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1.

Autökologie: Umweltbeziehungen des Einzelorganismus


2. Ökologie inter-organismischer Beziehungen
2.1 Populationsökologie (intraspezifische Beziehungen)
2.2 Synökologie (interspezifische Beziehungen)
 
2.1 Populationsökologie
2.1.1 Populationsbegriff
2.1.2 Struktur der Populationen
Geschlechterdifferenzierung, Altersaufbau,
Individuenverteilung im Raum
 2.1.2 Dynamik der Populationen
Abundanzschwankungen, Regulationsmechanismen (z. B.
durch Konkurrenz)
2.1.4 Metapopulationen
2.1.5 Arten
Zum Artbegriff; Entstehung, Veränderung und
Aussterben von Arten
2.6 „Populationen als Superorganismen“
2.7 Areale
Aussterben von Arten
 
- Warum um Aussterben von Arten besorgt,
kaum um Aussterben von Genen, Familien,
Lebensformen ...?
 
- Aussterben als natürlicher Vorgang
 
- Ausmaß des zivilisationsbedingten
Aussterbens
  
- Ursachen des zivilisationsbedingten
Warum Aussterben von Arten betont?
 
- Künstlichkeit anderer Gruppen
 
- Irrevesibilität, wenn Art ausstirbt
 
Sinnvoll bei Biospezies
(weil Individuum, nicht weil genetisch
einzigartig!)
 
Sinnvoll bei Abstammungslinien (auch
uniparentaler)
(alle Nachkommen eines Vorfahren)
 
Schätzung Aussterberaten:
 
 
Durchschnittliche Lebensdauer einer Art: 10 Mio.
Jahre
(Raup 1978)

 
pro Jahrhundert 100 – 1000 Arten ausgestorben
= 0,001 – 0,01 %
 
Zur Zeit Aussterberate für Vögel und Säuger (relativ
zuverlässig bekannt): 1 %
 
zivilisationsbedingte Aussterberate ist
100 bis 1000 mal höher als natürliche
 
aber: Massenaussterben gab es auch früher
Aussterben in geologischer Vergangenheit
 
Schätzung:
über 99 % der Arten, die je auf der Erde gelebt haben,
ausgestorben
 

 
Gleichgewicht zwischen Aussterben und Speziation?
Ungeklärt

Wenn schon Gleichgewicht: nicht als organisches


Gleichgewicht (Homöostase) verstehen!
Dessen Lage wird gegen Umweltveränderungen
aufrechterhalten
In unserem Fall wäre aber damit zu rechnen,
Massenextinktionen – Hintergrundaussterben
 

Hintergrundaussterben:
ständig etwa in gleichem Umfang
(wenn auch seit dem Kambrium allmählich abnehmend)

Vermutlich vorwiegend auf Anpassungsprobleme mit der


biotischen Umwelt zurückzuführen,
zumindest durch diese vermittelt
 
Massenextinktionen viel unabhängiger von biotischen
Faktoren:
Lebensgemeinschaften großer Gebiete verschwanden
häufig vollständig

 
folien
Massenaussterben im Phanerozoikum ca. fünf mal

In der Zeit davor (Känozoikum) sicher mehrere

Erstes gut datierbares: vor 900 Millionen Jahren

Ursache lag vermutlich in Evolution selbst:


Abb. 33: Aussterben mariner Organismen, die aufgrund ihres
Skeletts leicht fossilisieren. Die Pfeile 1-5 zeigen die
Massenaussterben. Nach Sepkoski 1982 aus Storch et al. 2001.
Tab. 8: Prozentsatz der Ausrottung mariner
Gattungen, geschätzter Prozentsatz der
Ausrottung von Gattungen, von Arten, und
Prozentsatz der Ausrottung von Familien nicht
mariner Wirbeltiere während der
Massenausrottungen im Phanerozoikum. Aus
Erwin 1995 nach Daten von verschiedenen
Nach Massenextinktionen war Artenzahl der
Erde jeweils für lange Zeit erheblich erniedrigt
Abb

 
 
Wiederanstieg der Artenzahl dauerte
Millionen von Jahren
 
Nach Massenaussterben am Ende des Perm 90
Millionen Jahre,
bis Artenzahl des Paläozoikums wieder erreicht
Ursachen von vier der fünf Massenextinktionen
wahrscheinlich vielfältig:

- globale Abkühlung mit Vergletscherungen


- chemische Veränderungen des Ozeanwassers
- Starke Vulkanausbrüche
- Sinken des Meeresspiegels
 
 
Größtes Massenaussterben (Ende Perm):

Ursachen vermutlich Vorgänge all dieser Art

Dazu: Entstehung von Pangäa:


Verminderung „biogeographischer Diversität“

Etwa 90 % der marinen Arten und etwa


Hälfte der terrestrischen Familien
ausgestorben

Kein plötzliches Ereignis:


zog sich über 2 – 3 Millionen Jahre hin
Letzte Großextinktion: Ende der Kreidezeit
(Dinosaurier-Ausrottung)
 
Vermutlich Einschlag von Meteoriten (oder eines
Kometen)
 
Müßte wirklich plötzliches Ereignis gewesen sein
 

Hinweise, daß alle 26 Millionen Jahre größere


Extinktionen:
periodische Meteoriteneinschläge
 
Hypothese:
Die meisten großen und viele kleinere
Extinktionen auf solche Einschläge
Aktuelles Massenaussterben

 
Extinktionsrate übersteigt die der
historischen Massenextinktionen um
Größenordnungen
(Ausnahme Meteoriteneinschlag)

 
Absolute Verluste könnten ähnliche Höhe
erreichen, wenn derzeitige Geschwindigkeit
noch einige Zeit anhält
(aber nicht wie Ende Perm:
nur gefährdete Arten sind gefährdet!)
 
Raup 1988
Phasen der aktuellen Massenausrottung
(„Aktuell“ erdgeschichtlich verstehen!)

1) Vielleicht mit Erfindung des Feuers

2) Gegen Ende der letzten Eiszeit starben zahlreiche


Großsäuger aus
(Nordamerika 37 Gattungen, Europa 13)

3) Die großen Landnutzungsänderungen seit dem


Neolithikum

4) Heutige, industriegesellschaftlich bedingte


Massenausrottung
Zu (1) Vielleicht mit Erfindung des
Feuers

Möglicherweise durch Zunahme von


Bränden
offene Vegetation (Savannen, Steppen)
Zu (2) Gegen Ende der letzten Eiszeit starben
zahlreiche
Großsäuger aus
(Nordamerika 37 Gattungen, Europa 13)
(gemessen an Gesamtartenzahl bedeutungslos,
ökologisch wichtig)

Durch Menschen ausgerottet?

Gegen klimatische Veränderungen als Ursache spricht:

- fast nur Großtiere betroffen; am Ende früherer


Eiszeiten
gab es solches Ausstreben nicht

-Massenextinktionen in verschiedenen Gebieten zu


verschiedenen Zeiten – korreliert mit Besiedlung
oder größeren technischen Neuerungen (Eurasien)

-Auch Aussterben von Großtieren auf Inseln


(z. B. Vögel auf pazifischen Inseln, Säuger wie
Ursachenkomplex der meisten Ausrottungen bis zum
Beginn des Industriezeitalters war vielleicht dem gegenüber
nichts Neues:
Jagd und (auf Inseln) Einschleppung anderer Arten

Denn:

Die großen Landnutzungsänderungen seit dem Neolithikum


(3)
haben Arten meist nur auf Teilareale zurückgedrängt,
weniger ausgerottet

(aber nicht sicher:


z. B. Ausrottung von Arten mit kleinem Areal durch
Landnutzungsänderungen)
Wiederholung 4.12.08
Biogeographie der Artbildung

Allopatrische, parapatrische, sympatrische Artbildung

Mit neodarwinistischer Theorie Meinung:


Artbildung (fast) nur allopatrisch möglich
Mechanismus: durch unterschiedliche Umweltbedingungen und
genetische Drift in getrennten Gebieten weitgehende Isolation
(unvermeidlicher Nebeneffekt)
Wiederbegegnung: Selektion auf präzygotische Isolation
vollständige reproduktive Trennung
Kontrastverstärkung
Peripatrische und Vikarianz-Speziation
Inselgruppen günstig für allopatrische Speziation (Pässe in
Tropen!)
Parapatrische Speziation über Hybridisierung; „adaptives Tal“
Sympatrische Speziation heute für möglich gehalten, relativ selten

Artveränderung; „punktualistische Evolutionstheorie“


Wiederholung 4.12.08
Aussterben
Warum Aussterben von Arten?
Aussterberaten; zivilisationsbedingte 100 bis 1000 mal höher als
natürliche
Hintergrundaussterben und Massenaussterben in Erdgeschichte
5 Massenaussterben im Phanerozoikum
Ursachen: globale Abkühlung mit Vergletscherungen, chemische
Veränderungen des Ozeanwassers, Starke Vulkanausbrüche,
Sinken des Meeresspiegels. – Meteoriten
Größtes Massenaussterben: Perm
90 % der marinen Arten; 90 Mio Jahre, bis alte Artenzahl wieder
erreicht

Phasen der aktuellen Massenausrottung

(„Aktuell“ erdgeschichtlich verstehen!)


1) Vielleicht mit Erfindung des Feuers
14)Gegen Ende der letzten Eiszeit starben zahlreiche Großsäuger aus
3) Große Landnutzungsänderungen seit Neolithikum
Zu (4) heutige, industriegesellschaftlich bedingte
Massenausrottung

Überblick:

- Wie viele Arten gibt es überhaupt?

-Ausmaß und Geschwindigkeit der Ausrottung

-Unterscheiden: nachgewiesenes und tatsächliches


Aussterben

-Unterscheiden: lokales Verschwinden von Populationen und


Art-Ausrottung

-Ursachen der Ausrottung


Überblick

Zu (4) heutige, industriegesellschaftlich bedingte


Massenausrottung

- Wie viele Arten gibt es


überhaupt?
- Ausmaß und Geschwindigkeit der Ausrottung

- Ursachen der Ausrottung


Wie viele Arten gibt es?

Bis ca. 1980 glaubte man, dass


Gesamtzahl der heute lebenden Arten ca. 2 Millionen

Vor allem Extrapolation ausgehend von bereits


beschriebenen Arten
(ca. 1,6 Millionen)
unter Zugrundelegung von Annahmen über Fortschritt
dieses Wissens 
Auf Basis von Beobachtungen in tropischen Regenwäldern
(in ihnen weit überwiegender Teil aller Arten):
Weit höhere Zahlen

Nur für einige Gruppen


ist davon auszugehen,
dass tatsächliche Zahl nur wenig über Zahl der heute
bekannten Arten
(vor allem Wirbeltiere, Farn- und Blütenpflanzen)
Methoden der neuen Schätzungen u. a.:

4) Proben im Amazonasgebiet verglichen mit Proben anderer


Orte dieses Gebiets:
nur sehr geringe Zahl gemeinsamer Arten
folie

Bei weit – Hunderte oder Tausende von Kilometern –


entfernten Aufnahmestellen nicht anders zu erwarten

Aber Zahl gemeinsamer Arten blieb gering,


wenn die Proben in unmittelbarer Nachbarschaft genommen
Abb. 28: Diese Diagramme zeigen den Anteil der jeweils
überlappend vorkommenden Käferarten in peruanischen und
brasilianischen Regenwaldgebieten in Prozent der gesamten
Käferfauna. Nach Erwin 1992.
2) Hochrechnungen ausgehend von Zahl der spezialisierten
Käferarten auf einem Baum,

von Kenntnissen über Artenzahlen der Bäume


folie

und
von Schätzungen über (meist sehr hohe) Wirtsspezifität
dieser Tiere

um 1980 erstmals Schätzungen von ca. 30 Millionen


Insektenarten auf der Erde
Tab. 6 Artenzahlen von Bäumen in einigen tropischen
Regenwäldern. Nach Prance 1995, verändert
Schätzungen gehen weit auseinander:

Zwischen 5 und 100 Millionen

die meisten liegen zwischen 5 und 15 Millionen


folie
Tab. 5: Artenzahlen der größeren Organismengruppen. Nach Daten
von Groombridge 1992 aus Prance 1995, verändert „neu“ zu
erwarten ist falsch !!
Unterschiede der Schätzungen durch:

-stark abweichende Auffassungen über geeignete


Schätz-Methoden
-verschiedene Artdefinitionen

Keinesfalls darf man die Angaben ohne


Weiteres auf Biospezies beziehen
auch wenn für einige Gruppen näherungsweise
möglich
(z. B. bei Säugern, nicht bei Pflanzen)
Überblick:

Zu (4) heutige, industriegesellschaftlich


bedingte Massenausrottung

- Wie viele Arten gibt es überhaupt?

-Ausmaß und Geschwindigkeit der


Ausrottung
-Unterscheiden: nachgewiesenes und tatsächliches
Aussterben

-Unterscheiden: lokales Verschwinden und Art-Ausrottung

-Ursachen der Ausrottung


Unterscheiden:

-Verringerung der Artendiversität von


Gebieten und Lebensgemeinschaften
durch lokales und regionales Aussterben von
Populationen

In Mitteleuropa sehr bedeutend

-völliges Aussterben von Arten

In Mitteleuropa ohne Bedeutung (wenn auch als


Beitrag)
Ausmaß der
Ausrottung

In alter BRD
In alter BRD
Wiesen/Weiden vermutlich
ähnlich,
Wald kaum Veränderung
Prozentsatz ausgestorbener (gefährdeter)
Arten
auf Gebiete bezogen:

im wesentlichen abhängig von


Gebietsgröße

folie
Überleben/Aussterben der lokalen Populationen vor
allem durch Eigenschaften auf Organismen-Ebene
bedingt
(z. B. Amplitude gegenüber Schadfaktoren)

aber auch durch Eigenschaften auf


Metapopulationsebene („Rettungseffekt“)

Überleben der Art hängt auch von Eigenschaften auf


Artebene ab, insbesondere geographischer
Verbreitung
Eine Ausrottungsursache kann eine Art nur dann
ausrotten, wenn sie im ganzen Verbreitungsgebiet
wirkt
Kann man darum sagen:

Aussterberisiko hängt von


Seltenheit ab?

„Seltenheit” kein eindeutiger


Begriff
Vollständiges Aussterben
von Arten

Unterscheiden:

- Nachgewiesenes
Aussterben
Aktuelles Massenaussterben

 
Etwa 500 Tiere und 500 Pflanzen nachgewiesenermaßen
ausgestorben

Ursachen: überwiegend Einschleppungen/Einführungen

Die meisten nachgewiesenen Ausrottungen von


Arten bisher auf ozeanischen Inseln (meist Vögel)

 
Wirkliches Aussterben mit Sicherheit um
Größenordnungen höher als nachgewiesenes:

im tropischen Regenwald ausgerottete Arten

Verbreitungsgebiete eng begrenzt,


vor allem bei kleinen und spezialisierten Formen

Jährlicher Verlust an Insekten des tropischen


Regenwaldes auf
0,2 – 0,3 % geschätzt
bis über 20.000 Arten jährlich
 

Aber:
in aller Regel nicht nachweisbar,
daß diese Arten wirklich nirgendwo mehr leben
Nicht „möglicherweise“, sondern mit
Sicherheit
Schätzungen vollständigen
Aussterbens
Artenvielfalt auf der Erde zwischen 1970 und
2005 um 27 % zurückgegangen

(„Living Planet Index“ des WWF,


Mai 2008)

Prognosen für diesen Zeitraum:


Schätzungen der Gefährdung
sind hochgradig unsicher
folie Pflanzenarten Europa
Ausgestorbene und gefährdete Pflanzenarten in Europa
(BfN, Internet)
Albanien 3%
Malta 16
Belgien 26 %
%
Bosnien-
Niederlande
Herzegowina 11 %
26 %
Bulgarien 5 %
Norwegen 10
Dänemark 12 %
%
Deutschland 28 %
Österreich 35
Estland 6 %
%
Finnland 61 %
Polen 12
Griechenland 3 %
%
Großbritannien 13 %
Rumänien 8
Irland 5 %
%
Island 8 %
Schweden 16
Italien 11 %
%
Kroatien 4 %
Schweiz
Lettland 14 %
32 %
Liechtenstein 16 %
Slowakei
Litauen 11 %
Luxemburg 35 % Letzte
Änderung: 20.03.2006
Überblick:

Zu (4) heutige, industriegesellschaftlich bedingte


Massenausrottung

- Wie viele Arten gibt es überhaupt?

-Ausmaß und Geschwindigkeit der Ausrottung

-Ursachen der Ausrottung


Nach van
Leeuwen
Unter Ursachen

Wilderei oder Handel

sehr oft als eine Hauptursache genannt

Wenn Kriterium „Anzahl betroffener


Arten“:

völlig unbedeutend
Artenschutz

Hässliche Tiere sind arm dran.


Schöne, beliebte Tiere sind die Symbole des
Artenschutzes.
Die unansehnlichen und langweiligen sterben
unbemerkt aus - ganz gleich, wie hoch ihre
ökologische Bedeutung sein mag.
Von Robert Lücke

(Süddeutsche, online-Ausgabe, August 2008)

Worum geht es eigentlich im Naturschutz?