Sie sind auf Seite 1von 31

Mediennutzung und Medienbildung

in der Schule
Inwiefern unterscheiden sich die Erfahrungen mit und Erwartungen an
digitale/n Medien der SuS und LuL?

Julian Rausch, Luisa Ruschinski, Yannick Wille

Forschungswerkstatt Medienpädagogik - Jun.-Prof. Dr. Jasmin Bastian


Sommersemester 2019 & Wintersemester 2019/20

1
Methodisches Vorgehen

Integration qualitativer und quantitativer Forschungsergebnisse

• Forschungsergebnisse konvergieren
• Forschungsergebnisse verhalten sich komplementär zueinander
• Forschungsergebnisse sind divergent

Inhaltlicher Vergleich:
Vergleich von Erfahrungen mit und Erwartungen an digitale/n Medien in der Schule von
SuS und LuL.
Methodisches Vorgehen

Quantitativ:
• Onlinebefragung der Lehrpersonen im Rahmen des Projekts „Digital Leader
Education“
• Auswertung mit SPSS

Qualitativ:
• Problemzentriertes (Gruppen)interview nach Witzel im Rahmen des Projekts „Digital
Leader Education“
• Auswertung mit Objektiver Hermeneutik

3
Mediennutzung vs. Medienbildung

• Medienbildung: Transformatorischer Prozess, in dem eigene Deutungs- und Verhaltensmuster,


bspw. mittels Reflexion, kontinuierlich erweitert werden (nach Jörissen/Marotzki).

• Tulodziecki: Dimensionen der Medienbildung


1. Zieldimension
2. Vorgehensdimension
3. Dimension der Mediennutzung
4. Inhaltsdimension
5. Dimension des Wissens und Könnens
6. Entwicklungsdimension

 Die funktionale Nutzung von Medien ist nur ein Bestandteil der Medienbildung. Lernen über Medien
ist daher nicht durch Lernen mit Medien zu ersetzen.

4
Ausgangsstudien

• JIM-Studie

• ICILS 2018

Schulbezogene Nutzung
digitaler Medien in der Schule:
• 22,8% wöchentlich
• 4,4% täglich
...außerhalb der Schule:
• 42% wöchentlich

5
Erfahrungen:
Digitale Medien als Medium für tradierte Formen
• Bücher vs. digitale Medien

"Ähm, ich glaub, sie wurde auch sehr unterschiedlich genutzt. Ich persönlich habe es nicht
so gerne benutzt. Ich fande es immer anstrengend. Erstmal hochfahren, warten, einloggen.
Da konnte ich dreimal schneller in meinem Buch nachschauen."

"Und zuhause nutze ich das eigentlich nur, wenn ich Hausaufgaben hab' und nicht so
freiwillig. Und wenn man es halt freiwillig nutzen will, dann is' halt auch so Bücher, wo
man dann halt auch für Arbeiten lernen kann oder man kann sich glaube ich so ne, so nen
eigenen Test zusammenstellen, den man dann vor Arbeiten machen kann."

7
JIM-Studie 2018:

"Die Studiendokumentation zeigt, wie sich Jugendliche einerseits neue Techniken und
Angebote schnell aneignen und in ihr Leben integrieren, andererseits aber gewisse
Nutzungsmuster sehr stabil bleiben. Sehr anschaulich wird dies bei der Nutzung von
Büchern, die sich über die 20 Jahre kaum geändert hat." (JIM-Studie 2018, S. 75)

8
Erfahrungen:
Digitale Medien als Medium für tradierte Formen
• Arbeit im Computerraum als tradierte Arbeitsform

S3: Wir gehen in einen extra Raum. Da ist ne ganz andere Atmosphäre als in der
Klasse.
I: Das heißt, *unverständlich* sind da Computerräume, oder?
S1, S2, S3: Ja. *einstimmig*

"Da haben wir ne Doppelstunde und die eine Stunde gehen wir dann zum
Bettermarks."

 Räumliche Trennung

9
Wofür haben Sie digitale Medien im Unterricht bisher genutzt?
1
D3
0.9

0.8

0.7

0.6

0.5

0.4

0.3

0.2

0.1

0
Mittelwert
Bettermarks, Navigium digitale Schulbücher oder E-books
Rechercheaufgaben von SuS Notizen
Bereitstellung von Lernvideos (Flipped Classroom) Robotik-Projekte
Förderung von Medienkompetenz/-bildung
10
Erfahrungen:
Digitale Medien als Medium für tradierte Formen
Beispiel:

I: Gut. Kommer zu dem K.I. Thema. Könnt ihr ma' beschreiben, was ihr da macht?
S1: Ähm... das ist jetzt schon en bissel her. Äh... *lachen*
I: Was ist ihr gemacht habt?
S1: Ja, mhh... aber...
I: Aber ganz grob, nur so.
S1: ... wir ham über maschinelles Lernen geredet, wir haben über Intelligenz
geredet. Also erstmals so generell beim Menschen und dann ham wir das halt
kombiniert.
Mit digitalen Medien kann man im Unterricht manchmal etwas erreichen.
Was verändert sich in Ihrer Klasse, wenn Sie digitale Medien einsetzen?
4 Diagramm D6
3.5

2.5

1.5

0.5

0
Mittelwert
SuS sind motivierter SuS sind aufmerksamer SuS arbeiten aktiver mit
SuS sind mehr überfordert SuS sind eher abgelenkt Der Unterricht ist mehr lehrerzentriert
Der Unterricht bezieht SuS mehr ein Es findet keine Veränderung statt
12
Erfahrungen:
Unbestimmtheit der Vorstellungen von digitalen Medien
I: Wie wäre eine Schule nur mit digitalen Medien? Braucht man überhaupt noch Lehrer?
S1: Ja…
S3: Ja, ich denke schon, weil der…das Internet kann einem nicht alles erklären und zumindest ich sehe das, wenn ich etwas im
Internet, wenn ich etwas nicht verstehe - nachschaue, kommt da erstmal Wikipedia.
I: Mhm.
S3: Dann noch ganz viele andere, aber das erste worauf man meistens klickt ist Wikipedia. Und dann sind dann da ganz viele
Begriffe, die man einfach teilweise nicht versteht. Ich glaube, man braucht schon noch den Lehrer, der vorne steht, einem das an
Beispielen erklärt, wo man mitmachen kann. Weil zum Beispiel, das kann man ja im Internet nicht machen, dass man interaktiv
glaube ich ist das, mit denen arbeiten kann.
I: Mhm.
S3: …sondern da wird einem das einfach vorgegeben und das wars dann halt eigentlich so. Also das man einfach mal Fragen
irgendwie stellen kann, die gerade dazu passen, das fehlt halt irgendwie.
S1: Man kann vor allem glaube ich niemals einen Menschen gegen eine Maschine in solchen pädagogischen, nennen wirs mal
pädagogischen Bereichen…einsetzen. Weil halt ne Maschine nicht so auch auf persönliche Bedürfnisse eingehen kann. Weil
Menschen verstehen Sachen auch unterschiedlich schnell, unterschiedlich leicht und da kann glaube ich das Internet oder sowas
nicht nen Lehrer oder ne Lehrerin ersetzen.

14
Auch über die Bedeutung von Medien in unserer Gesellschaft und in der Zukunft

4
M2 kann man unterschiedlicher Meinung sein. Wie sieht dies bei Ihnen aus?

3.5

2.5

1.5

0.5

0
Mittelwert
Ohne digitale Medien kann man heute in keinem Beruf mehr bestehen.
Ohne digitale Medien kann man heute im sozialen Leben kaum bestehen.
Lernen mit digitalen Medien ist für Kinder heute authentisches, lebensnahes Lernen.
In digitalen Gesellschaften verändert sich automatisch die Lernkultur.
Digitale Medien sind für Erwachsene wichtig, Kinder sollte man davon aber fern halten.
Digitale Medien sind vielfach überflüssig und verdrängen anderes Wichtigeres.
15
Bastian/Aufenanger: Medienbezogene Vorstellungen (S. 28)
16
Erfahrungen: Externe Motivation

• Belohnungssystem

"Also ich finde es eigentlich schon toll, weil es macht auch immer Spaß. Vor allem bei bettermarks
und Learning Apps und wenn man was falsch hat, kommt bei bettermarks zum Beispiel auch so ein
Männchen, was dann so einen Spruch macht und das einen wieder motiviert und wenn man's halt
richtig hat, kriegt man Sterne. Und das mo… ich finde das motiviert einen. Das macht dann
auch mehr Spaß zu lernen, als wenn man im Buch zwei, eine Stunde davorsitzt und alle Formen
auswendig lernst und so… ja, ich finde das eigentlich ganz gut."

17
Erfahrungen: Externe Motivation

• Raumwechsel als Abwechslung

I: Warum? Also was findet ihr, du hast es ja auch schon ein bisschen beschrieben, w… f…
*unverständlich* was findet ihr toll an bettermarks?
S3: Es ist halt so besonders. Nicht so, dass man immer in der Klasse sitzt sondern auch, dass
man es so digital hat und… also anders, als halt in der Grundschule und… so.
I: Was heißt „nicht in der Klasse sitzt“. Wenn ihr bettermarks benutzt, was… wie macht ihr das dann?
S3: Wir gehen in einen extra Raum. Da ist ne ganz andere Atmosphäre, als in der Klasse.

18
Erfahrungen: Externe Motivation

• Hausaufgaben als Zwang

"Was mich bei bettermarks immer ein bisschen gestört hat war, dass man die Übungen
nicht selber raussuchen konnte. Also es gab ja immer dann Hausaufgaben, die wir
bekommen haben. Da waren das teilweise manchmal so Sachen, wo man denkt: Och,
keine Lust, kenn ich eh schon, langweilt mich irgendwie."

19
Welche Erwartungen haben Sie an den Einsatz digitaler Medien
im Unterricht?
Die SuS werden motivierter.

Stimme eher nicht zu 15%

Stimme nicht zu 1%

Fehlend 7%

Stimme eher zu 54%

Stimme voll zu 22%

20
Mit digitalen Medien kann man im Unterricht manchmal etwas
erreichen. Was verändert sich in Ihrer Klasse, wenn Sie digitale
Medien einsetzen?
SuS sind motivierter.

Fehlend 20%
trifft voll zu 23%

trifft nicht zu 0%

trifft eher nicht zu 6%

trifft eher zu 51%

21
Erfahrungen: Motivation

Bastian/Aufenanger: Medienbezogene Vorstellungen (S. 30)


22
Erwartungen:
Digitalisierung als erwarteter & interessengeleiteter Prozess,
der eigenständiges Lernen ermöglicht

• Spezialisierung schon in der Schule anstelle der Vermittlung allgemeiner Inhalte

"[...] ich finde es gibt so viel Potenzial durch die digitalen Medien. Ich finde das könnte
man definitiv ausbauen auf den Unterrichtsstoff, weil dann könnt' man den
Unterrichtsstoff auf jeden Schülern... auf jeden Schüler zu... zum Beispiel zuschneiden.
Jeder kann eher an seine Interessen gehen. Ich finde das wi... entwickelt sich dann
auch... auch auf die Schüler aus. Das ist viel... also, dass einem dann... dass man in
die Schule geht und sich darauf... viel mehr darauf freut, wenn man sagt, wenn man
weiß: Ja nice, heute beschäftige ich mich mit ner Sache, die mich wirklich
interessiert oder so."
 Intrinsische Motivation

23
Mit digitalen Medien kann man im Unterricht manchmal etwas
erreichen. Was verändert sich in Ihrer Klasse, wenn Sie digitale
Medien einsetzen?
Der Unterricht ist mehr lehrerzentriert.

trifft nicht zu 32%


Fehlend 20%
trifft voll zu 0%

trifft eher zu 9%

trifft eher nicht zu 40%

24
Welche Erwartungen haben Sie an den Einsatz digitaler Medien im Unterricht?

4
E2
3.5
3
2.5
2
1.5
1
0.5
0
Mittelwert
Die SuS werden motivierter
Der Unterricht wird schülerzentrierter
Die Lernkultur an unserer Schule wird sich grundlegend verändern
Die SuS werden fit für ihre berufliche Zukunft im digitalen Zeitalter
Die Persönlichkeitsentwicklung der SuS kann so positiv beeinflusst werden
Das Lernen wird für die SuS authentischer
Die SuS bekommen eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne
Es wird sich nichts verändern

25
Erwartungen:
Selbstverständlichkeit digitaler Medien in der Schule

• Mediatisierung nicht in der Schule

"...dann dauert es realistisch gesehen zwei Tage bei denen *lachen* bei der medienaffinen Jugend,
bis die Lehrer gehackt sind."

S1: Die Lehrer ham ja so ne Schulung. Sie kriegens nur nich' gebacken.
S3: Ja, dann brauchen sie noch eine Schulung.
S1&S3: *lachen*
I: Ne, das is ein großes Problem. Also das sehn wir dann selber auch immer. Also das bekommen wir
dann immer...
S1: Ja, die Medienkompetenz is halt nich so gegeben.

26
Auch über die Bedeutung von Medien in unserer Gesellschaft
und in der Zukunft kann man unterschiedlicher Meinung sein.
Wie sieht dies bei Ihnen aus?
Ohne digitale Medien kann man heute im sozialen Leben kaum
bestehen.

Stimme weniger zu 35% Stimme gar nicht zu 4%

Fehlend 10%

Stimme voll zu 10%

Stimme eher zu 42%

27
28
Ergebnisse - Vergleich quantitativ-qualitativ

• LuL erfahren Veränderungen durch die Nutzung digitaler Medien.


 Jedoch werden tradierte Arbeitsweisen beibehalten.

• LuL erfahren/erwarten durch den Einsatz digitaler Medien eine steigende Motivation
ihrer SuS.
 Die Motivation der SuS ist jedoch meistens extern begründet.

• LuL und SuS erwarten durch den Einsatz digitaler Medien einen schülerzentrierteren
Unterricht.
 LuL erfahren einen weniger lehrerzentrierten Unterricht.

• LuL erwarten keine Unabkömmlichkeit digitaler Medien in der Zukunft.


 SuS sehen bereits gegenwärtig eine Unabkömmlichkeit digitaler Medien.

29
Fazit - Erfahrungen in Bezug auf Medienbildung

• Digitale Medien sollten als ergänzende, nicht als konkurrierende Instanzen an


Schulen gedacht und etabliert werden.

 Erst dann erscheinen mit digitalen Medien immanent verknüpfte Methoden sinnvoll.
 Erst dann kann bezüglich digitaler Medien Medienbildung betrieben werden.

• Die begriffliche Unbestimmtheit digitaler Medien seitens Schülerinnen und Schülern ist
Anzeichen einer Unterentwicklung der Entwicklungsdimension.

 Implikationen bezüglich der Vorgehensdimension medialer Bildung.

30
Ausblick - Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung vs. ICILS

• Die Schule hat den Auftrag, für die Schülerinnen und Schüler zukunftsfähige und
zeitgemäße Bildungsangebote unter den Bedingungen der Digitalisierung zu
gestalten. Wenn die Digitalisierung nicht technischer Selbstzweck bleiben soll,
sollte die Unterstützung der kulturellen Praktiken der Jugendlichen und damit
die Entwicklung einer erweiterten Medienkompetenz Eingang in die Angebote
der Schulen und Kulturinstitutionen finden (Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung,
S. 9).

ICILS 2018 zur LehrerInnen-Bildung:


• 25,9% der Befragten lernen in der LehrerInnenausbildung digitale Medien zu nutzen
(im Vergleich zu 47,5% international)

31
Literaturverzeichnis I

• Bastian, Jasmin/Aufenanger, Stefan (2015): Medienbezogene Vorstellungen von (angehenden)


Lehrpersonen. In: Schiefner-Rohs, M./Gómez Tutor, C./Menzer, C. (Hrsg.):
Lehrer.Bildung.Medien. Herausforderungen für die Entwicklung und Gestaltung von Schule, S. 19-
33. Schneider Verlag: Hohengehren.
• Bastian, Jasmin (2017): Lernen mit Medien – Lernen über Medien? Eine Bestandsaufnahme zu
aktuellen Schwerpunktsetzungen. In: Die Deutsche Schule, H. 2, S. 146-162.
• Eickelmann, B./Bos, W./Gerick, J./Goldhammer, F./Schaumburg, H./Schwippert, K./Senkbeil, M./
Vahrenhold, J. (Hrsg.) (2019): ICILS 2018 #Deutschland – Computer- und informationsbezogene
Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im zweiten internationalen Vergleich und
Kompetenzen im Bereich Computational Thinking. Münster: Waxmann.
• Kelle, Udo/Erzberger Christian (2017): Qualitative und quantitative Methoden: kein Gegensatz. In:
Flick, U./von Kardorff, E./Steinke, I. (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, S. 299-309.
Rowohlt Taschenbuch Verlag: Reinbek bei Hamburg.
Literaturverzeichnis II

• Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest c/o Landesanstalt für Kommunikation (Hrsg.)


(2018): JIM-Studie: Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis
19-Jähriger. Stuttgart.
• Rat für Kulturelle Bildung e. V. (Hrsg.) (2019): Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Essen.
• Tulodziecki, Gerhard (2015): Dimensionen von Medienbildung. Ein konzeptioneller Rahmen für
medienpädagogisches Handeln. In: MedienPädagogik, Einzelbeiträge 2015, 5. Juni, S. 31-49.
https://www.medienpaed.com/article/view/216.
• Witzel, Andreas (1985): Das problemzentrierte Interview. In: Jüttemann, G. (Hrsg.): Qualitative
Forschung in der Psychologie: Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder, S. 227-255.
Beltz: Weinheim. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-5630.