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"Mit der Kreuzigung Iesu haben die leiden begonnen"

Der Südafrikaner Richard van Schoor komponiert für Ludwigsburg- Uraufführung arn Samstag

" Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" ist ein zentrales Werkder christlichen Musik,vertont von loseph Haydn, das Richard van Schoor jetzt neu gefasst und mit neuen Worten versehen hat. Die Uraufführung ist an diesem Samstag um 20 Uhr in der Ludwigsburger Schlosskirche.

VON ARMIN FRIE DL

Herrvan Schoor, sind Sie religiös im klassi- schen Sinne? Sagen wir es so,ich bin religiös, aber nicht in einem konfessionellen Sinn. Ich hab e mei- nen Gott,aber den will ich für mich haben, nicht in einem kollektiven Sinn, das sehe ich eher negativ. Kirche und Religion haben für mich zu viel mit Regeln und Missverständ- nissen zu tun. Bei vielen dieser Leute stelle ich das Gefühl fest,aass sie schon alles mit- bekommen haben, bevor sie damit begonnen haben, selber zu denken. Im Namen der Reli- gion wurde schon zu viel angerichtet , was nichts mit Gott zu tun hat.

Sind Siedenn religiös erzogen worden? Ja ,ich bin aufgewachsen mit der Anglikani- schen Kirche , habe in den Niederlanden die reformierte Kirche kennengelernt.

Wasinteressiert Sie an de r Religion? Für mich wird es interessant, wen n Philoso- phie und Religion zusammenkommen.Da ist es egal ,ob man an Jung, Nietzsche oder Sart-

re denkt. Eigentlich ist Religion sehr sp ö:n- nend, wenn man vergessen kann, was man

darü ber weiß . Dann kann man alles

hinter-

fragen, dann ist nichts festgelegt. In diesem Kontext sehe ich auch die Komposition von Haydn. Im Vergleich zu seiner "Schöpfung" , ist seine Vertonung der "letzten Worte" ein ,

stilles, beseeltes Werk , in dem es mehr um Spiritualität denn um Dramatik geht .

Was interessiert Sie an diesem Auftragswerk ? Die Kreuzigung ist ja ein Ritual, das jedes Jahr stattfindet. Das hat mich aber nicht in- teressiert, die einzelnen Stationen wie ver- traut abzuhaken, denn das verschleiert die ' eigentliche Fra ge, was das bedeutet . Ich ha- be die Kreuzigung an sich zum Thema ge- macht, wollte wissen, was dies un s heute noch bede uten kann. Allgemein herrscht ja die Auffassung, dass Jesus uns mit seine r Kreuzigung von allen 'Leiden erlöst hat. Aber im Prinzip ist doch genau das Gegen- teil der Fall. Mit der Kreuzigung Jesu haben un sere Leiden doch erst begonnen, das erle- ben wir doch Tag für Tag. Da ist es nahelie- gend , auf das Thema Menschenrechte ,zu

kommen.

.

Wie kann man sich IhrStück klanglichvorstel- len? Es gibt viele tonale Pass agen,die an die Cho- r äle von Bach oder Brahms erinnern' sollen. Es ist ja ein deutscher Text, und als solcher soll er dort auch verortet sein . Dann gibt es Sp rechpassagen, in denen die Stimmen von Nachrichtensprechern dominieren. Das ist bewusst sehr verschacht elt gemacht, da ist

nicht alles genau zu verstehen. Es sind Mel- dungen, die täglich über un s hereinfallen, in denen es um Genozid geht oder um Verbre- chen, die vorgeblich im Namen der Religion begangen werden. So viele Menschen sind namenlos unter dieser Vorgabe gesto rben, die kein e Ehrung, häufig nicht einmal eine Beerdigung erfahren haben.

Diesen Opfern geben Sie nun eine Stimme ? Ich ha be für sie eine Art Gedenkmauer er- schaffen. Und dann gibt es noch geräusch- hafte Passagen. Schläge erklingen, ab er nicht auf einen Holzkörper, die sehr offen- sichtlich na ch den Hammerschlägen klingen wü rden, sondern auf die Sa ite n von Celli. Das ist ein faszinierender Widerspruch: har- te Klänge von einem Instru ment, das eher als poetisch und weiblichempfunden wird.

Das klingt alles nicht gerade sonderlich neu.

Im 21. Jah rhundert ist es

wirklich möglich, etwas völlig Neues zu komponieren. Was immer Sie auch machen, alles klingt nach irgendwem, sei es nach La- chenmann, Rihm oder Schnittke. Es wa r ja auch gar nicht mein Anli egen, mit allem auf- zuräumen' deshalb ja au ch die t onalen Pas- sagen . Auch die Geräus che sollen möglichst organisch, geerdet erklingen. Es ist ja auc h was and eres , wenn man ein reines Orches- terstück schreibt, da kann man an ders,

abstrakt er vorgehen.

doch nicht mehr

IhrStück hat den Zusatz"in anderen Worten". Wieviele Worteverwenden Sie noch von denen, die Haydnvertont hat? Es sind nicht mehr viele, eigentlich nur noch zwei Psalmen, die auch gekürz t wurden . Deshalb ist ja auch das St ück von Haydn vorangestellt. '

Information Ludwigsburger Festspiele

• An diesem Samstagwird um 20 Uhr in der Kirche des Ludwigsburger Schlosses "Die

sieben letzten Worte

ten" von Richard vanSchoor uraufgefüh rt. Michael Hofstetterdirigiertden Chor und das Orchesterder Ludwigsburger Schloss- festspielesow ie die Solisten Kirsten Bl aise

(Sopran). Ruth Sandhoff(Mezzosopran). Daniel Johannsen (Tenor) und David leru- salem (Bass). WeitereAufführungen sind am Sonntag um 19 Uhrin der Schlosskir- ehe, am 22. Juli um 18.30 Uhr in der Klos- terkirche Beuron sowie am 9. September in der Pfarrkirche Wolfegg.

in anderen Wor-

• Weiter geht es in Ludwigsburg mit einem Liederabend der MezzosopranistinStefa- nie Iranyi und der Pianistin Olivia Trum- '

mer am Mittwoch

kaserne. ImMittelpunktst ehen Ku nstlie- der des 19. Jahrhunderts.

um 20 Uh r in der Karls-

• Am

Donnerstagpräsentiert e benfallsu m

20 Uhrin der Karlskaserne das Tintinette

SwingOrchestraitalienischeSwing-Musik aus den 1940er Jahren. (StN)

Zur Person Richard van Schoor

• 1961in Kapstadt geboren. Dort Mu- sikstudium mit einem Master-Ab-

Kapstadt geboren. Dort Mu- sikstudium mit einem Master-Ab- schluss. Schon in der Studienzeitdebü- tierte er als

schluss. Schon in der

Studienzeitdebü-

tierte er als Pianist :fi

• Seit2007 dirigierter ~ als musikalischer ~ Leiter der Opern- bühne Bad Aibling d iverse Mu siktheater- Produktionen

• 2010wurde bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen sein Stück.Koan" als Auftragswerk uraufgeführt

Istes also zwingend, dass IhrStückzusammen mit dem von Haydnaufgeführt wird? Nein, aber Haydn steht für das Unantastba- re, für all das, was bei diesem Thema erwar- tet wird. Mein Stück dagegen hinterfragt all das, zeigt es in einem anderen Licht, soll so zum Nachdenken anregen. Das werden eini- ge ablehnen, oder es wird sie wütend ma- chen ,aber dami t ka nn ich leben. Mein Anli e- gen ist es eben zu zeigen, dass es mehr Leid als Freude gibt auf dieser Welt. Viele meinen, man könne da s voneinander trennen, Freude und Leid, abe r das geht ni cht , das eine be- dingt das andere . Das ist meine Erfahrung aus meinem Leben in Sü

Welche Erfahrungen haben Siedenn in Südaf- rikagemacht? Vor dem Komponieren selb st habe ich mit Vert retern der verschiedensten Religionen über das Thema Kreuzigung gesprochen, unter an dere m mit einem Priester in Südaf- rika, dem seit einem Briefbombenattentat die Gliedmaße fehlen , weil er das Ende der Apartheid beschleunigen wollte. Er sagte, dass das Zurückgehen in die Vergangenheit nur so la nge sinnvoll ist , solange dies unter dem Strich leb ensbejahend ist . Es geht also nicht um Rache oder Vergeltung um ihrer selbst willen, sonst hätte der Wandel in Süd- afrika ja auch nie funktioniert .

Ist Ihre Musikbekannt in Südafrika? Eher nicht, dort kennt man mich mehr als Pianisten . Ich bin ja jeweils zu einem Drittel tätig als Komponist, Pianist und Dirigent. Und als Komp onist gehe ich in die verschie- densten Richtungen, da gehört auch Ge- brauchsmusik daz u. Zwar habe ich viel mit religiö ser Musik zu tun, aber dennoch kann man mich in keine Schublade stecken, darü- ber bin ich froh .

Fühlen Siesich dennoch einer bestimmten

Schule zugehörig? In Deutschland geht die Neue Musik streng. in eine bestimmte Richtung, die möglichst unpersönlich klingt. Das höre ich mir inte-

ressiert an, aber es ist ein

will ich niemand Konkurrenz machen. Da bin ich zu sehr Gefü hlsmensch, und dies soll

in meiner Musik zum Ausdruck kommen.

schmaler Grat , da

soll in meiner Musik zum Ausdruck kommen. schmaler Grat , da . Die Kreuzigung. ein Ritual

. Die Kreuzigung.

ein Ritual ?- Richard vanSchoor

Foto: epd

willsie ineinem neuen Licht zeigen