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Analysis A

Elmar Schrohe Wintersemester 2006/07

1

1

Die Reellen Zahlen

1.1 Aussagen. Mengen. Eine Aussage nennen wir etwas, von dem wir sagen k ¨onnen, ob es

wahr ist oder falsch.

Aus zwei Aussagen A und B k ¨onnen wir neue Aussagen bilden, z.B. die Aussage A B ( aus

A folgt B“). Sie ist falsch, wenn die Aussage A wahr ist und die Aussage B falsch. Ansonsten

ist sie wahr. Wichtig ist auch die Aussage A B ( A ist ¨aquivalent (gleichwertig) zu B“). Sie ist wahr, wenn die Aussagen A und B entweder beide wahr oder beide falsch sind. Oder (gleichwertig): Sie ist wahr, wenn sowohl die Aussage A B als auch die Aussage

B A gilt, und ansonsten falsch.

Die Begriffe Menge“, Element“ und enthalten sein“ definieren wir nicht. Wir schreiben x M , falls x in der Menge M enthalten ist, anderenfalls x / M . Wir schreiben M = N ; falls die Mengen M und N dieselben Elemente enthalten, sonst M = N . Wichtig: Alle Elemente einer Menge sind verschieden. Fur¨ mehr Details siehe z. B. P. Halmos: Naive Mengenlehre oder L´evy: Basic Set Theory.

1.2 Bekannte Mengen.

leere Menge

 

N

= {1, 2, 3,

}

nat

urliche¨

Zahlen ohne Null

N 0 = {0, 1, 2,

 

}

nat

urliche¨

Zahlen einschließlich Null

Z = {0, ± 1, ± 2,

Q = { p : p Z , q N }

}

q

ganze Zahlen

rationale Zahlen

Dabei sieht man die Br uche¨ p und r in Q als gleich an, falls ps = rq .

Beispiel:

q

s

2

3 = 4

24

36 .

6 =

Oft beschreibt man Mengen auch in der Form:

{x : Aussage uber¨ N = {x N 0 : x = 0}.

x}, meint die Menge aller Elemente, f ur¨ die die Aussage gilt. Beispiel:

1.3

Definition. Es seien M, N Mengen.

 

(a)

Schreibe M N , falls aus x M “ stets x N “ folgt

M ist Teilmenge von

N

(b)

M

N

= {x : x M

oder x N }

Vereinigung von M und N

(c)

M

N = {x : x M

und x N }

Durchschnitt

von M und N

(d)

M

\ N = {x : x M

und x / N }

Differenzmenge

(e)

M × N = {(x, y ) : x M

und y N }

kartesisches Produkt

(f)

P (M ) = {N : N M }

Potenzmenge

Man nennt M und N disjunkt, falls M N = . Man kann auch Durchschnitte und Vereinigungen uber¨ mehrere (m ¨oglicherweise unendlich viele) Mengen bilden. Es sei I eine Menge, und f ur¨ jedes i I sei M i eine Menge. Wir setzen

iI

iI

M i = {x : x M i

M i = {x : x M i

f ur¨ jedes i I }

f ur¨ mindestens ein i I }

3

1.4

Reelle Zahlen. Die reellen Zahlen sind eine Menge R = , die durch bestimmte Eigen-

schaften charakterisiert ist. Auf R sind zwei Verkn upfungen¨ definiert, n ¨amlich +“, die Addition“, und ·“, die Mul- tiplikation“, die zwei Elementen x, y die Summe x + y R bzw. das Produkt x · y = xy R

zuordnen (Malpunkt wird meist nicht geschrieben). Dabei gelten folgende Regeln ( Axiome“):

(A1) (x + y ) + z

= x + (y + z ) f ur¨ alle x, y, z R

(A2) Es gibt ein Element 0 R mit x + 0 = x f ur¨ alle x

Assoziativgesetz der Addition

Neutralelement der Addition

(A3) Zu jedem x R existiert ein Element (x) R mit x + (x) = 0 Inverses Element der Addition

(A4) x + y = y + x f ur¨ alle x, y R

(M1) (x · y ) · z = x · (y · z ) f ur¨ alle x, y, z R

Kommutativgesetz der Addition

Assoziativgesetz der Multiplikation

(M2) Es gibt ein von 0 verschiedenes Element 1 R mit x · 1 = x f ur¨ alle x R Neutralelement der Multiplikation

(M3) Zu jedem x = 0 existiert ein Element x 1 mit xx 1 = 1

Inverses Element der Multiplikation

(M4) x · y = y · x f ur¨ alle x, y R

(D) x · (y + z ) = x · y + x · z f ur¨ alle x, y, z R

Kommutativgesetz der Multiplikation

Distributivgesetz.

R ist ferner angeordnet, d. h. es gibt eine Beziehung > 0“ ( gr ¨oßer Null“) mit folgenden Eigenschaften:

(O1) F ur¨ jedes x R gilt genau eine der folgenden Aussagen

x > 0,

x = 0,

oder

x > 0.

Insbesondere kann also f ur¨ x = 0 nie x = x gelten!

(O2) x > 0

und y > 0 =x + y > 0.

(O3) x > 0

und y > 0 =xy > 0.

Schließlich erf ullt¨ R noch das sogenannte Supremumsaxiom

(S) Jede nichtleere, nach oben beschr ¨ankte Teilmenge von R hat eine kleinste obere Schranke. Mehr dazu gleich!

1.5 Definition. Eine Menge mit mindestens zwei Elementen, in der die Axiome (A1)-(A4),

(M1)-(M4) und (D) gelten, heißt K ¨orper. Ein K ¨orper mit ‘> ’, in dem (O1)-(O3) gelten, heißt angeordneter K ¨orper.

1.6

Beispiel.

(a)

Q ist K ¨orper, Z nicht (2 hat z.B. kein multiplikatives Inverses).

(b)

Die Menge Z 2 = {0, 1} ist K ¨orper mit den Operationen 0 + 0 = 0, 0 + 1 = 1, 1 + 1 = 0, 0 · 0 = 0, 1 · 1 = 1.

4

(c)

Q ist angeordnet, Z 2 hingegen nicht (1+1=0!).

(d)

In Q gilt das Supremumsaxiom nicht, wie wir sp ¨ater sehen werden.

1.7

Bezeichnungen.

(a)

Statt x + (y ) schreiben wir auch x y , statt x · y 1 auch x y .

(b) Wir schreiben:

x > y x < y x y x y

⇐⇒

⇐⇒

⇐⇒

⇐⇒

x y y x ( x > y ( x < y

> 0 > 0 oder x = y ) oder x = y )

1.8 Beschr¨anktheit. Supremum. Maximum/Minimum.

M R ,M = heißt nach oben beschr ¨ankt, falls ein C R existiert mit x C f ur¨ alle

x M . Die Zahl C heißt dann obere Schranke.

M heißt nach unten beschr ¨ankt, falls ein D R existiert mit D x f ur¨ alle x M (untere

Schranke).

M heißt beschr ¨ankt, falls es nach oben und nach unten beschr ¨ankt ist.

(b) Es sei M R ,M = . Eine Zahl C R heißt Supremum von M oder kleinste obere Schranke von M , wenn gilt

(a)

(1)

x C f ur¨ alle x M (d.h. C

ist obere Schranke)

(2)

Zu jedem ε > 0 existiert ein x M mit x > C ε (d.h. C ε ist keine obere Schranke).

(c)

Ist C ein Supremum f ur¨ die nichtleere Menge M , und zus ¨atzlich C M , so heißt C Maximum von M .

(d)

Es sei M R . Eine Zahl C R heißt Infimum f ur¨ M , falls C gr ¨oßte untere Schranke ist, d. h., falls (1) x C f ur¨ alle x M und (2) zu jedem ε > 0 ein x M existiert mit

x < C + ε. Ist C Infimum von M und C M , so heißt C Minimum.

1.9 Satz.

(a)

x · 0 = 0 fur¨

beliebiges x R.

(b)

(x)y = (xy ) fur¨ beliebige x, y R.

(c)

Es seien a, b, c R und a

= 0. Dann gibt es genau ein x R, das die Gleichung ax + b = c

erfullt,¨

n¨amlich x = (c b)/a.

Insbesondere ist das additive Inverse von a (als L¨osung von 1 · x + a = 0) eindeutig, und es gilt (a) = a, weil sowohl a als auch (a) additive Inverse zu a sind. Analog ist das multiplikative Inverse von a (als L¨osung von ax = 1) eindeutig und (a 1 ) 1 = a.

(d)

xy

= 0 ⇐⇒ ( x = 0 oder y = 0) .

Beweis.

(a)

x

· 0 A2 = x · (0 + 0)

A1 = x · 0 + x · 0. Addition von (x · 0) liefert 0 = x · 0.

(b)

(c)

5

(d)

Ist x = 0 oder y = 0, so ist xy = 0 nach (a). Ist andererseits xy = 0 und x = 0, so liefert die Multiplikation mit x 1

y

= (x 1 x)y M1 = x 1 (xy ) Ann = x 1 0 (a) = 0

M3,M4

Analog liefert y = 0, dass x = 0 ist. Also ist x = 0 oder y = 0.

1.10

(a)

(b)

(c)

(d)

(e)

(f)

Satz. Fur¨

a, b, c, d R gilt

a =

a < b, c < 0 ac > bc

a > 0 a 1 0 < a < b

a < b, b > 0, 0 < c < d ac < bd

a, b > 0. Dann ist a < b a 2 < b 2 .

0 aa > 0, insbesondere: 1 = 1 · 1 > 0 und daher (1) < 0.

> 0 a > 1 b und

1

b

a > 1

Beweis.

(a)

(b)

(c)

(d)

Fall 1: a > 0. Dann

Fall 2: a > 0. Dann ist wegen (O3): (a)(a) > 0. Nun ist (a)(a) 1.9(b)

(aa) 1.9(c) = aa, also aa > 0.

b a > 0, c > 0 (O3)

folgt aus (O3): aa > 0

1.9b

=

(b a)(c) > 0 ⇐⇒ − bc + ac > 0 ⇐⇒ ac > bc .

(a(a)) (M4),1.9(b)

=

W¨are a 1 = 0, so w ¨are 1 = aa 1 = a · 0 1.9a = 0 im Widerspruch zu (M2): 1 = 0.

W¨are a 1 > 0, so w ¨are 1 = a(a 1 ) O3 > 0 im Widerspruch zu (a). Bleibt nur a 1 > 0 !

Nach (c) ist a 1 > 0, b 1 > 0. Aus b a > 0 folgt (b a)a 1 > 0 (wegen (O3)) bzw.

b

a 1 > 0. Weitere Anwendung von (O3) liefert

b

a 1 b 1 > 0 ⇐⇒

1

a 1

b > 0.

(e)

(f)

(O3)

b a > 0 =bc ac > 0

b > 0 =bd bc > 0

(1) Ist a < b,

so ist nach (e) a 2 < b 2 .

(2) Ist a = b,

so ist

a 2 = b 2 .

(3) Ist a > b,

so ist

a 2 > b 2 nach (e).

Es folgt die Behauptung.

(O2)

=bd ac > 0

1.11

(1)

(2)

Beispiel zum Supremum. Die Menge { 1+x : x R , x > 0} hat das Supremum 1, weil

x

x

1+x 1 f ur¨ alle x > 0;

f ur¨ jedes ε > 0 gilt

x

1 + x > 1 ε falls x

> 1 ε

ε

(nachrechnen!) ,

6

also z.B. falls x = 1 ε + 1 (nach 1.10(c) und (O2)). Beachte: 1 ist kein Maximum, weil f ur¨ alle x > 0.

ε

x

1+x < 1

1.12 Definition. F ur¨ a R definiert man |a| ( Betrag von a“, a Betrag“)

1.13 Satz.

|a| =

a

a

,

,

wenn

wenn

Seien a, b, ε R , ε > 0. Dann gilt

a 0 a < 0

.

(a)

|a| ≥ 0.

(b)

|a| = 0 a = 0.

(c)

|a| < ε ⇔ − ε < a und a < ε. Schreibe: ε < a < ε.

(d)

|a + b| ≤ |a| + |b|.

(e)

|ab| = |a||b|.

Beweis. Klar.

1.14 N, N 0 , Z, Q als Teilmengen von R . Wir finden die konkret bekannte Menge N nun

auch wieder in der abstrakten Menge R , indem wir n N mit 1 +

identifizieren. Damit haben wir auch N ∪ {0} = N ∪ {0}; ebenso Z als N 0 ∪ {− n : n N } und

Q = {p/q : p Z , q N } (mit der ublichen¨ Identifikation von Br uchen).¨

+ 1 R (n mal)

Das Prinzip der vollst¨andigen Induktion

1.15 Satz. (Vollst ¨andige Induktion) Fur¨ jedes n N sei A(n ) eine Aussage. Um die Aus-

sagen A(n ) fur¨ alle n N zu beweisen, genugt¨

es, folgendes zu zeigen:

(1)

A(1) ist richtig (Induktionsanfang).

(2)

Fur¨ jedes n 1 gilt: Ist A(n ) richtig, so ist auch A(n + 1) richtig (Induktionsschritt).

Beweis. –

Viele Beispiele folgen noch.

1.16 Quantoren.

Wir benutzen folgende Abk urzungen¨

f ur¨ alle“

es existiert mindestens ein

.“

!

es existiert genau ein

.“

1.17 Schreibweise f ur¨ Summen, Produkte, Fakult ¨aten. Es seien m, n Z , m n . F ur¨

jedes k Z mit m k n sei a k eine reelle Zahl. Setze

n

k=m

n

k=m

a k := a m + a m+1 +

a k := a m · a m+1 ·

7

+ a n ;

· a n .

(:= heißt: Wir definieren die Seite mit dem Doppelpunkt durch die andere.) Fur¨ m > n setze n k=m a k := 0, k=m n a k := 1 (leere Summe, leeres Produkt).

Fakult¨at: Fur¨ n N 0 setze

n ! :=

Insbesondere ist 0!

=

n

k

k=1

1

(ausf uhrlich¨

=

1 · 2

·

.

.

.

·

n )

Binomialkoeffizient: F ur¨ k, n N 0 , n k sei

Nutzliche¨

n

k

:=

n

!

k !(n k )! .

Identit ¨at ( Pascalsches Dreieck“): F ur¨ 1 k n :

k 1 + n k

n

= n + 1

k

.

(1)

1.18 Definition. Es sei n N , a R - Wir setzen a n = n k=1 a; ferner a 0 = 1. Fur¨ a = 0 setze

a n = n

k=1 a 1 .

1.19

(a)

(b)

Satz. Es seien a, b R. Dann gilt:

a m a n = a m+n fur¨ alle m, n N 0 .

a m a n = a m+n fur¨

alle m, n Z, falls a

= 0.

Beweis. Alles mit Hilfe der vollst ¨andigen Induktion.

Weitere Aussagen, die sich leicht mit vollst ¨andiger Induktion beweisen lassen

1.20 Satz. Fur¨ n N ist

n

k=1

k =

n (n + 1)

2

.

bzw., dass

1 = 1, also richtig. Stimmt sie f ur¨ ein n , so schließen wir folgendermaßen, dass sie auch f ur¨ n + 1

Beweis. Mit vollst ¨andiger Induktion: F ur¨ n = 1 ist die Aussage, dass

1

k=1 k =

1· 2

2

gilt:

n+1

k=1

k =

n

k=1

k + (n + 1) = n (n + 1) + (n + 1)

2

= n 2 + n + 2n + 2 = (n + 1)(n + 2)

2

2

.

1.21 Satz. Binomischer Lehrsatz“: Fur¨ a, b R und n N ist

Insbesondere: n

k=0 n k

(a + b) n =

n

k=0 n

k

a k b n k

= (1 + 1) n = 2 n und n k=0 (1) k n = (1 + 1) n = 0.

k

8

Beweis.

1.22 Satz. Fur¨ a R, a = 1 ist

n

k=0

a k = 1 a n+1

1 a

endliche geometrische Reihe“.

Beweis. Es ist

(1 a)(

n

k=0

a k ) =

=

n

k=0

n

k=0

a k (

n

k=0

n

a k )a

a k

k=0

a k+1 =

= 1 a n+1 .

n

k=0

a k

n+1

a

k=1

Fur¨ a = 1 folgt bei Division durch 1 a die

Behauptung.

k

1.23 Satz. Bernoullische Ungleichung“. Fur¨ a R, a ≥ − 1 und n N 0 ist

(1 + a) n 1 + na.

Beweis. Mit vollst ¨andiger Induktion. Induktionsanfang: F ur¨ n = 0 ist die Behauptung 1 1 richtig. Induktionschritt: Es gelte (1 + a) n 1 + na. Multiplikation mit (1 + a) (Null) liefert

(1 + a) n+1 (1 + na)(1 + a) = 1 + (n + 1)a + na 2 1 + (n + 1)a,

1.24 Intervalle. Seien a, b R . Wir setzen:

 

[a, b]

=

{x R : a x b}

]a, b]

=

{x R : a < x b}

[a, b[

=

{x R : a x < b}

]a, b[

=

{x R : a < x < b}

[a, [

=

{x R : x a}

]a, [ =

{x R : x > a}

]

, a]

=

{x R : x a}

] − ∞, a[ = {x R : x < a}

da na 2 0.

1.25 Satz. Es gibt keine rationale Zahl mit Quadrat 2.

Bruch (d.h. p Z , q N sind teilerfremd) mit p 2 /q 2 = 2.

Dann ist p 2 = 2q 2 . Dann ist p 2 gerade, also p gerade, denn Quadrate ungerader Zahlen sind ungerade. Es folgt: p 2 ist durch 4 teilbar q 2 = p 2 /2 ist durch 2 teilbar q gerade – im

Beweis. Sei p/q Q ein gek urzter¨

Widerspruch zur Annahme, dass

p, q teilerfremd sind.

1.26 Lemma. Seien a, b R. Gilt fur¨ jedes ε > 0, dass a < b + ε ist, so ist a b.

9

Beweis. W ¨are a > b, so ergibt sich f ur¨ ε = a b ein Widerspruch:

a < b + ε = b + (a b) = a.

1.27 Satz. Existenz der Quadratwurzel. Es sei a R + = ]0, [. Dann existiert ein x R +

mit x 2 = a.

Schreibe x = a oder x = a 1/2 .

Beweis. Die Menge M = {r ]0, [ : r 2 a} ist nichtleer: Ist a < 1, so ist a 2 a, also a M ; ist a 1, so ist 1 2 = 1 a, also 1 M .

Sie

Sie hat also ein Supremum, x. Wir zeigen, dass x 2 = a ist.

1. Schritt: Wir zeigen, dass x 2 < a + ε f ur¨ jedes ε > 0. Sei ε > 0 vorgelegt. Zu jedem 0 < δ 1

existiert nach der Definition des Supremums ein r M mit r > x δ . Also ist

ist ferner beschr ¨ankt, denn f ur¨ C > 1 + a

ist C 2 > (1 + a) 2 = 1 + 2a + a 2 > a.

x 2 < (r + δ ) 2 = r 2 + 2δr + δ 2 = r 2 + δ (2r

+ δ ).

(1)

Wir sch ¨atzen diesen Ausdruck nach oben ab. Zun ¨achst ist δ 1. Wir unterscheiden nun zwei F¨alle: Ist r 1, so ist δ (2r + δ ) δ (1 + 2) = 3δ. Ist r > 1, so ist r r 2 = a, also δ (2r + δ ) δ (2a + 1). In jedem Fall ist

x 2 < a + mit C = max {3, 2a + 1}.

W¨ahlen wir also δ < min 1, C , so ist

ε

x 2 < a + Cδ < a + ε.

2. Schritt: Zeige, dass x 2 a. Angenommen: x 2 < a. Setze ε = a x 2 . Wie in Schritt 1

(Gleichung (1) jetzt mit x in der Rolle von r ) sieht man, dass

(x + δ ) 2 < x 2 + ε = a,

falls δ hinreichend klein ist. Also ist x + δ M , und x ist nicht das Supremum. Widerspruch.

1.28

Bemerkung. Mit etwas mehr Arbeit kann man genauso die Existenz der n -ten Wurzel

a 1/n bzw. a aus jeder positiven reellen Zahl a zeigen.

n

1.29 Folgerungen.

(a)

R ist (bedeutend) gr ¨oßer als Q . In Q gilt das Supremumsaxiom nicht (sonst k ¨onnten wir schließen wie oben).

Fur¨

(b)

rationales r = p mit p Z , q N und a R + k ¨onnen wir

q

a r = (a p ) 1/q

definieren. Es gilt a r = (a 1/q ) p und a r a s = a r+s mit r, s Q .

Beweis. (b) Durch vollst ¨andige Induktion.

10

2

Komplexe Zahlen

2.1 Definition. Die Menge R × R bildet einen K ¨orper, sofern man Addition und Multiplikation

wie folgt definiert:

Addition

(x 1 ,y 1 ) + (x 2 ,y 2 ) = (x 1 + x 2 ,y 1 + y 2 );

Multiplikation

(x , y 1 ) · (x 2 ,y 2 ) = (x 1 x 2 y 1 y 2 ,x 1 y 2 + x 2 y 1 )

Das Nullelement ist (0, 0), das Einselement ist (1, 0) (nachrechnen!).

Additives Inverses: (x,y ) = (x, y ), multiplikatives: (x,y ) 1 =

x 2 + y 2 , x 2 + y 2 .

x

y

Dieser K ¨orper heißt der K ¨orper der komplexen Zahlen und wird mit C bezeichnet. Aus den obigen Regeln ergibt sich, dass

(x 1 , 0) + (x 2 , 0) = (x 1 +

x 2 , 0)

(x 1 , 0) · (x 2 , 0) = (x 1 x 2 , 0)

Wir k ¨onnen also R als Teilmenge von C auffassen, indem wir x R mit (x, 0) C identifizieren. Die Schreibweise mit zwei Komponenten ist unpraktisch und w ird nicht benutzt. Man schreibt

x

+ iy

statt (x,y ),

x,y R.

Mit dieser Identifikation entspricht also i dem Tupel (0, 1). Unter Ber ucksichtigung¨ i 2 = 1 kann man mit komplexen Zahlen dann wie mit reellen rechnen

(2 + 3i)(4 2i) = 8 + 12i 4i 6i 2 = (8 6) + (12 6)i

= 2 + 6i.

der Regel

Achtung: C ist kein angeordneter K ¨orper (i 2 = 1 im Gegensatz zu 1.10(a))!

2.2 Definition. Sei z = x + iy C . Dann heißt x Realteil von z und y Imagin ¨arteil von z .

Schreibe x = Re z,y = Im z . Die Zahl z = x iy nennt man das Konjugiert-Komplexe von z .

Die Zahl |z | = x 2 + y 2 [0, [ heißt Betrag von z .

2.3 Satz. Fur¨ z,z 1 ,z 2 C gilt:

(a)

(b)

(c)

(d)

(e)

z 1 + z 2 = z 1 + z 2 .

z 1 · z 2 = z 1 · z 2 .

(z ) 1 = z 1 .

z = z.

Re z = 1 2 (z + z ), Im z = 2i (z z ).

1

Beweis.

(a) Sei z 1 = x 1 + iy 1 ,z 2 = x 2 + iy 2 . Dann

ist

z 1 + z 2 = x 1 iy 1 + x 2 iy 2 = (x 1 + x 2 ) i(y 1 + y 2 ) = z 1 + z 2 .

11

(b)

(c)

(d)

(e)

analog zu (a).

z · z 1 (b) = z · z 1 = 1 = 1. Die Multiplikation mit (z ) 1 liefert die Behauptung.

Schreibe z = x + iy . Dann ist z = x iy und z = x + iy = z .

Schreibe z = x + iy . Dann ist

1

2 (z + z ) =

1

2 (x + iy + x iy ) = x und

2i (x + iy x + iy ) = 2i (2iy ) = y .

1

1

1

2i (z z ) =

2.4 Satz. Seien z,z 1 ,z 2 C. Dann gilt

(a)

|z | ≥ 0.

(b)

|z | = 0 z = 0.

(c)

|z | = |z |, |z | 2 = zz.

(d)

|z 1 z 2 | = |z 1 ||z 2 |.

(e)

|z 1 + z 2 | ≤ |z 1 | + |z 2 |.

(f)

|z 1 + z 2 | ≥ ||z 1 | − |z 2 ||.

Beweis. (a) und (b) sind klar.

(c)

Schreibe z = x + iy . Dann ist z = x iy zz = x 2 + y 2 = |z | 2 ⇒ |z | = x 2 + y 2 = |z |.

(d)

Schreibe z 1 = x 1 + iy 1 ,z 2 = x 2 + iy 2

|z 1 z 2 | 2 =

(x 1 x 2 y 1 y 2 ) 2 + (x 1 y 2 + x 2 y 1 ) 2

x 2

x

=

= |z 1 | 2 |z 2 | 2

= (|z 1 ||z 2 |) 2 .

=

1

2 2x 1 x 2 y 1 y 2 + y y

1

(x 2 + y )(x 2

1

2

1

2 + y )

2

2

2

2

2

2

+

x 2 y

1

2

2

Aus 1.10(g) folgt, dass |z 1 z 2 | = |z 1 ||z 2 |.

+ 2x 1 x 2 y 1 y 2 + x 2

2

y

2

1

 

¨

(e)

Ubung.

(f)

Setze w 1 = z 1 + z 2 ,w 2 = z 2 . Dann liefert (e)

|w 1 + w 2 | ≤ |w 1 | + |w 2 |,

also

|z 1 | ≤ |z 1 + z 2 | + |z 2 |,

bzw .

|z 1 | − |z 2 | ≤ |z 1 + z 2 |.

Mit w 2 = z 1 h ¨atten wir stattdessen

|z 2 | − |z 1 | ≤ |z 1 + z 2 |

erhalten. Da f ur¨ eine reelle Zahl a gilt: |a| = a oder |a| = a, folgt die Behauptung.

12

3

Folgen

3.1 Definition.

(a) Eine Folge reeller bzw. komplexer Zahlen ist eine Vorsch rift, die jedem k N eine reelle

bzw. komplexe Zahl a k

zuordnet. Eine Folge schreibt man meist (a 1 , a 2 ,

) oder (a k )

k=1

 

oder

kurz (a k ).

(b)

Sind

n 1 < n 2 <

n 3 <

Elemente von N , so heißt (a n 1 , a n 2 ,

) Teilfolge von (a k ).

(c)

(d)

Es sei (a k ) eine Folge in R oder C und a R bzw. C . Wir sagen

(a k )

konvergiert gegen a oder (a k ) ist konvergent mit Grenzwert a

falls zu jedem ε > 0 ein n 0 N existiert mit

|a k a| < ε f ur¨ alle k n 0 .

Wir schreiben lim a k = a oder a k k a und nennen a den Grenzwert. Eine Folge, die keinen Grenzwert hat, heißt divergent.

Eine Folge heißt Cauchy-Folge, falls gilt: Zu jedem ε > 0 existiert ein n 0 N mit

|a k a l | < ε f ur¨ alle k, l n 0 .

Die Existenz eines Grenzwerts wird hier nicht gefordert.

3.2 Beispiele.

(a)

(b)

Die Folge k konvergiert in R gegen 0.

Die Folge (i k ) k in C ist divergent.

1

Beweis. (a) Es sei ε > 0 vorgelegt. Wir m ussen¨

Dazu w ¨ahle

n 0 N mit n 0 > 1. 1

ein n 0 finden mit |1/k 0| < ε f ur¨ alle k n 0 .

Dann gilt f ur¨ k n 0 :

1

| k | =

1

k n 1 0 < ε f ur¨ alle k n 0 .

(b) G¨abe es einen Grenzwert z in C , so g ¨abe es zu ε = 1/4 ein n 0 mit

und somit

1

|i k z | ≤ 4 f ur¨ k n 0

|i k i l | = |i k z + z i l | ≤ |i k z | + |i l z | ≤

1

2 f ur¨ k, l n 0 .

Da jedoch i 4k = 1 ist und i 4k+2 = 1 f ur¨ beliebiges k N , ist