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Die Lyrik des Sturm und Drang

(1767-1785)
• die Bezeichnung Sturm und Drang: nach Maximilian
Klingers gleichnamigen Drama, dessen ursprünglicher
Titel Wirrwarr von Christoph Kaufmann durch Sturm und
Drang ersetzt wurde
• Entscheidend für den Sturm und Drang war die Bildung
lockerer Zirkel gleichgesinnter Autoren zunächst in
Straßburg, später Frankfurt, Darmstadt und Göttingen
• Sie tauschten sich mündlich und brieflich über
literarische Fragen aus, gingen auf Reisen und
entwickelten vor allem gemeinsame ästhetische
Positionen
• Die Tischgesellschaft von Johann Daniel Salzmann in Salzburg
übernahm die literaturpolitische Meinungsführerschaft vor Ort und
wurde zur literarischen Avantgarde auch über die Grenzen der Stadt
hinaus avanciert
• Im Jahr 1770 kamen zwei für die deutsche Literaturgeschichte
bestimmende Persönlichkeiten nach Salzburg: der junge Goethe
und Johann Gottfried Herder
• Das Zusammentreffen zwischen Goethe und Herder wird in der
Literaturgeschichte oft auch als eigentliche Geburtsstunde des
Sturm und Drang bezeichnet
• der junge Goethe erhielt von Herder durch den Hinweis auf die
Volkspoesie und das Vorbild Shakespeare wesentliche Anregungen
für sein Literaturverständnis
• Goethe reist 1771 nach seiner abgeschlossenen Promotion zum
Lizenziaten der Rechte aus Straßburg ab und siedelt sich in
Frankfurt nieder, um hier als Anwalt zu arbeiten
• in Frankfurt bildete sich um Goethe ein literarischer Zirkel
• die wichtigste literaturpolitische Aktivität des Sturm und Drang war
die Neugründung der Frankfurter gelehrten Anzeigen
• für das Jahr 1772 war dieses Publikationsorgan die literaturkritische
Plattform, auf der sich die jungen Autoren präsentierten, ihr
Programm artikulierten und Stellung bezogen gegen die
ästhetischen Maßstäbe der Aufklärung
• Neu war in dem Programm der Autoren die Bevorzugung der
englischen Literatur, die gegen den französischen Klassizismus
ausgespielt wurde
• Neu waren auch die ästhetischen Hochwertbegriffe, die die
Anzeigen zunehmend stärker exponierten: Genie, Gefühl und Natur
• Ihr poetologisches Credo: „Die Dichtkunst und alle schönen Künste
strömen aus den Empfindungen, sind nur den Empfindungen
gewidmet und sollten nur durch sie beurteilt werden“
• Individualität wird zur zentralen Kategorie der Produktion und
Rezeption von Kunst
• die Frankfurter gelehrten Anzeigen boten ein Forum, auf dem die
Prinzipien der Künstler- und Gefühlsautonomie propagiert wurden
• Gleichzeitig mit den Gruppenbildung in Frankfurt konstituierte sich in
Göttingen eine weitere Verbindung junger Literaturinteressierter, die
in den Umkreis des Sturm und Drang gehört: der sog. Göttinger
Hain

• Die Gruppe konstituierte sich am 12. September 1772, inspiriert von


Klopstocks Ode Der Hügel und der Hain

• Zu der Gruppe gehörten anfangs Johann Heinrich Voß, Ludwig


Christoph Heinrich Hölthy, Johann Freidrich Hahn, Johann Martin
Miller und Gottlob Dietrich Miller; organisatorischer Motor war:
Heinrich Christian Boie

• ihren künstlerischen und literaturpolitischen Zenit erreichte die


Gruppe mit der Veröffentlichung des Musenalmanach auf das Jahr
1774, der alle jungen Autoren von Rang und Namen versammelte
• Am 20. September berichtete Johann Heinrich Voß seinem Freund Theodor
Johann Brückner von der Gründung der Gruppe mit folgenden Worten:

„Ach, den 12. September, mein liebster Freund, da hätten Sie hier sein
sollen. Die beiden Millers, Hahn, Hölthy, Wehrs und ich gingen noch
des Abends nach einem nahe gelegenen Dorfe. Der Abend war
außerordentlich heiter, und der Mond voll. Wir überließen uns ganz den
Empfindungen der schönen Natur. Wir aßen in einer Bauernhütte ein
Milch, und begaben uns darauf ins freie Feld. Hier fanden wir einen
kleinen Eichengrund, und sogleich fiel uns allen ein, den Bund der
Freundschaft unter diesen heiligen Bäumen zu schwören. Wir
umkränzten die Hüte mit Eichenlaub, legten sie unter den Baum, fassten uns
alle bei den Händen, tanzten so um den eingeschlossenen Stamm herum, -
riefen den Mond und die Sterne zu Zeugen des Bundes an, und versprachen
uns ewige Freundschaft. Dann verbündeten wir uns, die größte Aufrichtigkeit in
unsern Urteilen gegeneinander zu beobachten, und zu diesem Endzwecke die
Schon gewöhnliche Versammlung noch genauer und feierlicher zu halten.“
Ästhetik und Poetik des Sturm und Drang

• Die Stürmer und Dränger haben fast vollständig auf die schriftliche
Fixierung ästhetischer und poetologischer Konzepte verzichtet
• Grundsätzlich ist ihre Opposition gegen die Unterdrückung der
künstlerischen Freiheit durch die Herrschaft der poetologischen
Regeln und somit gegen die normative Poetik der Aufklärung
• typisch ist die radikale Aufwertung der Subjektivität bzw.
Individualität des Dichters
• Literatur soll nicht nach vorgegebenen Regeln produziert werden,
sondern aufgrund des schöpferischen Talents
• „Lernt: Die Natur schreib in das Herz sein Gesetz ihm“ (Klopstock:
Ästhetiker); „ Frag du den Geist, der in dir ist, und die Dinge, die du
um dich siehst und hörst, und die Beschaffenheit des, wovon du
vorhast zu dichten; und was die dir antworten, dem folge.“
(Klopstock: Die Gelehrtenrepublik)
• Die Subjektzentriertheit des Sturm und Drang
bedeutete keine absolute Regellosigkeit,
sondern etablierte neue Regeln, ein neues
ästhetisches Grundgesetz:
• Literatur sollte natürlich und wahrscheinlich sein,
in ihrem Mittelpunkt sollten große, wahre
Charaktere und ihre Leidenschaften stehen
• Zentrale Konzepte: die Genieästhetik und die
Volkspoesie
Die Genieästhetik

• der entscheidende Einfluss für die Stürmer und Dränger zur


Radikalisierung ihres Autonomiekonzepts der Literatur kam aus
England, wo zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine lebhafte
Auseinandersetzung um den Genie-Begriff in Gang gekommen ist
• Die Autoren des Sturm und Drang erheben den Dichter in den Rang
eines „zweiten Gottes“, ernennen ihn zur beispielhaften
Verwirklichung der aus sich schaffenden Subjektivität
• als exemplarisches neuzeitliches Genie gilt ihnen Shakespeare
• Die zwei bedeutendsten literarischen Positionierungen
diesbezüglich artikulieren sich in den Schriften: Shakespeare
(Herder, 1773) und Zum Shakespeares Tag (Goethe, 1771)
Die Volkspoesie

• Unter dem Oberbegriff „Volkspoesie“ sind eine ganze Reihe von


Aspekten zu versammeln:
• Das Interesse der Stürmer und Dränger für Phänomene der
Volkssprachlichkeit
• Das Interesse für Themen des einfachen Volkes
• Die Sammlung der Volkslieder (der Begriff „Volkslied“ wurde durch
Herder geprägt; Goethe sammelte während seines Straßburger
Aufenthalts Volkslieder)
• Herder: die Wiederbelebung der Literatur sei nur durch die
Rezeption authentischer Quellen wilder, d.h. unverbildeter Völker zu
erreichen; Verherrlichung einer nicht entfremdeten, von der Identität
von Kultur und Natur gekennzeichneten Phase der
Menschheitsgeschichte
• „dass je wilder, d.i. je lebendiger, je freiwirkender ein Volk ist (denn
mehr heißt das Wort doch nicht!) desto wilder, d.i. lebendiger, freier,
sinnlicher, lyrisch handelnder müssen auch, wenn es Lieder hat,
seine Lieder sein! Je entfernter von künstlicher, wissenschaftlicher
Denkart, Sprache und Letternart das Volk ist; desto weniger müssen
auch seine Lieder fürs Papier gemacht, tote Lettern Verse sein […]!”
(Herder: Auszug aus einem Briefwechsel Ossian und die Lieder alter
Völker, 1773)
• Die Kommunikation über Literatur Mitte des 18. Jahrhunderts wird
entlang folgender Begriffe geführt:
• Natur vs. Kultur
• Leben vs. Lesen
• Wirklichkeit vs. Theorie
• es entwickelt sich eine Kunsttheorie, die Dichtung als autonomen
ästhetischen Bereich bestimmte
• Die Kunst bezieht sich zuerst einmal auf sich selbst, auf das Schöne
an sich; man bezeichnet ein solches Verständnis als
Autonomieästhetik
• Die Aufwertung des Dichter-Subjekts findet in der Erlebnislyrik ihren
deutlichsten Ausdruck
• Erlebnislyrik ist im Gegensatz zur Gelegenheitsdichtung zweckfrei
und inhaltlich nur an das Subjekt gebunden, das sich im Gedicht
ausspricht
• Das lyrische Ich der Erlebnisdichtung spricht über seine
Subjektivität, seine Wahrnehmung und sein Empfinden
• Der Begriff „Erlebnislyrik“ ist im Allgemeinen eng mit der Dichtung
des frühen Goethe, insbesondere mit seinen Sesenheimer Liedern
(um 1770) verbunden
• Die Lyrik des jungen Goethe steht für Revolution, Aufbruch und
radikalen Gefühlsausdruck
• Seine Lyrik ist vom Bestreben geprägt Grenzen zu überwinden und
zu neuen lyrischen Experimenten aufzubrechen
• Dieser Aufbruch zeigt sich zum einen inhaltlich: in der Tendenz der
Gedichte zur Vergegenwärtigung extremer subjektiver
Leidenschaften
• Die Gefühle sind Ausdruck eines ich-zentrierten Menschenbildes,
das die Emotionen radikal ins Zentrum rückt
• Im Frühwerk Goethes ist eine große Experimentierfreude zu
erkennen:
- Gedichte, die an Sprachen und Form der Anakreontik angelehnt sind
- Kunstballaden (Heidenröslein, Der König von Thule), die Sesenheimer
Gedichte
- freirhythmische Genie-Hymnen (Wanderers Sturmlied, Prometheus,
Ganymed etc.)
• In der experimentellen Vielfalt veranschaulicht sich das „Wesen“ der
Sturm und Drang-Lyrik insgesamt: die poetologischen Forderungen
nach Individualität und Autonomie
• die Erlebnislyrik der Sesenheimer Zeit: Gefühle und Emotionen
eines autornahen lyrischen Ichs werden dem Leser ungefiltert
mitgeteilt
• Der unmittelbare Erlebnisausdruck, die Inszenierung
leidenschaftlicher Gefühle schließt Abstraktion und Reflexivität aus
• Die Hymnen: mythologische Rollengedichte, das Produkt
künstlerischer Reflexion
• In den Liedern und den Hymnen werden die wesentlichen
Stilprinzipien des Sturm und Drang reflektiert: Natürlichkeit,
Originalität und persönliche Größe
• Zentrale Themenbereiche: Natur, Liebe und Kunst