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Lyrik der 1950er Jahre

 
• Verschiedene Tendenzen:
• Rückzug in die Artistik, vertreten von Gottfried Benn
• Der Anfang einer neuen Phase in der westdeutschen
Lyrik ist gekennzeichnet durch Gottfried Benns Vortrag
„Probleme der Lyrik“ (1951), der das Verständnis über
Lyrik für das nächste Jahrzehnt prägt: Nach Benn ist ein
Gedicht das Ergebnis von langem Überlegen und
Durchdenken, Lyrik entsteht nicht spontan, ein Gedicht
wird in Benns Verständnis „gemacht“:
Irgend etwas in Ihnen schleudert ein paar Verse heraus
oder tastet sich mit ein paar Versen hervor, irgend etwas
anderes in Ihnen nimmt diese Verse sofort in die Hand,
legt sie in eine Art Beobachtungsapparat, ein Mikroskop,
prüft sie, färbt sie, sucht nach pathologischen Stellen. Ist
das erste vielleicht naiv, ist das zweite ganz etwas ande-
res: raffiniert und skeptisch. Ist das erste vielleicht
subjektiv, bringt das zweite die objektive Welt heran, es
ist das formale, das geistige Prinzip.
• Ich verspreche mir nichts davon, tiefsinnig und
langwierig über die Form zu sprechen. Form,
isoliert, ist ein schwieriger Begriff. Aber die
Form ist ja das Gedicht. Die Inhalte eines
Gedichtes, sagen wir Trauer, panisches Gefühl,
finale Strömungen, die hat ja jeder.
• Das Verständnis von Lyrik als etwas
Erfundenes oder spontan Erlebtes sei veraltet,
das Gedicht ist das Ergebnis eines
dichterischen Kalküls.
 
Die politischen Utopien erweisen sich als
Trugbilder, daher schwankt der Künstler
zwischen Anpassung und Widerstand und
entwickelt sich als überlegener Analytiker und
einsamer Artist.
 
Beispiele für dieses Kunst- und
Lyrikverständnis: Statische Gedichte (1948)
Der Prosaband Der Ptolemäer. Berliner Novelle
1947 (1949)
Die autobiografische Darstellung Doppelleben
(1950)
• Benn bekennt sich zu einem „intellektuellen
Beschwörungszauber“.
 
• Benns späte Lyrik von der Erkenntnis des
„verlorenen Ichs“ geprägt.
• Beispiel:
• Verzweiflung (1952)I
Was du in Drogerien sprachst
beim Einkauf von Mitteln
oder mit deinem Schneider
außerhalb des Maßgeschäftlichen -
was für ein Nonsens diese Gesprächsfetzen,
warst du da etwa drin?
Morgens - noch etwas erschöpft
von den Aufstehmanipulationen -
leicht hingeplappert, um nicht gleich wieder
hinauszugehn,
dies und jenes, Zeitgeschichtliches,
Grundsätzliches, alles durcheinander -
Grundsätzliches ist übrigens gut!
Wo sitzt das denn bei dir? Im Magen? Wie lange?
Was ist das überhaupt? Triebfonds, Hoffnungszement,
Wirtschaftskalkül -
jedenfalls etwas ungemein Prekäres!
Alles zusammengerechnet
aus Morgen- und Tagesstunden
in Zivil und Uniform
erbricht sich rückblickend vor Überflüssigkeit,
toten Lauten, Hohlechos
und Überhaupt-mit-nichts-Zusammensein -
oder beginnt hier die menschliche
Gemeinschaft?
• Die naturmagischen Gedichte von Oskar
Loerke (1884-1941) und Wilhelm Lehmann
(1882-1968)
 
• Dem gegenwärtigen Menschen verschwindet
hinter der Zivilisation die Welt, das Gedicht
aber rettet die verlorene Wirklichkeit
• In der Naturerfahrung wird nach Lehmann die
Subjekt-Objekt-Spannung von Ich und Welt
überwunden
• Über die Gedichte von Lehmann zieht die
Naturlyrik aus der Zeit vor 1933 der „inneren
Emigration“ bis 1945 in die Nachkriegsliteratur
ein. Lehmann deutet die Erfahrung des
Geschichtsverlustes in einen scheinbaren
Gewinn um.
Beispiel:
 
Mond und Wind
 
Vor mir des Hügels sausende Wand.
Hat meine Schwermut sie gebaut?
Der schreiende Wind bestreut sie mit Sand.
Der Flieder schrickt, da sein Finger ihn rauht.
Der Mond steigt aus dem Hügelschoß. Am
Windesschweigen wird er groß,
Denn der Wind verstummt auf sein Geheiß.
Die Blätter ruhn vom hitzigen Tanz,
Es schweben die Steine, es duftet der Staub.
Dianas Schulter zuckt durch das Laub,
Sie gehört Endymion. Ihren Glanz
Pflück ich als weißes Fliederreis. (1950)
• Vermenschlichung der Natur (V.1-4)
• Verzauberung (V. 5-9)
• Mythisierung (V.10-12)
 
• Im Zauber der Natur liegt eine heilende Kraft.
Das Fliederreis am Ende verbürgt die Teilhabe
des Ichs an dem mythischen Glanz der
Neuordnung
Die neue Naturlyrik: Günter Eich, Peter
Huchel, Karl Krolow (starker Einfluss von
Lehmann)
 
Günter Eich | Latrine
Über stinkendem Graben,
Papier voll Blut und Urin,
umschwirrt von funkelnden Fliegen,
hocke ich in den Knien,
den Blick auf bewaldete Ufer,
Gärten, gestrandetes Boot.
In den Schlamm der Verwesung
klatscht der versteinte Kot.
Irr mir im Ohre schallen
Verse von Hölderlin.
In schneeiger Reinheit spiegeln
Wolken sich im Urin.
Gehe aber nun und
Grüße die schöne Garonne
Unter den schwankenden Füßen
schwimmen die Wolken davon.
• Erinnerung an die Kriegsgefangenschaft
• Ein Augenblick geschildert, in dem der Mensch
Bestandteil der Natur ist
• Anspielung des Missbrauchs von Hölderlin im
Dritten Reich
• Die „schneeigene Reinheit der Wolken“ als
zentrales Motiv der Naturlyrik, in dem sich die
Sehnsucht nach Auflösung in der Natur verkörpert,
wird hier umgekehrt
• Der Mensch kann die Grenzen seines Wesens nicht
überschreiten (die Reinheit wird nur über die
Spiegelung im Urin erblickt)
• Lyrik erscheint nur möglich, wenn sie die physische
Existenz der Menschen erblickt und beschreibt
• Hermetische Lyrik: Paul Celan
• Seine Gedichte sind vom Thema der
Verfolgung und Ermordung der Juden geprägt:
Für die Erfahrung, Familie und Heimat durch
den Holocaust verloren zu haben, steht
exemplarisch das Gedicht “Todesfuge“ (1952,
aus dem Zyklus „Mohn und Gedächtnis“
Todesfuge
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht
eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es
blitzen die Sterne v
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein
Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken
dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den
Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht
eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern
singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine
Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt
weiter zum Tanz auf