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Identität

und Meisterschaft
Sonatensatzvisionen um Weberns
Streichquartettsatz op. 5/1
Sonatensatz ist…
 ….„Höchstmaß an musikalischer Reichhaltigkeit, aber
auch an formaler Strenge“.

 …„so günstig“ um „eine Idee musikalisch vollkommen zu


entwickeln“
(Adolph Bernhard Marx)

 …„ästhetische Superiorität“.

 …„die entwickeltste aller musikalischen Formen“


(Hugo Riemann)
Sonatensatz hat einen Meister…

 „… und der Titane Beethoven endlich hat die


Sonatenform in einer Mächtigkeit, Fülle und
Tiefe behandelt, die vorläufig wenigstens als
krönender Abschluß zu betrachten ist.“
(Artikel
„Sonate“ im Eduard Bernsdorf Lexikon
1856-1865)
Sonatensatz
 „Im 20. Jahrhundert, bei Arnold Schönberg, wurde als
extreme Konsequenz der Thematik das Paradox einer
Sonatenform unter den Bedingungen der Atonalität
möglich.“
(Carl Dahlhaus)

 „Statt des in einem Meisterwerk waltenden Organischen


einer Sonatenform stellen die Lehrbücher Rubriken auf,
eine Art Steinbaukasten zu kindischem Spiel.“
(Heinrich Schenker)
Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 (UA 8. 2.1910)
 „Hier kann keiner mehr mit, der nicht Beethoven, Bach,
Wagner, Brahms und was immer uns teure Musik war,
als solche aufgibt.“
(Richard Specht)
 „Die einzelnen Sätze sind zu kurz, um sie als „Satz“ zu
bezeichnen“.
 „Der Zweite zählt 13 Takte, also nur 13 zu viel.“
(Julius Korngold)
 „Kürze braucht Ursache! Nur scheinbar fehlt für das
ungeübte Ohr Melodie und Form.“
(Paul Stefan Grünefeld)
Skizze Weberns zu seinem
Streichquartett op.5, 1. Satz
Willi Reich (1934)
 „ Der 55 Takte lange Quartettsatz hat
Sonatenform. Hauptthema, Überleitung und
Seitenthema; Exposition, Durchführung und
Reprise sind deutlich voneinander
unterscheidbare Charaktere.“
 Seitenthema T 7
 Reprise T 38/39
Rudolf Kolisch (1959)

 „…traces of serialism and even pointilism.“

 „The interpretation as a sonata form has


therefore no significance beyond indicating a
mere tectonic grouping.The relationship between
the serial and intervallic elements…reaches into
much deeper levels of the constructive idea.“
Im Vergleich
Willi Reich Rudolf Kolisch
(1934) (1959)

Exposition Hauptthema,Überleitung, T 1-7 „first theme?“


Seitenthema T 7f „second theme?“

Durchführung nennt T 19/20 als inner- T 14-21


halb der Durchführung;
bis T 38
Reprise ab T 39 T22 Reprise des 1.
Themas
T 37 Reprise des 2.
Themas
Coda keine Coda folgt nach Reprise
des 2. Themas
Werner Pütz (1968)

 „Der erste Satz folgt in seinem äußeren Aufbau


dem Sonatenschema mit einer Art Exposition,
Durchführung und Reprise.“
 „1. Motiv“ ist Intervallsprung aus T1
 „2. Motiv“ – „Frage und Antwort“
Im Vergleich
Reich (1934) Kolisch (1959) Pütz (1968)
Exposition Hauptthema,Über- T 1-7 „first ohne
leitung, theme?“ Taktangaben,
Seitenthema T 7f „second aber klar T1-6;
theme?“ T 7-13
Durchführung nennt T 19/20 als T 14-21 T 14-36
innerhalb der
Durchführung
Reprise ab T 39 T22 Reprise des ab T 37/38
1. Themas
T 37 Reprise des
2. Themas
Coda keine Coda folgt nach keine
Reprise des 2.
Themas
Friedrich Saathen (1969)
 „Der erste der Fünf Sätze könnte für einen
Sonatensatz gehalten werden. Die Formtendenz
ist unverkennbar: 1-13 Exposition, 14-36
Durchführung, 36-50 Reprise, Coda.“
 „…als habe Webern zu guter Letzt an ihm kompensieren
wollen, was er dem Thema, das ja immerhin als
Prinzipalthema figuriert, vorenthalten haben mag.“
(über die Verwendung des „1.Themas“ in der Coda)
Im Vergleich
Reich Kolisch Pütz (1968) Saathen
(1934) (1959) (1969)
Exposition Hauptthema, T 1-7 „first ohne T 1-13
Überleitung, theme?“ Taktangaben,
T 7f „second aber klar T1-
Seitenthema
theme?“ 6; T 7-13

Durch- nennt T 19/20 T 14-21 T 14-36 T 14-36


als innerhalb
führung der
Durchführung

Reprise ab T 39 T22 1.Thema ab T 37/38 T 36-50


T 37 2.
Thema
Coda keine Coda folgt keine T 50-55
nach Reprise
des 2.
Themas
Allen Forte (1998)

 „dux“ (1. Violine T 2f), „comes“ (2. Violine T 3f)


 „second theme section (T 7-13)
 „cadence“ (T 13)
 „B-A-C-H“ Motiv in
T 28
Im Vergleich
Reich Kolisch Pütz Saathen Forte
(1934) (1959) (1968) (1969) (1998)
Exposition H.-Thema, T 1-7 ;T 7f T 1-6; T 1-13 theme I,
Überleitung T 7-13 second
S-Thema theme
section,
cadence!!
Durch- bis T 38 T 14-21 T 14-36 T 14-36 T 14- 41
führung

Reprise ab T 39 T22 bzw. ab T 37/38 T 36-50 T 48 bzw.


T 37 T 50

Coda keine ja keine T 50-55 keine


Federico Celestini (2006)

 1. Thema T 1-6
 2. Thema T 7-13
 Durchführung bis T 26
 Reprise mit tempo II in T 27/28 bzw. Reprise des
2. Themas in T 30-36
Sonatensatzvisionen
Karlheinz Stockhausen (1928-2007)
Von Webern zu Debussy. Bemerkungen zur statistischen
Form (1954):

„Es geht um Grade der Dichte von Tongruppen; Grade der


Tonhöhenlage, der Bewegungsrichtung; der
Geschwindigkeit, der Geschwindigkeitsveränderung, der
durchschnittlichen Lautstärke, der Lautstärkenveränderung;
der Klangfarbe und der Klangfarbenmutation. Das heißt
nun: Treten in einer solchen Komposition gleiche Grade der
eben genannten Gruppenkriterien auf, so wird ein
Zusammenhangsbewußtsein entstehen. […] Die Dichte
wäre in diesem Fall das Kriterium des Zusammenhangs.“
(S. 77)
Diether de la Motte (1928-2010)

Musikalische Analyse (1968):

„Die gesamte Terminologie der Formenlehre


kann sich bei der Untersuchung neuer Musik
als unzulänglich erweisen. Was nicht Sonate,
Rondo oder Fuge ist, was keine deutlich
getrennten Liedform-Teile erkennen läßt, läßt
sich an keinem Maßstab messen. Die Analyse
muß also voraussetzungslos arbeiten.“

„Nicht: Wie ist die Form? lautet die Frage, sondern: Was
heißt überhaupt Form in dieser Komposition?“
Alternativen – statistische Form