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Reinhard Jirgl

Leben

 Seine Kindheit verbrachte Reinhard Jirgl bei der Großmutter in Salzwedel, bis er
1964 im Alter von elf Jahren zu den Eltern, beide von Beruf Dolmetscher, nach
Berlin zurückkehrte. Er besuchte ab 1960 die Polytechnische Oberschule bis zur
10. Klasse und machte gleichzeitig ab der 8. Klasse eine Ausbildung zum
Elektromechaniker, die er ebenfalls 1970 abschloss. Von 1970 an stand Jirgl im
Arbeitsleben und holte an der Abendschule sein Abitur nach. Von 1971 bis 1975
studierte er Elektronik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu dieser Zeit gab
es für seine schriftstellerische Entwicklung entscheidende Impulse im
Köpenicker Lyrikseminar. Hier trafen sich Autoren, die ihre Manuskripte
vorstellten und unter Beratung des Dichterpaars Ulrich und Charlotte Grasnick
mit großer Intensität an ihren Texten arbeiteten. Zu diesem Lyrikkreis gehörten
u. a. Benjamin Stein, Monika Helmecke, Fritz Leverenz, Elisabeth Hackel,
Andreas Diehl, Michael Manzek und Klaus Rahn. Sein Studium schloss er als
Hochschulingenieur ab und arbeitete danach an einem Forschungsinstitut der
Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof als Service-Ingenieur.
 1978 gab er den ungeliebten Beruf auf
und wechselte als Beleuchtungs- und
Servicetechniker an die Berliner
Volksbühne. Seit 1996 lebt Jirgl als freier
Schriftsteller in Berlin. Er ist Mitglied im
PEN-Zentrum Deutschland und seit 2009
der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung. Mit Beginn des Jahres 2017 hat
Jirgl sich laut Angaben auf der Website
der Hanser-Literaturverlage „vollständig
aus der Öffentlichkeit zurückgezogen“.[2]
Er verzichte auf Lesungen sowie andere
Auftritte, „desgleichen auf jede
Publikation seiner auch weiterhin
entstehenden Manuskripte. Alle neu
geschriebenen Texte verbleiben in
Privatbesitz“.
Werk
Der Beginn seiner Autorschaft, die sich zunächst in
einem Schreiben „für die Schublade“ ausbildete,
führte ihn 1978 an die Volksbühne nach Ostberlin,
wo er Zeit zum Schreiben fand und durch Heiner
Müller maßgeblich gefördert wurde. Im Gespräch
benannte Jirgl u. a. Michel Foucault, Georges
Bataille, Ernst Jünger und Carl Schmitt als wichtige
Einflussgrößen einer „intellektuellen
Gegenexistenz“ in der DDR, die sich in seiner
Literatur niederschlug.
Jirgl gehörte zu jener jüngeren Autorengeneration
in der DDR, die während der 1980er Jahre
vermehrt experimentelle Formen aufgriff. Jirgls
Manuskripte blieben in der DDR ungedruckt. Sein
erstes Romanskript Mutter Vater Roman wurde
1985 vom Aufbau-Verlag aus ideologischen
Gründen abgelehnt.
Auch weitere fünf vor der Wende entstandene Manuskripte
konnten nicht erscheinen. Zwei Jahrzehnte später resümierte Jirgl
seine damalige Situation als Autor ohne Öffentlichkeit wie folgt:
„Die Geschichte meiner literarischen Arbeiten aus den Jahren vor
1990 ist die Geschichte von amtlich verhängtem Erstickungstod.“
[3]
Im Frühjahr 1990 konnte Jirgls Erstling dann doch im Aufbau-Verlag
erscheinen. Der Mutter Vater Roman, der die späte Kriegszeit und
die Nachkriegsjahre mit Blick auf die Aufbaugeneration der DDR
aufgreift, enthält bereits die zentralen Themen, Motive und
Eigenarten, die auch Jirgls weiteres Schaffen prägen. Formal
dominieren innerer Monolog, psycho-narration und traumartige
Sequenzen, die Bombenkriegserinnerung, Gewaltphantasien und
Beziehungsnöte zu beklemmenden Bildern verweben.
Ein „gleitendes Ich“ (Jirgl) als schwer greifbare,
perspektivisch wechselnde, nahezu amoralische
Reflexionsinstanz prägt auch die späteren
Prosatexte. Seine bereits in den 1980er Jahren in
der DDR entstandene, erst 2002 publizierte
Genealogie des Tötens. Trilogie, vereinigt
heterogene Textblöcke, die auch mit
theatralischen Elementen und Medienmix –
Anlehnung an die griechische Tragödie sowie
Libretto-Inszenierung mit Tonband – arbeiten.

Jirgls Roman Abschied von den Feinden


(München 1995), dessen Manuskript 1993 mit
dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde,
brachte ihm den öffentlichen Durchbruch; der
Text verbindet traumatisierende Familien- und
Beziehungserfahrungen zweier verfeindeter
Brüder mit Versatzstücken von DDR-Existenzen
zu einem diffizilen narrativen Geflecht, in dem
sich die Erzählsituationen und
Fiktionalitätsebenen überlagern.
Ist in Jirgls Texten letztlich stets die Unmöglichkeit dargelegt, den eigenen
Vergangenheiten zu entrinnen, handelt Die atlantische Mauer (München 2000)
von der Suche nach einer Tabula rasa, Aus- und Aufbruchsversuchen von DDR-
und BRD-Biographien in die Neue Welt; der in die USA übergreifende Text
markiert nach Ansicht einiger Kritiker einen Übergang im Schreibprojekt des
Autors, doch ist auch dieser Roman im Kern allein der deutschen Befindlichkeit
gewidmet. Die folgenden Arbeiten wenden sich dementsprechend folgerichtig
in Raum und Zeit zurück nach Alteuropa, den deutschen Traumata zu: Die
Unvollendeten (München 2003) nimmt in gebrochenen Perspektiven die
Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland in den Blick, während sein
Roman Abtrünnig (München 2005) nach bewährter Manier eine DDR- und eine
BRD-Biographie im gegenwärtigen Berlin parallellaufen lässt.
Charakterisierun
g des Werkes
 Grundsätzlich gilt Jirgls Interesse zuvorderst der
Offenlegung jenes „homo homini lupus“, das sich hinter
Sätzen, Wörtern und Zeichen verbirgt: den
Machtverhältnissen, die etwa psychiatrische Befunde
erlauben und hervorbringen. Die radikale Skepsis des
Autors lässt Ausflüchte nicht zu, sie wendet sich fast
solipsistisch einer kreatürlichen Leiblichkeit als
ontologisch letzter Instanz zu und attackiert allfällige
kollektivistische oder individualistische Sinn- bzw.
Erlösungsversprechen.

 Auch im poststrukturalistischen Duktus macht Jirgls


Schreiben Ernst mit Foucaults Vorstellung von der
Subversivität der Literatur: Mittels einer
unkonventionellen, teilweise „lautmalerischen“
Rechtschreibung und einer eigenen Zeichen-Nomenklatur
versucht der Autor, den Text als Körper sichtbar zu
modellieren, wodurch gleichzeitig jedoch dessen
Zeichencharakter selbstreflexiv offengelegt wird. Von der
Kritik wird an Jirgls Romanen bisweilen ein Überfrachten
der Figurenrede mit essayistischen Exkursen bemängelt.
Danke für Ihre
Aufmerksamkeit