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Die Justiz des Landes

Nordrhein-Westfalen

Meinungsfreiheit im Arbeitsverhältnis
- Beleidigungen und fremdenfeindliche
Äußerungen als Kündigungsgrund
JAK Recklinghausen, 3. Mai 2018
www.justiz.nrw
Inhalt
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
1.1. Schutzbereich des Art. 5 Abs. 1 S. 1 GG
1.2. Allgemeine Gesetze als Schranke
1.3. Beispiele aus der jüngeren Rechtsprechung
1.4. Meinungsfreiheit im Arbeitsverhältnis
2. Kündigungsgrund: „Innerdienstliche“ Äußerungen
2.1. Ehrverletzende Äußerung als (Neben-)Pflichtverletzung
2.2. Sonderfall: Vertrauliches Gespräch
2.3. Gesichtspunkte für die Interessenabwägung
2.4 Einzelfälle
2.4.1. Beleidigungen
2.4.2. Fremdenfeindliches
Inhalt
3. Kündigungsgrund: „Außerdienstliche“ Äußerungen
3.1. Grenzen der vertraglichen Nebenpflichten
3.2. Besonderheiten bei Äußerungen im Internet
3.2.1. Verwertbarkeit
3.2.2. Zurechnung
3.2.3. Interessenabwägung
3.3. Einzelfälle
3.3.1. Beleidigungen
3.3.2. Fremdenfeindliches
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
Art. 5 GG
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern
und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu
unterrichten. (…)
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen
Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem
Recht der persönlichen Ehre.
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
BVerfG 15.01.1951 – 1 BvR 400/51 (Lüth):
Das Grundrecht ist unmittelbarster Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit
und für eine freiheitlich-demokratische Staatsverfassung schlechthin
konstituierend für die Demokratie, in der es kein Werte- und Wahrheitsmonopol
gibt. Was wahr und falsch, gut und richtig ist, soll im ungehinderten Austausch
und Streit der Meinungen immer wieder neu ausgehandelt werden.
(Boykottaufruf gegenüber Film des Regisseurs Veit Harlan)
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
1.1. Schutzbereich des Art. 5 Abs. 1 GG
Geschützt sind
- Werturteile
- Tatsachenbehauptungen,
soweit für die Meinungsbildung relevant
Nicht maßgeblich ist Wert oder Unwert einer Äußerung
z.B. BVerfG 22.06.1982 – 1 BvR 1376/79
„CSU ist die NPD von Europa“
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
Nicht geschützt durch Art. 5 Abs. 1 GG

• Unwahre Tatsachenbehauptung
z.B. BVerfG 25.10.2012 – 1 BvR 901/11; BAG 18.12.2014 – 2 AZR 265/14
• Formalbeleidigung
Herabwürdigung aufgrund Form der Äußerung,
insbes. Schimpfwörter
• Schmähkritik
Äußerung dient nicht mehr der inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern der
Herabwürdigung
BVerfG 29.06.2016 – 1 BvR 2646/15: Formalbeleidigung und Schmähkritik tritt
regelmäßig hinter Ehrenschutz zurück
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
• Angriff auf Menschenwürde
BVerfG 04.02.2010 – 1 BvR 369/04
„Aktion Ausländerrückführung - Für ein lebenswertes deutsches Augsburg“
(auch rechtsextremistische Meinungen geschützt, Angriff auf Menschenwürde
verneint);
„Ausländer raus“ kann Angriff auf Menschenwürde sein, falls weitere Umstände
hinzutreten (Reichskriegsflagge, OLG Brandenburg 28.11.2001 – 1 Ss 52/02).
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
1.2. Allgemeine Gesetze als Schranke, insbesondere:

§ 185 Beleidigung
Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe
und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit
Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
§ 186 Üble Nachrede
Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet,
welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung
herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr
ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat
öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit
Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
§ 192 Beleidigung trotz Wahrheitsbeweises
Der Beweis der Wahrheit der behaupteten oder verbreiteten Tatsache schließt
die Bestrafung nach § 185 nicht aus, wenn das Vorhandensein einer Beleidigung
aus der Form der Behauptung oder Verbreitung oder aus den Umständen, unter
welchen sie geschah, hervorgeht.
§ 193 Wahrnehmung berechtigter Interessen
Tadelnde Urteile über wissenschaftliche, künstlerische oder gewerbliche
Leistungen, desgleichen Äußerungen, welche zur Ausführung oder Verteidigung
von Rechten oder zur Wahrnehmung berechtigter Interessen gemacht werden,
sowie Vorhaltungen und Rügen der Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen,
dienstliche Anzeigen oder Urteile von seiten eines Beamten und ähnliche Fälle
sind nur insofern strafbar, als das Vorhandensein einer Beleidigung aus der Form
der Äußerung oder aus den Umständen, unter welchen sie geschah, hervorgeht.
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
§ 130 StGB Volksverhetzung
(1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,
1. zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder
Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder
2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung
beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,
wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer
eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in
§ 220a Abs. 1 bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen
Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder
verharmlost.
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
Meinungsfreiheitsbeschränkende Normen sind im Lichte des Art. 5 Abs. 1 GG
(„Wechselwirkung“) auszulegen: keine unverhältnismäßige Einschränkung

Der Begriff der Beleidigung darf nicht so weit ausgedehnt werden, dass für die
Berücksichtigung der Meinungsfreiheit kein Raum mehr vorhanden ist oder aber
von der Auslegung des StGB § 185 ein derart abschreckender Effekt auf den
Gebrauch des Grundrechts ausgeht, dass aus Furcht vor Sanktionen auch
zulässige Kritik unterbleibt.
BVerfG 10.10.1995 – 1 BvR 1476/91 (“Soldaten sind Mörder“)
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
Art. 5 Abs. 1 GG erfordert Auslegung der Meinungsäußerung
Ziel: möglichst hohes Maß an Freiheit der Äußerung; strenge Maßstäbe bzgl.
Formalbeleidigung, Schmähung (BVerfG 10.10.1995 – 1 BvR 1476/91)
BAG 18.12.2014 – 2 AZR 265/14:
Mehrdeutige Äußerungen (hier: des Arbeitnehmers) dürfen wegen eines
möglichen Inhalts nicht zu nachteiligen Folgen führen, ohne dass eine Deutung,
die zu einem von der Meinungsfreiheit gedeckten Ergebnis führen würde, mit
schlüssigen, überzeugenden Gründen ausgeschlossen worden ist.
BVerfG 04.02.2010 – 1 BvR 369/04:
„Im Zusammenhang mit den Kommunikationsgrundrechten hat die Anwendung
des einfachen Rechts durch die Fachgerichte nicht unerhebliche Rückwirkungen
auf die verfassungsrechtlich geschützten Positionen. Angesichts der
einschüchternden Wirkung, die staatliche Eingriffe hier haben können, muss
eine besonders wirksame verfassungsrechtliche Kontrolle Platz greifen, soll die
Freiheit dieser Lebensäußerungen nicht in ihrer Substanz getroffen werden.“
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben
1.3. Beispiele aus der jüngeren Rechtsprechung
BVerfG 29.06.2016 – 1 BvR 2646/15
RA gegenüber Journalist: „Dahergelaufene, durchgeknallte, widerwärtige,
boshafte, dümmliche, geisteskranke Staatsanwältin“
BVerfG: Sachbezug möglich
BVerfG 17.05.2016 – 1 BvR 257/14
ACAB auf dem Gesäßbereich der Hose bei Besuch eines Fußballspiels
BVerfG: fällt in den Schutzbereich des Art. 5 GG, nicht inhaltlos,
Abgrenzungsbedürfnis gegenüber der staatlichen Ordnungsmacht, je größer
Kollektiv desto geringer persönliche Betroffenheit
LG Hamburg 17.05.2016 – 324 O 255/16
J. Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik“ = Schmähkritik
„Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken“
1. Verfassungsrechtliche Vorgaben

1.4. Meinungsfreiheit im Arbeitsverhältnis


Grundrechte gelten auch im Arbeitsverhältnis
BVerfG 28.04.1976 – 1 BvR 71/73
BAG 12.11.2002 – 1 AZR 58/02 („zumindest mittelbar“)
Meinungsfreiheit: Mit der Bedeutung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit wäre
es unvereinbar, wenn es in der betrieblichen Arbeitswelt nicht oder nur
eingeschränkt anwendbar wäre
BAG 18.12.2014 – 2 AZR 265/14
Einschränkung durch allgemeine Gesetze:
auch „Grundregeln des Arbeitsverhältnisses“
BAG 09.12.1982 – 2 AZR 620/80
bzw. Rücksichtnahmepflicht, § 241 Abs. 2 BGB
BAG 24.11.2005 – 2 AZR 584/04
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

§ 626 BGB zweistufige Prüfung


a) Generelle Eignung als Kündigungsgrund
b) Interessenabwägung: Unzumutbarkeit der Fortsetzung bis Ablauf der
Kündigungsfrist
Zu a) ist zu prüfen, ob Sachverhalt generell ordentliche Kündigung sozial
rechtfertigen könnte
zutr. Jesgarzewski, AuR 2008, 427
D.h.: wenn generelle Eignung fehlt, wäre auch ordentliche Kündigung sozialwidrig
Strafbare Ehrverletzung ist generell als Kündigungsgrund geeignet
(zutr. Deeg/ Scheuenpflug, ArbRAktuell 2010, 548)
vgl. auch BAG 27.09.2012 – 2 AZR 646/11: „insbesondere wenn die Erklärungen
den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllen“
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

2.1. Ehrverletzende Äußerung als (Neben-)Pflichtverletzung

Als Nebenpflicht gem. § 241 Abs. 2 BGB anerkannt:


AN muss auf Rechte, Rechtsgüter und Interessen des AG Rücksicht nehmen,
zu berücksichtigen ist Stellung und Tätigkeit im Betrieb
z.B. BAG 18.12.2014 – 2 AZR 265/14: beleidigende Äußerungen und falsche
Tatsachenbehauptungen als Nebenpflichtverletzung
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

Gegenüber dem Arbeitgeber

BAG 21.01.1999 – 2 AZR 665/98:


„grobe Beleidigungen des Arbeitgebers oder seiner Vertreter und
Repräsentanten, die nach Form und Inhalt eine erhebliche Ehrverletzung für den
Betroffenen bedeuten“

BAG 25.05.1982 – 7 AZR 155/80:


„Das Aufstellen von ehrenrührigen Tatsachenbehauptungen gegenüber
Vorgesetzten stellt die Verletzung einer arbeitsvertraglichen Nebenpflicht dar“
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

BAG 02.04.1987 – 2 AZR 418/86


In grobem Maße unsachliche Angriffe, die zur Untergrabung der Position eines
Vorgesetzten führen können, muss der Arbeitgeber nicht hinnehmen
(„KZ-Methoden“)

BAG 17.02.2000 – 2 AZR 927/98


Berechtigt sind Arbeitnehmer allerdings grundsätzlich, unternehmensöffentliche
Kritik am Arbeitgeber und den betrieblichen Verhältnissen zu äußern. Diese kann
etwa in Betriebsversammlungen auch überspitzt und polemisch ausfallen. („Chef
macht Firma kaputt“,
anders aber „Millionen verschoben“ und „Zahlen hingedreht oder manipuliert“:
kündigungsrelevant)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

Gegenüber anderen Mitarbeitern

BAG 21.01.1999 – 2 AZR 665/98:


„grobe Beleidigungen gegenüber Arbeitskollegen, wenn diese in ihrer
Beharrlichkeit eine ernstliche Störung des Betriebsfriedens, der betrieblichen
Ordnung und des reibungslosen Betriebsablaufes verursachen“
BAG 27.09.2012 – 2 AZR 646/11:
„einen die fristlose Kündigung „an sich“ rechtfertigenden Grund stellen u.a.
grobe Beleidigungen des Arbeitgebers oder seiner Vertreter und Repräsentanten
oder von Arbeitskollegen dar, die nach Form und Inhalt eine erhebliche
Ehrverletzung für den Betroffenen bedeuten“
Den AG trifft Fürsorgepflicht hinsichtlich Ehrverletzung von Mitarbeitern
(Deeg/Scheuenpflug, ArbRAktuell 2010, 547; Häcker, ArbRB 2008, 120)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

Gegenüber Dritten

LAG Düsseldorf 19.12.1995 – 8 Sa 1345/95


Die in einem innerbetrieblichen Gespräch geäußerte Meinung einer Busfahrerin,
bei ihren Fahrgästen handele es sich zum größten Teil um „Abschaum“,
rechtfertigt weder eine fristlose bzw. ordentliche Kündigung noch einen
Auflösungsvertrag des Arbeitgebers, solange die innere Einstellung der
Arbeitnehmerin sich nicht auf die Arbeitsleistung bzw. auf das Arbeitsverhältnis
auswirkt.
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Schleswig-Holstein 08.04.2010 – 4 Sa 474/09


Bezeichnet ein Arbeitnehmer eine Person, die in einer Kundenbeziehung zum
Arbeitgeber steht, als Arschloch (5x), so ist dieser Sachverhalt an sich geeignet,
einen fristlosen Kündigungsgrund zu begründen.
Eine Arbeitgeberin kann es grundsätzlich nicht akzeptieren, dass ein
Arbeitnehmer den Vertreter eines Kunden, mit dem sie in Geschäftsbeziehungen
steht, beleidigt.
Bei der Prüfung auf der 2. Stufe (Berücksichtigung aller Umstände des
Einzelfalles) ist jedoch zu beachten, ob der Arbeitnehmer überhaupt die
Funktion und Stellung der Person erkannte und ob es sich um ein erstmaliges
Versagen handelte.
(im Streitfall verneint, fristlose und fristgerechte Kündigung unwirksam,
Abmahnung erforderlich)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

2.2. Sonderfall: Vertrauliches Gespräch

BVerfG 23.11.2006 – 1 BvR 285/06


Äußerungen gegenüber Familienangehörigen und Vertrauenspersonen, die in eine
Sphäre fallen, die gegen die Wahrnehmung durch den Betroffenen oder Dritte
abgeschirmt ist, genießen - auch dann, wenn sie gegenüber Außenstehenden oder
der Öffentlichkeit wegen ihres ehrverletzenden Gehalts nicht schutzwürdig wären -
in solchen Vertraulichkeitsbeziehungen als Ausdruck der Persönlichkeit und
Bedingung ihrer Entfaltung verfassungsrechtlichen Schutz, der dem Schutz der
Ehre des durch die Äußerung Betroffenen vor geht.
(Briefpost zwischen befreundeten Strafgefangenen: „Justizvollzugsbedienstete hier
"echt super"; kein Vergleich mit den unfähigen Arschlöchern aus M. Du wirst hier
wie ein Mensch behandelt und nicht wie ein Stück Dreck.“)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

BAG 30.11.1972 – 2 AZR 79/7


„Erfahrungssatz, dass angreifbare Bemerkungen über Vorgesetzte, sofern sie im
Kollegenkreis erfolgen, in der sicheren Erwartung geäußert werden, sie würden
nicht über den Kreis der Gesprächsteilnehmer hinausdringen“

BAG 17.02.2000 – 2 AZR 927/98


„Die Nichtberücksichtigung vertraulicher Äußerungen wird letztlich durch die
Gewährleistung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts (Art. 2 Abs. 1 iVm Art. 1
Abs. 1 GG) geboten, das die vertrauliche Kommunikation in der Privatsphäre als
Ausdruck der Persönlichkeit besonders schützt.“
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

BAG 10.12.2009 – 2 AZR 534/08


„Bei der rechtlichen Würdigung sind allerdings die Umstände zu berücksichtigen,
unter denen diffamierende oder ehrverletzende Äußerungen über Vorgesetzte
und/oder Kollegen gefallen sind. Geschah dies in vertraulichen Gesprächen unter
Arbeitskollegen, vermögen sie eine Kündigung des Arbeitsverhältnisses nicht
ohne Weiteres zu rechtfertigen. Der Arbeitnehmer darf anlässlich solcher
Gespräche regelmäßig darauf vertrauen, seine Äußerungen würden nicht nach
außen getragen.“
(Vorgesetzter in „Machenschaften“ verwickelt, Strafverfahren läuft, zum Schein
an Bandscheibe operieren lassen, Vertraulichkeit bejaht bei 3 Gesprächs-
teilnehmerinnen)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

D.h.: Vertraulichkeitsschutz ist nur Abwägungsgesichtspunkt


(ebenso Bauer/Günther, NZA 2013, 68; ähnlich Kort, NZA 2012, 1321: Kündigung
lässt sich nur „ausnahmsweise“ auf Äußerung im vertraulichen Gespräch
zwischen Arbeitskollegen stützen)

Fraglich, ob Vertrauen unabhängig vom Gesprächsinhalt geschützt ist


(Dzida/Förster, BB 2017, 760: Einschränkung bei „rassistischen, islamistischen
oder menschen-verachtenden Äußerungen; solche Äußerungen sind – anders als
bloße „Lästereien“ – sehr viel eher geeignet, Kontroversen auszulösen“)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

BAG 17.02.2000 – 2 AZR 927/98


Treffen unter Kollegen nach Dienstschluss in einer Gaststätte je nach Lage des
Falles als vertraulich anzusehen sein, aber nicht, wenn die Zusammenkunft der
Einleitung einer Betriebsratswahl dient
BAG 06.02.1997 – 2 AZR 38/96
Äußerung eines Tischlerhelfers gegenüber dem (betriebsfremden) Bauherrn,
dieser solle noch offenstehende Rechnungsbeträge nicht an die Beklagte
überweisen, sondern das Geld besser zum Kläger nach Hause bringen, wenn das
Geld erst der Geschäftsführer der Beklagten habe, sehe keiner mehr etwas davon.
BAG: kein Schutz der Vertraulichkeit
BAG 25.05.1982 – 7 AZR 155/80
kein Vertrauensschutz bei Äußerungen im BR-Büro zwischen zwei BR-Mitgliedern
(Vorwurf: Ausstellung von „Gefälligkeits“-Materialausschussmeldungen durch den
Vorgesetzten)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

ArbG Mainz, Urteil vom 15.11.2017 – 4 Ca 1240/17


Vertrauensschutz für Verbreitung von Bildern mit rechtsextremistischen Inhalt in
einer WhatsApp-Chatgruppe, die aus 6 Arbeitnehmern besteht und in der auch
dienstliche Inhalte ausgetauscht werden.

Berufung eingelegt beim Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz unter dem


Aktenzeichen 2 Sa 9/18
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

2.3. Gesichtspunkte für die Interessenabwägung

• Grad der Ehrverletzung

• Gesprächssituation
insbesondere: emotional geprägte Auseinandersetzung
Überlegte Äußerung oder spontaner Erregungszustand?
LAG Hessen 01.09.2006 – 3 Sa 1962/05:
„Sie lügen … wie immer“
Während des Arbeitskampfes sind auch drastischere Formulierung hinzunehmen
LAG Hessen 24.10.2000 – 9 TaBV 19/00: Transparent „Arschkriecher“ gegenüber
Streikbrechern
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

• Provokation durch AG oder Kollegen


LAG Köln 07.12.1995 – 10 Sa 717/95:
Gemeindearbeiterin, die nach erkennbar unberechtigter Denunziation (wegen
Krankheitsverhaltens) zu einer Rücksprache in der Personalabteilung erschienen
war, verabschiedet von dem dortigen Sachbearbeiter mit den Worten "blöder
Sack". Verhaltensbedingte Kündigung unwirksam.
LAG Düsseldorf 21.07.2004 – 12 Sa 620/04:
Hat ein knapp neun Monate beschäftigter Arbeitnehmer seinem Kollegen auf
dessen Bemerkung "Du Arschloch" ins Gesicht gespuckt, kann aus
verhaltensbedingten Gründen eine ordentliche Kündigung auch dann
gerechtfertigt sein, wenn der Arbeitnehmer anschließend durch einen
Faustschlag des Arbeitskollegen verletzt wurde, danach beide Beteiligten dem
Vorgesetzten erklärten, sich wieder zu vertragen und aufgrund der fristlosen
Entlassung des Arbeitskollegen eine Wiederholungsgefahr entfällt.
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

• Betriebliche Auswirkungen

• „Nachtatverhalten“ (Entschuldigung)

• Üblicher „rauer Umgangston“

• Vertraulichkeitsschutz (?)

• Bildungsstand des AN
(so Deeg/Scheuenpflug, ArbRAktuell 2010, 547)

• Sozialdaten des AN
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

2.4. Einzelfälle

2.4.1. Beleidigungen

ArbG Berlin 11.05.2001 – 88 Ca 5714/01


Bezeichnet der Arbeitnehmer den Geschäftsführer als "Arschloch", so liegt
dennoch kein wichtiger Grund iS des § 626 Abs 1 BGB vor, wenn der
Geschäftsführer an der Zuspitzung der mentalen Belastungslage des
Arbeitnehmers als Auslöser der beleidigenden Äußerung beteiligt war - etwa auf
Grund mehrmonatigen Lohnzahlungsrückstandes - und der Arbeitnehmer seiner
Bedrängnis durch die beleidigende Äußerung Ausdruck verschafft.
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Schleswig-Holstein 24.01.2017 – 3 Sa 244/16


AN, Handwerker, während Personalgespräch: Vater des GF verhält sich „wie ein
Arsch“, „dann kündigt mich doch“, GF: „damit wir dann als soziale Arschlöcher
dastehen“, AN: „seid ihr sowieso schon“, familiengeführter Kleinbetrieb: 3
Gesellen, 1 Azubi, Mutter GF, Vater GF
LAG: außerord. Kündigung (+)
keine Provokation, Äußerung 16 Stunden nach Auseinandersetzung mit Vater
des GF
(AN 62 Jahre, Betriebszugehörigkeit 23 Jahre)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Mecklenburg-Vorpommern 11.07.2017


– 5 TaBV 13/16
Psychologe, BR-Mitglied, verfasst mit weiteren BR-Mitgliedern nach
Betriebsversammlung Schreiben an Mitarbeiter: „Zeigen Sie, werter Herr Dr. G.,
dass Sie kein sozialinkompetentes "Arschloch" sind, das sich nur über die neuesten
Jaguarmodelle den Kopf zerbricht und setzen Sie sich dafür ein, dass der
Betriebsrat wirksam die Interessen der Belegschaft vertreten kann“
LAG: keine Kündigung, aber Ausschluss aus BR, weder Einkleidung in eine
Aufforderung noch Anführungsstriche schränken den Aussagegehalt ein, keine
spontane unüberlegte Überreaktion
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Mecklenburg-Vorpommern 23.03.2010 – 5 Sa 254/09


Bauarbeiter ggü. vorgesetzten Polier: „Komm her du Arschloch, ich hau dir paar
in die Fresse“
Kündigung (-), Beleidigung als Reaktion auf eine in der Sache nur schwer
nachvollziehbare und im Ton missglückte Anweisung des Vorgesetzten („Soll ich
mich noch dazustellen und mitquatschen oder geht es jetzt weiter?“);
Kläger, zur Rede gestellt: „Ich bin doch nicht dein Friseur“.
LAG Rheinland-Pfalz 12.08.2010 – 11 Sa 255/10
"Du kannst mich am Arsch lecken“ ggü. Teamleiter
ord. Kündigung (-),
da zwar im Anschluss ein Mitarbeitergespräch geführt, eine unmittelbare
Konsequenz hieran aber nicht geknüpft wurde,
und da die Arbeitsvertragsparteien das Arbeitsverhältnis unverändert über 5
Wochen fortgesetzt haben, bevor es zum Ausspruch einer Kündigung kam.
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Köln 21.08.1998 – 11 Sa 155/97


Eine „grobe“ Beleidigung des Arbeitgebers oder seines Vertreters, die eine
Kündigung ohne Abmahnung rechtfertigen soll, erfordert eine erhebliche
Ehrverletzung des Betroffenen; solche scheidet im Allg. aus, wenn sich der
Adressat selber nicht nennenswert gekränkt gefühlt hat (hier: „Mittelfinger“ –
möglicherweise nicht ggü. Person, sondern „allgemein“)
LAG Hessen 07.11.1996 – 3 Sa 1915/95
"hijo de puta“ (span.: Hurensohn) ggü. Vorgesetzten – ord. Kündigung (+),
unerheblich, wenn die Beleidigung in einer anderen als der deutschen Sprache
zum Ausdruck gelangt;
nicht im Sinne eines Selbstfluches nach innen gerichtet nur vor sich hin
gemurmelt, da laut und deutlich gesprochen, Worte klar und unmissverständlich
wahrgenommen
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Niedersachsen 12.02.2010 – 10 Sa 569/09


AN ggü. Repräsentanten von Kunden: Geschäftsführer A. habe ein
Alkoholproblem; einmal habe dieser infolge Alkoholgenusses die Orientierung
verloren und im Garten übernachtet. Geschäftsführer B. sei seiner Meinung
nach für die kaufmännische Leitung des Betriebes völlig ungeeignet, eine
kaufmännische Ausbildung habe er nicht abgeschlossen, er sei mehr an den
äußerlichen als an den fachlichen Qualitäten der weiblichen Mitarbeiter
interessiert.
LAG: Vertragspflichtverletzung unabhängig von Wahrheitsgehalt, keine
Wahrnehmung berechtigter Interessen, kein Vertraulichkeitsschutz
ord. Kündigung (+), aber außerord. Kündigung (-), da Arbeitsverhältnis seit 10
Jahren störungsfrei
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

BAG 18.07.1957 – 2 AZR 121/55


AN gibt als Ansager bei einer betrieblichen Veranstaltung einen Witz zum Besten
(„Bluttransfusion“)
LAG Hamm: außerord. Kündigung (+)
BAG: aufgehoben, zurückverwiesen
„altbekannter Witz, Geschmacklosigkeit, Unterhaltungs-Veranstaltung“
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

2.4.2. Fremdenfeindliches

BAG 05.11.1992 – 2 AZR 287/92


Lehrer, US-amerik. Staatsbürger, erzählt Witz vor 10. Klasse („Pizza“)
BAG: Verletzung der arbeitsvertraglichen Pflichten als Pädagoge,
keine Abmahnung notwendig, irreparable Zerstörung des
Vertrauensverhältnisses
ord. Kündigung (+)
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Baden-Württemberg 25.03.2009 – 2 Sa 94/08


Die Beschriftung einer Betriebstoilette mit juden- und türkenfeindlichen
Aussagen, die den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen, stellen
einen wichtigen Grund im Sinne des § 626 Abs 1 BGB für eine
außerordentliche Kündigung dar („Die Juden haben wir nur vergast! Aus
den Türken machen wir Fernwärme!“).
Keine Abmahnung erforderlich wegen Schwere der Pflichtverletzung.
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

BAG 01.07.1999 – 2 AZR 676/98


Zwei Auszubildende haben Schild mit der Aufschrift "ARBEIT MACHT FREI
TUERKEI SCHOENES LAND" hergestellt und an der Werkbank seines Kollegen D
angebracht
BAG: Auslegung der Äußerung - D soll seinem Arbeitseifer lieber in der Türkei
nachgehen
kein Kündigungsgrund „Ausländerfeindlichkeit“, aber Ehrkränkung und Störung
der innerbetrieblichen Verbundenheit,
Zurückverweisung an das LAG – Prüfung, ob Abmahnung entbehrlich
2. Kündigungsgrund: „innerdienstliche“ Äußerungen

LAG Hamm 03.05.2017 – 15 Sa 1358/16


AN: "scheiß Türke" (so AG) oder "kleiner Dreckstürke" (so AN),
Hintergrund: Streit um Pausenablösung, Entschuldigung nicht
angenommen
LAG: außerord. und ord. Kündigung (-)
Abmahnung erforderlich
(schwb, 25 Jahre Betriebszugehörigkeit)
LAG Nürnberg 07.11.2017 – 7 Sa 400/16
AN: „Polacken (= andere AN) können sich alles erlauben“
LAG: Abmahnung erforderlich, aufgebrachte Situation während des
Gesprächs mit Vorgesetztem (2,5 Jahre Betriebszugehörigkeit)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

3.1. Grenzen der vertraglichen Nebenpflichten

BAG 17.02.2000 – 2 AZR 927/98:


„Ein Arbeitnehmer ist nicht gehalten, von seinem Arbeitgeber nur positiv zu
denken und sich in seiner Privatsphäre ausschließlich entsprechend zu äußern.“

LAG Düsseldorf 24.02.1969 – 11 Sa 60/69


Ehewidrige Beziehungen eines Angestellten mit einer in demselben Betrieb
beschäftigten verheirateten Frau rechtfertigen eine fristlose Entlassung nicht.
„Der Beklagte verkennt insoweit seine Stellung als Arbeitgeber. Als solcher ist er
nicht zum Sittenrichter über die in seinem Betrieb tätigen Angestellten berufen;
er hat diesen gegenüber in aller Regel nur einen Anspruch darauf, dass sie die
arbeitsvertraglich übernommenen Pflichten ordnungsgemäß erfüllen.“
(DB 1969, 667)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

BAG 27.11.2011 – 2 AZR 825/09


„Der Arbeitnehmer ist auch außerhalb der Arbeitszeit verpflichtet, auf die
berechtigten Interessen des Arbeitgebers Rücksicht zu nehmen. Allerdings kann
ein außerdienstliches Verhalten die berechtigten Interessen des Arbeitgebers
oder anderer Arbeitnehmer grundsätzlich nur beeinträchtigen, wenn es einen
Bezug zur dienstlichen Tätigkeit hat.
Das ist der Fall, wenn es negative Auswirkungen auf den Betrieb oder einen
Bezug zum Arbeitsverhältnis hat. Fehlt ein solcher Zusammenhang, scheidet eine
Pflichtverletzung regelmäßig aus.“
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

BAG 11.12.1975 – 2 AZR 426/74


Das bloße Haben einer Überzeugung und die Mitteilung, dass man diese habe,
ist niemals eine Verletzung der Treuepflicht.
Eine kommunistische Betätigung kann allein noch nicht für eine fristlose
Kündigung ausreichen, wenn nicht ein konkreter Bezug auf das Arbeitsverhältnis
vorliegt.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

LAG Köln 07.07.1999 – 7 Sa 22/99


Das arbeitsvertragliche Kündigungsrecht des Arbeitgebers besteht nur zur
Wahrnehmung eigener Interessen des Arbeitgebers, nicht zur Ahndung von
Straftaten des Arbeitnehmers, auch nicht von Straftaten nach § 130 StGB
(Volksverhetzung).
Der dringende Verdacht, dass sich ein Arbeitnehmer einer Straftat nach § 130 StGB
schuldig gemacht hat, rechtfertigt alleine noch keine fristlose Kündigung, auch
nicht im öffentlichen Dienst.
(elektronische Witzesammlung an Kollegin weitergegeben, darunter auch
Judenwitze)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

BAG 24.06.2004 – 2 AZR 63/03


AN stellt (außerdienstliche) Schreiben in gewerkschaftliches Internet-Netzwerk,
Inhalt:
Skandal-Projekt „Hohe Fehlzeiten der türkischen Mitarbeiter, mögliche Ursache:
die Landeskultur“ von einem leitenden Mitarbeiter in Betriebsnachrichten
vorgestellt, Belegschaft als „brauner Mob“ aktiviert, „wagten sich, gestärkt durch
einen leitenden Angestellten, aus ihren Verstecken“
BAG: kein strafrechtlich relevantes Verhalten, keine Beleidigung, es fehlt schon
an einem direkten Personenbezug.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

(…)
„Erst im Rahmen der umfassenden Interessenabwägung hätte das
Landesarbeitsgericht ggf. eine mögliche Störung des Betriebsfriedens
berücksichtigen können. Bei der Interessenabwägung kann – neben anderen
Aspekten - berücksichtigt werden, ob es neben der Verletzung einer
Vertragspflicht auch noch zu konkreten negativen Auswirkungen im Bereich des
Arbeitgebers oder des betrieblichen Geschehens gekommen ist.
Eine alleinige Beeinträchtigung des Betriebsfriedens ohne konkrete Feststellung
einer arbeitsvertraglichen Pflichtverletzung reicht zur Annahme eines
verhaltensbedingten Kündigungsgrundes nicht aus.“
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

Problem: Wann ist eine private Äußerung als Vertragspflichtverletzung


anzusehen?
• Beleidigung des Arbeitgebers (+),
AN schuldet Achtung der Ehre auch außerhalb des Betriebes
• Beleidigung von Mitarbeitern (+),
AG hat berechtigtes Interesse daran, dass auch außerhalb des Betriebes keine
Ursachen für Störungen der Zusammenarbeit innerhalb der Belegschaft gesetzt
werden
• Beleidigung von Kunden/Geschäftspartnern (+),
AG hat berechtigtes Interesse daran, dass auch außerhalb des Betriebes keine
Ursachen für Störungen des Unternehmenszwecks gesetzt werden
• Äußerung extremer politischer Meinung (?)
Möglw. Straftat, aber kein Schutz des AG. Kommt es auf (vorhersehbare) Störung
betrieblicher Interessen an? Rufschädigung des AG?
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

3.2. Besonderheiten bei Äußerungen im Internet

3.2.1. Verwertbarkeit
Recherche des AG im Internet stets angemessen, wenn Informationen öffentlich
(Fuhlrott/Oltmanns, NZA 2016, 787)
Anders, wenn AG sich – etwa durch Täuschung über Identität – Zugang zu
Äußerung erschleicht
(Burr, NZA Beilage 3/2015, 116 f.; Fuhlrott/Oltmanns, NZA 2016, 788)
Keine Verletzung des Rechts am eigenen Bild, wenn AN selbst Bilder in sozialen
Netzwerken verbreitet
(ArbG Mannheim 19.05.2015 – 7 Ca 254/14)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

3.2.2. Zurechnung
ArbG Dessau-Roßlau 21.03.2012 – 1 Ca 148/11
Die Klägerin arbeitet bei der Sparkasse. Der Ehemann der Klägerin postete auf
seiner Internetseite bei dem sozialen Netzwerk „Facebook“ folgende
Eintragungen: „Hab gerade mein Sparkassen-Schwein auf Ralf-Thomas getauft“
... Naja, irgendwann stehen alle Schweine vor einem Metzger“.
Ralf und Thomas sind die Vornamen der Vorstandsmitglieder.
Der Ehemann der Klägerin veröffentlichte auf dieser Seite zudem eine
piktographische Fischdarstellung, bei der das Mittelstück des Fisches durch das
Sparkassensymbol dargestellt ist. Neben dem Piktogramm befand sich die
Anmerkung „Unser Fisch stinkt vom Kopf“.
Unter dem Fischpiktogramm befand sich mit dem Kommentar „gefällt mir“ der
Name der Klägerin. Die Facebook-Seite des Ehemannes der Klägerin war für 155
„Freunde“, u.a. auch zahlreiche Mitarbeiter und Kunden der Beklagten,
einsehbar.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG:
Aktivitäten des Ehemannes sind nicht kündigungsrelevant, da die Klägerin
grundsätzlich keine Verantwortung für von ihrem Ehemann abgegebene
Stellungnahmen trägt;
Betätigen des „gefällt mir“ Buttons ist nicht kündigungsrelevant, da Klägerin
unwidersprochen vorgetragen hat, ihr Ehemann habe Zugang zu ihrem
Facebook-Account und habe den Button selbst betätigt.

Betätigung des „gefällt mir“ Buttons


= zurechenbare Äußerung, die bestätigt und bekräftigt
(Aszmons, DB 2016, 412; Burr, NZA Beilage 3/2015, 116;
Kock/Dittrich, DB 2013, 936)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

Kritik: ArbG überspannt Darlegungslast der Beklagten


substantiierter Vortrag des AN zu behauptetem abweichendem Geschehensablauf
erforderlich - § 138 ZPO
(vgl. LAG Hessen 13.04.2015 – 7 Sa 1013/14: Erkundigung über Betreiber der
Internetplattform; ArbG Gelsenkirchen 24.11.2015 – 5 Ca 1444/15; Aszmons, DB
2016, 413)
oder Anscheinsbeweis zugunsten des AG (so Bauer/Günther, NZA 2013, 73; Burr,
NZA Beilage 3/2015, 116; Fuhlrott/Oltmanns, DB 2017, 1843)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

3.2.3. Interessenabwägung

LAG Hessen 28.01.2013 – 21 Sa 715/12


Bei einer verhaltensbedingten Kündigung wegen Beleidigung des Arbeitgebers in
einem Internetforum ist im Rahmen der Interessenabwägung zu berücksichtigen,
dass auf Grund der Schnelllebigkeit des Internets und seiner unübersehbaren
Größe eine beleidigende Äußerung in ihrer herabwürdigenden Wirkung weniger
schwer wiegt als eine Erklärung, die in einem persönlich adressierten Brief oder im
Angesicht des Betroffenen getätigt wird und damit als abgegrenzter Einzelakt für
sich steht.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

(…)
AN veröffentlicht in offener Facebook-Gruppe: „ich kotze gleich…… so asoziale
Gesellschafter gibt´s wohl kaum ein 2tes Mal: (Wieviele Lügen, sowie Gehälter
bei Neulingen, welche vor dem Gesetz als "Sittenwidrig" gelten, soll es noch
geben :-( “,
Hintergrund: angespannte wirtschaftliche Situation, Warnstreiks
LAG: außerord. und ord. Kündigung (-), keine hinreichend schwere
Pflichtverletzung (schwb, 28 Jahre Betriebszugehörigkeit)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

Kritik:
Die Schwere der Ehrkränkung wird ganz überwiegend gerade daraus abgeleitet, dass
sie durch Verbreitung im Internetgrößere Intensität gewinnt, vgl.
Kock/Dittrich, DB 2013, 937; Burr, NZA Beilage 3/2015, 116: kann dauerhaft und
beliebig abgerufen werden;
LAG Baden-Württemberg 22.06.2016 – 4 Sa 5/16:
der beleidigende Arbeitnehmer hat keine Kontrolle mehr darüber, ob sein
Kommentar öffentlich wird;
Bauer/Günther, NZA 2013, 71: auch ein Beitrag, der später gelöscht wird, kann schon
„Kreise gezogen haben“;
Aszmons, DB 2016, 414; Fuhlrott/Oltmanns, DB 2017, 1846: Größe des
Empfängerkreises ist (nur) Abwägungskriterium.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

3.3. Einzelfälle
3.3.1. Beleidigungen
ArbG Hagen 16.05.2012 – 3 Ca 2597/11
AN postete auf seiner Pinnwand im Facebook-Profil folgenden Text:
"hi M1, mir geht’s gut, und dir hoffe ich auch. Habe mich über diesen scheiss G1
geärgert hat mir zwei abmahnungen gegeben innerhalb von drei monaten
wegen rauigkeit. Diesen kleinen scheisshaufen mache ich kaputt, werde mich
beschweren über diesen wixxer bin 32jahre hier dabei und so ein faules schwein
der noch nie gearbeitet hat in seinem scheissleben gibt mir zwei abmahnungen,
da hat er sich im falschen verguckt diese drecksau naja sag mal bis bald“.
Andere Mitarbeiter antworteten. Das Profil des Klägers wies zum Zeitpunkt des
Ausspruchs der Kündigung insgesamt 70 sogenannte "Freunde" auf. 36 dieser
"Freunde" waren zum Zeitpunkt der angegriffenen Kündigung Mitarbeiter der
Beklagten.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG Hagen:
grob beleidigende Äußerungen in Bezug auf seinen unmittelbaren Vorgesetzten
G1 über seine Pinnwand jedenfalls bedingt vorsätzlich quasi betriebsöffentlich
getätigt,
kein Vertraulichkeitsschutz

Den Vertraulichkeitsschutz der Facebook-Kommunikation verneinen generell –


auch zwischen „Freunden“ – Bauer/Günther, NZA 2013, 73; Kock/Dittrich, DB
2013, 932;
ebenso Dzida/Förster, BB 2017, 750
(Ausnahme: persönliche Mitteilung, Chat zwischen zwei Personen)
mit dem Hinweis auf die durchschnittliche Zahl der Freunde je Facebook-Nutzer
(nämlich 342)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG Hagen:
Abmahnung wegen Schwere der Pflichtverletzung entbehrlich,
Interessenabwägung führt zur Unwirksamkeit der außerord. Kündigung,
ord. Kündigung (+)
(Alter: 52 Jahre, Betriebszugehörigkeit 32 Jahre)
Kl: Posting erfolgte versehentlich aufgrund eines Bedienfehlers, ArbG:
unsubstantiiert
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

LAG Hamm 10.10.2012 – 3 Sa 644/12


Beschreibt ein Auszubildender auf seiner Facebook-Seite seinen
Arbeitgeber als "Menschenschinder" und "Ausbeuter" und bezeichnet
seine zu verrichtende Tätigkeit als "dämliche Scheiße", stellt dies massiv
ehrverletzende Äußerungen dar, die zum Ausspruch einer
außerordentlichen Kündigung des Berufsausbildungsverhältnisses
geeignet sind.
Ausreichend ist die Erkennbarkeit des AG für Freunde und Bekannte des
Azubi.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

3.3.2. Fremdenfeindliches
LAG Rheinland-Pfalz 19.12.2016 – 3 Sa 387/16
AN = Lokführer, später Lagerist, postet auf Facebook u.a.:
Foto von Kollegen "3 Promillos ",
Foto von BR: "Schirmträger und Schleimer",
"Unser Chef war ein Wunderkind. Er hatte schon mit 6 Jahren dieselben
Fähigkeiten wie heute! Wie wahr"
"Chef meint, ich soll mich bei der Arbeit nicht von jedem Penner ablenken lassen,
habe ihn ignoriert";
ferner Posts im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik "Warum seid ihr feigen
Dreckschweine denn ohne sie abgehauen?".
AN bezeichnete sich auf der Facebook-Seite als "Lagerist bei der C. und XY und
Triebwagenführer"
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

LAG:
Selbst polemische und beleidigende Werturteile oder rechtsextremistische
Äußerungen fallen in den Schutzbereich des Art 5 Abs 1 GG, soweit sie - trotz
aller Niveaulosigkeit - als Teil des Meinungskampfes verstanden werden müssen.
Kläger hat sich in seinem Facebook Account selbst als Mitarbeiter der Beklagten
erkenntlich gemacht, so damit ohne weiteres der notwendige Bezug zum
Arbeitsverhältnis gegeben.
Aber: keine Auswirkungen auf Betriebsfrieden, keine strafbare Volksverhetzung,
Verbindung zum AG nach Zugang Kündigung auf Facebook gelöscht
außerord. Kündigung (-), Abmahnung ausreichend.
(Alter: 53, Betriebszugehörigkeit: 24 Jahre, ordentlich unkündbar)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG Mannheim 19.02.2016 – 6 Ca 190/15


AN, Triebfahrzeugführer, hat auf dem betreffenden Facebook-Nutzerkonto ein
Bild geteilt, das das Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz mit der Tor-
Überschrift „Arbeit macht frei“ zeigt, darunter, in polnischer Sprache: „Polen ist
bereit für die Flüchtlingsaufnahme“.
Das fragliche Bild war ursprünglich auf der polnischen Satire- und Witzeseite
"Chamsko.pl" veröffentlicht und auf Facebook verbreitet worden.
Auf dem Profil ist der AG angegeben und der AN in Dienstkleidung zu sehen.
Nachdem AG ihn zur Stellungnahme aufforderte, löschte AN das Bild und
entschuldigte sich.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG:
Pflichtverletzung liegt vor, keine Äußerung im rein privaten Bereich, da AG
erkennbar;
außerord. und ord. Kündigung (-)
im Rahmen der Interessenabwägung wurde berücksichtigt:
Betriebszugehörigkeit 14 Jahre, Entschuldigung
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG Gelsenkirchen 24.11.2015 – 5 Ca 1444/15


AN = Gärtner/Straßenreiniger bei kommunalem AG
Posting auf Facebook-Account u.a.:
„Alle die mit so welchen Leuten zusammen sind sprich Ausländer sollten
zusammen geschlagen werden und die Kinder die da raus entstehen sollten
erschlagen werden. wehr eine deutsche Frau hat und die mit ein Ausländer
zusammen ist sollte geächtet werden und an den Pranger gebracht werden“;
„Mein Hass könnt ihr haben oder eins auf den kopf mit den guten alten
Eisenstangen bis zur Grenze“;
„erhebt euch wir lassen uns zu viel gefallen deutsche schlagt zurück geht auf die
Straße holt euch das pack“.
AG ist auf dem Account ausdrücklich bezeichnet.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG:
Es liegt auf der Hand, dass die Äußerung extremer politischer Auffassungen
durch einen Mitarbeiter im öffentlichen Dienst dem Ruf des Arbeitgebers
abträglich sein kann. Ein Arbeitnehmer hat in seiner politischen
Meinungsäußerung Zurückhaltung zu üben. Dies gilt jedenfalls und ohne
Einschränkung für die Äußerung rechtsextremer Ansichten und entspricht der
Loyalitätspflicht des Arbeitnehmers gegenüber seinem Arbeitgeber.
Abmahnung entbehrlich, schwere Pflichtverletzung (Alter: 43 Jahre,
Betriebszugehörigkeit: 16 Jahre, kinderlos verheiratet),
außerord. Kündigung (+)
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

Kläger: Account „gehackt“.


ArbG:
Äußerung stammt vom Kläger. Das pauschale Bestreiten des Klägers, Urheber
dieser Äußerungen zu sein, genügt nicht. Die bloße Möglichkeit des Hackings
bzw. der Kopie seines Accounts durch einen Dritten ersetzt keinen
substantiierten Tatsachenvortrag.

Im Berufungsverfahren (LAG Hamm – 17 Sa 48/16)


wurde ein Sachverständigengutachten zur Urheberschaft der Äußerungen
eingeholt; die Parteien haben einen Vergleich abgeschlossen.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

Ergebnis des Sachverständigengutachtens:


Der Inhalt des Facebook Accounts (Kommentare und Likes) lässt sich mit
normalen Benutzerrechten nicht kopieren, sondern lediglich „nachbauen“. Für
jeden „Freund“ müsste ein Fakeprofil erstellt werden. Eine Rückdatierung von
geteilten Inhalten ist nicht möglich.
→ Nachbau (sehr) unwahrscheinlich
Denkbar wäre die Erstellung einer Kopie des Accounts durch einen Facebook-
Administrator oder durch eine technische Fehlfunktion.
→ auch (sehr) unwahrscheinlich
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

LAG Sachsen 27.02.2018 – 1 Sa 515/17


Veröffentlicht ein Arbeitnehmer auf einer rechtsradikalen Facebook-Seite unter
seinem Namen und in Straßenbahnuniform ein Foto mit einer meckernden Ziege
mit der Sprechblase "Achmed, ich bin schwanger", so kann dies eine fristlose
Kündigung der im Eigentum einer Stadt stehenden Straßenbahngesellschaft
rechtfertigen.
„Das Ziegenfoto hat nichts mit Satire zu tun, sondern enthält ausschließlich eine
menschenverachtende und menschenherabwürdigende "Botschaft". Eine solche
Schmähkritik ist von der Meinungsfreiheit nicht geschützt.
Der Bezug zum Arbeitsverhältnis liegt darin, dass der Kläger sich auf der Internet-
Plattform öffentlich neben dem Ziegenbild in seiner Uniform als
Straßenbahnschaffner und unter seinem Namen abbilden ließ.“
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

(…)
„Den Bezug dieser Schmähkritik gegenüber türkischen Ausländern musste die
Beklagte nicht hinnehmen. Dadurch sind erhebliche Interessen der Beklagten
beeinträchtigt worden. Die Beeinträchtigung liegt darin, dass die Beklagte durch
diesen Bezug auch in die Nähe der Ausländerfeindlichkeit, wenn nicht gar des
Ausländerhasses gesetzt wurde. Dies zeigen auch die empörten Reaktionen der
örtlichen Tageszeitung. Die Beklagte, welche zu 100 Prozent in der Hand der Stadt
... liegt und damit – wenn auch privatrechtlich organisiert – Teil des öffentlichen
Dienstes ist, hat ein erhebliches Interesse daran, die Grundwerte des
Grundgesetzes zu achten und damit schweren ausländerfeindlichen Tendenzen
entgegenzuwirken.“
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

Erweiterte Nebenpflichten im öffentlichen Dienst?


§ 3 TVöD, § 41 BT-V:
„Beschäftigte bei Arbeitgebern, in deren Aufgabenbereichen auch hoheitliche
Tätigkeiten wahrgenommen werden, müssen sich durch ihr gesamtes Verhalten
zur freiheitlich demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes
bekennen.“
BAG 10.09.2009 – 2 AZR 257/08
Für nicht hoheitlich tätige Arbeitnehmer des öffentlichen Dienstes gelten nach §
41 Satz 1 TVöD-BT-V keine weitergehenden vertraglichen Nebenpflichten als für
die Beschäftigten der Privatwirtschaft. Die früher in § 8 Abs. 1 Satz 1 BAT und § 8
Abs. 8 MTArb vorgesehenen besonderen Anforderungen an das außerdienstliche
Verhalten der Arbeitnehmer sind von den Tarifvertragsparteien aufgehoben
worden.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

BAG 06.09.2012 – 2 AZR 372/11


§ 3 Abs. 1 S. 2 TV-L kann nicht so verstanden werden, dass alle Arbeitnehmer des
öffentlichen Dienstes einer beamtenähnlichen und damit gesteigerten
Treuepflicht unterlägen. Das Maß der einem Beschäftigten des öffentlichen
Dienstes abzuverlangenden Loyalität gegenüber der Verfassung bestimmt sich
vielmehr nach der Stellung und dem Aufgabenkreis, der dem Beschäftigten laut
Arbeitsvertrag übertragen ist.
Arbeitnehmer, die nur eine "einfache" politische Treuepflicht trifft, müssen ein
Mindestmaß an Verfassungstreue insoweit aufbringen, als sie nicht darauf
ausgehen dürfen, den Staat, die Verfassung oder deren Organe zu beseitigen, zu
beschimpfen oder verächtlich zu machen. Das gilt gleichermaßen für den
dienstlichen wie den außerdienstlichen Bereich.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

ArbG Herne 22.03.2016 – 5 Ca 2806/15


Kläger (Bergmechaniker unter Tage) kommentierte auf der Facebookseite des
Fernsehsenders n-tv einen Beitrag über einen Brand in einer Thüringer
Asylunterkunft in der Nacht vom 04. Oktober 2015 mit der Überschrift "Drama in
Thüringen: Leiche nach Brand in Asylunterkunft gefunden" mit folgenden
Worten:
"hoffe das alle verbrennen, die nicht gemeldet sind".
Auf der Facebookseite des Fernsehsenders erschien neben dem Kommentar ein
Profilbild sowie der Profilname des Klägers. Sobald Besucher der Webseite, die
ihrerseits bei Facebook angemeldet waren, mit der Maus über den Namen oder
das Bild fuhren, öffnete sich in einem sogenannten „PopUp-Fenster“ die
Profilseite des Klägers, an dessen oberster Stelle der Arbeitgeber benannt
wurde.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

(…)
Auf den Kommentar des Klägers reagierten andere Besucher der Webseite, so
schrieb unter anderem ein Besucher wörtlich: „(…), du bist ja mal der
Oberknaller. Scheint so als wenn du mit "brauner " Kohle zu tun hast.
Screenshots sind doch was feines.“

ArbG:
außerord. Kündigung (+);
Kläger hat seine Pflicht zur Rücksichtnahme auf die Interessen der Beklagten
verletzt in dem er unter Verwendung eines öffentlich zugänglichen Facebook-
Profils, in dem die Beklagte in identifizierbarer Weise als Arbeitgeber benannt
wurde, einen volksverhetzenden Kommentar auf der Facebookseite des
Fernsehsenders n-tv veröffentlicht hat.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

(…)
Kläger hat seine Pflicht zur Rücksichtnahme auf die Interessen der Beklagten
verletzt, indem er unter Verwendung eines öffentlich zugänglichen Facebook-
Profils, in dem die Beklagte in identifizierbarer Weise als Arbeitgeber benannt
wurde, einen volksverhetzenden Kommentar auf der Facebookseite des
Fernsehsenders n-tv veröffentlicht hat.
3. Kündigungsgrund: „außerdienstliche“ Äußerungen

(…)
ArbG nimmt an:
Kläger war sich bei Abfassung der streitgegenständlichen Kommentare der
Benennung der Beklagten in seinem Facebook-Profil nicht bewusst.
„Ferner war zu berücksichtigen, dass sich die Pflichtverletzung des Klägers nicht
unmittelbar auf die betrieblichen Abläufe bei der Beklagten auswirkte, sondern
außerbetrieblich zu einer Beeinträchtigung des Ansehens der Beklagten geführt
hat. Deshalb kommt es im Rahmen der Interessenabwägung weniger darauf an,
wie sich die Reaktion der Beklagten innerbetrieblich auswirkt, sondern darauf,
wie die Beklagte auch nach außen hin angemessen auf das Fehlverhalten des
Klägers reagieren kann.“
Schwere Pflichtverletzung, Abmahnung nicht erforderlich
(Alter: 48 Jahre, Betriebszugehörigkeit: 32 Jahre)
Außerdienstliche Äußerungen
- Grenzen der vertraglichen Nebenpflichten

Problem:
Wann ist eine private Äußerung als Vertragspflichtverletzung anzusehen?
• Beleidigung des Arbeitgebers (+++),
AN schuldet Achtung der Ehre auch außerhalb des Betriebes.
• Beleidigung von Mitarbeitern (++),
AG hat berechtigtes Interesse daran, dass auch außerhalb des Betriebes keine
Ursachen für Störungen der Zusammenarbeit innerhalb der Belegschaft gesetzt
werden.
• Beleidigung von Kunden/Geschäftspartnern (+),
AG hat berechtigtes Interesse daran, dass auch außerhalb des Betriebes keine
Ursachen für Störungen des Unternehmenszwecks gesetzt werden.
• Äußerung extremer politischer Meinung (?)
Möglw. Straftat, aber kein Schutz des AG. Kommt es auf (vorhersehbare) Störung
betrieblicher Interessen an? Rufschädigung des AG?
Außerdienstliche Äußerungen
- Grenzen der vertraglichen Nebenpflichten

Hat eine ehrverletzende/(rechts-)extreme außerdienstliche Äußerung stets Bezug


zum Arbeitsverhältnis, wenn der AG ausdrücklich genannt wird oder erkennbar
ist?

Dazu Fischer, jurisPR-ArbR 19/2016 Anm. 2:


Kündigungsrelevanter Bezug zum Arbeitsverhältnis, wenn (alternativ)
- AN = Repräsentant des AG
- Zweifel an Bereitschaft, Hauptpflicht zu erfüllen
- innerbetriebliche Friedensstörung
- Rufschädigung des AG nur bei Tendenzunternehmen