborgener,
unaussprechlicher Friede, der ihm zur letzten Stütze diente, von Gott genommen
worden ist, so irrt er umher wie ein Waisenkind, das jemanden sucht, der ihm Nahrung
reichen möge. Und er findet keinen.

Es kommt ihm vor, als ob er die Gabe des Gebetes überall verloren hätte. Es ist ihm
zumute wie solchen, die das Gebet niemals besaßen. Der Unterschied ist nur, daß diese
durch das Entbehren eines Gutes, dessen Wert sie nicht zu würdigen wissen, nicht im
geringsten gerührt werden, während er dessen Verlust auf das schmerzlichste
empfindet. Abgestoßen von dem Ort, wo er sonst jederzeit Trost und Stärkung
gefunden hatte, fühlt sich dieser der Mitkreuzigung entgegeneilende Mensch versucht,
zu den Geschöpfen zu flüchten.

Es kann ihm passieren, in einer Art von Verzweiflung, sich auf die Dinge
zurückzuwerfen, woran er früher das größte Wohlgefallen gefunden hatte. Er ist jedoch
fern davon, ihnen einigen Geschmack abgewinnen zu können. Vielmehr trifft er darin
eine solche Bitterkeit, daß er sich eiligst wieder von ihnen zurückzieht, und nichts
davonträgt, als das schmerzliche Gefühl seiner Untreue.

Die Einbildungskraft ist ganz und gar verwildert und taumelt umher gleich einem
Betrunkenen. Die drei Kräfte der Seele verlieren nach und nach alles Leben. Der
Verstand verfinstert sich. Die Erkenntnis verblasst. Der Wille verliert alle Spannung.
Nichts aber wird dem Menschen schwerer und peinlicher aufzugeben, als dieses
verborgene Etwas, daß ihm umso unentbehrlicher und wesentlicher vorkommt, je
zarter und köstlicher es ihm gewesen ist. Er würde eher alles andere aufgeben, wenn
nur dieses unbeschreibliche etwas ihm bliebe. Da er noch nicht zur Unmittelbarkeit
gelangt ist, so glaubt er untergehen zu müssen, wenn alles und jedes Mittel ihm
genommen wird, zumal dieses letzte und edelste Mittel, daß ihm das Gut zu sein
scheint, dem er bis jetzt zustrebte und der Preis aller seiner Mühen. Was ist es denn,
das der Mensch durch so viele Kämpfe und Anstrengungen zu gewinnen meint, wenn
nicht dieses Zeugnis im Grunde, da er ein Kind Gottes sei? Die Blüte und Frucht aller
Gottseligkeit ist eben diese innere Gewissheit.

Trotzdem muß auch dieses noch verlorengehen. Hilflos und stützlos muß der Mensch
der Empfindung seines Jammers und Elends preisgegeben bleiben. Und gerade das ist
es, was einzig und völlig das Sterben des Menschen bewirkt. Bliebe ihm dieses
verborgene Etwas, das das Leben der Seele ausmacht, so würde er nicht sterben. Auch
wenn zugleich mit jener Stütze die Empfindung seines Zustandes ihn verlassen würde,
würde er sich noch halten können und nicht sterben. Er weiß und begreift es gut, daß
er, um zu seinem Ziel zu gelangen, durch langwierige und schauervolle Finsternisse
tappen müsse, da er alles verlieren müsse, was ihm Geschmack und Empfindung
verursacht, so zart es auch gewesen ist. Er erträgt daher auch mit Kraft deren
Beraubung besonders dann, wenn es ihm sonst nicht an Erleuchtung und Einsicht
fehlt. Jedoch auch jeden im innersten kaum wahrnehmbaren Widerhall zu verlieren,
vor Schwäche umzusinken, in den Staub und Kot zu fallen, hierein kann der Mensch
nicht willigen, weil er nie darin einwilligen darf. Hier ist es, wo die Vernunft sich
verliert, und sich Schauder und Schrecken des Todes des Menschen bemächtigen, der
nur noch zu leben scheint, um seinen Tod zu fühlen.

Der Mensch muß sehr treu sein in diesem nackten und schweren Zustand, damit die
Sinne sich nicht freiwillig zu den Geschöpfen neigen, und in ihnen die Erholung und
Zerstreuung suchen, die sie begehren. Nur von einem freiwilligen und Selbsterwählten
hinneigen der Sinne ist hier die Rede. Denn was die Ertötung und das bewußte
Aufmerken auf sich selbst anbelangt, so ist der Mensch deren jetzt nicht fähig. Je mehr
er ertötet worden ist, in dem Sinne nämlich, worin die weniger Geübten das Ertöten
sehen, desto mehr Hang hat er zum Gegenteil, ohne dessen gewahr zu werden. Er ist
ähnlich dem seiner Sinne Beraubten, der ziellos und bewußlos umherwandert. Wollt
ihr nun seine Zügel zu straff anziehen, so wäre das nicht nur vergeblich, sondern es
würde auch diese Richtung des Gemüts, auch das äußerliche, das wirkliche Sterben,
verzögern und hindern.
Darum soll den Sinnen nicht erlaubt werden, auf eine strafbare oder die
Vervollkommnung hindernde Weise sich zu erleichtern. Dagegen kann ihnen gestattet
werden, sich dann und wann an unschuldigen Dingen zu erholen. Denn weil sie nicht
schaffen können, was im Inneren gewirkt wird, so könnte die Gesundheit, die
Geisteskraft, das Innere selbst gefährdet werden, wenn man sie in allzugroßem Zwang
halten wollte. Man muß das als eine Zucht der Anfänger ansehen, worüber man hinaus
ist, und nicht allzu streng sein in der Gestaltung das Harmlosen und Erlaubten.

Das gilt allerdings nur für die Stufe, von der wir reden. Denn wenn der Mensch sich
ähnliches in den Tagen seiner ersten Erleuchtung und seiner ersten Liebe erlauben
würde, so wäre das übel. Unser lieber Herr weiß schon sehr gut die Menschen so zu
leiten und zu führen, wie es ihnen in ihrem jeweiligen Stand dient. In den Anfängen
zügelt und züchtigt er die Sinne nämlich so, daß er ihnen nicht die geringste Freiheit
gestattet. Wenn sie auch nur irgendetwas wollen, sofort wird es ihnen entrissen. Ein
Blick, ein Wort, die geringste Befriedigung verursacht unendliche Leiden.
Das geschieht, damit die Sinne aus ihrer mangelhaften Wirksamkeit herausgezogen
und gezwungen werden, sich zu dem Inwendigen zu kehren. Indem sie der Außenwelt
entwöhnt werden, fühlen sie sich im Inneren auf eine so freudenvolle Weise gebunden,
daß sie sich für den Verlust aller äußeren Dinge überschwänglich entschädigt halten.
Wenn sie aber für den Dienst des Inwendigen genügend gereinigt sind, wenn sie
sozusagen eingeschult wurden, wenn nun die Zeit gekommen ist, wo der Mensch
durch die gerade entgegengesetzte Richtung aus sich selbst herausgezogen werden
soll, gestattet Gott, das sie von dem inwendigen gleichsam abgestoßenen Sinne sich
wieder nach außen wenden und sich überwiegend wieder nach außen neigen. Dem
Menschen selbst erscheint dies ein Rückfall in die vorige Unart und Unreinigkeit zu
sein. Das ist es aber unter den jetzigen Umständen keineswegs. Wer den Sinnen mit
Gewalt eine andere Richtung zu geben versuchte, würde hier Gottes Arbeit stören und
das Werk seiner vollendeten Reinigung nicht fördern, sondern verzögern.

Daß es bei einer solchen Wendung nach außen an mancherlei Versehen nicht fehlen
wird, läßt sich erraten. Jedoch die Beschämung, die der Mensch darüber empfindet,
und die Treue, womit er diese benutzt, hilft gerade den Aschenhaufen zu bilden, auf
welchem er, wie einst Hiob, ganz und gar verwest. „Denen, die nur Gott lieben, muß
alles zum besten dienen“. Hier ist es auch, wo man den letzten schwachen Rest der
Achtung verliert, den die Leute bis jetzt einem noch erzeigten. Sie sehen das Elend mit
Verhöhnung an und sagen: „Ist das nicht derjenige, den wir noch vor kurzem so sehr
bewunderten? Wie ist er doch so entstellt worden und so unscheinbar“! Er aber
antwortet und spricht: „Seht mich nicht an, daß ich so schwarz bin, es ist die Sonne der
Liebe, die mich so sehr verbrannt hat“. Und jetzt tritt er mit einem Mal über in den
jammervollsten aller Stände, in den des Begräbnisses, der Verwesung und gänzlichen
„Vernichtigung“.

c) Mit Christus begraben INDEX

(Begräbnis — Verwesung — „Vernichtigung")

Der Strom, nachdem er einmal aus seiner Quelle hervorgebrochen ist und den Abhang
des heimatlichen Berges gefunden hat, hat nie aufgehört zu fallen und zu stürzen. Er ist
von Fels zu Fels gestürzt, von Zacke zu Zacke.
Er hat sich an der Felswand gebrochen. Er ist mehr als einmal zu Schaum und Dunst
zerstoben. Immer wieder haben seine Wasser sich jedoch aufs Neue gesammelt. Er hat
seinen Lauf fortgesetzt. Man hat ihn über Stock und Stein fließen sehen, durch Bruch
und Moor und Röhricht. Jetzt aber fängt er an, sich den Blicken zu entziehen. Man
sieht ihn nicht mehr. Man hört nur noch sein Brausen in der finsteren Tiefe. Er ist in
einen Schlund gestürzt und fährt nun fort, sich einen Weg unter der Erde zu bahnen.
Noch einmal bricht er hervor, kommt aber nur zutage, um sich bald wieder in einen
noch tieferen Schlund zu stürzen, und aus diesem in noch tiefere und grauenvollere,
bis er nach der langen Irrfahrt und Drangsal wohl gestäubt und gegeißelt, aber auch
rein, geklärt und von aller Unsauberkeit geläutert, sich in das Meer ergießt, in dessen
Unermeßlichkeit er sich verliert, ohne sich jemals wiederzufinden.

Nachdem der Mensch so schmerzlich und so lange zwischen Leben und Tod gerungen
hat, verscheidet er endlich in den Armen der Liebe. Aber er weiß nicht, daß diese Arme
ihn umfangen. Sofort erlischt in ihm auch die leiseste Lebensregung. Wunsch, Zug,
Hang, Begier, Widerwille, Abneigung: es ist alles aus für ihn. Wohl war das alles schon
in den früheren Zuständen in ihm auf das äußerste abgeschwächt. Die Schwächung
ging über in gänzliches Erschlaffen, in dem Maß, wie der Mensch seinem Ziel näher
kam. Immer jedoch war dies sterbende, mit dem Tode ringende Leben noch Leben.
Und wo das Leben ist, da ist die Hoffnung. Auch dem Menschen war noch ein leises
Hoffen geblieben, daß, wenn er aus so vielen Ohnmachten wieder aufgekommen sein
wird, er sich vielleicht auch noch von diesen seinen letzten Zügen erholen wird.

Er irrt. Es ist aus mit dem Leben. Es ist aus mit dem Hoffen. Der Strom wird
verschlungen von dem Abgrund. Man sieht ihn nicht mehr. Es ist der dunkle,
schauervolle Stand des Mystischen Todes, den die Seele jetzt beschreitet. Genau so
aber, wie jeder frühere Stand seine Stufen hat, so auch hier. Genau so, wie jene ihren
Anfang, ihren Fortgang und ihre Vollendung haben, so auch dieser. Es ist mit dem
natürlichen Menschen noch nicht alles vorbei, wenn er gestorben ist. Er muß auch
noch begraben werden. Er muß in die Verwesung übergehen. Er muß zu Staub
zerfallen. So ist es auch mit dem inwendigen Menschen. Auch seiner warten Begräbnis,
Verwesung, Vernichtigung. Und eben das sind die drei Stufen des mystischen Todes.
Der Mensch, nachdem er gestorben und bevor er begraben worden ist, verweilt
gewissermaßen noch unter den Lebenden. Er trägt noch menschliche Gestalt, obgleich
die Züge, deren man sich sonst erfreute, jetzt nur Grauen verursachen.

So behält auch der Mensch in den Anfängen seines jetzigen Standes noch einige Züge
dessen, was er vormals gewesen ist. Wie in dem verblichenen Leichnam noch einige,
erst nach und nach erlöschende Lebenswärme übrig ist, so bleibt auch dem Menschen
noch ein gewisser Eindruck von Gott. Einige blasse Erinnerungen sind ihm übrig an
die Seligkeit, die er früher genossen hat, wenn er Andachtsübungen verrichtete, wenn
er betete, wenn er Werke der Liebe tat. Er versucht, sich wie damals zu erheben. Es ist
umsonst!
Die abgespannten Kräfte versagen ihm den Dienst. Er bleibt starr, stumm und
unbeweglich. Die Leute, die ihn schon länger mit Geringschätzung behandelten,
fangen an, ein Grauen vor ihm zu bekommen. Sie beobachten jedoch noch einige
Pflichten des Anstandes ihm gegenüber. Sie machen Anstalten, ihm „die letzte Ehre zu
erweisen“, wie man zu sagen pflegt.

Es ist höchste Zeit. Denn schon beginnen die Spuren der Verwesung sich einzustellen.
Die Züge werden immer entstellter, die Gestalt immer schauerlicher. So eilt man dann,
ihn wegzuschaffen. Man begräbt ihn. Sie häufen Erde über das Grab. Sie treten ihn mit
Füßen oder gehen gleichgültig vorüber. Das also ist das Los des so Hochbegnadeten
und so teuer erkauften Menschen: verscharrt zu werden mit vollem Bewußtsein in dem
engen, schmalen Behälter, abgeschlossen zu werden von dem Anblick das Lichtes und
dem Umgang mit den Lebenden, allein zu sein mit sich selbst und mit den
Schrecknissen der Hölle!

0 des schauderhaften Zustandes! Der Mensch jedoch, obwohl von Grauen


durchdrungen, ergibt sich in sein Verhängnis. Er begreift, daß das Grab der einzige
Aufenthaltsort sei, der in seinem jetzigen Stand sich für ihn schickt (Röm. 6, 4), da er
in Zukunft weder für die Kreaturen tauge, noch die Kreatur für ihn (Gal. 6, 14).
Er ist es wohl zufrieden, daß er dem Anblick der Lebendigen entzogen worden ist. Er
würde froh sein, hoffen zu dürfen, auch dem Anblick dessen entzogen zu werden,
dessen helles Auge auch die Nacht der Gräber durchdringt.

Denn immer grauenvoller wird die Gestalt des Menschen, und immer entsetzlicher
sein Zustand. Der alte Adam fängt endlich an, in Fäulnis überzugehen und in
Verwesung. Die alten Schäden brechen auf. Die verdorbenen Säfte geraten in Gärung.
Der Mensch kann in dem Modergeruch und in den Gräueln der Verwesung nicht
aushalten.
Möchte doch wenigstens jetzt sein göttlicher Geliebter nicht an ihn denken! Möchte
der Hauch seiner Verwesung nicht bis zum Himmel steigen. Möchte sein Anblick
nicht Ekel und Grauen erwecken dem, den er vormals liebte! Jedoch, der Mensch muß
es schon ertragen! Er muß geschehen lassen, was nicht in seiner Macht steht.
Das geheimnisvolle Werk seiner Auflösung rückt indessen unaufhaltsam fort.

Schon ist der alte Mensch zerstört. Das Band, das die Elemente zusammengebunden
hielt, ist gelöst. Er sinkt zusammen. Er zerfällt in Staub. Das herbste ist jetzt
überstanden. Dem alten Adam ist sein Recht geschehen: Er mußte in den Tod. Er ist
untergegangen mit allen seinen bösen Gelüsten (Röm. 6, 6).
Die Verwesung ist vollendet. Jener Modergeruch ist nicht mehr. Der Mensch ist
übergegangen in den Zustand gänzlicher Unempfindsamkeit. Er ist gleichgültig
geworden gegen die Welt, gegen sich selbst, gegen Gott. Er liebt nicht mehr und haßt
nicht mehr. Er leidet nicht und freut sich nicht. Er tut nichts Gutes, nichts Böses. Er tut
gar nichts. Er hat nichts. Er will nichts. Er ißt nichts. Er steht in dem Stande der
Vernichtigung.

Die Treue des Menschen in diesem Stand besteht darin, daß er sich bestatten,
begraben, auf sich treten läßt, ohne sich dagegen zu sträuben (von Feinden oder von
Freunden, wie Jesus), daß er den Modergeruch in der Grube ertrage, und der
Verwesung sich preisgebe nach dem ganzen Umfang des göttlichen Willens, ohne daß
er sucht, seiner gänzlichen Zerstörung ein Hindernis in den Weg legen zu wollen. Es
fehlt nicht an Menschen, die durch Balsam und Spezereien eingebildeter guter Werke
ihre Verwesung aufzuhalten und durch die Wohlgerüche unzeitiger Andachtsübungen
dem Modergeruch zu steuern suchen. Tut es nicht, ihr Teuren! Laßt Gott gewähren!
Glaubt fest, daß in eben dem Maße, worin „euer irdischer Mensch verwest, der
himmlische Mensch Kraft gewinnt, sich zu entwickeln und zu entfalten“.

Auch die Seelsorger müssen merken, daß es nicht gut ist, den Menschen, die auf dieser
Stufe stehen, geistlichen Beistand zu leisten, es sei denn, daß sie von Natur schwach
und nur wenig kräftig sind. Denn solche müssen allerdings gestützt werden, sie
könnten sonst verlorengehen durch die durchdringende Not der Vernichtigung. Denn
diese Not dringt einem in die Knochen. Die übrigen sind mehr äußerlich und greifen
weniger tief ein. Was aber die starken Menschen anbelangt, je weniger diese gestützt
und gestärkt werden, desto schneller werden sie vernichtigt und vollendet. Darum habt
kein unzeitiges Mitleid mit ihnen.

Es blieb im Moderstaub ein Keim zurück, aus welchem der neue Mensch erwachsen
sollte, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewig lebt.
0 Leben, du bist des Todes Meister geworden. „0 Tod, wo ist nun dein Stachel? Hölle,
wo ist jetzt dein Sieg“? Auf ewig ist jetzt geborgen der da glaubte, für immer verloren
zu sein. Sterbend hat er das Leben gewonnen, und im Nichts das All, im Kreuz die
Auferstehung!
5. Mit Christus auferstanden INDEX

(Wiederbelebung — Einigung — Leben in Gott)

Nachdem der Strom sich endlich in das Meer ergossen hat, unterscheidet er sich noch
eine Zeitlang auf eine wahrnehmbare Weise von dem Meer. Die Farbe seiner Gewässer
ist eine andere, die Bewegungen seiner Wellen anders. So behält auch der Mensch,
nachdem er in Gott aufgenommen worden ist, anfangs noch eine gewisse
Eigentümlichkeit. Allmählich aber verliert er alles, was er Eigenes hatte, und wird eins
mit Gott (Joh. 17, 21).

Jener Leib, der infolge Auflösung seiner Bestandteile in Staub und Asche zerfiel, ist
noch immer Staub und Asche, also etwas für sich selbst Bestehendes. Wenn aber
jemand die Asche verschlingen würde, so würde nichts Selbständiges mehr von ihr
übrig sein, sie würde ein und dasselbe mit dem werden, der sie genommen. Der
Mensch, so sehr er auch abgetötet und vernichtigt worden ist, hat noch immer seine
Eigentümlichkeit behalten und hat sie nie verloren. Nicht früher, als in ihrem jetzigen
Stand, wird der Mensch wahrhaft aus sich selbst herausgezogen.

Alles was ihm bisher widerfahren ist, widerfuhr ihm in der der Kreatur eigentümlichen
Empfänglichkeit. Hier aber wird die Kreatur aus der ihr eigenen Empfänglichkeit
herausgezogen, um eine grenzenlose Empfänglichkeit in Gott selber zu empfangen.
Genau so, wie der in das Meer ausgeflossene Strom das eigene Sein verliert, um das
Sein das Meeres anzunehmen. Genau so, wie er aus sich selbst herausgezogen wird, um
sich in dem Meer zu verlieren, so verliert auch der Mensch das Irdisch-Menschliche,
um sich in das Göttliche zu verlieren, das von nun an sein Sein und Element wird, nicht
auf irdische, sondern auf geheimnisvolle Weise
(1. Kor. 15, 36; 1. Kor. 15, 50; Phil. 3, 21).

In diesem Stand wird an dem Menschen das Geheimnis des Hesekiel erfüllt, wenn er
auf dem Feld voller Totengebeine weissagt: „Siehe, es rauschte im Gefilde und regte
sich, und die Gebeine kommen wieder zusammen, ein jegliches zu den seinen“. Und
wie er weiter weissagt und spricht: „Mache dich auf, Wind, aus den vier
Himmelsgegenden, und blase diese Getöteten an, damit sie wieder lebendig werden.
Da kam Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig, und sie richteten sich auf ihre
Füße“. Auch Jesaja hat auf diese geistige Wiederbelebung hingedeutet, wenn er
spricht: „Das Volk, das in Finsternis saß, sieht ein großes Licht, und die in des Todes
Schatten saßen, besucht der Aufgang aus der Höhe“. Das ist es auch, was Christus uns
verheißen hat, wenn er spricht: „Wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde, und ist
schon jetzt, wo alle, die in den Gräbern sind, werden meine Stimme hören, und
werden auferstehen zur Auferstehung eines ewigen Lebens“.
Ihr Menschen, die ihr aus dem Grab hervorgeht, ihr nehmt in eurem Inneren einen
Lebenskeim wahr, der bis dahin euch verborgen geblieben ist. Ihr werdet mit
Erstaunen inne, daß eine geheimnisvolle Kraft sich euer bemächtigt. Siehe, es regt sich
in der Asche. Die dürren Gebeine rühren sich, und aus dem Staub ergrünt neues
Leben...

Er schaut sich um, der erstaunte Mensch, und er findet sich in einem ganz neuen Land.
Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Er wähnt, daß der Strahl, der ihn umleuchtet,
durch irgendeinen Riss seines Grabes, etwa durch irgendeine Spalte seines Sarges
eingedrungen sei in seine dunkle Behausung. Aber er wird bald von der Wahrheit
überführt. Er empfindet, daß diese unbekannte Kraft ihn immer übermächtiger
überwältigt, ihn immer inniger durchdringt. Er fühlt im Innersten, daß ihm ein neues
Leben gegeben sei, das nicht verloren werden könne, ohne durch die allerschwärzeste
und kaum denkbare Untreue. Aber dieses neue Leben ist nicht, wie vormals. Es ist „das
Leben in Gott“.

Es ist ein vollkommenes Leben. Er „lebt nicht mehr“, er wirkt nicht mehr durch sich
selbst (Hebr. 4, 10), sondern „Christus lebt", handelt und wirkt „in ihm“. Und dieses
Leben, Handeln und Wirken wächst fort und fort. So das er vollkommen wird mit
Gottes Vollkommenheit, reich mit seinen Reichtümern, liebend mit seiner Liebe.
Der Mensch begreift nun, daß was er vormals gehabt hat, so groß es ihm auch
erschienen war, in seinem eigenen Besitz gewesen war. Aber jetzt besitzt er nichts
mehr, sondern er wird besessen. Er lebt nicht mehr in dem eigenen Leben, sondern mit
dem Leben Gottes, der der Urgrund allen Lebens ist, und damit auch der Urgrund
aller Güter. Welchen Gewinn hat er nicht davongetragen für alle seine Verluste! Das
Erschaffene hat er hingegeben für das Unerschaffene, das Nichts für alles! Alles ist ihm
gegeben, nicht in sich, sondern in Gott, nicht, daß es von ihm besessen wird, sondern,
daß es von Gott besessen wird. Seine Reichtümer sind unermeßlich. Sie sind Gott
selbst. Er ist sein Teil. Er sieht sein Empfängnisvermögen sich erweitern mit jedem
Tage. Er breitet sich in jeder Hinsicht bis in das Unermäßiche aus. Alle seine
Tugenden werden ihm wiedergegeben, jedoch in Gott.

Aber ebenso, wie der Mensch nur nach und nach und stufenweise entblößt worden ist,
so wird er auch nur nach und nach wieder bereichert und wieder belebt. Je mehr er
sich in Gott verliert, desto größer wird seine Empfänglichkeit. Er ist jenem Strom
ähnlich, der in eben dem Maße, worin er sich tiefer in das Meer verliert, immer mehr
sich erweitert und verbreitet, so daß er zuletzt unermäßlich wird, da er keine anderen
Grenzen mehr kennt, als die des Meeres selbst, dessen sämtliche Eigenschaften er teilt.
Auf gleiche Weise wird auch der Mensch unbegrenzt und unermeßlich. Er hat alles
Mittelbare verloren, denn er steht nun am Ziel.
Dieses göttliche Leben wird dem Menschen ganz natürlich. Wie er sich selbst nicht
mehr fühlt, noch sieht, noch kennt, so sieht er nichts von Gott, er begreift nichts von
ihm, er unterscheidet nichts in ihm. Es gibt keine Liebe mehr, keine Erkenntnisse,
keine Lichter. Gott scheint ihm nicht mehr wie vormals etwas von ihm Fernes,
sondern er weiß nur dies: daß Gott sei, und daß er selbst nicht mehr sei, daß er nur
noch lebt und besteht in ihm (Gal. 2, 20). Hier ist das Gebet Tat. Und die Tat ist
Gebet (Joh. 15, 7). Alles gilt dem Menschen gleich und einerlei, weil alles ihm auf
gleiche Weise Gott ist. Darum sind von nun an auch alle Unterschiede der
Handlungen aufgehoben (Joh. 5, 19 und 15, 5).

Die unbedeutendste Handlung gilt gleich viel der erhabendsten, so fern sie nur in der
Ordnung Gottes ist, und aus der göttlichen Anregung entsprang. Anders freilich
verhielte es sich, wenn es eine Handlung der eigenen Wahl wäre, was jedoch bei diesen
Menschen nicht statt hätte, ohne daß sie eine Untreue begingen und aus Gott
heraustraten. Alles aber, was aus der göttlichen Anregung entspringt, ist ein und
dasselbe, und dieses eine ist aus Gott. Und der Mensch wirkt auf göttliche Weise, nicht
aus Beachten, Aufmerken oder Nachdenken, sondern infolge seines Standes. Auch ist
es ihm gleichgültig, ob er auf diese Weise oder auf eine andere existiert, an diesem Ort
oder an einem anderen sich aufhält, es ist dem Menschen einerlei, und er läßt sich von
Gott bewegen, wie auf natürlichem Wege, er ist beweglich in Gottes Hand.
In der Tat wird dem Menschen dieses übernatürliche Leben, wie schon gesagt,
natürlich. Und er handelt, als ob er seiner Natur nach handelt. Er folgt, wohin er sich
gezogen fühlt, ohne sich um irgend etwas zu kümmern, ohne irgend etwas zu
bedenken, zu wollen und zu wählen. Er sorgt nicht um sich, ebensowenig um sein
Äußeres, als um sein Inneres.

Denn auch an das Innere denkt er nicht mehr. Er spricht nicht mehr davon. Er
unterscheidet es nicht mehr. Es gibt kein Inneres mehr für ihn. Es gibt weiter keine
Regel mehr davon, weder von der Einkehr, noch von der Auskehr, weder von der
Sammlung, noch von der Zerstreuung. Der Mensch ist nicht mehr im Inneren, er ist in
Gott. Er hat es nicht mehr nötig, sich zurückzuziehen und einzuschließen in seinem
Grunde. Er glaubt nicht mehr, Gott dort zu finden. Er sucht ihn dort so wenig wie
anderswo, genau so, als ob jemand im Meer wäre, und ganz durchdrungen vom Meer:
inwendig und auswendig, oben und unten ist das Meer. Es gilt nicht das hier, noch das
dort.

Es gilt zu bleiben, wo und wie man sei. So gibt sich der Mensch auch gar keine Mühe,
irgendetwas zu suchen oder zu machen. Er bleibt wie er ist, und das genügt. Was tut er
aber dann? Nichts, und abermals nichts, und ewig nichts. Er tut, was man ihn tun
macht. Er leidet, was man ihn leiden macht, sein Friede ist unwandelbar, aber ganz
natürlich. Er ist ihm — man möchte sagen — zur Natur geworden. Was aber ist es, daß
diesen Menschen von einem anderen, der noch im Menschlichen befangen ist,
unterscheidet? Das ist es, daß Gott es ist, der ihn wirken läßt, ohne daß er es weiß,
während früher die Natur es war, die wirkte. Er tut weder das böse, noch das gute, wie
es scheint, sondern er lebt still, ruhig, zufrieden, und wirkt mit Leichtigkeit und
Behändigkeit das, was man ihn auch wirken läßt.

Gott selbst ist jetzt sein Seelsorger. Denn in den Tagen seiner Verluste hat er allen
Willen an Gott verloren, so daß er jetzt durchaus keinen Eigenwillen mehr hat. Fragt
ihn, was er will, und er wird es euch nicht sagen können. Er kann nicht mehr wählen.
Alle Begehrlichkeit ist ihm genommen. Die Welt ist ihm gekreuzigt, und er der Welt.
Denn, weil er im All ist, und im Zentrum, so verliert das Herz alle Neigung,
Strebsamkeit und Wirksamkeit, wie es auch allen Widerwillen verliert, und alle
Widerspenstigkeit. Der Strom im Meer hat keinen eigenen Hang mehr. Er schlägt
keine Wellen mehr. Er ist in die Ruhe Gottes eingegangen und am Ziel.

Aber, was ist denn die Genügsamkeit, die diesen Menschen so ganz ausfüllt und ihm so
überschwänglich genügt? Was für eine andere soll es denn sein, als die Genügsamkeit
des Glückseligen und Allgenügsamen selber, die allgemeine, unermeßliche, über alles
Wissen und Begreifen erhabene. Gefühle, Geschmäcke, Gewichte, besondere
Ansichten sind dem Menschen genommen. Er wird weder von der Liebe berührt, noch
von der Erkenntnis, noch vom Verständnis. Jenes etwas, das ihn früher beschäftigte,
ohne ihn zu beschäftigen, ist jetzt nicht mehr. Es blieb dem Menschen nichts übrig, als
das Nichts.

Aber diese Unempfindlichkeit ist eine ganz andere, als jene des Todes, des Grabes, der
Verwesung. Damals war sie eine Beraubung des Lebens und jeder Lebensregung, ein
Ekel, eine Scheidung, ein Unvermögen des Sterbenden und eine Gefühllosigkeit des
Toten. Jetzt dagegen ist sie eine Erhebung über alle diese Dinge, die ihm nichts raubt,
sondern ihm alles unnütz macht. Ein Toter ist aller Lebensverrichtungen unfähig
infolge der Abspannung, die dem Sterbenden, oder der Todesstarre eigen sind. Ist er
aber auferstanden in Herrlichkeit, so ist er voll Leben ohne die Mittel, durch den
Gebrauch der Sinne sich das Leben zu erhalten, erhaben über die Mittel durch den in
ihm lebendig gewordenen Keim der Unsterblichkeit, empfindet er nicht, was ihn
belebt, wo er in der Fülle das Lebens steht.

Solange wir noch einen Geschmack an Gott haben, er sei so schwach wie er wolle,
solange wir noch Wechsel des Verlangens und der Befriedigung empfinden, der
Einsenkung und
Entfremdung, des Genusses und der Entbehrung, solange stehen wir noch nicht auf
dieser Stufe, sondern auf einer anderen.
Denn hier kann Gott nicht mehr geschmeckt, empfunden, gesehen werden, da wir
nicht mehr wir sind, sondern er es ist, er, der aufgehört hat, sich zu unterscheiden:
„Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus in mir“. Wenn jemand an einer
unüberwindlichen Abscheu vor einer Speise litte, und doch ohne sie leben könnte, so
würde er zuerst jenen Widerwillen spüren, danach das Unvermögen zu essen. Aber er
würde keine Fülle oder Sättigung fühlen. Der Mensch hat jedoch jetzt weder Hang
noch Geschmack an etwas. Im Stande das Todes und des Grabes war das zwar auch
der Fall. Aber nicht auf die gleiche Weise.

Dort entsprang es aus Ekel und Unvermögen. Hier dagegen ist es eine Folge der Fülle
und das Überflusses. Angenommen, jemand könnte von der Luft leben, so würde er
erfüllt sein, ohne seine Fülle zu empfinden oder zu wissen, woher sie ihm gekommen
sei. Er würde weder leer zu nennen sein noch unvermögend, Speise zu sich zu nehmen.
Aber er würde der Speise nicht bedürfen infolge jener Fülle, ohne dass er wüßte, wie
die Luft, die von allen seinen Poren eingesogen würde, ihn mit solcher
Gleichmäßigkeit durchdringe.
Gott selbst ist dem wieder lebendig gewordenen Menschen jene Luft, die ihm
natürlich und notwendig ist, um sein neues Leben zu erhalten, und er empfindet ihn
ebenso wenig, als wir die Luft empfinden, die wir atmen. Trotzdem ist er erfüllt, und es
fehlt ihm nichts. Daher hört auch alle Begehrlichkeit auf.

Der Friede ist so groß, wenn auch anderer Art, als in den früheren Standen. In dem
vorangegangenen Stand war es eine Art von lebloser Ruhe, eine Grabesstille, die
gewissermaßen durch die Arbeit der Verwesung und Zerstörung getrübt wurde.
Danach, als der Mensch Staub und Asche geworden war, war er freilich auch im
Frieden, aber es war ein unfruchtbarer Friede, ohne Trost, Genuß und Leben. Es war
ein Friede, dem Frieden eines Toten zu vergleichen, der von den Wellen des empörten
Meeres umhergeworfen wurde. Er würde freilich von den Stürmen nichts wissen, noch
vom wogenden Meer. Er würde weder das eine fürchten, noch das andere. Aber dies
nur deshalb, weil das Leben ihm mangelte und die Empfindung. Hier aber sieht der
Mensch sich hinausgehoben über die Stürme und über das Meer. Er sieht, wie von der
Höhe eines unzugänglichen Felsens herab, die Fluten in der Tiefe wühlen, ohne ihre
Wut zu fürchten. Oder, wenn man es so lieber will, er gleicht dem, welchem gegeben
ist, auf dem Grunde des Meeres zu hausen und zu wohnen. Der Grund bleibt ruhig,
wie sehr es auch auf der Oberfläche stürmen mag. Die Sinne mögen leiden, aber der
Grund bleibt derselbe, weil der, der ihn besitzt, wechsellos und unwandelbar ist:
„Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines
Herzens Trost und mein Teil“.
All das setzt voraus, daß der Mensch treu bleibt. Denn auf welcher Stufe er auch steht,
so kann er doch allezeit von ihr herabsinken und zurückfallen in sich selbst. Bewahrt er
die Treue, so wird er fortschreiten in Gott, unablässig und unaufhaltsam. Nehmen wir
an, das Meer sei grundlos, und es fiele jemand hinein. Er würde bis in das Unendliche
fallen. Er würde nie den Grund erreichen und würde, je tiefer er in den Ozean
hinuntertaucht, desto mehr von dessen Schätzen entdecken. So verhält es sich auch
mit dem Menschen in Gott.

Was hat aber der Mensch zu tun, um diesem Stand treu zu bleiben? Nichts. Und noch
weniger als nichts. Er soll sich besitzen, lenken, leiten lassen ohne den geringsten
Widerstand. „Die sich vom Geist Gottes leiten lassen, das sind Gottes Kinder“. Er soll
beharren in der ihm nun zur Natur gewordenen Einfachheit und Stille. Er soll die
Anregungen erwarten und sie von Gott entgegennehmen, ohne etwas hinzu oder
davon wegzutun. Er soll sich führen lassen zu allem, ohne Vorsicht, Einsicht und
Rücksicht, dem Zuge folgend, von dem er sich gezogen weiß, ohne an das zu denken,
was etwa besser oder vorzüglicher sein möchte, sondern sich ganz Gott überlassen, wie
er sich früher hat gehen lassen, als er noch den Naturantrieben folgte
(Matth. 10, 19-20).

Er soll unwandelbar in dem steten, gleichmäßigen Zustand bleiben, in den Gott ihn
versetzt hat und sich nicht aufs Neue einer unruhigen Wirksamkeit ergeben. Vielmehr
soll er Gott die Sorge überlassen, die Gelegenheiten zu fügen und den Erfolg
herbeizuführen. Und das alles nicht vermöge eines bewußten Aktes der Überlassung
oder der Selbsthingabe, wie er es früher gemacht hat, sondern vermöge und infolge
seines Standes (1. Joh. 3, 6-9).

Wenn auch die geringste eigene Wirksamkeit die Treue des Menschen auf dieser Stufe
verletzen und seinen Stand gefährden würde, so ist es doch nicht so, daß er innerhalb
dieses Standes überall nicht wirken soll. Er soll nur nicht anders wirken, als vermöge
des lebendigen Christus, der in ihm wohnt. Seinem Zug und Antrieb folgend, wird er
seine Pflichten bestimmt vollkommener erfüllen als früher. Er wird reden, schreiben,
handeln, die Geschäfte betreiben, perfekter und erfolgreicher als jemals, wo er noch
alles auf seine Weise betrieb und nicht nach der Weise Gottes.

Auch in diesem Zustand gibt es außerordentliche Dinge. Aber auch diese entströmen
dem Menschen, als wären sie ihm ganz natürlich. Er verrichtet die göttlichsten und
wunderbarsten Taten, als seien es die gewöhnlichsten Handlungen des alltäglichsten
Lebens. Er sieht die Zukunft wie die Gegenwart, und spricht davon wie von
Neuigkeiten des Tages. Er übt eine unumschränkte Gewalt über die Dämonen, ja
selbst über die Gemüter der ihm anvertrauten Personen. Alles dies ist jedoch außer
ihm. Er tut es, ohne daran zu denken. Eigentlich ist nicht er es, der es tut. Es ist
Christus in ihm, der ihn belebt der diese Dinge in ihm und durch ihn wirkt. Der
Mensch redet nicht von seinem Stand. Er kann nicht davon reden, weil er ihn nicht
sieht. Wenn er schweigt, ist es nicht Zurückhaltung. Weil er nämlich von allem
Eigenen los ist, so hat auch aller Rückhalt ein Ende. Auch ist es nicht aus seiner
Eitelkeit, denn auch das hat aufgehört.

Auch Mangel an Einsicht oder hinlänglicher Erleuchtung ist es nicht, wie ab und zu in
den früheren Ständen. Er redet nicht, weil das, was er hat, ohne es zu haben, dermaßen
lauter, rein und einfach ist, daß kein Ausdruck ihm entspricht. Dies hindert natürlich
nicht, daß der Mensch nicht über tausenderlei Dinge sprechen könnte, welche zu den
Zufälligkeiten dieses Standes gehören, ohne dessen Grund zu berühren. Diese
Zufälligkeiten sind gleichsam die Brosamen, die von dem ewigen Hochzeitsmahl
abfallen, daß der Mensch in diesem Stande zu genießen anfängt. Es sind sprühende
Funken, die auf eine verborgene Quelle des Lichtes und der Flamme schließen lassen.
Aber von seinem Urgrund und Endpunkt zu reden, fällt dem Menschen nicht ein. Er
mag nicht davon reden und kann es auch nicht, da er gerade nur so viel davon weiß,
wie Gott ihm für den Augenblick mitteilen will, wenn er sich dazu gedrungen fühlt,
darüber zu reden und zu schreiben.

Gibt es denn in diesem Stande keine Fehler mehr? Oder, wenn es doch welche gibt:
werden sie etwa von dem neugeborenen Menschen nicht wahrgenommen? Es gibt
allerdings welche! Der Mensch begeht Fehler, und er kennt sie besser als jemals,
besonders am Anfang des neuen Lebens. Jedoch sind sie wesentlich schwächer und
feiner als früher. Auch macht sich der Mensch ihrethalben keinen Kummer. Er hat sich
mit seinen Fehlern Gott überlassen. Er gibt sich keine Mühe, die Fehler loszuwerden.
Er spürt wohl, wenn er eine Untreue verschuldet oder einen Fehler begeht, daß ein
leichtes Gewölk am Horizont aufsteigt. Aber das Gewölk sinkt, und der Staub schlägt
sich nieder, ohne daß der Mensch etwas tun könnte, ihn zu zerstreuen oder sich davon
zu säubern. Was er auch zu solchem Zweck tun würde, es wäre nicht nur vergeblich, es
würde nur dazu dienen, die Unlauterkeit zu vermehren. Und bald würde der Mensch
inne werden, daß die letztere Verdunklung noch schlimmer sei, als die Erste. Hier ist
von keiner Rückkehr die Rede, denn wo Rückkehr stattfindet, da war Entfernung. Ist
man jedoch einmal in Gott, so darf man nur in ihm bleiben (Joh. 15, 4).

Jene zarten Wolken, die sich in der mittleren Luftregion erheben, würden durch den
Wind hin und her getrieben, aber schwerlich niedergeschlagen werden. Man muß es
der Sonne überlassen, sie zu zerstreuen. Vor ihren Strahlen werden sie umso schneller
verschwinden, je zarter sie sind.
0, wenn der Mensch genug Glauben hat, um sich niemals mehr selbst zu betrachten:
welchen Fortschritt würde er machen! Seine eigenen Blicke sind wie gewisse kleine
Sträucher: Gebüsche, die in das Meer reichen, und die verhindern, daß man hineinfällt,
solange ihre Stütze dauert. Wenn die Zweige sehr schwach sind, halten sie den Blick
des Körpers auf, aber nicht die Seele, höchstens für Augenblicke: wenn aber durch
merkbaren Unglauben der Mensch sich willentlich und für längere Zeit selbst
betrachtet, wird er für ebensolange Zeit aufgehalten, wie sein Blick dauert, und sein
Verlust wird sehr groß sein.

Die Fehler dieses Standes sind flüchtige Emotionen und Rückblicke auf sich selbst, die
den Menschen allerdings hemmen und stören, wenn auch nur auf Momente. Auch
sind es leichte Wallungen der Leidenschaftlichkeit, die im gleichen Augenblick
geboren werden und sterben, gleichsam leichte Windstöße, die über das stille Meer
hinübergleiten und seine Oberfläche spielend kräuseln. Jedoch lassen die Windstöße
ab, und das Meer steht wieder spiegelglatt und ruhig. Der Mensch ist „vom Tode zum
Leben hindurchgedrungen“. Sobald er nur aus seinem Grabe hervorgegangen ist,
findet er sich, ohne es zu wissen, wie es damit zugegangen ist und ohne im geringsten
daran gedacht zu haben, mit allen Neigungen und Regungen Jesu Christi bekleidet.
Dies nicht infolge selbst bewusster Vorsätze oder dazu angestellter Übungen, sondern
vermöge seines Standes (1. Joh. 3, 9).

Er findet doch alles bei sich vor, sooft und sobald er dessen nur bedarf, ohne daß er
daran denkt. Es ist so, als ob jemand einen verborgenen Schatz besitzt, den er
vergessen hat und ihn nun zufällig findet, gerade in dem Augenblick, wo er ihn braucht
(Luk. 12, 11-12).
Der Mensch ist erstaunt, daß er in seinem Inneren, ohne über die Stände Jesu Christi
und über ihre Neigungen und über ihre Tugenden nachgedacht zu haben, die bei ihm
„im zehnten, zwanzigsten oder dreißigsten Jahre hervorgeleuchtet haben“ möchten,
solche alle in seinem Inneren ausgeprägt sind, kraft seines Standes, in den Jesus
Christus ihn versetzt hat (Hes. 36, Vers 27).

Der Mensch bemerkt, daß fast alles sich in ihm gestaltet, ganz von selbst und mit
solcher Leichtigkeit, als sei es von jeher natürlich gewesen.
Er „verkündet die Tugenden Jesu Christi“. Das äußert sich bereits schon gleich am
Anfang, wenn der Mensch den Weg des dunklen Glaubens betritt. Obgleich er
während seines ganzen Weges keine differenzierten Ansichten der Einzelheiten von
Gottes Natur gehabt hat, so spürt er trotzdem ein Verlangen, derselben gleichgestaltet
zu werden. Er sehnt sich nach der Kleinheit, nach der Bedürfnislosigkeit, nach dem
Kreuz. Er will „die Gemeinschaft seiner Leiden erkennen lernen“ (Phil. 3, 10).
Diese Sehnsucht verliert sich. Es bleibt jedoch ein geheimes Hinneigen zu diesen
Zuständen, das von Tag zu Tag tiefer und einfacher, inniger und verborgener wird.
Wer dagegen Hang, Neigung, Bestreben sagt, mag es noch so zart sein, der erinnert an
etwas, das man als Besitz hat, und das außerhalb von uns ist. Hier aber machen die
Neigungen Jesu Christi den Stand des Menschen aus. Sie sind ihm einen, wohnen in
ihm gleichsam natürlich. Sie sind ihm nicht von außen angepaßt oder angehängt
worden. Nein! Sie sind dem Menschen wahres Sein und eigentliches Leben. Jesus
Christus selber übt die aus diesem Menschen hervorgehenden Tugenden, ohne aus
sich herauszugehen, und der Mensch übt sie mit ihm und in ihm, ohne aus ihm
herauszugehen (Joh. 5, 19).

Nicht wie etwas Unterschiedenes, was er kennt, sich vornimmt, oder ausübt, sondern
wie etwas, das ihm das Natürlichste vom Natürlichen ist. Wie das Atemholen ganz
natürlich und nach Maß der Bedürfnisse erfolgt, ohne das der Atmende an sich oder an
das Atmen denkt, so verhält es sich mit den Neigungen Jesu Christi auf dieser Stufe.
Dieser Zustand steigert sich in dem Maß, wie der Mensch in ihn umgestaltet und mit
ihm eins wird.

Jetzt also ist Gott allein der Schatz des Menschen, nicht seine Gaben. Ein Schatz, aus
dem er nach Bedarf schöpft, ohne Maß und ohne Ende, ohne daß er jemals abnimmt
oder versiegt. Von nun an ist der Mensch wahrhaftig mit Jesus Christus bekleidet.
Unser Herr Jesus Christus ist es eigentlich, der in dem Menschen redet, handelt, sich
offenbart. Er ist das Prinzip, das ihn bewegt. Deshalb bereitet die Zukunft hier keine
Unruhe mehr: sein Herz erweitert sich täglich durch neues Fassungsvermögen. Er hat
keine Neigung mehr, weder für die Aktion, noch für die Zurückhaltung, wohl aber, daß
er sein muß wozu Jesus ihn jeden Augenblick macht.
Da die Fortschritte des Menschen von nun an ins Unendliche gehen, so überlasse ich
es denen, die es aus eigener Erfahrung kennen, sie zu beschreiben. Mir persönlich
mangelt es an Licht in Bezug auf die ferneren Stufen, da meine Seele noch nicht weit
genug in Gott eingedrungen ist, um sie zu erkennen und zu unterscheiden. Dieses nur
sei mir erlaubt zu sagen, daß es nicht so leicht ist, in Gott anzulangen, und daß die
Reise zu ihm nicht so schnell zurückgelegt wird, wie Manche zu glauben scheinen.
Mir wenigstens ist klar geworden, daß auch die gottseligsten und erleuchtetsten
Menschen nicht selten die Vollendung des empfangenden Standes der Lichter und der
Liebe für das Ende des ganzen Standes halten, während dies doch weiter nichts ist, als
dessen Anfang.

Und das ist der Grund, weshalb diese Menschen nicht weiter fortschreiten, sich nicht
ganz entblößen zu lassen, oder um dies zu früh zu tun.
Solange man noch Geschmack an einer Gebetsübung findet, wird man sie nicht
aufgeben, wenn sich nicht der Geschmack daran verliert mit einer gewissen Mühe und
Not, sie zu verrichten: denn das völlige Unvermögen zu erwarten heißt Wunder zu
erwarten. Gott hilft diesen bestimmten Menschen, die kein Licht über die Entblößung
haben und die nicht darin verharren könnten: er läßt sie in seiner absoluten Autorität
das tun, was sie nicht kennen.

Es muß bemerkt werden, daß es auf dem Weg des Lichtes und der empfangenden
Liebe dürre Zeiten, Trockenheiten, Nöte und Langweile gibt. Aber sie sind alle nicht
von langer Dauer und nicht von der Intensität wie diejenigen, die ich auf dem Weg des
dunklen Glaubens beschrieben habe. Deshalb sollte man sich hüten, daß man sich
nicht falsch einstuft. In jedem Fall muß es der Seelsorger entscheiden. Glückselig der
Mensch, der nicht ins Experimentieren kommt!

Gibt es denn in diesem Stande keine Kreuze mehr? Da der Mensch mit der Stärke
Gottes selber stark geworden ist, so legt Gott ihm allerdings Kreuze auf, und zwar
mehr Kreuze und schwerere als jemals. Aber er trägt sie auf göttliche Weise. Früher hat
ihn das Kreuz entzückt. Er hegte es und pflegte es. Jetzt denkt er kaum daran. Er läßt es
kommen und gehen. Das Kreuz wird ihm zu Gott wie alles Übrige. Aber das
vermindert das Gefühl des Leidens keineswegs, wohl aber hindert es die Verfinsterung,
das Störende und das Zerstreuende desselben. Auch sind die Kreuze eigentlich keine
Kreuze mehr, sie sind Gott.
Sie heiligen die Seele nicht mehr, sie vergöttlichen sie (2. Petr. 1, 4).

In den anderen Ständen ist das Kreuztragen Tugend und steigert, wie sich die Stände
steigern. Hier aber ist es für den Menschen Gott, wie alles für ihn Gott ist, was ihm von
Zeit zu Zeit gegeben wird. Das Äußere dieser Personen ist völlig normal, und es wird
an ihnen nichts Außergewöhnliches wahrgenommen. Je mehr sie gefördert werden,
desto freier werden sie, so dass auch die Leute sich bisweilen an ihnen ärgern. Wer sie
wirklich sind und wie sie stehen, kann nur der ermessen, dem das Verständnis dafür
aufgeschlossen wurde. In diesem Stand ist keine Täuschung zu befürchten, weil alles,
was man sieht, ohne es zu sehen, in Gott gesehen wird. Gesichte, Offenbarungen,
Entzückungen, dahin gerissenwerden und Verwandlungen gibt es hier nicht mehr.
Dies alles gehört nicht in diesen Stand, der über diese Dinge weit hinausragt. Es ist ein
einfältiger, lauterer und nackter Weg, wo alles nur in Gott gesehen wird, so wie Gott es
sieht und mit Gottes Augen.
Der Strom ist zu seinem Ziel gelangt. Er ist zurückgeflossen in das heimatliche Meer.
Er schlägt keine Wellen mehr. Er trennt keine Ufer mehr. Er breitet sich beliebig aus,
zwanglos und fessellos in den schrankenlosen Weiten des Meeres. Er steigt mit dem
Meer und sinkt mit ihm. Er bewegt sich mit dem Meer und ruht mit ihm. Er teilt die
Tiefe und Fülle des Meeres. Er teilt seine Unergründlichkeit, Unermesslichkeit und
Unerschöpflichkeit. Glückseliger Strom! Dich selbst hast du verloren und alles
gewonnen. Das eigne Streben nach dem Selbstbestehen und nach dem eigenen
Vergnügen gabst du auf und kehrtest zu deinem Urgrund zurück und wurdest eins mit
ihm!

Schlußzeilen der Verfasserin an ihren Seelsorger: INDEX

Es ist mir nicht vergönnt weiterzuschreiben, da alles weitere mir ermangelt. Ich
fürchte, daß ich zu viel aus meinen natürlichen Einsichten geschöpft habe. Ihr,
ehrwürdiger Vater, werdet das leicht unterscheiden können. Es ist mir hinterher
eingefallen, daß der Antrieb, den ich zum Schreiben empfunden habe, doch vielleicht
mehr aus der Natur entsprungen sein könnte, als aus der Gnade. Auch will ich es lieber
gleich eingestehen und zugleich freimütig erklären, daß ich gegen das Ende einige
Fehler gemacht habe, weil ich gewisse Aufschlüsse, die mir während des Gebetes über
diesen Stand gegeben wurden, im Sinn behielt, während ich sie doch hätte loslassen
müssen. Außerdem habe ich dem Stand, in dem ich mich im Augenblick befinde, nicht
unterscheiden können, was natürlich oder göttlich ist, was Gottes ist oder mein eigen.
Ich bitte Gott, es euch erkennen zu lassen.

Das Geschriebene habe ich nicht wieder nachlesen können und bin häufig
unterbrochen worden. Bei Sinnunterbrechungen habe ich wohl ein oder zwei Zeilen,
öfters aber nur die letzten Worte nachgelesen und dann weitergeschrieben. Ich weiß
nicht, ob ich damit eurer Absicht gemäß gehandelt habe. Es ist mir dies jedoch nur
einige Male passiert, und später habe ich nichts weiter nachgelesen. Auch habe ich
mich nicht darum gekümmert, ob von jedem einzelnen Stand auch alles gesagt worden
ist, was etwa davon hätte gesagt werden können, auch nicht, ob ich mir ab und zu eine
Wiederholung habe zuschulden kommen lassen. Ich überlasse dies alles eurer Prüfung
und bitte Gott, daß er euch erleuchten möge, damit ihr das Wahre von dem Irrtum
unterscheiden mögt und das, was etwa meine Eigenliebe eingemischt haben mag, von
dem, was seinem Licht entflossen.
Zweiter Teil INDEX

DER STROM IM MEER — DAS MENSCHEN LEBEN IN GOTT


(Ein späterer Zusatz der Verfasserin)

I. Freiheit

Der Strom, nachdem er in das Meer geflossen ist, hat keine Fesseln mehr. Kein
Flußbett engt ihn ein, keine Ufer zwingen ihn. Er breitet sich nach allen Seiten hin aus
und teilt die Fülle und die Freiheit des unermeßlichen Meeres selbst.
Nicht eher, als bis der Mensch in Gott eingegangen ist, wird ihm die wahrhaftige
Freiheit gegeben. Nicht jene angebliche Freiheit, die sich los glaubt von jeder Übung
der Pflicht, und die eher eine Beraubung der Freiheit genannt zu werden verdient.
Nein! Die Freiheit, deren der mit Christus wieder auferstandene Mensch teilhaftig
wird, ist anderer Art. Sie ist die Freiheit Gottes selbst. Sie hat Fähigkeit und
Leichtigkeit, alles und jedes zu tun, was in der Ordnung Gottes und gemäß seines
Standes ist. Und er tut es umso williger, je länger er die wahre Freiheit noch nicht
hatte, und je schwerer ihm das gefallen war.

Ich begreife es nicht, daß Menschen sich für auferstanden und vergöttlicht halten, die
ihr ganzes Leben hindurch im Unvermögen und im Verlust aller Dinge beharren. Die
Handlungen eines Auferstandenen sind Handlungen des Lebens, und wenn der
Mensch nach seiner vermeintlichen Auferstehung trotzdem noch ohne Leben bleibt,
so sage ich, daß er tot und begraben sei, aber nicht auferstanden. Der wirklich
Auferstandene verrichtet dieselben Handlungen, die er früher vor allen seinen
Verlusten verrichtet hat. Und er verrichtet sie ohne Schwierigkeit, denn er tut, was
Gott tut, in Gott. Hat nicht Lazarus nach seiner Wiedererweckung alle
Lebenshandlungen verrichtet wie früher? Hat nicht Christus nach seiner Auferstehung
sogar essen und mit den Menschen Umgang pflegen wollen? Was von ihnen gegolten
hat, gilt noch heute. Darum wiederhole, daß diejenigen, die wähnen, sie seien in Gott,
und trotzdem sich noch in Zwang fühlen und nicht frei leben können, noch keineswegs
auferstanden sind. Wären sie es wirklich, so wäre alles ihnen hundertfältig
wiedergegeben (2. Kor. 5, 17. Matth. 19, 29).

Hiob, ein Spiegel des ganzen geistlichen Lebens, kann uns dies lehren. Ich sehe, wie
Gott ihn nach und nach von allem entblöst, was er ihm so reichlich gegeben hatte. Er
nimmt ihm zuerst seine Güter, das sind die geistlichen Gaben und Gnaden, darauf die
Kinder, das sind die guten Werke, die wir geübt haben, alsdann die Gesundheit, das ist
der Empfindbahre Besitz der natürlichen und geistlichen Tugenden. Danach läßt er
ihn gleichsam verwesen auf seinem Aschenhaufen. Er macht ihn zu einem Gegenstand
der Verachtung und das Abscheus. Es scheint sogar, als ob dieser heilige Mensch sich
mancher Fehler schuldig mache, daß es ihm an Ergebung mangelt, und daß er sich
seiner Frömmigkeit und Unsträflichkeit überhebe. Seine Freunde dagegen betrachten
ihn als einen solchen, der wegen seiner Verbrechen mit Recht bestraft wird. So bleibt
nun kein gesunder Fleck, wie es scheint, weder an seinem Leib noch an seiner Seele.
Aber er glaubt, daß sein Erlöser lebt. Und ihm geschieht, wie er geglaubt hat.

Nachdem er noch bei lebendigem Leibe in die Verwesung übergegangen ist, als kaum
noch die Haut ihm die entfleischten Knochen bedeckte, als er einem noch atmenden
Leichnam gleicht, wendet sich schnell sein Los, und es wird ihm dreifach
wiedergegeben, was er verloren hatte: die Güter, die Kinder, die Gesundheit und das
Leben. Dasselbe widerfahrt dem auferstandenen Menschen (Röm. 6, 4).

Nicht nur die Güter, die er für immer verloren geachtet hat, werden ihm
wiedergegeben, sondern er wird auch ausgestattet mit einer nie geahnten Fertigkeit, sie
zu gebrauchen, ohne Zwang und Ängstlichkeit, ohne daß er fürchten muß sich damit
zu verunreinigen, oder sich daran zu hangen, oder sie sich anzueignen, wie es früher
geschehen war. Er gebraucht die Dinge, als ob er sie nicht gebrauchte, „haben, als
hätten wir nicht“. Er tut, was er tut, in Gott und auf göttliche Weise. Und dies eben ist
die wahre Freiheit und das wahrhaftige Leben. Heißt das etwa frei sein, wenn man sich
von allen Seiten beschränkt fühlt, eingezwängt von außen, unvermögend im Inneren?
Nein! „So der Sohn euch frei macht, so seid ihr recht frei“!
Hier ist es auch, wo das apostolische Leben beginnt.

Fühlst du dich berufen zu lehren, zu strafen, zu trösten, dich Mitzuteilen, mündlich


oder schriftlich? Gehorche dem Rufenden! Folge blindlings! Sorge nicht um deine
Unbeholfenheit und Unberedsamkeit. Es wird dir zustreben in unerschöpflicher Fülle,
ohne Vorbereitung und Vorarbeit, zu der Stunde, da du seiner bedarfst. Meinst du, es
sei nicht auch zu dir gesagt, was zu den Jüngern gesagt war: „Sorget nicht, wie oder was
ihr reden sollt; denn es soll euch zur Stunde gegeben werden, was ihr braucht. Es wird
niemand der Weisheit widerstehen können, die aus euch redet; denn nicht ihr seid die
Redenden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet“.

Diese Stufe wird erst sehr spät erklommen, und nicht eher, ehe man zuvor die
Äußerste Verlassenheit und sein peinlichstes Unvermögen empfunden hat. Je größer
dies jedoch gewesen ist, desto größer ist in der Folge auch die Freiheit. Niemand soll es
wagen, diesen Stand auf eigenen Antrieb hin zu betreten. Ist nicht Gott der Rufende,
so wird er weder andere noch sich selbst fördern. Wenn der Geist des Vaters ihn leitet
und nicht der eigene, so werden die erstaunlichsten Bekehrungen folgen. Er wird
erfahren, was es bedeutet, wenn Christus spricht: „Wer an mich glaubt, von dessen
Leibe werden Ströme lebendigen Wasser fließen“!

In diesem Stande kann der Mensch die Tugend nicht als Tugend üben. Er kann sie
nicht einmal wahrnehmen und unterscheiden. Ihm sind die Tugenden sozusagen
alltäglich und ganz natürlich geworden, so daß er sie wie er die Geschäfte des
leiblichen Lebens verrichtet, ohne daran zu denken und ohne sich erst dafür
vorzubereiten. Wenn er jemanden sieht, der mit großer Demut von sich redet oder der
Übungen der Selbsterniedrigung tut, so verwundert er sich wohl, daß ihm nicht
eingefallen war, ähnliches zu tun. Er erwacht wie aus einer Art Schlafsucht. Wollte er
aber jetzt sich auf Ähnliche Weise erniedrigen, so würde er sofort darüber
zurechtgewiesen werden, auch würde es ihm gar nicht einmal gelingen: einerseits, weil
der Stand der Vernichtigung, durch welchen er gegangen ist, ihn über alle Demut
hinaus setzt, denn um sich erniedrigen zu können, muß man wenigstens etwas sein,
und das Nichts kann zu keiner tieferen Stufe hinuntersteigen; andererseits, weil der
Stand, in dem er steht, ihn über diese wie auch über andere Tugenden hinausgehoben
hat durch die Umgestaltung in das Bild Gottes, so, daß diese Art des Unvermögens
sowohl aus seiner Vernichtigung entspringt, als aus seiner Erhöhung.

Eben darum sind diese Menschen im Äußeren ganz normal und haben nichts, was sie
von anderen unterscheidet, es wäre denn das, daß sie überaus harmlos und einfältig
sind und keinem Menschen zu nahe treten. Ihr äußeres aber hat nichts Besonderes.
Daher sind sie auch sehr wenig bekannt. Und eben das hilft ihnen, ihren Stand zu
bewahren. Sie leben in der allertiefsten Ruhe und sorgen und bekümmern sich um
nichts in der Welt, es möge sein, was es wolle.
In sich tragen sie eine unendliche, jedoch unfühlbare Freude, die daraus entspringt,
daß sie nichts fürchten, nichts verlangen, nichts wollen. Doch kann gar nichts ihre
Ruhe trüben und ihre Freude vermindern. David hat das erfahren, wenn er spricht:
„Deine Frommen, o Herre, sind wie die Leute, die außer sich sind vor Freude“. Wer
vor Freude außer sich ist, weiß nichts von sich. Er weiß auch von seiner Freude nichts,
weil er entrückt ist seinem gewöhnlichen Anschauungs- und Empfindungskreis.
Der Mensch dieses Standes ist eigentlich dauernd außer sich, da er von Gott
herausgezogen worden ist aus sich selbst. Er befindet sich in einer immerwährenden
Entzückung. Aber diese Entzückung ist für ihn kein gespannter oder peinlicher
Zustand, weil Gott seine Empfänglichkeit bis ins Unendliche ausgeweitet hat. Wenn
die Entzückungen der niederen Stufen mit dem Verlust der Sinne einhergehen, so ist
dies der Mangelhaftigkeit des entrückten Menschen zuzuschreiben, so sehr auch so
etwas von den Leuten bewundert wird.
Da nämlich Gott die Menschen gleichsam aus sich selbst herauszieht, um sie in sich zu
versenken, sie aber weder rein noch stark genug sind, um Gott zu ertragen, so muß
entweder Gott aufhören, sie zu ziehen, so, daß die Entzückung ein Ende hat, oder die
Natur muß unterliegen und sterben, wovon es an Beispielen nicht fehlt. Hier jedoch ist
die Entzückung von Dauer und nicht vorübergehend.

Kein Wechsel ist in ihr von Überspannung und Abspannung, denn Gott hat den
Menschen dermaßen gereinigt und gekräftigt, daß er stark genug ist, eine so
übernatürliche Erhebung zu ertragen. Er wird aus sich selbst herausgezogen, um in die
Abgründe Gottes versenkt und verloren zu werden. Die Schranken weichen. Die Enge
wird Weite. Das Unvollkommene wird verschlungen von dem Vollkommenen, das
Dürftige und Arme von der unermesslichen und allgenügsamen Fülle.
Seliges Nichts: wie herrlich endest du! Entblößung, Verlassenheit, Vernichtigung, ihr
Schrecken und Schauder des Mystischen Todes: wie überschwänglich werdet ihr
vergolten! 0 Mensch, welcher Gewinn ist dir für alle deine Verluste zugefallen! Hattest
du das ahnen können, als du in der Asche vermodertest, das eben, was dir Grauen
macht, dir dienen mußte, zu einer Herrlichkeit zu gelangen, die keinen Ausdruck
duldet? Ein Engel hätte es dir sagen können, und du hättest es nicht geglaubt! So lerne
aus eigener Erfahrung, wie gut es sei, Gott zu vertrauen, und daß alle, die auf ihn
hoffen, nicht zuschanden werden.

Sich selbst rückhaltlos aufgeben und unbedingt sich Gott überlassen, was kann dem
Menschen Heilsameres widerfahren als dies? Welche Fortschritte würde er machen,
welche Quälereien sich selbst ersparen, wenn er Gott von Anfang an ganz gewähren
ließe! Aber leider! Man will sich Gott nicht ganz überlassen! Man will sich nicht vor
ihm niederwerfen. Auch diejenigen, die behaupten, es getan zu haben und sich in ihrer
„Ganzhingabe“ ganz sicher sind, begnügen sich, den Schein zu erhaschen, wahrend das
Wirkliche ihnen entfloh.

Sicher wollen sie sich Gott überlassen, aber nur, wenn es nichts kostet, wenn Fleisch
und Blut sich nicht allzu sehr dagegen empören. Sie wollen mit Gott handeln. Sie
wollen sich mit ihm um die Hälfte einigen. Sie wollen sich ihm übergeben, jedoch mit
Vorbehalt und Bedingungen. Nein, das ist nicht die Überlassung, die es gilt! Die
wahre, rechte Überlassung, die der Schlüssel des ganzen Inneren ist, behält sich nichts
vor, gar nichts: nicht Tod noch Leben, noch Vollkommenheit, noch Seligkeit, noch
Paradies, noch Hölle.
„Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde, wenn mir gleich
Leib und Seele verschmachten ...“ „Wer nicht absagt allem, was er hat, der kann nicht
mein Junger sein“.
0 ihr Teuren, werft euch mit gebeugtem Haupt und verschlossenen Augen blindlings
hinein in diese große Liebe Gottes. Voller Vertrauen wandelt auf diesem stürmischen
Meer, durch das Wort Jesu gestützt, der verheißen hat zu suchen, was verloren ist und
zu sorgen für alle, die sich ihm überlassen. Solltet ihr aber sinken, wie der heilige Petrus
sank, so glaubt fest, daß nur die Schwachheit eures Glaubens daran schuld sei, und daß
der Herr euch bei der Hand nimmt und wieder heraufholt.

Ach wenn wir Glauben hätten auch nur wie ein Senfkorn! Das Wasser würde uns nicht
naß machen, das Feuer uns nicht brennen, kein Blick uns verzehren, Löwen würden
Lämmer werden, und Leoparden und Tiger gleich zahmen Hündlein und uns die
Hände lecken. Was seufzt du, verzagter Mensch? Was hindert dich, dich ganz
hinzugeben? Hast du Angst, du möchtest ganz verlorengehen? Was wäre es denn so
großes, wenn du verlorengingest? Allerdings wirst du verlorengehen, wenn du stark
genug bist, dich an Gott zu überlassen. Aber du wirst verlorengehen in ihm.
0 glückseliger Verlust! So spreche ich noch einmal und möchte es noch tausendmal
sprechen. 0, daß ich doch die ganze Welt überreden könnte zu dieser Hingabe! Und
warum predigen unsere Prediger uns etwas anderes? Warum nicht allein die
Überlassung an Gott und außer ihr nichts anderes?

II. Friede INDEX

In dem jetzigen Stand gleicht der Mensch einem Felsen im Meer, der in
unerforschlichen Tiefen gründet, unbeweglich und unerschütterlich steht, wenig auf
die Stürme achtet, die um seine Klippen wüten, und die Meereswogen, die sich zu
seinen Füßen brechen.

Er ist dermaßen erhaben über alle Dinge, gerade durch den Verlust aller Dinge, daß
nichts, weder im Himmel noch auf der Erde imstande ist, ihn aus seiner Höhe
herabzuziehen (Ps. 73, 25).

Auch die Sündigkeit der Kreatur gleitet an ihm vorüber und kann seine Reinheit nicht
im geringsten trüben (1. Joh. 3, 6-9).

Denn diese Reinheit ist nach der vollkommenen Vernichtigung alles Eigenen keine
andere, als die Reinheit Gottes selber. Der Mensch befindet sich daher jetzt auch in
einer völligen Unwissenheit des Bösen, sowie in einer Art von Unvermögen, das Böse
zu tun. „Wer in ihm bleibt, sündigt nicht, ja, er kann nicht sündigen“. Obgleich nun
nicht angenommen werden darf,
daß er überall aus einem so erhabenen Stand nicht wieder herausfallen könnte, so
geschieht dies doch nicht. Die gänzliche Vernichtigung des Menschen gestattet solches
nicht, denn sie ließ ihm keine Eigenheit übrig. Es ist aber nur die Eigenheit, die die
Sünde hervorruft; denn wer nicht mehr ist, kann nicht mehr sündigen. Er ist der Sünde
gestorben (Röm. 6, 6-11).

Der Friede des Menschen ist jetzt so unveränderlich und unwandelbar, daß nichts auf
Erden und nichts in der Hölle imstande ist, ihn auch nur einen Augenblick zu trüben.
Die Sinne allerdings sind nach wie vor leidensfähig. Sie können dermaßen angegriffen
und geängstigt werden, daß sie winseln und weinen wie kleine Kinder. Fragt man aber
den Leidenden, was ihm fehlt, oder untersucht er sich selbst, so wird er in seinem
Zentrum oder Herzen eine solche Fülle der Glückseligkeit inne, daß er weder sich
selbst noch anderen einräumen könnte, daß er leide. Sodann findet eine so gänzliche
und vollendete Scheidung des Geistlichen und Seelischen statt, daß diese
zusammenleben wie Fremde, die sich nicht kennen. Die allergrausamsten Martern
stören nicht im Geringsten den Frieden, die Ruhe, die Unbeweglichkeit und Heiterkeit
des Herzens. Genau so wie die Glückseligkeit des Herzens und sein göttlichen Stand
keineswegs die Leidensfähigkeit des Menschen hindern. Keine Vermischung zwischen
diesen beiden findet statt und keine Vermengung. Der so umgewandelte und der
göttlichen Natur teilhaftige Mensch bringt es nicht fertig, auch nur das Allergeringste
sich selbst zuzuschreiben oder von sich selbst zu behaupten und zu bejahen. Er steckt
in einer vollendeten Verneinung und Selbstverleugnung.

Daher kommt auch seine Unvermögen, Ausdrücke und Redensarten zu finden, womit
man so einen Stand beschreiben oder begreiflich machen möchte. Aber auch Gott
kann der Mensch diese Dinge ebenso wenig zuschreiben, als sich selbst. Umgestaltet in
ihn und eins geworden mit ihm, sieht er die Dinge nicht mehr in Gott. Er
unterscheidet das einzelne nicht mehr in Gott, alles ist ihm Gott und nur Gott ist ihm
alles. Das Himmlische, das Irdische, die materielle Welt, der Menschliche Geist, es ist
alles vor ihm verschwunden. Er sieht nur noch Gott, und außer Gott weder sich selbst
noch etwas anderes. Darum wäre es ihm auch ganz gleich, ob er die ganze Ewigkeit
durch unter Teufeln oder unter Engeln wäre. Für ihn sind die Teufel ebenso wenig
vorhanden wie alles übrige (Psalm 139, 8-12). Ihm ist es unmöglich, ein erschaffenes
Wasen zu sehen außer dem unerschaffenen. Das Unerschaffene allein ist alles und in
allem. Er sieht Gott ebensogut im Bösen wie im Erzengel, obgleich in verschiedenen
Sinne.

Der Mensch ist in Gott verloren, sein Wandel ist mit Christus verborgen in Gott, wie
St. Paulus lehrt. Er ist eingegangen in Gott, wie jener Strom in das Meer, so, daß er
nicht mehr von ihm unterschieden werden kann. Der Strom hat Ebbe und Flut mit
dem Meer, nicht aus eigener Wahl, sondern vermöge seines Standes. Denn, seitdem
das Meer seine dürftigen und beschränkten Wasser in sich aufgenommen hat, sind
dem Strom die Eigenschaften und Zustände des Meeres sämtlich mitgeteilt worden.
Trotzdem hat er sein Wesen nicht so sehr verloren, daß ihn Gott nicht wieder aus dem
Meer hervorziehen könnte, wenn er wollte. Aber er will es nicht. So hat auch der in
Gottes Bild umgestaltete Mensch sein kreatürliches Wesen nicht so sehr eingebüßt,
daß Gott ihn nicht wieder aus seinem Schoß ausstoßen könnte, wenn er wollte. Aber er
will es nicht. Und so handelt dieses Geschöpf hinfort nicht auf kreatürliche sondern auf
göttliche Weise.

Man könnte einwenden, daß auf diese Weise dem Menschen die Freiheit genommen
würde. Aber nein. Er hat die erschaffene Freiheit zwar verloren durch völlig freie
Hingabe. Aber er hat dafür die unerschaffene Freiheit des allein wahren, freien Wesens
erhalten, das keine Grenzen, Schranken oder Begrenzungen kennt. In seinem jetzigen
Zustand fühlt sich der Mensch so frei und weit, daß ihm der ganze Erdkreis nur wie ein
Sonnenstäubchen erscheint, von dem er niemals umschlossen und umschränkt werden
könnte. Er ist jetzt frei, alles zu tun und nichts zu tun. Es gibt keinen Stand, der ihm
nicht angenehm sei, keine Lage, in die er sich nicht fügen könnte. Er ist überall an
seinem rechten Platz, denn überall ist Gott.

0 Stand aller Stände. Wer vermag dich zu beschreiben? Und wer in dir steht, hätte der
wohl zu sorgen oder zu fürchten? Schreibt nicht Paulus: „Wer will uns scheiden von
der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst? Oder Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr oder
Schwert? In dem allem überwinden wir weit um dessentwillen, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer,
noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes,
noch keine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus
Jesus ist, unserem Herrn“. Welch ein Wort! Dieses Wort schlägt mit Sicherheit jeden
Zweifel nieder. Worauf beruht denn diese eine schöne Gewißheit, heiliger Apostel?
Sie ruht einzig auf der Treue Gottes, das ist aus seinem Wort. Meine Freunde, ihr lest
schon seit so vielen Jahren die Briefe dieses großen Gottesboten, dieses Meisters der
geheimen Gottesweisheit. Aber versteht ihr auch, was ihr lest? Glaubt mir, das gesamte
geistliche Leben ist in den Briefen des heiligen Paulus beschrieben, von seinen
Anfängen, seinem Fortschreiten und seinem Ende. Auch unser göttliches
übernatürliches Leben steht darin geschrieben. Aber es bleibt verschlossen und
versiegelt für den gewöhnlichen Leser. Dem aber das Verständnis geöffnet worden ist,
der sieht alles so klar darin, wie im Licht des Mittags.

Ach das doch die Menschen, denen es so schwer wird, sich Gott zu überlassen, die
Glückseligkeit dieses Standes nur einen Augenblick erfahren könnten! Sie würden
eingestehen, daß, so rau auch die Bahn ist, die zu ihm ein einziger Tag eines solchen
Lebens lange Jahre voll Mühseligkeiten überschwenglich vergelten kann. Freilich sind
die Wege, auf welchen Gott zu einem so hohen Ziel führt, ganz anders, als man es sich
vorstellt. Er baut, indem er niederreißt und gibt Leben, indem er in den Tod führt.

0, daß ich reden dürfte und könnte von den verborgenen und seltsamen Wegen, auf
denen man hierher geführt wird. Aber stille! Die Menschen können es doch nicht
fassen (Matth. 19, 11)!

Wer den Weg geht, versteht mich! Man braucht hier keine besonderen Zeiten noch
Orte. Jede Zeit ist recht und gut und jeder Ort bequem und passend. Die Mittel sind
nun unnütz geworden. Sie liegen in weiter Ferne hinter uns. Wer ans Ziel gelangt ist,
hat weiter nichts zu suchen.

Hier ist alles Gott. Gott ist überall und in allem. So ist auch der vergottete Mensch
überall und in allen derselbe. Seine Hoffnung ist Gott. Seine Freude ist Gott. Sein
Gebet ist Gott. Immer dasselbe, immer und ununterbrochen. Sein Gebet ist inhaltslos,
ununterbrochen, formlos. Dies ist der Stand des Menschen. Er betet allezeit, allezeit!
Und sollte auch manchmal ein Strahl der Herrlichkeit Gottes durch die Kräfte und die
Sinne blitzen, so bleibt der Grund davon unbetroffen. Er bleibt immer derselbe. Es ist
dem Menschen völlig gleich, ob er in der Einöde sei, oder unter den Menschen, ob er
der Bande des Leibes entledigt sei, oder ihn noch weiter mit sich herumtragen muß. Er
ist schon hier vereinigt mit dem Vielgeliebten. Und nicht nur vereinigt, er ist selbst
umgestaltet und verwandelt in das Bild des Herrn, den Gegenstand seiner Liebe, so,
daß er überall nicht weiter an das Lieben denkt. Er liebt Gott mit seiner Liebe, die Gott
selbst ist. Die Liebe ist der Stand der Seele.

III. Entwerdung INDEX

Es fällt mir ein Gleichnis ein, das vielleicht dazu dient, diese so einfachen und den
Sinnen so fernliegenden Zustande zu erläutern. Es ist das Weizenkörnlein, das
verarbeitet werden soll zum Brot für die Tafel des Königs. Zu solchem Zweck muß es
zuerst wohl geworfelt und durchsiebt werden, auf daß es von allem Unrat Verschieden
werde. Dieses deutet auf die vorläufige Bekehrung der Seele und ihre Scheidung von
der Sünde hin. Danach wird das so gereinigte und gesonderte Korn vermahlen und
verrieben auf der Mühle, durch die Trübsale nämlich, durch Kreuze, durch
Krankheiten usw. Nachdem es vermahlen und in Mehl verwandelt worden ist, muß es
wieder tüchtig gesiebt, gebeutelt werden, damit von ihm abgesondert wird nicht der
Unrat, der nicht mehr vorhanden ist, sondern das Gröbere, die Kleie der Eigensucht
und Eigenliebe, also daß nichts übrigbleibt als die Blüte des Mehls, das Zarteste und
Feinste, das allein tauglich ist für den Tisch des Königs bereitet zu werden. Es wird zu
dem Zweck wohl geknetet und verliert durch solche Behandlung nicht wenig von
seiner vorigen Weiße und Schönheit, was noch mehr der Fall ist, wenn es nun zu einem
unscheinbaren Teig verarbeitet, und noch mehr, wenn es der Glut das Feuers
preisgegeben wird. Doch zuletzt ist es gar geworden und wird nun dem König
vorgelegt, der sich dann mit ihm vereinigt, nicht nur durch die Berührung, sondern
auch durch den Genuß, indem er es ißt, verdaut und vernichtet. So geht es am Schluß
in des Königs Fleisch und Blut über. Mit Verlust der eigenen Existenz wird es in die
Substanz des Königs verwandelt.

So scheint mir der erhabene Stand, von dem wir reden, einigermaßen versinnbildlicht.
Es ist der Stand der Verklärung in das Bild Jesu, wo die Seele nach so unzähligen
Worfelungen, Sichtungen, Läuterungen und Reinigungen am Ende nicht nur in das
Bild des Herrn umgestaltet, sondern nach dem Verlust aller Eigenheit der göttlichen
Natur teilhaftig wird, mit ihm eins.

Dieser Stand ist wenig bekannt, darum läßt sich auch nicht von ihm reden. Aber, o
Stand des Lebens, wie ist der Pfad, der zu dir führt, so schmal und eng! 0 Liebe,
lauterer als alle Liebe! Denn du bist Gott selbst. 0 Liebe, unermessliche unabhängige,
die nicht verengt oder versehrt werden kann, weder durch den Tod, noch durch die
Sünde, durch keinen Grimm und Zorn der Ewighassenden Mächte!

Trotzdem scheinen gerade diese Menschen, wie schon gesagt, zu den normalsten und
gewöhnlichsten zu gehören. In ihrem Äußeren ist nichts, was sie hervorhebt, nur eine
unbegrenzte Freiheit, die sogar solchen Menschen zum Ärgernis gereicht, die
beschränkt und noch eingeengt in sich selbst sind und ohne Besseres zu ahnen, als was
sie besitzen, denn alles, was sie nicht besitzen, für verwerflich halten. Aber die Freiheit,
die sie in diesen so schlichten und einfältigen Menschen verdammen, ist eine
unvergleichlich erhabenere Heiligkeit, als alles, was sie für heilig halten. In diesem
Sinne muss es gedeutet werden, wenn der Prediger Salomo sagt: „Daß des Mannes
Untugend mehr wert sei, als Frauentugend“. Denn die scheinbaren Fehler dieser
Männerseelen, die allein den Männernamen zu führen verdienen, sind allerdings den
Verdiensten jener weiblichen Gemüter vorzuziehen, die das Gute, wofür sie zu
brennen vorgeben, auf eine so matte und laue Weise üben. Sie sind nicht heiß noch
kalt. Es kanten ja die Werke, die sie verrichten, keinen höheren Wert haben, als der
Urgrund, aus dem sie entspringen, der, wenn auch erhöht und veredelt, doch immer
nur der eines schwachen Geschöpfes ist.
Jene in der göttlichen Einheit vollendeten Menschen dagegen handeln in Gott, und
damit aus einem Urgrund von grenzenloser Vortrefflichkeit. So sind auch ihre
unscheinbarsten Handlungen Gott angenehmer als die heroischen Taten der anderen,
welche so groß erscheinen vor den Menschen.

Darum suchen auch die Menschen dieses Grades nichts, und geben sich auch nicht die
geringste Mühe irgendetwas Großes zu leisten. Sie begnügen sich zu sein, was sie eben
sind in jedem Augenblick. Maria, die Hochbegnadete, was tat sie auf der Erde nach der
Auffahrt ihres Sohnes? Beschäftigte sie sich mit Weissagen, Seelen zu bekehren, Teufel
auszutreiben oder große Taten zu tun? Ich bezeuge euch, ein solcher Mensch tut mehr
für die Bekehrung eines ganzen Königreichs, ohne etwas zu tun, als 500 Prediger, die
nicht in diesem Stande stehen. Maria, indem sie nichts tat, hat mehr für die Kirche
getan als alle Apostel zusammen. Dies ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob Gott
nicht ab und zu etwas zuläßt, so, daß solche Menschen auch offenbar werden.

0 ja! Zeitweise werden ihnen viele Menschen zugewiesen, denen sie aus dem in ihnen
lebenden Urgrund mitteilen, damit diese hingehen und nun ihrerseits aufs Neue
andere Menschen für Christus gewinnen. Das geschieht aber ohne ihr Zutun, ohne
alles Drängen und Treiben ihrerseits, allein durch Gottes Führung.

Wenn man wüßte wie Gott gerade durch diese Menschen verherrlicht wird, die nicht
selten ein Fegfeuer für die Welt sind, man würde erstaunen und sich zugleich im
Höchstmaß freuen. Denn gerade diese sind es, die Gott verherrlichen, ohne im
Geringsten an seine Verherrlichung zu denken, auf die einzige seiner würdigen Weise.
Denn weil Gott selbst in ihnen als Gott wirkt, so schöpft er aus sich selbst, obgleich
durch sie, die einzige Verherrlichung, die ihm zusteht. Wie viele anscheinend wahrhaft
seraphische Menschen sind noch so fern dieser Stufe! Genau so wie in den früheren
Ständen, so gibt es auch in diesen ein Mehr oder ein Weniger. Maria, o Begnadete, war
vor vielen beschenkt.

Wenige nur erreichen solche Höhe schon in diesem Leben, und die dahin gelangen,
erreichen sie gewöhnlich erst kurz vor ihrem Ende, es sei denn, daß Gott ihre
Vollendung beschleunigt, um sie entweder zur Ausbreitung seines Reiches zu
gebrauchen, oder sie zur Schau zu stellen als Wahr- und Wunderzeichen seiner Macht
und Güte.

In der Regel aber verbirgt Gott diese Menschen in seinem Schoß und versteckt sie
unter der Hülle der gewöhnlichsten Äußerlichkeit. Er will, daß sie keinem bekannt sein
sollten, als ihm, der an ihnen seine Lust und Freude hat. Es sind Gottes Freunde.
Ihnen werden alle Geheimnisse Gottes geoffenbart, nicht durch den Weg des Wortes,
des Gesichtes, der Lichter, sondern durch die Ansicht des in ihnen wohnenden Gottes,
so, daß, wenn ein solcher Mensch angeregt wird zu reden, Wort und bild und
Gedanken und deren ganze Reihenfolge aus jenem göttlichen Grunde entspringen,
ohne daß er sich jemals dessen bewußt gewesen war, dies alles zu besitzen. Er findet in
seinem inneren tiefe, nie erschöpfte Einsichten, ohne daß er diese erlernt hätte oder
sich später ihrer weiter erinnert. Es ist wie ein Schatz, den man nicht eher sieht, als bis
man genötigt ist, ihn aufdecken zu sollen. Erst indem es anderen offenbar wird, wird er
auch dem Menschen selbst offenbar.

Wenn ein solcher Mensch schreibt, so staunt er selber, daß ihm Dinge zufließen, die er
nicht weiß und nie zu wissen geglaubt hat, obwohl er während des Schreibens nicht
daran zweifeln kann, daß er ihrer mächtig sei. So verhält es sich nicht mit denen, die
sich in den früheren Ständen befinden. Bei ihnen geht die Einsicht der Anwendung
voraus. Sie beschreiben was sie erlernten, erkannten, erfuhren. Jene hingegen werden
der in ihnen verborgenen Schätze nicht eher gewahr, als bis sie diese vor den Leuten
ausbreiten.

Doch auch dies spricht noch nicht aus, was ich sagen möchte. Gott ist in dem
Menschen, oder vielmehr: der Mensch ist nicht mehr, er wirkt nicht mehr, sondern
Gott wirkt, und er ist nur das Werkzeug. In Gott hat er die ganze Fülle Gottes
leibhaftig. Gott schließt in sich alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, er tut sie
der Gemeinde durch diese Menschen kund. Der Mensch selbst wird ihrer erst inne in
dem Augenblick, wo er aus seinem Urgrund, d.h. aus Gott sie herauszieht, um sie
mitzuteilen. Er ist sich weder vorher herrlicher Besitztümer bewußt gewesen, noch
wird ihm gestattet, hinterher darüber nachzudenken. Ich bin überzeugt, daß wer auf
dieser Stufe steht, mich schon verstehen und den Unterschied beider Stände sehr gut
begreifen wird. In dem ersteren sieht man die Dinge und genießt sie, wie wir uns der
Sonne freuen. In dem zweiten sind wir selbst Sonne geworden, die sich ihres Lichtes
weder bewußt ist, noch es genießt.

Der Zustand ist bleibend. Es findet kein Wechsel in ihm statt, was den Grund
anbelangt. Es gibt aber wohl ein unaufhörliches Weiterschreiten in Gott. Denn genau
so wie Gott unendlich ist, so kann er auch den in sich aufgenommenen Menschen
vergöttlichen. Und er tut es, indem er sein Empfangsvermögen erweitert. Maria war
voll der Gnaden gleich im Anfang der Menschwerdung Jesu. Sie stand in der Fülle der
Gottheit in dem Augenblick, worin das Wort Fleisch ward unter ihrem Herzen. Und
trotzdem ist sie gewachsen in solcher Fülle bis zum Augenblick ihres Verscheidens.
Wenn sie nun damals schon erfüllt gewesen ist, wie der Engelgruß uns nicht zweifeln
lässt wie konnte sie dann noch zu größerer Fülle gelangen in der Folgezeit? Nur so
konnte sie es, daß Gott mit jedem Tag ihr Aufnahmevermögen erweiterte, sie ihrerseits
aber mit jedem Tag sich immer tiefer in ihn verlor und immer weiter in ihm sich
ausbreitete, ähnlich unserem Strom, der in ewigem Maße sich weiter ausbreitet, wie er
immer weiter vordringt in das Meer, und endlich ganz verlorengeht in dessen
unergründliche Tiefen.

So ist es auch mit diesen Menschen. Alle, die auf dieser Stufe stehen, haben Gott. Die
einen aber haben ihn mehr als die anderen. Sie sind in der Fülle. Aber nicht alle haben
gleich viel von dieser Fülle. Ein kleines Gefäß kann so gut gefüllt sein wie ein größeres.
Aber es kann nicht ebensoviel fassen. Also haben auch die Menschen zwar alle die
göttliche Fülle, jedoch haben sie sie nur nach dem Maß ihres Fassungsvermögens. Und
so gibt es welche, denen Gott das Fassungsvermögen mit jedem Tag erweitert.
Je länger sie in diesem göttlichen Stand leben, desto mehr werden sie ausgeweitet. Ihre
Fähigkeit wird immer unermeßlicher, ohne daß ihnen etwas zu tun oder zu verlangen
bliebe. Obwohl sie nämlich diese stetige Erweiterung erfahren, bleibt doch nie eine
Leere in ihnen, sondern wie ein Zimmer dessen Umfang man ausweitet, sofort von der
eindringenden Luft erfüllt wird, ohne daß irgendein Punkt seines Inhalts luftleer
bliebe, so wächst auch die Fülle des Menschen in dem Maße, wie seine
Aufnahmefähigkeit zunimmt, ohne daß sein Stand und seine Stellung sich deshalb im
geringsten ändern.

Diese wachsende Erweiterung und Erfüllung des Menschen ist aber erst dann möglich,
wenn zuvor seine Vernichtigung vollendet worden ist. Bis dies geschehen ist, gibt es
etwas in ihm, das solcher Ausweitung widersteht.

Es gibt nämlich eine doppelte Empfänglichkeit. Die eine ist diejenige der Kreatur, sie
ist nur eng und beschränkt. Auch nachdem die Kreatur gereinigt worden ist, ist sie
zwar fähig, die Gaben Gottes aufzunehmen, nicht aber Gott selbst, da das
Aufzunehmende notwendigerweise von kleinerem Umfang sein muß, als das
Aufnehmende, auch dann, wenn es seiner Natur nach viel köstlicher und edler ist.
Diejenige Empfänglichkeit aber, von der wir reden, die Fähigkeit, sich immer weiter in
Gott auszuweiten und in ihm sich zu verlieren, gewinnt der Mensch erst dann,
nachdem er alle Eigenheiten verloren hat. Die Eigenheit hält er in sich selber fest.
Nachdem ihm aber durch die Vernichtigung alle Eigenheit und Besonderheit
genommen worden ist, ist er fähig, sich in Gott auszugießen und in den zu zerfließen,
welcher nie umschränkt und umschlossen werden kann. Je mehr er sich in Gottes
Abgründen verliert, desto mehr weitet er sich aus. Er wird unermeßlich, weil er die
Vollkommenheiten dessen teilt, der ihn aufnahm.
Diese letztere erhabene Empfänglichkeit hat der Mensch demnach nur insofern, als er
vermöge seines höheren Ursprungs von Anfang an die Fähigkeit besaß, in seinen
hohen Urgrund wieder umgestaltet und verwandelt zu werden, gleich wie das Wasser,
auch nachdem es aus dem Quell ausgeflossen ist, allezeit die Fähigkeit behält, zu ihm
zurückgeleitet zu werden, und sich mit ihm zu vermischen.
Gott, der uns nach seinem Bild erschaffen hat, hat uns mit einer Natur ausgestattet, die
fähig ist, zu ihm zurückzukehren, in sein Bild umgewandelt zu werden, mit ihm eins zu
sein. Gleichwie geschrieben steht: „Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm“.

IV. Teilhaftig der göttlichen Natur INDEX

In diesem Stande hat der Mensch nichts anderes zu tun, als ruhig zu bleiben wie er ist,
und ohne eigenen Widerstand den Antrieben dessen, der ihn besitzt und bewegt, zu
folgen. Die jeweils ersten Anregungen und Bewegungen eines solchen Menschen sind
immer von Gott, und er darf nicht fürchten zu fehlen, solange er ihnen folgt (Eph. 2,
10). So ist es nicht in den niederen Ständen, es sei denn, daß der Mensch schon
angefangen hätte, vom Zentrum zu leben. Und auch dann darf er auf die Unfehlbarkeit
noch nicht rechen. Darum wird derjenige, der sich bewußt ist, noch nicht weit
gekommen zu sein, wohl tun, jener Regel nicht zu folgen: „Ihr habt die Salbung. Und
wie sie euch lehret, so ist es“.

Die Treue des vollendeten Menschen besteht aber darin, daß er der göttlichen
Anregung folgt, blindlings und ohne Selbstbesinnung. Alle Selbstbesinnung ist aus
diesem Stand verbannt. „Sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt“. Auch würde der
Mensch Mühe haben, zur Selbstbesinnung zu gelangen, auch wenn er sich dazu
geneigt empfände. Da es ihm am Ende mit Reflektionen gelingen könnte, so sei er vor
allen ähnlichen Versuchen gewarnt. Nichts Schlimmeres könnte ihm begegnen, als ein
solches Gelingen. Die Reflektion allein vermag den Menschen aus Gott
herauszuziehen und ihn zurückzuwerfen in sich selbst. Solange der Mensch aus Gott
nicht herausgeht, wird er nicht sündigen. Sündigt er, so geschah es, weil er aus Gott
herausging, was ihm nur begegnen kann, vermittelst der Eigenheit. Nur durch die
Selbstbesinnung kann der Mensch zurückfallen in sich selbst. Ein Fall, der dem Fall
jenes Engelfürsten gleichen wurde, der, da er mit Selbstgefälligkeit in seiner eigenen
Schönheit sich bespiegelte, Gottes vergaß, sich selbst liebgewann und zum Satan
wurde.

Man könnte einwenden, daß auf solche Weise der Mensch nicht leiden könnte in
diesem Zustand. Das würde ich zugestehen, wenn auch nicht, was seinen Grund
anbelangt, so doch, was seine Sinne anbelangt. Denn, möchte man sagen, um zu
leiden, muß man sich auf sich selbst besinnen, und eben die Rückbesinnung ist es, die
den hauptsächlichsten und schmerzlichsten Teil des Leidens ausmacht. All dieses ist in
einem gewissen Sinn wahr. Aber so sicher es ist, daß die Menschen der unteren
Ordnungen bald durch Rückbesinnung, bald durch den Eindruck leiden, ebenso sicher
ist es, daß die Menschen dieses Standes nicht anders leiden können, als durch
Eindruck. Das heißt nicht, daß die Schmerzen der letzteren Art nicht ungleich heftiger
und durchdringender sein könnten, als die der ersten. Wer die Hand unmittelbar ins
Feuer steckt, wird sich natürlich stärker verbrennen, als wer sie bloß dem Widerschein
der Flammen hinhält.

Aber, wird man vielleicht sagen, Gott wird die Selbstbesinnung aufregen, um die
Intensität des Leidens zu erhöhen. Ich meine, das wird Gott nicht tun. Er wird dem
Menschen eine unmittelbare Anschauung der über ihn verhängten Leiden verschaffen
können, ohne daß er deshalb sich auf sich selbst besinnt. Auf die gleiche Weise sehen
die Seligen in Gott sowohl was in ihm selber ist, als auch was außer ihm in den
Geschöpfen vorgeht, und in sich selbst. Sie sehen weder auf die Kreatur noch auf sich
selbst zurück, sondern sie bleiben nach wie vor auf ihn hingerichtet, in ihm versunken
und verloren.

Es ist ein sehr gewöhnlicher Irrtum gottseliger Menschen zu glauben, man könne
weder erkennen noch anders leiden als durch Selbstbesinnung. Gerade im Gegenteil
sind die Erkenntnisse und Leiden dieser Art wenig bedeutend im Vergleich zu den
anderen.

Kein Leiden, das erkannt und unterschieden wird, mag verglichen werden mit dem
Leiden dieser Menschen, die ihre Leiden nicht anerkennen und nicht zugestehen
können, daß sie leiden, wegen der erfolgten Scheidung von Seele und Geist. Es ist
wahr, daß sie das Alleräußerste leiden.

Es ist zugleich wahr, daß sie überall nicht leiden, sondern in vollkommener Ruhe und
nie zu trübender Zufriedenheit stehen.
Selbst wenn sie in die Hölle geführt werden sollten, würden sie zwar die Martern der
Hölle erleiden, aber jene Zufriedenheit würde ihnen bleiben. Diese würde nicht aus
dem Anschauen des göttlichen Wohlgefallens entspringen, sondern es wäre jene
wesentliche Allgenügsamkeit, die der Mensch geschenkt bekam, vermöge seines in
Gott, den Allseligen, umgestalteten Grundes. Es mag weder das Übermaß der Marter
der Überschwenglichkeit solcher Gottesgenüge einigen Eintrag tun, noch die Fülle der
Seligkeit hindern oder das Übermaß der Marter schwächen.
Hier ist es nicht wie in dem leidenden Liebesstande, wo der Mensch überfließt von
einer großen Sehnsucht, für den Geliebten auch das Härteste zu erleiden. Nein, es ist
nicht dieses. Ihm ist aller Wille verloren in Gott. Der Mensch selbst ist wie
untergegangen in Gott. Er ist zum Genuß des allerhöchsten Gutes gelangt. Er steht in
der urgründlichen Seligkeitsfülle, die über alle Trübung und Klärung erhaben ist,
sobald sie bleibender, stark geworden ist. Denn diese wird nicht gleich zu Anfang
bleiben. Sie kommt und schwindet und kehrt wieder, häufiger bei den einen, weniger
häufig bei den anderen. Bis sie endlich kommt, um nicht mehr wieder zu weichen.
Zuerst werden die Lichter des Standes gegeben, danach der Geschmack des Standes,
zunächst eine dunkle, gleichsam dämmernde Kunde desselben, weil dann bald selbst
der Stand eintritt und der Mensch in ihm befestigt wird für immer.

Und ist denn hiermit alles für den Menschen am Ziel? Und gibt es denn von nun an für
ihn kein Höheres? Es wird Höheres und Herrlicheres für ihn geben, unaufhörlich.
Gott vergöttlicht den Menschen nicht auf einmal. Dieser muß Gott erst tragen lernen
durch Äonen und unaufhörliches Wachstum. Fortwährend wird seine Fähigkeit
gesteigert! Fortwährend sein Empfangsvermögen ausgeweitet. Sein Eingehen in Gott
endet nie.

0 Gott! Der du dich zurückhältst zum Besten derer, die dir vertrauen und die dich
Lieben! Diese Menschen können nicht mehr beunruhigt werden: weder durch
irgendeine Gnade, von der man ihnen erzählt, noch durch irgendeine Sünde, die man
begehen kann, denn sie erkannten den
Grund und die Güte Gottes, die die eine verursachte, und die Bosheit des Menschen,
die die Quelle der anderen ist. Die ganze Erde vergeht, und sie können nicht in den
Schmerz hineingezogen werden, wenn nicht Gott ihnen denselben Schmerz einprägt.
Ist es so, daß sie deswegen so bekümmert um die Ehre Gottes sind, weil sie von den
Sünden, die sie begehen, nicht mehr gequält werden? Nein! So ist es auf keinen Fall. Es
ist, weil sie sich um Gottes Ehre ebenso kümmern wie Gott.

Gott kann nicht beleidigt sein über die Sünden der ganzen Welt (das wäre zum
Verderben aller Menschen), weil er Mensch wurde, um sie alle zu erretten, und er
einen leidensfähigen und sterblichen Leib annahm und sein Leben gab.

Auch die mit ihm auferstandenen Menschen würden tausend Leben zur Rettung der
Welt geben, denn Gott, der sie verwandelt hat, läßt sie an seinen Qualitäten teilhaben,
und daß sie das alles wollen wie Gott. Obwohl aber Gott das Heil aller Menschen will,
weshalb er ihnen alle zum Heil notwendigen Gnaden gab, ist ihr Wirkungsgrad durch
ihre Schuld nicht immer vorhanden. Er läßt sie seine Herrlichkeit nicht mit in ihr
Verderben ziehen: denn es ist unmöglich, daß Gott auf der Welt Dinge zuläßt, durch
die er nicht notwendigerweise verherrlicht wird, entweder durch Gerechtigkeit oder
durch Barmherzigkeit. Das ist aber nicht die Absicht dessen, der Gott verletzt und ihn
absichtlich verunehrt. Von Seiten Gottes ist es jedoch keine passive Verunehrung: es
ist notwendig, gegen den Willen dessen, der ihn beleidigt, daß seine Sünde sich zur
Verherrlichung Gottes umkehrt.

Obgleich Gott von seiner Natur her nicht beleidigt sein kann, verdient derjenige, der
ihn beleidigt unermeßliche Strafen, wegen des bösen Willens, durch den er diese
unendliche Güte zurückgewiesen hat und wegen der Verunehrung (Joh. 3, 18).
Auch wenn er dies von Gott aus gesehen nicht tat, so tat er es doch immer durch seine
Aktion und durch seinen Willen. Und dieser Wille ist so böse, daß wenn er Gott seine
Göttlichkeit nehmen könnte, so würde er sie ihm nehmen. Es ist aber dieser Wille böse
von Seiten der Person, die die Sünde (Beleidigung) tut, und nicht die Aktion: denn
wenn eine Person, deren Wille verloren ging in Gott, in seine Tiefe stürzte und in Gott
umgewandelt wurde, durch absolute Notwendigkeit eingeschränkt wurde, wie gewisse
Tyrannen es jungfräulichen Märtyrern antaten, so handelten diese ohne Sünde. Das ist
klar.

Aber um zurückzukommen: ich sagte, daß diese Menschen den Schmerz der Sünde
nicht mehr haben können, denn, obwohl sie sie unendlich hassen, leiden sie nicht
mehr die Veränderung: sie sehen sie, wie Gott sie sieht. Auch wenn sie ihr Leben zur
Versöhnung nur eines einzelnen geben müßten, wenn Gott es will, würden sie es
geben; das geschähe ohne Aktionen, ohne Begierden, ohne Einwilligung, ohne Wahl,
ohne Entgegenkommen ihrerseits: aber in einem vollkommenen Tod sehen sie die
Dinge mehr wie Gott sie sieht, und beurteilen sie mehr, wie Gott sie beurteilt.
Jedoch gibt es eine Zeit zu reden, und es gibt auch eine Zeit zu schweigen. Ich habe die
Feder ergriffen aus Gehorsam. Aus Gehorsam lege ich sie nieder. Fahrt nun fort, ihr
Bäche und ihr Ströme! Laßt nicht ab zu rieseln und zu fließen! Hört nicht auf zu
strudeln und zu stürzen! Säumt nicht! Zaudert nicht! Ermüdet nicht! Und mögt ihr
alle miteinander einst euch selig ergießen in das große, endlose Meer, rein und klar
und Lauter wie der Kristallstrom, der von dem Thron Gottes und des Lammes
niederfließt.