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Nomadismus

Definition eigentliche Nomaden:


Nicht zwischen Ortsveränderungen im
Heimatgebiet und über dessen Grenzen hinaus zu
unterscheiden,
weil es kein Heimatgebiet (vertrautes Gebiet)
gibt

„Nomadismus“ mehrere verschiedene


Phänomene:
nomadische Mobilität von
-Individuen: kein individuelles Heimatgebiet,
Echte Nomaden („Vagabunden“) sind Grenzfall:

-Alle Nomaden gewisse Regelmäßigkeit,


viele Nicht-Nomaden zeigen gewisses Nomadisieren

- alle Nomaden räumlich nicht vollkommen (=weltweit)


ungebunden
Viele Robben, Meeresschildkröten fast weltweites
Umherstreifen,
aber:
Nomadisieren nur in bestimmten Phasen,
kehren regelmäßig zu Brutgebieten zurück
Vögel: mehrere Formen von Übergängen zum
Nomadismus:

- Strichvögel
im Winter Umherstreifen, meist nicht weit vom
Brutgebiet, meist ohne bestimmte Richtung
- Irruptionen
Anteil ziehender Individuen und zurückgelegte
Entfernungen von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich

Huftiere ostafrikanischer Steppen oft als nomadisch


bezeichnet
Aber meist deutliche saisonale Periodizität, ebenso
Abb. 35: Wanderungen der Gnus (Connochaetes spp.) in der
Serengeti. Die Tiere wandern von dem Gebiet im Südosten, wo sie ihre
Jungen bekommen (Dezember-April), zu feuchten Gebieten in der
Nähe des Viktoriasees (Mai-Juli), dann nach Nordosten, wo sie auf den
frühesten Regen treffen. Von dort wandern sie wieder in den
Südosten. Nach Dingle 1996, verändert.
Eigentlicher Nomadismus von Explorationsverhalten
begrifflich klar zu trennen

Nomaden lernen durchwandertes Gebiet nur z. T. (zufällig)


kennen
Aber Spezifikum des eigentlichen Nomadismus:
Schaffen kein vertrautes Gebiet, das sie dann bevorzugen

Stattdessen: ständig auf der Suche

Unterbrechen Wanderungen dann, wenn sie auf geeignete


Umweltbedingungen/Ressourcen treffen,
nicht,
wenn sie auf bestimmten geographischen Ort treffen

Nomaden erkunden das Gebiet nicht


Obwohl sie es ständig absuchen, lernen sie es doch nicht
kennen
Evolutionäre Ursachen des Nomadisierens

Gunst von Habitaten zeitweilig gegen Null:


temporäre Habitate

Wenn hohe zeitliche Variabilität mit räumlicher


verbunden:
ephemere Habitate

Ephemere Habitate entstehen nicht an gleicher


Stelle wieder,
sondern in unregelmäßigen Abständen an immer
wieder anderen Stellen

Entwicklung nomadischen Verhalten


Ursachen der Entstehung ephemerer Habitate

Klimatische Variabilität in Verbindung mit räumlich


unregelmäßig verteilten anderen Umweltfaktoren
(klimatische Variabilität allein: nur temporäre Habitate)

Biotische Variabilität: entwicklungsbedingte Veränderungen


der Einzelorganismen und Sukzessionen der
Organismengesellschaften
Für viele, vielleicht die meisten Arten (sehr klein!):
andere Einzelorganismen sind Habitate
(z. B. Bäume für kleine Herbivoren)
Ungünstige Zeiten temporärer Habitate:

Migrationen, aber auch Dormanz (meist)


möglich

Zunehmend ephemerer Charakter:


Dormanz immer unwirksamer
immer ungewisser, ob dieser Ortwieder
günstig wird
Beispiele ephemerer Habitate

-Meeresstrände:
Immer wieder durch Stürme Bestände von Pflanzen
vernichtet,
an anderen Orten neue konkurrenzfreie
Ansiedlungsmöglichkeiten
Arten der Meeresstrände darum wenig ortsfest
(Meerkohl, Crambe maritima)

- Aride Gebiete:
Niederschläge um so unregelmäßiger (zeitlich und oft
auch räumlich), je geringer
Geländeform wirkt sich weit stärker auf
Wasserverfügbarkeit aus
Beispiele von Nomaden in ariden Gebieten:
Wanderheuschrecken
Größe eines Schwarms 50 MilliardenTiere
Wanderheuschrecken nicht in jeder Hinsicht nomadisch
Manche Arten scheinen nur der Windrichtung zu folgen
(Locusta migratoria),
andere haben Richtungstendenzen

Wüstenheuschrecken (Schistocerca gregaria) nutzen


jahreszeitliche Windströmungen,
um Sahara zu überqueren, in jeweils günstige Gebiete zu
gelangen
und in Ausgangsgebiet zurückzukehren
folie

Generell bei Wanderheuschrecken:


Richtung anfänglich oft durch Geländeform vorgegeben
typisch für Zufallscharakter nomadisierender
Fortbewegung
Abb. 37: Migrationen
der Wüstenheuschrecke
(Schistocerca gregaria).
Die Richtungen sind
quasi-regulär, es gibt
von Jahr zu Jahr große
Abweichungen. Nach
Baker 1982, verändert.
Extremer Nomadismus:
viele Vögel australischer und südafrikanischer
Trockengebiete

Regen- und Trockenzeit wechseln nicht regelmäßig


Vögel folgen immer den an unvorhersehbaren Stellen
neu auftretenden günstigen Umweltverhältnissen

Anteil nomadisiernder Arten an der Vogelfauna dieser Gebiete: 30


%.
 
Schlammstelzer (Cladorhynchus leucocephalus)
kommt unter Vögeln vielleicht dem Idealfall des
Nomaden am nächsten

Tiere konzentrieren sich an ephemeren Salzseen

Brüten, wenn nach starken Regen Salzgarnelen


(Nahrung) für kurze Zeit in großen Mengen

Versammeln sich manchmal zu Hunderttausenden


Suchen in hunderte von Kilometern weiten Flügen das
Land nach geeigneten Salzseen ab
Beispiel für (nicht extremen) Nomadismus

Borkenkäfer tropischer, temperater und borealer Wälder


Brauchen Bäume eines bestimmten Alterszustandes
Diese in hoher raumzeitlicher Variabilität ephemere
Habitate
(außer in großflächig gleichaltrigen Beständen:
temporäre Habitate )
Nordeuropäischer Hylobius abietis schlüpft nach
vierjähriger Entwicklungszeit

Habitat (Baum) ungeeignet geworden


Käfer gezwungen, neues Habitat zu suchen
nicht einfache Nahrungssuchbewegungen,
sondern exploratorisches Verhalten in Verbindung mit
Elementen zielgerichteter Migrationen

Große Gebiete nach besonders günstigen Bäumen


abgesucht
Bei Fehlschlägen nicht irgendeine mögliche Ressource
genommen,
sondern Suche nach der besten wird unter Ablauf einer
Sequenz typischer migratorischer Aktionen wiederholt
Typische Eigenschaften von Nomaden

Weites Gebiet mit unterschiedlichen


Umweltbedingungen
Daran im Gegensatz zu emigrierenden Tieren
gut angepaßt, aber nicht individuell
vertraut

Angepaßtheit an großes Gebiet erfordert meist


weite Amplitude bezüglich Klimafaktoren

Aber Spezialisierung in anderer Hinsicht:


Ressourcen
Beispiele für typische Nomaden-Eigenschaften
Fichtenkreuzschnabel (Loxis curvirostra)

Hochgradig spezialisiert auf Fichtensamen


Brütet von iberischer Halbinsel bis Ostasien
Nicht lokal angepaßte Populationen, sondern Vögel
durchstreifen große Teile des gesamten Gebietes

Folgen den Fichtenmastjahren:


großräumig synchron, aber doch nicht im ganzen Areal
gleichzeitig
Können in allen Monaten brüten
Jungvögel nach wenigen Wochen fortpflanzungsreif,
brüten im Jugendkleid
Beispiele für typische Nomaden-Eigenschaften
Schlammstelzer (Cladorhynchus leucocephalus)
Australien

Zeit zwischen Bruten kann Jahre dauern.


Wenn geeignetes Habitat: in kürzester Zeit mehrere
Bruten hintereinander

Vögel beim Schlüpfen sehr groß (!) und frühreif:


Anpassung, um auf weiten Wanderungen kurzfristig
überreich vorhandene Nahrung nutzen zu können
Beispiele für typische Nomaden-Eigenschaften

Zebrafinken (Taeniopya guttata)


Australien

Körnerfresser, wandern, bis sie Gebiete erreichen, wo


nach extrem unregelmäßigen Regenfällen gerade Gräser
reifen

Ziehen mit teilweise herangereiften Gonaden


Können bei Regen rasch brüten
Beispiele für typische Nomaden-Eigenschaften

Rosenstar (Sturnus roseus) und Schlupfwespe (Sphex


aegypticus) folgen Zügen der ihrerseits nomadisierenden
Wüstenheuschrecke

Star kann Brut sehr schnell absolvieren, wenn reichlich


Nahrung.
Wespen lassen Erdbau unvollendet,
wenn Heuschrecken zu ziehen beginnen
 

besonders charakteristische Eigenschaft von extremen


Nomaden: