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Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften . Institut für DaF .

Hauptseminar „Sprachlehr- und –lernforschung“ . Prof. Dr. Jörg Roche

Wie verarbeiten wir eigentlich Sprache?


Sprachverarbeitung, Rezeption, Produktion, Relevanz für Spracherwerb

Kseniya Borodina, Marieta Condrea, Tudor Tiron

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Übersicht
1. Das sprachliche Wissen
1.1. Sprache im Gehirn
1.2. Informationsspeicherung
1.3 Mentales Lexikon
2. Sprachrezeption
3. Sprachproduktion
4. Das mehrsprachige mentale Lexikon
5. Studie von Plieger
6. Gruppenarbeit

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Sprache im Gehirn

Die Neurologen Paul Pierre Broca und Carl Wernicke stellten


einen Zusammenhang zwischen Schädigungen bestimmter
Hirnbereiche und dem Verlust bestimmter sprachlicher
Fähigkeiten fest.

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Informationsspeicherung

wahrnehmbare Sprache
 Nach Endel Tulving (1972,
2002) enthält das
Ultrakurzzeitgedächtnis/ Langzeitgedächtnis zwei
sensorisches Register Speichersysteme:
• episodisches Gedächtnis
• semantisches Gedächtnis.
Arbeitsgedächtnis

Langzeitgedächtnis

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Das mentale Lexikon

Das mentale Lexikon – Speicher unseres Sprachwissens

Abb. nach Aitchison (1997)


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Das mentale Lexikon

Der Aufbau des mentalen Lexikons:

• Lemma-Information:
Die Gesamtheit der morphologischen Eigenschaften
des betreffenden Wortes (“Sessel” ist ein Nomen, ist
maskulin…), sowie seiner Bedeutungsaspekte
(“Sessel” bezeichnet ein Sitzmöbel, das gepolstert ist,
Armlehnen hat, …).

• Lexem-Information:
Die Gesamtheit der lautlichen und schriftlichen
Realisierungsformen des betreffenen Wortes
(“Sessel”, “Sessels”).

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Das mentale Lexikon

Was ist typisch für das mentale Lexikon?

• Gut bekannte Wörter werden schneller erkannt als


weniger gut bekannte.

• Getrennte Abspeicherung von Wortformen und


Wortinhalten?

• Das Wort liegt mir auf der Zunge

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Nmoarl labesr
Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn
Uvinisterät, ist es nchit witihcg, in
wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn
in eneim Wrot snid, das ezniige was
wcthiig ist, ist dass der estre und der
leztte Bstabchue an der ritihcegn
Pstoiion snid. Der Rset knan ein
ttoaelr Bsinöldn sien, tedztorm knan
man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist
so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn
enzelin leesn, snderon das Wrot
als gseatems.

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Das mentale Lexikon

Der Badewanneneffekt

Abb. nach Aitchison (1997)

 Anfangs- und Endlaute von Wörtern sind am auffälligsten.


 Wortanfang und Wortende sind ausreichend für das Wortverständnis,
jedoch nicht für die Wortproduktion.
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Das mentale Lexikon

Die Netzwerkstruktur

http://www.visualthesaurus.com/
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Sprachrezeption

• Die Grundlage der Sprachrezeption ist die Worterkennung.

• Bereits während der Wahrnehmung eines Wortes wird


dessen Bedeutung erkannt.

Welche Prozesse finden auf der Satz/Äußerungsebene statt?

• Erstes einheitliches Modell der Rezeption von Texten –


propositionaler Ansatz von Walter Kintsch und Teun A. van
Dijk (1978).

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Propositionales Modell
von Kintsch und van Dijk

Joe gave Tom three marbles

Textbasis: kohärente Struktur, in der Propositionen zusammengefasst


werden.

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Sprachrezeption

Wie viele Tiere jeder Art nahm Moses mit auf die Arche?

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Sprachrezeption

Frank M. war auf dem Weg zur Schule. Er machte sich


Sorgen wegen der Mathematikstunde. Er fürchtete, er würde
die Klasse nicht unter Kontrolle halten können.

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Sprachverarbeitungsmodell in Anlehnung an Levelt nach Roche 2013

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Sprachrezeption

• Der Prozess des Verstehens beginnt mit der Wahrnehmung der


Sprache.
• Die Information wird auf unterschiedliche Weise dekodiert –
phonologisch/visuell/grammatisch.
• Parallel dazu wird das mentale Lexikon aktiviert, das eine
passende Sinneseinheit findet.
• Damit der Vorgang der Bedeutungskonstruktion erfolgreich
wird, müssen auch Kontext, Vorwissen und Weltwissen mit
einbezogen werden.
• Alle Aufgaben verlaufen dabei parallel oder modular.
• Auf welche Weise wird kein Schritt übersehen?

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Sprachproduktion

1. Konzeptualisierung - Die Nachricht wird im Konzeptualisator geplant, d.h.


die Sprechabsichten werden in einem konkreten Ablaufplan umgesetzt.
Einflussfaktoren: Sprachverstehen, Wahrnehmung der Welt.
Ergebnis: Sprechplan (präverbale Nachricht)
2. Konstruktion der Äußerungen - Der Sprechplan wird an den Formulator
weitergeleitet.
3. Grammatische Kodierung – Die Lemmata werden aufgrund des gelieferten
Sprechplans aktiviert; ein syntaktischer Rahmen wird ausgewählt.
Ergebnis: der Äußerungsplan.
4. Phonologische Kodierung – der Äußerungsplan wird an einen Prozessor,
der für die äußere Form zuständig ist, weitergeleitet.
5. Der phonetische Plan im Artikulator wird in Anweisungen an den
Artikulationsapparat umgesetzt.

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Ebene der Sprachproduktion

• Die pragmatische Ebene


• Die semantische Ebene
• Die morphosyntaktische Ebene
• Die Laut- und Schriftebene

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Pragmatische Produktion

1. Situationsbezüge
- Raumzeitliche Voraussetzungen;
- Soziale Rahmenbedingungen;
- Kulturelle Einflüsse.

2. Partnerbezüge („audience design“)


- Michael F. Schober (1993): real anwesende Kommunikationspartner vs.
fiktive Kommunikationspartner.
- Clark (1996): koordonativer Charakter des Sprachverhaltens der
Kommunikationspartner (joint action).
- Horton und Keysar (1996): „Monitoring and Adjustment“-Theorie.

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Semantische Produktion

Wichtige Voraussetzungen für die sprachliche Verständigung:


1. Themen und Argumentation
- Man muss genau überlegen, mit welchen Argumenten das angestrebte Ziel
erreichen werden kann.
2. Referenzherstellung
- Es ist sehr wichtig, die Gegenstände innerhalb eines Themas, auf die sich
die jeweiligen Äußerungen beziehen, klarzustellen.
3. Konzeptaktivierung
- Auswahl unter mehreren Konzeptualisierungsalternativen (Befund von Paul
Fraisse, 1996)
- Die Zwei-Phasen-Theorie

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Syntaktische Produktion

1. Funktionale Verarbeitung
- lexikalische Selektion;
- Funktionszuweisung.

2. Positionale Verarbeitung
- Konstituentenbildung;
- Flexion.

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Motorische Produktion

1. Sprechen
- Serielle Modelle vs. interaktive Modelle;

2. Schreiben
- Planung der räumlichen Anordnung der Buchstaben;
- Der produzierte Text kann nach dessen motorischer
Ausführung noch überarbeitet werden.

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Der Erwerb des einsprachigen
mentalen Lexikons

• Beginn des Spracherwerbs bei Kindern: Repertoir von


Inhaltswörtern; später -> Funktionselemente
(Präpositionen, Endungen, Artikel).

• Inzidenteller Erwerb des Wortschatzes (Interaktion mit der


Umgebung)

• Wortfetzen = Teilen von Wörtern oder Eigenkreationen ->


Inhaltselemente des frühen Spracherwerbs

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Organisation des bilingualen
mentalen Lexikons

• Untergeordneter Bilingualismus:
Wortassoziation (direkte Zuordnung eines fremdsprachigen
Begriffes zu einem bereits bekannten Konzept).

• Koordinierter Bilingualismus:
Konzepte der Erst- und Zweitsprache und ihre Begriffe sind von
einander unabhängig.

• Verbundener Bilingualismus:
Gemeinsame Konzeptquelle, zwei unterschiedliche Benennungen.

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Der Erwerb des bilingualen
mentalen Lexikons

Die drei klassischen Modelle der Organisation des bilingualen


Lexikons am Beispiel des englischen und russischen Begriffes
für Buch (Roche, 2008):

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Das mehrsprachige mentale
Lexikon

• Selected Language:
- die für die konkrete Äußerung benutzte Sprache.

• Active Language:
- die aktive Sprache;
- läuft dieselbe Prozesse wie die aktive Sprache durch;
- endet nicht mit einer konkreten Äußerung.

• Dormant Language:
- die Sprachen, die im Hintergrund bleiben;
- beeinflussen den Prozess nicht.

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Das mehrsprachige mentale
Lexikon

• Die Ko-Aktivierung ist vom Grad der Kompetenzen


abhängig.

• Nicht alle Sprachen werden aktiviert -> eine


Mindesfähigkeit ist nötig.

• Die dominante Sprache bleibt immer im Vordergrund.

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Sprachenknoten

• Der Konzeptualisator ist dafür verantwortlich, die für die


spätere Äußerung nötigen Sprache zu wählen.

• Die Entscheidung wird durch eine Schaltstelle getroffen.

• Das Modell von de Bot enthält zwei Teile für die Aktivierung:
- der erste Teil erklärt den ganzen Prozess anhand seiner
Komponente (Subsets).
- die globale Schaltstelle und die Aktivierung der einzelnen
Subsets funktionieren gleichzeitig.

• Die Wahl der Sprache wirkt sich auch auf die anderen
Komponenten aus.
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Sprachenknoten

The Multilingual Processing Model (de Bot 2004:29)


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Studie von Plieger

• In der Anfangsphase des Spracherwerbs ist die Form von einer


höheren Bedeutung für die Lerner.

• Im Fall der Fortgeschrittenen ist die Bedeutung aber wichtiger.

Beispiel:
advertencia
advertisement

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Studie von Plieger

• Drei Gruppen werden analysiert:


Deutsch als Muttersprache;
Italienisch als Muttersprache;
Bilinguale Schüler.

• Die Teilnehmer erhalten zuerst die Übungen in der


Muttersprache.

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Schlussfolgerungen

• Mentales Lexikon -> mehrere Dimensionen.

• Konzepttransfer auf Fremdsprache.

• Abhängigkeit zwischen sprachspezifischen Konzepten, deren


Differenzierungen und der Sprachbeherrschung.

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Relevanz für den Spracherwerb

Gruppe 1
Arbeitsblatt „Metaphern erschließen“

1. Formulieren Sie die Aufgaben zum Arbeitsblatt.


2. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der dargestellten Methode der
Metaphervermittlung?
3. Welche Vorschläge haben Sie zur Erweiterung der Aufgabe? (Transfer in die
Muttersprache, Zuordnung, Übersetzung…)
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Gruppe 2 Hallo! Ich heiße Andrej und ich bin 25 Jahre alt
und lerne Deutsch seit 2 Jahre 1-2 mal in Woche
Lernsituation „Vokabeln lernen“ im Privatunterricht. Wenn ich lerne neue Wörter,
dann brauche immer die ukrainische Übersetzung
Andrej, Anna und Alina kommen aus der Ukraine und lernen Deutsch. Sie zu diesen Wörtern.
erzählen über ihre Erfahrungen beim Lernen der Vokabeln.
der See (n) – озеро
Machen Sie sich bitte Gedanken zu jeder Äußerung und präsentieren Sie Ihre die See (n) – море
Antwort.

1. Was denken Sie, ist die Lernstrategie von Andrej/Anna/Alina erfolgreich?


Warum? Hallo, ich heiße Anna. In der Schule habe ich nicht
2. Welche anderen Methoden zur Wortschatzerweiterung können Sie den Deutsch gelernt, nur Englisch. In der Uni habe ich
Lernenden vorschlagen? mit Deutsch angefangen, wenn ich im 5 Semester
war, habe ich mein Studium abgebrochen. Jetzt bin
ich 23 und ich will wieder Immatrikulation machen.
Wenn ich musste neue Wörter lernen, habe ich sie oft
gereimt.

gehen – sehen – drehen

Hallo zusammen! Mein Vorname ist Alina. Ich lerne


Deutsch schon seit der ganzen Ewigkeit und
inzwischen unterrichte diese Sprache in der
Oberschule. Wenn ich ein Wort nicht kenne, dann
Gemüt, das
schlage ich es im Duden nach. Meiner Meinung nach
Wortart: Substantiv, Neutrum
ist die Einsprachigkeit die beste Methode zur
1. Gesamtheit der psychischen und
Wortschatzvermittlung. Das bringe ich auch meinen
geistigen Kräfte eines Menschen Schüler bei.
2. geistig-seelisches
Empfindungsvermögen; Empfänglichkeit
für Gefühle erregende Eindrücke
3. Mensch (in Bezug auf seine
geistig-seelischen Regungen)

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Literaturverzeichnis

 Aitchison, J. (1997): Wörter im Kopf. Eine Einführung in das mentale Lexikon. Max
Niemeyer Verlag, Tübingen
 Roche, Jörg (2008): Fremdsprachenerwerb. Fremdsprachendidaktik, 2. Auflage, UTB
Verlag
 Roche, Jörg (2013): Mehrsprachigkeitstheorie. Erwerb – Kognition – Transkulturation
– Ökologie, Gunter Narr Verlag
 Roche, Jörg und Plieger, Petra (2003): Organisationsprozesse des mentalen Lexikons
und ihre elektronische Modulation beim Fremdsprachenerwerb.
Germanistentreffen Deutschland - Italien, 8.10. - 12.10.2003, Bari
 Rickheit, Gert, Sichelschmidt, Lorenz, Strohner, Hans (2002): Psycholinguistik,
Staufenburg Verlag
 Weskamp Ralf (2007): Mehrsprachigkeit. Bildungshaus Schulbuchverlage,
Braunschweig.
 Kintsch, Walter (1986): Psychologische Studien zum Verstehen von Texten.
Perspektiven auf Sprache, Berlin.

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