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Seminararbeit zu

Grundfreiheiten des
EG-Vertrages
Ihr Verhältnis zueinander
Ihre Auswirkungen auf die direkten
Steuern

Europäische Unternehmensbesteuerung PS

Wintersemester 2008/09

Eingereicht bei: Univ.-Ass. Mag. Dr. Gernot Aigner

Eingereicht am: 6. Jänner 2009

Lengauer Dietmar
INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG.................................................... .................................1

2 GRUNDFREIHEITEN DES EG-VERTRAGS IM DETAIL...............................2

2.1 WARENVERKEHRSFREIHEIT (ART 28 FF EG)....................................................2


2.2 PERSONENVERKEHRSFREIHEIT (ART 39 FF EG).................................................2
2.2.1 ARBEITNEHMERFREIZÜGIGKEIT (ART 39 FF EG)...............................................................2
2.2.2 NIEDERLASSUNGSFREIHEIT (ART 43 FF EG)...................................................................3
2.3 DIENSTLEISTUNGSFREIHEIT (ART 49 FF EG)....................................................3
2.4 KAPITALVERKEHRSFREIHEIT (ART 56 FF EG)....................................................3

3 VERHÄLTNIS DER GRUNDFREIHEITEN ZUEINANDER.............................4

3.1 PRÜFUNGSSCHEMA FÜR DIE FESTSTELLUNG EINES VERSTOSSES GEGEN GRUNDFREIHEITEN.......4


3.2 SUBSIDIARITÄTSPRINZIP.................................................................. ..........6
3.3 HARMONISIERUNG DER DIREKTEN STEUERN.......................................................7
3.4 DIE DIENSTLEISTUNGSFREIHEIT (ART 49 FF EG) IM VERHÄLTNIS ZUR
ARBEITNEHMERFREIZÜGIGKEIT (ART 39 FF EG)......................................................8

LITERATURVERZEICHNIS....................................... .............................12
1 Einleitung

Die Grundfreiheiten sind ein wichtiger Bestandteil des gemeinsamen


Marktes und dienen dazu, wirtschaftliche Tätigkeiten mit
Grenzüberschreitung zu regeln. Sachverhalte mit nur innerstaatlichem
Charakter haben, fallen nicht unter diese Bestimmungen.1

Die EG-Grundfreiheiten können nicht durch innerstaatliche


Rechtsbestimmungen außer Kraft gesetzt werden. Im Gegensatz dazu
können aber Doppelbesteuerungsabkommen (DBA), da sie wie einfache
Gesetze zu behandeln sind, durch innerstaatliche Gesetze aufgehoben
werden. Werden DBAs durch nachträglich eingeführte nationale Gesetze
aufgehoben wird dies bezeichnet als ‚Treaty Override‘.2

Die Grundfreiheiten des EGV lassen sich in 4 verschiedene Freiheiten


unterteilen3

» Warenverkehrsfreiheit

» Personenverkehrsfreiheit
- Arbeitnehmerfreizügigkeit
- Niederlassungsfreiheit

» Dienstleistungsfreiheit

» Kapitalverkehrsfreiheit
- Zahlungsverkehrsfreiheit

Die Kapitalverkehrsfreiheit, findet ihre Anwendung auch im Verhältnis


gegenüber Drittstaaten. Die Warenverkehrs-, Personen- und
Dienstleistungsfreiheit finden ihre Anwendung grundsätzlich nur zwischen
den Mitgliedsstaaten, lediglich aufgrund von

1
Kellersmann/Treisch, Europäische Unternehmensbesteuerung S. 139.
2
Vgl. Djanani/Brähler, Internationales Steuerrecht, S. 82 f.
3
Vgl. Djanani/Pummerer in Bertl, u.a. (Hrsg.), Handbuch der österreichischen Steuerlehre
Bd V,
S. 80 f.

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Doppelbesteuerungsabkommen erfolgt die Anwendung auch in
Drittstaaten.4

2 Grundfreiheiten des EG-Vertrags im Detail

2.1 Warenverkehrsfreiheit (Art 28 ff EG)

Zweck der Warenverkehrsfreiheit ist, dass sich alle beweglichen Sachen


innerhalb der Europäischen Gemeinschaft ohne Zölle und ohne
mengenmäßige Einschränkungen und ähnliche Bestimmungen frei handeln
lassen. Für die direkte Besteuerung ist die Bedeutung der
Warenverkehrsfreiheit sehr gering.5

2.2 Personenverkehrsfreiheit (Art 39 ff EG)

Die Personenverkehrsfreiheit lässt sich unterteilen in


Arbeitnehmerfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit, wobei sich die
Arbeitnehmerfreizügigkeit mit den abhängig und die
Niederlassungsfreiheit mit den selbständig Beschäftigten befasst.6

2.2.1 Arbeitnehmerfreizügigkeit (Art 39 ff EG)

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit soll gewährleisten, dass es unselbständig


Beschäftigten innerhalb der EU möglich ist, ihren Arbeitsort mit denselben
Bedingungen wie ein Staatsangehöriger oder anderer Arbeitnehmer aus
der EU, frei zu wählen. Das bedeutet, dass es keine unterschiedlichen
Behandlungen bezüglich Einstellung, Entlohnung oder sonstigen
Arbeitsbedingungen geben darf. Es bedeutet aber auch, dass
ausländischen Beschäftigten dieselben steuerlichen und sozialen
Vergünstigungen in Bezug auf das Arbeitsverhältnis zukommen müssen.7

4
Vgl. Beiser, Steuern, S. 165.
5
Vgl. Kellersmann/Treisch, Europäische Unternehmensbesteuerung S. 134 f.
6
Vgl. Djanani/Pummerer in Bertl, u.a. (Hrsg.), Handbuch der österreichischen Steuerlehre
Bd V, S.86.
7
Vgl. Kellersmann/Treisch, Europäische Unternehmensbesteuerung S. 135 f.

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2.2.2 Niederlassungsfreiheit (Art 43 ff EG)

Die Niederlassungsfreiheit soll gewährleisten, dass alle Mitglieder der EU


innerhalb der Gemeinschaft ein Unternehmen gründen oder leiten,
beziehungsweise die selbständige Erwerbstätigkeit aufnehmen oder
ausüben können. Sie zielt im Gegensatz zur Arbeitnehmerfreizügigkeit auf
die selbständige Tätigkeit ab. Die Niederlassungsfreiheit gilt allerdings
nicht für Unternehmen, die einen unentgeltlichen Unternehmenszweck
verfolgen. Strittig ist aber, ob das einfache Halten von Beteiligungen auch
in diesen Bereich fällt, wenn diese Tätigkeit nicht mit der Einflussnahme
auf die unternehmerischen Entscheidungen der Tochtergesellschaft in
Verbindung gebracht werden kann.8

2.3 Dienstleistungsfreiheit (Art 49 ff EG)

Die Dienstleistungsfreiheit dient der Freiheit der Erbringung von


Dienstleistungen durch ihre Mitglieder innerhalb der Gemeinschaft ohne
dauerhafte Niederlassung. Die Voraussetzung, dass sie zur Anwendung
kommt, ist, dass die Erbringung der Dienstleistung entgeltlich erfolgt und
sie nicht unter die Warenverkehrsfreiheit, die Kapitalverkehrsfreiheit oder
die Personenverkehrsfreiheit fällt.9

2.4 Kapitalverkehrsfreiheit (Art 56 ff EG)

Die Kapitalverkehrsfreiheit findet im Gegensatz zu den anderen Freiheiten


auch gegenüber Drittstaaten Anwendung und ist seit dem Vertrag von
Maastricht unmittelbar anwendbar. Sie behandelt den
grenzüberschreitenden einseitigen Transfer von Geld- oder Sachkapital.
Die Zahlungsverkehrsfreiheit zielt ab auf alle Arten von
grenzüberschreitenden Zahlungsmittelflüssen.10

8
Vgl. ebenda S. 136 f.
9
Vgl. ebenda S. 137 f.
10
Vgl. ebenda S. 138 f.

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3 Verhältnis der Grundfreiheiten zueinander

3.1 Prüfungsschema für die Feststellung eines Verstoßes


gegen Grundfreiheiten

Um einen Verstoß gegen die Grundfreiheiten feststellen zu können, muss


man ein mehrstufiges Prüfungsverfahren durchlaufen:

Im ersten Schritt muss die Person, die sich darauf beruft, dass die
nationale Regelung gegen die Grundfreiheiten verstößt, aufzeigen, dass
die Tätigkeit, um die es sich handelt, überhaupt von einer Grundfreiheit
geschützt wird. Dies nennt man „geschützte Betätigung“.11 Diese
geschützten Betätigungen sind die bereits oben erwähnten vier
Grundfreiheiten.

Bei dieser geschützten Betätigung wird einmal überprüft, ob die Tätigkeit


ihrem Inhalt nach geschützt ist („erfasste Tätigkeit“) und zum anderen, ob
die Tätigkeit auch grenzüberschreitend ausgeführt wird
(„grenzüberschreitende wirtschaftliche Tätigkeit“).12

Aber nicht jeder, der eine sachlich geschützte Tätigkeit ausübt, kann sich
auf die Grundfreiheiten beziehen. Es müssen auch die persönlichen
Verhältnisse, wie zB Staatsangehörigkeit in einem Mitgliedsstaat, stimmen,
um als persönlich Berechtigter zu gelten.13

Im nächsten Prüfungspunkt geht es darum, festzustellen, gegen welche


Art staatlicher Maßnahmen die Grundfreiheiten schützen sollten
(„Schutzrichtung der Grundfreiheiten“). Dieser Bereich ist wohl der
umstrittenste Bereich in unserem Schema. Sicher ist, dass die
Grundfreiheiten verbieten, Ausländer schlechter zu behandeln als Inländer
(Diskriminierungsverbot). Nicht klar geklärt ist aber die Frage, ob die
Grundfreiheiten auch Regeln erfassen, die In- und Ausländer zwar gleich

11
Vgl. Kellersmann/Treisch, Europäische Unternehmensbesteuerung S. 133.
12
Vgl. ebenda.
13
Vgl. ebenda.

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behandeln, sie aber in der Ausübung ihrer Tätigkeit behindern. Bei
folgendem Beispiel stellt sich zB diese Frage: In Deutschland darf nur
jemand als Steuerberater tätig sein, der die deutsche
Steuerberaterprüfung abgelegt hat und nicht ein Steuerberater mit
Prüfung eines anderen Landes. Ist dies bereits ein Eingriff in die
Grundfreiheiten?14

Wenn nun alle diese Fragen mit „Ja“ beantwortet werden können, steht ein
Eingriff in eine Grundfreiheit fest. Geklärt werden muss nun, ob dieser
Eingriff gerechtfertigt werden kann (Rechtfertigungsgrund) und ob dieser
in Übereinstimmung mit dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz umgesetzt
worden ist.15

Grafische Darstellung des Prüfungsschemas16:

Geschützte Betätigung
o Erfaßte Tätigkeit
Wird Tätigkeit von Grundfreiheit geschützt? o Grenzüberschreitend
o Persönliche Berechtigung

JA
NEIN

Schutzrichtung der Grundfreiheiten NEI N

Beeinträchtigung?

JA

JA
Rechtfertigungsgrund?

NEI N

Vorschrift nicht EG-rechtskonform Vorschrift EG-rechtskonform

14
Vgl. Kellersmann/Treisch, Europäische Unternehmensbesteuerung S. 133.
15
Vgl. ebenda.
16
Vgl. Aigner, VO Europäische Unternehmensbesteuerung WS 2008/09, Folie 47.

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3.2 Subsidiaritätsprinzip

Dieses Prinzip besagt uns, dass in den Bereichen, in denen nicht nur
Kompetenzen der EG bestehen, diese nur tätig werden dürfen, wenn die
Ziele der betreffenden Maßnahme auf Ebene des Mitgliedsstaates nicht
ausreichend erreicht werden kann und somit besser auf
Gemeinschaftsebene erreicht wird.17

Eine weitere Erläuterung für das Prinzip finden wir im Internet vor: „Das
Prinzip der Subsidiarität ist in Artikel 5 des Vertrags zur Gründung der
Europäischen Gemeinschaft definiert. Es besagt, dass Entscheidungen auf
einer möglichst bürgernahen Ebene zu treffen sind, wobei zu prüfen ist, ob
ein gemeinschaftliches Vorgehen angesichts der nationalen, regionalen
oder lokalen Handlungsmöglichkeiten wirklich gerechtfertigt ist. In den
Bereichen, die nicht in ihre ausschließliche Zuständigkeit fallen, handelt
die Union also nur dann, wenn ihre Maßnahmen wirksamer sind als
nationale, regionale oder lokale Maßnahmen. Mit der Subsidiarität
gekoppelt sind die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit und der
Notwendigkeit, d. h. die Maßnahmen der Union dürfen nicht über das zur
Verwirklichung der Vertragsziele notwendige Maß hinausgehen.“18

Erwähnenswert ist die besondere politische Bedeutung des


Subsidiaritätsprinzips: Besonders seit Beitritt zur Europäischen Union
herrscht in den einzelnen Mitgliedsländern die Befürchtung, dass die
einzelnen Länder bürgerfern und die einzelnen Nationalitäten mit ihren
Kulturen nicht mehr geachtet werden. Dieser Befürchtung soll das
Subsidiaritätsprinzip entgegenwirken, da nationales Recht vorgezogen
wird.19

17
Vgl. Kellersmann/Treisch, Europäische Unternehmensbesteuerung S. 13
18
http://europa.eu/scadplus/glossary/subsidiarity_de.htm, 29-12.2008, 14:07Uh
19
Vgl. Kellersmann/Treisch, Europäische Unternehmensbesteuerung S. 13

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3.3 Harmonisierung der direkten Steuern
Steuern sind zwangsweise Geldleistungen, denen keine unmittelbare
Gegenleistung gegenüber steht. Sie fallen auch unter den Begriff
„Abgaben“, wie auch Beiträge und Gebühren.20

Steuern lassen sich ua. nach folgenden Kriterien unterscheiden:

» Direkte Steuern sind Steuern, bei denen Steuerzahler und


Steuerträger identisch sind, wie zB bei der Einkommenssteuer.
» Bei indirekten Steuern wälzt der Steuerzahler die Steuerbelastung
weiter bis hin zum Steuerträger. Als Beispiel ist hier die Umsatzsteuer
anzuführen.

Die Entwicklung der Harmonisierung der indirekten Steuern stellte ein


geringeres Problem dar, als das der Harmonisierung der direkten Steuern.
Derzeit greift das EU-Recht bei den direkten Steuern nur zur Verhinderung
von Wettbewerbsverzerrungen und zur Verwirklichung der Grundfreiheiten
in die Gesetzgebungskompetenz der nationalen Gesetzgeber ein.21

Wesentliches Augenmerk sollte in der Harmonisierung der direkten


Steuern in der EU gelegt werden, wobei die Rechtsangleichung zu den
Kernaufgaben der EG gehört und nach der Konzeption des EG-Vertrages sie
nicht Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck der Integration sein
sollte. Die im EG-Vertrag beispielsweise im Art 94 f EGV als Grundnorm der
Rechtsangleichung verwendeten Begriffe „Angleichung“,
„Harmonisierung“ und „Koordination“ bringen keine inhaltliche
Unterscheidung zum Ausdruck und bedeuten vielmehr eine Annäherung
der nationalen Vorschriften im Hinblick auf die von der Gemeinschaft zu
verwirklichenden Ziele, wie die Beseitigung von Hindernissen, die sich aus
der Unterschiedlichkeit der nationalen Vorschriften für das Funktionieren
des Gemeinsamen Marktes bzw. Binnenmarktes ergeben22.

20
Vgl. Bitzyk/Lexa/Pummerer, Steuerrecht I, S. 1.
21
Vgl. ebenda, S. 2.
22
Vgl. Pelka, Europa- und verfassungsrechtliche Grenzen der Unternehmensbesteuerung,
S. 227 ff.

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3.4 Die Dienstleistungsfreiheit (Art 49 ff EG) im Verhältnis zur
Arbeitnehmerfreizügigkeit (Art 39 ff EG)

Der freie Dienstleistungsverkehr als eine der vier Grundfreiheiten ist im


Vertrag über die Europäische Union (EGV) in Art. 49 bis 55 geregelt und
mit den Grundsätzen im EGV in Art 3 Abs. 1 lit c bzw. Art 14 Abs 2
verankert. Aufgrund der vielseitigen Rechtssprechungen des EuGH kann
der freien Dienstleistung eine wachsende Bedeutung bzw. als Kernziel der
EU angesehen werden. Im Wesentlichen schützt die Dienstleistungsfreiheit
grenzüberschreitende Dienstleistungsanbieter, die Dienstleistungen über
die Grenze hinweg an eine in einem anderen Mitgliedsstaat ansässige
Person erbringen, ohne dort über eine dauerhafte feste Einrichtung
(Niederlassung) zu verfügen23.

Unter Dienstleistungen werden laut EG Leistungen verstanden, die gegen


Entgelt erbracht werden, soweit diese nicht den Vorschriften über den
freien Waren- und Kapitalverkehr und über die Freizügigkeit der Personen
unterliegen. Im Gegensatz zur Personenverkehrsfreiheit, bezieht sich die
Dienstleistungsfreiheit mehr auf die Mobilität von Dienstleistungen und
weniger auf den Produktionsfaktor Arbeit24.

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit soll im Verhältnis zur Dienstleistungsfreiheit


in Verbindung mit dem Steuerrecht anhand der Problematik der
Abzugssteuer betrachtet werden, da dies im Zuge der
Flexibilität/Globalisierung der Arbeitnehmer in Europa eine wichtige Rolle
spielt.

Rs C-234/01 Gerritse und Rs C-290/04 Scorpio

Der niederländische Staatsbürger Gerritse, welcher in den Niederlanden


ansässig war und in Deutschland weder Wohnsitz noch gewöhnlichen
Aufenthalt hatte, erhielt als Musiker in einem Radiosender ein bestimmtes
23
Vgl. Djanani/Pummerer in Bertl ua. (Hrsg.), Handbuch der österreichischen Steuerlehre
Bd V,
S. 97 f.
24
Vgl. ebenda, S 98 f.

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Honorar. Diese Einkünfte, die im Verhältnis zu den Gesamteinkünften nur
einen geringen Teil darstellten, unterliegen nach deutschem EStG der
beschränkten Steuerpflicht und der deutsche Radiosender behielt daher
eine Steuer von 25% ein, wobei ein Abzug von Betriebsausgaben,
Werbungskosten und der gleichen nicht zulässig war und führte diese an
das Finanzamt ab. Der EuGH hatte in diesem Fall die Besteuerung von
Einkünften von Gebietsfremden in Deutschland zu klären. Im Konkreten
galt es zu erkennen ob ein Verstoß gegen Art. 49 EG vorliegt, wenn eine
Steuer von 25% der Bruttoeinnahmen durch Steuerabzug nach deutschem
EStG eingehoben wird und es keine Möglichkeit für den Steuerpflichtigen
gibt, die Steuer im Veranlagungs- bzw. Erstattungsweg zurückzuerlangen.
Der Tenor dieses Urteils lautet also, dass eine nationale Regelung, die
Gebietsfremde, im Gegensatz zu Gebietsansässigen, obligatorisch einer
Besteuerung ihrer Bruttoeinkünfte unterziehen, den gemeinschaftlichen
Bestimmungen zur Dienstleistungsfreiheit entgegensteht. Ist eine
nationale Regelung zur Abzugsbesteuerung Gebietsfremder mit den
gemeinschaftlichen Bestimmungen zur Dienstleistungsfreiheit vereinbar,
die sich aus der Anwendung des festen Steuersatzes ergebenden
Belastungsquote nicht jenen Durchschnittssteuersatz übersteigt, welcher
unter Zugrundelegung eines dem Grundfreibetrag entsprechenden
Betrages zuzüglich der Nettoeinkünfte ergibt25.

Der EuGH stellte aber mit dem Urteil vom 27.6.1996 C-107/94 Asscher in
einem weiteren Schritt fest, das ein höherer Steuersatz für Gebietsfremde
eine mittelbare Diskriminierung darstellt, da unterschiedliche Vorschriften
auf gleichartige Situationen angewendet werden können, was in folge
dessen so interpretiert werden kann, dass benachteiligte differenzierte
Steuersätze bei beschränkter bzw. unbeschränkter Steuerpflicht nur dann
haltbar sind, wenn dies gerechtfertigt werden kann.

Die Urteile in der Rs „Gerritse“ und „Scorpio“ haben wesentliche


Auswirkung auf die österreichische Rechtslage in Bezug auf das

25
Vgl. EuGH am 12.6.2003, Rs C-234/01 Gerritse, Slg 2003 I-5933.

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österreichische System der Besteuerung beschränkt Steuerpflichtiger. Jene
Konstellationen dürften nun endgültig europarechtswidrig sein, in denen
der Steuerabzug von den Bruttoeinahmen für beschränkt Steuerpflichtige
zwingend eine Abgeltungswirkung ohne Veranlagungsoption zur Folge hat.
Die aus dem Urteil ergebenden Konsequenzen hat Österreich in § 102 EStG
umgesetzt. Beschränkt Steuerpflichtige von denen z.B. eine Lohnsteuer
nach § 70 Abs 2 EStG zu erheben ist, können nun nach § 102 Abs. 1 Z 3
EStG eine Veranlagung ihrer inländischen Einkünfte beantragen, wobei es
zu einer Hinzurechnung zu den tatsächlichen Einkünften idHv von 8.000 €
kommt. Durch den „breiten Raum“, welcher durch die österreichische
Rechtslage im EStG gewidmet wurde, weicht es jedoch von der
vergleichbaren deutschsprachigen Rechtslage ab26.

Beschränkt und unbeschränkt steuerpflichtigen Personen sind


gemeinschaftsrechtlich gleich zu behandeln, wenn sie sich hinsichtlich
ihres Einkommens in der gleichen Situation befinden (Prüfungsschema:
Vergleichbares Begriffspaar). Ist die Voraussetzung erfüllt, muss eine
Gleichbehandlung erfolgen27.

Aus der Rs „Gerritse“ kann nicht eindeutig abgeleitet werden, ob die


Steuererhebung im Wege eines nach den Bruttoeinnahmen bemessenden
Steuerabzuges auch dann gemeinschaftswidrig ist, wenn den
Gebietsfremden die Möglichkeit zur Antragsveranlagung eröffnet wird. Es
bleibt in diesem Zusammenhang offen, wie bzw. in welchem Ausmaß die
Veranlagungsmöglichkeit von beschränkt Steuerpflichtigen berührt wird.
Der EuGH hat sich jedoch im Urteil vom 29.11.2001 in der Rs C-17/00 De
Coster, Slg 2001, I.9445 zu abgabenrechtlichen Regelung im Bereich der
Dienstleistungsfreiheit ausgesprochen28.

So sehr die Grundfreiheiten in ihrer allgemeinen Dogmatik darauf zu


drängen scheinen, alle diskriminierenden Mechanismen im Verhältnis zu
anderen Mitgliedstaaten zu beseitigen, so wenig darf der Nutzen von
26
Vgl. ebenda, S. 90 f.
27
Vgl. ebenda, S. 91.
28
Vgl. Beiser, Steuer, S.165.

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Abzugssteuern zur effizienten Steuererhebung übersehen werden.
Abschließend kann festgehalten werden, dass die Einschränkung der
Veranlagungsmöglichkeit von Gebietsfremden gemeinschaftlich nur
schwer haltbar sein werden, zumal die Option nach § 1 Abs 4 EStG,
wonach ein beschränkt Steuerpflichtiger auf Antrag als unbeschränkt
Steuerpflichtiger zu behandeln ist, nicht in allen Fällen eine geeignete
Möglichkeit zur Abhilfe schafft. Ein mögliches Ziel könnte daher sein, eine
Veranlagungsmöglichkeit für alle beschränkten Steuerpflichtigen in
Österreich zu schaffen, um so dem Interesse Österreichs nach Sicherung
des Steueranspruchs gerecht zu werden29.

Der EG-Vertrag und dessen Einfluss auf die direkten Steuern wurde von
den Mitgliedstaaten erst spät erkannt30.

In Anlehnung an Mayer, soll abschließend auf die wenig ausgereiften


Rechtssetzungsbefugnisse der Gemeinschaft im Bereich der
Personenverkehrsfreiheit verweisen werden, welcher in diesem Bereich
von der Begründung von dogmatischen Differenzierung für die
Grundfreiheiten auf den Zusammenhang zwischen Eröffnung des
Anwendungsbereiches und Rechtsetzungskompetenz schreibt31.

29
Vgl. ebenda, S. 110.
30
Vgl. ebenda, S. 79.
31
Vgl. Mayer: Die Warenverkehrsfreiheit im Europarecht – eine Rekonstruktion, S. 822 ff.

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LITERATURVERZEICHNIS

Aigner G. (2008): VO Europäische Unternehmensbesteuerung WS


2008/09, Foliensatz, Johannes Kepler Universität Linz.

Beiser R. (2007): Steuern, Wien, Facultas AG.

Bitzyk P., Lexa H., Pummerer E. (2007): Steuerrecht I, Wien, LexisNexis


Verlag.

Djanani Ch., Pummerer E. (2006): in Bertl, u.a. (Hrsg.), Handbuch der


österreichischen Steuerlehre Bd V, Wien, LexisNexis Verlag.

Djanani Ch., Brähler G. (2003): Internationales Steuerrecht, Wiesbaden,


Gabler.

Kellersmann D., Treisch C.(2002): Europäische


Unternehmensbesteuerung, Wiesbaden, Gabler.

Mayer, F. (2003): Die Warenverkehrsfreiheit im Europarecht – eine


Rekonstruktion, Europarecht 38, Heft 5, Baden – Baden, NOMOS Verlag.

Pelka J. (2000): Europa und verfassungsrechtliche Grenzen der


Unternehmensbesteuerung; Deutsche Steuerjuristische Gesellschaft
(DStJG), Band 23, Münster, Schmidt Verlag.

http://europa.eu/scadplus/glossary/subsidiarity_de.htm,
29-12.2008, 14:07Uhr.

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