Kritische Bemerkungen zum Europawahl-Programmentwurf der deutschen Grünen

Das Ziel ist Gefälligkeit. So wenigstens mutet es an, wenn in der Präambel (ab Zeile 98) der Begriff New Deal aus Roosevelts Zeiten bemüht, aber seines eigentlichen Kerns beraubt wird. Er wird ökologisch usw. umgedeutet und binnen zwanzig Zeilen zu einer leeren Floskel. Eine Charakterisierung der sozialen Gegensätze unterbleibt. Armut gibt es in Europa offenbar nicht so sehr, dass sich eine genauere Bewertung lohnen würde. Das gilt auch für die Zeilen 189 ff., wo es um Sozialpolitik geht. Die Ergebnisse der eigenen Regierungspolitik von 1998-2005 werden natürlich nicht benannt. Allerdings machen die AutorInnen das in Teil III, in den Zeilen 1018 ff. wett - wenn auch mit sehr zurückhaltenden Formulierungen. Schärfer wird die Kritik allerdings ab Z. 1050 und die Analyse auch überzeugender ab Z. 1196. Der Programmentwurf ist ökologisch entfaltet, macht gute Vorschläge zur Sozialpolitik und wägt die Kritik an der EU seriös ab aber einen freiheitlichen Gesellschaftsentwurf vermag er kaum zu vermitteln, weil er einem der wichtigsten Gegenwartskonflikte, der das Weltgeschehen beeinflusst, systematisch ausweicht. Insofern ist er m. E. auch mit Einfügungen und Modifikationen kaum zu retten. Gehen wir ins Einzelne: Der Terror kommt als Wort vor, als internationale Bewegung nicht (vgl. Z. 219 ff.). Der „Kampf gegen den Terrorismus“ steht in Anführungsstrichen (Z. 2027) und ist offenbar nur ein Problem und keine Aufgabe. Während der Rechtsextremismus erwähnt wird, wird der Islamismus verschwiegen. Er ist offenbar kein Problem nur die Islamophobie, die mit der Homophobie in einem Atemzug (!) genannt wird (Z. 223). Das gilt auch für die Menschenrechte und den demokratischen Pluralismus - durch religiösen Fanatismus oder Fundamentalismus sind sie offenbar nicht bedroht. Der Streit um den Universalismus der Menschenrechte, um das Recht auf Selbstbestimmung gegenüber Vorstellungen von einem religiösen Regime, wird vollständig ausgeblendet. Auch der 11. September 2001, die Toten von Madrid und London sind keine Erwähnung wert. Deshalb muss auch das Wort „Terror“ ohne jede Erläuterung so im Raum stehen bleiben. Welcher Terror - wessen Terror? Das zu sagen traut sich der Text nicht, weder im einleitenden Teil noch in Teil V. noch irgendwo sonst. Wer genau hinschaut, entdeckt in Teil V. ein merkwürdig verengtes Verständnis von Grundrechten: es geht um die Teilhabe an den Institutionen der Demokratie; um Menschenrechte im Kernbereich der demokratischen Verfassungen geht es aber nur, soweit z. B. Leib und Leben der Flüchtlinge bedroht sind, die die Festung Europa über das Mittelmeer zu erreichen suchen. Die einstige Frauenpartei verstummt jedoch sofort, wenn es z. B. um das Recht junger

Einwanderinnen geht, ihren Partner selbst zu wählen und so zu leben, wie sie wollen - obwohl bei anderen Themen, nämlich dort, wo es politisch bequem ist, Beispiele und Politikvorschläge ganz konkret vorgetragen werden. Die „Strategie der Konfliktverhütung“, die der Text propagiert (Z. 1807), ist offenbar auch ein Motiv, das die VerfasserInnen selber geleitet hat. Einen Schutz brauchen Menschen aus anderen Kulturen nur vor staatlicher Verfolgung - die Grünen sind mit diesem Text auf dem Weg, gesellschaftliche Gewalt, z. B. in der Form eines patriarchalischen Zugriffs auf Frauen und Mädchen, aus ihrem Programm komplett auszublenden. Ganz verschwiemelt ist hinten irgendwo (Z. 2098) von kultureller Differenz und der Freiheit der Religionsausübung die Rede - aber es bleibt alles offen. Bloß nicht anecken, lautet die Devise. Derselbe politische Opportunismus zieht sich durch die folgenden Passagen zu den friedenspolitischen Aufgaben der EU. Die „neuen Kriege“, die „failed states“ kommen zwar vor (Z. 2318), aber als böse Kraft hinter allem lauert nur die „ungeregelte Globalisierung“ (Z. 2317). Man fühlt sich beim Lesen an ein welthistorisches Porträt der achtziger Jahre aus der Frankfurter Rundschau erinnert. Die betroffenen Staaten werden im Wesentlichen im Ökologieteil, als „Entwicklungsländer“, genannt. Gewiss - in Teil VII. wird vom alten grünen Pazifismus ein wenig abgerückt, aber dann doch wieder mit vielen Relativierungen der eigene Bauch gestreichelt. Solche Passagen bleiben immer recht allgemein. Ich habe - man möge mich korrigieren - überall nach dem Wort „Diktatur“ gesucht und es nirgends gefunden. Das ist kein Zufall: der globale Konflikt zwischen Demokratie und Diktatur wird von den Grünen in diesem Text faktisch negiert. Auch das Wort „Freiheit“ kommt nur selten vor. Demokratie als Gesellschafts- und Lebensform in Europa ist für dieses Programm nur sehr blass und verschwommen ein positiver Bezugspunkt - schade! Denn das ist es, was die Menschen aus Krisen- und Elendsgebieten der Welt doch häufig gerade anzieht. Ebenso ist der Entwurf auf eine indirekte Weise völlig nationalborniert, weil er nirgends die europäische Demokratie als einen Wettbewerb der alten und jungen EU-Mitglieder um mehr und bessere Demokratie auffasst. Ganz im Gegensatz zu den sehr blass bleibenden Menschenrechtspassagen des Programms wird die Ökologiedimension sehr konkret herausgearbeitet. In Teil II. werden wir in die Details der Agrochemie eingeführt - nach dem Motto: hier sind wir Grünen uns doch einig. Da kann dann ganz weit ausgeholt werden... Wenn z. B. die Zwangsverheiratungen erwähnt werden (Z. 1888), dann doch immer nur dort, wo die staatliche Migrationspolitik gemeint ist. Aus der Zwangsverheiratung wird das dauerhafte Rückkehrrecht der betroffenen Frauen abgeleitet - das ist zweifellos ein guter Vorschlag. Ausgeblendet wird jedoch die gesellschaftliche Ausgangssituation in Europa, also in diesem Fall in Deutschland. In der verengten grünen Optik - „man spürt die Absicht und ist verstimmt“, um es mit Goethe zu sagen - beginnt die Geschichte für die

grüne Programmlyrik erst dort, wo die junge Frau schon „weg“ ist. Aber wie ist sie dahin gekommen, und was müssten sich Grüne wünschen, das diesen Zustand in Europa ändert? Kein Wort davon in diesem Programm - obwohl es bei anderen Betroffenengruppen konkrete Benachteiligungen und ungerechte Behandlung durchaus erörtert (z. B. für Lesben und Schwule Z. 1922). Gewalt gegen Frauen wird nur im Kontext von Menschenhandel und Prostitution erwähnt (Z. 1945 ff.). Viele alte feministische Forderungen sind präsent - die individuelle Autonomie gegenüber Patriarchen, der Despotie der Familie und religiösen Eiferern nicht. Ähnlich segmentiert ist das grüne Weltbild auch bei der Wahrnehmung antidemokratischer Bewegungen: der Rechtsextremismus (Z. 1935) und mit ihm der Antisemitismus (Z. 1941) werden zwar bewertet, aber andere Formen des Extremismus oder Totalitarismus gibt es anscheinend nicht. Dass es zwischen europäischen Faschisten und nahöstlichen Judenhassern längst zu warmherzigen Verbrüderungen kommt und sich deshalb unsere Freunde von der Amadeu-Antonio-Stiftung mit dem islamistischen Antisemitismus befassen, passt nicht in dieses Programmklischee, obwohl ganz Europa jeden Tag über dieses Phänomen spricht. „Jeder hat seinen Lieblingsverbrecher“, hat SPIEGEL-Gerichtsreporter Mauz mal gesagt, und diese Logik führt auch bei Grüns offenbar die programmatische Feder. Wenn das in Dortmund grundsätzlich so durchgeht, dann wird es Zeit, dieser Partei öffentlich und energisch zu widersprechen. Kurt Edler (Hamburg-Altona) Kontakt: kurtedler@alice-dsl.de 12.12.2008

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