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Johannes Tauler

( ca. 1300 bis 16.6.1361)

Das Reich Gottes in uns

Johannes Tauler
( ca. 1300 bis 16.6.1361)
Das Reich Gottes in uns Gott ruft und beruft uns

Gottsucher sind Gottgesuchte Der Mensch - ein Tempel Gottes

Vom rechten Beten Der Weg nach innen

Hilfen auf dem inneren Weg Hinwendung zu Gott

Erneuerung aus dem Geiste Vom göttlichen Reifen

Fünffache Fesselung Das Gesetz des Ausgleichs

Weisheit der Abgeschiedenheit Von der Dreieinigkeit des Menschen

Vom Seelengrund Seelengrund und Gottesgrund

Die göttliche Dreieinigkeit im Seelengrund Rechte Nachfolge

Stete Wachsamkeit Leid weist lichtwärts

Freisein von Sorgen Äußere und innere Liebe

Vom inneren Beten Mache Dich auf und werde licht!

Rechte Meditation Entwerden des Ich

Vom Nicht-Ich Aus dem Geiste leben

Seligkeit der Gott-Verbindung Vom Wirken Gottes in uns

Vom Aufnehmen Christi Vom geistigen Genießen Gottes

Vom Gottesgrund Vorbereitung der Geburt Gottes in uns

Von der Himmelfahrt Heimkehr in Gott

Gottes Geburt im Menschen Vom Wirken aus dem Geiste

Die sieben Gaben des Geistes Fest des ewigen Lebens


DAS REICH GOTTES IN UNS

" Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird
euch alles übrige zufallen." Matth. 6; 33

Im Evangelium des Matthäus werden wir mit dem Hinweis auf das Beispiel der
Lilien und der Vögel zum Nichtsorgen ermahnt: Sorget nicht, was ihr essen und
trinken und womit ihr euch kleiden werdet; denn Gott weiß, daß ihr des alles
bedürfet. Sondern trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes; dann werden euch diese
Dinge hinzugegeben.

Niemand - heißt es vorher - kann zwei Herren dienen: Gott und den äußeren
Dingen. Wenn er den einen liebt, wird er den anderen lassen. Und die
Vergeblichkeit allen Sorgens wird mit den Worten angedeutet: Wer kann mit all
seinem Sorgen seinem Leibe oder Leben mehr Länge geben?

Besinnen wir uns, wie viel Kraft und Zeit, Arbeit, Fleiß und Hingabe wir Tag für
Tag dem widmen, das dem Ich dient, und wie wenig dem, das zu Gott führt; wie
wenig wir Gott, der doch alles vermag und wirkt, zutrauen, sondern lieber uns
sorgen und abmühen, als ob dieses Dasein von uns abhänge und ewig dauere. ..

Das alles kommt aus dem Ich. –

Sähe man da recht hinein und hindurch, man würde darüber erschrecken, wie sehr
der Mensch in allen Dingen und den anderen Menschen gegenüber nur das Seine
sucht - in Gedanken, Worten und Werken immer nur das Seine, sei es Lust oder
Nutzen, Ehre oder Dienst -, immer nur für sich, sein Ich.

Diese Ichverhaftung und Ichsucht ist so tief eingewurzelt, daß nicht nur der äußere,
sondern auch der innere Mensch ganz auf die irdischen Dinge gerichtet ist - gerade
wie das krumme Weib, von dem das Evangelium spricht, das ganz zur Erde
gebückt war und nicht mehr aufsehen konnte. ..

Armer Mensch - warum traust Du Gott, der Dir so viel Gutes getan, Dir so viele
Gaben verliehen hat und der Dein Leben ist, nicht zu, daß er Dir auch das bißchen,
das Du zum Leben brauchst, geben werde? Ist es nicht ein trauriger Anblick, zu
sehen, daß selbst geistige und geistliche Menschen all ihre Liebe und all ihren Fleiß
nur auf ihr Werk richten und so sehr sich, ihr Ich, meinen, daß sie kaum noch an
Gott denken und wenig Verlangen fühlen, sich mit ewigen Dingen zu befassen,
wenn nur die irdischen Dinge, die sie bewegen, gut vonstatten gehen. ..

Für sie gilt das Wort doppelt, daß man nicht zwei Herren dienen kann - Gott und
den äußeren Dingen -, sondern daß es gilt, zuerst und vor allem nach dem Reiche
Gottes zu trachten.
Petrus mahnt uns mit Recht: „Werfet alle eure Sorgen auf Gott, denn er sorgt für
euch."

Denn das Sorgen um äußere Dinge bewirkt dreifachen Schaden im Menschen:

es blendet Verstand und Vernunft,

es löscht das Feuer der Liebe aus und

es verbaut den Weg nach innen, der zu Gott führt, zum Reiche Gottes, das
inwendig in uns ist.

Darum gilt es, sorgsam darauf zu achten, wohin unser Denken und Streben
gerichtet ist, womit wir umgehen, solange wir in der Zeit wirken, also auf das
Woher und Wohin unserer Neigungen und Gewohnheiten. Denn wenn einer ein
oder zwei Jahre in einem Fehler beharrt, wurzelt dieser bereits so tief in ihm, daß er
ihn kaum noch zu überwinden vermag. Noch besser ist es darum, darauf zu achten,
daß kein Fehler im Gemüt Wurzel schlägt, sondern sogleich ausgemerzt wird. Das
ist am Anfang leicht.

Das Wichtigste ist, daß man der Lust an äußeren, sinnenhaften Dingen Einhalt
gebietet. Denn solange das Denken und Trachten nach außen gerichtet ist, bleibt
man allen äußeren Lockungen und Ablenkungen geöffnet und gelangt nicht nach
innen, findet nicht zu sich selbst. Der innere Grund bleibt einem dann verschlossen
wie etwas, das unendlich fern ist. Man ist sich selber fremd, und Ziel und Sinn des
Lebens sind ungewiß ...

Aber auch die Lust an geistigen Gaben und Werten gilt es zu überwinden. Diese
Lust herrscht in vielen Menschen, die von ihr mehr angezogen werden als von Gott.
Sie nehmen diese Lust für Gott; und wenn sie ihnen genommen wird, vergeht auch
ihr guter Wille.

Oft scheint etwas aus göttlicher Liebe zu kommen, und ist doch nur ein Reiz für
den äußeren Menschen und eine Lockung für das Ich. Hier gilt es zu erkennen: Wo
man nicht Gott im Sinne hat, sondern irgendein anderes, mag es noch so hoch
scheinen, da ist man noch fern der Wahrheit und dem Reiche Gottes.

Dieses Reich muß man da suchen und finden, wo es verborgen ist: im Grunde der
Seele. Dazu gehört freilich mancher Kampf; und es wird nicht gefunden, solange
nicht aus dem sorgenden Haften und Hängen am Äußeren gelassenes Lassen
geworden ist.

Wie die äußeren Güter müssen auch die inneren durch Liebe und beharrliche
Hingabe gewonnen werden. Und das wird nicht an einem Tage erreicht. Denn die
Neigung, daß der Mensch in allem, was er tut, das Seine sucht, wurzelt tief in
seiner Natur; und diese Neigung geht so weit, daß, wenn er sich Gott zuwendet, er
zuerst etwas von ihm haben will: Trost oder Wohlgefühl, Befreiung von diesem
oder jenem, Erleuchtung oder andere Gaben. Und auch das Reich Gottes will er
zuerst haben.

Darum gilt es zu erkennen, daß zuvor an die Stelle des Habenwollens das Lassen
treten muß; dann erst wird uns das Reich Gottes zuteil - und alles übrige dazu.

Hüten wir uns also vor dem ichhaften Streben, selbst geistige Übungen und die
Hinwendung zu Gott nur um der erhofften Gaben und Gewinne willen
vorzunehmen! Denn Gott und sein Reich verbirgt sich uns, solange wir ihn um
solcher Dinge willen suchen. Wir sollen Gott suchen und nach seinem Reiche
trachten und nach nichts sonst.

Das heißt: wir sollen uns statt nach außen wirklich und gänzlich nach innen
wenden, uns in den Grund unserer Seele einsenken und das Reich Gottes und seine
Gerechtigkeit dort suchen. Darum bitten wir doch im Vaterunser, daß sein Reich
komme. Aber die meisten sind sich nicht bewußt, worum sie damit bitten. Gott ist
sein eigenes Reich. Aus diesem Reich kommt alles, was Leben hat, und alles strebt
dorthin.

Das ist das Reich, um das wir bitten: Gott selbst in all seinem Reichtum. Hier ist
Gott unser Vater. Und dadurch, daß er seine Wohn- und Wirkstatt in unserer Seele
bereitet findet, wird sein Name geheiligt: das ist sein Geheiligwerden in uns, daß er
in uns walten und wirken kann. Da geschieht sein Wille in uns, im inneren Leben,
im Himmel, wie außer uns, im äußeren Leben, in unserem irdischen Dasein.

Damit das geschehe, müssen wir uns lassen, uns in rechter Gelassenheit dem
göttlichen Willen überlassen und der Kraft Gottes in uns, die alles vermag,
rückhaltlos vertrauen. Wir müssen statt unserer eigenen seine Gerechtigkeit suchen,
die darin besteht, daß er in und bei denen bleibt, die ihn innerlich suchen, nur ihn
im Sinne haben und sich Ihm lassen und hingeben. In solchen Menschen herrscht
und wirkt Gott. Von ihnen fällt alles äußere Sorgen ab.

Das heißt nicht, daß man Gott versuchen soll. Man soll weiterhin seine Aufgaben
im äußeren Leben mit Sorgfalt, Vorsicht und Fleiß erfüllen, wie es sich, auch dem
Nächsten gegenüber, gebührt - im Geiste liebender gegenseitiger Dienstleistung.
Und man soll in allen äußeren Dingen Ordnung und Weisheit walten lassen, alles,
was man tut, bewußt und gewissenhaft tun und sein Bestes geben. Aber bei alledem
soll man auf Gott blicken, nicht an den Dingen hängen und alles Sorgen Gott
überlassen.

Denn alles, was der Mensch tut oder läßt, ob er schafft oder ruht: wenn er dabei
nicht Gott im Sinne hat, bleibt es fruchtlos. Solange er irgend einer Weise folgt,
entfernt er sich von Gott, der weiselos ist. Denn hinter jeder Weise steht das Ich;
hinter dem Lassen und Entsinken in den innersten Grund, im Entwerden des Ich,
steht Gott.
Darum sagt Dionysius mit Recht: Man halte sich nicht an das Ich, sondern an das
,Nicht': man wolle nicht, erkenne nicht, begehre nicht, suche nicht, sei nicht,
sondern lasse sich und alle Dinge und gebe sich gänzlich hin. Dann gelangt man
aus allen Weisen ins Weiselose, aus dem Wesen ins Überwesentliche, aus allem
Erkennbaren ins Unerkennbare, aus dem Ich zum göttlichen Nicht- Ich.

In diesem unerkannten Gott suche Deinen Frieden und trachte dabei weder nach
Empfindung noch nach Erleuchtung. Entsinke völlig in Dein lauteres Nichts, das in
Wahrheit Dein Selbst ist. Und halte Dich an nichts, was Dir einleuchtet oder Dich
erleuchtet, sondern lasse auch das; halte Dich unten und entsinke weiter im
Nichtwollen und Nichtich - immer weiter in die Tiefen der Gottheit.

Das meint das göttliche Wort, das der Prophet Hesekiel vernahm: "Die da in das
Allerheiligste eingehen, sollen kein Erbe haben, sondern Ich selber will ihr Erbe
sein." Das gilt für alle, die in die Verborgenheit Gottes eingehen wollen: die sollen
kein Erbe mit sich nehmen, sondern ihr Erbe und ihre Habe soll allein das
weiselose, namenlose Wesen Gottes sein. Zu nichts anderem sollen sie sich neigen
als in das Nicht-Sein.

Als Gott alle Dinge erschuf, hatte er nichts vor sich als das Nichts. Er machte kein
Ding aus Etwas, sondern schuf alles aus dem Nichts. Wo er wirken soll, bedarf er
dazu nichts als des Nichts. Willst Du darum ohne Unterlaß empfänglich sein für
Gottes Wirken, so entsinke aus Deiner Ichheit in Dein Nichts; denn Dein Etwas-
Sein, Deine Ichhaftigkeit hindert Gott, in Dir zu wirken und sich durch Dich zu
offenbaren. Das ist der Sinn des Wortes: Je niedriger, desto höher; je weniger,
desto mehr! Gott will den aller Ichheit entkleideten innersten Menschen haben.
Darum lerne, Dich zu lassen, Deinen Seelengrund frei zu halten vom Haften und
Hängen an Vergänglichem. Werde leer von allem, was nicht Gott ist. Denn Gott
will Dich allein und ganz.

Wenn Du eine Wunde hast, in der etwas Böses wuchert, läßt Du Dich, auch wenn
es schmerzt, schneiden, damit nicht größeres Unheil entstehe. So auch sollst Du
alles, was an Schickungen über Dich kommt, mit denen Gott Dich heimsucht und
zu sich zieht, willig hinnehmen als etwas, das Dir hilft, das Böse und Unheilvolle
aus Dir zu entfernen, damit Dein innerstes Wesen ganz rein und heil und gänzlich
von Gott erfüllt werde.

Lerne, in diesem Sinne ein in Gott gelassener Mensch zu werden, der, mag
geschehen, was will, ohne Furcht und Sorge im Frieden Gottes ruht, sich gänzlich
Gott überläßt und ihn machen läßt. Dann gehst Du aus Deiner Ichheit heraus und in
die Gottheit ein. Und dann geschieht der Wille Gottes auf Erden wie im Himmel,
außen wie innen; denn dann bist Du selbst Gottes Reich, und Gott herrscht in Dir
und wirkt durch Dich.

Das Reich Gottes ist inwendig in uns, im Innersten des Seelengrundes:


Wenn wir mit allen Kräften den äußeren Menschen in den inneren hineinziehen und
der innere Mensch sich völlig hineinsenkt in seinen innersten Mittelpunkt und
Seelengrund, in die Verborgenheit des göttlichen Selbstes, in dem das wahre Bild
Gottes liegt, und wenn sich dieses dann gänzlich in den göttlichen Abgrund
schwingt, in dem der Mensch ewig in seiner Ungeschaffenheit war - alsdann, wenn
Gott den Menschen so in völliger Entwordenheit und Hingabe sich gänzlich
zugewendet und seinen Seelengrund aufgeschlossen findet, neigt sich der
Gottesgrund ihm zu und ergießt sich in den ihm offenen und gelassenen
Seelengrund, überformt den geschaffenen Seelengrund mit der Fülle seines Lichts
und zieht ihn durch diese Überformung in die Ungeschaffenheit des Gottgrundes,
so daß der Geist ganz mit ihm eins wird.

Könnte der Mensch sich hierin wahrnehmen, er sähe sich so edel, daß er glauben
würde, Gott zu sein; er würde sich als hunderttausendmal edler erkennen, als er aus
sich selbst ist. Er würde hier aller Gedanken und Gesinnungen, Worte und Werke,
alles Wissens seiner selbst und aller Menschen inne; alles, was je geschah, würde er
da von Grund aus erkennen, wenn er in dieses Reich gelangt. Und in dieser
Rückkehr zu seinem ursprünglichen Adel würde alles Ungewißsein und Sorgen für
immer von ihm abfallen.

Das ist das Reich Gottes in uns, nach dem wir zuerst und vor allem suchen und
trachten sollen, und die göttliche Gerechtigkeit, die wir dann suchen und finden,
wenn wir in allen Schickungen und in allen Werken Gott als einziges Ziel unserer
Gesinnung im Auge haben und ihm allein vertrauen.

Hierauf zielt Paulus mit seinem Rat, sorgfältig "die Einigkeit des Geistes im Band
des Friedens zu wahren." Denn in diesem Frieden, den man im Geiste und im
innersten Seelengrund findet, empfängt man ja alles: das Reich und die
Gerechtigkeit. Wer um das Einssein seines Geistes mit Gott weiß, der ist in allen
Weisen und Werken und an allen Orten im Frieden Gottes. Ihm wird alles zur
Erfahrung der Gegenwart Gottes in ihm.

Diese Gewißheit gilt es hier und jetzt zu gewinnen. Denn wie Augustinus sagt:
„Nichts ist so gewiß wie der Tod und nichts so ungewiß wie die Stunde des Todes";
darum ist es nötig, ohne Unterlaß bereit zu sein und vom Wähnen zum Wissen und
Gewißsein zu gelangen. Dazu leben wir hier in der Zeitlichkeit - nicht um der
Werke willen, sondern um Gottes und seines Reiches in uns gewiß zu werden.
Denn aus diesem Wissen erst entspringt das rechte Werk.

Je gewisser uns Gottes Gegenwart wird, je inniger unser Gemüt auf Gott gerichtet
und von ihm erfüllt ist, desto friedevoller und gelassener wird unser Tun, desto
weniger können uns die äußeren Dinge beirren und verwirren; denn dann ist nichts
mehr in unserem Seelengrunde als Gott. Und wenn Gott Grund, Ursache und Ziel
aller Dinge und Werke ist, sind wir mit uns selbst und mit allem in Frieden und
ruhen mit unserem Seelengrund im Gottesgrund.
Daß wir dazu gelangen und das Reich Gottes in uns finden, dazu helfe uns Gott!

GOTT RUFT UND BERUFT UNS

"Ich, der in Gott Gebundene, bitte euch, würdig zu wandeln in der Berufung, zu der
ihr berufen seid, und die Einheit im Geiste zu wahren." Eph. 4; 1 f.

In den Worten, mit denen Paulus uns bittet, unserer Berufung zu folgen, sind vier
Dinge zu beachten:

Das erste ist: Wer uns hier ruft und beruft.

Das zweite: Wozu er uns ruft, wohin er uns haben will.

Das dritte: Welches sein Ruf ist und wann er uns ruft.

Und das vierte: Wie man dem Rufe würdig folgt.

Nun zum ersten: Wer uns ruft, das ist Gott, und er ruft uns mit allem, was er ist, hat
und vermag. Er ruft und lädt uns zu sich: seine Güte, Liebe und Weisheit lädt und
leitet uns zu ihm und in ihn.

In Wahrheit: Gott hat Verlangen nach uns, als ob seine Seligkeit in uns liege. Was
immer seine Liebe und Weisheit im Himmel und auf Erden schufen, das geschah
nur, daß er uns damit in unseren Ursprung zurückrufe, und daß wir heimkehren in
sein Reich, das auf uns wartet.

Das zweite ist: Wozu er uns ruft. Er ruft uns zu seinem Sohn, damit wir uns als
seine Brüder erkennen und als Miterben des Reiches. Er ruft uns, Christi Vorbild zu
folgen; denn er ist der Weg, den wir gehen sollen, die Wahrheit, die uns leuchten
soll, und das Leben, das unser Ziel sein soll.

Das dritte: Welches der Ruf sei und wann er ruft. Der Ruf, mit dem Gott uns zu
sich lockt, ist mannigfacher Art: innerlich, im Seelengrund, ruft Gott uns ohne
Unterlaß, und ebenso im inneren Menschen Tag und Nacht, und äußerlich mit allen
Schickungen, die er uns zuteil werden läßt, seien sie freudvoll oder leidvoll. In
alledem ruft er uns.

Würden wir das erkennen und seinem Rufe folgen, bedürfte es oftmals nicht der
drängenden Stimme in Gestalt leidvoller Schickungen. ..

Und das vierte: Wie wir dem Rufe würdig folgen. Das geschieht eben durch
Geduld und Hörbereitschaft, Sanftmut und gelassene Hingabe an seinen Ruf und
seinen Willen.
Damit erhebt sich die weitere Frage: Wen ruft Gott. Dreierlei Menschen ruft er:
zunächst die Anfänger im Leben aus dem Geiste, dann die Fortgeschrittenen und
schließlich die Vollkommenen. Die einen werden auf die untere Stufe, die anderen
auf die zweite Stufe und die letzteren auf die oberste Stufe der Vollkommenheit
gerufen.

Das möge niemand mißverstehen; denn wen Gott auch immer ruft und auf welche
Stufe er ihn beruft: wir sollen alle Christus gleichförmig und vollkommene Kinder
Gottes werden.

Nun sagen zwar manche, Gott sei ihnen über alles lieb. Aber in Wahrheit wollen
sie die Dinge und Wesen nicht lassen, an denen sie weit fester hängen als an Gott.
Sie suchen in ihnen mehr Lust und Befriedigung als in Gott. Das sind die
Ungelassenen. Wenn sie das einsehen und lernen, Gott über alles zu lieben und ihre
Nächsten wie sich selbst, haben sie die unterste Stufe erreicht, auf der sie dem Rufe
Gottes folgen, und sind auf dem Wege, zu Gott zu kommen und von ihm berufen
zu werden.

Nun gibt es eine zweite Stufe, die höher ist; und jene, die auf ihr dem Ruf und Rat
Gottes folgen, gelangen wesentlich weiter. Sie horchen auf die Stimme Gottes und
gehen den Weg, den Gott sie weist, der ihrer göttlichen Berufung gemäß ist.

Um den Rat Gottes zu vernehmen und seine Berufung zu erkennen, muß man sich
oft nach innen wenden und schweigend nach innen lauschen. Aber wie wenige
wenden sich einwärts und vernehmen den Ruf! Heute wollen sie dies, morgen tun
sie jenes - je nach den Anrufen und Anreizen, die von außen kommen oder nach
dem, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Und so eilen sie hierhin und dorthin
und kommen von dem Wege ab, zu dem sie gerufen sind. ..

...Darum die Mahnung, oft in uns selbst einzukehren und immer wieder zu prüfen,
womit wir umgehen und wohin wir gehen, daß wir nicht von uns selber abkommen
und den Weg verfehlen, zu dem wir berufen sind.

Nur dann gelangen wir auf die obere Stufe und den höchsten Weg der Berufung,
auf dem wir Christus nachfolgen, äußerlich und innerlich, wirkend und lassend,
bildlich und bildlos. Wer ihm nachfolgt und damit aus seiner Ichheit heraustritt, der
erreicht das höchste Ziel.

Aber wie viele nennen sich Christen und sind doch keine Nachfolger Christi. Von
ihnen spricht Lukas in seinem Evangelium (14; 16 f.), wenn er von dem Herrn
berichtet, der ein großes Abendmahl richtete und seine Diener zu den Geladenen
sandte: ,Kommt, denn es ist alles bereit!' - Aber wie wenige kamen? Der eine hatte
gerade einen Acker erworben und war unabkömmlich; der andere hatte einen
Ochsen gekauft; der dritte hatte geheiratet und konnte deshalb der Einladung keine
Folge leisten. ..
Von dieser Einladung sagt Gregorius, sie sei erstens ein Ruf zum inwendigen und
unmittelbaren Erkennen des Seelengrundes, in dem das Reich Gottes ist, und zum
Fühlen und Miterleben, mit welcher Liebe Gott da wohnt und wirkt. Zweitens sei
sie ein Ruf zum heiligen Sakrament Christi. Und drittens sei sie eine Einladung
zum Eintritt in das ewige Leben.

Wer nun der ersten Einladung folgen will, der achte darauf, wann immer er gerufen
wird. Die Meister sagen mit Recht: Wer nicht in gewisser Weise einen
Vorgeschmack hiervon hat, darauf eingestellt, dafür aufgeschlossen und hörbereit
ist, der wird den Ruf überhören und die Einladung versäumen.

Nun werden sich allerdings manche guten Menschen ihr Leben lang nicht bewußt,
eingeladen zu sein. Und doch sind sie dem Reiche Gottes in ihnen näher als jene,
die den Ruf vernahmen, der Einladung bewußt wurden, ihr aber wegen des Haftens
an äußeren Dingen nicht zu ihrer Stunde folgten. ..

...Es gibt manche, die sich durch die ihnen gewordenen Offenbarungen und
Erleuchtungen als Berufene und Eingeladene ausweisen, davon aber nicht den
rechten Gebrauch machten und so nur bis zum Eingang des Reiches Gottes
gelangen, jedoch nicht eintreten und bewirtet werden. Denn Gott mißt jedes
Menschen Bereitschaft nach dem Maße seiner Liebe.. Wer in den Grund einkehren
und in das Reich Gottes eintreten will, der muß sein Herz und seine Liebe von
allem gelöst haben, das nicht Gott ist oder nicht von Gott kommt.

Die zweite Einladung ist das Sakrament Christi, von dem später zu sprechen sein
wird. Auch dazu werden wir alle Tage gerufen und eingeladen, Gott wie Speise und
Trank in uns aufzunehmen, damit er wie diese in uns aufgehen kann und wir dabei
ganz in ihn verwandelt werden. Wir können von diesem Sakrament und der
dadurch bewirkten Wandlung nie genug begehren und können uns nicht oft genug
nach innen wenden und uns an das Lassen und Hingeben unserer selbst gewöhnen.
Und wir können uns nicht oft genug der Andacht und Meditation überlassen und,
statt äußeren Dingen nachzusinnen und nachzujagen, uns selbst auf den Grund
gehen, uns auf das Reich Gottes in uns besinnen und uns ihm aufschließen.

Dazu aber müssen wir zuvor ,aus Ägypten ausgefahren sein', also das Reich der
Finsternis verlassen haben, das Hängen am Äußeren, wenn uns das Brot, das vom
Himmel kommt, munden und bekommen soll, von dem es heißt: "Wer dies Brot
isset, der wird leben in Ewigkeit."

Dies Brot ward den von Gott Auserwählten nicht zuteil, solange sie noch von dem
Mehl zehrten, das sie aus Ägypten mitgebracht hatten, das heißt: solange ihnen
noch die äußeren Dinge Genuß bereiteten und sie an diese hingegeben waren. ..Erst
wenn der Mensch nicht mehr aus den Sinnen lebt, sondern aus dem Geiste zu leben
gelernt hat, wird ihm die göttliche Speise gereicht und der Hunger seiner Seele
wird gestillt.
Wohl denen darum, die auf den inneren Ruf achten, auch der zweiten Einladung
folgen und in den Genuß der göttlichen Nahrung kommen, damit sie nicht in den
Tod fallen, d. h. in die Liebe zu den geschaffenen Dingen zurückfallen und damit
ihres Adels, Erben des Reiches Gottes zu sein, verlustig gehen.

Denn so handeln viele der Gerufenen und Geladenen, deren Glaube klein und deren
Hingabe gering ist: wenn der Ruf ergeht, nahen ihnen Zweifel und Anfechtungen.
Sie denken: "Wozu mich ins Ungewisse wagen; es ist doch wohl besser, wenn ich
in der Welt bleibe und sie, die Kreaturen und Güter der Welt, die ich habe, genieße,
als wenn ich all das lasse."

So bleibt mancher an der Schwelle des Reiches Gottes stehen und kehrt wieder um,
weil er Gott nicht vertraut. Wer aber nicht an der Schwelle zurückblickt, sondern
eintritt, der folgt damit der dritten Einladung und tritt in das Reich des ewigen
Lebens ein.

Hieran möge nun jeder ermessen, wie nah oder fern er Christus ist. Er muß Ihm
innerlich folgen und Ihn in sich suchen, wo Er im Grunde wesentlich und wirklich
lebt. Er muß sich immer aufs neue in sich selber einsenken und in Stille und
Schweigen ohne alle Werke und Bilder die Einheit im Geiste wahren, auf daß, wie
Paulus hierzu weiter sagt, ein Leib und ein Geist sei, ein Vater und ein Gott in der
Überformung des geschaffenen Geistes durch den unerschaffenen Geist, nach der
nicht mehr zwei sind, sondern nur noch einer.

Von da an gilt es, "würdig in dieser Berufung zu wandeln", aus dem Geiste der
Einheit zu leben. Und das heißt: äußerlich die Eigenheit eines jeden zu achten,
innerlich aber auf die Einheit in Christo achtzuhaben.

Es bedeutet, daß der Mensch, der die obere Stufe erreicht hat, sich zuweilen in
dienstwilligen Liebeswerken übt, soweit es nottut und ihm zukommt, zu anderen
Zeiten sich dem heimlich entzieht und sich in Gebet und Versenkung ganz nach
innen wendet, und wieder zu anderen Zeiten keines von beiden tut, sondern dem
Rat des Heiligen Anselmus folgt: "Entziehe dich der Mannigfaltigkeit äußerer
Werke, entschlafe dem Bildermeer der Gedanken und sitze und ruhe und erhebe
dich selbst über dich selbst!"

Denn wenn der Mensch gänzlich zu friedevoller Stille geworden und alle Unruhe
verklungen ist, dann kommt Gott in einem sanften stillen Wehen und Wispern und
richtet seinen Blick in den Geist. Und wenn der Geist der Gegenwart Gottes inne
wird, geschieht es ihm zuerst wie Elias, der ob des strahlenden Lichts der göttlichen
Gegenwart sein Haupt verhüllte. Das heißt: der Mensch entgleitet sich selbst,
verliert seine Ichheit und entsinkt allen Dingen und Kreaturen in sein lauteres
Nichts.

Wenn Gott sieht, daß die Seele so gänzlich aus sich selbst herausgetreten ist in ihr
Nichtsein, dann umfängt er sie mit der Kraft seiner Liebe und richtet sie auf. Diese
Erhebung ist die Folge der Erniedrigung. Aus der Nichtheit entspringt als Frucht
der Einheit die Allheit.

Daß wir dieses göttlichen Rufes und unserer Berufung innewerden und das hohe
Ziel erreichen, dazu helfe uns Gott!

GOTTSUCHER SIND GOTT GESUCHTE

„Welches Weib ist, die zehn Groschen hat, von denen sie einen verlor, die nicht ein
Licht anzündet, das Haus umkehrt und mit Fleiß sucht, bis sie ihn findet." Luk. 15;
8

Dieses Gleichnis will - wie alle Gleichnisse - nicht äußerlich und wörtlich, sondern
innerlich und geistig verstanden werden:

Die Frau ist die Gottheit. Das Licht, das sie entzündet, ist das innere Licht im
Menschen. Der Groschen ist die Seele.

Drei Eigenschaften hat der Groschen: sein Gewicht, seine Materie, die aus Gold
oder Silber besteht, und seine Prägung, d. h. sein Bild.

Das Gewicht der Seele ist unwägbar: sie wiegt mehr als Himmel und Erde und
alles, was darin beschlossen ist. Denn Gott ist in ihr; darum wiegt sie soviel wie
Gott.

Ihre Materie ist das Gold der göttlichen Wesenheit, die in sie eingesenkt ist, die
sich mit der Überwesentlichkeit ihrer göttlichen Liebe in den Geist, sich selbst,
versenkt und ihn ganz mit sich verbunden, verschmolzen, vereint hat.

Um das zu erkennen und den verlorenen Schatz zu finden, mußt Du einen anderen
Weg gehen als jene, die der äußere Mensch geht, mögen es auch die edelsten Wege
geistiger Übung sein. Und welchen?

Die Frau "entzündete ein Licht und kehrte das Haus um." Was hier entzündet wird,
ist das Licht der ewigen Gottesweisheit. Und was sie entzündet, ist die Liebe.

Sie muß das Licht zur Entflammung und zum Brennen bringen.

Aber wie wenige wissen, was Liebe ist! Liebe ist nicht sinnliches Wohlgefühl und
Wollust des Besitzes, sondern Liebe ist jenes unstillbare brennende Verlangen nach
völliger Hingabe seiner selbst, nach willigem Lassen und gelassenem Gott-
Wirkens-Lassen: das ist es, wodurch das Licht entzündet wird.

Und nun kehrt sie das Haus gänzlich um und sucht den güldenen Groschen. Wie
geschieht dies Suchen? Es ist sowohl ein Tun wie ein Lassen.
Das tätige Suchen findet statt, wenn der Mensch sucht, im lassenden Suchen wird
er gesucht.

Das tätige Suchen ist wiederum zweifach: äußerlich und innerlich. Das äußere
Gottsuchen besteht in guten Werken und geistigen Übungen, in Gewöhnung an
Sanftmut, Stille, Gelassenheit und alle anderen Tugenden, die man durch Übung
mehren kann.

All das ist gut; aber hoch über dem steht das innere Suchen: es ist so hoch über
allem äußeren Suchen wie der Himmel über der Erde, und ihm ganz ungleich. Es
besteht darin, daß der Mensch in seinen eigenen Seelengrund eingeht, in sein
Allerinnerstes, und dort Gott sucht gemäß dem Worte Jesu Christi: "Das Reich
Gottes ist inwendig in euch."

Wer dieses innere Reim finden will - und das ist Gott mit all seinem Reichtum und
seinem selbsteigenen Wesen -, der muß es da Suchen, wo es ist, nämlich im
innersten Grunde seines Wesens, wo Gott der Seele weit näher und inwendiger ist,
als sie sich selber ist.

Dieser innerste Seelen- und Gottesgrund muß gesucht und gefunden werden. In
diese Wohnstatt Gottes muß der Mensch eingehen und entsinken und sich allem,
was sinnenhaft ist und seinem äußeren Menschen zugehört, allem, was an Bildern
und Formen mit den Sinnen erfaßt wird, ebenso entziehen wie allem, was Phantasie
und Vernunft innerlich an Bildern und Zielen gestalten.

Wenn der Mensch in diesen Grund gelangt und Gott da sucht, wird, das Haus
umgekehrt', und alsdann sucht nicht mehr er Gott, sondern Gott sucht ihn. So
geschieht es diesem Menschen: wenn er in diese Wohnstätte Gottes kommt und
hier, im Seelengrund sucht, kommt Gott und sucht den Menschen und kehrt das
Haus gänzlich um. ..

Nun will ich etwas aussprechen, was nicht jeder versteht, auch wenn ich deutsch
spreche. Einleuchten wird es nur dem, der schon vom inneren Licht berührt ward:

Das suchende Hineinsehen besteht nicht darin, daß man zuweilen hineingeht und
dann wieder herausgeht und sich wieder mit den Kreaturen und der Welt zu
schaffen macht. Sondern die rechte Einkehr und innere Umkehr, bei der aus dem
Gottsucher ein Gottgesuchter wird, besteht eben darin, daß, wenn der Mensch in
dieses Haus, in den inwendigen Grund kommt, ihm alles, was nicht Gott ist,
gänzlich genommen und sein Innerstes so völlig umgekehrt und umgewandelt wird,
wie er es noch nie erlebt hat, und zwar wieder und wieder. Alle Weisen und alle
Lichter, alles, was der Mensch je erfahren und erkannt hat, wird in diesem Suchen
gänzlich umgekehrt.

In dieser Umkehrung und Umwandlung wird der Mensch, wenn er sich ihr gänzlich
läßt, überläßt und hingibt, unaussprechlich viel weiter geführt als mit allen Werken,
Weisen und Übungen, die je erdacht wurden. Wer sich hier völlig läßt, dem wird so
licht und leicht, daß, wenn er will, er in jedem Augenblick einkehren und sich über
alle Natur hinausschwingen kann.

Diese Natur aber ist dem Menschen überaus anhänglich und will immer etwas,
daran sie haften und hängen und ihre Stütze haben kann. Sie bewirkt, daß die
meisten Menschen ungelassen sind, weil sie an ihrem Ich und an den Dingen
haften, weder das eine noch das andere lassen wollen, so daß es mancherlei Leiden
bedarf, damit sie lassen lernen. ..

...Die gelassenen Menschen hingegen entsinken und entwerden allem, woran die
Natur sich halten möchte, und dringen ohne Anhaften und Anhalten und ohne sich
auf irgend etwas zu stützen, in den Grund und halten sich dabei gänzlich gelassen
und leer, so daß Gott einziehen und die Wandlung vollziehen muß.

Wer in solcher Weise einkehrt und sich innerlich umkehren läßt, der überschreitet
damit alle Werke und Weisen der Welt. Dies meint Christi Wort: "Wer zu mir
kommen will, der verzichte auf sich selbst und wende sich ganz zu mir!"

So muß der Mensch sich lassen und sich allem Festhalten an dem entziehen, was
ihn am wahren Fortschritt und Aufstieg hindert.

Die Ungelassenen geraten indes in große Anfechtungen und Zweifel. Sie fühlen
sich verlassen, weil sie sich nicht zu lassen vermögen, meinen, es sei alles verloren,
geraten in wachsende Furcht und jammern: "Herr, ich bin allen Lichts und aller
Gaben beraubt." Das endet erst, wenn sie zum Lassen finden, nur noch Gott suchen
und sich von Gott suchen und finden lassen. .. Dann werden sie von Gott liebreich
über alle Dinge geführt.

Eingangs sagten wir vom Groschen, daß er sein Gewicht, seine Schwere haben
müsse. Das heißt: die Seele muß infolge ihrer Gott-Gewichtigkeit immer wieder
von selbst in den Grund fallen und entsinken, soweit sie da herausgefallen ist: in all
der Reinheit und Lauterkeit, wie sie aus dem Lichtgrund ausgeflossen ist.

Und schließlich muß der Groschen seine Prägung haben, sein Bild: die Seele muß
nicht nur nach dem Bilde Gottes gebildet sein, sondern sie muß geradezu dasselbe
Bild sein, das Gott selbst in seinem eigenen göttlichen Wesen ist.

Denn in diesem Bilde liebt Gott, sucht Gott, erkennt und hat Gott sich selbst. Gott
liebt und lebt und wirkt in ihm.

Hierin wird die Seele völlig gottebenbildlich, gottförmig, gottartig; sie ist all das
von Gnaden, was Gott von Natur ist: in dem Hineinsinken in Gott, in der
Vereinigung mit Gott wird sie über sich selbst hinaus in Gott zurück genommen.
Und so völlig eins und gottförmig ist sie da, daß, wenn sie da sich selbst erblicken
könnte, sie keinen Unterschied sähe zwischen Gott und sich. Oder wer sie so
erblickt, der sähe sie in der gleichen Farbe und Weise wie Gott und wäre selig in
diesem Schauen; denn Gott und die Seele sind in dieser Vereinigung völlig eins.

Selig jene, die in solcher Weise Gott suchen und sich von Gott finden lassen, daß
Gott sie in den Seelen- und Gottesgrund hinabzieht und sich1 ihnen in
unaussprechlicher Weise eint! Das geht über alles hinaus, was sich mit Worten
aussagen läßt.

Daß wir alle diesen Weg gehen, dazu helfe uns Gott!

DER MENSCH - EIN TEMPEL GOTTES

..Er ging in den Tempel und fing an, auszutreiben, die darin verkauften und
kauften. Und sprach: Mein Haus ist ein Bethaus." Luk. 19; 45 f.

Mit seinem Wort „Mein Haus ist ein Bethaus" lehrte Christus die Seinen, die
Kinder Gottes, was sie zu tun haben, damit ihr innerer Mensch eine Stätte der
Hingabe an Gott sei; denn der Mensch ist seinem Wesen nach ein Tempel Gottes.

Damit unser innerster Seelengrund eine würdige Heimstatt Gottes sei, müssen
zuerst die Händler und Käufer hinausgetrieben werden, nämlich der Ungeist der
Eigensucht und des Habenwollens, des Trachtens und Gierens nach äußeren
Gütern, und alles, was dem Eigenwillen des Ich dient. Dann, wenn alles, was nicht
Gottes ist, was Gott ungemäß und ungleich ist, hinausgetrieben ist, wird die Seele
wieder das, was sie ihrem Wesen nach ist: ein Tempel Gottes, in dem Gott in
Wahrheit wohnt.

Wer sind jene, die im Tempel verkaufen und kaufen? Es sind die, die ihre Liebe
und Befriedigung in den Kreaturen und Dingen finden, jene, die, ehe sie einmal an
Gott denken, vierzigmal von äußeren Dingen träumen und so ihren inneren
Menschen ganz nach außen ziehen und den Tempel Gottes entweihen.

Denn daran ist kein Zweifel: Wer will, daß Gott in ihm wohne und wirke, der muß
alle Hindernisse, alles, was nicht seine Ursache in Gott hat oder zu Gott hinführt,
aus sich entlassen. Er muß sich darin üben, immer wieder von den Dingen weg und
auf Gott hin zu blicken, bis ihm Gott lieber ist als alle Dinge... Dann erst ist der
Tempel gereinigt, wenn alle Kreaturen und alle Befriedigung durch sie ausgemerzt
sind derart, daß wir sie weder willentlich noch aus Neigung in uns aufnehmen und
behalten.

Alsdann sind wir wahre Kinder Gottes, also solche, die Gott wesentlich und
gegenwärtig und wirkend in sich wissen - in ihrem innersten Seelengrund.
Die dessen ungewiß sind, die haben nur einen gedachten und gemachten Gott.
Ihnen entgeht die lebendige Gegenwart Gottes in ihnen. Sie hängen mehr an den
Dingen als an Gott.

Die wahren Kinder Gottes lassen die äußeren Dinge hinfließen, ohne sich tiefer mit
ihnen einzulassen, als ihre Notdurft erfordert, während sie das, dessen sie nicht
bedürfen, lassen, ohne sich damit aufzuhalten. Sie suchen in allem nach Gott und
dringen durch alle Schickungen, seien es gute oder böse, zu Gott. Sie sorgen sich
nicht um das, was sie aufhält, widerstehen ihm nicht, sondern blicken bei alledem
auf Gott, suchen ihn allein und bleiben in aller Mannigfaltigkeit ihres Einsseins mit
dem lebendigen Gott in ihnen gewiß.

Wer sich solchermaßen als Tempel Gottes fühlt und der Gegenwart Gottes in ihm
gewiß ist, der wird nicht durch die Dinge und Weisen der äußeren Welt verwirrt
und zerstreut, was auch immer geschehen mag, sondern er weiß sich Gott im
Gemüt ganz nahe und bleibt seiner inneren Gegenwart bewußt. So kann ihn nichts
Äußeres entfrieden.

Wo aber ein Mensch von äußeren Dingen und Geschicken entfriedet wird, zeigt
das, daß er seiner Gotteskindschaft und der Gegenwart Gottes im Grunde seiner
Seele noch unbewußt ist und daß sein Denken, Streben und Handeln mehr nach
außen, mehr auf die Dinge, ihren Besitz und Genuß gerichtet ist als auf Gott...

...Wenn der Mensch dessen gewahr wird, soll er sich wieder und wieder nach innen
wenden, bis sein Gemüt uneingeschränkt auf Gott gerichtet ist und in allem ihn will
und meint, nicht die Dinge, sondern ihn sucht und, was er tut, Gott zuliebe wirkt -
nicht nach seinem Willen, sondern nach Gottes Willen.

Denn solange der Mensch lebt und wirkt, ohne Gott in sich zu wissen, lebt und geht
er unsicher und alles bleibt ungewiß. Von ihm gilt das Wort der Schrift: "Wehe
dem, der allein ist; fällt er, so hilft ihm niemand auf." Wenn aber Gott in seiner
Seele wohnt, kann ihm nichts und niemand etwas anhaben; er weiß sich jederzeit
und allerorten gesichert und geborgen.

Wenn es so mit uns steht, müssen die Krämer, wenn sie mit ihrem Kram
hereinkommen, sogleich wieder hinaus, weil kein Verlangen nach ihnen da ist. Und
wenn sie versuchen, sich eine Weile ohne unseren Willen und ohne unsere
Zustimmung im Tempel niederzulassen, können sie uns nicht schaden, sondern
müssen zur selben Tür hinaus, durch die sie eindrangen. Und wenn sie noch etwas
ihnen Gemäßes, das nicht göttlich war, in uns fanden, müssen sie das mit sich
nehmen, so daß der Tempel unserer Seele bei ihrem Gehen reiner ist denn zuvor.

So müssen den guten Menschen, den Kindern Gottes, alle Dinge zum Besten
dienen.
"Mein Haus ist ein Bethaus." - Gebet heißt Andacht, heißt Hingabe. Es heißt sich
innerlich mit Gott verbinden und ganz dem Ewigen zugeneigt und hingegeben sein.
Wenn Du Dich solchermaßen in schweigender Hingabe Gott verbindest, hast Du
Andacht, wo Du auch weilst und was Du auch wirkst.

Es ist nicht nötig, daß Du ständig vor Seligkeit vergehst. Das ist nur etwas
Hinzukommendes, nur unwesentliches Beiwerk, während das Wesentliche im
Lassen liegt, im Sich-Überlassen und Hingeben an Gott, in der Verbindung und
Einswerdung, mit der wir das Reich Gottes betreten, das in uns ist.

Nun schreibt Hilarius von drei Weisen und Wegen, die unmittelbar in das Reich
Gottes hineinführen und uns in einen lebendigen Tempel Gottes verwandeln. Es
sind Glaube, Gotterkenntnis und Gebet.

Was ist Glaube? Ist jeder Christ schon an sich ein Glaubender? Nein. Wie es auf
einem Friedhof viele Tote gibt, so sind - auch in der Christenheit viele, die lebendig
scheinen, in Wahrheit aber tot sind. Denn lebendiger Glaube ist ein
immerwährendes Hingewendet- und Hingeneigtsein zu Gott und zu allem, was
göttlich ist. Einerlei, was der Mensch von göttlichen Dingen hört - immer ist es der
lebendige Glaube in ihm, der ihm besser ausweist, was Gott ist, und ihm höhere
Gewißheit verleiht, als alle Meister ihm vermitteln können. Denn der Glaube
wurzelt im inneren Reiche Gottes, in dem das Leben aus seinem eigenen Grunde
hervorquillt.

Jene aber, die diesen lebendigen Glauben nicht haben, sind innerlich lau und dürr,
kalt und tot, weil unaufgeschlossen für alles, was von Gott kommt und zu Gott
hinführt. Sie haben weder Weg noch Weise, in sich selbst zu kommen; sie wohnen
nicht in sich, sondern in den äußeren Dingen, und sind sich selber fremd. ..

Die wahrhaft Glaubenden hingegen wohnen und ruhen in sich, wurzeln im inneren
Leben, und was ihnen äußerlich Göttliches begegnet, das erweckt sogleich ihr
inneres Leben und macht offenbar, daß sie im Reiche Gottes in ihnen leben, das
denen, die im Äußeren aufgehen, verborgen bleibt.

Das zweite ist Gotterkenntnis: die findet man eben hier, braucht sie also nicht
draußen in allen Fernen zu suchen; denn sie offenbart sich im Innern. Hier strahlt
das göttliche Licht, hier tritt man durch das rechte Tor ins Reich Gottes.

Von solchen Menschen, die wissen, daß sie Gottes Tempel sind, kann man mit
vollem Recht sagen: "Das Reich Gottes ist in euch!" Sie finden die Wahrheit, die
nur von denen erkannt wird, die in ihrem Innersten daheim sind. Sie finden in sich,
was über alles Denken und Verstehen hinausreimt: das Licht im Licht.

Sie brauchen keine äußeren Bücher mehr, sondern lesen im lebendigen Buch von
den wunderbaren Werken Gottes und dringen vor bis zur Erkenntnis der
Dreieinigkeit Gottes: wie der Vater den Sohn ewig gebiert, wie das Wort ewig im
väterlichen Herzen zugegen ist, wie der heilige Geist von beiden ausfließt und wie
die göttliche Dreifaltigkeit sich in die Gott zugewandten Menschen ergießt und in
ihnen widerspiegelt, und wie sie sich in die Gottheit zurückergießt in namenloser

Seligkeit.

Hierin liegt, wie das göttliche Wort sagt, " das ewige Leben, daß der Mensch in
sich den Vater erkennt und Christus, den Sohn, den er gesandt hat," Das ist das
wahre Leben im Tempel der Seele; hier ist Christus in seiner eigenen Wohnstatt;
hier ist das Reich Gottes gefunden - die lebendige Gegenwart Gottes, die alles Leid
und alle Leiden löst.

Wer das empfunden hat, der weiß es. Und wer dies in seinem Leben am innigsten
empfindet, der ist im ewigen Leben, im Reiche Gottes, Gott am nächsten.

Das dritte ist das Gebet. Es ist zunächst Einwärtswendung, Hinneigung des Beters
zu Gott und Eingang des Gemüts in Gott. In einem höheren Sinne ist es eine
vereinende Einkehr des geschaffenen Geistes in den ungeschaffenen Geist Gottes,
wenn der erstere sich läßt und sich von der Ewigkeit Gottes bewegen und in die
Abgeschiedenheit der Ungeschaffenheit ziehen läßt.

Das tun jene, die Gott mit Christus im Geiste und in der Wahrheit anbeten. In
solchem Gebet wird verloren und gefunden. Verloren wird der Tempel und der
Geist und alles, was nicht Gott ist; es ist in Gott eingeflossen und entworden. Und
ist ein Geist mit Gott geworden, wie Paulus sagt: "Wer Gott anhängt, der wird ein
Geist mit Gott." - Und gefunden wird die Einheit. Wie das geschieht, läßt sich mit
Worten nicht beschreiben, sondern nur erfahren. Denn was darüber ausgesagt
werden kann, ist der Wirklichkeit so fern und so gering wie ein Sandkorn
gegenüber dem Himmel.

Daß wir es selbst erfahren und erlangen, dazu helfe uns Gott!

VOM RECHTEN BETEN

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird
euch aufgetan." Luk.11;9

Das Evangelium lehrt uns, wie wir beten sollen, und es unterscheidet dabei das
Bitten, das Suchen und das Anklopfen:

Das Bitten bedeutet, daß wir mit einem gänzlich Gott zugewandten Gemüt etwas
von ihm erheischen.

Das Suchen bedeutet, daß unsere Aufmerksamkeit auf etwas Besonderes gerichtet
ist, das wir vor allen anderen Dingen erlangen möchten.
Und das Anklopfen bedeutet, daß wir ausharren und nicht nachlassen, bis wir das
Ersehnte empfangen haben.

In dem Kapitel des Lukas-Evangeliums wird von einem Manne berichtet - dem
Gemüt des Menschen -, der um Mitternacht zu seinem Freunde - das ist Gott -geht,
anklopft und um Brot bittet - das Brot der Liebe und des Lebens -. Der Freund
entschuldigt sich, es sei Nacht, die Türe verschlossen, und er könne nicht
aufstehen. Aber jener klopft so lange an, bis der Freund sich erhebt und ihm alles
gibt, dessen er bedarf.

Was dieses Gleichnis uns lehren will, ist, daß die göttlichen Gaben nicht den
Müßiggehenden und an die Welt Hingegebenen zuteil werden, sondern nur den
nach innen Gewandten und in der Hinwendung zu Gott Beharrenden.

Es belehrt uns auch darüber, um was und wie wir beten sollen.

Wenn der Mensch sich dem Gebet hingeben will, muß er zuerst sein Gemüt von
jeglicher Weltzugewandtheit und Zerstreuung durch äußere Dinge, Wesen und
Wünsche, bei denen es weilte, zurückholen, sich alsdann ganz in den Grund
einsenken, um die Gaben Gottes bitten, das Brot der Liebe und des Lebens im
Auge haben und an das väterliche Herz klopfen. Denn wenn er auch alle Speise und
alle Güter der Welt hätte ohne das Brot der Liebe - sie wären ihm nutzlos.

Und dann soll der Mensch bitten, daß Gott ihm gebe und ihm helfe, um das zu
bitten, was ihm, Gott, am meisten gefällt und was dem Menschen am dienlichsten
ist. Und was alsdann zu ihm kommt, das soll er als von Gott gegeben dankbar
entgegennehmen.

Und schließlich gilt es zu beachten, wie man Gott bittend angeht. Die meisten
können nicht innerlich, im Geiste, beten, sondern tun es mit Worten. Nun, dann
sollen sie es wenigstens mit so viel Liebe und Hingabe tun, wie sie nur immer
aufzubringen vermögen, ihr Herz aufschließen und Gott bitten, daß er ihnen sich
selbst durch Christus gebe. Und wenn sie dabei eine Weise finden, die ihnen am
besten hilft, sich Gott ganz zu lassen, und wenn Gott sich ihnen mitteilt, sollen sie
bei dieser Weise bleiben. Denn darin besteht das Suchen, daß man den Willen
Gottes, der immer der beste für den Menschen ist, zu erkennen suche und
beharrlich anklopfe; denn wer ausharrt, dem wird aufgetan.

Denn weit mehr, als ein liebender Vater seinen Kindern gibt, worum sie bitten, gibt
Gott denen, die ihn bitten, die allerbesten Gaben.

Nun mag einer einwenden und fragen: Wenn Gott so milde und gütig ist und über
alle Maßen gibt und vergibt, wie kommt es dann, daß so mancher Mensch sein
Leben lang bittet und doch das lebendige Brot nicht empfängt?
Darauf habe ich zu antworten, daß dies nicht an Gott liegt, sondern an den
Menschen: ihr Herz und ihr Seelengrund, ihre Liebe und ihre Gesinnung ist nicht
auf Gott gerichtet und gesammelt und für Gottes Wesen und Gaben empfänglich,
sondern mit fremder Liebe behaftet, sei es zu Lebenden oder Toten, zum eigenen
Ich und zu dem, was es hat oder besitzen möchte ...

Dieses Begehren hat den Seelengrund so ausgefüllt, daß die göttliche Liebe nicht
hineinkann.

Achten wir also darauf, womit wir umgehen, was uns bewegt, worauf unser
Denken und unsere Liebe gerichtet ist. Denn wenn die Liebe Gottes uns erfüllen
und segnen soll, muß die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, notwendig hinaus.

Das meint das Wort des Augustinus: "Gieß aus, damit du voll werdest!" Aber diese
Menschen wollen nicht ausgießen und lassen; sie kommen mit einem
weltzugewandten und welterfüllten Herzen, mit einem von tausend Dingen
angefüllten Seelengrund; und dann kann ihnen das göttliche Brot nicht gegeben
werden.

Das ist nicht Gottes Schuld, sondern ihre eigene. Sie finden Steine statt Brot, weil
sie ein steinern Herz haben, hart und kalt, in dem die Glut der Andacht, Liebe und
Hingabe erloschen ist. Sie lesen wohl eifrig und beten, aber sie empfinden nichts
dabei; ihr Sinnen ist nicht darauf gerichtet, es dürstet sie nicht danach wie den
Verschmachtenden in der Wüste nach Wasser; und darum quillt nichts hervor...

Und wenn sie meinen, genug gebetet zu haben, gehen sie schlafen und beginnen am
anderen Morgen von neuem damit, ihre Gebete herzusagen, und meinen, damit
genug getan zu haben. Dabei ist ihr Gemüt so hart wie ein Mühlstein, daß man sie
weder biegen noch brechen kann.

Vor solchem erstarrten und versteinerten Seelengrund hüte Dich! Und mühe Dich
auch nicht damit ab, so beschaffene Menschen zu ändern. Sie würden Dich nur
steinigen. Hüte Dich aber auch, daß Du sie nicht wieder steinigst und hart über sie
urteilst; sondern tue den Mund zu und Dein Herz für Gott auf. Richte Dich selbst
und niemanden sonst. Sei sanft und gütig gegen die, die wider Dich sind. Schweige
und nimm alles, was Dich trifft, als von Gott kommend und trage es gelassen ihm
wieder zu in den Grund. Und verlasse Dich nicht auf Deine guten Werke, sondern
lasse Dich und laß Gott wirken!

Woher also kommt es, daß Gott so vielen unter uns fremd und seine Gegenwart
ihnen unbewußt ist?

Es liegt daran, daß ihr Gemüt so voll ist der Bilder der Kreaturen und Dinge, daß
für Gott kein Platz ist. Es liegt daran, daß sie nicht zur Andacht, zur Kontemplation
und Hingabe bereit sind. Würden sie ihr Gemüt von den Bildern der Kreaturen und
Dinge frei machen, sich lassen und sich Gott überlassen, so hätten sie Gott ohne
Unterlaß. Denn er muß ihren Seelengrund, wenn er ihn leer findet, völlig erfüllen.
Solange aber andere Bilder und Strebungen den Seelengrund erfüllen, ist er leer
von Gott.

Dies wird in einem späteren Kapitel des gleichen Evangeliums (18; 10)
verdeutlicht:

Dort wird berichtet, wie zwei Menschen in den Tempel hineingingen, um zu beten:
ein Pharisäer und ein Zöllner.

Der Tempel, von dem hier die Rede ist, ist der inwendige Grund der Seele, in dem
Gott wohnt und wirkt, weshalb niemand sagen kann, wie edel und würdig dieser
Tempel in Wahrheit ist. Dorthin sollen wir uns wenden, um zu beten; und zwar
müssen es immer zwei sein, die hineingehen, d. h. über alle Dinge und über sich
selbst hinaus und in ihr Selbst hinein: nämlich der äußere Mensch und der innere
Mensch, wenn das Gebet recht beschaffen sein soll.

Denn was der äußere Mensch ohne den Inneren betet, taugt wenig oder nichts. Der
äußere Mensch gleicht dem Pharisäer: er bläht sich auf und zählt auf, was er alles
an Guten getan hat. Der innere Mensch aber gleicht dem Zöllner: er blickt in sein
Nichts und stellt sich völlig Gott anheim, daß er ihn erfülle; denn wohin Gott mit
seiner Barmherzigkeit und Liebe kommt, dahin kommt er mit seinem ganzen Sein
und mit sich selbst.

Das ist gemeint mit dem Wort des Zöllners, der sich abseits hielt - in der
Abgeschiedenheit -, daß Gott ihm in seiner Schwachheit und Nichtheit gnädig sei:
in der völligen Hingabe seiner selbst ward er gerechtfertigt und selig.

Nicht die großen Werke entscheiden und nicht das Gebet des äußeren Menschen,
sondern die willige Hingabe des inneren, der alle Dinge und sich selbst läßt, um
ganz in Gott zu entwerden und mit ihm eins zu sein.

Damit der Mensch auf den Gipfel der Vollkommenheit gelange, ist ihm nichts so
nötig wie das Lassen und Entsinken in den allertiefsten Grund bis zu den Wurzeln
der Hingabe. Denn wie des Baumes Höhe von der Tiefe seiner Wurzeln abhängt, so
erfließt alle Erhöhung des Menschen in Gott aus der Tiefe seines Entsinkens in den
Grund.

Achte darum darauf, daß Dein Seelengrund mit nichts erfüllt ist als allein mit dem
Verlangen nach Gott und seinen Gaben. Wenn Du alsdann bittest und suchst und
beharrlich anklopfest, wird Dir gegeben, dessen Du bedarfst. Du wirst die
Erkenntnis finden, die Dich erleuchtet, die Wahrheit, die Dich frei macht, und die
Tür wird Dir aufgetan, daß Du eintretest, in die göttliche Liebe entsinkst und mit
ihr eins werdest.
Daß wir alle solchermaßen bitten und suchen, anklopfen und empfangen lernen,
erkennen und eingelassen werden, dazu helfe uns Gott!

DER WEG NACH INNEN

„Folge mir nach" - Und er verließ alles und folgte ihm nach." Luk. 5; 27 f.

Der Herr sprach zu Matthäus: "Folge mir nach!" Und dieser ließ alle Dinge und
folgte dem Ruf. Der Heilige war zuerst ein Sünder und ward hernach einer der
größten Gottesfreunde; denn als Christus ihn inwendig ansprach, ließ er alle
äußeren Dinge und folgte ihm.

Hierin liegt alles: um Gott in Wahrheit zu folgen, ist völliges Lassen all der Dinge
nötig, die nicht Gott sind, es sei, was es sei: was immer der Mensch um sich, an
sich und in sich findet, Lebendes oder Totes, das Ich oder etwas vom Seinen.

Denn Gott will unser Herz, und es ist ihm nicht zu tun um das, was wir äußerlich
wirken, sondern um die Hingabe unseres Herzens, um unser Bereitsein zu allem,
was göttlich ist. Das ist mehr als alles Beten und üben und was man sonst noch
äußerlich tun kann.

Dies meinte Christi Ruf: "Folge mir nach!" Diese Nachfolge geschieht zumeist mit
Hinwendung der Gedanken und mit Danken und Loben, bisweilen aber auch auf
einem höheren Wege der Nachfolge: nämlich ohne all dies, weder mit Gedanken
noch irgendeinem anderen Tun, sondern nur mit einem inwendigen gelassenen
stillen Schweigen in dem nach innen gewandten Gemüt, das willig wartet und
lauscht, was Gott in ihm wirken will.

Es gibt manch, denen bei ihren äußeren Übungen recht wohl ist: das fällt ihnen
alles leicht - Beten, Fasten, Wachen und geistige Übungen, daran haben sie so
große Lust, daß Gott um so weniger daran hat. Diese Lust kann so groß sein, daß
Gott sich gänzlich abwendet, weil diese Menschen ihre Werke aus sich tun und sich
dabei groß fühlen, während ihr Ich doch nichts ist und Gott alles.

Wenn man fragt, wodurch man die Lust von dem, was gut ist, scheidet, so antworte
ich: durch Hingabe, d. h. dadurch, daß man alle Lust, die man an guten Werken und
Übungen hat, in das Feuer der Liebe wirft und Gott darbietet, dem alles gehört.

Die Annehmlichkeit aber, die von Natur den Werken anhaftet, sofern sie gute
Werke sind, die mag der gelassene Mensch wohl haben.

Bei rechtern Hinsehen sind es vier Hindernisse, die es auf dem Wege nach innen zu
erkennen und zu überwinden gilt:

Das erste Hindernis besteht darin, daß man mehr dem äußeren Leben zugewendet
ist und zuneigt als dem inneren, sich mehr auf das äußere Wissen verlässt, als auf
die Weisungen von innen, also nicht mit seiner ganzen Liebe Gott zugewendet ist,
sondern nur mit einem Teil seines Wesens, und darum Gottes lebendige Gegenwart
und seinen Willen nicht spürt.

Das zweite Hindernis besteht in teils äußeren, teils inneren Erleuchtungen in


Formen, Gesprächen und Ge sichten nach fremden Weisen, denen man nachläuft,
statt sich nach sich selbst zu richten und unbeirrt von diesen Lockungen und
Ablenkungen allein Gott im Auge zu haben.

Das dritte Hindernis besteht im Hin- und Herflattern in übersinnlichen Erlebnissen


und Wahrheiten, die man sich auf dem Wege nach innen als Verdienst anrechnet,
mit dem Licht des Verstandes betrachtet und lustvoll genießt; denn die Folge ist
Selbsttäuschung und Selbstüberhebung und zunehmendes Abirren vom Wege nach
innen, der ausschließlich Gott zum Ziel und Gegenstand hat.

Das vierte Hindernis besteht im Mißverstehen der Forderung der Abgeschiedenheit


und des Lassens, nämlich in einer inneren blinden Untätigkeit ohne tätige Liebe,
wobei man körperlich in Ruhe dasitzt und in falscher Hinneigung zu sich selbst
einschläft oder in sich einsinkt in der Meinung, dieses Untätigsein sei der Friede
Gottes, während es nur Lässigkeit und Trägheit ist.

Wer diese vier Hindernisse vermeiden und nur Gott im Sinne haben will, der übe
sich mit aller Hingabe außen wie innen ohne Eigenwollen in der Einfügung in den
Willen Gottes in ihm.

Dabei mag er die Weisen und Hilfen, die ihn innerlich wie äußerlich am meisten zu
göttlicher Liebe und zum Guttun reizen, üben, bis sie von selbst wegfallen. ..

...Und würde ihm dabei auch etwas Höheres zu erkennen gegeben, soll er doch vor
seinem vierzigsten Lebensjahr allzu großem Frieden und Reichtum äußerlich wie
innerlich und zu großer Abgeschiedenheit nicht zu sehr vertrauen; denn dazu ist er
noch zu sehr der Natur verhaftet. Er soll sich statt dessen der tätigen Liebe
zuwenden, innerlich und äußerlich, und zugleich seine Bedürfnisse ständig
verringern. Gregorius sagt, daß die Priester im Alten Bunde erst mit fünfzig Jahren
Hüter des Tempels wurden. ..

...Aber in welchem Alter auch immer der Mensch, als Frucht ständiger
Einwärtswendung und schweigenden Weiterschreitens auf dem Wege nach innen,
sich in den inneren Frieden und die liebende Hingabe an Gott einsenkt, in jedem
Falle wird ihm im Einswerden der Reichtum der göttlichen Gaben zuteil.

Aber alle diese Gaben sollen ihm immer nur Mittel sein, noch inniger und
innerlicher Gottes Wohnung und Werkzeug zu werden und zu bleiben. Das meint
Dionysius: „Laßt alle sinnlichen und übersinnlichen Werke und alles
Erkennenwollen und überlaßt euch völlig dem Einssein mit Gott, das über alles
Verstehen hinausgeht."
Erst wenn der Mensch alle Dinge und sich selbst in allen Dingen gelassen hat, kann
er Gott folgen - mit dem äußeren Menschen in allen Übungen und Tugenden und in
gleicher Liebe zu allen Wesen, und mit dem inneren Menschen im Lassen seiner
selbst und aller Dinge, als ob er sie nie erhalten hätte.

Das werde recht verstanden: Auf dem Wege nach innen sind etliche Dinge zu tun
und etliche zu lassen. Man soll die Dinge weder haben noch an ihnen haften mit
dem Gefühl, sie zu besitzen. Nun ist aber aller Menschen Natur geneigt, zu haben,
zu wissen und zu wollen. Da helfen nun sechs Kräfte, von denen drei zu den
unteren gehören: Demut, Sanftmut und Geduld, und drei zu den oberen: Glaube,
Zuversicht und Liebe.

Nun geht der Glaube hin und entzieht der Vernunft all ihr Wissen und macht sie
blind, damit sie dem Wissen entsage. Dann kommt die Zuversicht und nimmt die
Sicherheit und das Haben. Und endlich kommt die Liebe und beraubt den Willen
alles Selbstgefundenen und alles Besitzes.

Danach kommen die drei unteren Kräfte: die Demut läßt das Ich so völlig in den
Seelengrund entsinken, daß es seinen Namen verliert und in seiner Nichtheit nichts
mehr von Demut weiß. Die Sanftmut hat die Liebe allen Eigenwillens beraubt, so
daß ihr alle Dinge gleich sind und sie sich nicht mehr bewußt ist, Tugend zu haben.
Sie ist mit allen in Frieden. Die Tugend hat hier ihren Namen verloren und ist
Wesen geworden. Und ebenso ist es mit der Geduld: der Mensch liebt und läßt in
Gelassenheit und ist sich seiner Geduld nicht mehr bewußt.

In dieser Gelassenheit mag es ihm dennoch geschehen, daß er einmal ungelassen


wird und ihm ein harsches Wort entfährt.

Darüber soll er nicht erschrecken, sondern soll noch tiefer in sein Nichts entsinken.
Jede erkannte Schwäche soll ihn in sein Nichts weisen und ihm Anlaß sein, den
Weg nach innen noch beharrlicher bis in den tiefsten Grund hinab zu gehen -
dorthin, wo der Pfad immer steiler und finsterer wird.

Das meint Christi Wort: "Folge mir nach, gehe unberührt durch alle Dinge, denn
alles das bin ich nicht. Gehe vorwärts, folge mir, gehe vorwärts!" Und wenn der
Mensch fragen würde: "Herr, wer bist Du, daß ich Dir so in die Tiefe und
Einsamkeit folgen soll?", so würde er antworten: "Ich bin Mensch und Gott."

Könnte ihm nun das, was im Menschen noch ,Mensch' ist, hierauf in seinem
tiefsten Grunde antworten: "So bin ich nichts und weniger als nichts", dann könnte
der Durchbruch geschehen. Denn die namenlose Gottheit hat ihre ureigene
Wirkungsstätte nur im Grunde des Nichtseins, wo das Ich entwird.

Darauf zielt das Wort der Meister: Wenn eine neue Form werden soll, muß die alte
zerbrechen.
Neues Leben entsteht nur aus dem Tode des alten. Soll der innere Mensch
überformt werden mit dem überwesentlichen Wesen Gottes, so muß der äußere
Mensch mit allem, was er ist und weiß, will und wirkt, notwendig entwerden. Alle
Zweiheit, aller Gegensatz zwischen Objekt und Subjekt, alles Außenwesen muß
verschwinden. Als Paulus nichts sah, da schaute er Gott.

Wenn alles Äußere, alles Gewordene entworden ist, dann - mit einem Blick - wird
der Mensch verwandelt. In dieser Weise mußt Du einwärts und vorwärts gehen.
Darum spricht Gott: "Du sollst mich Vater nennen und nicht aufhören,
hineinzugehen" - immer vorwärts, hinein und aufwärts auf dem steilen Pfad! Je
höher, desto tiefer entsinkst Du in den unermeßlichen Abgrund Gottes und verlierst
über alle Weisen, Bilder und Formen hinaus Dich selbst und entbildest Dich hier
völlig.

Alsdann bleibt in dieser Ungewordenheit nichts als der Gottesgrund, der in sich
selber ruht - ein Wesen, ein Leben, ein Allsein. Von diesem Zustand kann man
wohl sagen, man werde erkenntnislos und ichlos, liebelos und werklos - nicht aus
sich selbst, sondern durch die Wandlung, die der Geist Gottes im geschaffenen
Geiste wegen seiner Gelassenheit vollzieht. In ihm erkennt und liebt Gott sich
selbst.

Der Weg nach innen, der zu diesem Ziele führt, geht über Christus: Er ist das Tor,
durch das man schreiten muß, um die Schranken der Natur zu durchbrechen. Er ist
der Weg, den man gehen soll, die Wahrheit, die auf diesem Wege leuchten soll, und
das Leben, zu dem man gelangen soll.

Wer diesen Weg geht, der gelangt zur höchsten Freiheit.

Paulus sagt von solchen Menschen: "Die vom Geiste Gottes getrieben oder geführt
werden, die sind unter keinem Gesetz." Das kann man nicht sagen von denen, die
die Welt lieben. Die aber diesen Weg gehen, die sind mit ihrem obersten Teile,
ihrem inneren Menschen, über der Zeit, in ihrem unteren Teil, ihrem äußeren
Menschen, frei und gelassen:

Wie auch immer die Dinge kommen, sie leben aus dem Geiste und stehen in einem
gelassenen Frieden. Sie nehmen alle Dinge von Gott, tragen sie lauter wieder zu
ihm empor und bleiben in Frieden, wie auch immer Gott die Dinge fügt und wie
sehr der äußere Mensch davon betroffen sein mag. Diese Menschen sind selig zu
nennen. Aber sie sind dünn gesät.

Daß wir alle den Weg nach innen gehen und ihnen gleich werden, dazu helfe uns
Gott!

HILFEN AUF DEM INNEREN WEG


"Habe deine Freude am Herrn; und er wird dir geben, was Dein Herz begehrt.
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird's wohl machen, und wird
deine Gerechtigkeit hervorbringen wie ein Licht." Ps. 37; 4 f.

Vom Wege nach innen und der rechten Hinwendung zu Gott handeln die Worte im
Psalter, die uns sagen, was wir tun sollen, um zum göttlichen Leben zu kommen.

Drei Dinge sind dazu dienlich: Fasten, Wachen und Schweigen.

Was heißt Fasten? Es heißt - äußerlich -, daß wir uns in der Nahrungsaufnahme
beschränken, morgens nur das Notwendige essen und abends nur wenig: das ist das
Beste zur Meisterung der Natur und zur Entfaltung des Geistes.

Man gehe zeitig schlafen, um so früh wie möglich wach und bereit zu sein, sich
zuerst und vor allem Gott zuzuwenden und sich ihm - im Sinne der Worte des
Propheten - offen zu halten.

Und tagsüber achte man darauf, daß man in allen Dingen und bei allen Aufgaben,
wie sie auch kommen, stets in Frieden bleibt und sein Herz und seinen Seelengrund

für Gott bereitet hält.

Wenn man sich müde fühlt, setze oder lege man sich hin, entspanne sich, wende
den Geist nach innen und öffne sein Gemüt Gott, suche Frieden in Gott, befehle
ihm seine Wege, lasse sich ihm und verlasse sich gänzlich auf ihn; dann wird alles
wohl gehen.

Um unsere Wege, unsere Vorhaben und Sorgen Gott anheim zu geben, müssen wir
uns selbst klar werden, welches eigentlich unsere Wege sind. Wir werden dabei
einsehen, wie unzulänglich und mangelhaft alles ist, was aus dem Ich kommt, und
wie ungewiß und unbestimmt die Ziele des Ich sind. Alles das gilt es Gott anheim
zu geben und zu vertrauen, daß er alles besser machen und zum Besten wenden
wird.

Dabei können wir Gott nie genug vertrauen. Wenn zwei Menschen Gott um etwas
bitten - der eine um etwas Großes, das dem Ich unmöglich scheint, aber mit
uneingeschränktem Vertrauen; der andere um etwas Kleines und Wertloses, aber
mit geringerem Vertrauen -, so wird der, der um das Unmögliche bat, wegen seines
völligen Vertrauens eher und vollkommener erhört als der andere, der nur um
wenig bat.

Dem Gläubigen, sagt Christus, sind alle Dinge möglich. Glaube, d. h. hoffe und
vertraue auf Gott -und er wird's wohl machen! Wie niemand Gott genug lieben
kann, so kann ihm auch niemand zu viel vertrauen.

Statt anderen Leuten Dein Leid zu klagen, übergib und überlasse es gänzlich Gott -
und er wird Dir aus Liebe das für Dich Beste zufügen, und zwar
hunderttausendmallieber, als Du es entgegennimmst. Willst Du von Deinen Sünden
und Schwächen frei sein, dann übergib und überlasse sie und Dich selbst Gott,
vertraue auf seine Hilfe und wende Dich - in diesem Vertrauen - dem rechten
Handeln zu. Dadurch werden die Tugenden gewonnen und die Untugenden
schwinden.

Doch geschehe all dies ohne Eigensucht! Wenn Gott einen nach innen zieht, soll
man ihm sofort folgen. Zieht Gott einen noch tiefer ins Allerinnerste, so soll man
nicht mit den Sinnen forschen und ergrübeln wollen, was da geschieht und wie,
sondern man soll seine Wege Gott befehlen und überlassen, sich auf ihn verlassen
und ihn wirken lassen.

Das ist der tiefere, innere Sinn des Fastens. Es bedeutet, daß Du nicht über den
Grund der Welt und des Daseins und die Beschaffenheit der höheren Welten
grübelst, sondern wachen Geistes Dir selber auf den Grund gehst und lernst, Dich
selbst zu erkennen.

Es bedeutet, daß Du nicht nach den Geheimnissen Gottes fragst, nach dem Anfang
und Ende allen Werdens, nach dem Etwas im Nichts, nach dem Wesen des
Gottfunkens im Seelengrund und nach tausend anderen Dingen, sondern daß Du
Dich mit Deinem ganzen Denken und Fühlen, Wollen und Glauben nach innen
wendest und innerlich auf Gott und seinen Willen achtest und auf das Wort, mit
dem er Dich ruft.

Und wenn Du nicht weißt, was Gottes Wille ist, so folge denen, die vom Heiligen
Geiste mehr als Du erleuchtet sind. Und steht Dir kein solcher zur Verfügung, dann
achte bei Zweifeln darauf, wozu Deine Natur am wenigsten geneigt ist, um dann
eben dies zu tun und dabei zu lernen, die Dinge zu lassen; dann werden Dir alle
Dinge zuteil - nämlich die Dinge, die Dir nötig sind zu einem wahren göttlichen
Leben und zur Erkenntnis der Wahrheit, die Dich frei macht.

Und laß bei alle dem niemals Schwermut über Dich kommen; denn sie hindert Dich
in allem Guten. Sei stets frohgemut und zuversichtlich, habe Freude an der
Gegenwart Gottes in Dir und vertraue ihm in allem; dann wird er's wohl machen.
Und sorge Dich nie, sondern überlasse es Gott. Und leuchtet Dir dabei etwas ein, so
lasse es gleichfalls und überlasse es Gott. Habe nichts im Sinn als Gott und gib
Dich ihm völlig hin. Dann wirst Du aus dem Innenreich des Friedens in den Alltag
zurückkehren mit Frieden im Herzen, mit erhöhter Gelassenheit und mit neuen
Kräften, die Dir helfen, Dein Werk recht zu vollbringen und an allem zu wachsen.

Wenn Du bei Deiner Nach-Innen-Wendung und Versenkung gegen Deinen Willen


einschläfst, so wehre Dich nicht. Eine schlummernde Einkehr ist oft besser als viel
äußere Übung im Wachen. Wenn Du wieder wach bist, fange einfach von neuem
an, wende Dich mit ungemindertem Vertrauen zu Gott und befiehl ihm Deine
Wege. Senke Dich aufs neue in Deinen Seelengrund und öffne ihn ganz Gott.
Wenn so Dein innerster Grund sich Gott darbietet, schenkt sich der namenlose Gott
wiederum im Seelengrund dem Menschen und erfüllt ihn mit seinem Geiste,
seinem Wesen und Willen.

Dazu ist unerläßlich, daß der äußere Mensch in Ruhe sei, daß Körper und
Gedanken entspannt sind und der innere Mensch ganz Schweigen geworden ist.
Um dieses Schweigens willen gibt Gott dem inneren Menschen sein Reich und sich
selbst. Und dann erleuchtet er ihn und "bringt seine Gerechtigkeit hervor wie ein
Licht".

Worin besteht diese Gerechtigkeit? Sie besteht zuerst und vor allem darin, daß wir
uns selbst erkennen, wie der Heilige Bernhard sagt: "Die höchste, beste und
unmittelbar in die Nähe Gottes führende Erkenntnis ist, daß wir uns selbst
erkennen."

Unsere ,Gerechtigkeit', die Gott mit seinem Licht erleuchtet, wird gemessen an
unserem Schweigen. Darum sollen wir uns im Schweigen üben zu allen Zeiten und
an allen Orten, und sollen uns abgeschieden halten von den Kreaturen und Dingen,
wo immer dies möglich ist, insbesondere von denen, die ganz nach außen gewendet
sind und uns mit sich nach außen ziehen wollen. Mit denen sollen wir freundlich
umgehen, innerlich aber abgeschieden bleiben.

Wird uns das übel genommen, sollen wir das gelassen hinnehmen und niemanden
in uns hineinlassen, dessen Gesinntheit wir nicht kennen.

Besser als der Umgang mit solchen Menschen ist der mit Büchern, soweit sie nicht
nur schöne Worte enthalten und uns zerstreuen, sondern uns helfen, bei uns selbst
zu bleiben, mit unserem inneren Menschen eins zu sein, uns Gott im Stillesein
offen zu halten, schweigend auf sein Licht und sein Wort zu warten und bereit zu
sein, Gott in uns und durch uns wirken zu lassen.

Hierzu noch ein Wort des Heiligen Augustinus: "Erblickst Du einen guten
Menschen, einen Engel oder den Himmel, so zieh den Menschen ab, zieh den
Engel und den Himmel ab - und was dann bleibt, das ist das Wesen des Guten, das
ist Gott; denn er ist alles in allen Dingen und zugleich weit über allen Dingen."

Alle Kreaturen haben wohl Gutes, haben wohl Liebe; sie sind aber nicht das Gute,
die Liebe an sich; sondern das Wesen des Guten, der Liebe ist Gott. Ihm soll der
Mensch sich zukehren und in ihm entsinken mit allen seinen Kräften in wirkender
und lassender Weise, so daß seine Nichtigkeit ganz erfüllt und erneuert werde und
im göttlichen Wesen, das allein Wesen, Leben und Wirken in allen Dingen ist,
Wesen annehme.

"Wahrlich, Du bist ein verborgener Gott", sagt Moses. Er ist in der Tat
verborgener, als irgendein Ding oder Wesen sich selbst im Grunde der Seele ist,
verborgen allen Sinnen und im Grunde unerkennbar und unerkannt. Dorthin dringe
mit allen Kräften, über alles Denken, über den äußeren Menschen hinaus, der sich
selbst und seinem inneren Wesen so fern und fremd ist wie ein Tier, das ganz den
Sinnen lebt.

Dorthin, in den göttlichen Grund, senke Dich hinein und entwerde in der
Verborgenheit Gottes allem Ichsein und Kreatursein, nicht nur in gedanklicher oder
bildlicher Weise, sondern in wesentlicher wirkender Weise - mit allen Kräften und
Strebungen in völligem Lassen.

Sodann magst Du die Eigenschaft der göttlichen Einöde in der stillen Einsamkeit
anschauen, in der nie ein Wort dem Laut nach gesprochen noch ein Werk gewirkt
ward: so still ist es da, so heimlich und einsam. Da ist nichts als lauter Gott.
Dahinein kam nie etwas Fremdes, keine Kreatur, kein Bild, keine Weise.

Diese Einöde meinte Gott, als er durch den Propheten sprach: "Ich will die Meinen
in die Einöde führen, und da will im zu ihren Herzen sprechen." In diese Stille und
Einsamkeit der Gottheit führt er alle die, die für die Stimme Gottes empfänglich
werden sollen, nun und in der Ewigkeit. In diesen einsamen, stillen, freien
Gottesgrund trage Deinen einsamen, von allem, was nicht Gott ist, völlig geleerten
Seelengrund.

Dann wird die göttliche Finsternis, die vor lauter Lichtheit für Dein Erkennen
Finsternis ist, sich in die Leere und Dunkelheit Deines Seelengrundes ergießen und
die Helle des göttlichen Lichts wird darin aufbrechen.

Daß wir zu solcher Hinwendung und Einswerdung gelangen, dazu helfe uns Gott!

HINWENDUNG ZU GOTT

"Und er sprach zu Simon: Fahre auf die Höhe und werfet eure Netze aus, daß ihr
einen Zug tut." Luk. 5; 4

Lukas berichtet in seinem Evangelium, wie Jesus das Schiff betrat und ihn bat, er
möge das Schiff vom Ufer wegführen. Und er saß und lehrte das Volk vom Schiff
aus. Danach sprach er zu Simon: "Fahre das Schiff auf die Höhe."

Von diesem Schiff wollen wir sprechen: es ist nichts anderes als der innere
Mensch, sein Gemüt, seine Gesinntheit. Das Schiff fährt in dem stürmenden Meer
der angsterregenden äußeren Welt, die in stetem Wandel und Wechsel begriffen ist:
bald in Lust, bald in Leid. Wie schlecht es um die steht, deren Herz mit seiner
Liebe ganz den wandelbaren, vergänglichen äußeren Dingen und Gestalten
verhaftet ist - wahrlich, dem, der das erkannt hat, möchte das Herz vor Leid
erstarren! Wie es ihnen hernach geht, daran denken die Menschen in ihrer Blindheit
nicht.
Darum die Mahnung: "Fahre das Schiff hinauf auf die Höhe." Damit ist der erste
Weg gemeint, der allen nottut: daß das Gemüt, die Gesinnung aus allem
herausgezogen werde, was Kreatur und Dinglichkeit, also nicht Gott ist, und
hinaufgeführt werde zur Höhe, zur Hinwendung zu Gott. Wer nicht im Meer der
Vergänglichkeit untergehen und ertrinken will, dessen Gemüt, dessen innerer
Mensch muß notwendig erhoben sein über den äußeren Menschen und über alles
Haften am Äußeren und Kreatürlichen.

Nun antwortete Simon Petrus: " Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts
gefangen." Das entspricht der Wahrheit: Alle, die mit äußeren Dingen umgehen, an
ihnen hängen und sich um sie sorgen, arbeiten gleichsam in der Nacht und
gewinnen nichts.

Aber auf Jesu Geheiß warfen sie das Netz erneut aus und fingen so viele Fische,
daß das Netz zerriß.

Was ist dieses Netz, das ausgeworfen werden soll und mit dem so viel gefangen
wird? Es ist das Bewußtsein, das nach innen gewendet und im Gebet ,ausgeworfen'
werden soll, in so tiefer Selbstversenkung, daß die Liebe und Hingabe an Gott
Gemüt und Bewußtsein mit solcher Freude durchströmt, daß der Mensch die
Seligkeit kaum ertragen kann.

Aber dieses „Fahre das Schiff auf die Höhe!" ist erst der unterste Grad. Es muß
weit höher hinaufgefahren werden. Soll der Mensch außen und innen ein gelassener
und der innere Mensch ein verklärter und gottförmiger werden, muß das Schiff des
inneren Menschen so weit hinauf zur Höhe gefahren werden, daß alles von ihm
abfällt, was den unteren Kräften, dem äußeren Leben zugehört...

...Ja, selbst die erhabensten Gedanken und die beglückendsten Gewinne seiner
geistigen Übungen und alle die Gaben, die Gott ihm schenkte, werden dem inneren
Menschen dann unzulänglich erscheinen, so daß er sich völlig von ihnen löst und
nach dem Höheren verlangt, das ihm aber noch nicht gewiß ist.

So ist er mit seinem Schifflein ,auf die Höhe gefahren', hat den Gipfel erreicht - und
sieht sich zugleich in höchster Verlassenheit. Alle Bedrängnisse, Versuchungen
und Mängel, die er längst überwunden und hinter sich gelassen hatte, scheinen sich
nun abermals gegen ihn zu erheben; der Sturm beginnt zu wüten und sein Schifflein
zu gefährden. ..
Aber er braucht sich nicht zu fürchten. Wenn sein Schifflein fest und sicher im
Gott-Grund verankert ist, können ihm auch die wildesten Wogen nichts anhaben.

Er sollte Hiob gleichen: "In der Finsternis erhoffen wir das Licht" und ganz bei sich
selber bleiben, nicht nach außen blicken und nicht nach äußerer Hilfe Ausschau
halten, um der Not zu entkommen, auch nicht auf irgendwelche Lehrer und
Ratgeber hören und sich so von sich selber weglocken lassen, sondern des
Kommens des inneren Lichts gewiß bleiben. Denn gerade dann ist Christus ihm
nahe und wird in ihm geboren werden.

Glaube mir: Alle Bedrängnis und Not dient dazu, daß diese Geburt Christi in Dir
geschehe! Keine Macht der Welt, weder Leben noch Tod, kann diese Geburt
verhindern. Hätten auch alle Menschen und alle bösen Mächte sich gegen einen
solchen Gottesfreund verschworen - je feindlicher sie ihm wären, desto höher
würden sie sein Schifflein emporführen. Dadurch, daß der Mensch sich hier völlig
läßt und willig Gott machen läßt, kommt er höher als mit allen äußeren und
geistigen Übungen.

Um auf die Höhe, zu Gott, zu gelangen, muß er sich von allem lösen, was nicht
Gott ist oder unmittelbar zu Gott hinführt. Und er muß bei allem Tun darauf achten,
daß er nicht geistige Güter um materieller Güter willen hingibt. Denn was der
Mensch nicht um Gottes willen und mit Gott tut, das ist wesenlos und führt ins
Dunkel.

Lernen wir darum, mit unserem Schiff ,auf die Höhe zu fahren', d. h. unser Gemüt
und alle Kräfte über den inneren Menschen hinaus in die Höhe zu erheben; denn
Gott ist nur auf der Höhe. Wenden wir uns mit unseren oberen Kräften über alle
Zeitlichkeit hinaus in den ewigen Grund; denn da ist Gott in Wahrheit, da spricht er
sein Wort. Das Wort aber soll man in schweigender Hingabe empfangen und ihm
in sich Raum geben, dann wird man von ihm über alles hinaus, was die Sinne
erfassen können, erleuchtet. Der Reichtum, der sich hier darbietet, ist unvorstellbar.

Wenn Gott sein Wort in uns spricht und wir es recht empfangen, wird das Ich von
der Furcht ergriffen, es müsse gänzlich zugrunde gehen. Alsdann gilt es, nicht
dieser Furcht nachzugeben und um Hilfe nach außen zu blicken und zu laufen,
sondern innerlich gelassen und besonnen zu bleiben und sich gänzlich hinzugeben.

Denn wenn das göttliche Licht aufgeht, muß das geschaffene Licht untergehen.
Wenn das ungeschaffene Licht zu scheinen und zu strahlen beginnt, werden
notwendig alle äußeren Lichter des Verstandes und der Welt unscheinbar und
dunkel, wie das Licht der aufgehenden Sonne das Lichtlein einer Kerze
unscheinbar und trübe macht.

Wer dieses göttlichen Lichts in sich gewahr wird, der empfängt mehr Seligkeit, als
die Welt mit ihren Lichtern und Freuden ihm geben kann. Denn in diesem Lichte
wird er in seinem innersten Wesen überformt und verwandelt.

Dies ist der kürzeste und nächste Weg zur Geburt Gottes im Seelengrund.

Ist der Mensch ganz Gott zugewandt, von Ichheit leer und von Gott erfüllt, können
keine äußeren Mächte und Kreaturen sein Schifflein, seinen inneren Menschen von
der Fahrt zur Höhe ablenken oder es zum Untergehen bringen. Denn Gott erfüllt
den inneren Menschen mit solcher Freiheit, solchem Frieden und solcher
Festigkeit, daß sie niemand begreift, der sie nicht besitzt.

Es mag vorkommen, daß im Sturm der Welt die Wogen von außen gegen sein
Schifflein schlagen, als wollten sie es überschwemmen und in die Tiefe ziehen;
aber alles Anstürmen von außen vermag nichts gegen die Sicherheit und den
Frieden des Innern.

Aber dieser Friede, den die wahren Gottesfreunde besitzen, ist nicht genug: es
bewegt sie, daß sie Gott noch nicht so viel sind, wie sie sein möchten. Sie wollen
über die erreichte Höhe hinaus zu noch größeren Höhen hinauffahren. Und
wahrlich: Wenn sich das Unnennbare, das Namenlose, das in der Seele ist, der
Seelengrund, völlig in Gott kehrt, so kehrt sich damit der ganze Mensch in Gott;
und auf diese Einkehr antwortet alles, was namenlos ist in Gott, das Unnennbare,
der Gottesgrund, und das göttliche Wort und Licht gebiert sich im Menschen.

Alsdann kann der Mensch sagen: "Ich will hören, was Gott in mir spricht." So
handeln jene Gottesfreunde, die Dionysius gottförmige Menschen nennt. Dieses
gänzliche Eingesenktsein des Seelengrundes in den Gottesgrund vermag kein
Verstand zu begreifen. Es ist in seiner Abgründigkeit über alles sinnlich Erfaßbare
hinaus.

Diese Wirklichkeit offenbart sich nur solchen, bei denen der äußere Mensch
geläutert und der innere Mensch verklärt ist und völlig in sich selber ruht. Diesen
Menschen sind Himmel und Erde, Kreaturen und Dinge nichts als ein Schatten des
Lichts, in dem sie selbst sind. Sie sind zur Wohnstatt und zum Reiche Gottes
geworden, in dem Gott allezeit gegenwärtig ist.
Wenn der Mensch ganz in diesen Grund und das Wesen Gottes entsinkt, muß das
Netz notgedrungen zerreißen, das heißt: seine äußere Natur wird darunter leiden
und schwach werden. Diese Schwachheit kommt nicht von äußerer Übung, sondern
von dem überfließen der Gottheit, die einen solchen Menschen so mit ihrer Kraft
überströmt, daß sein irdischer Leib es nicht zu ertragen vermag. Denn Gott hat
diesen Menschen so in sich gezogen, daß er ganz durchlichtet und gottfarben wird
und Gott seine Werke wirkt.

Ein solcher Mensch hat sein Schifflein zur höchsten Höhe gefahren, sein Netz wohl
ausgeworfen und das Höchste gewonnen. Wenn aber das Schifflein auf die Höhe
kommt, zerreißt das Netz und das Schiff versinkt: die Ichheit zerreißt, die Eigenheit
zerbricht, der äußere Mensch entwird. Leib und Seele entsinken im grundlosen
Meer der Gottheit. Dabei fällt der Mensch so in sein unergründliches Nichtsein,
daß er allem entwird - auch dem, was er je von Gott empfing - und es lauter in Gott
zurückwirft, als hätte er es nie gewonnen und besessen.

So entsinkt das geschaffene Sein ins ungeschaffene Nicht-Sein. Aber darüber kann
man mit Worten nichts aussagen. Hier wird das Wort des Propheten im Psalter
wahr: "Der Abgrund leitet sich in den Abgrund. Der geschaffene Seelengrund
ergießt sich in den ungeschaffenen Gottgrund - und beide werden eins: ein lauteres
göttliches Wesen.

Daß uns solche Hinwendung und Auffahrt zur Höhe Gottes gelinge, dazu helfe uns
Gott!

ERNEUERUNG AUS DEM GEISTE

„Erneuert euch im Geiste eures Gemüts und zieht den neuen Menschen an, der
nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit." Eph. 4; 23 f.

In seinem Brief an die Epheser lehrt Paulus uns, wie wir zur Erneuerung aus dem
Geiste gelangen.

Nun hat aber der Geist des Menschen viele Namen je nach seiner Wirksamkeit und
nach dem Standort des Betrachters:

Manchmal heißt der Geist Seele, nämlich sofern er dem Leibe Leben gibt und
dergestalt in jedem Gliede zugegen ist und ihn bewegt und zum Wirken bringt.
Und zuweilen heißt die Seele Geist; dann hat sie so nahe Verwandtschaft mit Gott,
daß es mit Worten nicht ausgesprochen werden kann. Denn Gott ist Geist und die
Seele ist Geist; daher hat sie ein ewiges Hinneigen und Zurückschauen in den
Urgrund, aus dem sie entsprang. Infolge dieser Gleichheit neigt sich der Geist
wieder in den Ursprung, in die Einheit. Dieses Zurückneigen ist ohne Ende.

Weiter heißt der Geist Gemüt: in ihm sind alle Kräfte vereint, Vernunft und Wille.
Aber damit erschöpft sich sein Wesen nicht: über alle Kräfte hinaus hat es einen
überwesentlichen Grund, und wenn es diesem Grunde ganz zugekehrt ist, dann ist
ihm wohl und dann wird es vom Grunde her durchlichtet und erneuert.

Endlich heißt der Geist auch Mensch: In ihm ist das wahre Bild der göttlichen
Dreieinigkeit verborgen. In dieser Dreiheit nennt man den Geist bald den Grund,
bald den Gipfel der Seele. Aber so wenig man Gott mit Namen umschreiben kann,
so wenig auch den Geist. Wer zu erkennen vermöchte, wie Gott hier im Grunde
wohnt, der würde von diesem Schauen selig. Die Nähe und Verwandtschaft, die
Gott da zum Geiste hat, ist so unaussprechlich, daß Worte hier nur verwirren.

Nun mahnt Paulus uns: „Erneuert euch in dem Geiste eures Gemüts." Das heißt:
Wenn das Gemüt sich in rechter Verfassung befindet, gänzlich nach innen
gewendet ist, so neigt es sich in den Grund, in dem das über alle äußeren Kräfte
und Vermögen erhabene Bild Gottes ruht. Hier - im Geistgrund des Gemüts - soll
man sich erneuern, indem man ständig in den Grund entsinkt und sich Gott
unmittelbar, in liebendem Lassen, hingibt. Dieses Vermögen ist dem Gemüt eigen:
es ist zu ständiger Hingabe an Gott fähig. Nur der äußere Mensch besitzt dieses
Vermögen steter Hingabe nicht.

Und so soll diese Erneuerung aus dem Geiste statthaben:

Da Gott Geist ist, soll der geschaffene Geist sich in den unerschaffenen Geist
Gottes mit unbeschwertem Gemüt gelassen einsenken und sich mit ihm vereinen.
So wie er ewig in Gott war und in seiner Ungeschaffenheit Gott war, so soll er mit
seiner Geschaffenheit sich gänzlich wieder in Gott hineintragen. In dieser Hingabe
vollzieht sich die wahrste und lauterste Erneuerung, die es geben kann.

"Heute habe ich dich neu geboren": Wenn der Geist völlig einsinkt und mit seinem
innersten Sein in Gottes innerstes Obersein eingeht, wird er von Grund auf erneuert
und neugebildet. Und so weit und so oft der Geist diesen Weg williger Hingabe
geht, so weit und so oft wird er vom Geist Gottes erfüllt, überflutet und erneuert.

Gott ergießt sich in ihn, wie der Sonne Licht die Luft durchdringt und so hell
macht, daß man Luft und Licht nicht mehr unterscheiden kann. So sind auch Geist
und Gott in diesem lichten Einssein, da der Geist in seinen Ursprung zurückgekehrt
ist, nicht voneinander zu scheiden.

In dieser Einkehr und Erneuerung schwingt der Geist sich über sich selbst hinaus
und über alle Erleuchtung in die Überlichtheit der göttlichen Finsternis, in der der
Geist über allem ist, was er vorher war: namenlos, formlos, bildlos, über alle
Weisen und Wesen.

Zu solcher Einkehr ist die Nacht und ihre Stille sehr förderlich. Darum soll der
Mensch sich oft, wenn alles Außen dunkel und still und seinen Sinnen fern ist, nach
innen wenden, sich allen Sinnen und Kräften entziehen, sich gänzlich in sich selbst
hineinsenken, über alle Bilder, Vorstellungen und Kräfte hinaus. Und er soll sich in
dieser Dunkelheit seiner Unerkanntheit Gott gelassen hingeben, nichts fragen,
nichts fordern und erwarten, sondern einzig und allein Gott im Sinne haben und
lieben, und dabei alles, was er ist, hat und vorhat, was ihm lieb und leid ist an
Tugenden oder Schwächen, der Liebe Gottes überlassen und anheimgeben und sich
ganz in Gottes Willen lassen.

Er soll also erkannte Mängel nicht auf menschliche Weise, durch Widerstehen,
bekämpfen, sondern auf geistige Weise: durch Lassen. D. h. er soll diese wie sich
selbst Gott überlassen, ohne den nichts vollendet werden kann. Wer sich so läßt,
dem mag geschehen, was Hiob erfuhr: daß der Geist Gottes ihn im Vorübergehen
berührt. Von dieser Berührung des Geistes entsteht eine große Bewegung und
Erneuerung im inneren Menschen.

Je klarer und wahrer diese Berührung ist, desto rascher, stärker und vollkommener
ist die Umwandlung des Menschen und sein Werk, desto deutlicher erkennt er die
Unzulänglichkeit und Nichtheit des Ich und desto williger und inniger läßt er sich
Gott; und dann kommt Gott mit einem schnellen Blick und leuchtet in den Grund,
um daselbst Wohnung zu nehmen und zu wirken.

Wenn man dieser Gegenwart Gottes inne wird, soll man ihm das Werk überlassen,
selbst zu schweigender Stille werden und nichts tun, sondern Gott wirken lassen.
Und wenn danach der Mensch wieder sich selbst überlassen wird und Gottes
Wirken im Innern nicht mehr erkennbar ist, soll er wieder selbst wirken und seine
irdischen Aufgaben mit aller Hingabe erfüllen.

So soll er zu Zeiten wirken und zu Zeiten lassen, wie der Geist Gottes ihn mahnt
und treibt, und sich immer dem zuwenden, von dem er fühlt, daß es ihn am
stärksten zu Gott hinzieht und hinführt - sei es Wirken oder Stillesein.

Dem innersten Seelengrund ist nichts so nahe wie Gott: wer ihn da sucht, der findet
ihn auch. Er muß sich nur dem gegenwärtigen Gott innerlich mit allen Kräften
hingeben und überlassen, dann wird ihm in der Erhebung und Erneuerung des
Gemüts über alle Bilder und Formen die Freiheit des Geistes gegeben.

Und wenn er ganz in diesem inneren Wirken stünde - und Gott gäbe ihm auf, die
Seligkeit der Hingabe zu lassen und hinzugehen, um einem Kranken zu dienen oder
einem Notleidenden zu helfen, soll er das in Frieden und Gelassenheit tun. Dann
mag es geschehen, daß Gott ihm in solchem Werk gegenwärtiger ist und mehr
Gutes zufügt als in der tiefsten Gottschau.

Im übrigen aber sollen die edlen Menschen, wenn sie sich nachts und morgens in
der Frühe in solcher Einkehr geübt haben, tagsüber in Frieden ihre Geschäfte
erledigen - jeder, wie Gott es ihm fügt -, und sollen in ihren Werken achtgeben, daß
darin Gottes Wille geschieht und nicht der ihre.

Das sind die ,geistlich Armen', von denen die Bergpredigt spricht, die sich selbst
und das Ihre lassen, sich Gott überlassen und sich von ihm leiten lassen - sei es zum
Tun oder zum Nicht- Tun.

Anfänger auf dem Wege nach innen brauchen viel Zeit, bis sie wesentlich werden,
da sie von Natur dazu neigen, sich nach außen zu wenden; aber wenn sie sich
gewöhnen, mehr und mehr sich und alle Dinge Gott zu überlassen, werden sie
durch solches Lassen rascher voranschreiten als durch ihr Tun.

Es ist unglaublich, wie rasch oft das innere Wachstum vor sich geht: mit jedem
Gedanken, jedem Wort und Werk, wie klein es auch sei, wenn sie damit nur auf
Gott abzielen. Solchen Menschen ist es dienlich, wenn sie lange leben; denn ihr
Wachsen und Neuwerden geht unaufhörlich weiter, wenn sie nur auf ihrem Wege
nicht stehen bleiben, sondern unentwegt weiterschreiten.

Zumeist wissen solche Menschen es gar nicht, daß sie so gut daran sind; deshalb
leben sie bescheiden und einfach dahin. Gott verbirgt ihnen ihr Zunehmen, damit
das Ich sich nicht aufbläht und alles verdirbt. Je bescheidener und williger, desto
tiefer sinkt ihr Geist in den Grund.

Nun mag es sein, daß ein solcher Mensch von denen, die in der Welt viel gelten
und großtun und gerne weise und heilig scheinen, gescholten und zurechtgewiesen
wird. Sie werden ihm sagen, er habe Unrecht; sie hätten mehr gelesen und wüßten
besser Bescheid. ..

...Alsdann handelt er recht, wenn er sich läßt, zu ihren Reden gelassen schweigt
und inwendig spricht: "Gott, Du weißt, ich habe nichts als Dich im Sinn!" Dann
wird er von innen her erneuert und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott
geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Daß wir uns alle so in Gelassenheit Gott zuwenden, aus dem Geiste Gottes erneuert
und mit Gott geeint werden, dazu helfe uns Gott!

VOM GÖTTLICHEN REIFEN

„Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter
zu dingen in seinen Weinberg." Matth. 20; 1 f.

Das Evangelium vergleicht das Reich Gottes einem Weinberg und Christus einem
Hausvater, der ausgeht, Arbeiter für den Weinberg zu gewinnen. Es heißt mit
Recht, daß er ,am Morgen', also früh ,ausging', da er in der ewigen Geburt vom
väterlichen Herzen ,ausgegangen' und doch allezeit darin geblieben ist.

In einem anderen Sinne ist er früh in die menschliche Natur ausgegangen, damit er
uns für das Reich Gottes wiedergewinne.

Es heißt in dem Gleichnis, daß er Werkleute um die dritte, die sechste und die
neunte Stunde dang und abermals um die elfte Stunde: da sah er Leute müßig
stehen, die ihm auf seine Frage, warum sie müßig stünden, antworteten: „Es hat uns
niemand gedungen." Auch diese Letzteren, die noch nicht der Welt verhaftet, noch
innerlich frei und ledig waren, aber auch noch nicht die Lockungen und
Versuchungen der Welt kannten, sandte er zum rechten Wirken in den Weinberg.

Alle aber, die er aufrief, gingen in ungleicher Weise zum Wirken in den Weinberg:

Die einen waren Anfänger, die sich dem äußerlichen Werk in sinnlicher Weise
nach ihrem eigenen Gutdünken widmeten und im Äußerlichen stecken blieben.
Dabei wähnten sie, durch bitteres Mühen, Fasten, Kasteien und Beten besonders
Hohes zu vollbringen. Statt auf ihren Seelengrund blicken sie nach außen, auf die
Gunst oder Ungunst der Welt, und daraus entstehen Einbildung und Eigenwille,
Neid und Bitterkeit, Jähzorn und andere Untugenden. ..

Andere arbeiteten mehr an sich selber, verschmähten die Laster und überwanden
manche Fehler, erreichten durch Selbstbesinnung und weises Wirken höhere Grade
- und fanden darin solche Wonne und Befriedigung, daß sie darüber das Höchste
versäumten. ..

Die dritten aber, die dem Hausvater die liebsten waren, erhoben sich über die
Dinge, gaben ihr Bestes und richteten dabei ihr ganzes Sinnen und Trachten allein
auf den Gott in ihnen. Sie sahen weder auf Lust noch auf Nutzen bei dem, was sie
taten, auch nicht auf die göttlichen Gaben und Kräfte, die in ihnen wach wurden,
sondern wandten sich innerlich ganz Gott zu und hatten einzig ihn im Sinn, daß
sein Wille in ihnen und in allen Wesen geschehe.

Dadurch leiden und lassen sie alle Dinge, nehmen alles als Willen und Gabe
Gottes, geben ihm alles, was sie empfangen, lauter und ungeschmälert zurück und
maßen sich nichts als ihr Eigentum an ...

...Sie folgen darin dem Beispiel des Wassers, das willig als Regen zur Erde fällt, in
Rinnsalen und Bächen zu Flüssen und aus diesen zu Strömen zusammenfließt und
wieder in seinen Ursprung, das Meer, zurückkehrt: so tragen sie alle ihre Gaben
und Kräfte wieder in den Gottesgrund zurückt, aus dem sie ausgingen, fließen
damit selbst wieder in ihn zurück und machen Gott zu ihrem einzigen Halt und
Hort.

Obwohl aber diese Gesinnung den Menschen aus sich heraus und in Gott
hineinführt, bedeutet das doch nicht, daß der Mensch sich damit gänzlich der Natur
entzieht. Solange er auf Erden verkörpert ist, ist er ihren Gesetzmäßigkeiten
unterworfen. Wenn der Arbeiter im Weingarten auch des Werkes wegen da ist,
braucht er doch zu Zeiten einen Imbiß. Die Arbeit dauert den ganzen Tag, die
Labung nur eine Stunde, und sie ist notwendig, damit der Mensch arbeiten kann.
Denn was er ißt, geht ihm in Fleisch und Blut, Mark und Gebein über und wird
verzehrt in der Arbeit. Und wenn alles Genossene durch die Arbeit aufgezehrt ist,
ißt er abermals ein weniges zu dem gleichen Zweck.

Genau so handelt der edle Mensch auch mit der geistigen Nahrung: Wenn er eine
Neigung in sich spürt, in der selbstbesinnenden Meditation der Gegenwart Gottes,
des inneren Lichts bewußt zu werden, um Kraft von oben zu gewinnen, soll er
darauf im Vergleich zu seinem Werk nur geringe Zeit verwenden, es wie die
Nahrung nur als Labung und Erquickung werten, die im Werk aufgezehrt und auf
diese Weise Gott wieder zurückgegeben wird.
Die solchermaßen die Gaben Gottes leiblich wie geistig in ihrem Werk wieder zu
Gott zurücktragen, ihnen also nicht um ihrer selbst willen nachjagen, das sind jene,
die allezeit mehr Gaben von Gott empfangen.

Wer das noch nicht erfahren hat, der möge sein ganzes Vertrauen in Gott setzen
und ihn durch sich wirken lassen. Dann gleicht er dem edlen Holz der Reben, das
außen schwarz und dürr erscheint, unter dieser unscheinbaren Hülle aber die
lebendigen Adern und die göttliche Kraft verbirgt, aus der die edelste aller Früchte
hervorgeht.

Solchermaßen sind die rechten Arbeiter im Weinberg des Herrn beschaffen:


Äußerlich scheinen sie nichts zu sein, erscheinen klein und unbedeutend, innen
aber, im Seelengrund, in dem sie nichts aus sich wollen und sind, sondern Gott
allein wollen und wirken lassen, sind sie von den lebendigen Adern göttlichen
Lebens durchzogen.

Das sind die Reben, die der Weingärtner mit starken Pfählen versieht, damit sie
Halt haben.

Danach umgräbt er die Weinstöcke und jätet das Unkraut aus. Ebenso soll der
Mensch sich umgraben in einem tiefen Achthaben auf seinen Grund, ob da etwas
sei, das auszujäten ist, damit die göttliche Sonne den Grund unmittelbar mit ihrem
Licht erreichen und ihre Kraft wirken lassen kann, so daß die edlen Trauben zu
voller Reife gelangen.

Wer seinen Weinstock so bereitet, daß die Sonne Gottes ungehindert darin wirken
kann, der bringt das Edelste, das in ihm ist, zum Vorschein. Alsdann kann nichts
Niederes ihm etwas anhaben und die Reifwerdung verhindern.

Würden auch alle bösen Mächte sich gegen einen solchen Menschen verschwören
und zusammenwirken, um ihm zu schaden - sie würden dadurch nur seine Reife
beschleunigen. Und würde er von ihnen in den tiefsten Höllengrund gezogen, so
würde sich auch dort das Reich Gottes in ihm entfalten und alles licht und selig
werden lassen. Dem, der nur Gott im Sinn hat, kann nichts schaden.

Und schließlich wird die Reife vollendet, die hemmenden Schalen werden dünner,
bis die innere Süße vollkommen ist: so werden die äußeren Hemmnisse immer
geringer und das innere Licht immer heller. ..
...So oft der Mensch sich nun nach innen wendet, strahlt ihm die innere Sonne
Gottes heller, und so wird sein ganzes Wesen durchgottet, daß er die äußeren Dinge
mit den Augen und im Lichte Gottes sieht und alles ohne Hemmnis empfängt und
gibt.

Dann fallen alle äußeren Weisen, Gebete und Übungen von selbst ab, weil er ihrer
nicht mehr bedarf. Denn sein Geist entsinkt nun so sehr in die süße Seligkeit
Gottes, daß zwischen seinem Wesen und dem Wesen Gottes kein Unterschied mehr
ist. Nun herrscht jene lautere stille Einheit, in der ein Augenblick tausendmal
nützlicher und seliger und Gott lieber ist als vierzig Jahre geistiger Übung.

Daß uns allen als Frucht unseres inneren Reifens diese Einheit zuteil werde, dazu
helfe uns Gott!

FÜNFFACHE FESSELUNG

„Er ist aufgefahren in die Höhe, hat das Gefängnis gefangen geführt und hat den
Menschen Gaben gegeben." Eph. 4,' 8

Christus fuhr auf gen Himmel und ,führte das Gefängnis gefangen' mit sich. Was
heißt das:

Fünf Fesseln sind es, die uns in der Zeit gefangen halten und die Christus von uns
nimmt, wenn er in uns auffährt:

Die erste Fessel besteht in der Liebe zu den Kreaturen und im Hängen an ihnen, sie
seien lebendig oder tot. Besonders ist es die Liebe zu den Menschen, die ja von
Natur wegen der Gleichheit der Menschen naheliegt. Die einen Menschen gehen
ganz darin auf und leiden unter dem Fernsein voneinander und unter dem Verlust,
während die anderen sich ohne diese Liebe wohlfühlen, gute Werke tun, dienen und
in Andacht beten, damit man ihnen die Liebe und die Welt um so mehr gönne - und
dabei nicht merken, wie sehr sie gefesselt sind und wie viel besser es wäre, sie
würden weniger um ihr Erdenglück beten und mehr ihrer Gefangenschaft inne
werden. ..

Die zweite Fessel besteht darin, daß manche, wenn sie von der ersten Fessel, der
äußeren Liebe zu den Kreaturen, frei werden, der Selbstliebe verfallen und in dieser
Ichverhaftung in allen Dingen das Ihre suchen: ihren Nutzen, ihre Lust, ihren Trost,
ihre Bequemlichkeit oder Ehre. Sie sind so in ihr Ich versponnen und versenkt, daß
sie in allen Dingen, selbst in Gott, das Ihre suchen und nichts anderes. Was findet
man, wenn man bei ihnen in den Grund sieht? Was sich als Heiligkeit gebärdet, ist
leerer Schein.
Wie schwer sind solche Menschen aus dem Gefängnis des Ich zu befreien! Wenn
man so an sich selbst hingegeben ist - wer kann da helfen? Wohl niemand außer
Gott. Aber wenn solchen Menschen das, was sie lieben, genommen wird, ihre
Bequemlichkeit oder ein Freund, ein Gut oder sonst etwas, an dem ihr Ich hängt,
bedenken sie Gott mit zornigen oder anklagenden Worten, statt den Schritt von der
Ich-Liebe zur Selbst-Erkenntnis zu tun. ..

Die dritte Fessel ist die des Verstandes. Das ist eine schwere Fessel, weil die darin
Gefangenen alles, was im Geiste geboren werden sollte, mit dem Verstande
beleuchten, es sei eine Wahrheit oder eine Erkenntnis gleich welcher Art, damit sie
darüber reden können und dadurch etwas scheinen und erhöht" werden. Sie sind
reich an beleuchtenden Worten, aber gering an Erleuchtung und lebendigen
Werken.

Auch die Vorbilder Christi fassen sie nur mit dem Verstande. Würden sie sie in das
göttliche Licht der Vernunft tragen, dann würden sie erkennen, daß ihre Meinung
im Vergleich zur Wirklichkeit so winzig und unbedeutend ist wie ein Talglicht
gegenüber der Sonne. Gleichermaßen ist alles natürliche Licht gering gegenüber
dem göttlichen Lichte.

Diesen Unterschied gilt es zu erkennen:

Das natürliche Licht des Verstandes scheint nach außen, in eitler Selbstspiegelung,
im Ruhm der Leute, im Urteil anderer Menschen. Es lenkt alles nach außen und
führt zur Zerstreuung der Sinne und des Gemüts.

Das göttliche Licht hingegen neigt sich ganz nieder und einwärts in den Grund, und
der, in dem es leuchtet, dünkt sich der Geringste. Und das ist recht: denn ist etwas
da, so ist es gänzlich Gottes.

Das göttliche Licht lenkt alles nach innen, nicht nach außen. Es weist stets auf den
inwendigen Grund, aus dem es geboren ist. Dorthin strebt und leitet es mit aller
Kraft. Alles Tun eines solchen Menschen geht nach innen, zum Ursprung.

Darum ist ein großer Unterschied zwischen denen, die die Schrift lesen, und jenen,
die sie leben. Die sie mit dem Verstande lesen, wollen erhöht und geehrt sein, und
sie verachten und verdammen jene, die danach leben. Sie verstehen nicht das Wort
des Paulus: "Die Schrift tötet, aber der Geist macht lebendig."

Die vierte Fessel ist die der Freuden des Geistes. In diesen verirrt sich so mancher
Wahrheitssucher, indem er die Gewinne auf dem Wege zur Höhe mehr amtet als
den Weg selbst und das Ziel, so daß er sich ganz diesen gewonnenen Kräften und
Vermögen hingibt, sie festhält und sie mit Lust zu besitzen und auszubauen sucht.
So erliegt er den Freuden des Geistes, statt Gott zu fassen.

Ob einer sich den Lockungen auf dem Wege überlassen hat und infolgedessen still
steht, oder ob er auf dem Wege zu Gott voranschreitet, kann man daran prüfen, ob
er in Unruhe und Unfrieden gerät, wenn die gewonnenen Freuden schwinden und
wegfallen, oder ob er Gott alsdann genau so dient und ihm hingegeben bleibt, als
wenn er sie hätte. Wenn Gott ihm mit wie ohne diese Freuden einziges Ziel bleibt,
ist er auf dem rechten Wege; nicht aber, wenn es ihm allein um die erlangten Gaben
und Erleuchtungen geht.

Die fünfte Fessel ist die des Eigenwillens, der so weit gehen kann, daß er auch in
allen göttlichen Dingen und in Gott selbst seinen eigenen Willen haben und
durchsetzen will. Von dieser starken Fessel wird nur frei, wer sich besinnt und
entscheidet: "Nicht nach meinen Gaben und meinem Willen geschehe es, sondern
wie Du, Gott, willst, so nehme ich es und will ich es; und was Du nicht willst, das
will ich gern lassen und entbehren."

Wenn man so in rechter Gelassenheit alles läßt, wonach der Eigenwille giert,
empfängt und hat man mehr, als wenn man nach eigenem Willen nimmt und hat.

Unendlich nützlicher als alles, was der Mensch nach eigenem Willen erlangen und
haben kann, ist ihm, sich zu lassen und Gott machen zu lassen, alles in rechter
Gelassenheit zu haben und dabei dem Eigenwillen zu entsagen. Darum ist mir ein
gelassener Mensch mit weniger Scheinen und weniger Werken lieber als ein nach
Ansehen und Werken hochstehender Mensch, der weniger gelassen ist.

Als Jesus unter den Jüngern weilte, liebten ihn die Menschen so sehr, daß sie vor
lauter Liebe zu ihm nicht zur Gottheit gelangen konnten. Darum sprach er: "Es ist
euch nützlich, daß ich von euch fahre, sonst kann der Heilige Geist, der Tröster,
nicht zu euch kommen."

Da mußten sie noch vierzig Tage warten, bis er gen Himmel fuhr, um ihr Gemüt
mit sich zu führen und es von allen Fesseln frei und himmlisch zu machen, und
danach noch zehn Tage, bis ihnen der Heilige Geist gesendet wurde, der wahre
Tröster, und sie den, den sie noch außen suchten und erwarteten - Christus - , in
sich fanden.

Was für die Jünger Tage waren, mögen für uns Jahre sein:

Wir mögen versuchen, was wir wollen, wir finden zu unserem inneren, göttlichen
Menschen und zu wahrem Frieden kaum vor dem vierten Jahrzehnt. Es hängen so
viele Fesseln an uns und die Natur treibt uns in jungen Jahren bald hierhin, bald
dorthin; und es geschieht oft, daß die Natur regiert, wo wir wähnen, es sei Gott.
Deshalb finden wir nicht zu vollkommenem Frieden, bevor unsere Zeit gekommen
ist. ..

...Und alsdann müssen wir nochmals zehn Jahre warten, bevor uns der Heilige
Geist, der Tröster, zuteil wird. Wie die Jünger eingeschlossen, versammelt und
innerlich eins waren und warteten, so müssen wir es halten: auch, wenn wir mit den
Jahren zur Besonnenheit gelangten, unseres inneren Menschen gewiß geworden
sind und den äußeren Menschen so ziemlich überwunden haben, müssen wir noch
ein Jahrzehnt geduldig harren, bis uns der Geist zuteil wird, der uns alle Wahrheit
lehrt.

In diesem Jahrzehnt sollen wir oft in uns einkehren und dabei hineinsinken und uns
gänzlich hineingeben in den inwendigen lichten göttlichen Grund, wo der göttliche
Funke in uns immerfort in seinen Ursprung zurückfließt, aus dem er entsprungen
ist.

Wo solcher Rückstrom in rechter Weise geschieht, da ist in einem Augenblick alle


Schuld gänzlich bezahlt, alle Sonderung und Sünde aufgehoben, würde sie auch die
Schuld aller Menschen von Anbeginn an umfassen, und alle Seligkeit wird
eingegossen in diesem Augenblick, da der Mensch gänzlich vom göttlichen Licht
erfüllt und durchgottet wird.

Daß uns solche Befreiung von den Fesseln der Zeitlichkeit gelinge und der Geist
und das Licht Gottes uns gänzlich erfülle, dazu helfe uns Gott!

DAS GESETZ DES AUSGLEICHS

"Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Richtet nicht, so
werdet ihr nicht gerichtet werden. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebet, so wird
euch gegeben: ein volles, gerüttelt und überfließend Maß. Mit dem Maß, mit dem
ihr messet, wird man euch wieder messen." Luk. 6;36 f.
Zweierlei lehrt uns Jesus: was wir tun und was wir lassen sollen.

Das rechte Tun besteht darin, daß wir barmherzig seien, vergeben und geben sollen,
das Lassen darin, daß wir niemanden richten und verdammen sollten.

So viel Barmherzigkeit einer hat und übt, viel wird er finden. Diese Barmherzigkeit
sollen wir inwendig, in unserem Gemüt, empfinden und von dort her üben
dergestalt, daß wir zuerst in uns ein gütiges Mitgefühl mit unseren Nächsten
empfinden überall, wo wir Wesen in Leiden wissen, innerlich oder äußerlich, und
mit herzhaftem Mitleid von Gott begehren, daß er sie tröste.

Können wir auch äußerlich helfen, mit Rat oder mit Gaben, mit Worten oder
Werken, so sollen wir dies, sowie es an uns kommt, willig tun. Wenn wir nicht viel
tun können, sollen wir das wenige, das wir vermögen, mit Liebe tun oder
wenigstens ein gutes Wort sprechen. Dann haben wir recht getan und werden
unsererseits Liebe und Barmherzigkeit finden.

Und nun das rechte Lassen. Da heißt es vor allem: Richte nicht, damit Du nicht
gerichtet werdest! Es mag einer noch so viele gute Werke tun; sie bleiben fruchtlos,
wenn er zum Richten neigt. Niemand maße sich an, über andere zu urteilen und zu
richten, der nicht zuvor seiner eigenen Fehler und Mängel bewußt ward und sein
eigener Richter war.

Hier sind die meisten blind: sie wollen, daß andere nach ihrem Willen handeln,
vermögen aber sich selbst trotz allem Mühen nicht so zu halten, wie sie sein sollten
und wie Gott sie gern hätte. Wer aber will, daß Gott seine Fehler mit
Barmherzigkeit beantwortet, der hüte sich, anderer Menschen Fehler schwer zu
wägen und über sie zu richten.

Auch wenn er weiß, daß etwas böse ist, soll er nicht richten, sondern nur eines tun:
sich zu sich selbst kehren und seine eigenen Fehler erkennen und abstellen. Und
wenn es sein Amt ist, zu urteilen, soll er es mit Liebe und mit Sanftmut tun, den
anderen mit den Augen Gottes sehen und bedenken, daß er mit seinem Urteil sich
selbst und sein Leben dem gleichen Urteil Gottes unterwirft.

Denn, wie ein Heiliger sagt: "So viele Menschen du mit deinem Urteilen und
Richten unter dich drückst, unter so viele Menschen wirst du gedrückt werden."
Wer richtet, errichtet Mauern zwischen sich und Gott.
Das Lassen bestehe auch im Unterlassen jedes unnützen Wortes: Wir sollten den
Mund nicht auftun, bevor wir nicht dreimal überlegt haben, ob unsere Worte zur
Ehre Gottes und zum Besserwerden des Nächsten dienen, wie auch, ob sie uns
selbst innerlich und äußerlich Frieden bringen. Gerade weil von unguten Worten
unabsehbarer Schaden kommt, hat man in manchen Klöstern jedes Reden
untersagt.

Aber noch wichtiger ist das Unterlassen unguten Denkens.

Denn Gott sieht das Herz an und mißt den Menschen nach seinem Gemüt: dies ist
das Maß, mit dem uns zugemessen wird, wie viel wir von Gott empfangen.

Blicken wir einmal auf dieses Maß - unser Gemüt - und darauf, wie viel darin von
Gott ist und wie viel von der Welt: ist es nicht so voller Bilder äußerlicher
vergänglicher Güter, daß für Gott kein Platz darin ist? Selbst wenn wir uns im
Gemüt zu Gott wenden, ist unser Innerstes mit Begierden und Wunschbildern von
diesem und jenem so angefüllt, daß Gott nirgend hinein kann und nicht in uns
wirken kann.

Zudem haben wir als Torhüter Kreaturen eingesetzt, die Gott hindern, in uns
einzutreten. Alsdann bleibt unser Gemüt ohne Frucht, und da wir ohne Antwort
bleiben und Gott nicht spüren, weil wir ihm keinen Raum in uns gegeben haben,
wird uns das Beten verleidet; wir lassen es schließlich und wenden uns ganz dem
äußeren Leben zu.

Wenn Gott unser Gemüt und unsere Seele mit seinem ewigen Wesen erfüllen und
in uns wirken soll, müssen wir zuvor alles Kreatürliche und Vergängliche aus uns
entlassen. Machen wir unser Gemüt leer, damit Gott darin einziehen und wirken
kann!

Wenn wir je in den Gottesgrund hinabgelangen wollen, müssen wir zuerst in


unseren eigenen Seelengrund hinabsteigen und auf dem Wege dorthin alles von uns
lösen und lassen, was dem äußeren Menschen und dem äußeren Leben zugehört,
und müssen unser ganzes Wesen gänzlich Gott anheim geben und überlassen.

Wenn wir uns so dem Äußeren entzogen und uns frei gemacht haben von aller
Liebe und Bekümmerung um Kreaturen und äußere Dinge, müssen wir den
nächsten Schritt tun und auch über die Bilder der Dinge, die uns auf dem Wege
nach innen noch hindern und ablenken, hinausschreiten und zugleich jeden
Widerstand, der uns hier bewußt wird, als Übung nehmen, uns ganz auf uns selbst
zurückzuziehen, uns Gott zu lassen und uns seiner liebevollen Barmherzigkeit und
Güte zu überlassen, bis auch die Bilder der Dinge von uns abfallen.
Damit der äußere Mensch zurücktritt und der innere Mensch die Herrschaft und
Führung übernimmt, müssen wir, wie es im Gleichnis heißt, ein ,volles, gerüttelt
und überfließend Maß' haben.

Das heißt: wir müssen alles, was dem äußeren Menschen zugehört und anhaftet,
alles, was die Nach-Innen-Wendung hindert und dem inneren Menschen zuwider
ist, abstreifen und ausschütten. Alles, was uns darin behindert, daß Gott in uns lebt
und wirkt, alles, was nicht seine Ursache in Gott hat und zu Gott hinführt, müssen
wir aus unserem Gemüt ausschütten, damit unser äußerer Mensch ganz in dem
inneren aufgehe und entwerde.

Insbesondere sollen wir auch alle frommen Übungen daraufhin prüfen, ob sie uns
Gott näher führen oder nicht, und sollen sie lassen, wenn sie hindern. Das gilt für
das Fasten wie für alle geistigen Übungen, die dem Starken helfen, innerlich zu
wachsen und aus dem Geiste zu leben, aber den Schwachen nicht weiter bringen,
sondern ihn am inneren Fortschreiten und an der rechten Hingabe hindern.

Wir müssen lernen, uns allem gegenüber, was uns von außen her locken,
einleuchten und beglücken möchte, wie ein Schlafender zu verhalten und nur für
einen allezeit wach und offen zu sein: für Gott.

Wir sollen lernen, was Paulus lernte und wovon er in seinem Brief an die Philipper
(3; 13) spricht: "zu vergessen, was dahinten ist, uns dem zuzuwenden, das vorn ist,
und dem vorgesteckten Ziel nachzujagen."

Das heißt: wir sollen alles, was weniger ist als Gott, lassen, uns ganz Gott
zuwenden und uns völlig seinem Willen und Wesen überlassen.

Wenn Gott dann unser brennendes Verlangen sieht, kommt er mit dem
überfließenden Maß und ergießt sich selbst in das Maß, daß es vom
überwesentlichen Guten, das er selbst ist, überströmt, unser Gemüt und Wesen
gänzlich erfüllt und es ebenfalls zum überfließen bringt, so daß der Geist über sich
selbst hinaus in den göttlichen Abgrund fließt. Er gießt sich gänzlich aus, gibt sich
völlig hin - und bleibt doch voll - wie man einen Krug ins Meer hinabläßt: er wird
voll und fließt über und bleibt doch voll.

Das meint das Wort: "Ein volles, gerüttelt und überfließend Maß wird euch
gegeben", und das andere: "Mit welchem Maß ihr messet, wird man euch wieder
messen."

Das Maß, mit dem wir gemessen werden, ist das Maß der Liebe.

Das volle Maß besteht darin, daß wir unsere Liebe ganz Gott zuwenden und den
Willen haben, alles zu lassen, was nicht zu Gott führt, und alles zu tun, was uns
Gott näher bringt, also Gott über alles zu lieben und unseren Nächsten wie uns
selbst. Das ist ein rechtes Leben im Geiste Christi und ein gutes Maß, das uns zum
ewigen Leben leitet. Zu diesem Maß hat Gott uns alle gerufen.

Das gerüttelt Maß besteht darin, daß wir von den äußeren Übungen weg zu den
inneren kommen und gleichermaßen vom äußeren Menschen zum inneren, daß wir
alles Äußere lassen, das uns am inneren Leben als dem wesentlichen Leben hindert.
Es gilt, unser ganzes Sinnen und Trachten auf Gott zu richten, uns voll Dankbarkeit
in den Seelen grund einzusenken und Gottes zu harren.

Diese Einwärtswendung und innere Übung erhöht unsere Empfänglichkeit für Gott
mehr als alle äußeren Übungen. Aber sie muß mit einer Liebe geschehen, die uns
so stark durchglutet und so gänzlich erfüllt, daß sie überfließt und alles in sich
aufnimmt und verwandelt.

Denn, wie Augustinus sagt, "es kommt nicht auf die Länge der Zeit oder die Zahl
der guten Werke an, sondern allein auf die Größe der Liebe", und Paulus: " Wenn
ich alle meine Habe den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts."
Alles muß vom Geist der Liebe erfüllt und durchglutet sein.

Wer mit dem Maß der Liebe alles Gute in sich faßt und es willig weitergibt, dem
wird ein gerüttelt Maß zugemessen. Wie Paulus sagt: "Die Liebe ist nimmer müßig,
sie wirkt und leidet alle Dinge" und will immerfort geben und sich verschenken.

Alsdann kommt das überfließend Maß, das so voll und so reich ist, daß es an allen
Enden immerfort überströmt. Es gibt alles, was es in sich trägt, und sich selbst mit;
es schüttet sich mit einem Male wieder in den Ursprung, dem es entfloß, verliert
sich völlig darin und ist gänzlich eins mit Gott. Solche Menschen mißt Gott mit
seinem Maß und wirkt all ihr Wirken in ihnen.

Hierbei gibt Gott sich selbst dem Geiste in einer überströmenden Weise, die alles
übersteigt, was die Seele je begehrte. Er gibt der Seele seinen eingeborenen Sohn
und erfüllt sie mit der Seligkeit des Heiligen Geistes. Er teilt mit ihr sein Reich, das
heißt: er gibt ihr volle Gewalt über das Reich Gottes, damit sie alles dessen Herr
sei, dessen er Herr ist.

So wird das Maß überfließend, mit dem uns gemessen wird. Das ist der Friede
Gottes, von dem Paulus sagt, daß er über alle Vernunft ist: der Friede des Einsseins.

Daß uns allen das volle überfließende Maß zuteil werde, dazu helfe uns Gott!
WEISHEIT DER ABGESCHIEDENHEIT

"So seid nun weise und wachsam im Gebete." 1. Petr. 4;8

Wir feiern mit dem Pfingstfest die Sendung des Heiligen Geistes, der von den
Jüngern in einer besonderen Weise empfangen wurde. Das war nötig, da sie im
Anfang standen und da ein neues Leben in ihnen begann, aber auch um derer
willen, die noch dazu gelangen sollten.

Solange sie in der Zeit lebten, nahmen sie im Empfangen des Heiligen Geistes
ständig zu. Gleich ihnen soll jeder Gottesfreund das Fest des Heiligen Geistes alle
Tage und Stunden begehen, damit er ihn jederzeit empfange. Je größer seine
Bereitschaft und Empfänglichkeit und je tiefer er sich einwärts wendet, desto
vollkommener wird er den Heiligen Geist empfangen.

Was den Jüngern am Pfingsttage zuteil wurde, das findet alle Tage geistig bei
denen statt, die sich gründlich dazu bereiten: zu ihnen kommt der Geist Gottes mit
immer neuen und besonderen Gaben, solange sie leben, nach innen gewendet und
bereit sind, ihn zu empfangen.

Und worin besteht nach Petrus die rechte Bereitung? „Seid weise und wachsam im
Gebet."

Weisheit meint Wohlvertrautheit und Wohlbewandertsein und bedeutet, daß wir bei
all unserem Tun und Lassen jedes Ding mit dem Licht unserer Urteilskraft
durchschauen, so daß uns wohl vertraut ist, womit wir umgehen, und wir bereit
sind, das Beste aus ihm zu gewinnen.

Die höchste Bereitschaft nun, den Geist Gottes zu empfangen und ihn unmittelbar
in sich aufzunehmen, besteht im Abgeschiedensein und Lassen, in Innigkeit und
Einigkeit. Wer diese vier hat und darin zunimmt, der ist am besten bereitet für den
Empfang des Geistes Gottes.

Worin besteht nun das erste von diesen vieren: wahre Abgeschiedenheit?

Sie besteht darin, daß der Mensch sich von allem abwendet und abzieht, das nicht
Gott ist, und mit dem Lichte seiner Urteilskraft alle seine Gedanken, Worte und
Werke verständnisvoll daraufhin durchschaut, ob da im Grunde etwas ist, das nicht
Gott ist, nicht Gott im Tun wie im Lassen im Sinne hat, damit er das, was auf
anderes als Gott abzielt, ausschließe und von sich abscheide.

Das ist nicht nur die Aufgabe der dem inneren Leben zugewandten Gottesfreunde,
sondern die jedes Menschen. Denn man findet viele gute Menschen, die sich im
rechten Denken und Handeln üben und doch von wahrer Innerlichkeit nichts
wissen. Auch sie sollen sich gewöhnen, darauf zu achten, ob das, was sie denken
und tun, sie etwa von Gott wegführt, damit sie das lassen. Auch sie bedürfen der
Einwärtswendung und der Abgeschiedenheit, wenn sie den Geist und die Gaben
Gottes empfangen wollen.

Nun ist die Abgeschiedenheit und die Empfangsbereitschaft bei den Menschen sehr
verschieden: Die einen empfangen den Geist in bildlicher Weise mit den Sinnen,
andere nehmen ihn in die Kräfte der Vernunft auf, und wieder andere nehmen ihn
darüber hinaus in den Grund der Seele auf, in das heimliche Reich, in dem das Bild
und das Licht Gottes verborgen schlummert. Hier findet der Geist seine wahre
Stätte, und da allein werden seine Gaben in göttlicher Weise empfangen.

So oft der Mensch in diesen Grund hineinschaut mit dem Licht der Unter-
scheidungskraft und sich hier ganz Gott zuwendet, gelangt er zur Durchgeistung
und empfängt vom Geiste Gottes neue Gnaden und Gaben, wenn er in Weisheit
und Abgeschiedenheit ganz nach innen gewendet ist und mit wahrem Ernst bei
seinen Worten und Weisen, Werken und Wegen darauf achtet, daß da nichts sei,
das nicht von Gott ist oder auf Gott hinzielt.

Mit dem Licht der Unterscheidungskraft soll er seine Tugenden prüfen, ob sie aus
Gott geboren sind, und soll dahin wirken, daß alle Kräfte, Strebungen und
Tugenden der göttlichen Ordnung entsprechen und alles zu Gott hin, mit Gott und
durch Gott getan werde. ..

...Wenn dann der Geist Gottes findet, daß der Mensch das Seine tut, kommt er mit
seinem Licht, überstrahlt das natürliche Licht der Urteilskraft, läßt die
übernatürlichen Tugenden wie Glaube, Liebe und Gewißheit erstehen und leitet den
Menschen in dieser Abgeschiedenheit in die Einheit mit Gott.

Doch beachte man wohl, daß auch in den Menschen, der nur Gott im Sinn hat,
zuweilen das bange Gefühl kommt, nicht in allem Gott im Sinn gehabt zu haben,
und Trauer um das Fernsein Gottes.
Woher nun dieses Gefühl auch immer kommen mag, von innen oder von außen her,
in jedem Falle soll man ihm mit Sanftmut und Lassen begegnen.

Manche versuchen hier, es mit Gewalt zu überwinden. Sie rennen hier hin und
dorthin, suchen bei Gottesfreunden und Weisen Trost und Belehrung, stürzen sich
in geistige Übungen - und werden dadurch nur noch verwirrter.

Wenn Dunkelheit in einem ersteht, soll man es halten wie bei einem Unwetter: man
geht unter ein Dach und wartet gelassen, bis das Gewitter vergeht. So soll der
Mensch, wenn Anfechtung, Zweifel und Bangigkeit ihn überfällt, sich nach innen
wenden, sich lassen, sich dem Frieden Gottes überlassen und in Gelassenheit auf
Gott warten.

Wenn er so in Sanftmut unter dem Dach Gottes steht, ist das besser als alle
Bemühungen des Ich, von sich aus die Not zu brechen, auch wenn man meint,
damit Gott näher zu kommen. Denn mit all diesem Tun hat der Mensch sich selbst
im Sinn und seinen Eigenwillen. ..

Darum die Forderung, weise zu sein, die Jesus durch das Gleichnis ergänzt: "Seid
weise wie die Schlangen."

Wenn die Schlange merkt, daß ihr Äußeres zu altern und einzuschrumpfen beginnt,
sucht sie eine Stelle, wo zwei Steine nahe beieinander liegen, und zieht sich
zwischen diesen ganz eng hindurch, so daß die alte Haut abgeht und darunter die
neue Haut zum Vorschein kommt.

Genau so soll der Mensch es machen mit der ,alten Haut', d. h. mit allem, was er
von Natur hat, wie groß oder gut es auch sei, also mit dem äußeren Menschen,
damit der neue, der innere Mensch ganz zum Vorschein komme. Und er soll sich
ständig daraufhin prüfen, ob etwas an ihm und in ihm am Veralten und darum
abzustreifen sei, und sich immer wieder auf sein wahres Selbst besinnen und
zurückziehen.

Bei alledem soll er sich bewußt bleiben, daß alles, was Gott ihm jeweils in der
Zeitlichkeit zufügt oder an Schickungen zuläßt, sei es Glück oder Unglück, Lust
oder Leid, ihm zum Vollkommenerwerden dient. Denn was auch immer über ihn
kommt, ist von Gott so vorgesehen und vorher in ihm gewesen, so daß es in dieser
Weise geschehen muß.

Wer dessen bewußt ist, der erregt sich nicht über die Dinge und Umstände, sondern
bleibt allezeit im Frieden. Diesen Frieden in allen Dingen und Lagen lernt und
gewinnt man allein in wahrer Abgeschiedenheit und Innigkeit. Wer ihn haben will,
muß sich nach innen wenden; denn dort allein wird er gefunden und gefestigt. Und
je mehr der Friede zunimmt, desto vollkommener wird der Geist Gottes gegeben
und desto reicher empfangen.

Das sei durch ein anderes Gleichnis verdeutlicht: Wie der Landmann im März,
wenn er sieht, daß die Tage zunehmen und die Sonne an Kraft gewinnt, seine
Bäume behaut und beschneidet, das Erdreich umgräbt und das Unkraut ausjätet, so
sollen wir uns selbst umgraben, die Ackerscholle unserer Gedanken und Werke
umkehren, daß wir den Grund prüfen, und wir sollen unsere Bäume beschneiden, d.
h. unsere äußeren Sinne und niederen Strebungen und Kräfte, und alles Unkraut
gründlich ausjäten.

Vor allem gilt es die sieben Hauptfehler gründlich auszujäten: Hoffart innen und
außen, Geiz und Zorn, Haß, Neid und Unkeuschheit, Leibes- und Sinnenlust in
aller Weise, in unserer Natur wie in unserem Geiste, daß sich da kein Mangel und
keine Trägheit verberge, vielmehr alles, was nicht auf Gott zielt, ausgemerzt werde.

Aber noch ist es dürr und kalt und hart in uns. Die Sonne gewinnt an Kraft, sie
steigt höher und der Sommer naht. Wenn der äußere Mensch und die niederen und
höheren Kräfte und schließlich der ganze Mensch außen und innen wohl bereitet
sind, kommt die göttliche Sonne und leuchtet in den wohl vorbereiteten Acker der
Seele bis in den Grund, und dann beginnt eine echte Maienblüte, der ein wonniger
Sommer folgt.

Also verleiht der gütige Gott dem Geiste, zu grünen, zu blühen und herrliche Frucht
zu tragen. Wenn der Heilige Geist seinen seligen Glanz und göttlichen Schein
unmittelbar und gegenwärtig in den Seelengrund ergießen kann - welche Freude
und Wonne erquillt da! Von dieser Wonne, die der Geist Gottes da unserem Geiste
schenkt, nur einen Tropfen zu schmecken, ist beseligender denn alle Beglückungen,
mit denen die Welt und die Kreaturen uns zu erfreuen vermögen.

Manche, die diese göttliche Seligkeit in sich erfuhren, möchten gern nur noch in
diesem Genießen verweilen und verbleiben. Sie meinen, dieser erste Strahl sei die
ganze Sonne, und möchten sich gern darin niederlegen und ausruhen. Aber wer so
handelt, der steht still, bleibt zurück und gelangt weder zum Blühen noch zum
Fruchttragen.

Andere bleiben dadurch zurück, daß sie beim Empfangen und Gewahrwerden
dieser Seligkeit in unechte Freiheit verfallen und sich, statt ihrem Ich zu
entwachsen, ganz auf ihr Ich zurückziehen und ihre Lust und Befriedigung im
Selbstbesitz sehen. Sie meinen, sie könnten sich darauf verlassen, dünken sich
darin sicher, werden schwach und verwöhnt und wähnen, sie brauchten nicht mehr
zu leiden und zu wirken wie vorher, sondern könnten sich ganz abgeschieden
halten. ..

...Wenn aber die Welt das merkt, gießt sie falsche Süßigkeit darein, damit der
Mensch ihr verhaftet bleibe, das unechte Selbst zurückbleibe und nicht zum
göttlichen Blühen und Fruchttragen gelange.

Was sollen wir da tun? Sollen wir uns dieser Seligkeit entziehen?

Keineswegs. Wir sollen sie vielmehr dankbar hinnehmen und sie willig wieder Gott
zutragen, indem wir mehr tun als vorher, mehr danken und loben, mehr lieben und
helfen als vorher, also unser brennendes Verlangen nach Gott in allen Dingen und
Werken vervielfachen.

So oft wir uns mit solcher Innigkeit Gott zuwenden und uns ihm in williger
Hingabe darbieten, so oft kommt Gott uns mit neuen Gaben entgegen in jedem
Augenblick. So erwächst aus der Seligkeit größere Innigkeit.

Das meint Petrus, wenn er uns mahnt, weise und wachsam zu sein und nicht träge
zu werden und einzuschlafen. Denn wer schläft, schafft nicht und kommt nicht
voran. Der wache und wachsame Mensch vollbringt sein Werk mit Freude,
Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit.

In solcher Weise sollen wir wach sein bei allem, was wir tun, stets auf uns selbst
acht geben und auf den Gott in uns, und sollen uns von seiner Gegenwart in uns bis
in die letzten Winkel unserer Sinne und unserer Seele erfüllen lassen, außen und
innen, damit wir des göttlichen Lichts gewahr und teilhaftig werden und in diesem
Lichte blühen und Frucht tragen.

Wahre Abgeschiedenheit besteht aber nicht nur darin, daß der Mensch sich von
aller äußeren Mannigfaltigkeit gelöst hat, sondern auch darin, daß er sich von der
inneren Mannigfaltigkeit der bildenden Kräfte mit ihren Gedankenbildern und
Phantasien abwendet und in der Einsamkeit verbleibt.
Denn erst, wenn er all dies gelassen hat, kommt Christus, auf den er wartet, in
einem Blick

und führt ihn mit diesem Blick über alle Dinge hinaus und entschädigt ihn für all
sein Warten.

Danach aber kommt die innere Finsternis, das völlige Alleinsein und der steile
einsame finstere Weg, auf dem er nichts weiß und nichts hat und auf dem ihm alles
begegnet, was er längst überwunden und besiegt glaubte: all das schreckt ihn nun.
Aber all das dient nur dem Entwerden des Ich und allen Ichverlangens.

Wenn er dem entworden ist, kommt Gott und macht ihm mit einem Blick die ewige
Liebe gewiß.

Das geschieht, wenn wir "weise und wachsam sind im Gebet". Darin berühren wir
das Letzte. Was meinte Petrus mit dem Gebet? Meinte er etwa das Gebet des
Mundes? Nein, er meinte mit Jesus jene Anbetung Gottes im Geiste und in der
Wahrheit, von der die Meister sagen, sie sei ein Aufgehen des Gemüts in Gott.

Das Lesen mit den Sinnen und das Beten mit dem Munde kann dazu dienen und
dorthin führen, und dann mag bei des gut sein. Aber wie mein Rock und meine
Kappe nicht ich sind, sondern mir nur dienen, so ist das Gebet des Mundes nicht
das wahre Gebet, sondern dient ihm nur und hilft dazu, daß Geist und Gemüt sich
unmittelbar in Gott einsenken. Das erst ist das wahre Gebet.

Und dieses wahre Gebet denkt und spricht man ohne Unterlaß im Himmel. Es trägt
das Gemüt gänzlich hinauf, so daß Gott unmittelbar in unser Innerstes und
Innigstes, den Seelengrund, eingehen kann, in dem wahres Einssein ist.

Von diesem innersten Grund sagt Augustinus, die Seele habe in sich einen
verborgenen Abgrund, der habe mit der Zeit und der äußeren Welt nichts zu tun
und sei weit erhaben über den äußeren Menschen und das Ich, das dem Körper
Leben und Bewegung gibt.

Hier, in dem Grunde der Seele, ist die Stätte und das Reich Gottes. Hier wird der
Mensch ganz still und wesentlich und immer mehr abgeschieden und nach innen
gewendet, immer lichter und gelassener; denn Gott selbst ist hier in seinem Reiche
und wohnt und wirkt hier.

Von hier aus kehrt der wahre Beter dann wieder in das äußere Leben zurückt,
wendet sich mit inbrünstiger Liebe und Hilfsbereitschaft allem zu, für das Gott ihn
vorgesehen hat, und widmet sich, um Rat zu schaffen, mit ganzer Liebe der Not der
Menschen, indem er, wie man mit einem Blick viele Menschen umfaßt, alle mit
sich in den Seelengrund hinabträgt, in den Abgrund der göttlichen Liebe, daß sie
allen zuteil werde.

So senkt er sich in den Abgrund der Einigkeit und kehrt wieder hervor und bleibt
vom mit seinem innersten Wesen in dem Grunde, aus dem auch sein Wollen und
Handeln erfließt.

In einem solchen Menschen findet man nur göttliches Wollen und Leben. Er dient
Gott zuliebe und allen Menschen zum Troste und zur Vollendung. Er wohnt in
Gott, und Gott wohnt in ihm.

Daß wir alle diese Abgeschiedenheit und Einswerdung erreimen, dazu helfe uns
Gott!

VON DER DREIEINIGKEIT DES MENSCHEN

"Seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens: ein
Leib und ein Geist, ein Gott und Vater aller, der da ist über euch allen und durch
euch alle und in euch allen. Eph.4,'4

Der Mensch ist ein dreifaches Wesen: das erste ist der äußere Mensch, das, was am
Menschen mit den Sinnen wahrnehmbar ist; das zweite ist der innere Mensch und
das dritte ist der aller-innerste gottförmige verborgene Mensch oder Christus in
uns. Und doch ist alles ein Mensch.

In seinem innersten Seelengrund ist der Mensch die Wohnstatt Gottes; und wer sich
ganz nach innen wendet und in sein Innerstes einsenkt, der wird im innersten
Grunde so unbeweglich und so vollkommen in den göttlichen Frieden versetzt, daß
ihn weder Lust noch Leid, weder Tod noch Leben bewegen kann.
Diesen Frieden gilt es zu erlangen, zu halten und zu hüten, damit Gottes Stätte in
uns bleibe. Ruhe und vertraue, kehre in Dich selbst ein, bleibe bei Dir selbst und
wende Dich nicht viel nach außen. Überlaß das Außen denen, die dessen noch
bedürfen, und richte Dein Sinne und Trachten auf Gott im Grunde Deiner Seele,
damit Dein Geist mit dem Seinen durch das Band des Frieden geeint sei.

Wenn Du in diesem Frieden stehst, wird Deine Seele in einem Blick vom Licht
Gottes erleuchtet, daß der Grund entflammt und daß es Dir ist, als ob Du selbst
verbrennen würdest und alle Menschen mit zur Entflammung brächtest ...

Dies geschieht im allerinnersten Grunde des erleuchteten Menschen; es strahlt aber


auch durch den inneren Menschen und bis in den äußeren, so daß der ganze
Mensch so durchgottet und durchlichtet, erneuert und friedevoll wird, daß alles,
was er alsdann wirkt, Gottes Werk ist.

Alle Weisen und Übungen der Religion weisen den äußeren Menschen auf den
inneren, in dem eine wahre Erneuerung ohne Unterlaß statthaben soll, damit der
aller innerste Mensch, der göttliche Grund, offenbar werde.

Wo diese Erneuerung geschehen soll, muß der äußere Mensch sich völlig einwärts
wenden in den inneren und in ihm allem Haften und Hängen an äußeren Dingen,
Wesen und Gütern wie auch sich selber entwerden, bis der innere Mensch ganz
Herr ist über den äußeren.

Das ist am Anfang nicht leicht, sondern schmerzlich, wenn man allen äußeren
Lüsten in Gedanken, Worten und Werken absterben will. Aber Gott blickt auf
unseren allerinnersten Menschen, Christus, und hilft uns: wenn wir uns lassen und
uns ihm überlassen, nimmt er in uns Wohnung - im verborgenen allerinnersten
gottförmigen Grund unseres Wesens. Dann kehrt der Seelengrund zurück in seinen
Ursprung, in seine Ungeschaffenheit, und wird da Licht im Lichte Gottes. ..

In diesem Licht erlischt und entwird alles natürliche und geistige Licht, das je
außer ihm und in ihm leuchtete, wie das Licht der Sterne verblaßt und erlischt,
wenn die Sonne aufsteigt. So verdunkelt das göttliche Licht, das nun im
Seelengrund aufstrahlt, alle geschaffenen Lichter, die je schienen, und erfüllt das
ganze Wesen mit seiner vor Oberlichtheit fast dunklen Lichtheit - so wie die Sonne,
wenn das Auge ungeschützt hineinschaut, es blendet und als Finsternis erscheint.

Ich sagte, daß alle Weisungen und Übungen der Religion den äußeren Menschen
auf den inneren weisen, in dem eine wahre Erneuerung ohne Unterlaß statthaben
soll, damit der allerinnerste Mensch - der göttliche Grund -offenbar werde. Und ich
wiederhole, daß sie nur dem frommen und nützen, der dabei nicht sich und sein
irdisches oder ewiges Wohl im Auge hat, sondern allein, den Willen Gottes zu tun,
sich zu lassen und Gott in sich wohnen und wirken zu lassen.

Das meinte Paulus mit seiner Mahnung, uns darin zu üben, daß wir die Einigkeit im
Geist, die Einheit von Leib, Seele und Geist, durch das Band des Friedens in Gott
erhalten. Wir sollen, in der Einwärtswendung, auf unseren Seelengrund achten und
uns dem allerinnersten Menschen einen, damit wir in die Einheit des Geistes, d. h.
zur Einigung unseres Geistes mit dem Geiste Gottes gelangen.

Wie aus gutem Holz ein großes Feuer entsteht und die Flamme hindurchdringt und
in die Höhe steigt, so soll die geistige Übung das Gemüt entzünden. Doch soll man
auch über dieses Bild hinwegschreiten und mit flammender Liebe durch den
inneren Menschen zum allerinnersten durchstoßen, denn der allerinnerste Mensch
kennt kein Eigenwirken, sondern nur das Lassen: er hält sich im Stande des
NichtTuns, damit Gott in ihm sein Werk vollbringe.

Wenn er dazu gelangt, erhebt sich der Geist Gottes, blickt in sich selbst hinein und
zieht das zum Lassen gelangte Gemüt nach sich und in sich selbst. Das geht in
einem Augenblick - je schneller, desto vollkommener. Hier wird der allerinnerste
Mensch ein Geist mit Gott.

Hier wird der wahre Friede Gottes geboren. Um den zu erlangen und zu halten,
muß man sich ständig im Lassen und Hingeben üben, und man muß dabei bleiben,
bis das Licht der Wahrheit aufstrahlt.

Denn wo etwas von Gott aufstrahlt, da ist Gott ganz gegenwärtig.

Daß wir zu dieser Einheit und zum Frieden Gottes gelangen, dazu verhelfe uns Gott

VOM SEELENGRUND

"Ein Schriftgelehrter versuchte ihn und fragte: Meister, was muß ich tun, daß ich
das ewige Leben ererbe?

Er aber sprach: Wie steht im Gesetz geschrieben?

Und der Schriftgelehrte antwortete: ,Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von
ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte, und
deinen Nächsten wie dich selbst.'
Jesus aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben."
Luk. 10; 25 f.

Wer des ewigen Lebens teilhaftig werden will, muß drei Zeugnissen folgen: das
erste kommt von Gott, das zweite aus seinem Seelengrund, das dritte aus der
Heiligen Schrift.

Der Schriftgelehrte folgte nur einem, auf das ihn Jesus hinwies, und wußte nichts
von den bei den anderen, nichts von dem inneren Adel, der im Grunde der Seele
verborgen ist, von der Verwandtschaft seines innersten Wesens mit dem göttlichen
Wesen, und von der Seligkeit des Seelengrundes, der den Zugang bildet zum
göttlichen Urgrund; und darum wußte er auch nichts von Gott.

Von diesem inneren Adel und Seelengrund haben viele Meister gesprochen, alte
und neue, von Bischof Albrecht bis Meister Eckehart. Der erstere nennt den
Seelengrund ein Bild, in dem die göttliche Dreieinigkeit sich verbirgt; der letztere
spricht vom göttlichen Funken im Seelengrund, der nicht ruht, bevor er nicht
wieder in den Gottesgrund zurückgekehrt ist, dem er entsprungen ist und in dem er
in seiner Ungeschaffenheit war.

Hiervon haben schon vor Christi Geburt und vor den Heiligen und Lehrern der
Christenheit auch andere große Meister gesprochen wie Plato, Aristoteles und
Proclus, die vom Innenadel wußten und vom Seelengrund kündeten. Was sie und
gleich ihnen die Lehrer der Christenheit bis zu Meister Eckehart kündeten, ist dies:

Die Seele hat einen Funken, einen Grund in sich, dessen Verlangen und Durst Gott
mit nichts anderem zu löschen vermag als mit sich selbst. Gäbe er ihr auch alle
Dinge, die er je schuf im Himmel und auf Erden es genügte ihr nicht und
vermöchte sie nicht zu sättigen. Das ist ihr von Natur inne.

Diesen Seelengrund und dieses Sehnen verkennen jene, die nur um ihren äußeren
Menschen wissen. Darum schmecken ihnen die göttlichen Dinge nicht. Wie groß
wird ihre Not sein, wenn sie an ihrem Ende gewahr werden, daß sie ihren
natürlichen Adel verkannt und unermeßliches Gut übersehen und versäumt haben!
Sie finden den Zugang nicht zum Reime Gottes.

Wenn jemand kommt, der tiefer sieht, sie vor dem Irrweg warnt und ihnen helfen
will, den Weg nach innen zu gehen und zu sich selbst zu finden, verspotten sie ihn
und sagen: "Hier ist ein neuer Geist gekommen; doch er ist uns zu hoch." Denn sie
wollen sich nicht vom neuen Geist erfüllen lassen, wollen sich nicht lassen, sich
nicht dem Lichte Gottes überlassen, sondern gehen weiter ihren Weg ins Dunkel. ..

Welcher Weg nun führt zum Seelengrund und zu jener Gottschau, die den Jüngern
zuteil ward, wovon im gleichen Kapitel gesagt wird: "Selig die Augen, die sehen,
was ihr sehet; denn viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und
haben's nicht gesehen."

Diese Propheten und Könige sind die weltweisen, hochgelehrten, selbstbewußten,


mit Macht und Einfluß ausgestatteten Menschen, die trotz Kenntnis aller Übungen
und Weisen nicht sehen, was die Jünger, die zur Nachfolge und Hingabe Bereiten,
sahen.

Und warum sehen sie nicht? Sie wollten sehen. Was sie bewegte, war ihr
Eigenwille. In eben diesem Eigenwillen aber liegt das Hindernis. Der Wille bedeckt
die inneren Augen, die rein sein müssen von allem Wollen und Nichtwollen, wenn
sie sehen sollen. Im Willen äußert sich vor allem der äußere Mensch, und auch
wenn er den inneren Menschen bewegt, bleibt er dem aller innersten, dem
Seelengrund, fern. ..

Dieser Wille muß entwerden. Wie Jesus sprach: "Ich bin nicht gekommen, meinen
Willen zu tun, sondern meines Vaters Willen", so müssen auch wir sagen: "Nicht
wie ich will, sondern wie Du willst!" Denn solange wir unseren eigenen Willen
wirken, sind wir dem Seelengrund und der Seligkeit fern.

Wahre Seligkeit besteht in Gelassenheit: im Lassen, in der Willenshingabe. Der


Wille ist die Säule, an der sich alle Uneinheit und Unordnung hält. Fällt diese
Säule, so fallen die Hindernisse, die der Heimkehr in den Seelengrund
entgegenstehen.

Wir erreichen das durch die Hinwendung zur Liebe. Ihr Wesen ist Hingabe, und ihr
Ziel und Gegenstand ist Gott. Bischof Albrecht erläutert, wie das Wort der Schrift
verstanden sei:

"Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen: Alles Denken und Trachten des Herzens
muß gänzlich von den Dingen und Kreaturen abgezogen und ausschließlich auf
Gott gerichtet sein.

...von ganzer Seele: Der innere Mensch muß Gott genau so zugewandt und
zugeneigt sein wie der äußere Mensch aus der Erkenntnis, daß Wesen und
Wahrheit nur in Gott ist.

...von allen Kräften: Alle Kräfte müssen darauf gesammelt und dahin geübt
werden, daß sie sich statt nach außen immer bewußter und zielstrebiger nach innen
wenden; sie müssen auf dieses Ziel gespannt und gesammelt sein, wie ein Bogen
kräftig gespannt und der Schütze einzig auf das Ziel gesammelt ist, nämlich auf
Gott.

...und von ganzem Gemüte: Die Übung der Liebe und die Sammlung aller Kräfte
hierauf muß zur Gewohnheit werden, damit das Gemüt ganz mit seinem Ziel und
Gegenstand eins und der Seelengrund ganz gottförmig werde."

Proclus spricht von dieser Einung und von dem Suchen danach als von einem
Stillewerden und Unbewegt-Stehen im Einssein mit dem Einen. Wenn die Seele
sich dahinein wendet und ganz Lassen wird, wird sie völlig durchgottet und hat teil
am ewigen Leben.

Solange der Mensch diese Seligkeit noch entbehrt und nach außen gerichtet ist,
kann er von diesem Seelengrund nichts wissen und darum auch nicht glauben, daß
dieser Grund in ihm ist. Aber dieser innerste Wesensgrund ist so beschaffen, daß er
den Menschen ständig in sich, in seinen Ursprung zurückzieht.

Dieser göttliche Zug hört nie auf. Und wenn der Mensch ihm folgt, sich von allem
löst und alles läßt, was ihm ungemäß ist, sich nach innen wendet und in die Stille
des Grundes gelangt, erkennt er sein wirkliches Wesen und seine göttlichen Kräfte
und schaut sich selbst als Ebenbild dessen, aus dem er entsprungen ist.

Die Augen, die dies sehen, werden selig genannt. Denn hier, im Grunde der Seele,
ist weder Sinnenhaftigkeit noch Gestalt, weder Zeitlichkeit noch Vergänglichkeit;
hier endet alle Unterscheidung im Innewerden des Einsseins. Hier strahlt das
göttliche Licht der Wahrheit, hier hat das ewige Leben seinen Aufgang.

Aus drei Gründen wird dies die „ewige Seligkeit" genannt: weil es ganz und gar
göttlich, d. h. ein Innewerden Gottes im Menschen ist, weil es gänzliches
Entsunkensein in Gott ist und weil es Gott ist, der den Seelengrund erfüllt und in
ihm wirkt.

Die unermeßliche Seligkeit liegt nicht im Tätigsein, sondern in der


Gottgelassenheit des Seelengrundes: Wer dazu gelangt, der wird mit Recht selig
geheißen. "Selig die Augen, die da sehen, was ihr sehet!"

Um dies zu erfahren, muß man sich lassen, zur Stille werden und alles Gott
überlassen. Paulus nennt dies den Frieden Gottes, der über alle Vernunft ist. In
diesem Frieden schaut Gott sich im gelassenen Gemüt und leitet den Menschen
zugleich in seinem äußeren Leben, daß ihm alles Schwere leicht wird, weil er nun
Gott in sich trägt und sich von Gott getragen weiß.

Daß uns allen dies geschehe, dazu helfe uns Gott!

SEELENGRUND UND GOTTESGRUND

„Er kam, um von dem Licht zu zeugen - von dem wahrhaftigen Licht, welches alle
Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen." Joh. 1; 7, 9

Man kann Johannes den Täufer nicht höher loben als mit dem Wort: "Er zeugte von
dem Licht." Das Licht, von dem er zeugte, ist ein wesentliches, über allem
Erkennen stehendes Licht. Es leuchtet im Innersten des inneren Menschen, im
Allertiefsten des Seelengrundes.

Wie nun gelangen wir zu diesem Licht? Unsere Ichheit mit ihrem begrenzten
Verstand vermag ihrer Natur nach hier nichts; aber Gott hat uns eine übernatürliche
Kraft und Hilfe gegeben: das ist das Licht der Vernunft. Es ist ein geschaffenes
Licht, das unsere Natur hoch über sich selbst erhebt und ihr alles darreicht, dessen
sie bedarf.

Darüber aber ist noch ein ungeschaffenes Licht im Menschen: das ist das Licht des
Selbst. Es ist ein göttliches Licht und ist Gott selbst. Denn wenn wir Gott erkennen
sollen, muß es durch Gott selbst geschehen, mit Gott und in Gott, wie der Prophet
sagt: "Herr, in Deinem Lichte sehen wir das Licht."

Es ist ein überwesentliches Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt
kommen. Es überstrahlt alle Wesen ohne Unterschied, wie die Sonne über allen
Kreaturen scheint. Wenn sie noch blind sind und das innere Licht nicht
wahrnehmen, liegt das nicht am Licht, sondern es ist ihre Schuld und ihr Schade.
Aber mag ein Wesen noch so tief in der Finsternis weilen: es hat allezeit die
Möglichkeit, zum Lichte durchzustoßen. Alsdann ist es im Licht.

Um aus der Finsternis zum Licht durchzustoßen, muß man sich von allem, was
zeitlich und vergänglich ist, abscheiden: von aller Lust der Natur und der Sinne, auf
die das Denken und Trachten gerichtet war, von den Kreaturen und allem, was nach
außen zieht, ausgenommen das, was zum Leben und zur Erfüllung der irdischen
Aufgaben unentbehrlich ist.

Denn erst in der Abgeschiedenheit und inneren Einsamkeit, in der die Stimmen der
Welt verstummt sind, wird das Wort Gottes vernehmbar.
Weiter müssen zur Abgeschiedenheit Stärke und Standhaftigkeit hinzukommen,
damit der Mensch, wenn er des Lichts gewahr wird, gelassen und unbewegt bleibt
wie ein Berg und nicht wie ein Schilfrohr zu Boden gedrückt wird. Hier versagen
viele, wie sich zeigt, wenn ein törichtes, spöttisches oder hartes Wort sie wie ein
Schilfrohr zu Boden drückt ...

...In dem hingegen, der hier standhält, fällt ein Strahl des Lichts in die oberen
Kräfte der Seele: in die Vernunft, den Willen und die Liebe. Wenn es die Vernunft
erhellt, wird der Mensch zum Propheten, also zu einem, der auch das Entfernte nah
und hell sieht; oder sagt ihm das innere Wort, wie etwas ist.

Nun heißt es von Johannes, er sei "mehr als ein Prophet". Das heißt: In dem
innersten Grund, in den die Vernunft und die anderen Kräfte nicht hineingelangen,
sieht man das Licht in dem Licht: man befindet sich im inneren Licht und erkennt
alsdann im kreatürlichen Licht das göttliche.

Was sich aber der Seele im Grunde darbietet, hat weder Bild noch Form, weder Ort
noch Weise: es ist ein unergründlicher Grund, schwebend in sich selbst, und in
diesem Grund ist Gottes Wohnung mehr als irgendwo anders. Wer sich dorthin
einsenkt, der findet da Gott und findet sich selbst in Gott und eins mit Gott. Denn
von diesem Grunde scheidet Gott sich nie. Hier ist dem vom inneren Licht erfüllten
Geist Gott gegenwärtig, und die Ewigkeit wird hier empfunden, in der es weder
Vorher noch Nachher gibt.

In diesen Grund vermag kein geschaffenes Licht zu reimen noch zu leuchten: hier
ist allein Gottes Wohnung und Wesen. Alle Kreaturen können diesen Grund weder
erfüllen noch ermessen; das vermag nur Gott selbst in seiner Unermeßlichkeit.

In diesen Gottesgrund gelangt allein der Grund der Seele; hier ruft und verschlingt
ein Abgrund den anderen. Hier ist völliges Einssein. Alles, was der Mensch in
seiner Vernunft über die Dreieinigkeit der Gottheit dachte, gilt hier nicht mehr.
Denn hier ist keine Unterscheidung mehr, sondern nur Einheit.

Wer sich in diesen Grund ganz einsenkt, dem ist, als sei er schon immer und ewig
hier gewesen und als sei er mit ihm eins, obwohl es nicht mehr als ein Augenblick
ist; aber solcher Einblick wird als eine Ewigkeit empfunden und ist ein Zeugnis
dafür, daß der Mensch in seiner Ungeschaffenheit ewig in Gott war. Als er in ihm
war, da war er Gott in Gott.
Was der Mensch heute in seiner Geschaffenheit ist, das ist er in Ungeschaffenheit
ewig in Gott gewesen und ist es noch: ein überseiendes Sein mit ihm.

Doch solange der Mensch, nachdem er aus der Ungeschaffenheit in die


Geschaffenheit hinausgeschritten ist, nicht in die innerste Einsamkeit und Lichtheit
zurückkehrt, kommt er nicht wieder in Gott. Bevor nicht alle Neigung nach außen,
alles Haften an Zeitlichvergänglichem, alle Ichheit und alles, was den Seelengrund
mit seiner Nichtheit anfüllt und ihn für Gott unempfänglich gemacht hat, kurz:
alles, was nicht Gott ist, völlig daraus entfernt, ausgetilgt und entworden ist,
vermag er nicht zu seinem Ursprung durchzustoßen und zurückzukehren.

Doch auch das genügt noch nicht: Der Geist muß zuvor vom inneren Licht erfüllt
und überformt werden.

Wer diese Durchlichtung, Überformung und Verwandlung erreimt hat und ein in
völliger Hingabe an Gott ganz in seinen innersten Grund entsunkener Mensch
geworden ist, dem mag es wohl gelingen, daß ihm in diesem Leben ein Blick der
höchsten Überformung durch das ungeschaffene Licht Gottes zuteil wird, in dem er
Gott erkennt: "Herr, in Deinem Lichte sehe im das Licht."

Und wenn er oft in seinen Seelengrund einkehrt und darin heimisch wird, würde
ihm mancher Blick in den Gottesgrund zuteil, in dem ihm von Mal zu Mal
deutlicher offenbar wird, was Gott ist.

Mit diesem innersten Grund waren große Meister wie Proclus und Plato wohl
vertraut, während viele Christen weder sich selbst noch das erkennen, was in ihnen
ist: weder den Seelengrund noch den Gottesgrund, weil sie statt nach innen nach
außen gerichtet sind und sich mit den äußeren Wahrheiten der Religion begnügen,
die sie hindern, über ihre Ichheit hinauszugelangen und den Weg nach innen zu
gehen.

Damit wir fähig und bereitet werden für das Erfüllt- und Überformtwerden durch
das innere Licht, müssen wir unsere ganze Liebeskraft statt nach außen nach innen
lenken und in ihr entflammen, um eine würdige Stätte für den Aufgang des
göttlichen Lichts zu werden. Wir müssen denken, begehren und sprechen wie
Augustinus:

"Herr, Du gebietest mir, daß im Dich liebe: gib mir, was Du mir gebietest! Du
gebietest mir, Dich zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen
Kräften und von ganzem Gemüte: gib mir, Herr, daß ich Dich vor allem und über
alles liebe!"
Wer das mit allen Fasern seines Wesens begehrt und sich mit aller Kraft seiner
Seele nach innen wendet, in dem wächst die Hitze seiner Liebe, bis ihre Glut ihm
Mark und Bein verzehrt und das Feuer der Liebe so stark und strahlend wird, daß
sein Herz zu leuchten beginnt und schließlich zu Gott und in Gott entflammt.

Dann antwortet Gott mit seiner Liebe und spricht sein Wort, das höher, lichtvoller
und leuchtender ist als alle Menschenworte. Davon sagt Dionysius: "Wenn das
ewige Wort im Seelengrund gesprochen wird und der Grund so viel liebende
Hingabe und Empfänglichkeit hat, daß er das Wort -Christus -in seiner Allheit
schöpferisch und vollkommen empfangen kann, dann wird der Seelengrund mit
dem Wort eins und wird das Wort selbst. Wenn er auch seinem Wesen nach seine
Geschaffenheit behält, ist er vom seinem Ursprung nach das Wort selbst."

Eben dies bezeugte Jesus: "Vater, daß sie eins werden, wie wir eins sind", und das
Wort, daß Augustinus von Gott empfing: "Du sollst verwandelt werden in mich."
Dahin gelangt man auf dem Wege der liebenden Gott-Entflammung des Herzens.

Auf diesen Weg nach innen sollen wir achtgeben. Es ist der Weg des Geistes zu
Gott und Gottes zu uns. Er ist schmal und verborgen, und jene verfehlen ihn, die
sich auf äußere Übung und Wirksamkeit verlassen und meinen, sich vom Ich aus
Gott nähern zu können.

Nein, wenn der Mensch den Weg nach innen betritt, muß er das Ich und seine
Schwächen und alle äußeren Unzulänglichkeiten lassen und sich mit der ganzen
Kraft seiner Liebe Gott überlassen und hingeben, sich selber entwerden und ganz in
der Liebe aufgehen. Dann mag es geschehen, daß er für Augenblicke schon in der
Zeit erfährt, was er ewig sein wird, wenn die Einheit erreimt ist.

Daß uns allen dies zuteil werde, dazu helfe uns Gott!

DIE GÖTTLICHE DREIEINIGKEIT IM SEELENGRUND

"Wir sagen, was wir wissen, und zeugen von dem, was wir gesehen haben; und ihr
nahmt unser Zeugnis nicht an. Und wenn ich von irdischen Dingen rede, und ihr
glaubt mir nicht; wie wollt ihr dann glauben, wenn ich von himmlischen Dingen
künde?" Joh.3;11f.

Johannes zeugt in diesem Kapitel von Gott, wie er seinen Sohn gab, und von der
Liebe und dem Licht des Heiligen Geistes, der jene selig macht, die an den
eingeborenen Sohn glauben.

Wie diese göttliche Dreifaltigkeit zugleich eins ist, bleibt dem Verstand so
unerkennbar wie die Wahrheit, daß der Vater ist, was der Sohn ist, und daß der
Sohn und der Heilige Geist ganz eins sind, und daß zugleich ein Unterschied ist der
Offenbarung nach - trotz der Einheit der Naturen.
Darum sollen wir nicht mit dem Verstand zu ergrübeln suchen, was wir nur
erfahren und erfühlen können, wenn wir uns Gott lassen. Und wir sollen Thomas
folgen: "Niemand soll über das hinausgehen, was jene Lehrer gesagt haben, die es
mit ihrem Leben erreichten und dem nachgingen, so daß sie es vom Heiligen Geiste
haben."

Vor allem aber sollen wir auf die Dreieinigkeit in uns selbst acht geben, sind wir
doch innerlich nach der göttlichen Dreieinigkeit gebildet; dann finden wir das
göttliche Bild rein und wahr im Seelengrund. Auf dieses Bild sollen wir achten, daß
es in uns ist; denn Gott selbst ist in diesem Bilde und ist dieses Bild selbst in
unbildlicher Weise.

Dieses Bild liegt im allerinnersten, verborgensten und tiefsten Grunde der Seele -
dort, wo sie ihrem Grunde nach Gott wesentlich, wirklich und seiend hat: dort
wirkt und ist Gott, und davon kann man Gott so wenig scheiden wie von sich
selbst. Dieser Seelengrund hat alles aus Gnade, was Gott in seinem Grunde von
Natur hat. So weit der Mensch sich in den Seelengrund einsenkt, so weit wird die
Gegenwart und Kraft Gottes in ihm wirksam.

Hiervon sagt Proclus: "Weil und solange der Mensch mit den äußeren Bildern
umgeht und in ihnen aufgeht, ist es unmöglich, daß er in diesen Grund
hinabgelangt, und solange glaubt er nicht, daß er in ihm ist. Wer aber zu ihm
gelangen und seiner inne werden will, der muß sich der Mannigfaltigkeit der
äußeren Bilder entzogen und sich ganz dem inneren Bilde zugewendet haben, und
er muß schließlich über das Schauen des Bildes hinaus zur Bildlosigkeit
weiterschreiten und eins werden mit dem Einen."

Das Gleiche bezeugt Christus mit seinem Wort: „Das Reich Gottes ist in euch." Es
ist inwendig im Seelengrund. Eben dies meint das Evangelium: "Wir sagen, was
wir wissen, und zeugen von dem, was wir gesehen haben; aber ihr nahmt unser
Zeugnis nicht an." Wie soll auch der sinnengebundene äußere Mensch dies Zeugnis
annehmen. Ist es ihm vom, weil er ganz auf die äußeren Sinne und Bilder gerichtet
ist, unvorstellbar und unglaubhaft. Er begreift und glaubt es ja nicht einmal, wenn
man ihm die himmlischen Dinge in irdischen Bildern und Gleichnissen nahe zu
bringen sucht ...

...Wie soll er da begreifen, was unbildlich ist: daß Gott seinen Sohn immerfort
gebiert - im Innersten seines Seelengrundes. Wer das erfahren und erkennen will,
der muß sich nach innen wenden - weit über alles Wirken seiner äußeren und
inneren Kräfte und Gedanken, über alles hinaus, was je von außen in ihn
hineingetragen wurde, und muß ganz in seinen innersten Grund entsinken.

Dann kommt die väterliche Kraft Gottes und ruft den inneren Menschen in sich
durch seinen Sohn Christus -, und wie der Sohn aus dem Vater geboren wird und
wieder in den Vater zurückfließt, so wird der Mensch in dem Sohne vom Vater
geboren und fließt mit dem Sohne in den Vater zurück und wird mit ihm eins und
weiß: "Ich und der Vater sind eins."

Das meint das Wort Gottes: "Du sollst mich Vater nennen und sollst nicht
aufhören, in mich einzugehen; heute habe im dich geboren durch meinen Sohn und
in meinem Sohne." Alsdann gießt sich der Heilige Geist in unaussprechlicher Liebe
und Lichtfülle aus und durchströmt und durchleuchtet den Seelengrund im
Menschen mit seinen Gaben und Kräften.

Von diesen sind zwei wirkend: die Güte und das Wissen. Der Mensch wird gütig
und liebevoll und zugleich wird ihm die Fähigkeit der Unterscheidung dessen, was
seinem Fortschreiten dienlich oder hinderlich ist. Die beiden folgenden sind
lassend: das ist der Rat und die Kraft von innen. Die dritte ist schauend: die
Hingabe, die empfängt und festigt alles, was der Heilige Geist gewirkt hat. Und
schließlich folgen die höchsten Gaben: die Vernunft und Weisheit. Dieser
göttlichen Weisheit auch nur einen Augenblick teilhaftig zu werden, ist höher und
besser als alles äußere Wissen und Wirken.

Hier bewahrheitet sich das Wort: "Der Heilige Geist bezeugt unserem Geiste, daß
wir Gottes Kinder sind."

Dieses Zeugnis finden wir in uns selbst. Ich Himmel, der in uns ist, sind drei
Zeugen: der Vater, der Sohn und der Geist. Sie leuchten im Seelengrund, und der
Seelengrund bezeugt es in Dir selbst, leuchtet in Deine Vernunft und gibt Dir
Zeugnis von Deinem wirklichen Wesen und Leben, wenn Du es nur erkennen
willst.

Um es zu erkennen, mußt Du den äußeren Menschen überwunden und Dich ganz in


den innersten Grund eingesenkt haben; denn draußen in den Dingen und auf
weltliche Weise findest Du es nicht.

Wenn man von mir sagt, ich hülfe den nach innen gewendeten Menschen, so trifft
das zu: ich helfe gern allen, die je vom innersten Grund berührt und erleuchtet
wurden, damit sie ganz dorthin gelangen.
Wenn Du dorthin gelangen willst, achte auf drei Punkte:

...zum ersten, daß Du nicht Dich und das Deine, die Dinge und Kreaturen im Sinne
hast, sondern einzig und allein Gott und den göttlichen Willen;

...zum zweiten, daß Du bei allem Tun und Lassen acht gibst, womit Du umgehst
und wohin Dein Sehnen gerichtet ist: auf Deinen innersten Grund;

...und zum dritten, daß Du nicht auf das blickst, was außen ist, Dir nicht anmaßest,
was Dir nicht aufgegeben ist, sondern das Lassen lernst: was gut ist, laß gut sein;
was böse ist, laß auf sich beruhen; senke Dich in den Seelengrund und achte auf die
Stimme Gottes, die in Dir spricht: sie ruft Dich und gibt Dir solchen Reichtum und
solche Erleuchtung, daß Du keines äußeren Rats und Beistands mehr bedarfst.

Daß wir diese drei Punkte beachten, nur noch Gott im Sinne haben - nicht nur in
Gedanken, sondern im Gemüt und bis in den Grund unseres Wesens - und ganz in
den Grund entsinken, in dem wir das Bild der göttlichen Dreieinigkeit finden, dazu
verhelfe uns Gott!

RECHTE NACHFOLGE

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, sie folgen mir und ich gebe
ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkehren und niemand wird
sie mir aus der Hand reißen." Joh. 10; 27 f.

Die Predigt aus dem Johannes-Evangelium berichtet, wie Jesus während einer
Kirchweihe zu Jerusalem im Winter in den Tempel ging.

Der Tempel meint die edle Seele des Menschen mit ihrem lichten Innern, auf das
Gott mehr Tätigkeit verwendet hat als auf die äußere Form der Kreaturen. In
diesem Tempel war Gottesdienst, d. h. eine Erneuerung fand in ihm statt.

Wie geschieht diese Erneuerung in diesem Tempel Gottes in uns, in dem Gott viel
lieber und eigentlicher wohnt als in allen Tempeln, die je auf Erden gebaut und
geweiht wurden?
Neu nennen wir das, was in seinem Ursprung und Anfang steht: wenn der Mensch
mit allen seinen Kräften und seinem ganzen Wesen in diesen Tempel einkehrt und
eingeht, in dem er Gott in Wahrheit wohnend und wirkend findet, und zwar in
lebendiger Innewerdung - nicht nur als Vorstellungsbild, sondern als beseligende
innere Wirklichkeitserfahrung, die wie ein starker Quell im Grunde der Seele
aufbricht und das ganze Wesen erfüllt und erneuert.

Wo das geschieht, da ist in Wahrheit Gottesdienst im Tempel der Seele.

Und so oft diese Einkehr geschieht - und sie mag tausendmal am Tage geschehen -,
so oft findet dort eine Neuwerdung von innen her, eine Erneuerung aus dem Geiste
statt - und jedesmal werden mit solcher Einkehr und Erneuerung neue Lauterkeit,
neues Licht und neue Kräfte und Einsichten geboren.

Es ist etwas beseligendes um diese Einkehr, und nur dazu dienen alle äußeren
Werke und Übungen, und nur hierin finden sie ihre Vollendung. Davon abgesehen,
haben sie wenig Bedeutung und Wert; denn wenn man auch alle guten Weisen und
Werke üben soll, soll man doch bei alledem nur diese Einkehr im Sinne haben,
damit der Gottesdienst im Tempel der Seele und die Erneuerung aus dem Geiste,
die Erfüllung mit neuem Geist vollkommen werde.

Nach dem Evangelium war es Winter, als Jesus den Tempel betrat.

Winter ist es immer dann, wenn das Herz erkaltet, erstarrt und hart geworden ist, so
daß weder das Licht noch die Glut Gottes darin sind. Denn der kalte Schnee und
der Frost - die niederen Strebungen, die das Herz nach vergänglichen Dingen
gieren lassen - löschen das Liebesfeuer des Heiligen Geistes im Herzen aus und
bewirken ein Ode- und Leersein allen göttlichen Trostes und der Kraft aus dem
Einssein.

Nun gibt es auch noch einen anderen Winter: wenn nämlich ein guter, gänzlich
Gott zugewandter Mensch, der nichts als Gott im Sinn hat, dennoch von Gott
verlassen wird und sich in der dunklen Winternacht der Seele innerlich finster und
dürr, kalt und arm an göttlichem Trost und fern der Seligkeit des Gotteinsseins
fühlt. ..

...In dieser Winternacht der Seele stand Jesus, als er sich von seinem Vater gänzlich
verlassen fühlte und von allen Menschen der am meisten leidende und von aller
göttlichen Hilfe am meisten verlassene war.
Durch diese Winternacht der Seele schreiten in der Nachfolge Christi alle Kinder
Gottes, bevor sie gleich ihm sagen können: "Ich und der Vater sind eins" ...

...Und doch sollten sie auch in dieser Nacht der Seele nicht verzagen, ist Gott ihnen
doch in Wahrheit näher denn je! Gerade in diesem völligen Verlassensein von Gott
wäre das Bewußtsein, daß Christus in ihnen gegenwärtig ist, ihnen wahrlich
nützlicher als in den Sommern spielenden Genusses, die sie vorher in der
Nachfolge Christi durchschritten. Kein Verstand kann begreifen, was in dieser
winterlichen Verlassenheit verborgen ist:

Wenn es gänzlich Winter geworden ist und die Finsternis, Kälte und quälende
Verlassenheit alles übertrifft, dann gilt es, in gänzlicher Gott-Gelassenheit zu
verharren, um für die Seligkeit der Nähe Gottes und für die Entflammung im
endlichen Einssein vorbereitet zu sein. Und es gilt, in der Gewißheit zu beharren,
daß Gott innen, im Seelengrund, lebendig gegenwärtig ist und daß sie alles Guten
ewig teilhaftig sind und bleiben!

Zu denen, die das nicht tun, sondern sich schon im Anbruch dieser Winternacht der
Seele um Rat und Hilfe nach außen wenden, sprach Jesus: "Ihr seid nicht von
meinen Schafen; denn meine Schafe hören meine Stimme,"

Warum nennt er die, die ihm nachfolgen, so oft ,Schafe'?

Das Schaf ist Sinnbild zweier Tugenden, die die Nachfolger Christi und Kinder
Gottes auszeichnen: Unschuld und Sanftmut. Unschuld und Willigkeit lassen das
Lamm nachfolgen, wohin sein Hirte geht. Und die Sanftmut ist Gott nahe. Beide
vernehmen Gottes Stimme, die der weltzugewandte, ungestüme und zornige
Mensch nie hört.

Wenn einer das göttliche Wort in sich vernehmen will, das im Innersten seiner
Seele gesprochen wird, muß er sich innen wie außen allem Lärm und Ungestüm
entzogen haben und sich wie ein Schäflein mit Sanftmut und Willigkeit erfüllen,
sich allen eigenen Wesens, Strebens und Stürmens begeben und in gelassenem
Schweigen hörbereit nach innen lauschen.

Denen, die so handeln, hat Christus ein hohes Erbe verheißen: das Erbe des Vaters,
das auch das unsere ist, soweit wir ihm nachfolgen - das Reich Gottes.

Der Sohn hat alles, was er ist und hat und vermag, vom Vater übernommen; und
wie er es empfangen hat, so hat er es ihm wieder hinaufgetragen, ohne etwas für
sich zu behalten; denn er suchte allein den Willen des Vaters zu erfüllen.
In gleicher Weise sollen wir ihm nachfolgen und ihn in uns als den Träger des
göttlichen Erbes erkennen, und sollen alles, was wir sind und haben und vermögen,
alles, was wir je an Kräften und Gaben vom Vater empfingen, innen und außen,
wieder hinauftragen zum Vater und nichts davon für uns behalten wollen. Ja wir
sollen uns selbst lassen, uns gänzlich Gott überlassen und Gott allein wollen und
wirken lassen.

Dann werden wir in solcher Nachfolge Erben des Reiches Gottes und der Fülle
Gottes teilhaftig.

Uns lassen und Gott wollen und wirken lassen heißt auch, daß wir unsere Weisen
und Übungen nicht überschätzen und uns nicht darauf stützen und meinen, dadurch,
daß wir so und so viel gebetet, gewacht, gefastet oder Verzicht geleistet hätten, den
rechten Zugang zum Reiche Gottes gefunden zu haben. Alle Übung ist gut, aber
besser ist die völlige Hingabe an Gott in Unschuld und Sanftmut, das Bloß- und
Ledigsein im Grunde der Seele, damit Gott den Grund ganz mit seinem Geiste und
seinem Willen erfüllen kann.

Daß dies uns allen zuteil werde, dazu verhelfe uns Gott!

STETE WACHSAMKEIT

"Da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum im Ägyptenland und
sprach: Stehe auf, nimm das Kindlein und seine Mutter und ziehe in das Land
Israel. ..Sie sind gestorben, die dem Kinde nach dem Leben trachteten." Matth. 2;
19 f.

Es gibt Menschen, die sich, sowie sie nach einem neuen Wesen oder einer guten
Same Verlangen tragen, sogleich mit aller Inbrunst darauf stürzen, ohne zu prüfen
und zu wissen, ob ihre Kräfte ausreichen oder ob ihr Vermögen so groß sei, daß es
bis zur Vollendung des Werkes genüge.

Bevor einer sich einer neuen Aufgabe oder Lebensweise zuwendet, sollte er den
Ausgang bedenken und die Innigkeit der Erhebung zuerst auf Gott richten und sich
für den Rat Gottes innerlich aufgeschlossen halten. Denn sonst entfernt er sich bald
von sich selber und von seinem Wege - und in solcher Verwegenheit verdirbt er am
Ende.

Als Josef mit dem Kind und der Mutter geflohen war und nachdem der Engel ihm
im Schlaf gesagt hatte, daß Herodes tot sei, da hörte Josef, daß dessen Sohn,
Archelaus, regiere. Deshalb blieb er weiter voll Wachsamkeit, damit das Kind nicht
doch getötet werde.
Herodes versinnbildlicht die Welt, die das Christuskind in uns zu töten sucht, der
man sich darum entziehen und der man mit Wachsamkeit begegnen soll, wenn man
das Kindlein erhalten will. Wenn Du der Welt nur äußerlich entfliehst, etwa indem
Du Dich in ein Kloster oder in die Einsamkeit zurückziehst, steht Archelaus
dennoch auf und herrscht: die Welt steht in Dir auf, und Du überwindest sie nur,
wenn Du Dich um so inbrünstiger nach innen wendest und der Hilfe von oben
überlässest.

Die Welt ficht Dich innerlich an mit Geltungssucht: Du willst gesehen, beachtet,
geehrt werden, willst anderen gefallen durch Deine Kleider, Deinen Wandel, Deine
Worte, Dein Benehmen, durch Weisheit oder Zuvorkommenheit, durch Freunde
oder Verwandte, durch Gut, Ehre und andere Dinge des Lebens.

Der zweite Feind ist Dein eigen Fleisch, das ficht Dich an mit geistiger
Unkeuschheit. In solcher Gefahr sind, die sich der sinnlichen Lust hingeben.
Darauf achte, daß nicht die Sinne den Geist beherrschen; denn wie die Leibesnatur
die leibliche Materie in ihre Unkeuschheit treibt, so die innere Unkeuschheit den
Geist, und so viel edler der Geist ist als das Fleisch, so viel ist die letztere
schädlicher als die erstere.

Der dritte Feind ist der Geist der Argherzigkeit, der Dich mit bitteren Gedanken
anficht, mit Argwohn und Ablehnung, Groll und Neid, Haß und Rache. "Das hat
man mir angetan, so hat man von mir gesprochen", sagst Du und zeigst ein finsteres
Antlitz, finstere Gebärden und das Streben, es in Wort und Tat den anderen zu
vergelten. ..All das gefährdet das göttliche Kind in Deiner Seele.

Soll es gerettet werden, mußt Du Dich all dem entziehen und stete Wachsamkeit
üben, daß es nicht das Kind töte.

Und wie Josef weiter forschte, ob noch jemand da wäre, der das Kind töten wollte,
so sollst auch Du bedenken, daß, wenn die genannten übel überwunden sind,
andere Gefahren auf Dich lauern, die Du nur erkennst, wenn Du Dich selbst-
besinnend nach innen wendest.

Josef versinnbildlicht eben dieses unentwegte Stehen im gottseligen Leben aus dem
Geiste. Und das ist der sicherste Schutz für das göttliche Kind in Dir.

Israel, in das ihn der Engel im Schlaf zu gehen hieß, bedeutet das Land der
Beschauung. Hier nun gehen manche fehl, indem sie die Meditation zum
Selbstzweck erheben und sich mit ihrer Hilfe aus den Verstrickungen der Welt
lösen und hohe Dinge schauen und erleben wollen, statt sich von Gott leiten und
lösen zu lassen. Es ist ein Jammer, zu sehen, wie viele Irrungen und Gefahren
hieraus denen erwachsen, die überall Rat und Hilfe suchen, obwohl sie alle Hilfe
und Erkenntnis doch einzig und allein in Gott finden. Darum gilt es, nach innen zu
blicken und alles andere Suchen zu lassen.

Josef wurde im Schlafe gemahnt. Das will sagen, daß der Mensch nach außen wie
ein Schlafender sein soll bei allen Leiden und Versuchungen, die auf ihn fallen
mögen: er soll nichts tun als in gelassenem Hinnehmen sich lassen und Gott wirken
lassen, um des Leides ledig zu werden. Dann wird er, wie Josef, im Schlafe auf den
rechten Weg gewiesen und aus aller Gefahr herausgeführt.

Als der Engel ihm sagte, der Feind seines Kindes sei tot, forschte er, wer an dessen
Stelle regiere. So auch sollen wir bis an unser Ende wachsam bleiben, daß niemand
und nichts das göttliche Kind in uns gefährde, und sollen auch auf die inneren
Feinde achten, daß sie uns nicht unversehens beherrschen und in die Irre führen.

Wir sollen uns immer wieder in uns selbst zurückziehen, in das Land der
Beschauung fahren und uns aus der Meditation Kraft holen, um der Welt in
Wachsamkeit gewachsen zu bleiben, bis das Gotteskind in uns ein Mann geworden
ist und wir mit ihm eins sind.

Dann erst stehen wir über den Dingen und kommen nach Jerusalem, der Stätte des
Friedens, und nach Nazareth, in die wahre Blüte, da die Blume des ewigen Lebens
entspringt und die Gewißheit sicheren Geborgenseins, zu der alle gelangen, die sich
lassen und Gott durch sich wirken lassen.

Daß dies uns allen zuteil werde, dazu verhelfe uns der liebreiche Gott!

LEID WEIST LICHTWÄRTS

„Und die Weisen gingen in das Haus und fanden das Kindlein, beteten es an und
opferten ihm Myrrhe, Weihrauch und Gold." Matth. 2; 11

Von den drei Geschenken, die die Weisen dem Kindlein darbrachten, wollen wir
hier nur zwei betrachten, vor allem die Myrrhe: sie ist bitter und versinnbildlicht
das Leid, das dazu dient, daß der Mensch sich von der Lust der Welt löse und zu
Gott finde.

Wie es der Lust süß ist, daß sie da ist, so müssen alle Dinge Dir bitter werden.
Dazu gehört ein großer und beharrlicher Geist. Denn je größer die Lust, desto
bitterer erscheint die Myrrhe des Leides.
Nun könnte man einwenden: "Wie kann der Mensch ohne Befriedigung seiner
natürlichen Begierden sein, solange er in der Welt lebt? Mich hungert - darum esse
im. Mich dürstet - und im trinke. Ich bin müde und gehe schlafen. Ich friere - und
wärme mich. Daß mir dies bitter werde, ist mir unmöglich, da es doch der Natur
gemäß ist."

Gewiß - antworte ich darauf -, aber diese Befriedigung soll nicht tiefer dringen, sie
soll keine Stätte im Innern haben, nicht Lust darbieten und nicht zu Gier werden,
sondern sie soll ohne Haften, mit Gelassenheit vollzogen werden. Auch die
Befriedigung, die Du bei guten Menschen findest, soll Dich nicht zum Haften
veranlassen, damit nicht Herodes und seine Knechte, die das göttliche Kind in Dir
suchen, es töten. Dein innerer Mensch soll über all dem stehen und frei sein.

Nun ist da eine andere Myrrhe, die weit über die erste geht, nämlich jene, die Gott
in Gestalt von Leiden gibt, äußeren und inneren. Wer diese Myrrhe in Liebe
hinnimmt - aus dem Grunde, aus dem Gott sie gibt -, der wird vom Frieden und der
Freude Gottes erfüllt. Denn das kleinste wie das größte Leiden kommt ebenso aus
dem Grunde seiner unaussprechlichen Liebe wie die höchsten und edelsten Gaben,
die er Dir verliehen hat. Wolltest Du das nur erkennen, dann wäre Dir das Leiden
so nützlich wie die größte Gabe.

Was auch immer Dich trifft - sei es Hunger oder Durst, Krankheit oder Betrübnis
durch die Umwelt, durch anderer Worte und Werke -, es ist alles von Gott so
geordnet, daß es Dir als Weisung und Leitung zum Licht dient.

Daß Deine Augen sehen, Deine Ohren hören, ist von Gott so gefügt; und wenn Du
blind oder taub wirst, so ist auch das im ewigen Plane Gottes so vorgesehen, damit
Du Deine inneren Augen und Ohren auftust und dankbar Gottes Weisheit erkennst.
Wie kann Dir der Verlust des Geringeren noch leid tun, wenn Dir das Größere
bewußt wird!

Ebenso ist es mit dem Verlust an Freuden oder Gütern, an Ehren oder Trost, oder
was Gott Dir sonst schickt: es dient Dir zur Weisung nach innen, zum wahren
Frieden, wenn Du es nur erkennen wolltest!

Ob es Dir verdient scheint oder unverdient - nimm es dankbar als von Gott zu
Deinem Besten gewollt, leide Dich und laß Dich, laß los und laß Gott machen!

Alle Myrrhen, die Gott gibt, wollen Dich zu Höherem leiten. Darum hat er die
Dinge in Gegensatz zum Menschen gesetzt, damit der Mensch geübt werde und zur
Vollkommenheit gelange.
Kein Maler kann sich so sorgsam überlegen, wie er jegliche Farben, die dunklen
wie die hellen, so wähle und jeden Strich so ziehe, kurz, lang oder breit, daß das
Bild eine meisterliche Form gewinnt, wie Gott mit den Farben und Strichen der
Freude und des Leides das Menschenbild zu der Form und Vollendung bringt, daß
es seinem Meister gleicht.

Wenn der Mensch nur die Gaben und Myrrhen, die Gott gibt, so sehen wollte! Aber
nun gibt es einige, die sich nicht mit dem begnügen, was Gott ihnen zukommen
läßt: sie wollen noch mehr auf sich laden und machen sich in ihrer kranken
Phantasie einen bösen Kopf, wollen selbst das Leid bestimmen, quälen und
kasteien sich, übertreiben selbst Gebet und Meditation und wenden sich mit
alledem gegen Gottes Willen, statt ihn wollen und wirken zu lassen.

Eine besonders bittere Myrrhe ist die innere Finsternis, Drangsal und Not. Wer sich
ihnen überläßt, dem verzehren sie Gemüt und Körper und erfüllen auch sein
äußeres Leben mit Finsternis und Trübsal. Auch hier gilt es sich zu besinnen,
wohin Gott wohl damit will, um ihn wirken zu lassen, statt es selbst besser wissen
und machen zu wollen. ..

Manche meinen hier klug zu handeln, indem sie das Leiden mit Menschenweisheit
umgehen. Sie nennen die äußeren Zufälle Glück oder Unglück und wähnen, wenn
sie sich so oder so verhalten, wäre es besser gegangen und das Leid verhütet. Sie
wollen weiser sein als Gott und ihn lehren und meistern, statt die Dinge von ihm
hinzunehmen und sich von ihnen lichtwärts leiten zu lassen. Solchen Menschen
wird die Myrrhe des Leidens sehr bitter.

Andere suchen die Myrrhe des Leidens innerlich nach ihrem Sinn zu ertasten und
ihre Weisung zu verstehen; sie lösen sich von der Last, indem sie sich von innen
her leiten lassen, und kommen so schneller vorwärts als die Klugen. Würden diese
ihrem Beispiel folgen, kämen auch sie sicherer und beglückter ans Ziel: sie würden
die verborgene Weisheit in allem erkennen und sich dienen lassen.

Aus solchem rechten Verhalten wächst ein edles Kräutlein: ein Zweig des
Weihrauchbaumes, dessen balsamische Körnchen die zweite Gabe waren, mit der
die Weisen das Kind beschenkten.

Weihrauch hat einen guten Duft. Wenn das Feuer das Körnlein ergreift, löst es den
darin gefangenen Duft, daß er aufgehe, und es entsteht ein guter Rauch daraus. Das
Feuer ist nichts anderes als die willige Hinwendung und flammende Liebe zu Gott,
die im Gebet liegt. Das ist der Weihrauch, der den edlen Duft des in Gott
entflammten Gemüts aufsteigen läßt.
Dies meint das Wort: Gebet ist nichts anderes denn ein Aufgang des Gemüts in
Gott. Wenn dieser Aufgang statthat, ist der Sinn des Gebets erfüllt, die Hingabe
erreicht, und dann bedarf es keiner Worte mehr.

Das offenbart sich auch bei einer anderen häufigen Form des Leidens: beim
Kranksein.

Davon spricht ein Gleichnis im Johannes-Evangelium (5; 5 f.), das von einem
Teich bei Jerusalem handelt, dessen Wasser von Zeit zu Zeit durch einen Engel
bewegt wurde: wer zuerst in das bewegte Wasser hineinstieg, der wurde gesund,
gleich, mit welcher Krankheit er behaftet war.

"Und es war ein Mensch daselbst achtunddreißig Jahre lang krank gewesen. Und
Jesus fragte ihn: Willst Du gesund werden? Der Kranke antwortete: Herr, ich habe
keinen Menschen, der mich in den Teich legt, wenn das Wasser sich bewegt... Und
Jesus sprach: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim. Und alsbald ward der
Mensch gesund, nahm sein Bett und ging heim."

Jesus richtete das Denken des nach außen blickenden, auf äußere Hilfe harrenden
Menschen auf das innere Heil und Heilsein und hieß ihn aufstehen, sein Bett
nehmen und heimgehen. Und sogleich war er gesund.

Achtunddreißig Jahre hatte dieser Kranke gewartet, bis Gott selbst ihn gesund
machte - eine Mahnung auch für jene, die, sobald sie ein höheres Leben beginnen
und dann nicht sofort Wunder der Wandlung erfahren, rasch enttäuscht sind, alles
für vergeblich halten und sich vor Gott beklagen, als ob er ihnen Unrecht tue.

Wie wenige haben die Tugend, daß sie sich von allem Hoffen und Harren auf
äußere Hilfe, von allem Haften an Vergänglichem frei machen und sogar sich selbst
lassen und Gott machen lassen! Eben darum erkennen die meisten nicht, daß sie
nicht einmal auf die Bewegung des ,Wassers im Teiche' -des Geistes zu harren
brauchen, sondern in Wahrheit unmittelbar gesunden und aufstehen können.

Wer sich dieser Gefangenschaft bewußt ist und nicht murrt und widersteht, sondern
sie trägt und sich nach innen wendet, bis Gott ihn in die Freiheit führt welche
Macht wäre einem solchen Menschen gegeben! Zu ihm wurde in Wahrheit gesagt:
Stehe auf: Du sollst nicht mehr in Gefangenschaft daliegen, sondern entfesselt sein
und in Freiheit wandeln! Und Du sollst Dein Bett tragen, d. h. das, was vorher Dich
trug, sollst Du nun aufheben und Deiner Macht bewußt tragen.

Wer solchermaßen - als Frucht seiner willigen Hingabe - von Gott selbst gelöst
wird, der wandelt voll Lust und gelangt nach solchem Harren in wunderbare
Freiheit, welche alle die entbehren, die sich selbst lösen wollen und vor der Zeit
auszubrechen suchen ...

...Denn wenn sie auch den Augenblick der Bewegung des Wassers abwarten und
sich in den Teich begeben, zur Gesundung finden und ihre Gefangenschaft los sind,
so geschieht es doch, daß sie irgendeinmal unversehens und unbehutsam aus
diesem Frieden heraustreten in die äußeren Weisen und Übungen - und dann
geschieht es ihnen, daß sie in eine Unkenntnis Gottes kommen und sich von Gott
verlassen fühlen.

Als die Juden den Geheilten fragten, wer ihn gesund gemacht habe, da wußte er es
nicht. Als er aber wieder in den Tempel kam, da sprach Christus ihn an, und da
erkannte er ihn. Ebenso soll es der edle Mensch halten: wenn er solche Unkenntnis
in sich gewahr wird, soll er alle Dinge lassen und schnell in den Tempel gehen, das
heißt: er soll sich in williger Nach-Innen-Wendung und Sammlung aller seiner
Kräfte nach innen in seinem inwendigen Tempel ganz in seinen innersten
Seelengrund einsenken. Wenn er dorthin gelangt, findet er da wahrlich und ohne
Zweifel Gott und wird ihn erkennen. Dann redet Christus ihn an und spricht zu
ihm: "Siehe, Du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr und hüte Dich in
Zukunft besser, daß Dir nichts Ärgeres geschehe!" Dann handelt er wie der von
Christus Geheilte: sein ganzes Wirken und Wissen und Leben offenbart von da an
sein Einssein mit Gott.

Daß dies uns allen geschehe, dazu verhelfe uns Gott!

FREI SEIN VON SORGEN

"Alle eure Sorgen werfet auf ihn; denn er sorgt für euch." 1.Petr.5;7

Wir alle leben in einer Welt steten Wechsels, Werdens und Vergehens und damit in
einer Welt der Leiden und Sorgen. Aber so viel Leid außen, so viel Licht innen,
und wer sich, statt sich von den äußeren Dingen und Sorgen beengen, ängstigen
und jagen zu lassen, gelassen nach innen wendet und sich und seine Sorgen Gott
überläßt, der erwacht zur Freiheit der Kinder Gottes.

Um das zu erreichen, sind drei Dinge nötig: Hingabe, Liebe und Gelassenheit. Mit
diesen drei Dingen erreicht der Mensch alle Vollkommenheit.

Wir sind alle dieser drei Tugenden mächtig. Denn Gott hat sie in seiner Liebe in
uns angelegt, damit wir sie entfalten und mit ihrer Hilfe vollkommen werden.

Vor allem hat er uns als Siegel unserer Verwandtschaft mit ihm das edle göttliche
Fünklein in den innersten Grund unserer Seele gegeben, das uns zuinnerst ist und
uns viel näher, als wir uns selber sind, und das uns, d. h. unserer Ichheit, doch
fremd und unbekannt ist. Wären wir in Ordnung, also mehr nach innen als nach
außen gewendet, dann wüßten wir um diesen Gottesfunken in uns, blieben bei uns
selbst und wären innerlich eins.

Anlaß zur ersten Tugend, der Hingabe, finden wir in unserem äußeren und inneren
Menschen in allen nach außen gerichteten Neigungen, die uns an vergänglichen
Dingen haften lassen und so ins Nichts ziehen, und die zugleich die Schwachheit
unserer Natur offenbaren, die sich von jeder Lockung, die von außen kommt, zur
Sünde, zur Sonderung und Entfernung von Gott, mißleiten läßt, dabei aber auch
offenbar macht, daß alle Hingabe nach außen in zunehmende Dunkelheit, in die
Nacht des Nichtseins führt, während die wahre Hingabe nach innen zum Licht
Gottes in uns leitet.

Die zweite Tugend ist die wahre göttliche Liebe. Auch diese Kraft hat Gott in uns
gelegt. Ein Meister sagt, es wäre so unmöglich, daß der Mensch ohne Liebe lebt,
wie, daß er ohne Seele lebt. Wäre der Mensch nun in Ordnung und mit sich selber
eins, würde er Gott mehr lieben als sich selbst. Aber die meisten geben ihrer Liebe
ebenso wie ihrer Hingabe die falsche Richtung: nach außen, in die Welt, zu den
Wesen und Dingen, statt nach innen: zu Gott und zum ewigen Leben. Auch hier
gilt es also die Wendung von außen nach innen.

Die dritte Tugend ist Gelassenheit. Sie entspringt der Vernunft und der
Besonnenheit. Alles, was nicht aus Besonnenheit gewirkt ist, mangelt des Lichts
der inneren Sonne und führt in Dunkelheit, Wirrnis und Sorge. Rechte
Besonnenheit hingegen lehrt und hilft uns, alle Sorgen und uns selbst zu lassen und
gelassen Gott wirken zu lassen.

Damit sind wir wieder bei der ersten Tugend, der Hingabe: sowie wir unsere
Sorgen und uns selbst Gott anheimgeben, sorgt er für uns. Folgen wir dem Willen
Gottes, dann leitet er uns. Und je williger wir uns einwärts wenden und je
vollkommener wir uns Gott anheim geben, desto mehr erfahren wir seine Führung,
seine Gaben und Hilfen.

Findet er uns jedoch, wenn er uns ruft, nach außen gewendet und an die Dinge
hingegeben, drückt er uns nieder, und die Sorgen werden riesengroß. Findet er uns
aber nach innen gewendet und, der Nichtheit des Ich bewußt, bereit, uns ihm willig
zu überlassen, dann hebt er uns zu sich empor.

Zwar hilft er uns auch, wenn wir dessen in unserem Nach-Außen-Gewendetsein


nicht bewußt sind; aber wenn wir in uns selbst einkehren, werden wir dessen recht
gewahr, wie stark er uns zu sich zieht, wie weise er uns leitet und wie auch das
Geringste von ihm so geordnet und gelenkt wird, daß es unserem Besten dient.
Wir handeln recht, wenn wir uns wie eine Stadt fühlen, die vom Feinde belagert
wird, und an allen Toren und auf allen Mauern Wache halten, wo der Feind
angreifen und eindringen könnte, wo unsere Natur am schwächsten ist, um jedem
Einbruch zuvorzukommen.

Nun versetzt uns der Feind, die Welt, gern in Angst und Sorgen, erinnert uns an
unsere Schwäche und Ohnmacht und möchte uns einreden: „Warum willst Du in
Sorgen leben und in Furcht vor dem, was der nächste Tag wohl bringen mag?
Öffne uns Deine Tore, lebe in Freude und Freiheit wir wir hier draußen und
genieße Dein Leben, solange Du kannst!"

Solchen Lockungen gegenüber gilt es uns vorzusehen, solange es Tag ist, daß uns
nicht die Finsternis der Weltzugewandtheit ergreife und übermanne und der Feind
in unser Inneres einbricht und dann keine Umkehr und Rettung mehr möglich ist.
Es gilt, uns zu besinnen, uns mit unserer Liebe und unserem Vertrauen nach innen
zu wenden, alles Sorgen und uns selbst zu lassen und Gott anheimzugeben, damit
er für uns sorge. Gerade wenn wir angesichts der Lockungen und Drohungen der
Welt in Zweifel und Verzweiflung geraten und meinen, es sei alles verloren, sollen
wir uns gänzlich nach innen wenden und alle Sorgen völlig Gott an heimgeben.

Wenn man bei aufkommendem Sturm auf einem Schiff ist und die Gefahr des
Strandens an unwegsamer Küste wächst, gilt es, den Anker auszuwerfen, bis er im
Grund einen Halt findet. Dann hat man Sicherheit. Genauso sollen wir, wenn die
Wogen der Sorgen uns bestürmen, Krankheiten und seelische Nöte uns bedrängen
und uns zu vernichten drohen, alles Äußere lassen und den Anker des Vertrauens in
den Grund unserer Seele senken und in Gott Halt suchen. Dann sind wir in
Sicherheit.

An dieses vertrauende überlassen unserer Sorgen an Gott sollen wir uns gewöhnen
wie an andere Tugenden, und uns zugleich im rechten Handeln üben. Denn unrecht
denken und leben und zugleich auf Gott vertrauen, das wäre eine Sünde wider den
Geist. Nein, unser Vertrauen soll, in Erkenntnis der Nichtheit unseres Ich, in
völliger Liebe ganz in das Bewußtsein der Gegenwart Gottes eingesenkt sein, in
williger Abkehr von allem Außen. Denn aus solcher Abkehr kommt die rechte
Einkehr in Gott und damit das Geborgensein in Gott. Und warum nicht uns
vertrauensvoll dem überlassen und hingeben, der uns das Leben gab und uns so
unermeßlich viel Gutes zufügte? Lassen wir darum die Dinge, die Sorgen und uns
selbst - und geben wir sie und uns Gott hin. Dann haben wir den Anker unseres
Lebensschiffleins in den göttlichen Grund gesenkt und sind jenseits aller Sorgen in
Sicherheit.
Aber viele gehen diesen Weg nicht zu Ende, weil ihr Trachten und Wirken noch
überwiegend nach außen gerichtet ist. Und wenn sie von innen berührt und von
Gott gerufen werden, gehen sie auf und davon an einen anderen Ort oder in ein
anderes Land. So fliehen sie vor sich selbst und vor Gott, fangen immer wieder
etwas anderes an, kommen zu nichts und laufen am Ende in ihr Verderben. ..Heute
wollen sie dies, morgen das; heute laufen sie diesem, morgen jenem Lehrer nach,
übermorgen möchten sie in ein Kloster gehen oder in die Einsamkeit - aber immer
blicken sie dabei nach außen statt nach innen - und kommen darum nicht zum
Frieden und zu Gott. Denn Gott, der Friede und die Sicherheit sind innen.

Hingegen handelt der weise, der, wenn er ein neues Werk beginnen oder sein
Leben ändern will, sich damit völlig in Gott einsenkt und im Stillesein nach innen
darauf achtet, was Gott von ihm will, um dem in williger Hingabe, Liebe und
Gelassenheit zu folgen.

Alsdann wird Gott große Dinge in ihm wirken und ihn aus aller Ungewißheit und
Sorge herausführen. Denn er hat nun aufgehört, Christum in sich immer aufs neue
zu kreuzigen, und er wird in ihm auferstehen und zum Einssein mit dem Vater
finden.

Daß wir alle dahin gelangen und aus aller Not und Sorge in die Geborgenheit des
Reiches Gottes emporgezogen werden, dazu helfe uns Gott!

ÄUSSERE UND INNERE LIEBE

"Ich bin in guter Zuversicht, daß der in euch angefangen hat das Gute, der wird's
auch vollenden.... Darum bitte ich, daß eure Liebe mehr und mehr reich werde an
Erkenntnis und Erfahrung." Phil. 1; 6, 9

Das Edelste und Beglückendste, von dem man sprechen kann, ist Liebe, und nichts
Nützlicheres kann man üben. Gott verlangt weder große Vernunft noch tiefe
Gedanken noch große Übungen - wenn man gute Übungen auch nicht lassen soll,
allen Übungen gibt doch erst die Liebe ihren Wert -; Gott verlangt nur Liebe. Sie
ist, nach Paulus, das „Band der Vollkommenheit".

Vernunft haben viele, große Werke findet man bei Gerechten und Ungerechten; die
Liebe aber trennt die Guten von den Unguten, denn "Gott ist die Liebe, und die in
der Liebe wohnen, die wohnen in Gott und Gott in ihnen."

Darum sollen wir uns zuerst und vor allem in der Liebe üben und Gott so lieben,
wie er uns seit je liebt. Dann wendet sich unsere Liebe nicht noch nimmt sie ab,
sondern sie bleibt auf Gott gerichtet und wächst immerfort; denn Liebe gewinnt
man mit Liebe, und je mehr man liebt, desto umfassender vermag man zu lieben.

Die Liebe hat nun zweierlei Weisen: eine äußere und eine innere. Die äußere Liebe
ist auf den Nächsten gerichtet, die innere unmittelbar auf Gott. Dazu, daß diese
Liebe zunehme, ist Erkenntnis nötig. Darum bittet Paulus, daß unsere Liebe
"reicher werde an Erkenntnis und Erfahrung." Wir sollen uns nicht mit dem Guten
begnügen, sondern immerfort nach dem Besseren und Allerbesten trachten. Und
dazu sind Erkenntnis und Erfahrung nötig, damit wir bei unserer Liebe um Ziel und
Weg wissen und von Liebe zu Gott überströmen.

Die wahre göttliche Liebe, die wir innerlich haben sollen, sollen wir wiederum
wahrnehmen und abmessen an der Liebe, die wir äußerlich unseren Nächsten
gegenüber im Herzen tragen. Denn wir lieben Gott nicht, solange wir nicht unsere
Nächsten lieben wie uns selbst. Wie geschrieben steht: "Wie kannst du Gott lieben,
den du nicht siehst, solange du deinen Bruder nicht liebst, den du siehst!"

Hierauf zielt das göttliche Gebot: "Liebe Gott und Deinen Nächsten wie Dich
selbst!" Freue Dich mit ihm und leide mit ihm in allen Dingen und sei mit ihm ein
Herz und eine Seele, wie es zu der Apostel Zeiten war: "Alle Güter waren unter
ihnen gemeinsam."

Kannst Du dies nicht äußerlich beweisen, weil es Dir an Mitteln fehlt, sollst Du es
innerlich haben und üben im immer bereiten Willen zum Tun des Guten. Und
kannst Du Deinem Nächsten nicht Gutes tun, dann sprich wenigstens gute,
liebreiche Worte zu ihm aus dem Innersten Deines Herzens.

Auch soll Deine Liebe sichtbar werden an den unvollkommenen Menschen: ihre
Fehler sollst Du in Liebe und Geduld ertragen, sie nicht verurteilen und schelten,
sondern sie im Geiste der Liebe Gottes anheim geben. Wenn Du anders fühlst und
handelst, so erkenne daran, wie sehr es Dir noch an der inneren Liebe mangelt.

Eben daran, wie weit Deine äußere Liebe reicht, kannst und sollst Du Deine innere
Liebe prüfen, die einwärts auf Gott, auf ihren Ursprung gerichtet ist.

Dazu bedarf es der Einsicht und Erkenntnis, daß beide Weisen der Liebe in gleicher
Ordnung stehen. Das meint Pauli Wunsch, daß unsere Liebe "mehr und mehr reich
werde an Erkenntnis und Erfahrung"; denn aus der einen Liebe erblüht die andere.
Und wie die äußere Liebe sich darin bewähren soll, daß man die anderen Menschen
nicht der Liebe unwürdig findet, sie ihnen vielmehr uneingeschränkt und
ausnahmslos zuteil werden läßt, so soll die innere Liebe von Grund aus auf Gott
gerichtet sein, und der Mensch soll nicht sich selbst zu solcher Liebe für unwürdig
halten, sondern soll samt seinen Mängeln und Schwächen in liebender Hingabe in
Gott entsinken, den eigenen Willen lassend und sich gänzlich Gottes Willen
überlassend.

Die wahre innere Liebe läßt den Menschen in solcher Hingabe sich selber
entwerden, daß Gottes Wille und Gerechtigkeit in ihm und an ihm geschehen kann.
"Nicht wie ich will, sondern wie Du willst!"

Wer so liebt, der wird der Liebe Gottes teilhaftig und gelangt zu solcher
Hinwendung und Hingabe, daß er völlig in Gottes Willen eingeht; und alle Fehler
und Schwächen, die ihm anhaften, können das nicht verhindern. Aber das kann ihm
nur Gott geben, und es kann ihm nur dann geschehen, wenn die Liebe in den
Geliebten versinkt.

Wer so liebt, der wird jenem Gottesfreunde gleich, der da bekannte: "Ich kann nicht
anders, im muß meinen Nächsten das Himmelreich noch mehr und noch inniger
wünschen als mir selber." So empfindet der wahrhaft Liebende.

Der innerlich Liebende will nichts für sich. Er will weder reich noch arm sein,
sondern läßt sich selbst und alles, was nicht Gott ist, und läßt Gott machen. Dann
kann und wird „der, der das gute Werk in ihm begonnen hat, es auch vollenden."
Die Liebe wächst, bis sie überfließt ob der Seligkeit der Selbsthingabe.

Alsdann erreicht die innere Liebe ihren höchsten Stand und wird zum Einssein.

Aber zuvor durchschreitet sie das Tal der Finsternis und Erkenntnislosigkeit. Da
wird ihr weh und bang ob des Fernseins von Gott, dem ihre Hingabe galt. In dieser
äußersten und höchsten Hingabe entwird sie allem Haften und Haben und entwird
sich selber völlig. Denn hier liebt Gott sich selber und ist sich selber der
Gegenstand seiner Liebe.

Hier wird die Liebe ganz in Gott überführt und überformt. Hier ruht der Geist in
Gottes Geist, in der Stille des göttlichen Wesens. Da strahlt das göttliche Licht in
die Finsternis der Entwordenheit, und ist nichts als Gott in Gott.
Alle Vielheit und Zweiheit ist zu eins geworden: da wird mitten in der Nacht der
Seele Christus in ihr geboren und der ewige Tag bricht an, von dem ein Meister
schrieb: „Das Licht Christi leuchtet in unserem Seelengrund strahlender, als die
Sonne am Himmel leuchten kann."

Das ist, was die Gottesfreunde uns lehren wollen und worum Paulus bittet: daß
unsere Liebe immer reicher werde an Erkenntnis und Erfahrung und zu wahrer
Gottesliebe werde... Aber so viele reden von ihrer Liebe zu Gott und meinen im
Grunde ihres Herzens und ihrer Seele sich selbst: ihr kleines Ich, das auf das
Haben, seine Ehre und seinen Vorteil aus ist.

Zu diesen gehören jene Pharisäer, die meinen, sie seien gut daran mit Gott. Denn
wenn man ihren geistigen Übungen, Gebeten und Meditationen auf den Grund
geht, so ist das, was sie im Sinn haben und lieben, nicht Gott, sondern ihr Ich. Und
das merken sie nicht. Sie tun viele gute Werke, knien und beten und bezeichnen
sich als Sünder; aber mit alledem gelangen sie nicht zu Gott; denn ihre Gesinnung
und ihre Liebe ist nicht Gott zugekehrt, sondern sich selber und den Kreaturen,
ihrem eigenen Wollen und Haben, ihrer Lust und ihrem Nutzen - innen wie außen.

Sie sind nur mit einem kleinen Teil ihrer Gedanken und ihres Gemüts bei Gott,
erfüllen also nicht das Gebot, ihn von ganzem Herzen, mit allen Kräften und mit
dem ganzen Gemüt zu lieben. Und darum antwortet Gott ihnen nicht.

Dann gibt es andere, die etwas besser daran sind: sie haben sich von den weltlichen
Dingen gelöst, soweit sie es vermögen. Aber ihre Weise ist noch ganz sinnlich und
bildlich. Sie denken an den Menschen Jesus, wie er geboren ward, lebte, litt und am
Kreuze starb. Das alles fließt mit Lust und Tränen durch sie hindurch wie ein Schiff
durch den Rhein und ist ganz sinnenhaft und fleischlich, nicht geistig.

Solche Leute neigen dazu, mehr auf die Werke zu sehen als auf den, in dem alles
Werk endet. Sie achten mehr auf das Drum und Dran als auf das Wesen, mehr auf
den Weg und was am Wege liegt, als auf das Ziel und übersehen im Blick auf das
Äußere das Innere. ..

...Doch ist gegen diese Weise nichts einzuwenden, weil sie ein Weg sein kann von
der sinnenhaften zur geistigen Liebe, die ohne Bild ist, von der äußeren Hinneigung
zur inneren Hinwendung mit dem ganzen Herzen und mit allen Kräften der Seele
und damit zum Einssein. Der Mensch muß nur lernen, von den äußeren bildlichen
Weisen zur inneren bildlosen Weise weiterzuschreiten, also nicht in den äußeren
Bildern zu verharren, sondern durch sie hindurchzustoßen zum Wesen in den
Grund, wo die ewige Wahrheit unmittelbar leuchtet.
Um das zu erreichen, gilt es, das Gemüt und alle seine Kräfte von den sinnlichen
Bildern abzuziehen und den ewigen Dingen zuzuwenden: wie Du vorher der
bildlichen Weise gedachtest, etwa der Geburt, des Lebens, Wirkens und Leidens
Jesu, so wende Dich nun der inneren Weise zu, dem inneren Werk, der ewigen
Geburt:

Wie das Wort im Herzen Gottes geboren ward, nach außen geboren und doch innen
bleibend, wie der Heilige Geist hervorblüht in unaussprechlicher Liebe und wie das
Göttliche in seiner dreifachen Offenbarung doch eine lautere Einheit ist: in diese
Einheit senke Dich ein, trage Dein Nichtsein, die Mannigfaltigkeit Deiner Ichheit
und Nichtheit, in diese verborgene lautere Einheit, erkenne den Unterschied
zwischen Deinem äußeren Menschen und dem ewigen inneren Wesen, das kein
Vorher und Nachher hat, sondern nur ewige Gegenwart und ewiges Selbst-Sein und
Einssein mit Gott.

Dieser ewigen Gegenwart halte die Flüchtigkeit der Zeit und die Vergänglichkeit
Deines Ichs und des äußeren Lebens entgegen. Dann zieht die Gottesliebe Dich
immer höher in die Abgeschiedenheit und Entwordenheit und führt Dich über alle
Bilder hinaus und von allen Deinem Wesen fremden äußeren Dingen weg, daß sie
Dir im gleichen Maße entfallen, wie eine Liebe sich gänzlich dem
überwesentlichen Gott zuwendet.

Je tiefer so der Mensch in sein Nichts entsinkt, in liebender Hingabe seiner Ichheit
entwird, desto heller strahlt die Liebe und das Licht Gottes in ihm auf nicht in
Bildern oder bloß als Erleuchtung in die Kräfte der Seele, sondern ohne Bild und
unmittelbar in ihrem Grund.

Das sei denen gesagt, die, von den ersten Erleuchtungen berührt, glauben, damit
alle Wahrheit gefunden zu haben, und sich nun dem Wohlgefallen an - sich selbst
hingeben und meinen, sie seien „über alles hinausgelangt" und den anderen weit
überlegen. In Wahrheit stehen sie im natürlichen Licht und haben keinen
Durchbruch vollzogen in die Freiheit der Kinder Gottes. Sie sind noch Liebhaber
ihrer selbst und Gott fern.

Anders der in wahrer Gottesliebe Entflammte: er weiß um die Nichtheit des Ich, er
fühlt sich als ein ewig Fortschreitender und hat nur nach einem Verlangen: Gott
über alles zu lieben und sich ihm gänzlich hinzugeben. Er verfällt weder in falsches
Nichtstun noch in unechte Freiheit und flattert nicht hier hin und dorthin, sondern
er will und liebt mit seinem ganzen Wesen nichts als Gott.
In solcher Liebe ist Gott gegenwärtig. Darum strahlt sie so mächtig in dem Grunde
der Seele, daß der Geist das Licht nicht zu ertragen vermag, seinen letzten Halt
aufgibt und ganz in dem Gottesgrund entsinkt, sich selber, allem Erkennen und
allem Werk entwird, so daß Gott in ihm wirken, in ihm erkennen und lieben muß,
da sonst nichts mehr ist als Gott.

Was bleibt dann im Menschen? Nichts als ein völliges Entwordensein seiner
Ichheit, ein völliges Lassen aller Eigenheit in Wille und Gemüt, Wesen und Leben.
In dieser Verlorenheit entsinkt der Mensch ganz und gar in den Gottesgrund, und es
dünkt ihn, als würde er nun erst beginnen, wirklich zu leben - nicht mehr von unten,
sondern von oben, nicht mehr aus den Sinnen, sondern aus dem Geiste, nicht mehr
aus sich, sondern aus Gott.

So hoch zieht Gott den in ihm entwordenen Geist empor, daß seine Liebe ihn durch
und durch wesentlich macht: er ist mit allen Dingen in Frieden, wie sie auch
kommen, wirkt nichts aus sich, sondern steht in stiller Ruhe und Gelassenheit und
immer bereit, wohin Gott ihn auch führen und was er durch ihn wirken will. Und
wenn ihn Anfechtung und Leid treffen, dienen sie nur dazu, ihn noch lichter und
vollkommener zu machen.

Wenn der Mensch dies alles durchschritten und durchlitten hat, steht er wie der
Priester vor dem Altar: alles, was er um und in sich hat, ist heilig, und was er
spricht und wirkt, das spricht und wirkt Gott durch ihn.

Daß wir so leben und lieben, daß die Liebe Gottes uns erleuchtet, dazu verhelfe
uns, der die Liebe selbst ist!

VOM INNEREN BETEN

"Seid allesamt einmütig im Gebet." 1. Petr. 3; 8

Mit seinem Rat, einmütig im Gebet zu sein, berührt Petrus das fruchtbarste, edelste
und höchste Werk, das wir in der Zeitlichkeit vollbringen können. Machen wir uns
bewußt, was beten heißt, wie man recht betet und wo dessen Stätte ist.

Was ist das rechte Gebet?

Es ist ein Aufgang des Gemüts in Gott; und die Stätte, wo wir beten sollen, ist der
Geist.

Und wie geschieht dies?


Wenn man betet, soll man seine äußeren Sinne nach innen sammeln und soll in sein
Gemüt sehen, daß es mit allen seinen Kräften zu Gott hingewendet ist.

Dazu ist es gut, wenn man genau prüft, was einen am meisten zu rechter Andacht
reizt und leitet; und diese Weise möge man dann üben. Voraussetzung aber ist,
wenn man im Gebet erhört werden will, daß man allen äußeren und zeitlichen
Dingen den Rücken kehrt, seien es Freunde oder Fremde, Güter oder Sorgen, kurz:
allem, was nicht göttlich ist und nicht zu Gott führt, und weiter, daß man seine
Gedanken und Worte und seinen Wandel von aller äußeren und inneren Unordnung
frei halte.

So soll man sich zum wahren Gebet bereiten. Wenn Petrus sagt, daß es einmütig
sei, so heißt das, daß das Gemüt allein an Gott hänge und an nichts sonst und daß
der Mensch mit seinem Denken und Wesen und seinem innersten Grunde einzig
und völlig Gott zugewendet sei und bereit, sich gänzlich von Gott erfüllen zu
lassen.

Glaubt nicht, daß das schon Beten sei, wenn man äußerlich mit dem Munde
plappert oder Gebete und Meditationen liest, und derweilen laufen die Gedanken
und das Herz hierhin und dorthin. Besser ist es, solch äußerliches Beten, das die
Einmütigkeit hindert, zu lassen und darauf zu achten, daß man zum inneren Beten
gelangt, in sich selbst gesammelt ist, in seinen Seelengrund einkehrt mit erhobenem
Gemüt und gesammelten Kräften und mit solch gänzlicher Hinwendung seines
Blicks auf Gottes Gegenwart und mit solch stürmendem Verlangen, mit dem
Willen Gottes eins zu sein, daß man immer tiefer in den lichten Willen Gottes
entsinkt.

Und man soll dabei zugleich vertrauen und gewiß sein, daß Gott alle Dinge zum
Besten wendet und allen Wesen, die einem anvertraut sind, das Beste zuweist. Wer
solchermaßen innerlich betet, der hat besser gebetet, als wenn er tausend
Lippengebete verrichtet hätte.

Das innere Gebet geschieht im Geiste und übertrifft unermeßlich alle äußeren
Gebete. Gott will, daß wir ihn im Geiste anbeten. Nur soweit äußere Gebete dazu
dienen, sind sie gut; wenn nicht, lasse man sie. Alles Äußere soll dem Innern
dienen, wie ja alles äußere Werk am Dombau, das Steine-Herbeitragen, Zimmern
und Bauen, nur der Vollendung des Domes dient, und diese wieder nur dazu, daß er
ein Bethaus werde. So geschieht das ganze äußere Werk um des Gebetes willen.
Und wenn der Mensch dadurch zum inneren Beten kommt, war alles, was dazu
diente, gut und hat seinen Zweck erfüllt.

So soll alles äußere Werk dem inneren Wirken und Gott Wirken-Lassen dienen.
Dies ist aller Dinge und Kreaturen Sinn: in allen wird gewirkt und in allen wirkt
Gott sich selbst aus. Sollte da der nach Gott gebildete Mensch, der sich als Kind
Gottes erkennt, nicht gleichermaßen wirkend sein - nach Gott in Gott gebildet in
seinen Kräften und ihm gleich nach seinem Wesen? Die edle Kreatur muß
bewußter und edler wirken als die vernunftlose Kreatur: sie soll Gott in Gleichheit
nachfolgen, im Wirken wie im Schauen.

Wer solchermaßen alles, was er wirkt, göttlich macht, also mit allem, was ihn
bewegt, zu Gott hingewendet ist und allen zeitlichen Dingen den Rücken zukehrt,
dessen Werke werden auf diese Weise göttlich.

Wer hingegen dies Werk versäumt und seine göttlichen Kräfte müßig liegen läßt,
der lebt sich selber zum Schaden, vergeudet seine Zeit und sein Leben, ist allen
zeitlichen Mächten und Einflüssen hilflos ausgeliefert und beraubt sich selbst
seines göttlichen Erbes.

Solche Menschen sind nicht einmütig. Einmütig im Gebet sein heißt gleichmütig
mit Gott sein. Das bedeutet, daß der innere Mensch an Gott hängt in einem steten
vollkommenen Gott-im-Sinn-Haben.

Das ist weit mehr als das äußere Gott-im-Sinn-Haben: es ist ein ständiges
inwendiges Innesein und Gewißsein der lebendigen Gegenwart Gottes in ihm.

In diesem Innesein und Einssein wendet sich der im inneren Gebet gänzlich Gott
zugekehrte Mensch in Erfüllung seiner irdischen Pflichten den äußeren Werken zu,
übersieht von innen her das äußerlich Notwendige ebenso rasch wie vollkommen,
wie ein Meister, der viele Gesellen und Werkleute unter sich hat, die nach seinen
Anweisungen wirken, indes er selbst nicht wirkt. Er ist auch nicht ständig unter
ihnen, sondern gibt ihnen die Regeln und Weisungen, nach denen sie dann handeln;
und doch heißt es wegen seiner Anweisungen und seiner Meisterschaft, daß alles,
was sie wirkten, von ihm vollbracht sei, da es mehr sein Werk ist als derer, die es
mit ihrer Hände Arbeit gewirkt haben.

Genau so handelt der innere Mensch: er ruht im Innewerden der göttlichen


Gegenwart und übersieht im Lichte des Innern rasch die äußeren Aufgaben und die
dazu nötigen Kräfte und weist sie an, was zu tun ist; inwendig aber bleibt er
gelassen und entsunken im Anblick Gottes und bleibt so durch sein Wirken in
seiner inneren Freiheit ungehindert. Diesem inneren Sein dienen alle äußeren
Werke, und keines ist zu gering, dazu zu dienen. So kann alle Mannigfaltigkeit gut
sein, wenn sie auf die innere Einheit gerichtet ist.
Paulus sprach in diesem Sinne vom corpus mysticum, vom geistigen Leib, dessen
Haupt Christus ist. Der geistige Leib oder innere Mensch hat viele Glieder und
Organe, deren jedes seine eigene Aufgabe und sein besonderes Werk hat; alle aber
gehören dem Leibe und folgen dem Haupt.

Hier muß die gleiche Einmütigkeit herrschen wie im irdischen Leibe des äußeren
Menschen, in dem kein Glied und Organ dem anderen entgegensteht oder ihm Leid
zufügt, vielmehr Liebe und Fürsorge füreinander herrschen und einer für alle und
alle für einen wirken.

Und diese Einmütigkeit des inneren Menschen ist keineswegs auf ihn selbst
beschränkt, weil wir alle innerlich eins sind durch den Christus in uns, wie es
Paulus (Röm. 12; 4 f.) erkannte: "Wie wir in einem Leibe viele Glieder haben, aber
alle Glieder nicht einerlei Geschäft haben, so sind wir vielen ein Leib in Christo,
aber untereinander ist einer des andern Glied", dient einer dem anderen mit seinen
ihm verliehenen besonderen Gaben. Solche Eintracht und Einmütigkeit gehört zum
Wesen des inneren Menschen. Und wo sie herrscht, dient der geistige Leib dem
Haupte, Christus, und hat im gleichen Maße teil am Wesen Gottes und an der Fülle
des Reiches Gottes.

Auf dem Wege zu diesem hohen Ziel können wir drei Grade unterscheiden:

Der erste Grad des inneren Lebens, der in die Nähe Gottes leitet, besteht darin, daß
der Mensch sich immer wieder einwärts wendet und die Gaben Gottes empfängt.

Der zweite Grad führt durch die Entziehung der göttlichen Gaben in die Nacht der
Seele.

Der dritte Grad besteht in der Lichtwerdung der Seele durch die Vereinigung des
Geistes mit Gott.

Zum ersten Grad gelangt man, wenn man auf die Liebeszeichen und Weisungen
Gottes achtet, auf die Gaben, die er einem immerfort darreicht, wenn man gewahr
wird, wie alles, was blüht und gedeiht, Gottes voll ist, wie Gott alle Wesen mit
seinen Gaben überschüttet, und wie er insbesondere den Menschen gesucht und
begabt, auf ihn geharrt und gewartet hat, um seinetwillen Mensch ward, damit er in
Gott entwerde, und wenn diese Erkenntnis den Menschen zunehmend mit
innerlicher Freude erfüllt und beseligt und ihn leitet, sich auf sich selbst zu
besinnen, über sich selbst hinauszuschreiten und aus aller Mannigfaltigkeit und
Ungleichheit in die Einmütigkeit und Gleichheit mit Gott zu entsinken, und wenn
sie ihn, solange er in der Zeitlichkeit lebt, antreibt, möglichst vielen Menschen zu
der gleichen beseligenden Erfahrung und Gewißheit zu verhelfen.
Der zweite Grad ist dieser: wenn Gott den Menschen so weit über alles
Abhängigsein von den Dingen hinausgezogen hat, daß er kein Kind mehr ist,
sondern auf eigenen Füßen zu stehen vermag, entzieht er ihm die Seligkeit der
Gott-Gegenwarts-Gewissheit und gibt ihm statt Milch und Honig stärkere Kost:

Plötzlich sieht er sich im Dunkel, das er längst überwunden glaubte, auf wilden
Wegen, auf denen ihm alles genommen wird, was Gott ihm gab. Hier wird er so
gänzlich sich selbst überlassen, daß er Gottes ungewiß ist und ihm so weh wird,
daß ihm Welt und Leben zu eng werden. Er empfindet Gott nicht mehr, weiß nichts
von ihm und fühlt sich, als wenn er sich durch eine tiefe finstere Schlucht tastet mit
unbekannten Gefahren hinter ihm und vor ihm, so daß er weder rückwärts noch
vorwärts zu gehen wagt. ..

...Dann soll er sich hinsetzen, gelassen segnen, was ihm geschieht, und entgegen
allem Augenschein gewiß bleiben, daß die Finsternis zu Licht werden wird.

Alsdann erreicht der Mensch im Augenblick des stärksten Drucks den dritten
Grad: plötzlich weicht die Finsternis, das Licht der göttlichen Sonne erstrahlt und
enthebt ihn in einem Augenblick aller Ungewißheit und Not. Es ist, als ob er aus
dem Grabe aufersteht und aus dem Tod ins Leben schreitet. Hier leitet Gott den
Menschen ganz aus sich selbst und in sich hinein, aus aller Ichheit und
menschlichen Weise in die Gottheit, aus aller Bedrängnis in die Sicherheit und
Geborgenheit. Da wird der Mensch so beglückt, daß alles, was er nun ist und wirkt,
Gott in ihm wirkt und ist. Hier fühlt der Mensch sich selbst als nicht-seiend und
weiß von nichts als von seinem In-Gott-Sein.

So führt das völlige Entwerden des Ich und Entsinken in Gott in den tiefsten Grund.
Und je tiefer, desto höher; denn hoch und tief ist da eins.

Daß uns allen dies zuteil werde, dazu verhelfe uns Gott.

MACHE DICH AUF UND WERDE LICHT

"Mache dich auf und werde licht! Denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des
Herrn geht auf über dir," Jes, 60; 1

Gott will von uns nur eines - aber dieses Eine will er ganz: daß er den edlen Grund,
den er im Innersten unseres Geistes bereitet hat, offen und willig findet, damit er
sein göttliches Werk darin vollbringen kann.
Und was können wir dazu tun, daß Gott im innersten Grunde unseres Wesens
leuchten und wirken kann?

Wir sollen uns aufmachen - und zwar im zwiefachen Sinne des Wortes: wir sollen
uns erheben und vorwärts schreiten und mit jedem Schritt mehr uns von allem in
uns und um uns lösen und entfernen, das nicht Gott ist, auch von uns selber. Und
wir sollen uns innerlich aufschließen und offen halten für den Aufgang des
göttlichen Lichts und uns gänzlich von Gott und seinem Willen erfüllen und leiten
lassen.

Dieser Forderung folgen die Menschen auf zweierlei Weisen:

Die ersten kommen mit ihrer natürlichen Geschäftigkeit und bestimmten


Vorstellungen und hohen Zielen und sehen nicht, daß sie sich eben damit in ihrem
innersten Seelengrund dem Aufleuchten und Wirken Gottes verschließen... Das
Verlangen der Seele stillen sie dadurch, daß sie die Kräfte und Gesetze des inneren
Lebens zu verstehen suchen, um durch deren Beachtung Frieden zu finden. Etliche
versuchen, durch ihre eigenen Weisen und Methoden, durch Gebet, Meditation
oder bestimmte Praktiken und Übungen, die sie anderen nachmachen, ihren
innersten Grund für die Lichtwerdung zu bereiten und so zur Erleuchtung und zum
Frieden zu finden.

...Daß aber dieser Friede, selbst wenn sie ihn gewonnen haben, ein Wahn ist,
erkennt man daran, daß sie in ihren Fehlern verbleiben: in ihrem Urteilen und
Herrschen über andere und ihrem Rechthabenwollen, in der Befriedigung ihrer
Lüste. Täte man ihnen etwas, antworten sie mit Schelten, Ungefälligkeiten oder
Haß.

Diese und andere Untugenden verbleiben ihnen - mitsamt ihrem Willen, der
herrschen will. Daran erkennt man, daß sie sich ihren Grund selber bereiten und
selbst bestimmen wollen...

Eben darum aber kann Gott nicht in ihrem Grunde herrschen und aufleuchten, weil
sie sich nicht wirklich aufgemacht haben. Sie müssen noch viel an sich arbeiten
und lernen, sich zu lassen und Gott allein in sich wollen und wirken zu lassen.

Die anderen handeln weiser: sie machen sich auf, erschließen sich der Wahrheit
und werden von ihr erleuchtet. Sie überlassen sich gänzlich Gott, lassen Gott ihren
Seelengrund bereiten, entziehen sich den Dingen, haften an nichts Äußerem und
behalten sich selbst in keinem Dinge, weder in Werken noch in Weisen, im Tun
oder Lassen, in Freud oder Leid, sondern nehmen alles willig von Gott entgegen
und geben es ebenso gelassen zurück. Wie Gott es will und fügt in allen Dingen
und Geschicken, so sind sie es zufrieden; mögen die Dinge aussehen, wie sie
wollen.
Von diesen Menschen kann man sagen, was Christus seinen Jüngern sagte, als sie
ihn hinaufgehen hießen zum Fest: "Geht ihr hinauf, denn eure Zeit ist allezeit
bereit, meine aber ist noch nicht gekommen."

Dieser Menschen Zeit ist allezeit. Daß sie sich lassen und Gott wirken lassen: diese
Zeit ist allezeit. Und sie wissen, daß Christus seine Zeit hat: wann er wirken und sie
erleuchten will, überlassen sie gelassen seinem Willen.

Was diese letzteren Menschen von den ersteren unterscheidet, ist, daß sie Gott
ihren Seelengrund bereiten lassen und es nicht selbst wollen und tun.

Gewiß haben auch sie unter Versuchungen zu leiden. Aber wenn ihnen ihre Fehler
vorgehalten oder bewußt werden, einerlei, worin sie angefochten wurden, wenden
sie sich sogleich zu Gott, lassen sich selbst los und überlassen sich seinem Willen:
damit machen sie sich in Wahrheit auf und gelangen in allen Dingen über sich
selbst hinaus und zum Frieden mitten im Unfrieden, zu Freude im Leid. Da sie
nichts wollen als den Willen Gottes, kann ihnen die Welt nichts anhaben und ihren
Frieden nicht nehmen.

Diese Menschen werden wirklich erleuchtet. Ihnen leuchtet Gott in allen Dingen
von innen her, in der tiefsten Finsternis noch strahlender als am hellen Tage. Sie
sind wahrhaft Kinder Gottes, die in ihrem Wirken nichts ohne Gott tun; denn
eigentlich sind nicht sie es, die wirken, sondern Gott in ihnen wirkt durch sie.
Keine größere Seligkeit kann dem Menschen werden als diese.

Der Unterschied zwischen diesen Menschen und den ersteren besteht auch darin,
daß die Kräfte der ersteren, die ihren Seelengrund selbst bereiten und sich nicht
Gott gänzlich überlassen wollen, damit er sie bereite, in ihrer Ichheit gefangen
bleiben und nicht darüber hinaus können. Sie wollen in allem ihrem eigenen Willen
folgen und sind insofern ungelassen.

Die anderen aber, die Gelassenen, erheben sich über ihr Ich, und wenn eine Not sie
berührt, überlassen sie sie Gott - und sogleich ist keine Not mehr da, denn sie
stehen in der göttlichen Freiheit. ..

...Sie kennen nur ein Werk, das sie allezeit üben ohne Unterlaß, um der
Vollkommenheit Schritt für Schritt näher zu kommen: Sie sind immer dabei, sich
aufzumachen, ihr Gemüt zu Gott zu erheben, ihren Seelengrund Gott
aufzuschließen und offen zu halten und dessen bewußt zu werden, was Gott von
ihnen will, damit sie dem folgen.

Gibt ihnen Gott zu leiden, so leiden sie. Gibt er ihnen zu wirken, so wirken sie, zu
schauen oder zu genießen, so schauen oder genießen sie. In ihrem Seelengrunde
wirkt Gott unmittelbar. Was er ihnen aber in diesem Wirken und Erleuchten
offenbart, davon können sie keinem anderen sagen. Aber wer es erfährt, der weiß
es.

Wenn Gott vom Seelengrund Besitz ergriffen hat, fällt alles Selbst-tun-wollen in
dem Maße vom Menschen ab, in dem das inwendige Wahrnehmen Gottes
zunimmt. Und wenn der Mensch zum Höchsten gelangt, zum Einssein, ist das ein
völliges Entwerden seiner selbst und Erfülltsein vom Geiste Gottes. "Nicht wie ich,
sondern wie Du willst"

So sollten wir jederzeit acht geben, ob wir an den Dingen hängen oder an Gott und
ob Gott in unserem Seelengrunde noch etwas findet, das seinem Wirken und
Leuchten in uns entgegensteht.

Daß wir uns alle in solcher Weise aufmachen und Gott aufschließen, damit er in
uns wirken und leuchten kann, dazu verhelfe uns Gott!

RECHTE MEDITATION

„Verkläre mich, Vater, bei Dir selbst mit der Klarheit, die ich bei Dir hatte, ehe die
Welt war." Joh. 17,' 4

Daß der Sohn Gottes seine Augen zum Himmel hob und sprach: "Verkläre mich,
Vater", will uns lehren, daß wir gleich ihm unsere Hände und Sinne, unser Gemüt
und unsere Kräfte zum Himmel erheben und in ihm, mit ihm und durch ihn beten
sollen. Das ist das edelste und vollkommenste Werk, das Christus tat, daß er sich
im Geiste anbetend zum Vater wandte.

Diese innere Hinwendung ist mehr als jede äußere. Viele beten und meditieren, um
etwas zu erreichen, oder lassen sie andere um Geld und gute Worte für ihr Wohl
beten. Von solchem äußeren Handel hält Gott wenig. Wesentlich ist ihm das rechte
innere Handeln, das in Wahrheit nicht ein Tun ist, sondern ein Lassen:

Kehre Dich gänzlich von Dir selber und allen geschaffenen Dingen ab und senke
Dein Gemüt jenseits aller Kreaturen gänzlich in den tiefen Abgrund Gottes, in
wahrer Gelassenheit aller niederen und höheren, äußeren und inneren Kräfte,
jenseits aller Sinne und allen Ersinnenwollens - bis zum völligen Einssein mit Gott
im innersten Grunde Deines Wesens.
Dann entschläfst Du allen äußeren Weisen und Worten, Übungen und Gebeten.
Und dann magst Du Gott um das bitten, um das er gebeten sein will: daß sein Wille
geschehe zu Deinem und aller Wesen Besten!

So wenig ein Pfennig ist gegenüber hunderttausend Mark Goldes, so gering ist alles
äußere Gebet gegenüber dem inneren Beten, das ein völliges Sich-Lassen,
Versinken und Verschmelzen des geschaffenen Geistes mit dem ungeschaffenen
Geist Gottes ist, ein wahres Einswerden mit Gott.

Wenn diese Einswerdung das Gebet des Mundes duldet und dadurch ungeschmälert
bleibt, dann beten wir mit dem Munde wie mit dem Herzen; denn zwei gute Weisen
sind besser als eine. Und wenn man Dich um ein Gebet bittet, ist es gut, daß Du
auch äußerlich betest; doch zugleich trage Dein Gemüt hinauf in die lichten Höhen
Gottes.

Wenn hingegen ein äußeres Gebet, eine Übung oder ein Werk Dich darin hindert,
so laß es unbesorgt; denn nur-äußeres Gebet ist wie Stroh und Spreu gegenüber
dem edlen Weizen des inneren Gebets, wie Christus sagt: "Die wahren Anbeter
sollen beten im Geiste und in der Wahrheit." Und das kann bei wahrer und
wesentlicher Einkehr in einem Augenblick geschehen.

Ist die Hingabe vollkommen, dann wird unser ganzes Wesen in einem Augenblick
in den innersten Grund eingesenkt, der ganz in den ewigen Gottesgrund
ausgeströmt ist, in dem alles ewig gegenwärtig, vollkommen und eins ist.

So betete Jesus und so beten jene, die recht handeln und alle ihre Werke außerhalb
der Zeit in der Ewigkeit wirken: sie beten im Geiste Gottes und leben und wirken in
ihm und sind sich selbst entworden. Denn niemand kann etwas anderes werden, er
wäre zuvor dem, was er ist, entworden. So beten und wirken die Kinder Gottes im
Geiste, werden ihrer selbst entformt und entbildet und geraten so in das
Überseiende, da der Vater den Sohn gebiert, werden daselbst wiedergeboren und
nehmen alle Dinge, Haben wie Darben, Lust wie Leid, gleich willig und völlig von
Gott.

Und Jesus fuhr fort: "Ich bitte Dich, daß sie eins werden, gleichwie wir eins sind."

Diese Einswerdung geschieht auf zweierlei Weisen: innerlich und äußerlich,


unmittelbar und mittelbar, im Geiste und in der Natur.

Das wird oft falsch verstanden. Denn der menschliche Verstand begreift ja nicht
einmal die Weise, wie die Seele mit dem Körper vereinigt ist, wie sie ihn bewegt
und sich durch ihn äußert. Wie soll er da das Einssein mit Gott verstehen?
Die dazu gelangen, wirken außerhalb des Geschaffenen in Ungeschaffenheit,
außerhalb der Mannigfaltigkeit in Einfaltigkeit und Einheit. Sie sind mitten im
Unfrieden im Frieden, sinken in völliger Gelassenheit und Abgeschiedenheit in den
Grund und tragen Gott alle Dinge so wieder hinein, wie sie ewig in ihm waren.

Solch inneres Entsinken in Gott führt Gott näher als das äußere Gebet, und dorthin
können die nicht kommen, die noch ganz im Äußeren leben und nur um den
äußeren Menschen wissen. ..

Nun könnte man fragen, welche Wege und Weisen denn zu den Höhen des
schweigenden inneren Betens und zur lauteren Wahrheit und Vollkommenheit
führen.

Christus hat Johannes auf drei Weisen gezogen, mit denen er alle Menschen zieht,
die nach dem Höchsten verlangen. Zum ersten Male zog er ihn, als er ihn aus der
Welt rief und ihn zu einem Apostel machte; zum anderen Male, als er ihn an
seinem Herzen ruhen ließ; und zum dritten und vollkommensten Male am
Pfingsttag, als ihm der Heilige Geist gegeben ward: da wurde ihm die Tür zum
Reiche Gottes geöffnet und er wurde hineingenommen.

Die erste Weise, durch die der Mensch wie Johannes von der Welt gerufen wird,
tritt ein, wenn der Mensch seine inneren Kräfte in höchstem
Unterscheidungsvermögen derart ordnet und regiert, daß er lernt, auf sich zu
achten, daß er zu anderen so spricht und sich so verhält, wie er möchte, daß sie zu
ihm sprechen und sich ihm gegenüber verhalten, daß seine Gedanken und
Strebungen von Gott kommen und zu Gott hinführen, und daß all sein Wirken auf
nichts anderes abzielt als auf die Erfüllung des Willens Gottes und auf den Frieden
und die Seligkeit der Menschen.

Also nimmt Christus Dich von der Welt und macht Dich zu einem Apostel, einem
Gesandten Gottes, der lernt, den äußeren Menschen zu einem inneren zu machen.
Das ist aber erst der Anfang göttlichen Lebens.

Die zweite Weise besteht darin, daß Du wie Johannes am Herzen Christi ruhte,
Dich nach dem Bilde Christi bildest und darauf amtest, daß Du ihm nachfolgst und
gleich wirst in seiner Sanftmütigkeit und Demut, in der flammenden Liebe, die er
seinen Freunden und Feinden entgegenbrachte, in der willigen Gelassenheit, die er
auf allen Wegen, in allen Weisen, an allen Stätten, wohin ihn der Vater rief,
offenbarte. .. Wohl waren Himmel- und Erdreich sein, doch er besaß sie nicht als
Eigentum, sondern er hatte mit allem, was er sprach und wirkte, nur den Willen des
Vaters und die Seligkeit der Menschen im Sinn.

Dem folge nach! Erkenne, wie ungleich Du noch diesem Vorbild bist, und wende
Dich nach innen, um am Herzen Christi zu ruhen und von ihm Licht zu empfangen
und Kraft, vollkommener zu werden. Und vergiß dabei nicht, daß, obwohl
Johannes am Herzen Christi ruhte, er doch den Mantel fallen ließ und floh, als man
Jesus fing. So sieh auch Du zu, daß Du, wenn Du angegriffen und versucht wirst,
den Mantel nicht fallen läßt und der Furcht und dem Eigenwillen nachgibst!

Daß Du Dich in diesen beiden Weisen übst, ist gut und heilsam. Laß Dich darin
von niemandem beirren. Und wenn Christus Dich zieht, so laß Dich ihm ohne
Formen und Bilder und laß ihn durch Dich wirken, sei seines Willens Werkzeug!

Wenn Du Dich solchermaßen einen Augenblick in der Stille ihm gänzlich lässest,
ist das ihm löblicher und Dir dienlicher, als wenn Du Dich ein Leben lang in den
äußeren Weisen übst. Alsdann wird das Wort erfüllt, daß Gott Dir offenbart, was
kein Auge gesehen und kein Ohr vernommen hat, und das Tor zum Reiche Gottes
sich Dir auftut.

Darum soll der Mensch keinen Augenblick in seinem Bemühen nachlassen, immer
vollkommener zu werden und, soweit es ihm irgend möglich ist, den äußeren
Menschen in den inneren zu bringen. Das kann nicht an einem Tage, in einem Jahre
geschehen, sondern braucht seine Zeit. Und es gehört Willigkeit und Gelassenheit
dazu. Dies ist der Weg der Meditation.

Daß wir diesen Weg gehen und zur Vollkommenheit gelangen, das gebe Gott uns
allen!

ENTWERDEN DES ICH

"Und Jesus ging aus von dannen und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon."
Matth.15; 21 f.

Im Matthäus-Evangelium wird uns berichtet, daß Jesus "von dannen ging nach
Tyrus und Sidon." Aus demselben Lande stieß ein Weib aus Kanaan zu ihm und
rief ihn an um Hilfe für ihre Tochter, die vom bösen Geist besessen war. Aber Jesus
antwortete nicht. Das Weib rief lauter, und die Jünger wiesen ihn auf sie hin...

...Doch er wies sie ab mit dem Hinweis, daß er zu den Kindern Israels gesandt sei.
"Es ist nicht gut, daß man den Kindern das Brot nehme und werfe es den Hunden
vor."

Als das Weib diese Worte vernahm, die ihre Bereitschaft zur Hingabe prüfen
sollten, antwortete sie: "So sei es; doch werden nicht auch die Hündlein gespeist
von den Brosamen, die von des Herren Tische fallen?"

Da antwortete Jesus: "Weib, dein Glaube ist groß; es geschehe, wie du willst." -
Und ihre Tochter ward gesund zur selbigen Stunde. -

Dieses Evangelium weist uns auf die höchste Hingabe und Entwerdung des Ich, zu
der wir in der Zeitlichkeit gelangen können und ohne die nichts hilft, was immer
auch der Mensch zu seinem Heile unternimmt.

Doch beginnen wir mit den ersten Worten: "Jesus ging aus von dannen." Von wo
aus? Der Anfang des Evangeliums sagt es uns: von den Schriftgelehrten und
Pharisäern, das heißt von den Gelehrten, die auf ihre Menschenweisheit etwas
halten, und von den Pharisäern, die auf ihr Geistlichsein stolz sind und auf ihren
Weisen und Satzungen beharren.

Damit werden zwei Fehler aufgezeigt, die geistige Menschen haben können. Wer
sie nicht ablegt, der verdirbt. Es gibt nur wenige, die nicht mit dem einen oder dem
anderen Fehler behaftet sind.

Unter den ,Schriftgelehrten' versteht man jene, die sich auf ihren Verstand und ihr
Wissen etwas einbilden, alle Dinge von dort aus beurteilen und sie so in die
Sinnenhaftigkeit ziehen, als ob sie sie nun durch und durch verstünden. Man rühmt
ihre Gelehrsamkeit und sie sprechen große Worte -- innerlich aber, im Seelengrund,
aus dem die Wahrheit und die Wahrheits-Erkenntnis quellen sollte, sind sie dürr,
leer und tot.

Und die anderen, die ,Pharisäer', sind jene Geistlichen und Frommen, die sich
selbst hoch achten, ihre Weise, ihre Glaubensmeinung und -richtung für die allein
richtige halten und ihretwegen geehrt und anerkannt sein wollen. Ihr Seelengrund
ist voll Verurteilung aller, die nicht mit ihrer Weise übereinstimmen. ..

Von diesen Leuten ging Christus aus, die ihre menschliche Weise und
Menschenweisheit für göttliche Weisung und Gottesweisheit halten und verächtlich
auf jene herabsehen, die keinen besonderen Weisen zuneigen, weil sie Gottes
Willen unmittelbar folgen.
Vor solcher pharisäischen Weise hüte man sich, damit sich nicht eine falsche
Heiligkeit oder Scheinheiligkeit darunter verberge, die ihren Ursprung und ihr Ziel
im Ich hat statt in Gott. Denn von solchen, die nur auf ihr äußeres Tun und
Ansehen achten und mit ihrem Seelengrund ganz dem Ich, den Kreaturen und der
Welt zugewandt und verhaftet sind, geht Christus aus, weil er dort keine Stätte hat.

Und wohin ging er? Nach Tyrus und Sidon, was soviel bedeutet wie: an die Stätte
der Bedrängnis und des Treibens. Welches Drängen und Treiben ist damit gemeint?
Nichts anderes, als daß der innere Mensch gern zu Gott kommen möchte, wo seine
eigentliche Heimstatt ist; dahin drängt und jagt er den äußeren Menschen. Der
äußere hingegen treibt einen anderen Weg und strebt - weil selbst äußerlich - zu
den niederen Dingen, wo seine Stätte ist. Und so entsteht der Zwiespalt zwischen
ihnen:

Des inneren Menschen eigentlicher Besitz ist Gott, und nach ihm geht all sein
Verlangen, Wollen und Denken. Das aber geht dem äußeren Menschen gegen seine
Natur und er wehrt sich dagegen, wie Paulus es erlebte: "Ich finde in mir einen
ewigen Kampf; meine Natur widerstrebt dem Treiben des Geistes, und was ich
nicht will, das tue ich, und was ich will, das tue ich nicht." So bedrängen sich diese
beiden, und dazwischen kommt Gott von oben und zieht sie beide zu sich. Wo
dieser Zug nach oben verstanden wird, da steht es gut; denn "die vom Geiste Gottes
getrieben werden, das sind die Kinder Gottes."

Aus diesem Zwiespalt entspringt Bedrängnis und Bangigkeit, sagte ich. Aber wenn
der Mensch in dieser Bangigkeit des inneren Dranges und Zuges bewußt wird, geht
Christus in ihn ein. Wo er aber nicht erkannt wird, da wird nichts aus dem
Menschen; denn dann weiß er nicht von dem, was in ihm ist, und folgt dem äußeren
Locken und Drängen.

Was kann nun der also Bedrängte tun, um Frieden zu finden?

Er kann und soll handeln wie das arme Weib im Evangelium: er soll sich mit
seinem ganzen Begehren Christo zuwenden, seine Hilfe erbitten und darin
beharren.

Und wenn Christus nicht antwortet, soll er sein Begehren und seine Hingabe
vergrößern und darauf achten, daß sein Ich immer kleiner werde und schließlich
ganz entwerde, wie es das Weib tat, die den Vergleich mit dem Hunde annahm und
die Entichung noch weiter trieb, indem sie sich ein kleines Hündelein nannte und
sich in diesem Versinken und Entwerden mit ihrem ganzen Glauben und Vertrauen
an Christus hingab.

Wem solches Entwerden des Ich gelingt, der gelangt in den innersten Grund, findet
zu Gott und wird seiner Kraft und Hilfe teilhaftig. Denn dieser Weg nach innen
leitet ohne Zwischenstufen unmittelbar zu Gott. Wem das gelingt, dem gerät alles
wohl, wie Jesus dem Weibe verhieß: "Was du glaubst, das geschehe dir; was du
willst, das werde dir zuteil!" So wird allen, die diesen Weg des Entwerdens gehen,
geantwortet: "Da du aus dem Deinen ausgegangen bist, gehst du in das Meine ein."
Denn alles, was man will, kann man nur haben, wenn man kreatürlich ein Nichts
wird.

Alles, was Du ersehnst und verlangst, wird Dir zuteil und geschehen, wenn Du
Dich selbst verleugnest, Deinem Ich entwirst. Soweit das Ich ausgeht, soweit geht
Gott ein. Ein einziger Augenblick solcher Hingabe ist segensreicher als vierzig
Jahre, in eigenen Satzungen und Übungen verbracht.

Bedenkt, womit Ihr Eure kostbare Zeit verbringt, wie Ihr über dem äußeren Treiben
den inneren Drang, mit dem Gott Euch zu sich in sein Reich zieht, überseht und so
den edelsten Besitz entbehrt, der Euch jederzeit zuteil werden kann!

Ihr verbringt Eure Tage und Jahre in ewigem Hetzen und Jagen nach vergänglichen
Dingen - und kommt doch nicht voran, sondern seid der wahren Vollkommenheit
und Fülle nicht näher als zu Beginn Eurer Lebensbahn...Wohl Euch, wenn Ihr das
erkennt, Euch besinnt, dem Zug nach oben folgt und Euch nach innen wendet!

Darum bitten wir Gott und dazu helfe er uns, daß wir so weit in uns
hineinschreiten, daß wir ihn in uns und uns in ihm finden!

VOM NICHT-ICH

"Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach: Selig die Augen, die da sehen,
was ihr sehet!" Luk. 10; 23

Es wird berichtet, wie Jesus sich freute, als er inwendig auf seine Jünger blickte,
wie er sprach: "Ich danke Dir, Vater, daß Du diese Dinge verborgen hast vor den
Großen und Klugen dieser Welt und hast sie den Kleinen offenbart", und wie er
seine Jünger selig nannte, denn "viele weise Könige und Propheten begehrten zu
sehen, was ihr nun seht, und sahen es nicht, und zu hören, was ihr hört, und hörten
es nicht."
„..Selig die Augen, die da sehen, was ihr sehet". Der Mensch hat zweierlei Augen:
äußere und innere. Wäre das innere nicht, so stünde es schlecht um das äußere und
um den Menschen überhaupt, denn dann wäre er nicht mehr als ein Tier.

Wie aber ist es möglich, daß dieses innere Auge, die Vernunft, so verblendet und
blind ist, daß es das göttliche Licht nicht wahrnimmt?

Dieser Mangel rührt daher: es ist da eine dicke, undurchsichtige Haut über das
innere Auge gezogen, entstanden durch die Gewohnheit, nur nach außen zu
blicken, durch die ständige Hinneigung zu den Dingen und Kreaturen der
Außenwelt, zum Eigensein, Eigentun und Eigentum. Davon sind die meisten
Menschen innerlich blind und taub geworden, mögen sie nun Weltliche oder
Geistliche sein. ..

Darum gelangt der Mensch so schwer in seinen eigenen Grund, weil er so viele
Häute oder Hüllen über sein Inneres gedeckt hat, daß weder er selbst noch Gott
hinein kann: es ist zugewachsen und völlig verdeckt. Manche haben eine Vielzahl
solcher Hüllen über ihr Innerstes gezogen, dick wie Bärenfelle.

Und welches sind diese Hüllen? Es sind die Hüllen der Ichheit und des
Eigenwillens und die des Haftens an Dingen und Wesen, denen der Mensch sich
zuwendet und verbindet in Worten und Werken, in Liebe oder Haß, Hochmut oder
Eigensinn. Diese und andere Dinge bilden undurchdringliche Hüllen und
Hindernisse, die dem Menschen die inneren Augen blenden und verschließen und
ihn von seinem innersten Wesensgrund und damit von Gott fern halten.

Sobald aber der Mensch dies einsieht und den Wunsch und Willen hat, sich zu
ändern, sich nach innen zu wenden und sich, statt den vergänglichen Dingen und
Wesen, ganz Gott hinzugeben, kann noch alles gut werden. Denn es leuchtet ein,
daß, wenn schon der Hinblick auf die äußeren Dinge und Kreaturen und die
Hingabe an sie Freude machen, tausendmal größere Seligkeiten den erfüllen, der
sich dem hingibt, der alle diese Dinge und Kreaturen schuf.

Jesus nannte seine Jünger selig, weil sie gelernt hatten, mit den inneren Augen zu
sehen. Eigentlich müßten wir noch seliger sein als die Jünger, vermögen wir doch
mehr von Christus wahrzunehmen als sie. Denn sie sahen den leidenden sterblichen
Menschen vor sich, während wir, nach innen blickend, um den ewigen Christus
wissen als den Quellgrund der ewigen Seligkeit unserer Seele.
Was dem Menschen, der zu dieser Erkenntnis gelangen möchte, nottut, ist das
Entwerden seiner Nichtheit mit allem, was er und wer er aus seiner Ichheit ist.
Denn nur, wer sein Ich fahren läßt, gelangt zum Nicht-Ich, zu dem Einen, das
nottut, weil es alle Not wendet und endet. Wer dieses Eine erlangt, der hat alles
erlangt - nicht einen Teil, sondern das Ganze.

Das ist keineswegs in dem Sinne gemeint, wie etwelche demütig von ihrer
Nichtigkeit sprechen, als ob sie die Stufe des Ich-Entwordenseins schon erreicht
hätten; denn bei diesen ist das Ich in Wirklichkeit so aufgebläht und so groß wie ein
Palast... Sie wollen in Wahrheit groß scheinen und täuschen damit die Menschen,
am meisten aber sich selbst; denn ihr Selbst ist es, das dabei zurückbleibt.

Wenige nur wissen von diesem tiefsten Grund jenseits des Ich. Denn er ist weder
mit dem Verstand noch mit der Vernunft auszuloten. Jedoch kann stete Nach-
Innen-Wendung und Versenkung dorthin führen; ständige Übung kann den
Menschen zuletzt wesentlich und fähig machen, sich vom Ich zu lösen und in sein
Nicht-Ich zu entsinken.

Wer aber solche Übungen und Versenkungen für das Wesentliche hält, als wären
sie um ihrer selbst willen da, der würde besser nichts tun und sich im Nicht-Tun
gänzlich in sein innerstes Nichts lassen, in das Nicht-Ich, das jenseits von allem ist,
was er an sich, seinem Ich, an äußeren und inneren Tugenden und Vermögen
wahrnimmt.

Es gilt, dem äußeren Menschen, dem Ich, zu entwerden. Was liegt denn am äußeren
Menschen? Sieh, woher er kommt und wer er ist: eine aus vergänglichen Wesen
hervorgegangene, dem Leiden, Vergehen und Verwesen unterworfene Form. Keine
noch so edle Speise kann diese flüchtige Form haltbarer machen: sie zergeht in ihr
und ändert nichts an ihrer Unzulänglichkeit und ihrem schließlichen Tode. ..

...Und wie das eigene Werden und Vergehen ist auch das der Welt und der Dinge
dem äußeren Menschen leidvoll. Bald hat er Hunger, bald Durst, bald ist ihm zu
kalt, bald zu heiß, heute wohl und morgen weh. Heute quält ihn der Verlust der
Dinge und morgen das Schwinden der Gesundheit. Er ist schlechter daran als Tiere,
denen das Kleid wächst je nach der Wärme oder Kälte. Er ist so bedürftig, daß er
sich der Kleider der Tiere bedienen muß, um sich vor der Unbill der Witterung zu
schützen, und selbst ihre Leiber müssen ihm noch zur Nahrung dienen. ..

...Versteht Ihr nun, warum die Heiligen vor Zeiten traurig waren, wenn es zum
Essen ging, und sich freuten, wenn es zum Sterben ging?
Doch blicke weiter auf Dein Ich, wohin es Dich führt: Wendest Du Dich gern nach
innen? Betest Du gern? Blickst Du gern auf Gott?

Gilt nicht vom Ich, was Paulus beklagte: "Das Gute, das ich will, das tue ich nicht;
und das Böse, das ich nicht will, das tue ich." Wie vielen Verlockungen folgt das
Ich und wie wenig lernt es aus den leidvollen Folgen, die daraus entstehen und es
zum Nicht-Ich hinweisen und hinleiten sollten! ...

...Aber selbst wenn es das erkennt und den Weg nach innen einschlagen will,
kommen die Menschen mit raschen und klugen Worten, als ob sie Apostel wären,
beweisen ihm, wie falsch er handelt, und ziehen ihn in die Welt und die Ichheit
zurück.

Wieviel besser wäre es aber gerade dann, in den eigenen Seelengrund zu entsinken
und der Ichheit zu entwerden, um des höchsten und einzigen Heils inne zu werden:
des Nicht-Ich. Aber wie wenige wollen und tun das! Die meisten möchten nicht ihr
bequemes Dahinleben aufgeben, nicht das Erreichte verlieren, nicht auf die
Befriedigung ihrer Sinne verzichten, nicht den Genuß der Ichheit entbehren...
Darum bleiben sie lieber, was sie sind.

Solche Menschen mögen wohl zu hohen Erkenntnissen gelangen und von


göttlichen Dingen reden, als hätten sie diese schon gewonnen und erkannt; aber in
Wirklichkeit haben sie noch keinen Schritt aus der Ichheit heraus und zum Nicht-
Ich getan. Sie sind noch nicht in den Grund gelangt, wo die lebendige Wahrheit ist;
denn dorthin findet nur, wer mit seiner Ichheit im Nicht-Ich entwird.

Dorthin weist uns Christus, wenn er uns mahnt: "Werdet wie die Kinder", die alle
Dinge nach ihren Bedürfnissen nützen, nicht zur Befriedigung ihrer Ich-heit.

Je kleiner und geringer unser Ich wird, je mehr es dem Tal gleicht dort, es am
tiefsten ist, wohin alle Wasser fließen und wo es am fruchtbarsten ist, desto leichter
entsinkt es völlig in den göttlichen inneren Abgrund und entwird da im Nicht-Ich. ..

...Eben weil er sich tief macht, sinkt der geschaffene Grund immer weiter in den
ungeschaffenen Abgrund Gottes hinein. Und im gleichen Maße zieht er, im
Entwerden, durch sein Nichtsein den ungeschaffenen Abgrund der Gottheit in sich
hinein. So fließt ein Abgrund in den anderen und entsteht da ein einig Eines.

Das ist das Nicht-Sein, von dem Dionysius sagt, daß Gott alles das nicht ist, was
man, in der Sicht des Ich, nennen, verstehen und begreifen kann: Er ist ein
überseiendes Nicht-Ich und Nicht-Sein.
Die Augen, die so sehend geworden sind, daß sie dessen gewahr werden, die sind
selig.

Daß wir alle dessen inne werden, dazu helfe uns Gott!

AUS DEM GEISTE LEBEN

"So wir aus dem Geiste leben, so lasset uns auch im Geiste wandeln." Gal. 5; 25 f.

"So wir aus dem Geiste leben, sollen wir auch wandeln im Geiste und unser Wirken
nicht vom Verlangen nach eitlen Ehren bestimmen lassen, nicht untereinander
zürnen und hassen, sondern einer des andern Last tragen. Denn wer da wähnt, daß
er etwas sei, da er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Also prüfe jeder sein Tun
und suche seine Vollendung in sich und nicht durch andere."

Diese Worte sprach Paulus. Sie sind allesamt bedeutsam. Das wichtigste Wort aber
ist das erste vom Leben aus dem Geiste. Denn wie unsere Seele das Leben unseres
Leibes ist und der Leib von der Seele lebt, so ist der Geist das Leben der Seele und
die Seele lebt vom Geiste.

Und Paulus fügt hinzu: Wenn wir aus dem Geiste leben, sollen wir auch im Geiste
wandeln. Hier ist dreierlei Wandel zu unterscheiden: der erste Wandel ist der
äußere; er betrifft uns selbst und unsere Nächsten. Der zweite Wandel ist gestaltet
nach dem Vorbild Christi. Der dritte Wandel ist unbildlich.

Für den ersten Wandel gilt das Wort, daß unser Denken und Wirken nicht vom
Verlangen nach eitlen Ehren bestimmt sei. Wie die weltlich Gesinnten mit allem
Fleiß nach Ehren und Gewinnen trachten, sieht man alle Tage. Sie wandeln nicht
im Geiste, sondern sind sich selber und Gott fern.

Aber es gibt auch andere, die gebärden sich geistig; doch ihr Herz ist weltlich und
meint in allen Dingen ihr Ich: in Stand und Kleidung, in Freundschaft und
Gesellschaft. Auch die wandeln nicht im Geiste und sind Gott ferner, als sie ahnen.

Dieser Wandel, bei dem man von geistigen Dingen und von Gott spricht, aber das
Ich meint, schleicht sich so leicht in alle guten Weisen und Worte, Gedanken und
Werke ein, daß man auf der Hut sein und Gott bitten muß, daß er einem zum
rechten Wandel verhelfe.

Das ist, was uns selbst betrifft. Aber der rechte Wandel gilt auch im Blick auf
unsere Nächsten: Wir sollen friedlich gesinnt sein, nicht zürnen und hassen" nicht
über andere urteilen und herfallen, sondern ihnen mit Sanftmut, Güte und Liebe
begegnen. Daran, wie weit es einer hierin bringt, erkennt man, wie weit er aus dem
Geiste lebt.
Hier prüfe jeder sein Verhalten und seinen Wandel, ob er bei allem bedenkt, daß
wir alle ein Leib in Christo sind und uns untereinander lieben, uns mit Sanftmut,
Geduld und Güte begegnen und einer des andern Last tragen sollen. Achten wir
darauf, wie unser Wandel und Handeln dem Nächsten gegenüber ist, daß wir nicht
Gottes Tempel in ihm zerstören!

Der zweite Wandel, den wir pflegen sollen, ist nach dem Vorbild Christi gestaltet.
Das sollen wir uns wie einen Spiegel vorhalten, damit wir unser Denken und
Handeln nach unserem Vermögen danach richten.

Wir wollen bedenken, wie geduldig, sanftmütig, gütig, schweigend, getreu, milde,
gerecht und wahrhaftig seine immerwährende Liebe ist. Dies sollen wir in Gebet
und Meditation bedenken und Gott bitten, daß er uns helfe, dem gleichen Wandel
zu folgen, damit alles ihm Ungleiche und Ungemäße von uns abfalle.

Zu dieser Einkehr und Angleichung muß Gott uns helfen, und darum sollen wir ihn
täglich bitten und darauf achten, daß, wenn Gott uns dazu ermahnt, wir alles
Hindernde lassen und dem Willen Gottes folgen.

Dieses innere Gebet dringt zum Himmel, und dann wird es uns leichter, in unserem
Wandel dem Vorbild Christi zu folgen. Wer das tut, der wird nicht klagen, er werde
darin behindert; wenn er beten wolle, schlafe er ein, wenn er auf Antwort warte,
bleibe die Erleuchtung aus. Denn das ist nur möglich, solange er in allem das Seine
sucht, seinem Ich folgt und nicht Christo.

Nein, wir sollen in nichts Ichhaftem Lust und Befriedigung suchen, sondern uns
von allem Äußeren unbehaftet und unbeschwert ganz nach innen wenden, in
unseren Seelengrund einsinken, wo wir dem Ich nach ein Nichts sind. Wer sich so
enticht und erneuert, der wird erhöht werden.

Manche sind so hab- und genußsüchtig, daß Gott ihnen den Reichtum nehmen
muß. Wären sie gelassen, würde ihnen der Reichtum nicht genommen, vielmehr
würde er noch zunehmen. Das ist die Frucht rechten Wandels im Geiste, daß er frei
macht vom Hängen an dem, was nicht Gott ist.

Der dritte Wandel ist unbildlich. Das ist ein steiler, finsterer und einsamer Pfad.
Hier werden Frauen zu Männern; denn hier tritt der äußere Mensch zurück und der
innere hervor. Er weiß nicht, wohin der Weg ihn führt, sieht sich in Dunkelheit und
Bedrängnis, muß durch beides hindurch - Wissen und Nichtwissen - und wie ein
Schütze, der nur noch das Ziel sieht und sonst nichts, Gott im Auge behalten und
nichts sonst.

Wenn er auf diesem engen Pfade zu den zwei Felsen ,Wissen' und ,Nichtwissen'
kommt, soll er sich an keinen von bei den anlehnen und stützen, sondern mitten
hindurch schlüpfen und weiter schreiten ...

...Gleichermaßen soll er, wenn die beiden Felsen ,Sicherheit' und ,Unsicherheit'
nahen, sich nicht an ihnen aufhalten, sondern mitten hindurch schreiten. Und
ebenso soll er den Spalt zwischen den Felsen ,Friede' und ,Unfriede' in rechter
Gelassenheit durchschreiten, und endlich auch die Felsen ,Zuversicht' und ,Furcht'.

Keinen Blick soll der Mensch zur Seite tun, sondern auf dem Wege bleiben.

Das heißt: bei den Felsen, Wissen' und ,Nichtwissen' soll er durchaus wissen,
woran er ist und womit er umgeht, vor allem aber, wer er selbst ist. Denn es ist eine
Schande, wenn der Mensch alle möglichen Dinge kennt, von sich selbst aber nichts
weiß. Und das Nichtwissen soll er fassen nach seinem innersten Grund, den kein
Wissen erreicht, und sich nicht beirren lassen. .

...Denn in beiden kann man abirren, durch beide vom Wege abkommen: das
Wissen kann den Menschen überheblich machen, das Nichtwissen ihn entsetzen.
Darum gilt es, von beiden unbeirrt hindurch und weiter zu schreiten.

Entsinke in Dein Nichts, halte Dich an Dein Nicht-Ich, den Geist, und hüte Dich
vor Zweifel und Verzweiflung, die so manchen sich rückwärts wenden und
umkehren lassen in der Meinung, es sei unmöglich, weiter zu kommen.

Gerade dann gilt es, nicht rückwärtsschauend stehen zu bleiben, sondern im


Vertrauen auf den Geist gelassen weiter zu schreiten. Wo das geschieht, geht es
schnell voran.

Hier ist wiederum dreierlei zu beachten: Das erste und entscheidende ist, daß wir
uns lassen und Gott gelassen in uns wollen und wirken lassen. Dann leben wir aus
dem Geiste.

Das zweite ist, daß wir mit unserem ganzen Gemüt Gott zugekehrt sind und bleiben
und in allem Denken und Wollen mit dem Willen Gottes in uns eins sind. Dann
wandeln wir im Geiste.
Das dritte aber ist, daß wir uns hüten, uns durch irgendetwas, das nicht Gott ist,
ablenken zu lassen, errege es Wohlgefallen oder Furcht; denn sonst werden wir auf
dem schmalen Pfade zwischen den Felsen festgehalten, hängen zwischen Bildern
und Bildlosigkeit und stürzen in große Bedrängnis und Finsternis.

Diese Bedrängnis hat manche nach Rat und Hilfe Ausschau halten lassen in
Kirchen und Sekten, bei Meistern und Geistern. Aber je mehr sie suchten, desto
weniger fanden sie. Andere wenden sich wieder der Welt zu, weil sie diese
Bedrängnis nicht ertragen konnten und nicht durchhielten, und kommen dann
wieder weit zurück bis an den Anfang des Weges.

Jene aber, die in dieser Finsternis und Verlassenheit gelassen durchhalten und aller
Ichheit und allen Bildern entwerden, die erreichen das Ziel der Nachfolge und
gelangen zum Gipfel.

Und worin besteht das Ziel, das sie erreichen? Es besteht darin, daß in der
Mitternacht der Finsternis das göttliche Licht wie ein Blitz aufbricht und die Liebe
Gottes unmittelbar gewiß wird: In diesem strahlenden Licht aus dem innersten
Grunde wird ihnen alles aufgetan und gewiß, und die verborgene Weisheit wird
sichtbar:

Sie sehen sich auf dem finsteren schmalen Pfad vom Geiste geleitet und ins Licht
gebracht, in dem alles Warten und Leiden ein Ende hat. Und sie entsinken in
seliger Gelassenheit in den innersten Grund; und je tiefer und unergründlicher die
Versenkung ist, desto inniger und vollkommener nimmt sich Gott ihrer an und
wirkt durch sie sein Werk.

Daß wir alle diesen schmalen Weg durch die Finsternis gehen, bis das Licht in uns
aufbricht, dazu helfe uns Gott!
SELIGKEIT DER GOTT-VERBINDUNG

"Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir. Denn mein Joch ist sanft und
meine Last ist leicht." Matth.11;29 f.

Christus, das ewige Wort, sagt: "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."
Dem widerspricht der nach außen gerichtete Mensch, der sich von der Natur treiben
läßt. Er meint, Gottes Joch sei hart und seine Last schwer. Und doch muß das Wort
wahr sein, denn die ewige Wahrheit hat es gesagt.

Ein ,Joch' nennt man ein Ding, das man mühsam nach sich zieht; doch sein
ursprünglicher Sinn ist: Gebundensein an oder Verbundensein mit etwas. Und eine
,Last' nennt man etwas, das einem aufgeladen ist und durch sein Gewicht schwer
drückt und bedrückt.

Sinnbildlich meint das ,Joch' den inneren Menschen und die ,Last' den äußeren. Der
lichte innere Mensch ist aus dem strahlenden Urgrund der Gottheit hervorgegangen
und nach dem lauteren Gott gebildet, und er fühlt sich auch wieder dorthin geladen,
gerufen und gezogen, damit er alles Guten teilhaftig werde.

Wie nun Gott im innersten Seelengrund seinen Gottesgrund gelegt und dort
verborgen hat - selig der, der das findet, schaut und erkennt! Denn obwohl der
Mensch sein Antlitz von dort weg und nach außen gekehrt hat und irregeht, spürt er
doch ein ewiges Locken und Neigen und Gezogenwerden nach innen. Und er findet
keine Ruhe, soviel er sich dem auch entzieht; denn alle anderen Dinge können ihm
keine Befriedigung geben außer diesem einen: dies drängt und zieht ihn ohne sein
Wissen - in sein Allerinnerstes. Hier ist sein Ziel.

Jedes Ding hat seine Heimstatt: der Stein auf der Erde, die Seele in Gott.

Wem ist nun dieses Joch, diese Bindung sanft und angenehm?

Nur dem Menschen, der sein Antlitz, sein Gemüt und sein Werk von den äußeren
Dingen und Kreaturen ab- und nach innen gewendet hat.

Die Seele steht zwischen Zeit und Ewigkeit: wendet sie sich der Zeit zu, so vergißt
sie die Ewigkeit; werden ihr die Dinge fern und entrückt, so sind sie, wie alles
Ferne, klein und nichtig; und im gleichen Maße wird Gott mit seinem Licht der
Seele sichtbar.
Der vollen Seligkeit der Gott-Verbindung aber wird die Seele nur teilhaftig, wenn
sie sich gänzlich den Dingen und den Bildern der Dinge entzieht. Denn wie edel
diese Bilder auch sein mögen, sie bilden ein Hemmnis für das Sichtbarwerden des
Bildners, der Gott ist. Wer nicht nach der Entbildung von allem Äußeren trachtet,
erkennt nicht das Verbundensein seiner Seele mit Gott und gelangt nicht zum
Einssein.

Wer sich nicht mindestens einmal am Tage nach innen wendet und in den
Seelengrund einsenkt - je nach seinem Vermögen -, der lebt nicht als rechter Christ
und Nachfolger Christi. Die ihm aber Raum geben, sich der Bilder begeben und
sich Gott hingeben, so daß sein Licht sich in ihre Seele ergießen kann, denen ist das
göttliche Joch - das Bewußtsein ihres Verbundenseins mit Gott - über alle Maßen
beseligend, und alles äußere ist ihnen unwesentlich.

Daß die äußeren Dinge und Bilder Dich hindern, rührt daher, daß sie Deine Ichheit
stärken. Wärest Du der Bilder und der Ichheit ledig, könntest Du ein Königreich
besitzen, ohne daß es Dir schadet.

Sei darum ichlos, gierlos und bildlos, daß nichts Äußeres in Dir zu haften und Dich
zum Gieren und Haften zu verlocken vermag, dann werden Dir alle Dinge dienen,
ohne Dich zu binden. Und das göttliche Licht wird in Dir strahlen, Dein Wesen mit
dem göttlichen Willen erfüllen und Dich über alle Erdendinge und - Bedingungen
erheben.

So gänzlich wirst Du mit Gott verbunden sein, daß die äußeren Dinge in ihrer
Kleinheit und Nichtigkeit Deinem Blick entweichen und die ewigen Dinge, die
inwendig sind, ob ihrer Nähe groß vor Dir stehen und Dich mit ihrer Seligkeit
erfüllen. Das meint Christi Wort: "Mein Joch ist sanft."

Und nun nehmen wir das andere Wort: "Meine Last ist leicht."

Unter der ,Last' wird der äußere Mensch verstanden, der dem Vergehen und Leiden
unterworfen ist. Aber wo sind die Seligen, denen diese Last leicht ist? Die meisten
wollen nicht leiden, sondern wehren sich gegen jede Widrigkeit und müssen sie
doch entweder erleiden oder sich lassen lernen.

Wie sollen wir leiden? Wie man wohl einem lieben Menschen sagt: "Ich mag Dich
leiden", so sollen wir alles, was kommt, als von Gott zu unserem Besten gewirkt
erkennen und leiden, also willig hinnehmen.

Ob wir Gut oder Ehren verlieren oder Besitz und Ruhm erlangen, Freunde
gewinnen oder sterben sehen, diese Dinge und unsere eigenen Gebrechen und
Leiden, die uns leid sind und die wir nicht zu überwinden vermögen, die sollen wir
Gott gelassen anheim geben und uns mit Gottes Willen eins wissen, im Haben wie
im Darben, und die Dinge nehmen und Gott wieder zurücktragen in rechter
Abgeschiedenheit und mit einem steten In-uns-selbst-Bleiben, und dabei immer
wieder unserer Ichheit entwerden und uns gänzlich in den Gottesgrund einsenken.

Wenn wir all dies tun und darin beharren, werden alle Lasten des äußeren
Menschen und Lebens zu einem Nichts und so leicht, daß sie uns, welche Bürde
uns auch auferlegt würde, zur Freude werden. Denn Gott trägt ja die Last, während
wir selbst frei sind: wir sind aus allem Äußeren ausgegangen, haben es und uns
selbst gelassen, und im gleichen Maße ist Gott in unser Tun und Lassen
eingegangen und wirkt durch uns.

Daß der lichte Gott so in uns wirke, daß sein Joch sanft und alle Last uns leicht
werde, dazu verhelfe uns Gott!

VOM WIRKEN GOTTES IN UNS

"Die, welche der Geist Gottes bewegt und treibt, die sind Kinder Gottes." Röm. 8;
14

Alle Werke, die wir Menschen von uns aus seit je getan haben, heute vollbringen
und künftig vollenden, wie groß sie auch seien, sind allesamt nichts gegenüber dem
geringsten Werk, das von Gott in den Menschen gewirkt wird.

Der Geist Gottes kommt oft in den Menschen und mahnt und treibt ihn in seinem
innersten Seelengrund oder spricht durch das Wort erleuchteter Menschen zu ihm:
"Wenn du dich mir lässest und mir folgst, werde ich dich auf den rechten Weg
weisen und in dir und durch dich wirken."

Doch wie wenige sind es, die auf den inneren Ratgeber hören und ihm folgen. ..

...Die meisten bleiben bei ihren eigenen Meinungen und Weisen, ihren äußeren
Ansichten und Werken, und hindern eben dadurch das Erwachen der Einsicht und
das Wirken des Geistes Gottes, so daß sie sein Wort nicht vernehmen und seinem
Einwirken verschlossen und unzugänglich bleiben.

Warum? Wenn man das innere Wort vernehmen und verstehen will, muß man
zuvor stille sein, schweigen und horchen. Soll Gott in uns sprechen, müssen die
Dinge um uns schweigen. Soll Gott in uns wirken, müssen wir ihm in uns Raum
geben, uns ihm lassen. Es kann nicht beides zugleich wirken: eines muß tun und
der andere lassen.

Damit meine ich nicht, daß sich junge, starke und noch unerfahrene Menschen
nicht im Wirken üben sollten: sie müssen ihre inneren und äußeren Kräfte betätigen
und erproben, um reifer zu werden. Sondern ich meine die reiferen,
fortgeschrittenen und erfahrenen Menschen, die gern Gottes Kinder sein, ihrer
Gotteskindschaft lebendig bewußt werden und aus dem Geiste leben möchten:
deren Weise muß anders sein als die der noch unerfahrenen Anfänger, die noch
nichts vom Wirken Gottes in ihnen wissen.

Wenn wir einen Blick auf die Welt tun, sehen wir, daß die meisten Menschen Gott
fern sind. Andere sind da, die das, was sie im Dienste Gottes wirken, nur unwillig,
aus Furcht oder aus Zwang tun. Noch andere dienen Gott um ihrer Pfründe und des
Verdienstes wegen: würden diese ihnen nicht zuteil, sie würden sich von Gott ab
und ganz der Welt zuwenden. .

Alle diese sind Gott in Wirklichkeit fern und, mögen sie auch von Gott reden, ihrer
Gotteskindschaft noch unbewußt. Denn sie meinen mit allem, was sie tun und
lassen, nur sich selbst, ihr Ich, nicht Gott.

Neben ihnen aber gibt es die Kinder Gottes, und zwar sind das jene, die mit allem,
was sie nach ihren eigenen Weisen und Satzungen an äußeren und inneren Werken
tun, Gott meinen und suchen.

Und schließlich gibt es jene erwachten Kinder Gottes, von denen Paulus spricht,
die sich selbst lassen, Gott durch sich wirken lassen und vom Geiste Gottes bewegt
und getrieben werden. Auf zweierlei Weise geschieht, wie Augustinus sagt, dieses
Treiben und Wirken:

"Die eine Weise ist die, daß der Mensch zu allen Zeiten vom Geiste geordnet und
bewegt wird, das heißt, daß ihn der Geist allezeit mahnt und treibt und zum rechten
Leben anleitet. Das wirkt er in denen, die ihm in sich Raum geben, damit sie ihm
folgen.

Die andere Weise, die der Geist Gottes mit seinem Wirken in den Seinen vollzieht,
ist die, daß er sie plötzlich über alle Weisen und Wege hinweg mit einem Ruck in
einen viel höheren Grad, über alle ihre Werke und Vermögen hinaus zu einem
höheren Ziel empor reißt. Dies sind die eigentlichen „Kinder Gottes."
Allerdings wagen es viele Menschen nicht, sich so ausschließlich auf Gottes
Wirken zu verlassen und sich ihm gänzlich zu überlassen; sie verlassen sich lieber
auf ihr eigenes Wirken. Und merken nicht, daß sie damit das Gute, das sie wirken
könnten und wirken sollten, verfälschen durch unmerklich zunehmendes Behagen
an der eigenen Kraft und Wirksamkeit, durch das Wachsen ihres Selbstgenusses
und Eigenwillens, ihrer Ungelassenheit, Habesucht und Ichgebundenheit ...

...Nun mahnt sie zwar der Geist Gottes in ihnen: " Vertraue mir und folge mir, dann
werde ich dich auf den rechten Weg führen!" Wie weise und gut wäre es, würden
sie auf solche Mahnung hin sich lassen, den Weisungen des Geistes folgen und ihn
durch sich wirken lassen. ..

...Aber leider folgen sie dem inneren Rat nicht, sondern bleiben bei ihren äußeren
Weisungen und Übungen und verharren in ihrem Eigenwillen.

Das möge nicht falsch verstanden werden: gute Weisen und Übungen soll man
durchaus pflegen - aber nicht aus Eigenwillen und im Blick auf das Ich, sondern
man soll mit ihnen auf den Willen Gottes hinzielen und lernen, ihn durch sich
wirken zu lassen.

Wer das unterläßt, der gleicht mit seinem ich-geborenen Eigentun einem Baum voll
schön aussehender Früchte, die aber alle abfallen, bevor sie ausgereift sind, weil sie
trotz ihrer schönen Außenseite innen wurmstichig sind.

Das will uns mahnen, darauf zu achten, daß unser Inneres bis auf den Grund
unserer Seele auf Gott gerichtet ist, damit unsere Werke zur Vollendung finden und
nicht schönen, aber wurmstichigen Äpfeln gleichen.

Es genügt nicht, daß wir uns auf geistige Übungen, Gebete und Meditationen, also
auf die Früchte unseres Wirkens verlassen; denn dann besteht Gefahr, daß wir
innerlich wurmstichig werden, einerlei, ob wir nun ein tätiges oder ein
beschauliches Leben führen, einerlei auch, welche Früchte wir hervorbringen bis zu
den höchsten Kräften und Erleuchtungen - wenn wir nicht auf den Grund achten,
laufen wir Gefahr, daß alle Früchte unseres Eigenwirkens sich am Ende als
wurmstichig erweisen...
Blicken wir auf das Nächstliegende und Geringste: da gibt ein Mensch Almosen
und vollbringt Werke der Nächstenliebe. Ist es ihm dabei nicht gleich, ob die Welt
es erfährt und anerkennt, so sind die Früchte seines Wirkens wurmstichig. Und
gleichermaßen, wenn er betet, um als frommer Mensch zu gelten. Alle, die so
gesinnt sind, haben, wie Christus in der Bergpredigt sagt, "ihren Lohn dahin", weil
sie bei all ihrem Menschen- und Gottesdienst auf ihr Ich und seinen Vorteil
blickten und darum im Grunde nichts gewirkt haben. ..

Das sage ich nicht von mir aus, sondern verweise auf die Worte Christi, mit denen
er uns wieder und wieder mahnt, nicht den Heuchlern zu gleichen, die mit Fasten
und Beten, Gerechtsein und Almosengeben gesehen werden wollen, sondern in die
Stille zu gehen, uns mit allem, was wir sind, haben und tun, zu lassen und Gott in
uns wirken zu lassen.

Hier nun gibt es vier Weisen, durch die unser Tun gegen Wurmstichigkeit gesichert
bleibt:

Die erste besteht darin, daß der Mensch seine Werke weder um seiner noch um
ihrer selbst willen tut, sondern alle - innen wie außen - nur im Blick auf Gott
vollbringt und ihn allein dabei im Sinn hat.

Die zweite ist, daß der Mensch ein Gott und allen Mitgeschöpfen gleichermaßen
aufgeschlossenes, gelassenes und hingegebenes Gemüt habe, sich niemandem
widersetze und willig jedem zu Diensten sei.

Die dritte ist, daß der Mensch der Nichtigkeit, der Nichtheit seines Ich bewußt ist,
alles, was vom Ich kommt, als wesenlos erkennt und wertet und nur das als gut und
wichtig erachtet, das Gott ihn zu tun treibt.

Die vierte ist, daß er sich allezeit in schweigender Nach-Innen-Wendung dem


Wollen und Wirken Gottes offen hält und stets darauf bedacht ist, nichts zu tun,
was nicht dem Willen Gottes entspricht und entspringt.

Wer diese vier Weisen beachtet, der darf gewiß sein, daß an seinem Lebensbaum
gute Früchte hängen, die auch bei Unwetter und Sturm nicht wie die wurm-
stichigen abfallen und verfaulen, sondern im Augenblick des Reifseins willig und
gelassen hingegeben werden.
Das meint das Wort, von dem wir ausgingen: "Die, welche der Geist Gottes bewegt
und treibt, die sind Kinder Gottes." Es sind jene, die ständig darauf achten, daß sie
in allem dem Geiste Gottes folgen, seinem Wort gehorchen, aus dem Geiste leben
und sich, im Geiste wandelnd, als Kinder Gottes erweisen. Sie erfahren, wie Gott
durch sie wirkt, ihnen neue Gaben gibt, sie göttliche Weisheit gewinnen und Werke
vollbringen läßt, die alle Menschenweisheit und alles Menschenwerk weit
übersteigen.

Wenn ein Mensch nur ein Jahr hindurch nichts anderes täte, als hierauf zu achten,
so wäre dieses Jahr besser angewandt als alle vorangegangenen, mag er in ihnen
auch aus eigenem Vermögen noch so großes vollbracht haben. Denn mit Gott
zusammen erreicht man das Höchste, weil solch Wirken Gottes Werk ist und nicht
des Menschen.

Von einem solchen Menschen fällt alles äußere Wirken ab, und doch hat er immer
noch Werke genug - inwendig - zu tun, und größere denn je. Es ist nicht zu
ermessen, mit welcher Liebe Gott in dem Menschen wirkt, der ihm derart in sich
Raum gibt und sich ihm gänzlich überläßt.

Solch ein Gott gelassener Mensch war Timotheus. Die Schüler des Heiligen
Dionysius wunderten sich darüber, daß Timotheus im Vergleich zu ihnen so
unermeßlich zunahm und sie alle weit übertraf, obwohl sie doch alle ebenso viele
gute Werke taten wie er.

Der Meister antwortete ihnen, das käme daher, daß er ein gott-gelassener Mensch
sei, der so tief in den Grund des eigenen Nichtseins, des Nicht-Ich, entsunken sei,
daß er sich auch Gottes Werke nicht anmaße, sondern Gott das Seine lasse.

Daß wir alle zu solchem Lassen und Gott-wirken-Lassen gelangen, dazu helfe uns
Gott!

VOM AUFNEHMEN CHRISTI

"Mein Fleisch ist die rechte Speise und mein Blut ist der rechte Trank." Joh. 6; 55

Alle Übungen und Gaben sind Wege und Mittel zur rechten Bereitung, daß wir in
Gott kommen und Gott in uns wirke.
Diese Gabe aber, daß wir "Christi Fleisch essen und sein Blut trinken", ist das Ziel
und der Lohn; denn darin gibt er sich selbst dem Menschen unmittelbar und
vereinigt sich hier mit dem Menschen einfaltig und vollkommen.

"Mein Fleisch ist die wahre Speise, mein Blut der rechte Trank": die dies äußerlich,
mit den Sinnen nehmen als leibliche Speise, als Brot und Wein, die schmecken und
wissen nichts vom wirklichen Sinn des Abendmahls und von der Seligkeit der
Einswerdung, die darin verborgen liegt.

Die Nahrung, die der äußere Mensch zu sich nimmt, ist tot und wird erst zu Leben
im Menschen. Die Speise aber, die der innere Mensch von Christus empfängt, ist
lebendig, und wer sie in sich aufnimmt, "der wird leben in Ewigkeit" (Joh. 6; 58).

Als diese Worte fielen, gingen viele, die Christum nachgefolgt waren, von ihm fort,
weil sie seine Worte nicht verstanden. Sie nahmen buchstäblich, was geistig
gemeint war. Denn diese Speise übersteigt alles den Sinnen Faßbare. Hier sind der
Speisende und die Speise eins.

Doch es ist schwer, mit Worten von etwas zu sprechen, was über alles Verstehen
hinausgeht. Nur der innere Mensch, der ganz dem innersten lebt, vermag diese
Speise zu schmecken und die Worte zu verstehen, wenn er es auch nicht mit
Menschenworten aussprechen kann.

Wer erfassen will, was es heißt, Christi Fleisch und Blut in sich aufzunehmen, der
muß sich abgeschieden und lassend, innerlich und einig halten.

Um dazu zu gelangen, müssen wir uns gewöhnen, auf unseren inneren Menschen
zu achten und bei allem, was wir tun, in uns hineinzusehen: bei jedem Werk, bei
jedem Zusammensein mit anderen Menschen sollen wir mit dem größten Teil
unseres Wesens nach innen gewendet bleiben, und noch mehr in den Stunden der
Muße und des Alleinseins: da sollen wir erst recht mit allen Sinnen und Kräften
nach innen gesammelt und in den Seelengrund versunken sein. Denn hier ist es, wo
die lebendige Speise, ,Fleisch und Blut', d. h. Wesen und Geist Christi mit dem
inneren Menschen vereinigt wird, ihn gänzlich in sich zieht und in sich verwandelt.

Diese Vereinigung übersteigt alle Wandlungen, die der Mensch begreift. Denn hier
ist der Geist über alle Kreatürlichkeit hinausgehoben, geläutert und verklärt und so
vollkommen über sich selbst und seine Weise erhoben und von Gott durchdrungen,
daß er alle Gleichheit und Ebenbildlichkeit mit Gott verliert, zur Einheit gelangt
und im Lichtmeer der Gottheit entwird.
Dies geschieht in der gleichen Weise, wie Feuer auf das Holz wirkt: zuerst entzieht
es dem Holz die Feuchtigkeit, macht es wärmer, hitziger und sich gleicher. Je näher
das Holz der Gleichheit kommt, desto mehr schwindet die Ungleichheit, bis
schließlich das Feuer die Materie des Holzes löst und das Wesen des Holzes mit
dem Feuer eins und selbst zur Flamme wird. So verliert man in der Einheit die
Gleichheit.

Genau so zieht die göttliche Speise den Geist aus der Ungleichheit in die Gleichheit
und aus dieser in die Einheit:

Wenn die göttliche Glut im Feuer der Liebe dem Geist alle Ungleichheit, alles Gott
Ungemäße entzogen hat, verliert er sich in der Aufnahme des Wesens Christi
gänzlich in der Gottheit, wie Christus zu Augustinus sprach: "Wachse und nimm
mich in dich auf, dann wirst du nicht mich in dich verwandeln, sondern du wirst
gänzlich in mich verwandelt werden."

Bevor dies geschehen kann, muß alles Kreatürliche an und in uns sterben. Aber
welch fruchtbares und seliges Leben wird in solchem Sterben geboren!

Schon bei der Aufnahme der leiblichen Speise muß alles, was wir genießen, sich
selber sterben und entwerden, ehe es in unsere Natur aufgenommen und ganz mit
ihr eins werden kann. Da ist ein immerwährendes Sterben.

Schon wenn sie in den Magen kommt, ist die Nahrung sich selbst so ungleich, daß
ihre frühere Form nicht mehr erkennbar ist, und noch mehr, wenn ihre Kraft von
unserem Leibe aufgesogen und zu einem Teil unserer selbst geworden ist.

Aber weit tiefer geht das Sterben und Entwerden, wenn unser Geist in göttlicher
Einheit entwird und sich darin so verliert, daß sein kreatürliches Sein nicht mehr zu
entdecken ist.

Nach solcher Einswerdung sollte all unser Trachten gehen, und nicht nach dem,
was weniger ist. Wir sind zu unermeßlich großen Dingen geschaffen, berufen und
eingeladen, und Gott will, daß wir uns nicht mit Geringerem zufrieden geben und
uns mit kleinen Dingen begnügen, sondern erkennen, daß er sich uns mit seinem
ganzen Wesen geben will. Darum sollen wir bei allem, was wir empfangen,
innerlich wach und aufgeschlossen sein und mit allen Sinnen und Kräften nach dem
Höchsten verlangen, nach Gott selbst, damit wir dem göttlichen Grunde immer
näher und so immer höher kommen.

Wie sehr schaden sich jene, die die göttliche Wahrheit und Wirklichkeit nur mit
den Sinnen fassen und alles buchstäblich und grobstofflich nehmen: sie bleiben
zurück und es wird nichts aus ihnen. ..
...Wie wenn die leibliche Speise im Magen bliebe und sich nicht weiter einfügte, so
daß sie dem Körper nur Beschwerden macht, so verhalten sich jene, die die
göttliche Speise nur mit den Sinnen aufnehmen und nicht mit dem Geist: sie
empfangen nicht das höchste Gut, das Gott ihnen mit dieser Speise geben will -
nämlich ihn selbst. Sie begreifen nicht den Sinn des Sakraments und werden nicht
der Wandlung teilhaftig, in der Gott sich ihnen so wesentlich und vollkommen
mitteilt, daß der Speisende und die Speise eins werden.

Diese göttliche Gabe können wir alle Tage empfangen, so oft wir danach begehren.
Für die, die zur Vollkommenheit finden wollen, gibt es keinen kürzeren und
sichereren Weg als den nach innen.

Nichts bereitet die Materie so gut dazu, daß sie zu Licht werde, als wenn sie dem
Feuer genähert wird und die Wärme mehr und mehr in sich aufnimmt: sie mag
noch so naß und hart und steinern sein, bleibt sie dem Feuer nah, dann wirkt dessen
Glut auf sie, macht sie sich gleich und zieht sie ganz in sich.

Ebenso mag ein Mensch noch so sehr von Sünden, Fehlern und Mängeln
durchtränkt, verhärteten Herzens oder steinernen Wesens sein - nähert er sich in
steter Nach-Innen-Wendung dem göttlichen Feuer in Andacht und williger
Hingabe, soweit er es eben vermag, und bleibt er dabei, dann wird sein dem Feuer
so ungleiches Wesen durchwärmt, weicher und lichter und schließlich
durchflammt, feurig und göttlich werden.

Es gibt kein edleres Mittel völliger Durchgottung unseres Wesens als Gott selbst.
Wie könnten wir uns besser und vollkommener für ihn bereiten als durch ihn
selbst! Wir können unsere Unvollkommenheit, unseren ,alten Adam', unseren
unzulänglichen äußeren Menschen, unser ganzes Wesen nicht rascher zur
Erneuerung und Wiedergeburt führen als dadurch, daß wir ,Christi Fleisch essen
und sein Blut trinken', d. h. sein ganzes Wesen in uns aufnehmen, uns von seinem
Geiste erfüllen, von seinem liebenden Herzen entflammen lassen und Teilhaber
seiner Gottheit werden.

Der empfängt ihn ganz, der dabei sich selber entwird, sich ihm völlig hingibt und
sich mit seinem Willen eint: "Mein Wille ist, daß ich wohne in dem Menschen wie
in meinem Herzen und meiner Seele."

Das meint der heilige Thomas mit seinem Wort: "Alle Gnade, die Christus in die
Welt brachte, da er Mensch ward, die bringt er heute und allezeit mit seinem
heiligen Leibe und Wesen jedem Menschen", der ihn in sich aufnimmt und sich
ihm eint.

Alle Meditationen und alle Versenkungen, die der Mensch von sich aus vornehmen
mag, sind nichts gegenüber dieser Gabe; denn sie mögen auf Gott zielen, hier aber
ist Gott selbst. Hier wird der verklärte Mensch gänzlich durchgottet, wie Gott einst
zu Augustinus sprach: "Nicht ich in dich, sondern du gänzlich in mich."

Alle Hindernisse, die diesem Empfang der göttlichen Speise und der Einswerdung
entgegenstehen, liegen im Menschen selbst:

Es sind die Dinge und Lüste, die sein Herz zerstreuen, seine Andacht vertreiben,
seine Hingabe verunmöglichen und Gott ihm unvertraut und fremd machen. Es ist
die Neigung, mit mehr Liebe und Befriedigung an den Kreaturen zu hängen als an
Gott, so daß die Kreaturen, die vergänglichen Genüsse und Güter ihn so ausfüllen
und beschäftigen, daß für Gott keine Zeit und kein Platz mehr ist.

Diese Neigung, immer mehr zu gewinnen und zu sammeln, zu besitzen und


festzuhalten, ist tief im Menschenwesen verwurzelt, einerlei, ob einer nun
materielle Schätze sammelt oder Wissen und Erkenntnisse: jeder sinnt, wie viel er
sammle, und häuft um sich und in sich tausend Dinge auf, die ihm Lust bereiten,
sein Ich aufblähen und ihn eben dadurch in seinem Tun bestärken. Jeder sucht
Freundschaft, Kurzweil und Gleichgesinnte, die ihn ihrerseits in solchem Tun
bestärken und ihn immer weiter von sich selbst und von Gott wegführen.

Und da er keines von diesen Dingen lassen will und Gott und seine Gaben nicht
wahrnimmt, sondern sich an die Kreaturen und äußeren Dinge hält, zerrinnt sein
Leben gleich einem Bach im Wüstensand. ..

...Aber der Mensch will das nicht sehen und nicht wissen, wie er daran ist. Er findet
viele Bemäntelungen seines geist- und gottfernen Treibens und beruhigt sein
Gewissen: "Dies muß ich noch haben" und "Das schadet mir nicht". Das sind
mächtige Hindernisse, die der Mensch zwischen Gott und sich errichtet. Was nützt
es ihm dann, wenn er die göttlichen Gaben empfängt, aber unempfänglich bleibt für
ihr Wesen, für die Einströmung des verwandelnden göttlichen Lichts und Feuers?
Unempfänglich bleibt er, solange er mit dem, was er treibt, selbst bei bester
Absicht, sein Ich meint und sucht - nicht Gott.

Jene aber, die nicht heimlich mehr von sich als von Gott halten, sondern mehr nach
innen als nach außen gewendet sind, in der Selbstbesinnung ihre Gesinnung und
ihren Seelengrund lauter und licht finden und sich mit allen Sinnen und Kräften
Gott zuwenden, davon nicht ablassen und ihm im Haben wie im Darben
gleichermaßen vertrauen, die empfangen seine Gaben, nehmen sie dankbar von
Gott entgegen und tragen sie wieder in ihn hinein.

In ihnen wirkt ,Christi Fleisch und Blut' die Verklärung, sie werden in Gott geboren
und Gott in ihnen. Weil sie nichts im Sinn haben als den Willen Gottes, werden sie
gänzlich über sich selbst erhoben, in Gott hineingezogen und mit ihm im Grunde
vereint.

Welche Wunder vermöchten wir mit Gott zu wirken, wenn wir uns täglich auf uns
selbst besönnen, in uns selber ruhten und auf die göttlichen Gaben in uns achteten!
Wir fänden das Reich Gottes in uns und vermöchten alle Dinge.

Aber leider tun wir das nicht, sondern blicken, statt in uns hinein, aus uns heraus
und eilen zu den Dingen, die uns locken, bald zu diesen, bald zu jenen -- und des
Rennens und Umherirrens ist kein Ende. ..

Daß wir dessen inne werden und innehalten, uns nach innen wenden und zu uns
selbst finden, in der Abgeschiedenheit und Stille des Innern die göttlichen Gaben
empfangen, Christi Wesen in uns aufnehmen und zur Einswerdung finden, dazu
verhelfe Gott uns allen!

VOM GEISTIGEN GENIESSEN GOTTES

"Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm."
Joh. 6; 56

Es ist wohl kein Wort so tief wie dieses und keines, das uns Gott so nahe bringt. Es
besagt, daß wir Gott wie Speise und Trank in uns aufnehmen sollen, damit er wie
diese ganz in uns eingehe und wir ganz mit ihm vereinigt werden.

Der Heilige Bernhard erläutert dies Wort so: „Wenn wir diese Speise essen, so
werden wir gegessen."

Wenn wir leibliche Speise zu uns nehmen, gelangt sie in den Magen, wird dort
verdaut und verwandelt und wird ein Teil unseres eigenen Fleisches und Blutes.
Gleichermaßen ist es mit der Speise Christi: wie die leibliche Nahrung in uns
verwandelt wird, so werden wir, wenn wir Christum in uns aufnehmen, in ihn
verwandelt.
Denn diese Nahrung geht dem, der sie willig in sich aufnimmt, bis in den innersten
Grund. Das erkennt er daran, daß er Gott in sich findet und sich in Gott.

Um dazu zu gelangen, muß man - gleich der leiblichen Speise im Körper des
Menschen - ganz sich selber entwerden und zu einem Teil des göttlichen Lebens
werden. Soll Holz Feuer werden, muß es seiner äußeren Holzheit entwerden.
Gleichermaßen: willst Du Gott werden, muß Dein äußerer Mensch entwerden.

Christus vergleicht sich auch dem Brot, das vom Himmel kommt: "Wer dies Brot
ißt, der wird leben in Ewigkeit", wird Teilhaber des ewigen Reiches, des Reiches
Gottes.

Wie die natürliche Nahrung im Entwerden ein Leben mit dem Menschen wird, so
zieht die göttliche Nahrung Dich gänzlich aus Dir selbst und erfüllt im Entwerden
des äußeren Menschen, des Ich, Deinen Seelengrund, bis er ganz durchchristet und
Dein ganzes Wesen und Leben von Gott neu gebildet, in ihm wiedergeboren ist.

Das ist der eigentliche geistige Sinn des Sakraments, daß, wenn wir Christum
symbolisch - in der Gestalt von Brot und Wein - zu uns nehmen, wir dessen bewußt
sind, daß er zu unserer Seelennahrung werden, sich ganz in uns einsenken und mit
uns eins werden will, wie das alle Tage unsichtbar geschieht.

Damit sich diese Wandlung, in der er in uns eingeht und wir in ihm entwerden,
vollziehen kann, ist dreierlei Voraussetzung: erstens, daß wir im täglichen Leben
mehr und mehr seine Tugenden annehmen und üben: Demut und Sanftmut,
Willigkeit und Lauterkeit, Geduld und Barmherzigkeit, Nächstenliebe und
Schweigen.

Zweitens, daß wir uns dem Frieden Gottes in uns mit wachsender Willigkeit
überlassen und hingeben. Denn so weit und so viel wir in Frieden sind, so tief sind
wir in Gott.

Drittens, daß wir uns selber in Gott entwerden und zu einem Tempel seines
göttlichen Geistes werden. Dann wirkt Gott alle Werke in uns; wir wirken nichts
mehr aus uns selbst, sondern handeln nur noch als Werkzeug des göttlichen
Willens.

Dann ist Gott, wie der Heilige Ambrosius sagt, "unser täglich Brot": unsere geistige
Nahrung, die wir ständig zu uns nehmen und durch die wir am ewigen Leben
teilhaben.

Um aber ganz von dieser Speise verwandelt zu werden, müssen wir uns selber
entwerden mit allem, woran wir mit unseren Sinnen haften, und müssen uns
gänzlich lassen und hingeben, damit Gott in uns werden und wirken kann.
Je unergründlicher unser Nichts, desto wesentlicher und vollkommener ist die
Vereinigung. Würden wir uns so gänzlich unserer Ichheit entziehen wie Jesus, so
würde unser Einssein mit dem Vater so vollkommen wie bei ihm: soviel
Entwerden, soviel Werden! Soll Gott in uns sein Wort sprechen, müssen alle
anderen Stimmen und Kräfte schweigen. Es geht dabei nicht um ein Tun, sondern
um ein Nicht- Tun.

Aber gegen dieses Entwerden sträubt sich das Ich. Es will wissen, wozu, und will
dabei beteiligt sein. Sterben will es nicht. Darum schaut es um sich nach Hilfe aus,
sucht bei äußeren Lehrern Rat und folgt bald diesem, bald jenem Meister und
begnügt sich lieber mit dem Sinnbild, dem äußeren Sakrament, als mit dem Wesen.

Doch auf dem Wege nach innen, auf der oberen Stufe, ist alles hinderlich, was auf
den unteren Stufen noch weiter helfen kann. Denn mit allem Äußeren will und
meint der Mensch noch sich, sein Ich, und hindert eben dadurch Christum, sein
Werk in ihm zu vollbringen.

Erst mit der völligen Nach-Innen-Wendung und Hingabe meint der Mensch Gott,
und dann geht er den Weg des Lassens und Entwerdens, auf dem er überformt und
im Genießen Gottes ganz mit Gott vereinigt wird.

Das bestätigt, der es erfahren hat, Paulus, mit seinem Wort: "Wir werden verklärt in
das Bild Gottes von Klarheit zu Klarheit durch den Geist Gottes."

Daß wir diese Verklärung und Verwandlung alle erreichen, dazu helfe uns Gott!

VOM GOTTESGRUND

"Ich beuge meine Knie vor dem, der der Vater aller ist, die im Himmel und auf
Erden seine Kinder heißen, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner
Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist in eurem inneren Menschen, daß
Christus in euch wohne und ihr durch die Liebe eingewurzelt seid, auf daß ihr die
Breite, die Länge, die Tiefe und die Höhe begreift und die Liebe Christi erkennt
und erfüllt werdet mit der ganzen Fülle Gottes." Eph. 3; 14 f.

Als Paulus diese Epistel schrieb, war er gefangen und wünschte, daß seine Freunde
darob nicht in Sorge und Betrübnis geraten. Er wies sie auf den Weg der
Gelassenheit; denn wer in rechter Gelassenheit steht, der ist für alle Tugenden und
Gaben Gottes und alles Gute jederzeit empfänglich, während Betrübnis und Furcht
Hindernisse auf dem Wege zu Gott sind: sie ersticken das Leben, verlöschen das
Feuer der Liebe und verdunkeln das Licht.

Darum sagt Paulus: "Freuet euch in dem Herrn aller Wege, und nochmals: freuet
euch!"
Wenn Paulus sagt: "Ich beuge meine Knie", meint er damit nicht die des äußeren
Menschen, sondern die des inneren; denn diese zu beugen reicht tiefer als alle
äußere Hinwendung zu Gott: damit gibt sich der innere Mensch mit allen seinen
Kräften und Gaben in die Hand und den Willen Gottes im Bewußtsein der
Nichtheit des Ich. Mit dieser seiner Nichtheit, seinem Nicht-Ich, gibt er sich Gott
völlig hin - durch Gelassensein, Nicht- Tun und Nicht-Anmaßung. Diese drei sind
eins, nämlich wahre Hingabe, und gelten dem dreifachen Wesen des Menschen:

Den äußeren Menschen gilt es, soweit man es vermag, mit Gelassenheit zu be-
zwingen und ihn einwärts zu ziehen in den inneren Menschen, so daß der äußere
nach den Weisungen des inneren wirke und nicht nach den Wünschen und
Begierden des Ich.

Wenn dann der innere Mensch in rechter freier Gelassenheit und Nicht-Anmaßung
steht, halte er sich in seinem lauteren Nicht- Ich, über sich im Nicht- Tun, indem er
sich Gott läßt und Gott wirken läßt.

Dann erhebt sich der innerste Mensch, der Geist, Christus, das göttliche Selbst im
Seelengrund, und kann sich in seinen Ursprung zurückwenden, in seine Unge-
schaffenheit im Gottesgrund, wo er ewig gewesen ist: da steht er bildlos und
formlos in seiner Ungewordenheit, und da erfüllt ihn Gott mit der Kraft und dem
Reichtum seiner Herrlichkeit.

So groß ist die göttliche Fülle, daß von diesem Reichtum der innere Mensch ganz
erfüllt, durchlichtet und durchkraftet wird und selbst der äußere Mensch noch daran
teilhat.

"Auf daß Christus in euch wohne": Während der äußere Mensch sagt: "Ich glaube
an Gott, den allmächtigen Vater", und ihn außer sich wähnt, weiß der innere
Mensch um die lebendige Gegenwart Gottes in ihm. Er weiß Christum in sich als
den verborgenen innersten Menschen, als das göttliche Licht, das um so heller
leuchtet, je mehr es den inneren Menschen zu seiner Aufnahme bereit und sich
zugekehrt findet.

Alsdann strömt die Kraft Christi in ihn, Christus nimmt Wohnung in seinem
Seelengrund, so daß der Mensch bis in den Grund vom Geist der Liebe erfüllt und
durchdrungen und mit seinem ganzen Wesen darin eingesenkt ist.

Wo diese drei Tugenden - Gelassenheit, Nicht- Tun und Nicht-Anmaßung - walten


und dies wirken, da wird die Liebe so weit und allgewaltig, daß sie alle Wesen in
sich schließt, allen helfen und alle selig machen möchte.

Danach gilt es zu trachten: daß wir durch die Liebe eingewurzelt werden in den
tiefsten Grund unseres Wesens und mit ihm eins werden.
Je tiefer ein Baum wurzelt und gründet, desto höher, breiter und länger kann er
wachsen. Gleichermaßen wir: je tiefer wir in den Seelengrund eingesenkt und
eingewurzelt sind, desto mehr werden wir der Breite, Länge, Tiefe und Höhe des
Gottgrundes inne:

Die Breite des Gottgrundes besteht darin, daß man sich seiner Gegenwart nirgends
entziehen kann. Wohin wir uns auch wenden, überall berühren wir den Grund.

Die Länge wird offenbar, wenn wir des Jetzt der Ewigkeit bewußt werden, in dem
alles Vorher und Nachher eins und aller Wandel unbewegte Ruhe ist.

Die Tiefe erfahren wir, wenn wir uns in unsere eigene Tiefe wenden und im
Entwerden des äußeren und des inneren Menschen ganz im Seelengrund entsinken.
In dieser Entsinkung offenbart sich der unergründliche Abgrund Gottes, dessen
Tiefe kein geschaffenes Wesen und kein Engel auszuloten vermag.

Ebenso unausmeßbar ist die Höhe Gottes, so daß, wenn auch die Seele in der
Hingabe an Gott gleichsam von Gott zu Gott erhöht wird und sie sich hoch über
alle Kreaturen und Engel in die Höhe der überwesentlichen Gottheit
emporschwingt, Gott ihr doch so unbegreiflich hoch bleibt, daß ihr alles winzig und
nichtig wird, das nicht Gott ist. Hier ist sie über sich selbst und alles
hinausgeschritten.

Nun haben wohl manche im Zustand der Erleuchtung einen kurzen Blick hier
hineingetan, aber es ist nicht in ihnen geboren, weil man nicht ohne die
vollkommene Verwirklichung der drei Tugenden - gänzliche Gelassenheit, Nicht-
Tun und Nicht-Anmaßung - dorthin gelangt.

Denen, die mit ihrem Wirken noch im äußeren Menschen stehen, bleibt der
Seelengrund verborgen und der Gottesgrund verschlossen. Wenn Gott ihren
äußeren Menschen in den inneren ziehen und sie zum Gelassensein und Lassen
leiten will, sträuben sie sich mit allen Kräften, klammern sich voller Angst an die
äußeren Dinge und verharren in ihrer Ichheit, Anmaßung und Ungelassenheit. Und
dann wird nichts daraus.

In dem Menschen hingegen, der mit aller äußeren und inneren Tätigkeit und Übung
auf diese drei Tugenden zielt und zur Einsenkung in den innersten Grund bereit ist,
kann die Geburt geschehen. Denn er läßt sich, überläßt sich Gott und wartet, was
Gott durch ihn will und wirkt - in Gelassenheit, Nicht- Tun und Nicht- Anmaßung -
ohne Eigenliebe, ich-entworden, in völliger Hingabe seiner selbst.
Alsdann wird Christus im innersten Grunde der Seele geboren und mit ihm der
Friede Gottes, der alle Erkenntnisse übersteigt, und die ganze Kraft und Fülle der
Gottheit.

Daß wir uns dazu recht bereiten und zu dieser Geburt gelangen, dazu verhelfe uns
Gott!

VORBEREITUNG DER GEBURT GOTTES IN UNS

"Tretet her zu mir alle, die nach mir begehren, und werdet erfüllt von meiner
Geburt." Jesus Sirach 24; 26

Die ewige Weisheit spricht dieses Wort: "Tretet her zu mir alle, die ihr nach mir
begehrt, und werdet erfüllt von meiner Geburt." Dies Wort bezieht sich auf Gott
und leitet uns zu seiner Geburt, auf daß wir ganz von der Seligkeit der Geburt
Gottes in uns erfüllt werden.

Es heißt weiter: "Allen, die genügsam nach mir begehren, allen, die es wahrhaft
danach verlangt, daß diese Geburt geschehe, wird zuweilen ein Blicklein auf diese
Geburt geschenkt." Damit wird ihr Verlangen angefacht und angetrieben, noch
mehr davon zu begehren und noch vollkommener dieser Seligkeit teilhaftig zu
werden. Und dann sagen sie mit Augustinus: "Herr, Du hast uns bereitet zu Dir;
daher ist unser Herz in steter Unruhe, bis es in Dir ruht."

Diese Unruhe, dieses Verlangen nach der Geburt Gottes in uns, die wir ständig
fühlen sollen, wird gehindert und gemindert durch wesensfremde Dinge, denen wir
anstelle Gottes begehrend in uns Raum geben – zeitliche, sinnenhafte, vergängliche
Dinge, Kreaturen, seien es Lebende oder Tote, Freundschaft und Gesellschaft,
Befriedigung und Lust an Besitz, Glanz und Reichtum jeder Art -: diese Dinge
bewirken, daß Gott nicht in uns geboren werden kann, weil im Grunde unserer
Seele kein Raum für ihn ist.

Jedes kleine Ding, das Sinne und Gemüt gefangen hält, jedes Lüstlein, das uns
erfüllt, mindert das Verlangen nach Gott und hindert sein Geborenwerden in uns.

Frage mich nicht nach dem Grund, sondern sieh selbst in Deinen Grund und prüfe,
was alles Dich bewegt, Dein Begehren und Deine Lust erregt. Du möchtest gern
Gott und zugleich die Dinge und Kreaturen haben; aber das ist unmöglich. Wenn
der eine zu Dir kommen soll, müssen die anderen gehen.
Damit sind nicht die Dinge gemeint, die Du nötig hast, oder jene, die Du durch
Gott oder mit Gott hast, und auch nicht die, welche Du von Natur aus nicht
entbehren kannst, wie Nahrung bei Hunger, Trank bei Durst, Rast und Schlaf bei
Müdigkeit. Nur wenn die Stillung solcher Bedürfnisse um ihrer selbst, um der Lust
und des Genusses willen gesucht wird, nicht aus Notwendigkeit, wird die Geburt
Gottes in Dir gehindert, wenn auch nicht so sehr wie durch den Genuß anderer
Dinge, die Dir nicht nötig sind.

Wer also wünscht, daß Gott in ihm geboren und er des göttlichen Lichtes teilhaftig
werde, der achte auf dieses Hindernis, das in der gierhaften Hingabe an die Lust der
Sinne und der Kreaturen liegt.

Und er achte weiter darauf, daß er nicht aus Schwäche und Trägheit zurückbleibe,
weil er das, was er tut, unbedacht und blind tut, da er ungesammelt ist und nicht mit
seinen Gedanken bei dem weilt, was er gerade tut. Wie kann er Gott sehen, solange
seine Augen, ihm unbewußt, oder bewußt, auf andere Dinge gerichtet sind!

Das meint Christi Wort: "Wer nicht alles verläßt, was er besitzt, der ist meiner nicht
würdig." Gott hat uns alle Dinge als Lehen gegeben, damit sie uns als Weg zu ihm
dienen; er allein soll das Ziel sein und die Dinge nur Mittel. Die Dinge gehören
zum äußeren Menschen; der innere Mensch aber, der Seelengrund, soll von ihnen
frei und auf Gott gerichtet und jederzeit bereit sein, ganz und ausschließlich von
Gott erfüllt zu werden.

Hierauf allein kommt es an und nicht auf das, was ich äußerlich tue.

Daß ich von Gott rede, viel bete und meditiere, schöne Worte machen kann, viel
verstehe und deshalb geachtet werde - das ist alles nichts wert, und wer darauf
sieht, der täuscht und betrügt sich selbst. Gott sieht das Herz an, ob es weltlich
gesinnt oder zu seinem Empfang bereitet ist. Ist das Herz weltzugewandt, dann sind
alle guten Absichten und Werke nutzlos; denn dann ist es Gott fern.

Darum ruft Gott: "Tretet her zu mir", wendet euch ganz mir zu, gebt euch mir hin!
Wir können nur das eine oder das andere. Und wenn wir uns für Gott entschieden
haben, muß unser Ich zurücktreten. Soll Feuer werden, muß das Holz entwerden.
Soll die Frucht entstehen, muß die Blüte vergehen. Soll Gott in uns geboren
werden, muß unsere Ichheit zuvor entwerden.

Das Entwerden der Ichheit aber setzt ständige Wachsamkeit voraus, weil das
Haften an den alten Gewohnheiten wie abgeschnittenes Haar nachwächst. Deshalb
muß man sich immer wieder prüfen, wo alte Neigungen wieder hochkommen, daß
sie mitsamt der Wurzel ausgemerzt werden. Diese Selbstüberwachung ist anfangs
schwer, wird aber mit der Zeit immer leichter.

Und was am Anfang eisernen Fleißes und unermüdlicher Ausdauer bedarf,


vollzieht sich schließlich von selbst.

Auch soll der Mensch von jener tätigen Liebe erfüllt sein, die nicht auf Einzelne
gerichtet, sondern allen Wesen ohne Ausnahme allerbarmend und hilfsbereit
zugewandt ist. So handeln beispielsweise jene, die ein Drittel ihrer Habe dem
Dienste Gottes weihen, ein Drittel den Armen geben und nur das letzte Drittel für
sich selbst verwenden und damit zeigen, daß sie über den vergänglichen Dingen
stehen. Wer so gibt, dem wird gegeben. Wer es tut, weiß es.

Nun bleiben manche, die wenig an äußeren Dingen haften, an inneren Dingen
hängen und bilden hier Neigungen und Haltungen, die der Geburt Gottes in ihnen
genau so hinderlich sind wie das Haften an äußeren Dingen. Solche Menschen
mögen lauter leben, nur daß, woran sie haften, eben in ihnen ist.

Das mag äußerlich als Unleidlichkeit und Ungelassenheit anderen Menschen


gegenüber zum Ausdruck kommen, in Ablehnung und Verurteilung Anders-
gesinnter. Hier setzt dann der Geist der Finsternis ein, indem er solchen Menschen
immer mehr Gelegenheiten zum Unwillig- und Zornigwerden gibt, daß sie zuletzt
die Herrschaft über sich selbst verlieren und damit offenbaren, wie groß ihre
Ichheit ist und wie fern sie im Grunde ihrer Seele Gott sind. ..

...Würde ein solcher Mensch aber in sich gehen, die Nichtigkeit und Nichtheit
seines Ich erkennen, den Menschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, sich mit
ihnen aussöhnen und vertragen und sich alsdann ganz in seinen Seelengrund
einsenken, dann würde der Fehler von ihm abfallen und dahinschmelzen wie
Schnee in der Sonne, alles wäre gesühnt und gut, und Gott könnte in ihm geboren
werden.

Hier nun muß ich einen Gedanken berühren, den nicht alle verstehen, sondern nur
die, die es angeht:

Als der Geist Gottes Hiob berührte, da sprach dieser: "Ich sah ein Bild vor meinen
Augen, aber ich erkannte seine Gestalt nicht." Das Bild, das er schaute, ist
Christus; die Gestalt, die er nicht erkannte, ist Gott, der sich hinter dem Bilde
Christi verbirgt, das wir in uns erkennen.. .

...Hierher gehört auch, was im Buch der Könige berichtet wird: Der Engel sprach
zu Elias, er solle auf den Berg gehen, d. h. in die Abgeschiedenheit des Innern und
in die Nähe Gottes. Als er dorthin gelangte, offenbarte sich Gott ihm in einem
starken Sturm und danach in einem Beben, das den Grund erschütterte. Aber in
beiden blieb Gott ihm fern.

Danach brach ein Feuer aus, aber auch darin ward Gott ihm noch nicht sichtbar.
Nach dem Feuer aber kam ein stilles sanftes Wehen; als Elias das vernahm,
verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, weil das Licht Gottes ihn blendete.
Danach ward ihm die Stimme der Stille, das Wort Gottes, vernehmbar.

Das ist der gleiche innere Weg, auf dem Gott auch zu uns kommt und in uns
geboren wird.

Wir müssen zuerst auf den Berg gehen, unser Gemüt zu Gott erheben, uns mit
unserem Seelengrund in völliger Gelassenheit ganz Gott zuwenden und uns ihm
schweigend offen halten. Wenn dann Gott kommt, entsteht zuerst ein Sturm, der
alles umkehrt, was in uns ist, soweit wir zu solcher Wandlung und Erneuerung
willig und bereit sind, gottförmig zu werden. ..

...Hier bleiben die meisten an zeitlichen Dingen haften und in ihrer Ichheit
befangen aus Angst, sich selber zu verlieren und alles, woran ihr Herz hing,
aufzugeben... Erst wenn sie sich dem Sturm gelassen überlassen und ihre Ichheit
fahren lassen, kann Gott in ihnen geboren werden.

Nach diesem Sturm kommt das Beben, das den Grund erschüttert und alles
vernichtet, was in uns vergänglich ist und der Geburt entgegensteht. Und danach
kommt das Feuer, die göttliche Liebe, die den äußeren Menschen verzehrt und den
inneren gottförmig macht und bis in den äußeren Menschen hinein als Glut und
Licht verspürt wird; so stark dringt die göttliche Liebe durch den Geist und bis in
den Leib.

...Aber in alledem wird Gott noch nicht als gegenwärtig erfahren. Erst wenn Sturm,
Beben und Feuer alles, was dem äußeren Menschen zugehört, restlos vernichtet und
verwandelt haben, naht Gott selbst mit seiner Kraft und seinem Licht in einem
stillen sanften Wehen und Raunen und offenbart sich dem inneren Menschen mit
einem Blick - so strahlend, daß Elias sein Haupt verhüllte, weil dieser Anblick für
die Natur, den äußeren Menschen, unerträglich ist.
Wie das schwache Auge des Leibes schon nicht in die Sonne sehen kann, ohne
geblendet zu werden, so kann das innere Auge das volle Licht der Gottheit zuerst
nicht länger als in einem kurzen Blick ertragen. Aber durch diesen Blick wird der
innere Mensch in einen solchen Frieden versetzt, daß ihn hernach nichts mehr
entfrieden kann.

Das Bild, das Hiob sah, war Christus als Lichtstrahl der Gottheit. Und die Gestalt,
die sich erst im stillen sanften Wehen offenbart, ist der Geist Gottes. Selig jeder
Mensch, der auch nur einen Augenblick vor seinem Tode hierzu gelangt!

Und doch ist dieses Erblicken Gottes nicht zu vergleichen mit der unendlichen
Seligkeit, die das völlige Erwachen zum ewigen Leben, zum Reiche Gottes, mit
sich bringt. Wer dorthin gelangt, der entsinkt in sein unergründliches Nichts und
darüber hinaus in unaussprechlicher Weise in den Lichtabgrund der Gottheit.

In diesem völligen Zunichtewerden ist er sich selber von Grund auf entformt, und
in diesem Entworden- sein wird Gott in ihm geboren.

Daß wir alle diesen Weg gehen und dazu gelangen, daß Gott in uns geboren werde,
dazu verhelfe uns Gott!

VON DER HIMMELFAHRT

"Und nachdem er mit ihnen geredet hatte, ward er aufgehoben gen Himmel." Mark.
16; 19

Als Christus mit seinen Jüngern auf dem Ölberg saß und sie daran erinnerte, daß
sie, als er unter ihnen weilte, so hartgläubig gewesen seien, und als er dann vor
ihren Augen gen Himmel fuhr und entschwand, wie fuhren da die Herzen der
Jünger, die ihn liebten, in schmerzlicher Sehnsucht ihm nach! Denn ,wo ihr Schatz
ist, da ist auch ihr Herz'.

Mit dieser Fahrt gen Himmel will Christus unser, seiner Freunde, Herz, Sinne und
Kräfte, innen und außen, nach sich ziehen, damit wir nicht mehr in der Zeit
Wohnung nehmen und in ihr hängen bleiben, sondern damit unser Wandel im
Himmel sei - und gleichermaßen all unsere Liebe, unser Denken und Sehnen und
unser Trost.
Wer kann uns daran hindern, ihm ohne Unterlaß nachzufolgen? Sagte er nicht: „Ich
gehe zu eurem und meinem Vater" - und ist nicht sein Grund, sein Ziel und seine
Seligkeit gleichermaßen die unsere?

Ja, wir sind dem selben Grunde entflossen und gehören mit allem, was wir sind, in
das selbe Ziel und in den selben Grund. Wie er uns vorangegangen ist in die
Seligkeit des Reiches Gottes, so müssen wir, wenn wir ihm nachfolgen wollen, den
Weg merken, den er gegangen ist, und den selben Weg gehen, wenn wir mit ihm
über alle Himmel gelangen wollen.

Wir können es; denn er in uns ist der Weg. Wenden wir uns nach innen und folgen
wir ihm, dann gelangen wir mit ihm an das Ziel, dahin er uns vorangegangen ist.

Wie der Magnet das Eisen emporzieht, so zieht Christus alle Herzen nach sich, die
je von ihm berührt wurden. Wird das Eisen von der Kraft des Magneten erfaßt,
erhebt es sich über seine natürliche Art: es unterliegt dann nicht mehr der
Schwerkraft, sondern überwindet sie und schwingt sich auf.

Genau so gelangen alle, die je vom Magneten Christi berührt wurden, über sich
selbst hinaus, überwinden ihre niedere Natur und folgen ihm; und je vollkommener
die Berührung, desto leichter die Nachfolge.

Achte darum jeder auf sich, ob er von Gott berührt ist oder nicht. Jene nämlich, die
es nicht sind, die fangen oft recht vielversprechend an, so daß man meint, sie
würden Großes vollbringen; aber ehe man sich's versieht, ist es aus: sie sinken
wieder zurück in ihre alte Gewohnheit und natürliche Lust. ..

...Aber die Schuld daran, daß sie nicht von Gott berührt sind, sollten sie nicht Gott
geben und sagen: "Gott berührt und treibt mich nicht wie die Gottesfreunde"; denn
Gott berührt und begehrt, mahnt und treibt alle Menschen in gleicher Weise. Aber
sein Berühren und Mahnen und seine Gaben werden von den Menschen sehr
ungleich aufgenommen und empfangen...

...Bei vielen Menschen findet Gott, wenn er mit seinem Licht und seinen Gaben
kommt, die Stätte besetzt, sieht andere Gäste dort und kann nicht hinein: sie haben
anderes im Sinn und lieben äußere Dinge und Güter; deshalb werden die Gaben,
die er ihnen anbietet, von ihnen nicht wahr- und aufgenommen und bleiben
draußen... Das ist die Ursache ihrer Not und ihres Zurückbleibens. Sie liegt bei
ihnen und nicht bei Gott.

So viele leere und unnütze Beschäftigung und Zerstreuung haben wir und machen
wir uns, daß wir auf uns selbst und Gott nicht acht geben. Das können wir nur
ändern, indem wir uns mit unserem ganzen Herzen nach innen wenden, um jenen
Aufschwung zu erreichen, mit dem Gott uns zu sich zieht.

Die Stätte, an der Christus auffuhr, war der Ölberg, ein Berg dreier Lichter: das
eine kam von der Sonne, der er entgegenragte; das andere kam, zur Nacht, vom
Licht des Tempels; und das dritte entspringt dem brennenden Öl, das von den
Ölbäumen gewonnen wird.

Versteht das Gleichnis recht:

Die Seele, in der Gott auffahren soll, muß einem Berge gleichen, d. h. weit über die
niederen und vergänglichen Dinge emporragen und erhaben sein, und sie muß für
dreierlei Lichter empfänglich sein, damit die Dreieinigkeit Gottes in ihr wirken
kann und das Höchste, das göttliche Licht, in sie einströmen, sie gänzlich erfüllen
und entflammen kann.

Wer Christus nachfolgen will, der muß den Berg erklimmen, und dazu muß er der
Natur Urlaub geben, sich von allem vergänglichen Schein lösen, um zum
unvergänglichen Sein hinaufzugelangen.

Nun liegt der Ölberg zwischen Jerusalem und Bethania. Und es gibt viele, die
Christus gern nachfolgen, soweit sie dabei ,Jerusalem' näher kommen, d. h. zu mehr
Frieden kommen, in sich selbst mehr Trost und Frieden finden...

...Aber sie erreichen die Höhe des Berges nicht, wenn sie nicht auch die andere
Seite erfahren, die gen Bethania liegt, was so viel bedeutet wie ,Leiden und
Hingabe': wer nicht auch durch das Tal der Leiden schreitet, der bleibt zurück und
erreicht nichts, wie schön der Friede auch scheine ...

Der Mensch soll nicht in Geruhsamkeit und Nichts-tun versinken, sondern


immerfort ein unstillbares Verlangen und schmerzliches Begehren nach Christus in
sich fühlen, der zur Höhe aufgefahren und ihm noch verborgen ist; und er soll in
Freude und Leid gleichermaßen einzig und allein an ihn hingegeben sein und sich,
wenn auch seine Natur ihn immer wieder hindert, doch immer aufs neue nach innen
wenden und sich von Gott emporziehen lassen und zu ihm aufschwingen.

Friede ist nicht um seiner selbst willen da, sondern nur als Mittel, daß wir
Unfrieden und Not besser leiden und überwinden und uns leichter lassen können,
wenn wir uns von Gott verlassen wähnen. Jerusalem heißt: Stätte des Friedens.
Wurde aber Jesus nicht an eben dieser Stätte getötet? So müssen auch wir unserem
Ich absterben und alles, was wir sind und haben, zu Gott empor tragen, damit Gott
unser Wesen und Leben werde.

Denn wohlgemerkt: Niemand kommt in den Himmel als der, der vom Himmel
gekommen ist - Christus in uns, in dem unser Ich entwerden muß, damit wir des
Reiches Gottes teilhaftig werden.

Wie Christus, das Haupt unseres inneren Menschen, aufgefahren ist, so sollen die
Glieder ihm nachfolgen: wir sollen keinen Trost in der Welt finden noch Aufenthalt
in ihr nehmen, sondern ihm allein mit unserem Denken, unserer Liebe und unserem
Handeln nachfolgen auf dem Wege, den er vorausgegangen ist. Wir sollen Christi
Zeugen sein - nicht mit Worten, sondern in der Wahrheit, mit unserem ganzen Sein
und Tun und Leben nach unserem Vermögen.

Viele wollen Christus gern nachfolgen und mit ihm auffahren, wenn der Aufstieg
nicht zu mühevoll ist und wenn dann alle Dinge nach ihrem Willen gehen.
...Kommen aber starke Anfechtungen, Dunkelheit und Ungewißheit über sie und
fühlen sie sich Gott fern und innerlich und äußerlich verlassen und allein, dann
kehren sie um, statt mitten im Unfrieden den inneren Frieden zu finden, der von
Gott kommt, mitten in der Traurigkeit die Freude, die von innen kommt, mitten in
der Not den Trost und die Hilfe von innen.

Eben darin sollen wir Christus nachfolgen und Gottes Zeugen sein, daß wir in allen
Lagen und in allen Weisen und Werken Gott bekennen, also nicht nur, wenn es uns
wohl geht, sondern erst recht, wenn Leiden über uns kommen. Dann offenbart sich,
ob unsere Hingabe und unsere Zeugenschaft echt ist, ob Gott gleichermaßen in
Freude und Leid unsere einzige Stütze ist und nichts sonst, ob wir also uns lassen
und Gott machen lassen.

Die vollkommenste Zeugenschaft - die unsere Himmelfahrt verbürgt - ist da, wo


wir ganz mit Gott eins sind. Da entweicht der Geist sich selbst und der Welt, denn
in der Gotteinheit ist er aller Mannigfaltigkeit entzogen und darüber erhaben. Da
wird der innere Mensch hinaufgeführt in den Himmel, das Reich Gottes, und
hineingeführt in das göttliche Wesen, und da verliert er sich selbst so vollkommen,
daß er nichts mehr weiß und fühlt als Gott.

Danach wendet sich der Geist wieder zurück in den allertiefsten Grund der
geringsten Werke, die er je übte, ob da nicht noch etwas sei, das vollkommener
gemacht werden müsse. Auch der kleinsten Übung ist er ganz hingegeben, achtet
kein Ding zu gering und hat in jedem den Frieden.

So ist er ein Zeuge dessen, der in ihm ist, der vom Himmel gekommen und wieder
hinaufgefahren und über allen Himmeln ist. Wenn wir dorthin gelangen wollen,
müssen wir uns mit ihm vereinen und mit ihm und durch ihn dahin kommen.

Daß uns dies zuteil werde, dazu helfe uns Gott!

HEIMKEHR IN GOTT

"Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln,
sondern das Licht des Lebens haben." Joh. 8; 12

Christus nennt sich das Licht der Welt und aller Menschen. Er ist das innere
göttliche Licht, das alle erleuchtet, die in diese Welt kommen, und von dem alle
äußeren Lichter nur ein Abglanz sind: die kosmischen Lichter am Himmel und die
geistigen Lichter im menschlichen Bewußtsein, mit denen der Mensch die Dinge
beleuchtet und zu erkennen sucht.

Diese meint Christus, wenn er den Mensch aufruft: Begib dich deiner Lichter, die
in Wahrheit Finsternis sind im Vergleich mit dem Licht, das ich bin! Wende dich
von den Lichtern des äußeren Menschen zu dem des inneren, das ich bin; dann will
ich dir für deine Finsternis mein ewiges Licht zu eigen geben, damit dein sei, was
mein ist: mein Wesen und Leben, meine Seligkeit und Vollkommenheit!

Also bat er den Vater: "Daß sie mit uns eins seien, wie wir eins sind: ich in Dir und
Du in mir, nicht vereinigt, sondern völlig eins!"

Um zu dieser Heimkehr und zu diesem Einssein zu gelangen, müssen wir zwei


Dinge beachten: Das eine ist: wie wir in unseren Ursprung heimgelangen, auf
welchem Wege und auf welche Weise. Das andere ist: welches die Hindernisse
sind, die uns dieses Ziel verfehlen und nicht zur Heimkehr finden lassen.
Diese Hindernisse sind von zweifacher Art in zweierlei Leuten:

Die ersten sind die Weltzugewandten, die ihre Lust und Befriedigung in den
Kreaturen und Dingen und in den Sinnen finden und damit ihre Zeit zubringen und
ihr Leben vergeuden: sie leben in der Finsternis und sind dem göttlichen Lichte
fern.

Die anderen sind die geistigen und geistlichen Menschen, die in großem Ansehen
stehen und große Namen und Titel haben: sie meinen, sie hätten die Finsternis der
Nichterkenntnis überwunden; doch in ihrem Seelengrund sind sie unerhellt und voll
Eigenliebe und Eigenwillen und ganz ihr eigener Gegenstand, ihrer Ichheit
zugewandt.

Äußerlich sind sie oft schwer von den Gottesfreunden zu unterscheiden, da sie oft
mehr als diese mit Übungen und Meditationen, Fasten und Frommtun befaßt sind.
Doch in wem der Geist Gottes ist, der erkennt sie. In einem aber unterscheiden sie
sich auch äußerlich von den Gottesfreunden: sie sind voll von Urteilen über andere
Leute und Gottesfreunde, richten gern andere, nur nicht sich selbst, während die
Gottesfreunde niemanden richten als sich selbst.

Sie suchen in allen Dingen das Ihre. Ihre Same beherrscht ihr Denken, ihre
Erfahrungen und Erkenntnisse stehen obenan, in allen ihren Angelegenheiten, auch
wenn sie von Gott und göttlichen Dingen reden, suchen und meinen sie sich selbst
und die Befriedigung ihres Ich. Diese pharisäische Weise ist so tief in ihrem Wesen
verwurzelt, daß alle Winkel ihrer Seele voll davon sind, so daß es unmöglich
scheint, davon los zu kommen...

...Und doch ist es auf eine Weise zu überwinden, nämlich dadurch, daß sie sich aus
ihrem Ich und sich Gott so hingeben, daß Gott sie gänzlich erfüllt und ihr ganzes
Wesen in Besitz nimmt, wie dies bei den wahren Gottesfreunden der Fall ist.

Doch auch die Gottesfreunde müssen ständig in der Übung bleiben. Denn solange
der äußere Mensch lebt, wird er nie gänzlich überwunden und getötet. Er wird sich
immer wieder regen und sich als das eigentliche Hindernis offenbaren, zum wahren
Licht und zur Heimkehr in Gott zu finden.

Der andere Teil, der zu beachten ist, ist der kürzeste Weg und die beste Weise, um
zum wahren Licht und zur Heimkehr in Gott zu gelangen:

Sie besteht darin, daß wir unserem Ich entwerden und in Gott entsinken, uns ihm
lassen, in allen Dingen nicht unserem, sondern Gottes Willen folgen, alles
unmittelbar als von Gott kommend erkennen und willkommen heißen und ihm alles
ohne Umwege und Vorbehalte unmittelbar wieder hinauf tragen, damit ein steter
Einstrom und Rückstrom statthabe. ..Das ist der wahre Weg und die rechte Weise.

Hier scheiden sich die Gottesfreunde und die Weltfreunde:

Die letzteren beziehen alles auf sich, eignen sich alle Gaben an und tragen sie Gott
nicht lauter wieder hinauf mit Liebe und Dankbarkeit in Selbstverleugnung und
völliger Hingabe an Gott.

Wer hingegen, wie die ersteren, im Aufgeben seines Ich und Hingegebensein an
Gott am weitesten geht, der ist der wahre und vollkommenste Gottesfreund.

Nun weiß die Seele wohl, daß Gott ist, schon vom natürlichen Licht der Vernunft.
Wer aber und wo er ist, das ist ihr verborgen und unbekannt. Darum erhebt sich ihr
Begehren und sie sucht und fragt unaufhörlich und wüßte gern etwas von diesem
Gott, der ihr so verdeckt und verborgen ist.

Bei diesem beharrlichen Suchen geht ihr ein Stern auf wie jener, von dem das
Evangelium kündet: „Wir haben Christi Stern gesehen und sind gekommen, ihn
anzubeten." (Matth. 2; 2)

Dieser Stern ist nicht außen, sondern innen: er ist ein innerer Glanz, ein göttliches
Licht - und dieses Licht kündet der Seele: Er ist jetzt geboren! und weist sie darauf
hin, wo diese Geburt statthat: im innersten Grunde, wohin kein äußeres Licht
hingelangt.

Manche versuchen, mit ihrem natürlichen Licht, der Vernunft, nach diesem inneren
Licht und der Geburt zu fahnden; aber sie erreichen es nicht, sondern bleiben
zurück. Diese Geburt kann nicht gefunden werden, es sei denn, daß dasselbe innere
Licht, das die Geburt kündet, der Seele dartut, was für eine Geburt es ist und wo sie
statthat.

Aber die Unweisen wollen nicht so lange warten, bis ihnen das göttliche Licht
leuchtet, in dem die Geburt vollzogen und gefunden wird. Sondern sie versuchen
vom Ich her gewaltsam durchzubrechen und wollen es mit dem natürlichen Lichte
finden - und das ist nicht möglich. Sie müssen auf die Stunde warten, bis sie da ist.

Drei Dinge sind hier zu beachten:


das eine ist das Begehren und das, was da sucht;

das zweite ist die Weise des Suchens;

und das dritte ist das Finden der Geburt.

Ihnen entsprechen drei Kräfte: die eine eignet der Natur in Fleisch und Blut, das ist

die Sinnenhaftigkeit, die an die Leibessinne gebunden ist;

die zweite ist die Vernunft;

die dritte ist eine lautere Substanz der Seele.

Diese drei sind ungleich und empfinden auch ungleich - jede nach ihrer Art.

Es ist wie mit dem Sonnenlicht, das an sich einfaltig ist: ihr Schein wird in
verschieden gefärbten Gläsern ungleich sichtbar, wenn etwa ein Glas schwarz, ein
anderes gelb und ein drittes weiß ist. Unter dem schwarzen Glas mag man die
Sinnenhaftigkeit verstehen, unter dem gelben die Vernunft und unter dem weißen
den lauteren Geist:

Wenn nun der Schein der Sinnenhaftigkeit in der Vernunft und diese im Geiste
aufgeht, wird das Schwarze gelb und das Gelbe weiß und es entsteht eine lautere
Einfaltigkeit, in der das Licht allein leuchtet und nichts sonst.

Das will sagen: wenn das Licht von innen recht empfangen wird und allein
leuchtet, so fallen alle äußeren Bilder, Formen und Gleichnisse fort und das Licht
zeigt die Geburt in der Wahrheit. Der Himmel ist dann in seiner natürlichen
Dunkelheit; wird er nun gänzlich zu lauter Sonne, so daß nichts in der Seele
leuchtet als das göttliche Licht, dann entweichen und schwinden alle äußeren Bilder
und Formen.

Wohlgemerkt: der den drei Weisen die Geburt kündete, war kein Stern gleich den
anderen am Himmel. Er erstrahlt innerlich. Daß er in uns aufgehe und uns leuchte
und erleuchte, darauf zielt unser aller Leben.

Ob dieser Stern einem Menschen aufgegangen ist, ob er das innere Licht hat,
erkennt man mit Sicherheit, wenn ihn Leid trifft. Denn dann wendet sich der zum
inneren Licht Erwachte, der wahre Gottesfreund, um so williger zu Gott hin, nimmt
es von Gott so, daß er es mit ihm oder in ihm leidet oder in ihm verliert, weil Gott
ihm so innerlich ist, daß Leid ihm kein Leiden ist, sondern Freude.

Die Weltfreunde hingegen wissen, wenn Leid sie überfällt, nicht, wohin sie sich
wenden sollen: sie laufen alles ab und suchen allerorten Rat, Trost und Hilfe. Und
wenn sie sie nicht finden, verzweifeln und zerbrechen sie. Sie haben das Haus ihres
Lebens nicht auf den Felsen, der Christus ist, gebaut, sondern auf dem Sand der
Zeitlichkeit. Sie sind schlechter daran als die einfachen Menschen, die sich für
klein und unbedeutend halten und in Demut dahinleben; denn diesen ist leichter zu
raten und zu helfen, weil sie Fehler erkennen und bereit sind, sich zu wandeln.

Gegen alle Hindernisse, die der Heimkehr in Gott entgegenstehen, hat uns der
gütige Gott Trost und Hilfe gegeben, indem er seinen eingeborenen Sohn sandte,
damit sein Licht und sein Wort in uns uns leite und helfe, das dunkle und trügende
Licht der Ichheit in seinem wahren, wesentlichen Licht zu lösen und auszulöschen.

Denn Christus ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet: es leuchtet in
der Finsternis des äußeren Menschen, aber die Finsternis nimmt es nicht auf. Nur
die ,geistig Armen', die von Ichhaftigkeit, Eigenliebe und Eigenwillen freien, nach
innen gewendeten Menschen erkennen das Licht.

Darauf, daß uns das wahre Licht leuchte und uns helfe, in unseren Ursprung zu
kommen und zu Gott heimzukehren, sollten wir unser ganzes Sinnen, Trachten und
Handeln richten. Lassen wir uns von den Gottesfreunden dabei helfen, damit sie
uns mit sich in Gott ziehen.

Daß dies uns allen zuteil werde, dazu verhelfe uns der gütige Gott!

GOTTES GEBURT IM MENSCHEN

„Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf
seiner Schulter.« Jes. 9; 6

Wir feiern am Weihnachtstage in der Christenheit eine dreifache Geburt, aus der
jeder Christ in Dankbarkeit und Freude Erquickung, Trost und Wonne schöpfen
sollte:

Die erste und höchste Geburt ist die, daß der Vater im Himmel seinen eingeborenen
Sohn in göttlicher Wesenheit und persönlicher Unterscheidung gebiert.

Die zweite Geburt, die wir heute feiern, ist die Geburt Jesu in rechter Lauterkeit.
Und die dritte Geburt besteht darin, daß Gott täglich und stündlich in jeder guten
Seele geistig geboren wird.

Die erste verborgene Geburt geht in der dunklen unerkannten Gottheit vor sich. Die
zweite ist zum Teil erkennbar, zum Teil unerkennbar. Die dritte meint jene, die
jeden Augenblick in der Seele geschehen kann und soll, wenn sie sich gelassen und
liebevoll Gott zuwendet; dann geschieht diese Geburt durch Einkehr und Rückkehr
aller ihrer Kräfte, und in ihr gibt sich Gott ihr ganz zu eigen.

Das meint das Wort: "Ein Kind ist uns geboren": es ist mehr als alles andere unser
eigen, und es wird allezeit ohne Unterlaß in uns geboren.

Wie wir zu dieser beseligenden dritten Geburt gelangen, können wir an der ersten
lernen, in der der Vater seinen Sohn in der Ewigkeit gebiert: infolge der
überfließenden Fülle seines überwesentlichen Reichtums muß er sich ausgießen
und mitteilen: also hat die Gottheit sich ausgegossen bei dem Ausgang der
göttlichen Personen und ist im weiteren in die Kreaturen ausgeflossen. ..

...Darum sagt Augustinus: "Weil Gott gut ist, sind auch wir gut, und alles, was die
Wesen Gutes haben, kommt von der wesenhaften Güte Gottes."

Was können wir daraus lernen?

Der Vater wendet sich mit seinem göttlichen Vermögen in sich selbst, durchschaut
in klarem Verstehen sich selbst, den wesentlichen Abgrund seines Wesens. In
diesem Verstehen seiner selbst spricht er das Wort, und das Wort ist der Sohn, und
das Erkennen seiner selbst ist das Gebären des Sohnes in der Ewigkeit. Also geht er
in sich und erkennt sich selbst, und geht dann aus sich heraus, indem er sein Bild
gebiert, das er dort erkannt hat, und geht dann wieder in unaussprechlicher Liebe in
sich. Diese Liebe ist der Heilige Geist.

Diese Eigenschaft, die der Vater in seinem Eingang und Ausgang hat, soll auch der
Mensch haben, dessen Seele zur Mutter der göttlichen Geburt werden will: er soll
gänzlich in sich gehen und dann aus sich gehen.

Wie das?

Die Seele hat drei edle Kräfte, in denen sie ein Abbild der Dreifaltigkeit Gottes ist:
Gemüt, Verstand und Willen. Mittels dieser Kräfte ist sie empfänglich für Gott; mit
ihrer Hilfe schaut sie die Ewigkeit. Denn sie ist zwischen Zeit und Ewigkeit
geschaffen: mit ihrem oberen Teil gehört sie der Ewigkeit, mit ihrem unteren
sinnlichen Teil der Zeit an. Und sie ist nur zu geneigt und bereit, sich ganz an die
sinnlichen und zeitlichen Dinge hinzugeben, und in Gefahr, damit der Ewigkeit
verlustig zu gehen.

Darum muß notwendig eine Rückkehr geschehen, eine Einkehr und ein inwendiges
Sammeln und Vereinigen aller Kräfte, der oberen und der unteren, wie einer, der
eine Sache verstehen und vollenden will, alle Sinne und Kräfte auf einen Punkt
sammelt. Dies ist der Eingang.

Soll nun der Ausgang, der Übergang aus sich selbst und über sich selbst hinaus
stattfinden, müssen wir alle Eigenschaften des Wollens, Verlangens und Wirkens
lassen, bis nichts zurückbleibt als ein bloßes lauteres Gott-im-Sinn-Haben und wir
nur noch dem Höchsten in uns Raum geben, damit er sein Werk und seine Geburt
in uns vollziehen kann und von uns nicht darin gehindert wird.

Denn wenn zwei eins werden wollen, muß sich das eine passiv, das andere aktiv
verhalten. Das meint Augustinus: "Mache dich leer, damit du erfüllt werden kannst;
gehe aus, damit du eingehen kannst", und an anderer Stelle: "0 edle Seele, warum
suchst du außer dir den, der ganz und gar in dir ist? Und die du göttlicher Natur
teilhaftig bist, was hast du mit den Kreaturen zu schaffen?"

Wenn der Mensch aus sich, aus seinem Ich herausgeht und die Stätte Gottes in ihm,
den Seelengrund, für die Geburt Gottes bereitet hat, muß Gott ihn ganz und gar
erfüllen.

Darum sollst Du schweigen, dann kann das Wort in Dich hineingesprochen und von
Dir vernommen werden. Man kann dem göttlichen Wort nicht besser dienen als mit
Schweigen und Lauschen.

Gehst Du so gänzlich aus, so geht Gott gänzlich in Dich ein. Soviel aus, soviel ein.

Von diesem Ausgang haben wir ein Gleichnis im Buche Mosis, wo Gott Abraham
aus seinem Lande gehen und alles verlassen ließ: er wolle ihm alles Gut zeigen.
Alles Gut - das ist die göttliche Geburt. Sein Land, das er verlassen sollte, ist das
Ich mit seinem Werkzeug, dem Körper, samt seiner Lust und Unordnung, und das
äußere Leben mit seinem Begehren und Fürchten, Lieben und Leiden, seinen
Freuden und Betrübnissen. Diesen sollen wir uns entziehen, damit das höchste Gut
- die Geburt Gottes in uns - uns zuteil werden kann.

Nachdem an der ersten Geburt gezeigt wurde, was wir für die dritte daraus lernen
sollen, sei ein Gleiches an der zweiten Geburt sichtbar gemacht, in der der
Gottessohn von der Mutter geboren und unser Bruder geworden ist:
Er war in der Ewigkeit ohne Mutter und in der Zeit ohne Vater geboren. Das meint
das Wort Augustins: "Maria war viel seliger davon, daß Gott geistig in ihrer Seele
geboren ward, als davon, daß er leiblich in ihr geboren wurde."

Wer nun will, daß diese geistige Geburt in seiner Seele statthabe wie in Mariens
Seele, der achte auf die Eigenschaft, die Maria an sich hatte, die leiblich und geistig
Mutter war. Sie war eine Jungfrau und eine Verlobte, und sie war von allem
abgeschieden, als der Engel zu ihr kam.

So soll unsere Seele als geistige Mutter bei der Gottgeburt sein: eine lautere
Jungfrau in Abgeschiedenheit, die alle Sinne nach innen gekehrt hat, auf daß sie die
größte Frucht hervorbringe: Gott selbst, Gottes Sohn, Gottes Wort, das alle Dinge
ist und in sich trägt.

Und wie Maria eine angetraute Jungfrau war, so soll es unsere Seele sein: sie soll
ihren wandelbaren Willen einsenken in den unbeweglichen Willen Gottes, und sie
soll von allem abgeschieden sein, um dieser Geburt teilhaftig zu werden. Sie soll
eine Stille in sich schaffen und sich ganz in sich beschließen und im Geist
verbergen und entwerden. Dann erfährt sie die Wahrheit des Worts, daß „mitten im
höchsten Schweigen, da vollkommene Stille herrscht, das ewige Wort vernommen
wird."

Denn wenn Gott sprechen soll, muß Dein Ich schweigen. Soll Gott in Dich
eingehen, müssen alle Dinge ausgehen. Denn die Mannigfaltigkeit der Dinge und
Bilder, die das Wort in Dir bedecken und sich darüber ausbreiten, hindern die
Geburt Gottes in Deiner Seele.

Mache Dir darum dieses innerliche Schweigen durch Übung zur Gewohnheit; denn
Gewohnheit schafft Können und macht Dich empfänglich für die Geburt Gottes in
Dir.

Daß wir alle dieser edlen Geburt in uns Raum geben, dazu helfe uns Gott!

VOM WIRKEN AUS DEM GEISTE

„Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist. Und es sind mancherlei Kräfte,
aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen." 1. Kor. 12; 4, 6

Paulus spricht in seiner Epistel von den mancherlei Gaben und von dem einen
Geiste, der sich in ihnen offenbart. Einem jeden unter uns sind bestimmte Gaben
und Kräfte zu seinem Nutz und Frommen und zu seiner Vollendung gegeben; alles
aber wirkt ein und derselbe Geist.

Es ist innen so, wie wir es schon außen wahrnehmen: es ist ein Leib, aber er hat
viele Sinne, Organe und Glieder, und jedes von diesen hat seine besonderen Gaben
und Aufgaben, wie etwa Augen und Ohren, Mund, Hand oder Fuß. Keines maßt
sich an, das andere zu sein oder etwas anderes zu wirken, als ihm obliegt.

Gleichermaßen sind wir alle Organe und Glieder eines geistigen Leibes, und dieses
Leibes Haupt ist Christus. Und jeder von uns hat seine besonderen Gaben und
Aufgaben: der eine ist Ohr, der andere Hand oder Fuß. Und da gilt es zu erkennen,
welches unsere Aufgabe und unser Werk ist, zu dem wir berufen sind, und welche
Gaben uns eignen. Denn jedes Vermögen und jede Kunst, mag sie noch so klein
und unentfaltet sein, ist Gabe und Aufgabe, und in allen will sich derselbe Geist
auswirken zu unser aller Nutz und Frommen.

Nimm das einfachste Werk: Der eine kann bauen, der andere Schuhe machen, und
manche sind so begabt, daß sie ganz in ihrem Werk aufgehen. Und so weist eines
jeden Gabe auf seine Aufgabe: die soll er aufs beste vollbringen und so das wirken,
was ein anderer vielleicht nicht tun kann. Und genau so soll auch unter den Frauen
jede ihre besondere Aufgabe erfüllen.

Gott, sagt Augustinus, „ist ein einfaltiges göttliches Wesen und wirkt doch alle
Mannigfaltigkeit in allen Wesen und Dingen; einer in allen und alle in einem." Da
ist kein Werk zu klein, keine Kunst zu gering; jede kommt als Gabe von Gott und
soll für den Nächsten wirken, was dieser nicht so gut kann, und jeder soll sich dabei
hingeben.

Denn wer nicht wirkt und gibt, wer nicht zum Segen anderer tätig ist, der wird Gott
Rechenschaft ablegen müssen vom Haushalten mit seinen Gaben. Was er von Gott
empfangen hat, das soll er andern weitergeben, so gut er es vermag und so viel Gott
ihm gegeben hat.

Wie kommt es dann aber, daß so viele über ihr Amt klagen, daß es eine Last sei
und ein Hindernis?
Was diesen Zwiespalt und Unfrieden bewirkt, sind nicht die Gaben und Werke,
sondern es ist die Unordnung, die in unserem Denken und Wirken herrscht.

Würden wir unsere Aufgaben, wie wir es von Rechts wegen tun sollten, willig
erfüllen und aus dem Geiste wirken, hätten wir dabei Gott und sein Wollen im Sinn
und nicht unser eigenes Ich und sein Gieren und Wollen, und würden wir bei
unserem Werk weder Gefallen suchen noch Mißfallen türmten, weder Lust noch
Nutzen, sondern allein, daß der Geist durch uns wirkt, dann wäre es unmöglich, daß
Mißvergnügen und Selbstquälerei daraus entstehen.

Vor allem aber ein geistiger Mensch sollte sich schämen, wenn er seine Werke so
unwillig, unordentlich und lieblos verrichtet, daß sie ihm eine Last sind. Denn dann
bekundet er ja, daß sein Werk nicht aus dem Geiste gewirkt, nicht aus Liebe zu
Gott und im Dienste des Nächsten getan ist. Eben daran, wie weit Du bei Deinem
Werke zufrieden bist, kannst Du ermessen, wie weit Dein Tun auf Gott gerichtet
ist.

Der Mensch soll seine Gaben und Kräfte nützen, aber das Sorgen soll er Gott
überlassen, und er soll im Stillen wirken und bei sich selbst bleiben, soll Gott in
sein Werk hineinziehen, oft mit einwärts gewendetem Gemüt prüfen, was ihn zu
diesem Werke treibt, und soll immer bewußter den Geist Gottes durch sich wirken
lassen...

...Und er soll innerlich acht geben, wann ihn der Geist Gottes zum Wirken oder
zum Lassen mahnt, damit alles nach dem Willen des Geistes geschehe: das
Schaffen wie das Rasten, und er jederzeit in Liebe und Freude wirke.

Und wo ein alter, kranker oder hilfloser Mensch ist, da soll er ihm zu Diensten sein
und Werke der Liebe tun. So "trage jeder des andern Last". Tust Du dies nicht, so
sei gewiß, daß Gott Dir Deine Gaben nimmt und sie einem anderen gibt, der sie
besser und segenbringender verwendet. ..

...Und fühlst Du Dich bei Deinem Wirken vom Geist berührt, so achte wohl darauf
und lerne, immer williger Gott durch Dich wirken zu lassen.

Um das zu können, muß man es üben. Erwarte nicht, daß Gott Dir seine Gaben
ohne Dein eigenes Mühen gibt. Du mußt Dich zu allem, was Dir gegeben werden
soll, zuerst durch rechtes Streben und Handeln bereitet haben. Die höheren Gaben
und Erkenntnisse wachsen Dir dann von selbst zu - wie dem edlen Manne, der in
der Scheune stand und sein Korn drosch: während er so völlig an sein Werk
hingegeben war, ward er vom Lichte Gottes erfüllt und über alles Werk
hinausgehoben.

Du möchtest auch gern vom Wirken frei sein. Prüfe Dich aber, ob dieser Wunsch
nicht nur der Trägheit entspringt oder dem Verlangen, nur noch Auge zu sein und
zu schauen, statt zu wirken, wie es Deine Aufgabe ist.

Wir sind auf dieser Welt, um zu wirken; aber wir sollen uns auch täglich Zeit
nehmen, uns zu besinnen und uns in den Seelengrund einzusenken - jeder auf seine
Weise.

Die Vorangeschrittenen, die sich gänzlich lassen und ohne Formen und Bilder in
Gott einsenken können, die sollen dies auf ihre Weise tun. Und die anderen sollen
auf ihre Weise in die Stille gehen und sich Gott in Liebe und Freudigkeit
zuwenden.

Wer so Gott auf seine Weise dient nach Gottes Willen, dem wird Gott nach des
Menschen Willen antworten. Wer aber Gott nach seinem eigenen Willen dient, dem
wird Gott nicht antworten nach des Menschen Willen, sondern nach Gottes Willen.

Vom Lassen des eigenen Willens und der gelassenen Hingabe an Gottes Willen
geht der Friede aus, der von innen kommt und den niemand nehmen kann. Es ist
der Friede derer, die aus dem Geiste leben und aus dem Geiste wirken.

Daß dieser Friede sich in uns ausbreite und wir in allem aus dem Geiste leben und
Gott durch uns wirken lassen, dazu leite und helfe uns Gott!

DIE SIEBEN GABEN DES GEISTES

"Und sie wurden voll des Heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen
Zungen, je nachdem der Geist ihnen gab zu sprechen." Apg. 2; 4

Die Pfingstgeschichte spricht davon, daß die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt
wurden und zu jedem von Gott sprachen. Der göttliche Geist kam in die Jünger und
in alle, die dafür empfänglich waren, und überflutete sie inwendig, wie wenn bei
einem aufgestauten Fluß die hindernden Dämme entfernt werden, so daß er nun in
einer gewaltigen Woge rauschend daherkommt, alles überflutet und ertränkt und
alle Täler und Grunde erfüllt.

So tat es der Heilige Geist den Jüngern und denen, die für ihn aufgeschlossen und
empfänglich waren. Und gleichermaßen tut er es heute und jederzeit ohne Unterlaß:
er überströmt und füllt alle Täler und Tiefen, jedes Herz, jeden Seelengrund, in dem
er eine Stätte findet, mit seinem Reichtum an göttlichen Gaben.

Was können wir nun tun, daß wir den Geist Gottes empfangen?

Das Höchste und Wesentlichste muß er selbst in uns wirken. Er muß den
Seelengrund selbst für sich bereiten und muß sich selbst empfangen im Menschen.
Dabei geschieht zweierlei:

Das erste ist, daß er uns leer macht; das zweite, daß er die Leere füllt, so weit sie
reicht.

Dieses Leersein ist die erste und wichtigste Voraussetzung und Bereitung für den
Einstrom des Geistes Gottes. Denn soweit der Mensch seinen Wesensgrund von
allem anderen geleert hat, soweit ist er für den Geist Gottes empfänglich.

Wenn man ein Faß füllen will, muß zuerst hinaus, was darin ist. Soll Wein hinein,
muß das Wasser hinaus. Gleichermaßen muß alles, was an uns und in uns ,Mensch'
ist, hinaus, damit Gott in uns werden kann.

So muß sich der Mensch leer machen, alles lassen und auch das Lassen selbst
lassen, indem er in sein lauteres Nichts entsinkt. In dem solchermaßen Bereiteten
wirkt der Geist Gottes sogleich sein Werk: er erfüllt den für ihn Empfänglichen.

Je mehr Du Deiner Ichheit samt Eigenliebe und Eigenwillen ledig und leer bist,
desto vollkommener kann der Geist Gottes Dich erfüllen. Das heißt: wenn das
Reich Gottes offen vor Dir liegt, sollst Du nicht hineingehen wollen, sondern erst
prüfen, ob Gott es so will. ..
Auch wenn ein Mensch sich ungeschickt und unbereitet findet wegen der Schwere
und Trägheit der Natur, nicht zum inneren Frieden gelangt und nicht weiß, wie er
dazu kommen soll, soll er sich leer machen von aller Ichheit und allem Haften, sich
Gott lassen und ihn wirken lassen, mag es sein, was es will.

...Aber eben dieses Lassen vollbringen nur wenige, weil das Haften an äußeren
Dingen und Kreaturen groß ist und weil Gewohnheit und Selbstzufriedenheit den
Menschen mehr auf das Tun achten lassen als auf das Nicht- Tun, das Lassen und
Wirkenlassen des Geistes in einem ist.

Erst wenn dieses Abgeschiedensein von allem Äußeren und das völlige Lassen
erreicht ist, wirkt der Geist Gottes große Dinge in dem völlig sich entsunkenen
Menschen, auch wenn dieser nichts davon weiß: gerade so, wie die Seele im Leibe
wirkt, ohne daß der Leib etwas davon empfindet oder weiß, so wirkt der Heilige
Geist im Seelengrund des Menschen ohne sein Wissen.

Will der Mensch dessen bewußt werden, muß es mit allen Kräften des inneren
Menschen geschehen, die ihn an den Seelengrund binden, in dem der Geist seine
Wohnung und Wirkstätte hat. Denn wenn der äußere Mensch dessen gewahr wird,
besteht die Gefahr, daß er diese Gabe sich selbst zuschreibt und daß er sie dadurch
verdirbt. Auch wenn das aus Freude an diesen Gaben geschieht, geht der, der
meint, sie seien sein Werk, ihrer verlustig.

Nein: der Mensch muß sich selber entworden sein, wenn der Geist Gottes in ihm
seine Gaben entfalten soll.

Daß dies erreicht ist, wird daran erkannt, daß nichts von alledem, was sonst das Ich
erregt, kränkt und leiden läßt, das Gemüt mehr bewegt. Alles Äußere läßt den
Menschen alsdann gelassen; der Einzige, der ihn bewegt und treibt, ist der Geist
Gottes in ihm.

Dieser Geist und das von ihm Bewegtsein ist etwas so unaussprechlich Seliges, daß
alles Große und Außerordentliche, das der Verstand sinnenhaft oder bildlich zu
begreifen vermag, dagegen ein Nichts ist: Himmel, Erde, alle Kreaturen und Güter
der Welt zusammen sind ihm gegenüber so viel wie ein Sandkorn zum Weltall.

Und nun wenden wir uns noch einmal dem Pfingstgeschehen zu:

Die Jünger waren "voll des Heiligen Geistes". Hier ist darauf zu achten, welcher
Art die Lage war, in der die Jünger sich befanden, als sie so erfüllt wurden, und die
jeder Mensch einnehmen muß, wenn ihm Gleiches widerfahren soll:
Sie waren versammelt und saßen still, als der Geist Gottes über sie kam. Der
Heilige Geist wird jedem Menschen so oft zuteil, so oft er sich mit aller Kraft von
den Kreaturen abwendet und sich gänzlich nach innen, zu Gott, kehrt. In dem
Augenblick, da der Mensch dies tut, kommt der Geist Gottes mit seinem ganzen
Reichtum und erfüllt sogleich alle Winkel und den Grund der Seele.

"Das Haus ward ganz erfüllt", in dem die Jünger saßen. Dies Haus bedeutet
äußerlich die Kirche, innerlich die Seele jedes Menschen, in der der Geist Gottes
wohnt. Wie es in einem Hause viele Wohnungen und Kammern gibt, so sind in der
Seele des Menschen viele Sinne, Kräfte und Strebungen; in diese alle kommt er in
besonderer Weise. Und wenn er kommt, so drängt und treibt er den Menschen und
wirkt in ihm und erleuchtet ihn.

Dieses Einströmens, Drängens und Einwirkens werden nicht alle Menschen in


gleicher Weise gewahr. Und wenn der Geist Gottes auch in allen Menschen
zugegen ist, so muß doch der, der seiner Gegenwart inne werden und sein Wirken
erfahren will, sich zuvor in sich selbst und zu sich selbst gesammelt, sich von allem
Äußeren abgeschlossen und abgeschieden und dem Geist Gottes eine Stätte in sich
bereitet haben, da dieser in Ruhe und Stille wirken kann. Und je mehr er sich von
Mal zu Mal dem hingibt, desto deutlicher wird er seiner inne und desto leuchtender
offenbart der Geist Gottes sich ihm ungeachtet dessen, daß er von Anfang an in ihm
war.

Die Jünger waren ,eingeschlossen' aus Furcht vor der feindlichen Welt. Wie viel
nötiger ist es dem heutigen Menschen, sein Inneres der Welt zu verschließen, die
von überall her auf ihn eindringt und ihn am Innewerden des Geistes Gottes
hindern und des göttlichen Trostes berauben will.

Denn den Jüngern konnte die Welt nicht mehr nehmen als den Leib. Uns Heutigen
aber kann sie Gott und die Seele und das ewige Leben nehmen. Darum wendet
Euch mehr nach innen als nach außen und verschließt Euer Innerstes vor der Welt..

...Hütet Euch insbesondere vor den Ursachen der Abkehr: vor den Zerstreuungen
der Welt, der Gesellschaft, der Kurzweil der Worte und Bilder und aller äußeren
Weisen und Werke. Und wendet Euch den weisen und erleuchteten Menschen zu,
die noch um die unmittelbare Gegenwart Gottes im Innersten der Seele wissen und
davon künden.

Die Jünger waren ,versammelt': Damit wird uns stete Sammlung aller unserer
Kräfte, der äußeren wie der inneren, angeraten, damit der Geist Gottes eine Stätte in
uns findet, wo er wirken kann.
Die Jünger ,saßen', als der Heilige Geist kam. So müssen auch wir in Wahrheit
sitzen, entspannt sein, nach innen gewendet, alles Äußere lassend, alle Kreaturen
und Dinge, Lust und Leid, und Willen und Unwillen in Gottes Willen setzen.

Denen, die danach streben und in ihrem Verhalten den Jüngern gleichen, gibt der
Geist Gottes sieben Gaben und wirkt damit sieben Werke, von denen drei den
Menschen zum Vollkommenwerden bereiten und die übrigen vier ihn innerlich und
äußerlich vollkommen machen bis zur höchsten Stufe göttlicher Vollkommenheit.

Die erste Gabe des Geistes, die in der Gottesfurcht besteht, ist ein sicherer Anfang
auf dem Wege zur Höhe und eine starke Schutzmauer, die den Menschen vor
Fehlern, Hindernissen und Fallstricken bewahrt. Sie läßt ihn den Tieren gleichen,
die instinktiv vor denen, die sie fangen und vernichten wollen, zurückscheuen oder
fliehen.

Wie Gott der Natur der Kreaturen diese Gaben gegeben hat, so gibt der Heilige
Geist den Seinen diese liebenswerte Vorsicht, damit sie den Hindernissen
ausweichen, die sie von ihm abhalten oder entfernen wollen. Sie behütet die
Menschen vor der Welt und vor allen Wegen und Weisen, Dingen und Werken,
durch die er seinen inneren Frieden verliert, darin doch Gottes Stätte ist. Vor
alledem soll der Mensch sich vorsehen und ihm ausweichen. Das ist der Anfang der
Weisheit.

Dann folgt die zweite Gabe. Das ist die milde Sanftmut, die den Menschen zur
Gottesbereitschaft leitet. Sie nimmt ihm alle Bangigkeit und Traurigkeit, die Furcht
und Vorsicht bewirken, richtet ihn wieder auf und bringt ihn in eine göttliche
Duldsamkeit innerlich wie äußerlich in allen Dingen, nimmt ihm Unmut und
Verdrossenheit, Hartnäckigkeit und Bitterkeit gegen sich selbst und andere, macht
ihn milde gegenüber seinen Nächsten in allen Dingen, und friedlich und gütig in
seinem Denken, Verhalten und Lebenswandel.

Es folgt die dritte Gabe, die den Menschen noch höher führt, wie der Geist den
Menschen immer von einer Gabe zur nächsthöheren aufwärts leitet: Sie heißt
Wissen. Durch sie wird der Mensch belehrt, acht zugeben auf die inneren
Mahnungen und Weisungen des Geistes Gottes, auf die Christus verwies: Wenn
sein Wort in uns vernehmbar wird, wird es uns alle Dinge lehren, deren wir
bedürfen.

Es sind entweder Warnungen, uns vor dem oder jenem zu hüten unter
Bewußtmachung der leidvollen Folgen, wenn wir das Falsche tun, oder
Mahnungen, uns so und so zu verhalten, etwas zu lassen, zu ertragen oder zu tun.
Sie wollen unseren Geist über alle Dinge emporziehen, ihm seinen göttlichen Adel
bewußt machen und ihn anleiten, sich, solange er im Leibe weilt, mit Geduld in
allen Tugenden zu üben.
Wer diesen inneren Weisungen folgt, wird von ihnen zur vierten Gabe geleitet, die
heißt: Göttliche Kraft. Welch edle Gabe ist dies! Mit ihr führt der Geist Gottes den
Menschen über alle kleinmenschliche Schwachheit und Furcht hinaus.

Diese göttliche Kraft erfüllte die Märtyrer, daß sie mit Gottes Willen fröhlich den
Tod litten. Sie macht den Menschen so großherzig und großmütig, daß er zu jedem
guten Werk bereit ist, weil er mit Paulus weiß: "Ich vermag alle Dinge durch den,
der mich stark macht!" In dieser Gewißheit fürchtet der Mensch nichts, was von
außen kommt, weder Leid noch Tod. Er wird so stark, daß er lieber stirbt, als etwas
zu tun, das ihn von Gott entfernt.

Wenn dem Menschen diese Gabe zuteil wird, bringt sie stets Licht und Erleuchtung
mit sich, Liebe, Güte und Trost. Wenn der Unweise dies erlangt, gibt er sich dem
mit Lust hin, begnügt sich damit und entfernt sich so vom innersten Grunde. Der
Weise hingegen schreitet über diese Gabe hinweg und kehrt in höchster Läuterung
und Lichtwerdung seiner selbst gänzlich in den Ursprung zurück. Er sieht weder
auf diese noch auf jene Gabe, sondern nur auf Gott.

Alsdann kommt die fünfte Gabe: Der Rat und die Kraft der Gelassenheit. Dieser
Gabe bedarf der Mensch sehr; denn nun nimmt ihm Gott alles, was er ihm vorher
gab, um ihn ganz auf sich selbst zu weisen und zu sehen, was und wer er ist und
wie er sich in der Not der Einsamkeit verhält. Hier ist er von Grund auf verlassen,
so daß er weder von Gott noch von seinen Gaben und seinem Trost weiß noch von
irgend etwas, das er oder irgend ein guter Mensch gewann. Das wird ihm hier alles
genommen.

Darum bedarf der Mensch dieser Gabe, damit er sich mit dem Rat und der
Gelassenheit so halten kann, wie Gott es von ihm will und erwartet. So lernt der
Mensch, sich selbst zu lassen und zu entwerden, das Verlassensein willig
hinzunehmen, in den göttlichen Grund zu entsinken und sich dem Willen Gottes zu
überlassen.

Gegen dieses völlige Lassen und Entbehren seiner selbst und Gottes ist alle
vorangegangene Abwendung von der Welt und der Verzicht auf die äußeren Dinge
ein Nichts. Denn nun stehen im Menschen alle Fehler und Anfechtungen, die
vorher überwunden waren, wieder auf und wenden sich heftiger denn je gegen ihn.
Dies alles soll er leiden, sich von Grund auf darin lassen, gelassen bleiben und
immer wieder in den Grund und Willen Gottes einsenken. ..

Mit den ersten Gaben wird man wohl ein guter und erleuchteter Mensch; aber mit
dieser Gabe wird man ein göttlicher Mensch und setzt mitten im Verlassen- und
Gelassensein den Fuß in das ewige Leben, in das Reich Gottes.
Nach dieser letzten Todesqual kommt kein Leiden mehr; denn es ist unmöglich,
daß Gott einen solchen Menschen je wieder läßt. So wenig Gott sich selbst
verlassen kann, so wenig kann er einen solchen Menschen verlassen, denn er hat
sich ihm gelassen und sich ihm gänzlich hingegeben. Er steht nun mit einem Fuß
im Reiche Gottes und bedarf nichts mehr, als daß er auch den anderen Fuß, mit
dem er noch hier in der Zeitlichkeit steht, nach sich zieht; dann ist er unmittelbar
im ewigen Leben.

Danach kommt die sechste und siebente Gabe: Erkenntnis und göttliche Weisheit.
Diese beiden führen ihn über alle menschlichen Weisen in den göttlichen Abgrund,
wo Gott sich selbst erkennt und versteht und um seine eigene Weisheit und
Wesentlichkeit weiß. In diesen Abgrund senkt sich der Geist so tief und
vollkommen ein, daß er von sich selbst nichts weiß. Er kennt da weder Wort noch
Weise, weder Erkennen noch Lieben; denn hier ist alles ein Sein und ein Geist mit
Gott.

Hier gibt Gott dem Geiste, was er selbst von Natur ist, und eint den Geist seinem
namenlosen, formlosen und weiselosen Wesen. Da wirkt Gott in dem Geiste und
durch ihn seine Werke, und der Geist ist völlig in sich entsunken und mit ihm eins.

In solcher Weise führt der Geist Gottes alle, die ihm die Stätte bereiten, damit er sie
gänzlich erfülle und ganz mit ihnen eins sei.

Daß wir ihn in solcher Weise empfangen und mit ihm eins werden, das gebe uns
Gott!

FEST DES EWIGEN LEBENS

"Da spricht Jesus zu ihnen: Gehet ihr hinauf zum Fest, ich gehe noch nicht hinauf,
denn meine Zeit ist noch nicht gekommen; eure Zeit aber ist allewege." Joh. 7; 8, 6

Was für ein Fest meint Jesus, das wahrzunehmen er die Jünger auffordert, deren
Zeit allewege ist? Es ist das höchste und wahrhafte Fest des Ewigen Lebens, des
Einzugs in das Reich Gottes, darin Gott allezeit gegenwärtig ist.

Alle Feste, die wir auf Erden feiern, sind nur ein Vorgeschmack dieses ewigen
Festes, ein Fühlen der Gegenwart Gottes in unserem Geiste und ein inneres
Genießen dieses beseligenden Bewußtseins.

Das ist die Zeit, die allewege und jederzeit unser ist: daß wir Gott suchen und seine
Gegenwart in uns im Sinne haben in all unserem Wirken und Leben, Wollen und
Lieben. So sollen wir allezeit ,hinaufgehen zum Fest', d. h. hinausschreiten über uns
selbst, über unser Ich und alles, was nicht Gott ist, ihn allein minnend und meinend.
Diese unsere Zeit ist allezeit.

Nun tragen zwar alle Menschen Verlangen nach dieser Festzeit des Ewigen Lebens
von Natur in sich, denn alle wollen glücklich sein. Aber dieses Begehren genügt
nicht. Wir müssen Gott an sich im Sinne haben und suchen.

Auch den Vorgeschmack der ewigen Festzeit hätten viele gern, und sie klagen, daß
er ihnen nicht zuteil werde. Wenn sie beim Beten und Meditieren keine Festzeit
und Feststimmung in ihrem Seelengrund empfinden noch Gottes Gegenwart fühlen,
verdrießt sie das, und sie tun es dann unlieber und sagen, sie fühlten Gott nicht,
wozu also beten und meditieren. ..

...Nun sollen wir aber kein Werk deshalb weniger eifrig tun; denn wenn wir ihn
auch nicht in uns fühlen, so ist Gott dabei doch gegenwärtig und mit seinem
Wollen und Leben und seinem Reich in uns.

Und wo Gott ist, da ist wahrlich Festzeit. Er muß da sein, wo man ihn im Sinne hat
und ihn allein sucht. Er ist vielleicht heimlich und verborgen da; aber er ist da!

Daß wir ihn allezeit im Sinne haben in all unserem Denken und Tun und uns oft
nach innen wenden und ,hinaufgehen', über uns selbst hinaus und hinauf in sein
Reich, das meint Jesu Wort: "Eure Zeit, hinaufzugehen, ist allewege."

Seine Zeit aber, daß er sich offenbare und entdeckt werde, ist nicht allezeit. Diese
Zeit sollen wir ihm überlassen. Er ist aber ohne Zweifel verborgen da, wo wir ihn
suchen und im Sinne haben. Darum sollen wir keine Übung unwillig tun; denn
zuletzt finden wir ihn und wissen dann: er war immer da, nur war er bis dahin
verborgen.

Hierauf zielen und dieser Offenbarwerdung dienen alle Gebete und Meditationen,
alle geistigen Übungen und guten Werke: daß wir Gott allein im Sinn haben und
daß in uns das Fest des Ewigen Lebens anhebe und wir mit Gott einen Grund
haben, in dem nichts ist als Gott allein. Soweit alle unsere Weisen und Werke
hierzu dienen, sind sie gut und nützlich; wo nicht, bleiben alle äußeren Übungen
wertlos und fruchtlos, weil sie nicht zum Fest des Ewigen Lebens leiten.

Und was ist das Kennzeichen des rechten Lebens, das den Menschen allezeit am
Fest des Ewigen Lebens, am Reiche Gottes teilhaben läßt?

Es ist die wahre göttliche Liebe und völlige Hingabe an Gott, die ,Armut an Geist
und Gut', d. h. das Freisein vom eigenen Meinen und Besitzenwollen. Wir leben
recht und sind allezeit bereit, wenn wir nur dieses eine im Sinne haben: Gott über
alles zu lieben und ihm mit unserem ganzen Sein und Wesen zu dienen und uns
untereinander zu lieben wie uns selbst.

,Arm' sollen wir sein an uns selbst und an allem, was nicht Gott ist, an allem
Eigenbesitz und Eigenwillen, und frei von allen Kreaturen, allen Bindungen und
dem, was uns vom innersten Seelengrund wegzieht, den Gott allein besitzen und
erfüllen soll. Dann sind wir der Teilhabe am Fest des Ewigen Lebens jederzeit
würdig.

Nur dazu sind alle religiösen Gebräuche und geistigen Übungen und alle Weisen
gottzugewandten Lebens da, und soweit sie dazu dienen, sind sie gut und nützlich
und helfen uns, als Kinder Gottes am Reiche Gottes teilzuhaben.

Tun wir all dies darum allezeit gern und mit festlichem Gemüt, und achten wir
darauf, daß wir Gott unseren Seelengrund von allem Irdischen frei und lauter
darbieten, dann werden wir seiner lebendigen Gegenwart in uns gewiß.

Das allein ist die wahre Andacht und Versenkung, daß uns nach nichts verlangt, als
Gott im Sinn zu haben und seiner immerwährenden Gegenwart in uns jederzeit
gewiß zu sein.

Das meint der Ruf, daß unsere Zeit allezeit ist. Und dafür sollten wir Gott allezeit
danken, daß er uns als seine Kinder gerufen und berufen hat, jederzeit am Fest des
Ewigen Lebens teilzunehmen, und eingeladen, immerfort in seinem ewigen Reiche
zu bleiben.

Wenden wir darum allen Fleiß darauf, uns zu bereiten und stets bereit zu halten,
daß Gott sich in uns offenbare und wir mit unserem ganzen Wesen am Fest des
Ewigen Lebens teil haben in unseren Gebeten wie in unseren Werken, die wir nun
einmal auf Erden tun müssen.

Dann empfinden und erfahren wir in Wahrheit die ewige Festzeit Gottes allezeit als
gegenwärtig, fühlen uns ganz Gott zu eigen und niemandem sonst, und wissen uns
als Kinder Gottes im Reich des Ewigen Lebens.

Dann ist Gott jederzeit mit uns und in uns: wir sind in ihm und er ist in uns - hier in
der Zeit und dort in der Ewigkeit und nimmer endenden Seligkeit!

Daß uns allen dies zuteil werde, dazu verhelfe uns Gott!
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