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Wortschatzerweiterung durch

Übernahme aus anderen


Sprachsystemen (Entlehnungen)

Thema № 4
Wortschatzerweiterung durch Übernahme
aus anderen Sprachsystemen
(Entlehnungen)

Plan:
1) Allgemeines zur Art und Form
lexikalischer Entlehnungen
2) Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung
3) Die Einwirkung der puristischen
Tätigkeit auf den Wortbestand der
deutschen Sprache
4.1. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer
Entlehnungen

Entlehnung ―
1) Entlehnungsvorgang (die
Übernahme fremden Sprachgutes)
2) das Resultat (das entlehnte fremde
Sprachgut)
4.1. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer
Entlehnungen

Nach der Art der Entlehnung


unterscheidet man:
1. Sach- und Wortentlehnungen
( Sachverhalte waren für Deutsche neu
oder unbekannt)
 lateinische Wörter:

Mauer (murus), Ziegel (tegula), Fenster


(fenstera), Keller (cellarium)
4.1. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer
Entlehnungen

2) Wortentlehnungen
(es gab deutsche Wörter für die Sachverhalte)

Dubletten:
 Pläsier (aus dem Franz.,16. Jh.) für „Vergnügen,
Spaß“
 Charme, Scharm (aus dem Franz., 18. Jh.) für
„Anmut“, „Liebreiz“
 Apartment (aus dem Engl. nach 1945) für
„Kleinwohnung“
4.1. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer
Entlehnungen

Nach Entlehnungsform
sind zu unterscheiden:
1. Fremdwortübernahme →

dabei werden fremde Wortkörper in die


entlehnende Sprache übernommen
Datsche - „Landhaus“
Bungalow - „einstöckiges (Sommer)haus“
4.1. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer
Entlehnungen

2. Lehnprägung oder Lehnbildung →


die Nachbildung des fremden Inhalts mit
heimischen Mitteln
a) Lehnübersetzung - Nachbildung der
morphematischen Struktur von
Fremdwörtern oder fremden Wortgruppen:
Wandzeitung (russ. стенгазета)
Held der Arbeit (russ. герой труда)
4.1. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer
Entlehnungen

b) Lehnübertragung →
freie Wiedergabe der Morphemstruktur:
patria - Vaterland
отличник - Bestarbeiter
4.1. Allgemeines zur Art und Form lexikalischer
Entlehnungen

3) Lehnbedeutung →
ein heimisches Wort wird die Bedeutung eines
Fremdwortes übernommen:
 Norm

„Regel“, „Richtmaß“
+
„vorgeschriebene Arbeitsleistung“ (DDR)
 Pionier ― + „Mitglied einer Pionierorganisation“
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die erste Schicht der


lateinischen Entlehnungen
waren Wörter, die Begriffe einer höher
entwickelten materiellen Welt repräsentierten:
 aus der Kriegstechnik:
Straße (spätlat. (via) strata - römische Heerstraße)
 aus der Technik des Steinbaus:
Mauer (murus), Keller (cellarium), Kammer
(camera)
 aus Ackerbau, Garten-, Obst-, Weinbau:
Frucht (fructus), Kohl (caulis), Kirsche (ceresia)
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die zweite Schicht lateinischer


Entlehnungen (bis zum 11. Jh.) erfolgte
infolge der in den Klöstern gepflegten
Bildung und des Unterrichts:
Altar (lat. altare)
Tafel (lat. tabula)
schreiben (lat. scribere)
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die dritte Schicht


lateinischer Entlehnungen
erfolgte im Zeitalter des Humanismus (14. - 16. Jh.).
Die Orientierung an den antiken Sprachen, vor
allem an dem
klassischen Latein im
Fachwortschatz des Buchdrucks, der Musik, des
staatlichen Lebens, der Kirche, im Wortschatz
der Universitäten und der höheren Schule:
Aula, Auditorium, studieren, Professor, Examen,
Fakultät, Rektor
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die Entlehnungen aus dem Französisch


(3 Perioden)
Die erste erfolgte im Mittelalter (vom 12. bis 14. Jh.)
im Zusammenhang mit dem Einfluss des
französischen Rittertums.
Kultur, Lebenshaltung, höfisches Leben
repräsentierten Sach- und Wortentlehnungen:
Tanz, Manier, fein, klar, prüfen, Platz, Preis,
Abenteuer, Palast, Turm, Pavillon, Turnier,
Panzer, Kristall, Rubin, Smaragd, Samt
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die zweite Entlehnungsschicht aus dem


Französisch
(16. und im 17. Jh.)
Diese Periode umfasst einen reichen Wortschatz aus
verschiedenen Bereichen:
Architektur und Möbel, Bau- und Gartenkunst,
Essen und Trinken:
Galerie, Loge, Fassade, Balkon, Nische, Möbel,
Sofa, Büffet, Kostüm, Perücke, Torte, Omelette,
Sauce, marinieren, Ballet, Ball, Maskerade, Dame
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die dritte Schicht


war eine Folge der Französischen
bürgerlichen Revolution.
Revolution, liberal, Terrorismus, Jakobiner,
Bürokratie, Demokrat, Fortschritt,
Organisation, Fraktion, öffentliche Meinung
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Entlehnungen aus dem Italienisch


umfassen 2 historische Abschnitte:
1. vom 14. bis 16. Jh. – Entlehnungen,
die mit den engen
Handelsbeziehungen
Süddeutschlands mit Oberitalien
verbunden waren:
Bank, Konto, Kredit, Risiko
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

2. das 17. und das 18. Jh.


brachten fast ausschließlich Fachwörter der
Musik:

Oper, Konzert, Mandoline, Arie, Solo, Bariton,


Duett, Operette
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Entlehnungen aus dem Englisch


traten gegen Ende des 18. und im 19.
Jh. auf.
Aus
 dem Bereich der Technik wurden entlehnt:

Ventilator, Koks, Patent, patentieren


Lehnübersetzungen:
Pferdekraft, Pferdestärke (horse power)
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

 aus Finanz- und Handlungsbeziehungen:


Scheck, Banknote, Budget, Export
 aus der Politik:

Koalition, Kolonisation, Kongress, Opposition,


Meeting
 aus Haushalt und anderen
Lebensbereichen:
Beefsteak, Brandy, Pony, Bulldogge, boxen,
Boxer, Farmer, Klub
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Entlehnungen aus dem


amerikanischen Englisch
(Amerikanismen):
Job, Hobby, Make-up, Teenager,
Hitparade u.a.
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Entlehnungen aus slawischen Sprachen


umfassen 3 Perioden.
Die erste bezieht sich auf Zeit
vom 11. bis 14. Jh.
Das sind Bezeichnungen von
Handelsobjekten, Lebensmitteln:
Zobel, Quark, Gurke
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die zweite Periode


vom 17. bis 19. Jh.
erfolgte infolge des Einflusses der
russischen Literatur und der
Übernahme bestimmter Gegenstände:
Grippe, Steppe, Tornister, Droschke.
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Die Entlehnungen der dritten


Periode sind eng mit der
Oktoberrevolution und mit dem Aufbau
des Sozialismus in der DDR 1945
verbunden:
Volkswirtschaftsplan, Kulturhaus,
Patenbetrieb, Brigade u.a.
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

Zu linguistischen Ursachen der


Entlehnung gehören:

a) der jeweilige Entwicklungsstand des


semantischen Systems einer
entlehnenden Sprache.
lila, beige, orange, violett, azurn
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

b) die Auffüllung thematischer Reihen und


lexisch-semantischer Gruppen
durch Entlehnungen expressiver Synonyme
aus anderen Sprachen:
kapieren (lat.) zu „begreifen“, „verstehen",
krepieren (ital.) zu „sterben“, „verrecken“;
Visage (franz.) zu „Gesicht“
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

c) der Bedarf an euphemistischer Lexik


Das lexikalisch-semantische System des
Deutschen verfügt über eine bedeutende
Anzahl von ethischen und sittlichen
Euphemismen fremden Ursprungs:
korpulent (lat.) für „dick";
renommieren (franz.) für „prahlen"
4.2. Soziale und linguistische Ursachen der
Entlehnung

d) die Entlehnungen von Fremdwörtern


zur terminologischen Verwendung.

Computer,…..
4.3. Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

Unter Purismus versteht man eine


Bewegung zur Sprachreinigung oder
Fremdwortbekämpfung
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

Die Ursachen der puristischen Tätigkeit


sind konkret historisch zu verstehen.
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

Der Purismus des 17. und 18. Jh.


war Ausdruck des Kampfes um die
Stärkung der deutschen
Nationalsprache
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

1617 in Weimar
Fruchtbringende Gesellschaft
(später Palmenorden genannt)
Martin Opitz, August Buchner, Georg
Philipp von Harsdörffer, Philipp von
Zesen
 die Feststellung einer
schriftsprachlichen Norm
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

 Gesellschaft von den Tannen in


Straßburg (1633),
 die Teutschgesinnte Gesellschaft in
Hamburg (1643) ( Philipp von Zesen)
 der Hirten - und Blumenorden
(1644) (Georg Philipp Harsdörffer und
Johann Klaj)
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

Von Harsdörffer stammen:


 Aufzug statt Akt (in Drama), beobachten statt
observieren, Bleistift statt Crayon, Fernglas statt
Teleskop
von Schottel stammen:
 Mundart, Sprachlehre, Wörterbuch,
Wortforschung, Geschlechtswort, Lustspiel statt
Komödie, Trauerspiel statt Tragödie
von Zesen stammen:
 Augenblick statt Moment, Bücherei statt
Bibliothek, Grundstein statt Fundament
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

Der Purismus des 18. Jhs


Joachim Heinrich Campes
1801 erschien Campes „Wörterbuch zur
Erklärung und Verdeutschung der
unserer Sprache aufgedrungenen
fremden Ausdrücke"
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

Fremdwörter wurden in Campes


Wörterbuch nicht bloß verdeutscht,
sondern mit Erklärungen und
Erläuterungen versehen.
Von den zahlreichen Verdeutschungen
Campes sind verwurzelt:
Ausflug statt Exkursion, befähigen statt
gualifizieren, buchen statt registrieren
4.3 Die Einwirkung der puristischen Tätigkeit auf
den Wortbestand der deutschen Sprache

Der reaktionäre Purismus


(Ende 19 Jhs.- Anfang 20 Jhs.)
„Allgemeine Deutsche Sprachverein“
(1885)
Edward Engel : „Jedes Fremdwort ist
entbehrlich“
Briefumschlag statt Kuvert, Fahrkarte
statt Billett, Schriftleiter statt Redakteur