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Rekristallisation

im Zusammenhang mit
Kaltumformung und Warmumformung

Bergische Universität Wuppertal


Schon …
Der Beginn eines Lehrvideos mit
„Schon die alten Römer …“
ist zwar uncool und doch hatten bereits die
Römer Schwierigkeiten beim Schlagen von
Münzen* aus Bronze.
Am Rand von Münzen bildeten sich
beim Prägen gelegentlich Risse.

Den Effekt kennt jeder, der schon einmal Treibarbeiten an Kupferblech gemacht hat.
Das Kupfer wird hart und spröde und lässt sich nicht mehr weiter umformen ohne zu
reißen. Maschinenbauer und speziell Metallkundler kennen den Grund dafür:
Durch das Umformen tritt Kaltverfestigung ein.
*Sesterz: Kupfer-Zinn-Bronze, Ø ca. 30 mm, Kaiser Severus Alexander (202 – 214 n. Chr.).
Vorderseite: IMPerator SEVerus ALEXANDER AUGustus, Rückseite: Genius / Wert damals ca.3 €.
Nun schematisch am Beispiel Biegen: Am unverformten Stab sehen die drei rot
gekennzeichneten Stellen oben, in der Mitte und unten unter dem Mikroskop bei
500-facher Vergrößerung etwa so aus: Man erkennt rundliches “Korn“.
unverformt gebogen
unverformt

oben: Zug
gedehnt

gebogen
Mitte: keine
Veränderung
“Neutrale Faser“

Hier ein ferritisch- unten: Druck


perlitischer Stahl gestaucht
(gleiche Bildwahl)

Wir betrachten oben das blau gekennzeichnete, gedehnte Korn 


Was geschieht mit diesem gekennzeichneten Korn / Kristallit?
Die Atome liegen dort zunächst auf den Gitterebenen, die auch gleichzeitig die
sogenannten Gleitebenen sind, mit nur wenigen Anordnungsfehlern,
z.B. Leerstellen, Zwischengitterplätzen und Versetzungen.
Beim Dehnen verschieben sich die Atome auf den Gleitebenen 1000-fach und es
bilden sich Tausende von Gitterfehlern neu, auch vor und hinter der gezeigten Ebene.

Leerstellen
Zwischengitterplätze
Versetzungen

Gleitebenen
hier 3 Beispiele Gleitebenen
Dabei verbiegen sich die Gleitebenen, das weitere Gleiten wird immer mehr erschwert.
Es kommt zu der erwähnten Kaltverfestigung und Versprödung.
Diese Erscheinung tritt bei allen umformbaren Metallen auf.
Um das Gleiten wieder zu ermöglichen, greift der Umformtechniker zu einer
bewährten Methode: Das betreffende Bauteil wird geglüht (Hier wieder das eine Korn).

Ausgehend von besonders geschädigten, verspannten und energiereichen Stellen,


bilden sich dabei rundliche Körner neu und zwar wieder mit weitgehend
gleichmäßiger Anordnung der Atome.

Diesen Vorgang nennt man in der Fachsprache

Rekristallisation.
Im Gesamtsystem vermindert sich dabei der Energiegehalt.
Die vielen Körner sind nun wieder umformbar.
Die Kornneubildung / Rekristallisation funktioniert allerdings nur,
wenn bestimmte Temperaturen erreicht werden, die bei allen Metallen
unterschiedlich sind, die
Rekristallisationstemperaturen.
Sie sind zusätzlich von dem vorher erreichten Verformungsgrad abhängig.
Deshalb gibt es für die Berechnung nur eine Näherungsformel:
TRekr. absolut @ 0,4 – 0,5 x TSchmelz absolut
Nach Forschungsergebnissen von Tammann liegt TR sogar noch etwas niedriger.
Einige Spezialthemen wie Kristallerholung, krit. Umformung und Grobkornbildung werden hier nicht behandelt.
Daraus ergibt sich rein rechnerisch eine Tabelle mit den
Rekristallisationstemperaturen für gebräuchliche Metalle

Metall T Schmelz °C T Schm. absolut K T Rekristall. absolut T Rekristall. °C


gerundet K gerundet

Stahl 1.536° 1.809 K 720 - 900 K 450° - 620°


Aluminium 660° 933 K 370 - 460 K 100° - 200°
Kupfer 1.083° 1.356 K 540 - 680 K 270° - 400°
Blei 327° 600 K 240 - 300 K - 33° - +30°
Zinn 232° 505 K 200 – 250 K - 70° - -20°

Kaltumformung liegt vor, wenn die Umformung


im Temperaturbereich unterhalb der jeweiligen
Rekristallisationstemperatur stattfindet.
Erfolgt die Umformung oberhalb der
Rekristallisationstemperatur spricht man von
Warmumformung.
Warmumformung / Rekristallistion am Beispiel Schmieden von Stahl.
Hier als fiktiver metallografischer Schliff eines Vergütungsstahls bei 1.000°C
(Austenit). Zwischen den einzelnen Schlägen erfolgt sofort die Rekristallisation!

Beachten Sie auf der nächsten Seite das kurze Aufblinken eines helleren Bildes.
Es zeigt an, dass die Schlagenergie das Schmiedestück etwas aufheizt.
Schmieden / nochmal langsam
Vergütungsstahl grob (Schema)

Schlag 1

Schlag 2
Vergütungsstahl fein (Schema)

Schlag 3

Das Korn wird durch das Schmieden feiner, dehnbarer und der Werkstoff zäher.
Das ist einer der großen Vorteile des Schmiedens.
Stahl wird nicht direkt oberhalb der Rekristallisationstemperatur warm
umgeformt, weil er dort noch relativ fest ist.

Das Umformen von Stahl erfolgt bei etwa 1.200°C.

Eine Kuriosität in der Tabelle ist offensichtlich:


Metall T Schmelz °C T Schm. absolut K T Rekristall. absolut T Rekristall. °C
gerundet K gerundet

Stahl 1.536° 1.809 K 721 - 900 K 450° - 620°


Aluminium 660° 933 K 370 - 460 K 100° - 200°
Kupfer 1.083° 1.356 K 540 - 680 K 270° - 400°
Blei 327° 600 K 240 - 300 K - 33° - +30°
Zinn 232° 505 K 200 - 250 K - 70° - -20°

Bei Blei und bei Zinn liegen die Rekristallisationstemperaturen bei Raumtemperatur oder sogar
darunter.
Umformvorgänge bei Raumtemperatur sind daher Warmumformungen.
Versuch
Wie im Versuch zu sehen ist, verformt sich ein links
eingespannter Draht aus Lötzinn (Blei-Zinn-Lot)
bei Raumtemperatur unter seinem Eigengewicht.
An der Biegestelle rekristallisiert er unter der
eigenen Biegebelastung laufend.
Film oben: 0 – 20 sec und Bild nach 3 min;
Bild unten: nach 1 Std.

Man nennt diesen Vorgang “Kriechen“.


Das ist der Grund, weshalb in der Elektro-
Industrie / Hausinstallation bei Litzen die
Kabelenden nicht mehr gelötet werden;
sie könnten sich aus der Befestigung lösen!
Dieser Wissens-Floater wurde erstellt an der
Bergischen Universität Wuppertal
Autor: Prof. Dr.-Ing. Helmut Richter

Weitere Infos: Tel. (0202) 474999 oder


E-Mail: richterh@uni-wuppertal.de

Sponsoring:

Verein Deutscher Ingenieure