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Erziehungsstile

Seminar: Entwicklungspsychologie

Prof. Dr. Annette Boeger


Universität Duisburg-Essen
Institut für Psychologie
Tel: 0201-1832206
E-Mail: annette.boeger@uni-
due.de
Die vier Kompetenzbereiche
der Lehrerbildung

Unterrichte Innovieren
n

Beurteilen Erziehen
Standards für die Lehrerbildung:
Kompetenzbereich: Erziehen
Lehrer und Lehrerinnen üben ihre
Erziehungsaufgabe aus. Sie
kennen die Lebensbedingungen der
Schüler/innen und nehmen Einfluss auf ihre
individuelle Entwicklung,
vermitteln (demokratische) Werte und Normen
und unterstützen selbstbestimmtes Handeln
von Schülerinnen und Schülern,
sie finden Lösungsansätze für Schwierigkeiten
und Konflikte(aus: Beschlussund
in Schule der Unterricht.
Kultusministerkonferenz 2004:
Standards für die Lehrerbildung)
Gliederung:
Entwicklung als Prozess der Interaktion von Person
(Persönlichkeit, Gene, Reifung, sensible Phasen,
Instinkte) und Umwelt (Sozialisation durch primäre
und sekundäre Sozialisationsagenten)
1. Umwelteinfluss: Erziehung, Erziehungsstile
Definition „Erziehung“
Die vier Erziehungsstile und ihre Auswirkungen

2. Definition „Verwöhnung“ und Auswirkung von


Verwöhnung
3. Lehrer-Schüler-Konferenz nach Th. Gordon: ein
Konfliktlösungsmodell für die Schule
Zentrale Erziehungsmodelle
Die meisten Erziehungsmodelle bewegen sich
zwischen
Erziehungzwei
alsGrundverständnissen
etwas Erziehung lässt die
herstellendes freie Entfaltung des
Machendes Kindes zu
Der Erzieher Der Erzieher gleicht einem
Gärtner der das Wachstum
gleicht dem begleitet. Das Kind
Handwerker, der entwickelt sich auf eine
mehr oder weniger
einen angestrebten natürliche Art selbst,
Zweck mit Hilfe analog dem organischen
bestimmter Wachstum, wie eine
Pflanze.
Methoden anstrebt. „Erziehung muss der
Entwicklung wie ein
Schatten folgen“
(Reformschulpädagogik)
1. Umwelteinfluss: Erziehung,
Erziehungsstile
• Definition „Erziehung“
• Die vier Erziehungsstile und ihre Auswirkungen
• Definition „Verwöhnung“ und Auswirkung von Verwöhnung
Definition: Erziehung
Erziehung ist intentional, sie will Ziele, Werte, Normen
verwirklichen. Erziehung ohne Ziel gibt es nicht. Sie ist
letztlich darauf ausgerichtet sich selbst aufzuheben.
Erziehung ist ein Interaktionsprozess, in der Regel herrscht
ein Kompetenzgefälle. Erziehung ohne wechselseitige
Beeinflussung gibt es nicht.
Der zu Erziehende ist zur Selbsttätigkeitaufgefordert.
Erziehung als “Machen” gibt es nicht.
Erziehung ist in einem gesellschaftlichen Kontext
eingebunden, der Wandlungsprozessen unterliegt;
deswegen gibt es nicht die Erziehung.
Erziehung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern
setzt sich mit Themen auseinander, welche die kognitive,
affektive, oder Handlungsebene betreffen.
Elterliche Erziehungsstile
Die Forschung zu Erziehungs- und Führungsstilen begann bereits in den
l950er-Iahren (Lewin et al.‚1939). Aufbauend auf früheren „Ansätzen
unterscheidet Baumrind (1991) vier elterliche Erziehungsstile, die
typische Familienbeziehungen widerspiegeln. Diese Stile lassen sich
auf der Grundlage von zwei Dimensionen beschreiben.
(l) Herausforderung: Sie gibt an, inwieweit Eltern von ihren Kindern
reifes und verantwortungsvolles Verhalten erwarten und verlangen.
(2) Zuwendung: Dies meint das Ausmaß in dem Eltern auf die
Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen, diese akzeptieren und
unterstützen.
Die Kombinationen aus den hohen und niedrigen Ausprägungen von
Herausforderung und Zuwendung ergeben vier Erziehungsstile
1. autoritativer Erziehungsstil (demokratisch),
2. autoritärer Erziehungsstil,
3. permissiver Erziehungsstil (laissez-faire) und
4. indifferenter Erziehungsstil (vernachlässigend).
Matrix der Erziehungsstile:
AutoritativerErziehungsstil
Permissiver
Autoritärer
Indifferente Erziehungsstil
Erziehungsstil
Eltern (laissez-faire)
(vernachlässigender
Zuwendung
 Elternversuchen
Eltern

Stil) treten ihrenZeitKindern
undwarmherzig
Energie und
zur
Eltern neigen zu Diszplinierung durch Strafen
respektvollder
Erziehung gegenüber
Kinder zu minimieren, im
Eltern
 Eltern wissen
diskutierenwenig über
Regeln Hoch die
nicht, Tätigkeiten
Niedrig
Kinder und
sollen
 Eltern trauen
Extremfall bis ihren
zur Kindern etwas zu und stellen
Vernachlässigung
Freizeitorte
ohne WiderredeihrerRegeln
Kinderder und zeigen
Eltern zu wenig
befolgen
Forderungen
Erziehungsstil ist deren
akzeptierend, wohlwollend und
Interesse
Heraus-
für schulische Leistungen
 Eltern
Eltern
passiv
grenzen
scheuen Hochdie KonflikteAutorita
Autonomiebestrebungen
mit ihren Autoritär
Kindern der
nicht,
 Eltern
Kinder diskutieren
ein selten über Werthaltungen
forderu
tragen
Eltern
oder
diese
stellen
aber
keine
Konfliktbereiche;
tiv Meinung
konstruktiv
Forderungen,
die
aus
erlauben
der ein
Eltern
Haben fordern Gehorsam
ihren Kindern gegenüberund eigene
Konformität
Meinungen,
ng
hohes
Kinder Maßwird Niedrig
an Freiheit Permissi Indiffere
bei Familienentscheidungen nicht
die sie überzeugend vertreten
Eltern empfinden Kontrollevals Einschränkung der
gefragt.
Setzen dem Entwicklungsstand nt
der Kinder
kindlichen
Eltern
angemessene Entwicklung
fokussieren
Grenzensich aufbestehen
und ihre Bedürfnisse
auf Einhaltung
Eltern bieten
und nicht aufsich selbst als Ressource
Erziehungsstile
Bedürfnisse des an
nach Baumrind
Kindes
(1991)
Auswirkungen der
Erziehungsstile
Jugendliche aus autoritativen Familien
haben
Größere psychosoziale Fähigkeiten
Sind besonders verantwortungsbewusst
Selbstsicher
Kreativ und wissbegierig
Bessere soziale Kompetenzen
Größeren Schulerfolg
Auswirkungen der
Erziehungsstile
Jugendliche aus autoritären Familien
haben
Größere Konformität und Gehorsam
Sind abhängiger, passiver
Weniger sozial kompetent
Weniger selbstsicher
Weniger wissbegierig
Auswirkungen der
Erziehungsstile:
Jugendliche aus permissiven Familien sind
Weniger reif und verantwortungsbewusst
Konform gegenüber Gleichaltrigen
Auswirkungen der
Erziehungsstile:
Jugendliche aus indifferenten Familien
sind
impulsiv und häufiger delinquent
Experimentieren früher mit Drogen und
Sexualverhalten

(aus: Grob, Jaschinski: Erwachsen


werden. Beltz 2003)
Zentrale Abgrenzungskriterien zwischen
autoritativen und autoritären
Erziehungsstilen

Gewährung von Eigenständigkeit


Wertschätzung
Was heißt Gewährung von
Eigenständigkeit?
Die Bedürfnisse der Kinder werden ernst
genommen
Die Eltern sind prinzipiell gesprächs- und
kompromissbereit
Sie ermöglichen ihren Kindern ein Optimum
an eigenen Entscheidungen, dadurch
stärken sie Selbstverantwortlichkeit und
Entscheidungsfahigkeit
Sie geben ihren Kindern die Möglichkeit,
eigene Erfahrungen zu sammeln
Worin zeigt sich elterliche
Wertschätzung?
Die Einmaligkeit und Besonderheit des
Kindes wird anerkannt
Kinder werden respektvoll behandelt
Kinder werden unterstützt und bekommen
Hilfe, wenn sie diese brauchen
Eltern freuen sich, mit ihren Kindern
zusammen zu sein und genießen
gemeinsame Aktivitäten
Zusammenfassung: Erziehungsstile
Erziehungsmodelle bewegen sich zwischen den
Polen des Beeinflussens, Manipulierens in eine
bestimmte Richtung und des Frei Entfalten lassen
(Reformpädagogischer Ansatz).
Als sinnvoller Erziehungsstil wird der
demokratische bzw. autoritative Stil angesehen.
Er verwirklicht ein hohes Ausmaß an Zuwendung
gekoppelt mit einem hohen Ausmaß an
Forderungen stellen und Grenzsetzung.
Eine demokratisch arbeitende Schule sollte u. a.
konstruktive Konfliktlösungsstrategien wie aktives
Zuhören und Ich-Botschaften verwirklichen.
2. Definition von
"Verwöhnung" und
Auswirkung von Verwöhnung
Was ist Verwöhnung?
„Verwöhnung ist das Zuviel oder Zuwenig
von Gewährenlassen“ in: Frick 2011.
Verwöhnung ist eine Handlung und eine
Haltung.
Verwöhnung ist psychologisch ein
unangemessenes Zuviel (z.B. an Sorge)
und ein Zuwenig (z.B. an Zutrauen,
Ermutigung, Forderung)
Verwöhnung ist
ein Übermaß an Zärtlichkeit
ein Übermaß an Besorgnis
ein Übermaß an Hilfsbereitschaft
ein Übermaß an Entlastung
ein Übermaß an Geschenken, Geld, Spielsachen
ein Mangel an Zutrauen, Zuwendung
ein Mangel an Zuversicht
ein Mangel an Forderung: zu Ausdauer,
Anpacken, Durchhalten, Ausprobieren
ein Mangel an freundlicher Grenzsetzung
(aus: Frick: Die Droge Verwöhnung 2011)
Folgen von Verwöhnung:
Anspruchshaltung und Versorgungserwartungen
Mangel an sozialen Fertigkeiten
Keine Verantwortungsübernahme
Fehlendes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten
Mangelnde Ausdauer, zu wenig eigener Einsatz
Wenig belastbar (Neigung zu Drogenmissbrauch)
Verringerte Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben
Kombination von Minderwertigkeitsgefühl und
Selbstüberschätzung
(nach Frick 2011)
3. Lehrer-Schüler-Konferenz
nach Th. Gordon
Was ist Thomas Gordons
Ansatz?
Konstruktive Konfliktlösung in der Schule durch
personenzentrierte Kommunikation und
Kooperation: Die Lehrer-Schüler-Konferenz nach
Thomas Gordon
Leitfrage: Wie sind effektive Schüler-Lehrer
Beziehungen zu gestalten?
Konstruktive Gespräche: Ein konstruktives,
problemlösendes Gespräch istgekennzeichnet
durch:
Sich selbst klar und deutlich ausdrücken durch Ich-
Botschaften
Anderen empathisch zuhören durch aktives Zuhören
Ich-Botschaften:
Fördern die Bereitschaft, sich zu ändern
Gefährden die Beziehung nicht
Verletzen nicht
Sie enthalten im Gegensatz zu Du—
Botschaften keine Bewertungen
Welche Merkmale kennzeichnen
erfolgreiches aktives Zuhören?
Die Lehrperson traut dem Schüler/in zu, seine Probleme
letztendlich selbst zu lösen. Bei dem Prozess der Problemlösung
hilft das aktive Zuhören.
Die Lehrperson muss in der Lage sein die Probleme des Schülers
anzunehmen, auch wenn sich seine eigene Sichtweise davon
sehr unterscheidet.
Aktives Zuhören hilft dem Schüler/der Schülerin seine/ihre
momentatnen Gefühle zu zeigen
Die Lehrperson muss sich für die Probleme der Schüler Zeit
nehmen und den Schülern bei ihren Problemen helfen wollen und
helfen können ohne dabei eigene Bedürfnisse opfern zu müssen.
Bei einem Beratungsgespräch muss die Lehrperson dem
Schüler/der Schülerin nahe sein und gleichzeitig Distanz wahren
Lehrer müssen das, was Schüler/innen ihnen anvertrauen
vertraulich behandeln
Welche Merkmale kennzeichnen
erfolgreiches aktives Zuhören?
Aktives Zuhören hilft dem Schüler/in, mit heftigen
Gefühlen fertig zu werden und sich davon zu befreien. Sie
können dann wieder besser lernen.
Aktives Zuhören hilft bei der Problemlösung, lautes
Durchdenken
Aktives Zuhören hilft dem Schüler/in zu verstehen, dass
Emotionen nichts Schlimmes sind, man keine Angst davor
zu haben braucht
Aktives Zuhören belässt die Verantwortung für die
Problemlösung beim Schüler/in
Schüler, denen aktiv zugehört wird, öffnen sich leichter für
die Ideen des Lehrers.
Aktives Zuhören führt zu einer besseren Lehrer-Schüler
Beziehung, weil die Schüler/innen sich geschätzt fühlen.
„Gesprächskiller“
Ratschläge erteilen, Dirigieren („Ich weiß, was für Sie gut
ist“)
Moralisieren, Werturteile aussprechen („So sollten Sie es
tun“, „Das darf man nicht denken“)
Monologisieren (und dabei die Klientin aus dem Blick
verlieren)
Emigrieren (innerlich abschalten)
Bagatellisieren („So schlimm ist es doch gar nicht“)
Generalisieren („man“, „immer“, „nie“)
Identifizieren („Soist es bei mir auch“)
Externalisieren (Randprobleme zur Sprache bringen und
zurückspiegeln)
Partei ergreifen („Da gebe ich Ihnen recht“, „da muss
ich dem anderen Recht geben“).
dargestellt nach Weber,
2000, S. 37ff; Schmid,
1989, S. 58fl
Anwendung des autoritativen
(demokratischen) Erziehungsstils auf Schule
Bausteine sind:
Entwicklung individueller Stärken
Förderung von sozialen Kompetenzen
Förderung von Selbständigkeit
Förderung von Kooperations- und Kommunikationsfähigkeiten
Förderung des Schulklimas
 
Zielerreichung durch z. B.:
Regelmäßige Klassenkonferenzen zur Konfliktklärung
Gemeinsame Erstellung und Überprüfung der Einhaltung von Klassenregeln
Institutionalisierung eines Streitschlichterprogramms und weiterer Programme
zur Prävention von Gewalt (z. B. „Be cool“, „Faustlos“)
Einbeziehung, Mitbestimmung der Schüler/innen durch Einrichtung von
Mitbestimmungsgremien
 
Training zur Förderung von Kooperation und Kommunikation: Konstruktive
Konfliktlösung an Schulen nach Th. Gordon (Th. Gordon: Lehrer-Schüler
Konferenz)
“Die Erziehung zum
verantwortungsvollen Bürger
… wird als wichtigste Aufgabe der Schulen
angesehen. Stützt man sich stark auf Macht
und Autorität erzieht man keine
verantwortungsvollen Schüler. Kontrolle,
Disziplinierung mittels Machtanwendung
halten in Abhängigkeit und Unreife.”(Th.
Gordon)
Bestärkungskultur
„ Wir brauchen eine
Bestärkungskultur und weniger
eine Bewertungskultur“
(Fröhlich-Gildoff, Resilienzforscher in:
Scobel, 3sat, 16.1.2014)