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Wissenschaftlich Würfeln? Campus Essen Fachbereich Bildungswissenschaften Professur für Klinische Psychologie Dr. Ulrich

Wissenschaftlich Würfeln?

Campus Essen

Fachbereich Bildungswissenschaften Professur für Klinische Psychologie

Dr. Ulrich Kobbé

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Gebäude

Universitätsstr. 12, Raum R11 T03 C32

Datum

im August 2006

Prognosefalle – Prognosefälle

Prognose : Sicherheit im interdisziplinären Konsil

Vorarbeit zum forensisch-psychoanalytischen Lehrforschungsprojekt ›Subjekt im Nes- soshemd – Zur Klinik des forensischen Subjekts im institutionellen Diskurs‹ 2005-2007

Paradigma ›Prognoseberatung‹

Generell wird zwar das oben in Teil- aspekten untersuchte diagnostische Vor- gehen für prognostische Urteilsbildungen unmittelbar relevant, doch bedarf es für ei- ne mehrdimensionale Beurteilung nicht nur differenzierter Instrumente, sondern auch eines entsprechenden Settings: Als metho- disch weiter problematisch muss die Praxis des Maßregelvollzugs bewertet werden, Pro- gnosestellungen nach wie vor von den inte- ressierten Behandlern selbst vornehmen zu lassen. Während zumindest die Sozialthe- rapeutischen Anstalten häufig den Stan- dard einer internen Begutachtung ›über Kreuz‹ etabliert haben, wobei mit den Kli- enten nicht befasste Kollegen der Nach- barabteilung oder -station die Prognose- stellung vornehmen, ist der Interessenkon- flikt von Behandler und Prognostiker in den forensisch-psychiatrischen Kliniken weiter- hin. Eine Ausnahme stellt diesbezüglich das Modell einer Prognoseberatenden Fach- gruppe (Kobbé 1997) dar. Diese hat 1994 das Westf. Zentrum für Forensische Psy- chiatrie Lippstadt nach einem schweren De- liktrückfall während einer Lockerung als prognostische Zweitsicht durch eine in die Therapie des Patienten nicht involvierte in- terdisziplinäre Gruppe entwickelt und sys- tematisch umgesetzt. Aufgabe der Progno-

seberatenden Fachgruppe ist, in jedem Ein- zelfall anhand von Unterlagen eine erneute Kriterienprüfung im Sinne einer distanzier- teren Zweitsicht vorzunehmen, offene Fra- gen zu benennen respektive zu klären und eine entsprechende Empfehlung hinsicht- lich Genehmigung / Modifizierung / Ableh- nung der beantragten Lockerung auszuar- beiten. In der Wahrnehmung ihrer prognos- tischen Beratungsaufgaben haben die Mit- glieder der Fachgruppe keine Entscheidungs- und Weisungskompetenz. Ihrer Prognose- stellung kommt in der institutionellen Ent- scheidungsstruktur eine Kontroll-, Korrek- tur- und Beratungsfunktion zu: Die Mitglie- der der Fachgruppe sind somit zur unab- hängigen Urteilsbildung unter ausschließ- lich fach- und praxisbezogenen gefährlich- keitsprognostischen Gesichtspunkten ver- pflichtet.

Empirische Untersuchung der Prognosepraxis 1994-1996

Eine erste empirische Untersuchung dieser institutionellen prognostischen Bera- tungs- und lockerungsbezogenen Entschei- dungspraxis als Gesamterhebung über 14 Monate ergab bei der Analyse von n = 818

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beratenen der insgesamt n = 845 beantrag- ten Fälle dass die begleiteten Ausgänge (n = 518) mit insgesamt 63,4 % die defensive An- tragspraxis charakterisierten, dass die Lockerungsempfehlungen bei unbegleiteten Ausgängen (21, % der Fäl- le) zu 30,5 % abratend und zu 46,3 % lo- ckerungsmodifizierend waren, dass weitere 34,1 % der Modifikationsvor- schläge beantragte Beurlaubungen (15,1 % der Fälle) betrafen (Kobbé 1997, 96-97, Tab. 1).

Für den Zusammenhang von Locke- rungsempfehlung und -entscheidung ließ sich bestätigen, dass in 96,5 % der befürwortenden Empfeh- lungen diese Lockerung auch genehmigt, in 75,6 % der vorgeschlagenen Modifika- tionen Lockerungen nur mit (diesen) Än- derungen genehmigt wurde und in 80,9 % der abratenden Empfehlungen eine entsprechende ablehnende Locke- rungsentscheidung erfolgte (Kobbé 1997, 97, 98, Tab. 2).

Insgesamt wurde für diese Praxis festgestellt, diese sei durch eine dialekti- sche Problematik logischer Überstrukturie- rung zur Herstellung ausreichender Urteils- distanz geprägt und zugleich von perso- nenabhängigen Konzept- und Sprachstruk- turen geprägt. Die Ergebnisse dieser Feld- forschung ermöglichten Angaben über die institutionellen Routinen und Bedingungen, unter denen im Kontext »taktischer Pla- nung eingreifenden Handelns« der inter- subjektive Diskurs als »Hinaus-Kommuni- zieren« verschiedenster Kognitionstypen so erfolgen konnte, dass dieser subjektbe- zogen, inhaltlich differenziert, institutions- kritisch, ergebnisorientiert, verantwortungs- bewusst, zeitökonomisch und praktikabel blieb.

Weiter war der Frage nachzugehen, ob die Kritik Pollähnes (1990, 54), der Be- urteilungsbogen entfalte »nicht einmal ein Korrektiv-Wirkung«, sondern habe gegebe- nenfalls »im wesentlichen dokumentarischen und legitimatorischen Charakter«, da »die eigentliche Lockerungsentscheidung […] in der Regel schon gefallen [sei], bevor der Beurteilungsbogen ausgefüllt wird«, nach wie vor zutreffend war. Dass von der unter- suchten Gesamtstichprobe in 12,6 % der Fäl- le keine Zustimmung und in weiteren 5,9 % der Fälle eine Lockerung nur mit Modifika- tionen erfolgte, konnte als Bestätigung ei- ner nunmehr differenzierteren und kritische-

ren Prognose- und Entscheidungspraxis in- terpretiert werden (Kobbé 1997, 98-99).

Einschränkend muss für diese Pra- xis der Prognoseberatung darauf hingewie- sen werden, dass hier nur die von Seiten der Behandler beantragten Lockerungen ge- prüft und perspektivisch beraten wurden. Dem gegenüber wäre im Sinne einer tat- sächlich innovativen Korrektur zu fordern, auch die von den Behandlern nicht für ver- antwortbar gehaltenen Fälle zu beraten, ob nicht konkrete Patienten im Sinne einer ›o- verprediction‹ zu Unrecht als ›gefährlich‹ beurteilt werden. Denn nur durch eine um- fassende Prognoseberatung auch dieser Fälle ließe sich die unbekannte Anzahl zu Unrecht für gefährlich gehaltener – so ge- nannter ›falsch-negativer‹ – Prognosen re- duzieren und eine effektive Beratung durch Qualifizierung diskursiver Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse wie diagnostisch- prognostischer Standards verwirklichen.

›overprediction‹

Damit wird allerdings ein entschei- dendes Problem der Gefährlichkeitsprogno- se offensichtlich, nämlich die definitiv nicht klärbare Frage, ob ein unter Umständen zu optimisti- sches Antragsverhalten vorliegt, das durch ein Wissen um die nachfolgende Progno- seberatung mitbedingt wird, oder ob und in wie weit es sich um einen ge- gebenenfalls zu defensiv-übervorsichtigen Prognosestil, um eine sozialtechnologisch- überinterpretative Strategie der ›overpre- diction‹ handelt.

Diese Fragestellung berührt einen nur selten diskutierten Skandal prognosti- schen Irrtums, den der so genannten ›falsch Positiven‹. Dieser Terminus technicus be- zieht sich auf einen der beiden Fehlerarten der Prognose:

›negativ‹ gibt an, dass die konkreten Sub- jekte das Merkmal ›Gefährlichkeit‹ nicht aufweisen,

›positiv‹ bedeutet, dass sie – ob manifest oder nicht – in Freiheit ›gefährlich‹ sind.

Will man sich das Ausmaß dieser im Sinne kommunizierender Röhren inter- dependenten Größen vergegenwärtigen und geht man davon aus, dass die Basisrate der Deliktbelastung der Bevölkerung im Sinne eines Rechenexempels bei fiktiven

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1 % liegt und der Prognostiker mit unrealis- tisch hoher, 95-prozentiger Treffsicherheit vorhersagefähig ist, dann ergibt sich für 100.000 Fälle folgende Matrix:

   

Prognose

 
   

›positiv‹

›negativ‹

n

Rea-

›wahr‹

95

94.905

95.000

lität

›falsch‹

4.995

5

5.000

n

5.090

94.910

100.000

Tab. 1:Gefährlichkeitsprognostische Modellrechnung: Ver- teilung von ›wahren‹ und ›falschen‹ Positiven analog Vol- ckart (1999, 164-166)

In der Konsequenz bedeutet dies, dass zwar 95 potentielle Täter richtig identi- fiziert, 5 weitere Täter allerdings nicht ent- deckt und straffällig sein werden. Weiterhin werden 94.905 Personen richtig als ›unge- fährlich‹ klassifiziert (›wahr-negativ‹), dem

gegenüber 4.995 Personen aber unrichti- gerweise (›falsch-positiv‹) für ›gefährlich‹ gehalten und zu Unrecht im Verschiebt sich nun aber das soziale Ordnungs- und Macht- gefüge in Richtung einer Sicherungsideo- logie, so muss die Anzahl der dem Progno- sefehler und der damit verbundenen »Kom- petenzlücke« (Becker-Toussaint 1984, 54) der Prognostiker zum Opfer fallenden Per- sonen noch weiter steigen, was Volckart (1999, 167) in folgender Feststellung eben- so lapidar wie selbstkritisch wie folgt kons- tatiert:

»Da die Strafrechtspflege die falschen Posi- tiven durch prognostischen Freiheitsentzug selbst erzeugt, liegt es nahe, entsprechend § 63 StGB zu formulieren: ›Auch Maßregelvollstreckung ist für die Allgemeinheit gefährlich‹.«

Prognoseberatende Fachgruppe Verteilung der Lockerungsempfehlungen und –entscheidungen 1994-1998

 

1:1

1:1

Gruppe

Gruppe

Einzel

Einzel

Beur-

andere

innerh

außerh

innerh

außerh

innerh

außerh

laubung

Empfehlung

245

181

127

174

95

110

139

10

1.081

befürwortend

70,8

68,3

80,9

80,2

61,3

57,6

58,9

43,5

68,0

Empfehlung

7

7

3

3

10

15

23

4

72

Modifikation

2,0

2,6

1,9

1,4

6,5

7,9

9,7

17,4

4,5

Empfehlung

67

52

19

27

38

50

43

4

300

abratend

19,4

19,6

12,1

12,4

24,5

26,2

18,2

17,4

18,9

keine

27

25

8

13

12

16

31

5

137

Empfehlung

7,8

9,4

5,1

6,0

7,7

8,4

13,1

21,7

8,6

Entscheidung

257

199

133

184

107

127

169

15

1.191

positiv

74,3

75,1

84,7

84,4

69,0

66,5

71,6

65,2

74,9

Entscheidung

23

14

9

9

16

21

30

4

126

Modifikation

6,6

5,3

5,7

4,1

10,3

11,0

12,7

17,4

7,9

Entscheidung

65

52

14

22

30

41

34

4

262

negativ

18,8

19,6

8,9

10,1

19,4

21,5

14,4

17,4

16,5

keine

1

0

1

2

2

2

3

0

11

Entscheidung

0,3

0,0

0,6

0,9

1,3

1,0

1,3

0,0

0,7

 

346

265

157

217

155

191

236

23

1.590

Tab. 2: Statistik der Prognoseberatungen und Lockerungsentscheidungen 1994-1998

Empirische Untersuchung der Prognosepraxis 1996-1998

Diese ebenso aufschlussreiche wie ungewöhnliche empirische Beforschung der institutionellen Alltagspraxis einer fo- rensisch-psychiatrischen Klinik ließ sich

zu einem späteren Zeitpunkt dahinge-

hend vervollständigen, dass für eine quali- tätssichernde Selbstbeforschung 1998 ei-

der progno-

ne zweite Gesamterhebung

1

1 Für die Unterstützung bei der Datenerhebung danke ich Werner Stuckmann, heute Klinik Nette-Gut für Fo- rensische Psychiatrie, Weißenthurm, an der Rhein- Mosel-Fachklinik Andernach.

4/7

1996-199

1994-199

1996-19

1994-19

1996-19

1994-19

1996-19

1994-19

1994-19

1996-

andere

andere

Einzelausgang

1:1-Ausgang

1:1-Ausgang

Beurlaubung

Beurlaubung

Grp-Ausgang

Grp-Ausgang

Einelausgang

seberatungs- und entscheidungsbezoge- nen Daten erfolgte. Dieser Datenbestand umfasst nunmehr den Zeitraum von De- Im Ergebnis resultierte folgende de- skriptiv-statistische Datenmatrix, die eine ver- gleichende Analyse von zwei Untersuchungs- zeiträumen 1994 – 1996 (14 Monate) mit n = 818 Fällen und 1996 – 1998 (34 Monate) mit n = 680 Fällen gestattet (Tab. 2).

Der Vergleich beider Untersuchungs- zeiträume (Diagr. 1) macht deutlich, dass hinsichtlich der Verteilung der Lockerungs- anträge auf die einzelnen Lockerungsstu- fen (1:1-Ausgang, Gruppenausgang, Ein- zelausgang, Beurlaubung) über die Zeit hin- weg keine signifikanten Veränderungen statt- gefunden haben.

zember 1994 bis November 1998 (48 Monate) mit insgesamt n = 1.590 Fällen. 100% 80%
zember 1994 bis November 1998 (48
Monate) mit insgesamt n = 1.590 Fällen.
100%
80%
60%
40%
20%
0%
1994-1996
1996-1998

Diagr. 1: Lockerungsanträge 1994/96 versus 1996/98

100

80

60

40

20

0

keine
keine

befürwortend

modifizierend

abratend

Untersucht man hingegen das Be- ratungsverhalten der Prognoseberatenden Fachgruppe, so lässt sich feststellen, dass im zweiten Untersuchungszeitraum gene- rell weniger befürwortende Empfehlungen abgegeben wurden:

Der erhöhte Prozentsatz abratender Em- pfehlungen bei den 1:1-begleiteten Aus- gänge ist als restriktivere Haltung gegen- über dem Einstieg in Lockerungen über- haupt zu bewerten.

Diagr. 2: Prognostische Empfehlungen 1994/96 versus 1996/98 (in %)

Der erhöhte Prozentsatz von Modifikati- onsvorschlägen und nicht getroffenen,

das heißt, noch nicht möglichen Empfeh- lungen bei Einzelausgängen und Beur- laubungen lässt auf eine defensivere Einstellung zur Einsetzung unbegleiteter Ausgangsformen schließen,

wohingegen der Wechsel von einmal ge- nehmigtem 1:1-Ausgang zu Gruppen- ausgang – analog zu früheren Untersu- chungsergebnissen (Kobbé 1996, 327- 338) – im Sinne einer ›Erweiterung‹ in-

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nerhalb derselben begleiteten Locke- rungsform als eher unproblematisch be-

trachtet zu werden scheint.

90 80 1996-1998 70 1994-1996 60 50 40 30 20 10 0 Lockerung Lockerung Lockerung
90
80
1996-1998
70
1994-1996
60
50
40
30
20
10
0
Lockerung
Lockerung
Lockerung
keine
genehmigt
modifiziert
abgelehnt
Entsch.
Diagr. 3: Lockerungsentscheidungen 1994/96 versus 1996/98 (in %)

Untersucht man hingegen die Ent- scheidungspraxis in beiden Zeiträumen, so lässt sich der vorgenannte Trend zu weniger direkten Lockerungsgenehmigun- gen und mehr Modifikationen beziehungs- weise Lockerungsversagungen bestätigen.

Dabei erweist sich das Verhältnis von prognoseberatender Empfehlung zu Lockerungsentscheidungen in den Jah- ren 1996-1998 als deutlich diskrepanter als im Zeitraum 1994-1996. Während das Verhältnis im ersten Untersuchungszeit- raum trotz der durchaus existierenden Abweichungen als eher einvernehmlich- ausgeglichen zu bewerten ist, findet sich im zweiten Zeitraum ein deutlich höherer Prozentsatz von Lockerungsgenehmigungen gegenüber der Empfehlung, ein ebenfall höherer Prozentsatz an vor- genommenen Modifikationen bei einge- setzten Lockerungen und reziprok eine deutlich geringere Ableh- nung von Lockerungen gegenüber dem Prozentsatz abratenden Empfehlungen.

Die manifeste Diskrepanz der Lo- ckerungsentscheidungen gegenüber den prognoseberatenden – und insbesondere den aufgrund unzulänglicher oder wider- sprüchlicher Informationen (zunächst) nicht verlässlich möglichen – Empfehlungen ver- anschaulicht nicht nur, dass die institutionellen Beratungs- und Entscheidungsebenen in ihren Funktio- nen unabhängig voneinander waren, sondern machen auch darauf aufmerk- sam,

dass die diskursiven Strukturen inner- halb der forensisch-psychiatrischen In- stitution entgegen sonst üblicher Klinik- strukturen sowohl im Sinne nicht-hierar- chischer kooperativer Leitungsstrukturen als auch grundlegender demokratisch- transparenter Entscheidungsprozesse or- ganisiert waren.

%

15 10 5 0 -5 -10 -15 -20 1996/98 1994/96 befürwortet : genehmigt modifiziert :
15
10
5
0
-5
-10
-15
-20
1996/98
1994/96
befürwortet :
genehmigt
modifiziert :
modifiziert
abgeraten :
abgelehnt
keine : keine

Diagr. 4: Verhältnis von Empfehlungen zu Locke- rungsentscheidungen 1994/96 versus 1996/98

Retrovalenz als Korrekturelement?

Wenn dem – dieser prognosebe- ratenden Praxis zugrunde liegenden – Beurteilungsbogen eine korrigierende

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Funktion zugeschrieben beziehungswei- se abverlangt wird, so lässt sich anhand der Dateninterpretation zunächst ablei- ten, dass nicht primär dieses Beurtei- lungsinstrument, sondern dass der insti- tutionell differenzierte Einsatz und mo- dellhaft-diskursstrategische Gebrauch die- ses Beurteilungsbogens diese Praxiswir- kung entfalten. Dennoch ließ sich auch für das dem Beurteilungsbogen inhärente Prognosemodell eine – wenn auch nach- trägliche – Verbesserung der Prognose- sicherheit bestätigen:

In ersten diskriminanzanalytischen Untersuchungen der Daten aus n = 202 Beurteilungsbögen ließ sich ein Rechen- modell für die Lockerungsformen 1 ›Ausgang mit Begleitung‹, 2 ›Ausgang ohne Begleitung‹ und 3 ›Beurlaubung‹ generieren, das trotz seines unverhält- nismäßig hohen Alpha-Fehlers falsch-po- sitiver Klassifizierungen geeignet war, die prinzipielle Prognoseunsicherheit durch Einbeziehung der Ergebnisse dieses Re- chenmodells zu verringern (Kobbé 1990, 13-14). Im vorliegenden Fall ergab dies modellhaft eine niedrigere Prozentsätze befürworteter Lockerungsanträge für be- gleitete Ausgänge (von 81,4 % auf 79,5 %) und Beurlaubungen (von 90,0 % auf 89,4 %), höhere Prozentsätze der befür- worteten Anträge für unbegleitete Aus- gänge (von 81,4 % auf 89,1 %).

89,4 Retrovalenz 79,5 89,1 90,0 81,4 Prävalenz 81,4 70 75 80 85 90
89,4
Retrovalenz
79,5
89,1
90,0
81,4
Prävalenz
81,4
70
75
80
85
90

Diagr. 5: Prä-/Retrovalenz der Befürwortungen (%)

Die durch die Summe beider Va- riablen (Prävalenz plus/minus Retrova- lenz) 2 experimentell erzielte paradoxe nachträgliche ›Optimierung‹ der Präva- lenz führte zu einer unerwarteten Wahr- scheinlichkeits›korrektur‹, die Praetorius (1990, 26) dahingehend kommentiert, dies sei zwar ein wissenschaftlich »un-

2 Die »Paradoxie ›retrospektiver Testwahrscheinlichkeit‹« be- zeichnet Praetorius (1990, 66) als »Retro-Valenz«.

angenehmer Gedanke«, doch könne die- ses Vorgehen durchaus »dabei helfen, die notwendigen Lücken unseres Vor- wissens nicht als individuelles Versagen, sondern als kreative Chance zu interpre- tieren«. Zusammenfassend weist dieses Ergebnis darauf hin, dass die durch den Beurteilungsbogen bewirkte Strukturierung nicht nur der erhobenen Daten, sondern auch des prognostisch-antizipatorischen Kognitionsstils eine – wenn auch anders als von Pollähne gefordert, fungierende – Korrekturwirkung zur Folge hat.

Zugleich aber wird anhand dieser methodischen Fragestellungen und of- fenbaren Relativität sorgfältiger Progno- sepraxen deutlich, dass derartigen Be- mühungen immer auch eine ›Unschärfe-

relation‹ eigen ist. Analog zur Heisenberg- schen Unschärferelation impliziert dies, dass man nicht gleichzeitig »hier sozia- len Ort, dort psychischen Raum oder

hier leibliche Befindlich-

keit, dort individuelle Geschichte oder Übertragungssituation« untersuchen, er- fassen und prognostisch auswerten kann. Das heißt, dass aus psychologischer – aber eben auch aus kritisch-forensischer – Sicht festgestellt werden muss, dass das zukünftige Verhalten von Menschen prin- zipiell nicht prognostiziert werden kann. Die oben en detail analysierten Progno- semethoden und -praxen erweisen sich daher als institutionalisierte, systemati- sche – und systemimmanente – Versu- che, die bedrohlichen Aspekte des Rea- len durch diskursstrategische Individuali- sierung und methodenfixierte Verwissen- schaftlichung rationalisierend zu verleug- nen.

Phantasie, [

]

»Das heißt auch, dass es keinen Deter- minismus gibt. Sollte das ein Mangel sein?« (Hoff- mann-Richter 1994, 108).

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Anmerkungen

(1) Dieser Übersichtsbeitrag beruht unter anderem auf einer Reihe eigener Veröffentlichungen und greift die- se teilweise wieder auf, ohne dass – sofern es sich nicht um Zitate handelt – die Literaturstelle jeweils ausgewiesen wird. Die bibliografischen Angaben der hier rezipierten, mit einem Asterix (*) versehenen Beiträge finden sich in der nachfolgenden Literaturliste.

Literatur

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Kobbé, Ulrich. 1990. Prognostix – ein blind würfelnder Seher, wissenschaftlich wahrsagender Druide im Maß- regelvollzug? Zur Entscheidungsmatrix bei Vollzugslockerungen. Vortragsmanuskript. 5. Forensische Herbsttagung. München: Maximilian-Universität, 26.-27.10.1990. Online-Publ.: http://www.scribd.com/doc/

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Dr. Ulrich Kobbé

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