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Lexikologie des Deutschen

Gegenstand und Aufgaben der Lexikologie,


ihre Teildisziplinen und Grundbegriffe
(Sommersemester 2020)
Prof. Dr. Alla J. Paslawska

Prof. Dr. Alla J. Paslawska 1


Worum es in dieser Vorlesung geht?
Literatur in Auswahl
Lexikologie als Wissenschaft. Die Aufgaben
der Lexikologie und ihrer Teildisziplinen
Zur Entwicklung der Lexikologie als
Wissenschaft
Das Wort als Grundeinheit der Sprache
Struktur des deutschen Wortes
Lexikologische Grundbegriffe

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Literatur in Auswahl
Burger H. Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. – Berlin: Erich Schmidt
Verlag, 1998.
Fleischer W. Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. – Tübingen: Niemeyer, 1997.
Fleischer W. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. – Tübingen: Niemeyer, 1982.
Fleischer W., Barz J. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Unter Mitarbeit von M.
Schröder. – Tübingen: Niеmeyer, 1992.
Harm V. Einführung in die Lexikologie. Darmstadt: WBG, 2015.
Hinka B. I. Lexikologie der deutschen Sprache. – Ternopil: Nationale Pädagogische
Wolodymyr-Hnatjuk-Universität Ternopil, 2008.
Oguy O. D. Lexikologie der deutschen Sprache. – Winnyts’a: Nowa knyha, 2003.
Römer Chr., Matzke B. Lexikologie des Deutschen. Eine Einführung. – Tübingen: Narr,
2005.
Schippan Th. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. – Tübingen: Niemeyer, 1987.
Schwarz M. / J. Chur. Semantik. Ein Arbeitsbuch. – Tübingen: Niemeyer, 1993.
Wanzeck Ch. Lexikologie. – Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1986.
Stepanowa M. D., Fleischer W. Grundzüge der deutschen Wortbildung. Leipzig:
Bibliographisches Institut, 1984.
Паславська А. Й. Практикум з лексикології німецької мови: навчальний посібник /
А. Паславська. – Львів : Вид. центр ЛНУ імені Івана Франка, 2009. – 132 с.
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Definition Lexikologie
„Lexikologie“ als Bezeichnung einer
linguistischen Disziplin ist gebildet aus
griech. lexikós – “sich auf das Wort
beziehend” und logos –“die Lehre”

Die Lexikologie ist eine linguistische


Disziplin, die den Wortschatz (das Lexikon)
einer Sprache in seiner Entstehung,
Entwicklung und seinem gegenwärtigen
Zustand untersucht.

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Der Gegenstand der Lexikologie

Der wissenschaftliche Gegenstand der


Lexikologie ist die Bestimmung und
Beschreibung von lexikalischen
Zeichen, ihren Bedeutungen, Bildung,
Geschichte, Typologie, Gebrauch,
Funktionen und Relationen zwischen
ihnen.

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[Schippan 1992: 1]:
… die Lexikologie [sieht] ihren
wissenschaftlichen Gegenstand im Inventar
lexikalischer Zeichen (Morphemen, Wörtern
und festen Wortgruppen), im Aufbau des
Wortschatzes und im Regelsystem, das
Wortgebrauch und -verstehen bestimmen. Sie
untersucht und beschreibt den Wortbestand
einer Sprache, seine Schichtung und Struktur,
Bildung, Bedeutung und Funktionen seiner
Elemente. Sie ist die Theorie des
lexikalischen Teilsystems, des Lexikons.

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Definition Lexikologie
Schwarze/Wunderlich 1985, S. 8 (Einleitung zum
Handbuch):
Auf die Frage, ‘was ist Lexikologie,’ lässt sich die
vorläufige Antwort geben: Die Lexikologie ist die
Theorie des Lexikons. Damit ist zugleich eine zweite
Frage verbunden, nämlich, was ist das Lexikon?
Kühn 1994, S. 1:
„Die Lexikologie ist die sprachwissenschaftliche
Disziplin, die den Wortschatz einer Sprache – hier
speziell der deutschen Sprache – und seine
Entwicklung betrachtet."
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Definition Wortschatz

Unter dem Wortschatz einer Sprache


versteht man das Inventar von lexikalischen
Einheiten – Wörtern, Morphemen und
festen Wortverbindungen. Synonym zu
‘Wortschatz’ wird auch das Wort Lexikon
bezeichnet.

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Auffassungen von ‘Wortschatz’

a) Wortschatz als die mentale Speicherung von


Wörtern beim Individuum, also der Wortschatz
bezogen auf ein Individuum (mentales Lexikon)
b) Wortschatz im Verhältnis zur Grammatik,
wofür sich die Bezeichnung ,Lexikon‘
sinnvollerweise eingebürgert hat [Lutzeier
1995: 1, 3f.]
c) Wortschatz als der Grundstock eines
beliebigen Ausschnitts einer natürlichen
Sprache (Wortschatz, Lexik)

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Was ist der Wortschatz?

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Wort-schatz einer Sprache ist:

– die systemhaft organisierte


Gesamtmenge aller Lexeme einer
Sprache zu einem bestimmten
Zeitpunkt.
– Grundlage für die Äußerungen, die
aus Wörtern, lexikalischen Einheiten
bestehen.
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Der deutsche Wortschatz
Gegenwartsdeutsch:
etwa 300 – 500 000
Wörter (ohne die
Fachwörter und
morphologischen
Wortformen).
Der Commerzbank Tower
(259 m)
Englisch: 600 000 -
800 000 Wörter.
Prof. Dr. Alla J. Paslawska One World Trade Center
New York City (417 m)
Der Umfang des Wortschatzes
Das Große Wörterbuch der d. Sprache (8
Bände): 200 000 Stichwörter (18. Jhs. bis
zur Gegenwart).
Der Grundwortschatz: 70 000 Wörter.
Durchschnittssprecher: 6 000 – 10 000
gebildeter Sprecher: 10 000
einfacher Sprecher: 1000
(Störig 1997: 207)
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„Wörter im Kopf“
- lexikalisches,
- Weltwissen,
-situatives Wissen

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Wortspeicher im
Langzeitgedächtnis
Bausteine der Sprache – lexikalische
Einheiten, grammatischen Regeln und
das für diese verfügbare Wissen, – die
wir benutzen, wenn wir größere
Einheiten, wie Phrasen, Sätze und Texte,
bilden.

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Lexikoneintrag für stellen:
Phonetische Form: [stellt]
Graphische Form: <stellt>
Semantik: X verurs., dass Y in Z ist
Wortart: Verb
Morph-synt. Merkm: 3 P., Sg., Ind.; seleg. 3 Arg.:
Substantiv (Agens),
Substantiv (Thema/Patiens),
PräpGr (Richtungsangabe).

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Der Zugriff zum mentalen Lexikon

Produktion von 2-3 Wörtern in


einer Sekunde
Erkennen von 5 Wörtern pro
Sekunde.

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Einheiten des Wortschatzes
das Morphem
das Wort
das Lexem
Mehrwortlexem/Phraseologismus

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Lexikalischer Status
usuell: fester, allgemein bekannter
Bestandteil des Wortschatzes, Haustür
okkasionell: gelegentliche Bildungen,
unkaputtbar, katzensicher
potenziell: mögliche Bildungen, tischgroß,
entmäusen, entcomputern, beiphonen.

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Woher kommen die (neuen)
Wörter?

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Diese Wege führen nach Rom:

1. Wortbildung
2. Wortentlehnung
3. Bedeutungswandel
4. Bildung von Phraseologismen

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Warum kommen neue Wörter?
Hauptgrund: Benennungsbedürfnis:
Produkte, Institutionen. Man kann über die
Realität nicht sprechen, wenn sie
sprachlich nicht verbalisiert ist:
Deukisch
Partyotismus
Späti
Migrationshintergrund
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Teildisziplinen

Allgemeine Lexikologie
Allgemeine Lexikologie untersucht
wort- und wortschatzbezogene
Phänomene, die für viele (die meisten)
Sprachen gelten.

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Spezielle Lexikologie
Spezielle Lexikologie beschäftigt sich
mit Gesetzmäßigkeiten der Struktur,
Bedeutung, Veränderung, der sozialen,
regionalen und funktionalen
Bestimmung der Lexeme einer Sprache
(hier geht es um die Lexikologie der
deutschen Sprache).

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Kontrastive Lexikologie
Kontrastive Lexikologie interessiert sich
für Unterschiede und Gemeinsamkeiten
im lexikalischen Bestand von
wenigstens zwei Sprachen.

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Historische Lexikologie
Historische Lexikologie fixiert die
Veränderungen in Wörtern und
Wortschätzen.

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Diachronie – Synchronie
Das Wort und der Wortschatz sind
somit Gegenstand der Lexikologie, der
sowohl in Diachronie – in seiner
Entwicklung, als auch in Synchronie –
auf einer Zeitebene untersucht wird.

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Die Aufgaben der Lexikologie
Bedeutung: Flügel
Geschichte: Rhein, Schulheft, Duden, Laune
Bezeichnungsfunktion: Morgen-/Abendstern
Morphemstruktur:
Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz
Konnotation: essen - fressen - speisen
Funktional: Gastarbeiter, Rebellen?
Regional: Erdäpfel
Sozial: Bio, Geo, Mathe
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Semasiologie
Semasiologie (Bedeutungslehre,
(Wortsemantik, lexikalische Semantik)
beschäftigt sich mit der Bedeutung
einzelner sprachlicher Ausdrücke, den
Bedeutungsbeziehungen zwischen
sprachlichen Ausdrücken.
Zug

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Onomasiologie
Onomasiologie (Bezeichnungslehre)
untersucht die Bezeichnungsfunktion von
sprachlichen Ausdrücken: wie werden
Gegenstände, Erscheinungen und
Sachverhalte der objektiven Welt sprachlich
benannt.

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Etymologie
Die Etymologie erforscht Herkunft und
Entwicklung der Wörter und stellt dabei auch
Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den
Lexemen, Alter, Gesetzmäßigkeiten des
Formativ- und Bedeutungswandels fest.
Birke – kommt aus dem ahd. birhha – die
Leuchtendweiße,
idg. bhereg (leuchten).

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Wortbildungslehre

Die Wortbildungslehre erklärt die Bildung


der Wörter aus vorhandenem Material nach
Modellen.

M4 : L2 = DP + L1 – Urzeit
M6 : L2 = L1 + DS – Achtung

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Phraseologie
Die Phraseologie ist die Lehre von den
festen Wortkomplexen bzw.
Wortverbindungen einer Sprache, die in
Funktion und Bedeutung einzelner Wörter
(Lexeme) erfüllen:
null Bock haben lustlos sein
ein Auge zudrücken großzügig jm etw
verzeihen
baden gehen scheitern
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Lexikologie und Syntax
Trotz der Umdeutung werden solche
Wortkomplexe nach syntaktischen
Regeln gefügt, wodurch sie ihre
Beziehung zur Syntax nachweisen –
der Lehre, die sich mit den Regeln der
Kombination von Wörtern zu Sätzen
beschäftigt.

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Lexikographie
im engeren Sinne: wissenschaftliche
Praxis, die darauf ausgerichtet ist, dass
Wörterbücher entstehen.
im weiteren Sinne: Wörterbuchforschung
-wissenschaftliche Befassung mit
Wörterbüchern; Theorie und Praxis

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Onomastik
Die Onomastik (Namenkunde) untersucht
die Eigennamen, ihre Motivation und
Bildung, den Übergang des Eigennamens
in den Bereich der Gattungsnamen.
Peter – Petrus, griech. (πέτρος Pétros)
“Fels”

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Semiotik
Wörter sind sprachliche Zeichen. Ihre
spezifischen Eigenschaften, die sie von
anderen Zeichen unterscheiden,
untersucht Semiotik – die Lehre vom
Wesen, der Entstehung und dem
Gebrauch von allen möglichen
Zeichenarten.

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Phonetik und Graphemik
Als sprachliche Zeichen haben Wörter
neben der Inhaltsseite auch die
Ausdrucksseite, für die solche
Wissenschaften wie Phonetik
(Lautlehre) und Graphemik
(Wissenschaftsdisziplin, die das
System der Grapheme einer Sprache
erforscht) zuständig sind.

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Morphologie
Wichtig ist für Lexikologie ferner die
Frage nach den kleinsten
Bauelementen – Morphemen, aus
denen Wörter aufgebaut sind.

Bundesverfassungsgericht

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Psycholinguistik
Denkt man an das mentale Lexikon als
Speicherort für den Wortschatz des
Sprechers, so ergibt sich ein
Zusammenhang zwischen Lexikologie
und Psycholinguistik als Wissenschaft
von der menschlichen Sprachfähigkeit
(die Sprachwissensforschung, die
Spracherwerbsforschung und die
Sprachprozessforschung).
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Stilistik
Wörter dienen vor allem zur
Kommunikation, d. h. sie sind Einheiten
sowohl der Sprache als auch der Rede.
Mit der mündlichen oder schriftlichen
Verwendungsweise von Wörtern, mit
den Normen ihres Gebrauchs
beschäftigt sich die Stilistik.

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Soziolinguistik
Territoriale und soziale Besonderheiten
des Wortschatzes und die Notwendigkeit
ihrer Analyse bedingt die Überschneidung
der Lexikologie mit der Soziolinguistik.

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Pragmatik
Den Gebrauch von Wörtern untersucht die
Pragmatik.
Nicht einzelne Sätze oder Wörter gelten
als die Grundelemente menschlicher
Kommunikation, sondern sprachliche
Handlungen bzw. Sprechakte.
Mutter: Wie oft muss ich dir noch sagen,
dass du dein Zimmer aufräumen sollst?
Kind: Noch vier Mal, bitte. (Ernst, 2002).
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Das Wort als Grundeinheit der Sprache
auf der lexikalisch-semantischen Ebene als kleinster,
relativ selbständiger Träger der Semantik;
auf der morphematischen Ebene dagegen als eine aus
dem Redestrom potenziell isolierbare morphematische
Einheit, die zwar teilbar sein kann, jedoch im System
zur Einheit eines morphologischen Paradigmas
zusammengeschlossen ist;
auf der phonologischen Ebene als eine durch mögliche
Pausen isolierbare Einheit;
auf der graphemischen Ebene als eine durch
Leerstellen im Schriftbild isolierbare Einheit;
auf der syntaktischen Ebene kann es durch seine
syntaktische Funktion, Satzglied, vertausch- und
umstellbar zu sein, Prof.
definiert werden.
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Wesensmerkmale des Wortes
Als Einheit der Sprache ist das Wort:
lautlich-inhaltlich strukturiert, d.h. besteht aus
einem oder mehreren Teilen
a) der Klasse Morphem und damit auch
b) der Klasse Phonem;
organisiert im sprachlichen System
a) stets als Vertreter einer bestimmten Wortklasse
mit einer kategorialen Grundbedeutung;
b) meist auf Grund bestimmter semantischer
Merkmale als Bestandteil eines lexikalisch-
semantischen Paradigmas.
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Wesensmerkmale des Wortes
Als Einheit der Rede (des Textes) ist das Wort:
artikuliert (notiert), d.h. textkonstituierend;
a) isoliert, als Minimaläußerung eines Sprechers
oder
b) kombiniert, als Glied eingefügt in ein Syntagma,
einen Satz oder eine Satzfolge;
mit Aktualisierung (s)einer Bedeutung bezogen
a) als zeichenhafte Bestimmung (Symbol) auf ein
sachlich Gemeintes;
b) als Information (Signal des Sprechers) auf einen
angesprochenen Hörer (Leser).
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Deutscher Wortschatz
Stammwörter, seit uralter Zeit :
Arbeit, fahren, Knochen, Mutter, Vater;
Ableitungen aus Stammwörtern, die aus
den verschiedenen Zeiten stammen:
Gemahlin, Herzogtum, Offenheit;
Entlehnungen aus anderen Sprachen:
kochen, Turnier, Mauer, Platz, schreiben,
Teufel.

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Phonetische Ausgestaltung des deutschen Wortes
Die Lautgestalt der deutschen Wörter wird durch die
Kombination von etwa 40 Phonemen bestimmt.
Im Deutschen besitzt das Wort eine morphologisch gebundene
Betonung. In einfachen Wörtern – die erste Silbe betont.
Aber: -ei und -ieren.; in einigen Zusammensetzungen: Jahr
´hundert; bei Abkürzungen; bei Fremdwörtern.
Die Hauptbetonung im Deutschen ist stark zentralisierend, sie
gestaltet das Wort als eine lexikalische Ganzheit.
Die Konsonanten im Auslaut und im Silbenauslaut werden
stimmlos ausgesprochen;
Die Vokale im Wort- oder Silbenanlaut erhalten den festen
Einsatz;
In unbetonten Silben werden die langen Vokale quantitativ
reduziert.
Die typische deutsche Silbe besteht aus 2-4 Silben.
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Das Wort besteht mindestens aus einem Morphem.
Lexikologische Grundbegriffe
Das Lexem: Grundeinheit des Wortschatzes (und
damit der Grundbegriff der Lexikologie). Ein
Lexem ist ein lexikalisches Zeichen, also eine
Einheit aus Form und Bedeutung. Ein Lexem
enthält mindestens ein Grund- oder Basismorphem.
Es kann aus mehreren Morphemen
(Wortbildungskonstruktionen) und auch mehreren
Wörtern bestehen (Phraseologismen).

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Lexikologische Grundbegriffe
Das Morphem ist das kleinste sprachliche
Zeichen, also die kleinste eine (eigenständige)
Bedeutung tragende sprachliche Kategorie.
Man unterscheidet als Arten von Morphemen:
1. Grund- oder Basismorpheme
2. Wortbildungsmorpheme
3. grammatische Morpheme
Z. B. vergleichbare

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Lexikologische Grundbegriffe
Das Semem [ze'me:m] ist eine (usuelle,
lexikalisierte) Bedeutungsvariante eines
Lexems.
Aus einer anderen theoretischen Perspektive ist
das Semes Konfiguration semantischer
Merkmale, ein Bündel von Semen.

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Lexikologische Grundbegriffe
Das Sem (semantisches Merkmal)
Als Sem oder semantisches Merkmal
betrachtet man die - als atomistisch
vorgestellte - kleinste Einheit der
Bedeutung. Sememe lassen sich nach dem
Konzept der Merkmalsanalyse restlos in
semantische Merkmale oder Seme zerlegen.
(z.B. 'konkret' vs. 'abstrakt', 'belebt' vs.
'unbelebt', 'männlich' vs. 'weiblich' u.Ä.).
Prof. Dr. Alla J. Paslawska 52
Konventionalität
Sprachliche Zeichen sind prinzipiell arbiträr,
konventionell: Die Angehörigen einer
Kommunikationsgemeinschaft einigen sich
(meist stillschweigend, nur selten bewusst)
darüber, mit welchem Ausdruck (oder Zeichen)
eine bestimmte Sache bezeichnet wird.

Prof. Dr. Alla J. Paslawska 53


Motiviertheit
In Bezug auf den arbiträren Charakter von Zeichen
stellen alle Lexeme eine Ausnahme dar, für die es ein
Benennungsmotiv gibt: Man nennt solche Lexeme:
motiviert.
Die Motiviertheit ist die Beziehung zwischen
Formativ und Bedeutung, bei der die Wahl des
Formativs durch bestimmte Eigenschaften,
Verhaltensweisen des Benennungsobjekts bedingt ist.
Bei der Benennung eines in der Praxis neu
gewonnenen Sachverhalts dient gewöhnlich ein
Merkmal (die innere Form, wonach der ganze
Nominations-gegenstand benannt wird.
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Arten der Motivation
Onomatopoetica (lautmalerische Ausdrücke)
Bienen summen: summ summ.
Vögel zwitschern: tswit, tswit.
Katzen miauen: miau, miau.
Küken: piep piep
Kühe muhen: mmuuh.
Krähen krähzen: kwrah, kwrah.
Kuckucke schreien: kuckuck.
Hunde bellen: wau wau / wuff wuff.
Tauben gurren: guru, guru.
Esel "iahen": iaah, iaah.
Enten quaken: quack, quack.
Elefanten trompeten:
Prof. Dr.trörö.
Alla J. Paslawska 55
Der Zeichencharakter von
Wörtern und ihre Bedeutung
SS 2020
Alla J. Paslawska
Das Ziel:
- Welche Arten von Zeichen lassen sich in der
Lehre von Zeichen (= Semiotik) unterscheiden?
- Zu welcher Klasse von Zeichen gehören
Wörter?
- Wie ist die Struktur des sprachlichen Zeichens?
- Was ist die Bedeutung?
- Welche Arten von Bedeutungen lassen sich
unterscheiden?
Semiotische Zeichenarten
(nach Ch. Pierce)
1. Indexikalische Zeichen
Indexikalische Zeichen geben in der Regel
Relationen Ursache-Wirkung oder Folge-
Grund wieder. Es besteht eine unmittelbare
Beziehung zwischen der Form eines Zeichens
und seiner Bedeutung.
1. Indexikalische Zeichen
1. Indexikalische Zeichen in der
Sprache
Indexikalische Zeichen sind von dem Willen des
Sprechers unabhängig. Sie sind unwillkürlich und
ergeben sich einfach aus konkreter Situation, in der
sie vorkommen.
2. Ikonische Zeichen
Unter Ikon versteht man ein Zeichen, das die
Eigenschaften eines realen Objekts oder
Sachverhalts aufgrund einer visuellen oder
akustischen Ähnlichkeit bildhaft imitiert.
2. Ikonische Zeichen in der Sprache
3. Symbolische Zeichen
Bei symbolischen Zeichen ist die Beziehung
zwischen dem Zeichen und dem Gegenstand
oder Sachverhalt, die es bezeichnet, arbiträr
(völlig willkürlich) oder konventionell (auf
stillschweigender Übereinkunft beruhend).
3. Symbolische Zeichen
3. Symbolische Zeichen in der
Sprache
Die meisten sprachlichen Ausdrücke verfolgen das
symbolische Prinzip:
Nichts in der Lautkette /tisch/ sieht aus wie ein Tisch oder
hat die Funktion eines Tisches.
Die Zuordnung zwischen den beiden Seiten, Form und
Bedeutung, ist also willkürlich (arbiträr).
Es gibt keine Relation zwischen Form und Bedeutung,
außer der konventionellen Festlegung
Bilaterales Zeichenmodell
Triadisches Zeichenmodell
Semiotisches Dreieck
(Ch. K. Ogden / I. A.Richards)
Funktionen
von sprachlichen Zeichen
1) Hinweis auf konkrete Gegenstände;
2) Ausdruck unserer Begriffe und Vorstellungen von
diesen Gegenständen:
Ein Buch dient zum Lesen (begriffliche Darbietung des
Gegenstandes)
Gib mir die Milch, die im Kühlschrank steht (denotative
Darbietung des Gegenstandes)
??? Dieser Tisch gefällt mir.
??? Der Mensch (Homo sapiens) ist innerhalb der
biologischen Systematik ein höheres Säugetier aus der
Ordnung der Primaten (Primates).
Wie ist das Verhältnis: Bedeutung –
Begriff?
Begriff – logische Kategorie,
Bedeutung – sprachliche Kategorie
Keine Identität:
Begriffe drücken das Allgemeine aus;
Bedeutungen variieren vom Konkreten zum
Abstrakten (Artikel, finite/infinite Formen)
Begriffe – keine Emotionen, Bedeutungen sind oft
mit Emotionen verbunden
direkte und übertragene Bedeutungen, aber nicht die
Begriffe.
Das Organon-Modell von Karl
Bühler
Besonderheiten des
sprachlichen Zeichens
Arten der Motivierung
Phonetische (natürliche) Motivierung
Die Lautgestalt bildet den Schall der bezeichneten
Denotate nach (Schallwörter / Onomatopoetika)
Z. B. knarren, knurren, summen.
Synästhesie: Wahrnehmungen anderer
Sinnesorgane werden in lautlich-akustische
Einheiten überführt:
Hör, es klagt die Flöte wieder,
und die kühlen Brunnen rauschen,
golden wehn die Töne nieder –
Stille, stille, laß uns lauschen!
Morphematische Motivierung
Morphematische Motiviertheit liegt
bei morphologisch gegliederten
Wörtern vor, wenn die
Gesamtbedeutung aus den
Teilbedeutungen ermittelt werden
kann.
Motivierungsgrade:
Wollkleid ➝ vollmotiviert
Handtuch ➝ teilmotiviert
Bräutigam ➝ unmotiviert
Semantische oder figurative
Motivierung
Ein vorhandener Lautkörper wurde zur
Bezeichnung eines weiteren Denotats
benutzt, um Ähnlichkeiten deutlich zu
machen.
Metaphorische (Ähnlichkeit) und
metonymische Motivierung: Maus, Virus,
Wurm (Computerbranche)
Etymologische Motivierung

Wörter waren in einer früheren


Sprachepoche motiviert, sind es aber
heute nicht mehr.
Z. B. Bett < idg. ✷bhedh- (graben)
Definitionen der Wortbedeutung
Die Wortbedeutung ist inhaltliche Widerspiegelung
eines Gegenstandes, einer Erscheinung, einer
Beziehung der objektiven Realität im Bewusstsein
der Angehörigen einer Gemeinschaft, die
traditionell mit einem Lautkomplex verbunden ist.
(Schmidt W. Lexikalische und aktuelle Bedeutung.
Berlin, 1963).
Bedeutungen sind also an sprachliche Ausdrücke
gekoppelte konzeptuelle Einheiten in unserem
Langzeitgedächtnis (Schwarz/Chur, S. 15 f.).
Struktur der Wortbedeutung

Die Wortbedeutung ist strukturiert und ist


komplexer Natur.
Sie enthält drei Komponenten:
denotative,
signifikative,
konnotative.
Denotative Komponente
Die denotative Komponente ist sprachlich
realisierte Funktion des Zeichens, eine
bestimmte Erscheinung der objektiven
Realität (einen Gegenstand – ein Denotat)
zu repräsentieren (denotative Bedeutung).
Signifikative Komponente

Die signifikative Komponente stellt die


Inhaltsseite von einem Gegenstand
oder der Klasse von Gegenständen dar.
Konnotative Komponente
Die konnotative Komponente besteht aus
wertenden semantischen Merkmalen der
signifikativen Bedeutung der Wörter. In den
Wertungen drücken sich die Beziehungen des
Menschen zu den Gegenständen und
Erscheinungen der objektiven Realität aus.
Strukturellen Semantik

Das Ziel der strukturellen Semantik ist "eine


restlose Auflösung in semantische
Merkmale, d.h. also Seme" (Wotjak, G.
(1971:70-71)
Strukturelle Semantik: Beispiel 1
Sessel: mit Rückenlehne, gewöhnlich auch mit Armlehnen
versehenes, meist weich gepolstertes, bequemes Sitzmöbel
(für eine Person). 2. (österr.) Stuhl
Stuhl: 1. mit vier Beinen, einer Rückenlehne u. gelegentlich
Armlehnen versehenes Sitzmöbel für 1 Person: ein harter S.
Hocker: 1. [stuhlhohes] Sitzmöbel ohne Lehne für eine Person
Sofa: gepolstertes Sitzmöbel mit Rückenlehne u. Armlehnen,
dessen Sitzfläche für mehrere Personen Platz bietet.
Merkmale: 1) zum Sitzen; 2) mit Rückenlehne; 3) mit
Armlehne; 4) für 1 Person; 5) auf Beinen
Deutschland
Österreich
Schweiz
Strukturelle Semantik: Beispiel 2
Strom, m: großer (meist ins Meer mündender)
Fluss
Fluss, m: größerer natürlicher Wasserlauf
Bach: kleiner natürlicher Wasserlauf von geringer
Tiefe u. Breite
Rinnsal, n: sehr kleines, sacht fließendes
Gewässer
Kanal, m: künstlicher schiffbarer Wasserlauf als
Verbindung zwischen Meeren, Flüssen, Seen
Graben, m: [für einen bestimmten Zweck
ausgehobene] längere, schmale Vertiefung im
Erdreich
Strukturelle Semantik: Beispiel 2
Meer, n: sich weithin ausdehnende, das Festland
umgebende Wassermasse
See, m: größere Ansammlung von Wasser in einer
Bodenvertiefung des Festlandes; stehendes
Binnengewässer
Tümpel, m: Ansammlung von Wasser in einer
kleineren Senke, Vertiefung im Boden
Pfütze, f: kleinere Ansammlung von Wasser
Teich, m: kleineres stehendes Gewässer; kleiner See
Becken, n: größeres [ausgemauertes] Wasserbecken
Merkmalanalyse
Strukturalistische Bedeutungstheorie
Die Bedeutung eines Wortes ist in kleinste
semantische Einheiten zerlegbar, die Seme heißen.
Die Semanalyse bietet die Möglichkeit mit Hilfe von
kleinsten Bedeutungselementen den Wortschatz der
Sprache zu analysieren.
Strukturelle Semantik beschreibt und erklärt
Bedeutungsbeziehungen zwischen Wörtern.
Sie lässt sich nicht auf alle Lexeme anwenden.
Typen der Wortbedeutung

1) Nach Bezeichnungs- und Inhaltsfunktion:


denotative und signifikative Bedeutung.

Z. B. Morgenstern und Abendstern


Der Sieger von Jena und der Besiegte von
Waterloo
Typen der Wortbedeutung
Nach dem Aspekt der Nominationstechnik:
direkte und übertragene Bedeutung.
Direkte Wortbedeutung (wörtliche, eigentliche
Bedeutung) entsteht bei der primären Nomination
bestimmter Erscheinungen und Gegenstände der
objektiven Realität.
z.B. schwarze Farbe, schwarzer Stift
Übertragene Bedeutung entsteht bei der sekundären
Nomination. Das konkrete Sinnlichwahrnehmende
der direkten Bedeutung führt zur Entstehung einer
anderen Bedeutung.
z.B. schwarze Gedanken, schwarz fahren
Direkte und übertragene
Bedeutung: Beispiele
die Biene sticht das Schiff sticht in See
ein heller Kopf ein helles Licht
jetzt bin ich aber satt ein sattes Grün
eine brütende Hitze die Henne brütet
ein Hund hat ihn gebissen der beißende Spott
ein Mann wurde gefesselt ein fesselnder Roman
hartes Holz ein hartes Wort
Typen der Wortbedeutung
Das mehrdeutige Wort besitzt die
Hauptbedeutung, die gewöhnlich die
direkte Bedeutung bildet. Die
Hauptbedeutung wird bei der isolierten
Nennung des Lexems im Bewusstsein der
meisten Sprachträger zuerst realisiert.
Abgeleitete und übertragene Bedeutungen
bilden Nebenbedeutungen.
Haupt- und Nebenbedeutungen:
Beispiele
Maus?
1) миша
wie eine gebadete Maus – як мокра курка
2) розм. лапуля
meine Maus! – дорогенька!
3) родима пляма з волосинками
4) печиво
5) dicke Mäuse – великі гроші
6) weiße Mäuse – регулювальник
Haupt- und Nebenbedeutungen:
Birne?
 Birne f =, -n гру́ша
 Birne f =, -n жарівка
 Birne f =, -n розм. голова́
 du hast wohl eine weiche Birne! ну ти й
придурок!
 ich habe eine dicke Birne голова тріщить
 eins auf die Birne bekommen дістати в голову
 Birne f =, -n тренувальна гру́ша (бокс)
Haupt- und Nebenbedeutungen:
Zug?
1.поїзд
2.хода
3.вирій птахів
4.тенденція
5.хід у шахах
6.Zug um Zug erledigen крок за кроком
7.ковток
8.риса
Freie und gebundene Bedeutung
Das Buch fällt, das Kind fällt (freie Wortbedeutung)
Nicht auf den Kopf gefallen sein (nicht dumm sein)
(gebundene Wortbedeutung).
Bahnhof verstehen
=>nur gebunden: nichts verstehen
jm den Zahn ziehen
=>frei: wörtliche Bedeutung
=> gebunden : jn einer Illusion berauben
alt aussehen
=> frei: wörtliche Bedeutung
=> gebunden: einen schlechten Eindruck machen
J-m den Kopf waschen?
PARADIGMATISCHE UND
SYNTAGMATISCHE
BEDEUTUNGSRELATIONEN

Prof. Dr. Alla Paslawska

101
PARADIGMATISCHE RELATIONEN

Lexeme stehen in paradigmatischen Relationen


zueinander, wenn sie die gleiche Stelle in einer
Redekette einnehmen können, also aufgrund
ihrer gleichen Eigenschaften gegeneinander
austauschbar sind.

102
PARADIGMATISCHE RELATIONEN

Es sind Beziehungen des Typs "b statt a", also


des Anstelle-von. In einem Satz wie "Ich
sehe das Kind" kann "Kind" ersetzt werden
durch: "Gebäude", "Haus", “Mädchen"
usw., ohne dass der Satz grammatisch
falsch wird.

103
PARADIGMATISCHE RELATIONEN

In paradigmatischen Beziehungen
zueinander stehen auch die
verschiedenen Flexionsformen eines
Wortes, da sie ein Flexionsparadigma
bilden.

104
SYNTAGMATISCHE RELATIONEN

Lexeme stehen in syntagmatischen


Relationen zueinander, wenn sie in der
Redekette miteinander kombinierbar sind.

105
Beispiel:
Während die syntagmatische Beziehung auf
horizontaler Ebene definiert wird, wird die
paradigmatische Beziehung auf vertikaler
Ebene definiert. 
Monika → läuft → im → Park.     
rennt             
schläft                    
sitzt                        
spaziert

106
Unterscheidungskriterien
→ Syntagmatisch:   durch Kombinierbarkeit
definiert (hier: Beziehung zwischen
Monika, läuft, im und Park)
↓ Paradigmatisch:a) durch
Austauschbarkeit definiert (hier: läuft,
rennt, schläft, sitzt...)

107
Arten der paradigmatischen
Relationen

108
Polysemie
Unter Mehrdeutigkeit/Polysemie versteht man
die Fähigkeit eines Wortes, mehrere
miteinander verbundene Bedeutungen zu
haben.

109
Polysemie

Die Schule steht neben dem Sportplatz.


Die Schule wird von der Gemeinde unterstützt.
Die Schule langweilt ihn.
Die Schule ist aus der Geschichte Europas nicht
mehr wegzudenken.
Die Schule macht ihm Sorgen.

110
Beispiele der Polysemie
Himmel, der oder die (religiöser Ort, metaphysisches Jenseits)
Himmel, der (astronomischer Ort)

Stimme, die (Sprachfähigkeit),


Stimme, die (Wahlstimme, Votum)

111
Homonyme
Homonyme sind Wörter mit verschiedenem Formativ
und völlig unterschiedlichen Bedeutungen.
▪Arm, der (Körperteil) und arm (Adjektiv - mittellos)
▪Elf, der (Märchengestalt) und elf (Zahl)
▪Fest, das (Feier) und fest (Adjektiv - beständig, hart)
▪Kiefer, die (Baum) und Kiefer, der (beweglicher Teil
des Gesichtsschädels)
▪Reif, der (Ring) und Reif, der (Eiskristalle) und reif
(Adjektiv - ausgereift)
▪sieben (Zahlwort) und sieben (Verb - durch ein Sieb
geben)
▪Strauß, der (Vogel) und Strauß, der (Blumengebinde) 112
Arten der Homonyme
 Homographe - Lexeme mit gleicher Schreibung, aber
unterschiedlicher Lautung/Aussprache: Montage –
Montage, übersetzen, umfahren, Band
 Homophone - Lexeme mit gleicher
Lautung/Aussprache, aber unterschiedlicher
Schreibung: Ställe – Stelle! – Stelle, Waise –Weise –
weise – Weise!, leeren – lehren – Lehren, Gäste – Geste.
 Homographe und Homophone: lesen, die Schnur,
dichten, der Ball, der Kater, das Pferd, die Mutter

113
Wege der Entstehung der Homonyme
 Auf phonetischem Wege – durch den Zusammenfall
etymologisch nicht verwandter Wörter: Seite/Saite;
Weise/Waise; der/das Tau; die/das Mark, der Ball
Ball1 m. ‘Kugel, Spielgerät’ (< 9. Jh.). Mhd. bal, ahd. bal
aus g. *ballu- m. ‘Ball, Kugel’
Ball2 m. ‘Tanzfest’ (< 17. Jh.). Entlehnt aus frz. bal, einer
Ableitung von frz. baller ‘tanzen’
 Auf phonetisch-wortbildendem Wege: der/die Leiter,
der/das Messer, der/die Kunde
 Auf semantischem Wege: das Schloss, pflegen, der
Flügel

114
Synonyme
 Studienbuch Linguistik: Synonymie ist
eine paradigmatische Bedeutungsrelation
und zwar die der Bedeutungsähnlichkeit.

115
Synonyme
(SCHWARZ 1993: 54)
Synonymie ist die Bedeutungsgleichheit
zwischen Wörtern, wobei verschiedene
Wortformen dem gleichen Inhalt zugeordnet
werden.
„Wir können im Satz die Synonyme
vertauschen, ohne dass sich am Sinn oder
dem Wahrheitsgehalt des Satzes etwas
ändert.“
116
Synonyme
ALLAN (1986: 174)):
„Synonymie is a special case of semantic
implication, namely symmetrical
implication.“

117
Keine Synonymie:
Referenzidentität
Synonymie ist als Bedeutungsrelation im
mentalen Lexikon gespeichert, die
Referenzidentität nicht.
 Goethe und der Verfasser von Faust
 Nachbars Hund und Waldi, Köter, Flohhaufen
 ein Student aus dem Seminar: der Student, der
Nachbar von..., der faule Mensch
 bei Frege: Morgenstern/Abendstern

118
Keine Synonymie:
Ambiguität/Mehrdeutigkeit
 – Was machst du wenn du im Dschungel eine
Schlange siehst?
 – Ich stelle mich hinten an.

Während bei der Synonymie ein Inhalt an


verschiedene Wortformen geknüft ist, finden
sich bei der Ambiguität mehrere Bedeutungen,
die einer Wortform zugeordnet sind.

119
Synonymie als Teilungsprozess

120
Synonyme
Wie die Leute aus dem Leben scheiden
Der Gelehrte – gibt den Geist auf
Der Färber – ist verblichen
Der Maurer – kratzt ab
Der Romanschriftsteller – endet
Der Matrose – läuft den letzten Hafen ein
Der Pfarrer – segnet das Zeitliche
Der Schauspieler – tritt von der Bühne ab
Der Vegetarier – beißt ins Gras
Der Musiker – geht flöten
Der Schaffner – liegt in den letzten Zügen
Der Straßenfeger – kehrt nie wieder 121
2 Arten von Synonymen (V.
Vinogradov)

 Vollständige Synonyme:

 Unvollständige Synonyme: begriffliche


(ideographische) und stilistische

122
Vollständige Synonyme

 drücken denselben Begriff aus


 ersetzen einander im beliebigen
Kontext
 stilistisch neutral

123
Beispiele für vollständige
Synonyme
- Augenlid – Lid
- Beginnen – anfangen
- BRD - Bundesrepublik Deutschland
- Linguistik – Sprachwissenschaft
- Apfelsine – Orange

124
Territoriale Dubletten
 Norden Süden
 Sonnabend Samstag
 Treppe Stiege
 Junge Bub
 arbeiten schaffen

125
Unvollständige Synonyme

 nicht völlig gleich

 besitzen neben gemeinsamen Hauptmerkmalen


verschiedene Nebenmerkmale

 werden unterteilt in:


- Ideographische Synonyme
- Stilistische Synonyme

126
Ideographische Synonyme

 Unabhängige Synonyme:

 behalten ihre Grundbedeutung

 sind vom Kontext unabhängig

 unterscheiden sich durch verschiedene


Nebenmerkmale

127
Beispiele:

 Begriffliche Synonyme unterscheiden sich


inhaltlich:
 Lohn – Arbeitentlohnung für Arbeiter
 Gehalt – Entlohnung für Angestellte
 Gage – Entlohnung für Künstler
 Honorare – Entlohnung für Schriftsteller,
Juristen, Anwälte
 Sold – Entlohnung für Soldaten

128
Kontextuale Synonyme

 mehrere Bedeutungen
 konkrete Bedeutung nur im Kontext
ersichtlich

ledig – frei – unverheiratet


Gegner – Feind
Rose – Blume

129
Stilistische Synonyme
 Besondere stilistische Färbung

 Gebrauch in verschiedenen funktionalen Stilen

- Wellen – Wogen
- Gesicht – Antlitz – Fratze – Frätzchen – Visage
- essen – fressen – speisen – genießen

- Kopf - Haupt
- jemandem ist etwas egal – gleich – gleichgültig –
wurst
130
Die Ursachen der Entstehung der
Synonyme:
1) Durch den Einfluß des fremden Wortgutes (Entlehnungen):
 Anschrift – Adresse; Briefumschlag – Kuvert (n);
Fahrkarte – Ticket; Arbeit – Job;
2) Durch den Einfluß der Wortbildung:
 das Bild – das Bildnis; der Lauf – das Laufen;
3) Durch die Beeinflussung der Mundarten
 Kartoffeln – Erdäpfel; Streichholz – Zündholz
4) Durch euphemistische Umschreibungen
 schwanger sein – guter Hoffnung sein; sterben –
einschlafen – einschlummern.
131
Funktionen der Synonyme:
1) Sie dienen zur Variation des sprachlichen
Ausdrucks, zur Ausdrucksverstärkung;
2) Sie geben eine zusätzliche Information,
indem sie das Gesagte konkretisieren;
3) Sie drücken eine subjektive Bewertung aus,
die die Einstellung des Sprechers zum
Gegenstand der Rede offenbart.

132
Synonymreihen

 Synonymreihen sind Wortgruppierungen mit


semantischen Beziehungen der Identität oder
Bedeutungsähnlichkeit. Jede synonymische
Reihe hat gewöhnlich eine Dominante. Das ist
das semantisch klarste Wort, stilistisch
neutral, gebräuchlicher, als die anderen
Wörter dieser Reihe.

133
Beispiel: Synonymreihe

 Kopf  Birne, Dach, Gehirnkasten,


Gedankengenerator, Rübe.
 Голова  ???
 voraussagen - vorhersagen – prophezeien
- wahrsagen - weissagen - unken - orakeln

134
Antonyme

Wörter oder Wortverbindungen mit


entgegengesetzten Bedeutungen.

135
Antonymie (Kontrarität)
Schippan 1991:
"Die Negation eines Ausdrucks impliziert nicht
notwendigerweise die Behauptung des
anderen, sondern zwischen zwei
antonymischen Polen gibt es Übergänge.
 heiß vs. kalt
 warm vs. kühl 
 hübsch vs. häßlich 
 Mangel vs. Überfluss
136
Komplementarität bzw.
Kontradiktion
Schippan 1991: die polaren Lexeme
schließen einander aus.
Zwischenstufen sind nicht möglich. ...
Die Behauptung des einen impliziert
die Verneinung des anderen."
 tot vs. lebendig
 verheiratet vs. ledig
 männlich vs. weiblich
137
Konversivität
Schippan 1991: Verben drücken die gleiche
Handlung unter gegensätzlichen
Sehweisen aus."

 geben vs. nehmen 


 kaufen vs. verkaufen 
 mieten vs. vermieten 

138
Reversivität
Lutzeier 1995: Der Anfangszustand des ersten
Geschehens der Endzustand des zweiten
Geschehens und der Endzustand des
ersten Geschehens der Anfangszustand
des zweiten Geschehens sein."
 beladen vs. entladen 
 anbinden vs. abbinden (losbinden)
 abdrehen vs. andrehen 

139
Hyponynymie (Unterordnung) und
Hyperonymie (Überordnung)
Über- und Unterordnung von Begriffen, Hierarchie-
Beziehung von Wortbedeutungen unter verschiedenenen
Aspekten
übergeordneter Begriff: s Hyperonym
untergeordneter Begriff: s Hyponym
nebengeordneter Begriff: s Kohyponym
Die meisten unserer konkreten Nomina lassen sich
bestimmten Hyperonymen zuordnen:
 Pflanze/Blume/Nelke
 Lebewesen/Tier/Fuchs
 Fahrzeug/Auto/BMW
140
Wortfamilien

Wörter oder Wortverbindungen, die durch die


ihnen zugrunde liegende historische Wurzel
semantisch miteinander verbunden sind.

fahren – Fahrer – gefahrlos – Durchfahrt

141
Beispiel: Wortfamilie

142
Wortfelder
Von J. TRIER [1931] eingeführter Terminus zur
Bezeichnung einer Menge von sinnverwandten
Wörtern, deren Bedeutungen sich gegenseitig
begrenzen und die lückenlos (mosaikartig) einen
bestimmten begrifflichen oder sachlichen
Bereich abdecken sollen.

143
Wortfeld sterben

144
Wege der Bereicherung des
deutschen Wortschatzes

Die Wortbildungsarten im
Deutschen
Prof. Dr. Alla J. Paslawska
Das Ziel:

- Woher kommen die neuen Wörter?


- Wie werden neue Wörter gebildet?
- Wie sind die wichtigsten WB-Regeln?
- Welche WB-Arten gibt es im Deutschen?
Wege der Bereicherung des
deutschen Wortschatzes
1.durch Wortbildung
2.durch Wortentlehnung
3. durch den Bedeutungswandel
4. durch die Bildung von
phraseologischen Verbindungen
Ursachen der Wortbildung:

Hauptgrund: Benennungsbedürfnis: Beziehung,


Produkte, Institutionen. Man kann über die Realität
nicht sprechen, wenn sie sprachlich nicht
verbalisiert ist.

simsen, der Literaturpapst, die Analoguhr, der


Fakeshop, der Antänzer
Neubildungen
Spezifische Gründe
Bedürfnis, vorhandene Bezeichnungen zu ersetzen und zu
ergänzen.
Pragmatische Gründe: Wandel von Fremdarbeiter –
Gastarbeiter – ausländische Mitbürger;
Altersheim – Feierabendheim – Seniorenheim.
Sprachökonomie: Rundtischgespräch.
Expressivität und Ausdrucksstärke: sauber – blitzsauber,
reaktionär – erzreaktionär.
Okkasionalismen: sonnensauber, windfrisch.
Wortbildungsmittel
1) Grundmorpheme: Hochhaus, Tischlampe,
2) WB-Morpheme (Derivationsaffixe): Lehr-er,
un-schön
3) Bindeelemente (Fugenmorphme): Sonne-n-
schein, Klasse-n-zimmer
4) Lautwandel:
Ablaut: binden – Bund, stehen – Stand
Umlaut: Land – Gelände, fallen – fällen
Brechung: Berg – Gebirge
Das Lexikon enthält:

(a) Liste von Wurzeln und Affixen z.B.: lehr-, -er,


Geld, ...
(b) Liste von usuellen komplexen Wörtern z.B.:
Lehrer, Lehrgeld, ...
(c) Menge von Wortbildungsregeln z.B.:
N → V+Sx, N→ V+N, ...
Die Bausteine: Morpheme,
Affixe und Wurzeln
Morpheme: die kleinsten bedeutungstragenden
Einheiten (die kleinsten sprachlichen Zeichen, die
eine bestimmte Lautung und mindestens eine
außerphonologische Funktion aufweisen).
Frei, gebunden, lexikalisch, grammatisch
Wurzeln bestehen aus einem, meistens freiem
Morphem: Kind, gelb oder unter.
Affixe können nach ihrer Funktion in Derivation- und
Flexionsaffixe unterteilt werden
Affixe
Derivationsaffixe:
kind-lich, be-fahr(-en), Krank-heit, un-schön
Flexionsaffixe:
sag-st, fahr-en, ge-trunk-en, Auto-s, Kind-es,
schön-er
Das Wortbildungsmodell
Das Wortbildungsmodell ist die
verallgemeinerte schematisch formalisierte
Darstellung einer sprachlichen Struktur, die
die realen sprachlichen Verhältnisse
widerspiegelt.
Grundmodelle des Deutschen:
M1 : L1 = L1 – Frau
M2 : L2 = L1 – Grün
M3 : L2 = l1 – kränken
M4 : L2 = DP + L1 – Urzeit
M5 : L2 = DP + l1 – Gehölz
M6 : L2 = L1 + DS – Achtung
M7 : L2 = l1 + DS – lächeln
M8 : L2 = DP + L1 + DS – Gelaufe
M9 : L2 = DP + l1 + DS – Gehäuse
M10 : L2 = L1 + L1 – Hochhaus
M11 : L2 = L1 + L1 + L1 – grünweißrot
M12 : L2 = L1 + r – Bräutigam
M13 : L2 = DP + r + L1 – Ungeziefer
Wortbildungsarten

1) Die Komposition / Zusammensetzung


2) Die Derivation /Ableitung
3) Die Zusammenrückung
4) Die Zusammenbildung
5) Die Abkürzung
Die Wortbildungsart
Die Wortbildungsart ist ein Muster, nach
dem neue Wörter gebildet sind oder
gebildet werden können.
Wortbildungsarten
1) Die Komposition / Zusammensetzung
Es handelt sich um eine Wortbildungskonstruktion
mit mindestens zwei Basis- oder Grundmorphemen;
eine Morphemkonstruktion, deren unmittelbare
Konstituenten auch als freie Morpheme oder
Morphemkonstruktionen vorkommen können. Dabei
entsteht ein Kompositum neutr., Pl. Komposita.
Rotwein; weinrot; Hochhaus; haushoch, Tischlampe
Das Prinzip der Rechtsköpfigkeit
a. rot (Adjektiv) + Wein (Nomen) = Rotwein (Nomen)
b. Wein (Nomen) + rot (Adjektiv) = weinrot
(Adjektiv)
Hochhaus; haushoch, Tischlampe
Das Deutsche ist in der Wortbildung eine
rechtsköpfige Sprache, das rechte Element bestimmt
immer die Eigenschaften des komplexen Worts.
Die Segmentierung von Komposita

Die Zusammensetzungen werden nach


verschiedenen Prinzipien eingeteilt:
je nach der Herkunft und Struktur (strukturell-
genetische Klassifikation),
je nach semantischen und syntaktischen
Beziehungen zwischen den Komponenten
(determinativ - kopulative Klassifikation),
je nach dem morphologischem Bau.
Strukturell-genetische Klassifikation
eigentliche (echte) Komposita, die aus reinen
Wortstämmen gebildet sind und keine
Bindeelemente haben: Stammtisch, Muttermal;
uneigentliche (unechte) Komposita, die aus
Wortverbindungen entstehen und mit Hilfe von
Fugenelementen miteinander verbunden sind: Tage-
s-licht, Frau-en-kirche, Alter-s-heim.
Semantisch-syntaktische
Klassifikation
Determinativkomposita: 
Komposita mit Bestimmungs- und Grundwort: Haustür (das
Determinans Haus bestimmt das Determinatum Tür
näher); Wirtshaus; Geschäftsmann; Honigkuchen
Kopulativkomposita: Die Komponenten gehören der
gleichen Wortklasse an, stehen semantisch nicht in einem
determinativen, sondern einem additiven Verhältnis und
sind im Sinne einer Aufzählung gleich geordnet; ihre
Reihenfolge ist nicht semantisch, sondern höchstens
konventionell festgelegt: schwarzweiß, finnisch-
schwedische (Grenze/Beziehungen), rotgrüne Strumpfhose,
Dichterkomponist, taubstumm, dreizehn.
Possessivkomposita (Bahuvrihi,
exozentrische Komposita)
Das Bezeichnete liegt außerhalb der Komponenten des
Kompositums: Was jemand hat, wird zur
Bezeichnung verwendet: s Rotkäppchen ('Märchen,
das eine rote Kappe hat/trägt'), r Geizkragen
('Mensch, der sich und Anderen nichts gönnt'), r
Blaustrumpf (ältere unverheiratete Frau'), r
Wendehals ('Opportunist')
Rektionskomposita
Bei R. besetzt das Erstglied eine offene Stelle in der
Argumentstruktur des Verbs: ein Autofahrer ist
jemand, der Auto fährt und ein Filmkritiker j-d, der
Filme kritisiert (bzw. rezensiert). R. sind
typischerweise aus Verben abgeleitete Nomina, die
ihr Objekt mitnehmen: Auto fahren – Autofahrer.
Aber es gibt auch relationale Substantive wie Sohn,
Fan, Ende, die eine Leerstelle für das andere Glied
der Relation haben: Arztsohn, Wagner-fan,
Filmende.
Morphologische Klassifikation
(dabei werden die UK aus verschiedenen
Wortarten zusammengesetzt):
NN - Holzhaus; AN - Rotlicht, VN-
Wartehalle, PN - Mitmensch, NA - honigsüß,
AA - hellblond, VA - schreibfaul, NV -
staubsaugen, VV - schweißbrennen, PV -
vorlesen.
Fugenelemente
Bei N+N-Komposita werden oft Fugenmorpheme eingefügt.
Fugenelemente sind Verbindungsstücke zwischen
Morphemen, die nicht nur in Komposita vorkommen,
sondern auch in Derivationen (z.B. hoffnung+s+los,
sage+n+haft).
a. -e-Weg+e+zoll
b. -en-Dozent+en+café
c. -ens-Herz+ens-wunsch
d. -er-Bild+er+rahmen
e. -es-Tag+es+gespräch
f. -n-Bauer+n+hof
g. -s- Kind+s+kopf
Haupttypen der Nomen-Komposition

N → N+N Holz+haus, Elch+test, Kampf+hund


N → A+N Rot+licht, Groß+rechner,
Blöd+mann
N → V+N Web+stuhl, Misch+ehe,
Kann+bestimmung
N → P+N Vor+speise, Neben+zimmer,
Zwischen+prüfung
Haupttypen der Adjektiv-
Komposition
A → N + A haut+freundlich, sach+kundig,
fleisch+farbig
A → A + A alt+klug, rosa+rot, rein+seiden
A → V + A rutsch+fest, trink+freudig
Haupttypen der Verb-Komposition

V → N+V kopf+stehen, rad+fahren,


stand+halten, bau+sparen
V → A+V lieb+äugeln, froh+locken
V → V+V sitzen+bleiben, liegen+lassen,
kennen+lernen
Haupttypen der Adverb-
Komposition

da+her, da+hin, überall+her, überall+hin,


hinter+her
Semantische Grundrelationen
bei N+N-Komposita 1
SITUATION Das Zweitglied steht in lokaler oder
temporaler Relation zum Erstglied:
<ist in> Stadtautobahn, Gartenbrunnen; <führt zu>
Gartentür, Mondrakete; <stammt aus/von> Erdöl,
Fabriknagel; <ist zum Zeitpunkt/ im Zeitraum>
Mittagessen, Abendkonzert
Semantische Grundrelationen
bei N+N-Komposita 2
SITUATION-URHEBER Das Zweitglied
steht in kausaler Relation zum Erstglied:
<ist verursacht von> Feuerschaden,
Polizeirazzia, Brecht-Gedicht
Semantische Grundrelationen
bei N+N-Komposita 3
KONSTITUTION Das Zweitglied hat das
Erstglied als konstitutiven Bestandteil:
<besteht ganz aus> Holztisch, Goldring,
Glasflasche; <hat> Henkeltasse,
Nusskuchen; <in der Art/Form/Farbe von>
Würfelzucker, Zitronenfalter
Semantische Grundrelationen
bei N+N-Komposita 4
KONSTITUTION-THEMA Das Zweitglied
hat das Erstglied als konstitutiven
thematischen Bereich:
<hat als Thema> Tierbuch, Friedenszeichen;
<im Bereich> Verkehrsministerium,
Rektorenkonferenz
Semantische Grundrelationen
bei N+N-Komposita 5
ZWECK Das Zweitglied wird bezüglich
seines Anwendungsbereichs bestimmt:
<dient zu> Arbeitstisch, Malerpinsel,
Schulranzen; <schützt vor>
Schmerztablette, Hustensaft, Windjacke
Semantische Grundrelationen
bei N+N-Komposita 6
INSTRUMENT Das Zweitglied wird in seiner
Funktion durch das Erstglied charakt:
<funktioniert mit Hilfe von> Benzinmotor,
Handbremse, Windmühle, Dampfkochtopf
Zusammenrückungen
Eine lockere Verbindung einer Wortgruppe oder
eines ganzen Satzes : s Stelldichein ('Rendezvous'),
s Vergissmeinnicht (eine Blumenart), r Tunichtgut
('Mensch, der nur/viel Unheil stiftet'), r Taugenichts
('Mensch, der (zu) nichts taugt'), r Gernegroß ('jmd.,
der gern ein großer, angesehener Mensch würde')
Zusammenbildungen

Z. Entstehen als Resultat zweier Prozesse: der


Zusammensetzung und der Ableitung, denn
jede Zusammenbildung wird durch ein
Affix zum Wort verbunden:
r, Frühaufsteher, blauäugig, linkshändig
Die Derivation / Ableitung
Die Derivation/Ableitung stellt eine solche
Wortbildungsart dar, wo an das Basiswort
wortbildende Affixe angeschlossen werden.
Explizite Derivation
Implizite Derivation
Explizite Derivation
Bei der expliziten Ableitung werden die beiden
Bestandteile als Derivationsbasis und
Derivationsaffix unterschieden.
Die Derivationsbasis ist ein freies Morphem oder
eine freie Morphemkonstruktion.
Das Derivationsaffix kann sein: ein Suffix (Ordn-
ung, fröh-lich), ein Präfix (Un-glück, ur-alt, ver-
gießen), eine Kombination (eine kombinatorische
Derivation aus Präfix und Suffix (ver-arzt-en, ver-
unrein-ig-en).
Derivationsaffixe
Das Derivationsaffix kann (aber muss nicht)
die Wortart ändern:
a. Kind (Nomen) + lich = kindlich (Adjektiv)
b. Kind (Nomen) + heit = Kindheit (Nomen)
Derivationsaffixe haben eine eigene
Bedeutung, so dass sie immer die
Bedeutung ändern.
Das Prinzip der Rechtsköpfigkeit
Die Rechtsköpfigkeit gilt auch für Derivationsaffixe. Wird das
Affix rechts an die Wurzel angefügt (handelt es sich also um
ein Derivationssuffix), bestimmt es die Kategorie und die
morphologischen Merkmale des komplexen Worts.
a. Das Derivationssuffix -lich macht z.B. aus Nomen,
Adjektiven und Verben immer ein Adjektiv.
b. Das Genus von Derivaten mit dem Derivationssuffixes –heit
ist immer Femininum.
c. Der Plural der Substantive mit dem Suffix –ung wird
immer mit –en gebildet.
Derivationspräfixe
Da Derivationspräfixe links an die Wurzel angefügt werden,
können sie die Kategorie und die morphologischen
Merkmale des komplexen Worts nicht bestimmen.
a. Das Derivationspräfix be- verändert die Kategorie der
Wurzel nicht (aus einem Verb wird wieder ein Verb).
b. Das Genus von Derivaten mit dem Derivationspräfix
un– wird nicht vom Präfix bestimmt: der Unmensch, die
Unschuld, das Unglück.
c. Der Plural von Derivaten mit dem Derivationspräfix miss–
wird nicht vom Präfix bestimmt: Missverständniss-e,
Missernte-n, Misshandlung-en
Präfixe
a. Verbale Präfixe: be-, ent-, er-, ge-,
miss-, ver-, zer-
b. Nominale Präfixe: erz-, ge-, miss-,
un-, ur-
Suffixe
a. Verben → Nomen: -er, -ung
b. Adjektive → Nomen: -e, -heit, -igkeit, -keit
c. Nomen → Nomen: -chen, -er, -in, -lein

d. Verben → Adjektive: -bar, -lich


e. Adjektive → Adjektive: -lich
f. Nomen → Adjektive: -ig, -isch, -lich, -los

g. Nomen → Verb: -ieren


h. Verb → Verb: -eln
Konversion / implizite
Ableitung
In diesem Fall wird ein neues Wort ohne äußerliche
Veränderung (Konversion) oder mit innerer Abwandlung
(Ablaut oder Umlaut) (implizite Ableitung) gebildet.
Konversion:
a. V → N schreiben → Schreiben, laufen → Laufen
b. A → V alt → Alt+e, neu → Neu+e
c. N → V Hagel > hageln; Bremse > bremsen, Splitter
> splittern
Implizite Ableitung:
werfen > Wurf; entziehen > Entzug.
Rückbildung
Rückbildung ist zunächst ein Begriff der
historischen Wortbildung (z. B. Henzen) und
bedeutet den Vorgang und das Ergebnis einer
besonderen Art von Wortbildung, bei der aus
einem komplexeren Wort ein neues, kürzeres
durch Weglassen einer Endung (eines
Ableitungsmorphems) entsteht:
Notlandung - notland (-en)
Schutzimpfung - schutzimpfen
Die Abkürzung
Kopfwörter: Akku[mulator], Labor[atorium], Auto[mobil],
Demo[nstration] Steno[graphieschrift], Uni, Krimi
Schwanzwörter: [Omni-]Bus, [Eisenbahn-]Zug
Kopf-Schwanz-Wörter: Autobus < Automobil + Omnibus;
Krad < Kraftrad, Kripo < Kriminalpolizei
Silbenwörter: FeWa < Feinwaschmittel, Akü-Wort <
Abkürzungswort, Stabi < Deutsche Staatsbibliothek, HiWi
< Hilfswilliger, auch fremde Kurzwortbildungen: HiFi
[fai oder fi] < high fidelity = gute Übertragungsqualität
Persil < Perborat + Silikat
Initialwörter: GmbH, AG < Aktiengesellschaft, SPD, USA;
UNO < United Nations [Organization], NATO < North
Atlantic Treaty Organization = Nord-Atlantik-Pakt-
Organisation usw.; auch: S-Bahn, U-Boot < Unterseeboot
Kontamination
Kontamination (Wortkreuzung,
Kofferwort): Zwei Wörter verschmelzen so,
dass Wortmaterial aus den Originalwörtern
gelöscht wird.

Bürotel (Büro+Hotel), Ossimilierung


(Ossi+Assimilierung), mainzigartig
(Mainz+einzigartig), verschlimmbessern
(verschlimmern+verbessern), jein (ja+nein)
Methoden der
Wortbildungsanalyse
a) Morphemanalyse;
b) Analyse nach unmittelbaren Konstitu-
enten (UK-Analyse);
c) Transformationsanalyse;
d) Modellierung in der WB
e) Komponentenanalyse
Morphemanalyse 1
Das Wort als komplexe Ganzheit besteht aus den
kleineren Bauelementen (Morphemen).
Grammatische Morpheme dienen zur Bildung
der grammatischen Formen: das Präfix ge- und
das Suffix -t des Partizip II (gemacht),
Lexikalische Morpheme dienen zur Bildung
neuer Wörter: Verbalsuffixe: husten – hüsteln,
lachen – lächeln, Studium –studieren;
- Freie Morpheme können als Grundmorpheme
den lexikalischen Stamm bilden. Gebundene
erscheinen nur in Verbindung mit freien
Morphemen.
Morphemanalyse 2
Das Wurzelmorphem eines Wortes kann sich bei der
grammatischen Abwandlung verändern. Dabei bleibt
die lexikalische Bedeutung des Wortes stabil:
lesen, las, liest; stark, stärker; Haus, Häuser.
Das Morphem wird als eine Gesamtheit von Varianten
betrachtet. Die Varianten nennt man Allomorphe.
der Garten – der Gärtner – das Gärtchen,
der Berg – das Gebirge,
singen – der Gesang – der Sänger,
Pseudomorpheme oder Restelemente (unikale
Morpheme):
Bräutigam: -gam ist ein Pseudomorphem;
Himbeere: -him ist ein Pseudomorphem (Hirschkuh).
Analyse nach unmittelbaren
Konstituenten (die UK-Analyse) 1
Leonard Bloomfield
Die UK-Analyse stützt sich auf die Semantik der
Konstituenten.
Die 1. Etappe der UK-Analyse des Wortes in der
syntagmatischen Kette besteht darin, dass der
grammatische Teil, der aus grammatischen
Morphemen besteht, vom lexikalischen Stamm
getrennt wird.
Die 2.Etappe der UK-Analyse betrifft den lexikalischen
Stamm und gehört zur Wortbildungslehre. Dabei fallen
die UK des Stammes nur in den einfachsten Fällen mit
den lexikalischen Morphemen zusammen: un-frei,
Frei-heit, Tisch-tuch.
Analyse nach unmittelbaren
Konstituenten (die UK-Analyse) 2
Stellt der Stamm eine kompliziertere Struktur dar, so
lassen sich die UK weiter zerlegen:
Freiheits-kampf - die erste Komponente muss weiter in
frei+heit zergliedert werden.
Das Wort Freiheitsbewegung besteht aus 2 UK, die
weiter zerlegbar sind: frei+heit, beweg+ung.
In der Regel handelt es sich um 2 UK, die Struktur der
Wortkonstruktion ist gewöhnlich binär:
Rundtischkonferenz Überangebot
hochwissenschaftlich sprachwissenschaftlich
Unterstufenlehrer Ausbildung
Transformationsanalyse
Transformationsanalyse geht auf generative
Grammatik von N. Chomsky zurück. Diese Analyse
dient, die Beziehungen zwischen Inhalt und Struktur
zu erfassen und sie zu explizieren.
Die Transformation stellt die Umwandlung einer
sprachlichen Struktur in eine andere dar, die nach den
festgelegten Regeln vorgenommen wird und den Sinn
des Ausdrucks nicht ändert.
Mädchenschule → Schule für Mädchen
Lehrer → jemand, der lehrt
Erdbeben → Beben der Erde
Fischfrau???
Bsp. nach Heringer (1984)
Bedeutung von Fischfrau:
 Frau, die Fisch kauft
 Frau des Fisches
 Frau, die im Sternbild des Fisches geboren ist
 Frau und Fisch (=Nixe)
 Frau, die Fisch is(s)t
 Frau, die Fisch produziert
 Frau, die nach Fisch riecht
 [...]
Komponentenanalyse
Die Komponentenanalyse ist ein Verfahren der
linguistischen Semantik, das dazu dient, die
Bedeutung von Wörtern bzw. Morphemen in
Komponenten, d. h. semantische Merkmale bzw.
Seme, zu zerlegen. Die Bedeutung von Morphemen
oder Wörtern wird dann als eine hierarchisch
geordnete Struktur solcher semantischer
Komponenten aufgefasst.
„Tümpel“:[-fließend], [+stehend], [+natürlich], [-künstlich],
[-groß], [+klein].
gehen: sich auf dem Boden aufrecht mit Füßen
fortbewegen
??? rennen, laufen, spazieren, schreiten, stampfen
Modellierung
Die Wortbildungsart umfasst eine Reihe von
Wortbildungsmodellen, nach denen Wörter aufgebaut
werden. Unter dem Wortbildungsmodell versteht man
eine stabile Struktur, die über eine verallgemeinerte
lexikalisch-kategoriale Bedeutung verfügt und
geeignet ist, mit verschiedenem lexikalischem Material
ausgefüllt zu werden.
Erläuterung der Symbole:
L – Stamm des Wortes
DP – Derivationspräfix (lexikalisches Präfix)
DS – Derivationssuffix (lexikalisches Suffix)
Tisch, anfangen, Tischler
Wortschatzentwicklung
Prof. Dr. Alla Paslawska
Lexikalischer Status
usuell: fester, allgemein bekannter
Bestandteil des Wortschatzes, Haustür
okkasionell: gelegentliche Bildungen,
unkaputtbar, katzensicher
potenziell: mögliche Bildungen, tischgroß,
entmäusen, entcomputern, beiphonen.

201
Die Ursachen der zeitlichen
Wortschatzentwicklung
• Bildung und Übernahme neuer lexikalischer
Einheiten (Neologismen)
• Rückgang oder Ausscheiden vorhandener
lexikalischer Einheiten (Archaismen)
Warum kommen neue Wörter?

Hauptgrund: Benennungsbedürfnis:
Beziehung, Produkte, Institutionen. Man
kann über die Realität nicht sprechen,
wenn sie sprachlich nicht verbalisiert ist.

203
Neue Wörter
Seit Kriegsende: 50 000 neue Wörter:
2/3 der Neubildungen: Kombination alter Wörter
(Machwerk):
Und so ein Machwerk wird auch noch zum Bestseller!
11% – Ableitungen (Unfäller, Betankung):
Die Betankung ist das Befüllen eines Kraftstoffbehälters mit einem
flüssigen oder gasförmigen Kraftstoff.
7% – eingedeutschte Fremdwörter (Computer,
mailen, checken).
Um 1910: 3,7 Mln.; Um 2000: 5,3 Mln. Wörter204
Bildung und Übernahme neuer
lexikalischer Einheiten
• Neologismen sind usuelle Bildungen.
• Okkasionalismen: sind nicht usualisiert;
einzeltextgebunden, nur potentielle
Wortschatzelemente
3 Arten von Neologismen:
• Neubildung (Neuschöpfung)
• Neubedeutung
• Neuwörter bzw. Entlehnungen
Neubildung
neue Lexeme, die auf dem Wege der Wortbildung
gebildet werden; häufigster Weg der
Entstehung neuer Wörter – ca. 83 % der
Neologismen
Hauptform der Neubildung ist die
Zusammensetzung – ca. 76 % der
Neubildungen
Neubedeutung
Zuordnung ist umstritten, neue Seme zu schon
vorhandenen Lexemen. Anteil der
Neubedeutungen an den Neologismen
beträgt ca. 12 %. Im Sprachgebrauch
besitzen diese Neusememe eine relative
Relevanz z.B. Wendehals (eigentlich ein
Vogel); Typ (Bezeichnung für einen Mann)
Phraseologische Neubildungen
• Jugendsprache - z. B. jmdm. auf den Keks
gehen (jmdm. äußerst lästig werden):
• "Du gehst mir mit deiner ewigen Fragerei gewaltig auf den
Keks!" 
• Bock auf etw. haben (auf etw. Lust haben):
• "Ich hätte jetzt total Bock auf ein Eis!“
• Anglizismen - z. B. ganz down sein, golden
goal
• Medienausdrücke - z. B. außer Spesen
nichts gewesen; das ist der absolute
Hammer
Neuwörter bzw. Entlehnungen
lexikalische Einheiten, die aus anderen Sprachen
übernommen sind, aus Sicht der dt. Sprache
ummotiviert worden. – 5 % der Neologismen. Der
Großteil davon stammt aus dem Englischen bzw.
Amerikanischen.
Neologismen kann man auch onomasiologisch
klassifizieren, auf die Fachgebiete aufgeteilt, wo sie
auftreten: Wirtschaft: ca. 30%; Wissenschaft und
Technik: ca. 23%; gesellschaftl., polit. Leben: ca.
21%; Kultur, Sport, Bildung: ca. 23%
Im Alltagsleben treten kaum Neologismen auf, hier
verändert sich relativ wenig.
Beispiele für Neologismen 1
• Das Starterkit war ein Münzbeutel,
welcher vor Einführung des Euro in den
Banken der ursprünglich zwölf Staaten
erhältlich war. Es hatte den Nutzen, die
Bevölkerung in Europa mit dem Euro
vertraut zu machen und die Einführung -
vor allem des Münzgeldes - zu
erleichtern.
Beispiele für Neologismen 2
• Eine Babyklappe ermöglicht es Müttern in
Not, ihr Neugeborenes anonym zur Adoption
freizugeben. Eine Klappe dient als Erste-
Hilfe-Stelle, um ungewollte Kinder vor Tötung
oder Aussetzung zu schätzen. Zunehmend
richten gemeinnützige private und kirchliche
Organisationen und Krankenhäuser
Babyklappen ein. Wegen unklarer Rechtslage
sind sie umstritten.
Beispiele für Neologismen 3
• Ostalgie bezeichnet die Rückbesinnung auf
Dinge aus dem Alltagsleben in der
ehemaligen DDR. Der Begriff entstammt
einem Wortspiel aus den Worten “Osten" und
“Nostalgie" und wird an sich ohne feste
positive oder negative Konnotation
verwendet. Manche Ostalgiker empfinden es
aber als abwertend, wenn ihre Ansicht so
bezeichnet wird.
Archaismen
(griech. archaios – alt, veraltet)
• sind Lexeme oder Lexembedeutungen, die
von einer Gemeinschaft zu einem
bestimmten Zeitpunkt als veraltet und nicht
mehr zeitgemäß empfunden werden.
• Sie sind noch Bestandteile des Wortschatzes
mit abnehmenden und zunehmend
spezialisiertem Sprachgebrauch.
Der Prozess des Veraltens
• Neologismen und Archaismen sind parallele
Vorgänge.
• Das Veralten von Bezeichnungen und
Bedeutungen ist aber noch schwerer zu
beobachten.
Beispiele für Archaismen
Die Archaismen sind z.B. Minne (Liebe),
Wonne (Glück), Schulmeister (Lehrer),
Oheim (Onkel), beiten (warten), Váland
(Teufel), Schnurr (Schwiegertochter)
Gruonet der walt allenthalben.
wâ ist mîn geselle alsô lange?
der ist geriten hinnen.
owî! wer sol mich minnen?
Übersetzung:
Es grünt der Wald überall.
Wo ist mein Geliebter so lange?
Der ist fortgeritten.
O weh! Wer wird mich lieben?
(Carmina Burana, Sammlung von im
11. und 12. Jh. entstandenen Lied- und
Dramentexten.
Ліс зеленіє навколо
Немає коханого довго
Покинути мусив він хату
А хто ж мене має кохати?
Funktionen von Archaismen
Man verwendet die Archaismen, um etwas
hervorzuheben, bedeutender zu machen,
besser zu charakterisieren usw. Archaismen
haben eine Indizfunktion im Fall, wenn ältere
Leute sie in ihrer Rede gebrauchen. Sie
dienen dann als Indikatoren der sozialen
Differenz verschiedener Altersgruppen in einer
Sprachgemeinschaft (Cherubim 1988: 533);
Funktionen von Archaismen 2
Im spontanen Sprachgebrauch können Archaismen
Lebensumstände und Erfahrungen des Sprechers
signalisieren (Schippan 2002: 250);
• Archaismen werden auch aus ideologischen Gründen
gebraucht: z.B. der Gau – 1) großer landschaftlicher
Bezirk; 2) (im nationalsozialistischen Deutschland
regionale Organisationseinheit der NSDAP
• z.B. die Maid – iron. Mädchen
• - In der Presse und Publizistik verwendet man oft
Archaismen, um kritische und pejorative Expressivität
zu schaffen;
Funktionen von Archaismen 3
• Verwendung der Archaismen kann auch
einen ironischen oder pathetischen Akzent
haben, z.B. das Ross für das Pferd;
• Eine spezifische Funktion haben die
Archaismen in der Literatur: um Zeitkolorit zu
schaffen. Veraltete Ausdrücke und
Bezeichnungen für historische Gegenstände
helfen dem Leser sich die beschriebene
Situation und Umgebung vorzustellen.
Funktionen von Archaismen 4

• Th. Mann in „Lotte in Weimar“: der


Stadtweibel (Amtsdiener), salvieren (retten),
domicilieren (ständig leben).
• In der Alltagssprache werden Archaismen oft
in den Phraseologismen gebraucht, um
kritische, negative oder pathetische
Konnotation zu schaffen:
Archaische Phraseologismen
Bibel - z. B. alt wie Methusalem sein, bei
Adam und Eva anfangen
Mythologie - z. B. dem Bacchus
huldigen, den gordischen Knoten
durchhauen
Literatur - z. B. Das ist des Pudels Kern!,
aus dem Herzen keine Mördergrube
machen
Historismen
Historismen sind Wörter und Wendungen,
die – zugleich mit dem Gegenstand
(dem Begriff), den sie ausdrücken – aus
dem aktiven Wortgebrauch
verschwunden sind.
Der Unterschied zum
Archaismus
besteht darin, dass bei jenem nur die Form
(also das Wort) veraltet ist. So ist
beispielsweise Leibeigenschaft ein
Historismus, da man diesen Begriff und
dessen förmlichen Ausdruck (das Wort dafür)
heutzutage nur noch in historischen
Beschreibungen oder in einer anderen,
übertragenen, Bedeutung findet.
Funktionen von Historismen
Bezeichnung eines historischen, sozialen und
beruflichen Kolorits.
Mittel der Satire
Wenn Heine die Stadt Göttingen als eine Stadt
der 999 Feuerstellen (anstatt Kochherde)
bezeichnet, dann deshalb, um den Charakter
dieser Stadt zu parodieren. Er zeigt damit,
dass er die Universitätsstadt Göttingen für
sehr zurückgeblieben hält.
Entlehnungen im Deutschen
Wege der Bereicherung des
deutschen Wortschatzes

227
Entlehnung: Definition

Die Entlehnung ist die Übernahme eines


sprachlichen Ausdrucks aus einer
Fremdsprache in die Muttersprache, meist
in solchen Fällen, in denen es in der
eigenen Sprache keine Bezeichnung für
neu entstandene Sachen bzw. Sachverhalte
gibt.

228
Entlehnungsarten

1) Sach- und Wortentlehnung Mauer,


Ziegel, Pforte, Fenster, Keller
2) Wortentlehnung Scharm, Apartment

229
Ursachen der Entlehnung
Historischer Hintergrund:

Verlangsamte Überwindung des Feudalismus;


Gescheiterte frühbürgerliche Revolution
(die Reformation des 16. Jhrs.);
Unvollkommene bürgerliche Entwicklung zur
Herausbildung der deutschen Nation;
Deutschland als Land der Kleinststaaten;
Einfluß anderer, höher entwickelter Länder.
230
Erste Kontakte der Germanen
mit den Römern

231
Ursachen der Entlehnung: 1
Entlehnung mit der Sache:
z.B. in der Zeit der römischen Besetzung
wurde lateinisches Wortgut übernommen:
Straßenbau, Garten- u. Weinbau,
Militärwesen
Straße (spätlat. (via) strata – geplasterter Weg
– römische Heerstraße); Mauer (mūrus), Keller
(cellarium), Kammer (camera);

232
Ursachen der Entlehnung: 2

Kultureller Einfluss:
z.B. Christianisierung
Altar (lat. altare), Tafel (lat. tabula),
schreiben (lat. schribere)
Ritterwesen (französischer Einfluss)
Turnier, Reim, Tanz

233
Ursachen der Entlehnung: 3
Literarische Entlehnungen aus dem Lateinischen:
Lehnübersetzungen und Bedeutungsentlehungen:
Solis dies: Sonntag (ahd. sunnuntag)
Lunae dies: Montag (ahd. manatag)
Martis dies: Dienstag (ahd. ziostag)

Eine Hand wäscht die andere.


(Seneca: Manus manum lavat).

Sturm im Wasserglas
(Cicero: fluctus in simpulo (dt.: Тurmflut im Schöpflöffel)).
234
Ursachen der Entlehnung: 4

Griechisch und Latein als Sprachen


der Wissenschaft:

Termini, Fachwortschätze
Philologie, Semasiologie, Phraseologie

235
Ursachen der Entlehnung: 5

Gruppen- und Schichtenspezifische


Übernahme:
Gelehrtensprache;
Sprache der herrschenden Klasse

236
Ursachen der Entlehnung: 6

Handelsbeziehungen:
Zucker, Alkohol aus dem Arabischen
Zobel, Zander, Vodka aus dem Slawischen

237
Klassifikation des Lehngutes
(Betz/König1998)

238
239
240
241
242
243
244
Direkte/indirekte Entlehnung
Direkte Entlehnung: durch Sachentlehnung,
literarischen u. kontaktive Übernahme
Indirekte Entlehnung: ein Wort über ein anderes
Land ermittelt wurde
Bsp.: Meeting, Festival aus dem Englischen über
das Russische
Rückentlehnung: germanisches/deutsches Wort
wurde von einer anderen Sprache übernommen
und kehrte von dort zurück: Hamburger

245
Lateinische Entlehnungen
1. Die "Erste lateinische Welle" (ca.50 v.Chr. -500 n. Chr.)
Erste römisch-germanischen Kontakte (von Christi Geburt bis
zum Beginn der Völkerwanderung nach dem Niedergang des
Römischen Imperiums)
Hausbau (Mauer-murus, Fenster-fenestra (Öffnung), Tisch-
discus (Schüssel), Keller-cellarium (Vorratsraum), Kammer-
camera (Gewölbe), Landwirtschaft (Wein-vīnum, Frucht-
fructus, Kohl-caulis, Kirsche/cerasa, Straße), alltägliches
Leben (Vater, Mutter-mater).
Handel: Markt, Kiste, Münze, kaufen. Tiere: Esel, Maultier.
Kochen: Küche (coquere), Koch (coquus).
Verwaltung und Recht: Kaiser < lat. Caesar, Kerker, Kette.
christliche Mission: Schreiber < scriban < scribere, Tinte
246 <
2. Die "Zweite lateinische Welle (ca. 500 - 800 n.
Chr.) Christianisierung
Angelsächsisch-fränkische Mission. Liturgischer
Bereich: Engel (griech. ängelos), Kreuz (lat. crux).
Messe, Chor, Schule, Tafel, Priester, Dom, Münster,
Kapelle, Kloster, Abt, Mönch, Nonne, Prälat (=
Klosterwesen), Beichte < ahd. bi-jiht (jehan 'sagen';
daher eine Lehnübersetzung aus lat. confessio),
Gewissen < lat. conscientia (Lehnübersetzung),
Samstag < ntl-gr. sábbton < hebr. sabbat= (andere
Formen: Satertag < Lehnübers. von lat. Saturni dies,
Sonnabend < Lehnübersetzung).
247
3. Humanismus - "Dritte lateinische Welle" (14.– 16.Jh.).
Das Latein ist die Sprache der Humanisten, Sprache der
Verwaltung und der Rechtssprechung. In der Literatur
erlebt das Latein im 15. Jh. einen Höhepunkt. Um 1500
sind 90 Prozent der Bücher in lat. Sprache abgefasst,
1570 sind es noch 70 Prozent. (1680 beträgt der Anteil
nur noch 50 Prozent und sinkt in der Folge weiter auf 28
Prozent 1740 und 17 Prozent 1770.) Latein dient als
Unterrichtssprache und wird für die gebildete Schicht
beinahe eine zweite Muttersprache.
Mit der Einführung des Latein als Gelehrtensprache grenzt
sich die gebildete Schicht (homines literati) von den
Ungebildeten (homines illiterati) ab. Die Sprache dient
der sozialen Differenzierung und als Prestigesymbol.
248
Französische Entlehnungen 1
1) Das Mittelalter 12.-14. Jh. im
Zusammenhang mit dem Einfluss des
französischen Rittertums.
Entlehnungen, die Kultur, Lebenshaltung und
höfisches Leben repräsentierten: Tanz,
tanzen, fein, klar, prüfen, Platz, Preis,
Palast, Turm.

249
Französische Entlehnungen 2
2) Vom (späten) 16. und im 17. Jh.
Einfluss des fr. Absolutismus durch den Adel, an
dessen Höfen Französisch gesprochen wurde und
wo das Frankreich des Sonnengotts (Ludwig
XIV.) Vorbild war. „Alamodezeit“: Galerie,
Loge, Fassade, Balkon, Nische, Terrasse,
Garderobe, Sofa, Frisur, Torte, Sauce, Dame,
Balett.
250
Französische Entlehnungen 3

3) Zeitraum zwischen 1789 und 1799


Folge der fr. bürgerlichen Revolution: Revolution,
Reaktion, Guillotine, Initiative, liberal,
Jakobiner.

251
Italienische Entlehnungen 1
1) 14. – 16. Jh. Handesbeziehungen Süddeutschlands zu
Oberitalien
Aus dem Italienischen sind entlehnt: Bankwesen (sämtliche
15. Jh.): Konto (< it. conta), Magazin, Bank (< it. banco),
brutto (< it. brutto), Kredit (< it. credito), Kapital (< it.
capitale), Bilanz (< it. bilancio 'Waage', 'Gleichgewicht');
Fernhandel: Kompass (< it. compasso; 15. Jh.), Post (< it.
posta; 16. Jh.), Strapaze (< it. strapezzo; 17. Jh.), Pirat (<
it. pirata; 15. Jh.); Kriegswesen: Alarm (< it. alarme; 15.
Jh.), Bastei (< it. bastione; 17. Jh.), Proviant (< it.
provianda; 15. Jh.); Speisen und Küche: Bankett (< it.
banchetto; 15. Jh.), Kartoffel (< it. tartuficolo; 17. Jh.),
Porzellan (< it. porzellana; 15. Jh.), Marzipan (< it.
marzapane; 16. Jh.), Pasta (< it. 'Teig'); 252
Italienische Entlehnungen 2
2) 17. – 18. Jh. Fachwörter der Musik
Oper, Konzert, Mandoline, Arie, Bariton, Duett,
Operette, Solo, Sopran, Chello

253
Englische Entlehnungen 1
1649 wird Karl I. im Zuge der Revolution hingerichtet, es
folgt ein kurzer Abschnitt unter Oliver Cromwell, eine
freiheitliche politische Struktur entsteht.
Die ersten Fremdwörter stammen oft aus dem Wortfeld des
Manufakturwesens.
Sprechen Engländer mit Gelehrten, so wird Latein
gesprochen, sprechen sie mit Hofleuten, so wird dem
Französischen der Vorzug gegeben. Göttingen und
Hamburg sind die Zentren des englischen Sprachkontakts.
Zum Englischen erscheinen weit weniger Grammatiken als
zum Französischen (s. o.). Goethe konnte relativ gut
Englisch. 254
Englische Entlehnungen 2
Bedeutend wird die engl. Sprache erstmals zur Zeit der
Empfindsamkeit durch den Ossian, Goldsmith,
Milton, Fielding u. a. Im Wörterbuch von Adelung
(1780er) gibt es aber noch kein einziges engl. Wort.
Früh entlehnt (vor 1740) werden Akte, Plantation,
Puritaner, Parlament, Punsch, Komitee, Rum,
elektrisch, zwischen 1740 und 1750 Nonsense,
Pantheismus, Ticket, ab 1750 folgen City, Club,
Closet, Bankomat, Meeting, Nationalcharakter,
negativ, positiv, Roastbeef, Ventilator, Virtuose.

255
Englische Entlehnungen 3
Der Einfluss des Englischen als Prestige- und
Bildungssprache, auch im Bereich der Werbungs-
und Jugendsprache.
Die Aussprache wird heute nur noch selten bei der
Entlehnung verändert (USA, lynchen). Einer der
größten Vorteile, den die Anglizismen mit sich
bringen, ist ihre Kürze und Prägnanz. Sie sind
handlicher (eigentlich sprachlicher) als viele dt.
Wörter (fit, boy, sex, box). Oft dienen
Anglizismen als Euphemismen: hostess, sex,
playboy.
256
Funktionen fremden Wortgutes
1. Verwendung als Terminus (eindeutig,
ohne Wertung)
2. Als Synonym (Station / Haltestelle,
Kollektiv / Team, Schriftsteller / Autor).
3. Als emotionell stärkerer Ausdruck
(attraktiv / anziehend, sensibel /
empfindsam).
4. als Euphemismus (WC-Manager, Callgirl)

257
Deutsche Begriffe als Fremdwörter
in anderen Sprachen
Im Bulgarischen: kartof (Kartoffel), shnitsel (Schnitzel), pauza
(Pause), vunderkind (wunderkind)
Im Englischen: bratwurst, poltergeist, realpolitik,
fräuleinwunder, zugzwang
Im Französischen: le berufsverbot, le doppelgänger, la
choucroute (Sauerkraut), la weltanschauung
Im Finnischen: besserwisser(i), kaffipausi (Kaffeepause), pullo
(Pulle für: Flasche), wursti (Wurst)
Im Italienischen: lo jodler (Jodelgesang), la schadenfreude, lo
stoccafisso (Stockfisch), il kindergarten, il kitsch
Im Polnischen: buda (Bude), elwa (Elfer = Elfmeter im
Fußball), hochsztapler, kumpel, szajs (Co to za szajs! (ugs.)
– im Sinn von "Was für ein Scheiß!")
258
Im Türkischen: laytmotif, haymatlos, otobahn (Autobahn)
Literaturliste
Akulenko,
Akulenko, V.V.:
V.V.: Nimec'kyj
Nimec'kyj vplyvvplyv na
na rozvytok
rozvytok ukrajins'koji
ukrajins'koji movy.
movy. Problemy
Problemy metodologiji.
metodologiji. In: In: Movoznavstvo
Movoznavstvo 1997,1997, 1,
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Deutsche lexikalische
lexikalische Entlehnungen
Entlehnungen im Ukrainischen. Zur Frage der polnischen Vermittlung und heutigen Aktualität. In: Pospíšil, Ivo (Hrsg.):
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Höfinghoff, M.:M.: Deutsche
Deutsche Entlehnungen
Entlehnungen im im Ukrainischen
Ukrainischen an an der
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Jahrhundert. Bestand
Bestand undund Entwicklung
Entwicklung bis bis zur
zur Gegenwart.
Gegenwart. Broschiert,
Broschiert, 2006.
2006
Hrincenko,
Hrincenko, B.:B.: Slovar'
Slovar' ukrajins'koji
ukrajins'koji movy,
movy, t.t. I-IV,
I-IV, Kyjiv
Kyjiv 1907
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1909.
Kaestner,
Kaestner, W.:W.: Die
Die deutschen
deutschen Lehnwörter
Lehnwörter im im Polnischen,
Polnischen, I. I. Teil:
Teil: Einleitung
Einleitung undund Lautlehre.
Lautlehre. Leipzig
Leipzig 1939
1939 (=
(= Veröffentlichungen
Veröffentlichungen des des Slavischen
Slavischen Instituts
Instituts an
an der
der
Friedrich-Wilhelm-Universität
Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin Berlin 23).
23).
Kobyljans'kyj,
Kobyljans'kyj, B. B. V.:
V.: Do
Do vyvcennja
vyvcennja hermanizmiv
hermanizmiv ta ta polonismiv
polonismiv vv ukrajinskij
ukrajinskij movi.
movi. In:
In: Movoznavstvo
Movoznavstvo 1976, 1976, 6,
6, S.
S. 31-35.
31-35.
Kocergan,
Kocergan, M.P.:
M.P.: Nimec'ki
Nimec'ki leksycni
leksycni zapozycennja
zapozycennja vv pivdenno-zachidnych
pivdenno-zachidnych hovorach hovorach ukrajins'koji
ukrajins'koji movy.
movy. In:In: Movoznavstvo
Movoznavstvo 1997,1997, 1,
1, S.
S. 19-23.
19-23.
Kuzelja,
Kuzelja, Z./Cajkivs
Z./Cajkivs 'kyj,
'kyj, M.:
M.: Slovar
Slovar cuzych
cuzych sliv.
sliv. Cemivci
Cemivci 1910.
1910.
Lipczuk,R.:
Lipczuk,R.: Deutsche
Deutsche Entlehnungen
Entlehnungen im im Polnischen
Polnischen -- Geschichte,
Geschichte, Sachbereiche,
Sachbereiche, Reaktionen.
Reaktionen. In: In: LL inguistik
inguistik online
online 8,1/01
8,1/01 (http://viadrina.euv-frankfurt-
(http://viadrina.euv-frankfurt-
o.de/~wjournal/l_01/Lipczuk.html).
o.de/~wjournal/l_01/Lipczuk.html).
Mel'nycuk,
Mel'nycuk, O.S.
O.S. (red.):
(red.): Etymolohicnyj
Etymolohicnyj slovnyk
slovnyk ukrajins'koji
ukrajins'koji movy,
movy, t. t. 1-3
1-3 (A-M),
(A-M), Kyjiv
Kyjiv 1982
1982 -- 1989.
1989.
Morozov,
Morozov, S.M./Skaraputa,
S.M./Skaraputa, L.M.: L.M.: Slovnyk
Slovnyk inschomovnych
inschomovnych sliv. sliv. Kyjiv
Kyjiv 2000.
2000.
Newerkla,S.:
Newerkla,S.: Language
Language affinity
affinity in
in Central
Central Europe
Europe -- some
some thoughts
thoughts on on the
the interrelations
interrelations of of German,
German, Czech,
Czech, Slovak
Slovak and
and Magyar.
Magyar. In:
In: Opera
Opera Slavica
Slavica X,
X, 2000,
2000, 4,
4, S.
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Lehnwörter im im Ukrainischen.
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Osteuropa-Instituts an an der
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slovnyk ukrajins'koji
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Nemeckie leksiceskie
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zaimstvovanija vv ukrainiskich
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Cemovickij gosudarstvennyj
gosudarstvennyj universitet.
universitet. Naucnyj
Naucnyj ezegodnik
ezegodnik zaza 1956
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god, t.
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Ksemanticeskomu analizy analizy zaimstvovanij
zaimstvovanij iz iz nemeckogo
nemeckogo jazykajazyka vv bukovinskich
bukovinskich govorach
govorach ukrainskogo
ukrainskogo jazyka.
jazyka. In:
In: Cemovickij
Cemovickij gosudarstvennyj
gosudarstvennyj
universitet.
universitet. Naucnyj
Naucnyj ezegodnik
ezegodnik za za 1959
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260
Gegenstand und Terminologie

Die Phraseologie ist die Lehre von den festen


Wortverbindungen einer Sprache, die in System und
Satz Funktion und Bedeutung einzelner Wörter
(Lexeme) übernehmen können.

SS 2017 261
Syntaktische, stilistische und semantische
Vielfalt der Phraseologismen
mit dem Feuer spielen
j-n übers Ohr hauen
im Adamskostüm sein
die verbotene Frucht
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Die Zeit ist der beste Arzt.
Eulen nach Athen tragen
wie aus dem Ei gepellt
seinen Friedrich Wilhelm daruntersetzen
SS 2017 262
Phraseologie im engeren Sinne
Phraseologismen (Phraseme,
Phraseolexeme, Redewendungen oder
Idiome) sind nichtsatzwertige Wortgruppen
mit unterschiedlicher syntaktischer Struktur
und mehr oder weniger ausgeprägter
Umdeutung der Komponenten.

SS 2017 263
Phraseologie im weiteren Sinne
 alle festen Wortverbindungen, darunter
Kollokationen, Sprichwörter, Zitate,
kommunikative Formeln, Kinegramme usw.):
Bäume wachsen nicht in den Himmel.
Liebe, sagt man, lehrt sogar die Esel tanzen
(Romain Rolland)

SS 2017 264
Phraseologismen oder freie
Wortgruppen
Bahnhof verstehen
=>nur phraseologisch: nichts verstehen
jm den Zahn ziehen
=>frei: wörtliche Bedeutung
=> phraseologisch: jn einer Illusion berauben
der rote Faden
=> frei: wörtliche Bedeutung
=> phras.: der leitende Gedanke
SS 2017 265
Aktualisierung beider Bedeutungen
Das ist mein voller Ernst", sagte die Ehefrau, als sie
gegen drei Uhr nachts ein Poltern im Treppenhaus
hörte.
Kommt ein Pferd in die Kneipe. Fragt der Wirt:
"Warum so ́n langes Gesicht?"
Ich installiere gerade Windows, was soll ich drücken?
- Am besten beide Daumen ...
- Ich habe Probleme mit dem einschlafen.
- Mir hilft es, wenn ich bis drei zähle.
- Hilft das wirklich?
- Na ja... Manchmal zähle ich bis halb vier...266
Merkmale der Phraseologismen

 Sie legte das Kind ins Bett.


 Sie legte das Kind in den Kinderwagen.
 *Sie legte das Kind in die Schublade.

 einen Kater haben


 *eine Katze haben
 die Katze aus dem Sack lassen => seine wahren
Absichten offen darlegen
 *die Katze aus dem Sack holen
SS 2017 267
1. Das Kriterium der
Polylexikalität
Der Phraseologismus besteht aus mindestens
zwei Wörtern.
z. B. etwas hüten wie den Augapfel
Hals über Kopf
pechrabenschwarz?

SS 2017 268
2. Das Kriterium der Idiomatizität
Die Idiomatizität ist die Umdeutung, die
semantische Transformation, die die
Komponenten im Phraseologismus
erfahren.
(1) Hans hat bei seinem Vater ein Auto in der
Garage.
(2) Hans hat bei seinem Vater einen Stein im
Brett.

SS 2017 269
Die Interpretationsbreite
 Die Mutter hat gestern Abend dem Jungen den Kopf
gewaschen.
 Lesart l: Wörtliche Bedeutung:
 Lesart 2: Idiomatische Bedeutung: Die Mutter hat
gestern Abend den Jungen gescholten.
Tertium comparationis, ein gemeinsames Drittes.
Reinigung
Lesart l: des Haares, des Kopfes
Lesart 2: der Atmosphäre, Beseitigung der Spannung
Metapher
SS 2017 270
Arten der Idiomatizität
a) Durchsichtige Metaphorisierungen
 weg vom Fenster sein – etwas verpassen; nicht
dabei sein;
 jn vor die Tür setzen – jemanden entlassen /
hinauswerfen
 passen wie die Faust aufs Auge – nicht
zusammenpassen
 auf dem Teppich bleiben – realistisch denken; bei
der Wahrheit bleiben;
 eine lahme Ente sein –SS langsamer
2017 Mensch 271
Arten der Idiomatizität
b) Undurchsichtige Metaphorisierungen
 einen Narren an jm gefressen haben
jemanden / etwas sehr mögen / bevorzugen /
kritiklos schätzen
 alle(s) über einen Leisten schlagen
nicht differenzieren; keine Unterschiede machen;
alles gleich behandeln
 auf dem Holzweg sein
sich irren
SS 2017 272
Grade der Idiomatizität
a) Vollidiomatische Phraseologismen
 kein Blatt vor den Mund nehmen – offen sein, direkt reden
 nach jemandes Pfeife tanzen – j-m gehorchen, folgen
b) Teilidiomatische Phraseologismen
 von Tuten und Blasen keine Ahnung haben – etw nicht
wissen oder können
 jm etw hoch und heilig versprechen – etw fest,
nachdrücklich versprechen
 Mund und Nase aufsperren – als Zeichen des Erstaunens
mit offenem Mund dastehen
 aus der Schule plaudern – interne Dinge oder
Geheimnisse ausplaudernSS 2017 273
Die Vergleichsrelation der Metapher
j-m. auf die Nerven gehen/fallen – jmdm. lästig
werden
etw. unter den Hammer bringen – etw. versteigern
bis an die Zähne bewaffnet sein – schwer bewaffnet
sein
Die Ersatzrelation der Metonymie
in die Röhre gucken – nichts
abbekommen/fernsehen
(sich) seine Brötchen verdienen – den
Lebensunterhalt verdienen 
SS 2017 274
Idiomatizität und Konnotation
A) Die emotionalen Bedingungen des Phrasemgebrauchs
 scherzhaft:
 im Adamskostüm sein nackt sein
 nur noch in den Gräten hängen sehr abgemagert sein
 ironisch:
 passen wie die Faust aufs Auge
 Da blieb kein Auge trocken.
 nicht nein sagen können
 verhüllend:
 ums Leben kommen sterben
 Freund Hein der Tod
 Tüten kleben müssen Niedriglohnjob haben, im Gefängnis sitzen
SS 2017 275
Idiomatizität und Konnotation
B) Die kommunikative Ebene des Phrasemgebrauchs
 umgangssprachlich:
 über alle Berge sein weit weg sein
 leben wie Gott in Frankreich  angenehm leben; das Leben genießen
 offiziell:
 in Amt und Würden seineinen Posten bekleiden;
 Ein Amt bekleiden einen Posten bekleiden;
 Dienst nach Vorschrift verrichten alles pedantisch machen
 feierlich, gehoben:
 jn zu Grabe tragen
 den bitteren Kelch bis zur Neige leeren müssen bis zum Ende
 derb, vulgär
 jm die Fresse polieren jemanden verprügeln
 zum Kotzen sein schlimm / unerträglich sein
 Beweg deinen Arsch / Hintern!  Beweg dich! 276
 Hummeln im Hintern / Arsch haben nicht still sitzen können
Idiomatizität und Konnotation
C) Die Funktionsbereiche des Phrasemgebrauchs
 juristisch:
 etw unter Beweis stellen
Medizin, Pflege:
 örtliche Betäubung
 wieder auf den Beinen sein
 Militär:
 Krieg ist Krieg
 der kalte Krieg
 die fünfte Kolonne
 Sport:
 ein Eigentor schießen SS 2017 277
Idiomatizität und Konnotation
 D) Die soziale Geltung des Phrasemgebrauchs
 Jugendsprache:
 etw auf der Pfanne haben: etwas (Geheimes) vorhaben
 einen Sprung in der Schüssel haben: leicht verrückt sein
 das ist fett: ist toll
 einen Schuh machen: abhauen
 der Laden ist gepackt: die Disco ist brechend voll
 kannst du in die Tonne treten: vergiss es
 Koteletts ans Ohr quatschen: jemandem hartnäckig zureden
 lass uns den Lift nehmen: mit dem Auto fahren
 macht mal einen Kreis: hört zu

SS 2017 278
 Familie:
 ein Bäuerchen machen rülpsen (bei Babys)
 klein machen (müssen) pinkeln
 Bildungssprache:
 wie ein Damoklesschwert über j-m hängen
einer ständigen Bedrohung ausgesetzt sein

SS 2017 279
Idiomatizität und Konnotation
E) Die Regionalität des Phrasemgebrauchs
 berlinisch:
 etw aus Daffke tun etw. aus Trotz, ohne besonderen Grund tun
 norddeutsch:
 alles in Klump schlagen etwas zerstören
 ostmitteldeutsch:
 auf der Plauze liegen krank sein
 schweizerhochdeutsch:
 ein Extrazüglein fahren auf eigene Faust vorgehen
 österreichisch:
 sich ziehen wie ein Strudelteig sich in die Länge ziehen
SS 2017 280
Idiomatizität und Konnotation
F) Die Zeitgebundenheit des Phrasemgebrauchs
Archaismen:
 den Bund der Ehe eingehen
 in Ermangelung eines besseren
 von der Wiege bis zur Bahre

SS 2017 281
Die zentralen Idiomatisierungs-
strukturen des Deutschen
 Partizip + sein (+ ...)
verkauft und verraten sein von allen im Stich gelassen sein
 Partizip + haben {+ ...)
etw ausgefressen haben einen Schaden anrichten
 ... werden
jm zu bunt werden jemandes Geduld ist zu Ende 
 zum + substantivierter Infinitiv (+
zum Anbeißen (sein) jemand ist schön / reizend / sexy
 Infinitiv + Modalverb
nicht bis drei zählen können dumm sein 
etw ausbaden müssen für ein unangenehmes Ereignis die
Folgen tragen müssen
SS 2017 282
Das Kriterium der
Stabilität/Fixiertheit/Festigkeit
a) an morphosyntaktischen Irregularitäten
- unflektierte attributive Adjektive im Phraseologismus:
 auf gut Glück – ohne Gewissheit eines Erfolges,
 sich lieb Kind machen – sich bei jemandem einschmeicheln
- Voranstellen des attributiven Genitivs:
 auf des Messers Schneide stehen – in einer bedrohlichen /
gefährlichen Lage
 des Pudels Kern – der wahre / eigentliche Sachverhalt
- Einschränkungen im Artikelgebrauch:
 vor (Ø) Ort sein – am Ort des Geschehens
SS 2017 283
Das Kriterium der
Stabilität/Fixiertheit/Festigkeit
b) an mophosyntaktischen und lexikalisch-
semantischen Restriktionen
- keine prädikative Verwendung attributiver
Adjektive:
 das ist kalter Kaffee ? * Der Kaffee ist kalt.
(phraseologische Bedeutung verloren)
- keine Transformation des attributiven Adjektivs
in einen Relativsatz: *der Kaffee, der kalt ist
- keine Pluralbildung: *Das sind kalte Kaffees

SS 2017 284
Die Stabilität nichtidiomatischer
Konstruktionen
 die Hand heben
 Bericht erstatten
 eine Erlaubnis einholen
 keinen Aufschub dulden
 Spaß machen

SS 2017 285
Kollokationen oder
Nominationsstereotype
a) Nichtidiomatisierte Wortpaare:
 Tag und Nacht rund um die Uhr
 Bruder und Schwester Geschwister
b) Sprechaktgebundene phraseologische Einheiten
oder Sprechaktformeln (-klischees)
 Das kann doch nicht wahr sein!
 Unberufen, toi, toi, toi!
c) Sprüche:
 Vorsicht ist die MutterSSder
2017
Porzellankiste 286
d) Formelhafte Ausdrücke aus der Welt der Massenmedien:
 nach dem Fall der Mauer
 Thema Nummer eins sein
 an der Tagesordnung sein
e) Stehende Epitheta
 gesunder Menschenverstand
 frische Luft
 ein eingefleischter Junggeselle

SS 2017 287
f) Terminologische Benennungsstereotype
a) Nichtidiomatisierte Termini:
 der Eiserne Vorhang
 der wunde Punkt
 der kalte Krieg
b) Idiomatisierte Termini:
 leichte Kost
 eine harte Nuss
 eine kalte Dusche
 ernste Absichten
SS 2017 288
3. Das Kriterium der Lexikalisierung
und Reproduzierbarkeit
Die Speicherung eines Phraseologismus im
mentalen Lexikon bezeichnet man als
Lexikalisierung.
Er ist als Einheit mental gespeichert und kann
auch als ganzer wieder abgerufen werden.
Dieses Wiederabrufen wird als
Reproduzierbarkeit bezeichnet.

SS 2017 289
 Das Schiff ist mit Mann und ? untergegangen.
vollständig
 Peter und Susanne halten wie Pech und ?
zusammen. unzertrennlich

SS 2017 290
Die strukturelle Klassifikation
der Phraseologismen

SS 2017 291
Phraseologismen mit besonderen
syntaktischen Strukturen
a) Phraseologisierte Teilsätze
 wissen, wo der Schuh drückt
 nicht wissen, wo einem der Kopf steht
b) Komparative Phraseologismen
Verb oder Adjektiv/Adverb + wie + Substantiv:
 dumm wie Bohnenstroh
 arm wie eine Kirchenmaus
 schwarz wie die Nacht
 aussehen wie eine gebadete Maus
 schwimmen wie eine bleierne SS 2017 Ente 292
Verb + wie + Partizip:
 sich fühlen wie gerädert
 dastehen wie bestellt und nicht abgeholt
Verb + wie + Satz:
 reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist
 d) Substantiv + wie:
 ein Kerl wie ein Baum
c) Phraseologische Wortpaare

SS 2017 293
Substantive
 das Wohl und Weh jemandes Schicksal
 Knall auf Fall plötzlich
Verben:
 hegen und pflegen etwas sorgfältig behandeln
Adjektive/Adverbien:
 fix und fertig
 kurz und bündig

SS 2017 294
Pragmatische Klassifikation nach
Harald Burger 1998

SS 2017 295
Klassifikation
der Phraseologismen (H. Burger)

 Referentielle Phraseologismen, die sich auf Objekte,


Vorgänge oder Sachverhalte der Wirklichkeit
beziehen; z. B.: Schwarzes Gold (satz- u.
nichtsatzwertig)
 Strukturelle Phraseologismen, die nur eine Funktion
innerhalb der Sprache haben, grammatische Rela-
tionen herzustellen: in Bezug auf, sowohl als auch.
 Kommunikative Phraseologismen, die bestimmte
Funktionen bei der Herstellung, Definition, dem
Vollzug und der Beendigung kommunikativer
Handlungen haben: Grüß Gott, auf Wiedersehen,
meiner Meinung nach SS 2017 296
Referentielle
Phraseologismen
nominative P. (satzgliedwertig) – sie
bezeichnen Objekte und Vorgänge – blau
sein
propositionale P. (satzwertig) – sie sagen
über Objekte und Vorgänge aus - Der
Mensch denkt, Gott lenkt

SS 2017 297
Nominative Phraseologismen
 1. Idiome. Idiomatische Phraseologismen:
den Teufel an die Wand malen
 2. Teilidiome. Teilidiomatische
Phraseologismen: dumm wie
Bohnenstroh
 3. Nicht- bzw. schwachidiomatische
Phraseologismen: sich die Zähne putzen.

SS 2017 298
Propositionale
Phraseologismen
1. Feste Phrasen: jmds. Thron wackelt
(Subjekt + finites Verb).
2. Topische Formeln:
a) Sprichwörter:
Der Teufel ist nicht so schwarz, wie man ihn
malt
b) Gemeinplätze:
Man lebt ja nur einmal.
SS 2017 299
Syntaktische Klassifikation
1) Phraseologismen, die kleiner als ein Satzglied
sind (im Laufe, ohne zu)
2) Satzgliedwertige Phraseologismen
ein armer Teufel – ein Bettler, ein armseliger
Mensch; Haus und Hof – jmds. gesamter
Besitz
3) Phraseologismen, die einem Satz oder einer
noch größeren Einheit entsprechen
Da liegt der Hase im Pfeffer – hier ist die
Ursache der Schwierigkeit
SS 2017 300
Semantische Klassifikation
1) Idiome (bzw. vollidiomatische
Phraseologismen),
 mit jmdm. ein Hühnchen zu rupfen haben –
jmdn. wegen etwas zur Rechenschaft ziehen).
2) Teilidiome
 einen Streit vom Zaun brechen – einen Streit
beginnen, provozieren;
3) Nichtidiomatische Phraseologismen
 die Zähne putzen, hin und her
SS 2017 301
Paradigmatische Relationen im
Phraseolexikon
Synonyme: reizen, verärgern
 jn auf die Palme bringen
 der Kragen platzt jm
 jm auf die Nerven gehen
 jm die Krallen zeigen
Synonyme: Verrücktheit
 eine Meise haben
 einen Knall haben
 nicht alle Daten im Speicher haben
 bei jm piept's SS 2017 302
Paradigmatische Relationen im
Phraseolexikon
Antonyme
 mit dem Strom schwimmen=>gegen den Strom schwimmen
aber
 nicht alle Tassen im Schrank haben
 *alle Tassen im Schrank haben

 nicht von schlechten Eltern *von schlechten Eltern sein


 hohes Tier kleiner Mann
 etw auf die lange Bank schieben
SS 2017
kurzen Prozess machen
303
Paradigmatische Relationen im
Phraseolexikon
Polyseme
 den Kanal voll haben
Lesart 1: einer Sache überdrüssig sein
Lesart 2: völlig erschöpft sein
Lesart 3: betrunken sein
Homonyme
 in die Röhre gucken
Lesart 1: leer ausgehen, übervorteilt sein
Lesart 2: fernsehen SS 2017 304
Phraseologie im weiteren Sinne
Sprichwörter und Antisprichwörter
Sprichwort
 Wer A sagt, muss auch B sagen.

Antisprichwort
 Wer A sagt, muss auch die weiteren Raten zahlen.
 Jedem das seine! Jedem die Seine!
 Ein Unglück kommt selten allein.
 Ein Zwilling kommt selten allein.
SS 2017 305
Phraseologie im weiteren Sinne

Sagwörter (Wellerismen)
 Alter schützt vor Torheit nicht, sagte die Greisin,
und ließ sich liften.

 Ausnahmen bestätigen die Regel, sagte der Weg


und führte an Rom vorbei.

SS 2017 306
Phraseologie im weiteren Sinne

Geflügelte Worte
 Vita brevis, ars longa. Das Leben ist kurz, lang die Kunst.
 Omnia vincit amor. Alles überwindet die Liebe.
 Коні не винні
 Караюсь, мучусь, але не каюсь.
 Всякому городу нрав і права.
 Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.
 Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
 Vom Winde verweht.
 La dolce vita.
 Im Westen nichts Neues. SS 2017 307
Keine Phraseologismen?
Valenzstrukturen
 jm einen Brief schreiben
 jm etw schenken
Funktionsverbgefüge (Streckformen des Verbs)
 etw in Gang setzen
 in Gang bringen
 im Gange sein
 durativ in Verbindung/Beziehung stehen
 inchoativ Herzklopfen bekommen, ins Rollen kommen
 kausativ ins Rollen bringen, in Bewegung setzen
SS 2017 308
Literatur 1
 Баран Я.А. Основні питання загальної та німецької
фразеології. – Л., 1980.
 Гаврись В.Г., Пророченко О.П. Німецько-український
фразеологічний словник, К, 1984.
 Денисенко С. Н. Німецько-українсько-російський
словник-довідник на основі існуючої фразеології
німецької мови з перекладом прикладів на українську та
російську мови.- Вінниця: Нова книга, 2005.
 Burger H. Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des
Deutschen. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 1998.
 Burger, Harald: Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel
des Deutschen. – Berlin: Schmidt, 1998
 Duden, Bd. 11: Redewendungen und sprichwörtliche
Redensarten. - Mannheim, SSLeipzig,
2017
Wien, Zürich 1992309
Literatur 2
 Fleischer W. Phraseologie der deutschen
Gegenwartssprache. – Tübingen: Niemeyer, 1997.
 Fleischer, Wolfgang: Phraseologie der deutschen
Gegenwartssprache. Bibliographisches Institut: Leipzig
1982
 Iskos A., Lenkowa A. Deutsche Lexikologie. – Leningrad:
Prosweščenie, 1970.
 Oguy O. D. Lexikologie der deutschen Sprache. Winnyts’a:
Nowa knyha, 2003.
 Palm, Christine: Phraseologie. - Tübingen: Narr, 1995
 Römer Chr., Matzke B. Lexikologie des Deutschen. Eine
Einführung. – Tübingen: Narr, 2005.
 Schippan Th. Lexikologie der deutschen
Gegenwartssprache. Tübingen:
SS 2017 Niemeyer, 1992. 310
Lexikographie

Prof. Dr. Alla Paslawska


Grundbegriffe

Lexikon: im allg. Sprachgebrauch: jegliches


Nachschlagewerk
sprachwissenschaftlich: von griech. Lexikon Wörterbuch‘
1. Wörterbuch
2. Wortschatz einer Einzelsprache
Lexikologie (Wissenschaft
vom Wortschatz)
 „Teilbereich der Sprachwissenschaft, bzw.
der Semantik, der sich mit der
Erforschung und Beschreibung des
Wortschatzes einer Sprache beschäftigt
[...]“ (Bußmann 1990:455)
Lexikographie (Lehre von den
Wörterbüchern)
 (von griech. lexikographos: ‘ein
Wörterbuch schreibend‘) im engen Sinne:
„Vorgang, Ergebnis und Methode der
Anfertigung von Wörterbüchern. [...]“
(Bußmann 1990:454)
Wörterbuch:
 Sammlung lexikalischer Einheiten, zu
denen bestimmte Informationen gegeben
werden. Diese sind so geordnet, dass ein
rascher Zugriff möglich ist.
Organisation und Bauteile
des Wörterbuchs
 Lemma (pl. Lemmata): Haupteinträge im
Wörterbuch
 Makrostruktur
Auswahl (und Anzahl) der eingetragenen Lemmata.
Zumeist alphabetisch geordnete Folge von Einträgen
(Lemmata), über die die im Wörterbuch vermittelte
Information zugänglich ist.
 Mikrostruktur
die über die Lemmata zugänglichen Informationen,
die im Wörterbuchartikel vermittelt werden
Mikrostruktur
 - phonetische Umschrift
 - grammatische Informationen (Wortart etc.)
 - Angaben zur Etymologie (Diachronie)
 - soziale und territoriale Angaben,
 - Angaben zu Synonymen, Antonymen,
Homonymen etc.
 - Verwendungsbeispiele (Zitate)
 - Phraseologismen
 - Angaben zur Frequenz
 - Angaben zu Kollokationen (Typ: klar und deutlich)
Typen von Wörterbüchern
(Auswahl) 1:
 Zwei- oder mehrsprachige Wörterbücher:
geben zu jedem Eintrag der
Ausgangssprache eine zielsprachliche
Übersetzung (Äquivalent)
Typen von Wörterbüchern
(Auswahl) 2:
 Einsprachige Wörterbücher
(Definitionswöterbüher)
- für eine Nationalsprache
- geben zu jedem Eintrag eine oder
mehrere Definitionen in derselben
Sprache wie die Einträge
Typen von Wörterbüchern
(Auswahl) 3:
 Synchronische Wörterbücher
- Prototyp des synchronischen
Wörterbuchs ist das der
Gegenwartssprache
- kann aber auch eine ältere
Sprachstufe darstellen, z.B. ein
Wörterbuch des Althochdeutschen.
Typen von Wörterbüchern
(Auswahl) 4:
 Diachronische Wörterbücher: Prototyp: das
etymologische Wörterbuch
geben Herkunft und Grundbedeutung der
Lexeme an:
Etymologie: ein Zweig der
Sprachwissenschaft, der sich mit der
Erforschung der Herkunft und der
Grundbedeutung der einzelnen Wörter
befasst.
Begriff: aus griechisch: etymos ‚wahr’ – logos
‚Wort’
Etymon
Im Altertum: Frage nach dem „Warum der Wörter“ –
zwei Thesen:
1. Physei-These: Wörter heißen so, weil die Dinge so
sind
2. Theisi-These: Wörter heißen so, weil man den
Namen einmal gesetzt hat
vgl.: Saussure: Willkür des sprachlichen Zeichens
Etymon:
- ursprüngliche Form des Wortes
- ein nicht belegtes sondern nur rekonstruiertes
Etymon wird mit * (Asteriskus) gekennzeichnet
Typen von Wörterbüchern
(Auswahl) 5:
 Wörterbücher der Standardsprache
vs. Regionalsprache
- umfassen die Sprachvarietät einer
bestimmten Region (Mundart- oder
Dialekt)
Typen von Wörterbüchern
(Auswahl) 6:
 Gemeinsprachliches Wörterbuch vs.
Fachsprache
- nur fachspezifische Wörter werden
aufgelistet
Typen von Wörterbüchern
(Auswahl) 8:
 Gesamtwörterbuch vs. Spezialwörterbuch (einige
Beispiele)
Synonym- und Antonymwörterbücher – zumeist
Materialsammlungen
Begrifflich geordnetes Wörterbuch – nach Begriffen
oder Sachgruppen geordnet
Rückläufiges Wörterbuch – die Wörter werden in
alphabetischer Reihenfolge vom Wortende an
aufgelistet
Frequenzwörterbuch - Auflistung von Wörtern nach
der Häufigkeit, in der sie in gesprochenen oder
geschriebenen Texten vorkommen
Wörterbücher des Deutschen
• Augst G. Wortfamilienwörterbuch der deutschen
Gegenwartssprache. – Tübingen: Niemeyer, 1998.
• Bünting K.-D. Deutsches Wörterbuch. – Chur: Isis Verlag, 1966.
• Bussmann H. (Hrsg.). Lexikon der Sprachwissenschaft. –
Stuttgart: Kröner, 2002.
• Duden. Das große Fremdwörterbuch. – Mannheim: Dudenverlag,
2000.
• Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10
Bänden. – Mannheim: Dudenverlag, 1999.
• Duden. Deutsches Universalwörterbuch. – Mannheim:
Dudenverlag, 2001.
Wörterbücher
• Glück H. (Hrsg.). Metzler Lexikon Sprache. – Stuttgart/ Weimar: Metzler,
2000.
• Görner H. / Kempcke G. Synonymwörterbuch. – Leipzig: VEB
Bibliographisches Institut, 1973.
• Greil J. Wortprofi. Schulwörterbuch. Deutsch. – München: R. Oldenburg
Verlag GmbH, 1996.
• Grimm J. / Grimm W. Deutsches Wörterbuch. – Leipzig / Stuttgart: Hirzel,
1965.
• Großwörterbuch. Deutsch als Fremdsprache. Hrsg. von Prof. Dr. D. Goetz,
Prof. Dr. G. Haensch, Prof. Dr. H. Wellmann. – Berlin – München:
Langenscheidt Verlag, 1998.
• Heinemann M. Kleines Wörterbuch der Jugendsprache. – Leipzig:
Bibliographisches Institut, 1990.
Wörterbücher
• Kluge F. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. – Berlin /
New York: de Gruyter, 2002.
• Pfeifer W. (Hrsg.). Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. –
München: DTV, 1995.
• Röhrich L. Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 1–5. –
Freiburg u.a.: Herder, 1999.
• Schemann H. Synonymwörterbuch der deutschen Redensarten. –
Straehlen: Straehlener Manuskript-Verlag, 1989.
• Seibicke W. Historisches deutsches Vornamenbuch. Band 1–5. –
Berlin / New York: de Gruyter, 1996–2003.
• Stepanova M. D. (Hrsg.). Slovar’ slovoobrazovatel’nych élementov
nemeckogo jazyka. – Moskau: Russkij jazyk, 1979.
Wörterbücher DaF
Wörterbücher DaF
Elektronische Wörterbücher
Redensarten
Die soziale Gliederung des
Deutschen

Prof. Dr. Alla J. Paslawska

333
Worum es in dieser Vorlesung geht?
Natürliche Sprache sind heterogen
Man spricht von der Standartsprache,
Dialekten, Umgangssprachen,
Fachsprachen, Sondersprachen usw.
Die Erscheinungs- bzw. Existenzformen
der Sprache werden in der
Sprachwissenschaft Sprachvarietäten
genannt.

334
Sprachvarietäten
Sprache ist den verschiedenartigen
Bedingungen der gesellschaftlichen
Kommunikation angepasst und so bilden sich
ihre besonderen Erscheinungsformen heraus.
„Konzept der inneren Mehrsprachigkeit“
(von H.Henne) - man spricht zu Hause und im
Beruf oder in der Öffentlichkeit verschiedene
Sprachen.
Code-Switching / Sprachwechsel – Man
wechselt von der Alltagssprache zur
Feiertagssprache, von der Kultursprache zur
Vulgärsprache. 335
I. Schriftsprache
Die allgemeingültige Erscheinungsform der
deutschen Sprache wird in der Germanistik
traditionell Schriftsprache genannt.
Dieser Terminus meint auch die gesprochene
Sprache und ist durch die Geschichte dieser
Erscheinungsform bedingt.

336
Einigung in der Schreibung

Zunächst entstand eine Einigung in der


Schreibung; die schriftlichen
Traditionen hatten sich schon gefestigt,
bevor sich die Schriftsprache auf
einheitliche Normen konsolidierte.

337
Schriftsprache als Norm
Die Schriftsprache ist normalisierte Form,
bzw. präskriptive Norm der deutschen
Sprache, die gesprochen wird: auf der
Bühne, im Funk, im Film, am Rednerpult,
im offiziellen Gespräch; die geschrieben
wird: in der schöngeistigen und
wissenschaftlichen Literatur, in der
Presse, im amtlichen Brief.

338
Literatursprache
Anfang der 60-er Jahre wurde für die
Schriftsprache die Bezeichnung
Literatursprache von der Germanistik
der DDR übernommen.

339
Hochsprache
Die Realisierung der Norm nennt man
Hochsprache; sie ist also eine
aktivisierte Schriftsprache mit gewissen
landschaftlichen Färbungen.

340
Kultur- vs. Standardsprache
Sie ist die Sprache der kulturellen
Funktion, also Kultursprache
neuerdings auch Standardsprache
genannt.

341
Gemeinsprache
Sie überwindet die landschaftliche und
soziale Begrenztheit und ist damit die
Einheitssprache oder
Gemeinsprache.

342
II. Umgangssprache
Eine weitere Erscheinungsform, die mit
gewissen Einschränkungen zu den
gemeinsprachlichen Formen gehört, ist die
Umgangssprache – eine Mittelstellung
zwischen Literatursprache und Mundart.
Beispiele: nachgucken, süß, niedlich, doof,
bescheuert, beschissen, Mist, einen Schiss
kriegen, Mensch!, Mann!, na und?, kotzen,
kacken, Klamotten
343
Merkmale der Umgangssprache

Räumlich ist sie auf eine bestimmte


Region begrenzt; funktional ist sie in
erster Linie ein Kommunikationsmittel
des mündlichen Verkehrs, und zwar vor
allem des persönlichen Gesprächs,
also gewöhnlich der nicht offiziellen
Situation.

344
Typen der Umgangsprache
1) hochdeutsche bzw. literarische
Umgangssprache der Gebildeten (weist
einige landschaftliche Eigenheiten auf);
2) großlandschaftliche Umgangssprachen;
3) kleinlandschaftliche Umgangssprachen
(in einem kleineren Gebiet üblich,
enthalten mundartliche Merkmale).

345
Ursachen
Bedeutende territoriale und landschaftliche
Unterschiede in Lexik und Phraseologie der
Umgangssprache gehören zu den Eigenarten
der d. Sprache.
Die historischen und sprachsoziologischen
Ursachen für diese Eigenart liegen in den
Besonderheiten des Entwicklungsprozesses
der d. Nation und der d. nationalen Schrift-
und Gemeinsprache.
346
Gründe der späten Herausbildung
der deutschen Nation und ihrer
Nationalsprache
1. Das Scheitern der frühbürgerlichen
Revolution (der Reformation des 16.
Jhs.),
2. die darauffolgende feudale
Zersplitterung,
3. der erst im 18. Jh. einsetzende
Aufstieg der Produktivkräfte
4. späte Bildung des einheitlichen
kapitalistichen Staates (1871). 347
Das Diasystem der
Sprachvarietäten nach
Coseriu
Diaphasische Unterschiede / funktionale
Sprachvarietäten, Funktiolekte
Diatopische Unterschiede
(raumgebundene) / Dialekte, Regiolekte
Diastratische Unterschiede (an eine
soziale Gruppe gebundene) / Soziolekte

348
Diaphasische Unterschiede

349
Diatopische Unterschiede

350
Diastratische Unterschiede
Die soziale Gliederung des Wortschatzes ist durch die
Art der sozialen Beziehungen bestimmt.
Klassische soziale Parameter:
- Schicht / soziale Herkunft
- Berufszugehörigkeit
- Alter
- Geschlecht
- Ethnie (ethnische / regionale / kulturelle
Herkunft)
351
Soziale Differenzierung des
Lexik
Allgemeinwortschatz Sonderwortschatz /
- die Lexik, die von gruppenspezifischer
allen Wortschatz
Sprachbenutzern - die Lexik, in der sich
verstanden und Beruf, Alter,
gebraucht wird. Geschlecht, Interessen
des sozialen Trägers
sprachlich auswirken.
352
Alterssprachen
Kindersprache (Erstspracherwerb, bis ins
Vorschulalter)
Schüler- und Jugendsprache (Schwerpunkte bei
den Wertausdrücken fett, geil, Personen- und
Gruppenbezeichnungen Zeus, Macker,
provokanten Lexemen, Tabuwörtern, Wortspielen
Er ist in Topf-Form)
Erwachsenensprache während der
Berufstätigkeit (gilt als Normalstufe)
Seniorensprache (starke Frequenz der veralteten
Lexeme, häufiger Gebrauch der Phraseologismen
353
Fachsprachen
sind die Sprachvarietäten, die Fachleute
sprechen, wenn sie über Fragen und
Gegenstände ihres Faches reden.
Man unterscheidet fachinterne (Arzt –
Arzt), interfachliche (Arzt – Psychologe)
und fachexterne Kommunikation (Arzt –
Patient).

354
Merkmale von Fachsprachen:
sie beeinflussen die Standartsprache heute
wesentlich (standartsprachliche
Verwissenschaftlichung), z.B. Fremdwörter.
sie kennen keine eigene Grammatik, Syntax.
Besonderheiten der FS:
- Passiv und Passivsynonyme,
- Satzglieder anstelle Gliedsätze,
- Nominalisierung von Verben und Adjektiven.

355
Deutsch [ahd. diutisc volksmäßig,
zu diot(a) ‚Volk’]
Zum westgermanischen Sprachzweig des
Indoeuropäischen zählende Sprache, die in
verschiedenen Dialektvarianten von ca. 100
Millionen Sprechern in Deutschland,
Österreich, der Schweiz, Liechtenstein,
Elsaß, Südtirol, Luxemburg u a. als
Muttersprache gesprochen wird.
Hochdeutsche
Lautverschiebung
Stimmlose Verschlusslaute [p,t,k] je nach
Stellung wurden zu Reibelauten oder
Affrikaten verschoben
vgl. engl. ship,foot, book
dt. Schiff, Fuß, Buch
bzw. engl. apple, sit
dt. Apfel, sitzen.
Sprachen als Muttersprache:
 1. Chinesisch (1000)
 2. Englisch (350)
 3. Spanisch (250)
 4. Hindi (200)
 5. Arabisch (150)
 6. Bengali (150)
 7. Russisch (150)
 8. Portugiesisch (135)
 9. Japanisch (120)
 10. Deutsch (100)
Sprachen als Amtssprachen
 1. Englisch (1400)
 2. Chinesisch (1000)
 3. Hindi (700)
 4. Spanisch (280)
 5. Russisch (270)
 6. Französisch (220)
 7. Arabisch (170)
 8. Portugiesisch (160)
 9. Malaiisch (160)
 10. Bengali (150)
 11. Japanisch (120)
 12. Deutsch (100)
Die Top 10 der Deutschlerner
 Russische Föderation: 4 657 500
 Polen: 2 202 813
 Frankreich: 1 603 813
 Ukraine: 1 235 647
Variation in der Sprache
 Unter Variante verstehen wir
unterschiedliche Realisierungen
abstrakter linguistischer Einheiten auf
allen Beschreibungsebenen.
Sprachebenen der Variation
 Photo-Foto, Graphik-Grafik (graphisch)
 Phonem r als Zungenspitzen-r (dental-alveolar),
Zäpfchen/Rachen-r (uvular), sowie den
Gaumen-Hinterzungen, sog. Reibe-r
(phonetisch)
 Dativendung (am Tage danach - am Tag einmal)
(morphologisch)
 Suffixe Schönheit, Übelkeit, Schnelligkeit
(derivativ)
Sprachebenen der Variation 2
 fegen – kehren, Sonnabend - Samstag,
Fleischer - Metzger, Brötchen - Semmel,
(lexikalisch)
 wegen des Regens – weil es regnet
(syntaktisch)
Deutsch als plurizentrische
Sprache
Die plurizentrische Auffassung des
Deutschen bedeutet, dass sprachliche
Besonderheiten nationaler Zentren nicht als
Abweichungen von einer
nationenübergreifenden deutschen
Standardsprache gelten, sondern als
gleichberechtigt nebeneinander bestehende
standardsprachliche Ausprägungen des
Deutschen. (Ammon 2004: XXXII)
Varietäten des Deutschen
 mediale Aspekte – gesprochene und
geschriebene Sprachvarietäten
 nationale Aspekte – nationale Varietäten
 regionale Aspekte – regionale
Gebrauchsstandards
 diatopische, diastratische und
diaphasische Varietäten.
Mediale Varietäten
 gesprochene (mündliche) und
 geschriebene (schriftlich fixierte)
sprachliche Formen.
Sprachliche Merkmale der
gesprochenen Sprache:
 - reduzierter Wortschatz,
 - hohe Frequenz an Wiederholungen,
 - keine vollständigen Sätze,
 - phonetische Reduzierungen
 - sprunghafter thematischer Verlauf,
 - häufiger Gebrauch von nonverbalen Mitteln
als Ersatz verbaler Äußerungen,
 - häufiger Gebrauch von Umgangssprache
und Dialekt.
Nationale Varianten des Deutschen
 Apfelsine (= Orange) nur in Deutschland
gebräuchlich,
 Karfiol (= Blumenkohl) nur in Österreich,
 Estrich, m (= Dachboden) in der Schweiz,
 Gemeindevorsteher (= Bürgermeister) in
Liechtenstein,
 Affaire (= Gerichtsprozess) in Luxemburg,
 Hydrauliker (= Klempner) in Südtirol,
 relax (= entspannt) in Belgien gebräuchlich.
Nationale Standardvarietäten
 Österreichische Standardvarietät
(Austriazismen):
 Z.B.: Fleischhauer, allfällig, Jänner, Feber,
Marillen, Karfiol, Paradeiser, Topfen.
Schweizerdeutsche
Standardvarietät
 Schweizerhochdeutsch (Helvetismen)
 z:.B.: Bonbon in der Schweiz je nach
Dialektregion: Zältli, Tröpsli, Täfeli,
Zückerli
Deutsche Standardvarietät
 Binnendeutsch, Bundesdeutsch;
 Teutonismus, Deutschlandismus,
Bundesgermanismus.
Nord- versus Süddeutsch

Wenn einem das sprachlich geschieht und begegnet, dann ist man zweifellos
im Kern eines sprachlichen Süddeutschland…“ (Eichinger 2001: 63ff.)
Diatopische Varietäten
(sprachgeographische Gliederung)
 Die geographisch bedingten Subsysteme
innerhalb einer historischen Einzelsprache
bezeichnet man als Dialekte. Die
Bezeichnungen ‚Dialekt’ und ‚Mundart’ werden
in der Regel synonym gebraucht. Sie beziehen
sich auf raum- und ortsgebundene
Sprachformen, die eine lange historische
Tradition und auch eine sprachsoziologische
Differenzierung aufweisen.
Der Dialekt
Ein Dialekt ist ein Teilsystem oder eine
Varietät, die in einem bestimmten
geographischen Gebiet gesprochen wird,
regional eingeschränkt gebraucht wird, sich
von den anderen besonderen Formen der
gleichen Sprache auf einer oder allen
sprachlichen Ebenen (Lautebene/Phonologie,
Morphologie, Lexik, Syntax, Idiomatik)
unterscheidet.
Dialekte: Einteilung
Dialekte: Begrüßung
Die Grundlage der deutschen
Schriftsprache
 die ostmitteldeutschen Dialekte von
Obersachsen und Ostthüringen
Mundartengliederung
Durch die zweite hochdeutsche
Lautverschiebung ist das deutsche Sprachgebiet
in eine südliche und eine nördliche Sprachzone
geteilt worden. Nur im Süden ist die
Verschiebung ganz wirksam geworden. Südlich
des Mitteldeutschen erstrecken sich die
oberdeutschen Mundarten, nördlich von ihm die
niederdeutschen. Mitteldeutsch und Oberdeutsch
werden zum Hochdeutsch zusammengefasst.
Oberdeutsche Dialekte
 Zum Oberdeutschen gehören das
Südfränkische, das Ostfränkische, das
Bairisch-Österreichische und das
Schwäbisch-Alemannische.
Mitteldeutsche Dialekte
 Das Mitteldeutsche gliedert sich in das
Westmitteldeutsche mit Mittelfränkisch
(Ripuarisch, Moselfränkisch),
Rheinfränkisch (Rheinpfälzisch und
Hessisch) und das Ostmitteldeutsche
mit Thüringisch, Obersächsisch,
Lausitzisch.
Niederdeutsche Dialekte
 Das Niederdeutsche ist einheitlicher als
das Oberdeutsche oder das
Mitteldeutsche, und seine Mundarten sind
großräumiger: Niederfränkisch,
Niedersächsisch mit Ost- und
Westfälisch, Nordniedersächsisch und
Ostniederdeutsch mit Märkisch-
Brandenburgisch und Mecklenburgisch.
Zweiteilung des Sprachgebietes
 niederdeutsche Mundarten (ohne Lautverschiebung von p, t, k)
im Norden und
 hochdeutsche Mundarten (mit Lautverschiebung) im Süden,
wobei letztere wieder untergliedert werden in
 oberdeutsche Mundarten und mitteldeutsche Mundarten (mit
vollständiger Lautverschiebung).
 Durch die Lautverschiebung werden die germanischen Laute p,
t, k nach Vokal zu ss (s), ff (f), ch. Im Anlaut, sowie im In- und
Auslaut nach Konsonant und in der Verdoppelung gehen sie in
die Affrikaten t(tz), pf (f) über.
 nd. eten, schlapen, maken, setten, Holt
 hd. essen, schlafen, machen, setzen, Holz.
Die ik/ich-Linie
Hauptgrenzlinie zwischen nieder- und
hochdeutschen Mundarten.
Innerhalb des Hochdeutschen werden diejenigen
Mundarten als oberdeutsch bezeichnet, in denen
pp und mp verschoben wurde (Apfel, Kopf,
Strumpf) und die Verkleinerung mit einem l-Suffix
gebildet wird (Männel). Im Mitteldeutschen wird
dagegen altess pp und mp bewahrt (Appel, Kopp,
Strump) und die Verkleinerung mit einem ch-Suffix
gebildet (Männchen).